Ausgabe 981 - November 2010
Ungläubig: Die neue Religion
In dieser Ausgabe
Dossier
«Ich bin die Wahrheit»
Wie geht der Tolerante mit der Wahrheit um? Und wie tolerant ist, wer für sich die Wahrheit in Anspruch nimmt? Gedanken zu einem aktuellen Thema aus theologischer Perspektive.
Wider den säkularen Zeitgeist
Über christlichen Fundamentalismus und politischen Opportunismus
Religionsneutral ist nicht neutral
Der neue Laizismus – ein Ausweg aus der Sinnkrise im christlichen Abendland?
«Sie nennen es Gotteslästerung – ich nenne es Aufklärung!»
René Scheu im Gespräch mit Michael Schmidt-Salomon Aufklärer verletzen ständig religiöse Gefühle. Täten sie dies nicht, würden die Scheiterhaufen weiter glühen. Sagt der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon. Wir haben ihn auf einer seiner Reisen in die Schweiz getroffen.
Die frommen Atheisten
Warum man nicht nicht religiös sein kann – Betrachtungen eines aufgeklärten Aufklärers
Die neue Religion
Ein verziertes Kreuz liess jüngst im luzernischen Triengen die Emotionen hochgehen. Der Vater zweier Schüler nahm Anstoss daran, dass in deren Klassenzimmer ein Kruzifix hing – und forderte unter Berufung auf ein Urteil des Bundesgerichts von 1990 dessen Demontage. Die Kruzifixe werden nun durch einfache Kreuze ersetzt. Ähnliches geschah jüngst im
Weitere Beiträge
Schweizer Autoren in Kurzkritik XXVIII
13 Bücher, vorgestellt in der achtundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.
Editorial
Liebe Leser Atheisten sind im Vormarsch. Sie wollen Gipfelkreuze verbieten und Kruzifixe aus Schulzimmern verbannen. Dabei erhalten sie Rückendeckung von höchstrichterlichen Instanzen. Unglaube wird zur neuen Religion. Und an die Stelle von Gottvater, schreibt Norbert Bolz, tritt der «Kult der Mutter Erde». Mehr im Dossier ab S. 23. Die Finanzkrise
(1/2) Ökologie oder wenn andere zahlen…
Warum gute Ökonomen die Umwelt besser schützen als gutmeinende Umweltschützer New Green Deal, Green Change – der ökologische Umbau unserer Gesellschaft ist an der Zeit. Sagt man. Heisst es. Aber wieviel von diesem Wandel ist nachhaltig? Und wieviel bloss Zeitgeist?
(2/2) Sind grüne Marktphantasien nachhaltig?
Die Ideen des Bastien Girod Umweltprobleme lassen sich reduzieren, wenn wir der Ökonomie mehr Beachtung schenken.
Ein Lehrermord ist bühnentauglich!
Ein St. Galler Theaterstück über einen Lehrermord wird unter dem Deckmantel der Pietät schon im Keime erstickt. Darf das wahr sein? Theater ist kein Ort des Schweigens.
Barbla und Rudi Bindella im Gespräch
Ein Familienunternehmen in dritter Generation, das Lebensfreude, Menschlichkeit und Liebe zum Führungsprinzip erklärt. Wie das funktioniert? Suzann-Viola Renninger hat mit Barbla und Rudi Bindella in ihrem Zürcher Hauptsitz der Bindella-Unternehmungen darüber gesprochen.
(1/2) «Auch im Gedicht Regeln beachten!»
14 Jahre sogenannte neue Rechtschreibung Die Reformer lassen die Autoren nicht mehr ausdrücken, was sie ausdrücken wollen.
Oh Mensch! Gib acht! Was beten die Rehlein zur Nacht?
In «Cassell’s Encyclopedia of World Literature», erschienen 1954, war zu lesen, dass Christian Morgensterns Gedichte «praktisch unübersetzbar» seien. Ein Übersetzer, der das sah, stand eines Tages plötzlich da und übersetzte Morgenstern. Wer war er? Geboren 1909 als Max Kühnel in Pilsen, musste er, Mann des Geistes und Wortes jüdischer
Was heisst denn hier Freiheit?
Eine Antwort aus dem Stegreif von David Signer Ein Anstoss von Seneca: Zitiert aus «De vita beata»» «Daher muss man sich zur Freiheit durchringen. Diese aber erreicht man durch nichts anderes als durch Gleichgültigkeit gegen das Schicksal.»
Francesco reist nach Brig
Ich bin ein blinder Passagier. Nicht, weil ich keine Fahrkarte hätte. Ich bin ein blinder Passagier, weil ich mich in den Zug gesetzt habe, der meinen Sohn auf seine erste grosse Reise bringt. Ich kann noch nicht loslassen und verstecke mich in einem anderen Wagen. In meine Laptoptragtasche habe ich
Gedehnte Gegenwart, globalisierte Kunst
Philip Ursprung: «Die Kunst der Gegenwart. 1960 bis heute». München: Beck, 2010.
Zombies in den Bäumen
Die eigene Vergänglichkeit hat die Menschen seit je beschäftigt. Im Motiv des Totentanzes findet dies seinen Ausdruck. Die beiden Bieler Künstler M.S. Bastian und Isabelle L. erneuern diese alte Tradition mit modernen Ausdrucksmitteln. Auf einem 64-teiligen Leporello entfaltet sich vor uns eine grausliche schwarz-weisse Apokalypse. Zombies hängen
Gewöhnliche Menschen
Sie kann es einfach nicht lassen: elf Geschichten, elfmal die Chance, etwas Neues zu probieren; doch sie bleibt bei ihrem Thema, und so finden sich überwiegend biographische Skizzen in Alexandra Lavizzaris aktuellem Erzählband. Gott sei Dank. Dieses Metier beherrscht sie im grossen und ganzen souverän. Geschult an Künstlerbiographien über die
Coming-out, postum
«Mein Vater starb nur wenige Wochen nach meiner Geburt. Mir blieb nichts als ein Foto.» Alain Claude Sulzers Roman beginnt wie ein kriminalistisches Rätsel. Jahrelang ist der siebzehnjährige Erzähler achtlos am Porträt des ihm unbekannten Mannes vorbeigegangen, bis er plötzlich geheimnisvolle Hinweise darauf zu entdecken glaubt, die seine Neugierde wecken.
Die Rösti als Erinnerungsort
Georg Kreis: «Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness». Zürich: NZZ Libro, 2010
Alpen. Geht es auch ohne?
Dieses Buch erinnerte mich anfangs an eine Freundin, die zwei Jahre in Shanghai leben musste und dort unter der Überbevölkerung litt. Nirgendwo sei Platz, meinte sie, selbst im Park sehen man vor lauter Chi-Gong übender Menschen kein Grün mehr. Sie machte sich mit ihrer Kamera auf und fotografierte freie
Alpen. Im Sammelband immer mit
Wie wirklichkeitsnah und gegenwartsrelevant sind die gängigen Bilder, die man sich von der Schweiz macht? Variation und Kritik der identitätsstiftenden Schweizer Mythen wurden insbesondere in der Literatur und der Essayistik formuliert – man erinnert sich an entsprechende Einlassungen von Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Adolf Muschg oder Hugo Loetscher. Ob die Auseinandersetzung
«Bonstettiana», letzter Band
Forschungsförderung in den Geisteswissenschaften ist derzeit vor allem eines: exzellenzbeflissen. Und als exzellent gilt dabei meist das, was – hermetisch betitelt und jargonlastig formuliert – ohnehin nur sehr wenige Eingeweihte zu interessieren scheint. Mit anderen Worten: klassische Editionsprojekte, als die einstigen Flaggschiffe der Grundlagenforschung in den philologisch ausgerichteten Fächern, haben es unter
Die Grenzerfahrung der Kraxlerin
In den Bergen herumzuklettern ist gefährlich. Einem geborenen Flachländer wie dem Rezensenten, der sich auch in den Alpen grundsätzlich auf festen Wegen bewegt, muss das nicht erklärt werden. Was Menschen dazu bringt, sogenannte Grenzerfahrungen zu sammeln, indem sie sich mit Hilfe von Seilen, Klammern und Haken steile Felswände hochbewegen, wird
Sprachehen
Schriftsteller müssen in der Sprache des Landes schreiben, in dem sie leben, nicht oder nicht nur in jener, aus der sie herkommen, wenn ihre Werke ein unübersetztes Originaldasein geniessen wollen. Deshalb bedienen sich viele mehr als einer Sprache. Oder sie schreiben in der einen und übersetzen dann selbst in die
Kein Dorf zu klein, eine Welt zu sein
Seine Heimat, das sind fünfundzwanzig Häuser, acht Heustalls, eine Autogarascha, der Bahnhof mit der Poscht, das Cuafförhaus, eine Telefoncabina, der Kiosk, der Usego und die Helvezia. Der Weiler am Berghang hinter dem Bahnhof ist sein Universum. Der Erzähler in Arno Camenischs neuestem Buch «Hinter dem Bahnhof» ist ein Junge im