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Im Fitnesscenter entstehen neue Rollenbilder – ganz ohne Diversity-Vorgaben

Frauen begeistern sich für schwere Grundübungen, Männer entdecken vielseitigere Trainingsformen. Das Gym bietet immer mehr Freiheit, eigene Vorstellungen von Stärke und Schönheit zu leben. Diesen Fortschritt sollten wir feiern.

Im Gym werden Stärke und Weiblichkeit neu definiert – jenseits traditioneller Rollenbilder. Bild: Pexels.

Wer die Medien verfolgt, könnte meinen, die Welt befinde sich im ständigen Rückschritt. Gerade bei den Geschlechterverhältnissen entsteht der Eindruck, als lebten wir in einem finsteren Zeitalter: patriarchale Gewalt und Sexismus, Machopolitik à la Trump und Putin, Hypersexualisierung und Tradwives – Artikel, Sendungen, Kommentarspalten und soziale Netzwerke quellen vor Negativität über.

«Fortschritt, den man nicht würdigt, verwandelt sich verlässlich in Rückschritt.»

Doch nicht nur Statistiken belegen, dass sich in unseren Breitengraden vieles zum Positiven gewandelt hat. Auch im Fitnesscenter, diesem Labor der Moderne, zeigt sich wie unter einem Brennglas, welche Fortschritte erzielt – besser gesagt: erpumpt – worden sind. Ich bin überzeugt: Fortschritt, den man nicht würdigt, verwandelt sich verlässlich in Rückschritt. Deshalb feiert die heutige Kolumne auf schamlos unkritische Weise die segensreiche neue Genderkultur des Gyms.

Als ich in den Neunzigerjahren im Gym zu trainieren begann, schien eine unsichtbare Demarkationslinie die Geschlechter zu trennen. Die meisten Boys trainierten mit schweren Gewichten an Maschinen oder im Freihantelbereich. Die meisten Girls dagegen nutzten leichte Gewichte an Maschinen – und waren noch häufiger im Gymnastikbereich oder im Cardiobereich auf dem Stepper anzutreffen. Heute bietet sich ein vielfältigeres Bild. Immer mehr Frauen finden Gefallen an schweren Grundübungen wie Kreuzheben, Klimmzügen und Bankdrücken, die bis vor Kurzem noch als klassische Männerübungen galten. Die jüngere Trainingsliteratur ermuntert sie gezielt dazu.

Das Gym sprengt alte Rollenklischees

Influencerinnen wie die deutsche Kraftdreikämpferin Eva Butzen, bekannt als «Squatilia», propagieren ein Frauenbild, in dem Kraft und Weiblichkeit, Sensibilität und Härte keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören. Mal posiert Butzen auf Instagram im Bikini am Strand, mal im Metallica-Pullover beim schweren Training. Nichts schliesst sich aus.

Auch die Schweizerin Mirjam von Rohr verkörpert ein eigenwilliges und eigenständiges Frauenbild. 2024 wurde sie Weltmeisterin in Functional Fitness. Auf ihrem Instagram-Account verzichtet sie konsequent auf Bikinibilder, die Klicks generieren, das Interesse von Sponsoren wecken und vom Algorithmus bevorzugt werden. Der Sport steht im Vordergrund. Damit signalisiert sie ihrer weiblichen Followerschaft: Ihr müsst euch nicht sexualisieren und anzüglich posieren, um wahrgenommen zu werden – es geht auch über beeindruckende Leistungen!

Wer heute einem Vorbild nacheifert, das eine klassische Vorstellung weiblicher Anmut, Zartheit und Schönheit verkörpert – woran per se nichts falsch ist! –, kann sich nicht mehr damit herausreden, dieses Bild sei «hegemonial». Schon mit geringem Aufwand lassen sich nicht nur im Internet, sondern auch im Gym alternative Rollenbilder finden.

Das gilt ebenso für Männer. Wer sich dem Tate-Brothers-Kult oder sonstigen dumpfen Auswüchsen der «Manosphere» anschliesst, trifft eine Entscheidung. Denn es gibt zahlreiche interessante Alternativen – zum Beispiel einen Kraftprotz wie Rummelsnuff, der auch schon im Schweizer Monat zu Wort kam. Viele Männer trainieren inzwischen vielseitiger und bauen funktionelle Übungen ein, statt nur nach Kraft und Masse zu streben.

«Die Entwicklung verläuft organisch, bottom-up, ohne Diversity-Gängelungen von oben.»

Das Schönste an der ganzen Sache aber ist: Die Entwicklung verläuft organisch, bottom-up, ohne Diversity-Gängelungen von oben.

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