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Was uns eine Regierungschefin ohne Kopftuch über den Islam lehrt

Fatima Ezzahra El Mansouri ist die erste Premierministerin Marokkos. Ihre Ernennung verrät weniger über Fortschritt als über die innere Vielfalt islamischer Gesellschaften – und darüber, was sie immer noch blockiert.

Fatima Ezzahra El Mansouri steht für ein Marokko, in dem sich religiöse Tradition und liberale Politik nicht ausschliessen müssen. Bild: Campaign Fatima Ezzahra El Mansouri 2026.
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Im Westen wird die Ernennung Fatima Ezzahra El Mansouris zur ersten Premierministerin Marokkos als historischer Fortschritt gefeiert – als weiterer Beleg für die unaufhaltsame Modernisierung muslimischer Länder. In Marokko selbst überwiegt dagegen Gleichgültigkeit. Die Mehrheit der Bürger interessiert sich weniger für symbolische Geschlechterfragen als dafür, welche Politik ihr Leben konkret verbessert.

Auch Feministinnen des Landes sind nicht euphorisch. Was bringt die Ernennung einer Frau zur Regierungschefin, solange sie gesetzlich dem Mann weiterhin untergeordnet bleibt? Stand heute würde die Premierministerin nur die Hälfte des Erbes erhalten, das ihren Brüdern zusteht. Und sollte sie sich in einen Nichtmuslim verlieben, dürfte sie ihn nicht heiraten, bevor er konvertiert.

Nur die Islamisten entfachen eine Debatte. Sie greifen zu einem klassischen Hadith: «Ein Volk, das seine Angelegenheiten einer Frau anvertraut, wird nicht gedeihen.» Der ehemalige Premierminister der islamistischen Partei PJD geht sogar noch weiter und behauptet, die neue Regierung sei von Zionisten installiert worden.

El Mansouris Partei setzte sich bereits für die Beseitigung von Diskriminierungen ein. Ein voraussichtlicher Minister ihres Kabinetts, der in der letzten Regierung Justizminister war, plädierte unermüdlich für die Abschaffung der Diskriminierung im Erbrecht und stützte sich dabei auf säkulare sowie aufgeklärte religiöse Auslegungen des islamischen Erbrechts.

Das Märchen vom homogenen Islam

Was zeigt uns dieser Moment? Islamische Gesellschaften sind keine monolithischen Blöcke. Die verbreitete Annahme, eine muslimische Gesellschaft sei von Natur aus rückständig, übersieht die inneren Kräfteverhältnisse, die jahrhundertelangen Kämpfe um Deutungshoheit über Kultur und Religion und die Vielfalt dieser Gesellschaften.

«Der Islam ist das, was Menschen aus ihm machen und was sie glauben – nicht bloss das, was Mohammed gesagt oder im Koran niedergeschrieben haben soll.»

El Mansouri ist Premierministerin geworden. Sie trägt kein Kopftuch und vertritt eine erkennbar liberale Politik. Das steht in keinem Widerspruch dazu, dass sie sich als gläubige Muslima versteht. Der Islam ist das, was Menschen aus ihm machen und was sie glauben – nicht bloss das, was Mohammed gesagt oder im Koran niedergeschrieben haben soll.

Bedeutet das, «der» Islam existiere nicht – wie manche behaupten, um ihn vor jeder Kritik zu immunisieren? Nein. Wenn von «dem Islam» die Rede ist, meint man die Art und Weise, wie im Namen des Islam in Politik, Gesellschaft und Recht argumentiert wird und wie er durch gläubige Akteure sozial wirksam wird. Trotz aller internen Unterschiede lassen sich wiederkehrende Muster erkennen: Die zeitgenössische islamische Kultur erweist sich in vielen zentralen Fragen als antiliberal und antifreiheitlich.

Um das festzustellen, muss man weder den Koran noch die Prophetenüberlieferungen lesen, mit denen Islamisten in Marokko El Mansouri delegitimieren. Es genügt, genau hinzuschauen, wie Menschen tatsächlich leben und welche Haltung sie Andersdenkenden gegenüber einnehmen.

Entmachten statt widerlegen

Gleichwohl bleibt festzuhalten: Eine Frau ohne Kopftuch und mit liberaler Haltung ist Premierministerin eines islamischen Landes geworden. Der angeführte Hadith hat in diesem Fall nichts zu sagen. Auch das Christentum kennt Gebote, die Frauen Unterordnung auferlegen. Europa hat sie nicht widerlegt, sondern ihrer Verbindlichkeit beraubt: Die Bürger haben den Kirchen die Deutungshoheit über das öffentliche Leben entzogen.

«Entscheidend ist nicht, was in heiligen Texten steht, sondern wie viel Macht man denen lässt, die sich auf sie berufen.»

Entscheidend ist nicht, was in heiligen Texten steht, sondern wie viel Macht man denen lässt, die sich auf sie berufen. Man kann nur hoffen, dass El Mansouri den Mut aufbringt, sich im Parlament für mehr individuelle Freiheit durchzusetzen.

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