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Mit der Debattenkultur stirbt die Freiheit

Politische Debatten verkommen zur Pflege von Feindbildern und zur Selbstdarstellung der Parteien. Dabei steht mehr auf dem Spiel als die Debattenkultur: Eine freiheitliche Gesellschaft braucht Menschen, die Argumente prüfen und eigenständig urteilen.

Als Argumente noch mehr zählten als Feindbilder: Der heilige Thomas von Aquin und das Erbe der scholastischen Streitkultur. Bild: Francesco Traini oder Lippo Memmi, Der Triumph des heiligen Thomas von Aquin, um 1332–1340.
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Verglichen mit der Argumentationskunst der antiken griechischen Philosophie oder der mittelalterlichen Scholastik wirken Diskussionen in der heutigen Politik primitiv. Viele öffentliche Wortmeldungen zielen auf die Charakterhinrichtung des politischen Opponenten. Ideologie, Emotion und Moral verdrängen den Ideenwettbewerb. Gesucht wird das nützliche, applausinduzierende Parteien- und Tugendmarketing.

«Statt des klugen Gegenarguments dominieren Feindbilder: der Verfassungsfeind, der Demokratiefeind, der Migrationsfeind.»

Statt des klugen Gegenarguments dominieren Feindbilder: der Verfassungsfeind, der Demokratiefeind, der Migrationsfeind. Für die links-grüne Seite kommt die Gefahr grundsätzlich von rechts, deswegen muss man links-grün wählen. Für die bürgerlich-liberale Seite kommt die Gefahr von links, deswegen muss man bürgerlich-liberal wählen. Dies fasst die Substanz heutiger Politik weitgehend zusammen.

Für das kulturelle Niveau ist das ein Verlust, für die Freiheit eine Gefahr. Wie soll eine dauerberieselte, denkfaule Gesellschaft, die den Opportunismus als «vernünftige Mitte» idealisiert, geistig wach bleiben?

Die klassische Philosophie nutzte den Diskurs, um Ideen und Argumente in nachvollziehbare Einheiten aufzuteilen und die darin enthaltenen Prämissen sichtbar zu machen. Es ging um die Schulung des Denkens, verbunden mit einer Ethik der Wahrheitsliebe. Im 13. Jahrhundert perfektionierten Thomas von Aquin und Johannes Duns Scotus die Methode der Scholastik. Diese prägte Kunst, Theologie, Recht und Medizin. Die strenge Logik, die Würdigung des Gegenarguments und das strukturierte Vorgehen sind bis heute Teil des Wissenschaftsbetriebs.

Man stelle sich vor, Politiker, Aktivisten und mediale Meinungsmacher müssten heute, wie einst die Scholastiker, öffentlich die Position ihrer Opponenten fundiert darlegen, sodass die Opponenten sich verstanden fühlten und dies dem Publikum bestätigten. Erst dann wäre es dem Gegenspieler erlaubt, die fragliche Position zu kritisieren und die eigene Sicht der Dinge darzulegen.

«Man wusste: Eine freiheitliche Zivilisation ist nur möglich auf der Grundlage freier Geister.»

Das wäre ein grosser Schritt zurück in eine Kultur des geistigen Wachstums durch substantielle Auseinandersetzungen. Der klassische Humanismus verstand den Menschen als Quelle von Kreativität, Tugend und Gestaltungskraft. Man wusste: Eine freiheitliche Zivilisation ist nur möglich auf der Grundlage freier Geister. Auf der Grundlage einer Diskussionskultur, die gesellschaftliche Freiräume schafft, indem sie zuerst innere, gedankliche Räume öffnet. Das ist es, was beim heutigen kulturellen Sinkflug auf dem Spiel steht. Wer nichts gegen diesen Sinkflug tut, lässt den Geist verkümmern. Und wer den Geist verkümmern lässt, braucht bald keine Freiheit mehr, weil er sie nicht mehr vermisst.

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