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Wir haben immer weniger Kinder – das stellt die Wirtschaft vor grosse Probleme

Paul Morland und Philip Pilkington analysieren die unterschätzten ökonomischen Auswirkungen der Überalterung. Leider ohne überzeugende Lösungsvorschläge.

«Überalterung könnte die nächste Finanzkrise auslösen», schrieb Paul Morland vor zwei Jahren in diesem Magazin. Seither hat der britische Demografieexperte zusammen mit dem Ökonomen Philip Pilkington den Zusammenhang zwischen Demografie – insbesondere den sinkenden Fertilitätsraten – und der wirtschaftlichen Entwicklung genauer analysiert. Das Ergebnis ist das Buch «Bust», das die Schnittstelle zwischen Demografie und Ökonomie historisch, aber auch im Hinblick auf die Zukunft untersucht.

Die zentrale Erkenntnis: Früher bestimmte die Wirtschaft die Demografie. Thomas Malthus hatte nicht unrecht, als er um 1800 beobachtete, dass die knappen Ressourcen die Bevölkerung begrenzten. Er sah bloss die Veränderung nicht kommen, die mit der industriellen Revolution einsetzte: Der Wohlstand stieg sprunghaft an, die Wirtschaft konnte plötzlich viel mehr Menschen ernähren – die Bevölkerung wuchs. Doch irgendwann führte der steigende Wohlstand zu schrumpfenden Fertilitätsraten. In der Schweiz liegt sie heute unter 1,3 Kindern pro Frau.

«Länder mit einer überalterten Bevölkerung sind weniger innovativ und haben eine grössere Nachfrage nach staatlichen Leistungen – aber immer weniger junge Leute, die sie finanzieren.»

Inzwischen hat sich der Zusammenhang zwischen Demografie und Wirtschaft umgekehrt: Die Demografie bestimmt die wirtschaftliche Entwicklung. Wir sind uns der Folgen noch kaum bewusst. Die tiefen Fertilitätsraten begrenzen mittelfristig das Wachstumspotenzial von Volkswirtschaften und beeinflussen auch die politische Entwicklung. Länder mit einer überalterten Bevölkerung sind weniger innovativ und haben eine grössere Nachfrage nach staatlichen Leistungen – aber immer weniger junge Leute, die sie finanzieren.

Zuwanderung ist keine Lösung

Doch wenn Demografie die Wirtschaft bestimmt, was bestimmt dann die Demografie? Wirtschaftliche Faktoren sind es kaum. Heute sind die Fertilitätsraten in Schwellenländern ähnlich tief wie in hochentwickelten Industrienationen. Das entzaubert auch die Vorstellung in reichen Ländern wie der Schweiz, das Problem der Überalterung durch Zuwanderung lösen zu können.

Entscheidend sind laut Morland und Pilkington kulturelle Faktoren. In Ländern wie Israel oder Georgien bekommen die Leute relativ viele Kinder – deutlich mehr als in vielen ärmeren Ländern. Das hat mit einer Kultur zu tun, in der das Kinderhaben gefeiert und gefördert wird, etwa durch religiöse Institutionen. Länder mit eher patriarchalen Strukturen und gleichzeitig vielen Möglichkeiten – insbesondere für Frauen –, sich jenseits einer eigenen Familie zu verwirklichen, rasen am schnellsten auf den demografischen Abgrund zu. Das Paradebeispiel ist Südkorea mit einer Fertilitätsrate von unter 0,8.

Die Autoren sind überzeugt, dass der Staat durch politische Eingriffe die Kultur steuern und die Leute dazu bringen kann, wieder mehr Kinder zu bekommen. Diese etatistische Zuversicht muss allerdings hinterfragt werden. Staatliche Interventionen zur Steigerung der Fertilität haben einen schlechten Leistungsausweis; im Extremfall gehen sie mit Repression einher.

Trotzdem ist «Bust» ein wertvoller Beitrag zur Debatte. Zum einen dank seiner sorgfältigen Analyse, die dem Leser erstaunliche Erkenntnisse liefert (wussten Sie zum Beispiel, dass Südkorea noch in den 1950er- und ̓60er-Jahren ein Bevölkerungswachstum erreichte, das in der Menschheitsgeschichte fast beispiellos ist?). Zum anderen, weil es das von Ökonomen lange verschmähte Thema Demografie endlich in den Fokus der Wirtschaftspolitik rückt.

Paul Morland und Philip Pilkington: Bust: The Economics of Population Decline. Cambridge: Polity, 2026.

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