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Nach der Aufklärung: Die liberale Demokratie muss sich neu erfinden

Die liberale Demokratie befindet sich im freien Fall – als Opfer ihrer eigenen, erschöpften Aufklärungsideologie. Zeit, sie auf neue Fundamente zu stellen.

Die Ideale der Aufklärung sind brüchig geworden – die liberale Demokratie muss sich neu begründen. Bild: KI-generiertes Foto.
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Dass sich die liberale Demokratie im Niedergang befindet, ist unbestreitbar. Wie Alice im Wunderland erleben wir in den heutigen Demokratien ein schwindelerregendes Gefühl des freien Falls – ohne je auf festem Boden aufzukommen. Die üblichen Verdächtigen, die für diesen Absturz verantwortlich gemacht werden – Populismus, Ungleichheit, die Wirtschaft –, sind bloss oberflächliche Symptome eines inneren Zusammenbruchs. Wir sind am Ende eines weltgeschichtlichen Zyklus angelangt. Die liberale Demokratie ist die prozedurale Verkörperung der Ideologie der Aufklärung. Nach zwei Jahrhunderten der Dominanz hat diese Ideologie jede Überzeugungskraft verloren und ist völlig erschöpft.

Wir stehen radikalen Alternativen gegenüber: Entweder richten wir unser System an postaufklärerischen Prinzipien neu aus, oder wir riskieren, in das Paradies der Nihilisten zu taumeln, das ich als «Endarkenment» (Verfinsterung) bezeichnet habe.

Die Philosophen der Aufklärung setzten ihr Vertrauen in Vernunft und Wissenschaft. Das sind rein kritische Disziplinen: Liberale Propagandisten führten die Kritik wie ein Skalpell, um konservative Nachzügler und utopische Revolutionäre gleichermassen zu sezieren. Kaum stand die liberale Demokratie am «Ende der Geschichte» siegreich da, richtete sie das Messer gegen sich selbst – ein Prozess der Selbstkritik und des Selbstzweifels, der ihre eigenen Ideale in Fetzen gerissen hat.

Die positiven Werte, die uns die Aufklärung hinterlassen hat – Gleichheit, Individualismus, Mitgefühl –, lebten seit jeher als Parasiten des Christentums. Doch das Christentum hat, wie jede Religion, keinen Platz in einem Universum, das von Vernunft und Wissenschaft beherrscht wird. Nietzsche überbrachte uns schon vor langer Zeit die beunruhigende Nachricht: Der christliche Gott ist tot. Ahnungslos gegenüber den Folgen dieser Katastrophe marschierte die liberale Demokratie wie eine Zeichentrickfigur weiter über den Rand des Abgrunds hinaus – bis die Gesetze der moralischen Schwerkraft schliesslich griffen. Der grosse Sturz begann.

Kritik treibt den Fortschritt voran, solange sie gegen offensichtliches Unrecht kämpft – wie die Sklaverei oder die Rassentrennung der Jim-Crow-Ära. Doch unter dem Diktat der Aufklärung wurde die moderne Gesellschaft vollkommen durchrationalisiert, nivelliert und zentralisiert. Nun, da die offensichtlichen Absurditäten widerlegt und die totalitären Rivalen besiegt sind, treten die inneren Widersprüche der liberalen Demokratie schonungslos zutage.

Der erste dieser Widersprüche besteht im Spannungsfeld zwischen dem Ideal der Gleichheit und jener kleinen Elite, die Wissenschaft und Vernunft tatsächlich für sich beansprucht: Nennen wir es das Problem der Eliten.

Ein zweiter Konflikt tut sich dort auf, wo die Presse- und Meinungsfreiheit an die Notwendigkeit stösst, eine objektive Wahrheit zu schützen: Das ist das Problem der Information.

Und schliesslich prallen die Religionsfreiheit und das Streben nach Geistigem unweigerlich auf den strikten Materialismus der Aufklärung: Das ist das Problem der Sinnstiftung.

Jeder dieser Widersprüche birgt das Potenzial, das demokratische Projekt zu zerstören. Und doch ist keiner von ihnen unlösbar; in der Suche nach Antworten liegt vielmehr die Chance auf Erneuerung. Eine Garantie gibt es nicht, aber wir könnten aus dieser Krise gestärkt hervorgehen: mit einem geschärften Bewusstsein für die Grenzen der Gleichheit, einer transparenteren Informationswelt und vielleicht sogar mit einem Hauch von Transzendenz im Alltag.

Das Problem der Eliten

Die geistigen Väter der Aufklärung blickten mit tiefer Zwiespältigkeit auf das Verhältnis zwischen den herrschenden Eliten und dem Volk. Einerseits wurde die neue Ideologie als überlegene Alternative zur alten Geburtsaristokratie angepriesen: Die Gleichheit aller Bürger war im wahrsten Sinne des Wortes gottgegeben und «evident». Doch das Fundament dieser Gleichheit stammte ausgerechnet aus jener zauberischen Welt des Christentums, die der Aufklärung als Hauptziel für ihre Kritik diente. Wir alle seien gleich «erschaffen» worden, hiess es, und unsere Rechte und Freiheiten seien uns «vom Schöpfer verliehen» – oder, wie es die Franzosen formulierten, «unter dem Schutz des Höchsten Wesens». Das machte die Gleichheit zwar universell und unveräusserlich, band sie aber zugleich an den Glauben an ein im Schwinden begriffenes Paradigma.

Gleichzeitig verlangten Vernunft und Wissenschaft nach einer Spezialisierung und Expertise, die der breiten Masse fehlte. Die Trennlinie zwischen Wahrheit und Aberglauben – für die Aufklärung eine entscheidende Grenze – verlief entlang eines Grabens zwischen den wenigen Erleuchteten und der ungebildeten Masse. Aus diesem Grund fürchteten die Verfasser der amerikanischen Verfassung die Tyrannei der Mehrheit ebenso sehr wie die Ambitionen Machtbewusster. Und die französischen Aufklärer machten aus ihrer Verachtung für den «Pöbel» keinen Hehl: «Wir haben nie behauptet, Schuhmacher und Dienstboten aufzuklären», spottete Voltaire.

Die Kluft zwischen dieser «kleinen Herde» hochgebildeter Weiser und einer riesigen kognitiven Unterschicht wurde im Laufe der Zeit nur noch tiefer. 2016 konnte Hillary Clinton schliesslich ungeniert Millionen von Amerikanern als «deplorables» (Abschaum) abtun – das Äquivalent des 21. Jahrhunderts zu Voltaires Schuhmachern und Dienstboten, deren Intoleranz und Rohheit sie aus dem öffentlichen Leben ausschloss.

Wie liess sich das Prinzip der Gleichheit mit einer Hierarchie der Expertise vereinbaren? Jefferson, gewohnt zweckoptimistisch, schlug eine «reine Auslese» in Form einer «natürlichen Aristokratie» vor – basierend auf Leistung statt Abstammung. Obwohl dieses Modell mehr theoretische Probleme schuf als löste, wurde es zur Standardbegründung der Herrschenden in demokratischen Gesellschaften. Auf die Frage «Warum solltet ausgerechnet ihr an der Spitze stehen?» antworteten die Eliten seit jeher: «Aufgrund unserer überlegenen Leistung.» Sie wähnten sich gebildeter, wissenschaftlicher und tugendhafter als ihre Mitbürger. Ihre Führung abzulehnen, glich in ihren Augen der Einladung zur Katastrophe.

Im Konflikt zwischen Gleichheit und Elitismus waren diejenigen im Vorteil, die bereits die Macht besassen: Sie konnten den Begriff der Gleichheit so lange herabstufen, bis er nahezu inhaltsleer war. Das Industriezeitalter, das die Gesellschaft wie eine Fabrikhalle nach den Prinzipien des «wissenschaftlichen Managements» strukturieren wollte, huldigte der Hierarchie. Massenproduktion, Massenkonsum, Massenmedien und politische Massenbewegungen erlaubten es den Eliten, die neu gebildeten und zu Wohlstand gelangten Millionen in Gehege zu pferchen, wo sie keinen Schaden anrichten konnten. Eine progressive Regierung schuf eine immense Bürokratie aus Regulierern und Aufsehern. Der angebliche Abschaum wurde mundtot gemacht. Das 20. Jahrhundert war ein goldenes Zeitalter der sozialen Kontrolle.

«Die ständigen Klagen über das Ende der Demokratie sind in Wahrheit die existentielle Angst einer Klasse, die weiss, dass sie die Kontrolle verloren hat.»

Spulen wir vor im Chaos der Gegenwart: Der digitale Tsunami hat die adretten Arrangements des Industriezeitalters hinweggefegt. Das Volk hat eine donnernde Stimme gewonnen – sie übertönt die Erlasse von Präsidenten und die feingeschliffenen Phrasen der Intellektuellen. Die Ausgestossenen laufen weltweit Sturm – paradoxerweise getrieben von dem Wunsch, «autoritäre Persönlichkeiten» in Machtpositionen zu wählen. Das Top-down-System hat seine Legitimität eingebüsst und liegt im Sterben. Die Eliten und ihre Anhänger sind von Panik und Verzweiflung ergriffen – aus gutem Grund. Die ständigen Klagen über das Ende der Demokratie sind in Wahrheit die existentielle Angst einer Klasse, die weiss, dass sie die Kontrolle verloren hat.

Der Medienwissenschafter Andrey Mir bemerkte einst, dass jedes System am Ende seiner Funktionsfähigkeit ins Gegenteil umschlage. So auch die liberale Demokratie: Unter dem Einfluss der Eliten hat sich die Meinungsfreiheit in Zensur verwandelt – vorgeblich, um die Wahrheit zu schützen. Die Demokratie hat sich in einen Erzieherstaat verwandelt, der auf ewig von den Klügsten und Besten regiert werden soll. Die offene Gesellschaft ist zu einem engen, stickigen Verlies verkommen, in dem Wahlergebnisse annulliert und unangenehme Skandale in Schweigen gehüllt werden.

Es gibt kein Zurück mehr in die Zeit davor, keine Möglichkeit einer «Rückkehr zu den Grundprinzipien». Die Populisten glauben, eine Gesellschaft der «normalen Leute» wiederherzustellen, doch das ist ein imaginärer Ort in einer erfundenen Vergangenheit. Die Funktionärselite wiederum sehnt sich verzweifelt nach den Hierarchien des Industriezeitalters zurück. Doch die Geschichte kennt nur eine Richtung. Das Problem der Eliten dreht sich um die Bedeutung und die Begründung von Gleichheit. Der Begriff wurzelt in der christlichen Lehre und verlangt nach einem Schöpfer als Garanten – doch dieser Schöpfer wurde bekanntlich schon bei der Ankunft für tot erklärt. Wir können nicht in eine verlorene Welt zurückkehren. Um die Gleichheit zu retten, müssen wir sie auf ein neues Fundament stellen.

Dieselben Einwände gelten für die verschiedenen Lehren, die versuchten, die christliche Ethik zu säkularisieren – wie etwa den Utilitarismus. Das Prinzip des «grössten Glücks der grössten Zahl» drückt sich um die fundamentale Frage, warum uns das Glück anderer überhaupt kümmern sollte. Diskret hinter einem materialistischen Vorhang verborgen, liefert das Christentum die Antwort. Auch Berufungen auf die Natur, das Naturrecht und die Menschenrechte verfangen sich in alten religiösen Formulierungsmustern: Keines dieser Konzepte wird von der Wissenschaft anerkannt. Glaubt man Richard Dawkins, behandelt die Natur jeden Menschen lediglich als Hülle für egoistische Gene – womit Dschingis Khan das perfekte Vorbild der Menschheit wäre. Argumente, die rein auf Vernunft beruhen und der transzendentalen Kraft entbehren, können keine glaubwürdige Doktrin der Gleichheit begründen.

Dennoch schätzen wir die Gleichheit nicht, weil wir durch unwiderlegbare Argumente über das Göttliche oder die Natur dazu gezwungen wären. Gleichheit ist eine Entscheidung. Sie wurde zuerst von unseren Vorfahren getroffen, und wir treffen sie heute in jeder Interaktion mit unseren Institutionen und bei jeder Begegnung mit unseren Mitmenschen. Wir haben uns in eine Gesellschaft verwandelt, die sich einem Versprechen verschrieben hat. Das beinhaltet eine permanente Revolte gegen jene an der Spitze, die – im Privaten wie im Öffentlichen – andere Entscheide treffen und nach Sonderprivilegien sowie dauerhafter Macht streben. Die Spannung zwischen den vielen und den wenigen ist ewig. Das Problem der Eliten kann nie vollständig gelöst werden – doch ein Ausgleich kann hier nur erfolgen, indem man im Kampf Partei ergreift. Das Volk muss entscheiden, welchen Abstand es zwischen oben und unten zu dulden bereit ist. Das bedeutet: Jeder Einzelne von uns muss und wird entscheiden.

Eine echte Gleichheit wird erschütternde Auswirkungen auf unsere stratifizierte Gesellschaft haben. Sie wird unsere institutionellen Herrscher – die in unmittelbare Nähe zum gemeinen Volk gerückt werden – ebenso stutzen wie die Populisten, die vom Anprangern der Abgehobenheit der Herrschenden gelebt haben. Alle Institutionen, einschliesslich Regierung und Konzernen, werden radikal abgeflacht werden. Die künstliche Intelligenz kann bei dieser Aufgabe helfen. Der Abstand zwischen dem Präsidenten und der Menge, die sich vor dem Zaun des Weissen Hauses drängt, wird klein genug für ein Gespräch sein, ob virtuell oder real.

Ehemalige und künftige Mandate auf allen Regierungs- und Verwaltungsebenen werden streng zeitlich begrenzt – das Ziel ist nicht die Abschaffung der Hierarchie, sondern ihre Entmachtung auf Zeit. Die nationale Gesetzgebung wird Raum für lokale Abweichungen lassen – und lokale Entscheide werden oft durch Referenden nach Schweizer Vorbild entschieden. Bestimmte Ämter werden durch Losverfahren besetzt. Der Überwachungsstaat wird demontiert – Bürger werden es nicht länger hinnehmen, von ihrer eigenen Regierung wie Feinde behandelt zu werden.

KI-Apps, die allen zugänglich sind, werden politische Debatten auf jeder Ebene strukturieren, die Agenda politischer Parteien prägen und als Inkubatoren neuer politischer Bewegungen dienen. Die jüngste Lancierung von America.gov durch die Trump-Administration – die erste bundesstaatliche KI-Anwendung für die breite Öffentlichkeit – ist ein bescheidener erster Schritt auf einem langen Marsch. Und wir können sicher sein: Jeder Fortschritt in Richtung Gleichheit wird von den Unkenrufen und Weltuntergangswarnungen einer entmachteten und unzufriedenen Elite begleitet werden.

Das Problem der Information

Die Befreiung der Wahrheit vom Aberglauben war das oberste Ziel des Aufklärungsprojekts. In der Theorie sollte die Wahrheit den mündigen Bürger befähigen, vernünftige öffentliche Entscheidungen zu treffen. In der Praxis jedoch ist und bleibt das Verhältnis zwischen Wahrheit und Information problematisch. Das Ancien Régime vergiftete die Wahrheit mit religiösen Fabeln, Totalitäre perfektionierten die Propaganda und gewissenlose Geschäftemacher verkauften Schlangenöl an Unbedarfte. Viele Nachrichten waren aus unterschiedlichen Gründen schlicht nicht «druckreif».

So oder so war das Ideal des «omnikompetenten Bürgers», wie Walter Lippmann bereits in den 1920er-Jahren feststellte, ein romantischer Mythos. Der Durchschnittsbürger hantierte nicht mit Fakten, sondern mit groben Stereotypen, die leicht von kommerziellen und politischen Interessen manipuliert werden konnten. Das Nachrichtengeschäft konnte, um Profit zu machen, kaum mehr sein als die Massenproduktion solcher Stereotype. In einem bemerkenswerten Satz resümierte Lippmann, der Gründer und Herausgeber von «The New Republic»: «Nachrichten und Wahrheit sind nicht dasselbe und müssen klar unterschieden werden.» Nachrichten dienten dazu, ein spektakuläres Ereignis – etwa einen Terroranschlag – zu signalisieren. Die Wahrheit hingegen war das Terrain «speziell ausgebildeter Experten».

Lange vor dem Zeitalter des Internets sickerte das Problem der Eliten so in das Problem der Information ein. Das Massenpublikum wurde als fressgieriger, primitiver Organismus begriffen – das genaue Äquivalent zu Clintons «Abschaum». Es bevorzugte den Sportteil der Zeitungen, seichte Sitcoms im Fernsehen und laute Musik im Autoradio. 1961 bezeichnete Newton Minow, der Vorsitzende der US-Medienbehörde FCC, das Fernsehen schlicht als «ein einziges Ödland». Speziell geschulte Männer wie Minow und Lippmann verachteten den Geschmack der Masse und bewachten eifersüchtig die Grenzen der Wahrheit. Ihre Qualifikationen verliehen ihnen Autorität, und als verdienstvolle Träger von Vernunft und Wissenschaft sprachen sie mit ungewöhnlicher Gewissheit. Walter Cronkite beendete seine 30-minütige Nachrichtensendung stets mit der kühnen Behauptung: «And that’s the way it is.»

Die Konsequenz dieser Ideologie war eine Welt, in der die Eliten das Monopol auf die Wahrheit pachteten. Die digitale Revolution, die das passive Massenpublikum in eine aufsässige Öffentlichkeit verwandelte, machte diese Welt unhaltbar. Die elitäre Klasse in den Demokratien sah sich dadurch veranlasst, die Methoden autoritärer Regime zu kopieren – durch Zensur, die Festnahme von Dissidenten oder das Absagen von Wahlen. Das Ideal der Gleichheit wurde über Bord geworfen. Dieser «Aufstand der Eliten» erreichte seinen Höhepunkt während der Covid-19-Pandemie, als ein Gesundheitsbürokrat wie Anthony Fauci behaupten konnte, öffentliche Kritik an seiner Person sei «gefährlich», weil er «die Wissenschaft repräsentiere».

Das Problem der Information betrifft die Bestimmung der Wahrheit – und damit das gemeinsame Verständnis der Wirklichkeit. Die Ideologie der Aufklärung verlangte gleichzeitig den freien Informationsfluss und eine entschlossene Kontrolle von oben. Das Aufkommen des Internets brachte diesen Widerspruch zur Explosion. Milliarden von Stimmen im Netz erhoben in einem ohrenbetäubenden Lärm jeden erdenklichen Anspruch auf jedem beliebigen Gebiet – gestützt auf unterschiedlichste Belege oder auch gar keine. Die institutionellen Pförtner wurden rasch überrannt und gestürzt.

Als bevorzugte Kinder der Aufklärung neigen die Amerikaner dazu, die Wahrheit als ein Geschenk der Wissenschaft zu betrachten. Tatsächlich ist «Wahrheit» jedoch weitgehend vermittelt: Wir beziehen unser Wissen über die Welt und all ihre Wunder von vertrauenswürdigen Autoritäten. Wenn das Vertrauen in diese Vermittler verdampft, zerfällt diese Welt in unverständliche Fragmente – und die Wahrheit steht plötzlich jedem zur freien Verfügung.

Das Leben im digitalen Zeitalter, einschliesslich der Politik, vollzieht sich unter der Bedingung dessen, was treffend als «post-truth» – als postfaktisch – bezeichnet wird. Die Folgen hängen davon ab, was dieser Zustand bedeutet. Für jene Intellektuellen, die dem Begriff im Nachgang von Brexit und Trumps Wahl 2016 zum Durchbruch verhalfen, bedeutete «postfaktisch» die verhängnisvolle Neigung der Abgehängten, populistische Lügen unkritisch zu schlucken. Das Oxford Dictionary wählte «post-truth» zum Wort des Jahres 2016 und definierte es wie folgt: «Umstände, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die Gestaltung der öffentlichen Meinung haben als das Appellieren an Gefühle und persönliche Überzeugungen.» Der britische Journalist Matthew D’Ancona setzte den Begriff gar mit einem «neuen und besorgniserregenden Verfall der Wahrheit als Triebkraft politischen Handelns» gleich.

Träfe diese Interpretation zu, hätten wir eine plausible Erklärung für den grossen Absturz: Wähler in riesiger Zahl wären blind für die Realität geworden. Die Abkehr der Eliten von den liberalen Freiheitsrechten erschiene dann als Notfallmassnahme, um wenigstens noch etwas Wertvolles aus dem Trümmerfeld zu retten. Wenn eine echte liberale Demokratie im postfaktischen Zeitalter zu gefährlich geworden ist, scheinen die Verantwortlichen in den Institutionen entschlossen, mithilfe staatlicher Machtmittel eine Simulation aufzuführen: «unsere Demokratie».

Der Philosoph Steve Fuller vertritt eine andere Auffassung. Fuller hält fest: «Im postfaktischen Zustand zählt nicht, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern wie darüber entschieden wird.» Das bedeutet: Die gegenwärtige epistemische Krise reicht über die Fakten hinaus bis hin zu den Prämissen der Fakten selbst – den impliziten historischen Bezugsrahmen, an denen Fakten überhaupt erst hängen. Es gibt keine Spielregeln, weil die Natur des Spiels selbst noch nicht entschieden ist. Fuller vergleicht unsere Ära mit der Reformation: Die wahrheitsstiftende Autorität der «Kirche der Experten» ist verloren – vermutlich für immer. Wer oder was diese Autorität erben wird, ist noch völlig unklar.

Fullers Analyse ist überzeugend – und ihre Konsequenzen weitreichend. Nicht nur das Fundament der Wahrheit, sondern auch jenes der Institutionen, die sie beglaubigen, ist infrage gestellt. Hochdekorierte Bürokraten, die beim Betrug und bei Falschaussagen ertappt wurden, können nicht mehr über die Wirklichkeit richten. Die Gegenreformation der Eliten wird – trotz all ihrer Abkehr von den liberalen Idealen – den Riss im Vertrauen der Öffentlichkeit niemals wieder kitten. Eine grosse Bereinigung der Institutionen steht bevor, angetrieben vom darwinistischen Zwang zur strukturellen Anpassung. Seltsame neue Stimmen tauchen auf und vergehen – manche brillant und nützlich, andere ähneln dem Gezeter irrer Propheten, möglicher Messiasse oder Piratenkönige.

Die Verbreitung der künstlichen Intelligenz wird diesen Aufruhr noch verstärken. In den meisten ihrer denkbaren Formen wird KI das genaue Gegenteil einer Wahrheitsmaschine sein. Soweit die Plattformen einen eigenen subjektiven Willen entwickeln, werden sie sich schlicht am Getümmel beteiligen und versuchen, ihren Schöpfern ihre bevorzugten Deutungsmuster aufzuzwingen. Eine überlegene Intelligenz könnte sie in den Rang olympischer Orakel erheben – vielleicht betreut von einer priesterlichen Kaste von Technologen. Soweit KI jedoch ein blosses Werkzeug bleibt, wird sie die Gesamtheit des menschlichen Wissens in die Hände der am wenigsten Gebildeten legen und so den Niedergang der Expertenklasse noch beschleunigen.

In einer postfaktischen Welt wird jeder Fakt und jeder Text «umstritten» sein. Das ist keineswegs dasselbe wie eine Welt, die von Lügen beherrscht wird. Die Deutungshoheit über die Bezugsrahmen – und damit über die Gültigkeit von Fakten – wird vom institutionellen Produzenten von Informationen auf den einfachen Konsumenten übergehen. Es ist die ultimative Demokratisierung der Wahrheitsbedingungen. Spezialisten und Wissenschafter werden nicht mehr mit der Stimme Gottes sprechen: Sie werden überzeugen müssen. Der politische Stil der Aufklärung mit seiner aggressiven Gewissheit und seinen utopischen Projekten wird durch eine Rhetorik der Bescheidenheit und durch einfachere, aber praktikablere Vorschläge ersetzt werden. Es wird weniger Geschrei über die «Lösung» sozialer oder ökonomischer «Probleme» geben, dafür mehr Rede von Versuch und Irrtum.

Ein Zustand des ständigen Hinterfragens ist im Grunde die wahre Geisteshaltung hinter der wissenschaftlichen Methode. Aus Fullers Erklärung folgt keineswegs, dass das Postfaktische die liberale Demokratie widerlegt oder auslöscht. Im Gegenteil: Es stellt alle Bürger auf dieselbe epistemische Ebene und macht eine demokratische Verständigung über die Fakten überhaupt erst notwendig. Unter solchen Bedingungen wird die Kunst der Überzeugung zur höchsten Blüte reifen. Die Eliten der Zukunft werden rhetorische Meisterschaft mit technischer Expertise verbinden. Debatten werden von Fachjargon befreit und etwas von der Athener Volksversammlung an sich haben – gewöhnliche Bürger werden sich ermutigt fühlen zu sprechen, und man wird ihnen aufmerksam zuhören. Es ist kein Paradoxon zu behaupten: Der Weg aus dem postfaktischen Zustand führt womöglich genau durch dessen Annahme.

Das Problem der Sinnstiftung

Aus dem Blutvergiessen der Religionskriege geboren, war die Ideologie der Aufklärung eine Flucht vom Transzendentalen ins Instrumentelle. Das Christentum, jener Glaube, der die westliche Zivilisation zusammengehalten hatte, hatte seine bindende Kraft verloren und ein konfessionelles Gemetzel ausgelöst. Nur eine radikale Neuausrichtung der Gesellschaft konnte ein neues dunkles Zeitalter verhindern.

Den Denkern und Propagandisten der Aufklärung gelang es, die christliche Ethik auf eine Welt zu übertragen, die von der christlichen Metaphysik befreit war. Vernunft und Wissenschaft wurden zur neuen Heiligen Schrift. Das Streben nach Glück trat an die Stelle der Erlösung. Das Ziel der Gesellschaft war nun, mit den Worten von Steven Pinker, das «menschliche Aufblühen». Kodifiziert in den prozeduralen Arrangements der liberalen Demokratie und des Wohlfahrtsstaates, wurde all dies fortan materialistisch interpretiert: Glück sollte am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gemessen werden.

Das verbliebene Gefühl für das Transzendente – Kirchgang, Gebet, eine verzauberte Welt – wurde zur reinen Privatsache erklärt. Der Sinn wurde privatisiert. Unvermeidlich schluckte das Instrumentelle mit der Zeit das Transzendentale. Das materialistische Weltbild, aufgeladen mit dem Prestige der modernen Wissenschaft, war schlicht zu mächtig und überzeugend, als dass eine rivalisierende Sichtweise hätte überleben können. Man durfte zwar weiterhin glauben, dass Engel im Himmel schwebten – aber nicht, wenn man ernst genommen werden wollte. Das Problem war nicht der Tod Gottes, sondern dass nichts das Vakuum füllte. Der Mensch war offiziell ein Bündel toter Materie, den Gesetzen der Physik unterworfen – eine Maschine, die irgendwie verzweifelt nach Glück suchte.

Fortschritt bedeutete Wohlstand, Bildung, persönliche Freiheit, Gleichheit, Inklusion, Mobilität, «Lebensexperimente», bessere Gesundheit und ein längeres Leben. Der existentielle und materielle Erfolg der liberalen Demokratie war ohne Beispiel in der Geschichte. Technologie und Handel veränderten das menschliche Dasein von Grund auf. Für frühere Generationen wäre die heutige Gesellschaft das reinste Paradies.

Und doch fehlte etwas. Auf jedem Schritt ihres Pilgerpfads stiess die Aufklärung auf bitteren Widerstand von Reaktionären, Romantikern, Gläubigen jeder Art sowie Totalitären von links und rechts. Zwischen der Französischen Revolution und dem Fall der Sowjetunion führten diese unterschiedlichsten Gruppen einen zweihundertjährigen Krieg, um einer transaktionalen Lebensweise wieder einen höheren Sinn aufzuzwingen. Hunderte Millionen Menschenleben wurden vernichtet; noch mehr wurden verkrüppelt oder geknechtet. Der Konflikt ist nicht ganz vorbei und wird es vermutlich nie sein, aber nach der Diskreditierung des Kommunismus war die liberale Demokratie die letzte verbliebene Ideologie – und frei vom Nebel des Krieges konnte man nun klar erkennen, was sie wirklich war. Und es fehlte etwas: Das System war im Innersten hohl.

Metaphysik ist eine Form, in die alles im Universum gegossen wird – ein Schema, in dem jedes Partikel der Existenz seinen Platz findet. Dem materialistischen Geist erscheinen solche grossen Entwürfe als nutzlose Fiktionen, doch sie haben dem menschlichen Herzen letzte Erklärungen und geistige Nahrung geboten, seit unsere fernen Vorfahren in Höhlen krochen und ihre Sehnsüchte an die Wände malten. Die liberale Demokratie erhebt starke Ansprüche im Namen von Toleranz, Gleichheit und Mitgefühl, doch solchen humanistischen Tugenden fehlt jedes metaphysische Fundament. Sie wirken willkürlich und erweisen sich, wenn man sie bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgt, als Erbe jener verzauberten Welt des Christentums, die von Vernunft und Wissenschaft längst hinwegkritisiert wurde.

Kann eine Zivilisation in einem Vakuum transzendentalen Sinns fortbestehen? Das ist eine empirische Frage. Die Antwort liegt überall um uns herum. Vom Geistig-Seelischen ausgehungert und ohne Orientierungsmuster, hat sich die persönliche Identität aufgelöst: Wir wissen nicht mehr, wer oder was wir sind – Mann oder Frau, Unterdrückter oder Unterdrücker, Held oder Schurke. Angstzustände, Depressionen, Sucht, Fettleibigkeit, Obdachlosigkeit und «Tode aus Verzweiflung» haben einen schrecklichen Tribut gefordert, besonders unter den Jungen. 45 Prozent der Amerikaner im Alter von 14 bis 29 Jahren geben an, dass es ihrem Leben an Sinn, Ziel oder beidem fehlt. Greta Thunberg, der düstere Erzengel dieser missratenen Generation, gestand, dass sie «mit einer Essstörung allein zu Hause sass», bis sie durch die Organisation von Klimaprotesten «einen Sinn gefunden hat in einer Welt, die so vielen Menschen manchmal seicht und sinnlos erscheint».

Thunbergs Entwicklung ist symptomatisch: Die Leere muss irgendwie gefüllt werden. Frauen in den Demokratien bekommen keine Kinder mehr und strömen zu radikalen Anliegen. Viele schwärmen für einen kaltblütigen Mörder wie Luigi Mangione oder machen Lindsay Clancy, die ihre drei Kinder strangulierte, zu einem Opfer der Gesellschaft, das eher Mitleid als Strafe verdiene. Die magere emotionale Ausbeute der Politik schürt das Gefühl der Verbitterung und verschärft das Problem, dass die Leute kaum noch Kinder haben. In Südkorea hat der Linksruck junger Frauen eine ideologische Kluft von 50 Prozentpunkten zu den jungen Männern aufgerissen; nicht zufällig liegt die Geburtenrate dort derzeit bei 0,76 Kindern pro Frau. Das Problem des Sinns könnte sich am Ende durchaus durch ein zivilisatorisches Aussterben erledigen.

Institutionelle Lösungen gibt es keine. Die alten Religionen sind ebenso erschöpft wie die Aufklärung und bemessen ihren eigenen Wert zunehmend nach weltlichen, ja heidnischen Massstäben. Wir können uns genauso wenig in einen Zustand der Gnade versetzen, wie wir den Glauben an Engel erzwingen können. Eine metaphysische Revolution lässt sich nicht wie eine politische herbeirufen.

Was also ist zu tun?

Der erste, naheliegende Schritt besteht darin, diese Frage in das Zentrum unserer gemeinsamen Debatten zu rücken. Die weitsichtigsten Denker unserer Zeit sollten sich mit Grundprinzipien und letzten Zielen mit mindestens derselben Intensität beschäftigen, die sie für Donald Trump oder den jüngsten Wirtschaftsbericht aufwenden. Wissenschaft und Vernunft sind notwendig für die Moderne. Sinn und moralisches Streben sind notwendig für das Menschsein. Es muss ein Gleichgewicht gefunden werden, das das eine bewahrt und dem anderen volles Gewicht verleiht.

Wir müssen verstehen, dass der Materialismus zwar eine wertvolle Perspektive für die Wissenschaft ist, aber keine realistische Einschätzung der menschlichen Existenz. Wissenschafter arbeiten wie auf einem geometrischen Punkt, abstrahiert von der Natur und gleichgültig gegenüber ihren Neigungen. In Wirklichkeit aber kommen wir aus der Natur, sind Teil der Natur und keineswegs gleichgültig gegenüber unserem Platz in ihr.

Unsere Intuitionen sind dem System inhärent: Die geistige Suche der Menschheit ist in jeder Hinsicht die Natur, die über sich selbst nachdenkt. Eine dieser Intuitionen ist die Handlungsfähigkeit – der Glaube, dass ich an der Kreuzung frei bin, nach rechts oder links zu gehen, und dass ich allein diese Wahl treffe. Eine andere ist der Glaube an Kausalität. Diese Haltungen sind irrational oder vielmehr prärational, aber ohne sie wären sowohl die liberale Demokratie als auch die Wissenschaft selbst unmöglich.

Letztlich ist der Materialismus widersprüchlich. Zu sagen: «Ich entscheide mich, Materialist zu sein», bedeutet, einem absurden Trugschluss zu verfallen. Entweder gehorcht unser Körper, der aus Materie besteht, unveränderlichen Gesetzen, oder der Geist, der die Materie übersteigt, ist zur Entscheidung fähig. Ein Mittelding kann es nicht geben.

Politik wird in einem metaphysischen Zeitalter wieder ihren traditionellen Platz als sekundäre Aktivität einnehmen – als Mittel zum Zweck. Dies wird die liberale Demokratie anfällig machen für falsche Propheten, die bereit sind, individuelle Rechte auf der Suche nach einem apokalyptischen Projekt niederzutrampeln. Die interessante Frage ist, ob der postfaktische Zustand diese Gefahr vergrössern oder verkleinern wird. Einerseits könnte das Fehlen universeller Schutzwälle einem Fanatiker das Überfluten des Systems erleichtern. Doch das Postfaktische selbst ist, so glaube ich, das stärkste Schutzschild. In unserer zersplitterten, ewig umkämpften Welt wird der Fortschritt jeder totalitären Doktrin schmerzhaft langsam sein. Die Suche nach Sinn und der Kampf um Bezugsrahmen sind am Ende ein und dasselbe.

Wir haben ein reiches und bildhaftes spirituelles Vokabular geerbt, doch es gehört zu einem jahrtausendealten Weltbild. «König der Könige» etwa klingt in einem demokratischen Zeitalter reichlich archaisch. Können wir die wissenschaftliche Welt wieder für den Geist erwecken? Ist es möglich, unsere weitgehend instrumentellen Beziehungen wieder zu heiligen? Das muss keinen Glauben an Feen und Kobolde bedeuten, nicht einmal notwendigerweise an Religion. Jeder gute Empiriker wird einräumen, dass die reichsten menschlichen Leben symbolisch gelebt werden. Können wir die symbolische Leiter zum Gipfel erklimmen, wo Sinn und moderne Menschlichkeit harmonisch zusammenfinden – und womöglich ein höheres Verständnis von Gleichheit, sozialem Leben und der Heiligkeit der Wahrheit verankern?

Wir werden es nicht wissen, bis wir es versuchen. Pessimismus ist unangebracht. Die Geschichte bewegt sich auf unergründlichen Pfaden. Womöglich steht uns eine zweite «Achsenzeit» im Sinne des Historikers Karl Jaspers bevor: Prediger und Philosophen, die eine drastisch aktualisierte transzendentale Vision entwerfen, in der das Rationale und das Sakrale, Wahrheit und Sinn mit der politischen Freiheit versöhnt werden.

Die liberale Demokratie in einer postaufklärerischen Welt

200 Jahre lang haben wir die Gesellschaft unter die Herrschaft universeller Prinzipien gestellt. Das ist vom Winde verweht. Wir sind in ein Zeitalter radikaler Ungewissheit eingetreten, in dem selbst die Wahrheit unbestimmt ist. Die natürliche Tendenz besteht darin, sich in die Gewissheiten der Vergangenheit zurückzuziehen – doch es gibt kein Zurück. Wenn wir die Errungenschaften der Aufklärung bewahren und ihre vielen Widersprüche lösen wollen, müssen wir dies innerhalb eines neuen und extrem instabilen Denkrahmens tun.

Da der Bann der Aufklärung gebrochen ist, wird die liberale Demokratie neu definieren müssen, was «gleich erschaffen» bedeutet. Dieser Prozess könnte in einem starren Kastensystem enden, in dem die Institutionen in den Händen selbsternannter Funktionäre liegen, die die Staatsmacht nutzen, um ihre «Lösungen» durchzusetzen. Vorzuziehen und angesichts der neuen Technologien auch wahrscheinlicher ist jedoch eine Abflachung der Institutionen und das fortgesetzte Vordringen der Öffentlichkeit in die heiligen Räume von Politik und Kommunikation.

Gleichheit – wie auch immer verstanden – wird im Willen der Bürgerschaft geschmiedet werden und nicht von einem gütigen Gott gewährt. Das wird sie wie alles andere veränderlich machen, anfällig für Schwankungen und ständig verteidigungsbedürftig. Und wenn die perfekte Gleichheit ein unerreichbarer Traum ist, erfordert die ewige Ungleichheit eine unmögliche Disziplin. Die heutige Eliteklasse, die bereits unter enormem Druck steht, könnte ihre Kohäsion verlieren und in der Schnelllebigkeit der Zeit zerfliessen – aufgespalten in verschiedene Schulen, Sekten und Denkmuster.

Die Informationsstruktur wird der Definition von Gleichheit folgen. Die entscheidende Machtfrage wird die Kontrolle über die KI sein. Bleiben die Entwicklung und der Einsatz von KI ein geschlossenes Spiel, könnten sich die Eliten als Zwischenhändler im Orakel einer allwissenden Gottheit etablieren. Ist KI hingegen ein kompetitives Produkt, wird die Öffentlichkeit die Oberhand gewinnen. In diesem Fall können wir ein Aufblühen ausgefallener Apps, die Individualisierung von Handel und Industrie und den endgültigen Sturz der Expertenklasse erwarten. Die Informationssphäre wird der Spiegel unserer Leidenschaften, Spaltungen und metaphysischen Sehnsüchte bleiben. Die Meinungsfreiheit, nicht mehr «vom Schöpfer verliehen», wird zum Schlachtfeld werden, auf dem die Frage der Gleichheit letztlich entschieden wird.

Ich bin Analyst. Meine Aufgabe ist es, die Realität zu beschreiben, und davon handelt dieser Essay. Aber ich führe auch ein aktives Leben in dieser Welt, die ich beschreibe – und ich habe Präferenzen. Ich sehe Gleichheit als einen Faktor von Chancen, Recht und Menschenwürde, nicht von identischen Ergebnissen. Ich glaube, dass Wahrheit entsteht, wenn man ein Thema aus einer Vielzahl von Perspektiven betrachtet, selbst aus solchen, die verstörend oder falsch erscheinen mögen. Ich hoffe, dass sich meine Geschichte – als Mensch, Vater und Grossvater – mit anderen Geschichten in der Vergangenheit verbindet und sich mit weiteren in der Zukunft verweben wird, in einem Muster, das nicht völlig frei von Sinn ist. Und ich glaube aus tiefster Überzeugung an die liberale Demokratie, weil ich die Alternative erlebt habe.

Der Zusammenbruch der Aufklärungsideologie ist nur die jüngste Herausforderung, vor der die liberale Demokratie zu meinen Lebzeiten steht. Als Analyst bin ich nicht berechtigt, die kommenden Gefahren herunterzuspielen. Aber als amerikanischer Bürger ist es mir erlaubt, darauf zu vertrauen, dass sie einmal mehr überwunden werden.

Der Artikel ist zuerst im Onlinemagazin «Persuasion» erschienen. Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Thies.

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