Ausgabe 969 - Mai 2009
Aufgewacht? Die Folgen der Finanzkrise
In dieser Ausgabe
Dossier
(7) Wir fahren die Pensionskassen an die Wand
Markus Schär & René Scheu im Gespräch mit Martin Janssen Wie gebannt starren wir auf die Finanzkrise. Und vergessen dabei, dass uns weiteres Ungemach droht: die Pensionskassen sind nicht mehr finanzierbar. Die Überraschung wird gross sein. Der Schaden auch.
(6) Vom Weg aus der Krise zum Weg in die Zukunft
Das Finanzsystem hat sich von der realen Welt entfernt. Nach dem Kollaps sollen die Staaten es mit Steuergeldern und Regulierung von oben retten. Dabei lehren fünfzig Jahre Erfahrung im Bankgeschäft: Gesundung kann nur von unten kommen.
(5) Wir waren reich
Schön wär’s, wenn die Renditen ins Unermessliche stiegen. Tun sie aber nicht. Und der Mensch bleibt ein eigenartiges Wesen: so gross sein Vertrauen war, so gross ist nun sein Misstrauen. Er ändert sich nicht. Und die Geschichte wiederholt sich.
(4) Gutes Geld, schlechtes Geld
Unser Geld ist aus Papier. Und schnell gedruckt. Sein Wert beruht vor allem auf Glauben. Dieser schwindet. In einem «Free-Banking»-System würde das Geld wieder zu einem realen Wert.
(3) Wenn der Ausnahmezustand zur Regel wird
Ausserordentliche Zeiten bedürfen ausserordentlicher Massnahmen. Klingt gut. Und ist schnell gesagt. Was aber sagt man damit genau? Analyse einer zweischneidigen Rhetorik.
(2) Schulden? Schulden!
Verschuldung ist für den Staat der Weg des geringsten Widerstands: er nimmt seinen Bürgern nicht nur kein Geld weg, er kann sogar beliebig viel Geld verteilen. Für eine bestimmte Zeit. Was danach kommt, malen wir uns besser nicht aus. Oder doch?
(1) Wenn der Durchblick fehlt…
Je unübersichtlicher die Lage ist, desto inflationärer sind die Lösungsvorschläge. Die Ideologen sind in ihrem Element. Dabei wäre Realismus gefragt. Aber was heisst Realismus?
(0) Auftakt
«Fast allgemein wird heute die Auffassung vertreten, mit der Wirtschaftskrise der letzten Jahre sei das Ende des Kapitalismus gekommen. Der Kapitalismus habe versagt, er erweise sich als unfähig, die Aufgaben der Wirtschaft zu erfüllen, und so bleibe denn der Menschheit, wenn sie nicht untergehen wolle, nichts übrig als der Übergang
Aktuelle Debatten
Wieviel Politik verträgt die Geschichtsschreibung?
Die Bundesversammlung hat die Spanienkämpfer rehabilitiert. Damit hat sie das Recht einem veränderten Geschichtsbild angepasst. Doch die historische Debatte verarmt mit jeder neuen Staatswahrheit.
Vivisektion des Gutmenschentums
Teil IV: Warum es nicht gut ist, Politik mit Mitteln der Moral zu praktizieren
Weg mit dem Fed
Die lockere Geldpolitik der amerikanischen Notenbank führt zu einer finanziellen Erosion der USA. Sagt der Abgeordnete Ron Paul und will die Notenbank abschaffen. Wir drucken eine seiner Kongress-Reden ab.
Bürgerliches Trauerspiel
Der Sozialstaat wächst. Der Wohlstand schwindet. Die Privatsphäre auch. Bürgerliche Tugenden sind passé. Was bleibt, ist das Diktat des Misstrauens.
Bürgerliche Blasenwirtschaft
Das Bürgertum, eigentlich Garant von Tradition und Kontinuität, leidet an Gedächtnislosigkeit. Der Glaube an das Ende der Geschichte machte es blind für die neuen Konflikte und Krisen. Wo bleibt die Vernunft?
Weitere Beiträge
Dasein einer jüdisch-christlichen Familie von 1802 bis 1948
Marthi Pritzker-Ehrlich: «Gestörte Bürgerlichkeit. Zeugnisse einer jüdisch-christlichen Familie in Briefen, Dokumenten und Bildern» Band 1: 1802–1937, Band 2: 1938–1948. Brugg: munda, 2007.
Wie die Amerikaner auf Kosten anderer leben
Barack Obama ist das Gesicht eines neuen, fairen Amerika. Glauben jedenfalls blauäugige Europäer. Falsch. Die USA sind daran, die Kosten der aktuellen Finanzkrise zu sozialisieren wie schon oft in der jüngeren Geschichte.
Interview Teil 3: Worauf Erfolg gründet
Über seine akademische Laufbahn und darüber, was Erfolg ausmacht, spricht Anthony de Jasay im dritten Teil unserer Interview-Reihe.
Daniel Model im Gespräch
Der Schweizer Staat steht laut Unternehmer Daniel Model vor dem geistigen Bankrott. Weder Reform noch Revolution können das ändern. Seine Lösung: Inspiration durch einen eigenen Staat im Apfelgarten – «Avalon». René Scheu traf Model in Müllheim.
Schweizer Autoren in Kurzkritik XVI
13 Bücher, vorgestellt in der sechzehnten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.
Des Schweizer Autors Schweiz
Hermann Burger hat während fast zwei Jahrzehnten regel-mässig Texte für die «Schweizer Monatshefte» verfasst.
Was heisst denn hier Freiheit?
Eine Antwort aus dem Stegreif von Philip Kitcher «Freiheit des Denkens wird am besten durch die schrittweise Erleuchtung des menschlichen Geistes gefördert, die aus dem Fortschritt der Wissenschaft hervorgeht.» (Charles Darwin*)
Wer nun krault den alten Hund?
Gern wird es Alex Capus nicht hören, aber wider besseres Wissen (Coverfoto!) stelle ich ihn mir als einen alten weisshaarigen Mann vor, auf den Stufen eines ebenso alten, farbenfrohen und windschiefen Schaustellerkarrens am Rande des Jahrmarkts. Er blickt in das Purpur der untergehenden Sonne, krault einen noch älteren Hund neben
Ein Modernitätsmüder
Hält der Zug der Moderne seine Spur oder drohen ihm jene «Entgleisungen», vor denen Jürgen Habermas warnt? Schon als er gerade volle Fahrt aufzunehmen begann, meldeten sich Skepsis und Kritik. Der 1818 in Basel geborene Jacob Burckhardt ist dafür ein ganz besonderer Zeuge. Mit noch nicht 28 Jahren outete sich
Im Turm von Ninive
Am nichtargumentativen Schreiben erkenne man den wahren Dichter, meinte Richard Rorty bei Gelegenheit; und er fügte hinzu, dass intellektueller Fortschritt ohne die Hinwendung zu den träumerischen Sprachbildwelten der Dichter nicht möglich sei. Diese Bemerkung kam mir unwillkürlich in den Sinn beim Lesen von Gertrud Leuteneggers jüngstem Roman «Matutin» und bei
Zwar schön, aber sonst?
Mark Kunz & Beat Keusch (Hrsg.): «Komponisten in Basel. Siebzig musikalische Begegnungen aus fünf Jahrhunderten». Basel: Schwabe, 2008
Grenzüberschreitungen der anderen Art
Ina Boesch: «Grenzfälle. Von Flucht und Hilfe. Fünf Geschichten aus Europa». Zürich: Limmat, 2008
Gottfried Keller und Theodor Fontane, konsonant
Das Buch «Gottfried Keller und Theodor Fontane» versammelt zwölf Vorträge, die 2006 während eines Symposions zu Ehren der beiden Dichter in Zürich gehalten wurden. Das Thema «Keller und Fontane» scheint ein Wagnis, denn halbwegs verbürgt haben sich die beiden Dichter nur ein einziges Mal im gleichen Raum aufgehalten, nämlich am
Robert Walser, zu gross für den Kaffeetisch
Als der Dichter Robert Walser am Weihnachtstag 1956 auf einer Wanderung stirbt, ist er von der literarischen Öffentlichkeit so gut wie vergessen. Die letzten 23 Jahre seines Lebens hat er in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden verbracht, und das nicht freiwillig. «In seine Bevormundung einzuwilligen lehnt
Peter Stirner in Schilten
«Ein Leben», sagte der alte Thomas Mann mit Blick auf Heinrich Kleist, «braucht nicht 80 Jahre zu währen, um auf seine Art voll bestanden und siegreich vollendet zu sein». Und so war Hermann Burgers Suizid mit einer Überdosis Schlaftabletten am 28. Februar 1989 seltsam konsequent. Denn Todes- und Selbstmordthemen durchziehen
Und in der Ferne schimmert der See
Jochen Kelter & Hermann Kinder (Hrsg.): «Bodenseegeschichten». Tübingen: Klöpfer & Meyer 2009
Thurgau? – Wag es getrost!
Ohne die Liebe zu «Land und Leuten», ohne eine «feinere Art von Natur- und Landschaftssinn» lasse sich die zugegebenermassen spröde Schönheit der Mark Brandenburg nicht erkennen. Das jedenfalls behauptete Theodor Fontane. Wieviel leichter hat es Albert M. Debrunner da doch mit seinem Gegenstand. Um Nachsicht für eine erkennbar verspätete Kultur
Editorial
Das rote Titelblatt mit Feuerlöschern deutet es an: es brennt lichterloh in der Finanz- und Wirtschaftswelt. Soweit sind sich alle einig. Worin die Brandursache bestehe, ist weniger klar. Und wie das Feuer unter Kontrolle zu bringen sei, darüber gehen die Meinungen gänzlich auseinander. Wenn nicht alles täuscht, sind die meisten
Blogs, Rede & Widerrede
April 2009 Peter Sloterdijk, Philosoph, in seinem Buch «Du musst dein Leben ändern» (Suhrkamp) Diffuses Änderungsbedürfnis «Du musst Dein Leben ändern» «Es gibt im Augenblick keine Information im Weltäther, die nicht ihrer Tiefenstruktur nach auf diesen absoluten Imperativ zu beziehen wäre. Er ist der Ruf, der sich nie zu einer