Ausgabe 979 - Juli 2010
Vier Sprachen, ein Land: Über den Zusammenhalt der Schweiz
In dieser Ausgabe
Dossier
Studieren in der Fremde
Die Jungen zieht es oft in die weite Welt. Dabei hätten sie schon vor der eigenen Tür ein eigenes Universum. Vier Studenten berichten.
Sonderfall Ticino
Eine Art Zürcher Hinterland? Oder doch eher eine Erweiterung Norditaliens? Die Tessiner fühlen sich marginalisiert. Zu Recht?
La Romandie n’existe pas
Die Schweiz existiert – und wie! Die Romandie hingegen ist eine reine Erfindung. Zum Glück. Sonst hätte unser föderaler Bundesstaat ein ernsthaftes Problem.
English for Everybody
Welche Zweitsprache sollen die Deutschschweizer, die Romands und die Tessiner in der Schule lernen? Das Drama eines sprachbegabten Landes.
Wohlwollende Nichtbeachtung
Wie kommt es, dass in der Schweiz vier Sprachgemeinschaften friedlich zusammenleben? Liegt es an der hohen Sprachkompetenz? Am wechselseitigen Respekt? Weit gefehlt! Der Grund ist viel profaner…
Der Wille ist es!
Nationalstaaten haben eine einzige nationale Sprache. Die Schweiz hat deren vier. Ist sie deswegen kein eigentlicher Nationalstaat? Und wenn nicht – was ist sie dann?
Jedem seine Sprache
René Scheu im Gespräch mit Christian Lüscher Welche Landessprache sprechen Sie? Diese Frage kann darüber entscheiden, ob man Bundesrat wird oder nicht. Ein Treffen mit dem Ex-Bundesratskandidaten Christian Lüscher im Zentrum der Macht.
Auftakt
Wie kann es sein, dass ein Bundesstaat mit vier offiziellen Landessprachen regierbar ist? Die Frage scheint uns, in dieser Deutlichkeit formuliert, nicht wirklich zu betreffen. Wir haben uns an die Anomalität eines Viersprachenstaats gewöhnt. Dabei genügt ein Blick über die Landesgrenzen hinaus, um zu sehen, wie brisant die Sprachenfrage sein
Weitere Beiträge
(1/2) Die neue Parallelgesellschaft
Die Finanzwelt hat sich von der Realwirtschaft entfremdet. Hohe Abfindungen und Gehälter werden als unmoralisch kritisiert. Doch erleben wir einen Wertewandel oder eine Wertekrise? Zwei kontroverse Perspektiven beleuchten diese Frage.
Eggheads vs. Gum-shoes
Zwei Namen sind jedermann geläufig, die repräsentativ nicht nur für die Schweizer Kriminalliteratur stehen, sondern im gesamten deutschen Sprachraum Klassikerstatus geniessen, nämlich Friedrich Glauser (1896–1938) und Friedrich Dürrenmatt (1921–1990). Beiden ist gemeinsam, dass sie sich dem Genre auch aus pekuniären Gründen zuwandten. Der zeitlebens unglückliche Ex-Dadaist Glauser
Poesie, durch das Schlimmste hindurch eine Festung
Philippe Jaccottet: «Notizen aus der Tiefe». Übersetzt von E. Edl, W. Matz & F. Kemp. München: Hanser, 2009.
Gutschweizerisch in Milchkübeln
Jacques Chessex: «Ein Jude als Exempel». Aus dem Französischen von Gret Osterwald. Zürich: Nagel & Kimche, 2010.
Kult und Frucht
Mit seiner Liebeserklärung an die Olive befindet sich Ralph Dutli in bester Gesellschaft. Schon Homer, Ovid und Vergil rühmten die Fruchtbarkeit und Langlebigkeit des Baumes, der den Griechen als heilig galt. Sein Holz war ausschliess-lich der Herstellung von Götterstatuen und dem Tempelbau vorbehalten, und wer gedankenlos einen Olivenbaum abholzte,
Schwierige Literatur mundgerecht gemacht
Können so viele Leser irren? Wenn ein literaturwissenschaftliches Kompendium vier Auflagen erzielt, dann ist dies zunächst einmal alles andere als selbstverständlich. Man wird also davon ausgehen dürfen, dass darin Antworten auf tatsächlich gestellte Fragen gegeben werden. Offenkundig holt der Verfasser, wie man so sagt, seine Leser dort ab, wo sie
Editorial
Liebe Leser Die global agierende Finanzbranche steht in der Kritik. Haben sich Real- und Finanzwelt und deren Werte tatsächlich voneinander entfernt? Erleben wir einen Wertewandel? Oder ist alles ganz anders? Mehr vom Autorenduo Peter Fuchs & Timo Meynhardt und vom Soziologen Thomas A. Becker ab S. 15. Was ist es,
Währungspolitik auf Messers Schneide
Hyperinflation? Hyperdeflation? Oder eine kontrollierte Inflation mit glimpflichem Ausgang? Überlegungen zu aufziehenden Währungsszenarien.
Warum es keine Armutsstatistik braucht
Wie arm sind wir eigentlich? – so fragt die Caritas Schweiz. Die Antwort ist nicht einfach. Und wirft eine weitere Frage auf: Wer bestimmt eigentlich, wie arm wer ist?
Die Eliten wollen mehr Macht
Europhile Schweizer und helvetophile Europäer: Gedanken eines ehemaligen Beamten
Tibet – Schweiz, nicht retour
Wollte man unter der Flut von deutschsprachigen Büchern über das Schicksal des chinesisch besetzten Tibet und seiner Menschen nur ein einziges auswählen, um auf umfassende Weise zu erfahren, was am Himalaja geschehen ist und noch geschieht, so müsste es «Exil Schweiz. Tibeter auf der Flucht» sein. Auf die Initiative einer
(2/2) Tanz der Kontrolleure
Zerfall von Moral und Anstand? Ach was. Mehr Moral bedeutet bloss mehr Staat.
Patri Friedman im Gespräch
Er kritisiert die USA und hält moderne Wohlfahrtsstaaten für ineffizient und freiheitsfeindlich. Der Anarchounternehmer Patri Friedman will einen Markt für Staatsexperimente schaffen und baut deshalb schwimmende Städte im Ozean. René Scheu und Florian Rittmeyer trafen ihn in Zürich.
Schweizer Autoren in Kurzkritik XXVI
14 Bücher, vorgestellt in der sechsundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.
Was heisst denn hier Freiheit?
Eine Antwort aus dem Stegreif von Ursula Renold Mit einem Anstoss von Blaise Pascal: Zitiert aus «Pensées» «Ich habe gefunden, dass alles Unglück der Menschen einzig davon kommt, dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können.»
Francesco reist nach Verbania
Eigenartig, es gibt Bücher, die wollen nicht zu dir, und wenn sie mal bei dir sind, wollen sie nicht bleiben. Für meine Kleinstbesprechung hatte ich das Buch «Die nackten Inseln» von David Signer bestellt. Bis das Buch zu mir kam, hatte es schon eine kleine Odyssee hinter sich. Von einem
Vita brevis, libri perennes
Jede Liebhaberei trägt für Aussenstehende den Stempel einer gewissen Skurrilität. Dass der Umgang mit Büchern aber geradeswegs zum Wahnsinn führe, wie Erasmus von Rotterdam andeutete, ficht wahre Bücherfreunde nicht an. Sie beschäftigen sich mit alten Graphiken, Handschriften, seltenen Frühdrucken, Inkunabeln, Holzschnittbüchern, Kupferstichwerken, Faksimiledrucken, Logbüchern, Kladden oder Flugblättern und beweisen aller
Warten auf Jo
Unsicherheit nagt an ihm, aber der Starrsinn siegt. Er will vieles, aber er kann nur eines. Deshalb wird er warten. Weiter warten. Floyd hat so lange gewartet, warum sollte er das jetzt ändern: «Wie ein Wild, das nicht weiter kann, vor ihm eine Klippe, hinten die Flinten im Anschlag.» Vor
Immer schön von unten links nach oben rechts
Während die Zeitungen im Wirtschaftsteil zu verstehen versuchen, wer die Finanzkrise angerichtet hat, liefert die Lausanner Schriftstellerin und Filmemacherin Marie-Jeanne Urech eine grandios schräge Vision des Börsensturzes. Ihr Roman «Mein sehr lieber Herr Schönengel» – auf Französisch schon 2006 vor der Finanzkrise erschienen – schildert eine vordergründig absurde Welt, in der
Hinglish, Spanglish, Globish – Rubbish?
Marco Baschera (Hrsg.): «Mehrsprachiges Denken. Penser en langues. Thinking in language.» Köln, Wien, Weimar: Böhlau, 2009.
Er will packen mit der Gewalt des Affects
«Eine Untersuchung über Wesen und Entstehung des Barockstils in Italien» lautet der Untertitel der erstmals 1888 erschienenen Studie «Renaissance und Barock», eines kunsthistorischen Klassikers aus der Feder des 1864 in Winterthur geborenen Heinrich Wölfflin. Der 1945 verstorbene Schüler Jacob Burckhardts lässt allerdings kaum einen Renaissancepalast, kaum eine Barockkirche ausserhalb der
Von Hunden, Nachthemden und den fünfziger Jahren
Da wird die ganze Zeit einfach so dahingeplappert. Eine Kinderstimme. Ein kleines Mädchen, das vieles von dem, was um sie herum passiert, zwar noch nicht verstehen kann und es dennoch mit grossen Ohren und offenen Augen wahrnimmt. Langsam ändern sich die Zeiten. Das Mädchen wird älter, spürt zuweilen schon ein