Im November 1932, kurz vor der Machtübernahme Hitlers, schrieb der deutsche Jurist Edgar Jung einen Artikel in den «Schweizer Monatsheften», wie der Schweizer Monat damals hiess. Er lobte die Entfernung von Reichskanzler Heinrich Brüning durch Reichspräsident Paul von Hindenburg. Dieser habe das Ziel verfolgt, «den Staat aus dem Parteienkampfe herauszuheben». Jung äusserte sich wohlwollend über Hindenburgs Ziel der «Überwindung des Liberalismus» und seine Bereitschaft, dazu mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten. Er forderte, «dass ein kämpferisches Volk endlich aufsteht und gegen die innere Unwahrheit des europäischen Lebens revoltiert».
Jung betrachtete Hindenburgs Umgang mit Hitler als Anpassung an die Realität. Der Konservative sah die Einbindung Hitlers als Mittel zum Zweck einer konservativen Regierung. Risiken sah er in dieser Strategie keine. Im Gegenteil: Er prophezeite, dass die Nationalsozialisten bei der anstehenden Reichstagswahl «eine Schlappe (…) erleiden» würden – zugunsten der Konservativen. «Es wird (…) allgemein damit gerechnet, dass am Tage nach der Wahl die Krise des Nationalsozialismus beginnt.»
Jungs Artikel basierte auf einer kolossalen Fehleinschätzung, die sich als fatal erwies – auch für ihn persönlich. Er wurde nach Hitlers Machtergreifung Berater von Vizekanzler Franz von Papen. Wegen einer kritischen Rede, die er für diesen schrieb, wurde er 1934 verhaftet und im Zuge des «Röhm-Putsches» erschossen.
«Europa ist krank»
Es war nicht die einzige Fehleinschätzung in den «Schweizer Monatsheften» in dieser Zeit. Im Gegenteil: Unter dem damaligen Chefredaktor Hans Oehler wurde die Zeitschrift zu einem regelrechten Sprachrohr der Frontenbewegung, wie Thomas Sprecher in seinem Buch zur Geschichte des «Schweizer Monats» zeigt. Als Oehler immer unverhohlener mit der autoritären Bewegung sympathisierte, entliess ihn das Herausgeberkollegium der «Schweizer Monatshefte» 1934 schliesslich.
«Wer im grossen Stil aufräumen will, bringt oft im grossen Stil Unrecht.»
Liest man heute Artikel von Oehler und seinen Gesinnungsfreunden, kommt man ins Schaudern – und ins Grübeln. Nicht nur Oehler und nicht nur die «Schweizer Monatshefte», sondern auch andere Schweizer Stimmen sympathisierten mit den Frontisten und teilweise mit den Nationalsozialisten. Andere – wie Edgar Jung – sahen die faschistischen Bewegungen als Mittel zum Zweck, als das kleinere Übel oder als Schritt in die richtige Richtung.
«Totalitäre Ideologien müssen immer das Kollektive hervorheben und überhöhen, damit sie die Macht an sich reissen und diese Machtanmassung rechtfertigen können.»
Wie konnten diese Personen derart blind sein? Die Lektüre von Beiträgen aus der damaligen Zeit bringt uns einige Lektionen, die für die Gegenwart relevant sind. Natürlich haben wir es heute nicht mit faschistischen oder nationalsozialistischen Strömungen zu tun, die kurz vor der Machtübernahme stehen. Dennoch lässt sich Folgendes lernen:
· Das Böse versteckt sich hinter wohlklingenden Worten. In Oehlers Texten geht es oft um «Erneuerung», um das «Dynamische», um eine «Wende» oder «Weiterentwicklung des Staatswesens». Es sind solche hehren Worte, die in der Geschichte immer wieder eingesetzt wurden, um die grössten Gräueltaten zu rechtfertigen. Wer die ganze Macht will, braucht besonders drastische Worte.
· Wer das Totale beschwört, tendiert zum Totalitären. Auffällig ist, wie Oehler stets das grosse Ganze betont. Er fordert eine «umfassende Erneuerung des Staates». Zum Beispiel schreibt er: «Nur Zeiten der Not gebären Grosses.» Er spricht von einem «Meer von Lüge und Heuchelei». Wer im grossen Stil aufräumen will, bringt oft im grossen Stil Unrecht. Fortschritt besteht dagegen meist in kleinen Schritten hin zum Besseren.
· Eine gefährliche Ideologie erkennt man daran, dass sie das Kollektive betont und über das Individuum stellt. Auch das zieht sich durch diese Texte. Demokratie und Liberalismus werden beargwöhnt. Ein Autor schreibt verächtlich vom «individualistisch-egoistischen Zeitalter». Totalitäre Ideologien müssen immer das Kollektive hervorheben und überhöhen, damit sie die Macht an sich reissen und diese Machtanmassung rechtfertigen können.
· Wer die ganze Macht will, betont die Ausserordentlichkeit der Lage, die Krise. Auch das zieht sich durch diese Texte. Demokratie und Liberalismus werden als schwach und dekadent betrachtet. Hans Oehler schreibt einmal: «Europa ist krank. Europa steht an einer Wende.» Wer so redet, propagiert das Heil für eine Krankheit, das dann oft zum Unheil wird.
· Autoritäre machen selten an der Grenze halt – sie wollen die Welt retten. Erstaunlich ist, dass die Frontisten eine Anpassung an angeblich unausweichliche internationale Entwicklungen forderten. Oehler stand auch der Neutralität sehr skeptisch gegenüber. Diese verhindere eine «Anpassung an das grosse Ganze». Im gleichen Artikel schreibt er: «Schliesslich bietet die Verbundenheit mit einem grösseren Geschehen (…) einzig die Gewähr, dass wir nicht abseits des Stromes lebendiger Entwicklung stehenbleiben, sondern als schöpferisches Glied der europäischen Staatengemeinschaft an deren Zukunft und Erneuerung mitzuarbeiten vermögen.»
· Vorsicht bei jenen, die den grossen Bruch, die Abschaffung und Überwindung alles Bestehenden fordern, ohne klar zu sagen, was es ersetzen soll. Die Frontisten waren in ihren Äusserungen oft sehr vage. Sie schrieben viel von «Erneuerung», ohne konkret zu werden. Wer die unerwünschte Gegenwart zugunsten einer wolkigen, neuen Zukunft herabsetzt, verkennt entweder, wie schnell und verheerend Dinge zerstört werden, die über Jahrhunderte aufgebaut wurden. Oder aber er nimmt dies bewusst in Kauf in der Verblendung und Überschätzung der eigenen Fähigkeit, etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen.
· Die Verachtung für den Liberalismus ist ein verlässliches Merkmal aller gefährlichen Ideologien. Durch die 1930er-Jahre ziehen sich zahlreiche Attacken auf den Liberalismus, der zu Egoismus und Dekadenz führe und den man deshalb überwinden müsse.
Nicht nur die «Schweizer Monatshefte» sind auf die Faschisten hereingefallen. Der «Tages-Anzeiger» publizierte 1931 einen Gastbeitrag von Adolf Hitler. Die NZZ äusserte sich 1933 mehrfach wohlwollend über die nationalsozialistische Machtergreifung, bevor sie unter Chefredaktor Willy Bretscher auf einen strammen Anti-Nazi-Kurs umschwenkte. Viel länger hielt derweil die Sympathie linker Blätter für die Sowjetunion unter Stalin an.
Autoritäre Bewegungen kommen in verschiedensten Gewändern daher. Die Geschichte lehrt Demut in Bezug auf die Fähigkeit, solche Bewegungen in Echtzeit richtig einzuschätzen. Das beste Frühwarnsystem ist eine robuste Skepsis gegenüber allen Bewegungen, die das Grosse betonen und das fundamental Neue, Bessere versprechen. Hinter diesen Versprechen stehen nämlich oft die Totengräber der Freiheit.