Mit populärwissenschaftlichen Büchern wie «Why Nations Fail» (mit James Robinson) oder «Power and Progress» (mit Simon Johnson) hat sich Daron Acemoglu schon länger einen Namen gemacht. Seit er 2024 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, hat er definitiv einen Platz in den höchsten Rängen der Public Intellectuals. Entsprechend gespannt durfte man auf sein neues Buch «What Happened to Liberal Democracy?» sein, das im Oktober auch auf Deutsch erscheinen wird und in dem es um nicht weniger als die Zukunft des Liberalismus geht.
Das Ergebnis vermag die Erwartungen jedoch nicht zu erfüllen. Es wirkt fast so, als hätte Acemoglu unbedingt ein neues Buch nachlegen müssen und dafür das erstbeste Thema gewählt, das ihm einfiel.
Der Ausgangspunkt seiner Analyse: Der Liberalismus sei nicht an seinem eigenen Erfolg gescheitert, wie das eine unter Konservativen populäre These behauptet. Vielmehr sei er von seinen eigenen Werten abgewichen. Acemoglu kritisiert den Fokus liberaler Eliten auf «Social Engineering», also den Versuch, das Denken der Bevölkerung in die «richtige» Richtung zu lenken. Das ist zweifellos eine berechtigte Kritik. Er zieht aber die falsche Konsequenz, wenn er den linken Ausprägungen des Liberalismus (wie dem New Deal in den USA oder der europäischen Sozialdemokratie) das Wort redet.
Der Ökonom nimmt den klassischen Liberalismus ins Visier. Dieser basiere auf Nichteinmischung («Noninterference»), während eigentlich Nichtbeherrschung («Nondomination») – einschliesslich der Freiheit von der Macht privater Akteure – im Zentrum stehen sollte. Mit der Befreiung von der Macht anderer lässt sich allerdings jeder staatliche Eingriff rechtfertigen – und genau das passiert auch regelmässig.
Die Kritik am klassischen Liberalismus und seinen angeblichen Exzessen ist weder neu noch originell. Angesichts von Staatsquoten von 50 Prozent und mehr in westlichen Industrieländern wirkt es jedenfalls nicht besonders glaubwürdig, dass der Liberalismus an einer zu starken Betonung der individuellen Freiheit gescheitert sein soll.
Interessanter sind Acemoglus Ausführungen zur künstlichen Intelligenz. Er fordert, die KI stärker darauf auszurichten, die Fähigkeiten insbesondere schlechter ausgebildeter Arbeitnehmer zu fördern. Wenn es um konkrete Vorschläge und Massnahmen geht, kommt Acemoglu allerdings auch hier nicht über Industriepolitik, Subventionen und neue Bürokratie hinaus.
Geteilter Wohlstand
Dahinter steht eine grundlegende Schwäche des Buches: Acemoglus Forderung nach einem «Working-Class Liberalism» basiert auf dem Strohmannargument, dass der klassische Liberalismus gegen Arbeiter sei. Doch der Liberalismus, richtig verstanden, muss sich nicht zwischen «pro Arbeiter» und «pro Kapitalisten» entscheiden – er fördert die Freiheit und den Wohlstand aller. Es ist der «geteilte Wohlstand», den Acemoglu immer wieder betont – ein an sich richtiges und wichtiges Ziel. Doch sein Weg dahin – der «Working-Class Liberalism» – bleibt schwammig. Wo er konkret wird, sind es bekannte linksliberale bis sozialdemokratische Forderungen in neuer Verpackung.
«Acemoglus Forderung nach einem «Working-Class Liberalism» basiert auf dem Strohmannargument, dass der klassische Liberalismus gegen Arbeiter sei.»
Das kann man machen. Aber es überzeugt nicht. Dass der Liberalismus mit der Forderung nach neuen staatlichen Eingriffen zu seinen wahren Werten und zum politischen Erfolg zurückfinden könnte, ist – vorsichtig formuliert – eine sehr optimistische Sicht.
Daron Acemoglu: What Happened to Liberal Democracy? Remaking a Politics of Shared Prosperity. New York: Dutton, 2026.