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Wenn alles politisch ist, ist alles schlechter

Wetter, Essen, Automarke: Fast alles wird politisch. Ideologie ist für viele Teil der Identität. Das schadet allen.

Eine Einladung zum Grillfest wird zum politischen Spiessrutenlauf: Wer Fleisch anbietet, macht sich verdächtig; wer kein Fleisch anbietet, genauso; wer gemischte Grilladen auftischt, gilt beiden Seiten als Verräter. Bild: Unsplash.

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Ein Berufskollege heulte nach der letzten US-Präsidentschaftswahl, dass seine sechsjährige Tochter nicht die Wahl der ersten Frau zum amerikanischen Staatsoberhaupt erleben durfte – stattdessen sei ein «Faschist» gewählt worden. Es soll hier nicht darum gehen, ob Donald Trump der Definition von «Faschist» gerecht wird; der Begriff wird inzwischen ziemlich willkürlich auf alles angewandt, was nicht der eigenen Weltanschauung entspricht. Doch ich fragte mich, ob es dem Kollegen wirklich um seine Tochter ging oder eher um sich selbst. Die Nichtwahl von Kamala Harris dürfte dem Mädchen jedenfalls weit weniger geschadet haben als die miese Laune ihres Vaters.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Leute über Dinge aufregen können, die Tausende Kilometer weit weg passieren und keinen Einfluss auf ihr Leben haben. Besonders befremdlich ist, wie politische Befindlichkeiten inzwischen den Alltag bestimmen. Es gibt Leute, die ihren Tesla verkaufen, weil sie Elon Musks politische Haltung ablehnen. Jedes Gespräch übers Wetter driftet in eine Debatte zur Klimapolitik ab. Eine Einladung zum Grillfest wird zum politischen Spiessrutenlauf: Wer Fleisch anbietet, macht sich verdächtig; wer kein Fleisch anbietet, genauso; wer gemischte Grilladen auftischt, gilt beiden Seiten als Verräter.

Ich interessiere mich für Politik, seit ich denken kann. Meine Leidenschaft für das Thema führte dazu, dass ich Politikwissenschaft studierte. Ich beschäftigte mich mein ganzes Berufsleben mit Politik. Doch je länger ich das tue, desto irritierter bin ich darüber, wie manche Leute Politik zu ihrem Lebensinhalt machen. Für viele ist Politik nicht länger ein Interessenbereich neben Arbeit, Familie und Hobbys, sondern Teil ihrer Identität geworden.

Eine Rolle dürfte die Technologie spielen: Dank dem Internet ist es so einfach wie nie, sich zu vernetzen – aber auch so einfach wie nie, sich ausschliesslich in der eigenen Blase zu bewegen. In den Social-Media-Feed ergiesst sich ein permanenter Schwall von Inhalten, die Empörung und Wut über die andere politische Seite triggern.

Verstärkt wird diese Tendenz durch kulturelle Veränderungen. Infolge der Individualisierung und des Rückgangs der Religion in der Gesellschaft suchen die Menschen nach anderen Formen der Zugehörigkeit. Viele finden sie in politischen Stämmen. Das erklärt, warum sich Leute derart über politische Ereignisse ereifern können, die sie persönlich nicht betreffen.

Die Autonomie geht verloren

Ich fordere daher etwas, das mir früher nie in den Sinn gekommen wäre: Entpolitisierung.

Je mehr wir der Politik erlauben, in private Bereiche vorzustossen, desto weniger Autonomie muten wir uns selber zu. Was früher selbstverantwortlich von Familien, Nachbarschaften oder Vereinen organisiert wurde – etwa Kinderbetreuung, lokale Festlichkeiten oder soziale Fürsorge –, gelangt nun in die Hände des Staates. Und weil der Staat in immer mehr Bereiche eingreift, wird alles politisch.

Je mehr wir der Politik erlauben, in private Bereiche vorzustossen, desto weniger Autonomie muten wir uns selber zu.

Wir müssen aber nicht nur bei Institutionen und Regulierungen ansetzen, sondern auch bei uns selber. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk postulierte einst (in Bezugnahme auf ein Gedicht von Rilke): «Du musst dein Leben ändern.» Auf die Politisierung des Alltags gemünzt: «Du musst dein Leben entpolitisieren.»

Der Mensch ist ein politisches Tier. Sich mit gemeinsamen Belangen zu beschäftigen, ist richtig und wichtig. Falsch ist es hingegen, wenn politische Positionen die eigene Identität bestimmen – und wenn die Beschäftigung mit Politik auf Kosten von Familie, Freundschaften oder der eigenen psychischen Gesundheit geht. Wenn alles politisch ist, ist alles schlechter.

Weil der Staat in immer mehr Bereiche eingreift, wird alles politisch.

Gehen Sie viermal im Jahr abstimmen, statt vier Stunden am Tag politische Debatten auf Social Media zu verfolgen. Treten Sie einem Verein bei, statt einem Influencer auf YouTube zuzuschauen. Sehen Sie Politik wieder als eine Angelegenheit vernunftbegabter Individuen. Als Mittel zum Zweck einer lebenswerten Gesellschaft. Und nicht als Selbstzweck, der uns auseinandertreibt und unser Leben kontrolliert.

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