Das algorithmische Zeitalter trägt die Holocaustleugnung in die Mitte der Gesellschaft – das ist für Historiker eine bittere Niederlage. Als wir beide uns vor 15 Jahren in Harvard begegneten, war der eine Professor für neuere Geschichte, der andere ein Student im Grundstudium, den die Zukunft der künstlichen Intelligenz interessierte. Der Ältere von uns hatte eine Reihe von Büchern veröffentlicht, die um eine der wichtigsten und hartnäckigsten Fragen des 19. und 20. Jahrhunderts kreisten: Warum löste die erfolgreiche wirtschaftliche und soziale Integration der Juden nach ihrer Emanzipation oder ihrer Auswanderung nach Westen eine derart giftige Gegenreaktion aus?
Ich (Ferguson) hatte eine Geschichte der Bankiersdynastie Rothschild und eine Biografie Siegmund Warburgs geschrieben. Ich hatte die deutsche Hyperinflation von 1923 und ihre zersetzende Wirkung auf die Weimarer Republik untersucht. Ich hatte Bücher über die beiden Weltkriege verfasst; eines davon – «The War of the World» – bot eine neuartige Deutung des Holocaust als eine (die schlimmste) einer ganzen Reihe von Episoden von Massenmorden. Ich habe über diese Fragen nicht nur in Harvard und an anderen Universitäten doziert, sondern auch versucht, ein möglichst breites Publikum zu erreichen: mit Journalismus und Rundfunkarbeit, mit über 30 Stunden Dokumentarfilmen für PBS in den USA sowie Channel 4 und die BBC in Grossbritannien.
Mein Antrieb war, dafür zu sorgen, dass die Bürger die Lehren der Geschichte lernen – darunter die zentrale Lehre, dass antisemitische Rhetorik in genozidale Realität übersetzt werden kann, wenn ein moderner Staat sie sich zu eigen macht. Doch heute sehe ich, wie dieser Hass normalisiert und der Holocaust verharmlost wird. Populäre und einflussreiche Konservative wie Tucker Carlson und das Umfeld der Conservative Political Action Conference (CPAC) dulden inzwischen Leute, die mit Nazi-Revisionismus hausieren. Und das Gift, das Radikalisierer wie Nick Fuentes jungen Konservativen verabreichen, ist noch schlimmer als die klassische Holocaustleugnung. Sie leugnen den Holocaust weniger, als dass sie ihn verspotten und feiern.
Während die künstliche Intelligenz die sozialen Netzwerke durchdringt, breitet sich diese Art von Antigeschichte aus wie ein Krebsgeschwür. Mehr als eine Generation, nachdem William F. Buckley ihn aus dem amerikanischen Konservatismus ausgemerzt hatte, ist der Antisemitismus zurück – nicht nur am rechten Rand, sondern auch am linken, wo seine Vertreter ihn geschickt mit Antizionismus und Antikapitalismus vermengen. Da gerade junge Wähler für diese Strömungen anfällig sind, sind die Folgen für die Zukunft der amerikanischen Politik beklemmend.
Als Historiker muss ich zugeben: Ich bin vollkommen gescheitert. (Das gebe ich nicht leichthin zu.) Und deshalb tue ich mich mit dem jüngeren Technikforscher Levin zusammen, um eine Erklärung anzubieten – und ein Gegenmittel, falls es eines gibt.
Der Aufstieg der «Antigeschichte»
Die Rückkehr der Holocaustleugnung haben wir nicht vorausgesehen. Von den 1960er- bis in die 2000er-Jahre war sie im Wesentlichen eine Übung in historischem Betrug, begangen von Spinnern. In schäbigen Büros an Einkaufsstrassen und in Vorstadtkellern produzierten eine Handvoll zwielichtiger Denkfabriken und einzelne Wirrköpfe hektografierte Zeitschriften und dicke Bücher im Selbstverlag, welche die erdrückende Beweislage bestritten, wonach die Nazis einen industriell organisierten Völkermord an rund sechs Millionen Menschen verübt hatten.
Diese Traktate waren voller Verzerrungen und Lügen, ahmten aber häufig die Form seriöser Geschichtsschreibung nach, um die Leser von Tatsachenbehauptungen über Dinge wie Lohnabrechnungen der Waffen-SS oder die Logistik der Krematorien in den Vernichtungslagern zu überzeugen. Diese Konkretheit machte sie sowohl wissenschaftlich widerlegbar als auch juristisch angreifbar. Und das Ganze war zutiefst uncool – kaum jemand wollte sich mit einem ungewaschenen Typen, der selbstgedruckte Schriften aus dem Kofferraum seines verlotterten Autos verteilte, in die Chemie von Zyklon-B-Gas vertiefen.
Im Podcast-Boom der späten 2010er-Jahre entstand dagegen die «Antigeschichte» – eine neue Spielart der Holocaustleugnung, die die Fesseln von Zitaten und Fussnoten gänzlich abstreifte, zugunsten ungezügelter YouTube-Tiraden und kantiger Rumble-Livestreams. Ihre Aushängeschilder waren gepflegt und umgänglich. Sie umgarnten ihr Publikum mit dem transgressiven Reiz vermeintlich verbotenen Wissens.
Der von Carlson Ende 2024 als «bester und ehrlichster Populärhistoriker» Amerikas präsentierte Antihistoriker Darryl Cooper sprang direkt zu explosiven moralischen Schlüssen: «Churchill war der Hauptschurke des Zweiten Weltkriegs.» Zwar seien «Millionen von Menschen» in Adolf Hitlers Lagern zu Tode gekommen, so Cooper, doch die Nazis hätten schlicht die Logistik falsch eingeschätzt, so viele Gefangene zu machen, und sie deshalb womöglich getötet, um ihnen auf humane Weise die Qualen des Verhungerns zu ersparen.
Nachdem sie ihre Bomben gezündet hatten, zogen sich solche Antihistoriker meist zurück, sobald echte Wissenschafter sie herausforderten; sie räumten vage einige Naziverbrechen ein und beteuerten, sie seien ganz normale Leute, die «bloss Fragen stellen».
Die Millennial- und Gen-Z-Scharfmacher, die ihnen in der TikTok-Ära folgten, haben selbst diesen Vorwand rasch fallengelassen. Sie leugnen den Holocaust in erster Linie nicht, indem sie historische Ereignisse bestreiten, sondern indem sie dreist bezweifeln, dass die Massenermordung der Juden überhaupt falsch war. Myron Gaines, ein führender Influencer der Bewegung für «Männerrechte», dessen machohafte Finanz- und Datingratschläge ihm allein auf YouTube über eine Viertelmilliarde Aufrufe eingebracht haben, nimmt kein Blatt vor den Mund: «Ja, wir mögen Hitler», postete er im Oktober letzten Jahres auf X. «Es interessiert niemanden mehr, was ihr woken Juden denkt. [Hitler] war ein revolutionärer Führer und hat Deutschland gerettet. Die Juden haben Deutschland zuerst den Krieg erklärt.»
In einer Folge von Gaines’ «Fresh&Fit Podcast» aus dem Jahr 2025 kam das Gespräch auf den Einfluss der Juden im heutigen Amerika. Gaines’ Co-Moderator Walter Weekes fragte: «Wie erledigen wir sie?» Der Gast Kadriyanna James warf ein: «Wir müssen die Mistkerle umbringen.» Das ursprüngliche Video wurde gelöscht, doch die viralen Ausschnitte verbreiteten sich über die sozialen Medien.
«Hitler war grossartig»
Doch die meisten jungen Männer haben genug «Call of Duty» gespielt, um zu wissen, dass solch offen blutrünstige Hakenkreuzträger nicht die Guten sein können. Und hier kommt Nick Fuentes ins Spiel. Der 27-jährige Rumble-Streamer, der 2017 mit seiner Teilnahme an der Kundgebung weisser Rassisten in Charlottesville erstmals rechtsextreme Bekanntheit erlangte, inszeniert sich als geschichtskundiger Verkünder der Wahrheit. Anders als Konkurrenten, die in Red-Bull-übersäten Schlafzimmern über ihre Webcams gebeugt sitzen, gibt er sich als Retrotalkshow: Anzug und Krawatte, geschmackvolles Set, warmes Licht, hochwertige Kamera. Fünf Abende pro Woche versammelt sich seine millionenstarke Anhängerschaft, um zuzusehen, wie Fuentes zwei bis drei Stunden lang auf die Nachrichten reagiert und über Popkulturdramen sinniert, bevor er direkt mit den Fans über «Superchats» interagiert, für die sie ihn fürstlich bezahlen.
Doch wenn man einen von ihnen bittet, Fuentes’ Ideen zu erklären, fällt die Antwort meist hoffnungslos vage aus. «Das musst du dir selber anschauen», heisst es dann, samt einem Video, das länger ist als «Lawrence von Arabien».
«Wer eine dreistündige Vorlesung über Geschichte oder Naturwissenschaft hört, kann einem Freund die Kernpunkte zusammenfassen, auch wenn er sich nicht an jedes Detail erinnert. Aus Darbietungen wie einer Fuentes-Show dagegen lässt sich nichts zusammenfassen.»
Das ist ein verräterisches Zeichen – ein Hinweis darauf, dass die eigentliche Anziehungskraft nicht in Belegen oder Argumenten liegt, sondern in den Emotionen, die Fuentes weckt. Wer eine dreistündige Vorlesung über Geschichte oder Naturwissenschaft hört, kann einem Freund die Kernpunkte zusammenfassen, auch wenn er sich nicht an jedes Detail erinnert. Aus Darbietungen wie einer Fuentes-Show dagegen lässt sich nichts zusammenfassen. Genüsslich schleudert er das N-Wort heraus und entrollt mit Beschimpfungen gespickte Tiraden gegen Transsexuelle, Schwule, Muslime, Inder, Schwarze, Juden und Frauen – eine Sprache, von der seine weissen männlichen Zuhörer wissen, dass sie ihnen die Kündigung einbringen würde. Oft ist die Anstössigkeit von jeder Ideologie losgelöst, etwa Fuentes’ jüngste Feststellung, der Kinderhändler Jeffrey Epstein sei «verdammt cool» gewesen. Er inszeniert sich als einer, der sein Publikum – insbesondere «unfreiwillig zölibatäre» (Incel-)Männer der Generation Z – von all den Normen befreit, die sie als Zumutung empfinden.
Unter diesem Vorwand liefert Fuentes seinen Zuschauern das Feigenblatt, virulenten Hass als grossen Witz zu behandeln, bei dem alle mitmachen. Er lobt die Rassentrennung der Jim-Crow-Ära, bewundert Josef Stalin, preist die Taliban und ruft nach einer amerikanischen Diktatur. Aber alles ist in ironische 4chan-Memes verpackt und mit Geplauder über «Star Wars», Taylor Swift und den Barbie-Film durchsetzt. Fuentes bricht also bloss ein weiteres Tabu, wenn er sagt: «Hitler war grossartig», «Hitler hatte recht» und «Der Holocaust hat nicht stattgefunden».
Der Hauptzweck ist nicht, die Leute von dieser Tatsachenbehauptung zu überzeugen. Er besteht darin, sie das Thema als moralisch belanglos verwerfen zu lassen – und jene, denen die Naziverbrechen etwas bedeuten, als peinliche, weltfremde Moralapostel dastehen zu lassen.
Im vergangenen Dezember lud Piers Morgan Fuentes in seine YouTube-Sendung ein und konfrontierte ihn mit seiner Geschichte der Holocaustleugnung. Fuentes schien seine Ansicht über die Zahl der ermordeten Juden zu widerrufen. «Es sind mindestens sechs Millionen», sagte er ausdruckslos. «Aber es könnten hundertmal so viele sein.» Morgan überhörte die Ironie völlig. Er spielte einen alten Clip ab, in dem sein Gast Witze machte, die den Holocaust verharmlosten. «Sie finden das lustig?», fragte Morgan empört und baute damit auf, was normalerweise ein rhetorischer Volltreffer wäre. Fuentes grinste bloss zurück: «Wieso, zu früh?»
Die Kids, die im Livechat zusahen, reagierten, als hätten sie einen Knock-out im Schwergewicht gesehen. Morgan legte nach mit einem Ausschnitt, in dem der britische Journalist Danny Finkelstein bewegt schilderte, Hitler habe «versucht, meine Mutter verhungern zu lassen, und meine Grossmutter hat er verhungern lassen». Fuentes höhnte: «Meine Generation hat einfach genug von diesem Empörungsgetue.» Und er äffte Finkelstein im Singsang nach: «Meine Mama! Meine Mama! Meine Mama wurde von Hitler umgebracht!»
Die Höhepunkte des Schlagabtauschs überschwemmten über Nacht die sozialen Medien. Aus dem Zusammenhang gerissen, transportierten die Soundbites auf TikTok und Instagram Reels kein einziges historisches Argument. Millionen sahen einen jungen, forschen, charismatischen Aussenseiter, der einen mit dem Boomer-Establishment identifizierten Moderator vorführte. Und wer einmal zu schauen begann, kam kaum wieder los. Fuentes tanzt auf dem Grat zwischen eindeutig ernst und eindeutig gescherzt und beteuert: «Ich hasse niemanden. Ich hasse keine Juden» – während er zugleich fordert, die amerikanischen Juden zusammenzutreiben und in den Nahen Osten abzuschieben.
Kryptische Aufrufe zum Massenmord
Nichts davon wäre vor den sozialen Medien möglich gewesen – oder, genauer gesagt, vor den algorithmischen Medien. Die Algorithmen sind darauf trainiert, das Nutzerengagement zu maximieren: Kennzahlen wie Watch Time, Likes, Kommentare und Shares. Plattformen, die Werbeplätze verkaufen wollen, brauchen Stars, die Zuschauer anziehen und sie stundenlang unter einem Video miteinander streiten lassen.
Obwohl Fuentes selbst wegen Verstössen gegen die Nutzungsbedingungen auf den meisten grossen Plattformen gesperrt ist, scheinen die Unternehmen die Einnahmen aus Clips von ihm – und aus Clips von Leuten, die auf diese Clips reagieren (und so weiter, oft mehrere Ebenen tief) – gerne einzustreichen. Nun kommt die KI hinzu. Seit dem ursprünglichen Facebook-Newsfeed ist die von den Plattformen eingesetzte KI ungleich raffinierter geworden. Sie fischt solche «Rage Bait»-Videos systematisch aus der Obskurität und spielt sie genau jenen Nutzern zu, die am ehesten darauf reagieren – in einem Ausmass, mit einer Geschwindigkeit und einer Präzision, die vor zehn Jahren undenkbar waren.
Die Benutzeroberfläche der App mag gleich aussehen, doch zeigt man Interesse an einem Fuentes-Clip, ist schon bald jedes zweite Video eine Tirade darüber, dass die Juden (oder die Schwarzen oder schlampige Frauen oder die Demokraten) Amerika ruinierten. Die Plattform belohnt jedoch Kürze, und so bewirbt der Algorithmus bald immer knappere Inhalte, die von einem kohärenten Argument immer weiter entfernt sind. Zunehmend beliebt sind fünf- bis neunsekündige Aufnahmen eines pronazistischen Influencers wie «Dilano» oder «Lawst», der wortlos in seine Frontkamera grimassiert und sich dann ins Auge stupst – ein Signal, die jüdische Weltherrschaft zu «bemerken».
Im Trend liegen auch nostalgische Bilder gotischer Kathedralen oder glücklicher Weisser in der Vorstadtidylle der 1950er-Jahre, unpassend kombiniert mit dröhnendem Techno und Parolen wie «TAKE EUROPE BACK». Für Gesundheitsbewusste warnen manche Posts vor «Goyslop» – ultraverarbeiteten Lebensmitteln, die angeblich von Juden vermarktet werden, um die Nichtjuden zu vergiften. Wer noch weiter in diese Welt eintaucht, stösst auf Karikaturen böser Juden oder alte Nazikunst mit arischen Soldaten, betitelt mit Chiffren der Holocaustleugnung wie «271 000» (angeblich die wahre Zahl der Toten) oder «McGraw-Hill» (die Vorstellung, jüdische Schulbuchverlage hätten den Völkermord erfunden). In den tiefsten Bilgen des Algorithmus stehen Gewaltaufrufe, welche die Moderationssoftware der Plattform oft mit einer friedlichen Alpenlandschaft und einer buchstabenverdrehten Anstiftung umgibt: «Jill kews».
Zunehmend nutzen die Urheber solcher Inhalte KI-generierte Bilder, um die emotionale Wucht der Botschaft zu steigern: harmlose Szenen, die sich in riesige Hakenkreuze verwandeln, wenn man die Augen entspannt, oder erfundene Szenarien mit engelsgleichen blonden Mädchen, umringt von dunkelhäutigen Vergewaltigern. Realistische Deepfakes zeigen jüdische Prominente mit aufwiegelnden Äusserungen oder Horden von Wilden, die durch eine Stadt toben. Und seit 2024 wird KI dazu benutzt, den Führer selbst wiederauferstehen zu lassen. Virale Videos übersetzen Hitlers Reden mit seiner eigenen Stimme und seinem Duktus ins Englische. Kürzlich haben wir uns versuchsweise ein paar rechtslastige TikTok-Videos angesehen. Sechs der nächsten zehn Videos, die uns der Algorithmus servierte, zeigten Hitler-Reden.
Bots übernehmen den Job der Trolle
Noch alarmierender als die Beiträge selbst ist der Eindruck, dass in den Kommentarspalten fast alle zustimmen.
Aber stimmt das?
Klickt man ein paar Konten an, die fordern, alle «Third Worlders» abzuschieben oder Transmenschen in den Häcksler zu werfen, fällt eine unheimliche Gleichförmigkeit auf: hashtaggespickte Profiltexte wie «Patriotic American», «army veteran», «mom of 6. #MAGA #Christian», generische Nutzernamen wie «AmericaDirst1488» oder «Alex5932934713», leere Profilbilder oder Fotos eines kantigen Mannes oder einer bildschönen Frau, die spezialisierte Software als wahrscheinlich KI-generiert markiert. Vielfach handelt es sich um ungepflegte Jugendliche irgendwo in Eurasien, die in einer schmuddeligen Trollfabrik für ein paar Rappen schuften.
Ein wachsender Anteil sind jedoch autonome Bots, deren Überzeugungskraft rasch zunimmt, je klüger die KI wird. Die Bots von gestern konnten Nasen-Emojis spammen («diese Person ist Jude») oder GIFs tanzender Chassiden («die Juden stecken dahinter»). Die Bots von heute können Kommentare lesen und emotional treffende Antworten schreiben wie: «Ich fühle mit dir. Meine Schwester wurde auch von einem Juden vergewaltigt.» Die Bots von morgen werden dauerhafte Beziehungen zu Nutzern aufbauen und deren persönliche Ängste gezielt bespielen.
Diese Armee von Bots erzeugt die mächtige Illusion eines Konsenses. Gerade für junge Menschen legitimiert der Anblick einer grossen Menge, die solche Botschaften bekräftigt, diese Botschaften – und weckt bei jenen, die sich anschliessen, Zugehörigkeitsgefühle. Was mit KI-Manipulation beginnt, zieht bald ganz reale Amerikaner hinein – nicht nur die Incels, sondern auch deren Freunde und Familienangehörige. Manche posten «Der österreichische Maler [Hitler] hatte recht» oder «6MWE» («six million wasn’t enough») unter ihrem echten Namen oder von ihrem Geschäftskonto aus, mit lächelnden Profilbildern, auf denen sie Ehepartner und Kinder umarmen.
Solches Verhalten mag unter Videos zur Holocaustleugnung beginnen, greift aber rasch auf die Kommentarspalten konservativer Mainstream-Seiten über, etwa jene von Tucker Carlson, Turning Point USA und The Babylon Bee. Viele MAGA-Influencer stellen inzwischen fest, dass antisemitische Memes zu den meistgelikten Kommentaren unter ihren Videos gehören. Manche kämpfen aufrichtig darum, diese Kloake zu löschen, sobald sie gepostet wird. Manche nicht.
Die Kontrolle der Plattformen funktioniert nicht
Die Folgen für die TikTok-Generation sind alarmierend. Junge Amerikaner sind deutlich antisemitischer als ihre Eltern und Grosseltern: 18 Prozent der Wähler zwischen 18 und 22 Jahren sagen, die jüdische Gemeinschaft habe sich negativ auf die Vereinigten Staaten ausgewirkt – gegenüber rund 6 Prozent bei den über 45-Jährigen. Zwar vertreten sowohl linke wie rechte Radikale solche Ansichten weit häufiger als die Gesamtbevölkerung, doch das Hufeisen ist nicht symmetrisch. Die 18- bis 34-Jährigen wurden gefragt, ob sie mindestens einer aus einer Reihe antisemitischer Aussagen zustimmten, etwa «Juden in den Vereinigten Staaten haben zu viel Macht». Unter den «extrem konservativen» Wählern stimmten 64 Prozent mindestens einer zu, gegenüber lediglich 34 Prozent der «extrem linken». Der Fuentes-Effekt in dieser Altersgruppe ist offensichtlich – ältere, extrem konservative Wähler waren nicht signifikant antisemitischer als die Wählerschaft insgesamt.
«Selbst unter Mainstream-Republikanern bezeichnet sich eine beachtliche Minderheit junger Mitarbeiter in Washington als Fuentes-nahe ‹Groyper› und prägt damit die Rhetorik der Partei im Vorfeld der Zwischenwahlen im November.»
Der Iran-Krieg hat diese Stimmungen an die Oberfläche gespült. Als junge MAGA-Wähler online ihrer Ernüchterung über den Krieg Luft machten – innerhalb eines Monats nach Kriegsbeginn befürworteten ihn nur noch 49 Prozent der Republikaner zwischen 18 und 29 Jahren gegenüber 84 Prozent der über 65-Jährigen –, konnten führende Hassprediger ihre Botschaft, die Juden verursachten alle Kriege, einem gewaltigen neuen Publikum verkaufen. Das schlägt bereits auf die Offline-Politik durch. In der republikanischen Vorwahl um das Gouverneursamt in Florida hat eine Empfehlung von Fuentes den rechtsextremen Provokateur James Fishback – der gegen «Goyslop» wettert und sagte, ein schwarzer Journalist gehöre «gelyncht» – einen Monat vor dem Urnengang auf den zweiten Platz katapultiert. Selbst unter Mainstream-Republikanern bezeichnet sich eine beachtliche Minderheit junger Mitarbeiter in Washington als Fuentes-nahe «Groyper» und prägt damit die Rhetorik der Partei im Vorfeld der Zwischenwahlen im November.
Trotz Beteuerungen, sie nähmen das Problem ernst, verlieren die algorithmischen Medienkonzerne die Kontrolle. Sie investieren schlicht nicht genug in jene starke «Immunsystem»-KI, die sie bräuchten, um mit den neuesten Bots und ihren neonazistischen Schöpfern Schritt zu halten. Stattdessen setzen Meta, TikTok und X weiterhin auf veraltete Moderations-KI und haben sich allesamt crowdgesourcten «Community Notes» beziehungsweise «Footnotes» zugewandt, mit denen Nutzer falsche Aussagen melden und darüber abstimmen können, ob ein Faktencheck angehängt wird. So könne, beteuerte Elon Musk, «jemand, der eine Unwahrheit verbreitet, etwa Holocaustleugnung, unverzüglich korrigiert werden».
Es funktioniert nicht. Das Center for Countering Digital Hate schätzte, dass es von Februar 2024 bis Januar 2025 auf X fast 680 000 antisemitische Beiträge gab, die vermutlich gegen die Hassrederegeln der Plattform verstiessen und 193 Millionen Aufrufe erzielten. Das Zentrum identifizierte die 100 meistgesehenen Beiträge mit Holocaustleugnung und stellte fest, dass nur zwei eine sichtbare Community Note trugen. Und selbst wenn Beiträge markiert wurden, hatten sie rund 80 Prozent ihrer Gesamtaufrufe bereits gesammelt, bevor der Hinweis erschien. Auch Zensur und Sperren sind weitgehend gescheitert. Dezentrale Hassnetzwerke wie «NazTok» sind führerlos und widerstandsfähig; löscht der Konzern das Konto eines Augenstupsers, treten andere wie Hydraköpfe an seine Stelle.
Kurz: Wir stehen vor der bislang grössten Herausforderung für das Bekenntnis des Westens zur Meinungsfreiheit – einem KI-getriebenen Angriff auf die historische Wahrheit.
«Wir leben nicht mehr in jener Welt, in der Christopher Browning und Richard Evans die Verzerrungen der Holocaustleugnung in David Irvings Büchern forensisch offenlegen konnten, sodass Irving seinen Verleumdungsprozess gegen Deborah Lipstadt und Penguin Books im Jahr 2000 verlor.»
Selbstverständlich haben Menschen in Amerika das Recht, auch die abstossendsten Ansichten zu vertreten und Unwahrheiten friedlich mit jenen zu teilen, die zuhören wollen. Und wir können weiterhin versuchen, gewöhnliche Antigeschichte mit Fakten zu bekämpfen. Aber wir leben nicht mehr in jener Welt, in der Christopher Browning und Richard Evans die Verzerrungen der Holocaustleugnung in David Irvings Büchern forensisch offenlegen konnten, sodass Irving seinen Verleumdungsprozess gegen Deborah Lipstadt und Penguin Books im Jahr 2000 verlor. Wenn Holocaustleugnung als achtsekündiges Selfie eines Teenagers, der sich ins Auge stupst, direkt in den visuellen Kortex gestrahlt wird, gibt es nichts zu widerlegen und kein Gegenargument zu formulieren. In der Zeit, die man braucht, um zu sagen: «Im Gegenteil, wie Raul Hilberg in seinem magistralen Werk überzeugend gezeigt hat ...», ist ein reizhungriger Zoomer längst beim nächsten Video.
«Als John Milton, John Locke und John Stuart Mill für die Meinungsfreiheit stritten, konnte keiner von ihnen eine derart verschmutzte Öffentlichkeit voraussehen.»
Die Bedrohung durch Leute wie Fuentes wäre vielleicht zu überleben, wenn die Nutzer nur mit echten Menschen interagierten. Doch sie werden von einem Tsunami aus KI-Schrott und mikrogezielten «Rage Baits» überschwemmt, auf Plattformen, deren Algorithmen ein «Bitte hört auf, den Mord an meiner Grossmutter zu verspotten :(» als Engagement belohnen. Wie laut die Nutzer aus Fleisch und Blut auch schreien: Sie werden zwangsläufig von einem Chor lebensechter Bots übertönt, die darauf programmiert sind, das Gespräch zu kapern. Als John Milton, John Locke und John Stuart Mill für die Meinungsfreiheit stritten, konnte keiner von ihnen eine derart verschmutzte Öffentlichkeit voraussehen.
Die Algorithmen spiegeln unsere Laster
Dieses Problem wird sehr schwer zu lösen sein. KI ist bereits klug genug, um die meisten CAPTCHAs zu überwinden – jene «Wählen Sie alle Felder mit Ampeln»-Tests, an denen altmodische Bots einst scheiterten. Und die Tests lassen sich kaum schwieriger machen, ohne viele echte Menschen auszusperren, besonders ältere oder behinderte Nutzer. Sobald die KI die allgemeine Intelligenz des Menschen erreicht – wahrscheinlich gegen Ende dieses Jahrzehnts –, werden solche Fähigkeitstests vollends wertlos sein.
Wir werden daher robuste neue Nachweise der Menschlichkeit brauchen. Eine Möglichkeit besteht darin, von den Nutzern eine Authentifizierung mit einem sicheren Dokument zu verlangen, etwa einem Pass oder der in Grossbritannien geplanten «BritCard». Doch das könnte die Anonymität zerstören und Regierungen in die Lage versetzen – und dazu verlocken –, Dissidenten zu überwachen und zu verfolgen. Vielversprechender sind dezentrale Technologien, die echte Menschen biometrisch authentifizieren, ohne ihre Namen preiszugeben. Vorerst bleiben aber auch diese Lösungen recht mangelhaft.
Kein Eingriff von oben kann uns aus dieser Lage retten. Wir können uns nicht aus einer zutiefst menschlichen Wahrheit herausingenieuren: Die Algorithmen spiegeln uns unsere eigenen Laster zurück – und verstärken sie. Solange wir unseren zornigen Impulsen nachgeben, werden wir mehr «Rage Baits» sehen, die sie anheizen. Solange wir unserer kurzen Aufmerksamkeitsspanne nachgeben, werden unsere Newsfeeds unsere Gehirne mit Dopamin bombardieren. Solange wir schmeichelhafte Lügen in uns hineinschütten, wird die Wahrheit von der Propaganda vom Bildschirm gedrängt.
«Letztlich ist das einzige Bollwerk gegen Demagogen ein Volk, das tugendhaft genug ist, ihrer Verlockung zu widerstehen.»
Das ist ein klassisches Problem kollektiven Handelns. Wenn Sie einen Big Mac essen, macht das anderes nicht ungesund. Doch wenn Sie «Rage Baits»-Videos anschauen, verschmutzen Sie nicht nur Ihre eigene Informationszufuhr, sondern weisen den Algorithmus auch an, diesen Inhalt Ihren Freunden und Nachbarn zuzuspielen. Ebenso wie wir das Littering, das Rauchen in Innenräumen oder das ungeschützte Niesen im vollen Lift ächten, müssen wir lernen, jene Laster zu ächten, die unsere gemeinsame digitale Umwelt verpesten. Wir müssen ein geteiltes Bewusstsein moralischer Verantwortung dafür zurückgewinnen, nicht zu jenen Bedingungen beizutragen, unter denen ein Fuentes gedeiht. Es ist eine Lektion, die bis zu Kleon im antiken Athen zurückreicht. Letztlich ist, wie Platon und Aristoteles erkannten, das einzige Bollwerk gegen Demagogen ein Volk, das tugendhaft genug ist, ihrer Verlockung zu widerstehen.
Wir hoffen inständig, dass die Amerikaner noch tugendhaft sein können. Philosophen, Künstler und geistliche Führer mögen uns noch auf den Pfad der Tugend zurückrufen. Aber das liegt an ihnen. Angesichts einer Lawine KI-getriebener Antigeschichte sind die echten Historiker machtlos. Wir dachten, wir könnten einen fairen Kampf zur Frage gewinnen, was in der Vergangenheit wirklich geschehen ist. Wir glaubten naiv, wenn wir nur in die richtigen Archive gingen, die richtigen Dokumente läsen, sie mit den richtigen Fussnoten zusammenfassten und unsere wissenschaftlichen Bücher und begutachteten Aufsätze veröffentlichten, dann würden die Holocaustleugner vom Feld gefegt.
Was für Narren wir doch waren.
Dieser Text erschien zuerst bei «The Free Press». Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Leuzinger.