Kürzlich hörte ich im aufgeklärten Filz Zürichs folgenden Dialog: «J. D. Vance hat gute Chancen, nächster Präsident der USA zu werden.» – «Der ist gefährlicher als Trump – ein Opportunist und Katholik dazu.» – «Hast du seine Bücher gelesen?» – «Ja, aber nicht persönlich.» Nun, ich glaube, man sollte Bücher persönlich lesen, wenn man sich ein Bild von deren Autor machen will.
Das erste Buch von J. D. Vance, «Hillbilly Elegy», erschien 2016. Darin schilderte er seinen Weg aus ärmlichen Verhältnissen in den Appalachen bis zum Studium an der Yale University. Er wuchs in einer Grossfamilie in Kentucky und in Ohio auf; seine Familie war oftmals liebevoll, aber auch dysfunktional; Alkohol, Missbrauch und Drogen prägten den Alltag. Wie für viele junge Amerikaner aus solchen Verhältnissen waren die Armee und das später von der Armee finanzierte Studium in Columbus und Yale die Rettung.
«Hillbilly Elegy» liest sich wie die schnörkellose Biografie eines Dreissigjährigen, der für sich den amerikanischen Traum erfüllte. Das Buch wurde zum millionenfach verkauften Bestseller – und zum Sprungbrett einer spektakulären Politikerkarriere: Vance wurde berühmt, kandidierte 2022 erfolgreich als Senator von Ohio und wurde 2025 Vizepräsident der Vereinigten Staaten.
Nun ist Vances zweites Buch «Communion: Finding My Way Back to Faith» erschienen. Es legt eine spirituelle und kulturelle Tonspur über die Biografie und verlängert diese bis in die Gegenwart. Vance ist nun mehr als ein blosser Absolvent einer Elitehochschule: Er hat eine Karriere als Anwalt und Venture-Capital-Investor hinter sich, wurde Politiker, hat die indischstämmige Usha Chilukuri geheiratet und mit ihr vier Kinder in die Welt gesetzt. All die neuen Lebensstationen schildert er ausführlich und detailversessen, bis zum Kauf von Büchern darüber, wie man einem Baby Windeln anlegt (das steht eigentlich auf der Schachtel).
Keine halbherzige Rückkehr
Der wirklich interessante Teil ist indessen, was man den Bildungs- und Entwicklungsroman des J. D. Vance nennen möchte. Im Mittelpunkt stehen die Stufen seiner religiösen Entwicklung. Vance wurde in ein evangelikales Milieu hineingeboren, das geprägt war von der Southern Baptist Convention und der Pfingstbewegung. Er erfuhr das damit verbundene direkte Gotteserlebnis und eine Ethik der Solidarität durch seine Familie und besonders durch die Grossmutter, die er «Mamaw» nennt und die ihm noch heute, viele Jahre nach ihrem Tod, Stärke und Entschlossenheit vermittelt.
In den Jahren im Marine Corps und insbesondere während seines Einsatzes im Irak verliert er seinen Glauben und wird Atheist. Über die Jahre plagen ihn Zweifel. Er will nicht einfach zurück zu den Wurzeln, sondern sucht etwas, das ihm in Zeiten der Unsicherheit und des Chaos mehr Klarheit und intellektuelles Fundament gibt als seine evangelikale Herkunft. Ereignisse wie die Geburt seines ältesten Sohns, ein Spaziergang in einer leeren burgundischen Kathedrale und die Begegnung mit zwei Dominikanern weisen ihn in die Richtung des katholischen Glaubens. Er beschäftigt sich mit Augustinus und Thomas von Aquin, liest C. S. Lewis und René Girard. Im August 2019 lässt er sich von den Dominikanern taufen.
«Die religiösen Konversionen sind keine Brüche in der politischen Ausrichtung von Vance, sondern eine Modulation seiner Grundstimmung, die seit seiner Jugend sozialkonservativ ist.»
Seine Konversion ist nicht halbherzig, sondern integral: Er findet zum Gebet zu Jesus, zur Fürbitte bei den Heiligen, zur Akzeptanz der kirchlichen Lehre als Auslegungsinstanz der Offenbarung von Jesus Christus und der Bibel, zur Beichte (diese sei besser als Psychotherapie, meint er) und zur Kommunion als Ausdruck der Verbundenheit mit der Gemeinschaft wie auch zur christlichen Soziallehre, die er anhand der Enzyklika «Rerum Novarum» von Leo XIII. genau studiert.
Die religiösen Konversionen sind keine Brüche in der politischen Ausrichtung von Vance, sondern eine Modulation seiner Grundstimmung, die seit seiner Jugend sozialkonservativ ist. In der katholischen Soziallehre findet er präzise Eckpunkte für seine Politik: Bejahung der wirtschaftlichen Freiheit des Einzelnen bei gleichzeitiger Ausrichtung der Wirtschaft auf die Bedürfnisse des Menschen, gerechte Löhne, Unterstützung für die Gewerkschaften und Schutz der industriellen Basis.
Ein Kind seiner Generation
Ist Vance nun ein Opportunist? In gewisser Hinsicht ja. Seine Kehrtwendung vom harschen Kritiker zum Bewunderer von Trump, sein Abkanzeln von Wolodymyr Selenskyj im Weissen Haus, seine Philippika gegen Europa und einiges anderes muss man als kruden Opportunismus abtun, wenn man es vor dem Hintergrund seiner gediegenen und ausgewogenen Ausführungen in «Communion» sieht.
Interessanter ist Folgendes: Vance ist ganz und gar ein Kind seiner Generation. Er ist ein Suchender, Leidender und oftmals Belehrender. Wie viele seiner Altersgenossen wurde er geprägt durch 9/11, den unsinnigen Irakkrieg, das Smartphone, die Finanzkrise, Covid, den Verlust klarer Karriereaussichten und das Aufkommen eines radikalen Feminismus und Wokeismus.
Wie viele andere Millennials sieht Vance Unsicherheit und Chaos, Disruption, wenn nicht Apokalypse. Persönlich leidet er am Verschwinden des Christentums, am Niedergang der Familie, dem Kollaps der Geburtenrate, dem Verlust sinnvoller Jobs in der Mittelschicht bei gleichzeitiger irrwitziger Arbeitsbelastung der wirtschaftlichen Eliten. Er bedauert die geistige und emotionale Leere der digitalen Medien. Nicht zuletzt kämpft er damit, seine Position als Vater mit einem anspruchsvollen Beruf zu verbinden.
Alle seine Wanderungen in diesem Gewirr teilt er in einer Offenheit mit, die man je nach Gusto als befremdend oder als berührend beurteilen kann. In jedem Fall muss man ihm zugutehalten, dass er anders als viele seiner Altersgenossen das Chaos für sich entwirrt und im Glauben eine Richtlinie gefunden hat: Tiefe, Schönheit, Tradition und Hoffnung.
Dabei helfen ihm klare Fixpunkte in seinem Leben, die gelegentlich die Form von Fixierungen annehmen: Mamaw, seine Frau Usha, die er für ihre intellektuelle Lauterkeit bewundert, die Integrationskraft des Militärs und der Kirche. Er orientiert sich an Paulus von Tarsus, dem kraftvollen Apostel mit dem Schwert, und dem Evangelisten Matthäus und dessen Worten, dass man die Bäume an ihren Früchten erkenne. Er unterstreicht die Bedeutung der Lehren von Locke und Hobbes für das Funktionieren eines modernen Gemeinwesens.
Vielleicht wird Vance der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Dann wäre unsere Hoffnung, dass er den Opportunismus zügeln kann und seine im Buch dargelegten Werte und Ausrichtungen in seine Politik einfliessen lässt. Vance schreibt reflektiert und belesen, er ist ehrgeizig, sieht aber zugleich, dass grenzenloses Streben nach Ruhm, Anerkennung und Reichtum die Grundlagen der Familie und der Gesellschaft zerstört. Im besten aller Fälle wäre J. D. Vance ein Präsident, der nach zahllosen Jahren des Chaos und der ideologischen Hysterie wieder etwas Ruhe in das öffentliche Leben bringt.
Sein Buch jedenfalls bleibt ein komplexes Werk, das in den Analysen unserer Zeit oft allgemeingültig ist, aber in einer unkonventionellen Lösung endet: der Hinwendung zum katholischen Glauben.