Ausgabe 944 - Dezember 2005
Bedrohung und Behauptung westlicher Werte: Im Fokus: SAID
In dieser Ausgabe
Dossier
(10) Gefährdet der Islam europäische Werte?
Wenn die Demographen richtig prognostizieren, wird der Anteil der islamischen an der europäischen Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten rasant wachsen. Ob es gelingt, den Islam mit der europäischen Moderne zu vereinbaren, wird schon allein daher zu einer eigentlichen Schicksalsfrage.
(9) Human Rights Are Indivisible
Zu den Bedrohungen westlicher Werte gehört auch jene Spielart des kulturellen Relativismus, die unter Berufung auf autochthone Traditionen und Konventionen die Universalität von Menschenrechten negiert.
(8) Objectivité des valeurs et pluralisme culturel en
Jean Baechler nutzt Philosophie, Soziologie und Geschichte, um zu klären, wie Menschen verschiedener Kulturen zusammenleben und welche Unterschiede tolerierbar sind. Sein theoretisches Konzept überzeugt, doch die praktische Umsetzung stösst heute noch an Grenzen.
(7) Amerika und Europa: Eine Wertekonfrontation
Fast wie ein altes Ehepaar haben sich die Vereinigten Staaten und Europa mit den Jahren auseinandergelebt. Steht eine Trennung ins Haus? Die Besinnung auf Gemeinsamkeiten mag ebenso weiterhelfen wie das Anerkennen echter Unterschiede.
(6) Dialog der Kulturen heute
Die Verteidigung von Identität stiftenden Partikularismen einerseits und die fortgesetzte Suche nach neuen kulturellen Horizonten anderseits müssen sich als Tendenzen keineswegs widersprechen; es gibt auch das natürliche Nebeneinander.
(5) Islam und europäische Identität
Das gleichzeitige Auftreten eines islamistischen Terrorismus und von Einwanderungsströmen aus dem islamischen Raum hat in Europa auch in gesellschaftlichen Grundfragen eine tiefgreifende Verunsicherung mit sich gebracht.
(4) Individualismus und kollektive Bedürfnisse
Ob die fortschreitende Ökonomisierung des Lebens mit Notwendigkeit auf Kosten des Gemeinwohls gehen müsse, bleibt umstritten. Sicher ist, dass auch moderne, arbeitsteilige Dienstleistungsgesellschaften auf sympathiefähige und kooperationsbereite Menschen angewiesen sind.
(3) Folgen von Migration: Europäische Wege
Eindeutige Lösungen lassen sich nur finden, wenn ein klar definiertes Problem vorliegt. Gerade im Bereich der Migration aber gibt es sowohl bei der Beurteilung der Ausgangslage als auch bei der Abwägung von Handlungsoptionen eine «multikulturelle Vielfalt».
(2) Europäische Toleranz auf dem Prüfstand
Toleranz zu üben bedeutet letztlich, Balance zu halten zwischen Beharrungsvermögen und Wandlungsfähigkeit. Ohne Grenzen ist Toleranz nicht denkbar; für Unwiderrufliches ist entschlossen einzustehen. Gleichzeitig ist aber auch die Bereitschaft zu üben, eigene Positionen stets neu in Frage zu stellen.
(1) Zivilgesellschaft braucht Zivilcourage
Dass die Frage nach der Gefährdung westlicher Werte immer wieder aufgeworfen wird, deutet in sich schon eine gewisse Verunsicherung an, einen Mangel an Selbstsicherheit, wie er für die Schweiz und Europa heute symptomatisch ist.
(0) Bedrohung und Behauptung westlicher Werte
Der Verein für Zivilgesellschaft lud wieder Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur nach Ermatingen am Bodensee. In sechs Arbeitsgruppen diskutierten sie Ende Oktober, ob westliche Werte durch aktuelle Entwicklungen herausgefordert werden. Die wichtigsten Ergebnisse folgen.
Aktuelle Debatten
Richtlinie Bolkestein: Grabstein eines «sozialen» Europa?
Die von der Europäischen Union geplante Ausdehnung der Freizügigkeit auf die stark regulierten Dienstleistungsmärkte wirft noch immer hohe Wellen. Eine sachliche Aufarbeitung jenseits von Vorurteilen.
Lohnende Gewalt
Wenn repräsentative Strukturen schwach sind und die Basis kaum mitbestimmen kann, greifen Gesellschaften zu Alternativen – manchmal wird Gewalt zur politischen Kommunikation. Frankreich zeigt dies exemplarisch.
Welt ohne Mauern
Als die Berliner Mauer noch stand, gab es in Berlin auf einer Verkehrsinsel der Strasse des 17. Juni, die von der Siegessäule zum Brandenburger Tor führt, eine kleine Mauer aus roten Ziegelsteinen, auf der die Passanten, wenn sie gegen Osten schauten, lesen konnten: «Eure Freiheit ist unser Auftrag». Heute gibt
Weitere Beiträge
Editorial
Nicht unbedingt eine weihnachtliche Fragestellung, eine wichtige und aktuelle aber allemal: Sind westliche Werte heute bedroht? Wenn ja, was ist die Qualität dieser Bedrohung, und was können wir tun? Der inhaltliche Schwerpunkt dieses Hefts ist aus einer Reihe von Fragen geboren, die eine gewisse Verunsicherung andeuten mögen, die mittelbar aber
Die Welt ist rund und daher auch ein Kreis
«Weltanschauung – Welt anschauen – das lässt sich nicht in einem Satz beschreiben», so ein Student während des Kurses. Aber vielleicht in einem Bild? Ohne eine Zeichensprache funktioniert das nicht. Bevor die Welt erschaffen wird, müssen erst Zeichen gefunden werden. Daher stand zu Beginn die Aufgabe «Erschaffung der Zeichen» auf dem Plan
Wir treten in große Pfützen und es spritzt gewaltig
Christoph Stalder von der FDP reichte im Juni eine Motion ein, die die Einführung der Rechtschreibreform stoppen sollte. Der Kanton Bern setzte die Reform daraufhin aus – noch vor der Parlamentsabstimmung. Im September überwies das Parlament die Motion mit grosser Mehrheit.
Nur nicht stehen bleiben!
Der Adalbert-von-Chamisso-Preis wird seit 1985 an Autoren nichtdeutscher Muttersprache für ihre Beiträge zur deutschen Literatur vergeben. 2005 wurden u.a. Aglaja Veteranyi, Catalin D. Florescu, Ilma Rakusa und Zsuzsanna Gahse ausgezeichnet. Mit dem Dichter SAID endet dieser Fokus.
Selbstporträt
Andrea Zanzottos Gesamtwerk wird in neun Bänden auf Deutsch übersetzt. Der italienische Dichter erreichte 1968 mit «La Beltà» internationale Aufmerksamkeit. Die folgenden Gedichte und poetischen Reflexionen stammen aus den in Vorbereitung befindlichen Bänden.
die stadt
sie lehnt die erde ab und meint jede berührung mit ihr sei eine abwärts gerichtete zärtlichkeit sie überläßt ihre toten den einheimischen tieren und ihre gebeine den fremden winden ihre grenzen sind verseuchte mülldeponien die zu festungen mutiert sind die stadt lebt von den fortgegangenen und vom fleisch ihrer erzählungen
er wird kommen
das telephon läutet dreimal. zweimal. dann einmal. seit 7 tagen sitze ich zwischen 14 und 16 uhr zu hause und warte auf dieses zeichen. ich brauche mich gar nicht zu beeilen. wir haben zeit bis zur abenddämmerung; jetzt im sommer kommt sie recht spät. ich setze mich hin, um einen
der engel und die taube
plötzlich hörte die straße auf und ich entdeckte hinter mir ein haus. ich hatte keine ahnung, daß es mir gefolgt war. an die tür gelehnt stand ein engel – gelangweilt, und feilte sich die fingernägel. er fragte mich, wonach ich rieche. jasmin oder minze, überlegte ich. minze ist besser. sie vertreibt
Ohne Titel
Um zu bleiben, braucht man hier zwei Lungen für einen Atemzug, einen Wurzelstock für zwei Erdklumpen, zwei Schatten für eine Sonne, einen Kuss für zwei Hände. Unter den entzündeten Augen dieses überwachen Jahrhunderts kauern die Besiegten; und der Tod gebeugt über das Verschwiegene.