Ausgabe 961 - Mai 2008
Appenzellerland - klein und erfolgreich
In dieser Ausgabe
Dossier
(8) Bundesbahnfreies Hoheitsgebiet
Durch das Appenzellerland führt keine Nationalstrasse. Und keine Bundesbahn. Wie der öffentliche Verkehr auszusehen hat, bestimmen die Appenzeller selbst. Für die Wahrung ihrer Autonomie bleiben sie freilich auf Bundesgelder angewiesen.
(7) Die Zellweger und das Wirtschaftswunder
Appenzell Ausserrhoden stand lange im Schatten St. Gallens. Im 18. Jahrhundert übernahmen die Appenzeller die Textilproduktion. Die Zellweger-Familie war die führende Kaufmannsfamilie und prägte über Generationen die schweizerische Wirtschaftsgeschichte.
(6) Von der freien Kunst des Heilens
«Die freie Heiltätigkeit ist gewährleistet» – mit diesem Passus der geltenden Kantonsverfassung bekennt sich Appenzell Ausserrhoden zu einer liberalen Tradition, die bis vor kurzem noch in der Schweiz als Kuriosum und Relikt galt.
(5) Appenzellermusik zwischen Tradition und Innovation
«Das Feuer, nicht die Asche bewahren» ist der Leitsatz des Zentrums für Appenzellische Volksmusik. In der Appenzellermusik prallen heute experimentelle Stücke, die Suche nach neuen Wegen und aller- hand Fantasien auf Traditionelles: ein Schmelztiegel, der das Musizieren belebt.
(4) Der Riss zwischen Alltag und Brauchtum
Traditionen sind den Appenzellern lieb, und darum möchten sie ihre Bräuche für alle Ewigkeit bewahren. Trotzdem hat sich das Brauchtum im Lauf der Zeit gewandelt. Auch wenn die Werbewirksamkeit überlieferter Rituale und Trachten punktuell ausgenützt wird, ist es noch nicht zum Schaulaufen verkommen.
(3) Wie die Kleinen die Grossen überholen
Die Kleinkantone nutzen ihre Chance. Mit attraktiven steuerlichen Rahmenbedingungen locken sie neue Unternehmen, kurbeln das Wirtschaftswachstum an und stoppen die Abwanderung. Die grossen Kantone müssen aufpassen, dass sie nicht ins Hintertreffen geraten.
(2) «Wir haben einen Sympathiebonus»
Robert Nef und Marianne Kleiner diskutieren über Appenzellerland. Aussen wirkt die Region traditionell, doch kleine Gemeinschaften überleben nur durch Anpassung an neue Situationen, ohne ihre Eigenheiten zu verlieren. Ein Gedankenaustausch zweier Appenzeller über ihre Heimat.
(1) Konkurrenz und Kooperation
Sie sind jeder mehr als halb und doch nicht ganz: Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden. Wenn sich zwei Schwesterkantone zu ähnlich sehen, versuchen beide, anders zu sein als der andere. Das gelingt ihnen nicht immer. Zum Glück.
(0) Auftakt
«Herkunft aber bleibt stets Zukunft» – so Martin Heidegger. Doch genügt der Stolz auf die Herkunft, um stets auch Zukunft zu haben? Die beiden Appenzell, Innerhoden und Ausserrhoden, sind – jedes in seiner Weise – traditionsbewusst. Heimat wird in beiden Gemeinschaften nicht «im Blick zurück» erlebt, sondern im behutsamen Umgang mit dem Neuen.
(9) Erlebtes Appenzellerland
Urnäsch A.Rh. verwirklichte mit der Schweizer Reisekasse ein Feriendorf, das ursprünglich als regionale Wirtschaftsförderung gedacht war. Es entwickelte sich zum erfolgreichen Modell für moderne Feriensiedlungen im ländlichen Raum – die Perspektive des Gemeindepräsidenten.
(10) Das «Häämetli» als Urzelle der Gemeinschaft
Während es andernorts zu zünftisch und gewerkschaftlich immer stärker regulierten und damit krisenanfälligeren Formen der Arbeitsteilung kam, haben sich die nonzentralen Strukturen des Appenzellerlandes als erstaunlich robust erwiesen. Sie sind kein Relikt, sondern weisen in die Zukunft.
Aktuelle Debatten
Achtung Gefahr!
Ist Angst die Grundbefindlichkeit der Gegenwart? Jedenfalls scheint das Sicher-heitsbedürfnis in westlichen Gesellschaften unersättlich zu sein. Das Problem dabei ist nur, dass es ständig neue Unsicherheit erzeugt.
Der Kampf um die Unversehrtheit des Balls
Bald geht’s los. Die EM-Vorfreude steigt – und mit ihr die Lautstärke der kritischen Stimmen. Die Kulturkritik der Fussballnörgler kommt freilich einem intellektuellen Eigentor gleich. Warum der Fussballsport intelligenter ist als seine Gegner
Mer sönd halt Appezeller
Die Mobilität der Bevölkerung hat zwar zugenommen. Wir wachsen aber dennoch für gewöhnlich in der dörflichen oder städtischen Umgebung eines Kantons auf; diese prägt uns ein Stück weit, und wir fragen kaum nach anderen Wurzeln. Wir werden zu Urnern, Genfern, Tessinern. So bin ich ein Ausserrhoder geworden, geboren 1942 zu
Vom Hochmut
Wer unverdient Erfolg hat, wird schnell hochmütig. Er duldet niemanden unter sich. Gegen Zweifel ist er immun. Er ist sein eigener Gott.
Die grosse unbekannte Steuer
Sie ist teuer, ungerecht und aufwendig: die helvetische Mehrwertsteuer. Eine grundlegende Reform täte schon seit längerem Not. Nun bietet sich die Chance.
Kein Lob der Kleinheit
Wir Schweizer neigen dazu, die Kleinheit durch die rosarote Brille zu sehen. Das helvetische Geheimnis liegt freilich woanders – nämlich in Gestaltungsprinzipien wie Föderalismus und Subsidiarität.
Weitere Beiträge
Schweizer in Niederländisch-Indien…
1920 folgte die Bernerin Gret Herzog ihrem Verlobten, dem Basler Tropenarzt Kurt Surbek, nach Niederländisch-Indien, ins heutige Indonesien also. Dort lebte sie fünfundzwanzig Jahre, erst in sehr einfachen Plantagenspitälern auf Sumatra, die ihr Mann leitete, später in einem gemeinsam geführten Sanatorium auf Java, bevor mit der japanischen Besetzung der
Oscar A. Kambly im Gespräch
Tradition, Treue und Wahrhaftigkeit sind dem Emmentaler Oscar A. Kambly wichtig. Seit 1983 leitet er erfolgreich die Familienunternehmung Kambly SA. René Scheu traf den Feingebäckfabrikanten und Patrioten in Trubschachen.
Von der Kunst, den «Grünen Heinrich» zu lesen. Folge 2
An der Schwelle zur Moderne: die Verabschiedung der Gottesidee 1853 schrieb Gottfried Keller an einen Freund: «Ich habe gesehen und gestaunt, wie schlecht und unfähig die Produkte anderer Leute gelesen werden.
Im Gespräch mit Paul Nizon
30 Jahre Paris In diesem Frühjahr sind «Die Zettel des Kuriers», das vierte «Journal» des Schweizer Schriftstellers Paul Nizon mit Aufzeichnungen aus den 90er Jahren erschienen.
Schweizer Literatur in Kurzkritik VIII
Schweizer Auslandsreisen inspirierten viele Literaten zu Büchern. Doch der «Schweizer Literaturgeschichte» half dies nicht. Acht Werke werden in der achten Folge der «Schweizer Literatur in Kurzkritik» vorgestellt. Fortsetzung folgt.
Carl Lutz
Ein Appenzeller rettete 60'000 Juden das Leben. Er forderte, der neuen Generation die ganze Wahrheit zu vermitteln. Doch fragte er sich: Wird dies bewirken, dass künftig keine Unterschiede zwischen Menschen mehr gemacht werden? Werden Humanität und Nächstenliebe je mehr sein als blosse Schlagworte?
Was heisst denn hier Freiheit?
Eine Antwort aus dem Stegreif von Simon Enzler «Geld ist geprägte Freiheit.» (Fjodor M. Dostojewskiy)
Schweizer Literaturgeschichte, missglückt
Mag sein, dass der Berner Germanist Peter Rusterholz recht hat und wirklich dringender Bedarf besteht an einer «Geschichte der Literatur aus der Schweiz, die sich nicht auf das 20. Jahrhundert beschränkt, sondern Literatur in historischer Entwicklung darstellt». Wahr ist, dass es an einer aktuellen Gesamtdarstellung fehlt, «die Texte nicht nur
…in Brasilien
Schweizer Reisende und Auswanderer in Brasilien, ihre Vorstellungen und Erfahrungen sind das Thema von Jeroen Dewulfs «Brasilien mit Brüchen». Das Ausgangsmaterial sind Schriften wie die Reiseberichte des Pastors Jean de Léry (1557), Berichte von Schweizer Ethnologen und Biologen sowie literarische Texte von Schriftstellern wie Blaise Cendrars und Hugo Loetscher, die
…und im Hinterland von Malibu
Es gibt Bücher, bei deren Lektüre einem das Ein- und Ausatmen ausser Rhythmus gerät, man empfängt einen Adrenalinstoss nach dem andern, schnaubt und röchelt und am Ende des Buches ist man erschlagen. Der Zweck der Kunst allerdings – wenn sie denn einen hat – ist vermutlich ein anderer. In Jörg Steiners neuem
Der Westen im Osten
Jürg Amann: «Pekinger Passion. Kriminalnovelle». Zürich/Hamburg: Arche, 2008.
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«Kurt Maar war zwar Rechtshänder, aber Nora war überzeugt, dass er statt selber morden eher morden liesse.» Nun ist dieser Satz, den wir auf Seite 91 des Psychothrillers «Stumme Schuld» der 1963 in Zürich geborenen Autorin Mitra Devi lesen dürfen, zwar grammatisch ziemlich fragwürdig, seine inhaltliche Berechtigung aber lässt sich
Klangwerte
Ein Dialekt sei keine Sprache, wohl aber eine Stimme, bemerkte Hugo von Hofmannsthal bei Gelegenheit. Diese «Stimmen» der multikulturellen Schweiz haben im Band «Die Schweiz ist Klang» ansprechenden, mit einer CD unterstützten Ausdruck gefunden. Anheimelnd klingt das alles, aber keineswegs betulich; schliesslich geht es auch um Schweizer Rockmusik, um die
An die Leser
Die Schweiz besteht aus 26 Kantonen. Letztes Jahr haben wir mit dem Kanton Aargau begonnen, sie vorzustellen, nun ist das Appenzellerland an der Reihe, der Heimatkanton unseres Mitherausgebers Robert Nef. Während 15 Jahren hat Robert Nef als Redaktor die Bereiche Politik und Wirtschaft betreut; mit diesem Dossier verabschiedet er sich