Der grösste Vorteil meines Lebens ist einer, für den ich nichts kann.
In einem früheren Essay habe ich geschrieben, Intelligenz sei messbar, stabil und folgenreich. Das war die halbe Wahrheit. Hier kommt die andere Hälfte.
Sie liegt in einem Testzimmer. Ein Kind sitzt über einer Matrizenaufgabe, die Eltern warten nebenan und am Ende des Nachmittags steht eine Zahl im Protokoll. Sie wird über den weiteren Weg dieses Kindes mehr aussagen als fast alles andere, was sich an diesem Nachmittag erheben liesse. Und das Kind hat für sie nichts getan.
Wer diagnostisch arbeitet, gewöhnt sich an diesen Gedanken nicht. Man gewöhnt sich nur daran, ihn nicht auszusprechen.
Der beste Prädiktor, den die Psychologie hat
Die Befundlage ist unspektakulär, weil sie so alt ist. Keine andere psychologische Grösse sagt schulische und berufliche Laufbahnen so zuverlässig vorher wie die allgemeine kognitive Fähigkeit – gewichtiger als Persönlichkeit, sozialer Hintergrund oder Fleiss allein.
Wie beharrlich diese Unterschiede sind, zeigt ein einzigartiger Datensatz. Am 1. Juni 1932 liess Schottland sämtliche Elfjährigen des Landes denselben Test schreiben – rund 87 000 Kinder an einem einzigen Tag. Ian Deary spürte Jahrzehnte später einen Teil von ihnen auf und legte ihnen mit 77 Jahren dieselben Aufgaben noch einmal vor. Die Werte korrelierten mit gut 0,6. Ein ganzes Leben dazwischen – und die Rangfolge bleibt bestehen.
Der Einfluss der Gene steigt mit dem Alter
Robert Plomin, der die Verhaltensgenetik seit Jahrzehnten prägt, verweist auf einen kontraintuitiven Befund: Die Erblichkeit der Intelligenz steigt mit dem Alter. Im Kleinkindalter erklären genetische Unterschiede rund ein Fünftel der Varianz, in der Adoleszenz etwa vierzig Prozent, im Erwachsenenalter je nach Studie zwischen fünfzig und siebzig.
Man würde das Gegenteil erwarten. Die Erklärung liegt nicht darin, dass Gene mit den Jahren stärker würden, sondern darin, dass Menschen ihre Umwelt zunehmend selbst wählen. Ein Kind erbt seine Umgebung von den Eltern; ein Erwachsener sucht sie sich – Freunde, Lektüre, Studienfach, Beruf – und er sucht sie entlang seiner Neigungen. Dieser Effekt summiert sich über ein Leben. Der eindrücklichste Befund kommt aus der Adoptionsforschung: Adoptivgeschwister, die im selben Haushalt, an derselben Schule, mit denselben Büchern aufwachsen, ähneln sich als Erwachsene praktisch gar nicht mehr.
In Armut entfaltet sich Potenzial nicht
Erblichkeit ist eine Kennziffer für Unterschiede in einer Population unter gegebenen Bedingungen – kein Schicksal. Ändern sich die Bedingungen, ändert sich die Zahl. Eric Turkheimer fand in amerikanischen Stichproben, dass die Erblichkeit in den ärmsten Familien gegen null sinkt: Wo es an allem fehlt, entfaltet sich Anlage nicht, sondern wird zugedeckt. Europäische Replikationen fielen uneinheitlich aus; die Richtung bleibt ernüchternd genug.
Erblichkeit erklärt Unterschiede zwischen Menschen, nicht aber, auf welchem Niveau sie sich bewegen. Die Körpergrösse ist hocherblich – trotzdem sind die Niederländer in einem Jahrhundert um rund zwanzig Zentimeter gewachsen. Nicht ihr Erbgut hatte sich geändert, sondern ihre Ernährung. Für die Intelligenz gilt dasselbe. Über das zwanzigste Jahrhundert hinweg stiegen die Testleistungen um etwa drei Punkte pro Jahrzehnt; man spricht vom Flynn-Effekt. Das Genom eines Volkes ändert sich in achtzig Jahren nicht. Die Umwelten taten es.
«Selbst was rein umweltbedingt scheint – Bücher im Haushalt, elterliche Zuwendung, Schulwahl –, zeigt genetische Anteile.»
Anlage und Umwelt sind überdies keine getrennten Konten. Plomin prägte den Begriff der «Natur der Erziehung»: Selbst was rein umweltbedingt scheint – Bücher im Haushalt, elterliche Zuwendung, Schulwahl –, zeigt genetische Anteile, weil Kinder ihre Umwelten mitgestalten. Das lesefreudige Kind bekommt mehr Bücher. Und Eltern vererben beides: ihre Anlagen und ihr Bücherregal. Wer nur das Regal misst, hält für Ursache, was Begleiterscheinung ist.
Für die politische Frage ändert dieser Streit gleichwohl nichts. Ist Intelligenz erheblich genetisch beeinflusst, hat sich niemand seine Gene ausgesucht. Ist sie das Werk früher Umwelten, hat sich niemand seine Eltern und das Bücherregal im Kinderzimmer ausgesucht. Ist sie beides in Verschränkung – was der Fall ist –, dann eben beides. Der Ausgangspunkt war in keiner Variante ein Verdienst. Das gilt auch für den, der diesen Text schreibt. Ich untersuche eine Eigenschaft, die mir zugefallen ist, und lebe von ihr obendrein.
Eine riskante Frage
Arthur Jensen war einer der renommiertesten Forscher des Fachs. Seine Arbeiten zur Struktur der allgemeinen Intelligenz und zur Messung kognitiver Fähigkeit über Reaktionszeiten gehören zum Fundament der Disziplin.
1969 fragte er in der «Harvard Educational Review», wie sehr sich Intelligenz und Schulleistung durch Förderprogramme überhaupt steigern liessen. Was folgte, war keine Debatte, sondern ein Bannstrahl: Vorlesungen wurden gesprengt, der Berkeley-Psychologe brauchte jahrelang Personenschutz. Ausgelöst hatten dies Passagen, in denen Jensen genetische Erklärungen für Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen erwog. Dass solche Fragen gestellt werden dürfen, halte ich für eine Bedingung von Wissenschaft. Ihre Antwort bleibt hier offen – sie liegt neben der Sache: Wie stark ein Merkmal innerhalb einer Gruppe erblich ist, sagt nichts über Unterschiede zwischen Gruppen.
Die Nachwirkung war anders, als die Beteiligten dachten. Nicht Jensens riskante These wurde beerdigt, sondern das Reden über das Fach. Seither gilt eine seltsame Arbeitsteilung: Die Empirie weiss, wie ungleich die Startausstattung verteilt ist – und die politische Sprache tut so, als sei die Frage nie gestellt worden. Kurzfristig kommt das dem Liberalismus zupass: Solange niemand nach den Voraussetzungen fragt, lässt sich das Versprechen, dass jeder es schaffen könne, wenn er sich nur anstrenge, unbehelligt wiederholen. Doch auf Dauer zahlt der Liberalismus einen hohen Preis dafür. Denn ein Versprechen, das nie geprüft wird, wird nicht widerlegt – es wird irgendwann nicht mehr geglaubt.
Hayeks unbequeme Präzision
Dabei hätte der Liberalismus die Antwort längst – in Friedrich August von Hayeks «Verfassung der Freiheit», im Kapitel über Verdienst und Wert. Das Werk ist unbequemer, als seine Anhänger es gerne darstellen.
Hayek bestreitet dort, dass der Markt moralisches Verdienst belohne. Was er vergütet, ist der Wert einer Leistung für andere – und der hat mit Anstrengung, Redlichkeit oder Opfer nichts zu tun. Der Chirurg mit der ruhigen Hand wird nicht dafür bezahlt, dass er es schwer hatte, sondern dafür, dass andere sein Können brauchen. Wer sich mühte und scheiterte, hätte vielleicht mehr verdient und bekommt weniger.
Für Hayek ist das kein Betriebsunfall, sondern die Bedingung der Freiheit. Eine Ordnung, die nach Verdienst verteilen wollte, bräuchte eine Instanz, die in jeden Menschen hineinsähe, seine Anstrengung von seiner Anlage trennte und beides gegen seine Umstände verrechnete. Diese Instanz gibt es nicht. Und man sollte sie niemandem wünschen. Man könnte einwenden, das Argument führe zum Gegenteil: Wenn Vorteile unverdient sind, gehören sie ausgeglichen. Doch es schneidet in beide Richtungen – wer nicht bemessen kann, was jemand verdient hat, kann auch nicht bemessen, was ihm zusteht.
Zum Schicksal wird die Biologie dadurch nicht. Auf ein Testergebnis reduziert wird damit niemand. Wer die Zahlen kennt, weiss, wie viel sie offenlassen: Sechzig Prozent Erblichkeit heisst vierzig Prozent anderes, eine genetische Vorhersage, die 15 Prozent der Unterschiede im Bildungserfolg trifft, verfehlt 85 Prozent. Die Intelligenzforschung beschreibt Verteilungen, keine Biografien – sie sagt, wie die Lose gemischt sind, nicht, was jemand mit dem seinen anfängt. Verantwortung wird dadurch nicht kleiner. Kleiner wird der moralische Rang, den der Erfolgreiche daraus ableiten darf: Er hat kein Charakterzeugnis erworben, sondern ein Los gezogen und es gut genutzt.
Gegen die Bilanzierung des Einzelnen
Der Liberalismus hat sich angewöhnt, ein Versprechen zu geben, das er nicht halten kann: dass es jeder schaffen könne, der nur wolle. Es schmeichelt – den Erfolgreichen als Bestätigung, den Übrigen als Vertröstung. Und es ist der Grund, warum ihm so viele nicht mehr glauben: Wer die Rechnung selbst nicht aufgehen sieht, hält den Rechner für unehrlich.
«Jeder sei seines Glückes Schmied, heisst es. Der Satz stimmt sogar. Man sollte nur dazusagen, dass Hammer und Esse verlost wurden.»
Die Alternative ist kein Rückzug, sondern ein kleineres, härteres Versprechen: Freiheit gilt unabhängig davon, was jemand aus ihr macht – auch für den, der wenig daraus macht. Wäre sie an den Ertrag gebunden, müsste jemand den Ertrag bemessen. Es ist diese Unbedingtheit, die sie gegen jede Bilanzierung des Einzelnen immunisiert – auch gegen die freundlich gemeinte.
Ich schreibe das nicht aus Zerknirschung. Wer den eigenen Vorteil kennt, muss ihn nicht abgeben – er muss ihn nur richtig benennen. Jeder sei seines Glückes Schmied, heisst es. Der Satz stimmt sogar. Man sollte nur dazusagen, dass Hammer und Esse verlost wurden. Der Liberalismus verliert nichts, wenn er das zugibt. Er verliert eine Illusion, die ihn nie verteidigt, sondern es sich nur bequem in ihm gemacht hat.