Anfang August, am Rande einer Zusammenkunft europäischer Politiker und Denker im ruhigen Ascona, entspann sich bei einer Tasse Kaffee eine interessante Diskussion. Einer der Anwesenden sprach in besorgtem Ton davon, dass der Westen dringend über sich selbst nachdenken müsse, nachdem er die letzten Jahre damit verbracht hätte, seine Geschichte zu «dämonisieren» und jene politischen und geistigen Persönlichkeiten zu demontieren, die einst als Inspirationsquelle und Kompass der Identität gegolten hätten. Er fügte hinzu: Wenn die Liberalen dies nicht täten, werde die AfD es mit ihrem völkischen Geschichtsrevisionismus tun – das tue sie bereits, was bei vielen verfange.
Diese Randbemerkung legt den Finger in eine offene Wunde: Die westliche Welt erlebt heute eine beispiellose Form von kulturellem Masochismus. Die Tugend der Selbstkritik – einst der eigentliche Motor der Aufklärung und des Fortschritts – ist zu einer nihilistischen Guillotine geworden. Die Plätze sind ohne Statuen, die Lehrpläne ohne klassische Vorbilder und die nationale Geschichte wird fast ausschliesslich als Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus und der Unterdrückung erzählt.
In der Geopolitik bleibt ein Vakuum nicht lange bestehen. Während der Westen in einem Strudel aus Zweifel und ständiger Entschuldigung versinkt, zögern Mächte wie China und Russland nicht, dieses geistige und ideologische Vakuum zu füllen. Diese Modelle haben den westlichen moralischen Erschöpfungszustand ausgenutzt, um ihre eigenen Narrative voranzutreiben.
Für einen reflektierten Geschichtsstolz
Die Wiederherstellung einer westlichen Identität verlangt einen anderen Weg jenseits von Selbstdämonisierung und chauvinistischem Nationalismus. Dieser Weg verleugnet die Vergangenheit nicht und heiligt sie auch nicht, sondern begegnet ihr mit zivilisatorischer Reife.
Geschichte muss in ihren Kontext gestellt werden, statt moralisch abgeurteilt zu werden. Figuren und Epochen früherer Jahrhunderte sind Produkte ihrer Zeit. Statt ausschliesslich auf die Sünden des Westens zu starren, verdient seine Fähigkeit zur Selbstkorrektur Aufmerksamkeit.
«Der Westen ist keine Ethnie und keine Landkarte, sondern eine Idee. Wer sie teilt, gehört dazu.»
Der Westen ist dabei keine Ethnie und keine Landkarte, sondern eine Idee. Wer sie teilt, gehört dazu. Deshalb kam die Korrektur auch dann nicht von aussen: Wer die Sklaverei anklagte, tat es im Namen derselben Grundsätze – er widersprach dem Westen nicht, er nahm ihn beim Wort. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 wurde denn auch nicht von Europäern allein verfasst: Der Libanese Charles Malik, der Chinese P. C. Chang und die Inderin Hansa Mehta prägten sie mit. Sie sprachen nicht als Vertreter ihrer Herkunft, sondern als Universalisten. Mehta setzte durch, dass dort nicht «all men» steht, sondern «all human beings». Westler ausserhalb des Westens.
Fortschritt entsteht nicht trotz, sondern oft durch die Auseinandersetzung mit den eigenen Widersprüchen und Fehlern. Wer nur die Schattenseiten sieht, verliert den Blick für die einzigartige Dynamik westlicher Selbstkritik und Lernfähigkeit.
Integration braucht Vorbilder
Wir können zugewanderte Bürger nicht für unsere Gesellschaft begeistern, wenn wir unsere Geschichte ständig dämonisieren – während sie den Erzählungen und Traditionen ihrer Herkunftsländer oft sehr unkritisch huldigen. Eine Identität, die sich selbst nur als Tätergeschichte präsentiert, erzeugt weder Stolz noch Loyalität.
«Wir können zugewanderte Bürger nicht für unsere Gesellschaft begeistern, wenn wir unsere Geschichte ständig dämonisieren – während sie den Erzählungen und Traditionen ihrer Herkunftsländer oft sehr unkritisch huldigen.»
Die westlichen Gesellschaften brauchen eine Erzählung, die ihren Bürgern bewusst macht, dass sie Erben einer einzigartigen Tradition von Freiheit, Recht und wissenschaftlichem Geist sind – einer Tradition, die es zu bewahren und fortzuführen gilt.
Kurzum: Wer seine eigene Zivilisation systematisch entwertet, darf sich nicht wundern, wenn andere sie eines Tages ersetzen – und zwar ohne jede romantische Rücksicht auf Vielfalt oder Selbstzweifel.