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Zehn Jahre Brexit: Was vom grossen Versprechen blieb

Anthony Seldon versammelt über 40 Stimmen aus allen Lagern zur Brexit-Bilanz – just als Premierminister Andy Burnham die Wiederannäherung an die EU zum politischen Thema macht.

Als erster britischer Premierminister hat Andy Burnham den Brexit öffentlich als politischen Irrweg bezeichnet und eine Wiederannäherung an die Europäische Union zur Debatte gestellt. Vor diesem Hintergrund liest sich Anthony Seldons Monumentalwerk «The Brexit Effect» auf gut 600 Seiten wie eine nachgereichte Bilanz: 37 Kapitel, über 40 Autoren aus unterschiedlichen Lagern – und der Versuch, aus einer erbitterten politischen Auseinandersetzung eine zivilisierte Debatte zu machen.

Die Stärke des Bandes liegt in seiner Vielstimmigkeit. Kate Fall öffnet die Akten aus David Camerons Downing Street. Emily Thornberry porträtiert den damaligen Labour-Führer Jeremy Corbyn, den Europa schlicht nicht interessierte. Simon Case zieht ein karges Fazit: «The revolution has failed.»

Das Herzstück bilden die wirtschaftlichen Kapitel: Paul Johnson und Robert Johnson veranschlagen den langfristigen Verlust an Bruttoinlandsprodukt auf mindestens vier Prozent. Selbst der Brexit-Befürworter Ryan Bourne räumt ein, es sei «no longer plausible to claim that there was no price».

Gerade für Schweizer Leser ist der Band lesenswert: Er zeigt, was geschieht, wenn eine Regierung eine Volksabstimmung ansetzt, ohne das angestrebte Ergebnis klar zu definieren und die Umsetzung eines Ja vorzubereiten.

John Curtices Befund ist bitter: Eine Mehrheit würde der Union heute lieber wieder beitreten. Burnham greift diese Stimmung auf und stellt eine Frage neu, der die britische Politik nach dem Referendum lange ausgewichen ist: Welche Beziehung zu Europa will das Land eigentlich?

Seldon räumt allerdings ein, dass kontinentaleuropäische Stimmen fast völlig fehlen. Auch wer ein abschliessendes Urteil über den Brexit erwartet, wird enttäuscht. Der Herausgeber wahrt bis zum Schluss die Balance – vielleicht etwas zu sehr. Für ihn war das Referendum notwendig, die Umsetzung mangelhaft. Die langfristigen Folgen liessen sich erst mit historischem Abstand beurteilen.

Ein Standardwerk und das Protokoll einer Demokratie, die zehn Jahre nach dem Referendum erneut über die Folgen ihrer Entscheidung streitet.

Anthony Seldon (Hrsg.): The Brexit Effect 2016–2026. Cambridge: Cambridge University Press, 2026.

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