Kaum ein wissenschaftliches Thema wird in der Schweiz seit Jahrzehnten so beharrlich diskutiert wie der Tierversuch. Dank der direkten Demokratie findet diese Debatte nicht nur in Laboren, Parlamenten und Ethikkommissionen statt, sondern regelmässig auch an der Urne. Seit den 1980er-Jahren hat das Schweizer Stimmvolk über insgesamt fünf Initiativen abgestimmt, die Tierversuche einzuschränken oder ganz zu verbieten. Die jüngste Initiative, «Ja zur tierversuchsfreien Zukunft», fordert einen schrittweisen Ausstieg aus sämtlichen Tierversuchen und befindet sich derzeit im politischen Prozess.
Im Kern kreist die Debatte um zwei Fragen: Ist es ethisch vertretbar, Tiere für die Forschung einzusetzen, und wie gut lassen sich Ergebnisse aus Tiermodellen überhaupt auf den Menschen übertragen?
Zwar hat die Schweizer Bevölkerung bislang alle vorgelegten Initiativen zu diesem Thema deutlich abgelehnt. Die wiederkehrenden Abstimmungen zeigen jedoch, dass das Thema gesellschaftlich relevant bleibt. Dass dies auch konkrete Auswirkungen auf die Gesetzgebung hat, zeigt ein aktuelles Beispiel: Die parlamentarische Initiative von Katja Christ (21.426 «Mehr Ressourcen und Anreize für die 3R-Forschung») wurde vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte eingereicht. Sie fordert eine stärkere Förderung tierversuchsfreier Methoden und gab bereits Anstoss für einen Vorentwurf zur Anpassung der Tierschutzgesetzgebung.
Mit dieser Entwicklung steht die Schweiz nicht allein da. Auch international wächst der gesellschaftliche und politische Druck, Tierversuche schrittweise zu reduzieren. In der Europäischen Union führten Bürgerinitiativen wie «Save Cruelty Free Cosmetics» zu neuen politischen Vorstössen zur Förderung alternativer Methoden. Auch die Niederlande, das Vereinigte Königreich und die USA haben entsprechende Programme und Strategien auf den Weg gebracht.
Ersetzen, Reduzieren, Verbessern
Im Zentrum dieser Entwicklung steht in der Schweiz das sogenannte 3R-Prinzip: Die drei «R» stehen für Replacement, Reduction und Refinement: den Ersatz von Tierversuchen durch alternative Methoden, die Reduktion der benötigten Tierzahlen sowie die Verringerung der Belastungen für die Versuchstiere. Die 3R-Prinzipien legitimieren Tierversuche nicht. Sie verpflichten Forschende vielmehr dazu, deren Einsatz kontinuierlich zu hinterfragen und wo immer möglich zu ersetzen, zu reduzieren oder tierfreundlicher zu gestalten. Die grundlegende ethische Frage beantworten sie jedoch nicht: Darf der Mensch Tiere überhaupt für die Forschung nutzen? Dieses Dilemma lösen die 3R nicht – sie tragen jedoch dazu bei, potentielles Leid von Tieren zu vermeiden oder zu reduzieren.
«Die 3R-Prinzipien legitimieren Tierversuche nicht. Sie verpflichten Forschende vielmehr dazu, deren Einsatz kontinuierlich zu hinterfragen und wo immer möglich zu ersetzen, zu reduzieren oder tierfreundlicher zu gestalten.»
Die Schweiz verfügt über ein strenges Tierschutzgesetz und hat die 3R sowohl rechtlich als auch praktisch fest verankert. Jeder Tierversuch benötigt eine Bewilligung und muss mit einer Güterabwägung begründet werden. Behörden genehmigen einen Versuch nur dann, wenn keine geeignete Alternativmethode zur Verfügung steht (Replacement), möglichst wenige Tiere eingesetzt werden (Reduction) und die Belastung für die Tiere auf das unvermeidbare Minimum beschränkt bleibt (Refinement).
Insbesondere in den letzten zehn Jahren hat die Schweiz die Bestrebungen zur Förderung des Tierwohls und zur Umsetzung der 3R-Prinzipien weiter intensiviert. Die Universitäten und die Industrie investieren zunehmend in alternative Methoden und 3R-Massnahmen. Neben den gesetzlich vorgeschriebenen Tierschutzbeauftragten beschäftigen viele Institutionen inzwischen auch 3R-Koordinatorinnen und -Koordinatoren. Darüber hinaus unterstützt der Bund die Weiterentwicklung der 3R-Prinzipien durch die Förderung von Forschung und gesellschaftlichem Dialog, unter anderem im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 79 «Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft».
Eine wichtige nationale Rolle nimmt dabei das Schweizer 3R-Kompetenzzentrum (3RCC) ein. Es fördert Forschungsprojekte zu den 3R-Prinzipien, bietet Weiterbildungen an, vernetzt Wissenschaft, Behörden und Industrie und stellt Mittel für die Entwicklung und Umsetzung neuer 3R-Methoden bereit.
Warum die Forschung noch nicht ohne Tiere auskommt
Trotz aller Bestrebungen, tierversuchsfreie Methoden voranzutreiben, kommen in der Schweiz jährlich noch immer rund 500 000 bis 600 000 Tiere in der Forschung zum Einsatz. In der EU sind es rund 8 bis 9 Millionen. Seit Jahren stagnieren die Zahlen. Warum? Die kurze Antwort lautet: Tierfreie Alternativen können heute zwar einen Teil der Tierversuche ersetzen, aber längst nicht alle.
Tiermodelle spielen in der biomedizinischen Forschung nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie helfen dabei, komplexe biologische Prozesse, die Entstehung von Krankheiten sowie die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Therapien zu untersuchen. Gleichzeitig wächst die Kritik an ihrer Aussagekraft. Nicht jede Erkrankung lässt sich im Tiermodell realistisch nachbilden, und nicht jedes Ergebnis ist auf den Menschen übertragbar.
Gerade deshalb erlebt die Forschung an tierfreien Alternativen derzeit einen starken Aufschwung – auch in der Schweiz. Zellkulturen aus menschlichen Spender- oder Patientenzellen, Organoide (miniaturisierte, aus menschlichen Zellen gezüchtete Gewebemodelle), Organ-on-Chip-Systeme (Mikrochips mit lebenden Zellen), computergestützte Modellierungen und zunehmend auch KI-gestützte Ansätze können heute viele Fragestellungen beantworten, die früher ausschliesslich an Tieren untersucht wurden. In einzelnen Bereichen liefern sie sogar Ergebnisse, die näher am Menschen liegen als klassische Tiermodelle.
Dennoch stossen auch diese Methoden an ihre Grenzen. Ein Organismus ist mehr als die Summe seiner Zellen. Bislang lassen sich nicht alle biologischen Funktionen eines komplexen Organismus mit diesen einfachen Modellen abbilden. Insbesondere Wechselwirkungen zwischen Organen, Immunreaktionen, Stoffwechselprozessen oder systemischen Nebenwirkungen lassen sich noch nicht ausreichend simulieren. Zudem werden Daten aus tierversuchsfreien Methoden von Zulassungsbehörden für die regulatorische Bewertung neuer Arzneimittel bislang häufig nicht oder nur ergänzend anerkannt, sodass Tierversuche in vielen Entwicklungs- und Zulassungsverfahren weiterhin erforderlich sind. Aus diesem Grund sehen die meisten Forschenden, Fachgesellschaften, Regulierungsbehörden und Forschungseinrichtungen derzeit einen kurzfristigen vollständigen Ausstieg aus Tierversuchen als unrealistisch an.
Realistischer erscheint deshalb eine schrittweise Reduktion: Tiermodelle werden dort ersetzt, wo tierfreie Methoden gleichwertige oder bessere Ergebnisse liefern. Das langfristige Ziel ist folglich weniger ein abruptes Verbot, sondern eine Kombination aus weniger Tierversuchen und einer konsequenten Förderung von Alternativen und 3R-Massnahmen.
«Realistischer erscheint deshalb eine schrittweise Reduktion: Tiermodelle werden dort ersetzt, wo tierfreie Methoden gleichwertige oder bessere Ergebnisse liefern.»
Wie der Wandel gelingen kann
Diese Entwicklung wird allerdings nur gelingen, wenn die Umsetzung der 3R-Prinzipien und die Entwicklung alternativer Methoden stärker gefördert werden. Dafür braucht es zusätzliche Forschungsgelder, geeignete Infrastrukturen und eine raschere regulatorische Anerkennung tierversuchsfreier Verfahren bei der Zulassung von Therapien.
International ist die Entwicklung bereits in vollem Gange. Die EU verfolgt das Ziel, Tierversuche in regulatorischen Sicherheitsprüfungen schrittweise durch Alternativmethoden zu ersetzen. Auch die USA treiben die Integration von Organoiden, Organ-on-Chip-Systemen und KI-gestützten Verfahren in regulatorische Prozesse gezielt voran.
Die Schweiz muss entscheiden, welche Rolle sie in diesem internationalen Wandel einnehmen will. Wer künftig die Standards für humanrelevante und tierversuchsfreie Forschungsmethoden mitprägt, stärkt nicht nur den Tierschutz, sondern auch den Forschungs- und Innovationsstandort.
Für viele Forschende stellt sich deshalb nicht die Frage, ob Tierschutz oder medizinischer Fortschritt Vorrang haben soll. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, beides möglichst konsequent miteinander zu verbinden. Genau darin liegt die Idee der 3R-Prinzipien: Tiere nur dort einzusetzen, wo es absolut notwendig ist, ihre Zahl und Belastung auf das notwendige Minimum zu reduzieren, ihr Wohlbefinden zu fördern und gleichzeitig bessere, humanrelevante Alternativmethoden voranzutreiben.