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Bier und Brezeln mit dem Fürsten: Am Staatsfeiertag kommen in Liechtenstein Fürstenhaus, Politik und Bevölkerung zusammen

Liechtensteins Nationalfeiertag zeigt, wie eng Monarchie, Politik und Volk im Kleinstaat verbunden sind – und wie beweglich selbst eine jahrhundertealte Institution sein kann.

Staatsfeiertag in Liechtenstein 2026. Foto: Thomas Bigliel/Michael Straumann.

Es ist kurz vor neun. Über dem Rosengarten von Schloss Vaduz hängt schwere Hochsommerluft. Die letzten Vorbereitungen für den Staatsakt laufen auf Hochtouren: Frauen in Liechtensteiner Tracht richten ihre schwarzen Radhauben, Musikanten stimmen ihre Instrumente und Pfadfinder in khakifarbenen Uniformen erledigen letzte Handgriffe. Hinter dem Garten öffnet sich der Blick ins St.Galler Rheintal, am Horizont erhebt sich der Säntis.

In aller Regel bleibt der fürstliche Rosengarten der Öffentlichkeit verschlossen. Am Staatsakt gehört er jedoch dem Volk. Zunächst warten hier aber noch die Medienschaffenden auf ihre zugewiesenen Gesprächspartner: Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, Landtagspräsident Manfred Kaufmann und Regierungschefin Brigitte Haas. Sie stehen für Fürstenhaus, Parlament und Regierung – die drei politischen Säulen des Fürstentums.

Nähe als Staatsprinzip

Während Erbprinz Alois Fragen der Journalisten beantwortet, erscheint unverhofft sein Vater, Fürst Hans-Adam II., im Rosengarten. Der 81-Jährige will sich vor der Hitze noch etwas die Beine vertreten. Ohne Jackett, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und gut gelaunt schlendert der Landesvater des 40000-Seelen-Staats durch den Rosengarten. Vater und Sohn unterhalten sich kurz, dann kehrt der Erbprinz mit einem Lächeln zum Gespräch zurück.

Wenig später erreichen auch Landtagspräsident Manfred Kaufmann und Regierungschefin Brigitte Haas zum Gespräch den Rosengarten. Fürstenhaus, Parlament, Regierung: Noch vor Beginn des Staatsakts geben sich hier die drei politischen Institutionen des Landes die Klinke in die Hand. Ihre Rollen sind verschieden. Doch die Frage, die wir ihnen stellen, ist dieselbe: Was hält diesen kleinen Staat zusammen? Kaufmann antwortet aus der Logik des Parlaments: nicht Einigkeit um jeden Preis, sondern Streit mit Anstand. Ein Staatsfeiertag lebe vom Gemeinsamen, ein Parlament vom Widerspruch. «Man kann ja nicht immer der gleichen Meinung sein.»

Auch Regierungschefin Brigitte Haas erachtet den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht als Selbstverständlichkeit. Wohlstand, Stabilität und wirtschaftlicher Erfolg mögen von aussen selbstverständlich wirken. Liechtensteins Stärke liege darin, dass man probiere, zusammenzubleiben. «Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, das ganze Land»,sagt die studierte Juristin. Dabei helfen die kurzen Wege. Sie machen das Land beweglich und handlungsfähig: «Wir können schnell reagieren, wenn es mal Stürme gibt. Und die gibt es immer wieder.» Und damit hat die Magistratin nicht unrecht. Der jüngste Sturm liegt erst wenige Wochen zurück: Ende Juli verschafften sich Unbekannte Zugriff auf sensible Daten zu rund 31000 Unternehmen, Stiftungen und anderen Organisationen. Die Cybersicherheit ist an diesem Staatsfeiertag ein wiederkehrendes Gesprächsthema. Die Staatsspitze macht aus dem Vorfall kein Geheimnis und spricht offen über die jüngsten Ereignisse. Doch viel Zeit, darüber zu reden, bleibt an diesem Morgen nicht.

Nach den Interviews wechseln die Rollen. Aus den Gesprächspartnern werden Repräsentanten des Staates. Vom Rosengarten geht es hinüber zum offiziellen Staatsakt auf der Schlosswiese. Dort sprechen der Erbprinz, der Landtagspräsident und Bischof Benno Elbs, Administrator der Erzdiözese, vor der versammelten Bevölkerung, die sich auf der Schlosswiese unterhalb von Schloss Vaduz einfindet. Auch die Trachtengruppen, Musikvereine und Pfadfinder ziehen nun ein. Die Gespräche verstummen, die Instrumente übernehmen den Ton. Für eine Stunde weicht die ungezwungene Nähe des Rosengartens dem staatlichen Zeremoniell. Monarchie, Parlament, Kirche, Blasmusik: In einem grösseren Land könnte diese Mischung leicht museal wirken. In Liechtenstein gehört sie zur politischen Gegenwart.

Die Monarchie bewegt sich

Was auf dem Papier wie eine ungewöhnliche Konstruktion aussieht, wirkt auf der Schlosswiese erstaunlich selbstverständlich. Der Erbprinz spricht über sein Land, der gewählte Landtagspräsident setzt eigene Akzente. Ein Bischof spendet Segen und lädt die rund 3500 auf der Schlosswiese versammelten Menschen dazu ein, «für unser Land zu beten». Danach erklingt die Landeshymne – zur gleichen Melodie wie «God Save the King». Doch hier wird nicht der britische Monarch besungen, sondern Gott, Fürst und Vaterland. Die Melodie ist dieselbe, der staatspolitische Kontext könnte kaum unterschiedlicher sein.

Dann sorgt ausgerechnet der Erbprinz für den überraschendsten Moment des Vormittags. Noch 2019 hatte Alois die weibliche Thronfolge ausdrücklich abgelehnt. Nun verkündet er auf der Schlosswiese seinem Volk die Kehrtwende: Das Fürstenhaus ändert sein Hausgesetz. Künftig entscheidet bei der Thronfolge nicht mehr das Geschlecht, sondern allein die Geburtsreihenfolge. Das erstgeborene Kind wird Thronfolgerin oder Thronfolger und kann später Fürstin oder Fürst werden. Heisst: Künftig kann auch eine Frau den Thron besteigen. Die neue Regel gilt allerdings nur für künftig geborene Nachkommen der Kinder von Alois und Erbprinzessin Sophie; die heutige Thronfolge bleibt unverändert.

Auf der Schlosswiese brandet Beifall auf, Besucher jubeln. Ausgerechnet die im Ausland oft als konservativ belächelte Monarchie verkündet an diesem Staatsfeiertag eine grosse Reform. Man muss dieses eigentümliche Staatsmodell im Herzen Europas nicht romantisieren oder verklären, um festzustellen: Anderswo wird über die Distanz zwischen Regierenden und Regierten geklagt. Hier kann man sie in wenigen Schritten durchmessen.

Nach dem Staatsakt löst sich die versammelte Menge langsam auf. Gleichzeitig öffnet sich auch der Rosengarten, in dem am Morgen noch die Interviews stattgefunden haben. Bis vor wenigen Stunden warteten hier Journalisten auf die Staatsspitze; jetzt schlendern Familien mit Kinderwagen durch den Garten. Näher als an diesem Tag kommt man dem Schloss kaum.

Um 11.30 Uhr eröffnet der Erbprinz im Namen der fürstlichen Familie den traditionellen Apéro. Es gibt Bier und Brezeln. Die Menschen stehen in kleinen Gruppen zusammen. Politiker, Mitglieder des Fürstenhauses und Besucher mischen sich untereinander. Dass ausgerechnet Brezeln gereicht werden, fügt sich fast schon zu gut ins Bild: Erbprinzessin Sophie entstammt dem Haus Wittelsbach – jener bayerischen Dynastie, die von 1180 bis 1918 die Herzöge, später Kurfürsten und schliesslich die Könige des heutigen Freistaats stellte. Ein wenig Bayern gehört an diesem Tag also auch zur liechtensteinischen Identität.

«Der Staatsfeiertag war von Anfang an auch eine Form geistiger Landesverteidigung: die demonstrative Behauptung, ein eigenes Land zu sein und bleiben zu wollen.»

Ein Land sagt «Hoi»

Doch der Staatsfeiertag bleibt nicht lange oben beim Schloss. Gegen Mittag zieht es die Menschen hinunter ins Zentrum von Vaduz. Aus dem zeremoniellen Staatsakt mit 3500 Gästen wird ein Volksfest mit über 30000 Besuchern. Strassen und Plätze füllen sich, Vereine öffnen ihre Stände, von den Bühnen erklingt Musik. Am Nachmittag zieht auch die diesjährige Gastgemeinde Gamprin ein. 

Das Pathos des Vormittags verflüchtigt sich hier unten im «Städtle», wie das Zentrum von Vaduz liebevoll genannt wird, rasch. Zwischen Bierbechern, «Fürsten-Spritz» – der durchlauchten Abwandlung des Aperol Spritz –, «Grizzly»-Spiessen aus Schweinshaxe, Olma-Bratwürsten, Raclette, Kinderwagen, Hüpfburgen und Vereinsständen wird aus dem Staatsfeiertag ein Dorffest für ein ganzes Land. Liechtenstein zählt elf Gemeinden, doch an diesem Nachmittag scheint es für ein paar Stunden nur einen gemeinsamen Dorfplatz zu geben. Dass das Fest heute etwas kleiner ist als früher, stört nicht jeden.

Ein Besucher erzählt, er sei froh über die Zugangskontrollen beim Staatsakt. Früher seien ganze Busladungen aus Deutschland über die Grenze gekommen, um sich am Freibier und an den kostenlosen Brezeln zu bedienen. Seit der Staatsakt nur noch mit Ticket zugänglich sei und Bändchen verteilt würden, gehe es merklich ruhiger zu. Dichtestress auf Liechtensteinisch.

Mit der Abendröte ziehen immer dichtere Wolken über das Rheintal. Es beginnt leicht zu nieseln. Der Feierlaune tut das keinen Abbruch. Vor den Ständen drängen sich weiterhin die Besucher, auf den Plätzen wird ausgelassen zur Musik getanzt. Als es schliesslich stockdunkel ist, tauchen Scheinwerfer den markanten Ziegelbau des Landtags und das Schloss Vaduz in die liechtensteinischen Landesfarben Blau und Rot; goldene und weisse Akzente greifen die Farben von Fürstenhaus und Staatswappen auf.

Am Vormittag traten Erbprinz, Landtagspräsident und Regierungschefin noch als Vertreter ihrer Institutionen auf und sprachen zu «ihrem» Volk. Am Abend sind diese Grenzen verwischt. Politiker stehen zwischen den Besuchern, Bekannte grüssen sich über die Strasse, an den Ständen schenken Vereine Getränke aus. In einem Land dieser Grösse ist die Gesellschaft alles andere als anonym. Man kennt und schätzt sich. Überall hört man das vertraute «Hoi». Ein förmliches «Grüezi» hört man kaum. Es wäre auch unnötig: An diesem Tag scheint jeder mit jedem per Du zu sein. Darauf besteht selbst der Landesfürst. Manche begrüssen ihn wenig standesgemäss, dafür umso liechtensteinischer mit «Hoi Fürst».

«Besonders auffällig ist, wie frei der Staatsfeiertag von den politischen Moden ist – obwohl es sich um einen staatspolitischen Anlass handelt. In der Schweiz ist das keineswegs selbstverständlich.»

Vielleicht liegt genau in dieser Melange der eigentliche politische Gehalt dieses eigentümlichen Feiertags. Kleinstaatlichkeit bedeutet nicht automatisch Gemeinschaft, Konsens oder Vertrauen. Auch auf engem Raum kann man sich gründlich zerstreiten. Aber man kann einander schlechter aus dem Weg gehen. Die Liechtensteiner wissen das offenbar – und haben diese Einsicht zu einem Teil ihres Selbstverständnisses gemacht.

Besonders auffällig ist, wie frei der Staatsfeiertag von den politischen Moden ist – obwohl es sich um einen staatspolitischen Anlass handelt. In der Schweiz ist das keineswegs selbstverständlich.Dort vereinnahmt häufig das eine oder andere politische Lager solche Feiern, um die eigene Agenda voranzutreiben oder Stimmung gegen den politischen Gegner zu machen. In Liechtenstein ist davon nichts zu spüren. Hier steht der Zusammenhalt im Vordergrund.

Geistige Landesverteidigung

Dass der Staatsfeiertag überhaupt existiert, hat mit einer Zeit zu tun, in der Liechtensteins Eigenständigkeit alles andere als selbstverständlich war. Erst 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, erklärte die Regierung den 15. August zum nationalen Feiertag. Mariä Himmelfahrt wurde mit dem Geburtstag von Fürst Franz Josef II. – Alois’ Grossvater – am folgenden Tag verbunden. Dahinter stand mehr als Festtagsorganisation: Fürst und Volk sollten ihre Geschlossenheit demonstrieren, während Nationalsozialisten auch in Liechtenstein auf einen Anschluss an das Deutsche Reich hinarbeiteten.

Der Staatsfeiertag war damit von Anfang an auch eine Form geistiger Landesverteidigung: die demonstrative Behauptung, ein eigenes Land zu sein und bleiben zu wollen.Acht Jahrzehnte später ist die Bedrohung eine andere, das Ritual aber geblieben. Man trifft sich unterhalb des Schlosses, hört dem Erbprinzen, dem Parlamentspräsidenten und dem Bischof zu, trinkt danach gemeinsam ein Bier und ruft sich gegenseitig egalitär «Hoi» zu. Vielleicht verteidigt Liechtenstein seine Eigenständigkeit heute gerade so: indem es sie einmal im Jahr gemeinsam aufführt.

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