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Vom ärmlichen Bauernland zum prosperierenden Kleinstaat – die erstaunliche Entwicklung Liechtensteins

Noch im 19. Jahrhundert galt Liechtenstein als armes, unbedeutendes Agrarland. Heute zählt es zu den wohlhabendsten und am stärksten industrialisierten Staaten Europas. Der Aufstieg zum international vernetzten Industrie- und Finanzplatz gelang, weil sich das Land immer wieder neu erfand.

Tradition und Moderne liegen in Vaduz nah beieinander: Geschmückte Kühe ziehen über den Peter-Kaiser-Platz im Zentrum von Vaduz. Bild: Liechtenstein Marketing/Julian Konrad.

1815 wurden die damals 6100 in «Armuth» lebenden Bewohnerinnen und Bewohner des «unbedeutenden Ländchens» mit der Bemerkung charakterisiert, das «Hirtenleben» sei ihnen «anlockender als der beschwerliche Feldbau», sie suchten das «Glük in ziegelloser Freyheit» und «fröhlichem Müssiggange», Manufakturen oder «auf auswärtigen Absatz berechnete Gewerbe» gebe es nicht. Heute ist Liechtenstein Mitglied der Vereinten Nationen und zählt bei 41 398 Einwohnerinnen und Einwohnern 43 441 Beschäftigte (2024) – davon knapp zwei Drittel im Dienstleistungssektor, ein Drittel in der Industrie und im warenproduzierenden Gewerbe und weniger als ein Prozent in der Landwirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt betrug 2024 7,8 Milliarden Franken (Schweiz: 854 Milliarden) oder 181 000 Franken pro Beschäftigten. Wie verlief diese erstaunliche Entwicklung?

Vom Reichsfürstentum zum souveränen Staat

Zur Geschichte Liechtensteins gehört die Einbindung in überwölbende Strukturen. Schon bei seinem Entstehen 1719 war das Fürstentum ein Teil des Heiligen Römischen Reichs. Bei dessen Auflösung 1806 erhielt es durch die Aufnahme in Napoleons Rheinbund die «Souverainität». Diese wurde 1815 von den europäischen Mächten auf dem Wiener Kongress anerkannt und durch die Mitgliedschaft im Deutschen Bund gesichert. Mit dessen Ende 1866 schied Liechtenstein aus Deutschland aus. Es war nun erstmals nicht mehr Teil eines Reiches oder Staatenbundes und erlangte in diesem Sinn die «Vollsouveränität».

Eine neue Verfassung brachte 1862 den Schritt vom Absolutismus zur konstitutionellen Monarchie. Der Fürst blieb Träger der «Staatsgewalt», war nun aber an die Verfassung gebunden. Die Exekutive fiel weiterhin in seine alleinige Kompetenz. An der Gesetzgebung und an der Finanzhoheit jedoch war neu ein Parlament beteiligt: der Landtag.

Industrialisierung, Krise und Neuorientierung

1852 beendete eine Zollunion mit Österreich die wirtschaftliche Isolation des Landes, das 1859 auch die österreichische Währung übernahm. In den 1860er-Jahren setzte eine erste Industrialisierung ein, unter massgeblicher Beteiligung von Schweizer Fabrikanten, die mit dem Standort in Liechtenstein Zugang zum grossen Markt der Habsburgermonarchie erhielten. Vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigten vier Textilfabriken rund 700 Arbeiterinnen und Arbeiter. Auch das Gewerbe erlebte einen Aufschwung. 1861 entstand zudem eine staatliche Spar- und Leihkasse (heute Liechtensteinische Landesbank). Das Gros der Bevölkerung blieb aber in der Landwirtschaft tätig.

Dann brachte der Erste Weltkrieg das Land an den Rand des Ruins. Wegen seiner Verbindung zu Österreich-Ungarn wurde Liechtenstein in die Wirtschaftsblockade der Alliierten gegen die Mittelmächte einbezogen. Die Fabriken wurden stillgelegt. Zur Aufrechterhaltung der Landesversorgung musste sich der Staat verschulden. Er nahm auch in der Schweiz Kredite auf, während gleichzeitig die Hyperinflation der österreichischen Krone Vermögen und Einnahmen vernichtete. 1919 kündigte Liechtenstein den Zollvertrag und wandte sich der Schweiz zu: 1920 wurde ein Postvertrag geschlossen, 1923 ein Zollanschlussvertrag, 1924 der Schweizer Franken als gesetzliche Währung übernommen.

Der Zusammenbruch der Monarchie in Österreich und in Deutschland 1918 verstärkte auch in Liechtenstein den Ruf nach einer Demokratisierung. Die Reformkräfte verständigten sich mit dem Fürsten auf eine neue Verfassung, die 1921 in Kraft trat. Sie definierte die Staatsform als «konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratischer und parlamentarischer Grundlage» und verankerte die «Staatsgewalt» neu «im Fürsten und im Volke». Die Regierung wird seither vom Landtag gewählt, muss aber vom Fürsten bestätigt werden; die vom Parlament oder vom Volk beschlossenen Gesetze bedürfen der fürstlichen Sanktion. Von der Schweiz wurden direktdemokratische Elemente (Volksinitiative, Referendum) übernommen.

Grundlegung des Finanzplatzes und zweite Industrialisierung

Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen begünstigte Liechtenstein nach dem Vorbild verschiedener Schweizer Kantone Holding- und Sitzgesellschaften. Diese profitierten ab 1923 von niedrigen Steuern und ab 1926 von attraktiven Regelungen für Gesellschaftsformen wie Stiftungen, Anstalten oder Trusts. Bis 1930 gründeten Rechtsanwälte und erste Treuhandfirmen über 1000 Sitzgesellschaften, die den Inhabern Flexibilität und Diskretion boten. Im Holdinggeschäft betätigte sich auch die 1920 gegründete Bank in Liechtenstein, die 1930 in den Besitz des Fürstenhauses überging (heute LGT).

Die Weltwirtschaftskrise führte in den 1930er-Jahren auch im ärmlichen Liechtenstein zu Arbeitslosigkeit. Das Holdinggeschäft stagnierte. Von den im Ersten Weltkrieg geschlossenen Textilfabriken hatte nur eine den Betrieb wieder aufgenommen. Zu ihr gesellten sich nun einige kleine Industriegründungen in neuen Branchen. Bedeutung erlangten die Zahnfabrik Ramco (heute Ivoclar Vivadent AG) und die Konservenfabrik Scana (heute Hilcona AG). 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, folgten drei weitere bedeutende Gründungen: die Präzisions-Apparatebau AG Vaduz, die von Emil G. Bührle initiierte Press- und Stanzwerk AG (heute ThyssenKrupp Presta AG) und die Hilti Maschinenbau oHG (heute Hilti). Sie alle produzierten Rüstungs- oder andere kriegswichtige Güter für die deutsche Wehrmacht und profitierten von der Kriegskonjunktur.

Politisch verfolgten Fürst und Regierung gegenüber der von Hitlerdeutschland und einer inneren NS-Bewegung ausgehenden Bedrohung eine auf den Erhalt der Eigenstaatlichkeit und der Verträge mit der Schweiz ausgerichtete Politik. Ein Anschlussputsch der «Volksdeutschen Bewegung in Liechtenstein» 1939 scheiterte.

Primat der Aussenpolitik

Nach dem Krieg machte sich allmählich die Sorge breit, durch eine allzu enge Anlehnung an die Schweiz an Eigenständigkeit einzubüssen. Eine Absicherung der Souveränität wurde im Multilateralismus gesucht. 1920 war ein Beitrittsgesuch zum Völkerbund noch gescheitert – zwar war die Souveränität des Kleinstaats anerkannt worden, doch hatte man ihm nicht zugetraut, sämtliche Pflichten eines Mitglieds zu erfüllen. 1950 aber gelang der Beitritt zum Statut des Internationalen Gerichtshofs und später zu verschiedenen internationalen Organisationen wie dem Europarat (1978) und der UNO (1990). Zudem beteiligte sich Liechtenstein ab 1973 am KSZE-Prozess.

Über die Zollunion mit der Schweiz war das Land ab 1960 in die Europäische Freihandelsassoziation eingebunden, der es 1991 selbst beitrat. Auch am Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Gemeinschaft von 1972 nahm es teil. Seit den 1990er-Jahren jedoch besteht eine Divergenz in der Europapolitik: Als im Dezember 1992 beide Länder über den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum abstimmten, sagte die Schweiz Nein, Liechtenstein Ja. Der EWR-Beitritt wurde 1995 vollzogen, während die Schweiz mit den bilateralen Verträgen einen anderen Weg einschlug.

Im Gegensatz zur Aussenpolitik verlief die innenpolitische Entwicklung behäbig. 1984 führte Liechtenstein als letztes Land Europas das Frauenstimmrecht ein. Ein 1992 ausgebrochener Verfassungsstreit endete 2003 mit der Bekräftigung der politischen Stellung des Fürsten.

 «Wirtschaftswunder» und «EWR-Boom»

Wirtschaftlich trat Liechtenstein nach dem Krieg in eine lange Phase starken Wachstums ein. Wesentliche Faktoren des «Wirtschaftswunders» waren der allgemeine Aufschwung in Westeuropa nach 1945, der Zollvertrag mit der Schweiz und der Schweizer Franken, die politische Stabilität und die konsequente Integrationspolitik, insbesondere der EWR. Ab Mitte der 1990er-Jahre erfasste der «EWR-Boom» nicht nur die Industrie – auch der Finanzbereich erschloss sich neue Geschäftsfelder wie Versicherungen oder Investmentunternehmen. Die Zahl der Banken sprang von 5 auf 17 (2002), heute sind es noch 12. Zu den günstigen Rahmenbedingungen gehörte auch ein zurückhaltender Staat mit tiefen Steuern und lange Zeit geringer Regulierungsdichte – wobei Letztere hohe Reputationsrisiken barg. Zugleich führte Liechtenstein ein soziales Sicherungsnetz ein und entwickelte die Sozialpartnerschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Die Unternehmer rekrutierten sich teils aus dem Land, teils holten sie Zuzüger. Alle fanden mit innovativen Technologien und Produkten Nischen, in denen sie auf den Schweizer, europäischen und globalen Märkten bestehen konnten. Stabilität brachte die Diversifikation. Industrie und Dienstleistungen sind zwei starke Standbeine: 2023 entfielen 40 Prozent der Bruttowertschöpfung auf den zweiten Sektor (Schweiz: 27 Prozent) und knapp 60 Prozent auf den dritten Sektor (Schweiz: 73 Prozent).

Die benötigten Arbeitskräfte kann Liechtenstein schon lange nicht mehr selbst stellen. Wanderten früher viele Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner aus oder waren auf Saisonarbeit im Ausland angewiesen, kehrte sich die Migrationsrichtung ab Mitte des 20. Jahrhunderts um. Der Ausländeranteil an der Bevölkerung liegt seit den 1970er-Jahren bei über einem Drittel. Dazu kamen viele Saisonarbeitskräfte (bis ins Jahr 2000) und Grenzgänger: 2024 pendelten täglich rund 25 000 Personen oder 57 Prozent der Beschäftigten aus dem Ausland nach Liechtenstein.

Äusserer Druck und innere Reform

Ab den 1930er-Jahren standen Banken und Treuhand wegen Beihilfe zur Steuerflucht, später auch wegen Geldwäscherei immer wieder in teils scharfer Kritik – zum Schaden der Reputation des ganzen Landes. Inländische Kritiker wurden nicht ernst genommen. Zu Reformen kam es primär auf äusseren Druck, etwa nach dem Chiasso-Skandal von 1977 oder der «Finanzplatzkrise» von 1999. 2005 erfolgte die Schaffung einer unabhängigen Finanzmarktaufsicht. Aber erst eine 2008 durch einen Datendiebstahl ausgelöste Krise veranlasste die Politik zu einem auf Steuerkooperation ausgerichteten Strategiewechsel, der mit der Übernahme der OECD-Standards für Transparenz und Informationsaustausch in Steuerfragen das Ende des Bankgeheimnisses bewirkte. 

Dieser Schritt war eine Zäsur. Die Zahl der einst über 80 000 Sitzgesellschaften brach massiv ein; zugleich richtete sich der Finanzplatz neu aus und professionalisierte sich weiter. So trugen die Finanz- und Versicherungsdienstleistungen 2023 nach wie vor 10 Prozent zur Wertschöpfung bei (Schweiz: 9 Prozent).

Das Wirtschaftswachstum der letzten acht Jahrzehnte führte Liechtenstein aus der Armut und begünstigte die politische Stabilität, die kulturelle Entwicklung und eine gesellschaftspolitische Öffnung. Der Erfolg des Landes verdankte sich seiner Anpassungsfähigkeit, hatte aber auch seinen Preis: Ein hoher Boden- und Ressourcenverbrauch, ein grosses Verkehrsaufkommen, steigende Immobilienpreise und Mieten sowie eine relativ starke Ungleichverteilung der Einkommen und der Vermögen sind vorerst ungelöste Herausforderungen. Dazu kommen die aktuellen technologischen und geopolitischen Entwicklungen. Der Kleinstaat bleibt vulnerabel. 

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1. Die EFG ist in Liechtenstein tätig und Teil einer international aufgestellten Bankengruppe. Welcher Aspekt zu Liechtenstein überrascht Ihre internationale Kundschaft am meisten?  «Dass Liechtenstein so international und innovativ ist. Viele rechnen mit einem eher lokalen Finanzplatz und erleben eine weltweit vernetzte Bank mit über 40 Standorten mit vollem Zugang