Ausgabe 935 - September 2004
Zahlenwahn: mit Beiträgen von Rainer Brüderle, Max Frenkel, Otfried Höffe und Herbert Lüthy
In dieser Ausgabe
Dossier
(6) Die vermessene Psyche
Im Verlauf ihrer Entwicklung hat die Psychologie sich zunehmend von einer Geistes- zu einer Naturwissenschaft gewandelt – und auch hier findet diese Veränderung ihren deutlichsten Ausdruck in der Verdrängung qualitativer Aspekte durch quantifizierende Methoden.
(5) Wahrscheinlich, unwahrscheindlich, wahr
Wahrscheinlichkeiten verändern sich grundlegend je nach den Bedingungen, unter denen sie gemessen oder geschätzt werden. Dies ist der Grund für eine Vielzahl falscher Berechnungen, die Betroffene immer wieder zu Fehlreaktionen verleiten.
(4) Der Anpfiff ist das Ende
Männer lieben Fussball und Fussballtabellen, denn sie stillen die Sehnsucht nach Gleichheit unter Ungleichen – bis zum Anpfiff. Dann geht die Nullstellung verloren und am Ende gibt es nur einen: den Weltmeister.
(3) Mathematikmanie und die Krise der Ökonomik
Die Volkswirtschaftslehre unterliegt einem stetigen Trend zur Formalisierung. Allerdings ist die Kritik an mathematischen Methoden so alt wie ihre Anwendung selbst – und sie wächst.
(2) Politik statt Zahlenreihen
Ob die Finanzierung der gesetzlichen Kranken-versicherung, ob Steuerlasten und Staatsquoten, Tarifabschlüsse oder Arbeitslosenzahlen zur Debatte stehen – allzu häufig werden unbequeme ökonomische Wahrheiten mit Zahlen und Statistiken übertüncht.
(1) Die andere Rechnung
Statt die Ursachen dieser Fixierung auf Quantifizierbarkeit zu erforschen, können wir fragen: Welchen Preis zahlen wir dafür? Die Antwort lässt sich nicht in Zahlen fassen – sicher ist nur: Wir geben viel auf.
(0) Zahlenwahn
350 Jahre sind vergangen, seit ein sichtlich enttäuschter Engländer Bilanz zog aus seinem Studium der Klassiker: es seien die alten, moralphilosophischen Werke halt nicht «scripta scientifica», sondern bloss «scripta verbifica», Wortgeklingel und Gerede. Was Wunder, wenn es keine Fortschritte gebe im Bereich der Philosophie, wenn die Menschen immer noch Kriege
Aktuelle Debatten
Kein Ende der Reformsucht?
Ein Ausstieg aus der Rechtschreibreform hat faktisch stattgefunden. Die Experten wiegeln ab, den Schaden trägt die Schule. Die Politik drückt sich vor Entscheidungen, und wichtige Fragen bleiben unbeantwortet.
Russland und der Westen
Die frühere Sowjetunion stellt für den Westen keine Bedrohung mehr dar – heute will das Land vor allen Dingen Partner sein. Während die Russen die Europäische Union zunehmend positiv beurteilen, bleibt ihre Skepsis gegenüber den USA.
Umfragen statt Aussagen
1993 veröffentlichte das Kundenmagazin einer Grossbank eine Meinungsumfrage, die Erstaunliches zutage brachte: Würden die Schweizer, die 1992 den EWR-Vertrag abgelehnt hatten, jetzt wieder abstimmen, würden sie sogar einen EU-Beitritt akzeptieren. Ich war skeptisch und beschaffte mir, was Agenturen und Redaktionen kaum je tun, die Fragetexte zu jener Umfrage.
Weitere Beiträge
Demographie und Politik
Emmanuel Todd L’illusion économique Gallimard 1998, deutsche Übersetzung mit unzulänglichem Titel und teilweise unsorgfältig lektoriert: «Die neoliberale Illusion. Über die Stagnation der entwickelten Gesellschaften. Zürich: Rotpunktverlag, 1999. Emmanuel Todd Weltmacht USA. Ein Nachruf München: Piper, 2004. Emmanuel Todd gilt den Rechten als Linker und den Linken als Rechter. Gleichwohl
«Kriegstagebuch 1914-1919»
Der Heidelberger Historiker Karl Hampe (1869-1936) zählte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den angesehensten deutschen Mediävisten. Seine Bücher über die Salier- und Stauferzeit galten für Studenten des Fachs als Pflichtlektüre. Das ruhige Gelehrtenleben erfuhr, wie das so vieler Zeitgenossen und Kollegen, eine schwere Erschütterung durch den
Der Rechtschreibwirrwarr
Beschlüsse, Empfehlungen, Widerrufe: Eine Berichterstattung zum aktuellen Stand der Debatten um die Rechtschreibreform und – ein Aufruf.
Träume, Gott und Männer – Lou Andreas-Salomé
Der Psychoanalytikerin Freudscher Schule kann kein Vaterkomplex untergeschoben werden. Nicht alle Männer waren fünfzehn Jahre älter. Die Entwicklung der «Freundin berühmter Männer» wird hier Mann um Mann nachgezeichnet.
Wetten für die Seligkeit
Die Existenz Gottes lässt sich nicht beweisen. Wer nicht glaubt, bleibt auch durch Mathematik ungläubig – selbst Blaise Pascals Wette im 17. Jahrhundert konnte Zweifler nicht überzeugen. Weniger Mathematik kann daher weniger Aberglauben bedeuten.
Die Mathematisierung der Sozialwissenschaften
Der Autor kritisiert, wie komplexe Zusammenhänge und unmessbare Grössen manipulativ kombiniert werden, um vorgegebene Schlussfolgerungen zu stützen. Dadurch entsteht der trügerische Eindruck von Präzision und Plausibilität, der einer umfassenden kritischen Analyse nicht standhält.
Kant und die freie Form
Das Wahre, das Gute und das Schöne je als autonome Bereiche zu begründen, ist Kants Verdienst. Dieser fünfte Beitrag zu Kants Wirkung auf das philosophische Denken unserer Zeit zeigt, dass seine Begründung der Autonomie der Kunst nichts von ihrer argumentativen Kraft eingebüsst hat.
Korherr-Bericht: «Die Endlösung der europäischen Judenfrage»
Im März 1943 verfasst der «Inspekteur für Statistik» Richard Korherr im Auftrag des SS Reichsführer Himmler einen geheimen Bericht. Hier offenbart sich der Zahlenwahn des Dritten Reichs.
Editorial
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