«Pharmakonzerne betreiben Medizin als Geschäft»
Kritiker beanstanden, die Pharmaindustrie habe in den letzten 25 Jahren aufgehört, sich auf die Gesundheit der Menschen oder auf wissenschaftliche Innovation zu konzentrieren, sondern es drehe sich alles um die Steigerung der Milliardenprofite.
Pharma ist ein Geschäft, keine Frage. Doch es ist ein Geschäft mit extrem hohen Risiken. Die Entwicklung neuer Medikamente dauert im Schnitt 12 Jahre und verschlingt 2,1 Milliarden, bevor überhaupt ein Franken Umsatz erzielt wird. 95% aller getesteten Substanzen werden nie ein fertiges Medikament. Wer leicht verdiente «Milliardengewinne» sucht, investiert in anderen Branchen, etwa im Finanzsektor.
In der Schweiz investieren Pharmaunternehmen jährlich rund 9 Milliarden Franken in Forschung und leisten rund 10 Mrd. Franken an Steuern und Abgaben bei rund 4,7 Mrd. Franken Umsatz. Es fliesst also mehr Geld in Forschung und Steuern zurück, als im Inland eingenommen wird.
Seit 1990 haben pharmazeutische Innovationen die Mortalität bei unter 85-Jährigen in der Schweiz um fast ein Drittel gesenkt und rund zwei Millionen Spitaltage pro Jahr eingespart.
Direkt wirkende antivirale Therapien heilen heute über 95 Prozent der Hepatitis-C-Patienten. Ohne diese durch die Pharmaindustrie ermöglichten Fortschritte müsste man die Patienten, wie in früheren Zeiten, jahrzehntelang überwachen und mit teuren Transplantationen behandeln.
«Pharmakonzerne verlangen überrissene Preise»
Kritiker beanstanden, die Medikamentenpreise würden künstlich hochgehalten und die Medikamente könnten bei einer sozialeren Pharmapolitik allen Menschen zur Verfügung stehen, gerade in Schwellenländern mit schlechter medizinischer Versorgung.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Der Preisindex für Medikamente ist seit 1996 um 48 Prozent gesunken, während der Spitalpreisindex und die Indizes anderer Gesundheitsleistungen deutlich gestiegen sind. Medikamente machen rund 12,1 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben in der Schweiz aus: 11,4 Milliarden Franken von insgesamt 93,95 Milliarden im Jahr 2023. Seit 2023 sind die Medikamentenkosten unterdurchschnittlich gewachsen: 3,1 Prozent pro Jahr gegenüber 3,2 Prozent für das gesamte Gesundheitswesen.
Kaufkraftbereinigt sind patentgeschützte Medikamente in der Schweiz im Schnitt 20% günstiger als im europäischen Umfeld; ohne Kaufkraftbereinigung liegen die Auslandspreise etwa 9 Prozent tiefer. Die Rede von «explodierenden Medikamentenpreisen» ist empirisch schwer haltbar, wenn der einzige systematisch sinkende Preisindex im Gesundheitswesen gerade die Medikamente betrifft.
Das Kostenproblem im Gesundheitswesen liegt primär in der überalternden Bevölkerung.
«Pharmakonzerne quälen Tiere»
Kritiker beanstanden, die Industrie quäle Tiere im Labor, obwohl heute die meisten Produkte ohne Tierversuche entwickelt werden könnten.
Tierversuche in der Schweiz unterliegen strengen Tierschutzauflagen. Belastungen, Schmerzen und Stress für die Tiere müssen so weit wie möglich vermieden oder minimiert werden, und jeder Versuch wird vorab auf seine wissenschaftliche Notwendigkeit und Verhältnismässigkeit geprüft. Die Unternehmen haben nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein ethisches Interesse daran, die Zahl der Tierversuche weiter zu senken. Deshalb investieren sie gezielt in Alternativmethoden und setzen Tierversuche nur dort ein, wo sie für die Beurteilung von Sicherheit und Wirksamkeit weiterhin unverzichtbar sind.
Obwohl sich die Forschungsaktivität gemäss der Branche mehr als verdoppelt hat, konnte die Zahl der eingesetzten Versuchstiere in der Schweiz dank der sogenannten 3R-Prinzipien (Replace, Reduce, Refine) seit dem Jahr 2000 um knapp 60 Prozent auf etwa 134 300 Tiere gesenkt werden. Rund 45 Prozent der Forschungsausgaben fliessen in klinische Studien am Menschen. Tierversuche sind gesetzlich nur zulässig, wenn keine Alternativen bestehen.
Schweizer Pharmaunternehmen haben eine 10- Punkte-Tierschutz-Charta, arbeiten mit dem nationalen 3R-Kompetenzzentrum zusammen und werden vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen überwacht.
Tierversuche spielen in der präklinischen Forschung nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie kommen dort zum Einsatz, wo komplexe biologische Zusammenhänge noch nicht ausreichend mit alternativen Methoden untersucht werden können, und sind in vielen Bereichen Voraussetzung, um die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Therapieansätze vor klinischen Studien zu beurteilen.
«Pharmakonzerne lassen Krankenkassenprämien explodieren»
Die jährlich steigenden Krankenkassenkosten gehen gemäss Kritikern auf das Konto der Pharmaindustrie. Würde man diese beschränken und die Industrie staatlich regulieren, wäre eine gute Gesundheitsversorgung für alle Menschen bezahlbar.
Auch dieser Behauptung widersprechen die Zahlen. Der Anteil der Medikamentenkosten an den Gesamtkosten des Gesundheitswesens beträgt seit über zehn Jahren konstant rund 12 Prozent. In der Schweiz sind Bruttoinlandsprodukt und Löhne seit 1996 pro Kopf deutlich stärker gestiegen als die Gesundheitskosten; die «Belastung» ist also im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung gesunken und schon gar nicht ausser Kontrolle.
Dank pharmazeutischen Innovationen wurden in der Schweiz rund 2 Millionen Spitaltage pro Jahr vermieden. Das entspricht einer Einsparung von etwa 3 Milliarden Franken.
Wenn Krankenkassenprämien heutzutage steigen, liegt das primär am demografischen Wandel und dem entsprechend gestiegenen Pflegebedarf, nicht an den Medikamenten.
«Pharmakonzerne halten Patienten krank»
Ein verbreitetes Vorurteil ist die Annahme, dass die Industrie darauf abziele, Menschen krank zu halten, statt sie gesund zu machen. Eine lebenslange Abhängigkeit von Medikamenten sei für die Industrie viel attraktiver als die Heilung von Krankheiten.
Auch hier sieht die Realität anders aus. Medikamente und Impfungen sind zentrale Präventionsinstrumente: Die HPV-Impfung verhindert weltweit jährlich rund 27 000 Krankheitsfälle und etwa 12 000 Todesfälle.
Neue RSV-Impfstoffe und monoklonale Antikörper haben Hospitalisationen von Kindern und Älteren deutlich reduziert. Direkt wirkende Hepatitis-C-Therapien zielen explizit auf Heilung, nicht auf Chronifizierung. In Zahlen: Über 95 Prozent der Patienten werden geheilt.
Eine Grunderfahrung in der Branche lautet: Die Innovationen von heute sind die Generika von morgen. Blockbuster-Therapien werden nach Patentablauf zu günstigen Standardbehandlungen, die es sonst gar nicht gäbe.
Wer behauptet, die Industrie «will» Kranke, ignoriert, dass erfolgreiche Heilungen gesellschaftlich extrem wertvoll sind – und langfristig das Vertrauen in die Branche sichern.
«Pharmakonzerne bereichern sich durch Patente»
Pharmakritiker werfen der Industrie vor, übermässig vom Patentschutz zu profitieren. Durch die Patente und ein damit verbundenes, übertriebenes Besitzdenken in Schlüsselbereichen werden angeblich Innovationen verhindert.
Tatsache ist, dass Patente eine Laufzeit von 20 Jahren haben. Von diesen 20 Jahren sind im Durchschnitt bereits 10 Jahre verstrichen, bis ein Wirkstoff überhaupt auf den Markt kommt – der Marktschutz ist dann entsprechend verkürzt.
Der Cholesterinsenker Atorvastatin (Sortis) war 2011 ein Blockbuster; seit Patentablauf 2012 haben sich die Kosten für den Wirkstoff mehr als halbiert, während die Zahl behandelter Patienten stark gestiegen ist. 2024 lag der Generikaanteil in generikafähigen Segmenten bei rund 66 Prozent, Biosimilars haben erstmals höhere Umsätze erzielt als Referenzprodukte.
Die Schweiz ist Spitzenreiter bei Patentanmeldungen. 2025 befanden sich weltweit etwa 10 949 Wirkstoffe in marktnahen Entwicklungsstadien; der grösste Teil entfällt auf Onkologie, Infektionen, Entzündungen, Autoimmunerkrankungen und Atemwegserkrankungen.
Ohne Patentschutz wären Milliardeninvestitionen in Spitzenforschung nicht finanzierbar; die Quersubventionierung der vielen Fehlschläge hängt an den wenigen erfolgreichen Produkten.
Patente blockieren nicht pauschal Innovation, sondern strukturieren sie: Es gibt umfangreiche Lizenz- und Patentvereinbarungen mit Hochschulen, über die Gelder aus privater Forschung zurück ins öffentliche System fliessen.