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Finanzkrisen sind keine Autounfälle: Warum sich die Zukunft nicht berechnen lässt

Wie sich komplexe Systeme entwickeln, lässt sich im Nachhinein erklären, aber kaum prognostizieren. Ökonomen sind trotzdem nicht völlig nutzlos.

Königin Elizabeth II. enthüllt während eines Besuchs an der London School of Economics and Political Science (LSE) eine Gedenktafel. Bild: PA Images via Getty Images

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Als Königin Elizabeth II. kurz nach der Finanzkrise von 2008 die London School of Economics besuchte, stellte sie den anwesenden Ökonomen eine ebenso einfache wie vernichtende Frage: «Warum haben Sie das nicht vorhergesehen?» Sie stellte sich den Börsencrash offenbar wie einen Autounfall vor. Kennt man Position und Geschwindigkeit zweier Fahrzeuge, lässt sich ihr Zusammenstoss berechnen – und verhindern. Genau das tun selbstfahrende Autos.

Um ein Auto zu steuern, braucht man Gleichungen, etwa y = 10 + 0,5x. Kennt man den Wert von x – zum Beispiel 4 –, erhält man für y den Wert 12. Ein gegebener Input liefert einen berechenbaren Output. Nach diesem Prinzip arbeiten Computer. Selbst die so beeindruckend wirkende künstliche Intelligenz ist letztlich nichts anderes als eine mit Wahrscheinlichkeiten rechnende Input-Output-Maschine.

Die Tyrannei des Zufalls

Allerdings gibt es dabei einige Schwierigkeiten.

Die offensichtlichste: Ist die Gleichung falsch, fällt auch die Vorhersage falsch aus. Es kommt zum Unfall. Deshalb verbringen Natur- und Sozialwissenschafter oft ihr gesamtes Berufsleben damit, Gleichungen zu finden, die der Wirklichkeit wenigstens annäherungsweise entsprechen.

Gerade jene Vorhersagen, von denen Königin Elizabeth glaubte, Ökonomen müssten sie treffen können, sind grundsätzlich nicht möglich.

Hinzu kommt ein tiefer liegendes Problem. Manche physikalischen Vorgänge reagieren extrem empfindlich auf kleinste Unterschiede der Ausgangsbedingungen. Deshalb wird die Wettervorhersage für einen Zeitraum von zwei Wochen niemals wirklich zuverlässig sein. Bei menschlichem Verhalten ist diese Empfindlichkeit noch ausgeprägter. Denken Sie nur an Ihr eigenes Leben. Wen Sie geheiratet haben, hing wahrscheinlich von einer Kette winziger Zufälle ab, die ebenso gut einen anderen Verlauf hätten nehmen können.

Gerade jene Vorhersagen, von denen Königin Elizabeth glaubte, Ökonomen müssten sie treffen können, sind grundsätzlich nicht möglich. Wären sie möglich, könnten sämtliche Ökonomen ebenso reich werden wie – nun ja – die Königin.

Anmassende Industriepolitik

Heisst das, dass die Wirtschaftswissenschaft überflüssig ist? Keineswegs. Es bedeutet lediglich, dass viele wirtschaftspolitische Eingriffe auf einer Illusion beruhen. Seit den 1920er-Jahren glaubten Ökonomen zunehmend, den Gang von Volkswirtschaften lenken zu können. Doch wirtschaftliches Handeln richtet sich immer auf die Zukunft – Entscheidungen über die Vergangenheit können wir bekanntlich nicht mehr treffen. Gerade deshalb ist es häufig unmöglich, die «Gleichungen» zu kennen, nach denen sich die Wirtschaft steuern liesse.

Man hätte der Königin also erklären sollen, dass Ökonomen keine Prognostiker im deterministischen Sinn sind, den sie vor Augen hatte.

Wozu braucht man Ökonomen dann überhaupt?

Kein Evolutionsbiologe behauptet, die Evolution im Detail vorhersagen zu können. Er kann aber ihre Geschichte rekonstruieren und erklären.

Ihr grösster wissenschaftlicher – und letztlich auch ethischer – Wert liegt darin, Historiker zu sein. Kein Evolutionsbiologe behauptet, die Evolution im Detail vorhersagen zu können. Er kann aber ihre Geschichte rekonstruieren und erklären.

Schlägt ein gewaltiger Meteorit auf der Erde ein, verändern sich die Lebensbedingungen radikal: Grosse Dinosaurier sterben aus, während besser angepasste Arten überleben. Ebenso gilt: Verdoppelt eine leichtsinnige Regierung die Geldmenge, werden sich langfristig auch die Preise ungefähr verdoppeln. In beiden Fällen sind keine präzisen Prognosen möglich, wohl aber Aussagen über die wahrscheinliche Richtung der Entwicklung.

Unvorhersehbar bleibt dagegen, dass ausgerechnet eine bestimmte Dinosaurierart – klein, flugfähig und mit Schnäbeln, die auf Samen spezialisiert waren und ihr langes Überleben ermöglichten – die Katastrophe überstand. Wir nennen sie Vögel.

Ebenso wenig lässt sich vorhersagen, welche Innovation sich am Markt durchsetzen wird. Gerade deshalb ist Industriepolitik meist nichts anderes als Hybris.

In der Wirtschaftsgeschichte hingegen kennen wir die relevanten «Gleichungen». Die Ereignisse haben bereits stattgefunden. Wir können die wirtschaftlichen «Vögel» im Nachhinein erklären. Wir verstehen rückblickend, weshalb sich etwa Stahlbeton als Innovation durchgesetzt hat.

Wozu also Geschichte?

Sie macht uns klüger.

Vor allem lehrt sie uns Demut gegenüber der Unvorhersehbarkeit der Welt.

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