«In Gedanken an die Menschen, die wir liebgewonnen und die uns geholfen haben!» «Auf eine gute Zusammenarbeit und das Gelingen unseres gemeinsamen Projektes!» Ich sitze mit meinen georgischen Kolleginnen und Kollegen an einem länglichen Holztisch in einem Gartenrestaurant oberhalb Tbilisis. Unter uns glitzern die Lichter des Altstadtquartiers, wir sehen einen Teil des überdimensionierten, futuristischen Justizgebäudes und im Hintergrund die riesige Tsiminda-Sameba-Kathe-drale. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe angetrunkener Männer; sie scheinen sich anzuschreien, einander übertönen zu wollen. Zwischendurch stimmen sie jedoch in einen vierstimmigen Gesang ein und heben ihre Gläser. Wir selber haben Gozinaqi (Nüsse) genossen, Khinkali (Teigtaschen) verschlungen und natürlich georgischen Rotwein aus Kachetien, dem Südosten Georgiens, kredenzt! Zwar haben wir ihn nicht aus einem Trinkhorn getrunken, wie es ursprünglich Sitte war, sondern aus Gläsern. Reichlich floss er trotzdem, und wir sind alle ein bisschen angesäuselt. Was jedoch vor allem zu lebhaften Diskussionen führt, sind die Trinksprüche! Der älteste Kollege der Runde hebt immer wieder das Glas und stösst auf das Heimatland, die Partner, Freundschaften, die Verstorbenen und die Musik an. Oft löst sein Trinkspruch eine kürzere oder längere Diskussion aus. Wie hat man den Krieg erlebt? Gibt es die wahre Liebe? Wer gewinnt im Europacup? Wie steuert man ein Auto über löchrige Strassen? In Georgien sitzt man bei geselligen Anlässen nicht nur zusammen und wartet darauf, dass etwas geschieht, sondern das gemeinsame Trinken folgt einem Ritual. Als erstes wird ein Zeremonienmeister bestimmt, der Tamada. Dies geschieht ohne Diskussion oder formelles Prozedere, denn meistens ist allen klar, wem diese Rolle zufällt: dem Gastgeber, der ältesten oder wichtigsten Person der Tafelrunde. Der Tamada hat die Aufgabe, kluge, originelle oder zotige Trinksprüche auszusprechen. Er bringt Themen in die Runde, damit es zu Gesprächen kommt. An den Supras, den formellen Banketts, wird der Tamada im voraus bestimmt und hat 16 Trinksprüche vorzubringen. Mit Vorteil werden trinkfeste und sprachgewandte Personen gewählt, denn der Tamada sollte auch nach mehreren Spruchrunden noch witzig und geistreich sein. Die Tradition des Tamadas erlebte ich als Gewinn. Soziale Anlässe sind in Georgien, nicht zuletzt dank dieser Trinksitte, ein Erlebnis. Uns in der Schweiz würde eine solche Sitte auch helfen, damit Tischgespräche vielfältiger werden und nicht nur über Ferien, die Kinder oder Probleme mit dem Garten geredet wird.
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