Erfreulich und beruhigend ist es, daß die Verursacher und Betreiber des Dauerskandals «Rechtschreibreform» die kritische Öffentlichkeit noch nicht völlig kaltgestellt haben und daß sie immer wieder ihr Vergehen gegen Sprachkultur und Leser vorgehalten bekommen. Indes selbst aus so etwas Mißglücktem wie der «Rechtschreibreform» kann man zumindest Erkenntnisgewinn ziehen. Erstens ist ungezählten Sprachbenutzern der deutschen Sprache im In- und Ausland die Modernität, die Schreiber- und Leserfreundlichkeit der nichtreformierten Orthographie durch die «Rechtschreibreform» deutlich ins Bewußtsein gerückt worden. Zweitens erfahren wir durch die «Reform» einiges über unser politisches Führungspersonal. Diese «Reform» unserer Rechtschreibung stellt nämlich Politikern in unserem Land ein bemerkenswertes Zeugnis ihrer Fähigkeiten aus: Wo sind Kompetenz, wo Verantwortungsbewußtsein, wo – vor allem – die Fähigkeit, gemachte Fehler wieder zu berichtigen? Von all dem kann man in der Frage der Rechtschreibpolitik – als Teil der Kulturpolitik – bestenfalls Spurenelemente entdecken. Angesichts der Tatsache, daß wir offenbar wieder einmal nicht in der Lage sind, uns aus eigener Kraft von verderblichen, ideologisch gefärbten politischen Bestrebungen zu befreien, ist es tröstlich und erfreulich, aber auch wieder beschämend, daß wir inzwischen vor allem auf Widerstand gegen die «Missstand-Schreibung» aus dem Ausland hoffen müssen. Vielleicht werden also ausländische Autoren mit ihrem Protest gegen die «Rechtschreibreform» erreichen, was deutschen Schriftstellern bisher nicht gelungen ist. Welch ein politisches Armutszeugnis ist dies bereits heute!
Wo bleibt die Fähigkeit, Fehler zu berichtigen?
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