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Kolumne

Lieber still als schrill: Einige Zeilen über uns

Wer weiss noch, was gestern oder vorgestern das Land beschäftigte? In modernen, massenmedial animierten Gesellschaften ist es schwierig, den Massstab zu wahren, vom Überblick ganz zu schweigen. Das erzeugt Stress, und dieser Stress schweisst zusammen. Die mediale Stressbewirtschaftung erzeugt erst das Gefühl gesellschaftlicher Verbundenheit – Bürger eines Stresskollektivs ist folglich, frei

Realitätsabgleich in der U-Bahn

Mein Freund Harry weigert sich, die Londoner Subway zu benutzen. Weil er seinen Führerschein abgeben musste und sich keinen Chauffeur leisten kann, verwendet er ein kleines Vermögen darauf, sich von Taxis in der Gegend herumfahren zu lassen. Jeden Tag zur Arbeit und wieder nach Hause, am Wochenende zum Club in

«Gefällt mir» gefällt mir nicht

Wäre Italienisch nicht nur eine schöne, sondern auch eine europaweit verstandene Sprache, so wäre längst bekannt, dass Indro Montanelli (1909–2001) einer der bedeutendsten Journalisten des 20. Jahrhunderts war. Controcorrente – gegen den Strom – war sein lebenslanges Markenzeichen, auch dann, als in den bleiernen Siebzigerjahren sogar sein «Corriere della Sera» ängstlich

Zukunftsreise

Tausende Steine liegen verstreut in der Einöde, glatt poliert von dem Wasser, das sie einst in die Ebene gespült hat. Am Horizont zeichnet sich die Hügelkette des Kraterrands ab, links ist der Abhang des 5000 Meter hohen Mount Sharp zu erkennen. Dorthin soll der Rover rollen und nach Bausteinen des

Starker Tobak für Stimmbürger

Volksinitiativen zu lancieren, die auf die Bundesverfassung zielen, ist stark in Mode gekommen. Das Vorgehen verspricht Aufmerksamkeit. Einige völkerrechtlich frag-würdige Volksinitiativen haben nun Bundesbehörden und Rechtswissenschaft dazu bewegt, sich zu fragen, ob der souveräne Stimmbürger nicht doch in die richtige Richtung zu lenken sei. Der Bundesrat liess 2011 in

Broadway nach Stundenplan

«Der Prozess» von Franz Kafka war mein Lieblingswerk während der Gymnasialzeit. Mich faszinierte das Absurde, und zugleich belustigte mich die Tatsache, dass sich sowohl der Protagonist Josef K. als auch die Leserschaft das Spiel mit der falschen Realität und das Tappen im dunkeln ein ganzes Buch lang gefallen lassen. Dass

Märchen für Erwachsene

Es war einmal eine Prinzessin namens soziale Marktwirtschaft. Sie war freundlich, bewies in ihrem Tun stets Augenmass, und alle fanden Gefallen an ihr. Doch schon bald trat ein böser Raubritterclan auf den Plan und trieb sein Unwesen. Diese Bösewichte trugen im Volksmund den Namen «die Neoliberalen», drangsalierten die soziale Marktwirtschaft,

Kommen Sie mal näher!

Wie haben Menschen im 19. und 20. Jahrhundert trotz Hungersnöten, Kriegen und zu Beginn gar ohne elektrisches Licht grossartige und nützliche Erfindungen hervorgebracht, die unser Leben auch heute noch erleichtern? Sie wissen schon: Von Glühbirnen über Eisenbahnen zur Pille und zum Mond. Von König- und Kaiserreichen über Diktaturen zur Demokratie.

Das Wrack

Die Moschee ist unbeschädigt. Hoch ragen die Minarette empor, an Portikus, Kuppel und Fensterfassaden sind keine Kugellöcher oder Granateinschläge zu sehen. Auch als Fluchtburg wurde das heilige Haus nicht benötigt. Es blieb intakt – für die Zukunft des Landes. Das Kriegsgerät des alten Regimes dagegen ist zerstört. Der Panzer ist ausgebrannt,

Konkurs der Eidgenossenschaft

Die Welle der Staatskonkurse wird wohl von Griechenland aus anrollen. Sie dürfte dann Spanien, Portugal und Italien erfassen, nach anfänglichem Widerstand wohl auch Frankreich, und selbst Deutschland hat kaum Aussicht, von ihr verschont zu werden. Das Land, das für alle anderen haftet, ist ja schon heute auf der Watchlist von