Wenn ich als Wirtschaftsminister Gäste aus dem Ausland durch Vaduz führe, kommt früh eine Frage: Wie schafft es ein Land mit 160 Quadratkilometern und rund 41 500 Einwohnerinnen und Einwohnern, mehr Arbeitsplätze als Einwohner zu haben, praktisch schuldenfrei zu sein und gleichzeitig zu den wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt zu zählen? Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt kein Patentrezept. Es ist das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die den Erfolg unseres Landes ausmachen. Viele dieser Faktoren sind und waren das Ergebnis von Entscheidungen, die teils vor über hundert Jahren, teils erst vor wenigen Jahrzehnten gefällt worden sind.
Die Weichenstellungen der Vergangenheit
Liechtensteins Wirtschaftsgeschichte lässt sich an drei Daten festmachen: dem Jahreswechsel 1923/24, dem Jahr 1991 und schliesslich dem Jahr 1995. Mit der Auflösung der Zollunion mit Österreich und dem Abschluss des Zollvertrags mit der Schweiz orientierte sich unser Land nach dem Ersten Weltkrieg konsequent an der Schweiz. Daraus resultierte eine enge Partnerschaft mit der Schweizer Eidgenossenschaft. Die Übernahme des Schweizer Frankens als gesetzliches Zahlungsmittel ist wohl das augenfälligste Zeichen dieser Zusammenarbeit. Hinzu kommt der offene Grenz- und Warenverkehr. Letzterer mündete schliesslich in eine Zollunion. Die enge Zusammenarbeit mit der Schweiz eröffnete Liechtenstein Zugang zu einem stabilen, grossen Wirtschaftsraum. Diese Anlehnung an die Schweiz war eine bewusste, mutige Entscheidung, denn Souveränität bedeutet nicht nur Autarkie, sondern die Freiheit, selbst zu entscheiden, wo Zusammenarbeit den eigenen Handlungsspielraum erweitert.
Die zweite Weichenstellung folgte Jahrzehnte später mit dem Beitritt zur Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) 1991 und zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1995. Damit vollzog das Fürstentum einen Balanceakt, der seinesgleichen sucht: Die gleichzeitige Anbindung an die Schweiz durch die Zoll- und Währungsunion sowie an Europa durch die Mitgliedschaft im EWR ermöglicht den ungehinderten Zugang zu gleich zwei bedeutenden Wirtschaftsräumen. Ich bin überzeugt: Diese doppelte Marktanbindung ist der stärkste einzelne Standortfaktor, den wir haben. Unsere Industrieunternehmen exportieren in die ganze Welt, unser Finanzplatz operiert nach EU-Standards, gleichzeitig bleibt der Franken unsere Währung und die Schweiz unser engster Partner.
Politische Kontinuität wird oft als gegeben hingenommen. Liechtenstein verdankt seine Stabilität nicht zuletzt seiner Staatsform, die seit rund einem Jahrhundert Monarchie und direkte Demokratie verbindet, sowie einer politischen Kultur, in der wirtschaftspolitische Grundsatzfragen selten parteipolitisch instrumentalisiert werden.
Hinzu kommt ein schuldenfreier Staatshaushalt mit einem AAA-Rating. Dieses ist das Ergebnis einer besonnenen und langfristig ausgerichteten Fiskalpolitik sowie der Bereitschaft früherer Generationen, in guten Jahren zurückzulegen statt zu verteilen. Diese Form des intergenerationellen Zusammenhalts ist Teil der liechtensteinischen DNA. Sie mag teils unbequem sein, zahlt sich aber in jeder Krise aus – zuletzt sichtbar in der Finanzkrise 2008 und in der Pandemie, von denen sich die liechtensteinische Wirtschaft im Vergleich mit anderen Staaten relativ rasch erholt hat.
Dazu kommt Rechtssicherheit: Wer hier investiert, ein Unternehmen gründet oder eine Stiftung errichtet, kann sich auf eine berechenbare und stabile Rechtsordnung verlassen. Das ist gerade im Bereich der Vermögensverwaltung sehr wichtig. Auch für Investitionen in den Wirtschaftsstandort Liechtenstein ist es ein entscheidendes Argument, das man nicht mit tiefen Steuersätzen allein aufwiegen kann.
Klein, aber unternehmerisch
Mit über 5500 im Handelsregister eingetragenen Unternehmen auf rund 41 500 Einwohnerinnen und Einwohner hat Liechtenstein eine der höchsten Unternehmensdichten der Welt. Das ist das Resultat einer bewusst liberalen Wirtschaftspolitik: Der Fokus liegt auf der Schaffung und Aufrechterhaltung eines Umfelds, das es für Unternehmen und Investoren interessant macht, in Liechtenstein tätig zu sein. Die Aufgabe der Politik ist es, zu ermöglichen statt zu erschweren. Dazu gehören der Abbau von Innovationshürden, ein liberales Gesellschafts- und Arbeitsrecht, kurze, unbürokratische Wege und eine Verwaltung, die sich als Dienstleisterin versteht statt als Hürde.
«Die Aufgabe der Politik ist es, zu ermöglichen statt zu erschweren.»
Hinzu kommt das Persönliche. Wenn ein Unternehmer bei uns anruft, bekommt er in der Regel keine Broschüre, sondern eine Person ans Telefon, die sich seines Anliegens annimmt und weiterhilft. Diese Nähe zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft ist ein Standortvorteil, den grössere Länder strukturell kaum leisten können. Ein weiterer zentraler Faktor ist unser duales Bildungssystem, das gut ausgebildete Fachkräfte hervorbringt und eng auf die Bedürfnisse unserer Betriebe zugeschnitten ist.
Zugleich sind wir keine reine Steueroase, auch wenn sich dieses Klischee hartnäckig hält. Unser Finanzplatz hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren grundlegend gewandelt. Er zeichnet sich heute durch eine transparente und international abgestimmte Regulierung, eine enge Zusammenarbeit mit der OECD und der EU sowie eine Finanzmarktaufsicht, die international anerkannt ist, aus. Wer in Liechtenstein zum Beispiel eine Stiftung gründet, schätzt die Rechtssicherheit und die Qualität der angebotenen Dienstleistungen. Diese Neuausrichtung war herausfordernd, aber richtig, und sie ist die Voraussetzung dafür, dass sich unser Finanzplatz auch in Zukunft international positionieren und weiterentwickeln kann.
Ein zweiter, oft unterschätzter Pfeiler der liechtensteinischen Wirtschaft ist unsere Industrie: Rund 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten in einem hochspezialisierten Industriesektor, in dem mehrere Liechtensteiner Unternehmen Weltmarktführer in ihrer Nische sind. Liechtenstein ist ein Land der Hidden Champions. Die breit diversifizierte Wirtschaftsstruktur mit einer Kombination aus Finanzplatz und Werkplatz macht uns weniger anfällig für Branchenkrisen als reine Finanzzentren und sorgt auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten für Stabilität.
Der Preis des Erfolgs
Ich will an dieser Stelle nicht nur die Erfolgsgeschichte erzählen. Wer so erfolgreich wirtschaftet wie Liechtenstein, produziert auch Knappheit – vor allem beim Wohnraum und bei Arbeitskräften. Über die Hälfte unserer Beschäftigten pendelt täglich aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland nach Liechtenstein. Das funktioniert nur dank enger regionaler und grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Liechtenstein kann die Nachfrage nach Arbeitskräften längst nicht mehr selbst decken. Die demografische Entwicklung wird diesen Druck in den kommenden Jahren eher verschärfen als lindern: Unser Wirtschaftsstandort ist auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen; die Zuwanderung und damit auch die Möglichkeit der Wohnsitznahme in Liechtenstein sind jedoch begrenzt.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob wir den gleichen Mut und die gleiche Weitsicht aufbringen wie frühere Generationen. Die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen muss weitergehen. Der internationale Regulierungsdruck im Finanzsektor wird nicht abnehmen und wir müssen ihn proaktiv mitgestalten, statt nur zu reagieren. Die veränderte Sicherheitslage in Europa macht vor einem kleinen, offenen Wirtschaftsstandort nicht halt: Mit unserer ersten integrierten sicherheitspolitischen Strategie tragen wir dieser Entwicklung Rechnung, indem wir staatliches Handeln, wirtschaftliche Resilienz und die Eigenverantwortung der Bevölkerung stärker verzahnen – denn Sicherheit ist längst auch ein Wettbewerbsfaktor, nicht nur eine innenpolitische Frage.
Was Liechtenstein aus meiner Sicht richtig macht, ist letztlich keine einzelne Massnahme, sondern eine Haltung: langfristig denken. Wir setzen als Land auf Kooperationen statt auf Abschottung. Indem wir Wandel als Chance begreifen, Verlässlichkeit über kurzfristige Vorteile stellen und den Mut haben, unbequeme Anpassungen frühzeitig vorzunehmen, bleiben unser Staatswesen und die Menschen, denen es dienen soll, wettbewerbsfähig. Diese Haltung hat uns hundert Jahre lang getragen. Sie wird uns nur weitertragen, wenn wir sie nicht für selbstverständlich halten.