zum Inhalt

Ein Nachruf auf die Stimme des Schweigens

Vor 75 Jahren starb mit Ludwig Wittgenstein einer der faszinierendsten und bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Sprachdenken ist aktueller denn je – als Gegenmittel zur Verrohung in der öffentlichen Kommunikation.

Eine Parole ist schnell skandiert. Was «From the River to the Sea» für Israels Existenz bedeutet, bleibt an der Demonstration unausgesprochen. Gerade das zeigt, welche Verantwortung Worte tragen. Bild: Keystone

Inhaltsverzeichnis

Zum festen Repertoire von Demonstrationen gehören Sprechchöre wie «What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!», Parolen wie «From the River to the Sea, Palestine will be free» und der Aufruf «Stoppt den Genozid in Palästina!». Die thematische Bandbreite – vom Klimaaktivismus bis zum Nahostkonflikt – eint, dass sie hochgradig aufgeladene Begriffe wie «Gerechtigkeit» oder «Völkermord» skandieren, ohne diese historisch oder politisch zu justieren.

Doch was bedeuten «Klimagerechtigkeit» und «Genozid» eigentlich? Und sind sich die Demonstrierenden über die historischen Konsequenzen bewusst, wenn den Palästinensern das Land zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer zugestanden wird? Diese entkontextualisierte Sprachverwendung verschiebt die Grenzen des Sagbaren massiv, was den gesellschaftlichen Diskurs nicht nur spaltet, sondern substanziell untergräbt. Denn Worte bleiben nicht folgenlos: Sie können Gewalt legitimieren und den Boden für entsprechende Taten bereiten.

Doch was bedeuten «Klimagerechtigkeit» und «Genozid» eigentlich?

Dass hier sprachlich über die Existenz des Staates Israel hinweggegangen wird, konfrontiert uns mit der existentiellen Verantwortung von Sprache. Genau dieses Spannungsverhältnis zwischen Wortlaut und historischer Wirklichkeit – zwischen politischer Forderung und tatsächlicher Konsequenz – hätte Ludwig Wittgenstein auf den Plan gerufen. Philosophisch, weil er die Präzision der Sprache gegen jede politische Instrumentalisierung verteidigte. Biografisch, weil der gebürtige Wiener und spätere Cambridge-Dozent, der jüdische Wurzeln hatte, die Gewalt eskalierender politischer Rhetorik des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren hatte.

Im Dialog mit Paul Engelmann

Der Architekt und ebenfalls österreichisch-jüdische Paul Engelmann (1891–1965) war ein enger Freund und Briefpartner Wittgensteins. Die beiden Männer pflegten einen regen Austausch über ästhetische, ethische und religiöse Fragen. Und sie konzipierten gemeinsam für Wittgensteins Schwester Margarethe das Palais Stonborough, das eigenwillig den Bauhausstil zitierte. Es steht heute noch im 3. Wiener Gemeindebezirk.

1934 emigrierte Engelmann nach Palästina. In einem Brief aus dem Jahr 1925 wird dieses Vorhaben thematisiert und stösst bei Wittgenstein auf grosse Resonanz: «Vielleicht wollte ich mich Ihnen anschliessen. Würden Sie mich mitnehmen? Jedenfalls möchte ich ein langes Gespräch mit Ihnen haben. Ich muss über vieles sprechen, was mir wichtig ist, und halte das Reden darüber selbst für wichtig und nicht für Geschwätz.» Engelmann stammte aus dem mährischen Olmütz (heute Olomouc, Tschechien), wo er in der jüdischen Gemeinde verwurzelt und Leiter eines zionistischen Jugendbundes war. Wittgensteins kulturelle Identität war hingegen stark von Anpassungsdruck geprägt. Seine familiäre Herkunftsgeschichte weist bekanntermassen jüdische Wurzeln auf, die bis zum Gutsverwalter Ahron Moses Meier dokumentiert sind. Seine Nachfahren väterlicherseits konvertierten indes zum Protestantismus, um berufliche Aufstiegsmöglichkeiten zu erhalten und Ausgrenzungen zu entgehen. Wittgensteins Mutter Leopoldine entstammte ihrerseits einer jüdischen Prager Familie, war jedoch katholisch getauft. Dass diese Konversion als Reaktion auf gesellschaftlichen Ausgrenzungsdruck tatsächlich den ersehnten Aufstieg ermöglichte, bewies kein Familienmitglied eindrücklicher als der Vater. Karl Wittgenstein machte sich als einer der mächtigsten und reichsten Stahlindustriellen der späten Habsburgermonarchie der Jahrhundertwende einen Namen in der Donaumonarchie. Im prunkvollen Palais Wittgenstein verkehrten nach Karls Heirat mit Leopoldine musikalische Berühmtheiten wie Clara Schumann, Gustav Mahler, Johannes Brahms, Richard Strauss und Arnold Schönberg – eine gesellschaftliche Sphäre, die ohne den durch die Konversion der Vorfahren erst ermöglichten Aufstieg undenkbar gewesen wäre. Die zwei Flügel der traditionsreichen Wiener Manufaktur Bösendorfer und die wertvollen Ölgemälde beeindruckten gewiss auch die Diplomaten, Künstler und Schriftsteller, die im Palais seinerzeit zu Besuch waren. Umso mehr, weil Mutter Leopoldine eine begabte Gastgeberin und Pianistin war. In diesem Ambiente zwischen Geld, Geist, Kunst und den extremen Leistungsansprüchen des Vaters wuchsen die acht Kinder auf, wobei Ludwig das jüngste war. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr wurde er von privaten Hauslehrern unterrichtet. Erst 1903 wird er an die Realschule in Linz wechseln – die Hitler zeitgleich besucht und ohne Abschluss wieder verlässt. – «Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!» wird der Schulkamerad skandieren und die antisemitische Propagandamaschinerie durch die sprachliche Enthemmung aufheizen.

Nur wenn das Wort wieder wie eine Kostbarkeit behandelt wird, als die Kostbarkeit, die es ist, und nicht wie einen Schuhfetzen, kann es seine weltbewegende Kraft wiedergewinnen.

Nach Ludwig Wittgensteins Tod hält Engelmann seine Erinnerungen an den Verstorbenen fest. Es sind Erinnerungen an gehaltvolle Gespräche jenseits der Geschwätzigkeit, welche die Sprache selbst zum Thema haben: ihre Brutalisierung durch Propaganda und Phrasen und ihre heilende Kraft. Gedanken, die uns auch im Hier und Jetzt betroffen stimmen müssen. «Nur wenn das Wort wieder wie eine Kostbarkeit behandelt wird, als die Kostbarkeit, die es ist, und nicht wie einen Schuhfetzen, kann es seine weltbewegende Kraft wiedergewinnen», notiert Engelmann. Mit diesem Satz formuliert er ein Ethos des sorgsamen Sprechens und Schweigens, welches Ludwig Wittgenstein wie kein anderer verkörperte.

Ein Querdenker mit Ecken und Kanten

Ludwig Wittgenstein war ein in jederlei Hinsicht apodiktischer und radikaler Denker. Dies manifestiert sich in seiner Vorliebe für kurze präzise Sätze, die in ihrem lakonischen Duktus in zwiefacher Prägung zum Ausdruck kommen, analytisch und aphoristisch. Eine Kostprobe: «Und ein Muster ist im Teppich mit vielen andern Mustern verwoben.» Der klingende Satz ist auf einem Zettel für die Nachwelt erhalten geblieben. Apropos Muster: Als verschlungenes Muster im Lebensgeflecht Wittgensteins gilt, dass er ein Vielschreiber und Problemdenker war, der sich im existentiellen Sinne ausdrücken musste. So entstand ein Konvolut aus Notiz- und Tagebüchern und eben vor allem aus Zetteln. Wenn Wahnsinn System hat, dann bestand dieser in seiner Zettelmethode, die Welt klar ordnen zu wollen – in und mit ihr aufzuräumen. Genau so lässt sich jene geniale Erstschrift verstehen, die als einziges Werk zu Lebzeiten veröffentlicht wurde: Seine Abhandlung «Tractatus Logico-Philosophicus» will dem Ausdruck der Gedanken eine Grenze ziehen, um sinnvolle Aussagen über die Welt von unsinnigen abzugrenzen. Die logischen Strukturen der Sprache finden eine Entsprechung in den Tatsachen und Sachverhalten der Welt. Diese ziselierte Schrift baut auf sieben Sätzen auf, die sich in einem hybriden Zahlensystem verästeln. Der lapidar und etwas trocken klingende erste Satz «Die Welt ist alles, was der Fall ist» lässt vermuten, dass Wittgenstein den Gedanken während seines Dienstes in der k.u.k. Armee festhielt, für die er in den Ersten Weltkrieg zog und später in italienischer Kriegsgefangenschaft landete. Immer dabei: seine Gedanken und seine Zettel.

Mit und neben der logischen Abhandlung seiner Kriegserinnerungen ist Wittgensteins Wirken aus dieser Zeit nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch ein existentielles Zeugnis des Kriegs und der Zerstörung. Wittgenstein dokumentierte mit seinen Zetteln und Worten die Grenze zwischen Leben und Tod. Es ist diese Grenzerfahrung, die dem «Tractatus» dieses unglaublich faszinierende Muster zwischen einem formallogischen Bauplan der Welt und einem reinen wie auch überwachten Bewusstsein verleiht. So steht exemplarisch neben dem angeführten ersten Grund-Satz der analytischen Logik der versponnene Aphorismus 6.44: «Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.» Auch wenn Wittgenstein grossen Einfluss auf die positivistische rein wissenschaftlich orientierte Philosophie des Wiener Kreises hatte, so behielt er dieser Strömung gegenüber seine Unabhängigkeit als Selbstdenker. Denn es gibt für ihn tatsächlich Unaussprechliches, das sich nicht aussagen lässt. Es zeigt sich. Was sich nicht logisch aussagen lässt, zeigt sich in der Bewährung. Deshalb schreibt er 1918 im Vorwort seiner Schrift, dass es sich um kein Lehrbuch handle. So zeugen auch Spuren Tolstois und Kierkegaards in den Tagebüchern Wittgensteins von seiner mystischen und religiösen Seite. Während die logische Wahrheit der Welt sagbar ist, verweist die ethische Bewährung als Lebensform über die Welt hinaus, was sich nur zeigen lässt. Deshalb schliesst die logische Abhandlung mit dem aussergewöhnlichen musikalisch anklingenden mustergültigen Satz gegen die Geschwätzigkeit: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.»

Dass Wittgenstein ein Querdenker und sturer Kopf war, entging auch seinem Mentor Bertrand Russell nicht. Russell lehrte damals an der renommierten Cambridge University, wo Wittgenstein Aeronautik studierte. Als Wittgenstein 1912 in Cambridge Bertrand Russell mit der Frage aufsuchte, ob er ein Idiot sei, forderte dieser ihn auf, einen Aufsatz zu schreiben. Ob als Strafe oder Herausforderung, ist nicht bekannt. Der philosophische Aufsatz Wittgensteins überzeugte seinen Professor jedoch so sehr, dass dieser Wittgenstein riet, den vom Vater für ihn vorgedachten Weg aufzugeben.

Tatsächlich bricht Wittgenstein auf Anraten von Russell sein Ingenieurstudium ab, obschon er mit dem «Wittgenstein’schen Antrieb» eine neue Antriebstechnik für Flugzeuge entwickelt hat – und revolutioniert mit seinem «Tractatus» die Logik Russells. Zwischenzeitlich verlässt Wittgenstein den universitären Betrieb.

Zurück in Wien bildet er sich zum Volksschullehrer aus und arbeitet auch als Klostergärtner. Er zieht sich regelmässig in sein hölzernes Blockhaus in Norwegen zurück, das ihm in seiner Abgeschiedenheit als Rückzugsort dient. Dieses Refugium ist nicht nur stiller Ort seiner Gedankenarbeit, sondern auch Ausdruck der selbstgewählten asketischen Lebensform des Einfachen. So reiht sich auch die Schenkung seines gigantischen Erbanteils an Künstler wie Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Oskar Kokoschka und Else Lasker-Schüler in sein Lebensmuster. Dazu gehört aber auch die Auseinandersetzung mit seinen starken Depressionen, die ihn immer wieder heimsuchen: seine traumatischen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg und das Schicksal dreier seiner Brüder, die Suizid begingen.

Jüdische Wegmarken

Besonders eindrücklich bringt folgender Briefauszug vom 16.11.1919 an Paul Engelmann seine existentielle Verfassung zum Ausdruck:

«Wir gehen nicht auf der direkten Strasse zum Ziel zu, dazu haben wir – oder ich wenigstens – nicht die Kraft. Dagegen gehen wir auf allen möglichen Seitenwegen, und solange wir auf einem solchen vorwärtskommen, geht es uns so leidlich. Wie aber ein solcher Weg aufhört, so stehen wir da und werden uns nun erst bewusst, dass wir ja nicht dort sind, wo wir hingehören.»

Diese beinahe kafkaesk anmutende Parabel zum Gang des Lebens reibt sich am Widerspruch, dem Lebensweg ein Ziel zu setzen, uns aber im Labyrinth lebendiger Spuren zu verirren. Der souveräne Standpunkt Gottes ist dem Menschen nicht möglich. Aber das Bewusstsein darüber zu schärfen, mit dem Gedankenstrich über die Welt hinauszugehen, öffnet ein Sensorium für einen Raum der Ethik und Religion. 1929 kehrt Wittgenstein auf Bitte von Bertrand Russell nach Cambridge zurück – und hält den berühmt gewordenen Vortrag über Ethik. Darin philosophiert er just über die Problematik von Gleichnissen, die in ethischer und religiöser Sprache oft Verwendung finden, aber keine Tatsachen wiedergeben können, weil sie diese überschreiten. Gleichzeitig entsteht wieder dieser befruchtende Zustand schwebender Interpretation, was stark an die Tradition des Midraschs erinnert. Die spitzfindige Pointe – oder eben gar Pilpul – liegt im Bestreben der Menschen, mit den Gleichnissen gegen die Grenzen der Sprache anzurennen: «Dieses Anrennen gegen die Gitterstäbe unseres Käfigs ist schlechthin aussichtslos.» Aber darin bewährt sich das Streben des menschlichen Geistes und eröffnet neue Perspektiven.

Wittgensteins bohrende Frage nach der eigenen Identität und der damit verbundenen Selbstvergewisserung hat ihn auch zur Frage nach seiner jüdischen Herkunft geführt. Es könnte genau einer dieser Nebenwege gewesen sein, die ihn in Bezug auf die (Nicht-)Zugehörigkeit zum Judentum umgetrieben haben. So lässt folgender Gedanke in den «Vermischten Bemerkungen» besonders aufhorchen: «Das jüdische ‹Genie› ist nur ein Heiliger. Der grösste jüdische Denker ist nur ein Talent. (Ich z. B.)» Die selbstkritische Minderung, bloss ein Talent und kein Genie zu sein, bezieht sich auf die Annahme, dass er kein originales Gedankensystem erfunden habe. Unterschiedliche Denker – insbesondere Frege und Russell – haben ihn zu seinem «Klärungswerk» inspiriert, was er mit jüdischer Reproduktivität gleichsetzt. Da könnte der Verdacht wach werden, dass Wittgenstein jenem antisemitischen Klischee aufsitzt, das insbesondere Richard Wagner auf die Spitze getrieben hat: dass Juden nicht fähig seien, etwas Eigenes zu schaffen, und sich parasitär am gegebenen Kulturgut bedienten. Wittgensteins ironischer Dreh besteht indes darin, dass er diese Reproduktivität höchst produktiv einsetzt, um aus seiner Philosophie eine Kunst- und Lebensform zu kreieren: «Was ich erfinde, sind neue Gleichnisse.» In seinen «Vermischten Bemerkungen» lässt sich diese schöpferische Akzentuierung als Muster zwischen einem מָשָׁל (Maschal; Gleichnis) und dem חִדּוּש (Chiddusch; innovative Interpretation eines traditionellen jüdischen Textes) deuten. Oder im Geiste einer weiteren Bemerkung ist es: «Der Gedanke, der sich ans Licht arbeitet.» Das grabende Denken selbst erneuert den vorgefundenen Grund abendländischer Logik, um das Denken zu erneuern.

In seinem letzten Werk «Über Gewissheit», wo er bereits an Prostatakrebs erkrankt war, arbeiteten sich seine Gedanken in extremer Form ans Licht, indem er im aphoristischen Stil mit 676 Gedankensplittern G. E. Moores Logik des Common Sense midraschmässig aufsplitterte. Midrasch ist eine jüdische Exegese, die einen Text in seine kleinsten Einheiten zerlegt und verborgene Sinnschichten freilegt. Mit dieser Technik entzog er Moore den Grund absolut sicher geglaubter Sätze des gesunden Menschenverstandes als echte Wissensakte. Das Umgraben verweist auf einen lebendigen Kontext, in den der Mensch zutiefst eingewoben ist. Dieses unaussprechliche Gewebe macht einerseits bewusst, wie fundamental der Mensch in Sprache verstrickt ist, was die Philosophie gleichnishaft selbst zu einem Sprachspiel werden lässt. Andererseits verdichtet sich sein Sprachdenken zu einer Parabel, um an ihrer Grenze Gott hörbar zu machen. So lautet sein letzter Zettel: «Gott kannst du nicht mit einem Anderen reden hören, sondern nur, wenn du der Angeredete bist.»

Ludwig Wittgenstein stirbt am 29. April 1951 im Alter von 62 Jahren im Haus seines Arztes in Cambridge. Vielleicht gilt es 75 Jahre nach seinem Tod die ironische Schraube weiter anzuziehen. Der Zaun, den er um die Sprache zog, erinnert an das jüdische Ethos, mit bewusster Rede seine Zunge vor dem Bösen – als moralischer Zerfall begriffen – zu hüten. Insbesondere vor der zunehmenden Verrohung und Enthemmung in der öffentlichen Kommunikation und auf den Strassen verbalisierter Gewalt zwischen Beleidigungen, Bedrohungen und Hass(reden).

Der Name Gottes ist unaussprechlich. Oder: Er lässt sich nicht sagen, sondern zeigt sich im Schweigen. – Vielleicht war Ludwig Wittgenstein ironischerweise doch ein jüdisches Genie, will heissen: ein Heiliger? Im Anrennen an die Grenzen der Sprache und Vorgraben in die Richtung Gottes. Der Prophet Elija erkannte, Gott sei nicht im Wind, nicht in der bebenden Erde und nicht im Feuer zu finden, sondern im mystischen Paradox der Stimme des Schweigens – der ק֖וֹל דְּמָמָ֥ה (Kol d’mamah). Wittgensteins letzte Worte sollen gewesen sein: «Sagen Sie ihnen, ich habe ein wunderbares Leben gehabt!» So scheint er doch angekommen zu sein, wo er hingehört: in ein judaistisch geprägtes Denken, das im Umgang mit Sprache und Sprechen höchste ethische Sorgfalt einfordert. Das ist Wittgensteins Lektion für das Leben und für die Grundwerte der Demokratie.

Unterstützen Sie uns!

Dieser Artikel war frei zugänglich – ermöglichen Sie mit einer Spende den freien Zugang für alle.

Jetzt spenden

Aktuelles

Krankheit lohnt sich

Krankheit lohnt sich

Prävention wird kaum honoriert, Krankheit dagegen zuverlässig finanziert. Die Pflege-Unternehmerin Alessia Schrepfer erklärt, warum diese Fehlanreize Patienten und Pflegekräfte belasten – und weshalb das System von Grund auf neu gedacht werden muss.