Im Jahr 1358 griffen die Kaufleute der Hanse zu einer bemerkenswerten Waffe: Sie verliessen Brügge. Der Boykott wurde über den ganzen Verbund hinweg organisiert. Die Kaufleute wurden angehalten, einen der wichtigsten Handelsplätze Nordeuropas zu meiden; Boykottbrechern drohten drastische Sanktionen. Die Hanse wollte niedrigere Abgaben, die Wahrung ihrer Privilegien und Entschädigungen für erlittene wirtschaftliche Nachteile durchsetzen.
Nur ein Jahrzehnt später setzte sie nicht mehr auf wirtschaftlichen Druck allein. Im Konflikt mit dem dänischen König Waldemar IV. stellten Hansestädte Schiffe, Soldaten, Waffen und Geld bereit. Der für die Hanse erfolgreiche Krieg endete 1370 mit dem Frieden von Stralsund und sicherte wesentliche Handelsinteressen im Ostseeraum.
«Zum Problem wurde, dass aus erfolgreichen Lösungen Besitzstände wurden und sich die Welt schneller veränderte als die Institutionen»
Beide Episoden passen nicht recht zum romantischen Bild eines mittelalterlichen Freihandelsbundes friedlicher Kaufleute. Die Hanse war etwas Interessanteres: eine weitgehend dezentral entstandene Handelsordnung, die Märkte integrierte, Recht und Sicherheit bereitstellte und zugleich Privilegien verteidigte, Konkurrenten ausschloss und notfalls wirtschaftliche wie militärische Macht einsetzte.
Gerade diese Ambivalenz macht ihren späteren Niedergang institutionenökonomisch interessant. Denn die Hanse ging nicht unter, weil ihr Organisationsmodell von Anfang an untauglich gewesen wäre. Im Gegenteil: Sie bestand über Jahrhunderte, weil es ausserordentlich erfolgreich war. Zum Problem wurde, dass aus erfolgreichen Lösungen Besitzstände wurden und sich die Welt schneller veränderte als die Institutionen.
Eine Ordnung, die niemand gegründet hatte
Die Hanse ging auf keinen Gründungsakt zurück. Es gab keinen Verfassungsgeber, keinen souveränen Herrscher und keinen zentralen Plan. Sie entwickelte sich seit dem Hochmittelalter aus Fahrtgemeinschaften von Kaufleuten, Schutzbündnissen und der Zusammenarbeit von Städten. Später verband ihr Handelsnetz mehr als 200 Orte zwischen Nowgorod, Bergen, London und Brügge.
Die wirtschaftliche Integrationsleistung war beträchtlich. Gesalzener Hering aus Südschweden wurde in weiten Teilen Europas zum wichtigen Nahrungsmittel. Norwegischer Stockfisch gelangte über Bergen auf den Kontinent. Die flämische Tuchproduktion bezog Rohstoffe über weitreichende Handelsverbindungen und lieferte ihre Erzeugnisse wiederum in entfernte Märkte. Selbst auf Island wurden deutsches Bier und Rheinwein getrunken. Aus vielen lokalen Märkten entstand ein weitgespanntes arbeitsteiliges Netz.
Dafür musste die Hanse Probleme lösen, die wir heute leicht übersehen. Fernhandel bedeutete Reisen durch unterschiedliche Herrschaftsgebiete, Rechtsordnungen und Währungsräume. Eigentum musste geschützt, Verträge mussten durchgesetzt, Streitigkeiten beigelegt und Kaufleute gegen Gewalt abgesichert werden. Kontore, Handelsprivilegien, gemeinsame Gebräuche und Rechtsregeln senkten diese Transaktionskosten.
Auch Recht verbreitete sich ohne zentrale Vereinheitlichung. Das Lübecker Recht wurde von zahlreichen Städten übernommen; Lübeck wurde freiwillig als Obergericht anerkannt. Niederdeutsch entwickelte sich über weite Gebiete zur Verkehrs-, Handels- und Diplomatensprache.
Dennoch verfügte die Hanse um 1400, auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen und politischen Bedeutung, weder über eine feste zentrale Organisation noch über eine gemeinsame Kasse. Zusammenarbeit beruhte auf gemeinsamen Interessen und weitgehend freiwilligen Beiträgen.
Die vermeintliche organisatorische Schwäche war lange Zeit eine Stärke.
Freihandel – aber nicht für jeden
Allerdings waren Hansekaufleute keine frühen Manchesterliberalen. Sie wollten Handel treiben, aber sie hatten wenig dagegen, wenn die Bedingungen für den eigenen Handel günstiger waren als für den der Konkurrenz.
Privilegien gehörten von Beginn an zum Geschäftsmodell. Fürsten und Städte gewährten Zollfreiheit, besondere Handelsrechte und rechtliche Sonderstellungen. Die Hanse versuchte solche Vorteile zu erhalten und auszubauen.
Besonders deutlich wird dies in den Kontoren. In Bergen sollten Vorschriften die deutschen Kaufleute von der einheimischen Bevölkerung fernhalten; selbst Heirat und Kneipenbesuche wurden reguliert. Geschäfte mit holländischen und englischen Konkurrenten sollten verhindert werden. 1366 bestätigte der Hansetag dem Kontor eine eigene Gerichtsbarkeit gegenüber den norwegischen Gerichten sowie selbst erhobene Eintrittsgebühren und Abgaben für neue Hansekaufleute.
Hier zeigt sich ein grundsätzliches institutionelles Problem: Eine Regel kann innerhalb einer Gruppe Transaktionskosten senken und gleichzeitig die Kosten für Aussenstehende erhöhen. Ein Privileg kann Handel ermöglichen und Wettbewerb beschränken.
Die Hanse integrierte Märkte und schottete zugleich Teile davon ab.
Darin liegt kein historischer Widerspruch. Institutionen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern unter konkreten Bedingungen und im Interesse konkreter Akteure. Die Hanse war eine leistungsfähige Ordnung, aber keine herrschaftsfreie.
Handel braucht Macht
Auch ihre Friedfertigkeit sollte nicht mit Machtlosigkeit verwechselt werden. Fernhandel verlangte sichere Verkehrswege, und die Hanse war bereit, diese Sicherheit durchzusetzen.
Der Boykott von Brügge 1358/59 war ein Wirtschaftskrieg. Ähnliche Embargos wurden gegen Flandern und England verhängt. Im Konflikt mit Waldemar IV. folgte schliesslich militärische Gewalt. Um 1400 gingen Hansestädte gegen Piraten vor, die den Ostseehandel massiv beeinträchtigten. Später erhielten im Konflikt mit England Kaperfahrer entsprechende Briefe; ihr Handlungsspielraum sollte zugleich begrenzt bleiben, um unbeteiligte Dritte nicht unnötig zu Feinden zu machen.
Bemerkenswert ist weniger, dass Kaufleute Gewalt einsetzen konnten, als die Organisationsform. Die Hanse unterhielt keine stehenden Streitkräfte. Schiffe, Soldaten und Geld wurden im Bedarfsfall mobilisiert. Die Städte beteiligten sich, wenn ihre Interessen ausreichend übereinstimmten.
Das funktionierte erstaunlich gut – solange ein gemeinsames Interesse klar erkennbar war.
Genau darin lag später eine Schwäche. Je unterschiedlicher die Interessen der beteiligten Städte wurden, desto schwieriger wurde gemeinsames Handeln.
Wenn erfolgreiche Lösungen Eigeninteressen entwickeln
Die Kontore zeigen, wie sich eine nützliche Institution allmählich verselbstständigen kann. Ursprünglich lösten sie konkrete Probleme des Handels in der Fremde. Sie boten Rechtssicherheit, Information, Schutz und Organisation.
Doch Institutionen, die lange genug bestehen, entwickeln Interessen an ihrem eigenen Fortbestand.
Im 16. Jahrhundert waren viele Kaufleute an ihren ausländischen Handelsplätzen längst stärker in die örtliche Wirtschaft und Gesellschaft integriert. Die alten Sonderrechte verloren an Wert. Die Interessen der Kaufleute und die Interessen der Institution Hanse drifteten auseinander.
Das zeigte sich besonders in Antwerpen. Nach 1568 versuchte die Hanse, ihre Kaufleute dort organisatorisch zusammenzuzwingen. Doch die Privilegien waren nicht mehr attraktiv genug. Die Kaufleute hatten sich mit ihrer Umgebung arrangiert und benötigten den alten institutionellen Schutz immer weniger.
Eine Einrichtung, die einst die Bewegungsfreiheit der Kaufleute erweitert hatte, versuchte nun, deren Bewegungsfreiheit einzuschränken.
Das ist ein klassischer Mechanismus institutioneller Verkrustung: Nicht mehr die Aufgabe allein bestimmt die Institution; zunehmend bestimmt das Interesse am Fortbestand der Institution, welche Aufgaben und Regeln als notwendig gelten.
Hamburg macht nicht mit
Allerdings reagierten keineswegs alle Hansestädte gleich. Hamburg gewährte englischen Tuchhändlern Niederlassungsfreiheit und unterlief damit Versuche, Konkurrenten fernzuhalten.
Gerade dieses Beispiel ist für eine nüchterne Beurteilung der Hanse wichtig. Ihre dezentrale Ordnung erzeugte gleichzeitig Beharrung und Anpassung.
Einerseits erschwerte die fehlende Zentrale eine gemeinsame strategische Neuorientierung. Lübeck, Hamburg, Köln, Danzig und andere Städte hatten unterschiedliche geografische Lagen, Handelsinteressen und Beziehungen zu Territorialherren. Was Lübeck nützte, musste für Hamburg längst nicht mehr sinnvoll sein.
Andererseits konnte gerade deshalb keine Zentrale alle Beteiligten auf einen einheitlichen Kurs zwingen. Einzelne Städte konnten neue Wege einschlagen.
Dezentralität ist also kein Garant für Anpassungsfähigkeit. Sie eröffnet Möglichkeiten zur Anpassung. Ob sie genutzt werden, hängt von den jeweiligen Institutionen und Interessen ab.
Die Welt verändert sich
Unterdessen verschoben sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen grundlegend.
Niederländische und englische Kaufleute wurden zu immer stärkeren Konkurrenten. Mit der europäischen Expansion gewann der Atlantikhandel an Bedeutung. Handelsströme und wirtschaftliche Zentren verlagerten sich. Zugleich verdichteten sich die Territorialstaaten. Herrscher konnten zunehmend jene Aufgaben übernehmen und jene Kontrolle ausüben, für die in der fragmentierten politischen Welt des Mittelalters autonome Städte und Kaufmannsbünde besonders wichtig gewesen waren.
Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 befanden sich viele norddeutsche Städte stärker unter der Herrschaft von Territorialfürsten. Die politische Umwelt, in der die Hanse entstanden war, verschwand.
Damit verlor auch manches Privileg seinen früheren Wert.
Das ist für die Diagnose ihres Niedergangs entscheidend. Die Hanse scheiterte nicht einfach an sich selbst. Ein Teil ihres Geschäftsmodells wurde durch Veränderungen ihrer Umwelt entwertet.
Die institutionenökonomisch interessante Frage lautet deshalb nicht, warum die Hanse diese Veränderungen verhindern konnte. Das konnte sie nicht. Die Frage lautet, wie gut sie sich ihnen anpasste.
Hier fällt die Bilanz ungünstiger aus.
Die erfolgreiche Vergangenheit wird zur Last
Je stärker sich die Handelswelt veränderte, desto mehr Energie floss in die Bewahrung überkommener Privilegien und Organisationsformen. Unterschiedliche Interessen der Städte erschwerten eine gemeinsame Neuorientierung. Die Kontore strebten nach grösserer Selbstständigkeit, während die Hanse versuchte, ihre alten Bindungen zu erhalten. Regulierungen sollten Strukturen sichern, deren Nutzen für die beteiligten Kaufleute abnahm.
Das ist ein allgemeines Problem erfolgreicher Institutionen. Erfolg schafft nicht nur Wohlstand, sondern auch Investitionen in den bestehenden Zustand. Menschen erwerben Kenntnisse, Beziehungen und Vermögen, die auf bestimmte Regeln zugeschnitten sind. Organisationen entstehen, Karrieren entwickeln sich, Erwartungen verfestigen sich.
Je erfolgreicher eine Ordnung war, desto höher können deshalb die Kosten ihrer Veränderung werden.
Die Lösung von gestern bekommt Verteidiger.
Institutioneller Niedergang bedeutet dann nicht, dass niemand mehr handelt. Im Gegenteil: Die Beteiligten können erhebliche Energie darauf verwenden, die bestehenden Institutionen zu verteidigen. Gerade diese Aktivität kann den Verlust an Anpassungsfähigkeit verdecken.
Niedergang ohne Zusammenbruch
Der letzte Hansetag fand 1669 statt. Dieses Datum sollte jedoch nicht wie der Fall Konstantinopels oder die Erstürmung einer Hauptstadt verstanden werden. Die Hanse war schon lange zuvor relativ unbedeutender geworden.
Und ihre Städte verschwanden keineswegs. Hamburg und Bremen florierten unter veränderten Bedingungen weiter. Der Handel Nordeuropas brach nicht zusammen, sondern fand andere Akteure, Wege und Organisationsformen.
Gerade darin liegt eine wichtige Pointe.
Institutionen sind Instrumente. Ihr Fortbestand ist kein Wert an sich. Wenn andere Arrangements ihre Aufgaben besser erfüllen, kann der Niedergang einer Institution mit dem Fortschritt der grösseren Ordnung einhergehen.
Die Hanse hatte einen gewaltigen Beitrag zur Integration europäischer Märkte geleistet.
Aber die Hanse besass kein Eigentumsrecht an der Marktintegration.
Die dunkle Seite des Erfolgs
Wer sich für dezentrale Ordnungen interessiert, kann von der Hanse viel lernen. Sie zeigt, dass Kaufleute und Städte Recht hervorbringen, entfernte Märkte integrieren, Sicherheit organisieren und gemeinsame Interessen vertreten können, ohne dafür einen zentralisierten Territorialstaat aufzubauen.
Doch gerade deshalb sollte man sie nicht zum liberalen Mythos verklären.
Hansekaufleute verfolgten Interessen. Sie verteidigten Privilegien, schlossen Konkurrenten aus, verhängten Embargos und griffen notfalls zu militärischer Gewalt. Dieselben institutionellen Arrangements konnten Handel erleichtern und Wettbewerb beschränken.
Das schmälert die Leistung der Hanse nicht. Es macht sie analytisch interessanter.
Denn keine institutionelle Form ist gegen Verkrustung immun. Nicht der Staat allein entwickelt Eigeninteressen. Auch freiwillig entstandene, dezentrale und wettbewerbsnahe Institutionen können Regeln hervorbringen, deren Erhalt irgendwann wichtiger wird als der Zweck, dem diese Regeln ursprünglich dienten.
«Eine Ordnung bleibt nicht deshalb gut, weil sie einmal gut war. Sie muss fähig bleiben, ihre eigenen erfolgreichen Lösungen wieder preiszugeben.»
Die römische Republik zeigt, wie eine Ordnung durch eskalierende Machtkonkurrenz ihre inneren Begrenzungen verlieren kann. Die Hanse zeigt einen leiseren Prozess. Ihre Städte bestanden weiter, Kaufleute handelten, Versammlungen fanden statt und Privilegien wurden verteidigt.
Nur die Welt, für die diese Ordnung geschaffen worden war, existierte nicht mehr.
Der stille Niedergang der Hanse erinnert deshalb an eine unbequeme Regel institutionellen Erfolgs: Eine Ordnung bleibt nicht deshalb gut, weil sie einmal gut war. Sie muss fähig bleiben, ihre eigenen erfolgreichen Lösungen wieder preiszugeben.