In dieser Ausgabe
Schwerpunkt
Am Sechseläuten schlüpfen Anzugträger in Handwerkerkluft – und erinnern an die Tugenden, die Zürich gross gemacht haben
Die wenigsten, die am Sechseläuten als Schneider, Metzger oder Bäcker durch die Bahnhofstrasse marschieren, sind Handwerker. Aber es hat seinen guten Sinn, dass sie sich in diese Tradition stellen.
Resultate statt Identitätskrise
Ich wuchs in einer Sekte auf. Mein Job als Hilfselektriker lehrte mich, Verantwortung zu übernehmen. Die Klarheit des Tuns führt zu einer Klarheit des Denkens.
«Der Gang beeinflusst das Selbstwertgefühl»
Schuhmacherin Cleo Krebs repariert täglich Louboutins, rahmengenähte Herrenschuhe und liebgewonnene Alltagstreter – und kämpft dabei gegen das schleichende Ende eines jahrhundertealten Berufs.
Mitgliedschaft in der Zunft war Pflicht, die Betriebsgrösse vorgeschrieben: Der Weg zur Gewerbefreiheit im Handwerk war lang
Die Geschichte des Handwerks in der Schweiz ist von Innovation ebenso geprägt wie von ihren Einschränkungen. Solide Handarbeit bleibt aber gefragt – wenn sie sich an den technischen Fortschritt und den Strukturwandel anpasst
«Das Wichtigste beim Käsen ist das Feingefühl für das Produkt»
Aninia und Babatunde Adewale-Koster erfinden in ihrer Schafmilchkäserei traditionelles Handwerk immer wieder neu. Anders könnten sie nicht überleben.
Ich habe ein Sandwich selber hergestellt – und dabei einiges über die moderne Wirtschaft gelernt
Die Industrialisierung hat uns viele grosse Errungenschaften gebracht, die wir als selbstverständlich ansehen. Dadurch verstehen wir immer weniger, was dahintersteckt.
«Töpfern ist eine Lektion in Demut»
Ana Suárez fertigt Tassen und Töpfe aus Ton. Die Arbeit erfordert viel Geduld – dennoch interessieren sich immer mehr Leute dafür.
Der «Büezer» wird glorifiziert und deklassiert
In einer zunehmend durchdigitalisierten Welt faszinieren Menschen, die mit Körpereinsatz etwas Nützliches schaffen. Künstler porträtieren sie gerne – mal als Inbild von Integrität und Arbeitsethos, mal als entrechtete Antihelden.
Millimeterarbeit mit Schwermetall
Bohren, montieren, Gleise verschieben und beschriften: Ein Tag unterwegs in der Gleisfertigung der Basler Verkehrs-Betriebe.
Mit dem Joystick am Saugbagger
Für einen Tag darf ich in die Rolle eines Bauarbeiters schlüpfen. Das Umleeren von Bauschutt erweist sich als meditative Erfahrung.
Gerade im digitalen Zeitalter dürfen wir die analogen Erfahrungen mit der Welt nicht aus der Hand geben
Im Zuge der Digitalisierung delegieren wir das menschliche Machen und Denken zunehmend an Maschinen. Die konkrete Arbeit am Objekt und die damit verbundene Erfahrung gehen damit verloren.
(K)eine sterbende Zunft
Immer weniger Schweizer machen eine handwerkliche Lehre. Das hat auch mit ihren Eltern zu tun.
Vor lauter Reformbestrebungen geht vergessen, was die Berufsbildung stark macht
Das Schweizer Berufsbildungssystem steckt in der Reformsackgasse. Es sollte auf seinen Stärken aufbauen, statt die Fehler anderer Länder zu imitieren.
«Das Individuelle ist das Schöne am Hut»
Hutmacher Julian Huber führt die Tradition eines fast vergessenen Handwerks weiter. Dem Huttragen will er zu einer Imagekorrektur verhelfen.
Duale Bildung: Einst aus der Not geboren – heute ein Erfolgsmodell
Lehrlinge haben sich von konformistischen Produktionsfaktoren zu selbstbestimmten, aktiven Lernenden entwickelt. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Am Anfang stand der Zusammenbruch des Zunftsystems.
Doch, die Jungen packen an!
Die junge Generation sei verwöhnt und arbeitsscheu, hört man immer wieder. Quatsch! Investieren Unternehmen in den Nachwuchs, engagiert sich dieser auch – zum Nutzen der ganzen Gesellschaft.
«Irgendwann läuft dir das WC über, und du brauchst dringend einen Sanitärinstallateur – dann bist du bereit, 200 Franken die Stunde zu zahlen»
Eltern und Lehrer bestimmen mit, ob künftig noch ausreichend Handwerker verfügbar sind. Ein Gespräch über den Fachkräftemangel zwischen Gartenbauunternehmer Christian Erni und RAV-Berater Reto Moser.
What making a sandwich from scratch has taught me about the modern world
Industrialization has brought us many wonders that today we take for granted. I have started to make things myself – and learned to appreciate more the old skills as well as the achievements of the present.
Dossier
Die Zuwanderung lindert den Fachkräftemangel nicht – stattdessen hält sie die Löhne tief
In der Pflege oder in MINT-Berufen fehlt es an qualifiziertem Personal. Und die Arbeitgeber haben wenig Interesse, die Stellen attraktiver zu machen – stattdessen holen sie günstige Einwanderer.
Die Personenfreizügigkeit ist nicht liberal, sondern sozialistisch – und senkt unsere Lebensqualität
Die freie Zuwanderung aus der EU erhöht zwar die Wirtschaftsleistung, hat aber vernachlässigte schwere Nebenwirkungen. Sie wird damit zum Motor eines illiberalen Umbaus der Schweiz.
Der Zustrom reisst nicht ab
Die Zuwanderung in die Schweiz bleibt hoch, die Asylgesuche steigen, und wer als Schutzbedürftiger kommt, hat gute Chancen zu bleiben.
Die Zuwanderung ist die wahre Inflation der Schweiz – ein Zeichen einer überhitzten Wirtschaft
Obwohl die Wirtschaft wächst und der Fachkräftemangel anhält, steigen die Löhne in der Schweiz nur zaghaft. Ein Grund: Die expansive Geldpolitik der Nationalbank stimuliert in erster Linie die Zuwanderung. Zeit, die Rolle der SNB neu zu denken.
Spreitenbach ist nicht die Favela von Zürich
Spreitenbach hat einen der höchsten Ausländeranteile der Schweiz. Doch zwischen «Albanerblock» und Shoppingcentern funktioniert das Zusammenleben von Menschen aus rund 70 Nationen erstaunlich gut. Nun kommt die Gentrifizierung.
Wer dazugehören will, muss die Regeln kennen. Doch was, wenn sie niemand erklärt?
Für viele Familien mit Migrationsgeschichte wird der Schulalltag zur Herausforderung. Nicht wegen mangelnder Motivation, sondern wegen fehlender Orientierung.
Damit Kinder ihr Potenzial ausschöpfen, müssen alle am gleichen Strick ziehen
Wenn Migrantenkinder in der Schule auffallen, sehen viele die Schule in der Verantwortung. Doch die Probleme beginnen oft schon in der Familie.
Die Legalisierung von Sans-Papiers ist keine «Genferei»
Zehntausende leben in der Schweiz ohne gültige Papiere. Sie arbeiten, zahlen Sozialabgaben und sind integriert. Die rechtliche Lage steht im Widerspruch zur sozialen Realität. Dass es auch anders geht, hat der Kanton Genf gezeigt – und wird es vielleicht bald wieder tun.
Migranten können das Milizsystem beleben
Viele Gemeinden haben Mühe, Ämter zu besetzen. Mit einem passiven Wahlrecht für Ausländer würde das Angebot an Kandidaten vergrössert und zugleich die Integration gefördert.
Aktuelle Debatten
Jeremias Gotthelfs Moralpredigt ist altbacken, doch die Geschichte von «Der Geltstag» ist zeitlos
Im Rahmen einer umfassenden Neuausgabe lässt sich der grosse Schweizer Epiker neu entdecken.
Die «Gender Studies»-Vordenkerin Judith Butler verheddert sich in ihren eigenen Widersprüchen
«Wer hat Angst vor Gender?», fragt Judith Butler in ihrem neuen Buch. Mit der Frage lenkt sie davon ab, dass ihre linke Identitätspolitik längst selbst in der Defensive ist.
«Wir schauen oft auf den Teller anderer, weil wir bestätigt werden wollen in dem, was wir machen»
Rolf Hiltl führt eine vegetarische Restaurantkette, ist aber gegen eine Vegi-Pflicht. Auch die Literaturwissenschafterin Kaltërina Latifi findet es falsch, anderen die eigene Haltung aufzudrängen – weshalb sie die Schweizer Neutralität hochhält.
Der «Peak West» ist überschritten – die Schweiz muss wieder erwachsen werden
Die Wohlstandsgewinne der Nachkriegszeit haben unsere Gesellschaft satt und realitätsvergessen gemacht. Doch auf dem globalen Pausenplatz werden die Sitten rauer.
Kritik bedroht die Demokratie nicht, sondern stärkt sie
Die Grösse und Effizienz der staatlichen Verwaltung zu hinterfragen, ist weder destruktiv noch populistisch. Im Gegenteil: Gerade die Fähigkeit zu Reformen ist Voraussetzung für das Vertrauen der Bürger in den Staat.
Kritik bedroht die Demokratie nicht, sondern stärkt sie
Die Grösse und Effizienz der staatlichen Verwaltung zu hinterfragen, ist weder destruktiv noch populistisch. Im Gegenteil: Gerade die Fähigkeit zu Reformen ist Voraussetzung für das Vertrauen der Bürger in den Staat.
Die Schweiz braucht wieder einen staatstragenden Beamten-Freisinn statt billiges Beamten-Bashing
Polemische Bürokratiekritik, wie sie auch im «Schweizer Monat» stattfindet, ist nicht nur unergiebig, sondern auch kontraproduktiv. Ein liberales Plädoyer für die öffentliche Verwaltung.
Weitere Beiträge
Editorial
«Jetzt, mein ich, hält das Tor auf Jahr und Tag. Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.» Wilhelm Tell, im gleichnamigen Drama von Friedrich Schiller, 3. Akt, 1. Szene — Journalisten verstehen viel vom Handwerk, denn Journalismus ist eines. Doch während sie mit Griffel und Tastatur gut umgehen können, rennen sie