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Überleben in der «Weltordnung der Wölfe»

Die Spielregeln der Weltpolitik kollabieren. Marc Saxers Weckruf zeigt, welche geopolitischen Kräfte, Ideen und Strategien die neue Ära treiben.

Buchcover. Bild: Kröner-Verlag.

Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, Sturmwolken über Taiwan; amerikanische Zölle gegen Freund und Feind, die bizarre Drohung einer Annexion Grönlands, globale Aufrüstung: Das Dickicht der Geopolitik wird undurchdringlicher, während das Fundament der sicher geglaubten liberalen Weltordnung erodiert. In seinem neuen Werk «Wolfswelt» (Originaltitel: «Geopolitical Conflict in the Wolf World») legt der Politikberater Marc Saxer eine messerscharfe Analyse dieser globalen Erschütterungen vor.

Seine Diagnose: Wir erleben keine vorübergehende Krise, sondern den endgültigen Eintritt in eine rauere, raubtierhafte Epoche: Die «Welt der Wölfe», in der die «Gesetze des Dschungels» gelten, wo das Gesetz des Stärkeren dominiert, multilaterale Institutionen an Bedeutung verlieren und internationale Normen beiseitegeschoben werden. Saxer entwirft in vier Kapiteln eine systematische Ursachenanalyse der Zwillingskrise der liberalen Weltordnung sowie einen Fahrplan für das Überleben Europas.

«Wir erleben keine vorübergehende Krise, sondern den endgültigen Eintritt in eine rauere, raubtierhafte Epoche: Die «Welt der Wölfe», in der die «Gesetze des Dschungels» gelten»

Er rekonstruiert den Niedergang der liberalen Weltordnung als doppelte Erosionsbewegung aus inneren und äusseren Faktoren. Im Innern wurde das aus seiner Sicht trügerische neoliberale Versprechen vom «Ende der Geschichte» und der ständigen wirtschaftlichen Progression nicht eingelöst, weswegen Populisten von rechts wie links die liberale Ordnung angreifen – eine vage Interpretation, die dann auch nicht mehr viel mit dem Rest des Buches zu tun hat.

Umso brillanter gerät Saxer die geopolitische Schadensaufnahme: Strategische Überdehnung und westliche Doppelmoral haben das normative Fundament des Völkerrechts ausgehöhlt, während aufstrebende Mächte das Vakuum nutzen, um eigene Einflusssphären zu errichten. In dieser rauen Wirklichkeit verschmelzen Geopolitik und Geoökonomie zu einer unentwirrbaren Schicksalsgemeinschaft. Ob Stellvertreterkriege, Rohstoffmärkte, Halbleiterlieferketten, künstliche Intelligenz oder globale Handelsrouten – all dies mutiert in einer protektionistisch-neomerkantilistischen Welt zu scharfen Klingen der Macht. Eine erneute US-Hegemonie schliesst Saxer aus; die künftige Ordnung bestimmt sich stattdessen durch eine instabile asymmetrische Multipolarität, in der die USA lediglich ein Primus inter Pares sein können.

Pragmatismus statt Moral

Als Gegenmittel zur drohenden Eruption beschwört Saxer den Geist der Diplomatie herauf: ein «Helsinki 2.0». In Anlehnung an den KSZE-Prozess der 1970er-Jahre fordert er kühle, pragmatische Koalitionen zwischen tief zerstrittenen Machtsphären. Dynamische, vom Anlass gebotene Allianzen sollen das starre Einmauern in feindlichen Blöcken bannen.

«Ob Stellvertreterkriege, Rohstoffmärkte, Halbleiterlieferketten, künstliche Intelligenz oder globale Handelsrouten – all dies mutiert in einer protektionistisch-neomerkantilistischen Welt zu scharfen Klingen der Macht.»

Der EU fällt die Herkulesaufgabe zu, sich neu zu erfinden: Sie muss zur echten Verteidigungsunion reifen, den unvermeidlichen strategischen Rückzug der USA austarieren, die Spannungen mit Russland durch kühles Konfliktmanagement einhegen und gegenüber China einen eigenständigen, pragmatischen Kurs einschlagen.

Trotz Schwächen bei der Herleitung der inneren Krisen liefert Marc Saxer ein gedanklich mutiges Werk. Seine messerscharfe Anatomie der Macht und sein unideologischer Blick auf die tiefen historisch-philosophischen Narrative Chinas, Russlands, Indiens und der islamischen Welt machen das Buch zu einem unentbehrlichen Kompass für die Aussen- und Sicherheitspolitik unserer Zeit.

Marc Saxer: Wolfswelt. Strategien für Europa nach dem Zusammenbruch der liberalen Weltordnung. Stuttgart: Alfred-Kröner-Verlag, 2026 (Original: Geopolitical Conflict in the Wolf World. Great Power Competition and the Illiberal Revolt against the Liberal Order. New York/London: Bloomsbury Academic, 2026).

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