Gedehnte Gegenwart, globalisierte Kunst
Philip Ursprung: «Die Kunst der Gegenwart. 1960 bis heute». München: Beck, 2010.
Philip Ursprung: «Die Kunst der Gegenwart. 1960 bis heute». München: Beck, 2010.
Die eigene Vergänglichkeit hat die Menschen seit je beschäftigt. Im Motiv des Totentanzes findet dies seinen Ausdruck. Die beiden Bieler Künstler M.S. Bastian und Isabelle L. erneuern diese alte Tradition mit modernen Ausdrucksmitteln. Auf einem 64-teiligen Leporello entfaltet sich vor uns eine grausliche schwarz-weisse Apokalypse. Zombies hängen
Sie kann es einfach nicht lassen: elf Geschichten, elfmal die Chance, etwas Neues zu probieren; doch sie bleibt bei ihrem Thema, und so finden sich überwiegend biographische Skizzen in Alexandra Lavizzaris aktuellem Erzählband. Gott sei Dank. Dieses Metier beherrscht sie im grossen und ganzen souverän. Geschult an Künstlerbiographien über die
«Mein Vater starb nur wenige Wochen nach meiner Geburt. Mir blieb nichts als ein Foto.» Alain Claude Sulzers Roman beginnt wie ein kriminalistisches Rätsel. Jahrelang ist der siebzehnjährige Erzähler achtlos am Porträt des ihm unbekannten Mannes vorbeigegangen, bis er plötzlich geheimnisvolle Hinweise darauf zu entdecken glaubt, die seine Neugierde wecken.
Georg Kreis: «Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness». Zürich: NZZ Libro, 2010
Dieses Buch erinnerte mich anfangs an eine Freundin, die zwei Jahre in Shanghai leben musste und dort unter der Überbevölkerung litt. Nirgendwo sei Platz, meinte sie, selbst im Park sehen man vor lauter Chi-Gong übender Menschen kein Grün mehr. Sie machte sich mit ihrer Kamera auf und fotografierte freie
Wie wirklichkeitsnah und gegenwartsrelevant sind die gängigen Bilder, die man sich von der Schweiz macht? Variation und Kritik der identitätsstiftenden Schweizer Mythen wurden insbesondere in der Literatur und der Essayistik formuliert – man erinnert sich an entsprechende Einlassungen von Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Adolf Muschg oder Hugo Loetscher. Ob die Auseinandersetzung
Forschungsförderung in den Geisteswissenschaften ist derzeit vor allem eines: exzellenzbeflissen. Und als exzellent gilt dabei meist das, was – hermetisch betitelt und jargonlastig formuliert – ohnehin nur sehr wenige Eingeweihte zu interessieren scheint. Mit anderen Worten: klassische Editionsprojekte, als die einstigen Flaggschiffe der Grundlagenforschung in den philologisch ausgerichteten Fächern, haben es unter
In den Bergen herumzuklettern ist gefährlich. Einem geborenen Flachländer wie dem Rezensenten, der sich auch in den Alpen grundsätzlich auf festen Wegen bewegt, muss das nicht erklärt werden. Was Menschen dazu bringt, sogenannte Grenzerfahrungen zu sammeln, indem sie sich mit Hilfe von Seilen, Klammern und Haken steile Felswände hochbewegen, wird
Schriftsteller müssen in der Sprache des Landes schreiben, in dem sie leben, nicht oder nicht nur in jener, aus der sie herkommen, wenn ihre Werke ein unübersetztes Originaldasein geniessen wollen. Deshalb bedienen sich viele mehr als einer Sprache. Oder sie schreiben in der einen und übersetzen dann selbst in die
Seine Heimat, das sind fünfundzwanzig Häuser, acht Heustalls, eine Autogarascha, der Bahnhof mit der Poscht, das Cuafförhaus, eine Telefoncabina, der Kiosk, der Usego und die Helvezia. Der Weiler am Berghang hinter dem Bahnhof ist sein Universum. Der Erzähler in Arno Camenischs neuestem Buch «Hinter dem Bahnhof» ist ein Junge im
In «Cassell’s Encyclopedia of World Literature», erschienen 1954, war zu lesen, dass Christian Morgensterns Gedichte «praktisch unübersetzbar» seien. Ein Übersetzer, der das sah, stand eines Tages plötzlich da und übersetzte Morgenstern. Wer war er? Geboren 1909 als Max Kühnel in Pilsen, musste er, Mann des Geistes und Wortes jüdischer
10 Bücher, vorgestellt in der siebenundzwanzigsten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.
Andri Perl: «Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel». Zürich: Salis, 2010.
Das Monstrum, so scheint es, hat auch einmal klein angefangen. Es zeigt sich anfangs karg, bescheiden, mit schlichtem Humor, mit «John und Joe»: zwei traurigen Gestalten, die an Stan Laurel und Oliver Hardy erinnern, sich gegenseitig beklauen und den Beklauten vom Geklauten auf einen Pflaumenschnaps einladen. Die Tragik ihres kümmerlichen