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Dossier: «Zahlenwahn»

Zahlen sind gefragt: immer neue, immer genauere, immer bessere Zahlen. Mehr denn je erscheint auch der Sozialwissenschafter heute als Zwillingsbruder des Naturwissenschafters; mehr denn je wird das mathematische Instrumentarium auch für ihn zum passage obligé auf dem Weg zur vermeintlich gesicherten, eben wissenschaftlichen Erkenntnis. So weit und so aggressiv hat die Methode sich emanzipiert, dass ihre Angemessenheit im Verhältnis zum untersuchten Gegenstand nicht mehr leicht zu ermitteln ist.

(0) Zahlenwahn

350 Jahre sind vergangen, seit ein sichtlich enttäuschter Engländer Bilanz zog aus seinem Studium der Klassiker: es seien die alten, moralphilosophischen Werke halt nicht «scripta scientifica», sondern bloss «scripta verbifica», Wortgeklingel und Gerede. Was Wunder, wenn es keine Fortschritte gebe im Bereich der Philosophie, wenn die Menschen immer noch Kriege

(1) Die andere Rechnung

Statt die Ursachen dieser Fixierung auf Quantifizierbarkeit zu erforschen, können wir fragen: Welchen Preis zahlen wir dafür? Die Antwort lässt sich nicht in Zahlen fassen – sicher ist nur: Wir geben viel auf.

(2) Politik statt Zahlenreihen

Ob die Finanzierung der gesetzlichen Kranken-versicherung, ob Steuerlasten und Staatsquoten, Tarifabschlüsse oder Arbeitslosenzahlen zur Debatte stehen – allzu häufig werden unbequeme ökonomische Wahrheiten mit Zahlen und Statistiken übertüncht.

(4) Der Anpfiff ist das Ende

Männer lieben Fussball und Fussballtabellen, denn sie stillen die Sehnsucht nach Gleichheit unter Ungleichen – bis zum Anpfiff. Dann geht die Nullstellung verloren und am Ende gibt es nur einen: den Weltmeister.

(5) Wahrscheinlich, unwahrscheindlich, wahr

Wahrscheinlichkeiten verändern sich grundlegend je nach den Bedingungen, unter denen sie gemessen oder geschätzt werden. Dies ist der Grund für eine Vielzahl falscher Berechnungen, die Betroffene immer wieder zu Fehlreaktionen verleiten.

(6) Die vermessene Psyche

Im Verlauf ihrer Entwicklung hat die Psychologie sich zunehmend von einer Geistes- zu einer Naturwissenschaft gewandelt – und auch hier findet diese Veränderung ihren deutlichsten Ausdruck in der Verdrängung qualitativer Aspekte durch quantifizierende Methoden.