Wasser ist und bleibt geheimnisvoll. Weder die Naturwissenschaft noch die Ökonomie und schon gar nicht die Metaphysik vermögen alles aufzuschlüsseln, was der Geist des Schöpfers, der nach dem Bericht der Bibel «über den Wassern schwebte», mit dem offenbar bereits vorhandenen Urstoff anfangen wollte. Nach dem poetischen Schöpfungsmythos der Pima-Indianer in Neumexiko wurde die Mutter Erde in Gestalt einer schönen Frau von einem aus einer Wolke herabfallenden Wassertropfen befruchtet. Wasser bedeutet Leben, Tod und Wiedergeburt, und wer die Thematik voll ausschöpfen wollte, würde sich buchstäblich im Uferlosen verlieren. Wir haben uns im Dossier dieses Heftes zur Hauptsache auf «unser tägliches Wasser», das heisst auf die ökonomischen und politischen Komponenten der Wasserversorgung beschränkt und dem Aspekt der Knappheit besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ist das Trink- und Brauchwasser ein besonderes Gut, das wegen seiner Einzigartigkeit dem Markt entzogen werden muss? Oder gebietet gerade seine Lebenswichtigkeit, dass es nicht an die Verteilung durch jene politischen Strukturen gekoppelt werde, die nach bisherigen weltweiten Erfahrungen auf die Dauer weder Effizienz noch Nachhaltigkeit noch Gerechtigkeit gewährleisten konnten? So paradox es klingen mag: ein «Recht auf Wasser» ist ausgerechnet beim Staat, das heisst bei jener Institution, die das Monopol für die Schaffung öffentlicher klagbarer Ansprüche innehat, in schlechten Händen. In der Schweiz hat die öffentliche Wasserversorgung und -entsorgung allerdings eine lange und erfolgreiche Tradition. Sie funktioniert, weil es – trotz Monopolen – eine Art Wettbewerb zwischen den öffentlichen Unternehmen kleinerer Gebietskörperschaften gibt, der einen Kosten- und Qualitätsvergleich zulässt. Wenn man in einer Stadt plötzlich für schlechteres Wasser viel mehr bezahlen müsste als in der Nachbarstadt, würden sich die Konsumenten politisch zur Wehr setzen. Der Hauptgrund für das Funktionieren liegt aber wohl in der Tatsache, dass das Wasser hierzulande nicht so knapp ist, dass es zu echten Verteilungskämpfen käme, bei denen man sich entweder für den Preismechanismus oder für die durch politische Strukturen mehr oder weniger gezähmte Macht der Verteilungsfunktionäre entscheiden müsste.
Editorial
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