Mit dem einladend gestalteten neuen Gedichtband von Kurt Aebli hätte ich gerne eine Reise nach Klagenfurt gemacht. Das anthrazitfarbene Buch hätte gut in meine Hand gepasst, und ich hätte es so gehalten, dass der Satz auf der Rückseite sichtbar gewesen wäre: «Die Tapete ist abgereist ich bin noch da». Den Titel des Buches «Ich bin eine Nummer zu klein für mich» hätte ich mir als gestohlene Einsicht auf meine Stirn tätowiert, und ich hätte mich daran erinnert, wie wir vor 16 Jahren am Wettlesen teilgenommen hatten, dem ersten Wettlesen nach R.R. und dem Jahr, in welchem sich Slowenien vom damaligen Jugoslawien loslöste; Bomber waren zu hören. Ich hätte die Kaffeehäuser aufgesucht und mich erinnert, wie das Wettlesen eine Nummer zu aufgeregt war: «Wörter flogen ohne genaues Ziel durch die Gegend.» Ich hätte mir mit dem Buch unter dem Arm einen Baum ausgesucht, um dort sitzend zu staunen wie Kurt Aebli Blicke auf die Dinge zaubert, damit diese uns immer wieder neu erstaunen: «Ein bewohntes Zimmer wollte noch etwas sagen doch dann stellte sich heraus dass alle Worte eine Farbe hatten die sich zu einer gedachten Linie verhielt wie zum echten Leben.» Aeblis Sätze gehen mittels literarischer Nanotechnologie unter die Haut, in den Körper und wirken langsam, fast retardierend. Wenn das Buch geschlossen wird, beginnt sich die Einsicht in das Gelesene auszubreiten wie ein wärmendes Getränk. Deshalb: langsam lesen, das Buch dann schliessen und warten! – «Einmal mehr haben uns die Worte von aussen gesehen…». Gerne wäre ich mit diesem Buch nach Klagenfurt, doch «die Tapete ist abgereist und ich bin noch da».
Die Tapete ist abgereist
Kurt Aebli: «Ich bin eine Nummer zu klein für mich». Basel: Urs Engeler Editor, 2007.
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