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Wolfgang Sofsky

Wolfgang Sofsky ist Soziologe und Autor von «Verteidigung des Privaten» (2007) und «Das Prinzip Sicherheit» (2005).

Der Souverän

Langsam geht der alte Mann die Strasse hinunter, Schritt für Schritt trippelt er seinem Schatten hinterher. Es ist noch früh am Tag. Kühl bestrahlt das Sonnenlicht die Szenerie, schneidet die Steine aus der Hauswand heraus, zeichnet die Körnungen und Kerben im Asphalt nach. Es ist der Tag der Entscheidung. Doch

Entweihung

Auf der Strasse liegt die unbefleckte Jungfrau. Kopf und Schleier sind unversehrt, nur von der Stirn ist ein kleines Stück abgeplatzt. Die betenden Hände jedoch sind zertrümmert, ebenso der Unterleib. Mit voller Wucht war ihr der Bilderstürmer auf den Bauch gesprungen, nachdem er die Skulptur auf die Strasse geworfen hatte.

Schmierfilm

Schmierfilm

Zum Schutz hat er sich Latexhandschuhe übergestreift. Nun rubbelt er mit dem Lappen zwischen den Buchstaben herum, verwischt über dem Wort die Farbe und verteilt dann den Schmierfilm kreisförmig auf der Fläche. Es ist eine mühsame, schmutzige Arbeit. Zuerst muss man ein Stahlgerüst aufbauen, um überhaupt hinauf zum Tatort zu

Gefühlshandel

Mit verhaltener Sorge beobachten die Händler den Verlauf der Ereignisse. Sie erkennen das Schicksal an den Zeichen über ihren Köpfen, an den Zahlen auf dem Laufband, der Kurve auf der Anzeigetafel, den farbigen Pfeilen und Säulen auf den Bildschirmen – im Sekundentakt. Die Wohlfahrt der Nationen entscheidet sich in höheren Sphären.

Hungersnot

Ein kleiner Junge hockt in einer Plastikwanne und blickt zu seiner Mutter hinauf. Winzige Wasserperlen glitzern auf seinem ausgezehrten Körper. Unter der Haut zeichnet sich das Knochengerippe ab, an Armen und Achseln ist die Haut faltig wie bei einem Greis. Der Mund ist leicht geöffnet, voller Erwartung schauen die wachen

Ein Souvenir

Sie postiert ihre kleine Tochter vor dem Tor, zückt die Kamera und prüft im Display den Ausschnitt. Der Photograph in ihrem Rücken nutzt die Gelegenheit und drückt ab. Sein Objektiv blickt auch durch das andere Objektiv. Das Photo zeigt das Mädchen vor der Tür und im Kameraauge seiner Mutter. Es

Gefährliche Passage

Die junge Frau hat das Kind in ein reinweisses Tuch gehüllt und trägt es eilig an den fremden Männern vorüber. In den billigen Plastiksandalen geht sie so schnell, wie sie kann. Noch wenige Schritte, und die Gefahr ist vorbei. Aus den Augenwinkeln beobachtet sie, was hinter ihrem Rücken geschieht. Um

Das pure Nichts

Von oben lässt sich dem Schrecken leichter zusehen. Man braucht nicht länger die Augen zu verschliessen, wenn keine Details zu erkennen sind. Über den Wolken ist es einfacher, mutig zu sein. Das Feindliche ist fern, man weiss sich in sicherem Abstand. In frischem Luftzug fliegt man herbei, inspiziert die Lage

Das grosse Freudenfeuer

Das grosse Freudenfeuer

In ihrer Mitte haben sie freien Platz gelassen. Zu Dutzenden sind sie am 11. Februar 2011 herbeigeeilt, um das Auflodern des Feuers auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu feiern. Ein beleibter Mann im dunklen Kapuzenshirt reckt begeistert die Fackel in die Höhe. Ein zweiter, von dem nur Schulter und

Die gefesselte Freiheit

Noch ist nichts entschieden. Tausende versammeln sich am 14. Januar 2011 vor dem Innenministerium in Tunis und verlangen das Ende der Diktatur. Manche haben eilends Plakate beschrieben. Sie wissen, dass ihre Botschaft weltweit gesehen wird. Die Slogans sind daher in mehreren Sprachen verfasst. «Freiheit für alle Tunesier» fordern sie, den

Die Gefahr der Prävention

Die Rede vom permanenten Ausnahmezustand geistert durch das Feuilleton. Sie ist falsch. Richtig ist, dass wir uns in einen überwachenden Präventionsstaat verwandeln. Die Angst wird zum Dauerzustand.

Wolfgang Sofsky im Gespräch

Er ist einer der profiliertesten Machtkritiker der Gegenwart. Er schreibt klar, konzentriert, kompromisslos. Und er fühlt sich unwohl in seinem Staat: der deutsche Soziologe Wolfgang Sofsky. René Scheu hat ihn in Göttingen zu einem Streitgespräch getroffen.

Über die Staatsmacht

Der Staat hat die Aufgabe, seine Bürger vor Angriffen zu schützen. Und er hat die Aufgabe, deren Freiheit zu gewährleisten. Wenn sich Sicherheit und Freiheit in die Quere kommen, gewinnt meist die Sicherheit. So entsteht ein neuer Staat. Der Sicherheitsstaat.

(4) Ein unbekanntes Land

Zurückhaltend. Aber auch geschäftstüchtig. Misstrauisch. Aber auch höflich. Zaghaft. Aber auch freiheitsliebend. So sehen die Deutschen (und andere Nichtschweizer) die Schweizer, dieses merkwürdige Volk inmitten Europas.

Von der Unentschlossenheit

Nichts ist so schlimm, dass man es unbedingt ändern müsste. So denkt der Unentschlossene. Ihn lähmt die Furcht vor dem Risiko und die Hoffnung, alles renke sich von selbst wieder ein.

Von der Harmoniesucht

Die Gemeinschaft der Konformisten und Wohlgesinnten wacht über den öffentlichen Diskurs. Hinter vorgeschobener Sachlichkeit verbirgt sich jedoch häufig Feigheit. Sie kuscht vor der Macht – und verbündet sich mit ihr.