zum Inhalt

Kolumne: Wortwechsel

Die Kolumne von Karen Horn.

Denkverbote

«… wir [lassen] uns von Konservativen keine Denk­verbote beim Thema Geschlechter­gerechtigkeit vorschreiben.» Christian Lindner, Vorsitzender der deutschen FDP, im Interview mit der NZZ vom 2. Mai 2018 Über Denkverbote zu klagen, hat Konjunktur. Besonders beliebt ist der Begriff in rechtspopulistischen Kreisen, wo man noch die abstruseste Meinung als Querdenken

Populismus

«Wer sich kritisch in einer Weise äussert, die populär ist, nicht ohne weiteres widerlegt werden kann, systemkritisch, aber keine Kritik von links ist, der muss ein Populist sein.» Thilo Sarrazin Publizist, in der F.A.Z. vom 6.6.2016 zur öffentlichen Empörung über seine Thesen. Definieren durch Draufzeigen ist

Zensur

«Facebook tritt fehl, wenn es diese Bilder zensiert.» Erna Solberg norwegische Ministerpräsidentin, am 9. September zur Entfernung ihres Posts mit dem berühmten Foto des nackten Mädchens, das im Vietnamkrieg vor einer Napalm-Brandwaffe flieht. Kürzlich konnte der Fruchtsaftproduzent True Fruits einige Aufmerksamkeit wecken, weil sich die Münchner Verkehrsgesellschaft weigerte, seine

Multikulti

«Multikulti» ist die so alberne wie despektierliche Verballhornung von «Multikulturalismus». Kritiker verorten dessen Ursprung wahlweise in linker Naivität, in Werterelativismus oder in der Hinterhältigkeit, die westliche Kultur abschaffen zu wollen. Dabei lässt sich dem eigentlich von bester liberaler Offenheit getragenen Konzept einiges abgewinnen, wenn man nicht den Rechtsrahmen unterschätzt und

Elite

Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass sich irgendwer über «die Eliten» ereifert, im raunenden Plural. Wer auch immer damit mit «denen da oben» im Einzelfall gemeint ist, die Phalanx der negativen Konnotationen, die ihn treffen, ist stets dieselbe: Ignoranz, Arroganz, Abgehobenheit, Degenerierung, Klüngel, Verlogenheit. Man reibt sich die Augen:

Bürgerlich

Sämtliche nichtlinken Parteien heften sich das Etikett «bürgerlich» an. Das klingt solid, liberal und harmlos; in vielen Fällen passt das auch. Nichtlinks sind indes auch die ganz und gar nicht harmlosen Agitatoren von Pegida, die sich als («besorgte») «bürgerliche Bewegung» sehen, und die «bürgerlich-konservative» AfD, die an der Grenze

Gutmensch

«Gutmensch!» Mit diesem Wort entlädt sich schiere Aggression gegenüber einer womöglich allzu ostentativen, auf jeden Fall lästigen Wertorientierung des politischen Gegners. Es zielt ohne jegliche Umschweife auf dessen Person, statt sich länger mit dessen Handeln oder Argument aufzuhalten – und genau deshalb gehört es auf die Müllhalde der politischen Rhetorik. Der

Gesinnungsethik

«Gesinnungsethik» gehört zum aktuellen Aggressionsvokabular. Gemeint sind zumeist fahrlässige Vereinfachung, Irrationalität, Unreife, Unfähigkeit. Doch das ist eine polemische Verdrehung des Begriffs, der vielmehr eine Orientierung an Grundwerten benennt. Eine solche Richtschnur ist gerade in der Politik essenziell. Lindner scheint das zu wissen, weshalb er seine Rüge noch mit dem Wort