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# Nicht die Medikamentenpreise treiben die Gesundheitskosten, sondern höhere Mengen und neue Therapien
- URL: https://www.schweizermonat.ch/nicht-die-medikamentenpreise-treiben-die-gesundheitskosten-sondern-hohere-mengen-und-neue-therapien/
- Published: 2026-09-14T04:02:31.000Z
- Updated: 2026-09-14T04:02:31.000Z
- Description: Arzneimittel werden seit Jahren günstiger. Dass die Ausgaben dennoch steigen, liegt vor allem an der wachsenden Zahl von Behandlungen und an neuen Therapien.
- Author: Michael Grass
- Tags: Ausgabe 1123 – September 2026, Dossier: «Pharma»

Über Medikamentenpreise wird in der Schweiz leidenschaftlich gestritten. Doch häufig bleibt unklar, von welchem Preis überhaupt die Rede ist. Publikumspreis, Fabrikabgabepreis, Nettoerlös oder volkswirtschaftlicher Produktionspreis beschreiben unterschiedliche Ebenen der Preisbildung. Wer sie miteinander vermischt, zieht schnell die falschen Schlüsse. Auch internationale Vergleiche zeichnen je nach Berechnung ein gegensätzliches Bild.

Wer über Medikamentenpreise spricht, muss zunächst die Begriffe auseinanderhalten. Der Publikumspreis ist jener Betrag, den Patienten und Prämienzahler in der Apotheke sehen. Ihm vorgelagert ist der Bruttofabrikabgabepreis, den das Bundesamt für Gesundheit für kassenpflichtige Medikamente festlegt und regelmässig überprüft. Davon zu unterscheiden ist der Nettofabrikabgabepreis: Er ergibt sich nach Abzug meist vertraulicher Rabatte und entspricht dem effektiven Erlös des Herstellers.

Zusätzlich gilt es zwischen patentgeschützten Originalpräparaten und Generika zu unterscheiden. Bei innovativen Medikamenten prägen vor allem Forschung, Entwicklung und Marktzugang die Preisbildung. Bei Generika stehen nach Patentablauf Wettbewerb und Produktionskosten im Vordergrund.

Trotz wiederkehrender politischer Debatten ist der Anteil der Medikamente an den gesamten Gesundheitskosten seit Jahren stabil. Seit 2011 bewegt er sich in einer engen Bandbreite und liegt 2024 mit 12,0 Prozent praktisch auf demselben Wert wie 2011 (11,9 Prozent). Bemerkenswert ist dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass in derselben Zeit zahlreiche hochpreisige Therapien auf den Markt kamen – etwa in der Krebsmedizin oder bei Autoimmunerkrankungen.

Der Publikumspreis sagt wenig darüber aus, wie viel beim Hersteller ankommt. Von 100 Franken, die der Kunde für ein patentgeschütztes Medikament in der Apotheke bezahlt, verblieben dem Hersteller 2024 nach Abzug der Rabatte knapp 64 Franken. Der Rest entfiel auf Handel, Abgaben und Mehrwertsteuer.

Seit 2011 sind die Medikamentenpreise deutlich gesunken: Der Landesindex der Konsumentenpreise liegt heute 29 Prozent tiefer. Auf Produzentenebene zeigt sich ein sehr ähnliches Bild: Auch der Produzentenpreisindex für pharmazeutische Produkte lag 2025 um 29 Prozent unter dem Ausgangswert. Das widerspricht dem verbreiteten Eindruck, Medikamente würden laufend teurer. Allerdings erfassen Indizes neue Präparate erst, sobald sich ein Preis mit einer Vorperiode vergleichen lässt. Vertrauliche Rabatte bilden sie in der Regel nicht ab. Dennoch zeigen beide Indizes über Jahre hinweg dieselbe Richtung: nach unten.

## **Medikamente werden nicht teurer – die Nachfrage wächst**

Dass Medikamente billiger werden und der Markt trotzdem wächst, ist kein Widerspruch. Steigen die Absatzmengen und der Anteil neuer Produkte stärker, als die Preise sinken, nehmen die Gesamtkosten dennoch zu. Daten des Gesundheitsdaten- und Analyseunternehmens IQVIA machen diesen Zusammenhang sichtbar. Sie zerlegen das jährliche Wachstum des Medikamentenmarkts zu Fabrikabgabepreisen in vier Komponenten: Volumen, neue Produkte und Erweiterungen bestehender Produktlinien, Preisveränderungen sowie einen Restfaktor für die Wechselwirkungen zwischen diesen Komponenten.

> «Steigen die Absatzmengen und der Anteil neuer Produkte stärker, als die Preise sinken, nehmen die Gesamtkosten dennoch zu.»

Über die Jahre zeigt sich ein klares Muster: Vor allem höhere Mengen trieben das Wachstum des Medikamentenmarkts. In den meisten Jahren lieferten sie den grössten positiven Beitrag. Deutlich geringer als die Volumenausweitung, aber immer noch spürbar, trugen neue Produkte zum Kostenwachstum bei. Die Preiskomponente wirkt hingegen seit 2012 fast durchgehend negativ. 2024 und 2025 verringerte sie das Wachstum um rund 3,6 respektive 2,4 Prozentpunkte.

Verkettet man die Jahresbeiträge geometrisch, wuchs der Markt zwischen 2012 und 2025 kumuliert um rund 61 Prozent. Setzt man in derselben Rechnung die Preiskomponente auf null und lässt die Beiträge von Menge, neuen Produkten und Residualterm – also dem vom Modell nicht erklärten Rest – unverändert, ergibt sich unter dieser vereinfachenden Annahme ein kumuliertes Wachstum von rund 137 Prozent. Anders gesagt: Ohne die Preisrückgänge wäre der Medikamentenmarkt mehr als doppelt so stark gewachsen. Das hätte die Finanzierung des Gesundheitswesens deutlich stärker belastet. Die Preisentwicklung war also nicht Kostentreiber, sondern wirkte vielmehr als Bremse.

## **Internationale Vergleiche führen oft in die Irre**

Internationale Vergleiche hängen ebenfalls stark von der gewählten Methode ab. Zu aktuellen Wechselkursen lagen die Preise der 250 umsatzstärksten patentgeschützten Originalpräparate im europäischen Ausland 2024 bei 91 Prozent des Schweizer Listenpreises. In Deutschland waren sie sogar 20 Prozent tiefer. Solche Vergleiche erfassen jedoch meist nur die Bruttofabrikabgabepreise. Unterschiedliche Rabatte auf die Listenpreise können das Ergebnis deutlich verändern.

Das zeigt eine Analyse von BAK Economics zu den Preisen für die 100 umsatzstärksten patentgeschützten Medikamente in Deutschland und der Schweiz. Demnach lagen die Bruttofabrikabgabepreise in Deutschland im gewichteten Durchschnitt 8 Prozent unter dem Schweizer Niveau. Nach Abzug der Rabatte kehrte sich das Verhältnis jedoch um: Die deutschen Nettofabrikabgabepreise waren im Mittel 4 Prozent höher. Ein systematischer Vergleich der Nettofabrikabgabepreise über alle Länder hinweg ist allerdings mangels Daten kaum möglich, da die Rabattvereinbarungen meist vertraulich bleiben.

Hinzu kommt das unterschiedliche Preis- und Lohnniveau. Die Schweiz ist ein Hochpreisland. Das führt zu höheren Produktionskosten, aber auch zu einer höheren Kaufkraft. Berücksichtigt man diese bei den Preisvergleichen mithilfe von Kaufkraftparitäten, liegt der Länderkorb, der für die 250 Produkte im Ausland noch 9 Prozent günstiger war, nun 20 Prozent über dem Schweizer Niveau. Die Logik dahinter: Gemessen an dem, was man sich in diesen Ländern im Allgemeinen leisten kann, sind Medikamente deutlich teurer als in der Schweiz. Das gilt für alle Vergleichsländer. Deutschland liegt kaufkraftbereinigt 12 Prozent über dem Schweizer Durchschnitt.

> «Gemessen an dem, was man sich im Ausland im Allgemeinen leisten kann, sind Medikamente deutlich teurer als in der Schweiz.» 

## **Die Schweiz wird zum Spielball globaler Preisregeln**

Diese kaufkraftbereinigte Betrachtung ist mehr als eine statistische Feinheit. Sie hat inzwischen eine handfeste wirtschaftspolitische Dimension erhalten. Mit dem Meistbegünstigungsprinzip will die US-Regierung die amerikanischen Medikamentenpreise an den tiefsten Preisen vergleichbar entwickelter Volkswirtschaften ausrichten, und zwar unter Berücksichtigung der Kaufkraftunterschiede. Als Referenzländer kommen OECD-Staaten infrage, deren BIP pro Kopf mindestens 60 Prozent des US-Werts erreicht – darunter auch die Schweiz.

Damit verändert sich die Logik der Schweizer Preisregulierung. Im MFN-Umfeld ist sie nicht mehr ausschliesslich eine binnenwirtschaftliche Verteilungsfrage zwischen Herstellern, Handel und Prämienzahlern. Sie wird zusätzlich zu einer aussenwirtschaftlichen Grösse: Jede Preissenkung in der Schweiz kann über den Referenzmechanismus das Preisniveau im weitaus grössten und margenstärksten Absatzmarkt der Schweizer Pharmaindustrie beeinflussen.

Diese Rückkopplung hat konkrete Folgen. Sinkende Preise im US-Geschäft schmälern die Gewinne der in der Schweiz ansässigen Pharmaunternehmen und damit auch die Gewinnsteuererträge von Bund, Kantonen und Gemeinden. Ein restriktives Schweizer Preisregime, das Hersteller zu tiefen Nettofabrikabgabepreisen zwingt, macht die Schweiz als Referenzland zudem unattraktiv. Für Unternehmen entsteht dadurch ein Anreiz, innovative Medikamente hierzulande gar nicht erst einzuführen. Dies gefährdet die Versorgung der Patienten.

## **Eine kluge Regulierung braucht mehr als tiefe Preise**

Die öffentliche Debatte greift oft zu kurz. Wer Medikamentenpreise sachlich beurteilen will, muss zwischen verschiedenen Preisarten, Marktsegmenten und Vergleichslogiken unterscheiden. Dann zeigt sich, dass die Schweizer Preise nicht einfach «zu hoch» sind, sondern in einem komplexen Zusammenspiel von Regulierung, Innovation, Rabattierung und internationaler Preispositionierung stehen.

Eine Regulierung, die einseitig auf tiefere Preise zielt, geht zulasten der Versorgungssicherheit und Attraktivität des Pharmastandorts Schweiz. Am Ende verlieren alle: der Staat durch sinkende Steuereinnahmen, die Hersteller durch tiefere Gewinne und Patienten durch einen schlechteren Zugang zu neuen Therapien.

Die Schweizer Medikamentendebatte zielt auf den falschen Gegner. Nicht steigende Preise treiben die Kosten, sondern vor allem mehr Behandlungen, daneben neue Therapien. Wer dennoch reflexartig stärkere Preissenkungen fordert, riskiert mehr als tiefere Margen: Er gefährdet den Pharmastandort, schwächt die Versorgungssicherheit und verzögert den Zugang zu Innovationen.

Massstab einer klugen Regulierung sollte gerade in der Schweiz nicht der tiefste Preis sein, sondern ein tragfähiger Ausgleich zwischen bezahlbarer Versorgung, dem Zugang zu Innovationen und der Wettbewerbsfähigkeit des Pharmastandorts.