# Schweizer Monat > Für Macher und Denker Public Ghost content for AI and LLM tooling. This file includes a bounded export of public pages first, then recent public posts. Append `.md` to any post or page URL to get the content in Markdown (for example, `/example-post.md`). ## Pages ### Autoren URL: https://www.schweizermonat.ch/autoren/ Last updated: 2026-05-15T13:00:12.000Z _No content available._ ### Dossiers URL: https://www.schweizermonat.ch/dossiers/ Last updated: 2026-10-12T08:35:55.000Z [Dossier: «Pharma» - Schweizer MonatBesser als das Image![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/icon/Logo-Web-93ee8b15-ffd9-4259-8982-63f189908866.png)Schweizer MonatKonstantin Beck![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/thumbnail/70_Firefly_Gemini-Flash_Bereinige-die-Tabletten--Striche-auf-den-Tabletten--damit-dies-korrekter-aussieht.--151537-8b6342dd-fcdb-4051-8329-0ebf96913cfb.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-pharma/) [EuropaDer alte Kontinent braucht eine neue politische Kultur.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/74_33834245_highres-1.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-europa/) [MeinungsfreiheitGesellschaften scheitern nicht an streitbaren Debatten, sondern am Verlust der Fähigkeit, den Streit auszuhalten. Dann aber verharrt eine Gesellschaft in ihren Irrtümern.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/80_clem-onojeghuo-DoA2duXyzRM-unsplash_ret.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-meinungsfreiheit/) [ResilienzAlles sträubt sich gegen den Sprung ins kalte Wasser. Doch wer regelmässig die eigene Wehleidigkeit überwindet, wird stärker und widerstandsfähiger.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/73_AdobeStock_261563630.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-resilienz/) [MigrationDie Anziehungskraft unseres Landes ist ungebrochen. Doch die Zuwanderung schafft auch Probleme. Wie lösen wir sie?![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/74_203762607_highres.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-migration-2/) [CoronaFünf Jahre nach Ausbruch der Coronakrise beginnt zögerlich die Diskussion über die grössten Freiheitseinschränkungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine echte Aufarbeitung ist aber noch in weiter Ferne.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/81_413224503_highres-KI_low.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-corona/) [Quantencomputer«Während die Welt fasziniert die rasante Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz beobachtet, bahnt sich die nächste Revolution an: Quantencomputer. Wie schnell sind sie? Wie weit weg sind konkrete Anwendungen? Wie sicher sind unsere Daten? Die Welt der Qubits könnte die Welt aus den Fugen heben.» Sinja Christiani, Geschäftsführerin Hasler Stiftung![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/80_defdefdef1-2.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-quantencomputer/) [Zivilcourage«Fehler machen und Fehler vergeben: Zwei unvermeidliche, aber auch unverzichtbare Elemente jeder freiheitlichen Gesellschaft. Menschliche Fehlerhaftigkeit und die ihr begegnende göttliche und zwischenmenschliche Bereitschaft zur Vergebung prägten unsere jüdisch-christliche Kultur während Jahrhunderten. Heute scheint eine kalte Null-Fehler-Toleranz auf allen Ebenen überhand zu nehmen. Bürokratische Regelwerke sollen Fehler verunmöglichen und das schützende Zauberwort heisst ‹Compliance›. Denn einmal begangene Fehler werden noch nach Jahrzehnten investigativ aufgearbeitet – von gnädigem Vergeben und Vergessen keine Spur. Verurteilen ist wichtiger als Lernen. So werden unsere Biotope zunehmend bevölkert von Angsthasen, Duckmäusern und Sündenböcken. Seien wir dankbar: Es gibt immer noch Menschen mit Zivilcourage!» Hans-Dieter Vontobel, Präsident Vontobel Stiftung![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/81_Zivilcourage_Auftakt_highres_KI.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-zivilcourage/) [Migration«Es braucht zwei Zuwanderungsdebatten: eine über Migranten, die schon hier sind – integrieren oder ausschaffen? Und eine über Migranten, die noch kommen könnten – wie viele und von welcher Qualität?» Konrad Hummler, Präsident Verein Zivilgesellschaft![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/82_Auftakt_Dossier_Migration_highres.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-migration/) [Bürgerliche Tugenden«Sparen ist eine bürgerliche Tugend: Man opfert die Gegenwart, um eine bessere Zukunft aufzubauen. Genau das Gegenteil der besorgniserregenden Tendenz der heutigen Politik, Ausgaben mit Schulden zulasten künftiger Generationen zu finanzieren. Eine verschuldete Gesellschaft ist keine freie Gesellschaft.» Tito Tettamanti, Präsident der Fondazione Fidinam![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/Fritz-Von-Uhde-Familienkonzert-e1718178610315.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-buergerliche-tugenden/) [Digitale Demokratie«Die Digitalisierung ist ein Dilemma für die Demokratie: Sie ermöglicht zwar eine bessere Teilhabe und Information, öffnet aber auch Tür und Tor für Manipulation. Dieses Dossier fördert eine informierte Diskussion darüber.» Heinz Karrer, Stiftungsratspräsident Hasler Stiftung![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/86_def_DigiDem4_E-Voting-Violett.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/dossier-digitale-demokratie/) ### Schwerpunkte URL: https://www.schweizermonat.ch/schwerpunkte/ Last updated: 2026-10-12T08:35:48.000Z [Schwerpunkt: «Staatswachstum» - Schweizer MonatDer Turmbau zu Bern![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/icon/Logo-Web-1307f296-e26e-4851-9ba5-752f4f9b5fb0.png)Schweizer MonatClemens Fässler![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/thumbnail/6_Firefly_Entferne-die-berge-und-erstelle-eine-flache-Landschaft-620793-22ed214f-4657-4811-9ae4-9bafd4f5e113.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-staatswachstum/) [NaturDie gezähmte Wildnis![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/07/6_pexels-laura-lumimaa-1119727985-27289084-1.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-natur-2/) [VertrauenUnsichtbar und unverzichtbar![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/07/10_AdobeStock_302522750_AUFTAKT.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-vertrauen/) [SchuldenDie Droge des Nationalstaats![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/Schulden.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-schulden/) [HandwerkDen Büezern gehört die Zukunft![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/10_Com_LC0562-001-003-Print_on_demand.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-handwerk/) [Europäische UnionDie Kontrollwut stösst an ihre Grenzen![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/10_Background_EU_Einstieg.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-europaeische-union/) [IntelligenzScheitern Sie hier, brauchen Sie nicht weiterzulesen![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/1_Cover_Raetsel.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-intelligenz/) [DemografieJung bleiben in einer alternden Welt![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/10_Auftakt-SP_Imago_highres.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-demografie/) [FinanzsystemeDer Weg zurück zu wahren Werten![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/10_AUFTAKT-SP_DDR-Geld--Halberstadt--2002_F----rderband.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-finanzsysteme/) [KlimawandelSchaffen wir das?![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/7_DEF_Auftakt_Juni-2024.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-klimawandel/) [ToleranzÜber die Kunst des Erduldens![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/6_imago0196310128h.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/tag/focus-toleranz/) ### Kolumnen URL: https://www.schweizermonat.ch/kolumnen/ Last updated: 2026-08-11T12:18:09.000Z [Bereichernde TugendDeirdre McCloskey ist Ökonomin und Historikerin. In ihrer Kolumne schreibt sie über bürgerliche Tugenden, die Würde des freien Menschen und die kulturellen Voraussetzungen einer freien Gesellschaft.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/bereichernde-tugend-deirdre-mccloskey.png)](https://www.schweizermonat.ch/tag/column-bereichernde-tugend/) [Der OkzidentalistKacem El Ghazzali verteidigt den freiheitlichen Humanismus gegen Islamisten im Morgenland ebenso wie gegen autoritäre Tendenzen von links und rechts im Abendland. Der schweizerisch-marokkanische Essayist und Menschenrechtsaktivist durchbricht festgefahrene Denkmuster und bettet Debatten in den globalen Kontext ein.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/Proyek-84_4-e1737558551517.png)](https://www.schweizermonat.ch/tag/column-der-okzidentalist/) [Das Atelier der FreiheitNicolas Jutzet ist Mitbegründer des YouTube-Kanals Liber-thé. In seiner Kolumne beschäftigt er sich mit den Zusammenhängen zwischen wirtschaftlicher Freiheit und Prosperität.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/Proyek-1_2-e1725539919922.png)](https://www.schweizermonat.ch/tag/column-das-atelier-der-freiheit/) [Der stoische PiratMathias Müller, Berufsoffizier und Autor, schreibt als «Der stoische Pirat» über Philosophie, Leadership und das gute Leben.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/Proyek-50_1-e1725540024369.png)](https://www.schweizermonat.ch/tag/column-der-stoische-pirat/) [Der QuälgeistJörg Scheller hat Kraft und Verstand. Er schreibt über Muskeln, Metal und Metaphysik.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/Proyek-195_1-1.png)](https://www.schweizermonat.ch/tag/column-der-quaelgeist/) [Moral statt MoralismusBéatrice Acklin Zimmermann ist Theologin und Geschäftsführerin des Thinktanks Liberethica. In ihrer Kolumne schreibt sie über das ethische Fundament der Freiheit und warum wir Moral statt Moralismus brauchen.![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/Proyek-3-e1722939086971.png)](https://www.schweizermonat.ch/tag/column-moral-statt-moralismus/) [Advocatus DiaboliDer wöchentliche Newsletter unserer Redaktion.](https://www.schweizermonat.ch/tag/column-advocatus-diaboli/) ### Über den «Schweizer Monat» URL: https://www.schweizermonat.ch/ueber-den-schweizermonat/ Last updated: 2026-09-17T18:59:17.000Z Der «Schweizer Monat» ist das Medium für Macher und Denker. Wir fordern Ihr Denken und Handeln heraus und bieten Ihnen neue Blickwinkel auf die Gegenwart. Unsere Inhalte richten sich an Menschen, die an der besseren Lösung arbeiten und dazu neue Ideen und Inspirationen suchen. - [Geschichte](https://www.schweizermonat.ch/geschichte/) - [FAQ](https://www.schweizermonat.ch/faq/) - [Unterstützung](https://www.schweizermonat.ch/unterstuetzung/) - [Mediadaten](https://www.schweizermonat.ch/content/files/2026/06/SM%5FMediadaten%5F2026%5Fhigh.pdf) ## Team ![Giuseppe Gracia, Herausgeber](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/IMG_1206-e1781515094868.jpeg) ### Giuseppe Gracia Herausgeber Giuseppe Gracia \*1967 ist sizilianisch-spanischer Abstammung, verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Autor von 14 Büchern, darunter literarische sowie politisch-philosophische und theologische Arbeiten. Seit 2021 ist er regelmässiger Autor für das Feuilleton der NZZ. Er liebt Literatur, gute Weine und gute Filme. Ausserdem praktiziert er Karate im Kyokushin-Vollkontakt-Stil. **Telefon +41 44 363 70 14** [E-Mail senden](mailto:giuseppe.gracia@schweizermonat.ch) ![Lukas Leuzinger, Leitung Redaktion](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/lukas_quadratisch1.png) ### Lukas Leuzinger Leitung Redaktion Lukas Leuzinger, \*1987, ist Journalist und Blogger und hinterfragt gerne Dinge. Der studierte Politikwissenschafter beschäftigt sich vor allem mit Demokratie, Staatspolitik, politischer Philosophie, Volkswirtschaft und allen anderen Themen, die ihm über den Weg laufen – seit Herbst 2019 als Redaktor des «Schweizer Monats». Er mag Bücher, Velotouren, Wandern, Fussball, mexikanisches Essen und britischen Humor. Mehr von ihm zu lesen gibt es auf [X](https://x.com/lukasleuzinger?ref=schweizermonat.ch) und auf seinem [Blog](https://napoleonsnightmare.ch/?ref=schweizermonat.ch). **Telefon +41 44 361 01 64** [E-Mail senden](mailto:lukas.leuzinger@schweizermonat.ch) ![Sarah Amstad, Leitung Produktion](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Sarah_quadratisch.png) ### Sarah Amstad Leitung Produktion Sarah Amstad, \*1993, studierte in den Bereichen Kommunikationswissenschaft, Medienforschung und Soziolgie an den Universitäten Luzern und Fribourg. Sie war für ein paar Jahre im PR und Fundraising einer Kulturinstitution tätig. Seit Januar 2021 ist sie beim «Schweizer Monat». In der Freizeit findet man sie in der Natur am Sport treiben oder mit Familie und Freunden. **Telefon +41 44 363 70 11** [E-Mail senden](mailto:sarah.amstad@schweizermonat.ch) ![Tina Jäggi, Leitung Administration/HR und Marketing](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Untitled-21.-Februar-2026-um-17.46.14-1-1.png) ### Tina Jäggi Leitung Administration/HR und Marketing Tina Jäggi, \*1975, bringt langjährige Erfahrung in Design, Produktentwicklung, Vertrieb und Projektmanagement mit. Sie studierte Textildesign und absolvierte einen MAS in Digital Design and Management. Als Präsidentin der Prüfungskommission Farbdesign engagiert sie sich für die Berufsbildung. Seit Mai 2026 ist sie beim “Schweizer Monat”. Ihre Energiequellen sind Sport, Kunst und Design und die Zeit mit Familie und Freunden. **Telefon +41 44 361 26 06** [E-Mail senden](mailto:tina.jaeggi@schweizermonat.ch) ![Michael Straumann, Redaktor](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/quadratisch-1.png) ### Michael Straumann Redaktor Michael Straumann, \*1998 in Zürich, studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Themen wie Grundrechte, Volkssouveränität, Geopolitik, Krieg und Frieden. Zudem engagiert er sich bürgerrechtlich. Er hat an mehreren Referenden mitgewirkt und ist Komiteemitglied einer Volksinitiative. In seiner Freizeit geht er gerne ins Fitnessstudio, liest Bücher, recherchiert und schreibt. Er betreibt den Blog [«StrauMedia»](https://www.straumedia.ch/?ref=schweizermonat.ch) und ist in den sozialen Medien auf [X](https://twitter.com/mstraumann%5F?ref=schweizermonat.ch), [Instagram](https://www.instagram.com/michael.straumann/?ref=schweizermonat.ch), [Telegram](https://t.me/mstraumann?ref=schweizermonat.ch) und [GETTR](https://gettr.com/user/mstraumann?ref=schweizermonat.ch) zu finden. [E-Mail senden](mailto:michael.straumann@schweizermonat.ch) ![Thomas Bigliel, Redaktor](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Thomas-Bigliel-1.png) ### Thomas Bigliel Redaktor Thomas Bigliel, \*1986, ist Unternehmer, Publizist und Hochschuldozent. Er studierte Management und Rechtswissenschaften, war Herausgeber von Politnetz, Redaktor bei «20 Minuten» und langjähriger Kolumnist beim «Liechtensteiner Vaterland» und «Bündner Tagblatts». Er ist Preisträger des Grimme Online Awards. In seiner Freizeit wandert er gerne, schätzt gute Weine aus der Bündner Herrschaft und liebt die levantinische Küche. [E-Mail senden](mailto:thomas.bigliel@schweizermonat.ch) ![Alex Buxeda, Redaktor](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/quadratisch-2.png) ### Alex Buxeda Redaktor und Videoproduzent Alex Buxeda, 2001 in San Sebastián geboren, studierte Administration und Finanzen und ist seit Oktober 2025 beim «Schweizer Monat». Er betreibt den Podcast [Change My Mind](https://www.youtube.com/@alexbuxeda?ref=schweizermonat.ch), in dem er über Freiheit, Verantwortung, Wissenschaft und Gesellschaft spricht. Besonders interessieren ihn die Überzeugungen und Institutionen, die Wohlstand ermöglichen, sowie Fragen der Demografie und des gesellschaftlichen Wandels. In seiner Freizeit liest er gerne Bücher über Naturwissenschaften und Ökonomie, geht ins Fitnessstudio, besucht Veranstaltungen zu Philosophie, Politik und Wissenschaft und diskutiert lange mit Freunden. [E-Mail senden](mailto:alex.buxeda@schweizermonat.ch) ![Alexander Thies, Redaktionpraktikant](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/quadrat-weiss-3.png) ### Alexander Thies Redaktionpraktikant Alexander Thies \*1997, studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und promoviert in Geschichte an der Universität Bern mit Forschungsaufenthalt an der University of Cambridge. Seit April 2026 ist er beim «Schweizer Monat» tätig. Seine Interessen gelten der vergleichenden politischen Kultur, Institutionen, historischen Begründungen, Religionen und geopolitischen Fragen. In seiner Freizeit begeistert er sich für Poesie, Kunst und Architektur, liebt die Varietäten der italienischen Küche und ist leidenschaftlicher Fechter und Schwimmer. [E-Mail senden](mailto:alexander.thies@schweizermonat.ch) ## Verwaltungsrat ![Georges Bindschedler, Verwaltungsratspräsident](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Georges.jpg) ### Georges Bindschedler Verwaltungsratspräsident Georges Bindschedler, \*1953, ist promovierter Jurist und Unternehmer. Er fungiert als Delegierter des Verwaltungsrats der merz + benteli ag, Hauptaktionär der Micamation AG Dällikon und übt Verwaltungsratsmandate in weiteren Unternehmen aus. Zudem ist er Vizepräsident der Stiftung für MeinungsFreiheit und MedienVielfalt und Aktionär der Neuen Zürcher Zeitung AG. Seit über zehn Jahren engagiert er sich für den «Schweizer Monat». ![Eric Lütenegger, Verwaltungsrat](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Eric.jpg) ### Eric Lütenegger Verwaltungsrat Eric Lütenegger, \*1970, ist Verwaltungsratspräsident und Senior Partner der PMG Investment Solutions AG. Er schloss seine Studien als Betriebswirtschafter sowie als Executive Master Corporate Finance ab und ist ausserdem diplomierter Finanzanalyst sowie Financial Risk Manager der Global Association of Risk Professionals. Zuvor war er in leitender Funktion für verschiedene Finanzunternehmen tätig. ![René Scheu, Verwaltungsrat](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Rene.jpg) ### René Scheu Verwaltungsrat René Scheu, \*1974, ist seit Juli 2021 Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern. Er war Feuilletonchef der «Neuen Zürcher Zeitung». Er hat Philosophie und Italianistik studiert und wurde mit einer Arbeit zur zeitgenössischen Philosophie an der Universität Zürich promoviert. 2007 bis 2015 wirkte er als Herausgeber und Chefredaktor des «Schweizer Monat». 2010 hat er die SMH Verlag AG mitgegründet und das Unternehmen an den Break-even-Punkt gesteuert. ### Allgemeine Geschäftsbedingungen URL: https://www.schweizermonat.ch/allgemeine-geschaeftsbedingungen/ Last updated: 2026-06-29T15:27:18.000Z ## 1\. Anwendungsbereich Gegenstand dieser AGB bilden die Beziehungen zwischen der SMH Verlag AG (nachfolgend SMH) und den Nutzerinnen und Nutzern (nachfolgend Nutzer) der von der SMH auf dem Internet angebotenen Online-Dienstleistungen und -Produkte. Mit der Nutzung der entsprechenden Dienstleistungen akzeptiert der Nutzer diese AGB, weiter sind diese AGB Bestandteil jedes Vertrags über die Nutzung der angebotenen registrierungs- und/oder kostenpflichtigen Online-Dienstleistungen. Von diesen AGB abweichende Bedingungen des Nutzers haben keine Geltung. Allfällige Abweichungen benötigen die ausdrückliche Zustimmung der SMH. Unter diese AGB fallen: - alle Nutzer, die kostenlose Online-Angebote der SMH nutzen; - registrierte Nutzer, die kostenpflichtige Angebote der SMH nutzen. Darunter fallen insbesondere auch Abonnenten der Printversion des «Schweizer Monats», die den zum jeweiligen Printabonnement gehörenden Online-Dienst kostenlos erhalten und sich entsprechend online angemeldet und registriert haben. Zur Nutzung der registrierungspflichtigen und kostenpflichtigen Online-Angebote muss sich der Nutzer online anmelden, und er erhält ein persönliches Nutzer-Account. Der Online-Zugriff auf das persönliche Nutzer-Account wird nach Eingabe der erforderlichen Registrierungsdaten freigeschaltet. Die auf www.schweizermonat.ch dargestellten Inhalte sind ein Angebot zur interaktiven Nutzung durch natürliche Personen. Eine abweichende Nutzung, insbesondere der automatisierte Abruf von Informationen und deren Verbreitung in anderen Systemen, ist nur mit Zustimmung der SMH gestattet und kann jederzeit widerrufen werden. ## 2\. Leistungen der SMH AG Die dem Nutzer zur Verfügung gestellten Services werden dem Nutzer abhängig vom jeweiligen Service kostenlos oder kostenpflichtig zur Verfügung gestellt. Inhalt und Umfang der einzelnen Leistungen ergeben sich aus dem zwischen dem Nutzer und der SMH abgeschlossenen Vertrag sowie den vorliegenden AGB, welche die Grundlage der vertraglichen Vereinbarung zwischen dem Nutzer und der SMH bilden. Die SMH behält sich das Recht vor, die Dienstleistungen zu modifizieren und zu verbessern. Nach der Registrierung erhält der Nutzer von der SMH für den Zugang zu seinem persönlichen Nutzer-Account eine Kennung, welche aus einem Usernamen und einem Passwort besteht. ## 3\. Leistungen des Nutzers Die dem Nutzer zur Verfügung gestellten Services werden dem Nutzer abhängig vom jeweiligen Service kostenlos oder kostenpflichtig zur Verfügung gestellt. Die Preise werden im In- und Ausland in Schweizerfranken oder Euro erhoben. Beim Versand ins Ausland erheben wir eine zusätzliche Versandpauschale. Der Nutzer verpflichtet sich, die ihm zugeteilte Kennung (Username, Passwort) vertragskonform zu verwenden und diese ohne schriftliche Zustimmung der SMH keinem Dritten auf irgendeine Weise zugänglich zu machen. Der Nutzer ist für den Schutz der ihm zugeteilten Kennung (Username, Passwort) verantwortlich. Die SMH lehnt jegliche Haftung für Schäden, die dem Nutzer durch den Missbrauch oder Verlust der ihm zugeteilten Kennung entstehen, ab. ## 4\. Verfügbarkeit Online-Dienstleistungen Die Online-Dienstleistungen der SMH sind in der Regel an 7 Tagen während 24 Stunden verfügbar. Die SMH behält sich das Recht vor, diese Betriebszeiten einzuschränken oder aus technischen Gründen vorübergehend auszusetzen. ## 5\. Technische Ausrüstung des Nutzers / Installation und Kosten Der Nutzer ist dafür verantwortlich, dass die von ihm verwendeten Hardware- und Softwarekomponenten für die Nutzung der von der SMH betriebenen Informations- und Kommunikationsdienste geeignet sind. Die SMH gibt auf entsprechende Anfrage Auskunft über die empfohlenen Systemvoraussetzungen. Die SMH lehnt jegliche Haftung für Schäden ab, die beim Nutzer durch die Nutzung von Dienstleistungen auf www.schweizermonat.ch und entstehen. Das gilt insbesondere, wenn sie auf die Inkompatibilität zwischen den vom Nutzer benutzten Komponenten und jenen von www.schweizermonat.ch herrühren. Die Kosten für die Anschaffung und Installation der für die Nutzung erforderlichen Hard- und Softwarekomponenten sowie für die Verbindungsaufnahme mit den Online-Dienstleistungen und -Produkten der SMH trägt der Nutzer selbst. ## 6\. Haftung der SMH Bei Vertragsverletzungen haftet die SMH nur, falls grobfahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten nachgewiesen werden kann. In ihrer Höhe ist die Haftung der SMH in jedem Fall auf denjenigen Betrag beschränkt, den sie dem Nutzer für die entsprechende Dienstleistung in Rechnung gestellt hat. In keinem Fall haftet die SMH für Folgeschäden und entgangenen Gewinn. Ebenfalls ist eine Haftung für durch Computerviren, Spionageprogramme und andere schädliche Computerprogramme bewirkte Schäden ausgeschlossen. Die gleichen Haftungsbeschränkungen gelten für die Mitarbeiter und Vertreter der SMH. Die SMH haftet ausserdem nicht für Betriebsunterbrüche, die durch Störungen aller Art entstehen oder die der Störungsbehebung, der Wartung und der Einführung neuer Technologien dienen. Die auf www.schweizermonat.ch publizierten Inhalte sind mit grosser Sorgfalt erstellt. Dennoch können Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der von SMH angebotenen Informations- und Kommunikationsdienste nicht garantiert werden. Die SMH lehnt hierfür jegliche Haftung ab. Die Verwendung derartiger Informationen und Daten erfolgt auf eigenes Risiko des Nutzers. Der Nutzer hat Ansprüche aus Vertragsverletzungen innerhalb von 10 Tagen schriftlich mittels eingeschriebenen Briefs zu stellen. ## 7\. Haftung des Nutzers Bei nicht vertragskonformer Verwendung der ihm überlassenen Kennung (Username, Passwort) haftet der Nutzer von www.schweizermonat.ch für den der SMH dadurch entstandenen Schaden. ## 8\. Datenschutz Der Nutzer willigt ein, dass seine personenbezogenen Daten, die er bei der Registrierung angibt, gespeichert und zum Betrieb der Online-Dienste der SMH genutzt werden dürfen. Die SMH respektiert die Privatsphäre ihrer Nutzer. Ohne vorherige Zustimmung werden keine persönlichen Nutzerangaben an Dritte weitergeben oder anderweitig verwertet. Dies gilt nicht, wenn eine Weitergabe von persönlichen Nutzerdaten nach begründeter Annahme erforderlich ist: – zum rechtlichen Schutz der Nutzer, – zur Erfüllung gesetzlicher Anforderungen, – zur Verteidigung und zum Schutz der Rechte der SMH – zur Einhaltung dieser Nutzungsbedingungen oder – zur Behebung technischer Schwierigkeiten der Services. Die SMH wird mit den Nutzerdaten im Einklang mit den Bestimmungen des schweizerischen Datenschutzgesetztes verfahren. Die SMH weist dabei darauf hin, dass Internetseiten anderer Anbieter, die über die Seiten von www.schweizermonat.ch zu erreichen sind, nicht den hier festgehaltenen Datenschutzregelungen unterliegen. Die SMH übernimmt keine Verantwortung oder Haftung für die Beachtung des Datenschutzes auf diesen Seiten. ## Google Analytics Diese Website kann Google Analytics benutzen, einen Webanalysedienst von Google Inc. («Google»). Google Analytics verwendet Cookies. Die durch den Google-Cookie erzeugten Informationen über Ihre Benutzung dieser Website (einschließlich Ihrer IP-Adresse) werden an einen Server von Google in den USA übertragen und dort gespeichert. Google wird diese Informationen benutzen, um Ihre Nutzung der Website für uns auszuwerten, um Berichte über die Website-Aktivitäten für uns zusammenzustellen und um weitere mit der Website-Nutzung und der Internet-Nutzung verbundene Dienstleistungen zu erbringen. Auch wird Google diese Informationen ggf. an Dritte übertragen, sofern dies gesetzlich vorgeschrieben ist oder soweit Dritte diese Daten im Auftrag von Google verarbeiten. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich mit der Bearbeitung der über Sie erhobenen Daten durch Google in der zuvor beschriebenen Art und Weise und zu dem zuvor benannten Zweck einverstanden. ## Google AdSense Es kann sein, dass unser Werbepartner Google im Rahmen der Interest Based Ads ein Cookie setzt, um Traffic-Analysen durchzufühen oder Werbeschaltungen gezielt gemäss den Interessen der Nutzer anzuzeigen. Sie als Nutzer können dabei wählen, ob Sie Cookies akzeptieren oder ablehnen wollen. Die Verwendung von Cookies durch Google können Sie unter [http://www.google.com/privacy\_ads.html](http://www.google.com/privacy%5Fads.html?ref=schweizermonat.ch) deaktivieren. Die SMH AG übernimmt keine Verantwortung oder Haftung für sämtliche Datenverarbeitung durch Google. ## 9\. RSS-Newsfeed Die RSS-Newsfeed-Einbindung (RSS = Really Simple Syndication) ist ausschliesslich für stationäre Internetapplikationen zulässig. Namentlich ausgeschlossen ist eine Verwendung für Mobile-Anwendungen. Eine strikte Einbindung von RSS-Newsfeeds muss gewährleistet sein, d.h. beim ersten Klick ist bereits wieder auf www.schweizermonat.ch weiterzuleiten (d.h. keine zusätzlichen Zwischenseiten, keine Anzeige von Text, welche über die Inhalte im RSS-Feeds hinausgeht). Die Quellen «www.schweizermonat.ch» müssen genannt werden. Die Inhalte dürfen nicht archiviert werden. Der Nutzer haftet gegenüber der SMH für allfälligen Schaden, welcher der SMH durch die Präsenz auf einer externen Plattform entsteht. Die SMH behält sich vor, die RSS-Newsfeed-Einbindungen regelmässig zu überprüfen und einzelne Einbindungen jederzeit und ohne Angabe von Gründen zu unterbinden bzw. einem Nutzer das Recht zur Verbreitung seiner Inhalte zu entziehen. Das Angebot der kostenfreien Nutzung der RSS-Newsfeeds richtet sich ausschliesslich an Privatpersonen und nicht an kommerzielle Einrichtungen. ## 10\. Copyright Für die Dauer des Vertrags erhält der Nutzer das unübertragbare, nicht ausschliessliche Recht zu persönlichem Gebrauch und zur persönlichen Nutzung der Dienstleistung. Alle Rechte an geistigem Eigentum bezüglich Dienstleistungen der SMH verbleiben bei der SMH. Insbesondere sind Nachdruck und Vervielfältigung der redaktionellen Inhalte von www.schweizermonat.ch (Texte, Tabellen, Bilder, Videos, Grafiken, Programme und sonstige digitale Medienobjekte) einschliesslich Speicherung und Nutzung auf optischen und elektronischen Datenträgern nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Redaktion erlaubt. Die ganze oder teilweise Verwertung von Inseraten (inkl. Einspeisung in Online-Dienste) durch unberechtigte Dritte ist untersagt. ## 11\. Vertragsdauer und Kündigung Mit dem Anlegen eines persönlichen Nutzer-Accounts auf www.schweizermonat.ch akzeptiert der Nutzer die vorliegenden AGB. Die Weiternutzung der Dienstleistungen und Produkte der SMH nach Auflösen des SMH-Nutzer-Accounts und den damit verbundenen Zugriffsrechten ist untersagt. Bei der Nutzung von kostenpflichtigen Angeboten innerhalb des SMH-Nutzer-Accounts gilt die dem Dienst entsprechend vereinbarte Vertragsdauer. Die Weiternutzung der Dienstleistungen und Produkte der SMH nach Ablauf der Vertragszeit setzt den Abschluss eines neuen Vertrags voraus. ## 12\. Anwendbares Recht und Gerichtsstand Auf alle Rechtsbeziehungen aus dem Vertrag zwischen der SMH und dem Nutzer sowie diesen AGB ist materielles Schweizer Recht unter Ausschluss der Bestimmungen des UN-Kaufrechts anwendbar. Ausschliesslicher Gerichtsstand ist Zürich als der Sitz der SMH. Die SMH kann allerdings Klagen gegen den Nutzer auch an dessen Sitz oder Wohnsitz anhängig machen. ## 13\. Schlussbestimmungen Sollten einzelne Bestimmungen dieser AGB unwirksam sein oder werden, so berührt dies die Wirksamkeit der übrigen Bestimmungen nicht. An die Stelle einer unwirksamen Bestimmung tritt eine neue Bestimmung, die in ihrer wirtschaftlichen und rechtlichen Auswirkung der unwirksamen Bestimmung möglichst nahe kommt. Die SMH behält sich ausdrücklich das Recht vor, die vorliegenden AGB und Konditionen jederzeit zu ändern. Der Nutzer ist verpflichtet, sich über die aktuell geltende Fassung der AGB sowie der Tarife auf den Internetseiten der SMH zu informieren. Zürich, April 2021 SMH Verlag AG ### Impressum URL: https://www.schweizermonat.ch/impressum/ Last updated: 2026-07-15T19:31:59.000Z SMH Verlag AG Schweizer Monat Sihlstrasse 95 CH-8001 Zürich Telefon + 41 44 361 26 06 [www.schweizermonat.ch](https://schweizermonat.ch/?ref=schweizermonat.ch) [abo@schweizermonat.ch](mailto:redaktion@schweizermonat.ch) — **Herausgeber** [Giuseppe Gracia](https://schweizermonat.ch/author/giuseppegracia/?ref=schweizermonat.ch) Telefon + 41 44 363 70 14 [*E-Mail senden*](mailto:giuseppe.gracia@schweizermonat.ch) — **Redaktionsleiter** [Lukas Leuzinger](https://schweizermonat.ch/author/lukas-leuzinger/?ref=schweizermonat.ch) Telefon + 41 44 361 01 64 [*E-Mail senden*](mailto:lukas.leuzinger@schweizermonat.ch) ### Datenschutzerklärung URL: https://www.schweizermonat.ch/datenschutzerklaerung/ Last updated: 2026-06-29T15:27:17.000Z Die nachfolgende Datenschutzerklärung gilt für die Nutzung unseres Online-Angebots www.schweizermonat.ch (nachfolgend «Website»). Wir messen dem Datenschutz grosse Bedeutung bei. Die Erhebung und Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten geschieht unter Beachtung der geltenden datenschutzrechtlichen Vorschriften, insbesondere des Schweizer Datenschutzrechts («DSG») und der Datenschutzgrundverordnung («DSGVO») in der jeweils gültigen Fassung. ## Verantwortlicher Verantwortlicher für die Erhebung, Bearbeitung und Nutzung Ihrer personenbezogenen Daten im Sinne von Art. 4 Nr. 7 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG ist SMH Verlag AG Schweizer Monat Sihlstrasse 95 8001 Zürich Sofern Sie der Erhebung, Bearbeitung oder Nutzung Ihrer Daten durch uns nach Massgabe dieser Datenschutzbestimmungen insgesamt oder für einzelne Massnahmen widersprechen wollen, können Sie Ihren Widerspruch an den Verantwortlichen richten. Sie können diese Datenschutzerklärung jederzeit speichern und ausdrucken. ## **Allgemeine Zwecke der Bearbeitung** Wir verwenden personenbezogene Daten zum Zweck des Betriebs der Website, für die Verwaltung unserer Abonnenten und für Marketingzwecke. ## **Welche Daten wir verwenden und warum** **Hosting** Die von uns in Anspruch genommenen Hosting-Leistungen dienen der Zurverfügungstellung der folgenden Leistungen: Infrastruktur- und Plattformdienstleistungen, Rechenkapazität, Speicherplatz und Datenbankdienste, Sicherheitsleistungen sowie technische Wartungsleistungen, die wir zum Zweck des Betriebs der Website einsetzen. Hierbei verarbeiten wir bzw. unser Hostinganbieter Bestandsdaten, Kontaktdaten, Inhaltsdaten, Vertragsdaten, Nutzungsdaten, Meta- und Kommunikationsdaten von Kunden, Interessenten und Besuchern dieser Website auf Grundlage unserer berechtigten Interessen an einer effizienten und sicheren Zurverfügungstellung unserer Website gemäss Art. [6](https://dejure.org/gesetze/DSGVO/6.html?ref=schweizermonat.ch) Abs. 1 S. 1 f) DSGVO i.V.m. Art. [28](https://dejure.org/gesetze/DSGVO/28.html?ref=schweizermonat.ch) DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG. **Zugriffsdaten** Wir sammeln Informationen über Sie, wenn Sie diese Website nutzen. Wir erfassen automatisch Informationen über Ihr Nutzungsverhalten und Ihre Interaktion mit uns und registrieren Daten zu Ihrem Computer oder Mobilgerät. Wir erheben, speichern und nutzen Daten über jeden Zugriff auf unsere Website (sogenannte Serverlogfiles). Zu den Zugriffsdaten gehören: - Name und URL der abgerufenen Datei - Datum und Uhrzeit des Abrufs - Übertragene Datenmenge - Meldung über erfolgreichen Abruf (HTTP response code) - Browsertyp und Browserversion - Betriebssystem - Referer URL (d.h. die zuvor besuchte Seite) - Websites, die vom System des Nutzers über unsere Website aufgerufen werden - Internet-Service-Provider des Nutzers - IP-Adresse und der anfragende Provider Wir nutzen diese Protokolldaten ohne Zuordnung zu Ihrer Person oder sonstiger Profilerstellung für statistische Auswertungen zum Zweck des Betriebs, der Sicherheit und der Optimierung unserer Website, aber auch zur anonymen Erfassung der Anzahl der Besucher auf unserer Website (traffic) sowie zum Umfang und zur Art der Nutzung unserer Website und Dienste, ebenso zu Abrechnungszwecken, um die Anzahl der von Kooperationspartnern erhaltenen Clicks zu messen. Aufgrund dieser Informationen können wir personalisierte und standortbezogene Inhalte zur Verfügung stellen und den Datenverkehr analysieren, Fehler suchen und beheben und unsere Dienste verbessern. Hierin liegt auch unser berechtigtes Interesse gemäss Art 6 Abs. 1 S. 1 f) DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG. Wir behalten uns vor, die Protokolldaten nachträglich zu überprüfen, wenn aufgrund konkreter Anhaltspunkte der berechtigte Verdacht einer rechtswidrigen Nutzung besteht. IP-Adressen speichern wir für einen begrenzten Zeitraum in den Logfiles, wenn dies für Sicherheitszwecke erforderlich oder für die Leistungserbringung oder die Abrechnung einer Leistung nötig ist, z.B. wenn Sie eines unserer Angebote nutzen. Nach Abbruch des Vorgangs der Bestellung oder nach Zahlungseingang löschen wir die IP-Adresse, wenn diese für Sicherheitszwecke nicht mehr erforderlich ist. IP-Adressen speichern wir auch dann, wenn wir den konkreten Verdacht einer Straftat im Zusammenhang mit der Nutzung unserer Website haben. Ausserdem speichern wir als Teil Ihres Accounts das Datum Ihres letzten Besuchs (z.B. bei Registrierung, Login, Klicken von Links etc.). **Cookies** Wir verwenden sogenannte Session-Cookies, um unsere Website zu optimieren. Ein Session-Cookie ist eine kleine Textdatei, die von den jeweiligen Servern beim Besuch einer Internetseite verschickt und auf Ihrer Festplatte zwischengespeichert wird. Diese Datei als solche enthält eine sogenannte Session-ID, mit welcher sich verschiedene Anfragen Ihres Browsers der gemeinsamen Sitzung zuordnen lassen. Dadurch kann Ihr Rechner wiedererkannt werden, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren. Diese Cookies werden gelöscht, nachdem Sie Ihren Browser schliessen. Sie dienen z.B. dazu, dass Sie die Warenkorbfunktion über mehrere Seiten hinweg nutzen können. Wir verwenden in geringem Umfang auch persistente Cookies (ebenfalls kleine Textdateien, die auf Ihrem Endgerät abgelegt werden), die auf Ihrem Endgerät verbleiben und es uns ermöglichen, Ihren Browser beim nächsten Besuch wiederzuerkennen. Diese Cookies werden auf Ihrer Festplatte gespeichert und löschen sich nach der vorgegebenen Zeit von allein. Ihre Lebensdauer beträgt 1 Monat bis 10 Jahre. So können wir Ihnen unser Angebot nutzerfreundlicher, effektiver und sicherer präsentieren und Ihnen beispielsweise speziell auf Ihre Interessen abgestimmte Informationen auf der Seite anzeigen. Unser berechtigtes Interesse an der Nutzung der Cookies gemäss Art 6 Abs. 1 S. 1 f) DSGVO und der entsprechenden Bestimmungen des DSG liegt darin, unsere Website nutzerfreundlicher, effektiver und sicherer zu machen. In den Cookies werden etwa folgende Daten und Informationen gespeichert: - Login-Informationen - Spracheinstellungen - Eingegebene Suchbegriffe - Informationen über die Anzahl der Aufrufe unserer Website sowie Nutzung einzelner Funktionen unseres Internetauftritts. Bei Aktivierung des Cookies wird diesem eine Identifikationsnummer zugewiesen und eine Zuordnung Ihrer personenbezogenen Daten zu dieser Identifikationsnummer wird nicht vorgenommen. Ihr Name, Ihre IP-Adresse oder ähnliche Daten, die eine Zuordnung des Cookies zu Ihnen ermöglichen würden, werden nicht in den Cookie eingelegt. Auf Basis der Cookie-Technologie erhalten wir lediglich pseudonymisierte Informationen, beispielsweise darüber, welche Seiten unseres Shops besucht wurden, welche Produkte angesehen wurden, etc. Sie können Ihren Browser so einstellen, dass Sie über das Setzen von Cookies vorab informiert werden und im Einzelfall entscheiden können, ob Sie die Annahme von Cookies für bestimmte Fälle oder generell ausschliessen, oder dass Cookies komplett verhindert werden. Dadurch kann die Funktionalität der Website eingeschränkt werden. **Daten zur Erfüllung unserer vertraglichen Pflichten** Wir verarbeiten personenbezogene Daten, die wir zur Erfüllung unserer vertraglichen Pflichten benötigen, etwa Name, Adresse, E-Mail-Adresse, bestellte Produkte, Rechnungs- und Zahlungsdaten. Die Erhebung dieser Daten ist für den Vertragsschluss erforderlich. Die Löschung der Daten erfolgt nach Ablauf der Gewährleistungsfristen und gesetzlicher Aufbewahrungsfristen. Daten, die mit einem Nutzerkonto verknüpft sind (siehe unten), bleiben in jedem Fall für die Zeit der Führung dieses Kontos erhalten. Die Rechtgrundlage für die Bearbeitung dieser Daten ist Art. 6 Abs. 1 S. 1 b) DSGVO und die entsprechenden Bestimmungen des DSG, denn diese Daten werden benötigt, damit wir unsere vertraglichen Pflichten Ihnen gegenüber erfüllen können. **Nutzerkonto** Sie können auf unserer Website ein Nutzerkonto anlegen. Wünschen Sie dies, so benötigen wir die beim Login abgefragten personenbezogenen Daten. Beim späteren Einloggen werden nur Ihre Email bzw. Benutzername und das von Ihnen gewählte Passwort benötigt und genannt. Für die Neuregistrierung erheben wir Stammdaten (z. B. Name, Adresse), Kommunikationsdaten (z. B. E-Mail-Adresse) und Zahlungsdaten (Bankverbindung) sowie Zugangsdaten (Benutzername und Passwort). Um Ihre ordnungsgemässe Anmeldung sicherzustellen und unautorisierte Anmeldungen durch Dritte zu verhindern, erhalten Sie nach Ihrer Registrierung einen Aktivierungslink per E-Mail, um Ihren Account zu aktivieren. Erst nach erfolgter Registrierung speichern wir die von Ihnen übermittelten Daten dauerhaft in unserem System. Sie können ein einmal angelegtes Nutzerkonto jederzeit von uns löschen lassen, ohne dass hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen. Eine Mitteilung in Textform an die unter Ziffer 1 genannten Kontaktdaten (z.B. E-Mail, Fax, Brief) reicht hierfür aus. Wir werden dann Ihre gespeicherten personenbezogenen Daten löschen, soweit wir diese nicht noch zur Abwicklung von Bestellungen oder aufgrund gesetzlicher Aufbewahrungspflichten speichern müssen. Rechtgrundlage für die Bearbeitung dieser Daten ist Ihre Einwilligung gemäss Art. 6 Abs. 1 S. 1 a) DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG. **Newsletter** Zur Anmeldung für den Newsletter werden die im Anmeldeprozess abgefragten Daten benötigt. Die Anmeldung zum Newsletter wird protokolliert. Nach der Anmeldung erhalten Sie auf die angegebene Emailadresse eine Nachricht, in der Sie um die Bestätigung der Anmeldung gebeten werden („Double Opt-in“). Das ist notwendig, damit sich nicht Dritte mit ihrer Emailadresse anmelden können. Sie können jederzeit Ihre Einwilligung zum Empfang des Newsletters widerrufen und somit den Newsletter abbestellen. Wir speichern die Anmeldedaten solange diese für den Versand des Newsletters benötigt werden. Die Protokollierung der Anmeldung und die Versandadresse speichern wir, solange ein Interesse am Nachweis der ursprünglich gegebenen Einwilligung bestand, in der Regel sind das die Verjährungsfristen für zivilrechtliche Ansprüche, mithin maximal drei Jahre. Rechtsgrundlage für den Versand des Newsletters ist Ihre Einwilligung gem. Art. 6 Abs. 1 S. 1 a) iVm Art. 7 DSGVO iVm § 7 Abs. 2 Nr. 3 UWG und die entsprechenden Bestimmungen des DSG und Schweizer UWG. Rechtsgrundlage für die Protokollierung der Anmeldung ist unser berechtigtes Interesse am Nachweis, dass der Versand mit Ihrer Einwilligung vorgenommen wurde. Sie können die Anmeldung jederzeit rückgängig machen, ohne dass hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen. Eine Mitteilung in Textform an die unter Ziffer 1 genannten Kontaktdaten (z.B. E-Mail, Fax, Brief) reicht hierfür aus. Selbstverständlich finden Sie auch in jedem Newsletter einen Abmelde-Link. **Produktempfehlungen** Wir senden Ihnen unabhängig vom Newsletter regelmässig Produktempfehlungen per E-Mail zu. Auf diese Weise lassen wir Ihnen Informationen über Produkte aus unserem Angebot zukommen, für die Sie sich auf Grundlage Ihrer letzten Käufe von Waren oder Dienstleistungen bei uns interessieren könnten. Dabei richten wir uns streng nach den gesetzlichen Vorgaben. Dem können Sie jederzeit widersprechen, ohne dass hierfür andere als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen entstehen. Eine Mitteilung in Textform an die unter Ziffer 1 genannten Kontaktdaten (z.B. E-Mail, Fax, Brief) reicht hierfür aus. Selbstverständlich finden Sie auch in jeder E-Mail einen Abmelde-Link. Rechtsgrundlage hierfür ist die gesetzliche Erlaubnis nach Art. 6 Abs. 1 S. 1 f) DSGVO iVm § 7 Abs. 3 UWG und nach den entsprechenden Bestimmungen des DSG und Schweizer UWG. **E-Mail Kontakt** Wenn Sie mit uns in Kontakt treten (z. B. per Kontaktformular oder E-Mail), verarbeiten wir Ihre Angaben zur Bearbeitung der Anfrage sowie für den Fall, dass Anschlussfragen entstehen. Erfolgt die Datenverarbeitung zur Durchführung vorvertraglicher Massnahmen, die auf Ihre Anfrage hin erfolgen, bzw., wenn Sie bereits unser Kunde sind, zur Durchführung des Vertrages, ist Rechtsgrundlage für diese Datenverarbeitung Art. 6 Abs. 1 S. 1 b) DSGVO und die entsprechende Bestimmung des DSG. Weitere personenbezogene Daten bearbeiten wir nur, wenn Sie dazu einwilligen (Art. 6 Abs. 1 S. 1 a) DSGVO und die entsprechende Bestimmung des DSG) oder wir ein berechtigtes Interesse an der Berarbeitung Ihrer Daten haben (Art. 6 Abs. 1 S. 1 f) DSGVO und die entsprechende Bestimmung des DSG). Ein berechtigtes Interesse liegt z. B. darin, auf Ihre E-Mail zu antworten. **Google Analytics** Wir benutzen Google Analytics, einen Webanalysedienst der Google Inc. („Google“). Google Analytics verwendet sog. „Cookies“, Textdateien, die auf Ihrem Computer gespeichert werden und die eine Analyse der Benutzung der Website durch Sie ermöglichen. Die durch den Cookie erzeugten Informationen über Benutzung dieser Website durch die Seitenbesucher werden in der Regel an einen Server von Google in den USA übertragen und dort gespeichert. Hierin liegt auch unser berechtigtes Interesse gemäss Art 6 Abs. 1 S. 1 f) DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG. Google hat sich dem zwischen der Europäischen Union und den USA geschlossenen Privacy-Shield-Abkommen unterworfen und sich zertifiziert. Dadurch verpflichtet sich Google, die Standards und Vorschriften des europäischen Datenschutzrechts einzuhalten. Nähere Informationen können Sie dem nachfolgend verlinkten Eintrag entnehmen: [https://www.privacyshield.gov/participant?id=a2zt000000001L5AAI&status=Active](https://www.privacyshield.gov/participant?id=a2zt000000001L5AAI&status=Active&ref=schweizermonat.ch). Wir haben die IP-Anonymisierung auf dieser Website aktiviert (*anonymizeIp*). Dadurch wird Ihre IP-Adresse von Google jedoch innerhalb von Mitgliedstaaten der Europäischen Union oder in anderen Vertragsstaaten des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum zuvor gekürzt. Nur in Ausnahmefällen wird die volle IP-Adresse an einen Server von Google in den USA übertragen und dort gekürzt. In unserem Auftrag wird Google diese Informationen benutzen, um die Nutzung der Website durch Sie auszuwerten, um Reports über die Websiteaktivitäten zusammenzustellen und um weitere mit der Websitenutzung und der Internetnutzung verbundene Dienstleistungen uns gegenüber zu erbringen. Die im Rahmen von Google Analytics von Ihrem Browser übermittelte IP-Adresse wird nicht mit anderen Daten von Google zusammengeführt. Sie können die Speicherung der Cookies durch eine entsprechende Einstellung Ihrer Browser-Software verhindern; wir weisen Sie jedoch darauf hin, dass Sie in diesem Fall gegebenenfalls nicht sämtliche Funktionen dieser Website vollumfänglich werden nutzen können. Sie können darüber hinaus die Übertragung der durch das Cookie erzeugten und auf Ihre Nutzung der Website bezogenen Daten (inkl. Ihrer IP-Adresse) an Google sowie die Verarbeitung dieser Daten durch Google verhindern, indem Sie das unter dem folgenden Link verfügbare Browser-Plugin herunterladen und installieren: [http://tools.google.com/dlpage/gaoptout?hl=de](http://tools.google.com/dlpage/gaoptout?hl=de&ref=schweizermonat.ch). Alternativ zum Browser-Plugin oder innerhalb von Browsern auf mobilen Geräten können Sie auf den folgenden Link klicken, um ein Opt-Out-Cookie zu setzen, der die Erfassung durch Google Analytics innerhalb dieser Website zukünftig verhindert (dieses Opt-Out-Cookie funktioniert nur in diesem Browser und nur für diese Domain. Löschen Sie die Cookies in Ihrem Browser, müssen Sie diesen Link erneut klicken): \[Google Analytics deaktivieren\] ## **Speicherdauer** Sofern nicht spezifisch angegeben speichern wir personenbezogene Daten nur so lange, wie dies zur Erfüllung der verfolgten Zwecke notwendig ist. In einigen Fällen sieht der Gesetzgeber die Aufbewahrung von personenbezogenen Daten vor, etwa im Steuer- oder Handelsrecht. In diesen Fällen werden die Daten von uns lediglich für diese gesetzlichen Zwecke weiter gespeichert, aber nicht anderweitig verarbeitet und nach Ablauf der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist gelöscht. ## **Ihre Rechte als von der Datenverarbeitung Betroffener** Nach den anwendbaren Gesetzen haben Sie verschiedene Rechte bezüglich Ihrer personenbezogenen Daten. Möchten Sie diese Rechte geltend machen, so richten Sie Ihre Anfrage bitte per E-Mail oder per Post unter eindeutiger Identifizierung Ihrer Person an die in Ziffer 1 genannte Adresse. Nachfolgend finden Sie eine Übersicht über Ihre Rechte. ## **Recht auf Bestätigung und Auskunft** Sie haben das Recht auf eine übersichtliche Auskunft über die Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten. Im Einzelnen: Sie haben jederzeit das Recht, von uns eine Bestätigung darüber zu erhalten, ob Sie betreffende personenbezogene Daten verarbeitet werden. Ist dies der Fall, so haben Sie das Recht, von uns eine unentgeltliche Auskunft über die zu Ihnen gespeicherten personenbezogenen Daten nebst einer Kopie dieser Daten zu verlangen. Des Weiteren besteht ein Recht auf folgende Informationen: 1. die Bearbeitungszwecke; 2. die Kategorien personenbezogener Daten, die bearbeitet werden; 3. die Empfänger oder Kategorien von Empfängern, gegenüber denen die personenbezogenen Daten offengelegt worden sind oder noch offengelegt werden, insbesondere bei Empfängern in Drittländern oder bei internationalen Organisationen; 4. falls möglich, die geplante Dauer, für die die personenbezogenen Daten gespeichert werden, oder, falls dies nicht möglich ist, die Kriterien für die Festlegung dieser Dauer; 5. das Bestehen eines Rechts auf Berichtigung oder Löschung der Sie betreffenden personenbezogenen Daten oder auf Einschränkung der Bearbeitung durch den Verantwortlichen oder eines Widerspruchsrechts gegen diese Bearbeitung; 6. das Bestehen eines Beschwerderechts bei einer Aufsichtsbehörde; 7. wenn die personenbezogenen Daten nicht bei Ihnen erhoben werden, alle verfügbaren Informationen über die Herkunft der Daten; 8. das Bestehen einer automatisierten Entscheidungsfindung einschliesslich Profiling gemäss [22](https://dsgvo-gesetz.de/art-22-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch) 1 und 4 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG und – zumindest in diesen Fällen – aussagekräftige Informationen über die involvierte Logik sowie die Tragweite und die angestrebten Auswirkungen einer derartigen Verarbeitung für Sie. Werden personenbezogene Daten an ein Drittland oder an eine internationale Organisation übermittelt, so haben Sie das Recht, über die geeigneten Garantien gemäss Art. 46 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG im Zusammenhang mit der Übermittlung unterrichtet zu werden. ## **Recht auf Berichtigung** Sie haben das Recht, von uns die Berichtigung und ggf. auch Vervollständigung Sie betreffender personenbezogener Daten zu verlangen. Im Einzelnen: Sie haben das Recht, von uns unverzüglich die Berichtigung Sie betreffender unrichtiger personenbezogener Daten zu verlangen. Unter Berücksichtigung der Zwecke der Verarbeitung haben Sie das Recht, die Vervollständigung unvollständiger personenbezogener Daten – auch mittels einer ergänzenden Erklärung – zu verlangen. ## **Recht auf Löschung („Recht auf Vergessenwerden“)** In einer Reihe von Fällen sind wir verpflichtet, Sie betreffende personenbezogene Daten zu löschen. Im Einzelnen: Sie haben gemäss Art. 17 Abs. 1 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG das Recht, von uns zu verlangen, dass Sie betreffende personenbezogene Daten unverzüglich gelöscht werden, und wir sind verpflichtet, personenbezogene Daten unverzüglich zu löschen, sofern einer der folgenden Gründe zutrifft: 1. Die personenbezogenen Daten sind für die Zwecke, für die sie erhoben oder auf sonstige Weise bearbeitet wurden, nicht mehr notwendig. 2. Sie widerrufen Ihre Einwilligung, auf die sich die Verarbeitung gemäss [ 6](https://dsgvo-gesetz.de/art-6-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 1 1 a) DSGVO oder [Art. 9](https://dsgvo-gesetz.de/art-9-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 2 a) DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG stützte, und es fehlt an einer anderweitigen Rechtsgrundlage für die Bearbeitung. 3. Sie legen gemäss [ 21](https://dsgvo-gesetz.de/art-21-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 1 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG Widerspruch gegen die Bearbeitung ein und es liegen keine vorrangigen berechtigten Gründe für die Bearbeitung vor, oder Sie legen gemäss [Art. 21](https://dsgvo-gesetz.de/art-21-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 2 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG Widerspruch gegen die Bearbeitung ein. 4. Die personenbezogenen Daten wurden unrechtmässig verarbeitet. 5. Die Löschung der personenbezogenen Daten ist zur Erfüllung einer rechtlichen Verpflichtung nach dem Unionsrecht oder dem Recht der Mitgliedstaaten oder dem Schweizer Recht erforderlich, dem wir unterliegen. 6. Die personenbezogenen Daten wurden in Bezug auf angebotene Dienste der Informationsgesellschaft gemäss [ 8](https://dsgvo-gesetz.de/art-8-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 1 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG erhoben. Haben wir die personenbezogenen Daten öffentlich gemacht und sind wir gemäss Art. 17 Abs. 1 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG zu deren Löschung verpflichtet, so treffen wir unter Berücksichtigung der verfügbaren Technologie und der Implementierungskosten angemessene Massnahmen, auch technischer Art, um für die Datenbearbeitung Verantwortliche, die die personenbezogenen Daten verarbeiten, darüber zu informieren, dass Sie von ihnen die Löschung aller Links zu diesen personenbezogenen Daten oder von Kopien oder Replikationen dieser personenbezogenen Daten verlangt haben. ## **Recht auf Einschränkung der Bearbeitung** In einer Reihe von Fällen sind Sie berechtigt, von uns eine Einschränkung der Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten zu verlangen. Im Einzelnen: Sie haben das Recht, von uns die Einschränkung der Verarbeitung zu verlangen, wenn eine der folgenden Voraussetzungen gegeben ist: 1. die Richtigkeit der personenbezogenen Daten wird von Ihnen bestritten, und zwar für eine Dauer, die es uns ermöglicht, die Richtigkeit der personenbezogenen Daten zu überprüfen, 2. die Bearbeitung unrechtmässig ist und Sie die Löschung der personenbezogenen Daten ablehnten und stattdessen die Einschränkung der Nutzung der personenbezogenen Daten verlangt haben; 3. wir die personenbezogenen Daten für die Zwecke der Bearbeitung nicht länger benötigen, Sie die Daten jedoch zur Geltendmachung, Ausübung oder Verteidigung von Rechtsansprüchen benötigen, oder 4. Sie Widerspruch gegen die Bearbeitung gemäss [ 21](https://dsgvo-gesetz.de/art-21-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 1 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG eingelegt haben, solange noch nicht feststeht, ob die berechtigten Gründe unseres Unternehmens gegenüber den Ihren überwiegen. ## **Recht auf Datenübertragbarkeit** Sie haben das Recht, Sie betreffende personenbezogene Daten maschinenlesbar zu erhalten, zu übermitteln, oder von uns übermitteln zu lasen. Im Einzelnen: Sie haben das Recht, die Sie betreffenden personenbezogenen Daten, die Sie uns bereitgestellt haben, in einem strukturierten, gängigen und maschinenlesbaren Format zu erhalten, und Sie haben das Recht, diese Daten einem anderen Verantwortlichen ohne Behinderung durch uns zu übermitteln, sofern 1. die Bearbeitung auf einer Einwilligung gemäss [ 6](https://dsgvo-gesetz.de/art-6-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 1 1 a) DSGVO oder [Art. 9](https://dsgvo-gesetz.de/art-9-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch)Abs. 2 a) DSGVO oder auf einem Vertrag gemäss [Art. 6](https://dsgvo-gesetz.de/art-6-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch) Abs. 1 S. 1 b) DSGVO beruht und der entsprechenden Bestimmung des DSG und 2. die Bearbeitung mithilfe automatisierter Verfahren erfolgt. Bei der Ausübung Ihres Rechts auf Datenübertragbarkeit gemäss Absatz 1 haben Sie das Recht, zu erwirken, dass die personenbezogenen Daten direkt von uns einem anderen Verantwortlichen übermittelt werden, soweit dies technisch machbar ist. ## **Widerspruchsrecht** Sie haben das Recht, auch einer rechtmässigen Bearbeitung Ihrer personenbezogenen Daten durch uns zu widersprechen, wenn sich dies aus Ihrer besonderen Situation begründet und unsere Interessen an der Verarbeitung nicht überwiegen. Im Einzelnen: Sie haben das Recht, aus Gründen, die sich aus Ihrer besonderen Situation ergeben, jederzeit gegen die Verarbeitung Sie betreffender personenbezogener Daten, die aufgrund von [Art. 6](https://dsgvo-gesetz.de/art-6-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch) Abs. 1 S. 1 e) oder f) DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG erfolgt, Widerspruch einzulegen; dies gilt auch für ein auf diese Bestimmungen gestütztes Profiling. Wir verarbeiten die personenbezogenen Daten nicht mehr, es sei denn, wir können zwingende schutzwürdige Gründe für die Verarbeitung nachweisen, die Ihre Interessen, Rechte und Freiheiten überwiegen, oder die Verarbeitung dient der Geltendmachung, Ausübung oder Verteidigung von Rechtsansprüchen. Werden personenbezogene Daten von uns bearbeitet, um Direktwerbung zu betreiben, so haben Sie das Recht, jederzeit Widerspruch gegen die Bearbeitung Sie betreffender personenbezogener Daten zum Zwecke derartiger Werbung einzulegen; dies gilt auch für das Profiling, soweit es mit solcher Direktwerbung in Verbindung steht. Sie haben das Recht, aus Gründen, die sich aus Ihrer besonderen Situation ergeben, gegen die Sie betreffende Bearbeitung Sie betreffender personenbezogener Daten, die zu wissenschaftlichen oder historischen Forschungszwecken oder zu statistischen Zwecken gemäss [Art. 89](https://dsgvo-gesetz.de/art-89-dsgvo/?ref=schweizermonat.ch) Abs. 1 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG erfolgt, Widerspruch einzulegen, es sei denn, die Verarbeitung ist zur Erfüllung einer im öffentlichen Interesse liegenden Aufgabe erforderlich. ## **Automatisierte Entscheidungen einschliesslich Profiling** Sie haben das Recht, nicht einer ausschliesslich auf einer automatisierten Bearbeitung – einschliesslich Profiling – beruhenden Entscheidung unterworfen zu werden, die Ihnen gegenüber rechtliche Wirkung entfaltet oder Sie in ähnlicher Weise erheblich beeinträchtigt. Eine automatisierte Entscheidungsfindung auf der Grundlage der erhobenen personenbezogenen Daten findet nicht statt. ## **Recht auf Widerruf einer datenschutzrechtlichen Einwilligung** Sie haben das Recht, eine Einwilligung zur Bearbeitung personenbezogener Daten jederzeit zu widerrufen. ## **Recht auf Beschwerde bei einer Aufsichtsbehörde** Sie haben das Recht auf Beschwerde bei einer Aufsichtsbehörde, insbesondere in dem Mitgliedstaat Ihres Aufenthaltsorts, Ihres Arbeitsplatzes oder des Orts des mutmasslichen Verstosses, wenn Sie der Ansicht sind, dass die Berarbeitung der Sie betreffenden personenbezogenen Daten rechtswidrig ist. Soweit dies personenbezogene Daten in der Schweiz betrifft, ist die Aufsichtsbehörde: Eidgenössischer Datenschutz- und ÖffentlichkeitsbeauftragterFeldeggweg 1 3003 Bern [www.edoeb.admin.ch](http://www.edoeb.admin.ch/?ref=schweizermonat.ch) ## **Datensicherheit** Wir sind um die Sicherheit Ihrer Daten im Rahmen der geltenden Datenschutzgesetze und technischen Möglichkeiten maximal bemüht. Ihre persönlichen Daten werden bei uns verschlüsselt übertragen. Dies gilt für Ihre Bestellungen und auch für das Kundenlogin. Wir nutzen das Codierungssystem SSL (Secure Socket Layer), weisen jedoch darauf hin, dass die Datenübertragung im Internet (z.B. bei der Kommunikation per E-Mail) Sicherheitslücken aufweisen kann. Ein lückenloser Schutz der Daten vor dem Zugriff durch Dritte ist nicht möglich. Zur Sicherung Ihrer Daten unterhalten wir technische und organisatorische Sicherungsmassnahmen entsprechend Art. 32 DSGVO und der entsprechenden Bestimmung des DSG, die wir immer wieder dem Stand der Technik anpassen. Wir gewährleisten ausserdem nicht, dass unser Angebot zu bestimmten Zeiten zur Verfügung steht; Störungen, Unterbrechungen oder Ausfälle können nicht ausgeschlossen werden. Die von uns verwendeten Server werden regelmässig sorgfältig gesichert. ## **Weitergabe von Daten an Dritte, keine Datenübertragung ins Nicht-EU-Ausland** Grundsätzlich verwenden wir Ihre personenbezogenen Daten nur innerhalb unseres Unternehmens. Wenn und soweit wir Dritte im Rahmen der Erfüllung von Verträgen einschalten (etwa Logistik-Dienstleister), erhalten diese personenbezogene Daten nur in dem Umfang, in welchem die Übermittlung für die entsprechende Leistung erforderlich ist. Für den Fall, dass wir bestimmte Teile der Datenverarbeitung auslagern („Auftragsbearbeitung“), verpflichten wir Auftragsbearbeiter vertraglich dazu, personenbezogene Daten nur im Einklang mit den Anforderungen der anwendbaren Datenschutzgesetze zu verwenden und den Schutz der Rechte der betroffenen Person zu gewährleisten. Eine Datenübertragung an Stellen oder Personen ausserhalb der EU ausserhalb des in dieser Erklärung in Ziffer 4 genannten Falls findet nicht statt und ist nicht geplant. ## **Datenschutzbeauftragter** Sollten Sie noch Fragen oder Bedenken zum Datenschutz haben, so wenden Sie sich bitte an unseren Datenschutzbeauftragten: SMH Verlag AG Schweizer Monat Sihlstrasse 95 8001 Zürich ### Mitgliedschaft URL: https://www.schweizermonat.ch/mitgliedschaft/ Last updated: 2026-07-15T19:49:58.000Z ## Werden Sie Mitglied beim «Schweizer Monat» Der «Schweizer Monat» ist das Medium für Macher und Denker. Mit dem jährlichen Mitgliedschaftsbeitrag (180 Franken) profitieren Sie von diversen Leistungen. [Mitglied werden](https://tally.so/r/XxLeog?ref=schweizermonat.ch) ## Ihre Vorteile als Mitglied auf einen Blick 🗞️ Printmagazin Q 💻 Kostenlose Onlineinhalte 🎫 Monatliche Veranstaltungen ## Printmagazin «Q» «Q» versammelt das Beste von Online – und noch mehr dazu. Das «Quarterly» richtet sich an Macher und Denker, die an der besseren Lösung arbeiten und dazu neue Ideen und Inspirationen suchen. Vier freiheitsrelevante Themen begleiten uns über das Jahr. Darin fordern wir Ihr Denken und Handeln heraus und bieten Ihnen neue Blickwinkel auf die (alte) Gegenwart. Das Magazin erscheint jeweils im März, Juni, September und Dezember. ## Kostenlose Onlineinhalte Die neue multimediale Webseite sendet und strahlt aus: mit Texten, Podcasts, Videos. Mit regelmässig erscheinenden Beiträgen auf schweizermonat.ch, mit Newslettern und Social-Media-Inhalten regen wir die Debatte an. Weil möglichst viele Leute unsere Inhalte nutzen sollen, bieten wir sie frei und ohne Bezahlschranke an. Als Mitglied ermöglichen Sie also den freien Zugang für alle – das steigert die Wirkung im Ziel. ## Monatliche Veranstaltungen **Vernissage des neuen «Quarterly» (4x jährlich), dazu Debattenabende** Was im digitalen Zeitalter mehr denn je zählt, ist die Nähe, das Persönliche, das Echte. Wir bringen unsere Autoren und Gesprächspartner mit Ihnen zusammen – nicht nur theoretisch, sondern praktisch vor Ort. Durch die unverfälschte Begegnung wollen wir motivierend und inspirierend wirken. Wir ermöglichen Ihnen darüber hinaus den persönlichen Austausch untereinander. Denn Sie gehören bereits zu einer unsichtbaren Community, die eines verbindet: der Sinn für eigenständiges, eigenwilliges Denken und Handeln. Kommen Sie auch? **Workshops (2x jährlich** **)** Möchten Sie Wissenswertes aus erster Hand von ausgewiesenen Experten erfahren? Etwa zu künstlicher Intelligenz, Metaverse oder Kryptowährungen? Entdecken Sie unsere Workshops, erweitern Sie Ihren Horizont und eignen Sie sich neue Fähigkeiten an. Wir bringen Sie und uns zusammen, um Neues zu lernen, Erfahrungen zu teilen – auf der Basis von Kompetenz und Vertrauen. **Meet-ups (2-3x jährlich** **)** Spontan, aufschlussreich, einzigartig – das sind unsere Meet-ups, bei denen Sie ohne viel Vorlauf mit Leuten zusammentreffen können, die etwas zu sagen oder zu erzählen haben. Exklusiv und im intimen Rahmen – ohne Firlefanz, dafür mit Erkenntnisgewinn! ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/DSC04728-2.jpg)![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Lomborg_1_quadratisch.png)![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Volksrecht_1_quadratisch.png)![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Saifedean-2_quadratisch.png) [Mitglied werden](https://tally.so/r/XxLeog?ref=schweizermonat.ch) ### Geschichte URL: https://www.schweizermonat.ch/geschichte/ Last updated: 2026-06-24T14:35:52.000Z ## Der neue «Schweizer Monat» ab 2024 Über 100 Jahre lang (seit 1921) war der «Schweizer Monat» in erster Linie eine gedruckte Zeitschrift – für Leser und Abonnenten. Das hat sich seit Januar 2024 geändert. Der «Schweizer Monat» ist neu ein multimediales Medienhaus – und eine Heimat für Menschen, die Unabhängigkeit, Freiheit und Gestaltungswille über alles schätzen. Der «Schweizer Monat» hat nicht einfach nur eine Leserschaft, sondern ist eine Community. Wer dazugehört, ist nicht nur einfach ein Nutzer, sondern ein Mitgestalter, wir sagen: ein Mitglied. Die Mitgliedschaft verpflichtet zu nichts. Aber sie ermöglicht es, von unserem Angebot in vollem Umfang zu profitieren. Mit dem jährlichen Mitgliedschaftsbeitrag (180 Franken) erhalten Sie das neue Printmagazin Q, freien Eintritt inkl. Apéro zu monatlichen Veranstaltungen sowie frei zugängliche Onlineinhalte auf dieser Webseite. Weitere Informationen zur Mitgliedschaft erhalten Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/mitgliedschaft/). ## Die älteste Monatszeitschrift der Schweiz – von 1921 bis 2023 Seit 1921 schon erschien die älteste Monatszeitschrift der Schweiz, seit 2010 in einem eigenen Verlag und seit 2011 unter neuem Namen: Der Relaunch machte aus den «Schweizer Monatsheften» den «Schweizer Monat». Das Magazin setzte seither auf die Diskussion globaler Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Gemeinsam mit profilierten Autorinnen und Autoren wurden deren Auswirkungen auf die Schweiz skizziert – und liberale Lösungen für anstehende Probleme aufgezeigt. Zu den Beitragenden zählten und zählen neben Nobelpreisträgern wie Gary Becker, Mario Vargas Llosa und Vernon L. Smith beispielsweise Sherry Turkle, Timothy Garton Ash, Didier Sornette, Niall Ferguson, Boris Groys, Elisabeth Kopp, Gerhard Schwarz, Hans-Magnus Enzensberger, Steven Pinker, Nassim Taleb, Herfried Münkler, Rolf Dobelli, Peter Sloterdijk, Reiner Eichenberger, Klaus Merz, Peter Stamm und Christian Kracht. Nebst dem «Schweizer Monat» erschien von 2011 bis 2020 der [«Literarische Monat»](https://literarischermonat.ch/?ref=schweizermonat.ch), der sich Schweizer Literatur und der hiesigen Kunst- und Kulturszene widmete. Seit 2011 wurde das Archiv der «Schweizer Monatshefte» zusammen mit der Bibliothek der ETH Zürich digitalisiert und die Inhalte online frei zugänglich gemacht. [Die Bände 1 (1921) bis 990 (2011) können hier kostenlos eingesehen und durchsucht werden](https://www.e-periodica.ch/digbib/volumes?UID=smh-002&ref=schweizermonat.ch). Die neueren Ausgaben finden Sie auf dieser Website. 2013 hat Thomas Sprecher, Jurist, Germanist und bis 2019 Verwaltungsratspräsident der SMH Verlag AG, die den «Schweizer Monat» herausgibt, das erste Buch zur Geschichte der Zeitschrift vorgelegt: [Das Buch können Sie für CHF 30.- (zzgl. CHF 5.- Versandkosten) hier bestellen](mailto:leserservice@schweizermonat.ch). ## Zur Historie Die Geschichte der Zeitschrift ist ein Spiegel der schweizerischen und der europäischen Geschichte des 20\. Jahrhunderts. Die Gründer der «Schweizerischen Monatshefte für Politik und Kultur» kamen aus dem akademischen Umfeld und wandten sich an ein ebensolches Publikum. Was die Gründer mit unterschiedlichem Hintergrund einte, war zunächst das Engagement gegen die Mitgliedschaft der Schweiz im Völkerbund, die in einer Volksabstimmung 1920 angenommen worden war. Ihr Misstrauen galt einer préponderance française und dem Bedeutungsverlust der deutschsprachigen Kultur. Als ein damaliger Redaktor sich der Frontistenbewegung anschloss und die Spalten der Zeitschrift für deren Vertreter öffnete, wurde er 1933 entlassen. Der Liberalismus, der später zu einem der Markenzeichen der Zeitschrift werden sollte, war Gegenstand heftig geführter Debatten unter den Autoren. Einig waren sie sich in der Ablehnung des Kommunismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgte die Redaktion mit neuen Mitarbeitern einen liberalen Kurs. Als «Schweizer Monatshefte für Politik, Wirtschaft und Kultur» bot die Zeitschrift internationalen Autorinnen und Autoren die Möglichkeit, ihre Essays, Erzählungen und der Idee der Freiheit verpflichteten Beiträge im deutschen Sprachraum zu publizieren. Viele namhafte Intellektuelle der Schweiz sind im Laufe der Jahrzehnte in den Monatsheften zu Wort gekommen: Herbert Lüthy, Otto von Greyerz, Friedrich Dürrenmatt, Edgar Bonjour, Jean Rudolf von Salis, Emil Brunner, Emil Staiger, Gottlieb Duttweiler, Richard Reich, Fred Luchsinger, Hermann Hesse, Hermann Burger, Elsbeth Pulver, Peter von Matt, Roger de Weck. Bald überschritt die Zeitschrift den Status einer Plattform zur helvetischen Selbstverständigung und avancierte zu einem wichtigen Medium für das europäische Geistesleben. So verfassten etwa Wilhelm Röpke, Marion Gräfin von Dönhoff, Theodor W. Adorno, Benedetto Croce, Luigi Einaudi, Ludwig Erhard, Friedrich August von Hayek, Raymond Aron, Hermann Lübbe und Sir Karl Popper exklusive Beiträge. ### FAQ URL: https://www.schweizermonat.ch/faq/ Last updated: 2026-10-08T14:18:53.000Z ## Häufig gestellte Fragen Haben Sie eine Frage zu unserer Mitgliedschaft? Mit den untenstehenden Fragen und Antworten können wir Ihnen hoffentlich weiterhelfen. **1\. Wie werde ich Mitglied von «Schweizer Monat»?** Als Mitglied vom «Schweizer Monat» profitieren Sie von einem grossen Angebot. Verschaffen Sie sich [hier](https://www.schweizermonat.ch/mitgliedschaft/) einen Überblick über die Leistungen. Die Mitgliedschaft können Sie auf unserer Webseite unter [schweizermonat.ch/](https://shop.schweizermonat.ch/?home&ref=schweizermonat.ch)[mitgliedschaft](http://shop.schweizermonat.ch/?home&ref=schweizermonat.ch), per E-Mail an [abo@schweizermonat.ch](mailto:abo@schweizermonat.ch) oder telefonisch unter 044 361 26 06 erwerben. **2\. Wie kann ich ein Einzelheft beziehen?** Das neue Magazin «Q» ist ausschliesslich für Mitglieder erhältlich. Bei Interesse an der Mitgliedschaft bzw. an einem Magazin stellen wir Ihnen gerne einmalig ein kostenloses Probeexemplar zu. Sie können die Bestellung unter [schweizermonat.ch/ausgaben](https://www.schweizermonat.ch/ausgaben/) tätigen. Selbstverständlich nehmen wir Ihre Bestellung auch per E-Mail an [abo@schweizermonat.ch](mailto:abo@schweizermonat.ch) oder telefonisch unter 044 361 26 06 entgegen. Einzelne Ausgaben des «Schweizer Monats» können auf unserer Webseite unter [schweizermonat.ch/ausgaben](https://www.schweizermonat.ch/ausgaben/), per E-Mail an [abo@schweizermonat.ch](mailto:abo@schweizermonat.ch) oder telefonisch unter 044 361 26 06 bestellt werden. **3\. Wie kann ich meine Mitgliedschaft kündigen?** Wir nehmen Ihre Kündigung per E-Mail an [abo@schweizermonat.ch](mailto:abo@schweizermonat.ch) oder telefonisch unter 044 361 26 06 entgegen. Bitte beachten Sie, dass die Kündigung vor Beginn der neuen Mitgliedschaftsperiode bei uns eingehen sollte. ### Unterstützen Sie den Freiheitsfonds URL: https://www.schweizermonat.ch/unterstuetzung/ Last updated: 2026-10-08T14:22:47.000Z ### **Freiheit braucht unabhängige Stimmen** Der «Schweizer Monat» steht für den freien Wettbewerb der Ideen, für Eigenverantwortung und eine liberale Gesellschaft. Wir wollen Debatten anstossen, Widerspruch ermöglichen und Positionen sichtbar machen, die anderswo zu kurz kommen. **Damit wir dies unabhängig und langfristig tun können, brauchen wir Menschen, die unsere Arbeit unterstützen. Mit einer Spende an den Freiheitsfonds tragen Sie dazu bei, dass der «Schweizer Monat» auch morgen eine unabhängige Stimme für Freiheit und offene Debatten bleibt.** Unterstützen Sie uns mit einem Betrag Ihrer Wahl – einmalig oder regelmässig. Jede Spende stärkt unsere Unabhängigkeit. Unterstützen Sie uns! Mit Ihrer Hilfe bleibt der «Schweizer Monat» unabhängig – und der Wettbewerb der Ideen lebendig. Jetzt spenden Für eine Banküberweisung verwenden Sie bitte das folgende Konto: **PostFinance AG** **CH28 0900 0000 8552 0305 2** **BIC POFICHBEXXX** ### Esprit entrepreneurial URL: https://www.schweizermonat.ch/ee/ Last updated: 2026-06-25T04:38:02.000Z ![Esprit entrepreneurial](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Logo_Esprit-Entrepreneurial.png) [Sonderpublikation 53 – März 2026Start me up!: Träume brauchen Taten. Bereit für deine eigene Firma?Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/05/Q_SOPU_Esprit-Entrepreneurial_Maerz-2026_cover.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/issue/sonderpublikation-53-maerz-2026/) [Traumberuf «Angestellter»Elon Musk kennt jeder – Unternehmer sein will trotzdem kaum jemand. Warum Unternehmertum dennoch fasziniert, zeigen unsere in Zürich und Lausanne durchgeführten Strassenumfragen unter Jugendlichen.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/untitled.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/traumberuf-angestellter/) [Unternehmer sind die freieren MenschenEntrepreneure sehen die Welt mit anderen Augen. Eine Liebeserklärung an eine schützenswerte Minderheit aus der Sicht eines Medienschaffenden.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/fabian-gull-fotografiert-von-selina-seiler-rotated.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/unternehmer-sind-die-freieren-menschen/) [«Wir Schweizer sind zu wenig mutig»Saskia Bilang will mit dem Start-up Simpletrain Bahnreisen in Europa zu einem neuen Höhenflug verhelfen. Mit 22 Jahren stieg sie in die Firma ein, heute steht sie auf der Liste «30 under 30» von ForbeSchweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/fav2_dsc08854.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/wir-schweizer-sind-zu-wenig-mutig/) [«Wer innovativ ist, scheitert häufiger»Ohne Krisen gebe es keinen echten Fortschritt, sagt Daniel Bloch, Patron von Camille Bloch. Erfolg ist für ihn zur Hälfte Glückssache.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/daniel_bloch_1_2020.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/wer-innovativ-ist-scheitert-haeufiger/) [Die Schweiz hat alles, was es brauchtUnternehmertum beginnt mit der Bereitschaft, Probleme zu sehen und selbst zu handeln. Noch bietet die Schweiz dazu hervorragende Voraussetzungen.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/logo-swiss-startup-association.png)](https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-hat-alles-was-es-braucht/) [Gründen statt träumen! Dein Shortcut durchs Start-up-ÖkosystemZwischen Förderprogrammen, Networking, Admin-Chaos und Innovations-Hubs kann man schnell den Überblick verlieren. Wir haben einige der wichtigsten Player für dich zusammengestellt – von der ersten IdeSchweizer Monat](https://www.schweizermonat.ch/gruenden-statt-traeumen-dein-shortcut-durchs-start-up-oekosystem/) [Unternehmertum im Realitätscheck: Was die Jungen glauben – und Entrepreneure sagenViele haben eine bestimmte Vorstellung vom Unternehmertum im Kopf. Doch wie nahe liegt sie an der Realität?Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/ee-1080-x-1080-px.png)](https://www.schweizermonat.ch/unternehmertum-im-realitaetscheck-was-die-jungen-glauben-und-entrepreneure-sagen/) [Föderalismus und Kapitalismus – Chronik eines MissverständnissesLange begegneten die Liberalen der Idee des Föderalismus mit Skepsis. Erst die Entwicklung ihres konservativen Flügels zwang sie zur Neuausrichtung. Heute gilt der Föderalismus im liberalen Denken alsSchweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/219111533_highres.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/foederalismus-und-kapitalismus-chronik-eines-missverstaendnisses/) [Der produktive SelbstzweifelDer Mythos des furchtlosen, unbeirrbaren Unternehmers zerfällt bei genauerem Hinsehen. Entscheidend sind nicht Lautstärke und Pose, sondern Zurückhaltung, Demut und die Fähigkeit zur Korrektur.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/quadratisch.png)](https://www.schweizermonat.ch/der-produktive-selbstzweifel/) [Gute Ideen brauchen StrukturEine Idee zu haben ist einfach. Entscheidend ist, diese systematisch weiterzuentwickeln – bis sie Investoren überzeugt.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/venturelab_logo_pos_rgb_claim.png)](https://www.schweizermonat.ch/gute-ideen-brauchen-struktur/) [Mutige Ideen in die Tat umsetzenFachwissen allein macht noch keine Unternehmer. Entscheidend ist die Erfahrung, unter realen Bedingungen Verantwortung zu übernehmen. Genau hier setzt die Nachwuchsförderung des Swiss Venture Club undSchweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/svc_claim_cmyk_d_transp.png)](https://www.schweizermonat.ch/mutige-ideen-in-die-tat-umsetzen/) [Diagnose schlägt GefälligkeitWer beim Pitchen das Kernbedürfnis präziser beschreibt als der Kunde selbst, gewinnt Vertrauen. Wer nur glänzt, weckt Misstrauen.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/tsw_ch_schwarze-schrift_hintergrund-transparent.png)](https://www.schweizermonat.ch/diagnose-schlaegt-gefaelligkeit/) [«Hat man ein cooles Team, weiss man sehr genau, wieso man die Dinge macht, die man macht»Als Unternehmerin muss man sich bemühen, um in die Aufgaben hineinzuwachsen, sagt Léa Miggiano. Dafür wird man mit Freiheit belohnt. Der Spass ist es, die Entwicklung der Firma voranzutreiben und zu bSchweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/dsc06248-e1739796065836.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/hat-man-ein-cooles-team-weiss-man-sehr-genau-wieso-man-die-dinge-macht-die-man-macht/) [«Unternehmergeist ist nicht angeboren»Alan Frei scheiterte mit 51 Start-ups, beim 52\. Versuch klappte es – mit Sextoys. Eine gute Idee sei nur ein kleiner Teil des Erfolgs, sagt er.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/alan-frei-fotografiert-von-selina-seiler-e1739800303308.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/unternehmergeist-ist-nicht-angeboren/) [Es fehlt nicht am Geld, sondern am WillenDie Schweiz ist reich und doch haben Start-ups Mühe, an Kapital zu kommen. Um das zu ändern, braucht es einen Mentalitätswandel, Durchhaltewillen – und einen Staat, der klug unterstützt.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/1_amag-automobile.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/es-fehlt-nicht-am-geld-sondern-am-willen/) [«Die strikten Vorschriften führen zu mehr Food Waste»Anastasia Hofmann hilft mit ihrem Start-up Kitro, Food Waste in der Gastronomie zu reduzieren. Dabei setzt sie auf viele Daten und künstliche Intelligenz.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/31_anastasia-hofmann-zvg.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/die-strikten-vorschriften-fuehren-zu-mehr-food-waste/) [Lassen wir den Unternehmergeist aus der Flasche!Das Unternehmertum ermöglicht es Menschen, Freiheit und Verantwortung zu leben und Werte für sich und die Gesellschaft zu schaffen. Es muss deshalb dringend stärker gefördert werden.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/5_1334974_highres.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/lassen-wir-den-unternehmergeist-aus-der-flasche/) [«Der Spagat zwischen Tradition und Innovation ist eine ständige Herausforderung»Carole Hübscher vertritt die vierte Generation an der Spitze des Schreibwarenherstellers Caran d’Ache. Sie glaubt, dass Schreiben und Zeichnen trotz Digitalisierung ihre Bedeutung nicht verlieren – unSchweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/17_nr_dsc9335.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/der-spagat-zwischen-tradition-und-innovation-ist-eine-staendige-herausforderung/) [Die Unternehmer verabschieden sich aus der PolitikPersönlichkeiten aus der Wirtschaft haben den Aufbau des Bundesstaats geprägt. Heute sind sie aus dem Parlament weitgehend verschwunden und überlassen die politische Arbeit den Verbänden. Das hat weitSchweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/27_223925272_highres.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/die-unternehmer-verabschieden-sich-aus-der-politik/) [«Wir wollen ein Grundproblem der Chirurgie lösen»Daniela Marino will mit ihrem Start-up Cutiss die Hautchirurgie revolutionieren. Ihr Ansatz könnte dereinst auch für den Kosmetikbereich interessant werden.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/23_daniela-marino-uvg.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/wir-wollen-ein-grundproblem-der-chirurgie-loesen/) [Unternehmer sind Helden – doch die Gesellschaft behandelt sie wie VerbrecherIn der öffentlichen Wahrnehmung gelten Unternehmer als gierige Ausbeuter, die für alle Übel der Welt verantwortlich sind. Dabei sind sie Staatsangestellten moralisch überlegen.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/21_olivier-kessler-zvg_farbig.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/unternehmer-sind-helden-doch-die-gesellschaft-behandelt-sie-wie-verbrecher/) [«Die Regulierungen sind bereits überholt, wenn sie in Kraft treten»Timon Zimmermann hat zwei Start-ups im Bereich künstliche Intelligenz mitgegründet. Er sieht die staatliche Förderung von Start-ups skeptisch. Stattdessen wünscht er sich einen Mentalitätswandel.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/02/35_daniel-wittmer-fu_er-le-regard-libre-1.jpg)](https://www.schweizermonat.ch/die-regulierungen-sind-bereits-ueberholt-wenn-sie-in-kraft-treten/) ## Partner ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/Logo-Swiss-Startup-Association.png)![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/venturelab_Logo_pos_rgb_claim.png)![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/SVC_Claim_CMYK_D_transp.png)![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/06/TSW_CH_schwarze-schrift_hintergrund-transparent___.png) ## Unternehmer im Gespräch [«Ohne Kinder hätte ich schon längst ein Burnout gehabt»Studio Schweizer Monat #97: Daniela Marino, Life Science Unternehmerin, strebt mit ihrem Startup Cutiss nichts Geringeres an, als den Markt für Hautchirurgie zu revolutionieren.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/01/pichard_quadratisch.png)](https://www.schweizermonat.ch/ohne-kinder-haette-ich-schon-laengst-ein-burnout-gehabt/) [«In der Schweiz werden pro Jahr und Person 330 Kilogramm essbare Lebensmittel weggeworfen»Studio Schweizer Monat #96: Anastasia Hofmann, Unternehmerin und Gründerin von Kitro, spricht über Ihr «Müll-Start-up», künstliche Intelligenz und die richtige Partnerwahl.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/01/hofmann_sw.png)](https://www.schweizermonat.ch/in-der-schweiz-werden-pro-jahr-und-person-330kg-essbare-lebensmittel-weggeworfen/) [«Eine gute Idee reicht noch lange nicht für ein erfolgreiches Geschäft»Studio Schweizer Monat #95: Alan Frei, Unternehmer und Gründer von Amorana, spricht über seinen Durchbruch nach 51 gescheiterten Startups.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/01/frei_sw.png)](https://www.schweizermonat.ch/eine-gute-idee-reicht-noch-lange-nicht-fuer-ein-erfolgreiches-geschaeft/) [«Der Privatkunde kauft sich ein Auto – wir aber kaufen 150 von einem Modell»Studio Schweizer Monat #94: Léa Miggiano, Mitgründerin von Carvolution, spricht über ihre Sehnsucht nach selbstfahrenden Autos und über den Niedergang der deutschen Autoindustrie.Schweizer Monat![](https://www.schweizermonat.ch/content/files/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2024/12/sw.png)](https://www.schweizermonat.ch/der-privatkunde-kauft-sich-ein-auto-wir-aber-kaufen-150-von-einem-modell/) ### Autor anlegen URL: https://www.schweizermonat.ch/autor-anlegen/ Last updated: 2026-07-03T09:12:36.000Z Interne Seite – nur für Administratoren. ### Events URL: https://www.schweizermonat.ch/events/ Last updated: 2026-10-15T14:37:39.000Z ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/Eventcollage-1.png) ## Unsere nächsten Events – seien Sie dabei! Als [Mitglied](https://www.schweizermonat.ch/mitgliedschaft/) können Sie kostenlos teilnehmen. [Mitglied werden](https://www.schweizermonat.ch/mitgliedschaft/) ## **Darf man noch geniessen?** ### Magazinvorschau zum Thema Genuss mit Peter Sloterdijk Wir sprechen mit dem grossen Philosophen **Peter Sloterdijk** über die Kraft des leiblichen und geistigen Genusses – und darüber, wie Genuss zu einer menschenfreundlichen Kultur beitragen kann. **Donnerstag, 05.11.2026** Beginn 18.30 Uhr anschliessend Apéro riche Literaturhaus Limmatquai 62 8001 Zürich [Anmelden](https://eventfrog.ch/de/p/fuehrungen-vortraege/diskussion-debatte/magazinvorschau-zum-thema-genuss-mit-peter-sloterdijk-zuerich-7515735416475006106.html?ref=schweizermonat.ch) --- ## **Fördert Freiheit die Religion -** **oder gefährdet sie sie?** ### Duell des Monats mit Gerhard Schwarz und Andreas Kyriacou Die Freiheit wurde oft gegen die Kirchen erkämpft. Gleichzeitig basieren Aufklärung und Liberalismus auf Werten, die sie selbst nicht erzeugen. **Gerhard Schwarz** und **Andreas Kyriacou** streiten darüber, ob Religion die Freiheit trägt oder bedroht – von der Menschenwürde über den Islam bis zu den Ersatzreligionen der Gegenwart. **Mittwoch, 11.11.2026** Beginn 18.30 Uhr anschliessend Apéro riche Kulturhaus Helferei Kirchgasse 13 8001 Zürich [Anmelden](https://eventfrog.ch/de/p/fuehrungen-vortraege/diskussion-debatte/foerdert-freiheit-die-religion-zuerich-7516505639385834364.html?ref=schweizermonat.ch) ### Video Produktion URL: https://www.schweizermonat.ch/videoproduktion/ Last updated: 2026-09-19T16:10:56.000Z **Videoproduktion mieten** DE FR IT EN ES Möchten Sie die Produktionsqualität des Schweizer Monat? # Sie sprechen. Wir machen den Rest. Professionelle Videos, ganz ohne Aufwand für Sie. Kein Equipment, keine Technik, keine Nachbearbeitung. **Innert 24 bis 48 Stunden** erhalten Sie Ihr fertig geschnittenes Video zurück, inklusive Shorts fürs Social. 1 Podcast-Produktion + 3 Shorts [Dreh anfragenunverbindliche Offerte](mailto:info@schweizermonat.ch?subject=Interesse%3A%20Studio%20des%20Schweizer%20Monat%20mieten) [Beispiele ansehen](#evidence) Podcast**◆**3 Shorts**◆**4K**◆**Multi-Cam**◆**24–48 H**◆**Studioton**◆**Podcast**◆**3 Shorts**◆**4K**◆**Multi-Cam**◆**24–48 H**◆**Studioton**◆** Für wen ## Für Ihre Stimme gemacht. Ob Sie einen Podcast starten oder einen Firmenevent festhalten wollen: Wir bringen Ihre Botschaft in professionelle Bilder, ohne dass Sie sich um die Technik kümmern müssen. ### Sie starten einen Podcast? Schon ab der ersten Folge klingen und wirken Sie wie ein etabliertes Format. Sie erhalten die fertige Episode und drei Shorts, mit denen Sie sofort Publikum aufbauen. ### Sie halten einen Event fest? Konferenz, Panel oder Firmenanlass: Wir fangen den Moment in Studioqualität ein und machen daraus Videos und Clips, die Ihre Botschaft weit über den Saal hinaus tragen. Beispiele ## Sehen Sie, was dabei herauskommt. Drei Produktionen, genau so entstanden: hinsetzen, sprechen, fertig. Den Rest haben wir gemacht. **Podcast**In unserem Studio mit unserem Licht aufgenommen **Event-Aufzeichnung**Vor Publikum aufgenommen **Streitgespräch**Ausserhalb unseres Studios aufgenommen ### Und so sehen die Shorts aus. Aus jeder Aufnahme schneiden wir vertikale Shorts mit Untertiteln, bereit für Social. **Interview-Short**Aus einem Studio-Interview **Streitgespräch-Short**Aufgenommen in einem Weinkeller **Event-Short**Zwei Haltungen zur Männlichkeit Ihr einziger Aufwand: reden. ## Sie müssen an nichts denken. Vom ersten Kontakt bis zum fertigen Film liegt alles bei uns. Sie erscheinen, Sie sprechen. Das ist Ihr ganzer Beitrag. Den kompletten Rest übernehmen wir. - ●**Equipment**Kameras, Stative, Speicher: alles dabei - ●**Licht & Ton**Studioqualität, auch bei Ihnen vor Ort - ●**Regie vor Ort**Wir führen durch den Dreh - ●**Kompletter Schnitt**Sie sehen nur das fertige Ergebnis - ●**Shorts & Vertikalformate**Passend für Social, ohne Zusatzarbeit - ●**Untertitel auf Wunsch**Sauber gesetzt, sendefertig - ●**Terminorganisation**Wir richten uns nach Ihnen - ●**Lieferung in 24 bis 48 h**Fertig geschnitten, direkt einsatzbereit So läuft es ab ## Vier Schritte, ein fertiges Video. Ein reibungsloser Ablauf, bei dem Sie sich um nichts kümmern müssen. 1. ### Wir kommen zu Ihnen Vor Ort bei Ihnen oder bei uns im Studio. 2. ### Sie sprechen Wir kümmern uns um Kameras, Licht und Ton. 3. ### Wir gehen Und übernehmen den kompletten Schnitt. 4. ### Sie erhalten alles Innert 24 bis 48 Stunden das fertige Video plus Shorts, komplett bearbeitet. Qualität ## In Studioqualität aufgenommen. - KamerasMulti-Cam mit 3 KamerasDynamische, professionelle Bildsprache - Auflösung4KGestochen scharfes Bild - TonHochwertiger StudiotonLavalier- und XLR-Mikrofone - ErgebnisHauptvideo & passende ShortsFertig geschnitten, inklusive Vertikalformate 24–48h Von Ihrem Dreh bis zum fertig geschnittenen Video und den Shorts. Komplett bearbeitet, ohne einen Handgriff von Ihrer Seite. Jetzt anfragen ## Sie sprechen. Wir liefern. Schreiben Sie uns kurz, worüber Sie sprechen möchten. Den Rest übernehmen wir. Anfrage an [info@schweizermonat.ch](mailto:info@schweizermonat.ch?subject=Interesse%3A%20Studio%20des%20Schweizer%20Monat%20mieten). [Dreh anfragenunverbindliche Offerte](mailto:info@schweizermonat.ch?subject=Interesse%3A%20Studio%20des%20Schweizer%20Monat%20mieten) Wir kommen. Sie sprechen. **Wir liefern.** ### Archivfrage URL: https://www.schweizermonat.ch/archivfrage/ Last updated: 2026-10-08T10:08:56.000Z _No content available._ ## Posts ### Die Krawalle in Frankreich sind eine Warnung an Europa URL: https://www.schweizermonat.ch/die-krawalle-in-frankreich-sind-eine-warnung-an-europa/ Last updated: 2026-10-20T17:02:37.000Z _No content available._ ### Mit der Debattenkultur stirbt die Freiheit URL: https://www.schweizermonat.ch/mit-der-debattenkultur-stirbt-die-freiheit/ Last updated: 2026-10-19T13:19:22.000Z 0:00 /196 1× Verglichen mit der Argumentationskunst der antiken griechischen Philosophie oder der mittelalterlichen Scholastik wirken Diskussionen in der heutigen Politik primitiv. Viele öffentliche Wortmeldungen zielen auf die Charakterhinrichtung des politischen Opponenten. Ideologie, Emotion und Moral verdrängen den Ideenwettbewerb. Gesucht wird das nützliche, applausinduzierende Parteien- und Tugendmarketing. > «Statt des klugen Gegenarguments dominieren Feindbilder: der Verfassungsfeind, der Demokratiefeind, der Migrationsfeind.» Statt des klugen Gegenarguments dominieren Feindbilder: der Verfassungsfeind, der Demokratiefeind, der Migrationsfeind. Für die links-grüne Seite kommt die Gefahr grundsätzlich von rechts, deswegen muss man links-grün wählen. Für die bürgerlich-liberale Seite kommt die Gefahr von links, deswegen muss man bürgerlich-liberal wählen. Dies fasst die Substanz heutiger Politik weitgehend zusammen. Für das kulturelle Niveau ist das ein Verlust, für die Freiheit eine Gefahr. Wie soll eine dauerberieselte, denkfaule Gesellschaft, die den Opportunismus als «vernünftige Mitte» idealisiert, geistig wach bleiben? Die klassische Philosophie nutzte den Diskurs, um Ideen und Argumente in nachvollziehbare Einheiten aufzuteilen und die darin enthaltenen Prämissen sichtbar zu machen. Es ging um die Schulung des Denkens, verbunden mit einer Ethik der Wahrheitsliebe. Im 13\. Jahrhundert perfektionierten Thomas von Aquin und Johannes Duns Scotus die Methode der Scholastik. Diese prägte Kunst, Theologie, Recht und Medizin. Die strenge Logik, die Würdigung des Gegenarguments und das strukturierte Vorgehen sind bis heute Teil des Wissenschaftsbetriebs. Man stelle sich vor, Politiker, Aktivisten und mediale Meinungsmacher müssten heute, wie einst die Scholastiker, öffentlich die Position ihrer Opponenten fundiert darlegen, sodass die Opponenten sich verstanden fühlten und dies dem Publikum bestätigten. Erst dann wäre es dem Gegenspieler erlaubt, die fragliche Position zu kritisieren und die eigene Sicht der Dinge darzulegen. > «Man wusste: Eine freiheitliche Zivilisation ist nur möglich auf der Grundlage freier Geister.» Das wäre ein grosser Schritt zurück in eine Kultur des geistigen Wachstums durch substantielle Auseinandersetzungen. Der klassische Humanismus verstand den Menschen als Quelle von Kreativität, Tugend und Gestaltungskraft. Man wusste: Eine freiheitliche Zivilisation ist nur möglich auf der Grundlage freier Geister. Auf der Grundlage einer Diskussionskultur, die gesellschaftliche Freiräume schafft, indem sie zuerst innere, gedankliche Räume öffnet. Das ist es, was beim heutigen kulturellen Sinkflug auf dem Spiel steht. Wer nichts gegen diesen Sinkflug tut, lässt den Geist verkümmern. Und wer den Geist verkümmern lässt, braucht bald keine Freiheit mehr, weil er sie nicht mehr vermisst. ### Beim Zugang zum Recht hat der Föderalismus einen blinden Fleck URL: https://www.schweizermonat.ch/beim-zugang-zum-recht-hat-der-foderalismus-einen-blinden-fleck/ Last updated: 2026-10-16T10:14:43.000Z 0:00 /556 1× Stellen Sie sich vor: zwei Personen, gleiches Einkommen, gleiche Notlage, gleiches betreibungsrechtliches Existenzminimum. Die eine lebt im Tessin, die andere im Kanton Bern. Beide beantragen unentgeltliche Rechtspflege, um sich vor Gericht überhaupt einen Anwalt leisten zu können. Die eine Person bekommt sie nicht, die andere schon. Nicht weil ihre finanzielle Lage unterschiedlich wäre, sondern weil der Kanton, in dem sie zufällig wohnt, das massgebliche Existenzminimum unterschiedlich berechnet. Dieser Unterschied ist kein Einzelfall und auch keine Vermutung. Er lässt sich anhand von über 135 Gerichtsentscheiden aus allen 26 Kantonen belegen, ausgewertet vom Schweizer Anwaltsverzeichnis Legatis in der Studie «Der kantonale Preis der Armut». Artikel 29 Absatz 3 der Bundesverfassung garantiert jeder Person, die nicht über die nötigen Mittel verfügt, unentgeltliche Rechtspflege, sofern ihr Rechtsbegehren nicht aussichtslos erscheint. Artikel 117 der schweizerischen Zivilprozessordnung, seit 2011 gesamtschweizerisch in Kraft, konkretisiert dieses Recht: Wer bedürftig ist, hat Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege, sofern das Verfahren nicht aussichtslos ist. Weder die Verfassung noch die ZPO definieren jedoch eine einheitliche Methode, um diese Bedürftigkeit zu berechnen. Genau an dieser Lücke setzt die kantonale Praxis an, und genau dort beginnt die Ungleichheit. Die Berechnung folgt in allen Kantonen demselben Grundprinzip. Ausgangspunkt ist das betreibungsrechtliche Existenzminimum, ein gesamtschweizerisch einheitlicher Betrag nach den Richtlinien der Konferenz der Betreibungs- und Konkursbeamten. Auf diesen Grundbetrag rechnet jeder Kanton einen eigenen Zuschlag, um die sogenannte Bedürftigkeitsschwelle zu bestimmen: den Einkommensbetrag, bis zu dem jemand als bedürftig gilt und Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege hat. ## Das Grundrecht hängt vom Wohnort ab Genau dieser Zuschlag variiert erheblich. Er reicht von 0 Prozent im Tessin bis zu 30 Prozent in den Kantonen Bern, Schwyz, St. Gallen und Appenzell Innerrhoden. Was das konkret bedeutet, zeigt eine einfache Rechnung. Bei einem Ehepaar mit einem Existenzminimum von 1700 Franken im Monat bedeutet ein Zuschlag von 30 statt 0 Prozent einen Unterschied von 510 Franken pro Monat oder 6120 Franken pro Jahr, den ein Kanton grosszügiger anrechnet als der andere. Dieser Betrag entscheidet in der Praxis darüber, ob jemand vor Gericht überhaupt anwaltlich vertreten sein kann. Nicht das Recht unterscheidet sich hier von Kanton zu Kanton, sondern der Zugang zu diesem Recht. Die Zahlen stammen nicht aus Schätzungen. Legatis hat für die [Studie](http://legatis.ch/de/studie-unentgeltliche-rechtspflege?ref=schweizermonat.ch) über 135 Gerichtsentscheide vollständig gelesen und ausgewertet, mit dem Ziel, pro Kanton rund zehn unabhängige Entscheide zu finden, recherchiert über OpenCaseLaw, eine Datenbank mit über einer Million indexierten Entscheiden. Ein Zuschlagssatz galt erst dann als bestätigt, wenn er durch mindestens zwei unabhängige Gerichtsentscheide aus unterschiedlichen Verfahren gestützt wurde – nach Möglichkeit von unterschiedlichen Gerichten oder aus unterschiedlichen Jahren – oder durch eine offizielle, für alle Fälle geltende kantonale Weisung. Für Kantone wie Schaffhausen oder Appenzell Ausserrhoden liess sich trotz umfassender Recherche in drei Runden keine verwertbare Praxis feststellen. Diese Fälle wurden ausdrücklich als offen ausgewiesen, nicht stillschweigend übergangen. Ebenso transparent gekennzeichnet sind Kantone, in denen die Gerichte einen Ermessensspielraum nutzen, etwa Zürich mit einer Bandbreite von 15 bis 30 Prozent oder Waadt mit 20 bis 30 Prozent. Für Thurgau und Obwalden liegt je nur ein Entscheid vor, weshalb die Studie diese Werte ausdrücklich nur als Anhaltspunkt und nicht als bestätigt bezeichnet. ## Die bestätigten kantonalen Zuschläge | **Kanton** | **Zuschlag** | **Grundlage** | | --------------------- | ------------ | ----------------------------------------------------------------- | | Tessin | 0 Prozent | Offizielle Tabelle, kein Zuschlag | | Basel-Landschaft | 15 Prozent | 14 Entscheide (2012–2021) | | Basel-Stadt | 15 Prozent | 11 Entscheide, durchgehende Praxis | | Graubünden | 20 Prozent | 13 Entscheide (2003–2026) | | Luzern | 20 Prozent | 6 Entscheide, Wechsel von 15 Prozent auf 20 Prozent (2003) | | Nidwalden | 20 Prozent | Offizielles Gerichtsformular (2024) | | Solothurn | 20 Prozent | 6 Entscheide (2010–2021) | | Uri | 20 Prozent | 2 unabhängige Entscheide | | Zug | 20 Prozent | 7 Entscheide (2022–2025) | | Aargau | 25 Prozent | 10 Entscheide (2002–2026) | | Freiburg | 25 Prozent | 13 Entscheide, Wechsel von 20 Prozent auf 25 Prozent (2018) | | Genf | 25 Prozent | 11 Entscheide, Übergang von 20 Prozent auf 25 Prozent (2020–2025) | | Jura | 25 Prozent | Kreisschreiben Nr. 14 (2015) | | Wallis | 25 Prozent | 4 Entscheide (2022–2025) | | Appenzell Innerrhoden | 30 Prozent | 1 Entscheid plus offizielle Bestätigung | | Bern | 30 Prozent | 12 Entscheide, Zivil- und Verwaltungsgerichte | | St. Gallen | 30 Prozent | Offizielle Richtlinien (2011) | | Schwyz | 30 Prozent | 6 Entscheide, Richtlinien (2003) | ## Gewollte Vielfalt sieht anders aus Man könnte einwenden, dass unterschiedliche kantonale Praxis der Kern des Schweizer Föderalismus sei – und nicht sein Defekt. Dies stimmt, allerdings nur bedingt. Der Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen ist ein bewusst gewolltes, politisch debattiertes und demokratisch legitimiertes Element dieses Föderalismus. Über Steuersätze wird in kantonalen Parlamenten gestritten, abgestimmt und informiert. Die Bedürftigkeitsschwelle für unentgeltliche Rechtspflege dagegen wird in den seltensten Fällen politisch diskutiert. Sie entsteht in der Praxis der Gerichte, oft über Jahre hinweg, ohne dass ein Parlament je bewusst entschieden hätte, dass ein Kanton grosszügiger sein soll als ein anderer. Es handelt sich nicht um gewollte Vielfalt, sondern um einen unbeobachteten, institutionellen Drift bei einem Grundrecht. Genau hier liegt das eigentliche Problem für die institutionelle Resilienz des Föderalismus. Ein System, das kantonale Unterschiede zulässt, wo diese Ausdruck demokratischer Selbstbestimmung sind, bleibt stark. Ein System, das kantonale Unterschiede bei einem verfassungsmässig garantierten Grundrecht zulässt, ohne dass dies je jemand bewusst entschieden oder auch nur bemerkt hat, wird angreifbar. Nicht durch die Ungleichheit selbst, sondern durch die Tatsache, dass niemand für sie Verantwortung trägt. ## Transparenter Föderalismus Das Bundesgericht hat die kantonale Methodenfreiheit bei der Bedürftigkeitsberechnung wiederholt bestätigt, gleichzeitig aber klargestellt, dass das Ergebnis der kantonalen Praxis nicht in Willkür ausarten dürfe. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die heutige Realität, und die vorliegenden Zahlen legen nahe, dass sie näher am zweiten Pol liegt als am ersten. Eine vollständige Harmonisierung der Bedürftigkeitsschwelle würde den Kantonen einen Teil jener Autonomie nehmen, die den Föderalismus überhaupt erst ausmacht. Der heutige Zustand jedoch, eine Vielfalt, die niemand bewusst gewollt und kaum jemand bemerkt hat, verteidigt diese Autonomie schlecht. Wer den Föderalismus ernst nimmt, sollte auch seine stillen Webfehler ernst nehmen, bevor andere es für ihn tun. > «Ein pragmatischer erster Schritt läge nicht in der vollständigen Vereinheitlichung, sondern in der Sichtbarmachung.» Ein pragmatischer erster Schritt läge nicht in der vollständigen Vereinheitlichung, sondern in der Sichtbarmachung: Würden die Kantone verpflichtet, ihre Zuschlagssätze zur Bedürftigkeitsschwelle offen zu publizieren und periodisch zu begründen, entstünde zumindest die demokratische Kontrolle, die heute fehlt. Die Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) wäre das naheliegende Gremium, um eine solche Koordination anzustossen, ohne den Kantonen ihre Methodenfreiheit zu nehmen. ### Wahl in Brasilien - Zwischen politischem Lärm und stiller Stärke URL: https://www.schweizermonat.ch/wahl-in-brasilien/ Last updated: 2026-10-15T09:06:48.000Z _No content available._ ### Was uns eine Regierungschefin ohne Kopftuch über den Islam lehrt URL: https://www.schweizermonat.ch/was-uns-eine-regierungschefin-ohne-kopftuch-uber-den-islam-lehrt/ Last updated: 2026-10-14T15:23:26.000Z 0:00 /249 1× Im Westen wird die Ernennung Fatima Ezzahra El Mansouris zur ersten Premierministerin Marokkos als historischer Fortschritt gefeiert – als weiterer Beleg für die unaufhaltsame Modernisierung muslimischer Länder. In Marokko selbst überwiegt dagegen Gleichgültigkeit. Die Mehrheit der Bürger interessiert sich weniger für symbolische Geschlechterfragen als dafür, welche Politik ihr Leben konkret verbessert. Auch Feministinnen des Landes sind nicht euphorisch. Was bringt die Ernennung einer Frau zur Regierungschefin, solange sie gesetzlich dem Mann weiterhin untergeordnet bleibt? Stand heute würde die Premierministerin nur die Hälfte des Erbes erhalten, das ihren Brüdern zusteht. Und sollte sie sich in einen Nichtmuslim verlieben, dürfte sie ihn nicht heiraten, bevor er konvertiert. Nur die Islamisten entfachen eine Debatte. Sie greifen zu einem klassischen Hadith: «Ein Volk, das seine Angelegenheiten einer Frau anvertraut, wird nicht gedeihen.» Der ehemalige Premierminister der islamistischen Partei PJD geht sogar noch weiter und behauptet, die neue Regierung sei von Zionisten installiert worden. El Mansouris Partei setzte sich bereits für die Beseitigung von Diskriminierungen ein. Ein voraussichtlicher Minister ihres Kabinetts, der in der letzten Regierung Justizminister war, plädierte unermüdlich für die Abschaffung der Diskriminierung im Erbrecht und stützte sich dabei auf säkulare sowie aufgeklärte religiöse Auslegungen des islamischen Erbrechts. ## Das Märchen vom homogenen Islam Was zeigt uns dieser Moment? Islamische Gesellschaften sind keine monolithischen Blöcke. Die verbreitete Annahme, eine muslimische Gesellschaft sei von Natur aus rückständig, übersieht die inneren Kräfteverhältnisse, die jahrhundertelangen Kämpfe um Deutungshoheit über Kultur und Religion und die Vielfalt dieser Gesellschaften. > «Der Islam ist das, was Menschen aus ihm machen und was sie glauben – nicht bloss das, was Mohammed gesagt oder im Koran niedergeschrieben haben soll.» El Mansouri ist Premierministerin geworden. Sie trägt kein Kopftuch und vertritt eine erkennbar liberale Politik. Das steht in keinem Widerspruch dazu, dass sie sich als gläubige Muslima versteht. Der Islam ist das, was Menschen aus ihm machen und was sie glauben – nicht bloss das, was Mohammed gesagt oder im Koran niedergeschrieben haben soll. Bedeutet das, «der» Islam existiere nicht – wie manche behaupten, um ihn vor jeder Kritik zu immunisieren? Nein. Wenn von «dem Islam» die Rede ist, meint man die Art und Weise, wie im Namen des Islam in Politik, Gesellschaft und Recht argumentiert wird und wie er durch gläubige Akteure sozial wirksam wird. Trotz aller internen Unterschiede lassen sich wiederkehrende Muster erkennen: Die zeitgenössische islamische Kultur erweist sich in vielen zentralen Fragen als antiliberal und antifreiheitlich. Um das festzustellen, muss man weder den Koran noch die Prophetenüberlieferungen lesen, mit denen Islamisten in Marokko El Mansouri delegitimieren. Es genügt, genau hinzuschauen, wie Menschen tatsächlich leben und welche Haltung sie Andersdenkenden gegenüber einnehmen. ## Entmachten statt widerlegen Gleichwohl bleibt festzuhalten: Eine Frau ohne Kopftuch und mit liberaler Haltung ist Premierministerin eines islamischen Landes geworden. Der angeführte Hadith hat in diesem Fall nichts zu sagen. Auch das Christentum kennt Gebote, die Frauen Unterordnung auferlegen. Europa hat sie nicht widerlegt, sondern ihrer Verbindlichkeit beraubt: Die Bürger haben den Kirchen die Deutungshoheit über das öffentliche Leben entzogen. > «Entscheidend ist nicht, was in heiligen Texten steht, sondern wie viel Macht man denen lässt, die sich auf sie berufen.» Entscheidend ist nicht, was in heiligen Texten steht, sondern wie viel Macht man denen lässt, die sich auf sie berufen. Man kann nur hoffen, dass El Mansouri den Mut aufbringt, sich im Parlament für mehr individuelle Freiheit durchzusetzen. ### Darf der Staat über das Leben seiner Bürger entscheiden? URL: https://www.schweizermonat.ch/darf-der-staat-uber-das-leben-seiner-burger-entscheiden/ Last updated: 2026-10-13T08:39:09.000Z _No content available._ ### Why Does Progress Take So Long? URL: https://www.schweizermonat.ch/why-does-progress-take-so-long/ Last updated: 2026-10-12T12:30:49.000Z _No content available._ ### Wer Enteignung als «Vergesellschaftung» schönredet, verdreht die Realität URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-enteignung-als-vergesellschaftung-schonredet-verdreht-die-realitat/ Last updated: 2026-10-13T12:30:54.000Z 0:00 /153 1× Nach den jüngsten Wahlen in Deutschland, insbesondere jener in Berlin, hat das Wort «Vergesellschaftung» Hochkonjunktur. Die Linkspartei gewann die Wahl zum Abgeordnetenhaus mit der Forderung, grosse [Immobilienunternehmen](https://www.nzz.ch/deutschland/politik/elif-eralp-will-in-berlin-regieren-also-nimmt-sie-die-extremisten-ihrer-partei-in-kauf-ld.10023814?ref=schweizermonat.ch) zu «vergesellschaften» – zu Deutsch: zu enteignen. Und warum bei Immobilien aufhören und nicht auch [Autohersteller](https://www.zeit.de/2019/19/kevin-kuehnert-spd-jugendorganisation-sozialismus?ref=schweizermonat.ch) «vergesellschaften», wie das Kevin Kühnert als Juso-Chef einst propagierte? Der Begriff «Vergesellschaftung» ist nicht nur ein Euphemismus, sondern eine dreiste Verdrehung der Realität, die allerdings in der linken Rhetorik eine gewisse Tradition hat. Tatsächlich geht es natürlich nicht darum, irgendetwas an die Gesellschaft zu geben. Es geht darum, privaten Eigentümern etwas wegzunehmen und es dem Staat zu geben. > «Die Gleichsetzung der Gesellschaft mit dem Staat ist ein billiger Trick von Politikern – und nicht nur von linken –, um sich selbst mehr Macht zu verschaffen.» Doch der Staat ist nicht die Gesellschaft. Demgegenüber sind die privaten Besitzer, die enteignet werden, Teil der Gesellschaft. Die Gleichsetzung der Gesellschaft mit dem Staat ist ein billiger Trick von Politikern – und nicht nur von linken –, um sich selbst mehr Macht zu verschaffen. Denn indem sie Staat und Gesellschaft für identisch erklären, schwingen sich die staatlichen Funktionsträger zu den legitimen Vertretern der Gesellschaft auf. Eine Gesellschaft besteht jedoch nicht aus Behörden, sondern aus Individuen, die frei miteinander interagieren, kooperieren und handeln. Damit sie das tun können, müssen ihre Eigentumsrechte gewahrt und ihre individuelle wirtschaftliche Freiheit gewährleistet sein. Ist das nicht der Fall, können sich die Glieder einer Gesellschaft nicht frei entfalten. In diesem Sinne ist Verstaatlichung das Gegenteil der Vergesellschaftung. Sie ist eine eigentliche *Ent*gesellschaftung. Konsequent gedacht heisst Vergesellschaftung, den Individuen, also den konstituierenden Mitgliedern einer Gesellschaft, mehr Freiräume zu verschaffen. Reduzieren wir also die Steuer- und Abgabenlast für die Bürger, machen wir ihnen weniger Vorschriften darüber, was sie essen oder wie sie ihre Wohnung heizen sollen, privatisieren wir staatliche Unternehmen wie Swisscom und Kantonalbanken – kurz und gut: Vergesellschaften wir all die Pfründen und Domänen, in denen sich der Staat breitgemacht hat! ### China und Russland fordern die Vorherrschaft der USA heraus URL: https://www.schweizermonat.ch/china-und-russland-fordern-die-vorherrschaft-der-usa-heraus/ Last updated: 2026-10-08T14:25:40.000Z _No content available._ ### Katie Taylor zeigt: Anerkennung lässt sich erkämpfen, aber nicht verordnen URL: https://www.schweizermonat.ch/katie-taylor-zeigt/ Last updated: 2026-10-07T10:48:10.000Z 0:00 /352 1× Am 5\. September trat Katie Taylor im Croke Park in Dublin zu ihrem letzten Kampf an. Über 80 000 Menschen füllten das ausverkaufte Stadion. Beim Ringwalk Tausende Handys in der Höhe, Feuerwerk über dem Dach. Taylor ging langsam auf den Ring zu, die Arme ausgestreckt, während aus den Lautsprechern «All Hail King Jesus» lief. Männer und Frauen, Junge und Alte, Leute aus allen Schichten schrien ihren Namen. Ein ganzes Land verabschiedete eine seiner grössten Sportpersönlichkeiten. In Irland sahen in der Spitze 1,6 Millionen Menschen den Kampf im Fernsehen – in einem Land mit gut fünf Millionen Einwohnern. Durchschnittlich sahen fast eine Million Menschen zu, der Marktanteil lag bei 74 Prozent. Das muss man sich einmal vorstellen. Und ausgerechnet diese Frau wurde in einer Sportart zum Superstar, die weit oben auf der Liste der angeblich toxisch männlichen Tätigkeiten steht: Boxen. Zwei Menschen steigen in einen Ring und versuchen, einander zu schlagen. Keine Quote hilft ihnen dort. Kein Diversity-Beauftragter kann eingreifen, kein Kommunikationskonzept korrigiert das Resultat, keine Kampagne erklärt dem Publikum hinterher, weshalb es hätte hinschauen sollen. Nach drei Minuten läutet die Glocke. Am Ende steht fest, wer besser war. Brutaler kann Meritokratie kaum sein. Und genau das ist ein Teil des Erfolgs. Menschen wollen Leistung sehen. Sie wollen Mut sehen. Sie wollen jemanden sehen, der fällt und wieder aufsteht. Boxfans respektieren Sieger, erstaunlicherweise aber auch Verlierer. Wer zehn Runden lang alles gibt, Schmerzen aushält, Herz zeigt und nicht aufgibt, kann einen Kampf verlieren und trotzdem mit mehr Respekt aus dem Ring steigen. > «Menschen wollen Leistung sehen. Sie wollen Mut sehen. Sie wollen jemanden sehen, der fällt und wieder aufsteht.» Anerkennung wird hier nicht verteilt. Sie wird verdient. ## Erfolg ohne Sonderbehandlung Katie Taylor hat genau das getan. In ihrer Kindheit war Frauenboxen in Irland kaum vorgesehen. Sie trainierte mit den Jungen und gab sich bei Wettkämpfen mitunter als Junge aus, um überhaupt kämpfen zu können. Ihr Vater Pete, selbst Boxer, führte sie an den Sport heran und trainierte sie in entscheidenden Jahren ihrer Karriere. 2016, im Jahr ihrer olympischen Enttäuschung, trennte sie sich von ihm. Danach wurde sie als Profi erst recht zur dominanten Figur. Aus dem Mädchen aus Bray wurde eine Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin. Geschenkt wurde ihr davon nichts. Und noch etwas passt schlecht ins Bild der modernen Heldin: Katie Taylor ist eine tiefgläubige Christin. Ihr Glaube ist keine PR-Dekoration. Sie erzählt seit Jahren, dass Gott ihrem Leben einen Sinn gegeben und sie durch Niederlagen getragen habe. Für den letzten Ringwalk wählte sie ein christliches Lied. Falscher Sport, falsches Milieu, falsche Religion. So sieht es aus, in den Augen der Progressiven und Woken. Und trotzdem wurde sie von einem ganzen Land geliebt. Vielleicht erzählt uns das etwas. Häufig hört man, Männer interessierten sich schlicht nicht für Frauensport. Das Patriarchat verhindere Aufmerksamkeit, Frauen würden nicht ernst genommen, männliche Zuschauer wollten lieber Männer sehen. Die Antwort der Verbände, der Politik und Teile der Medien darauf lautet immer gleich: Quoten, Förderprogramme, Kampagnen, Awareness. Man soll die Leute dazu bringen, das Richtige gut zu finden. Notfalls erklärt man ihnen, weshalb sie falsch liegen, wenn sie es nicht tun. Katie Taylor ist der Gegenbeweis. Boxfans mussten nicht erst darüber aufgeklärt werden, weshalb sie diese Frau bewundern sollten. Sie sahen es. Geschwindigkeit, Technik, Mut. Siege und Niederlagen. Einen Menschen, der sich entwickelte, litt, zurückkam und immer wieder die stärksten Gegnerinnen suchte. Das Publikum kam nicht, weil ihm jemand erklärte, es müsse Frauensport unterstützen. Es kam wegen Katie Taylor. > «Das Publikum kam nicht, weil ihm jemand erklärte, es müsse Frauensport unterstützen. Es kam wegen Katie Taylor.» ## Applaus lässt sich nicht verordnen Das ist der Unterschied zwischen verordneter Aufmerksamkeit und echter Anerkennung. Und es ist genau das, was an der heutigen Gleichstellungspolitik mühsam ist: nicht die offene Tür, sondern der Versuch, den Applaus mitzuliefern. Diversity-Beauftragte können Zugang organisieren. Sie können keine Bewunderung erzeugen. Wer das trotzdem versucht, behandelt das Publikum wie ein unmündiges Kind und die Athletin wie ein Förderprojekt. Beides ist eine Beleidigung. Eine liberale Gesellschaft kann Hindernisse beseitigen. Sie kann dafür sorgen, dass einem Mädchen der Zugang zum Boxgym oder zum Ring nicht aufgrund seines Geschlechts verweigert wird. Was sie nicht garantieren kann und niemals garantieren sollte, ist Applaus. Applaus muss freiwillig sein. Man kann jemanden auf eine Bühne stellen. Man kann niemanden zwingen, hinzusehen. Die grösste Emanzipation findet nicht dann statt, wenn eine Frau aufgrund ihres Geschlechts bewundert werden soll, sondern dann, wenn niemand mehr daran erinnert werden muss, dass sie eine Frau ist. Im Croke Park standen über 80 000 Menschen. Über dem Stadion explodierte Feuerwerk. Katie Taylor ging auf den Ring zu, während ein christliches Lied durch die Arena hallte. Es war kein politischer Sieg. Es war kein Sieg einer Quote. Es war der Triumph eines Menschen, der sich seine Anerkennung erkämpft hatte. Der Liberalismus verspricht niemandem Applaus. Er verspricht nur die Freiheit, ihn sich zu verdienen. > «Der Liberalismus verspricht niemandem Applaus. Er verspricht nur die Freiheit, ihn sich zu verdienen.» ### Die Schweiz gibt sich freiwillig auf URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-gibt-sich-freiwillig-auf/ Last updated: 2026-10-06T13:16:34.000Z _No content available._ ### Linke scheitern an der Wirklichkeit URL: https://www.schweizermonat.ch/linke-scheitern-an-der-wirklichkeit/ Last updated: 2026-10-07T06:48:08.000Z 0:00 /160 1× Heute scheitern rote, grüne und woke Anliegen nicht mehr nur am politischen Widerstand bürgerlich-konservativer Kräfte, sondern sie scheitern häufiger an den menschlichen, wissenschaftlichen und geopolitischen Realitäten der Welt. Wer etwa aus der Kernenergie aussteigt und zugleich die fossilen Energieträger verbannen will, bringt seinem Land nicht Fortschritt, sondern Rückschritt. Wie soll der steigende Energiebedarf gedeckt werden, der durch die Digitalisierung fast aller Lebensbereiche und zusätzlich durch die Massenmigration mit entsprechendem Mehrkonsum hervorgerufen wird? Die heutige grüne Politik führt nicht in ein sauberes Europa, sondern in die Abhängigkeit von totalitären Regimes wie Russland und Katar. Die Physik kennt keine Moral der Ökounschuld, sondern nur Leistung, Netzstabilität und Versorgungssicherheit. Auch das Gender-Mainstreaming scheitert an der Wirklichkeit. Man kann Sprache umbauen und gefühlte Identitäten per Gesetz festlegen. Die Biologie behält dennoch ihre Wahrheit. Das zeigt sich im Frauensport, wo weiblich sich gebende Männer mit körperlicher Überlegenheit Frauen schlagen. Es zeigt sich in Toiletten und anderen Schutzräumen für Frauen, in die Männer mit der Behauptung eindringen, sie seien ebenfalls Frauen. Und es zeigt sich in der Medizin, wenn sich Jugendliche wegen der Transbewegung Brüste und Penisse abschneiden lassen. > «Die Wirklichkeit ist freilich keine Spielwiese für Utopisten, sondern sie ist der Prüfstein jeder ernstzunehmenden Politik.» Die Migrationspolitik ist ein weiteres Beispiel. Die Vorstellung, Zuwanderung sei grundsätzlich eine Bereicherung, macht blind für die belastende Realität in vielen europäischen Städten. Die Polizeistatistiken zeigen bei bestimmten Gewaltdelikten eine deutliche Übervertretung junger Männer aus afrikanischen oder islamischen Herkunftsregionen. In den Schulen beherrscht kaum noch jemand die Unterrichtssprache, während das Gesamtniveau seit Jahren sinkt. Wer darauf hinweist, gilt als Hetzer. Das Drama der heutigen Linken besteht also nicht darin, dass ihre edelmütigen Programme nicht verstanden oder falsch umgesetzt werden, sondern darin, dass sie Pippi Langstrumpf zur Vordenkerin haben: «Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.» Die Wirklichkeit ist freilich keine Spielwiese für Utopisten, sondern sie ist der Prüfstein jeder ernstzunehmenden Politik. Bestehen kann nur, wer mit dem realen Menschen rechnet und wer von der Natur lernt, statt sie belehren zu wollen. ### Der Föderalismus sichert seine Existenz ab – oder er verliert sie URL: https://www.schweizermonat.ch/der-foderalismus-sichert-seine-existenz-ab-oder-er-verliert-sie/ Last updated: 2026-10-12T09:39:13.000Z 0:00 /440 1× Wer von Genf nach Zürich zieht, wechselt nicht nur den Kanton, sondern auch die Steuerrechnung – und weiss, dass diese Wahl möglich ist. Selbst jene, welche die Kleinheit loben («Small is beautiful»), übersehen oft, welche Kraft in ihr liegt. Dass überschaubare Einheiten menschengemässer sind, lernfähiger, näher am Menschen, ist eine ehrwürdige Einsicht. Sie ist wahr. Und sie ist merkwürdig folgenlos geblieben. Denn sie sagt uns, dass dezentrale Ordnung wünschenswert ist, nicht aber, warum sie sich gegen den Sog zur Zentralisierung behaupten kann – und warum dies historisch so selten gelang. Ein Blick auf zwei europäische Ordnungen führt näher an die Antwort. Die eine zieht Zuständigkeit unaufhörlich nach oben, die andere hält sie unten. Die eine ist die Europäische Union, die andere die Schweiz. Der Unterschied ist kein Zufall der Mentalität, sondern eine Frage der Statik. ## Bewegung nur in eine Richtung > «Jede Störung – Euro, Migration, Pandemie, KI – endet mit mehr Zuständigkeit in Brüssel, kaum je mit weniger.» Nehmen wir zunächst die EU. Ihre Geschichte ist die einer Aufwärtsbewegung: vom Binnenmarkt zur Regulierung, von der Währung zur Fiskalkoordination, von der Krise zur neuen Zuständigkeit. Jede Störung – Euro, Migration, Pandemie, KI – endet mit mehr Zuständigkeit in Brüssel, kaum je mit weniger. Das ist keine Verschwörung, sondern eine Spirale, die sich selbst nährt: Ausdehnung schafft neue Verteilungskonflikte, die neue Interessengruppen anziehen; die Konflikte rufen nach Koordination; Koordination heisst mehr Zentrale, die sich weiter ausdehnt. Der Philosoph und Ökonom Anthony de Jasay hat den Staat als eigenständigen Akteur beschrieben, der seiner eigenen Logik folge, und die Public-Choice-Ökonomik hat den Grund geliefert, warum die Bewegung nur in eine Richtung läuft: Der Zufluss von Zuständigkeit nützt konzentrierten Interessen und ist leicht; der Abfluss belastet sie und findet praktisch nie statt. Die Nutzniesser einer Zuständigkeit sind organisiert, ihre Kosten auf alle verteilt. So wächst die Zentrale wie Rost auf Eisen. Was dieser Bewegung fehlt, ist eine Gegenkraft. Und hier lohnt es sich, einen Augenblick die Perspektive zu wechseln und Ordnung nicht als Zustand zu betrachten, sondern als Wirkungsgefüge – als ein Geflecht von Kräften, die sich gegenseitig verstärken oder dämpfen. In dieser Sicht ist die Einsicht einfach und folgenreich zugleich: Zentrale Systeme schalten die dämpfende Rückkopplung ab, dezentrale bauen sie ein. Genau das unterscheidet Brüssel von Bern. Die Schweiz kennt eine Gegenkopplung, die der EU fehlt. Zwar kennt auch die EU ein Subsidiaritätsprinzip; doch es appelliert bloss an die Selbstbeschränkung der Zentrale, die über seine Anwendung selbst wacht – eine Regel ohne Gegenkraft. Der Schweizer Föderalismus dagegen wirkt nicht durch Appell, sondern durch Abwanderung. Wenn ein Kanton seine Steuerlast zu weit hochtreibt, wandern Bürger und Unternehmen in den Nachbarkanton ab, und der Kanton spürt es unmittelbar. Im Steuerföderalismus ist diese Abwanderung nicht nur eine Drohung auf dem Papier, sondern Alltag. > «Wo Abwanderung möglich ist, kann Macht sich nicht beliebig ausdehnen.» James Buchanan hat den Föderalismus als Wettbewerbsordnung gedacht; Albert Hirschman beschrieb die disziplinierende Kraft des *Exit*: Wo Abwanderung möglich ist, kann Macht sich nicht beliebig ausdehnen. Entscheidend ist nicht die Kleinheit der Kantone an sich – ein kleiner Zentralstaat wäre kein Fortschritt –, sondern ihre Konkurrenz. Erst sie macht den Ausgang real und damit die Gegenkopplung wirksam. Wie viel Halt lokale Bindung geben kann, zeigt Siena. Seine Contraden, Stadtviertel mit eigener Identität und Loyalität, sind aus Nachbarschaften und Bruderschaften gewachsen, lange bevor die Obrigkeit ihnen Grenzen zog. Sie tragen bis heute, weil die Menschen sie als die Ihren empfinden. > «Auch dezentrale Ordnungen driften zur Verdichtung; der zentripetale Sog wirkt immer, und die EU zeigt, wohin er führt, wenn ihm nichts entgegensteht.» Doch die Balance ist nicht selbstverständlich, und hier liegt die eigentliche Zerbrechlichkeit. Auch dezentrale Ordnungen driften zur Verdichtung; der zentripetale Sog wirkt immer, und die EU zeigt, wohin er führt, wenn ihm nichts entgegensteht. Die Geschichte der grossen zentralisierten Reiche, von Rom bis Konstantinopel, zeigt, dass auf die Aufblähung am Ende der Zusammenbruch folgt, nicht die Selbstkorrektur. Was die Gegenkopplung am Leben hält, ist zunächst keine Gesinnung, sondern eine Regel: Der Ausgang muss verfassungsrechtlich verbürgt sein, garantiert und nicht gewährt. Föderalismus, der von der Nachsicht der Zentrale abhängt, ist bereits verloren. Erst die konstitutionelle Sicherung des Wettbewerbs bis hin zur Konföderation – die schwächer bindet und den Ausgang leichter macht – hält den zentripetalen Sog auf Abstand. ## **Fortlaufendes Entdeckungsverfahren** Doch die Regel ist nur der Rahmen; sie erlaubt den Wettbewerb, aber sie belebt ihn nicht. Und ein bloss erlaubter Wettbewerb kann erlahmen. Entscheidend ist, dass er als fortlaufendes Entdeckungsverfahren wirkt. Jeder Kanton probiert Lösungen aus; die besseren werden von den anderen Kantonen imitiert. So diszipliniert der Wettbewerb nicht nur – er bringt auch hervor, was keine Zentrale planen könnte; denn niemand weiss im Voraus, welche Ordnung sich bewährt. > «Ordnung ist kein Besitz, sondern ein gehaltenes Gleichgewicht.» Damit dieser Kreislauf trägt, müssen die Einheiten die Folgen ihres eigenen Handelns aber auch spüren. Wo diese Folgen durch Ausgleich vollständig aufgefangen werden, verliert der Wettbewerb seinen Sinn: Der Kanton, der schlecht wirtschaftet, wird gehalten; der Kanton, der gut wirtschaftet, subventioniert seine eigene Konkurrenz. Ein Finanzausgleich mag berechtigte Gründe haben, doch er darf die Rückkopplung nicht ersticken, aus der die freie Ordnung ihre Kraft zieht. Eigenständigkeit ist keine Trotzhaltung, sondern die Bedingung dafür, dass Wettbewerb überhaupt etwas entdecken kann. Ordnung ist in diesem Sinne kein Besitz, sondern ein gehaltenes Gleichgewicht. Und selbst das genügt nicht ganz. Der Rahmen ermöglicht die freie Ordnung, aber er trägt sie nicht allein. Föderalismus lebt von Bürgern, die ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, statt nach oben zu delegieren, von Bürgern, die handeln, ohne auf Erlaubnis zu warten. Wo diese Kultur der Selbstverantwortung fehlt, bleibt die schönste Verfassung Papier. Das ist der Grund, warum Dezentralität so selten gelingt: Der Mechanismus ist einfach zu verstehen; die Kultur, die ihn füllt, ist schwer zu erwerben und leicht zu verlieren. Wie man sie gewinnt, wenn man sie nicht schon hat, das ist die eigentliche Frage. ### «To boldly go where no man has gone before» – «Star Trek» glaubt noch immer an die Zukunft URL: https://www.schweizermonat.ch/to-boldly-go-where-no-man-has-gone-before-star-trek-glaubt-noch-immer-an-die-zukunft/ Last updated: 2026-10-12T09:39:30.000Z 0:00 /1036 1× September 1966: Mit der Episode «The Man Trap» flimmert die Serie «Star Trek» erstmals über US-Bildschirme. Niemand ahnte damals, am allerwenigsten ihr Schöpfer Gene Roddenberry, dass soeben der Grundstein für einen der mächtigsten Mythen der Moderne gelegt wurde. Selbst 60 Jahre später – nach zahlreichen Sequels, Prequels, Reboots, 13 Kinofilmen und einer geradezu gargantuesken Masse an Fan-Fiction-Literatur – ist die Popularität dieses Universums ungebrochen. Die derzeit auf Paramount+ laufende Serie «Star Trek: Strange New Worlds» ist beispielsweise ein Flaggschiff des Senders. Dabei kämpfte Roddenberry zu Beginn nicht nur mit finanziellen Problemen, sondern auch um die damals noch wichtigen Ausstrahlungszeiten und darum, dass die Serie überhaupt überlebt. Der Sender wollte nämlich bereits nach zwei Staffeln den Stecker ziehen (Netflix hat diese Praxis also nicht erfunden …). Jedoch hatte sich damals die erste Gruppierung der «Trekkies» genannten Fangemeinde gebildet, die den Sender mit Beschwerden terrorisierte und mit Spenden beglückte, sodass eine dritte Staffel produziert werden konnte. Der wirklich grosse Erfolg setzte jedoch erst Jahrzehnte später in der «goldenen Dekade» der 1990er-Jahre ein, als bis zu drei Serien parallel liefen – und eine ganze Generation von späteren Tech-Milliardären und Erfindern wie Steve Jobs und Elon Musk prägten: Unter anderem das Smartphone und das Tablet gehen nach Aussage ihrer Entwickler auf verwendete Vorbilder bei «Star Trek» zurück. Im Schatten des Kalten Krieges, bedroht vom nuklearen Abgrund und zerrissen von sozialen Umbrüchen, wagte Roddenberry einen kühnen Gegenentwurf: Die Zukunft war bei ihm nicht die blosse Verlängerung der Gegenwart mit schnelleren Raumschiffen, sondern das Bild einer Zivilisation, die ihre Barbarei überwunden hat. Wo andere Erzählungen fragen, wie die Menschheit an ihren Problemen zugrunde geht, stellte «Star Trek» die radikalere Frage: Was wäre, wenn wir sie tatsächlich lösen? ## Das Paradies und seine Voraussetzung Was die Serie bis heute so ungebrochen attraktiv macht, ist ihre hoffnungsvoll-optimistische Sicht auf die Zukunft: Die Welt von «Star Trek» ist die unsere im 23., 24\. und neuerdings sogar im 32\. Jahrhundert. Die Menschheit hat sich weiterentwickelt, hat Nationalstaaten, Kriege untereinander, ja selbst Geld und materielle Bedürfnisse endlich überwunden. Doch diese Utopie wird uns nicht als geschenktes Paradies präsentiert; sie erwächst aus der Asche des Horrors eines atomaren Dritten Weltkrieges mit über 600 Millionen Toten, der irgendwann in der Mitte des 21\. Jahrhundert ausgebrochen sein soll. Geholfen haben dabei die Erfindung des Überlichtgeschwindigkeitsantriebs («Warp-Antrieb») sowie der Erstkontakt mit einer freundlich gesinnten (jedoch allzu logisch denkenden) Alienspezies, die den Reifungsprozess der Menschheit zu einer raumfahrenden Spezies wohlwollend begleitet hat. Nun findet sich die vereinigte Menschheit in einer «Vereinigten Föderation der Planeten» wieder, in der sie zusammen mit Hunderten anderen Spezies der Galaxie Frieden und Freiheit sichert – ein Modell, das eine Kathedrale aus kantianischer Friedensphilosophie, echtem Föderalismus und einer weiterentwickelten UNO darstellt. Materieller Mangel ist durch die Erfindung des «Replikators» überwunden, eines Geräts, das Moleküle in beliebige Speisen, Getränke oder Alltagsgegenstände umwandeln kann; genauso wie ein «Holodeck» eine dreidimensionale, lebensechte, computergenerierte Realität zur Erholung simuliert – die heutige VR-Brille ist nur ein schwacher Abglanz dagegen. > «‹Star Trek› geht davon aus, dass der Mensch auch dann nach Leistung, Erkenntnis und Selbstverwirklichung strebt, wenn materieller Mangel als Antrieb weitgehend entfällt.» Das eigentlich Radikale an dieser Utopie liegt nicht in ihren technischen Errungenschaften, sondern in ihrem Menschenbild. «Star Trek» geht davon aus, dass der Mensch auch dann nach Leistung, Erkenntnis und Selbstverwirklichung strebt, wenn materieller Mangel als Antrieb weitgehend entfällt. Wenn niemand mehr arbeiten muss, um sich Nahrung, Wohnung oder Kleidung leisten zu können, stellt sich eine alte Frage in neuer Form: Was bringt Menschen dazu, überhaupt noch etwas zu leisten? Die Antwort ist bemerkenswert klassisch: Neugier, Ehrgeiz, Verantwortung, Anerkennung und der Wunsch, etwas zu können, das zuvor noch niemand konnte. In der Föderation verdichtet sich dieser Geist zu einer kosmischen Heimat. Geleitet vom Ethos «Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlichen Kombinationen» waltet hier keine erdrückende Gleichmacherei, sondern der Dienst an einer höheren Idee. Wer in den Rängen der Sternenflotte dient, sucht keinen Reichtum, sondern Bedeutung. Captain Jean-Luc Picard spricht es wie ein Bekenntnis aus: «Das Anhäufen von Reichtum ist nicht länger die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten daran, uns selbst und den Rest der Menschheit zu verbessern.» Und so arbeitet die Menschheit in friedlicher Zusammenarbeit an ihrem innersten Drang: dem Entdeckertum oder wie es in jedem Intro stets heisst: «To boldly go where no man has gone before.» Doch die grösste Stärke des Franchise liegt darin, dass es dieses Paradies keineswegs als unantastbares Heiligtum inszeniert. Die Utopie ist kein statischer Zustand, sondern ein fragiles Versprechen. Sie wird erst dort wahrhaft interessant, wo sie unter Druck gerät – dort, wo Angst, Krieg und das absolut Fremde an den Grundfesten der eigenen Überzeugungen rütteln. «Star Trek» macht die Utopie zum Gegenstand einer permanenten Belastungsprobe. ## Die Alienspezies als soziopolitischer Zerrspiegel Die ersten dieser Prüfsteine erwachsen nicht aus eigenen Verfehlungen, sondern kommen von aussen. Die grossen fremden Völker des Universums sind selten böse um des Böseseins willen; sie sind geopolitische und ideologische Gegenentwürfe zur humanistischen Föderation – Mahnmale an den Rändern der Geschichte, die aufzeigen, wo eine Gesellschaft landet, wenn sie ein einzelnes Prinzip wie Profit, Sicherheit oder Gleichheit zur absoluten Doktrin erhebt. Jede Spezies ist somit ein ins Kosmische gewandetes Gedankenexperiment. Da sind etwa die Ferengi, deren Zivilisation ganz dem Kult des Hyperkapitalismus geweiht ist. In einer Welt, deren heilige Schrift aus 285 «Erwerbsregeln» besteht und in der Barmherzigkeit als Geisteskrankheit gilt, wird das ökonomische Prinzip *ad absurdum* geführt. Regeln wie «Mitleid ist kein Ersatz für Profit» (Regel 21), «Krieg ist gut fürs Geschäft» (Regel 34), jedoch zugleich «Frieden ist gut fürs Geschäft» (Regel 35) oder die perfide Maxime «Es gibt nichts Gefährlicheres als einen ehrlichen Händler» (Regel 27) offenbaren das Fundament ihrer Kultur: Alles ist käuflich, selbst Würde und Loyalität. Sogar für die eigene Familie gilt: «Nutze deine Verwandten aus – Blut ist zwar dicker als Wasser, aber Profit ist dicker als beides» (Regel 111). Die Ferengi karikieren nicht bloss den Handel, sondern das Zerrbild einer Gesellschaft, in der die kalte Logik des Marktes alle menschlichen Bindungen entwertet und die Existenz zur reinen Ware degradiert. Die Cardassianer wiederum verkörpern den totalitären Polizeistaat und bürokratisierten Faschismus. Geprägt von einstiger Not, opferten sie jede individuelle Freiheit dem Moloch des Staates, der mit seiner Militärmaschine andere Welten unterjochen und radikal ausbeuten konnte. Wie grotesk dieser Kollektivismus das Recht verzerrt, enthüllen ihre Schauprozesse: Das Urteil steht immer schon vor der Verhandlung fest – der Angeklagte ist stets schuldig. Der Prozess dient nicht der Beweisaufnahme oder der Wahrheitssuche, sondern ist ein inszeniertes Theaterstück für das Volk, um dasselbe in der beruhigenden Illusion zu wiegen, dass der Staat unfehlbar ist und Ordnung über das Chaos triumphiert. Selbst ihre Literatur dient der Unterwerfung, wie das cardassianische Epos «The Never Ending Sacrifice» verdeutlicht: Generationen einer Familie opfern nacheinander ihr gesamtes persönliches Glück, ihre Träume und ihr Leben klaglos auf dem Altar des Staates. Es ist die perfekte Propagandaliteratur einer Dystopie, die den Bürger dazu erzieht, sein eigenes Ich als bedeutungslos und die eigene Knechtschaft als höchste Tugend zu begreifen. Die cardassianische Ordnung verspricht Sicherheit und Sinn – allerdings um den Preis der Freiheit. Am bedrohlichsten jedoch wirkt das Borgkollektiv: eine techno-transhumanistische Schreckensvision, die das Prinzip der absoluten Effizienz auf den Thron hebt. Die Borg kennen kein Individuum, kein Privateigentum, keine Kunst, kein Gefühl und keine Abweichung – es ist die ultimative, gewaltsam erzwungene Gleichheit im vernetzten Hive-Mind. Jedes Lebewesen wird durch Kybernetik zu einer austauschbaren Drohne assimiliert, deren einziger Daseinszweck darin besteht, die technologische und biologische «Perfektion» des Kollektivs zu steigern. Ihre berüchtigte Begrüssungsformel «Wir sind die Borg. Ihre biologischen und technologischen Eigenheiten werden den unseren hinzugefügt. Widerstand ist zwecklos» ist die radikalste Absage an das westlich-humanistische Menschenbild. Was wie ein kompromissloser, ins Extrem getriebener Kommunismus im Cyberspace erscheint, beraubt das Lebewesen dessen, was den Menschen überhaupt ausmacht: seiner eigenen Identität, seines freien Willens und seines Bewusstseins seiner selbst. Es ist der Albtraum einer durchdigitalisierten Existenz, in der Zweckmässigkeit jedes ethische Bedenken vollständig verschlungen hat. Gerade darin stehen die Borg im vollkommenen Gegensatz zur Föderation. Während diese auf freiwilliger Zusammenarbeit und der Bewahrung kultureller und individueller Unterschiede beruht, erzeugt das Borgkollektiv Einheit durch die Aufhebung aller Unterschiede. Die Föderation sucht Eintracht ohne Gleichförmigkeit; die Borg schaffen Gleichförmigkeit ohne Freiheit. > «Die Utopie ist kein Naturzustand, sondern eine fragile kulturelle Leistung, die ohne die tägliche, bewusste Entscheidung für Moral und Vernunft augenblicklich in der Tyrannei versinkt.» Was diese Spezies in der Galaxie darstellen, bündelt das berühmte «Spiegeluniversum» schliesslich auf den Punkt: Hier trifft die Menschheit nicht auf Fremde, sondern auf sich selbst. In dieser multiversen Parallelwelt gründete die Menschheit kein friedliches Bündnis, sondern das brutale «Terranische Imperium», das sich genozidal im Weltraum ausbreitet. Es ist die düsterste Mahnung der Serie: Die Utopie ist kein Naturzustand, sondern eine fragile kulturelle Leistung, die ohne die tägliche, bewusste Entscheidung für Moral und Vernunft augenblicklich in der Tyrannei versinkt. ## Das moralische Dilemma der «Obersten Direktive» Doch die eigentliche intellektuelle Leistung von «Star Trek» liegt weder im blossen Entwurf dieses makellosen Paradieses noch in seinen dunklen Zerrbildern. Sie liegt im permanenten Stresstest, dem diese Werte unterworfen werden. Eine Utopie zu leben, wenn Mangel und Not beseitigt sind, ist trivial. Die wahre Reifeprüfung lautet: Wie verhält sich dagegen eine aufgeklärte Gesellschaft, wenn sie auf das Chaos, den Krieg oder Widersprüche ihrer eigenen Moral trifft? Hier kommt das Fundament der Föderationsethik ins Spiel: die «Oberste Direktive». Dieses absolute Nichteinmischungsgebot verbietet es der Sternenflotte, in die natürliche Entwicklung prätechnologischer Zivilisationen einzugreifen. Was in der Theorie wie der höchste Respekt vor fremder Souveränität klingt, offenbart in der Praxis tragische Härte: Steht ein Planet vor einem verheerenden Vulkanausbruch oder Meteoriteneinschlag, zwingt das Gesetz die Besatzung zum tatenlosen Zusehen. Es ist das ultimative liberal-humanistische Dilemma – gefangen zwischen dem Risiko eines kolonialen Paternalismus und einer kalten, dogmatisch-grausamen Regeltreue. Die stärksten Episoden leben davon, wie Helden wie Kirk oder Picard dieses Diktat schwersten Herzens brechen, um ihre eigene Menschlichkeit nicht auf dem Altar des Paragrafen zu opfern. Gleichzeitig wird die Utopie an ihren inneren Rändern auf die Probe gestellt, sobald es um die Grenze des Menschseins geht. In Meistererzählungen wie der Episode «The Measure of a Man» verhandelt die Serie erstaunlich weitblickend die Rechts- und Moralphilosophie künstlicher Intelligenz: Ist der synthetische Offizier Data bloss ein komplexes Eigentum der Flotte oder ein Wesen mit Würde, Grundrechten und Seele? Dasselbe Motiv zieht sich bis zum empfindungsfähigen medizinischen Hologramm der «Voyager», das um seine Anerkennung kämpft. Wer Werkzeuge erschafft, die zu empfinden vermögen – ganz gleich, ob aus Silizium oder Photonen –, untergräbt sein eigenes humanistisches Fundament, wenn er sie als Sklaven hält. In den düsteren Episoden des Franchise «Deep Space Nine» wird diese Zerreissprobe schliesslich auf die Spitze getrieben. Im existentiellen Krieg gegen das feindliche und militärisch-überlegene «Dominion» gerät die Föderation an den Rand des moralischen Bankrotts: Sabotage, False-Flag-Aktionen, Bioterrorismus und politische Morde werden plötzlich zu Instrumenten der Führungsebene. Captain Sisko bringt dieses Dilemma in der berühmten Episode «In the Pale Moonlight» auf den bitteren Punkt: Es ist leicht, ein Heiliger im Paradies zu sein – aber verdammt schwer, diese Ideale zu bewahren, wenn die Hölle vor der Tür steht. ## Eine mutige Zumutung In einer Gegenwart, die kulturell und politisch zunehmend in Dystopien, Krisenrhetorik und geopolitischem Zynismus erstarrt, wirkt «Star Trek» nach sechs Jahrzehnten keineswegs wie ein verstaubtes Popkulturrelikt. Es erscheint wie ein dringliches, fast radikales Korrektiv. Unsere zeitgenössische Science-Fiction verliert sich nur zu gern in postapokalyptischen Ruinenfeldern und düsteren technologischen Szenarien – als hätten wir uns stillschweigend damit abgefunden, dass das Morgen zwangsläufig dunkler sein muss als das Heute. «Star Trek» setzt dieser kollektiven Mutlosigkeit ein leuchtendes «Nein» entgegen. Das Universum von Gene Roddenberry erinnert uns daran, dass Utopien keine naiven Träumereien sind, sondern unentbehrliche Kompasse. Sie sind keine GPS-Systeme, die uns automatisch ans Ziel bringen, sondern Orientierungspunkte, die uns sagen, worauf wir hinarbeiten sollten. Zivilisatorischer und moralischer Fortschritt ist kein deterministischer Selbstläufer der Historie – er ist das Resultat täglicher, bewusster und oft schmerzhafter Entscheidungen. Was die Saga vorlegt, ist das gelebte Ideal der Aufklärung: die unvoreingenommene Neugier, die Überwindung des Mangeldenkens durch Geist und Erfindergeist sowie der tief verwurzelte Glaube an das Wort und die Diplomatie, selbst wenn das Gegenüber zunächst fremd oder feindselig erscheint. Es ist die feste Überzeugung, dass Differenzen keine Bedrohung darstellen, sondern – treu dem vulkanischen Dogma – «unendliche Mannigfaltigkeit in unendlichen Kombinationen» erschaffen. > «Die Zukunftsvision von «Star Trek» ist hoffnungsvoll, weil sie dem Menschen zutraut, Konflikte auszuhalten, ohne seine Freiheit aufzugeben.» Vielleicht sollten wir alle in Zeiten polarisierter Debatten und neuer digitaler Gräben wieder etwas mehr «Star Trek» wagen. Nicht, um in feigen Eskapismus zu flüchten, sondern um uns an das wohl mutigste Versprechen der Serie zu erinnern: Die Zukunftsvision von «Star Trek» ist nicht deshalb hoffnungsvoll, weil sie Konflikte abschafft. Sie ist hoffnungsvoll, weil sie dem Menschen zutraut, Konflikte auszuhalten, ohne seine Freiheit aufzugeben. Vielleicht liegt darin nach 60 Jahren die eigentliche Zumutung dieses Serienfranchise: nicht zu glauben, dass die Zukunft automatisch besser wird, sondern dass wir selbst dafür verantwortlich sind, dass sie es wird. ### COVID Cover-Up, Nuclear Fear & Innovation URL: https://www.schweizermonat.ch/covid-cover-up-nuclear-fear-innovation/ Last updated: 2026-10-01T09:53:51.000Z _No content available._ ### Eine Stunde, die Ihnen Beine macht URL: https://www.schweizermonat.ch/eine-stunde-die-ihnen-beine-macht/ Last updated: 2026-10-12T09:39:20.000Z 0:00 /308 1× In der letzten Kolumne habe ich Ihnen ein einstündiges Supersatz-Work-out für den Oberkörper vorgestellt. Die Frage war: Wie lassen sich im Gym nur mit einer Hantelbank und Kurzhanteln Kraft und Ausdauer möglichst zeitsparend gleichzeitig trainieren? Heute folgt die Variante für die unteren Extremitäten. Schnappen Sie sich im Gym eine Hantelbank in der Nähe der Kurzhanteln und legen Sie los. Wechseln Sie zuerst zwischen A1 und A2, dann zwischen B1 und B2 und so weiter. Zwischen den Sätzen legen Sie keine oder nur minimale Pausen ein. So arbeiten die Skelettmuskeln und das Herz auf Hochtouren. Mit dem passenden Equipment können Sie das Training auch zu Hause absolvieren. Wie beim letzten Mal gilt: Wollen Sie primär Kraft aufbauen? Dann machen Sie eine bis sechs Wiederholungen pro Satz. Für Muskelaufbau sind es 7 bis 15 Wiederholungen, für Kraftausdauer 15 bis 25 Wiederholungen. Erhöhen Sie das Gewicht, sobald Sie die angestrebte Wiederholungszahl sauber schaffen können. Übungen und Satzzahl können Sie an Ihre Ziele und Ihren Zeitplan anpassen. Das Programm ist durchaus ambitioniert. Ist es Ihnen zu viel des Guten, lassen Sie D2 und E1 weg. Beginnen Sie mit sieben Minuten auf dem Laufband, Fahrrad oder Crosstrainer. Danach folgen drei Minuten Beinschwingen nach vorne und zur Seite, Hüftkreisen, ein paar leichte Kniebeugen und etwas dynamisches Dehnen. Ziel ist es, die unteren Extremitäten zu durchbluten und die Gelenke durchzuschmieren, ohne sich schon zu verausgaben. Je älter Sie sind, desto länger sollten Sie sich aufwärmen. ## Mit Kurzhanteln zu starken Beinen ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/A1.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/A2.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/B1-1.png) ****Bulgarische Split-Kniebeugen (A1), Wadenheben (A2) & Rumänisches Kreuzheben (B1)** ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/B2.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/C1-3.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/C2-3.png) ****Sumo-Kniebeugen mit Kurzhantel (B2), Abduktoren liegend (C1) & Einbeinige Brücke (C2)** ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/D1-2.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/D2-3.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/E1-2.png) ****Aufsteigen (D1),** ****Kniebeugensprünge (D2) & Einbeiniges Kreuzheben (E1)** **Bulgarische Split-Kniebeugen (A1):** ZweiAufwärmsätze mit leichtem, allmählich steigendem Gewicht, danach drei Arbeitssätze. Achten Sie darauf, dass Ihr Becken weder nach vorne noch zur Seite kippt und das Standbein nicht nach innen kippt. Spannen Sie Gesäss- und Bauchmuskulatur an. Stellen Sie sich vor, dass Ihre Knöchel-, Knie- und Hüftgelenke jeweils in einer senkrechten Ebene bleiben. **Wadenheben (A2):** Zwei Aufwärmsätze mit leichtem, allmählich steigendem Gewicht, danach drei Arbeitssätze. Stellen Sie die Füsse jeweils auf eine oder mehrere Hantelscheiben. **Rumänisches Kreuzheben (B1):** Zwei Aufwärmsätze mit leichtem, allmählich steigendem Gewicht, danach drei Arbeitssätze. Versuchen Sie nicht, die Bewegung durch Krümmen des Rückens zu verlängern! **Sumo-Kniebeugen mit Kurzhantel (B2):** Zwei Aufwärmsätze mit leichtem, allmählich steigendem Gewicht, danach drei Arbeitssätze. Für die Stellung von Becken und Gelenken gilt dasselbe wie bei A1. **Abduktoren liegend (C1):** Ein Aufwärmsatz, danach drei Arbeitssätze, gegebenenfalls mit Zusatzgewicht auf der seitlichen Hüfte. Führen Sie die Übung auf dem Boden aus. Die Knie sind im 90-Grad-Winkel gebeugt; Schultern, Hüften und Knöchel bilden eine gerade Linie. **Einbeinige Brücke (C2):** Ein Aufwärmsatz, danach drei Arbeitssätze, gegebenenfalls mit Zusatzgewicht. Alternativ können Sie die Übung mit den Schultern auf dem Boden ausführen. **Aufsteigen (D1):** Drei Arbeitssätze, gegebenenfalls mit Zusatzgewicht. Achten Sie wie bei A1 auf die Stellung von Becken und Gelenken. **Kniebeugensprünge (D2):** Drei Arbeitssätze ohne Zusatzgewicht. Beginnen Sie mit ein paar lockeren Sprüngen. Danach machen Sie so viele explosive, sauber ausgeführte Sprünge wie möglich. Intensive Stoss- und Abbremsbelastungen wie bei Kniebeugensprüngen erhöhen übrigens auch die Knochenmineraldichte. **Einbeiniges Kreuzheben (E1):** Drei Arbeitssätze, gegebenenfalls mit einer oder zwei Kurzhanteln. Für die Stellung von Becken und Gelenken gilt dasselbe wie bei A1. **Bauchübungen nach Belieben (ohne Illustration):** Je nach Zeit und Energie können Sie zwischen und nach den Sätzen von E1 Bauchübungen einbauen: Crunches und Sit-ups – jeweils auch mit Rotation – sowie Planks. Für den Aufbau von Kraft beziehungsweise Muskelmasse sollten Sie diesen Plan zweimal pro Woche absolvieren. Wenn Sie Ihre Beine durch anderen Sport belasten oder Ihre Form lediglich halten wollen, genügt auch einmal pro Woche. Zusätzlich rate ich zu mindestens einer separaten, intensiven Trainingseinheit für Bauch und unteren Rücken von 20 bis 30 Minuten pro Woche sowie zu kurzen Übungen für diese Bereiche im Alltag. ### Der faulste Präsident der amerikanischen Geschichte: Calvin Coolidge tat nichts – und war gerade deshalb erfolgreich URL: https://www.schweizermonat.ch/der-faulste-prasident-der-amerikanischen-geschichte/ Last updated: 2026-09-30T07:21:56.000Z 0:00 /457 1× Ein heisser Sommer – der Bundesrat soll handeln! Die Gesundheitskosten steigen – was tut die Regierung? Junge kleben am Handy – sofort muss ein Gesetz her! Liberal ist das nicht. Vor hundert Jahren hatten die USA einen Präsidenten, der als Gegenbeispiel dienen kann. Er legte nicht die Bürger, sondern den Staat in Ketten. > «Die ‹Roaring Twenties› machten Coolidges Präsidentschaft gross, und Coolidge machte sie gross.» Präsident Calvin Coolidge tat in seinen knapp sechs Amtsjahren (1923–1929) nichts und blockierte nach Kräften auch die Gesetzesvorlagen des Kongresses. Doch er tat etwas: Er senkte den Höchststeuersatz von 58 auf 25 Prozent und zahlte dennoch ein Drittel der Kriegsschulden von 25 Milliarden Dollar ab. Das Bruttosozialprodukt der USA wuchs um insgesamt 42 Prozent. Sechzig Radiostationen sendeten, Millionen kauften Autos, buchten Flüge. Die «Roaring Twenties» machten Coolidges Präsidentschaft gross, und Coolidge machte sie gross. Er kann als Urbild eines liberalen Staatslenkers gelten, der den Staat nicht ausbaute, sondern ausbremste. ## Gemütlicher Lebensstil Einer der Merksätze in seiner Autobiografie lautet: «Der Präsident soll nie etwas tun, was jemand anders tun kann.» Dieses klassisch-liberale Subsidiaritätsprinzip hielt er strikt durch. Viele Zeitgenossen und später die Historiker schlossen auf Faulheit. Vor allem im Rückblick aus den interventionistischen Roosevelt-Jahren galt er als der faulste aller Präsidenten. Sein Lebensstil im Weissen Haus konnte so interpretiert werden: ausgiebiges Frühstück mit seiner Frau, dann Besucher empfangen, zu Mittag essen, oft mehrere Stunden Ruhe im Zimmer oder im Garten, früh zu Bett. Doch das hatte seine Wurzeln in seiner Herkunft. Das ländliche Neuengland, die väterliche Farm, harte Arbeit und Sparsamkeit prägten ihn; diese Tugenden empfahl er auch in seinen Reden der Nation. Damit allerdings fiel er völlig aus seiner Zeit. Die Zwanzigerjahre öffneten erstmals breiten Massen das Tor zum Konsum – zu Haushaltsgeräten, Autos, Medien und Kino – wenn auch oft auf Kredit, was ebenfalls neu war. Die Oberschicht hob ihrerseits ab und stellte neuen, glitzernden Luxus zur Schau. Die Börse fachte ihn an, gedieh ebenfalls mit üppigen Krediten und endete als Schneeballsystem. Ein frugaler Präsident nahm den Staat zurück, damit seine Bürger aufdrehen konnten. ## Nur regulieren, wo es nötig ist Seine vielen Vetos frustrierten manchen umtriebigen Abgeordneten. Sogar gegen ein grosses Hilfsprogramm für verschuldete, einkommensschwache Farmer stemmte er sich, trotz seiner Herkunft. Hatte sich nicht die Konjunkturdelle von 1921 nach dem Ersten Weltkrieg von selbst aufgefangen? Genügten nicht die geltenden Zölle als Treibhaus neuer Konjunkturen? Wurde der Einsatzwille der Bürger nicht durch tiefe Steuern belohnt? Trieben nicht findige Unternehmer wie Henry Ford mit dem Fliessband die Leistungskraft der Nation zu ungeahnten Höhen? > «Coolidge war technikaffin, wie man heute sagen würde: Gut ein Jahr nachdem er dem im Amt verstorbenen Präsidenten Harding nachgefolgt war, führte er den Wahlkampf 1924 mit Radiokampagnen und einem Wahlkampfsong.» Das Weltbild Coolidges und vieler Politiker war in sich stimmig – und es stimmte mit der Wirklichkeit überein. Nur wo es nötig war, war Coolidge zu Regulierung bereit. So regelte er aus technischen Gründen das ungebremste Wachstum der Radiostationen per Gesetz. Coolidge war technikaffin, wie man heute sagen würde: Gut ein Jahr nachdem er dem im Amt verstorbenen Präsidenten Harding nachgefolgt war, führte er den Wahlkampf 1924 mit Radiokampagnen und einem Wahlkampfsong; auch danach hielt er regelmässig Radioansprachen. Aussenpolitisch zeigte er Mass und sogar Weitsicht. Er überwand den nach dem Weltkrieg herrschenden Wunsch, sich von Europas trüben Geschäften fernzuhalten. Die USA stellten 1924 mit Charles G. Dawes den Chefunterhändler zur Lösung der deutschen Reparationsfrage und finanzierten das bankrotte Deutschland. Amerika trat nach dem Versailler Vertrag erneut als internationale Ordnungsmacht auf. Dawes, ein Financier, erhielt den Friedensnobelpreis und wurde Vizepräsident unter Coolidge. 1928 unterzeichneten die USA – nach längerem Zögern Coolidges – den Briand-Kellogg-Pakt. Er ächtete den Krieg grundsätzlich und bildete 1945 eine Rechtsgrundlage der Nürnberger Prozesse gegen die Nazi-Grössen. So schäbig wie Coolidges späterer Nachruhm sind diese Erfolge nicht. ## Zu nachlässig gegenüber Börsenexzessen Umstritten bleibt aber seine allzu ruhige Hand, als die Börse jahrelang auf Exzesse zulief. Mit den damaligen rechtlichen Mitteln war allerdings nicht viel dagegen auszurichten. Die Notenbank Fed gewährte ihrerseits jahrelang zu günstige Kredite, auch an Spekulanten – und spekuliert hat ein grosser Teil der Ober- und Mittelschicht. Sein Handelsminister Herbert Hoover warnte ihn mehrmals, vergeblich: Coolidge war beim Volk wegen der Steuersenkungen beliebt, und die Wall Street rühmte den «Coolidge Market». Die Hausse muss ihn schliesslich aber selbst schwindlig gemacht haben, denn er entschied, 1928 nicht mehr anzutreten; gegenüber seiner Frau bemerkte er, er wolle die kommende Depression nicht ausbaden.[\[1\]](#%5Fftn1) War das noch ruhige Hand – oder schon Feigheit? Angst vor unbequemen Entscheiden? Liberale Politik heisst nicht «immer nur lächeln», sondern auch zu wissen, wann die starke Hand für Liberalität sorgen muss. Coolidges eigene liberale Leitlinie hätte daher umgekehrt auch heissen müssen: Der Präsident muss tun, was andere nicht tun – die verheerende Spekulation abstellen. Die zügellosen Kredite, die Risiken zulasten anderer, der Lug und Trug der Aktienpyramiden hatten nichts mehr mit Marktwirtschaft zu tun. Ebenso verhängnisvoll handelte wenig später Österreichs Bundespräsident, indem er, vermeintlich liberal, illiberale Machenschaften duldete. Wilhelm Miklas griff 1933 nicht ein, als nach dem Rücktritt der drei Nationalratspräsidenten das Parlament handlungsunfähig war. Der Kanzler Engelbert Dollfuss stiess ins Machtvakuum und errichtete seine Diktatur. Tolerant zu sein gegenüber Feinden der Freiheit – das war damals wie heute nicht liberal. Bei jeder Unannehmlichkeit nach Regeln zu rufen, wie es kleinkarierte Medien und Politiker zweiter Garnitur heute tun, ist es aber sicher auch nicht. --- [\[1\]](#%5Fftnref1) Zitiert in Andrew R. Sorkin: «1929» (Viking Press, 2025). ### Nein, die Nazis waren nicht links URL: https://www.schweizermonat.ch/nein-die-nazis-waren-nicht-links/ Last updated: 2026-09-30T07:22:08.000Z 0:00 /246 1× Seit 2025 behauptet die AfD-Vorsitzende Alice Weidel – so wie letzte Woche –, Hitler sei «linksradikal», das «genaue Gegenteil eines Konservativen» und «sozialistisch-kommunistisch» gewesen. Hitler als Kommunist? Hatte er diese nicht verfolgen, in KZs sperren und im Osten einen Rassenkrieg gegen den «jüdischen Bolschewismus» führen lassen? Weidels Stossrichtung ist durchschaubar: Wenn man den Nationalsozialismus als «links» redefiniert, verpufft der ständige Nazivorwurf gegen die eigene Partei. In modernen Debatten dient die «Nazikeule» oft als Totschlagargument, um bürgerliche Positionen zu Migration oder Familie als illegitim brandzumarken. Wenn aber alle Bürgerlichen «Nazis» sind, wird der Begriff wertlos – und die Verlockung gross, das Etikett einfach umzudrehen. Doch Etiketten ersetzen keine Argumente. Zur Erinnerung: Bereits in den 1920ern bezeichneten die Stalinisten selbst die Sozialdemokraten als «[sozialfaschistisch](https://www.jstor.org/stable/44581547?ref=schweizermonat.ch)». ## Links Gleichheit, rechts Ungleichheit Ein Blick auf die Herkunft der Begriffe hilft. Seit [1789](https://shs.cairn.info/lecons-d-introduction-a-la-science-politique-3e-edition--9782340020986-page-227?lang=fr&ref=schweizermonat.ch) bedeutet «links» das Streben nach Gleichheit der Menschen, «rechts» dagegen, dass Menschen ungleich seien (nach Stand, Vermögen, Intelligenz ...). Wo stand Hitler? Weder beim konservativen Statusdenken noch beim sozialistischen Ideal der klassenlosen Gesellschaft. Hitler stellte der Gleichheit das Prinzip biologischer Ungleichheit entgegen. Ordnungsprinzip war nicht die Klasse, sondern die «Rasse». In [*Mein Kampf*](https://www.mein-kampf-edition.de/?ref=schweizermonat.ch) betont er, die «völkische Weltanschauung» müsse «den Sieg des Besseren, Stärkeren fördern, die Unterordnung des Schlechteren, Schwächeren verlangen». Es ist die radikale Absage an die universale Gleichheit zugunsten einer biologischen Hierarchie. ## Kollektivistisch, aber nicht sozialistisch Die Nazis nutzten den Begriff «Sozialismus» als Propaganda und etablierten massiven staatlichen Dirigismus: Der NS-Staat [zerschlug Gewerkschaften](https://www.amazon.de/Arbeiterklasse-Volksgemeinschaft-Materialien-Arbeiterpolitik-Zentralinstituts/dp/3531111132?ref=schweizermonat.ch), diktierte Preise und [unterwarf die Wirtschaft der Aufrüstung.](https://www.amazon.de/%C3%96konomie-Zerst%C3%B6rung-Geschichte-Wirtschaft-Nationalsozialismus/dp/3570554074?ref=schweizermonat.ch) [Privateigentum blieb bestehen](https://www.jstor.org/stable/3874882?ref=schweizermonat.ch), verlor aber seine Autonomie. Das macht das Regime dirigistisch und antiliberal. Aber auch sozialistisch? > «Wer Mittel und Ziel verwechselt, begeht einen Denkfehler.» [Nein.](https://www.geschichte-statt-mythen.de/Blog/klassische-mythen/linke-nationalsozialisten?ref=schweizermonat.ch) Wer Mittel und Ziel verwechselt, begeht einen Denkfehler. Staatlicher Eingriff war für die Nazis kein Werkzeug zur Errichtung einer gleichen Gesellschaft, sondern zur Mobilisierung für den Rassenkrieg und Eroberung von «Lebensraum». Der NS-Staat ordnete den Einzelnen nicht einer universalen Klasse unter, sondern einer rassisch verengten «[Volksgemeinschaft](https://docupedia.de/zg/wildt%5Fvolksgemeinschaft%5Fv1%5Fde%5F2014?ref=schweizermonat.ch)». Die Deutschen sollten als «[Herrenrasse](https://www.wallstein-verlag.de/9783892446231-rasse-siedlung-deutsches-blut.html?ref=schweizermonat.ch)» über die versklavten Slawen gebieten. Gleichheit sieht anders aus. ## Rechtsrevolutionäre Vision Wer behauptet, Hitler sei «links» gewesen, weil der Staat tief eingriff, verwechselt Machtmittel mit Zweck. Jedoch war Hitler keineswegs «konservativ». Er wollte die bürgerliche Ordnung und Traditionen nicht bewahren, sondern durch eine totalitäre, rassistische Ordnung ersetzen. > «Die NS-Ideologie war weder sozialistisch noch konservativ noch liberal, sondern eine völkisch-hierarchische und autoritäre Herrschaftsvision. Sie als «links» umzudeuten, ist der Versuch, sich der Auseinandersetzung mit den Abgründen völkischen Denkens zu entziehen.» Die NS-Ideologie passt nicht ins Schema heutiger Parteipolitik. Sie war weder sozialistisch noch konservativ noch liberal, sondern eine völkisch-hierarchische und autoritäre Herrschaftsvision. Sie als «links» umzudeuten, ist der Versuch, sich der Auseinandersetzung mit den Abgründen völkischen Denkens zu entziehen. ### Neutralitätsinitiative scheitert an Putin URL: https://www.schweizermonat.ch/neutralitatsinitiative-scheitert-an-putin/ Last updated: 2026-10-01T11:53:38.000Z _No content available._ ### Dem Staat den Speck abschneiden URL: https://www.schweizermonat.ch/dem-staat-den-speck-abschneiden/ Last updated: 2026-09-30T07:22:22.000Z 0:00 /245 1× Als Libertärer sähe ich den Gewaltmonopolisten am liebsten ganz abgeschafft. Doch in der Schweiz scheitern selbst zaghafte Anläufe zum Staatsrückbau: Eine Halbierung der horrenden Zwangsgebühren für eine so altbackene Idee wie den Staatsrundfunk? Nicht mehrheitsfähig in der Eidgenossenschaft. Ein zahmer Vorschlag aus dem Finanzministerium, der das Ausgabenwachstum hätte bremsen sollen? Von 5 Milliarden auf 1,4 Milliarden Franken Einsparung zusammengestrichen. Ganze 1,6 Prozent des Bundesbudgets. Bei weiterhin steigendem Wachstum, wohlgemerkt. Das Staatswachstum lässt sich aktuell also weder direktdemokratisch noch mittels Vorschlägen aus der Finanzverwaltung aufhalten. Woran liegt’s? Einerseits an der Natur des gemeinen Schweizers, dem alles vermeintlich Extreme abhold ist, der dabei aber nicht merkt, dass ihn seine Naivität gegenüber den Institutionen schleichend in ein Extrem führt, das er vor wenigen Jahrzehnten noch in Bausch und Bogen verworfen hätte. Andererseits hat sich der Staat – und jene, die an seinem Tropf hängen – mittels eines De-jure-Bildungsmonopols und eines De-facto-Medienmonopols eine konsolidierte Macht in der Meinungsbildung gesichert. Während weder das eine noch das andere derzeit zu brechen ist, bleibt dem Freiheitsliebenden nur, bei der Natur des Schweizers anzusetzen. Und was hat bei Herrn und Frau Schweizer einen noch schlechteren Ruf als das Extreme? Richtig: Schulden. ## Ein Booster für die Schuldenbremse > «Die Schuldenbremse ist das ideale Einfallstor für mehr Freiheit!» Dass diese Abneigung politisch nutzbar ist, beweist der Erfolg der Schuldenbremse, die am 2\. Dezember 2001 mit sagenhaften 85 Prozent Ja-Stimmen an der Urne angenommen wurde und bis heute eine gewisse hemmende Wirkung entfaltet. Gewiss, die Schuldenbremse weist eklatante Schwächen auf und ist in ihrer aktuellen Form zur Eindämmung des Staatswachstums nicht gänzlich geeignet. Doch gerade wegen dieser Schwächen ist die Schuldenbremse das ideale Einfallstor für mehr Freiheit! Verpassen wir der Schuldenbremse zum kommenden Vierteljahrhundertjubiläum einen Booster, indem wir sie den heutigen Herausforderungen anpassen: **· Gedeckelt:** Bisher verhinderte die Schuldenbremse das Staatswachstum zu wenig, weil steigende Ausgaben über die Einnahmenseite gedeckt werden konnten. Die neue Schuldenbremse soll steigende Ausgaben nicht mehr über Steuern oder Gebühren ausgleichen dürfen. **· Umfassend:** Implizite Schulden wie AHV-Zukunftsverpflichtungen oder staatliche Pensionskassen waren bisher von der Schuldenbremse ausgenommen. Die neue Schuldenbremse soll auch die Sozialwerke umfassen. **· Wissenschaftlich:** Der Höchstbetrag der Gesamtausgaben des Bundes berücksichtigt aktuell die Wirtschaftslage, wodurch sich der widerlegte Keynesianismus eingeschlichen hat. Die neue Schuldenbremse wird konjunkturelle Schwankungen nicht mehr als Vorwand für Mehrausgaben zulassen. > «Die neue Schuldenbremse wird konjunkturelle Schwankungen nicht mehr als Vorwand für Mehrausgaben zulassen.» Ausserdem: Die alte Schuldenbremse kann aufgrund besonderer Ereignisse ausgehebelt werden. Der so in der Coronakrise angehäufte Schuldenberg soll voraussichtlich bis zum Jahr 2035 abgebaut sein, der Amortisationsbetrag beläuft sich immer noch auf 26,3 Milliarden Franken. Realistischerweise wird eine neue Schuldenbremse keine Mehrheit finden, wenn sie diese Hintertür nicht offenlässt. Als – vorläufige! – Maximalforderung könnte sie jedoch in die Verhandlungs-masse geworfen werden. Alles Gute zum Geburtstag, liebe Schuldenbremse! Deine Erneuerung wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Den libertären Traum wirst du zwar nicht realisieren. Aber Rom wurde auch nicht an einem Tag abgerissen. ### Der Irrglaube von DEI URL: https://www.schweizermonat.ch/der-irrglaube-von-dei/ Last updated: 2026-09-23T20:22:05.000Z 0:00 /279 1× Ein Teil der populistischen Gegenreaktion auf die etablierte Politik in vielen Ländern richtet sich gegen die Toleranz gegenüber Andersartigkeit. Erinnern Sie sich noch daran, wie Jair Bolsonaro sagte, er hätte lieber einen toten als einen schwulen Sohn? Inzwischen scheint die Partei Donald Trumps eingesehen zu haben, dass sie nicht mehr gegen Schwule vorgehen kann. Es gibt schlicht zu viele von ihnen – und ohnehin hat sich die Mehrheit der Amerikaner für Toleranz entschieden. Schliesslich begannen die Amerikaner zu sagen: «Ich habe einen schwulen Cousin, und er ist auch in Ordnung.» Um dennoch einen Feind zu haben, mit dem sich die Menschen einschüchtern lassen, haben sich die konservativen Populisten in den USA den Transfrauen zugewandt. So hat Trump alle Transfrauen aus dem Militär entlassen, unabhängig davon, ob sie über wertvolle Fähigkeiten verfügten oder nicht. > «Wenn es gelingt, die Menschen vor «dem Anderen» in Angst zu halten, lassen sie einen mit jeder noch so weitreichenden polizeistaatlichen Willkür davonkommen.» Das ist eine alte, abgegriffene Masche aus dem Handbuch autoritärer Machtpolitik. Wenn es gelingt, die Menschen vor «dem Anderen» in Angst zu halten, lassen sie einen mit jeder noch so weitreichenden polizeistaatlichen Willkür davonkommen. Seien Sie also auf der Hut. Schon morgen könnten Sie der nächste «Andere» sein. **Toleranz aus Eigennutz** Das ist gewissermassen das rein egoistische Argument für Toleranz. Ich selbst hätte früher nie gedacht, dass ich als Transfrau einmal gefährdet sein könnte. > «Das tiefere Argument gegen Intoleranz lautet, dass sie moralisch verwerflich ist. Es ist schlicht falsch, Menschen zu hassen.» Ein weiteres liberales Argument gegen Intoleranz reicht über das Schicksal des Einzelnen hinaus. Historisch betrachtet hat Intoleranz auch der Gesellschaft als Ganzes immer geschadet. Intolerante Gesellschaften sind auf vielerlei Weise erfolglos. Sie bringen schlechte Kunst und schlechte Geschäfte hervor. Und sie beginnen, einander umzubringen. Doch das tiefere Argument gegen Intoleranz lautet, dass sie moralisch verwerflich ist. Es ist schlicht falsch, Menschen zu hassen. Natürlich versuchen die Autoritären, den Menschen diesen Hass als pure Notwehr zu verkaufen. Die Anderen seien gefährlich, entweder für einen persönlich, etwa Einwanderer, die einem den Arbeitsplatz wegnähmen; oder gesellschaftlich, etwa queere Menschen, die angeblich die Jugend verderben. Man sollte ja auch Hexen hassen, weil sie Schafe töten könnten – oder zumindest, weil ihre Duldung den Zorn Gottes heraufbeschwören würde. **Überzeugen statt verordnen** Was also tun gegen die Plage der Intoleranz? Die liberale Antwort lautet: Kolumnen schreiben. In den vergangenen zehn Jahren haben Werbeanzeigen ganz selbstverständlich Paare unterschiedlicher Hautfarbe gezeigt. Filme haben unseren Horizont der Toleranz erweitert. Die Etatisten hingegen, die keine Liberalen sind, wollen Toleranz mit den Mitteln staatlichen Zwangs durchsetzen. Viele, sehr viele Politiker des linken Establishments haben das, was wir in den USA unter dem Kürzel DEI zusammenfassen (Diversity, Equity, Inclusion – Vielfalt, Gleichstellung, Inklusion), in starre Gesetze gegossen. Wenn Sie ein beleidigender Komiker sind, landen Sie im Gefängnis. Wenn Sie sich über Transfrauen lustig machen, landen Sie im Gefängnis. Gefängnis, Gefängnis, Gefängnis. Das ist die Denkweise des Juristen: Etwas ist schlecht? Dann erlassen wir ein Gesetz. Aufklärungsarbeit und Überzeugung? Das wird schlicht ignoriert. Nun beginnt zwar mein Vorname zufällig mit DEI, also ... Aber Spass beiseite: Ich befürworte alle drei Anliegen mit Nachdruck. Vielfalt führt zu bereichernden Ideen, die rechtliche Gleichstellung hat uns seit 1800 enorm vorangebracht, und die Einbeziehung weiterer Menschen hat unsere materielle wie geistige Lage erheblich verbessert. Die Einwanderung zu fördern, die Sklaverei abzuschaffen und Frauen die gleichen Rechte wie Männern zuzugestehen, hat uns zu besseren Menschen gemacht. Doch die Verwandlung von DEI in Gesetzesform hat die populistische Gegenreaktion und deren Gefängnisse erst befeuert. Treten wir daher besser einen Schritt zurück. Überzeugen wir die Menschen. ### Es gibt keine gemeinsame Mitte mehr URL: https://www.schweizermonat.ch/es-gibt-keine-gemeinsame-mitte-mehr/ Last updated: 2026-09-22T12:45:15.000Z _No content available._ ### Die Heuchelei der Wirtschaftsverbände: Sonntags Deregulierung fordern, montags für neue Regulierung lobbyieren URL: https://www.schweizermonat.ch/die-heuchelei-der-wirtschaftsverbande-sonntags-deregulierung-fordern-montags-fur-neue-regulierung-lobbyieren/ Last updated: 2026-09-23T16:38:13.000Z 0:00 /162 1× Kürzlich kam ich mit dem Vertreter eines grösseren Schweizer Branchenverbandes ins Gespräch. Kaum hatten wir den Smalltalk hinter uns, klagte er wortreich über die ausländische Konkurrenz. Und argumentierte noch wortreicher, warum die Schweiz dringend neue Regeln brauche, um seine Branche zu schützen. Vorsichtig fragte ich, ob seine Branche denn nicht auch unter Regulierung leide. «Doch, doch», sagte er eifrig nickend. Eine Zehntelsekunde später sprach er bereits wieder über unfaire ausländische Firmen und wie man sie vom Schweizer Markt fernhalten könnte. ## Kampf gegen Windmühlen Der Verbandsvertreter bringt die ganze Tragik der politischen Interessenvertretung auf den Punkt. Sämtliche Unternehmen haben ein Interesse an weniger Regulierung. Doch aus Sicht eines einzelnen Unternehmens, ja selbst einer Branche, lohnt es sich nicht, dafür zu lobbyieren. Für jeden Verband ist es viel attraktiver, ein neues, auf die Branche zugeschnittenes Gesetz zu fordern, etwa eine CO₂-Grenzausgleichsabgabe für Zement. Dazu müssen üblicherweise nur einige Parlamentarier oder Beamte überzeugt werden. Der Nutzen ist direkt und auf die jeweilige Branche konzentriert. Der Abbau von Regulierungen ist deutlich aufwändiger, weil diese grössere Auswirkungen (und damit auch vielerlei Verteidiger) haben. Gleichzeitig ist der Nutzen eines Abbaus breit verstreut. Wer will sich diesen Kampf gegen Windmühlen schon antun? Lieber noch ein Privileg für die eigene Branche herausschlagen. Der Ökonom Mancur Olson hat dieses Ungleichgewicht bereits 1965 [beschrieben](https://en.wikipedia.org/wiki/The%5FLogic%5Fof%5FCollective%5FAction?ref=schweizermonat.ch). Sein Kollege George Stigler ging noch weiter. Er argumentierte, Regulierung werde in der Regel nicht von oben verordnet, sondern von der betroffenen Branche selbst [bestellt](https://en.wikipedia.org/wiki/Regulatory%5Fcapture?ref=schweizermonat.ch). > «Die Wirtschaft füttert den gleichen Papiertiger, den sie sonst geisselt.» Am Sonntag klagen alle Wirtschaftsvertreter über die Bürokratie und fordern breite Entlastung. Am Montag finden sie aber garantiert zehn Regulierungen, die für ihre Branche essenziell sind und daher bleiben müssen – sowie zehn weitere, die sie gerne auch noch einführen würden. So füttert die Wirtschaft den gleichen Papiertiger, den sie sonst geisselt. Ganz nach dem Motto: Weniger Staat ja, aber nicht dort, wo man lukrative Pfründe herausholen kann. ### Angst ist ein Machtinstrument URL: https://www.schweizermonat.ch/angst-ist-ein-machtinstrument/ Last updated: 2026-09-22T11:24:38.000Z [Infos und Anmeldung zum Anlass](https://jeannettefischer.ch/angst.html?ref=schweizermonat.ch) ### Verschuldete Staaten erhöhen den Druck auf die Notenbanken URL: https://www.schweizermonat.ch/verschuldete-staaten-erhohen-den-druck-auf-die-notenbanken/ Last updated: 2026-09-17T18:21:48.000Z _No content available._ ### Gute Gesundheitspolitik beginnt dort, wo Interessen offengelegt und Entscheide öffentlich begründet werden URL: https://www.schweizermonat.ch/gute-gesundheitspolitik-beginnt-dort-wo-interessen-offengelegt-und-entscheide-offentlich-begrundet-werden/ Last updated: 2026-09-23T15:58:36.000Z 0:00 /546.457958 1× Gentherapien, CAR-T-Zelltherapien, bei denen körpereigene Immunzellen gentechnisch gegen Krebs verändert werden, Medikamente gegen Alzheimer oder Adipositas: Medizinische Innovationen und ihre Preise erregen regelmässig die Gemüter. Begeisterung über den medizinischen Fortschritt und Stolz auf den Innovationsstandort Schweiz mischen sich mit Irritationen über mangelnde Transparenz bei der Preisbildung und Sorgen um die langfristige Finanzierbarkeit des Gesundheitswesens. Die Choreografie dieser Debatten folgt einem vertrauten Muster: Die Rollen sind verteilt, die Positionen bekannt, die Argumente längst eingeübt. Im Vordergrund steht selten der ergebnisoffene Austausch. Stattdessen dominieren organisierte Interessen den Diskurs, während am Ende das politische Kräfteverhältnis den Ausschlag gibt. Kann die biomedizinische Ethik zu diesem routinierten Schlagabtausch einen Beitrag leisten? Sicher nicht, indem sie Partei ergreift und den politischen Streit moralisierend überhöht. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, die Voraussetzungen für einen informierten ethischen Diskurs zu schaffen, in dem unterschiedliche Perspektiven sorgfältig abgewogen und nachvollziehbare Entscheidungen getroffen werden können. ## Fakten allein reichen nicht Nun könnte man annehmen, die wichtigste Voraussetzung für einen solchen Diskurs sei eine bessere Informationsgrundlage. Tatsächlich ist eine verlässliche Faktenbasis unverzichtbar. Gerade in Zeiten algorithmisch verstärkter Polarisierung und gezielter Desinformation gilt es, wissenschaftliche Evidenz, persönliche Erfahrungen, legitime Interessen und politische Rhetorik sorgfältig auseinanderzuhalten. Ein informierter Diskurs braucht deshalb möglichst vollständige und transparente Informationen. Doch selbst die beste Informationsgrundlage genügt nicht. Fakten zeigen, welche Wirkungen, Kosten und Folgen unterschiedliche Entscheidungen haben können. Sie beantworten aber nicht die entscheidenden normativen Fragen: Welche Folgen sind vertretbar? Welchen Ansprüchen soll Vorrang eingeräumt werden? Und wie lassen sich Risiken und Chancen gerecht verteilen? Wer einen informierten Diskurs auf den Austausch von Fakten reduziert, greift deshalb zu kurz. Es stellt sich vielmehr die Frage, woran sich die Abwägung unterschiedlicher Interessen orientieren soll. > «Wer einen informierten Diskurs auf den Austausch von Fakten reduziert, greift zu kurz. Es stellt sich vielmehr die Frage, woran sich die Abwägung unterschiedlicher Interessen orientieren soll.» ## Der gemeinsame Zweck als politischer Kompass Demokratische Gesellschaften sind darin geübt, unterschiedliche Interessen auszuhandeln. Das schweizerische Konkordanzsystem mit seinen Vernehmlassungen, Verbänden und parlamentarischen Kompromissen gehört geradezu zur institutionellen DNA der Schweiz. Darin liegt ihre Stärke. Doch Verhandlung und Deliberation sind nicht dasselbe. Verhandlungen zielen auf einen Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Deliberation fragt dagegen, welche Entscheidung sich trotz legitimer Meinungsverschiedenheiten am besten begründen lässt. Gerade bei komplexen Fragen der Gesundheitsversorgung genügt ein blosses Tauziehen zwischen den verschiedenen Akteuren nicht. Es braucht zusätzlich die Bereitschaft, die eigenen Argumente daran messen zu lassen, ob sie über die jeweilige institutionelle Perspektive hinaus überzeugen und einem gemeinsamen Ziel dienen. Doch worin könnte eine solche gemeinsame Orientierung bestehen? Pharmaunternehmen, Versicherer, Politik und Gesundheitsberufe erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Dennoch dürfte kaum jemand bestreiten, dass ein Gesundheitssystem langfristig nur erfolgreich sein kann, wenn es medizinische Innovation ermöglicht, allen Patienten einen fairen Zugang zu wirksamen Therapien eröffnet und zugleich finanzierbar bleibt. Wie sich dieses Ziel konkret erreichen lässt, bleibt Gegenstand legitimer politischer Auseinandersetzung. Gerade deshalb eignet es sich als gemeinsamer Bezugspunkt: Es verlangt keinen Konsens über die Mittel, wohl aber eine Verständigung darüber, worauf unterschiedliche Vorschläge letztlich ausgerichtet sein sollten. Wie ein solcher gemeinsamer Zweck praktisch wirken könnte, zeigt das Beispiel einer hochpreisigen Gentherapie: Das gemeinsame Ziel wäre weder ein möglichst hoher noch ein möglichst tiefer Preis, sondern ein verlässlicher Zugang für jene Patienten, die nachweislich profitieren können, ohne die Finanzierbarkeit des Systems oder künftige Innovationen zu gefährden. Sind Langzeitnutzen und Patientenzahl zunächst unsicher, könnte eine zeitlich befristete Vergütung mit klaren Erfolgskriterien vereinbart werden. Neue Daten würden dann zu einem festgelegten Zeitpunkt gemeinsam ausgewertet und Preis sowie Vergütungsbedingungen bei Bedarf angepasst. Das beseitigt den Interessenkonflikt nicht, macht ihn aber transparent und die Entscheidung revidierbar. ## Faire Verfahren statt moralischer Gewissheiten Ein gemeinsames Ziel schafft noch keinen Konsens darüber, welche Entscheidung dem gemeinsamen Ziel am besten dient. Deshalb stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen unterschiedliche Antworten als nachvollziehbar und legitim gelten können. Der amerikanische Medizinethiker [Norman Daniels](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1119050/?ref=schweizermonat.ch) hat darauf keine inhaltliche, sondern eine [prozedurale Antwort](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1119050/?ref=schweizermonat.ch) gegeben. In pluralistischen Gesellschaften besteht selten Einigkeit darüber, welche Entscheidung die einzig richtige ist. Umso wichtiger sind Verfahren, die Entscheidungen nachvollziehbar und legitim machen. Daniels nennt dafür vier einfache Anforderungen: Die Gründe für Entscheidungen müssen öffentlich zugänglich sein. Sie müssen auf Erwägungen beruhen, die faire und zur Zusammenarbeit bereite Beteiligte grundsätzlich als relevant anerkennen können; «vernünftig» bezeichnet hier keine von einer Autorität ausgewählte Gruppe, sondern die wechselseitige Begründbarkeit von Entscheidungen. Entscheidungen müssen sich angesichts neuer Evidenz oder besserer Argumente überprüfen lassen. Und schliesslich braucht es Institutionen, die sicherstellen, dass diese Regeln tatsächlich eingehalten werden. Diese Anforderungen wirken beinahe selbstverständlich. Gerade darin liegt ihre Stärke. Wer hat Zugang zu den relevanten Informationen? Welche Gründe werden öffentlich genannt – und welche zählen in vertraulichen Preisverhandlungen? Welche Perspektiven gelten als relevant? Können Entscheidungen korrigiert werden, wenn sich Annahmen als falsch erweisen? Und wer sorgt dafür, dass Verfahren mehr sind als die Summe gut organisierter Interessen? Aus ethischer Perspektive lautet die entscheidende Frage nicht, wer sich politisch am besten durchsetzen kann. Entscheidend ist vielmehr, ob eine Entscheidung mit Gründen gerechtfertigt werden kann, die öffentlich nachvollziehbar und kritisch überprüfbar sind. ## Von der Debatte zur Entscheidung Ein informierter Diskurs bleibt allerdings folgenlos, wenn seine Ergebnisse den Weg in die politischen Institutionen nicht finden. Es braucht deshalb Transmissionsriemen zwischen wissenschaftlicher Evidenz, öffentlicher Deliberation und politischer Entscheidung. Wie aktuell diese Herausforderung ist, zeigt die Anfang 2026 von EDI und WBF eingesetzte Arbeitsgruppe «Life-Sciences-Standort». Sie soll die Rahmenbedingungen für die Pharmaindustrie und die Life-Sciences in der Schweiz untersuchen und bis Ende des Jahres konkrete Vorschläge vorlegen. Dabei geht es nicht nur um Forschung, Zulassung und Standortpolitik, sondern auch um Arzneimittelpreise, den Zugang zu innovativen Therapien und die Belastung der Prämienzahler. > «Ein informierter Diskurs ist mehr als eine gut ausgestattete Faktensammlung.» Ein informierter Diskurs ist mehr als eine gut ausgestattete Faktensammlung. Er verbindet wissenschaftliche Evidenz mit praktischer Erfahrung, Transparenz über Interessen mit einer gemeinsamen Orientierung und faire Verfahren mit der Bereitschaft, Entscheidungen zu überprüfen und zu korrigieren. Einen Konsens garantiert das nicht. Wohl aber erhöht es die Chance, dass aus politischen Auseinandersetzungen mehr entsteht als ein blosser Kräfteausgleich – nämlich besser begründete Entscheidungen darüber, wie medizinische Innovation dem Gemeinwohl dienen kann. ### Der Staat wächst auf unserer Bequemlichkeit URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-wachst-auf-unserer-bequemlichkeit/ Last updated: 2026-09-15T10:09:51.000Z _No content available._ ### Survival in the Wolf World URL: https://www.schweizermonat.ch/survival-in-the-wolf-world/ Last updated: 2026-10-07T11:23:05.000Z 0:00 /246 1× *Lesen Sie die deutsche Version* [*hier*](https://www.schweizermonat.ch/uberleben-in-der-weltordnung-der-wolfe/)*.* With wars raging in Ukraine and the Middle East, storm clouds gathering over Taiwan, American tariffs hitting friend and foe alike, the bizarre spectre of a Greenland annexation, and a global rush to rearm, the geopolitical landscape is becoming an increasingly treacherous thicket. All the while, the once-bedrock foundations of the liberal international order continue to decay. In his latest book, *Geopolitical Conflict in the Wolf World*, political strategist Marc Saxer offers a searing diagnosis of these global tremors. His verdict is stark: this is no passing storm, but the arrival of a brutal, predatory new era – the ‘Wolf World.’ In this realm, the law of the jungle takes hold, multilateral bodies fade into irrelevance, and international norms are casually cast aside. Across four chapters, Saxer systematically dissects what he calls the twin crises undermining the liberal order, before offering a blueprint for European survival. > «This is no passing storm, but the definitive arrival of a brutal, predatory epoch – the ‘Wolf World.’ In this realm, the law of the jungle takes hold, multilateral bodies fade into irrelevance, and international norms are casually cast aside.» He sees the decline of the liberal order as a two-front assault, driven from within and without. Domestically, he argues, the hollow neoliberal promise of the ‘end of history’ and perpetual economic growth failed to deliver, leaving the liberal consensus vulnerable to assault from populists on both the right and the left. It is a somewhat woolly premise, however, and one that ultimately bears little connection to the rest of the book. Saxer is on much stronger ground with his geopolitical audit. Strategic overreach and Western hypocrisy, he contends, have hollowed out the moral core of international law. Rising powers have been quick to step into the breach, carving out new spheres of influence. In this uncompromising reality, geopolitics and geoeconomics have fused into a single, high-stakes game. Whether through proxy wars, critical minerals, semiconductor supply chains, artificial intelligence, or maritime trade routes, every asset is weaponised in an increasingly protectionist, neo-mercantilist world. As for a revival of American hegemony, Saxer rules it out entirely; tomorrow’s world will be dictated by a volatile, asymmetric multipolarity in which Washington can, at best, act as *primus inter pares*. ## Pragmatism Over Piety To avert a total breakdown, Saxer calls for a return to diplomacy by proposing a ‘Helsinki 2.0.’ Drawing on the CSCE process of the 1970s, he advocates cool-headed, pragmatic coalitions forged across deeply divided camps. Flexible, purpose-driven alliances must replace the rigid ideological blocs of the past. > «Whether through proxy wars, critical minerals, semiconductor supply chains, artificial intelligence, or maritime trade routes, every asset is weaponised in an increasingly protectionist, neo-mercantilist world.» The European Union, meanwhile, faces the Herculean task of reinventing itself. It must evolve into a genuine defence union, compensate for America’s inevitable retrenchment, manage friction with Russia through hard-nosed realism, and chart an independent, pragmatic course with Beijing. Despite a few shaky assumptions regarding the internal decay of the West, Marc Saxer has written a bold and intellectually fearless book. His sharp dissection of power, coupled with an unideological reading of the deep historical and philosophical currents shaping China, Russia, India, and the Islamic world, makes this an indispensable compass for contemporary statecraft and security policy. *Marc Saxer: Geopolitical Conflict in the Wolf World. Great Power Competition and the Illiberal Revolt against the Liberal Order. New York/London: Bloomsbury Academic, 2026.* ### Überleben in der «Weltordnung der Wölfe» URL: https://www.schweizermonat.ch/uberleben-in-der-weltordnung-der-wolfe/ Last updated: 2026-09-23T17:40:38.000Z 0:00 /254 1× *Read the English version* [*here*](https://www.schweizermonat.ch/survival-in-the-wolf-world/)*.* Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, Sturmwolken über Taiwan; amerikanische Zölle gegen Freund und Feind, die bizarre Drohung einer Annexion Grönlands, globale Aufrüstung: Das Dickicht der Geopolitik wird undurchdringlicher, während das Fundament der sicher geglaubten liberalen Weltordnung erodiert. In seinem neuen Werk «Wolfswelt» (Originaltitel: «Geopolitical Conflict in the Wolf World») legt der Politikberater Marc Saxer eine messerscharfe Analyse dieser globalen Erschütterungen vor. Seine Diagnose: Wir erleben keine vorübergehende Krise, sondern den endgültigen Eintritt in eine rauere, raubtierhafte Epoche: Die «Welt der Wölfe», in der die «Gesetze des Dschungels» gelten, wo das Gesetz des Stärkeren dominiert, multilaterale Institutionen an Bedeutung verlieren und internationale Normen beiseitegeschoben werden. Saxer entwirft in vier Kapiteln eine systematische Ursachenanalyse der Zwillingskrise der liberalen Weltordnung sowie einen Fahrplan für das Überleben Europas. > «Wir erleben keine vorübergehende Krise, sondern den endgültigen Eintritt in eine rauere, raubtierhafte Epoche: Die «Welt der Wölfe», in der die «Gesetze des Dschungels» gelten» Er rekonstruiert den Niedergang der liberalen Weltordnung als doppelte Erosionsbewegung aus inneren und äusseren Faktoren. Im Innern wurde das aus seiner Sicht trügerische neoliberale Versprechen vom «Ende der Geschichte» und der ständigen wirtschaftlichen Progression nicht eingelöst, weswegen Populisten von rechts wie links die liberale Ordnung angreifen – eine vage Interpretation, die dann auch nicht mehr viel mit dem Rest des Buches zu tun hat. Umso brillanter gerät Saxer die geopolitische Schadensaufnahme: Strategische Überdehnung und westliche Doppelmoral haben das normative Fundament des Völkerrechts ausgehöhlt, während aufstrebende Mächte das Vakuum nutzen, um eigene Einflusssphären zu errichten. In dieser rauen Wirklichkeit verschmelzen Geopolitik und Geoökonomie zu einer unentwirrbaren Schicksalsgemeinschaft. Ob Stellvertreterkriege, Rohstoffmärkte, Halbleiterlieferketten, künstliche Intelligenz oder globale Handelsrouten – all dies mutiert in einer protektionistisch-neomerkantilistischen Welt zu scharfen Klingen der Macht. Eine erneute US-Hegemonie schliesst Saxer aus; die künftige Ordnung bestimmt sich stattdessen durch eine instabile asymmetrische Multipolarität, in der die USA lediglich ein *Primus inter Pares* sein können. ## **Pragmatismus statt Moral** Als Gegenmittel zur drohenden Eruption beschwört Saxer den Geist der Diplomatie herauf: ein «Helsinki 2.0». In Anlehnung an den KSZE-Prozess der 1970er-Jahre fordert er kühle, pragmatische Koalitionen zwischen tief zerstrittenen Machtsphären. Dynamische, vom Anlass gebotene Allianzen sollen das starre Einmauern in feindlichen Blöcken bannen. > «Ob Stellvertreterkriege, Rohstoffmärkte, Halbleiterlieferketten, künstliche Intelligenz oder globale Handelsrouten – all dies mutiert in einer protektionistisch-neomerkantilistischen Welt zu scharfen Klingen der Macht.» Der EU fällt die Herkulesaufgabe zu, sich neu zu erfinden: Sie muss zur echten Verteidigungsunion reifen, den unvermeidlichen strategischen Rückzug der USA austarieren, die Spannungen mit Russland durch kühles Konfliktmanagement einhegen und gegenüber China einen eigenständigen, pragmatischen Kurs einschlagen. Trotz Schwächen bei der Herleitung der inneren Krisen liefert Marc Saxer ein gedanklich mutiges Werk. Seine messerscharfe Anatomie der Macht und sein unideologischer Blick auf die tiefen historisch-philosophischen Narrative Chinas, Russlands, Indiens und der islamischen Welt machen das Buch zu einem unentbehrlichen Kompass für die Aussen- und Sicherheitspolitik unserer Zeit. *Marc Saxer: Wolfswelt. Strategien für Europa nach dem Zusammenbruch der liberalen Weltordnung. Stuttgart: Alfred-Kröner-Verlag, 2026 (Original: Geopolitical Conflict in the Wolf World. Great Power Competition and the Illiberal Revolt against the Liberal Order. New York/London: Bloomsbury Academic, 2026).* ### Die Demokratie bleibt mit den EU-Verträgen auf dem Papier intakt – vor allem das Parlament verliert jedoch an Gestaltungsspielraum URL: https://www.schweizermonat.ch/die-demokratie-bleibt-mit-den-eu-vertragen-auf-dem-papier-intakt-vor-allem-das-parlament-verliert-jedoch-an-gestaltungsspielraum/ Last updated: 2026-09-23T17:39:59.000Z 0:00 /663 1× Die Schweiz und die EU haben Ende 2024 ein neues Vertragspaket ausgehandelt. Die Bilateralen III, wie sie der Bundesrat nennt, stabilisieren die bilateralen Beziehungen und ergänzen sie um drei neue Abkommen. Herzstück ist die *dynamische Rechtsübernahme*. Sie verpflichtet die Schweiz, neue EU-Rechtsakte in den betroffenen Bereichen des Binnenmarkts laufend zu übernehmen. Bisher hat die Schweiz EU-Recht vorwiegend freiwillig und punktuell nachvollzogen. Künftig müsste sie dies strukturell und zeitnah tun. Der Bundesrat verteidigt das Paket mit dem Hinweis, die direkte Demokratie bleibe erhalten: Jede Rechtsübernahme erfolge nach innerstaatlichem Verfahren, das Referendum bleibe möglich und eine Nichtübernahme zulässig, wenn auch um den Preis «verhältnismässiger» Ausgleichsmassnahmen. Diverse Wirtschaftsverbände, Parteien, Völkerrechtler/-innen und Kantone teilen diese Sicht: Die Bilateralen III würden die innerstaatlichen Entscheidungsverfahren kaum tangieren. Daher sei auch kein obligatorisches Referendum nötig. Damit läuft nicht nur ein Gesetzgebungsverfahren, sondern bereits der vorgezogene Abstimmungskampf um die künftige Ausrichtung der Europapolitik. ## Leerstelle Parlamentarismus Doch bisher stand vornehmlich die formelle Perspektive im Vordergrund. Die institutionellen Elemente der Bilateralen III würden Verfassung, politische Rechte und Föderalismus wahren. Mehrere wissenschaftliche Stimmen halten diese Einschätzung jedoch für zu knapp. Entscheidend seien nicht nur die formalen Mitwirkungsrechte, sondern auch die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten im politischen Prozess. Die Stiftung für direkte Demokratie hat daher das Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) beauftragt, die möglichen Folgen zu untersuchen. Neben direktdemokratischen Instrumenten, politischer Partizipation und der Stellung der Kantone stehen besonders die Mitwirkungsrechte des Parlaments im Zentrum. Denn während die Folgen des künftigen bilateralen Wegs für Volksrechte, Föderalismus und Zivilgesellschaft zumindest punktuell diskutiert werden, bleibt eine Leerstelle: das Parlament und seine Stellung gegenüber der Regierung. ## Brüssel gibt den Takt vor Die Resultate der[ ](https://demokratie-studie.demokratie.ch/?ref=schweizermonat.ch)[Studie](https://demokratie-studie.demokratie.ch/?ref=schweizermonat.ch) lassen sich in einer Formel verdichten: Die Demokratie bleibt formell intakt, gerät materiell aber unter Druck. Die demokratischen Rechte bleiben bestehen, doch Einflussmöglichkeiten und politische Gestaltungsmacht verschieben sich. Diese Veränderungen sind erheblich, aber nicht unausweichlich. Sie lassen sich teilweise auffangen, sofern sie rechtzeitig erkannt und breit diskutiert werden. Was heisst das konkret für die Bundesversammlung? Auf dem Papier behält das Parlament seine Kompetenzen weitgehend, auch das Referendum bleibt anwendbar. Doch tatsächlicher politischer Einfluss entscheidet sich nicht nur im Gesetz, sondern auch in der Praxis. Und diese verschiebt sich: zur EU, wo die inhaltlichen Weichen gestellt werden, sowie zu Bundesrat und Bundesverwaltung, die im Übernahmeprozess an Gewicht gewinnen. Die Rechtsübernahme erfolgt nicht automatisch. Jede Anpassung läuft über den Gemischten Ausschuss, in dem beide Vertragsparteien vertreten sind. Erst dort stimmt die Schweiz formell zu. Verweigert sie die Übernahme, kann die EU verhältnismässige Ausgleichsmassnahmen ergreifen. Welche genau, ist nicht festgelegt. Gerade diese Unsicherheit wird politisch zum Faktor. Der Übernahme vorgelagert ist das *Decision Shaping*. Weil die Schweiz nicht EU-Mitglied ist, kann sie an der Beschlussfassung neuer EU-Rechtsakte nicht teilnehmen. Als Ausgleich erhält sie ein konsultatives Mitwirkungsrecht in der Ausarbeitungsphase: Schweizer Sachverständige werden ähnlich wie jene der Mitgliedstaaten einbezogen. Im Rat selbst hat die Schweiz keinen Einsitz. Die dynamische Rechtsübernahme verändert damit die Logik der Schweizer Rechtsetzung: In den abgedeckten Bereichen folgt sie nicht mehr allein der politischen Agenda von Parlament und Bundesrat, sondern zunehmend den Vorgaben des EU-Rechts. Der legislatorische Takt wird weniger in Bern angegeben, sondern stärker aus Brüssel bestimmt. ## Vom Gestalter zur Genehmigungsinstanz Die Bundesversammlung ist in der innerstaatlichen Gesetzgebung zentral: Sie kann Gesetzgebungsprozesse anstossen, Entwürfe ändern, annehmen oder verwerfen. National- und Ständerat gelten als aktives *Arbeitsparlament*: Die Parlamentarier/-innen drücken den von der Exekutive vorbereiteten Entwürfen regelmässig ihren Stempel auf. Motionen, Minderheits-, Rückweisungs- und Einzelanträge, Parlamentarische Initiativen und Subkommissionen sind dabei häufig gebrauchte und potentiell wirkungsvolle Instrumente. Zwar prägen Regierung und Verwaltung den Gesetzgebungsprozess schon heute stark. Zuweilen werden Vorlagen ohne eine einzige Änderung im Parlament durchgewunken. Und dennoch: Das Halbberufsparlament ist sich seiner Rolle als «oberste Gewalt im Bund» bewusst und entscheidet punktuell, wo sich ein Eingreifen lohnt. Wenn der Wille vorhanden ist, zeigt der Gesetzgeber durchaus seine Zähne und überarbeitet einen Entwurf, bis er kaum mehr erkennbar ist. Bei der geplanten dynamischen Rechtsübernahme verschiebt sich diese Position in allen vier Phasen des Gesetzgebungsprozesses: Initiierung, Erarbeitung, Genehmigung und Umsetzung. **Phase 1 – Initiierung:** Heute werden Vorhaben regelmässig mittels Motionen und Postulaten angestossen. Auch Parlamentskommissionen und die Zivilgesellschaft, von der Petition bis zur Volksinitiative, entfalten eine Anstossfunktion. Künftig käme der Impuls für neue Rechtsakte stets von der Europäischen Kommission, also aus Brüssel, wo die Schweiz keine formellen Initiativrechte hat. Nicht einmal das Europäische Parlament verfügt über ein solches. **Phase 2 – Erarbeitung:** Neue EU-Rechtsakte werden in einem getakteten Verfahren von EU-Kommission, EU-Parlament und EU-Rat erarbeitet. Die Schweiz dürfte über das *Decision Shaping* mitreden und ihre Wünsche einbringen. Diese ohnehin unverbindliche Mitsprache ist Domäne der Exekutive, denn nach aussen vertritt der Bundesrat die Schweiz. Innerstaatlich hat das Parlament zwar Informations- und Konsultationsrechte, jedoch nur, wenn ein EU-Rechtsakt als wichtig genug eingestuft wird. Darüber entscheiden Bundesrat und Bundesverwaltung selbst. Die Einstufung liegt damit bei jenen Akteuren, deren Handlungsspielraum durch eine breite und frühzeitige Information des Parlaments eingeschränkt werden könnte. Gilt ein Rechtsakt als unwichtig, fehlt dem Parlament der Anknüpfungspunkt für Mitwirkung und damit auch der Zivilgesellschaft, die vor allem im Parlament lobbyiert. Dazu kommt der zeitliche Aspekt: Diplomatie ist ein Vollzeitjob. Unsere Volksvertretung versammelt sich dagegen nur viermal im Jahr, selbst die Aussenpolitische Kommission tagt lediglich etwa einmal im Monat. Die Legislative hinkt der Regierung damit nicht nur inhaltlich, sondern auch zeitlich hinterher. Im Zweikammersystem müssen sich zudem stets beide Räte finden. **Phase 3 – Genehmigung:** Vertragsänderungen sind und bleiben grundsätzlich genehmigungspflichtig. Die Kompetenz bliebe damit formell beim Parlament und, qua Referendumsvorbehalt, beim Volk. In der Praxis wirkt jedoch eine zweite Stellschraube: Vertragsänderungen «von beschränkter Tragweite» kann der Bundesrat selbstständig abschliessen. Was genau darunter fällt, ist gesetzlich nicht abschliessend definiert. > «Schon heute werden rund 95 Prozent aller völkerrechtlichen Vertragsabschlüsse und -änderungen der Schweiz vom Bundesrat, den Departementen oder Bundesämtern selbstständig abgeschlossen.» Schon heute werden rund 95 Prozent aller völkerrechtlichen Vertragsabschlüsse und -änderungen der Schweiz vom Bundesrat, den Departementen oder Bundesämtern selbstständig abgeschlossen. Das sind 700 bis 800 Fälle pro Jahr. Damit verschiebt sich auch die demokratische Kontrolle: Was am Parlament vorbeigeht, geht auch am Referendum vorbei. Denn nur parlamentarisch genehmigte Beschlüsse können dem Referendum unterstellt werden. Mit den Bilateralen III dürfte die Zahl solcher Vertragsänderungen weiter steigen. Eine effektive parlamentarische Kontrolle ist unter diesen Bedingungen wenig realistisch. **Phase 4 – Umsetzung:** Auch in der finalen Phase, der Umsetzung und Inkraftsetzung des EU-Rechtsakts, hält sich die parlamentarische *Marge de manœuvre* bereits heute in Grenzen. Unter den Bilateralen III dürfte sie je nach vorgegebener Umsetzungsmethode noch kleiner werden. Bei der sogenannten Äquivalenzmethode bleibt dem Parlament ein gewisser Spielraum. Es genügt, dass die Schweizer Gesetzgebung mit dem EU-Besitzstand des massgeblichen Binnenmarktsektors gleichwertig ist. Dieser Spielraum wird mal mehr, mal weniger genutzt. Bei der Integrationsmethode hingegen verbleibt keiner: Der EU-Rechtsakt wird tel quel Teil der schweizerischen Rechtsordnung und gilt unmittelbar. ## Demokratische Mitwirkung stärken Der Befund zieht sich durch alle vier Phasen: In der Praxis würde sich die politische Gestaltungsmacht merklich zu Bundesrat und Verwaltung verlagern. Das Parlament würde damit vom aktiven Gestalter zunehmend zur nachgelagerten Genehmigungsinstanz. > «In der Praxis würde sich die politische Gestaltungsmacht merklich zu Bundesrat und Verwaltung verlagern. Das Parlament würde damit vom aktiven Gestalter zunehmend zur nachgelagerten Genehmigungsinstanz.» Was in der bisherigen Debatte wenig Beachtung findet: Die diskutierte Verschiebung wirkt über das Parlament hinaus und hätte unmittelbare Folgen für die Volksrechte. Denn das Referendum kann nur gegen Neuerungen ergriffen werden, die den parlamentarischen Prozess überhaupt durchlaufen. Wo das Parlament nichts zu sagen hat, schweigt die direkte Demokratie erst recht. Auch Gegenvorschläge zu Volksinitiativen werden in EU-tangierenden Bereichen schwieriger. Anliegen von Volksbegehren lassen sich leichter mit dem Hinweis auf bilaterale Verpflichtungen abblocken. Gerade deshalb wären flankierende Massnahmen für die Bilateralen III wichtig. Sie können die sich abzeichnenden Demokratieverluste zwar nicht vollständig ausgleichen, aber begrenzen. Wenn die Schweiz bei der europäischen Rechtsetzung nur wenig mitbestimmen kann, sollte die demokratische Mitwirkung im Inland umso stärker ausgestaltet sein. Sonst droht eine doppelte Schwächung: wenig Einfluss in Brüssel und wenig Mitgestaltung in Bern. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/Graf-Kuster.png) ### Pioniere der Wirtschaftsgeschichte: Hans Künzi – Staatsbankrott wegen eines Computers? URL: https://www.schweizermonat.ch/pioniere-der-wirtschaftsgeschichte-hans-kunzi-staatsbankrott-wegen-eines-computers/ Last updated: 2026-09-23T17:37:57.000Z 0:00 /157 1× Seit rund drei Jahren war Hans Künzi Privatdozent für Mathematik an der ETH und der Universität Zürich, als ihn 1957 der Ruf der University of Minnesota ereilte. Seine Schweizer Freunde und Förderer wollten den aufstrebenden Wissenschafter jedoch unbedingt in Zürich halten. Denn Künzi hatte sich vor allem im neuen Wissenschaftsgebiet der Verfahrensforschung (Operations Research) bereits international einen Namen gemacht. Deshalb trieben seine Unterstützer in grosser Eile die Schaffung eines neuen Lehrstuhls voran. Nichts schien mehr im Weg zu stehen – bis der Regierungsrat die Berufung ablehnte. Nicht etwa, weil er an Künzis Leistungsausweis gezweifelt hätte, sondern weil einzelne Regierungsräte das finanzielle Ende des Kantons befürchteten. Denn mit einem Professor, der sich auf elektronische Datenverarbeitung spezialisierte, käme unweigerlich die Forderung nach einem Computer für die Universität auf den Kanton zu – und damit ungeheure Kosten! Erst im zweiten Anlauf klappte die Ernennung Künzis zum Professor für Ökonometrie und betriebswirtschaftliche Verfahrensforschung. Mit einer Befürchtung behielt der Regierungsrat recht: Bereits vier Jahre später bewilligte er die Anschaffung einer IBM 1620\. Mit seinen finanziellen Sorgen lag er jedoch falsch. Um die Maschine rasch auszulasten, nahm Künzi alle möglichen Aufträge aus anderen Fakultäten, aus der Wirtschaft, der Verwaltung und dem Militär an – Drittmittelbeschaffung und Fundraising, bevor jemand von diesen Begriffen gesprochen hatte. Sein Lehrstuhl wurde zu einem europäischen Zentrum für Operations Research, Künzi zu dessen Pionier. Herausragend waren etwa seine Neuberechnung des «Plans Wahlen» für die kriegswirtschaftliche Ernährungsplanung sowie die Evaluation eines neuen Kampfflugzeugs, die für Künzi aber in einer Niederlage endete. Entgegen den Empfehlungen der mustergültig durchgeführten Evaluation verzichtete der Bundesrat 1972 auf die Beschaffung der amerikanischen A-7 Corsair – ein (weiterer) rüstungspolitischer Skandal in der Schweiz. ### Sonderpublikation 54 - September 2026 URL: https://www.schweizermonat.ch/issue/sonderpublikation-54-september-2026/ Last updated: 2026-09-24T08:11:53.000Z Liechtenstein: Weltoffene Alpenmonarchie ### Ausgabe 1123 – September 2026 URL: https://www.schweizermonat.ch/issue/ausgabe-q-1123-september-2026/ Last updated: 2026-10-20T11:05:02.000Z Wie wir die Bürokratie wirksam zähmen Autoren dieser Ausgabe: - Niall Ferguson - Markus Somm - Tobias Straumann ### «Wenn ein Gesetz vors Volk kommt, überlegt sich das Parlament genauer, welche Vorlagen es überhaupt verabschiedet» URL: https://www.schweizermonat.ch/wenn-ein-gesetz-vors-volk-kommt-uberlegt-sich-das-parlament-genauer-welche-vorlagen-es-uberhaupt-verabschiedet/ Last updated: 2026-09-23T17:37:30.000Z 0:00 /571 1× **Mark Schelker, führt die direkte Demokratie eher zu einem grösseren oder zu einem kleineren Staat?** Mark Schelker: Tendenziell führt sie eher zu einem kleineren Staat. Dafür gibt es Hinweise aus der finanzpolitischen Forschung. Bürger entscheiden in fiskalischen Fragen meist konservativ – nicht immer, aber oft. Ähnliches zeigt sich bei der Regulierung. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt zeigen Simon Lüchinger und ich, dassdas obligatorische Gesetzesreferendum in den Kantonendie Regulierungsaktivität deutlich bremst. Wird dieses Referendumabgeschafft, kommt es zu einem quantitativen Regulierungsschub von etwa 50 Prozent. **Wie habt ihr das genau untersucht?** Wir haben die Regulierungsaktivität in den Kantonen über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren untersucht – also Veränderungen bei Gesetzen und Verordnungen aus Exekutive und Legislative. Viele Kantone kannten ursprünglich das obligatorische Gesetzesreferendum, einige schafften es später ab. Wir haben geschaut, was nach solch einer Abschaffung passiert. Das Ergebnis: Die Regulierungsaktivität auf Gesetzesebene nimmt deutlich zu. > «Das obligatorische Gesetzesreferendum in den Kantonen bremst die Regulierungsaktivität deutlich. Wird dieses Referendum abgeschafft, kommt es zu einem quantitativen Regulierungsschub von etwa 50 Prozent.» **Von welchen Kantonen sprechen wir?** Insgesamt haben 13 Kantonedas obligatorische Gesetzesreferendum abgeschafft, darunter Aargau, Bern und Zürich. Meist geschah das mit dem Argument, man wolle die Bürger nicht wegen unwichtiger Vorlagen an die Urne rufen und sie damit unnötig belasten. Das Interessante am Referendum ist ja nicht nur, dass die Bürger Vorlagen ablehnen können. Entscheidend ist auch der vorgelagerte Effekt: Wenn das Parlament weiss, dass über ein Gesetz zwingend abgestimmt wird, überlegt es sich genauer, welche Vorlagen es überhaupt verabschiedet. Dadurch gelangen von Anfang an andere Gesetze vors Volk. Beim fakultativen Referendum ist das anders. Dort braucht es einen zusätzlichen Aufwand, etwa das Sammeln von Unterschriften. **Welche Rolle spielt das Finanzreferendum?** Dazu gibt es Forschung, die seine Wirkung über längere Zeit untersucht. Typischerweise führt das obligatorische Finanzreferendum in den Kantonen zu tieferen Ausgaben und einer geringeren Steuerbelastung. **Warum haben politische Institutionen überhaupt einen Einfluss auf die Grösse des Staates? Man könnte ja argumentieren, dass Bürger ihre Präferenzen äussern können – ob über Wahlen oder Abstimmungen, sollte keine grosse Rolle spielen.** Die Spielregeln sind immer wichtig – im Fussball genauso wie in der Demokratie. Die alten Griechen hatten das System, in dem alle Bürger zusammenkamen und direkt abstimmten, ohne Entscheidungskompetenzen zu delegieren. Das war aber viel zu aufwendig und problematisch, weil nicht immer alle teilnehmen konnten. Deshalb führte man Wahlen ein und übertrug Entscheidungen an Parlamente. Dort organisieren sich Gruppen, um ihre Präferenzen einzubringen. Einige Interessen sind jedoch so breit und heterogen, dass sie sich kaum organisieren lassen. Das betrifft etwa Steuerzahler- oder Effizienzinteressen – also Anliegen, die wir eigentlich alle haben. Wir möchten alle einen effizienteren Staat, der möglichst wenig Ressourcen verschwendet und seine Aufgaben effizient erfüllt. Doch gerade solche Interessen lassen sich nur schwer bündeln und politisch durchsetzen. **Es gibt also Abweichungen von den aggregierten Präferenzen der Gesellschaft.** Ja. Das ist die Einsicht von Mancur Olson aus den 1960er-Jahren. Politische Institutionen haben einen Einfluss. Auf Bundesebene gibt es proportional gewählte Nationalräte und stärker majorzgewählte Ständeräte. Sie müssen sich dann noch mit der Exekutive absprechen und einig werden. Die verschiedenen Akteure müssen verhandeln, bis sie etwas umsetzen können, damit unterschiedliche Interessen aufgenommen werden, aber nicht in Extreme abgleiten. Das Interessante an den Gesetzesreferenden ist, dass die Bevölkerung als Vetospieler wieder ins Spiel kommt. Spezialinteressen haben dann weniger die Möglichkeit, eine Mehrheit zu vereinen. > «Im Laufe der Zeit hat sich das Gewicht der Regulierungsaktivität zur Regierung und zur Verwaltung verschoben.» **Würdest du sagen, dass die klassische Ökonomie etwas zu naiv war, oder sagt man gegenüber solchen Einflüssen von Institutionen einfach: Da kommen ein paar Leute zusammen, bilden einen Staat und der mediane Wähler entscheidet?** Ich glaube nicht. Bei dieser Frage gibt es zwei Unterfragen, die von unterschiedlichen ökonomischen Fachrichtungen untersucht werden. Die eine lautet: Was sollten wir tun? Was wäre optimal? Das ist wie ein Wegweiser, der zeigt, in welche Richtung wir uns bewegen sollten, um Ressourcen nicht zu verschwenden. Dabei abstrahiert man vom Entscheidungsprozess. Deshalb gibt es manchmal naive Vorschläge. **Was ist die zweite Unterfrage?** Da kommt die politische Ökonomie ins Spiel. Sie fragt: Wie können wir uns dem Optimum annähern, wenn wir die politischen Regeln einbeziehen? Da ist die Ökonomie überhaupt nicht mehr naiv; sie berücksichtigt politische Spiele, Interessengruppen und Entscheidungsprozesse. **Wie hat sich die Regulierungsaktivität auf Bundesebene in den letzten Jahrzehnten entwickelt?** Wir haben die Regulierungsaktivität auf Ebene von Gesetzen, der Verfassung, aber auch von Verordnungen und Dekreten seit 1848 untersucht. Zu Beginn gab es relativ wenig Aktivität. Dann kamen die Kriegsjahre, in denen der Bundesrat begann, sehr spezifisch zu regulieren – einzelne Unternehmen oder Bereiche wurden direkt reguliert, statt generell-abstrakte Regeln für alle zu erlassen. In den 1970er-Jahren stieg die Regulierungsaktivität dann stark an, vor allem auf Ebene der Verordnungen. Es baute sich eine regelrechte «Regulierungswand» auf – möglicherweise zunächst als Reaktion auf die schwierigen Jahre mit den Ölkrisen. Doch die Aktivität blieb hoch und nahm bis fast 2010 weiter zu, bevor sie sich auf sehr hohem Niveau stabilisierte. **Lässt sich aus eurer Forschung ableiten, wie man den Regulierungsdschungel etwas eindämmen könnte?** Zum einen gibt es Ansätze, die eher die Symptome bekämpfen. Dazu gehören Regulierungs- oder Verwaltungsbremsen. Ein Beispiel sind Regeln, wonach für jedes neue Gesetz ein bestehendes abgeschafft werden muss. Einige Länder haben solche «One in, one out»-Regeln eingeführt, Deutschland etwa 2015\. Grosse Effekte sind bislang nicht erkennbar. Grossbritannien führte die Regel ebenfalls ein und schaffte sie nach zwei Jahren wieder ab. Das Grundproblem dieser Symptombekämpfung ist, dass sie das politische Gleichgewicht und die dahinterstehenden Interessen nicht verändert. Zunächst streicht man einfach alte, überholte Gesetze. Irgendwann ist dieses Reservoir ausgeschöpft. Dann beginnt die Verhandlung zwischen Interessengruppen, was meist nicht zu besseren Ergebnissen führt. Ausserdem zwingt man Interessengruppen, sich über verschiedene Gebiete hinweg abzusprechen, was eigentlich nicht gewünscht ist. **Was würde denn das politische Gleichgewicht wirklich verändern?** In einer Demokratie wirken unterschiedliche Gewalten zusammen: Legislative, Exekutive und Judikative. Diese Gewaltenteilung soll Interessen in Konflikt bringen, damit möglichst breite Kompromisse entstehen. Unsere Forschung zeigt: Wenn die Bürger als zusätzliche Vetospieler ins Spiel kommen, müssen sich Parlament und Regierung überlegen, welche Vorlagen überhaupt eine Chance haben. Das unterscheidet die Schweizer Politik von fast allen anderen Ländern und ist ein zentraler Standortfaktor. Eine weitere Dimension ist das Verhältnis zwischen Exekutive und Legislative. > «Wenn es sich nicht mehr lohnt, 100 Prozent zu arbeiten, weil die Steuerbelastung zu stark steigt, sinkt die Produktivität. Solche Effekte sind viel dramatischer als die reinen Bürokratiekosten.» **Wo liegt da die Herausforderung?** Im Laufe der Zeit hat sich das Gewicht der Regulierungsaktivität zur Regierung und zur Verwaltung verschoben. Zwar verfügt das Parlament mit der Motion über ein Instrument, um darauf zu reagieren. Aber dieses ist sehr aufwendig. Denkbar wäre deshalb ein Verordnungsreferendum. Das würde die Position des Parlaments gegenüber Regierung und Verwaltung stärken. **Wie stehst du zu einem Finanzreferendum auf Bundesebene?** Sehr positiv. Ein zentrales Argument ist die Beteiligung der Bürger; am Ende tragen sie die Kosten der Besteuerung. Diese Kosten sind nicht nur das, was man an den Staat abgibt. Dazu kommen auch jene Dinge, die man wegen einer zu hohen Steuerbelastung nicht tut. Wenn es sich beispielsweise nicht mehr lohnt, 100 Prozent zu arbeiten, weil die Steuerbelastung zu stark steigt, sinkt die Produktivität. Solche Effekte sind typischerweise viel dramatischer als die reinen Bürokratiekosten. ### «Die kurzen Wege in unserem Land ermöglichen es, Verwaltung, Unternehmen und Politik an einen Tisch zu bringen und Lösungen zu entwickeln» URL: https://www.schweizermonat.ch/13-fragen-zum-finanzplatz/ Last updated: 2026-09-23T17:35:51.000Z 0:00 /484 1× 1. **Die EFG ist in Liechtenstein tätig und Teil einer international aufgestellten Bankengruppe. Welcher Aspekt zu Liechtenstein überrascht Ihre internationale Kundschaft am meisten?** «Dass Liechtenstein so international und innovativ ist. Viele rechnen mit einem eher lokalen Finanzplatz und erleben eine weltweit vernetzte Bank mit über 40 Standorten mit vollem Zugang zum europäischen Markt durch die EWR-Mitgliedschaft.» **Tobias Wehrli, CEO EFG Bank von Ernst** --- 1. **Welche gemeinsame Entscheidung von Politik und Finanzbranche der letzten 20 Jahre hat den Finanzplatz stärker geprägt, als es die Öffentlichkeit realisiert?** «Das war der Beitritt zum EWR und dann, im Jahre 2009, der Abschied vom Denken in regulatorischen Nischen hin zu einem international anerkannten Finanzplatz. Heute geht es wieder um eine grosse Entscheidung: ob wir die technologische Transformation verwalten oder anführen.» **Simon Tribelhorn, Geschäftsführer Liechtensteinischer Bankenverband** --- 1. **Welche Fehlannahme in der Wahrnehmung hält sich am hartnäckigsten, wenn Sie Liechtenstein und seinen Finanzplatz im Ausland positionieren?** «Wenigen ist bewusst, dass Liechtenstein trotz Zollunion mit der Schweiz auch EWR-Mitglied ist. Das Land verfügt damit nicht nur über den Zugang zu zwei Wirtschaftsräumen, sondern übernimmt auch die EU-Regulierungen. Damit treffen Kunden aus der EU dieselben rechtlichen Rahmenbedingungen an wie zu Hause.» **Geschäftsstelle Liechtenstein Finance** --- 1. **Das Fürstenhaus übernimmt nicht nur eine staatstragende, sondern auch eine zentrale unternehmerische Rolle in Liechtenstein. Inwiefern widerspiegelt sich das Denken und Handeln der Fürstenfamilie in der Kultur und dem Geschäftsgebaren der LGT?** «Der Fürstlichen Familie ist es über Jahrhunderte gelungen, ihr Vermögen zu erhalten und an die nächste Generation weiterzugeben. Diese Haltung prägt die LGT und widerspiegelt sich in unserer Kultur – im offenen, wertschätzenden Umgang, der unternehmerisches Denken fördert und kontroverse Diskussionen zulässt. Die Fürstliche Familie ist nicht nur Eigentümerin, sondern auch die grösste Kundin der LGT. So wissen wir aus langjähriger Erfahrung genau, was vermögende Familien brauchen..» **Roland Matt, CEO Private Banking Europe/LGT Bank AG** --- 1. **Welche wenig bekannte Besonderheit des Finanzplatzes kann sich im Ausland gerade für eine unabhängige Privatbank als Ass im Ärmel erweisen?** «Ein faktisch schuldenfreier Staat, gut kapitalisierte Banken mit risikoarmen auf Vermögensverwaltung fokussierten Geschäftsmodellen und ein integrierter Finanzplatz mit gutem Rechtsrahmen für Fonds und Stiftungen, der flexible Vermögensstrukturierungen ermöglicht, sind für uns das Ass im Ärmel.» **Roman Pfranger, CEO Neue Bank AG** --- 1. **Wie überzeugen Sie potentielle Kunden aus Deutschland oder Österreich im Rahmen Ihrer Beratung vom Finanzplatz Liechtenstein?** «Liechtenstein überzeugt vermögende Familien und Unternehmer mit politischer und wirtschaftlicher Stabilität, hoher Rechtssicherheit, einem AAA-Rating sowie der konsequenten Umsetzung internationaler Transparenzstandards. Die LLB vereint diese Standortvorteile mit 165 Jahren Erfahrung und einer ganzheitlichen Beratung, die durch moderne Technologien optimal ergänzt wird..» **Christoph Reich, Group CEO Liechtensteiner Landesbank (LLB) AG** --- 1. **Warum sind schnelle wirtschaftspolitische Entscheidungen wie in Liechtenstein in Deutschland oder in den USA kaum möglich?** «Die kurzen Wege in unserem Land ermöglichen es, Verwaltung, Unternehmen und Politik an einen Tisch zu bringen und Lösungen zu entwickeln. Die schlanken Strukturen führen zudem dazu, dass Zuständigkeiten in der Umsetzung unmittelbar geklärt werden können, was die Geschwindigkeit zusätzlich erhöht.» **Dr. Maximilian Rüdisser, Geschäftsführer Liechtensteinische Industrie- und Handelskammer – LIHK** --- 1. **Welche Herausforderungen ergeben sich für unabhängige Vermögensverwalter, wenn ein Finanzplatz eher klein ist?** «Das bringt sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Einerseits ermöglichen kurze Wege und ein enger Austausch mit Behörden und Marktteilnehmern eine ausgeprägte Kundennähe. Rund 90 Prozent unseres Geschäfts sind Cross-Border-Aktivitäten, umso wichtiger sind die Standortvorteile Liechtensteins wie die politische Stabilität, eine liberale Rechtsordnung, hohe Bonität und v.a. der duale Marktzugang zur Schweiz und zur EU.» **Fredy Wolfinger, Präsident Verein unabhängiger Vermögensverwalter in Liechtenstein − VuVL** --- 1. **Liechtenstein führte 2020 als erstes Land der Welt ein umfassendes Blockchain-Gesetz ein. Wie kam es dazu, und wie hat die Finanzbranche diesen Vorsprung bislang nutzen können?** «Liechtenstein machte aus seiner Grösse einen Vorteil: die kurzen Wege zwischen Politik, Aufsicht und Finanzbranche. Neue Entwicklungen liessen sich früh erkennen und in einen klaren Rechtsrahmen überführen. Für den Finanzplatz brachte dies auch einen Wissensvorsprung. Banken und andere Marktteilnehmer konnten Geschäftsmodelle rund um digitale Vermögenswerte früh entwickeln, wertvolle Erfahrungen sammeln und sich international positionieren.» **Edi Wögerer, CEO Bank Frick AG** --- 1. **Liechtenstein hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner. Woher kommen in zwanzig Jahren die Fachkräfte, die das Land braucht? Reichen Pendler aus der Schweiz und Österreich?** «Das Land ist auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. In den kommenden zwanzig Jahren wird der Wettbewerb um Fachkräfte zunehmen, auch in der Schweiz, in Österreich und Deutschland, nämlich durch den demografischen Wandel. Die Aufgabe von Liechtenstein Marketing, unser Land als attraktiven Arbeits- und Karrierestandort zu positionieren, ist deshalb von grosser strategischer Bedeutung.» **Mathias Ulrich, Geschäftsführer Liechtenstein Marketing** --- 1. **Wie entwickelt die VP Bank ihre Nachwuchstalente und bindet diese langfristig?** «Wir schenken jungen Menschen früh Vertrauen und geben ihnen Gestaltungsspielraum. Wir investieren in ihre fachliche und persönliche Entwicklung und eröffnen ihnen Perspektiven über unsere verschiedenen internationalen Standorte hinweg. So entwickeln wir nicht nur Talente, sondern schaffen die Basis für eine langfristige Bindung.» **Urs Monstein, Group CEO VP Bank** --- 1. **Welche Entwicklungen werden die Fondsindustrie in den kommenden zehn Jahren grundlegend verändern?** «Technologische Innovationen, globale Wettbewerbsdynamiken, der demografische Wandel und der grösste Vermögenstransfer der Geschichte, das sind die wichtigsten Trends. Liechtenstein kann seine Vorteile ins Spiel bringen: regulatorische Stabilität, Zugang zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und internationale Wettbewerbsfähigkeit.» **Thomas Marte, Präsident LAFV − Liechtensteinischer Anlagefondsverband** --- 1. **Die Bendura Bank hat eine starke Bindung zum asiatischen Markt. Inwiefern wird die Entwicklung in Asien das internationale Private Banking in den nächsten zehn Jahren verändern?** «Die Zukunft des internationalen Private Bankings wird zunehmend in Asien mitgestaltet. Wer die asiatischen Unternehmerfamilien von heute versteht, wird die vermögenden Kunden von morgen gewinnen. Davon können insbesondere Boutique-Banken profitieren, die persönliche Betreuung mit internationaler Perspektive verbinden.» **Philipp Forster, CEO Bendura Bank AG** ### Ein Föderalismus mit mehr Wahlfreiheit URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-foderalismus-mit-mehr-wahlfreiheit/ Last updated: 2026-09-23T14:34:54.000Z 0:00 /452.233958 1× Wirtschaftswachstum fällt nicht vom Himmel; es braucht verlässliche, zugleich aber anpassungsfähige Strukturen. Ein überbordender Staat bremst häufig durch starre Regeln und wachsende Bürokratie die wirtschaftliche Dynamik. Die Anpassungsfähigkeit der staatlichen Institutionen ist eine wirksame Medizin für wirtschaftliches Gedeihen. Ein föderativer Staatsaufbau ist dafür ein grosser Gewinn. Stehen die föderalen Einheiten, wie Gemeinde oder Kanton, im Wettbewerb, so können Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Tätigkeit dort ausweiten, wo sie die besten Bedingungen vorfinden. Die föderalen Einheiten sind also dazu gezwungen, ihre Rahmenbedingungen ständig zu optimieren, um Abwanderung zu verhindern und Unternehmen anzuziehen. Dadurch entstehen handfeste Anreize zu investieren, Unternehmen zu gründen und Innovationen voranzutreiben, was in letzter Konsequenz zum besagten Wirtschaftswachstum führt. Zumindest in der Theorie. > «Innovationen werden vielerorts durch extensive und bürokratische staatliche Regulierungen gebremst oder gar verunmöglicht.» Der heutige Föderalismus entspricht den Anforderungen einer wachsen wollenden Wirtschaft jedoch nur beschränkt. Die föderalen Einheiten sind territorial fixiert, decken alle Aufgaben gemeinsam ab und stehen untereinander kaum im Wettbewerb. Innovationen werden vielerorts durch extensive und bürokratische staatliche Regulierungen gebremst oder gar verunmöglicht. Das ist bedauerlich, denn gerade der Föderalismus könnte als Wettbewerb der Ideen und Lösungen eine starke Innovationskraft entfalten. ## Intensiverer Wettbewerb Genau hier setzt die Idee eines neuen Föderalismus an, der auf FOCJ (Functional Overlapping Competing Jurisdictions) beruht. Sie lässt sich mittels vier Anforderungen beschreiben. • Erstens ist jeder FOCUS (als Einzahl von FOCJ) auf eine einzelne Aufgabe ausgerichtet, etwa die Primarschulbildung, weiterführende Bildungsangebote, die Wasserversorgung oder den öffentlichen Nahverkehr. Ein FOCUS soll gerade so gross sein, wie diese Aufgabe es verlangt. Auf diese Weise können Skaleneffekte in der Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen ausgenutzt werden. Anders als eine Gemeinde, die viele Funktionen gleichzeitig abdeckt, ist er funktional («functional») orientiert. • Zweitens gehört dieselbe Region, und damit dieselben Bürgerinnen und Bürger, gleichzeitig zu mehreren solchen Einheiten, je einer pro Aufgabe. Ihre Gebiete überlappen sich («Overlapping»). Kreuzlingen, das direkt am Bodensee liegt, könnte beispielsweise in einem FOCUS für Wasserversorgung mit Konstanz und anderen Seeanrainergemeinden zusammengeschlossen sein und gleichzeitig in einem anderen FOCUS für die Apfelernte mit den Gemeinden im Thurgau kooperieren. Im traditionellen Föderalismus wird eine solche Überschneidung von vornherein verhindert. • Drittens können für dieselbe Aufgabe mehrere Einheiten als direkte Konkurrenten nebeneinander bestehen. Bleiben wir beim Beispiel der Thurgauer Apfelwirtschaft. Es könnten in derselben Region zwei verschiedene FOCJ für die Logistik und Vermarktung der Ernte existieren. Wenn eine Gemeinde wie Kreuzlingen merkt, dass ihr aktueller FOCUS zu hohe Steuern verlangt und ineffizient arbeitet, kann sie austreten und zum konkurrierenden FOCUS wechseln. Die Bürgerinnen und Bürger sowie die Gemeinden haben somit eine echte Wahl. Dieser ständige Wettbewerb zwingt jede Einheit, gute Leistungen zu günstigen Bedingungen anzubieten («Competing»). Der politische Wettbewerb wird intensiviert. Während in unseren heutigen Gemeinden, die sämtliche staatlichen Aufgaben auf einmal abdecken müssen, vor allem politische Generalisten erfolgreich sind, erhalten in den FOCJ echte Fachspezialisten für die jeweilige Funktion eine gute Chance. Zudem können manche Ämter ehrenamtlich oder in Teilzeitarbeit ausgeführt werden. • Viertens müssen diese neuen föderativen Gebilde selbst entscheiden können, in welcher Weise sie handeln. Sie sind damit selbstständig und bilden eine eigene Hoheit («Jurisdiction»). Sie können eigene Steuern erheben und damit vor allem die für das Wirtschaftswachstum notwendige Infrastruktur selbst finanzieren. > «Der ständige Wettbewerb zwingt jede Einheit, gute Leistungen zu günstigen Bedingungen anzubieten.» Die Bürgerinnen und Bürger können ihre Interessen auf zweierlei Weise geltend machen: zum einen im politischen Wettbewerb in Form des Stimm- und Wahlrechts, zum anderen durch die Möglichkeit, sich einem anderen FOCUS anzuschliessen. Der Austritt und Eintritt in einen besser geeigneten FOCUS beschränkt sich nicht auf eine geografische Auswanderung, was beträchtliche Kosten verursachen würde. Die Personen müssen nicht umziehen. Dieser infolge der FOCJ neu entstehende Wettbewerb entsteht somit ohne hohe Kosten für die Beteiligten. Je stärker sich die FOCJ überlappen, desto geringer sind die Kosten. Aus- und Eintritt können auf individueller Ebene oder auf der Ebene einer politischen Einheit (zum Beispiel Gemeinde) geschehen. Wünscht eine Gemeinde oder ein Kanton ausdrücklich kein weiteres Wachstum, etwa um ihren ländlichen Charakter oder ihre Landschaft zu bewahren, muss sie keiner wachstumsorientierten Einheit beitreten. Die FOCJ schreiben niemandem Wachstum oder sonst eine bestimmte Entwicklung vor. ## Ergänzung zum heutigen System FOCJ sind keine Utopie, sondern knüpfen an Organisationsformen an, die in kleinerem Massstab bereits bestehen. In den Vereinigten Staaten existieren «Special Districts», und in einigen Schweizer Kantonen gibt es funktionale Spezialgemeinden. So können zwei Gemeinden gemeinsam ein Feuerwehrauto anschaffen oder zusammen eine Schule betreiben. Dass sich FOCJ bisher jedoch nur selten etabliert haben, hat vor allem zwei Gründe. Erstens ist der politische Aufwand, sich auf FOCJ zu einigen, unter den heute geltenden Bedingungen oft so gross, dass sie gar nicht zustande kommen. Zweitens stellen sich Politik und Verwaltung nur ungern einer Konkurrenz von aussen und bremsen solche Ansätze. Wenn eine föderale Einheit die genannten Bedingungen (etwa bei einer gemeinsamen Feuerwehr) bereits erfüllt, sollte sie weiterbestehen. Allerdings dürften selten alle vier Bedingungen erfüllt sein, insbesondere dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mitentscheiden dürfen. Die heutigen föderalen Einheiten sind meist historisch gewachsen und nicht zur Erfüllung einer Funktion entstanden. Sie erfüllen vielerlei Funktionen gleichzeitig. Daraus ergeben sich viele Überlappungen, aber kaum Wettbewerb – entweder sind die Einheiten zu klein oder zu gross. FOCJ könnten solche Aufgaben passgenauer organisieren und deshalb effizienter erfüllen. Die hier vorgeschlagenen FOCJ sollten als Ergänzung zum heutigen System gezielt zugelassen und erprobt werden. Nur durch solche institutionellen Experimente lassen sich nützliche praktische Erfahrungen sammeln. Dabei würde sich zeigen, in welchen Bereichen der wettbewerbsorientierte Ansatz den herkömmlichen Strukturen überlegen ist und wie er wirtschaftliche Entwicklung fördern kann. Die Schweiz bewies 1848 den Mut, ihre staatliche Ordnung grundlegend neu zu gestalten. Einen ähnlichen institutionellen Mut braucht es heute, um den Föderalismus weiterzuentwickeln. ### Bier und Brezeln mit dem Fürsten: Am Staatsfeiertag kommen in Liechtenstein Fürstenhaus, Politik und Bevölkerung zusammen URL: https://www.schweizermonat.ch/bier-und-brezeln-mit-dem-fursten-am-staatsfeiertag-kommen-in-liechtenstein-furstenhaus-politik-und-bevolkerung-zusammen/ Last updated: 2026-09-23T17:34:14.000Z 0:00 /757 1× Es ist kurz vor neun. Über dem Rosengarten von Schloss Vaduz hängt schwere Hochsommerluft. Die letzten Vorbereitungen für den Staatsakt laufen auf Hochtouren: Frauen in Liechtensteiner Tracht richten ihre schwarzen Radhauben, Musikanten stimmen ihre Instrumente und Pfadfinder in khakifarbenen Uniformen erledigen letzte Handgriffe. Hinter dem Garten öffnet sich der Blick ins St.Galler Rheintal, am Horizont erhebt sich der Säntis. In aller Regel bleibt der fürstliche Rosengarten der Öffentlichkeit verschlossen. Am Staatsakt gehört er jedoch dem Volk. Zunächst warten hier aber noch die Medienschaffenden auf ihre zugewiesenen Gesprächspartner: Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, Landtagspräsident Manfred Kaufmann und Regierungschefin Brigitte Haas. Sie stehen für Fürstenhaus, Parlament und Regierung – die drei politischen Säulen des Fürstentums. ## **Nähe als Staatsprinzip** Während Erbprinz Alois Fragen der Journalisten beantwortet, erscheint unverhofft sein Vater, Fürst Hans-Adam II., im Rosengarten. Der 81-Jährige will sich vor der Hitze noch etwas die Beine vertreten. Ohne Jackett, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und gut gelaunt schlendert der Landesvater des 40000-Seelen-Staats durch den Rosengarten. Vater und Sohn unterhalten sich kurz, dann kehrt der Erbprinz mit einem Lächeln zum Gespräch zurück. Wenig später erreichen auch Landtagspräsident Manfred Kaufmann und Regierungschefin Brigitte Haas zum Gespräch den Rosengarten. Fürstenhaus, Parlament, Regierung: Noch vor Beginn des Staatsakts geben sich hier die drei politischen Institutionen des Landes die Klinke in die Hand. Ihre Rollen sind verschieden. Doch die Frage, die wir ihnen stellen, ist dieselbe: Was hält diesen kleinen Staat zusammen? Kaufmann antwortet aus der Logik des Parlaments: nicht Einigkeit um jeden Preis, sondern Streit mit Anstand. Ein Staatsfeiertag lebe vom Gemeinsamen, ein Parlament vom Widerspruch. «Man kann ja nicht immer der gleichen Meinung sein.» Auch Regierungschefin Brigitte Haas erachtet den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht als Selbstverständlichkeit. Wohlstand, Stabilität und wirtschaftlicher Erfolg mögen von aussen selbstverständlich wirken. Liechtensteins Stärke liege darin, dass man probiere, zusammenzubleiben. «Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, das ganze Land»,sagt die studierte Juristin. Dabei helfen die kurzen Wege. Sie machen das Land beweglich und handlungsfähig: «Wir können schnell reagieren, wenn es mal Stürme gibt. Und die gibt es immer wieder.» Und damit hat die Magistratin nicht unrecht. Der jüngste Sturm liegt erst wenige Wochen zurück: Ende Juli verschafften sich Unbekannte Zugriff auf sensible Daten zu rund 31000 Unternehmen, Stiftungen und anderen Organisationen. Die Cybersicherheit ist an diesem Staatsfeiertag ein wiederkehrendes Gesprächsthema. Die Staatsspitze macht aus dem Vorfall kein Geheimnis und spricht offen über die jüngsten Ereignisse. Doch viel Zeit, darüber zu reden, bleibt an diesem Morgen nicht. Nach den Interviews wechseln die Rollen. Aus den Gesprächspartnern werden Repräsentanten des Staates. Vom Rosengarten geht es hinüber zum offiziellen Staatsakt auf der Schlosswiese. Dort sprechen der Erbprinz, der Landtagspräsident und Bischof Benno Elbs, Administrator der Erzdiözese, vor der versammelten Bevölkerung, die sich auf der Schlosswiese unterhalb von Schloss Vaduz einfindet. Auch die Trachtengruppen, Musikvereine und Pfadfinder ziehen nun ein. Die Gespräche verstummen, die Instrumente übernehmen den Ton. Für eine Stunde weicht die ungezwungene Nähe des Rosengartens dem staatlichen Zeremoniell. Monarchie, Parlament, Kirche, Blasmusik: In einem grösseren Land könnte diese Mischung leicht museal wirken. In Liechtenstein gehört sie zur politischen Gegenwart. ## Die Monarchie bewegt sich Was auf dem Papier wie eine ungewöhnliche Konstruktion aussieht, wirkt auf der Schlosswiese erstaunlich selbstverständlich. Der Erbprinz spricht über sein Land, der gewählte Landtagspräsident setzt eigene Akzente. Ein Bischof spendet Segen und lädt die rund 3500 auf der Schlosswiese versammelten Menschen dazu ein, «für unser Land zu beten». Danach erklingt die Landeshymne – zur gleichen Melodie wie «God Save the King». Doch hier wird nicht der britische Monarch besungen, sondern Gott, Fürst und Vaterland. Die Melodie ist dieselbe, der staatspolitische Kontext könnte kaum unterschiedlicher sein. Dann sorgt ausgerechnet der Erbprinz für den überraschendsten Moment des Vormittags. Noch 2019 hatte Alois die weibliche Thronfolge ausdrücklich abgelehnt. Nun verkündet er auf der Schlosswiese seinem Volk die Kehrtwende: Das Fürstenhaus ändert sein Hausgesetz. Künftig entscheidet bei der Thronfolge nicht mehr das Geschlecht, sondern allein die Geburtsreihenfolge. Das erstgeborene Kind wird Thronfolgerin oder Thronfolger und kann später Fürstin oder Fürst werden. Heisst: Künftig kann auch eine Frau den Thron besteigen. Die neue Regel gilt allerdings nur für künftig geborene Nachkommen der Kinder von Alois und Erbprinzessin Sophie; die heutige Thronfolge bleibt unverändert. Auf der Schlosswiese brandet Beifall auf, Besucher jubeln. Ausgerechnet die im Ausland oft als konservativ belächelte Monarchie verkündet an diesem Staatsfeiertag eine grosse Reform. Man muss dieses eigentümliche Staatsmodell im Herzen Europas nicht romantisieren oder verklären, um festzustellen: Anderswo wird über die Distanz zwischen Regierenden und Regierten geklagt. Hier kann man sie in wenigen Schritten durchmessen. Nach dem Staatsakt löst sich die versammelte Menge langsam auf. Gleichzeitig öffnet sich auch der Rosengarten, in dem am Morgen noch die Interviews stattgefunden haben. Bis vor wenigen Stunden warteten hier Journalisten auf die Staatsspitze; jetzt schlendern Familien mit Kinderwagen durch den Garten. Näher als an diesem Tag kommt man dem Schloss kaum. Um 11.30 Uhr eröffnet der Erbprinz im Namen der fürstlichen Familie den traditionellen Apéro. Es gibt Bier und Brezeln. Die Menschen stehen in kleinen Gruppen zusammen. Politiker, Mitglieder des Fürstenhauses und Besucher mischen sich untereinander. Dass ausgerechnet Brezeln gereicht werden, fügt sich fast schon zu gut ins Bild: Erbprinzessin Sophie entstammt dem Haus Wittelsbach – jener bayerischen Dynastie, die von 1180 bis 1918 die Herzöge, später Kurfürsten und schliesslich die Könige des heutigen Freistaats stellte. Ein wenig Bayern gehört an diesem Tag also auch zur liechtensteinischen Identität. > «Der Staatsfeiertag war von Anfang an auch eine Form geistiger Landesverteidigung: die demonstrative Behauptung, ein eigenes Land zu sein und bleiben zu wollen.» ## **Ein Land sagt «Hoi»** Doch der Staatsfeiertag bleibt nicht lange oben beim Schloss. Gegen Mittag zieht es die Menschen hinunter ins Zentrum von Vaduz. Aus dem zeremoniellen Staatsakt mit 3500 Gästen wird ein Volksfest mit über 30000 Besuchern. Strassen und Plätze füllen sich, Vereine öffnen ihre Stände, von den Bühnen erklingt Musik. Am Nachmittag zieht auch die diesjährige Gastgemeinde Gamprin ein. Das Pathos des Vormittags verflüchtigt sich hier unten im «Städtle», wie das Zentrum von Vaduz liebevoll genannt wird, rasch. Zwischen Bierbechern, «Fürsten-Spritz» – der durchlauchten Abwandlung des Aperol Spritz –, «Grizzly»-Spiessen aus Schweinshaxe, Olma-Bratwürsten, Raclette, Kinderwagen, Hüpfburgen und Vereinsständen wird aus dem Staatsfeiertag ein Dorffest für ein ganzes Land. Liechtenstein zählt elf Gemeinden, doch an diesem Nachmittag scheint es für ein paar Stunden nur einen gemeinsamen Dorfplatz zu geben. Dass das Fest heute etwas kleiner ist als früher, stört nicht jeden. Ein Besucher erzählt, er sei froh über die Zugangskontrollen beim Staatsakt. Früher seien ganze Busladungen aus Deutschland über die Grenze gekommen, um sich am Freibier und an den kostenlosen Brezeln zu bedienen. Seit der Staatsakt nur noch mit Ticket zugänglich sei und Bändchen verteilt würden, gehe es merklich ruhiger zu. Dichtestress auf Liechtensteinisch. Mit der Abendröte ziehen immer dichtere Wolken über das Rheintal. Es beginnt leicht zu nieseln. Der Feierlaune tut das keinen Abbruch. Vor den Ständen drängen sich weiterhin die Besucher, auf den Plätzen wird ausgelassen zur Musik getanzt. Als es schliesslich stockdunkel ist, tauchen Scheinwerfer den markanten Ziegelbau des Landtags und das Schloss Vaduz in die liechtensteinischen Landesfarben Blau und Rot; goldene und weisse Akzente greifen die Farben von Fürstenhaus und Staatswappen auf. Am Vormittag traten Erbprinz, Landtagspräsident und Regierungschefin noch als Vertreter ihrer Institutionen auf und sprachen zu «ihrem» Volk. Am Abend sind diese Grenzen verwischt. Politiker stehen zwischen den Besuchern, Bekannte grüssen sich über die Strasse, an den Ständen schenken Vereine Getränke aus. In einem Land dieser Grösse ist die Gesellschaft alles andere als anonym. Man kennt und schätzt sich. Überall hört man das vertraute «Hoi». Ein förmliches «Grüezi» hört man kaum. Es wäre auch unnötig: An diesem Tag scheint jeder mit jedem per Du zu sein. Darauf besteht selbst der Landesfürst. Manche begrüssen ihn wenig standesgemäss, dafür umso liechtensteinischer mit «Hoi Fürst». > «Besonders auffällig ist, wie frei der Staatsfeiertag von den politischen Moden ist – obwohl es sich um einen staatspolitischen Anlass handelt. In der Schweiz ist das keineswegs selbstverständlich.» Vielleicht liegt genau in dieser Melange der eigentliche politische Gehalt dieses eigentümlichen Feiertags. Kleinstaatlichkeit bedeutet nicht automatisch Gemeinschaft, Konsens oder Vertrauen. Auch auf engem Raum kann man sich gründlich zerstreiten. Aber man kann einander schlechter aus dem Weg gehen. Die Liechtensteiner wissen das offenbar – und haben diese Einsicht zu einem Teil ihres Selbstverständnisses gemacht. Besonders auffällig ist, wie frei der Staatsfeiertag von den politischen Moden ist – obwohl es sich um einen staatspolitischen Anlass handelt. In der Schweiz ist das keineswegs selbstverständlich.Dort vereinnahmt häufig das eine oder andere politische Lager solche Feiern, um die eigene Agenda voranzutreiben oder Stimmung gegen den politischen Gegner zu machen. In Liechtenstein ist davon nichts zu spüren. Hier steht der Zusammenhalt im Vordergrund. ## **Geistige Landesverteidigung** Dass der Staatsfeiertag überhaupt existiert, hat mit einer Zeit zu tun, in der Liechtensteins Eigenständigkeit alles andere als selbstverständlich war. Erst 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg, erklärte die Regierung den 15\. August zum nationalen Feiertag. Mariä Himmelfahrt wurde mit dem Geburtstag von Fürst Franz Josef II. – Alois’ Grossvater – am folgenden Tag verbunden. Dahinter stand mehr als Festtagsorganisation: Fürst und Volk sollten ihre Geschlossenheit demonstrieren, während Nationalsozialisten auch in Liechtenstein auf einen Anschluss an das Deutsche Reich hinarbeiteten. Der Staatsfeiertag war damit von Anfang an auch eine Form geistiger Landesverteidigung: die demonstrative Behauptung, ein eigenes Land zu sein und bleiben zu wollen.Acht Jahrzehnte später ist die Bedrohung eine andere, das Ritual aber geblieben. Man trifft sich unterhalb des Schlosses, hört dem Erbprinzen, dem Parlamentspräsidenten und dem Bischof zu, trinkt danach gemeinsam ein Bier und ruft sich gegenseitig egalitär «Hoi» zu. Vielleicht verteidigt Liechtenstein seine Eigenständigkeit heute gerade so: indem es sie einmal im Jahr gemeinsam aufführt. ### Eine «Ervolksprämie» für Volksinitiativen könnte das Grundproblem der Politik lösen URL: https://www.schweizermonat.ch/eine-ervolkspramie-fur-volksinitiativen-konnte-das-grundproblem-der-politik-losen/ Last updated: 2026-09-23T15:07:15.000Z 0:00 /653.401958 1× Viele glauben, der Schweizer Staat sei schlank. Als Beleg dient meist die offizielle Staatsquote, also das Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Sie lag 2024 in der Schweiz bei 31,3 Prozent, gegenüber 49,5 Prozent in Deutschland. Doch dieser Vergleich bildet die tatsächliche Bedeutung des Staates nur unvollständig ab. In der Schweiz werden obligatorische Krankenkassenprämien und Beiträge an die berufliche Vorsorge nicht vollständig als Staatsausgaben erfasst. Werden auch zwangsfinanzierte Renten- und Gesundheitsleistungen berücksichtigt, nähert sich die Schweizer Staatsquote mit rund 43 Prozent der deutschen stark an. Und wenn diese Ausgaben nicht relativ zum hohen und durch Grenzgänger noch aufgeblähten BIP gerechnet werden, sondern pro Einwohner, sind das rund 40700 Franken. Das ist deutlich mehr als in Deutschland, das zu laufenden Wechselkursen gerechnet nur rund 25100 Franken und zu kaufkraftbereinigten Wechselkursen rund 35400 Franken aufwendet. > «Es geht nicht darum, den Staat möglichst klein zu machen, sondern möglichst gut.» Eine hohe Staatsquote und hohe Pro-Kopf-Ausgaben bedeuten nicht automatisch, dass der Staat zu gross ist. Entscheidend ist vielmehr, ob seine Grösse durch Leistungen gerechtfertigt ist, die effizient erbracht und von den Bürgern gewünscht werden. Problematisch wird ein grosser Staat dort, wo er auf ineffizienten und bürgerfernen Leistungen, unnötigen Regulierungen oder politischer Selbstbedienung beruht. Somit geht es nicht darum, den Staat möglichst klein zu machen, sondern möglichst gut. Damit öffentliche Mittel wirksam eingesetzt werden, müssen die politischen Entscheidungsträger die richtigen Anreize haben, effiziente Lösungen im Interesse der Allgemeinheit zu verfolgen. ## Fehlanreize und Opium Wer ins Schweizer Bundesparlament einziehen will, muss von der Bevölkerung seines Wohnkantons gewählt werden. In bevölkerungsreichen Kantonen reichen zur Wahl oft schon kleine Stimmenanteile. Viele Repräsentanten kämpfen deshalb weniger für das Wohl aller Schweizer als für Beute aus Bern für regionale, sektorale und ideologische Partikularinteressen. Die Bundesräte werden – weltweit einmalig – vom gesamten Parlament in persönlichen Mehrheitswahlen gewählt. Anders als Nationalräte sind sie damit weniger stark an einzelne Wahlkreise oder Wählergruppen gebunden und haben eher einen Anreiz, ans grosse Ganze zu denken. Doch gute Projekte werden vom Parlament oft wieder zugunsten gut organisierter Interessengruppen verbogen. Bisher disziplinierten zwei Mechanismen Parlament und Bundesrat: Dank direkter Demokratie können die Bürger Parlament und Bundesrat übersteuern, und der Föderalismus fördert kantonale Politikinnovationen, die oft als Vorbilder für die Bundesebene dienen. Doch dieses Erfolgsmodell wird durch drei Entwicklungen bedroht: - Volksinitiativen werden häufig nicht richtig umgesetzt; und werden Vorlagen in Referendumsabstimmungen abgelehnt, legt das Parlament zuweilen Ersatzprojekte mit ähnlichen oder sogar noch grösseren Schwächen vor. Begründet wird dies oft mit internationalen Verpflichtungen, Zeitdruck und Alternativlosigkeit. - Zentralisierung, Finanzausgleich und Steuerharmonisierungsgesetz minimieren die Anreize und Möglichkeiten der Kantone, ihre Standortattraktivität zu steigern. Verbesserungen der eigenen Finanzkraft (der Steuererträge pro Kopf bei einer normierten Steuerbelastung) werden automatisch durch eine Anpassung der Transfers kompensiert. Das trifft die vielen Nehmerkantone besonders hart, da die Abschöpfung bei ihnen besonders hoch ist. Richtiggehend pervers daran ist, dass nur steigende Finanzerträge pro Kopf abgeschöpft werden. Hingegen verbleiben steigende Finanzerträge aus Breitenwachstum und Liegenschaftsgewinnsteuererträgen infolge Bevölkerungswachstums vollständig bei den jeweiligen Kantonen. Ihre Regierungen profitieren also voll von Breitenwachstum, aber kaum von wirklichem Wohlstandswachstum. - Und schliesslich wirkt das durch die Personenfreizügigkeit getriebene Bevölkerungs- und daraus resultierende Breitenwachstum auf politische Entscheidungsträger wie Opium. Mit der Zuwanderung wachsen die Steuereinnahmen, die Regierung und Parlament sofort für gut organisierte Interessengruppen ausgeben. Während das Bevölkerungswachstum schnell über die Jahre kumulierende Probleme bringt, kommen die enormen finanziellen Kosten zu ihrer Bewältigung, etwa durch Infrastrukturausbau, erst nach jahrelangen Vorarbeiten. Da dafür keine Rückstellungen gemacht werden, drohen dann Steuererhöhungen. Bis dahin herrschen Geldverschwendung und Reformunwilligkeit. Denn auch die beste, hart erarbeitete Politik brächte der Regierung und dem Parlament weniger schnelles Steuergeld, als ihnen das Bevölkerungswachstum arbeitsfrei in die Kasse spült. Zudem verzerrt die Personenfreizügigkeit die offiziellen Statistiken. Dort zählen Grenzgänger nicht zu den Einwohnern, aber ihre Leistung fürs BIP. Ihre schnelle Zunahme bläht deshalb das jährliche Wachstum des BIP pro Einwohner um etwa 0,25 Prozentpunkte auf und lässt das BIP um etwa 8 Prozent zu hoch und so die Staatsquote um etwa 8 Prozent zu tief erscheinen. ## Nötige Reformen Wie also kann die Schweiz wieder zu echten und schnellen Problemlösungen kommen? Dazu braucht es Reformen der politischen Entscheidungsprozesse. Unter anderem empfehlen wir folgende: - Erstens soll eine vom Volk gewählte **«Gegenvorschlagskommission»** geschaffen werden. Diese hätte ähnlich wie die heutigen kommunalen Rechnungsprüfungs- und Geschäftsprüfungskommissionen den Auftrag, die Abstimmungsvorlagen von Parlament und Bundesrat zu evaluieren und zu kritisieren sowie Gegenvorschläge zuhanden von Volksabstimmungen zu entwickeln. Das würde die Anreize von Parlament und Bundesrat zu besserer Politik massiv stärken. - Zweitens sollten Nehmerkantone im nationalen Finanzausgleich einen **Erfolgsbonus** erhalten, wenn sie ihre Finanzkraft aus eigener Leistung verbessern. Zugleich sollten die Arbeitseinkommen der unter 25- und über 65-Jährigen nicht mehr zu den kantonalen Ressourcen zählen und damit nicht mehr vom Finanzausgleich abgeschöpft werden. So erhielten die Kantone stärkere Anreize, Massnahmen zu entwickeln, die zusätzliche Erwerbstätigkeit, höhere Einkommen, mehr Wertschöpfung und so eine tiefere Staatsquote bringen. - Drittens muss die Zuwanderung gezielter gesteuert und begrenzt werden. Da mit der Personenfreizügigkeit jede Verbesserung der Politik durch zusätzlichen Zuwanderungsdruck neutralisiert wird, sollte Zuwanderung nicht mehr gratis sein. Denkbar wäre eine effektive direkte oder indirekte **Aufenthaltsgebühr** für Neuzuwanderer. Zudem sollten die zuwanderungsbedingten Zusatzeinnahmen der heutigen Politik entzogen und über Steuersenkungen an die Bevölkerung oder in Fonds für zukünftigen Infrastrukturausbau fliessen. Dadurch sänke der laufende Staatskonsum und verlören Regierung und Parlament ihr Interesse an hoher Zuwanderung. Doch an solchen Vorschlägen für effektivere Politik und Institutionen haben Regierung und Parlament kein Interesse, denn sie würden ihre Macht und ihr Budget einschränken. Deshalb braucht es: gute Volksinitiativen! Doch auch das ist problematisch. Denn Volksinitiativen werden zumeist von Parteien getragen, die ebenfalls kein Interesse an den genannten Vorschlägen haben. Was also tun? ## Zivilgesellschaftliche Lösung Volksinitiativen, die eine Mehrheit von Volk und Ständen finden, sollen mit dem [«Grossen Preis der Schweiz»](https://www.unifr.ch/finwiss/de/assets/public/media/non-academic%2520publications/non-academic%25202023/GrandPrixderDemokratie.pdf?ref=schweizermonat.ch) von mindestens zwei Millionen Franken belohnt werden. Diese «Ervolksprämie» gäbe den politischen Akteuren Anreize, auf Problemlösungen und das Allgemeinwohl zielende Initiativen zu erarbeiten – mit effizienten Einzelmassnahmen und produktiven institutionellen Reformen. Das wiederum gäbe Parteien, Parlament und Bundesrat Anreize, Probleme selbst wirkungsvoll anzugehen, um nicht regelmässig durch Volksinitiativen vorgeführt zu werden. Nur: Ein solcher Preis, der den Einfluss und Spielraum von Parlament und Regierung einschränkt, hätte dort kaum Chancen. Das aber macht nichts! Denn die «Ervolksprämie» kann durch privates und zivilgesellschaftliches Engagement umgesetzt werden – von Vereinen, Mäzenen oder Stiftungen. Verglichen mit deren bisherigen Engagements geht es um einen kleinen Einsatz mit viel grösserer Wirkung. Entscheidend für Erfolg und Akzeptanz von «Ervolksprämien» ist ihre politische Neutralität. Schon heute werden die Initianten erfolgreicher Volksinitiativen belohnt, aber nicht neutral, sondern interessengebunden. Deshalb zielen Volksinitiativen zumeist nicht auf das Allgemeinwohl, sondern auf Umverteilung zugunsten derjenigen, die die Initianten für ihren Aufwand monetär oder nichtmonetär entschädigen können, sprich gut organisierte Interessengruppen. Nur neutrale «Ervolksprämien» geben potentiellen Initianten Anreize und Möglichkeiten, sich auf der Allgemeinheit dienende Volksinitiativen zu spezialisieren. > «Die «Ervolksprämie» kann durch privates und zivilgesellschaftliches Engagement umgesetzt werden – von Vereinen, Mäzenen oder Stiftungen.» Ein zivilgesellschaftlich vergebener Preis ist viel wirkungsvoller als ein staatlicher, da private Organisationen das Modell flexibel weiterentwickeln können. So könnten sie die Prämie an die erreichte Zustimmung binden oder erfolgreiche Referenden sowie Initiativen, die erfolgreiche Gegenvorschläge provozieren, belohnen. Zugleich würden Fehlentscheide schneller korrigiert und das System durch weitere Initiativen laufend verbessert. So kommen wir zurück zur entscheidenden Frage: Tut der Staat, was die Bürger wollen, und ist er dabei effizient? Die «Ervolksprämie» würde genau dort ansetzen, wo Parlament und Bundesrat heute zu schwache Anreize haben, nämlich bei der Entwicklung besserer Lösungen im Interesse der Allgemeinheit. Damit käme die Schweiz einem Staat näher, der pro Franken mehr Nutzen stiftet, weniger Partikularinteressen bedient und stärker von den Bürgern selbst gesteuert wird. ### Liechtenstein ist zu klein, um alles selbst zu machen – gerade das macht seinen Bildungs- und Forschungsstandort stark URL: https://www.schweizermonat.ch/liechtenstein-ist-zu-klein-um-alles-selbst-zu-machen-gerade-das-macht-seinen-bildungs-und-forschungsstandort-stark/ Last updated: 2026-09-23T17:32:14.000Z 0:00 /460 1× International ist Liechtenstein vor allem als Finanzplatz und Industriestandort bekannt. Das kleine Land ist aber trotz seiner begrenzten personellen Ressourcen auch ein interessanter Bildungs- und Forschungsstandort. Wie klein das Land ist und wie wichtig die Bildung für die wirtschaftliche Entwicklung war, zeigt eine Episode aus den frühen 1960er-Jahren. Damals ergab eine Erhebung der offiziellen Vereinigung der liechtensteinischen Industrieunternehmen, dass in deren Mitgliedsbetrieben lediglich 42 Akademiker beschäftigt waren, davon nur 2 Liechtensteiner. Von 91 Ingenieuren stammten nur 8 aus Liechtenstein. Dieser Mangel an technischen Fachkräften führte dazu, dass Regierung und Wirtschaft in einer gemeinsamen Initiative das Abendtechnikum Vaduz gründeten, um so den aufstrebenden heimischen Unternehmen mehr gut ausgebildete Fachkräfte zuzuführen. Das Abendtechnikum entwickelte sich über mehrere Etappen zur heutigen Universität Liechtenstein: zunächst zur Ingenieurschule, dann zur Fachhochschule und seit 2011 zur Universität. Die Universität Liechtenstein ist die einzige Hochschule des Landes, die Bachelor-, Master- und Doktoratsstudiengänge anbietet. Als öffentlich-rechtliche Stiftung finanziert sie sich zu rund 75 Prozent aus öffentlichen Geldern. Mit knapp 700 Studenten ist sie deutlich kleiner als die Schweizer Universitäten. Das Studienangebot konzentriert sich auf die Themen Architektur und Raumentwicklung, Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsrecht. Letzteres ist vor allem in den Weiterbildungsprogrammen zentral. > «Mehr als 80 Prozent der Studenten wollen nach ihrem Abschluss in Liechtenstein oder in der Region arbeiten.» Für einen Staat mit knapp 41000 Einwohnern ist die Hochschullandschaft bemerkenswert: Neben der staatlichen Universität gibt es mit der auf Doktoratsstudiengänge fokussierten Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein (UFL) noch eine zweite Universität sowie mit dem Liechtenstein-Institut ein eigenes Forschungsinstitut. Allen drei Institutionen ist gemeinsam, dass sie sich mit gegenwärtigen und künftigen Problemen von Wirtschaft, Gesellschaft, Staat sowie der internationalen Zusammenarbeit befassen. Damit tragen sie nicht nur zur Ausbildung von Fachkräften bei, sondern leisten durch ihre Forschung einen wichtigen Beitrag zur Eigenstaatlichkeit Liechtensteins und zu dessen nachhaltiger Entwicklung. ## Regional verankert Die liechtensteinische Wirtschaft ist stark international geprägt: 2025 hatten 72 Prozent der Beschäftigten keine liechtensteinische Staatsangehörigkeit. Diese Internationalität zeigt sich auch an der Universität Liechtenstein. Unter den knapp 700 Studenten sind derzeit über 50 Nationalitäten vertreten. Betrachtet man nur die konsekutiven Programme, also Bachelor-, Master- und PhD-Studiengänge, dann verfügen lediglich 10 Prozent der Studenten über die liechtensteinische Staatsangehörigkeit. Die Mehrheit stammt aus Österreich und Deutschland. Knapp über 10 Prozent kommen aus der Schweiz. > «Wessen Ressourcen knapp sind und wer über keinen grossen Heimmarkt verfügt, kann sich Beliebigkeit nicht leisten.» Mehr als 80 Prozent der Studenten wollen nach ihrem Abschluss in Liechtenstein oder in der Region arbeiten; viele tun dies bereits während ihres Studiums. Die Universität bildet also nicht nur aus, sondern bindet Talente auch an die Region. Für einen Standort mit chronischem Fachkräftebedarf ist das ein Schlüsselfaktor für den langfristigen Erfolg. Ähnliches gilt für die diversen Weiterbildungsangebote, welche gezielt auf die Bedürfnisse der regionalen Unternehmen ausgerichtet sind. Hier gilt der Grundsatz:Wessen Ressourcen knapp sind und wer über keinen grossen Heimmarkt verfügt, kann sich Beliebigkeit nicht leisten. ## Internationale Kooperation Als Kleinststaat muss Liechtenstein Studenten, Lehrer und Partner auch ausserhalb des Landes überzeugen. Akkreditierungen nach Schweizer und internationalen Standards sind deshalb mehr als akademische Pflichtübungen: Sie fördern die Qualität in Lehre und Forschung und machen Abschlüsse international anschlussfähig. Die Gründung und Förderung einer staatlichen Hochschule mag staatspolitisch motiviert sein. Ihr Überleben kann eine Hochschule in Liechtenstein aber nur sichern, wenn sie sich dem internationalen Wettbewerb stellt. Damit befinden sich die Bildungsinstitutionen in einer ähnlichen Ausgangslage wie die liechtensteinischen Unternehmen. Auch diese können sich nicht auf einen grossen Heimmarkt stützen, sondern müssen sich international bewähren. Die Mitgliedschaft Liechtensteins im EWR ist dabei auch für die Universität Liechtenstein von grosser Bedeutung – insbesondere durch die Teilnahme am Erasmus+-Programm. Kleinheit zwingt zur Offenheit – in der Wirtschaft ebenso wie in der Bildung. ## Enge Anbindung an die Schweiz Für Liechtenstein ist die Schweiz im Bildungsbereich weit mehr als ein einfaches Nachbarland. Fast 60 Prozent der Studenten aus Liechtenstein besuchen eine Universität in der Schweiz. Für junge Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner ist die Schweiz damit das mit Abstand beliebteste Ausbildungsland. Das Fürstentum beteiligt sich deshalb auf Hochschulstufe an dem schweizweiten, interkantonalen Ausgleich für die Ausbildungskosten. Ebenso ist das Land Liechtenstein ein Mitträger der Fachhochschule OST und von RhySearch, einem Forschungs- und Innovationszentrum für das Rheintal. Damit fördert das Land gezielt Angebote und Leistungen, welche in Liechtenstein nicht oder zumindest nicht gleich effizient erbracht werden können. > «Kleinheit zwingt zur Spezialisierung und zur Zusammenarbeit.» Wie wichtig Innovationen für eine kleine Volkswirtschaft sind, zeigt ein internationaler Vergleich der Investitionen in Forschung und Entwicklung. Diese betrugen 2023 rund 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Liechtensteins, gegenüber 2,7 Prozent im OECD-Durchschnitt und 3,3 Prozent in der Schweiz. Bemerkenswert ist vor allem, wer diese Forschung finanziert: fast ausschliesslich die Privatwirtschaft, insbesondere die Industrie. Gemessen am BIP zählt das vermeintlich kleine Liechtenstein so zu den forschungsstärksten Ländern der OECD. Auch in der Forschung gilt deshalb: Ein Kleinstaat kann nicht alles selbst leisten.Liechtenstein braucht eigene Hochschulen und öffentliche Investitionen, ebenso aber Unternehmen, die Forschung finanzieren, Fachkräfte aus dem Ausland und den Zugang zu grösseren Bildungs- und Forschungsräumen. Gerade darin liegt die Logik des Standorts:Kleinheit zwingt zur Spezialisierung und zur Zusammenarbeit.Sie wird dort als Chance genutzt, wo kurze Wege und persönliche Kontakte sowie eine klare Profilbildung Vorteile schaffen. Verringert die Kleinheit aber die Effizienz, ist Liechtenstein um eine enge regionale und internationale Zusammenarbeit bemüht. Für Liechtenstein sind die Schweiz und Europa deshalb keine Ergänzung zum eigenen Bildungs- und Forschungsraum, sondern ein Teil davon. ### Ihre Institutionen haben die Schweiz erfolgreich gemacht – doch das Land droht vom Sonderweg in den Gleichstrom abzudriften URL: https://www.schweizermonat.ch/ihre-institutionen-haben-die-schweiz-erfolgreich-gemacht-doch-das-land-droht-vom-sonderweg-in-den-gleichstrom-abzudriften/ Last updated: 2026-09-23T15:17:36.000Z 0:00 /585.265958 1× Die Schweiz im Jahr 2050: Kantone, Gemeinden, Volksabstimmungen, Schuldenbremse – auf dem Papier ist alles noch da. Auch der Föderalismus steht weiterhin in der Verfassung. Nur entfaltet er kaum noch jene Wirkung, die ihn einst auszeichnete. Die obligatorische Abgabenlast liegt bei knapp 50 Prozent, 2025 waren es noch 39\. Der Wohlstandsvorsprung gegenüber der EU ist geschmolzen, die Wirtschaft wächst kaum schneller als bei den Nachbarn. Steuerharmonisierung und Finanzausgleich haben den Wettbewerb zwischen den Kantonen weitgehend stillgelegt; wer über eine Ausgabe entscheidet, trägt immer seltener auch ihre Kosten. Die institutionellen Bremsen, die den Schweizer Sonderweg einst ausmachten, greifen nicht mehr. Die föderale Fassade steht noch. Dahinter funktioniert die Schweiz 2050 aber wie ein europäischer Zentralstaat. > «Die föderale Fassade steht noch. Dahinter funktioniert die Schweiz 2050 aber wie ein europäischer Zentralstaat.» ## Die Illusion des schlanken Staates Diese Zukunft ist erfunden. Der Weg dorthin ist es nicht. Die Schweiz ist dabei, preiszugeben, was ihren Sonderweg lange ausgemacht hat. Die institutionelle Ordnung der Schweiz bremst eine Tendenz, die sich über Länder und Epochen hinweg immer wieder zeigt: Wo wirksame Grenzen fehlen, wächst der Staat ungehemmt. Dauerhaft begrenzen lässt sich diese Dynamik nur institutionell. Fehlen solche Schranken, weitet sich der Staat Schritt für Schritt aus. Neue Leistungen haben konkrete Gewinner. Es lohnt sich, für die Einführung und den Erhalt wirksamer Grenzen zu kämpfen. Die Kosten verteilen sich dagegen auf viele Steuerzahler; für den Einzelnen ist jeder Ausbauschritt zu wenig spürbar, als dass sich Widerstand lohnen würde. Auch Behörden haben wenig Anlass zur Selbstbeschränkung: Mehr Aufgaben rechtfertigen mehr Personal und höhere Budgets.Was im Markt scheitert, verschwindet. Was im Staat scheitert, wird ausgebaut. Besonders stark wirkt diese Dynamik im Wohlfahrtsstaat. Er übernimmt immer mehr Aufgaben, die früher Familien oder private Gemeinschaften trugen. Die Abhängigkeit vom Staat und die Ansprüche an den Staat wachsen. Ein späterer Rückbau des Wohlfahrtsstaates wird umso schwieriger. Zugleich bindet der Wohlfahrtsstaat Mittel, die für klassische Aufgaben wie die innere und äussere Sicherheit fehlen. Das Ergebnis ist paradox:Länder leisten sich wachsende Verwaltungen und schrumpfende Armeen. Der Staat wird grösser und zugleich schwächer. Diese Eigendynamik macht die Begrenzung des Staates so schwierig: Er muss stark genug sein, seine zentralen Aufgaben zu erfüllen, zugleich aber daran gehindert werden, immer weitere Aufgaben zu übernehmen und jene Freiheit einzuschränken, die er schützen soll. ## Bremsen gegen die Ausdehnung Der Schweizer Sonderweg bestand darin, dieses instabile Gleichgewicht abzusichern. Nicht indem Schweizer Politiker zurückhaltender agiert oder die Bürger sich klüger verhalten hätten, sondern weil die Institutionen den Staatsausbau erschwerten und seine Kosten sichtbarer machten. Drei Bremsen wirkten dabei zusammen: - Erstens: der föderale Wettbewerb. Kantone und Gemeinden mussten die Folgen ihrer Entscheide weitgehend selbst tragen. Wer mehr ausgab, musste meist auch mehr Steuern verlangen; wer schlechter regierte, riskierte den Wegzug von Einwohnern und Unternehmen. Lars Feld, Gebhard Kirchgässner und Christoph Schaltegger kommen anhand schweizerischer Kantons- und Gemeindedaten [zum Schluss](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=478261&%5F%5Fcf%5Fchl%5Ff%5Ftk=oDy8QxJ72LOizrIcmOmm95hsK8LdCXd84bLCNvx8WDY-1783076048-1.0.1.1-V0r1Hg8lVZjCfIOY5OPR%5FyE6vXv4tpJphHa1aOBB9gE&ref=schweizermonat.ch), dass stärkerer Steuerwettbewerb mit einem kleineren Staatssektor verbunden ist. - Zweitens: die direkte Demokratie. Referenden geben den Bürgern unter anderem ein Vetorecht gegen neue Gesetze, Steuern und Ausgaben. Besonders wirksam sind obligatorische Finanzreferenden, die grössere Ausgaben automatisch vors Volk bringen. Simon Lüchinger und Mark Schelker [zeigen](https://www.unifr.ch/ecopub/assets/public/Research/Peer-Reviewed%20Articles/DoesVotersVetoPowerCurbRegulatoryActivity.pdf?ref=schweizermonat.ch): Schaffte ein Kanton das obligatorische Gesetzesreferendum ab, stieg die Regulierungstätigkeit danach um rund 50 Prozent. Lars Feld, Christoph Schaltegger und Jan Schnellenbach [zeigen](https://ideas.repec.org/a/eee/eecrev/v52y2008i4p611-645.html?ref=schweizermonat.ch) zudem, dass Aufgaben und Steuerkompetenzen seltener nach oben verlagert werden, wenn die Bürger darüber mitentscheiden. Direkte Demokratie bremst Regulierung und Zentralisierung. - Drittens:Fiskalregeln wie die Schuldenbremse. Sie zwingen den Staat zur Priorisierung. Neue Ausgaben müssen durch höhere Einnahmen oder Einsparungen gedeckt werden, statt dauerhaft über Schulden finanziert und auf künftige Generationen verschoben zu werden. Dass diese Bremsen wirken, zeigt der historische Vergleich. 1965 lag die Schweizer [Fiskalquote](https://data-explo-rer.oecd.org/vis?tm=revenue%20statistics&pg=0&snb=252&vw=tb&df%5Bds%5D=dsDisseminateFinal-DMZ&df%5Bid%5D=DSD%5FREV%5FCOMP%5FOECD%40DF%5FRSOECD&df%5Bag%5D=OECD.CTP.TPS&df%5Bvs%5D=2.0&dq=..S13.%5FT..PT%5FB1GQ.A&pd=,&to%5BTIME%5FPERIOD%5D=false&ref=schweizermonat.ch) bei 16,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gegenüber 24,9 Prozent im [OECD-Durchschnitt](https://www.oecd.org/en/publications/2025/12/revenue-statistics-2025%5F07ca0a8e/full-report/tax-revenue-trends-1965-2024%5F98c75833.html?ref=schweizermonat.ch). Die Schweiz hatte damals tatsächlich einen deutlich schlankeren Staat. > «Länder leisten sich wachsende Verwaltungen und schrumpfende Armeen. Der Staat wird grösser und zugleich schwächer.» ## Ausgehöhlter Föderalismus Heute scheint dieser Vorsprung fortzubestehen: Die OECD [weist](https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2025/12/revenue-statistics-2025-country-notes%5F3708be73/switzerland%5Ffc34d5b7/c4814b5a-en.pdf?ref=schweizermonat.ch) für die Schweiz 27 Prozent aus, gegenüber 34 Prozent im OECD-Durchschnitt. Doch der Vergleich lässt obligatorische Beiträge an Krankenkassen, Pensionskassen und Unfallversicherungen ausser Acht, weil sie hierzulande an selbstständige Träger fliessen. In anderen Ländern werden vergleichbare Leistungen meist über Steuern oder staatliche Sozialabgaben finanziert. Einschliesslich dieser Zwangsabgaben liegt die Belastung in der Schweiz bei [39 Prozent](https://www.economiesuisse.ch/de/artikel/fiskalquote-schweiz-nur-auf-ersten-blick-ein-eldorado?ref=schweizermonat.ch). Der schlanke Schweizer Staat ist damit zu einem erheblichen Teil eine Illusion geworden. Die Grösse des Staates allein zeigt jedoch nicht, wie stark er Wirtschaft und Gesellschaft belastet. Die öffentliche Verwaltung, die von 2011 bis 2019 mit 13 Prozent [deutlich stärker wuchs](https://www.avenir-suisse.ch/der-schweizer-staat-waechst/?ref=schweizermonat.ch) als die Privatwirtschaft mit 8 Prozent, erlässt immer neue Regeln und Bewilligungen; schon eine einzelne Verordnung kann ganze Geschäftsmodelle gefährden. Zugleich dehnt sich der Staat in Märkte aus, in denen private Anbieter längst tätig sind. Allein Stadt und Kanton Zürich [erhöhten](https://www.nzz.ch/zuerich/im-namen-der-energiewende-ekz-ewz-und-co-machen-sich-zunehmend-in-der-privatwirtschaft-breit-das-risiko-tragen-die-zuercher-steuerzahler-ld.1932348?ref=schweizermonat.ch) die Zahl ihrerBeteiligungen zwischen 2010 und 2024 von 44 auf 119\. Diese Expansion erfolgt schleichend und deshalb oft unbemerkt. Entscheidend ist zudem die Architektur des Staates. Hier besitzt die Schweiz noch Vorteile: Ihr Staat ist stärker lokal verankert, Leistungen werden häufiger privat erbracht und zwischen Kantonen, Gemeinden und Anbietern besteht mehr Wettbewerb. Auch BVG und Krankenkassen bewahren trotz obligatorischen Beiträgen einen gewissen Wettbewerb, wo andere Länder staatliche Monopole kennen. Diese Architektur wird jedoch durch Zentralisierung und Verflechtung immer mehr unterlaufen. Zwischen 2000 und 2016 führten 159 Änderungen des Bundesrechts zu neuen Zentralisierungen: 44-mal wanderte eine Kompetenz zum Bund, 115-mal entstand ein neuer Verbund, kein einziges Mal eine Dezentralisierung. Der Föderalismus wird nicht abgeschafft, aber ausgehöhlt. Geteilte Zuständigkeiten und gemeinsame Programme trennen Entscheiden und Bezahlen – und schwächen damit seinen zentralen Bremsmechanismus. ## Wettbewerb als Erfolgsgarant Das hat auch wirtschaftliche Folgen. Ein Staat, der immer mehr Aufgaben übernimmt, reguliert, besteuert und vereinheitlicht zwangsläufig auch einen grösseren Teil wirtschaftlicher Entscheidungen. Damit schrumpft der Raum, in dem Unternehmen unterschiedliche Lösungen ausprobieren und sich an Veränderungen anpassen können. Die Schweiz hat es bis jetzt relativ gut geschafft, diesen Wettbewerb dezentraler Lösungen zu erhalten. Das ist entscheidend für die Innovationskraft und den Erfolg von Firmen. Schweizer Unternehmen stellen sich nicht nur im Inland, sondern vor allem global dem Wettbewerb. Auf ihren Absatzmärkten sind sie dabei «Rule-Taker»: Sie müssen sich an die jeweils geltenden lokalen Regeln halten. Ein zentraler Standortvorteil der Schweiz besteht gerade darin, dass Unternehmen genügend Spielraum haben, sich auf unterschiedliche Märkte auszurichten und sich dort zu behaupten. Diese Flexibilität gilt es zu bewahren – insbesondere, indem sich die Schweiz nicht institutionell an einen einzelnen Wirtschaftsraum bindet. > «Was im Markt scheitert, verschwindet. Was im Staat scheitert, wird ausgebaut.» Für den Erfolg der Schweiz ist es essenziell, diese institutionelle Freiheit nach innen wie nach aussen zu bewahren. Nach aussen bedeutet das, möglichst eigenständig und anpassungsfähig zu bleiben. Im Innern braucht es institutionelle Entflechtung: Subsidiarität muss wieder stärker gelten, interkantonale Konkordate müssen begrenzt werden und der Finanzausgleich darf Kantone nicht dauerhaft von den Folgen ihrer Entscheide abschirmen. Diese Instrumente sind bekannt. Was fehlt, ist der politische Wille dazu. Und die Einsicht, dass die besondere institutionelle Ordnung der Schweiz – ihr Sonderweg – keine Nostalgie ist, sondern eine Voraussetzung für den Erfolg des Landes. ### Japan ist kein Beispiel für erfolgreichen Staatsinterventionismus – im Gegenteil URL: https://www.schweizermonat.ch/japan-ist-kein-beispiel-fur-erfolgreichen-staatsinterventionismus-im-gegenteil/ Last updated: 2026-09-23T14:37:51.000Z 0:00 /535.273958 1× Ihr Vorgänger Shigeru Ishiba war noch wegen der hartnäckigen Inflation bei den Wählern in Ungnade gefallen. Doch seine Parteikollegin Sanae Takaichi, die im Oktober 2025 die Regierungsgeschäfte übernahm, errang im Februar 2026 in der Unterhauswahl einen Erdrutschsieg. Ihr Rezept: Steuersenkungen auf Benzin, Zuschüsse für Strom- und Gasrechnungen, Aussetzung der Konsumsteuer auf Lebensmittel sowie Zuwendungen für finanzschwache Regionen – gewürzt mit einer kräftigen Prise Nationalismus. Dass die Staatsverschuldung in Japan bei über 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegt, hat weder Sanae Takaichi von neuen Wahlversprechen abgehalten noch die Wähler abgeschreckt. Entsprechend dürfte das Haushaltsdefizit, das 2025 dank höherer Inflation auf 1,1 Prozent des BIP gesunken war, gemäss IWF-Prognosen 2026 wieder auf 1,8 Prozent steigen. **Staatsverschuldung als Anteil am Bruttoinlandsprodukt** ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/Screenshot-2026-09-13-145934.png) Quelle: IWF und Oxford Economics. Viele ausländische Beobachter sehen in Japan sogar den Beweis, dass die «Modern Monetary Theory» funktioniere. Nach dieser kann ein Staat mit eigener Währung nicht zahlungsunfähig werden, weil die Zentralbank immer Geld schaffen kann. Das sei so lange möglich, wie es keine Inflation gebe. Genau das war in Japan auch lange Zeit der Fall. Auch wenn ab 2022 die Inflation zeitweise deutlich über dem Inflationsziel von zwei Prozent lag, scheint das immer noch kein Beinbruch zu sein. Der Glaube an eine erfolgreiche Rolle des Staates für die wirtschaftliche Entwicklung reicht in Japan lange zurück. Ist Japan ein Vorbild für Europa für einen erfolgreichen Staatsinterventionismus? ## Beamte als Wachstumstreiber? Mit den Meiji-Reformen ab 1868 gründete ein damals aus Angst vor militärischer Unterlegenheit reformfreudiger Staat eine Vielzahl von Fabriken, Werften, Bergwerken und Eisenbahnen, um mit dem technologisch überlegenen Westen gleichzuziehen. Vieles davon verkaufte der Staat günstig an Familien wie Mitsubishi oder Mitsui, die daraus breit diversifizierte Industriekonzerne – sogenannte Zaibatsu – machten. Die Zaibatsu erhielten lukrative staatliche Aufträge für Kriegsschiffe, Eisenbahnen oder Kommunikationsnetze und waren nach dem Ersten Weltkrieg eng mit Japans imperialer, auf Expansion ausgerichteter Aussenpolitik verflochten, von der sie wirtschaftlich erheblich profitierten. > «Regierung und Zentralbank haben über staatliche Kreditgarantien und niedrige Zinsen die einst dynamische japanische Wirtschaft zum Stillstand gebracht.» Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschlugen die US-amerikanischen Besatzer die Zaibatsu und setzten auf Wettbewerb. Der amerikanische Banker Joseph Dodge liess staatliche Subventionen kürzen, um den Staatshaushalt auszugleichen. Eine straffe Geldpolitik und eine Wechselkursbindung an den Dollar stabilisierten den Yen. Ähnlich wie im besetzten Westdeutschland schufen die marktwirtschaftlichen Reformen wichtige Voraussetzungen für das spätere Wirtschaftswunder. Der Ökonom Chalmers Johnson führte dieses auf eine erfolgreiche Industriepolitik zurück. In «MITI and the Japanese Miracle» porträtierte er das Ministerium für internationalen Handel und Industrie als Vater des wirtschaftlichen Aufstiegs. Hochbegabte Beamte hätten durch die Zuteilung von knappen Krediten und Devisen Schlüsselindustrien wie Automobil und Elektronik erfolgreich gemacht. Weil Japans aufsteigende Industrie viele westliche Unternehmen in Bedrängnis brachte, sahen einige Ende der 1980er-Jahre eine neue, von Japan geführte Weltordnung – die «Pax Japonica» – kommen. ## Der staatlich organisierte Abstieg Doch da hatte der vom japanischen Staat orchestrierte Abstieg schon lange begonnen. Anfang der 1980er-Jahre hatte Japan den internationalen Kapitalverkehr liberalisiert. In den USA erhöhte der neue Zentralbankpräsident Paul Volcker die Zinsen, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Das zog grosse Kapitalströme aus Japan an, die den USA den Kauf vieler japanischer Güter ermöglichten. Das grosse Handelsungleichgewicht aufgrund der wachsenden japanischen Konkurrenz wurde in den USA mit Unmut aufgenommen. Die USA wollten dieses mit einer Aufwertung des Yens beseitigen. Als Japan das sogenannte Plaza-Abkommen der G-5 von September 1985 zur Schwächung des Dollars unterstützte, löste das riesige spekulative Yen-Käufe aus. Die resultierende immense Aufwertung des Yens stürzte die exportabhängige japanische Wirtschaft in eine tiefe Krise. Als die Bank von Japan versuchte, die Aufwertung mit Zinssenkungen zu bremsen, löste sie eine Spekulationswelle auf den Aktien- und Immobilienmärkten aus. Auf dem Höhepunkt soll der japanische Kaiserpalast mehr wert gewesen sein als ganz Kalifornien. Die Bank von Japan brachte die Blase zum Platzen, als sie Ende der 1980er-Jahre die Zinsen wieder erhöhte. Weil die Aktien und Immobilien als Sicherheiten für Kredite stark an Wert verloren, begannen viele Banken zu wanken. Die bis heute anhaltende Stagnation begann. ## Zombifiziert durch den Keynesianismus Zur Stützung der Konjunktur liess Japans Regierung mit schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen unzählige Strassen, Brücken, Hochgeschwindigkeitsbahnen und öffentliche Gebäude bauen. Das half kurzfristig, liess aber die Staatsverschuldung von 55 Prozent des BIP 1990 auf heute über 200 Prozent steigen. Die Bank von Japan unterstützte diesen Prozess, indem sie die Leitzinsen gegen null senkte. Ab 2013 liess Ministerpräsident Shinzo Abe die Bank von Japan in noch deutlich grösserem Umfang Staatsanleihen, Aktien und börsennotierte Immobilienfonds kaufen. Die Regierung hielt mit staatlich garantierten, niedrig verzinsten Krediten immer mehr, vor allem kleine und mittlere Unternehmen über Wasser. Im Ergebnis ist die japanische Wirtschaft «zombifiziert», das Wachstum ist gering. Die Inflation ist auch deshalb nicht angestiegen, weil die Regierung mit schuldenfinanzierten Subventionen die Teuerung versteckt hat. Reiche Japaner haben von den «Abenomics» profitiert, weil die Aktien- und Immobilienpreise stark angestiegen sind. Die Zinsen auf die Bankeinlagen der japanischen Mittelschicht wurden hingegen inflationsbereinigt ins Negative gedrückt. Im Gegensatz zu den früheren Boomjahren müssen heute beide Partner arbeiten, um den Lebensstandard zu halten, weshalb sie oft keine Kinder haben. Aufgrund schlechter wirtschaftlicher Perspektiven wohnen viele junge Menschen noch bis weit ins Erwachsenenalter bei ihren Eltern – sie werden als «Parasiten-Singles» gebrandmarkt. Die Stagnation verschärft die bereits ungünstige Demografie. ## Schleichender Wohlstandsverlust Zwar ist trotz der sehr aggressiven Geld- und Finanzpolitik die Staatsquote Japans mit 39 Prozent noch deutlich geringer als in Deutschland (50 Prozent) und nur etwas höher als in der Schweiz (38 Prozent). Doch haben Regierung und Zentralbank über staatliche Kreditgarantien und niedrige Zinsen die einst dynamische japanische Wirtschaft zum Stillstand gebracht. Seit der Jahrtausendwende fallen die Reallöhne pro Erwerbstätigen, was von einem schleichenden Wohlstandsverlust zeugt. > «Japan ist ein mahnendes Beispiel für Europa, Reformen nicht weiter auf Kosten der jungen Generation auf die lange Bank zu schieben.» Die Bank von Japan, die etwa die Hälfte der Staatsanleihen hält, steckt in der Zwickmühle. Sie müsste die Zinsen erhöhen, um die Inflation zu bekämpfen und die Unternehmen wieder auf breiter Front zu Effizienzgewinnen zu zwingen. Doch dann würden die Zinslasten des hochverschuldeten Staates steigen. Aufgrund der jahrzehntelangen Niedrigzinspolitik haben Pensionsfonds grosse Mengen an Ersparnissen im Ausland zu höheren Zinsen in Fremdwährung angelegt. Würde die Bank von Japan die Zinsen stark anheben, dann würde die resultierende Aufwertung des Yens die Ersparnisse für die Altersvorsorge entwerten. **Reallohnentwicklung pro Erwerbstätigen im Vergleich** ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/Screenshot-2026-09-13-150031.png) Quelle: Oxford Economics. Das zeigt, dass auch in Japan der Staat alles andere als ein Retter ist. In dem überalterten Land, wo die Zentralregierung einen Grossteil ihrer Einnahmen in Subventionen für das Rentensystem, die Gesundheitsversorgung und die stark überalterte wirtschaftliche Peripherie steckt, fehlt die Kraft für die dringend notwendigen Strukturreformen. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg dürfte eher den marktwirtschaftlichen Reformen der US-Besatzungskräfte als der Weitsicht des MITI zu verdanken sein. Japan ist deshalb ein mahnendes Beispiel für Europa, Reformen nicht weiter auf Kosten der jungen Generation auf die lange Bank zu schieben. ### Liechtensteins Vorteil sind nicht kurze Wege, sondern kurze Lernzyklen URL: https://www.schweizermonat.ch/liechtensteins-vorteil-sind-nicht-kurze-wege-sondern-kurze-lernzyklen/ Last updated: 2026-09-23T17:30:48.000Z 0:00 /717 1× Liechtenstein wird gern ein Vorteil zugeschrieben: Es ist klein. Die Wege sind kurz, Entscheidungen können schneller fallen, Menschen kennen einander. Daraus wird schnell eine Gleichung: klein gleich agil gleich innovationsfähig. Doch so einfach ist es nicht. Kleinheit ist zunächst nur eine Ausgangslage. Sie kann ein Vorteil sein. Sie kann aber ebenso Personalknappheit, fehlende Spezialisierung, eine stärkere Abhängigkeit von Einzelpersonen und begrenzte Ressourcen bedeuten. Zum Vorteil wird sie erst, wenn kurze Wege auch zu kurzen Lernzyklen führen. Genau darin liegt für mich eine der entscheidenden Herausforderungen der kommenden Jahre. Neue Technologien verändern sich schneller, als klassische staatliche Prozesse dafür gemacht wurden. Künstliche Intelligenz ist das offensichtlichste Beispiel. Aber dieselbe Erfahrung haben wir zuvor schon mit Blockchain und digitalen Vermögenswerten gemacht. Der Staat kann diese Entwicklungen weder vollständig voraussehen noch sinnvoll ignorieren. Er muss mit ihnen umgehen. ## **Die Umsetzung entscheidet** Regulierung ist dabei nur ein Teil der Antwort. Entscheidend ist zunächst, ob und welche Regeln überhaupt gebraucht werden. Mindestens ebenso entscheidend ist aber, was danach geschieht. Das klingt zunächst wenig spektakulär. In der Praxis entscheidet sich aber genau dort, ob ein Rechtsrahmen Sicherheit schafft oder Unsicherheit produziert, ob Unternehmen wissen, woran sie sind und wie rasch offene Fragen geklärt werden. All das beeinflusst, ob ein Markt entstehen kann und ob Regeln ihren Zweck tatsächlich erfüllen. Dasselbe Gesetz kann in zwei Ländern sehr unterschiedlich wirken. Nicht weil der Text ein anderer wäre, sondern weil Kompetenz, Auslegungspraxis und der Umgang mit neuen Geschäftsmodellen unterschiedlich sind. Liechtenstein hat diese Verbindung von Gesetzgebung und Umsetzung bereits beim TVTG bewusst mitgedacht. Ein neues Gesetz allein genügte nicht; ebenso wichtig waren Aufsicht, Anwendungspraxis und institutionelle Anlaufstellen für neue Geschäftsmodelle. Mit dem Regulierungslabor der Finanzmarktaufsicht und der damaligen Stabsstelle für Finanzplatzinnovation – der heutigen Stabsstelle für Digitale Innovation – wurden dafür früh entsprechende Strukturen geschaffen und Erfahrungen gesammelt. Gerade mit zunehmender internationaler und europäischer Harmonisierung werden diese wichtiger: Je ähnlicher die Marktregeln werden, desto weniger können sich Standorte allein über ihre Gesetze unterscheiden. Entscheidend werden zunehmend die Qualität der Umsetzung und die Verlässlichkeit der institutionellen Rahmenbedingungen. Ein gemeinsamer Markt hebt den Standortwettbewerb nicht auf. Er verändert, worüber er geführt wird. ## **Regeln brauchen Infrastruktur** Das zeigte sich in Liechtenstein, als die europäische Verordnung über Kryptowerte (MiCAR) eingeführt wurde. Plötzlich stellte sich eine konkrete Frage: Brauchte es das eigene nationale «Blockchain-Gesetz» (TVTG) überhaupt noch? Gerade diese Frage machte sichtbar, dass sich der Wert eines Rechtsrahmens nicht daran bemisst, ob er möglichst früh erfolgt oder möglichst weit geht, sondern daran, welche Funktion er erfüllt. MiCAR schafft gemeinsame Marktregeln für Kryptowerte im europäischen Binnenmarkt. Das TVTG setzt an einer anderen Ebene an und beantwortet für Liechtenstein grundlegendere Fragen: Wie können Rechte durch Token repräsentiert und übertragen werden? Was trägt eine tokenisierte Transaktion rechtlich? Genau daran wurde sichtbar, dass Marktregulierung und rechtliche Infrastruktur nicht dasselbe sind. Gerade darin liegt eine wichtige Erkenntnis: Nicht jede Regel erfüllt dieselbe Funktion. Manche ordnen einen Markt, andere schaffen erst die rechtlichen Grundlagen, auf denen er funktionieren kann. Das klingt juristisch. Tatsächlich ist es eine wirtschaftliche Frage. Neue Märkte entstehen nicht allein dadurch, dass etwas erlaubt oder zumindest nicht verboten wird. Sie brauchen rechtliche und technische Grundlagen, auf die sich Akteure verlassen können. Und oft braucht es gemeinsame Standards. Das Internet wurde nicht gross, weil jede denkbare Anwendung vorher geregelt worden wäre, sondern weil gemeinsame Standards einen verlässlichen Rahmen schufen, in dem Neues entstehen konnte. ## **Technologieneutral, nicht technologieblind** Zur Qualität der Umsetzung gehört allerdings auch, technologische Unterschiede richtig einzuordnen.Technologieneutralität darf dabei nicht mit Technologieblindheit verwechselt werden. Eine neue Technologie sollte nicht allein deshalb anders behandelt werden, weil sie neu oder ungewohnt ist. Wo sie aber Risiken verändert, neue Risiken schafft oder bestehende Risiken vermindert, muss das regulatorisch relevant sein. Entscheidend ist deshalb nicht die Technologie als Etikett, sondern ihre tatsächliche Wirkung. Künstliche Intelligenz führt noch zu einer anderen Frage. Kaum eine Technologie zeigt deutlicher, wie schnell sich technische Fähigkeiten verändern können, wie breit ihre Einsatzmöglichkeiten sind und wie fundamental ihre wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen sein können. Gerade deshalb lässt sich nicht alles sinnvoll ex ante festlegen. Auch ein guter Rechtsrahmen kann nicht abschliessend vorwegnehmen, welche Fähigkeiten Modelle in zwei Jahren oder auch nur in sechs Monaten haben werden, welche neuen Anwendungen entstehen oder welche Risiken daraus folgen. Das ist kein Fehler des Rechts. Es ist eine Grenze, die man anerkennen muss. ## **Regulierung braucht Rückkopplung** Das Recht muss deshalb Verlässlichkeit schaffen, ohne technische Entwicklung vorwegnehmen zu wollen. Dafür braucht es Rückkopplung aus der Praxis. Regulatorische Sandboxes sind deshalb mehr als ein Instrument der Start-up-Förderung. Ihr eigentlicher Wert liegt darin, dass Unternehmen und Staat gleichzeitig lernen: Unternehmen erfahren, wie bestehende Regeln auf neue Modelle angewendet werden; Behörden sehen, welche Risiken tatsächlich auftreten, wo Rechtsunsicherheit besteht und welche Regeln anders wirken als erwartet. > «Ein Staat darf seine Werte nicht so schnell ändern wie seine Technologie. Aber er darf seine Instrumente auch nicht so langsam ändern wie seine Verfassung.» Ein Rechtsstaat kann allerdings nicht im Takt eines Start-ups arbeiten. Und er sollte es auch nicht. Grundrechte, Eigentumsschutz und demokratische Verantwortlichkeit brauchen Stabilität. Beweglicher müssen jene Instrumente sein, mit denen diese Prinzipien unter neuen technischen Bedingungen angewendet werden: Aufsichtspraxis, Leitlinien, technische Standards oder Schwellenwerte. Ein moderner Staat braucht deshalb nicht überall mehr Tempo, sondern unterschiedliche Geschwindigkeiten: stabile Prinzipien und anpassungsfähige Instrumente. Das ist anspruchsvoller, als einfach einen «agileren Staat» zu fordern. Agilität ist kein Synonym für Geschwindigkeit. Man kann sehr schnell entscheiden und trotzdem nichts lernen. Entscheidend ist, wie rasch neue Erkenntnis in bessere Regeln und Entscheidungen einfliessen. Ein Staat darf seine Werte nicht so schnell ändern wie seine Technologie. Aber er darf seine Instrumente auch nicht so langsam ändern wie seine Verfassung. ## **Kleinheit ersetzt keine Kompetenz** Gerade für kleine Staaten liegt darin eine Chance. Technologische Entwicklungen und internationale Regelwerke können sie selten selbst bestimmen. Sie können aber schneller erfassen, was sich verändert und welche Folgen das für den eigenen Rechts- und Wirtschaftsraum hat. Kurze Wege zwischen Wirtschaft, Verwaltung, Aufsicht und Politik erleichtern den Austausch von Fachwissen und Rückmeldungen. Doch Nähe ersetzt keine Kompetenz. Die traditionelle Arbeitsteilung «Unternehmen entwickeln, der Staat reguliert» reicht dafür immer weniger aus. Der Staat hat nicht die Aufgabe, jedes Produkt selbst zu bauen. Er sollte es auch nicht versuchen. Aber er braucht genügend technologische Kompetenz, um Risiken und Abhängigkeiten zu erkennen, gute Entscheidungen treffen und die richtigen Fragen stellen zu können. Technologische Kompetenz wird damit selbst zu einer Voraussetzung guterRegulierung. Liechtenstein hat deshalb bereits früh begonnen, in diesen Bereichen Kompetenzen aufzubauen und sich institutionell mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Ausserdem setzen gute Entscheidungen die Fähigkeit voraus, unter Unsicherheit zu handeln. Das führt zu einer spannenden Frage: Wie viel Unsicherheit muss ein Staat aushalten können? ## **Risiken begrenzen, Unsicherheit zulassen** Risiken müssen dort begrenzt werden, wo Schäden schwerwiegend oder irreversibel sein können. Unsicherheit lässt sich dagegen nicht vollständig beseitigen. Wer bei Innovation vollständige Gewissheit über alle Folgen voraussetzt, verlangt etwas, das Innovation ihrem Wesen nach nicht leisten kann. Wo nichts Neues entstehen kann, kann auch wenig schiefgehen. Es entsteht allerdings auch nichts.Gerade deshalb ist die Unterscheidung zwischen Risiko und Unsicherheit zentral: «Gute» Regulierung reduziert nicht jede Unsicherheit. Sie schafft Bedingungen und Freiräume, unter denen Neues entstehen kann, ohne dass Schutzinteressen beliebig werden. > «Künftig konkurrieren deshalb nicht nur Unternehmen um technologische Vorsprünge. Auch Staaten werden daran gemessen werden, wie gut sie lernen.» Unsicherheit führt zwangsläufig zur Frage nach Vertrauen. Der Begriff wird im Zusammenhang mit Technologie so häufig benutzt, dass er beinahe leer geworden ist. Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Und wahrscheinlich lässt es sich nicht einmal «schaffen». Institutionen können nur vertrauenswürdig handeln. Ob daraus Vertrauen entsteht, entscheiden andere. Für staatliche Institutionen kann Vertrauenswürdigkeit deshalb nicht Fehlerfreiheit bedeuten. Vertrauen ist die begründete Erwartung von Verlässlichkeit in einer unsicheren Welt. Rechte müssen auch unter neuen technischen Bedingungen gelten. Verantwortung darf nicht hinter Systemen verschwinden. Und Institutionen müssen fähig sein, aus dem Unerwarteten zu lernen. Liechtenstein hat dafür in den vergangenen Jahren wichtige Grundlagen geschaffen und Erfahrungen gesammelt. Das TVTG, der Umgang mit neuen europäischen Regelwerken und der Aufbau technologischer Kompetenz in der Verwaltung zeigen, dass kurze Wege tatsächlich genutzt werden können, um neue Entwicklungen früh einzuordnen und in verlässliche Rahmenbedingungen zu übersetzen. Entscheidend wird sein, diese Fähigkeit weiterzuentwickeln und Erfahrungen aus der Praxis konsequent in Regulierung und Verwaltung zurückzuführen. Künftig konkurrieren deshalb nicht nur Unternehmen um technologische Vorsprünge. Auch Staaten werden daran gemessen werden, wie gut sie lernen. Für Liechtenstein liegt darin eine besondere Stärke: aus kurzen Wegen kurze Lernzyklen zu machen. ### Der Staat muss denen helfen, die ihn wirklich brauchen URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-muss-denen-helfen-die-ihn-wirklich-brauchen/ Last updated: 2026-09-23T15:19:32.000Z 0:00 /353.977958 1× Frischgebackene Eltern freuen sich, wenn ihr Kind wächst. Jeden Tag ein bisschen. Das Gute – und vor allem Gewünschte – an diesem Wachstum ist, dass es eines Tages abgeschlossen ist. Dann sind alle zufrieden. Was die Entwicklung vorgibt, nämlich an die Grenze des Wachstums zu gelangen, ist ein biologisch sinnvoller Vorgang. Staaten hingegen sind keine biologischen Phänomene, sondern abstrakte Konstrukte, die durch Menschen gesteuert werden. Staaten können schrumpfen, wachsen und kollabieren. Dahinter steht der handelnde und denkende Mensch. Staatswachstum hat – abgesehen von friedlichen wie unfriedlichen Territoriumsvergrösserungen – zwei Ursachen: Anspruchssteigerung der Bewohner und Zunahme der Bevölkerung. Das eine führt zum anderen: Wächst die Bevölkerung, wird die Gesellschaft anonymer; kümmerte sich früher die Nachbarschaft oder der Pfarrer um Menschen mit Problemen, wird dafür heute eine spezialisierte Stelle geschaffen. Die individuellen und die kollektiven Ansprüche der Einwohner des Staates führen zu Staatswachstum. Jeder Lausbub braucht eine Schulpsychologin. Jedes Stadtquartier will ein Kulturzentrum. Jedes Tal will sein Spital. Die Politik ist einerseits zu nachgiebig, andererseits zu schwach. Die Linke wirft der Rechten vor, unvernünftig zu politisieren – und umgekehrt. Beide – und alle dazwischen – haben ihre Wählerinnen und Wähler zu bedienen. Deshalb ist die staatliche Grundversorgung mit Bildung, Gesundheit, Mobilität und Sicherheit mit einem ständigen Ruf nach Wachstum konfrontiert. Eishalle im Sommer, geheiztes Freibad im Winter, Dreifachturnhalle mit Sauna, Magnetresonanztomografie für das Büsi, vierspurig durch den Gotthard. Aus Sicht der Besteller scheint das alles sehr vernünftig, denn es lässt sich damit begründen, dass das Wirtschaftswachstum alles finanziere. Geht es der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das hört man gern. Und es ist ja auch nicht falsch. Mit dem Wachstum der Wirtschaft wächst der allgemeine Wohlstand. Es belebt den Konsum von Waren und Dienstleistungen. Ein Kreislauf – mit Folgen. Wachsen Wirtschaft und Wohlstand, weckt das Wünsche. > «Die individuellen und die kollektiven Ansprüche der Einwohner des Staates führen zu Staatswachstum. Jeder Lausbub braucht eine Schulpsychologin. Jedes Stadtquartier will ein Kulturzentrum. Jedes Tal will sein Spital.» Das gipfelte im März 2024 in einem in seiner Wirkung geradezu grotesken Volksentscheid, der 13\. AHV-Rente. Die staatliche Alters- und Invalidenrente wird um 8,33 Prozent erhöht – und zwar für alle. Auch Roger Federer bekommt mehr Geld vom Staat (frühestens ab 2046). Christoph Blocher bekommt die 13\. Rente schon ab Dezember; das Ehepaar Blocher wird dann monatlich 315 Franken mehr erhalten. Verdient hätten die beiden es, aber sie brauchen es nicht. Anders wirkt die 13\. AHV-Rente bei der ungelernten, alleinerziehenden Frau, die ihr ganzes Leben für Minilöhne 50 Stunden pro Woche geschuftet hat. Sie bekommt 105 Fränkli mehr im Monat. Das freut sie natürlich. Ob sich Christoph Blocher freuen mag? Ganz sicher freut sich der mit der 13\. Rente angekurbelte Detailhandel. Der Wohlstand wird nicht vermehrt, sondern «nur» umverteilt. Staatswachstum ist die Folge. Die Wirtschaft ist eine heilige Kuh, die man nicht gerne metzget – aber der Staat muss ihr den Stall ausmisten. Ein wesentlicher Treiber für staatliches Wachstum ist das Wachstum der Bevölkerung. Im Juni dieses Jahres hatte es die Schweizer Bevölkerung in der Hand, das Bevölkerungs- und damit das Staatswachstum zu bremsen. Bei 10 Millionen Einwohnern hätte das Bevölkerungswachstum gestoppt werden sollen. Es misslang gründlich, denn die Sozialdemokraten marschierten Arm in Arm mit der Hochfinanz, und die Gewerkschaften machten gemeinsame Sache mit den Unternehmern. Den unterlegenen Wachstumskritikern blieben klägliche 45 Prozent in der Volksabstimmung. Im Abstimmungskampf beschworen die Wachstumsbefürworter die Schwarmintelligenz, die von den Zehntausenden von Fachkräften ausgehe, die weiterhin hereinströmen sollten. Über die Schwarmbedürfnisse sah man schnöde hinweg. ## **Weg von der Objektfinanzierung** Wie kann das Staatswachstum eingedämmt werden? Staaten wachsen nicht im biologischen Sinn, sondern weil der Mensch sie vergrössern will. Nur er hat die Macht, das Staatswachstum zu lenken. Um das Nice to have vom Unentbehrlichen unterscheiden zu können, braucht es eine Auslegeordnung auf allen staatlichen Ebenen. Zwei Beispiele: - Die Sozialpolitik muss von der Objektfinanzierung wegkommen. Also keine weiteren Prämienverbilligungen für den Mittelstand (der kann sich nämlich selber helfen, sonst ist er keiner). Stattdessen sollte staatliche Hilfe dort ansetzen, wo sie echte Erleichterungen bewirkt, nämlich bei den Menschen in den tiefen Einkommensschichten. - Zudem muss auch die Wirtschaft ihren Beitrag leisten. Wer Fachkräfte hereinholt, soll zwar den damit erreichten Mehrwert abschöpfen können, aber er muss auch bereit sein, diesen Mehrwert überproportional zu versteuern beziehungsweise die Fachkräftezuwanderung mit einer Sonderabgabe zu steuern. Wohlstand ist nicht gratis. Man muss ihn schaffen. Ganz so wie die Eltern ihr Kind von der Geburt bis zum Lehrabschluss finanzieren. ### Vom ärmlichen Bauernland zum prosperierenden Kleinstaat – die erstaunliche Entwicklung Liechtensteins URL: https://www.schweizermonat.ch/vom-armlichen-bauernland-zum-prosperierenden-kleinstaat-die-erstaunliche-entwicklung-liechtensteins/ Last updated: 2026-09-23T17:28:59.000Z 0:00 /785 1× 1815 wurden die damals 6100 in «Armuth» lebenden Bewohnerinnen und Bewohner des «unbedeutenden Ländchens» mit der Bemerkung charakterisiert, das «Hirtenleben» sei ihnen «anlockender als der beschwerliche Feldbau», sie suchten das «Glük in ziegelloser Freyheit» und «fröhlichem Müssiggange», Manufakturen oder «auf auswärtigen Absatz berechnete Gewerbe» gebe es nicht. Heute ist Liechtenstein Mitglied der Vereinten Nationen und zählt bei 41 398 Einwohnerinnen und Einwohnern 43 441 Beschäftigte (2024) – davon knapp zwei Drittel im Dienstleistungssektor, ein Drittel in der Industrie und im warenproduzierenden Gewerbe und weniger als ein Prozent in der Landwirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt betrug 2024 7,8 Milliarden Franken (Schweiz: 854 Milliarden) oder 181 000 Franken pro Beschäftigten. Wie verlief diese erstaunliche Entwicklung? ## Vom Reichsfürstentum zum souveränen Staat Zur Geschichte Liechtensteins gehört die Einbindung in überwölbende Strukturen. Schon bei seinem Entstehen 1719 war das Fürstentum ein Teil des Heiligen Römischen Reichs. Bei dessen Auflösung 1806 erhielt es durch die Aufnahme in Napoleons Rheinbund die «Souverainität». Diese wurde 1815 von den europäischen Mächten auf dem Wiener Kongress anerkannt und durch die Mitgliedschaft im Deutschen Bund gesichert. Mit dessen Ende 1866 schied Liechtenstein aus Deutschland aus. Es war nun erstmals nicht mehr Teil eines Reiches oder Staatenbundes und erlangte in diesem Sinn die «Vollsouveränität». Eine neue Verfassung brachte 1862 den Schritt vom Absolutismus zur konstitutionellen Monarchie. Der Fürst blieb Träger der «Staatsgewalt», war nun aber an die Verfassung gebunden. Die Exekutive fiel weiterhin in seine alleinige Kompetenz. An der Gesetzgebung und an der Finanzhoheit jedoch war neu ein Parlament beteiligt: der Landtag. ## Industrialisierung, Krise und Neuorientierung 1852 beendete eine Zollunion mit Österreich die wirtschaftliche Isolation des Landes, das 1859 auch die österreichische Währung übernahm. In den 1860er-Jahren setzte eine erste Industrialisierung ein, unter massgeblicher Beteiligung von Schweizer Fabrikanten, die mit dem Standort in Liechtenstein Zugang zum grossen Markt der Habsburgermonarchie erhielten. Vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigten vier Textilfabriken rund 700 Arbeiterinnen und Arbeiter. Auch das Gewerbe erlebte einen Aufschwung. 1861 entstand zudem eine staatliche Spar- und Leihkasse (heute Liechtensteinische Landesbank). Das Gros der Bevölkerung blieb aber in der Landwirtschaft tätig. Dann brachte der Erste Weltkrieg das Land an den Rand des Ruins. Wegen seiner Verbindung zu Österreich-Ungarn wurde Liechtenstein in die Wirtschaftsblockade der Alliierten gegen die Mittelmächte einbezogen. Die Fabriken wurden stillgelegt. Zur Aufrechterhaltung der Landesversorgung musste sich der Staat verschulden. Er nahm auch in der Schweiz Kredite auf, während gleichzeitig die Hyperinflation der österreichischen Krone Vermögen und Einnahmen vernichtete. 1919 kündigte Liechtenstein den Zollvertrag und wandte sich der Schweiz zu: 1920 wurde ein Postvertrag geschlossen, 1923 ein Zollanschlussvertrag, 1924 der Schweizer Franken als gesetzliche Währung übernommen. Der Zusammenbruch der Monarchie in Österreich und in Deutschland 1918 verstärkte auch in Liechtenstein den Ruf nach einer Demokratisierung. Die Reformkräfte verständigten sich mit dem Fürsten auf eine neue Verfassung, die 1921 in Kraft trat. Sie definierte die Staatsform als «konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratischer und parlamentarischer Grundlage» und verankerte die «Staatsgewalt» neu «im Fürsten und im Volke». Die Regierung wird seither vom Landtag gewählt, muss aber vom Fürsten bestätigt werden; die vom Parlament oder vom Volk beschlossenen Gesetze bedürfen der fürstlichen Sanktion. Von der Schweiz wurden direktdemokratische Elemente (Volksinitiative, Referendum) übernommen. ## Grundlegung des Finanzplatzes und zweite Industrialisierung Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen begünstigte Liechtenstein nach dem Vorbild verschiedener Schweizer Kantone Holding- und Sitzgesellschaften. Diese profitierten ab 1923 von niedrigen Steuern und ab 1926 von attraktiven Regelungen für Gesellschaftsformen wie Stiftungen, Anstalten oder Trusts. Bis 1930 gründeten Rechtsanwälte und erste Treuhandfirmen über 1000 Sitzgesellschaften, die den Inhabern Flexibilität und Diskretion boten. Im Holdinggeschäft betätigte sich auch die 1920 gegründete Bank in Liechtenstein, die 1930 in den Besitz des Fürstenhauses überging (heute LGT). Die Weltwirtschaftskrise führte in den 1930er-Jahren auch im ärmlichen Liechtenstein zu Arbeitslosigkeit. Das Holdinggeschäft stagnierte. Von den im Ersten Weltkrieg geschlossenen Textilfabriken hatte nur eine den Betrieb wieder aufgenommen. Zu ihr gesellten sich nun einige kleine Industriegründungen in neuen Branchen. Bedeutung erlangten die Zahnfabrik Ramco (heute Ivoclar Vivadent AG) und die Konservenfabrik Scana (heute Hilcona AG). 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, folgten drei weitere bedeutende Gründungen: die Präzisions-Apparatebau AG Vaduz, die von Emil G. Bührle initiierte Press- und Stanzwerk AG (heute ThyssenKrupp Presta AG) und die Hilti Maschinenbau oHG (heute Hilti). Sie alle produzierten Rüstungs- oder andere kriegswichtige Güter für die deutsche Wehrmacht und profitierten von der Kriegskonjunktur. Politisch verfolgten Fürst und Regierung gegenüber der von Hitlerdeutschland und einer inneren NS-Bewegung ausgehenden Bedrohung eine auf den Erhalt der Eigenstaatlichkeit und der Verträge mit der Schweiz ausgerichtete Politik. Ein Anschlussputsch der «Volksdeutschen Bewegung in Liechtenstein» 1939 scheiterte. ## Primat der Aussenpolitik Nach dem Krieg machte sich allmählich die Sorge breit, durch eine allzu enge Anlehnung an die Schweiz an Eigenständigkeit einzubüssen. Eine Absicherung der Souveränität wurde im Multilateralismus gesucht. 1920 war ein Beitrittsgesuch zum Völkerbund noch gescheitert – zwar war die Souveränität des Kleinstaats anerkannt worden, doch hatte man ihm nicht zugetraut, sämtliche Pflichten eines Mitglieds zu erfüllen. 1950 aber gelang der Beitritt zum Statut des Internationalen Gerichtshofs und später zu verschiedenen internationalen Organisationen wie dem Europarat (1978) und der UNO (1990). Zudem beteiligte sich Liechtenstein ab 1973 am KSZE-Prozess. Über die Zollunion mit der Schweiz war das Land ab 1960 in die Europäische Freihandelsassoziation eingebunden, der es 1991 selbst beitrat. Auch am Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Gemeinschaft von 1972 nahm es teil. Seit den 1990er-Jahren jedoch besteht eine Divergenz in der Europapolitik: Als im Dezember 1992 beide Länder über den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum abstimmten, sagte die Schweiz Nein, Liechtenstein Ja. Der EWR-Beitritt wurde 1995 vollzogen, während die Schweiz mit den bilateralen Verträgen einen anderen Weg einschlug. Im Gegensatz zur Aussenpolitik verlief die innenpolitische Entwicklung behäbig. 1984 führte Liechtenstein als letztes Land Europas das Frauenstimmrecht ein. Ein 1992 ausgebrochener Verfassungsstreit endete 2003 mit der Bekräftigung der politischen Stellung des Fürsten. ## «Wirtschaftswunder» und «EWR-Boom» Wirtschaftlich trat Liechtenstein nach dem Krieg in eine lange Phase starken Wachstums ein. Wesentliche Faktoren des «Wirtschaftswunders» waren der allgemeine Aufschwung in Westeuropa nach 1945, der Zollvertrag mit der Schweiz und der Schweizer Franken, die politische Stabilität und die konsequente Integrationspolitik, insbesondere der EWR. Ab Mitte der 1990er-Jahre erfasste der «EWR-Boom» nicht nur die Industrie – auch der Finanzbereich erschloss sich neue Geschäftsfelder wie Versicherungen oder Investmentunternehmen. Die Zahl der Banken sprang von 5 auf 17 (2002), heute sind es noch 12\. Zu den günstigen Rahmenbedingungen gehörte auch ein zurückhaltender Staat mit tiefen Steuern und lange Zeit geringer Regulierungsdichte – wobei Letztere hohe Reputationsrisiken barg. Zugleich führte Liechtenstein ein soziales Sicherungsnetz ein und entwickelte die Sozialpartnerschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Unternehmer rekrutierten sich teils aus dem Land, teils holten sie Zuzüger. Alle fanden mit innovativen Technologien und Produkten Nischen, in denen sie auf den Schweizer, europäischen und globalen Märkten bestehen konnten. Stabilität brachte die Diversifikation. Industrie und Dienstleistungen sind zwei starke Standbeine: 2023 entfielen 40 Prozent der Bruttowertschöpfung auf den zweiten Sektor (Schweiz: 27 Prozent) und knapp 60 Prozent auf den dritten Sektor (Schweiz: 73 Prozent). Die benötigten Arbeitskräfte kann Liechtenstein schon lange nicht mehr selbst stellen. Wanderten früher viele Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner aus oder waren auf Saisonarbeit im Ausland angewiesen, kehrte sich die Migrationsrichtung ab Mitte des 20\. Jahrhunderts um. Der Ausländeranteil an der Bevölkerung liegt seit den 1970er-Jahren bei über einem Drittel. Dazu kamen viele Saisonarbeitskräfte (bis ins Jahr 2000) und Grenzgänger: 2024 pendelten täglich rund 25 000 Personen oder 57 Prozent der Beschäftigten aus dem Ausland nach Liechtenstein. ## Äusserer Druck und innere Reform Ab den 1930er-Jahren standen Banken und Treuhand wegen Beihilfe zur Steuerflucht, später auch wegen Geldwäscherei immer wieder in teils scharfer Kritik – zum Schaden der Reputation des ganzen Landes. Inländische Kritiker wurden nicht ernst genommen. Zu Reformen kam es primär auf äusseren Druck, etwa nach dem Chiasso-Skandal von 1977 oder der «Finanzplatzkrise» von 1999\. 2005 erfolgte die Schaffung einer unabhängigen Finanzmarktaufsicht. Aber erst eine 2008 durch einen Datendiebstahl ausgelöste Krise veranlasste die Politik zu einem auf Steuerkooperation ausgerichteten Strategiewechsel, der mit der Übernahme der OECD-Standards für Transparenz und Informationsaustausch in Steuerfragen das Ende des Bankgeheimnisses bewirkte. Dieser Schritt war eine Zäsur. Die Zahl der einst über 80 000 Sitzgesellschaften brach massiv ein; zugleich richtete sich der Finanzplatz neu aus und professionalisierte sich weiter. So trugen die Finanz- und Versicherungsdienstleistungen 2023 nach wie vor 10 Prozent zur Wertschöpfung bei (Schweiz: 9 Prozent). Das Wirtschaftswachstum der letzten acht Jahrzehnte führte Liechtenstein aus der Armut und begünstigte die politische Stabilität, die kulturelle Entwicklung und eine gesellschaftspolitische Öffnung. Der Erfolg des Landes verdankte sich seiner Anpassungsfähigkeit, hatte aber auch seinen Preis: Ein hoher Boden- und Ressourcenverbrauch, ein grosses Verkehrsaufkommen, steigende Immobilienpreise und Mieten sowie eine relativ starke Ungleichverteilung der Einkommen und der Vermögen sind vorerst ungelöste Herausforderungen. Dazu kommen die aktuellen technologischen und geopolitischen Entwicklungen. Der Kleinstaat bleibt vulnerabel. ### Der Regulator verdient mit URL: https://www.schweizermonat.ch/der-regulator-verdient-mit/ Last updated: 2026-09-23T16:01:54.000Z 0:00 /559.897958 1× Der Einfluss der Pharmaindustrie auf die moderne Medizin ist enorm. Ganze Krankheitsbilder sind dank bestimmter Medikamente verschwunden. Die grossen Fortschritte in der pharmazeutischen Schmerzbekämpfung führten zu einer Umwälzung der Spitallandschaft. Ohne bessere Anästhetika wären frühe Entlassungen aus der Obhut des Spitals und das Wachstum spitalambulanter Behandlungen nicht vorstellbar. Ähnliches gilt für die Psychopharmaka in der Psychiatrie. Ganz abgesehen davon bringt erfolgreiche Schmerzbekämpfung einen unmittelbaren Anstieg an Lebensqualität mit sich. Wer das nicht zu würdigen weiss, stelle sich nur einmal eine Zahnbehandlung vor hundert Jahren vor. Dazu kommt die hochkonzentrierte Wirkung. Kleinste Pillen lösen massive Veränderungen im Körper aus, was wiederum geringe Lagerhaltungskosten und einfache Verfügbarkeit zur Folge hat – ein Vorteil, der oft übersehen wird. Verträgliche und wirksame pharmazeutische Produkte prägen unseren Alltag, wobei deren Herstellungskosten vor allem bei bewährten Mitteln erschwinglich sind und zu einem günstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis führen. Es versteht sich von selbst, dass sich die Anbieter solcher Produkte, die bisweilen auch über Leben und Tod mitentscheiden können, einer grossen Nachfrage gegenübersehen. Sie steuern einen grossen Beitrag zur Schweizer Bruttowertschöpfung bei (5,5 Prozent im Jahr 2025), machen 52 Prozent der Schweizer Exporte aus (152 Milliarden Franken) und geben landesweit direkt und indirekt 290 000 Personen Arbeit. ## **Zwei ungünstige Eigenschaften pharmazeutischer Produkte** Auch bei wirksamen und nebenwirkungsfreien Medikamenten zeigen sich zwei wichtige Probleme: das Problem der Informationsasymmetrie und jenes der hohen Entwicklungskosten. Die Tatsache, dass kleinste Pillen den Körper stark beeinflussen und im Extremfall auch vergiften können (Paracelsus), stellt für die Konsumenten ein erhebliches Risiko dar. Sie können weder die Wirkstoffmenge noch die Art der Wirkstoffe in den Pillen überprüfen. Sie sind gezwungen, dem Hersteller blind zu vertrauen. Das mag bei der Dorfapotheke angehen, die gegenüber der persönlich bekannten Kundschaft eine Produkthaftung eingeht. In einem anonymisierten internationalen Pharmamarkt ist das nicht mehr gegeben. Aus diesem Grund etabliert der Staat eine Zulassungsbehörde, die Zusammensetzung und Toxizität prüft und über Zulassung zum oder Ausschluss vom Verkauf entscheidet. (In der Schweiz ist dies Swissmedic mit sieben vom Bundesrat direkt ernannten Direktoren, in Europa die EMA, in den USA die FDA.) Das zweite Problem zeigt sich bei der Medikamentenentwicklung. Während die Entwicklung bis zu zwölf Jahre dauert und grosse Mengen an Forschungsgeldern verschlingt, ist die Herstellung des Endprodukts im Vergleich sehr günstig. Wer nun neue Medikamente nicht selbst entwickelt, sondern lediglich kopiert, kann diese zu sehr tiefen Preisen anbieten, weil er keine Entwicklungskosten abschreiben muss. Andererseits sähe sich der erfolgreich forschende Unternehmer ausserstande, seine Entwicklungskosten über Verkäufe zu decken. Würde diese Missachtung des Copyrights zugelassen, verschwänden die innovativen Unternehmer vom Markt und der pharmazeutisch-medizinische Fortschritt käme zum Erliegen. Auch hier ist es der Staat, der den innovativen Unternehmer mittels Patentvergabe für 20 Jahre schützt und Verstösse gegen das Copyright ahndet. Ein innovativer Unternehmer bekommt damit eine definierte Frist, um seine Entwicklungskosten über entsprechend hohe Preise zu refinanzieren. ## **Risiken und Anreize der Pharmaindustrie** So weit die lehrbuchmässige Darstellung der wichtigsten Eigenschaften des Pharmamarktes. Scheinbar lösen die beiden Staatseingriffe (Zulassungsbehörde und Patentschutz) das Problem. Dem ist aber nicht so. Denn auch so bleibt die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs hochriskant und teuer. Zur Entwicklung eines neuen Medikaments müssen etwa 10 000 Substanzen analysiert werden, die zu rund 20 patentierbaren Wirkstoffen führen. Diese unterstehen zwar für 20 Jahre dem Patentschutz, müssen aber vor der Marktzulassung Tests an Tieren und Freiwilligen durchlaufen, was in der Regel 12 Jahre dauert. Und etwa 19 der 20 Patente bleiben in den Tests hängen. Im Durchschnitt verbleiben zur Rentabilisierung des einzigen erfolgreichen Patents 8 Jahre.[\[1\]](#%5Fftn1) Es versteht sich von selbst, dass sich Behörde und Hersteller seit Jahren über die Fristen bis zur Marktzulassung streiten. Je länger die Zulassung, desto kürzer die Frist zur Amortisierung des neuen Medikaments. Aber nicht nur das. Mit jedem zusätzlichen Jahr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Konkurrent eine andere Substanz mit ähnlicher Wirkung auf den Markt bringt, die dem ersten Produkt den Rang ablaufen könnte. Auch nach der Marktzulassung ist nicht sicher, dass die Sozialversicherungen das Medikament für ihre Versicherten vergüten, es ablehnen oder nur auf eine kleine, besonders betroffene Patientengruppe einschränken. Wenn der Preis des Versicherers unter den Kosten des Unternehmens zu liegen kommt, ist die Refinanzierung des Forschungsaufwands ebenfalls gefährdet. Schliesslich kann sich das Produkt trotz ausführlicher Tests nachträglich als schädlich für die Patienten herausstellen, was den Rückzug vom Markt und bei Grobfahrlässigkeit Entschädigungszahlungen an die Geschädigten zur Folge hat. Wer nachzählt, kommt auf mindestens acht grosse Risiken, welche die erfolgreiche Entwicklung eines neuen Medikaments gefährden. ## **Pharmafirmen minimieren ihre Risiken** Natürlich reagiert die Industrie auf diese Kumulation von Risiken. Schon seit Jahren wurden in den USA die Zulassungsfristen stetig verkürzt. Beim Covid-19-Impfstoff sprechen wir nun bestenfalls von 10 Monaten verglichen mit bisher 12 Jahren. Neuerdings besteht die Möglichkeit, mit der sogenannten Off-Label-Anwendung den Zulassungsprozess zu umgehen. Ärzte dürfen beispielsweise eine mRNA-Injektion auch bei Schwangeren anwenden, selbst wenn die Impfung nie spezifisch für Schwangere geprüft oder von Swissmedic für diese Gruppe zugelassen worden ist. Entsprechend spielte es dann auch keine Rolle, dass es keinen einzigen Tierversuch mit mRNA-geimpften, trächtigen Ratten gab, worin es diesen Tieren und ihrem Nachwuchs zumindest ähnlich gut erging wie den ungeimpften Tieren und ihrem Nachwuchs. Die Pharmaindustrie ist inzwischen auch ein wichtiger Sponsor der besten medizinischen Fachzeitschriften. Einer ihrer Herausgeber räumte offen ein, die Zeitschriften dienten primär als Marketingmaschinen und hätten die wissenschaftliche Unbestechlichkeit seit Jahrzehnten eingebüsst.[\[2\]](#%5Fftn2) Auch die Zulassungsbehörden stehen im Visier der Industrie. Heute speist sich das Budget von Swissmedic[\[3\]](#%5Fftn3) zu einem nicht unerheblichen Teil aus den Verkaufsvolumen der von Swissmedic selbst zugelassenen Medikamente. Was andernorts als Korruption bezeichnet würde, ist bei uns amtlich legitimiert. Und es fällt auf, dass Swissmedic kritischer zu sein scheint, wenn der ablehnende Entscheid ihre Einnahmen nicht unmittelbar schmälert. So hat Swissmedic einen Antibabypillen-Hersteller erfolgreich bis vor Bundesgericht verteidigt[\[4\]](#%5Fftn4), obwohl die behandelnden Ärzte einhellig der Meinung waren, die schwere invalidisierende Schädigung einer 16-Jährigen müsse auf die besagte Pille zurückgeführt werden. Die Pille war ein Blockbuster, ihr Rückzug vom Markt hätte das Budget von Swissmedic reduziert. Andererseits hat Swissmedic in einem erstaunlichen europäischen Alleingang die Zulassung des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca so lange hinausgezögert und mit Auflagen belegt, bis das Gesuch vom Hersteller selbst zurückgezogen wurde. Swissmedic handelte hier richtig und vorausschauend, denn die EMA-Zulassung wurde in Europa immer weiter eingeschränkt, bis der Wirkstoff 2024 wegen der Fülle an Nebenwirkungsklagen vollständig vom Markt genommen werden musste. Die Zulassung von AstraZeneca hätte die Einnahmen von Swissmedic, die zuvor bereits mehrere Substitute bewilligt hatte, nicht erhöht.[\[5\]](#%5Fftn5) Das auffällige Erschweren der Zulassung von AstraZeneca hatte somit keine finanziellen Konsequenzen für Swissmedic. Wohlgemerkt: Wir behaupten nicht, Swissmedic sei korrupt. Wir stellen nur fest, dass sich eine korrupte Behörde genau so verhalten würde wie Swissmedic. > «Wir behaupten nicht, Swissmedic sei korrupt. Wir stellen nur fest, dass sich eine korrupte Behörde genau so verhalten würde wie Swissmedic.» Allgemeiner formuliert: Dass die Pharmaindustrie versucht, ihre Risiken zu minimieren, liegt auf der Hand. Dass sich der Regulator so auffällig passiv verhält, gibt hingegen Anlass zur Sorge. --- [\[1\]](#%5Fftnref1) Interpharma: Gesundheitswesen Schweiz 2016, Basel. [\[2\]](#%5Fftnref2) «Journals have devolved into information laundering operations for the pharmaceutical industry.» Spurling G. et al. 2011\. Pharmaceutical Company Advertising. The Lancet, Vol. 378. [\[3\]](#%5Fftnref3) Gemäss Art. 1 Heilmittel-Aufsichtsabgabeverordnung; SR 812.214.6. [\[4\]](#%5Fftnref4) BGer 4A\_365/2014 & 4A\_371/2014. [\[5\]](#%5Fftnref5)[https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/news/mitteilungen/aufsichtsabgabe-2022.html](https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/news/mitteilungen/aufsichtsabgabe-2022.html?ref=schweizermonat.ch): Swissmedic an die Zulassungsinhaber von Arzneimitteln und Transplantatprodukten: «Gemäss Artikel 1 der Verordnung über die Aufsichtsabgabe an das Schweizerische Heilmittelinstitut vom 21\. September 2018 (Heilmittel-Aufsichtsabgabeverordnung; SR 812.214.6) erhebt die Swissmedic jährlich eine Aufsichtsabgabe, welche sich nach dem Fabrikabgabepreis der in der Schweiz verkauften zugelassenen Arzneimittel und Transplantatprodukte bemisst. Der Abgabesatz beträgt 6.5 Promille des Fabrikabgabepreises, die Berechnung der Abgabe stützt sich auf die Selbstdeklaration. Wir bitten Sie, im beiliegenden Selbstdeklarationsformular den Gesamtumsatz des Jahres 2022 der von Ihnen verkauften Arzneimittel und Transplantatprodukte zu Fabrikabgabepreisen einzutragen sowie anzugeben, ob Sie Belege oder eine Revisionsbestätigung einreichen.» ### Liebe Boomer, es hat sich ausgeboomt URL: https://www.schweizermonat.ch/liebe-boomer-es-hat-sich-ausgeboomt/ Last updated: 2026-09-23T15:24:06.000Z 0:00 /772.393958 1× Liebe Boomer Ihr seid unsere Eltern, unsere Mentoren und Ihr habt dieses Land zu dem gemacht, was es heute ist: wohlhabend, stabil und sicher. Dafür gebührt Euch uneingeschränkter Respekt. Doch während Ihr Euch in den verdienten Ruhestand verabschiedet, hinterlasst Ihr den kommenden Generationen ein staatspolitisches und fiskalisches Erbe, das mathematisch aus den Fugen geraten ist. Wenn wir heute über das ungebremste Staatswachstum sprechen, geht es nicht um ein emotionales Aufbegehren der Jugend – es geht um die nackten Zahlen des Generationenvertrags. Ein Vertrag basiert auf Gegenseitigkeit. Doch der Blick auf die Bilanzen zeigt: Der Generationenvertrag wurde faktisch gebrochen. > «Ein Umlagesystem, dessen Beitragsbasis derart wegbricht, wird ohne radikale Strukturreformen von der mathematischen Realität zermalmt.» Das fundamentale Problem ist: Ihr habt bei der AHV zwar mit Millionen Beitragszahlern gerechnet – Eure Hausaufgaben im Schlafzimmer habt Ihr dann aber leider verweigert. Seit den 1970er-Jahren sank die Geburtenrate in der Schweiz unter das kritische Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Ihr wusstet um Eure schiere demografische Masse, habt das Umlageverfahren der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) jedoch starr belassen. Die Quittung für dieses jahrzehntelange fiskalische Moratorium wird nun verzögert fällig: 1970 kamen statistisch noch 5,1 Personen im erwerbsfähigen Alter auf einen Rentner. Heute hat sich dieses Verhältnis auf 3,1 Erwerbstätige reduziert. Wenn unsere Generation Euer Alter erreicht, wird dieser Quotient auf unter 2 gefallen sein. Ein Umlagesystem, dessen Beitragsbasis derart wegbricht, wird ohne radikale Strukturreformen von der mathematischen Realität zermalmt. Anstatt das System rechtzeitig zu konsolidieren, habt Ihr im März 2024 die 13\. AHV-Rente durchgesetzt, die in diesem Jahr erstmals voll zur Auszahlung kommt. Diese Entscheidung verursacht unmittelbare Mehrausgaben von über 4 Milliarden Franken im Jahr. Das Perfide daran: Genau in diesem Jahr 2026 kippt das bisher positive Umlageergebnis der AHV in die roten Zahlen. Ohne sofortige, einschneidende Strukturreformen oder schmerzhafte Zusatzfinanzierungen wird dieses jährliche Umlagedefizit gemäss den aktuellen Prognosen des Bundesamtes für Sozialversicherungen bis 2030 auf rund 1,9 Milliarden und bis 2035 auf unvorstellbare 4,2 Milliarden Franken ansteigen. Ihr habt Euch eine dauerhafte Rentenerhöhung bewilligt, die Deckung des Schecks jedoch auf unsere Zukunft überwälzt. ## Chronische Ausgabensucht im Bundeshaus Das gleiche Muster zieht sich durch den Bundeshaushalt, der sich in einer chronischen Ausgabensucht befindet. Die ordentlichen Ausgaben des Bundes steigen von 90,6 Milliarden Franken im Voranschlag 2026 auf geplante 93,8 Milliarden Franken im Jahr 2027 und werden bis 2029 die Marke von rund 98 Milliarden Franken erreichen. Der Staatsapparat wächst damit systematisch schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Getrieben wird diese Dynamik primär durch gebundene Ausgaben: Der Aufgabenbereich soziale Wohlfahrt bildet mit 34,3 Prozent den mit Abstand grössten Posten und bindet mehr als jeden dritten Steuerfranken. Hinzu kommt eine alternde Gesellschaft, die das Gesundheitssystem an seine Grenzen treibt: Die Kosten für Pflege und Medizin explodieren, während die Prämien für die arbeitende Bevölkerung unbezahlbar werden. Anstatt kostendämpfende Strukturreformen durchzudrücken, habt Ihr das System jahrzehntelang auf Schienen weiterlaufen lassen, deren Zeche nun wir zahlen. Da diese Gelder gesetzlich starr verankert sind, kannibalisieren sie bei Haushaltsdefiziten – wie dem strukturellen Defizit vor dem jüngsten Entlastungspaket – die wenigen verbleibenden flexiblen Posten. Das ist die Schweizer Form der Zukunftsvergessenheit: Um Eure Besitzstände zu zementieren, verdrängt der ausufernde Sozialstaat systematisch die Ausgaben für das, was Wohlstand erst schafft: Das Budget für Bildung, Forschung und Infrastruktur gerät unter Dauerspardruck. > «Es hat sich ausgeboomt. Die fiskalische und demografische Party, die Ihr jahrzehntelang gefeiert habt, ist vorbei.» Zusätzlich zu diesen verkrusteten Budgetstrukturen bürdet Ihr uns eine immense Schuldenlast auf. Seit 2019 ist die Bruttoverschuldung des Bundes um rund 40 Milliarden Franken angestiegen und liegt heute bei weit über 120 Milliarden. Jeder einzelne dieser Franken muss inklusive Zinsen von den kommenden, zahlenmässig kleineren Generationen unter den strengen Regeln der Schuldenbremse mühsam abgetragen werden. Liebe Boomer, wir sagen es in aller Deutlichkeit und ohne Umschweife: Es hat sich ausgeboomt. Die fiskalische und demografische Party, die Ihr jahrzehntelang gefeiert habt, ist vorbei. Ihr könnt nicht einfach den Raum verlassen und uns das Aufräumen in Form von steigenden Lohnabzügen, höheren Steuern und erodierenden Sozialwerken überlassen. Wer heute starr an Privilegien festhält und Reformen blockiert, kündigt den Generationenvertrag endgültig. ## Der geforderte Kurswechsel Damit Ihr uns nicht missversteht: Wir rufen weder zu einem Rachefeldzug gegen Eure Generation auf noch fordern wir, gegebene Versprechen zu brechen. Doch ein grundlegender Paradigmenwechsel ist unausweichlich. Unser gemeinsames Schiff steuert auf einen Eisberg zu. Wenn wir den Kurs nicht ändern, ist der Zusammenprall nur eine Frage der Zeit. Diesen Kurswechsel wollen wir geordnet vollziehen. Bereits erworbene Rentenansprüche sollen geschützt, neue ungedeckte Versprechen verhindert und die Altersvorsorge schrittweise von politischer Umverteilung auf Eigenverantwortung umgestellt werden. Es geht nicht darum, den heutigen Rentnern die Existenzgrundlage zu entziehen, sondern zu verhindern, dass künftige Generationen dieselbe Last tragen müssen. Kurzfristig gilt es zunächst, die AHV zu stabilisieren. Eine naheliegende Massnahme ist die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung. Wenn die Menschen gesünder altern und länger leben, können sie grundsätzlich auch länger erwerbstätig bleiben. Die AHV-Rente soll deshalb erst mit Erreichen des entsprechend angepassten Rentenalters ausbezahlt werden. So lassen sich weitere Steuer- und Abgabenerhöhungen vermeiden. Weder müsste die Mehrwertsteuer weiter steigen noch müssten Erwerbstätige mit zusätzlichen Lohnabzügen belastet werden. Bereits rund ein Viertel der OECD-Länder – darunter Dänemark, Schweden, die Niederlande und Italien – hat das Rentenalter an die jeweilige Lebenserwartung gekoppelt. > «Es geht nicht darum, den heutigen Rentnern die Existenzgrundlage zu entziehen, sondern zu verhindern, dass künftige Generationen dieselbe Last tragen müssen.» Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass die Politik jenen Senioren, die freiwillig weiterarbeiten möchten, keine Steine in den Weg legt. Wer sich bewusst für eine weitere Erwerbstätigkeit entscheidet, soll dafür nicht steuerlich bestraft werden. Eine tiefere Besteuerung von Erwerbseinkommen im Rentenalter schafft einen echten Anreiz, länger im Berufsleben zu bleiben. Darüber hinaus braucht die AHV – analog zur Schuldenbremse des Bundeshaushalts – eine eigene Schuldenbremse. Sobald die laufenden Einnahmen die Ausgaben nicht mehr decken, sollen automatisch Reformen in Kraft treten. So hängt die Finanzierung nicht länger von kurzfristigen politischen Mehrheiten ab, und finanzielle Ungleichgewichte können frühzeitig statt erst im Krisenfall korrigiert werden. All diese Massnahmen verschaffen der AHV Zeit, lösen das Grundproblem jedoch nicht. Das Umlageverfahren bleibt langfristig ein Schneeballsystem mit falschen Anreizen: Jede neue Erwerbsgeneration finanziert die Renten der vorherigen. Doch weil die Menschen immer länger Rente beziehen, reichen die Lohnbeiträge zunehmend nicht mehr aus. Deshalb greift der Staat verstärkt auf zusätzliche Einnahmen zurück – auf Erträge aus der Mehrwertsteuer, allgemeine Bundesmittel und weitere Abgaben. Deshalb führt an einem Systemwechsel kein Weg vorbei: Die AHV muss schrittweise von einem Umlage- in ein Kapitaldeckungsverfahren überführt werden. Auch dieser Übergang soll geordnet erfolgen. Laufende Renten werden weiterhin ausbezahlt. Personen kurz vor der Pensionierung verbleiben weitgehend im heutigen System. Mittlere Jahrgänge erhalten eine Kombination aus AHV-Ansprüchen und persönlichem Vorsorgevermögen. Jüngere Jahrgänge wechseln vollständig auf individuelle Vorsorgekonten. Künftig sollen die Bürger über persönliche Alterskonten selbst für ihre Pension vorsorgen. Dadurch entsteht echtes Vermögen statt eines Anspruchs auf künftige Umverteilung. Auch Menschen mit tieferen Einkommen können so langfristig eine bessere Altersvorsorge aufbauen als im heutigen AHV-System. Gleichzeitig stärken höhere Ersparnisse den Kapitalstock der Wirtschaft und schaffen die Grundlage für mehr Investitionen, Innovation und Wohlstand. Auch die berufliche Vorsorge braucht mehr Freiheit. Arbeitnehmer sollen selbst entscheiden können, in welche Pensionskasse ihre Beiträge fliessen. Mehr Wettbewerb zwischen den Pensionskassen führt zu besseren Leistungen und günstigeren Konditionen. Auch der Umwandlungssatz soll nicht länger vom Gesetzgeber vorgegeben, sondern von den Pensionskassen selbst festgelegt werden. Sie kennen ihre finanziellen Realitäten besser als die Politik. Im gleichen Zug sind staatliche Vorgaben für die Verwaltung der Vorsorgegelder konsequent abzubauen. ## Kein Tabu fürs Krankenkassensystem Reformbedarf besteht ebenso im Gesundheitswesen. Die explodierenden Kosten lassen uns früher oder später keine andere Wahl, als über die Aufhebung des Krankenkassenobligatoriums nachzudenken. Die Bundesverfassung ermächtigt den Bund, die Kranken- und Unfallversicherung allgemein oder für einzelne Bevölkerungsgruppen obligatorisch zu erklären. Ohne den Zwang, sich für einen staatlich festgelegten Grundleistungskatalog zu versichern, könnten die Krankenkassen stärker miteinander um Kunden konkurrieren. Die Versicherten könnten ihren Schutz besser an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen und zwischen unterschiedlichen Modellen wählen. Je nach Modell könnten sie erhebliche Kosten sparen. Findet die Abschaffung des Versicherungsobligatoriums keine politische Mehrheit, müssen zumindest höhere Franchisen möglich werden. Die gesetzlich festgelegte Obergrenze von 2500 Franken führt dazu, dass die Allgemeinheit auch Leistungen finanziert, welche die Versicherten selbst tragen könnten. Höhere Franchisen würden den Anteil der von Dritten bezahlten Leistungen senken und die Eigenverantwortung stärken. Gleichzeitig sollte die Mindestfranchise steigen. Die Prämienverbilligungen gehören ebenfalls auf den Prüfstand. 2024 bezogen knapp 30 Prozent der Versicherten in der Schweiz eine Prämienverbilligung. Diese Quote muss deutlich sinken, damit die Kosten im Gesundheitswesen wieder sichtbarer werden. Prämienverbilligungen erwecken den Eindruck günstiger oder gar kostenloser Leistungen, obwohl deren Kosten weiterhin jemand tragen muss. Im Idealfall fallen die Verbilligungen vollständig weg. Bedürftige sollen stattdessen gezielte Unterstützung über andere Wege erhalten. Schliesslich braucht es Wahlfreiheit beim Leistungskatalog. Statt eines staatlich diktierten Einheitskatalogs sollen die Versicherten selbst entscheiden, welche Leistungen sie absichern wollen. Menschen unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen und ihrer Risikotoleranz; entsprechend bevorzugen sie unterschiedliche Versicherungsmodelle. Der Staat soll sie nicht zwingen, Leistungen mitzufinanzieren, die sie gar nicht versichern möchten. Liebe Boomer, wir wissen, dass viele dieser Vorschläge unbequem sind. Doch keine Reform wäre die weitaus unsozialere Entscheidung. Je länger wir die notwendigen Weichenstellungen hinauszögern, desto höher wird der Preis, den unsere Generation und unsere Kinder dafür bezahlen müssen. Lasst uns den Generationenvertrag deshalb nicht aufkündigen, sondern auf eine tragfähige Grundlage für die Zukunft stellen – ehrlich, nachhaltig und im Bewusstsein unserer gemeinsamen Verantwortung. In tiefer Sorge um die Schweizer Wohlfahrtsarchitektur Eure Gen Z (alias Eure Kinder und Enkel) ### Kleinheit zwingt Liechtenstein zu Offenheit und Zusammenarbeit – genau darin liegt seine wirtschaftliche Stärke URL: https://www.schweizermonat.ch/kleinheit-zwingt-liechtenstein-zu-offenheit-und-zusammenarbeit-genau-darin-liegt-seine-wirtschaftliche-starke/ Last updated: 2026-09-23T17:26:48.000Z 0:00 /535 1× Wenn ich als Wirtschaftsminister Gäste aus dem Ausland durch Vaduz führe, kommt früh eine Frage: Wie schafft es ein Land mit 160 Quadratkilometern und rund 41 500 Einwohnerinnen und Einwohnern, mehr Arbeitsplätze als Einwohner zu haben, praktisch schuldenfrei zu sein und gleichzeitig zu den wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt zu zählen? Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt kein Patentrezept. Es ist das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die den Erfolg unseres Landes ausmachen. Viele dieser Faktoren sind und waren das Ergebnis von Entscheidungen, die teils vor über hundert Jahren, teils erst vor wenigen Jahrzehnten gefällt worden sind. ## Die Weichenstellungen der Vergangenheit Liechtensteins Wirtschaftsgeschichte lässt sich an drei Daten festmachen: dem Jahreswechsel 1923/24, dem Jahr 1991 und schliesslich dem Jahr 1995\. Mit der Auflösung der Zollunion mit Österreich und dem Abschluss des Zollvertrags mit der Schweiz orientierte sich unser Land nach dem Ersten Weltkrieg konsequent an der Schweiz. Daraus resultierte eine enge Partnerschaft mit der Schweizer Eidgenossenschaft. Die Übernahme des Schweizer Frankens als gesetzliches Zahlungsmittel ist wohl das augenfälligste Zeichen dieser Zusammenarbeit. Hinzu kommt der offene Grenz- und Warenverkehr. Letzterer mündete schliesslich in eine Zollunion. Die enge Zusammenarbeit mit der Schweiz eröffnete Liechtenstein Zugang zu einem stabilen, grossen Wirtschaftsraum. Diese Anlehnung an die Schweiz war eine bewusste, mutige Entscheidung, denn Souveränität bedeutet nicht nur Autarkie, sondern die Freiheit, selbst zu entscheiden, wo Zusammenarbeit den eigenen Handlungsspielraum erweitert. Die zweite Weichenstellung folgte Jahrzehnte später mit dem Beitritt zur Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) 1991 und zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1995\. Damit vollzog das Fürstentum einen Balanceakt, der seinesgleichen sucht: Die gleichzeitige Anbindung an die Schweiz durch die Zoll- und Währungsunion sowie an Europa durch die Mitgliedschaft im EWR ermöglicht den ungehinderten Zugang zu gleich zwei bedeutenden Wirtschaftsräumen. Ich bin überzeugt: Diese doppelte Marktanbindung ist der stärkste einzelne Standortfaktor, den wir haben. Unsere Industrieunternehmen exportieren in die ganze Welt, unser Finanzplatz operiert nach EU-Standards, gleichzeitig bleibt der Franken unsere Währung und die Schweiz unser engster Partner. Politische Kontinuität wird oft als gegeben hingenommen. Liechtenstein verdankt seine Stabilität nicht zuletzt seiner Staatsform, die seit rund einem Jahrhundert Monarchie und direkte Demokratie verbindet, sowie einer politischen Kultur, in der wirtschaftspolitische Grundsatzfragen selten parteipolitisch instrumentalisiert werden. Hinzu kommt ein schuldenfreier Staatshaushalt mit einem AAA-Rating. Dieses ist das Ergebnis einer besonnenen und langfristig ausgerichteten Fiskalpolitik sowie der Bereitschaft früherer Generationen, in guten Jahren zurückzulegen statt zu verteilen. Diese Form des intergenerationellen Zusammenhalts ist Teil der liechtensteinischen DNA. Sie mag teils unbequem sein, zahlt sich aber in jeder Krise aus – zuletzt sichtbar in der Finanzkrise 2008 und in der Pandemie, von denen sich die liechtensteinische Wirtschaft im Vergleich mit anderen Staaten relativ rasch erholt hat. Dazu kommt Rechtssicherheit: Wer hier investiert, ein Unternehmen gründet oder eine Stiftung errichtet, kann sich auf eine berechenbare und stabile Rechtsordnung verlassen. Das ist gerade im Bereich der Vermögensverwaltung sehr wichtig. Auch für Investitionen in den Wirtschaftsstandort Liechtenstein ist es ein entscheidendes Argument, das man nicht mit tiefen Steuersätzen allein aufwiegen kann. ## Klein, aber unternehmerisch Mit über 5500 im Handelsregister eingetragenen Unternehmen auf rund 41 500 Einwohnerinnen und Einwohner hat Liechtenstein eine der höchsten Unternehmensdichten der Welt. Das ist das Resultat einer bewusst liberalen Wirtschaftspolitik: Der Fokus liegt auf der Schaffung und Aufrechterhaltung eines Umfelds, das es für Unternehmen und Investoren interessant macht, in Liechtenstein tätig zu sein. Die Aufgabe der Politik ist es, zu ermöglichen statt zu erschweren. Dazu gehören der Abbau von Innovationshürden, ein liberales Gesellschafts- und Arbeitsrecht, kurze, unbürokratische Wege und eine Verwaltung, die sich als Dienstleisterin versteht statt als Hürde. > «Die Aufgabe der Politik ist es, zu ermöglichen statt zu erschweren.» Hinzu kommt das Persönliche. Wenn ein Unternehmer bei uns anruft, bekommt er in der Regel keine Broschüre, sondern eine Person ans Telefon, die sich seines Anliegens annimmt und weiterhilft. Diese Nähe zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft ist ein Standortvorteil, den grössere Länder strukturell kaum leisten können. Ein weiterer zentraler Faktor ist unser duales Bildungssystem, das gut ausgebildete Fachkräfte hervorbringt und eng auf die Bedürfnisse unserer Betriebe zugeschnitten ist. Zugleich sind wir keine reine Steueroase, auch wenn sich dieses Klischee hartnäckig hält. Unser Finanzplatz hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren grundlegend gewandelt. Er zeichnet sich heute durch eine transparente und international abgestimmte Regulierung, eine enge Zusammenarbeit mit der OECD und der EU sowie eine Finanzmarktaufsicht, die international anerkannt ist, aus. Wer in Liechtenstein zum Beispiel eine Stiftung gründet, schätzt die Rechtssicherheit und die Qualität der angebotenen Dienstleistungen. Diese Neuausrichtung war herausfordernd, aber richtig, und sie ist die Voraussetzung dafür, dass sich unser Finanzplatz auch in Zukunft international positionieren und weiterentwickeln kann. Ein zweiter, oft unterschätzter Pfeiler der liechtensteinischen Wirtschaft ist unsere Industrie: Rund 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten in einem hochspezialisierten Industriesektor, in dem mehrere Liechtensteiner Unternehmen Weltmarktführer in ihrer Nische sind. Liechtenstein ist ein Land der Hidden Champions. Die breit diversifizierte Wirtschaftsstruktur mit einer Kombination aus Finanzplatz und Werkplatz macht uns weniger anfällig für Branchenkrisen als reine Finanzzentren und sorgt auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten für Stabilität. ## Der Preis des Erfolgs Ich will an dieser Stelle nicht nur die Erfolgsgeschichte erzählen. Wer so erfolgreich wirtschaftet wie Liechtenstein, produziert auch Knappheit – vor allem beim Wohnraum und bei Arbeitskräften. Über die Hälfte unserer Beschäftigten pendelt täglich aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland nach Liechtenstein. Das funktioniert nur dank enger regionaler und grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Liechtenstein kann die Nachfrage nach Arbeitskräften längst nicht mehr selbst decken. Die demografische Entwicklung wird diesen Druck in den kommenden Jahren eher verschärfen als lindern: Unser Wirtschaftsstandort ist auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen; die Zuwanderung und damit auch die Möglichkeit der Wohnsitznahme in Liechtenstein sind jedoch begrenzt. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob wir den gleichen Mut und die gleiche Weitsicht aufbringen wie frühere Generationen. Die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen muss weitergehen. Der internationale Regulierungsdruck im Finanzsektor wird nicht abnehmen und wir müssen ihn proaktiv mitgestalten, statt nur zu reagieren. Die veränderte Sicherheitslage in Europa macht vor einem kleinen, offenen Wirtschaftsstandort nicht halt: Mit unserer ersten integrierten sicherheitspolitischen Strategie tragen wir dieser Entwicklung Rechnung, indem wir staatliches Handeln, wirtschaftliche Resilienz und die Eigenverantwortung der Bevölkerung stärker verzahnen – denn Sicherheit ist längst auch ein Wettbewerbsfaktor, nicht nur eine innenpolitische Frage. Was Liechtenstein aus meiner Sicht richtig macht, ist letztlich keine einzelne Massnahme, sondern eine Haltung: langfristig denken. Wir setzen als Land auf Kooperationen statt auf Abschottung. Indem wir Wandel als Chance begreifen, Verlässlichkeit über kurzfristige Vorteile stellen und den Mut haben, unbequeme Anpassungen frühzeitig vorzunehmen, bleiben unser Staatswesen und die Menschen, denen es dienen soll, wettbewerbsfähig. Diese Haltung hat uns hundert Jahre lang getragen. Sie wird uns nur weitertragen, wenn wir sie nicht für selbstverständlich halten. ### Hat Big Pharma einen zu grossen Einfluss auf die Politik? URL: https://www.schweizermonat.ch/hat-big-pharma-einen-zu-grossen-einfluss-auf-die-politik/ Last updated: 2026-09-23T17:25:00.000Z 0:00 /523 1× Die Pharmaindustrie lobbyiere in der Politik zu stark, um ihre Interessen einzubringen, hört man manchmal. Die grossen multinationalen Firmen seien in der Politik omnipräsent und es gehe ihren Vertreter/-innen vor allem darum, die hohen Gewinne und Gehälter sicherzustellen. Die NZZ zitierte kürzlich einen «hohen Beamten aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG)», der der Pharmaindustrie «Drohgebärden» und «Abzocke» vorwarf. Der Autor des [Artikels](https://www.nzz.ch/meinung/erpresser-ueberall-die-diskussion-um-medikamentenpreise-laeuft-aus-dem-ruder-zum-nachteil-der-schweiz-ld.10011874?ref=schweizermonat.ch), Dieter Bachmann, kam zum Schluss: «Allzu oft sind die Pharmakonzerne in Bundesbern aus ideologischen Gründen noch immer ein Feindbild.» ## Die bösen Grossen? Grossen Firmen wird oft misstraut. Ihre Gewinne sind typischerweise hoch. Roche und Novartis erwirtschafteten 2025 je einen Gewinn von über 10 Milliarden Franken. Auch die Zahl ihrer Mitarbeiter mit jeweils über 100 000 weltweit ist beeindruckend. Ähnliches gilt für die Grossbank(en). Die UBS erzielte 2025 einen Reingewinn von rund 8 Milliarden Franken mit weltweit 100 000 Mitarbeitern. Ist die Kritik also eine Folge der Grösse einzelner Exponenten in der Pharmaindustrie, die ein Missbehagen auslöst – ähnlich wie in der Bankenwelt? Wohl eher nicht. Wäre dem so, müsste dieselbe Kritik auch gegenüber der Maschinen- oder Nahrungsmittelindustrie ausgesprochen werden. Prominente Schweizer Vertreter in diesen Branchen sind ABB sowie Nestlé, die in ihren Dimensionen einer Roche, Novartis oder UBS in nichts nachstehen. Es ist aber relativ ruhig um diese Akteure, und man hat nicht den Eindruck, dass ABB und Nestlé in Bern sehr präsent sind. Umgekehrt gibt es eine Branche, die in der Berner Politik praktisch zu Hause ist: die Landwirtschaft. Ihr wird nachgesagt, dass sie im Parlament «übervertreten» sei. Sie hat aber keine vergleichbaren Grossbetriebe. Zudem macht die Wertschöpfung in dieser Branche nur einen Bruchteil der anderen aus: Sie beträgt weniger als 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Schweiz, während die anderen erwähnten Branchen jeweils 5 bis 10 Prozent des BIP erwirtschaften. ## Hoher Regulierungsgrad Nicht die Grösse, sondern etwas anderes muss es sein, das für das Engagement auf politischer Ebene – und die Kritik daran – verantwortlich ist. Etwas, was die Pharmaindustrie, die Bankenbranche und die Landwirtschaft verbindet. Meine Antwort: Alle drei sind stark reguliert, viel stärker als andere Branchen. Die einzelnen Akteure sind von diesen Regulierungen entsprechend stark betroffen. In der Landwirtschaft wird dem einzelnen Bauernbetrieb detailliert vorgeschrieben, was er tun und lassen soll. Zudem kann der Bauer seinen Hof und sein Land nicht für etwas anderes einsetzen, wenn zum Beispiel der Zollschutz abgebaut wird. Kein Wunder, dass die Landwirtschaft so präsent in der Politik ist! Vieles, was die Aussen- und Innenpolitik verändert, dürfte die Landwirtschaft wirtschaftlich stark tangieren. Deshalb will man in Bern dabei sein. Auch die Banken sind stark von Regulierungen betroffen. Der Regulierungsbedarf ist eine Folge der Abhängigkeit aller anderen Sektoren vom Finanz- und Zahlungssystem; verursachen einzelne Banken eine Finanzkrise, hat dies grosse negative Effekte auf den Rest der Volkswirtschaft. Dazu kommt die in diesem Geschäft vorhandene Informationsasymmetrie. Der Staat muss entsprechend vorausschauend regulieren. Da die grossen Banken in einem intensiven internationalen Wettbewerb stehen, wollen sie am Standort Schweiz aber nicht überreguliert werden. Die aktuelle Diskussion um die Eigenkapitalvorschriften für die UBS widerspiegelt dieses Dilemma. Die hohe Regulierungsintensität gilt noch mehr für die Pharmaindustrie. Ihre neu entwickelten Medikamente und Behandlungsmethoden müssen zuerst in einem aufwendigen Verfahren durch den Staat (Swissmedic) geprüft und genehmigt werden, bevor sie produziert und verkauft werden können. Zudem dürfen die Firmen den Preis auf der Basis ihrer Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskosten sowie der Wertschätzung der Patientinnen und Patienten nicht selber bestimmen. Der Preis wird durch den Staat (BAG) festgelegt. Die Regulierungen werden vor allem mit zwei Gründen gerechtfertigt: Erstens soll die temporäre Monopolstellung der Firmen aufgrund des gewährten Patentschutzes für ein Produkt über die Preisregulierung durch den Staat beschränkt werden. Zweitens soll der fehlende Anreiz der versicherten Patienten, die Kosten der Behandlung in ihren Entscheidungen mitzuberücksichtigen, durch den Einbezug des Staates (BAG) korrigiert werden, der entscheidet, welches Produkt zu welchem Preis vergütet wird. Die Frage ist berechtigt, ob die Regulierungen in dieser Form notwendig sind: Patente gibt es auch in Branchen ohne Preisregulierung, und die Patienten könnte man wohl auf andere Weise in die Pflicht nehmen. ## Grosse Bedeutung der Politik für die Akteure Die Politik hat somit eine gewichtige Bedeutung für das Schicksal der Pharmaindustrie und ihre Akteure, die sich in Bern entsprechend für ihre Interessen engagieren. Ist die Arzneimittelzulassung durch Swissmedic zu aufwendig und erfolgt sie zu langsam, hat dies erhebliche Konsequenzen für die Firmen, welche vorher über Jahre Milliarden von Franken in die Entwicklung eines Medikamentes investiert haben. Dasselbe gilt für den Entscheid des BAG betreffend Preis und Aufnahme in die Spezialitätenliste und damit die Vergütung durch die Grundversicherung. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss dieser Entscheide auf das Auslandgeschäft der (multinationalen) Pharmafirmen. Kein Wunder, dass diese und die ganze Branche die Regulierungen, ihre Umsetzung und Anpassungen mit Argusaugen verfolgen und auch beeinflussen wollen! Würden wir dasselbe Engagement der Pharmafirmen erwarten, wenn die Akteure – wie ABB oder Nestlé – ihre Produkte relativ einfach und schnell genehmigt erhielten und die Preise im internationalen Wettbewerb eigenständig bestimmen könnten? Wohl kaum. ## Zu grosser Einfluss? Hat die Pharmaindustrie in diesem planwirtschaftlichen Prozess, dessen Existenz in einer Marktwirtschaft eigentlich überrascht, einen *zu grossen Einfluss*? Meines Erachtens kann diese Frage mit «Nein» beantwortet werden. Erstens verstehen wir aufgrund der hier angestellten Überlegungen nun sehr gut, warum sich die Industrie in diesem engen Regulierungskorsett in Bern sehr stark engagiert. Zweitens gibt es Anliegen, welche die Industrie seit langem ohne Erfolg in die Politik eingebracht hat, was nicht für einen grossen Einfluss spricht. Ein Beispiel ist die Schaffung einer professionellen Gesundheitsdatenbank, deren Nutzung nicht nur für die Spitäler ein Segen, sondern auch für die Forschung in der Pharmaindustrie am Standort Schweiz zentral wäre. Daten haben den Charakter eines öffentlichen Gutes, weshalb dem Staat hier eine zentrale Rolle zukommt. Ein aktuelles Anliegen, bei dem die Industrie auf Granit beissen dürfte, ist zudem die Erhöhung der vom BAG bestimmten Preise in der Schweiz. Diesen wird aufgrund der Vorstösse der amerikanischen Regierung neu eine Signalwirkung für die Preise in den USA zukommen. Aus gesamtschweizerischer Sicht könnte eine Preiserhöhung deshalb interessant sein. ## Regulatorische Gesamtsicht In einem international stark regulierten und immer mehr politisierten Markt wie dem Pharmamarkt wird es nicht mehr reichen, dass einzelne kantonale und eidgenössische Behörden nur ihr eng definiertes Anliegen verfolgen. Vielmehr wird es in Zukunft darum gehen, dass in der Schweiz eine regulatorische Bestandsaufnahme und Gesamtsicht zusammen mit der Pharmaindustrie erarbeitet wird. Die Präsenz der Branche dürfte in der Politik in Zukunft deshalb zunehmen. Oder man dereguliert diese Industrie komplett (allenfalls verbunden mit einem Ausbau der Haftung) und gibt den Firmen damit eine viel grössere Kompetenz bei der Produkteinführung und der Preisgestaltung. Dann wird man Big Pharma in Bern wohl nur noch selten antreffen. ### Der Staat wächst im Verborgenen URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-wachst-im-verborgenen/ Last updated: 2026-09-23T15:27:02.000Z 0:00 /506.593958 1× Beinahe jede staatliche Aufgabe beginnt mit einer guten Absicht. Man will die familienergänzende Kinderbetreuung ausbauen, die Versorgung mit einheimischen Nahrungsmitteln sichern oder den Ausbau der Solarenergie fördern. Aus der Absicht wird ein Auftrag, aus dem Auftrag eine Regel. Und damit die Regel im Alltag gilt, braucht es Menschen, die sie anwenden und ihre Einhaltung prüfen. Und diese Menschen erkennen mit der Zeit, was sich sonst noch absichern und fördern liesse. Eine Regulierung zieht die nächste nach sich. So wächst die Verwaltung, Jahr für Jahr. In den Zahlen ist das gut sichtbar. Seit dem Jahr 2000 ist die öffentliche Verwaltung um rund die Hälfte gewachsen – fast doppelt so schnell wie die Bevölkerung. Und der Apparat ist teuer: Gemäss einer [Studie](https://www.iwp.swiss/forschung/projekte/besch%25C3%25A4ftigung-im-%25C3%25B6ffentlichen-sektor?ref=schweizermonat.ch) des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik zahlt der Bund für vergleichbare Qualifikationen einen Lohnaufschlag von 11,7 Prozent gegenüber der Privatwirtschaft. Eine wachsende Belegschaft mit überdurchschnittlichen Löhnen kommt den Steuerzahler teuer zu stehen. Verschiedene bürgerliche Politiker möchten hier daher Gegensteuer geben. So sammeln etwa die Jungfreisinnigen zurzeit Unterschriften gegen das Wachstum der Bundesverwaltung. Ihre Initiative verlangt, dass die Personalausgaben des Bundes nicht stärker steigen als der Schweizer Medianlohn. Dabei bezieht die Initiative explizit auch externe Dienstleister und unabhängige Behörden wie die Finanzmarktaufsicht (Finma) mit ein. Damit werfen die Initianten eine grundsätzliche Frage auf: Was zählt überhaupt zum Staat – und damit zur staatlichen Beschäftigung? ## Öffentliche Beschäftigung richtig messen In der öffentlichen Debatte wird oft zu wenig differenziert. Nicht selten wird nur auf die Bundesangestellten verwiesen. Das waren 2025 rund 39 000 Vollzeitstellen. Diese Zahl spiegelt aber nur einen kleinen Teil des öffentlichen Sektors in der Schweiz: Sie lässt Kantone und Gemeinden weg. Und schon gar nicht zeigt sie den ganzen Staat. Wer die öffentliche Beschäftigung in ihrer Gesamtheit erfassen will, muss drei Ebenen berücksichtigen: Die erste ist die öffentliche Verwaltung im engeren Sinn. Hier arbeiten derzeit über 180 000 Personen oder rund vier Prozent aller Erwerbstätigen. Sie üben hoheitliche Aufgaben aus – sie verwalten, regulieren oder kontrollieren. Das ist die Zahl, die politisch im Fokus steht. Es sind zugleich jene Arbeitsplätze, welche die Politik unmittelbar steuert. Die zweite Ebene sind die übrigen Staatsangestellten: Lehrer, Dozenten oder Krankenpfleger. Auch sie stehen meist auf dem Lohnzettel des Staates, doch sie sitzen nicht in einer Amtsstube, sondern arbeiten in einem Spital oder einem Schulzimmer. Rechnet man sie hinzu, arbeitet jeder Zehnte für den Staat. Die dritte Gruppe ist die am meisten unterschätzte. Hier finden sich Unternehmen, die der Staat finanziert oder kontrolliert; die zugehörigen Arbeitnehmer hat er jedoch nicht auf seiner Lohnliste. Dies trifft zum Beispiel auf konzessionierte Verkehrsunternehmen oder die Post zu. Zählt man auch diese Unternehmen zur staatlichen Beschäftigung, sind es gesamthaft rund eine Million Menschen oder 23 Prozent – beinahe jeder Vierte. Das Muster ist klar: Je weiter man sich von der Kernverwaltung entfernt, desto weniger sieht das Ganze nach Staat aus. Die meisten reden nur über die Spitze. Den Eisberg darunter sehen die wenigsten. ## Schlank auf dem Papier Dabei macht der versteckte Teil einen grossen Brocken der öffentlichen Beschäftigung aus. Die Spuren ziehen sich durch ganze Branchen. Im Gesundheitswesen und Sozialbereich ist ein Grossteil öffentlich finanziert. Auch der Stromsektor oder der Schienenverkehr sind fest in staatlicher Hand; abgesehen von der Matterhorn-Gotthard- und der Jungfraubahn gibt es kaum eine konzessionierte Eisenbahn, die nicht mehrheitlich der öffentlichen Hand gehört. Selbst die Landwirte sind nicht einfach private Unternehmer: Rund die Hälfte des bäuerlichen Einkommens stammt aus staatlichen Mitteln. Der Schweizer Bauer ist somit statistisch gesehen ein halber Staatsangestellter. Ein Grund für die Grösse des staatsnahen Bereichs liegt darin, dass in den vergangenen Jahrzehnten grosse Teile des Staates ausgelagert wurden – auch als Folge des «New Public Management»: Aus Ämtern wurden Anstalten, aus Anstalten Aktiengesellschaften. Seither firmieren öffentliche Spitäler, Verkehrsbetriebe und Energieversorger oft als Aktiengesellschaften. In den Statistiken erscheinen sie als Unternehmen, nicht als staatliche Organisationen. Am Einfluss und an der Kontrolle des Staates über eben jene Organisationen ändert das jedoch wenig. ## Ausgelagert, nicht verschwunden Die Liste solcher Auslagerungen ist lang. Die SBB wurden beispielsweise 1999 zur spezialgesetzlichen Aktiengesellschaft, die Post folgte 2013\. Spitäler wie das Kantonsspital Aarau oder das Luzerner Kantonsspital wurden in AGs umgewandelt. Und die grossen Elektrizitätswerke – Axpo oder BKW – gehören mehrheitlich den Kantonen, treten aber als «normale» Unternehmen auf. Diese Auslagerungen haben zur Folge, dass die Einheiten aus der offiziellen Statistik zur öffentlichen Beschäftigung herausfallen. So ist beispielsweise die Beschäftigung beim Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) durch die Verselbstständigung des ETH-Bereichs 1998 um rund 5500 Vollzeitstellen gesunken. Der Staat hat sich damit jedoch keineswegs zurückgezogen. Er hat einfach ein anderes rechtliches Kleid angezogen. Solche Auslagerungen haben durchaus Vorteile: Die Betriebe können unternehmerischer geführt werden, und die Kosten des Service public erscheinen nicht mehr versteckt im allgemeinen Staatshaushalt. Zwei Dinge haben die Auslagerungen jedoch nicht gebracht: Das Wachstum der öffentlichen Beschäftigung als Ganzes haben sie nicht gestoppt – und die Transparenz haben sie sogar verringert. Die Datenlage zum staatsnahen Sektor ist entsprechend dünn, verlässliche Zeitreihen fehlen. Wer sich aber die Mühe macht und den staatsnahen Sektor einbezieht, erkennt: Die Staatstätigkeit ist auch dort gewachsen, wo sie von der Statistik nicht erfasst wird. Der Staat wächst somit an zwei Orten: sichtbar in der Kernverwaltung und schwerer erkennbar in den staatsnahen Bereichen. ## Den ganzen Staat zähmen Wer dieses Wachstum bremsen will, muss also den ganzen Staat im Blick haben. Denn wer nur die Spitze des Eisbergs sieht, hält den Staat fälschlicherweise für schlank. Man muss schon unter die Wasseroberfläche blicken, um seine ganze Dimension zu erfassen. Die Initiative der Jungfreisinnigen verdient hier Anerkennung: Sie bezieht externe Dienstleister und unabhängige Behörden bewusst mit ein und erschwert damit das naheliegendste Ausweichmanöver – die Flucht in die Auslagerung. Ganz verhindern lässt sich das Ausweichen allerdings nie. Wird das Wachstum an einer Stelle gebremst, kann es sich an anderer fortsetzen – etwa in staatsnahen Unternehmen oder über Subventionen an Private. Eine Staatsbremse kann deshalb nur wirksam sein, wenn sie auf einer möglichst umfassenden Messung des staatlichen Fussabdrucks beruht. Es braucht daher eine Personalstatistik über alle drei Staatsebenen mit klaren Kriterien, was zentrale Verwaltung, dezentrale Verwaltung, übrige Staatsangestellte und staatsnahe Beschäftigung betrifft. Die konsolidierte Rechnung des Bundes liefert da erste Hinweise, bleibt aber ebenfalls vage. Doch wer den Staat wirksam begrenzen will, muss ihn zuerst vollständig erfassen. ### Warum Liechtenstein bei Vereinen, Freiwilligenarbeit und Philanthropie zur Weltspitze gehört URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-liechtenstein-bei-vereinen-freiwilligenarbeit-und-philanthropie-zur-weltspitze-gehort/ Last updated: 2026-09-23T17:23:36.000Z 0:00 /402 1× Müsste man ein Land küren, das gemeinnütziges Engagement besonders wertschätzt, das stark von Freiwilligenarbeit und Ehrenamt geprägt ist, in dem es besonders viele Vereine gibt und wo das Stiftungswesen floriert – die Wahl könnte auf Liechtenstein fallen. Das Fürstentum hat eine stolze Tradition von Freiwilligendienst, Ehrenamt und Stiftungswesen; die Politik hat die Rahmenbedingungen für Philanthropie im Auge; Werte wie Hilfsbereitschaft, gesellschaftliches Miteinander und schlicht Mitmenschlichkeit geniessen einen hohen Stellenwert. Man spürt diese gelebte Tradition im Alltag. Sie ist authentisch und wird auch jenseits der Grenzen, ja sogar ausserhalb Europas registriert. Denn auch zahlreiche Daten dokumentieren Liechtensteins besondere Stellung als Land mit tief verwurzelter Gemeinwohlorientierung. So belegte das Fürstentum 2025 bereits zum zweiten Mal in Folge Platz 1 im «Global Philanthropy Environment Index» (GPEI), der von der Lilly Family School of Philanthropy herausgegeben wird, einer führenden Forschungseinrichtung an der US-amerikanischen Indiana University. Das internationale Ranking erhebt für knapp 100 Nationen auf allen Kontinenten systematisch die Bedingungen für philanthropische Arbeit. Unter anderem wird untersucht, ob es in einem Land günstige operative, rechtliche und wirtschaftliche Möglichkeiten für gemeinnützige Organisationen gibt, sich anzusiedeln und weiterzuentwickeln, welche Anreize für privates Engagement existieren und wie es um die Offenheit auch für grenzüberschreitende Philanthropie bestellt ist. Besonders wichtig ist zudem das soziokulturelle Umfeld, das der Lilly-Index ebenfalls in den Blick nimmt: Welchen gesellschaftlichen Stellenwert geniesst gemeinwohlorientiertes Handeln in einem Land, und wie tief ist es mit der Mentalität verwoben? ## Das Land der Vereine In keiner der insgesamt sechs Kategorien des GPEI braucht Liechtenstein den Vergleich mit anderen Nationen zu scheuen, wie auch der Philanthropiereport 2025 des Centers für Philanthropie an der Universität Liechtenstein dokumentiert. Auch wenn es einzelne Bewährungsproben etwa für die Zukunft der Vereinsarbeit gibt, ist gemeinnütziges Handeln sowohl institutionell als auch gesellschaftlich fest verankert und dürfte so zum sozialen Zusammenhalt und zu einer hohen Lebensqualität beitragen. Zwei von drei Personen in Liechtenstein waren schon einmal ehrenamtlich tätig oder sind es aktuell. Die Freiwilligen engagieren sich im Naturschutz, in der Hausaufgabenhilfe, der Brauchtumspflege und zahlreichen anderen Bereichen. Knapp jeder zehnte Liechtensteiner investiert mehr als 20 Stunden monatlich in Freiwilligenarbeit. Hinzu kommt die grösste Dichte an Vereinen im DACH-Raum, wie eine weitere Erhebung des Centers für Philanthropie 2024 ergab – 15,6 Vereine auf 1000 Einwohner. Zum Vergleich: In Österreich lag die Quote bei etwa 14, in der Schweiz bei 11,5 und in Deutschland bei 7,3\. Von den fast 900 aktiven Vereinen im Fürstentum verfolgen dabei drei Viertel gemeinnützige Ziele, vor allem in den Bereichen Kultur und Musik, Sport, Freizeit und Geselligkeit sowie Soziales. Hinter den statistischen Zahlen verbirgt sich also das pralle Leben. Natürlich dienen Vereine in erster Linie der gemeinsamen Freizeitgestaltung. Doch ihre Bedeutung reicht deutlich weiter: Sie fördern soziale Integration und bürgerschaftliches Engagement und ermöglichen kulturelle Teilhabe. ## «Gemeinsinn ist kein Selbstläufer» Hinter den Statistiken und nackten Zahlen, die für die Wissenschaft vor allem von Interesse sind, verbergen sich unzählige Geschichten von Bürgerinnen und Bürgern, Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen, die ihre Zeit, ihr Know-how, Mittel und weitere Ressourcen für das Wohl anderer, aber ebenso für Tiere, Natur und Umwelt einbringen – häufig ohne grosse Sichtbarkeit, doch dafür mit grosser Wirkung. Die Leidenschaft für philanthropische Ziele, die die rein persönlichen weit übersteigen, ist in Liechtenstein immer wieder ganz direkt im Alltag spürbar – und wirkt anziehend. Dank seiner ökonomischen Stärke, verlässlichen Institutionen und einer gelebten Kultur des Gebens ist Liechtenstein trotz seiner geringen Grösse und Bevölkerungszahl seit Jahrzehnten ein attraktiver Standort für philanthropisch aktive Menschen aus aller Welt. Was sich wiederum messen lässt: In der Kategorie «Grenzüberschreitende Philanthropie» des Lilly-Index, die wiedergibt, wie attraktiv ein Land beispielsweise auch für Stifterinnen und Stifter aus dem Ausland ist, schneidet Liechtenstein ebenfalls sehr gut ab. Gemittelt über alle sechs Kategorien kommt es in der neuesten GPEI-Ausgabe als globaler Spitzenreiter auf einen Gesamtscore von 4,92 bei einem maximal erreichbaren Wert von 5,00\. Liechtenstein kommt damit dem theoretischen Idealwert so nahe wie kein anderes untersuchtes Land. ## Wer macht morgen weiter? Dabei gibt es aber auch Herausforderungen: Eine Befragung unter Liechtensteiner Vereinsvorständen, die das Center für Philanthropie aktuell zur Publikation vorbereitet, zeigt, dass die Verantwortung für die Vereinsgeschicke mitunter auf nur sehr wenigen Schultern lastet. Nachfolgeregelungen und anstehende Neubesetzungen werden teils als schwierige Zukunftsaufgaben wahrgenommen, ebenso wie die Gewinnung neuer und vor allem jüngerer Mitglieder. Ausserdem leben manche Vereine quasi von der Hand in den Mund, Mittel müssen immer wieder neu akquiriert werden, eine langfristige Finanzierung fehlt mitunter. Diese zentralen Zukunftsprobleme betreffen auch Vereine, die bereits seit vielen Jahrzehnten und länger bestehen. Entscheiden dürften sie sich nicht zuletzt über Fragen der Sichtbarkeit und der Kommunikation sowie der Qualität der Zielgruppenansprache. Ein grosses Entwicklungsfeld für die Institutionen stellen hier die sozialen Medien dar, zumal sich dort längst nicht mehr nur die jüngeren Jahrgänge tummeln und ihre Informationsbedürfnisse stillen. ### Der Staat wächst im Verborgenen URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-wachst-im-verborgenen-2/ Last updated: 2026-09-23T17:22:28.000Z 0:00 /502 1× Beinahe jede staatliche Aufgabe beginnt mit einer guten Absicht. Man will die familienergänzende Kinderbetreuung ausbauen, die Versorgung mit einheimischen Nahrungsmitteln sichern oder den Ausbau der Solarenergie fördern. Aus der Absicht wird ein Auftrag, aus dem Auftrag eine Regel. Und damit die Regel im Alltag gilt, braucht es Menschen, die sie anwenden und ihre Einhaltung prüfen. Und diese Menschen erkennen mit der Zeit, was sich sonst noch absichern und fördern liesse. Eine Regulierung zieht die nächste nach sich. So wächst die Verwaltung, Jahr für Jahr. In den Zahlen ist das gut sichtbar. Seit dem Jahr 2000 ist die öffentliche Verwaltung um rund die Hälfte gewachsen – fast doppelt so schnell wie die Bevölkerung. Und der Apparat ist teuer: Gemäss einer [Studie](https://www.iwp.swiss/forschung/projekte/besch%25C3%25A4ftigung-im-%25C3%25B6ffentlichen-sektor?ref=schweizermonat.ch) des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik zahlt der Bund für vergleichbare Qualifikationen einen Lohnaufschlag von 11,7 Prozent gegenüber der Privatwirtschaft. Eine wachsende Belegschaft mit überdurchschnittlichen Löhnen kommt den Steuerzahler teuer zu stehen. Verschiedene bürgerliche Politiker möchten hier daher Gegensteuer geben. So sammeln etwa die Jungfreisinnigen zurzeit Unterschriften gegen das Wachstum der Bundesverwaltung. Ihre Initiative verlangt, dass die Personalausgaben des Bundes nicht stärker steigen als der Schweizer Medianlohn. Dabei bezieht die Initiative explizit auch externe Dienstleister und unabhängige Behörden wie die Finanzmarktaufsicht (Finma) mit ein. > «Der Schweizer Bauer ist statistisch gesehen ein halber Staatsangestellter.» Damit werfen die Initianten eine grundsätzliche Frage auf: Was zählt überhaupt zum Staat – und damit zur staatlichen Beschäftigung? ## Öffentliche Beschäftigung richtig messen In der öffentlichen Debatte wird oft zu wenig differenziert. Nicht selten wird nur auf die Bundesangestellten verwiesen. Das waren 2025 rund 39000 Vollzeitstellen. Diese Zahl spiegelt aber nur einen kleinen Teil des öffentlichen Sektors in der Schweiz: Sie lässt Kantone und Gemeinden weg. Und schon gar nicht zeigt sie den ganzen Staat. Wer die öffentliche Beschäftigung in ihrer Gesamtheit erfassen will, muss drei Ebenen berücksichtigen: Die erste ist die öffentliche Verwaltung im engeren Sinn. Hier arbeiten derzeit über 180000 Personen oder rund vier Prozent aller Erwerbstätigen. Sie üben hoheitliche Aufgaben aus – sie verwalten, regulieren oder kontrollieren. Das ist die Zahl, die politisch im Fokus steht. Es sind zugleich jene Arbeitsplätze, welche die Politik unmittelbar steuert. Die zweite Ebene sind die übrigen Staatsangestellten: Lehrer, Dozenten oder Krankenpfleger. Auch sie stehen meist auf dem Lohnzettel des Staates, doch sie sitzen nicht in einer Amtsstube, sondern arbeiten in einem Spital oder einem Schulzimmer. Rechnet man sie hinzu, arbeitet jeder Zehnte für den Staat. > «Eine Regulierung zieht die nächste nach sich. So wächst die Verwaltung, Jahr für Jahr.» Die dritte Gruppe ist die am meisten unterschätzte. Hier finden sich Unternehmen, die der Staat finanziert oder kontrolliert; die zugehörigen Arbeitnehmer hat er jedoch nicht auf seiner Lohnliste. Dies trifft zum Beispiel auf konzessionierte Verkehrsunternehmen oder die Post zu. Zählt man auch diese Unternehmen zur staatlichen Beschäftigung, sind es gesamthaft rund eine Million Menschen oder 23 Prozent – beinahe jeder Vierte. Das Muster ist klar: Je weiter man sich von der Kernverwaltung entfernt, desto weniger sieht das Ganze nach Staat aus. Die meisten reden nur über die Spitze. Den Eisberg darunter sehen die wenigsten. ## Schlank auf dem Papier Dabei macht der versteckte Teil einen grossen Brocken der öffentlichen Beschäftigung aus. Die Spuren ziehen sich durch ganze Branchen. Im Gesundheitswesen und Sozialbereich ist ein Grossteil öffentlich finanziert. Auch der Stromsektor oder der Schienenverkehr sind fest in staatlicher Hand; abgesehen von der Matterhorn-Gotthard- und der Jungfraubahn gibt es kaum eine konzessionierte Eisenbahn, die nicht mehrheitlich der öffentlichen Hand gehört. Selbst die Landwirte sind nicht einfach private Unternehmer: Rund die Hälfte des bäuerlichen Einkommens stammt aus staatlichen Mitteln. Der Schweizer Bauer ist somit statistisch gesehen ein halber Staatsangestellter. Ein Grund für die Grösse des staatsnahen Bereichs liegt darin, dass in den vergangenen Jahrzehnten grosse Teile des Staates ausgelagert wurden – auch als Folge des «New Public Management»: Aus Ämtern wurden Anstalten, aus Anstalten Aktiengesellschaften. Seither firmieren öffentliche Spitäler, Verkehrsbetriebe und Energieversorger oft als Aktiengesellschaften. In den Statistiken erscheinen sie als Unternehmen, nicht als staatliche Organisationen. Am Einfluss und an der Kontrolle des Staates über eben jene Organisationen ändert das jedoch wenig. ## Ausgelagert, nicht verschwunden Die Liste solcher Auslagerungen ist lang. Die SBB wurden beispielsweise 1999 zur spezialgesetzlichen Aktiengesellschaft, die Post folgte 2013\. Spitäler wie das Kantonsspital Aarau oder das Luzerner Kantonsspital wurden in AGs umgewandelt. Und die grossen Elektrizitätswerke – Axpo oder BKW – gehören mehrheitlich den Kantonen, treten aber als «normale» Unternehmen auf. Diese Auslagerungen haben zur Folge, dass die Einheiten aus der offiziellen Statistik zur öffentlichen Beschäftigung herausfallen. So ist beispielsweise die Beschäftigung beim Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) durch die Verselbstständigung des ETH-Bereichs 1998 um rund 5500 Vollzeitstellen gesunken. Der Staat hat sich damit jedoch keineswegs zurückgezogen. Er hat einfach ein anderes rechtliches Kleid angezogen. Solche Auslagerungen haben durchaus Vorteile: Die Betriebe können unternehmerischer geführt werden, und die Kosten des Service public erscheinen nicht mehr versteckt im allgemeinen Staatshaushalt. Zwei Dinge haben die Auslagerungen jedoch nicht gebracht: Das Wachstum der öffentlichen Beschäftigung als Ganzes haben sie nicht gestoppt – und die Transparenz haben sie sogar verringert. Die Datenlage zum staatsnahen Sektor ist entsprechend dünn, verlässliche Zeitreihen fehlen. Wer sich aber die Mühe macht und den staatsnahen Sektor einbezieht, erkennt: Die Staatstätigkeit ist auch dort gewachsen, wo sie von der Statistik nicht erfasst wird. Der Staat wächst somit an zwei Orten: sichtbar in der Kernverwaltung und schwerer erkennbar in den staatsnahen Bereichen. ## Den ganzen Staat zähmen Wer dieses Wachstum bremsen will, muss also den ganzen Staat im Blick haben. Denn wer nur die Spitze des Eisbergs sieht, hält den Staat fälschlicherweise für schlank. Man muss schon unter die Wasseroberfläche blicken, um seine ganze Dimension zu erfassen. Die Initiative der Jungfreisinnigen verdient hier Anerkennung: Sie bezieht externe Dienstleister und unabhängige Behörden bewusst mit ein und erschwert damit das naheliegendste Ausweichmanöver – die Flucht in die Auslagerung. > «Der Staat hat sich keineswegs zurückgezogen. Er hat einfach ein anderes rechtliches Kleid angezogen.» Ganz verhindern lässt sich das Ausweichen allerdings nie. Wird das Wachstum an einer Stelle gebremst, kann es sich an anderer fortsetzen – etwa in staatsnahen Unternehmen oder über Subventionen an Private. Eine Staatsbremse kann deshalb nur wirksam sein, wenn sie auf einer möglichst umfassenden Messung des staatlichen Fussabdrucks beruht. Es braucht daher eine Personalstatistik über alle drei Staatsebenen mit klaren Kriterien, was zentrale Verwaltung, dezentrale Verwaltung, übrige Staatsangestellte und staatsnahe Beschäftigung betrifft. Die konsolidierte Rechnung des Bundes liefert da erste Hinweise, bleibt aber ebenfalls vage. Doch wer den Staat wirksam begrenzen will, muss ihn zuerst vollständig erfassen. ### Staatsquote ist nicht gleich Staatsquote: Die gängige Metrik zeichnet für die Schweiz ein zu rosiges Bild URL: https://www.schweizermonat.ch/staatsquote-ist-nicht-gleich-staatsquote-2/ Last updated: 2026-09-23T17:21:00.000Z 0:00 /625 1× Die Schweizer Staatsquote beträgt 32,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – nach Irland der zweittiefste Wert Europas. Kaum eine Zahl wird in der Schweizer Finanzpolitik so oft zitiert und so selten hinterfragt. Politiker führen sie an, Ökonomen ebenso, und beide meinen dasselbe: Der Schweizer Staat ist schlank. Was die Zahl misst, weiss kaum jemand genau; das Regelwerk der Vereinten Nationen, auf dem sie beruht, umfasst über 700 Seiten. Die Rechnung selbst ist simpel: Staatsausgaben geteilt durch BIP. Im Zähler steht die Grösse des Staates, im Nenner die Wirtschaftskraft, an der man sie misst. Beide Seiten werfen Fragen auf, die selten gestellt werden. Wie leicht man in die Irre gerät, wenn man sich nur auf eine Orientierungsgrösse verlässt, zeigt sich regelmässig am Gotthard. Drei- bis viermal im Monat wendet dort ein Fahrzeug mitten im Strassentunnel, bei Gegenverkehr. Das Navigationsgerät hat über die Passstrasse geroutet, die Ausfahrt ist vorbei, und ohne Empfang verlangt es mit unverminderter Bestimmtheit ein Wendemanöver. Wer eine zweite Orientierungsgrösse nutzt – den wohlüberlegten Blick durch die Windschutzscheibe –, folgt ihm nicht. Mit der Staatsquote verhält es sich ähnlich: Sie beantwortet eine wichtige Frage – aber eben nur eine. ## **Die Mär von der Ausgabendisziplin** Üblich ist der Blick auf die Ausgaben; sie zeigen, was der Staat tut. Was er die Bürger kostet, zeigen die Einnahmen, sofern die Rechnung nicht über Schulden an künftige Steuerzahler weitergereicht wird. Beide Anzeigen laufen auseinander. Die Ausgabenquote lag 1995 bei 33,4 Prozent und 2024 bei 33,6 Prozent, praktisch unverändert. Die Einnahmenquote stieg im selben Zeitraum von 31,5 auf 34,2 Prozent. Wäre sie auf dem Niveau von 1995 geblieben, hätte der Staat 2024 rund 23 Milliarden Franken weniger eingenommen. Den ausgeglichenen Haushalt, auf den die Schweiz stolz ist, verdankt sie also weniger dem Sparwillen als wachsenden Einnahmen– und das, obwohl Kantone und Gemeinden ihre Steuersätze seit 1995 teils markant gesenkt haben. Kalte und warme Progression, Mehrwertsteuer und Sozialabgaben haben die Senkungen mehr als wettgemacht. Wer daraus schliesst, die Schweiz beherrsche die Ausgabendisziplin, überschätzt eine Fähigkeit, auf die es im Ernstfall ankäme. > «Den ausgeglichenen Haushalt, auf den die Schweiz stolz ist, verdankt sie also weniger dem Sparwillen als wachsenden Einnahmen.» ## Wo hört der Staat auf? Die zweite Frage ist heikler: Was zählt überhaupt als Staat? Die europäischen Regeln zur Abgrenzung des Staatssektors richten sich nicht nach den Besitzverhältnissen, sondern nach der Finanzierung. Unternehmen, die mehr als die Hälfte ihrer Kosten durch den Verkauf ihrer Leistungen decken, gelten statistisch nicht als Staat. Aus der Quote fallen damit zunächst Pensionskassen, obligatorische Krankenversicherung und Unfallversicherung. Dafür gibt es ein gutes Argument: Was man in die Pensionskasse einzahlt, fliesst grösstenteils zeitversetzt an einen selbst zurück. Fragt man dagegen, welcher Teil der Wirtschaftsleistung über gesetzlich vorgeschriebene Beiträge organisiert wird, gehören sie dazu – und die erweiterte Staatsquote steigt von 32,7 auf 46,3 Prozent. Damit rückt die Schweiz deutlich näher an ihre Nachbarländer: Deutschland liegt bei 48,6, Österreich bei 53,0 Prozent; dort sind diese Versicherungen längst eingerechnet. Doch dabei bleibt es nicht. Noch fraglicher wird die Mär von der Ausgabendisziplin, wenn man die staatsnahen Unternehmen betrachtet. Aus der Statistik fallen die Post, die SBB, die SRG und die FINMA, dazu Kantonalbanken sowie kantonale und kommunale Energieversorger. Wie viel sie ausmachen, lässt sich nicht sauber beziffern; die Zahlen fehlen. Behelfsgrössen gibt es aber, und die sind deutlich. Der Bund wies 2024 nach offizieller Statistik Erträge von 89 Milliarden Franken aus; seine konsolidierte Rechnung, die mehrheitlich bundeseigene Unternehmen einschliesst, beläuft sich auf 167 Milliarden. Ähnlich bei der Beschäftigung: Als Staatsangestellte gelten rund 395000 Vollzeitstellen oder zehn Prozent aller Erwerbstätigen. Zählt man das Personal öffentlicher Unternehmen und jener Privatfirmen hinzu, die unter staatlicher Teilkontrolle stehen oder überwiegend aus staatlichen Quellen leben, ist es fast jeder Vierte. ## Der Nettolohn der Volkswirtschaft Bisher ging es um den Zähler der Staatsquote. Nicht minder interessant ist der Nenner, und er wird fast nie diskutiert. Das Prinzip kennt jeder vom Lohnausweis: Der Bruttolohn im Arbeitsvertrag sieht stattlich aus, doch aufs Konto kommt der Nettolohn – nach Abzügen, die nötig sind, damit man morgen versichert ist und übermorgen eine Rente bezieht. Zwischen brutto und netto liegt kein Betrug, aber ein Unterschied, der zählt. Für eine Volkswirtschaft gilt dieselbe Logik. Das BIP ist ihr Bruttolohn: Es misst, was produziert wird – auch jenen Teil der Produktion, der lediglich den Wertverlust von Maschinen, Gebäuden, Strassen oder Software ausgleicht. Zieht man diesen Wertverlust (Abschreibungen) ab, bleibt das Nettoinlandsprodukt (NIP): der Teil der Wertschöpfung, der für Löhne, Dividenden und Staatstätigkeit zur Verfügung steht. Die Vereinten Nationen halten Nettomasse in ihrem jüngsten Methodenbericht für «konzeptionell überlegen»; dass sich trotzdem das BIP durchgesetzt hat, ist eine Folge fehlender Vergleichsdaten. Für die Schweiz lohnt sich der Blick auf den Nettolohn besonders, weil ihre Abzüge hoch sind. Mit 23,7 Prozent des BIP weist sie die höchste Abschreibungsquote Europas auf. Der Grund liegt im eigenen Erfolgsmodell: Die Schweiz verfügt über einen aussergewöhnlich grossen und modernen Bestand an Maschinen, Gebäuden, Infrastruktur und Software. Zudem fliessen zwei Drittel der Investitionen in Ausrüstungen, davon rund 40 Prozent in Software sowie Forschung und Entwicklung. Entsprechend muss auch überdurchschnittlich viel bestehendes Kapital ersetzt werden. Solche Güter verlieren vergleichsweise rasch an Wert. Was auf der einen Seite Innovationskraft ist, verkleinert auf der anderen den Nettolohn der Volkswirtschaft überdurchschnittlich stark. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/image-2.png) **Höchste Abschreibungsquote Europas: Anteil der Wirtschaftsleistung, der 2022 allein für den Erhalt von Maschinen, Gebäuden und Software aufgewendet wurde. Die Schweiz (rot) liegt hier vor allen anderen Ländern. Ein Ausdruck ihres grossen, gut ausgestatteten Kapitalstocks. Quelle: Eurostat.* Die Folge ist beträchtlich. Bezogen auf das NIP lag die Staatsquote 2022 bei 42,8 Prozent – rund zehn Prozentpunkte höher als am BIP gemessen. Auch hier gilt: Der Staat ist nicht gewachsen, nur die Anzeige hat sich geändert. Und die Differenz wächst: Seit 1995 legte die BIP-basierte Quote um 0,2 Prozentpunkte zu, die NIP-basierte um 1,6. Für Deutschland hat der Ökonom Alfons Weichenrieder diese Rechnung als Erster gemacht: Dort liegt die Staatsquote auf NIP-Basis bei 62,2 statt 49,4 Prozent auf BIP-Basis – eine Differenz von knapp 13 Prozentpunkten. Wir haben dieselbe Rechnung für die Schweiz durchgeführt: Der Abstand fällt in der Schweiz mit rund zehn Prozentpunkten rund drei Prozentpunkte kleiner aus als in Deutschland, bleibt aber beträchtlich. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/image-3.png) **Zwei Masse, zwei Werte: Staatsquote 2022, einmal gemessen am BIP (Raute), einmal am NIP (Kreis) – also nach Abzug der Abschreibungen. Bei der Schweiz liegen beide Werte besonders weit auseinander: 32,7 gegenüber 42,8 Prozent. Quelle: Eurostat.* ## **Wem die Wertschöpfung gehört** Das BIP misst, was auf Schweizer Boden produziert wird – unabhängig davon, wem die Wertschöpfung am Ende zufliesst. Ein drittes Mass, das Bruttonationaleinkommen (BNE), dreht die Frage um: Es zählt, was den Inländern zufliesst, unabhängig davon, wo sie es verdienen. Solange Arbeit und Kapital an der Landesgrenze haltmachen, bleibt der Unterschied theoretisch. Erst mit ihrer Mobilität wird er wirtschaftlich bedeutsam: Immer mehr Einkommen, das in der Schweiz erwirtschaftet wird, fliesst ins Ausland – etwa an Grenzgänger oder an ausländische Eigentümer von Schweizer Unternehmen. Deshalb wächst das BIP schneller als das BNE – und die Staatsquote stieg seit 1995 auf BNE-Basis um 1,9 Prozentpunkte statt um 0,2. Ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung beruht damit auf mobilen Arbeitskräften und internationalem Kapital. Sie lassen die Inländer wohlhabender erscheinen, als sie gemessen an ihrem eigenen Einkommen sind, und den Staat kleiner, als er im Verhältnis dazu ist. Zugleich finanzieren die Abgaben der Grenzgänger und die Gewinnsteuern ausländischer Konzerne einen guten Teil eben dieses Staates. Verlässlich ist diese Einnahmequelle nicht: Die OECD-Mindeststeuer zeigt, wie rasch ein Standortvorteil unter Druck gerät. > «Ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung beruht damit auf mobilen Arbeitskräften und internationalem Kapital. Sie lassen die Inländer wohlhabender erscheinen, als sie gemessen an ihrem eigenen Einkommen sind, und den Staat kleiner, als er im Verhältnis dazu ist.» ## Kein Autopilot Keine dieser Zahlen ist falsch, und keine macht die Schweiz vom Musterschüler zum Sorgenkind. Sie messen Verschiedenes: Die Ausgabenquote zeigt, was der Staat tut; die Einnahmenquote, was er die Bürger kostet; die erweiterte Quote, welcher Teil der Wirtschaftsleistung staatlich statt marktwirtschaftlich organisiert ist; die NIP-Quote, wie viel der Staat vom tatsächlich Verfügbaren beansprucht; die BNE-Quote, wie viel der Staat vom Einkommen der Inländer beansprucht. Erst zusammen ergeben sie ein vollständiges Bild. Wer nur eine Zahl abliest, hält die Schweiz für einen europäischen Sonderfall, überschätzt ihre Ausgabendisziplin und unterschätzt, wie stark der staatliche Fussabdruck wächst. Das BIP taugt nicht als finanzpolitischer Autopilot. Wer es dennoch so gebraucht, muss sich nicht wundern, wenn er mitten im Tunnel aufgefordert wird, zu wenden. ### Die Position Liechtensteins in Europa: Das Beste aus zwei Welten URL: https://www.schweizermonat.ch/die-position-liechtensteins-in-europa-das-beste-aus-zwei-welten/ Last updated: 2026-09-23T17:19:21.000Z 0:00 /1125 1× Mit einer Fläche von 160 Quadratkilometern und knapp 40 000 Einwohnern gehört Liechtenstein zu den kleinsten Ländern der Welt. Doch was dem Fürstentum an Grösse fehlt, macht es an internationaler Vernetzung wett. Die Mitgliedschaft in der EFTA, die Teilnahme am Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und die enge Verbindung mit der Schweiz verschaffen Liechtenstein eine privilegierte Stellung im Herzen Europas. Liechtenstein und die Schweiz gehören beide der EFTA an. Liechtenstein ist aber auch Teil des Europäischen Wirtschaftsraums EWR. Die Zugehörigkeit zum EWR ist für Liechtenstein nicht bloss ein Vertragswerk, sondern – und das mag sich für Schweizer durchaus seltsam anhören – auch ein Instrument souveräner Handlungsfähigkeit: Der EWR-Vertrag verschafft Liechtenstein einen umfassenden Marktzugang zum europäischen Binnenmarkt und eine eigene Stimme im europäischen Rechtsraum. Liechtenstein ist der EU nahe, ohne selbst in diese eingegliedert zu sein. ## Vom Schweizer «Rucksack» zur eigenen Stimme Wer die Nähe zur Schweiz und zur EU verstehen will, muss in die Geschichte schauen. Nach dem Ende der Donaumonarchie löste sich das über lange Jahre österreichisch geprägte Liechtenstein von Wien und wandte sich Bern zu. Der Zollanschlussvertrag von 1923/24 machte Liechtenstein faktisch zum Teil des schweizerischen Zollgebiets; die Verwendung des Schweizer Frankens verstärkte diese Ordnung. Sie brachte Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung, bedeutete aber auch, dass Liechtensteins Aussenwirtschaftsbeziehungen lange Zeit weitgehend über Bern vermittelt wurden. Die Orientierung hin zur Schweiz war nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918 naheliegend. Als Kleinstaat verfügt Liechtenstein über keinen nennenswerten Binnenmarkt. Die Verbindung mit der Schweiz ersetzte fehlende Grössenvorteile und verschaffte dem Land Planungssicherheit. Sie war aber zugleich ein Modell indirekter Aussenwirtschaftspolitik: Was international verhandelt wurde, geschah oft über die Schweiz oder zumindest im Schatten schweizerischer Interessen. Für eine gewisse Übergangszeit war dies für den Kleinstaat ein gangbarer Weg; auf Dauer genügte er jedoch einem Land mit wachsendem Selbstbewusstsein und internationaler Verantwortung nicht mehr. Diesen Anspruch auf grössere Eigenständigkeit formulierte die berühmte «Rucksackrede» des damaligen Erbprinzen Hans-Adam von 1970: Liechtenstein sollte die Nähe zur Schweiz nicht aufgeben, sich aber auch nicht dauerhaft im «Rucksack» eines grösseren Nachbarn tragen lassen. Die Idee wurde in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren praktisch eingelöst. 1989 übernahm Hans-Adam II. als Landesfürst die Staatsgeschäfte. Nur ein Jahr später trat Liechtenstein den Vereinten Nationen bei, 1991 folgte der Beitritt zur EFTA. Schon vorher war das Land in den EWR-Verhandlungen selbstständig aufgetreten. Die Rucksackmetapher beschrieb ein Strukturproblem kleiner Staaten: Sie können sich an grössere Nachbarn anlehnen, riskieren aber, dass ihre eigenen Interessen im entscheidenden Moment nicht zur Geltung kommen. Für Liechtenstein stellte sich diese Frage besonders scharf, weil die Schweiz selbst kein EU-Mitglied war und ihr Verhältnis zur europäischen Integration zunehmend schwieriger wurde. Je stärker sich der europäische Binnenmarkt institutionalisierte, desto weniger reichte es aus, lediglich über den schweizerischen Zollraum mit der Union verbunden zu sein. ## Das Vermächtnis der «goldenen Generation» Die EWR-Verhandlungen begannen 1990 und betrafen weit mehr als den Warenverkehr. Sie erfassten auch Dienstleistungen, Niederlassung, Kapitalverkehr, Personenverkehr und institutionelle Fragen. Liechtenstein konnte deshalb nicht einfach im schweizerischen Zollverbund mitlaufen. Während die Schweiz den EWR 1992 ablehnte, stimmte Liechtenstein zu. Nach Anpassungen des Zollvertrags und einer zweiten Volksabstimmung trat Liechtenstein am 1\. Mai 1995 dem EWR bei. Die Persönlichkeiten, die Liechtenstein in den EWR führten, bildeten in politischer und diplomatischer Hinsicht eine Ausnahmegeneration. Im Zentrum standen Fürst Hans-Adam II., Regierungschef Hans Brunhart und der Chefunterhändler Prinz Nikolaus, der Bruder des Fürsten. Hans Brunhart darf man als «Architekten» der liechtensteinischen EWR-Mitgliedschaft bezeichnen. Im Fussball würde man von einer «Golden Generation» sprechen: von einer Gruppe, die zur richtigen Zeit über Erfahrung, Mut, strategisches Gespür und internationale Anschlussfähigkeit verfügte. Sie verstand, dass Liechtenstein die enge Verbindung zur Schweiz bewahren, aber durch europäische Eigenständigkeit ergänzen musste. Zu dieser Generation gehörten auch Diplomaten, Verwaltungsjuristen und andere Fachleute, die die technischen Einzelheiten nicht von der staatspolitischen Grundfrage trennten. Ihre Leistung bestand nicht darin, Liechtenstein von der Schweiz zu lösen. Sie erkannten vielmehr, dass die Verbindung zur Schweiz durch eine eigenständige europäische Position ergänzt werden musste. Die entscheidende Schwierigkeit lag im Verhältnis zwischen dem EWR und dem schweizerisch-liechtensteinischen Zollgebiet. Liechtenstein konnte den europäischen Binnenmarkt nicht übernehmen, ohne gleichzeitig sicherzustellen, dass die Schweiz dadurch nicht mittelbar an Regeln gebunden wurde, deren Übernahme sie in der Volksabstimmung abgelehnt hatte. Beide Bindungen miteinander zu vereinbaren, war das eigentliche Kunststück. ## Der Meisterstreich der doppelten Verkehrsfähigkeit Bekanntermassen lehnte die Schweiz am 6\. Dezember 1992 den Beitritt zum EWR ab. Nicht so Liechtenstein. Hier stimmte das Stimmvolk dem EWR eine Woche später mit 56 Prozent Ja-Stimmen zu. Zwei Jahre später gelang Liechtenstein ein weiteres diplomatisches Kunststück: Der Zollvertrag mit der Schweiz wurde an die Erfordernisse des EWR angepasst. Die am 2\. November 1994 abgeschlossene und am 1\. Mai 1995 in Kraft getretene ergänzende Vereinbarung ermöglicht ausdrücklich, dass Liechtenstein am EWR teilnehmen kann, ohne die offene Grenze und die zollvertragliche Verbindung mit der Schweiz aufzugeben. Der Grundgedanke ist das Nebeneinander zweier Rechtsordnungen: Zollvertragsrecht und EWR-Recht sollten in Liechtenstein parallel gelten. Wo sich beide Ordnungen unterschieden, sollte im Verhältnis zu den EWR-Vertragspartnern EWR-Recht zur Anwendung kommen, während der Warenverkehr über die offene Grenze zur Schweiz grundsätzlich weiterhin vom Zollvertragsrecht geprägt bleibt. Dieses Modell habe ich im Mai 2018 den Briten zur Lösung ihres Nordirlandproblems im Zuge des Brexit empfohlen – ohne Erfolg. Was das Vereinigte Königreich als Chance verpasst hat, setzt Liechtenstein seit Jahren erfolgreich um: die doppelte Verkehrsfähigkeit. Vereinfacht gesagt können Waren in Liechtenstein in Verkehr gebracht werden, wenn sie entweder den schweizerisch geprägten Vorschriften des gemeinsamen Zollraums oder den Anforderungen des EWR entsprechen. Ein eigenes Marktüberwachungs- und Kontrollsystem stellt sicher, dass Waren, die ausschliesslich nach EWR-Recht verkehrsfähig sind, nicht ohne Weiteres in das übrige schweizerische Zollgebiet gelangen. Liechtenstein gehört damit funktional zwei Wirtschaftsräumen an: dem schweizerischen Zoll- und Wirtschaftsraum einerseits und dem europäischen Binnenmarkt andererseits. Die doppelte Verkehrsfähigkeit hat verhindert, dass Liechtenstein zwischen der Schweiz und dem EWR wählen musste, und verwandelte die geografische Zwischenlage in einen institutionellen Vorteil. Die Konstruktion war allerdings nur tragfähig, weil sie durch ein eigenes Marktüberwachungs- und Kontrollsystem abgesichert wurde. Ohne solche Kontrollen hätte die Gefahr bestanden, dass Waren, die zwar nach EWR-Recht verkehrsfähig waren, aber schweizerischen Vorschriften nicht entsprachen, über die offene Grenze in das übrige schweizerische Zollgebiet gelangten. Die angepasste Zollvertragsordnung zielt deshalb auf eine doppelte Balance: Sie eröffnet Liechtenstein den EWR-Zugang und verhindert zugleich, dass die Schweiz über Liechtenstein mittelbar an Rechtswirkungen gebunden wird, die sie nach der Ablehnung des EWR gerade nicht übernehmen will. ## EWR-Mitgliedschaft mit Sonderlösungen In der zweiten Volksabstimmung 1995 bestätigte das liechtensteinische Stimmvolk den EWR-Beitritt. Am 1\. Mai 1995 trat Liechtenstein dem EWR bei. Strukturell besteht der EWR aus zwei Pfeilern. Im EU-Pfeiler liegt die Überwachung bei der Europäischen Kommission, die gerichtliche Kontrolle beim EuGH. Im EFTA-Pfeiler werden diese Funktionen von der EFTA-Überwachungsbehörde (ESA) und vom EFTA-Gerichtshof ausgeübt. Mit dem Beitritt Liechtensteins wurde der EFTA-Pfeiler wieder voll funktionsfähig. Von den ursprünglich fünf EWR/EFTA-Staaten waren Finnland, Österreich und Schweden 1995 der Europäischen Union beigetreten. Seit dem 1\. Mai 1995 besteht der EFTA-Pfeiler aus Island, Liechtenstein und Norwegen. Der ESA gehören drei Kollegiumsmitglieder, dem EFTA-Gerichtshof drei Richter an. Besonders wichtig ist die von Liechtenstein ausgehandelte Sonderlösung bei der Personenfreizügigkeit. Wegen seiner geringen Fläche und der begrenzten Wohnkapazität darf das Land die Zahl der Aufenthaltsbewilligungen begrenzen. Diese Regelung ist keine blosse politische Duldung, sondern Teil der EWR-Rechtsordnung. Sie zeigt, dass sich EWR-Recht und die Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse eines Kleinstaats miteinander verbinden lassen. Davon zu unterscheiden ist die allgemeine Schutzklausel des EWR-Abkommens. Nach Artikel 112 kann eine Vertragspartei einseitig geeignete Schutzmassnahmen ergreifen, wenn ernstliche wirtschaftliche, gesellschaftliche oder ökologische Schwierigkeiten auftreten und damit zu rechnen ist, dass sie anhalten. Liechtenstein kann der «Masseneinwanderung» damit einen Riegel schieben, ohne EWR-Recht zu verletzen. Solche Massnahmen müssen allerdings nach Umfang und Dauer auf das unbedingt Erforderliche beschränkt bleiben und dürfen das Funktionieren des EWR-Abkommens so wenig wie möglich beeinträchtigen. Die Schutzklausel bietet damit deutlich mehr Handlungsspielraum als der entsprechende Mechanismus im Vertragspaket Schweiz–EU. ## Ein eigener supranationaler Gerichtshof Der EWR verschafft Liechtenstein nicht nur Marktzugang. Das Land ist zu einem Ort der europäischen Rechtsentwicklung geworden. Was sich für Schweizer Ohren mehr als seltsam anhören muss, ist die Tatsache, dass die EWR-Mitgliedschaft nicht etwa mehr Fremdbestimmung, sondern mehr Mitbestimmung mit sich gebracht hat. Neben dem EuGH ist allein der EFTA-Gerichtshof befugt, Binnenmarktrecht verbindlich auszulegen. Behauptungen von Befürwortern des schweizerischen Rahmenabkommens, auch das geplante «Schiedsgericht» verfüge über eine entsprechende Kompetenz, gehören ins Reich der Fabel. Die Rechtsprechung des EFTA-Gerichtshofs hat Handlungsfähigkeit und Rechtssicherheit erhöht. Der Gerichtshof wirkte dabei nicht als blosser Nachvollzieher des EuGH, sondern entwickelte eigenständige Antworten innerhalb der besonderen Struktur des EWR. Verschiedene Fälle aus Liechtenstein zeigen, dass Kleinstaaten im EWR nicht nur Regeladressaten sind, sondern auch zur Rechtsentwicklung beitragen. Dennoch bleibt die Tatsache, dass der EuGH Liechtenstein im Fall *Rimbaud* aus politischen Gründen vorübergehend um die Kapitalverkehrsfreiheit gebracht hat. Darin steckt zugleich ein Machtanspruch: Der EuGH behält sich vor, selbst zu bestimmen, wann Homogenität gilt und wann sie zugunsten einer unionszentrierten Sicht zurücktritt (Fall *Polydor*). Das kann bei Annahme des Rahmenabkommens Schweiz–EU auch für die Schweiz relevant werden. ## Der judizielle Trialog Im Volksmund heisst es, dass viele Köche den Brei verderben würden. Was in der Küche unerwünscht ist, kann in der Rechtsprechung ein Vorteil sein. Denn hier muss eine Lösung gefunden werden, die allen Beteiligten vorgesetzt wird und so auch allen «zu schmecken» hat. Ein wichtiges Werkzeug hierfür ist der judizielle Dialog bzw. Trialog zwischen dem EFTA-Gerichtshof, dem EuGH und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Hinzu kommen unter Umständen die nationalen Gerichte. Wie europäische (und nationale) Gerichte zusammenwirken, zeigt der Rechtsstreit um das multinationale Logistikunternehmen *Holship*. Eine norwegische Gewerkschaft wollte das Unternehmen mit einem Boykott zur Übernahme einer tariflichen Hafenarbeiterregelung zwingen. Der Fall beschäftigte den EFTA-Gerichtshof, den norwegischen Obersten Gerichtshof und später den EGMR. Im Ergebnis wurde das Urteil des EFTA-Gerichtshofs, welches auf eine Beendigung des Hafenarbeitermonopols hinauslief, bestätigt. Auch Liechtenstein wirkt am europäischen Gerichtsdialog mit. Im Fall *Nobile* befasste sich der EFTA-Gerichtshof auf Vorlage des Fürstlichen Obergerichts nicht nur mit der freien Anwaltswahl bei Rechtsschutzversicherungen, sondern auch mit den Anforderungen an eine rechtmässige Besetzung der Richterbank. Diese Überlegungen griff der EGMR später im Urteil *Astradsson* zur Unabhängigkeit der Justiz auf. Liechtenstein besitzt in diesem Gerichtsverbund somit nicht nur ein Mitspracherecht, sondern auch Gewicht. Das wichtigste Urteil, das der EFTA-Gerichtshof in den mehr als 30 Jahren seines Bestehens gefällt hat, war *Icesave*. Inmitten der Finanzkrise weigerte er sich, Island für den Zusammenbruch einer privaten Bank gegenüber Grossbritannien und den Niederlanden haftbar zu machen. Der EFTA-Gerichtshof hielt fest, dass die Einlagensicherungsrichtlinie zwar ein Sicherungssystem verlange, aber keine staatliche Erfolgshaftung für eine vollständige Auszahlung begründe. Damit widerstand der Gerichtshof erheblichem politischem Druck aus der EU und bewahrte die Eigenständigkeit des EWR-Rechts. *Icesave* steht deshalb für rechtsstaatliche Unabhängigkeit: Auch in der Krise entscheidet im EWR nicht Machtpolitik, sondern das Recht. Der EWR nimmt eine Zwischenstellung zwischen klassischem Völkerrecht und einer EU-Mitgliedschaft ein. Er ist dynamisch, weil neues EU-Binnenmarktrecht grundsätzlich übernommen wird. Zugleich bleibt er völkerrechtlich organisiert, weil die EWR/EFTA-Staaten über eigene Institutionen handeln. Gerade für kleine Staaten ist diese Zwischenform attraktiv: Sie verlangt Disziplin, schützt aber vor institutioneller Vereinnahmung. ## Schiessen auf bewegliche Ziele Für die Zukunft sind aus Vaduzer Optik mehrere Szenarien in den Blick zu nehmen. Ideal für Liechtenstein wäre, wenn Island und Norwegen zusammen mit dem Fürstentum weiterhin den EFTA-Pfeiler im EWR bildeten. Ein EU-Beitritt Islands würde den EFTA-Pfeiler schwächen. Solange aber Norwegen im EWR verbleibt, verfügt der EFTA-Pfeiler über politisches Gewicht. Norwegen bringt Grösse, Ressourcen und Finanzkraft ein. Der EWR könnte auch mit Norwegen und Liechtenstein im EFTA-Pfeiler weitergeführt werden. Dass Norwegen von sich aus der EU beitritt, ist unwahrscheinlich. Ein Beitritt Islands könnte aber eine Art Sogwirkung entfalten. Ein EU-Beitritt Norwegens wäre für Liechtenstein gravierend. Dass die EU in diesem Fall einer Weiterführung des EWR zustimmen würde, ist wenig wahrscheinlich. Zu vermeiden wäre in jedem Fall ein Modell nach dem Vorbild Andorras oder San Marinos, bei dem die EU-Kommission Drittstaaten direkt überwacht und der EuGH direkt das Auslegungsmonopol besitzt. Falls das Schweizer Volk (und hoffentlich die Stände) das Vertragspaket mit der EU akzeptieren, so würde die EU das Modell mit dem «Schiedsgericht» und dem EuGH wahrscheinlich auch Liechtenstein vorschlagen. Unter Souveränitätsgesichtspunkten wäre das für das Fürstentum eine klare Schlechterstellung. Dass das Vertragspaket EU–Schweiz entgegen der Berner Propaganda nicht auf einem 2-Pfeiler-Modell beruht, hat der ehemalige Beigeordnete EFTA-Generalsekretär Georges Baur mit aller Deutlichkeit ausgeführt. Es gibt keinen Schweiz-Pfeiler mit eigenen Organen. Die faktische Überwachungskompetenz liegt vielmehr bei der Europäischen Kommission, das Auslegungsmonopol beim EuGH. Das «Schiedsgericht» dient dazu, den damit verbundenen Souveränitätstransfer auf die EU zu verdecken. Wenn das Vertragspaket mit der EU in der Schweiz scheitert, könnte die EWR-Frage in Helvetien wieder aufs Tapet kommen. Unter Umständen könnte Liechtenstein den EFTA-Pfeiler zusammen mit der Schweiz bilden. Dass die schweizerische Öffentlichkeit Mühe hat, die Formeln der Berner Spin-Doktoren vom angeblichen 2-Pfeiler-Modell und vom angeblich selbstständigen Schiedsgericht zu durchschauen, ist angesichts des Fehlens praktischer Erfahrung im Umgang mit supranationalen Institutionen nachvollziehbar. In Vaduz muss man es nach mehr als drei Jahrzehnten Erfahrung mit ESA und EFTA-Gerichtshof besser wissen. Es wäre angezeigt, dass Liechtenstein seine künftigen Optionen rechtzeitig klärt. Die Erfahrung spricht allerdings dafür, dass man in Vaduz auch diesmal vorausschauend denkt – und dass man ein entsprechendes Konzept bereits in der Schublade hat. ### Geistiges Eigentum ist ein Motor der Innovation URL: https://www.schweizermonat.ch/geistiges-eigentum-ist-ein-motor-der-innovation/ Last updated: 2026-09-23T17:16:29.000Z 0:00 /473 1× «Patents kill» ist ein oft gehörter Slogan von Patentgegnern. Das Mission Statement eines bekannten Pharmaunternehmens lautet «To do now what patients need next». In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Patentsystem. Die eine Seite verlangt einen unverzüglichen Zugriff auf neue Therapien, die andere Seite braucht die Sicherheit, dass sich ihre Investitionen in künftige Medikamente lohnen oder dass sie zumindest ihre eingesetzten Mittel wieder einspielen kann. Beides sind legitime Forderungen, die das Dilemma zwischen «Zugriff» und «Schutz» sehr schön veranschaulichen. Wo liegt die gesellschaftlich wünschenswerte Lösung, was ist ein angemessener Schutz? Wie verändert sich dieser über die Zeit? Und welche Rolle wird dabei die künstliche Intelligenz spielen? ## **Ohne Schutz wenig Innovation** Der Zusammenhang zwischen Schutz und Zugriff lässt sich gut mit einer Kurve darstellen, die unter Steuerfachleuten als [Laffer-Kurve](https://www.heritage.org/taxes/report/the-laffer-curve-past-present-and-future?ref=schweizermonat.ch) bekannt ist. In der hier dargestellten Variante ist auf der Horizontalen die Schutzdauer abgebildet, auf der Vertikalen der innovative Output einer Volkswirtschaft, also etwa die Anzahl Medikamente, die von heimischen Unternehmen auf den Markt kommen. Der innovative Output wird ohne Schutzperiode relativ klein sein. Warum? Weil eine gute Idee, einmal publiziert, sich einfach kopieren lässt und so Trittbrettfahrer anzieht, die nichts zur Erforschung der entsprechenden Substanz beigetragen haben, aber anschliessend davon profitieren. Die eigentliche Erfinderin hat so praktisch keine Möglichkeit, ihre Investition zu amortisieren, und wird ihre Forschungstätigkeit einstellen. Neue Ideen bauen in der Regel auf bestehendes Wissen auf. So ist es auch bei Erfindungen. Nutzt eine neue Erfindung eine bestehende, ist ihr Erfinder hierfür entsprechende Lizenzzahlungen schuldig. Basiert nun eine weitere Erfindung auf dieser, so ist der Erfinder für beide bereits bestehenden Erfindungen Lizenzzahlungen schuldig und so weiter. Irgendwann lohnt es sich daher nicht mehr, in neue Forschung zu investieren, weil die zu bezahlenden Lizenzen für frühere Erfindungen das Produkt derart verteuern, dass es auf dem Markt nicht mehr verkäuflich ist. Der innovative Output nimmt also nach einer gewissen Schutzdauer ab. ## **Die optimale Dauer** Darum ist es wichtig, dass der Schutz einer Erfindung endlich ist. Diese Schutzfrist sorgt einerseits dafür, dass die Erfinderin für eine bestimmte Zeit ihre Investition in die Erfindung wieder amortisieren kann. Andererseits steht, nach Ablauf der Frist, das neue Wissen der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung. Die Frage, die sich dabei stellt: Wo liegt die optimale Dauer für einen solchen Schutz? Im 1994 abgeschlossenen Abkommen Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights (TRIPS) einigten sich die Mitgliedsstaaten der Welthandelsorganisation (WTO) auf maximal 20 Jahre. Das ist ein politischer Kompromiss. In der Realität ist er nicht sehr hilfreich, ausser dass er Rechtssicherheit bietet. So ist der Lebenszyklus von elektronischen Geräten, in denen sehr viel Innovation steckt, meist kürzer, als das gesamte Patentierungsverfahren bei einem der grossen Patentämter dauert. Es gibt auch andere Beispiele: Die Entwicklung eines Medikamentes aus einer neuen, patentierten Substanz bis zur Marktzulassung dauert in der Regel mehr als 10 Jahre. Dann bleibt dem Unternehmen nicht einmal mehr die Hälfte der Patentlaufzeit, um die Forschungs- und Entwicklungskosten wieder einzuspielen. Gerade bei pharmazeutischen Entwicklungen besteht die Gefahr, dass so die Anreizwirkung des Patentes nicht mehr greift. In verschiedenen Ländern, so auch in der Schweiz, gibt es daher für pharmazeutische Erfindungen die Möglichkeit, den Schutz um maximal 5 Jahre mittels eines sogenannten «ergänzenden Schutzzertifikats» zu verlängern, um die aufgrund des Durchlaufens des Marktzulassungsverfahrens verlorene Patentschutzdauer zumindest teilweise zu kompensieren. ## **Existentiell für die Schweiz** Immaterialgüterrechtsschutz ist grundsätzlich territorial, also auf ein bestimmtes Land beschränkt. Möchte ein Unternehmen in mehreren Ländern Patentschutz beanspruchen, muss es ihn in der Regel in all diesen Ländern beantragen. Das multilaterale TRIPS-Abkommen garantiert zwar 20 Jahre in den [166 Mitgliedsländern](https://www.wto.org/english/thewto%5Fe/whatis%5Fe/tif%5Fe/org6%5Fe.htm?ref=schweizermonat.ch) der WTO. Zusätzliche für die Schweizer Pharmaindustrie wichtige Schutzrechte, wie die erwähnten «ergänzenden Schutzzertifikate» oder eine konkrete Schutzfrist für Testdaten in Marktzulassungsverfahren, sind jedoch nicht vorgesehen. Da die Schweiz für hier forschende und produzierende Unternehmen nur einen kleinen Markt darstellt, sind die Unternehmen auch in ihren Exportmärkten auf einen umfassenden Schutz ihres geistigen Eigentums angewiesen. Darum sind die Bestimmungen über das Immaterialgüterrecht Bestandteil jedes Abkommens, das die Schweiz mit Partnerstaaten abschliesst. Das ist für die Schweiz existentiell. ## **Aufwand und Ertrag** Wenn Maschinen selbst kreativ sind, braucht es dann künftig überhaupt noch die durch ein Patent erzeugten Anreize, um in Forschung und Entwicklung zu investieren? Wäre die Welt tatsächlich so einfach gestrickt, dass KI-Systeme ohne menschliches Zutun marktreife Erfindungen generieren würden, dann bräuchte es in der Tat keine künstlichen Anreize mehr. Denn aus ökonomischer Sicht gilt: Alles, was ohne Schutz entsteht, braucht auch keinen Schutz. > «Alles, was ohne Schutz entsteht, braucht auch keinen Schutz.» Auf der einen Seite fallen KI-Systeme aber nicht einfach vom Himmel, sondern müssen programmiert und insbesondere mit sehr viel, zum Teil urheberrechtlich geschütztem Material gefüttert werden. Auf der anderen Seite ist gerade im Bereich der Pharmaforschung allein mit einer vielversprechenden Substanz noch nicht viel gewonnen. Bis eine solche tatsächlich die Chance hat, auf den Markt zu kommen, braucht es aufwendige Testphasen. Selbst wenn die Erfindung dank KI ohne grösseren Ressourcenaufwand entstehen würde, bräuchte es für die Herstellerin die Gewissheit, dass sie für eine bestimmte Zeit die Möglichkeit hat, ihre Entwicklungskosten wieder einzuspielen. Patente werden also auch im KI-Zeitalter nicht überflüssig.[\[1\]](#%5Fftn1) Bevor ein Medikament gesellschaftlichen Nutzen generieren kann, muss die Wirkung einer neuen Substanz erforscht und aus dieser Substanz ein marktzulässiges Medikament entwickelt worden sein. Das Patentsystem ist insbesondere im Pharmabereich das wichtigste wirtschaftspolitische Instrument, das die nötigen Anreize generiert, die hierfür notwendigen Ressourcen aufzubringen. Durch die Pflicht der Offenlegung der Erfindung bei der Patentanmeldung fördert das Patentsystem den schnellen und weltweiten Zugang zu Wissen und neuen Technologien. Nach Ablauf des 20-jährigen Patentschutzes wird die Erfindung gemeinfrei und kann von jedermann genutzt werden. Das ist bei den meisten wichtigen Medikamenten heute bereits der Fall. In der «Essential Medicines List» der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2022 sind nur gerade [7,3 Prozent der Medikamente patentgeschützt](https://geneva-network.com/wp-content/uploads/2022/01/2021-EML-and-patents-analysis-1.pdf?ref=schweizermonat.ch). Damit diese Liste weiterwachsen kann, müssen auch künftig Anreize bestehen, neue Medikamente zu entwickeln. Das ist nicht zuletzt die Aufgabe des Patentsystems. --- [\[1\]](#%5Fftnref1) Vgl. Alexander Cuntz, Carsten Fink und Hansueli Stamm: [Artificial Intelligence and Intellectual Property: An Economic Perspective](https://www.wipo.int/publications/en/details.jsp?id=4715&ref=schweizermonat.ch). World Intellectual Property Organization (WIPO) Economic Research Working Paper Series No. 77 (2024). ### PRO: Ohne Patente keine Innovation URL: https://www.schweizermonat.ch/pro-ohne-patente-keine-innovation/ Last updated: 2026-09-23T17:14:33.000Z 0:00 /181 1× Patente sind ein Schutz für geistiges Eigentum. Ohne diesen Schutz gäbe es keine Bereitschaft für teure Forschungsprogramme und Fehlschläge, für unternehmerische Risiken mit langjährigen Durststrecken. Wer Patente verbieten will, zerstört diese Motivation und erntet Mittelmass und bewirkt das Ende der Innovation. Ein häufig vorgebrachtes Argument lautet, Patente *hemmten* Innovation, weil sie angeblich Wissen blockieren und dem Markt entziehen. Das klingt plausibel, aber innovative Erfindungen sind nicht deshalb teuer, weil ein Unternehmen ein Monopol will, sondern weil ihre Entwicklung Jahre verschlingt und enorme Summen bindet. So beträgt die Laufzeit eines Patents für neue Medikamente 20 Jahre, doch bis ein Wirkstoff den Markt erreicht, sind im Durchschnitt rund zehn Jahre verstrichen – in dieser Zeit verdient ein Unternehmen damit kein Geld. Patente müssen ein Unternehmen aber in die Lage versetzen, diese ersten Jahre, die Investitionen in Forschung, toxikologische Prüfungen und klinische Studien wieder einzuspielen. Erfolgreiche Produkte tragen am Ende die Kosten gescheiterter Kandidaten. Nur wenige Wirkstoffe schaffen es überhaupt bis zur Zulassung. Ohne die Aussicht auf einen zeitlich begrenzten Ertrag würden weit weniger private Mittel in riskante Spitzenforschung fliessen. ## **Wettbewerb sorgt für breite Verfügbarkeit** Dass Patente nach ihrem Ablauf ihren Zweck erfüllt haben, zeigt sich besonders deutlich bei Generika. Der Cholesterinsenker Atorvastatin, unter dem Namen Sortis bekannt, war 2011 ein Blockbuster. Nach dem Ablauf des Patents 2012 sanken die Kosten des Wirkstoffs stark, während immer mehr Patienten behandelt werden konnten. Zuerst schafft der Patentschutz Anreize für die Entwicklung, dann sorgt der Wettbewerb für breite Verfügbarkeit. Wenn der Patentschutz endet, spielt der Markt und macht aus einem teuren Produkt, das sich nur wenige leisten können, ein Massenprodukt. Auch das Automobil war zur Zeit der Industrialisierung ein Luxusvehikel für Vermögende, doch ohne die dazu nötige Ingenieurskunst wäre nie der Grundstein für die moderne Autoindustrie gelegt worden. Die Schweiz gehört weltweit zu den Ländern mit den meisten Patentanmeldungen pro Kopf, noch vor Schweden und Finnland. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Wirtschaftsordnung, die geistige Leistung schützt und belohnt. Wenn jemand weiss, dass er durch seine Erfindungen reich und berühmt werden kann, dann ist er sehr motiviert, Spitzenleistungen zu erbringen. Das ist der beste Motor für Innovation und Wohlstand. Der Rest sind sozialistische – und am Ende wohlstandsvernichtende – Träumereien. ### Warum die Schuldenbremse den Staat handlungsfähig hält URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-die-schuldenbremse-den-staat-handlungsfahig-halt/ Last updated: 2026-09-23T17:13:58.000Z 0:00 /480 1× An Forderungen nach zusätzlichen Staatsausgaben mangelt es derzeit nicht, und viele davon sind gut begründet. Die Alterung der Bevölkerung erhöht den Druck auf die soziale Sicherung, Infrastruktur muss erhalten und erneuert werden und die veränderte geopolitische Lage rückt die Landesverteidigung stärker in den Vordergrund. Angesichts dieser Ansprüche liegt der Schluss nahe, finanzpolitische Regeln seien zu eng geworden. Ökonomisch spricht jedoch auch einiges für die gegenteilige Sicht: Je mehr berechtigte Ansprüche gleichzeitig auf ein begrenztes Budget treffen, desto wichtiger wird ein Verfahren, das zur Prioritätensetzung zwingt. Das gilt umso mehr, als ein grosser Teil der Bundesausgaben rechtlich gebunden und kurzfristig nur schwer steuerbar ist. Der gegenwärtige Spardruck konzentriert sich deshalb auf jene Ausgaben, bei denen überhaupt noch Spielraum besteht. ## Wenn alle aus derselben Kasse schöpfen Das ist kein Vorwurf an einzelne Politiker oder Verwaltungsstellen. Es geht um ein strukturelles Problem politischer Entscheidungen. In der politischen Ökonomie spricht man vom Problem der fiskalischen Allmende: Der Nutzen einer bestimmten staatlichen Ausgabe kommt oft einem begrenzten Kreis zugute, ihre Finanzierung verteilt sich dagegen auf die Allgemeinheit. Wer zusätzliche Mittel für einen Aufgabenbereich fordert, hat deshalb einen Anreiz, die Vorteile stärker zu gewichten als die gesamten Finanzierungskosten. Treffen viele solche im Einzelnen nachvollziehbare Forderungen zusammen, kann das Gesamtbudget stärker wachsen, als es aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sinnvoll wäre. Die Schuldenbremse setzt an diesem Koordinationsproblem an: Sie bestimmt nicht, welche Aufgaben wichtig sind, zwingt aber dazu, sie innerhalb eines gemeinsamen finanziellen Rahmens gegeneinander abzuwägen. Dabei ist die Schweizer Schuldenbremse flexibler, als ihr Name vermuten lässt. Ihr Ziel ist nicht, unabhängig von der Konjunkturlage jedes Jahr einen ausgeglichenen Haushalt zu erzwingen. Vielmehr soll sie die Verschuldung mittel- und langfristig stabilisieren und zugleich kurzfristige antizyklische Spielräume ermöglichen. Die zulässige Ausgabenobergrenze richtet sich nach den konjunkturbereinigten Einnahmen. Bei ausserordentlichem Zahlungsbedarf kann sie mit einem qualifizierten Beschluss der Bundesversammlung angehoben werden. Selbstbindung und Handlungsfähigkeit sind deshalb keine Gegensätze. Eine gute Fiskalregel legt im Voraus fest, unter welchen Bedingungen Abweichungen zulässig sind, statt darüber erst zu entscheiden, wenn der politische Druck bereits da ist. Die Erfahrungen seit der Einführung der Schuldenbremse sind insgesamt positiv, aber nicht frei von Fragen. Die Bundesverschuldung ging deutlich zurück. Gleichzeitig fiel die Rechnung über viele Jahre systematisch besser aus als das Budget. Eine im Auftrag des Bundesrates eingesetzte Expertengruppe untersuchte deshalb 2017, wie mit diesen Budgetunterschreitungen umzugehen sei. Ein Teil beruhte auf Prognosefehlern, ein Teil auf vorsichtiger Budgetierung und sparsamer Mittelverwendung. In einem[2022 erschienenen Beitrag](http://hdl.handle.net/20.500.11850/522214?ref=schweizermonat.ch)haben Vera Eichenauer und ich die Entwicklung bis 2019 untersucht. Dabei zeigte sich unter anderem, dass sich die Einnahmenprognosen deutlich verbessert hatten. Auch eine erfolgreiche Fiskalregel darf und soll auf unerwünschte Nebenwirkungen überprüft werden. ## Auch Sparen hat seinen Preis Die Expertengruppe argumentierte denn auch keineswegs, dass jeder zusätzliche Franken Schuldenabbau volkswirtschaftlich optimal sei. Auch Schuldenabbau hat Opportunitätskosten: Mittel, die dafür verwendet werden, stehen weder für Steuersenkungen noch für andere öffentliche Aufgaben zur Verfügung. Zudem lässt sich ein volkswirtschaftlich optimales Verschuldungsniveau nicht präzise bestimmen. Trotzdem empfahl die Gruppe damals, die Regel vorerst nicht zu ändern. Zu unsicher war, ob die Budgetunterschreitungen dauerhaft fortbestehen würden. Zugleich bestand die Gefahr, dass Änderungen an einer glaubwürdigen Regel das Verhalten von Politik und Verwaltung verändern und weitere Ausnahmewünsche auslösen. Daraus lässt sich ein allgemeiner Grundsatz ableiten: Fiskalregeln sollten geändert werden, wenn sich ihre Funktionsweise verbessern lässt – nicht allein deshalb, weil ihre Bindungswirkung politisch unbequem geworden ist. Die Coronakrise lieferte wenige Jahre später einen realen Stresstest. Die Schweiz ging mit soliden Bundesfinanzen in die Krise und konnte ausserordentliche Ausgaben in erheblichem Umfang finanzieren. In dem Beitrag mit Vera Eichenauer haben wir darauf hingewiesen, dass der zuvor geschaffene fiskalische Spielraum ein rasches und umfangreiches Eingreifen erleichterte. Daraus folgt weder, dass die Schuldenbremse Voraussetzung dieser Krisenpolitik war, noch, dass damit jede einzelne Massnahme gerechtfertigt war. Es zeigt aber, dass finanzpolitische Selbstbindung in normalen Zeiten und staatliche Handlungsfähigkeit im Ausnahmefall miteinander vereinbar sind. Der Wert fiskalischen Spielraums zeigt sich gerade bei seltenen, grossen negativen Schocks. ## Verteidigung ist keine Dauerausnahme Die heutige sicherheitspolitische Lage macht die Unterscheidung zwischen Ausnahme und dauerhafter Priorität besonders anschaulich.Eine vorübergehende ausserordentliche Belastung kann zusätzliche Verschuldung rechtfertigen. Wenn die Schweiz aber dauerhaft mehr Ressourcen für die Landesverteidigung einsetzen will, ist das keine temporäre Ausnahme, sondern eine Verschiebung politischer Prioritäten.Innerhalb der Logik der Schweizer Schuldenbremse muss ein dauerhaft höheres Ausgabenniveau deshalb im ordentlichen Haushalt verankert und finanziert werden: durch eine andere Gewichtung der Ausgaben, zusätzliche Einnahmen oder beides. > «Eine vorübergehende ausserordentliche Belastung kann zusätzliche Verschuldung rechtfertigen. Wenn die Schweiz aber dauerhaft mehr Ressourcen für die Landesverteidigung einsetzen will, ist das keine temporäre Ausnahme, sondern eine Verschiebung politischer Prioritäten.» Sonderhaushalte und starke Zweckbindungen sind institutionell problematisch, weil sie einzelne Ausgaben dem Wettbewerb mit anderen Aufgaben entziehen und die Steuerbarkeit des Gesamtbudgets erschweren. Deutschland hat 2025 seine Schuldenbremse so geändert, dass Verteidigungs- und bestimmte weitere sicherheitsrelevante Ausgaben oberhalb eines Sockelwerts von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts von der regulären Kreditobergrenze ausgenommen sind. Das Beispiel zeigt, wie politischer Ausgabendruck die Architektur einer Fiskalregel selbst verändern kann. Für die Schweiz spricht deshalb viel dafür, die Grenze zwischen temporärer Ausnahme und dauerhafter Prioritätenverschiebung klar zu halten. Die Schuldenbremse entscheidet nicht darüber, wie gross der Staat sein soll oder wie viel die Schweiz für Verteidigung, soziale Sicherung, Bildung oder Infrastruktur ausgeben soll. Solche Fragen bleiben Sache der Politik. Ihre Funktion liegt darin, dafür zu sorgen, dass dabei nicht nur der Nutzen einzelner Ausgaben, sondern auch ihre Finanzierung und konkurrierende Ansprüche berücksichtigt werden. Die Schuldenbremse nimmt der Politik ihre Entscheidungen deshalb nicht ab – sie zwingt sie, Entscheidungen zu treffen.Ein handlungsfähiger Staat ist nicht ein Staat ohne finanzielle Grenzen. Handlungsfähigist ein Staat, der sich in normalen Zeiten glaubwürdig bindet und dadurch im Ernstfall Spielraum behält. ### 10 Fakten über Liechtenstein URL: https://www.schweizermonat.ch/10-fakten-uber-liechtenstein/ Last updated: 2026-09-23T17:12:42.000Z 0:00 /252 1× ## Einst dieselbe Flagge wie Haiti Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erlebten die Liechtensteiner eine Überraschung: Haiti trat mit praktisch derselben blau-roten Flagge an. Um die Verwechslung künftig zu vermeiden, bekam Liechtensteins Flagge 1937 den goldenen Fürstenhut im blauen Feld. Seitdem sind die beiden Flaggen auf den ersten Blick zu unterscheiden. ## Nur eine Rolltreppe im ganzen Land Liechtenstein hat nur eine öffentliche Rolltreppe. Sie befindet sich im Einkaufszentrum Mühleholzmarkt in Vaduz. Wer im restlichen Land nach einer sucht, muss sich mit Treppen oder Liften begnügen. ## Jede sechste Tiefkühlpizza kommt aus Liechtenstein Jede sechste Tiefkühlpizza, die in Deutschland gegessen wird, stammt von der liechten­steinischen Ospelt-­Gruppe. Für ein Land mit nur rund 40 000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist das erstaunlich. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/18_ChatGPT-Image-20.-Aug.-2026--13_31_49-1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/18_ChatGPT-Image-20.-Aug.-2026--13_34_48-2.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/18_ChatGPT-Image-31.-Aug.-2026--16_07_19-4.jpg) ## 80 Soldaten zogen aus – 81 kamen zurück 1866 rückte Liechtensteins Militärkontingent mit rund 80 Mann zur Sicherung der Tiroler Südgrenze im Preussisch-Österreichischen Krieg aus. Zu Kampfhandlungen kam es nicht. Als die Soldaten heimkehrten, waren sie plötzlich zu 81: Ein österreichischer Offizier begleitete sie als Verbindungsmann. Zwei Jahre später schaffte Liechtenstein seine Armee ganz ab. ## Keine Krone Was auf Liechtensteins Staatswappen wie eine Krone aussieht, ist streng genommen gar keine: Es ist ein Fürstenhut. Er ist ein Zeichen des fürstlichen Ranges und sitzt über dem Stammwappen des Hauses Liechtenstein. Die heutige Form des grossen Wappens geht auf Fürst Gundaker von Liechtenstein im Jahr 1623 zurück. ## Einer von nur zwei doppelten Binnenstaaten Liechtenstein ist zusammen mit Usbekistan einer von nur zwei doppelt eingeschlossenen Binnenstaaten der Welt. Das bedeutet: Das Land besitzt keinen Meereszugang und grenzt ausschliesslich an Staaten, die ebenfalls keinen Meereszugang haben. Auf dem Landweg zu einem Meereshafen müssen deshalb mindestens zwei Staatsgrenzen überschritten werden. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/18_ChatGPT-Image-24.-Aug.-2026--15_19_11-3.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/18_ChatGPT-Image-24.-Aug.-2026--15_23_53-2.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/19_ChatGPT-Image-31.-Aug.-2026--10_08_35-2.jpg) ## Weltweit höchste Unternehmensdichte Liechtenstein hat für seine Grösse erstaunlich viele Unternehmen. Auf etwa acht Einwohnerinnen und Einwohner kommt eine Firma. In der Schweiz sind es zum Vergleich rund 15 Personen pro Unternehmen. Damit ist die Unternehmensdichte in Liechtenstein ungefähr doppelt so hoch wie in der Schweiz. ## Wenn Liechtensteiner volljährig werden, stösst der Erbprinz mit ihnen an Wer 18 wird, wird zur Jung­bürgerfeier auf Schloss Vaduz eingeladen. Dort gratuliert der Erbprinz den Jungbürgerinnen und Jungbürgern persönlich mit einem Händedruck und stösst mit ihnen an. Auch nach Bestehen der Matura gibt es für Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner noch einmal die Gelegenheit, mit der Fürstenfamilie im Schloss zu feiern. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/19_ChatGPT-Image-20.-Aug.-2026--10_26_35-1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/19_ChatGPT-Image-20.-Aug.-2026--13_29_37-1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/19_ChatGPT-Image-20.-Aug.-2026--14_00_16-1.jpg) ## Olympiamedaillen nur im Skifahren Liechtenstein hat bei Olympischen Spielen zehn Medaillen gewonnen, darunter zwei Goldmedaillen. Alle zehn stammen aus dem alpinen Skisport. Besonders kurios: Liechtenstein ist bis heute das einzige Land, das Medaillen bei Olympischen Winterspielen gewonnen hat, aber noch nie bei Sommerspielen. ## Drei Dialekte Liechtenstein ist winzig, sprachlich aber erstaunlich vielfältig. Grob lassen sich drei Mundartgebiete unterscheiden: das Oberland, das Unterland und Triesenberg. Besonders auffällig ist Triesenberg, wo sich seit der Einwanderung der Walser im Mittelalter eine eigene Walsermundart erhalten hat. Gleichzeitig erinnert vieles an die romanische Vergangenheit des Landes. Zahlreiche Orts- und Flurnamen sowie einzelne Wörter stammen noch aus der Zeit, bevor sich im Mittelalter Deutsch durchsetzte. ### Liechtenstein hat aus seinen Nachteilen einen Trumpf gemacht URL: https://www.schweizermonat.ch/liechtenstein-hat-aus-seinen-nachteilen-einen-trumpf-gemacht-2/ Last updated: 2026-09-23T17:12:00.000Z 0:00 /526 1× Liechtenstein zählt nach den gängigsten Wohlstandsmassen zu den reichsten Ländern der Welt. Internationale Vergleiche sind zwar tückenreich oder verzwickt, weil die Hälfte der Beschäftigten im Ausland lebt und in Liechtenstein als Grenzgänger arbeitet. Es ist aber gleichgültig, ob das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung oder pro Beschäftigten, das Bruttonationaleinkommen pro Kopf oder ein Konzept wie das verfügbare Äquivalenzeinkommen verwendet wird; Liechtenstein nimmt stets einen der obersten Plätze in den Listen der reichsten Länder ein. Bis in die Zwischenkriegszeit des 20\. Jahrhunderts war Liechtenstein ärmlich und kleinbäuerlich-handwerklich geprägt. In dieser Zeit wurde jedoch der Grundstein für den wirtschaftlichen Aufstieg gelegt. Bis 1919 bestand eine Zollunion zwischen Liechtenstein und Österreich-Ungarn. In dieser Phase prägten Schweizer Textilfabrikanten die erste Industrialisierungswelle Liechtensteins; mit der Produktion im Fürstentum wollten sie die Zölle der Doppelmonarchie vermeiden. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie machte Liechtenstein das Naheliegende und schloss 1923 einen Zollanschlussvertrag mit der Schweiz ab; 1924 folgte die Übernahme des Schweizer Frankens. Die Neuorientierung wurde zum Glücksfall; die vom Krieg unversehrte Schweiz erwies sich als politischer und wirtschaftlicher Stabilitätsanker für das Fürstentum. In den 1920er-Jahren entstanden zudem ein neues Steuersystem und ein neues Personen- und Gesellschaftsrecht. Diese bildeten die Grundlage einer liberal ausgerichteten Wirtschafts- und Rechtsordnung und des Finanzplatzes. Eine zweite Industrialisierungswelle brachte den Aufbau der Maschinen- und Metallbauindustrie. Liechtenstein schaffte es, sich in dieser Zeit des Umbruchs neu zu erfinden. ## **Das Dilemma der Kleinheit** Nach dem Zweiten Weltkrieg startete im Fürstentum die Wirtschaftsentwicklung durch. Liechtenstein überholte, gemessen am Wohlstandsniveau, gar die Schweiz. Das Land hat niedrige Steuern, gute Sozialleistungen, eine hohe Lebensqualität, keine Staatsverschuldung, ein grosses Finanzpolster der öffentlichen Haushalte für schlechtere Zeiten und die Leute sind vergleichsweise zufrieden. Ein Blick in die Liste der wohlhabendsten Länder zeigt, dass Liechtenstein per se keine Besonderheit ist. Vor allem Klein- und Kleinststaaten besetzen die obersten Ränge. Aber Kleinheit alleine ist noch nicht für jedes Land eine Erfolgsgarantie. Internationale Entwicklungen können sich vielmehr heftiger in kleineren Ländern als in grösseren niederschlagen. Die Vergangenheit zeigt, dass Liechtenstein in Zeiten geopolitischer Umbrüche langfristig richtig reagiert hat. Im Buch «The Size of Nations» beschreiben die Ökonomen Alberto Alesina und Enrico Spolaore einen Zielkonflikt, der die (optimale) Grösse von Staaten betrifft: Einerseits produzieren und verwalten grössere Staaten öffentliche Güter wie Infrastruktur, Rechtssystem oder Verteidigung günstiger pro Kopf als kleinere; andererseits ist in grossen Staaten die Bevölkerung unterschiedlicher, politische Entscheidungen werden schwieriger. ## Widerstandskraft liegt in der Natur Liechtenstein hebelt teilweise den Nachteil der Kleinheit aus, indem einige staatliche Aufgaben in Zusammenarbeit mit der Schweiz ausgeübt werden. Dadurch kann eine schlanke Verwaltung erhalten bleiben. Zudem profitieren kleine Staaten übermässig von einer Weltordnung, die auf offene Märkte und Regelgebundenheit ausgerichtet ist. > «Liechtenstein hebelt teilweise den Nachteil der Kleinheit aus, indem einige staatliche Aufgaben in Zusammenarbeit mit der Schweiz ausgeübt werden.» Neben der Zollunion und weiteren Abkommen mit der Schweiz sichert sich Liechtenstein den Zugang zu wichtigen Märkten mit der Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), in der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und in der Welthandelsorganisation (WTO). Die Homogenität der Bevölkerung sowie das Zusammenspiel zwischen direkter Demokratie und der auf Langfristigkeit ausgerichteten Monarchie sind ein Trumpf und schlagen sich in politisch stabilen Verhältnissen nieder, die förderlich für die wirtschaftliche Entwicklung sind. Dies könnte aber auch zu einer Verkrustung und zu einer Nabelschau führen. Doch Liechtenstein steht gewissermassen in einem institutionellen Wettbewerb mit der Schweiz und den einzelnen Kantonen, was die Politik dynamischer als auf den ersten Blick macht. Liechtenstein hat hierbei den Vorteil der Eigenstaatlichkeit und der kurzen Reaktionswege. «Wenn man aus einem kleinen Land stammt, ist man so gut wie überall auf der Welt im Ausland. Man ist gewissermassen … ein verschwindendes Ereignis», schrieb der Liechtensteiner Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger. Das Zitat zeigt die Abhängigkeiten auf, aber auch die Einsicht, dass man sich im internationalen Wettbewerb behaupten muss. Der Liechtensteiner Markt ist zu klein, als dass man sich darin ausruhen könnte. Die exportorientierten Unternehmen und viele der Akteure am Finanzplatz sind ständig starker Konkurrenz ausgesetzt. > «Der Liechtensteiner Markt ist zu klein, als dass man sich darin ausruhen könnte.» Dadurch gehört Widerstandsfähigkeit zum Naturell der Liechtensteiner Unternehmen. Rund 40 Prozent der Bruttowertschöpfung stammen aus der Industrie. Damit ist das Fürstentum eines der höchstindustrialisierten Länder der Welt, was auch erklärt, warum Liechtenstein wie ein Fitnessstudio wirkt. Dazu zählt auch, dass der Politik in vielen Dingen die Hände gebunden sind: Eine aktive Industriepolitik würde ebenso aufgrund der Kleinheit verpuffen wie eine ausgabenfreudige Fiskalpolitik. Die zusätzlichen Gelder würden ins Ausland fliessen. Die Geldpolitik ist ohnehin in den Händen der Schweizer Nationalbank. Wirtschaftspolitik bedeutet hierzulande eine Stärkung der Rahmenbedingungen. > «Die Störungen vergangener Zeit haben das Land gestärkt und zukunftsfähiger aufgestellt.» Liechtenstein muss sich trotz aller Resilienz auf eine veränderte Welt einstellen. Die Erfolgsfaktoren bleiben jedoch intakt. Die Störungen vergangener Zeit haben das Land gestärkt und zukunftsfähiger aufgestellt. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Zumwinkel-Affäre. Der Diebstahl von Daten einer Liechtensteiner Bank führte 2008 zu Ermittlungen gegen den damaligen Chef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung. Der Liechtensteiner Finanzplatz kam unter Druck. Liechtenstein setzte danach auf eine konsequente Weissgeldstrategie. Das Potenzial liegt in der Notwendigkeit, nach vielen Seiten offen zu sein, und in der Eigenstaatlichkeit, mit der Nischen im internationalen Gefüge besetzt werden können. ## Gefahr der Wohlstandsmüdigkeit Das heisst aber nicht, dass es keinen Reformbedarf gebe. Der falsche Weg wäre es, auf geopolitische Veränderungen mit einem Sicherheits- und Stabilitätsdenken zu reagieren, das erst recht fragil macht, weil es nur konservieren will. Auch in Liechtenstein macht sich eine gewisse Vollkaskomentalität und Wohlstandsmüdigkeit breit. Um zukunftsfähig zu bleiben, ist es notwendig, weiterhin an gesunde Staatsfinanzen für die Zukunft zu denken. > «Auch in Liechtenstein macht sich eine gewisse Vollkaskomentalität und Wohlstandsmüdigkeit breit.» Eine grosse Herausforderung ist die demografische Entwicklung. So sind Probleme in der Finanzierung der Pflege vorprogrammiert. Zu diesem Zweck sollten Staatsreserven für die Teil- oder Anschubfinanzierung künftiger Pflege und Betreuung vorgemerkt werden. Zudem gilt es das inländische Potenzial für den Arbeitsmarkt zu heben. Arbeiten im Alter sollte attraktiver werden; auch gilt es den Frauenanteil in der Erwerbsbevölkerung zu erhöhen. Eine der grössten Veränderungen derzeit ist die Neuordnung der Sicherheitsarchitektur in Europa. Davon ist auch Liechtenstein betroffen. Wie die jüngsten Ereignisse zeigen, nimmt die Bedeutung der Verteidigung auch unterhalb einer militärischen Schwelle wie Cybersicherheit zu. Liechtenstein sollte dabei vernetzt denken und seinen Beitrag für die europäische Sicherheit leisten. > «Derzeit achtet man zu sehr auf Sicherheit und Stabilität. Stattdessen sollte sich Liechtenstein neu positionieren, um die geopolitischen Veränderungen zu meistern und die Chancen künstlicher Intelligenz zu nutzen.» Es ist eine Floskel: Umbruchszeiten bringen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Dennoch: Derzeit achtet man zu sehr auf Sicherheit und Stabilität. Stattdessen sollte sich Liechtenstein neu positionieren, um die geopolitischen Veränderungen zu meistern und die Chancen künstlicher Intelligenz zu nutzen. Die Stabsstelle EWR koordiniert die Umsetzung und Übernahme von Rechtsakten des Europäischen Wirtschaftsraums. Um Möglichkeiten auszuleuchten, wie Liechtenstein beim Wettbewerb der Systeme eine weitere Rolle spielen könnte, wäre jedoch eine Stabsstelle für internationale Spielräume vonnöten. ### CONTRA: Patente sind marxistisch URL: https://www.schweizermonat.ch/patente-sind-marxistisch/ Last updated: 2026-09-23T17:10:38.000Z 0:00 /222 1× *Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/patents-are-marxist/).* Eigentumsrechte lösen Konflikte über knappe Güter, die nur einer gleichzeitig nutzen kann. Wer eine herrenlose Ressource zuerst nutzt, wird ihr Eigentümer; danach folgen Tausch oder Erbschaft. Bei Ideen ist das anders. Wer Ihr Rezept oder Ihre Mausefalle versteht, beraubt Sie nicht. Ideen sind nicht knapp. Ein Monopol darauf durchzusetzen heisst, in fremdes Eigentum einzugreifen und anderen vorzuschreiben, wie sie ihr eigenes Material anordnen dürfen. Eine Patentklage richtet Zwang gegen einen Fremden, der in eigener Werkstatt mit eigenem Material arbeitet. Das ist Enteignung – ironischerweise «Eigentum» genannt. ## **Der Irrtum der Arbeitswertlehre** Die Rechtfertigung, man besitze, was man erschaffe, ist der älteste ökonomische Irrtum. John Locke legte den Keim: Du besitzt deine Arbeit, also besitzt du auch das, womit du sie vermischst. Adam Smith und David Ricardo banden den Wert an die Arbeit, und Karl Marx trieb es zur Konsequenz: Arbeit sei die einzige Wertquelle, jeder Gewinn des Kapitalisten über den Lohn hinaus folglich Diebstahl. Die Arbeitswertlehre des geistigen Eigentums fusst auf demselben Fehler. Marx sagt, der Arbeiter verdiene den Wert; Ayn Rand und der Mainstream sagen, der Erfinder verdiene ihn. Beide irren, dass Aufwand und Kosten die Preise bestimmen müssten. Sozialismus und geistiges Eigentum entspringen demselben Monopolisierungsfehler – hier bei Produktionsmitteln, dort bei Ideen. Die Österreichische Schule der Ökonomie bringt es auf den Punkt: «Preise bestimmen die Kosten, nicht Kosten die Preise.» Wert wird einem Gut nicht durch Arbeit eingegossen; Wert entsteht subjektiv durch Nachfrage. Ein Diamant ist wertvoll, weil er begehrt und knapp ist – nicht weil er mühsam geschürft wurde. Das Gegenteil zu glauben, ist Marxismus. Deshalb braucht ein Eigentumsanspruch, der allein auf Arbeit beruht, den Staat. Ein Anspruch auf ein abstraktes Informationsmuster hat keine natürlichen Grenzen. Seine Definition und Durchsetzung braucht einen Machtapparat: Patente sind staatliche Privilegien, kein vorstaatliches Recht. ## **Eine Steuer auf den Fortschritt** Patentfristen sind willkürlich. Warum 17 Jahre und nicht 5 oder 50? Eine willkürliche Zahl desselben Staates, der auch nicht erklären kann, warum Urheberrecht ein Jahrhundert währt, Patente aber nach zwei Jahrzehnten erlöschen. Wohlstand ist angesammeltes Wissen; jede Generation erbt mehr als die vorangehende. Patente besteuern dieses Erbe und bremsen die Verbreitung von Erkenntnissen. Nicht zufällig begannen sie als königliche Monopole – wie im englischen *Statute of Monopolies* von 1623. Würde etwas ohne Staatsmonopol nicht finanziert werden, dann ist das eben so. Der Zweck des Rechts ist Gerechtigkeit, nicht die staatliche Zuteilung von Kapital. Die Sowjetunion zeigte, dass der Staat Kapital nicht verteilen kann. Patente sind ein Schritt hin zur Planwirtschaft – Zeit, sie abzuschaffen. Die Belohnung für eine Erfindung war nie als Waffe gegen Nachbareigentum gedacht, sondern als Vorsprungsgewinn des Ersten, der im Wettbewerb vorne bleibt, bevor andere von ihm lernen – wie es in freien Märkten geschieht. ### Gefangen in selbst geschmiedeten Ketten URL: https://www.schweizermonat.ch/gefangen-in-selbst-geschmiedeten-ketten/ Last updated: 2026-09-23T17:09:59.000Z 0:00 /545 1× Ein Freund von mir ist in der Stadt Zürich kürzlich in eine grössere Wohnung umgezogen. Er braucht zwar nicht mehr Platz. Aber es handelt sich um eine Genossenschaftswohnung, und obwohl sie grösser ist als seine bisherige Wohnung, bezahlt er weniger Miete. Mein Freund war seit Jahren auf der Warteliste. «Ich wäre dumm, wenn ich die Wohnung nicht nehmen würde», sagt er. So denken heute viele.Was man an staatlichen Vergünstigungen, Zuschüssen und sonstigen Zückerchen bekommen kann, das nimmt man. Man bezahlt schliesslich genug Steuern. > «Was man an staatlichen Vergünstigungen, Zuschüssen und sonstigen Zückerchen bekommen kann, das nimmt man. Man bezahlt schliesslich genug Steuern.» Das erklärt auch die Zustimmung zur 13\. AHV-Rente vor zwei Jahren. In vielen Gesprächen vor der Abstimmung hörte man: «Wir geben genug Geld aus für ukrainische Flüchtlinge und Grossbankenfusionen. Jetzt bin ich einmal dran.» ## Umverteilung zu sich selber In vielen westlichen Demokratien ist eine unheilvolle Spirale in Gang gekommen. Die Bürger erwarten mehr und neue Leistungen von ihren Regierungen. Diese Leistungen müssen finanziert werden. Die Steuer- und Abgabenlast steigt – und damit wiederum die Erwartung, etwas für sein Geld zu bekommen. War der Sozialstaat früher primär ein Sicherheitsnetz für die Schwächsten der Gesellschaft, verteilt der Mittelstand heute zunehmend zu sich selber um: mit Prämienverbilligungen, Genossenschaftswohnungen, Subventionen für Solaranlagen oder Kita-Verbilligungen. Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Politischer Widerstand dagegen gleicht einem Kampf gegen Windmühlen. Subventionen sind populär. Als nach dem russischen Überfall auf die Ukraine die Energiepreise stiegen, reagierten Politiker in ganz Europa instinktiv und überboten sich mit Vorschlägen, ihren Bürgern Benzin und Heizöl zu verbilligen – natürlich auf Kosten der Bürger. ## Die Gefahr des «sanften Despotismus» Warum aber ist das so? Ist der Mensch grundsätzlich unfähig zur Freiheit? Liegt es in der menschlichen Natur, sich stets in die Abhängigkeit von fürsorglichen Gouvernanten zu flüchten, statt selber Verantwortung zu übernehmen? In diese Richtung argumentierte etwa Alexis de Tocqueville. In seinem 1835 erschienenen Hauptwerk «De la démocratie en Amérique» sieht der französische Denker die Demokratie in ständiger Gefahr, dass die Menschen die Gleichheit der Freiheit vorziehen und sich freiwillig einem «sanften Despotismus» unterwerfen. Der fürsorgliche Staat hält die Bürger fest «dans l'enfance» – er will sie nicht zur Mündigkeit führen, sondern dauerhaft in einem kindlichen Zustand halten. So weit muss es aber nicht kommen. Der Liberalismus basiert auf der Überzeugung, dass dem Menschen grundsätzlich ein natürliches Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung innewohnt. Er möchte sich entfalten. Er möchte eigene Entscheidungen treffen. «Der Mensch ist frei geboren», schrieb der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau. Um sogleich zu relativieren: «Aber überall liegt er in Ketten.» Wer aber schmiedet diese Ketten? ## Wer bezahlt am Ende? Klar ist: Der Mensch möchte zwar selbst entscheiden, was er konsumiert und bei wem er zu welchem Preis einkauft. Aber wenn es irgendwo etwas gratis zu holen gibt, wenn es Subventionen vom Staat gibt, dann greift man gerne zu. Auch das gehört zur menschlichen Natur: Der Mensch reagiert auf Anreize und nimmt gerne materielle Vorteile, da sie evolutionär gesehen seine Chancen erhöhen, zu überleben und sich fortzupflanzen. Diese Eigenschaft machen sich Politiker zunutze: Sie locken die Bürger mit materiellen Vorteilen, die diese nicht (direkt) selber bezahlen müssen: Subventionen, Genossenschaftswohnungen, Prämienverbilligungen, Steuerabzügen. Wer möchte da nicht zugreifen? Dabei vergisst man leicht, dass am Ende eben doch jemand bezahlen muss. Auf den ersten Blick scheint es klar, wer bezahlt: der Staat. Doch der Staat sind wir alle, in dem Sinne, dass wir kollektiv über Steuern und Abgaben sein Budget finanzieren. Der wachsende Staat belastet uns also alle immer mehr. Hinzu kommt, dass mit wachsendem staatlichem Fussabdruck auch die Fehlanreize zunehmen. Wenn man für eine Leistung direkt selber bezahlen muss, stehen Nutzen und Kosten in direkter Verbindung. Läuft das Ganze aber über den Staat, muss man die Leistungen nicht selber bezahlen. Das führt zu einer Übernachfrage. Zum Beispiel stehen die Leistungen, die man aus der AHV bezieht, in keinem direkten Verhältnis zu den Beiträgen, die man bezahlt hat. Der Einzelne hat ein Interesse daran, eine 13\. AHV-Rente zu bekommen, wenn diese für ihn (vermeintlich) gratis ist und jemand anders bezahlt. Umgekehrt lohnt es sich kaum, über das Rentenalter hinaus zu arbeiten. Man bezahlt danach nämlich weiterhin in die AHV ein, ohne dass man mehr Rente erhält. Zudem wird die Rente, die man nicht aufschieben kann, mit dem Lohn zum steuerbaren Einkommen zusammengerechnet, sodass man bei den Steuern in eine hohe Progressionsstufe rutscht. Ebenso ist es attraktiv, Teilzeit zu arbeiten, weil aufgrund der Progression die Steuerersparnis deutlich höher ist als die Einkommenseinbusse. So macht es aus Sicht des Einzelnen Sinn, sich der Finanzierung der immer üppigeren staatlichen Leistungen zu entziehen. Damit stellt sich die Frage, wie nachhaltig der wachsende staatliche Fussabdruck ist, wenn die Finanzierung gleichzeitig zunehmend erschwert wird. ## Das Schiff lässt sich wenden Wo endet das? Steuern wir auf ein «argentinisches Szenario» zu? In dem einst schwerreichen Land ist das Ungleichgewicht zwischen steigenden Ausgaben, steigenden Ansprüchen, steigenden Versprechen auf der einen Seite und Fehlanreizen, schwächelnder Produktivität und wirtschaftlicher Sklerose auf der anderen Seite über Jahrzehnte immer weitergewachsen – bis das Land derart tief in der wirtschaftlichen Misere war, dass ein Politiker mit einem radikal-libertären Programm wie Javier Milei zum Präsidenten gewählt wurde. Ob das Experiment Milei aufgeht, muss sich weisen. Bis jetzt sieht seine Bilanz gut aus. So oder so möchte man den argentinischen Weg aber besser nicht beschreiten. Dass die Dinge zuerst katastrophal werden müssen, bevor sie besser werden, ist jedoch kein Naturgesetz. Es ist möglich, das Schiff vorher zu wenden und vom Kurs auf den Eisberg abzubringen. Das natürliche Streben der Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmung kann dabei als Triebfeder dienen. Der Mensch ist nicht als Almosenempfänger und Bittsteller beim Staat geboren. Er hat eine Begabung und auch einen Willen zur Freiheit.Es muss darum gehen, diesen zu wecken. Ein wichtiger Schritt dazu ist, den Bürgern klarzumachen, dass staatliche Zückerchen nicht gratis sind und schädliche Nebenwirkungen mit sich bringen. Alle staatlichen Leistungen müssen bezahlt werden. Wichtig ist daher, den Menschen das Preisschild klarer zu zeigen. > «Der Mensch ist nicht als Almosenempfänger und Bittsteller beim Staat geboren. Er hat eine Begabung und auch einen Willen zur Freiheit.» Ansätze dazu gibt es bereits. Zum Beispiel in Form des Finanzreferendums, das sämtliche Kantone kennen (allerdings in unterschiedlich gelungener Ausführung). Das Instrument stellt sicher, dass wichtige Ausgaben nicht einfach an den Bürgern vorbei beschlossen werden können.Es ist höchste Zeit, das Finanzreferendum auch auf Bundesebene einzuführen. > «Es ist höchste Zeit, das Finanzreferendum auch auf Bundesebene einzuführen.» Auch die Schuldenbremse ist ein wichtiger Ansatz. Sie stellt sicher, dass der Staat mittelfristig nicht auf Kosten künftiger Generationen lebt. Die Bestrebungen in Bundesbern, die Schuldenbremse zu untergraben, sind brandgefährlich. Nötig wäre das Gegenteil: Die Schuldenbremse sollte auf andere Bereiche ausgeweitet werden, etwa auf Sozialwerke wie die AHV. Denn während die expliziten Staatsschulden moderat bleiben, wachsen die impliziten Schulden (also ungedeckte Leistungsversprechen) in gefährlichem Tempo. Darüber hinaus sollte bei Volksabstimmungen mit Kostenfolgen eine Pflicht zur Transparenz herrschen: Es muss immer klar sein, was ein Ja oder Nein an der Urne den Steuerzahler kostet. Die 13\. AHV-Rente fand auch deshalb eine Mehrheit, weil die Befürworter versprachen, sie lasse sich problemlos finanzieren. Die Rechnung wird uns jetzt präsentiert – in Form einer höheren Mehrwertsteuer. Immerhin untersteht diese Steuererhöhung dem obligatorischen Referendum. Sinnvoll wäre es, dass auch andere Abgaben, etwa Sozialabgaben, der demokratischen Kontrolle unterstellt werden. Die Demokratie kann die Tendenz zum staatlichen Wachstum befördern. Sie kann aber auch der Schlüssel sein, um den Leviathan selbst in Ketten zu legen. ### Patents are Marxist URL: https://www.schweizermonat.ch/patents-are-marxist/ Last updated: 2026-09-23T17:08:38.000Z 0:00 /245 1× Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/patente-sind-marxistisch/). Property rights exist because they resolve conflict over things only one person can use at a time. So we settled on the rule that whoever used an unowned resource first owns it, and ownership then passes by trade or inheritance. Ideas don't have that problem. If I learn your recipe or the mechanism inside your mousetrap, you still have it. Since ideas aren't scarce, enforcing a monopoly over them means reaching into someone else's property, and forbidding them from arranging it in a certain way. A patent suit uses coercion against a stranger using his own materials in his own shop. That is confiscation, ironically called property. **The Labor Fallacy** The usual justification sounds intuitive: you own what you create. If one pays closer attention, one realizes it is the oldest and biggest mistake in economic thought. Locke needed a bridge to connect "you own your body" and "you own the field you cleared," so he built one: you own your labor, therefore you own what you mix it with. It was a poisoned seed. Adam Smith argued labor ratios determine exchange value. Ricardo treated labor embodied in production as the cause of relative prices. Marx then pushed the premise to its weaponized conclusion: labor is the sole source of value; whatever value a worker creates belongs to him; and anything the capitalist keeps beyond the wage is theft. This is the axiom of the labor theory of value. The sweat-of-the-brow theory of intellectual property builds on the same axiom. Marx says the worker deserves the value his labor created. Ayn Rand – and the mainstream case for patents – says the inventor does. Both say that prices should be determined by costs. Socialism and intellectual property are the same monopolizing mistake. Monopolizing either the means of production or ideas. The Austrians nailed it with their pithy dictum: “Prices determine costs, costs don’t determine prices.” Value isn't poured into a good by labor; it is subjective and exists solely in the mind of the person valuing it. A diamond is valuable because people want it and there isn't much of it, not because someone labored to mine it. Again, prices determine costs, not the other way around. The opposite is Marxism. "You deserve to own the value your labor created" becomes nonsensical once you see this. > The Austrians nailed it with their pithy dictum: “Prices determine costs, costs don’t determine prices.” Value isn't poured into a good by labor; it is subjective and exists solely in the mind of the person valuing it. This is also why claiming an idea because you labored on it needs the state in a way owning land never did. Homesteading a field is self-enforcing; others see the link with their own eyes. A claim over the pattern of information in an invention has no boundaries; creating it requires an apparatus to define and – even more expensively – enforce the claim – a state hallucination caused by the cronies close to the state, not a preexisting right. **A Tax on Human Progress** Patents are inherently arbitrary; they have no empirical cost-benefit basis. If inventors wouldn’t recoup costs without protection, why is seventeen years correct? Why not five, or fifty? Nobody has an answer – it's a number set by the same government that can't explain why copyright deserves a century while patents get two decades. The cost compounds every year. Human wealth is accumulated knowledge, every generation is richer than the last because it inherits a bigger precedent. Patents are a tax on inheritance, slowing the spread of knowledge. Not coincidentally, patents began as grants of royal monopoly under England's 1623 Statute of Monopolies. If an enterprise wouldn’t be invested in without a state-granted monopoly, so be it. The purpose of the law is justice, not to allocate capital. The Soviet Union proved the state cannot allocate capital; it’s time to realize that patents Sovietize our economies and get rid of them. > If an enterprise wouldn’t be invested in without a state-granted monopoly, so be it. The purpose of the law is justice, not to allocate capital The reward for inventing something valuable was never supposed to be a governmental weapon against your neighbor's property. It was supposed to be the market's reward: profit from getting there first, and staying ahead of those learning from you, competing as everyone should. ### Ein schlanker Staat beginnt an der Urne URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-schlanker-staat-beginnt-an-der-urne/ Last updated: 2026-09-23T17:07:38.000Z 0:00 /413 1× Wir Schweizerinnen und Schweizer dürfen uns glücklich schätzen. Die Schweiz verfügt über einen Staat, der im internationalen Vergleich bemerkenswert gut funktioniert. Das ist eine Errungenschaft, aber auch eine Verpflichtung. Denn anders als in zentralistisch geprägten Ländern erscheint der Staat hier nicht als ferne Obrigkeit, sondern er ist etwas, das die Bürgerinnen und Bürger selbst mitgestalten. In unserer direkten Demokratie sind wir alle der Staat. Wir tragen Verantwortung dafür, was der Staat alles tun soll – und was eben nicht. ## Bürokratie verursacht hohe Kosten Wir müssen anerkennen, dass wir inzwischen in vielen Bereichen zu viel Staat haben. Gerade aus Sicht der Unternehmen ist das ein echtes Problem geworden. Vieles ist bis ins letzte Detail geregelt. Gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft müssen Schweizer Unternehmen inzwischen über [36000 Pflichten](https://dievolkswirtschaft.ch/de/2026/06/wie-viele-pflichten-gelten-fuer-unternehmen/?ref=schweizermonat.ch) erfüllen. Das sind 12000 Pflichten mehr als noch vor 20 Jahren. Damit verbunden sind enorme Bürokratiekosten für die Firmen. Zumindest ein Teil davon könnte reduziert werden, ohne dass Gesetze angepasst werden müssten: Eine von Economiesuisse in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass rund 30 Milliarden Franken an Bürokratiekosten vermieden werden könnten, wenn die Behörden ihre Prozesse vereinfachen und digitalisieren würden. Ein Beispiel: Die durchschnittliche Bearbeitungsdauer vom Baugesuch bis zur Baubewilligung beträgt in der Stadt Zürich gegen 330 Tage. In Ländern wie Dänemark oder Finnland dauert es weniger als 100 Tage. Wenn die Schweiz wieder Klassenbeste sein will, müssen wir hier vorwärtsmachen. Ein anderes Beispiel: Die Steuerbehörden stellen für die Unternehmen nach wie vor ungenügende Online-Formulare zur Verfügung und verursachen damit unnötige administrative Aufwände. Bürokratische Prozesse sind das eine. Das schnelle Wachstum des Staats ist das andere. Bald dürfte der Bundeshaushalt die Marke von 100 Milliarden Franken knacken. Gleichzeitig wächst der Personalbestand in der Bundesverwaltung deutlich schneller als die Gesamtbeschäftigung. Auch der Ausgabenposten für die soziale Wohlfahrt und namentlich für die AHV steigt seit Jahren an und wird aufgrund der demografischen Entwicklung weiter anwachsen.Der Staat wächstalsodort, wo er ohnehin schon stark gebunden ist – und verliert Spielraum dort, wo seine Kernaufgaben liegen.Besonders sichtbar wird das bei der Sicherheit. Wir müssen uns bewusst sein:Jeder Franken, den der Staat zusätzlich ausgibt, muss zuerst von Unternehmen und Arbeitnehmern erwirtschaftet werden.Ein leistungsfähiger Staat braucht deshalb eine leistungsfähige Wirtschaft als Fundament. Wächst der Staat dauerhaft schneller als die Wertschöpfung, geraten jene Kräfte unter Druck, die unseren Wohlstand überhaupt erst schaffen. Das wirkt sich mittelfristig auf uns alle negativ aus: Zwar belegt die Schweiz aktuell in der absoluten Wirtschaftskraft noch einen globalen Spitzenplatz. Aber unsere Entwicklung in den letzten Jahren ist hinsichtlich des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf im OECD-Vergleich unterdurchschnittlich. Mit anderen Worten: Uns geht es noch gut, aber wir entwickeln uns unterdurchschnittlich. Das muss uns zu denken geben. ## Wie sich der Staat bremsen lässt Das Ziel ist klar vor Augen: Wir wollen einen starken, aber schlanken Staat. Einer, der handlungsfähig ist und sich als Dienstleister für die Bürgerinnen und Bürger versteht. Damit wir dies erreichen, müssen wir vor allem zwei Hebel betätigen. Erstens braucht es institutionelle Mechanismen, die das Wachstum des Staats im Zaum halten. Bereits bestehende Instrumente wie die Schuldenbremse müssen unbedingt verteidigt werden. Dazu gehört auch der bewährte kantonale Steuer- und Ideenwettbewerb respektive unser Föderalismus. Es braucht aber auch neue institutionelle Mechanismen. So schlagen die Jungfreisinnigen in einer neuen Volksinitiative eine «Verwaltungsbremse» vor. Die Initiative ist pragmatisch und vernünftig: Die Personalausgaben der Bundesverwaltung sollen künftig nur noch im Gleichschritt mit den Löhnen der Bevölkerung wachsen können. Um die regulatorische Disziplin zu stärken, wäre zudem eine «One in, one out»-Regel bei neuen Gesetzen zielführend. Einen weiteren institutionellen Ansatz kennen skandinavische Länder in der Altersvorsorge, nämlich die Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung. Zweitens braucht es wieder mehr unternehmerisches Denken in der Politik. Unternehmerinnen und Unternehmer müssen sich aktiv in der Politik einbringen, Brücken bauen und aufzeigen, wie Herausforderungen pragmatisch gelöst werden können. Mit unternehmerischem Denken ist auch gemeint, dass wir alle wieder mehr Eigenverantwortung an den Tag legen. Vieles lässt sich subsidiär regeln. Nicht für alles braucht es ein neues Bundesgesetz. Und es muss auch nicht alles vom Staat geliefert werden. Der Staat soll kein Selbstbedienungsladen sein. Unternehmerisches Denken bedeutet schliesslich auch, die Schweiz als Ganzes im Blick zu haben und mutige Entscheide zu fällen. Es ist offenkundig, dass es bei der AHV strukturelle Reformen braucht und wir im Bundeshaushalt Mittel für die Sicherheit priorisieren müssen. ## Fokus auf das Wesentliche Wie setzen wir all das um? In der direkten Demokratie liegt die Antwort bei den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern. Sie entscheiden an der Urne, welche Aufgaben und Grenzen der Staat erhält. Pauschale Staatskritik hilft deshalb nicht weiter. Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Verbänden ist es, überzeugende und pragmatische Lösungen vorzulegen, über die die Bevölkerung entscheiden kann. Die Schuldenbremse zeigt, dass sich für institutionelle Regeln breite Mehrheiten gewinnen lassen. 2001 wurde sie mit fast 85 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Mit der Initiative für eine «Verwaltungsbremse» bietet sich nun eine weitere Gelegenheit, einen ähnlichen Mechanismus zu verankern und einen institutionellen «Pflock» einzuschlagen. Dabei geht es nicht um einen möglichst kleinen Staat. Es geht um einen Staat, der sich auf seine Aufgaben konzentriert, effizient arbeitet und Bürger wie Unternehmen nicht mit unnötiger Bürokratie beschäftigt. Ein Staat, der alles regeln will, verliert am Ende die Kraft für das Wesentliche. Denn nur ein schlanker Staat kann jene Freiräume schaffen, in denen sich die Menschen frei entfalten können. ### Zwei Souveräne – ein ungewöhnliches Staatsmodell URL: https://www.schweizermonat.ch/zwei-souverane-ein-ungewohnliches-staatsmodell/ Last updated: 2026-09-23T17:06:33.000Z 0:00 /574 1× Fragt man im Ausland nach Liechtensteins politischem System, denken die meisten zuerst an den Fürsten. Weniger bekannt ist, dass das Land noch einen zweiten Souverän kennt: das Volk. Und dieses verfügt über Mitspracherechte, die selbst im internationalen Vergleich aussergewöhnlich weit reichen. Artikel 2 der liechtensteinischen Landesverfassung hält fest: «Das Fürstentum ist eine konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratischer und parlamentarischer Grundlage; die Staatsgewalt ist im Fürsten und im Volke verankert und wird von beiden nach Massgabe der Bestimmungen dieser Verfassung ausgeübt.» Auf den ersten Blick wirkt diese Konstruktion widersprüchlich. Wie kann ein Staat gleichzeitig Monarchie und direkte Demokratie sein? Wie werden Konflikte zwischen den beiden Souveränen gelöst, wenn sie entstehen? Und weshalb funktioniert dieses System mit zwei Machtzentren trotz einzelner verfassungsrechtlicher Konflikte und politischer Krisen insgesamt erstaunlich reibungsarm? ## Mehr als nur Repräsentation Zunächst: Monarchien sind selbst in Europa keineswegs eine Seltenheit. Allein in Westeuropa gibt es deren zehn. In den meisten von ihnen beschränkt sich die Rolle des Monarchen heute allerdings weitgehend auf repräsentative und zeremonielle Aufgaben. Liechtenstein bildet diesbezüglich eine Ausnahme: Der Landesfürst verfügt über substanzielle politische Kompetenzen. Kein Gesetz – selbst wenn Parlament und Volk zugestimmt haben – tritt ohne seine Sanktion in Kraft. Er ernennt die Regierung im Einvernehmen mit dem Landtag (dem Parlament), kann sie unter bestimmten Voraussetzungen entlassen und wirkt bei der Bestellung der Richter mit, um nur einige dieser Kompetenzen zu nennen. Gleichzeitig sind seine Befugnisse verfassungsrechtlich klar begrenzt. Er kann politische Entscheidungen zwar verhindern, jedoch nicht eigenständig herbeiführen: Gesetze bedürfen stets der Zustimmung des Landtags und können zudem dem Volk vorgelegt werden. Nicht minder bemerkenswert ist die Stellung des Volkes. Die Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner verfügen – ganz ähnlich wie die Schweizer Bevölkerung – über weitreichende direktdemokratische Mitbestimmungsrechte. Sie wählen nicht nur den Landtag, sondern können mittels Referenden Gesetze zu Fall bringen, Volksinitiativen auf Verfassungs- und auf Gesetzesebene einreichen sowie Petitionen an die Behörden richten. Selbst die Monarchie steht nicht ausserhalb der demokratischen Ordnung: Die Verfassung gibt dem Volk ausdrücklich die Möglichkeit, die Monarchie abzuschaffen. ## Kompromiss statt Konfrontation Trotz ihrer erheblichen Kompetenzen geraten Fürst und Volk selten in institutionelle Machtkämpfe. Auch Blockaden sind seltener, als man erwarten könnte. Die Erklärung liegt in der Architektur des politischen Systems. Die politische Macht verteilt sich nämlich nicht nur auf zwei, sondern auf mehrere Akteure. Neben Fürst und Volk spielen Landtag, Regierung und unabhängige Gerichte eine eigenständige Rolle. Nahezu jede wichtige Entscheidung setzt das Zusammenwirken mehrerer Institutionen voraus. Ein Gesetz bedarf der Zustimmung des Landtags und schliesslich auch des Fürsten. Gelangt die Vorlage zur Volksabstimmung, entscheidet zusätzlich das Volk. Jeder Akteur verfügt somit über unterschiedliche Mitwirkungs- oder Vetorechte. Dadurch entsteht ein System gegenseitiger Begrenzung, auch wenn die einzelnen Akteure nicht über gleich starke Einflussmöglichkeiten verfügen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die direkte Demokratie – insbesondere das fakultative Referendum. Zu praktisch jedem neuen Gesetz kann eine Volksabstimmung verlangt werden. Diesbezüglich sind sich die Schweiz und Liechtenstein sehr ähnlich. Eine liechtensteinische Besonderheit betrifft den Nachvollzug von EWR-Recht ohne eigenen Gestaltungsspielraum: Entsprechende Gesetze können durch einen Dringlichkeitsbeschluss dem Referendum entzogen werden. Für Regierung und Parlament bedeutet dies, dass politische Entscheide stets unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die Bevölkerung stehen. Wer eine Vorlage erfolgreich verabschieden will, muss deshalb bereits im Gesetzgebungsprozess darauf achten, dass sie auch ausserhalb des Parlaments mehrheitsfähig ist. Das Referendum wirkt damit weit über den eigentlichen Abstimmungstag hinaus. Es prägt den gesamten politischen Prozess und zwingt die Akteure (meist) zu breit abgestützten Kompromissen. Schweizer Leserinnen und Leser werden diesen Mechanismus bestens kennen: Auch in der Schweiz gilt das fakultative Referendum als eigentliche Triebfeder der Konsensdemokratie. In Liechtenstein zeigt sich dieser Zusammenhang in mancherlei Hinsicht. Gesetze werden selten nach kurzen, aber heftigen ideologischen Konfrontationen mit knappen Mehrheiten beschlossen, sondern in einem langwierigen Prozess der Verhandlung und Annäherung. Die politischen Akteure wissen, dass nahezu jede Vorlage an der Urne scheitern kann – und nicht wenige tun es tatsächlich. Während die Stimmberechtigten in der Schweiz rund sechs von zehn Gesetzesvorlagen bestätigen, gegen die das fakultative Referendum ergriffen wurde, lehnen sie in Liechtenstein fast sechs von zehn Gesetzesvorlagen ab, die aufgrund eines Referendums zur Abstimmung gelangen. Das Referendum ist deshalb nicht bloss ein Korrektiv der Politik, sondern prägt ihr Verhalten von Anfang an. Unausgewogene oder besonders weitreichende Reformen scheitern spätestens an der Urne; entsprechend werden Kompromisslösungen bereits im Vorfeld angestrebt. Die Konsenskultur zeigt sich auch bei der Regierungsbildung: Selbst wenn rechnerisch oftmals eine Einparteienregierung möglich wäre, hat sich nahezu selbstverständlich eine Koalition der beiden langjährigen Regierungsparteien, der Fortschrittlichen Bürgerpartei (FBP) und der Vaterländischen Union (VU), etabliert. Die Koalition folgt dabei der liechtensteinischen «Zauberformel»: drei Regierungssitze für die mandatsstärkste, zwei für die zweitstärkste Partei. Hinzu kommt die Kleinheit des Landes. Politik findet in einem vertrauten sozialen Umfeld statt, in dem sich die Akteure in aller Regel persönlich kennen und per Du sind. Konflikte werden deshalb oft im direkten Gespräch gelöst. Institutionelle Regeln und politische Kultur verstärken sich dabei gegenseitig. Obwohl beispielsweise die Bestellung der Regierung ein Einvernehmen von zwei Organen, nämlich Fürst und Landtag, voraussetzt, ist es bei Regierungsbildungen in der Vergangenheit noch nie zu einer Blockade zwischen den beiden Institutionen gekommen. Man kennt sich und entschärft mögliche Konflikte meist im Voraus. ## Checks and Balances im Kleinstaat In gewisser Weise liegt ein Paradox vor: Die Verfassung eröffnet durchaus die Möglichkeit schwerer institutioneller Konflikte. Sie verleiht sowohl dem Fürsten als auch dem Volk aussergewöhnlich weitreichende Kompetenzen und eröffnet über die Volksrechte sogar den Weg zu radikalen Änderungen der Staatsordnung. Man könnte deshalb ein besonders konfliktanfälliges System erwarten. In der politischen Praxis zeigt sich jedoch meist das Gegenteil. Konflikte zwischen den Institutionen sind selten, die politische Ordnung bleibt bemerkenswert stabil, Reformen erfolgen meist schrittweise und breit abgestützt und der Kompromiss wird nicht als Notlösung verstanden, sondern als Normalfall politischen Handelns. Die im politischen System eingebauten Checks and Balances, die direkte Demokratie und die tief verwurzelte Konsenskultur verhindern in der Regel eine Eskalation zwischen den Organen und Institutionen. Zwar gibt es Ausnahmen. Wiederholt kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Staatsorganen oder zu durchaus kontroversen Verfassungsdebatten. Im internationalen Vergleich sind diese Konflikte jedoch bemerkenswert selten. Gleichzeitig gilt aber auch: Dieselben Mechanismen, welche die Stabilität fördern, erschweren tiefgreifende Reformen, wenn diese einmal notwendig werden. Genau darin liegt die eigentliche Besonderheit des liechtensteinischen Modells. Seine Stabilität beruht nicht darauf, dass ein einzelner Akteur dominiert, sondern darauf, dass sich alle Akteure gegenseitig begrenzen und aufeinander angewiesen sind. Die direkte Demokratie verleiht politischen Entscheidungen zudem eine hohe Legitimation, die institutionellen Kontrollmechanismen verhindern Machtkonzentrationen. Damit ist das politische System Liechtensteins eine einzigartige Staatsordnung, in der zwei Souveräne in einem ständigen, aber verfassungsrechtlich geregelten Spannungsfeld koexistieren. Das Ergebnis ist ein politisches System, das trotz – oder eben vielleicht gerade wegen – seiner eigentümlichen Konstruktion als Doppelherrschaft von Volk und Fürst seit über hundert Jahren bemerkenswert stabil funktioniert. ### Das Zulassungsdilemma: Wenn Sicherheit Zeit kostet URL: https://www.schweizermonat.ch/das-zulassungsdilemma-wenn-sicherheit-zeit-kostet/ Last updated: 2026-09-23T17:02:06.000Z 0:00 /923 1× Medikamente sind ein grundlegender Pfeiler in der Behandlung von Krankheiten. Dank neuer Wirkstoffe konnten in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte in der Medizin erzielt werden. So haben neue Immuntherapien die Lebensverlängerung von Patienten mit verschiedenen Krebserkrankungen wie schwarzem Hautkrebs oder Brustkrebs deutlich erweitert. Dennoch verlaufen viele Krankheiten – insbesondere im Bereich der Krebsmedizin – nach wie vor tödlich. Entsprechend gross ist die Hoffnung, dass neue Medikamente hier Abhilfe schaffen können. Jedes Medikament birgt neben der erwünschten Wirkung auch das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen. Diese können sehr gravierend sein. Immuntherapien können etwa zu Atemnot, Herzrhythmusstörungen oder anderen Komplikationen führen, die im schlimmsten Fall gar tödlich enden können. Regelmässig setzen Patienten Therapiezyklen aus oder brechen die Therapie ganz ab, weil die Nebenwirkungen zu einschneidend sind. Noch gravierender sind die Fälle, in denen das Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil eines Medikaments noch unzureichend verstanden wird. Es besteht dann zumindest die Gefahr, dass der erhoffte Therapieerfolg ausbleibt oder dass Patienten unter unerwarteten Nebenwirkungen leiden. Um die Risiken zu minimieren und die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, hat der Gesetzgeber die Zulassung von neuen Medikamenten reguliert. Ziel ist es, dass nur qualitativ hochstehende, sichere und wirksame Medikamente in den Verkehr gebracht werden. Je höher die Anforderungen an den Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit sind, desto besser lässt sich das Wirksamkeitssicherheitsprofil beurteilen. Umgekehrt gilt: Je tiefer die regulatorischen Anforderungen sind, desto schneller stehen neue Medikamente zur Verfügung und desto grösser wird aber auch das Risiko, dass ihre Wirksamkeit und Sicherheit noch nicht ausreichend verstanden sind. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Welche Prioritäten setzen wir und wie möchten wir Sicherheit versus Schnelligkeit bei der Zulassung von neuen Medikamenten gewichten? ## **Trend zur Beschleunigung** Trotz der grossen medizinischen Fortschritte haben zahlreiche Erkrankungen – insbesondere im Bereich der Krebsmedizin – noch immer einen tödlichen Verlauf. Für viele Betroffene ist die Hoffnung auf neue Therapien entsprechend gross. Um Medikamente mit potentiell hohem therapeutischem Nutzen möglichst rasch zur Verfügung zu stellen, haben verschiedene Länder, darunter die Schweiz, spezielle Zulassungsverfahren eingeführt, welche den Zugang zu neuen Medikamenten beschleunigen sollen. In der Schweiz sind dies gemäss Heilmittelgesetz und der dazugehörigen Verordnung die sogenannte beschleunigte Zulassung sowie die befristete Zulassung. Für die einfachere Lesbarkeit wird in diesem Beitrag der Begriff «beschleunigte Zulassung» verwendet, der beide Zulassungsarten erfasst. Zahlreiche Krebsmedikamente werden so zugelassen. Der Gesetzgeber nimmt dabei bewusst eine andere Gewichtung vor: Patienten mit schweren oder lebensbedrohlichen Erkrankungen sollen schneller Zugang zu vielversprechenden Therapien erhalten – auch wenn zum Zulassungszeitpunkt noch weniger Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit vorliegen. Ein Nachweis derselben bleibt zwar erforderlich, doch die regulatorischen Anforderungen sind tiefer. Das Gleichgewicht verschiebt sich damit zugunsten eines schnelleren Patientenzugangs und zulasten der Sicherheit. > «Das Gleichgewicht verschiebt sich zugunsten eines schnelleren Patientenzugangs und zulasten der Sicherheit.» Dieser Zielkonflikt zeigt sich besonders bei klinischen Studien, auf denen die Zulassung neuer Medikamente beruht. Jede Studie misst einen zuvor festgelegten Endpunkt. Bei Krebsmedikamenten gilt das Gesamtüberleben als Goldstandard. Dieser bedeutet, dass die Zeitspanne von der Inklusion in der klinischen Studie bis zum Tod der Hälfte der Probanden gemessen wird. Dieser Endpunkt ist objektiv, klinisch aussagekräftig und für Patienten unmittelbar relevant. Allerdings können solche Studien – je nach Krebsart und Medikament – mehrere Jahre dauern. Um die Dauer der klinischen Studie zu kürzen, werden daher insbesondere bei Krebsmedikamenten für die Zulassung regelmässig sogenannte [Surrogatendpunkte verwendet](https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2852328?resultClick=1&ref=schweizermonat.ch).[\[1\]](#%5Fftn1) Ein Beispiel hierfür ist das progressionsfreie Überleben. Dabei wird nicht die Zeit bis zum Tod, sondern die Dauer bis zum Fortschreiten des Tumors gemessen. Da Tumore in der Regel deutlich früher wachsen, als Patienten sterben, lassen sich Studien erheblich schneller abschliessen. Ein längeres progressionsfreies Überleben bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Patienten auch tatsächlich länger leben. Zudem beruht die Messung des Tumorwachstums häufig auf bildgebenden Verfahren (in der Regel radiologische Untersuchungen) und ist damit weniger objektiv als der Todeszeitpunkt. Trotz standardisierter Kriterien können unterschiedliche Ärzte diese Aufnahmen unterschiedlich beurteilen. Hinzu kommt, dass aufgrund der kürzeren Beobachtungszeit auch das Nebenwirkungsprofil des Medikaments oft noch nicht vollständig bekannt ist. Die Evidenz ist zum Zeitpunkt der beschleunigten Zulassung deshalb unvollständig; in der Fachliteratur ist in diesem Zusammenhang von [«unreifen Daten» oder einer «Evidenzlücke» die Rede](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1470204524001529?via%3Dihub&ref=schweizermonat.ch).[\[2\]](#%5Fftn2) Beschleunigte Zulassungsverfahren gewinnen zunehmend an Bedeutung. In den USA werden inzwischen rund drei Viertel aller neuen Krebsmedikamente beschleunigt zugelassen, in der EU und der Schweiz liegt dieser Anteil bei ungefähr einem Viertel.[\[3\]](#%5Fftn3) ## **Mögliche Lösungsansätze** Eine möglichst schnelle Zulassung von Medikamenten ist wichtig. Dieser Bedarf ist besonders gross bei Medikamenten, für die es keine Alternative auf dem Markt gibt und wenn der natürliche Verlauf der Erkrankung tödlich ist, was insbesondere auf zahlreiche Krebserkrankungen zutrifft. Entsprechend bieten beschleunigte Zulassungswege eine wichtige und vielversprechende Möglichkeit, um einen schnelleren Zugang von Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf zu neuen Medikamenten zu ermöglichen. Aufgrund der beschriebenen Gefahren könnten folgende drei Lösungsansätze für die Zukunft hilfreich sein und im Interesse der Patienten liegen. Erstens sollten beschleunigte Zulassungsverfahren konsequent auf Medikamente mit einem potentiell hohen therapeutischen Nutzen beschränkt bleiben – so, wie es der Gesetzgeber eigentlich vorsieht. Dafür sprechen zwei Gründe. Zum einen führt eine beschleunigte Zulassung dazu, dass das Wirkungs- und Sicherheitsprofil des neuen Medikaments noch nicht optimal verstanden wird. Diesem Risiko, welches die Patienten tragen, sollte zumindest ein hoher potentieller Nutzen gegenüberstehen, etwa eine potentiell substanzielle Lebensverlängerung. Obwohl dies gesetzlich vorgesehen ist, [zeigt eine Studie](https://ascopubs.org/doi/abs/10.1200/OP-25-01270?ref=schweizermonat.ch), dass nur 17 Prozent der von der US-Behörde beschleunigt zugelassenen Krebsmedikamente einen hohen therapeutischen Nutzen hatten. In der EU betrug dieser Anteil 43 Prozent, bei Swissmedic 38 Prozent.[\[4\]](#%5Fftn4) Zum anderen verfügen Zulassungsbehörden nur über begrenzte Ressourcen. Damit eine beschleunigte Zulassung überhaupt möglich ist, müssen Dossiers priorisiert und innerhalb kürzerer Zeit sorgfältig geprüft werden. Dieselbe Studie zeigte jedoch, dass von den zwischen 2010 und 2024 beschleunigt zugelassenen Krebsmedikamenten in den USA nur 30 Prozent in der vorgesehenen Zeitdauer von der Behörde überprüft und zugelassen wurden. In der EU waren es 5 Prozent und in der Schweiz 49 Prozent. Es stellt sich zumindest die Frage, ob eine speditivere Bearbeitung und rechtzeitige Zulassung bei mehr beschleunigt zugelassenen Medikamenten möglich wäre, wenn der Fokus auf Medikamenten liegen würde, die tatsächlich einen potentiell hohen therapeutischen Nutzen haben. Zweitens sollten Ärzte und Patienten transparent über die vorhandene Evidenz zur Wirksamkeit und Sicherheit neuer Medikamente aufgeklärt werden. Eine [Studie](https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2838463?ref=schweizermonat.ch) zeigte, dass in den klinischen Richtlinien bei zahlreichen Krebsmedikamenten Hinweise auf bestehende Evidenzlücken fehlten, obwohl diese Richtlinien eine massgebende Hilfestellung für Ärzte bei Behandlungsentscheidungen sind.[\[5\]](#%5Fftn5) Des Weiteren gehen viele Patienten davon aus, dass eine Zulassung einen [hohen therapeutische](https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/1105910?ref=schweizermonat.ch)n[ Nutzen und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen](https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/1105910?ref=schweizermonat.ch) bedeutet.[\[6\]](#%5Fftn6) Deshalb sollten klinische Leitlinien klar kennzeichnen, wenn zum Zeitpunkt der Zulassung noch unreife Daten oder Evidenzlücken bestehen. Dies erhöht die Chance, dass Ärzte ihre Patienten angemessen über das Nutzen-Risiko-Profil einer neuen Therapie aufklären. Dass diese Informationen für Betroffene relevant sind, zeigt auch eine Studie, wonach Patienten sowie ihre Angehörigen dem Sicherheitsprofil [eines neuen Medikaments](https://www.thelancet.com/journals/lanonc/article/PIIS1470-2045%2824%2900596-5/fulltext?ref=schweizermonat.ch) teilweise sogar mehr Bedeutung beimessen als dessen möglichst schneller Verfügbarkeit.[\[7\]](#%5Fftn7) Drittens könnte eine «Evidenzlücke» in der Preisfestsetzung des neuen Medikaments reflektiert werden. Patienten tragen bei Evidenzlücken ein erhöhtes Risiko. Es stellt sich die Frage, ob dies beim Preis berücksichtigt werden sollte, wobei eine nachträgliche Preiserhöhung nach Vervollständigung der Evidenz, dem Nachweis eines hohen therapeutischen Nutzens und eines tragbaren Sicherheitsprofils möglich wäre. Dies könnte auch dazu führen, dass ein Anreiz bestehen würde, die notwendige Evidenz nach der Zulassung im Rahmen klinischer Studien zu generieren und bei den Zulassungsbehörden nachzureichen. Eine [Studie](https://jamanetwork.com/journals/jama-health-forum/fullarticle/2803074?ref=schweizermonat.ch) zeigte, dass solche Informationen bei beschleunigt zugelassenen Medikamenten häufig erst verspätet bei den Zulassungsbehörden eingereicht wurden.[\[8\]](#%5Fftn8) Klar ist: Unabhängig davon, wie gut ein Medikament erforscht ist, bleibt immer ein Restrisiko bestehen – sei es, dass die gewünschte Wirkung ausbleibt oder unerwartete Nebenwirkungen auftreten. Selbst die strengste Regulierung kann hier keine absolute Sicherheit garantieren. Ebenso klar ist aber auch: Eine beschleunigte Zulassung geht in der Regel zumindest zu einem gewissen Grad auf Kosten der Evidenz zum Zeitpunkt der Zulassung. Neue Medikamente sind auf allen Ebenen mit hohen Kosten verbunden. Ihre Entwicklung ist aufwendig und teuer, die stetig steigenden Erstpreise neuer Medikamente, insbesondere von Krebsmedikamenten, belasten unser soziales Krankenversicherungssystem, gleichzeitig ist der Bedarf nach lebensrettenden Medikamenten gross und die Hoffnung der Patienten hoch. All diese Faktoren beeinflussen die Gewichtung zwischen Schnelligkeit und Sicherheit. Ein offener gesellschaftlicher Diskurs wäre sinnvoll, um zu verstehen, ob wir gegenwärtig die optimale Gewichtung zwischen Schnelligkeit und Sicherheit bei der Zulassung neuer Medikamente geschaffen haben und ob die Risiken zwischen den Akteuren ideal verteilt sind oder ob die heutige Gewichtung angepasst werden sollte. Im Mittelpunkt dieser Diskussion müssen stets die Interessen der Patienten stehen. --- [\[1\]](#%5Fftnref1) Shkabari Brian, Vorko Nicole I., Geerlinks Wesley M., Purh Elizaveta, Diana-Gonsalves Claire M., Sutaria S., Gyawali Bishal: Cancer Medicine Approvals in the US. JAMA 2026\. DOI 10.1001/jama.2026.12089. [\[2\]](#%5Fftnref2) Vokinger Kerstin Noëlle, Rohner Noah: Preisfestsetzung bei Arzneimitteln − Eine Analyse aktueller Herausforderungen betreffend den Auslandpreisvergleich und therapeutischen Quervergleich sowie Entwicklung von Lösungsvorschlägen. Zeitschrift für Schweizerisches Recht, Band 142, Heft 3, 2023. Naci Huseyin, Zhang Yichen, Woloshin Steven, Guan Xiaodong, Xu Ziyue, Wagner Anita K.: Overall Survival Benefits of Cancer Drugs Initially Approved by the US Food and Drug Administration on the Basis of Immature Survival Data: a Retrospective Analysis. The Lancet Oncology, 2024. [\[3\]](#%5Fftnref3) Simon Hediger, Lara Welti, Camille E.G. Glaus, Ulrich-Peter Rohr und Kerstin Noëlle Vokinger: Review Duration and Therapeutic Value of Cancer Drugs Granted Priority versus Nonpriority Review in the United States, European Union, and Switzerland (2010–2024). In: JCO Oncology Practice, April 2026, S. 1–7. [\[4\]](#%5Fftnref4) Simon Hediger, Lara Welti, Camille E.G. Glaus, Ulrich-Peter Rohr und Kerstin Noëlle Vokinger: Review Duration and Therapeutic Value of Cancer Drugs Granted Priority versus Nonpriority Review in the United States, European Union, and Switzerland (2010–2024). In: JCO Oncology Practice, April 2026, S. 1–7. [\[5\]](#%5Fftnref5) Avi Cherla, Anita K. Wagner, Olivier J. Wouters, Steven Woloshin, Courtney Davis, Elias Mossialos und Huseyin Naci: Reporting of Clinical Trial Uncertainties with New Cancer Drugs in Journal Publications and Clinical Guidelines. In: JAMA 334 (2025), S. 1480–1482. [\[6\]](#%5Fftnref6) Lisa M. Schwartz und Steven Woloshin: Communicating Uncertainties about Prescription Drugs to the Public. A National Randomized Trial. In: Archives of Internal Medicine 171 (2011), S. 1463–1468. [\[7\]](#%5Fftnref7) Robin Forrest, Mylène Lagarde, Ajay Aggarwal und Huseyin Naci: Preferences for Speed of Access versus Certainty of the Survival Benefit of New Cancer Drugs. A Discrete Choice Experiment. In: The Lancet Oncology 25 (2024), S. 1635–1643. [\[8\]](#%5Fftnref8) Anjali D. Deshmukh, Aaron S. Kesselheim und Benjamin N. Rome: Timing of Confirmatory Trials for Drugs Granted Accelerated Approval Based on Surrogate Measures from 2012 to 2021\. In: JAMA Health Forum 4 (2023). ### Kleiner Platz, grosse Wirkung: Der Finanzsektor als Unternehmer URL: https://www.schweizermonat.ch/kleiner-platz-grosse-wirkung-der-finanzsektor-als-unternehmer/ Last updated: 2026-09-23T16:59:50.000Z 0:00 /248 1× Unternehmertum ist kein Selbstzweck, sondern der Motor einer Gesellschaft für Innovation, Fortschritt und Wohlstand. Das ist nicht nur eine Wirtschaftsweisheit aus dem Lehrbuch, sondern lässt sich am liechtensteinischen Finanzsektor ablesen. Als Teil dieser Dynamik sind Banken oder Treuhänder für das Fürstentum keine abgekoppelte Geldmaschine, sondern Grundlage für die Risikobereitschaft anderer Unternehmer. Insgesamt macht der Finanzsektor rund 19 Prozent aller Beschäftigten in Liechtenstein aus und liefert über die Hälfte der Ertragssteuereinnahmen. Liechtenstein zahlt mit dem Schweizer Franken, ist aber Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums – eine Konstellation, die es sonst nirgendwo gibt. Geldpolitisch blickt man nach Bern, regulatorisch nach Brüssel. Was auf dem Papier wie ein institutioneller Kompromiss aussieht, hat sich in der Praxis als Standortvorteil erwiesen: Liechtensteiner Finanzdienstleister bieten europäischen Marktzugang mit der Währungsstabilität und dem AAA-Rating, das man sonst mit der Schweiz verbindet. Das ist kein Zufall, sondern das Resultat einer unbequemen Entscheidung: des Übergangs zur sogenannten Weissgeldstrategie nach der Finanzkrise von 2008, als der Finanzplatz sein Geschäftsmodell von Diskretion auf Transparenz und Compliance umstellte. Das war der Wendepunkt, von dem aus sich die heutige Reputation als regulierter, geprüfter und international vernetzter Standort entwickeln konnte. ## Vorreiter der digitalen Finanzwelt Kaum ein Finanzplatz hat sein Image so gründlich neu geschrieben wie Liechtenstein. Das Land ist zum globalen Vorreiter der Token-Ökonomie geworden. Auch hier war die Kleinheit des Finanzplatzes ein Vorteil: kurze Entscheidungswege, persönliche Kenntnis der Akteure, ein Parlament, das schneller reagieren kann als ein Vielvölkerstaat mit föderalen Reibungsverlusten. Regulator, Bankenverband und Unternehmer kennen sich in Liechtenstein persönlich und können Gesetze verhandeln, für die anderswo Jahre der Vernehmlassung nötig sind. > «Die fürstliche Handschrift ist damit weniger folkloristisches Beiwerk als struktureller Stabilitätsfaktor – ein Fall, in dem unternehmerisches Eigentum und staatliche Verantwortung sich gegenseitig disziplinieren.» Ein Element bleibt dabei einzigartig: Die grösste Bank des Landes, die LGT, befindet sich seit rund einem Jahrhundert vollständig im Besitz der Fürst-von-Liechtenstein-Stiftung und wird von Mitgliedern der Fürstenfamilie selbst geführt. Das Staatsoberhaupt und der grösste private Vermögensverwalter des Landes sind also über dieselbe Familie verbunden – eine Konstellation, die in keinem anderen Finanzzentrum der Welt existiert. Die fürstliche Handschrift ist damit weniger folkloristisches Beiwerk als struktureller Stabilitätsfaktor – ein Fall, in dem unternehmerisches Eigentum und staatliche Verantwortung sich gegenseitig disziplinieren, statt sich zu widersprechen oder sich durch Interessenkonflikte gegenseitig zu blockieren. ## Blick nach vorn: Fachkräfte und Unternehmertum Die eigentliche Herausforderung, über die zumindest im Ausland selten gesprochen wird, liegt für das Ländle anderswo: Ein Finanzplatz dieser Qualität und Internationalität ist auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Schon heute pendelt ein erheblicher Teil der Beschäftigten aus Österreich und der Schweiz. Wer über die Zukunft des Finanzplatzes spricht, muss deshalb über Bildung sprechen, und über die Frage, wie ein Kleinstaat hochspezialisiertes Wissen importieren und auch selbst heranbilden kann. Am Ende führt das zurück zum Ausgangspunkt. Erfolgreich lässt sich diese Zukunft nur mit unternehmerischem Denken gestalten. Dafür hat der Finanzplatz Liechtenstein beste Voraussetzungen: klein im Format, erstaunlich innovativ, international vernetzt und handlungsfähig – dank einer Kultur, die Unternehmertum als Staatsprinzip begreift. ### Europas Trittbrettfahrer-Strategie bei der Finanzierung der Pharmaforschung stösst an ihre Grenzen URL: https://www.schweizermonat.ch/europas-trittbrettfahrer-strategie-bei-der-finanzierung-der-pharmaforschung-stosst-an-ihre-grenzen/ Last updated: 2026-09-23T16:59:00.000Z 0:00 /481 1× Die Entwicklung neuer Medikamente ist teuer und wird immer teurer. Eine vielzitierte Studie kam zum Ergebnis, dass Forschung und Entwicklung (F&E) für ein neues marktfähiges Arzneimittel im Durchschnitt 2,56 Milliarden US-Dollar koste (Preisniveau von 2013). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Wirkstoff am Schluss als therapeutisch relevant erweist und zugelassen wird, beträgt knapp 12 Prozent. Auffällig ist die hohe Wachstumsrate der Kosten: Sie liegt jährlich um 8,5 Prozentpunkte über der Inflation. Damit dürften die realen F&E-Kosten eines Arzneimittels mittlerweile bei knapp 7,4 Milliarden Dollar liegen. Das Wissen um einen neuen Wirkstoff hat die Eigenschaft eines öffentlichen Gutes. Daher sollten möglichst viele Menschen Zugang zu neuen Arzneimitteln erhalten, zumal deren Produktionskosten in vielen Fällen vergleichsweise niedrig sind. Würden sie zu Grenzkosten verkauft, was normalerweise unter Konkurrenzbedingungen passiert, wäre dies aus ökonomischer Sicht zunächst effizient. Da dann aber kein Gewinn für F&E übrigbliebe, würde das Wissen um neue wirksame Wirkstoffe gar nicht erst hergestellt werden. Der Patentschutz löst dieses Problem, indem er dem Hersteller ein Monopol auf Zeit gewährt. Während dieser Zeit ist er in der Preissetzung frei. Der gewinnorientierte Hersteller wird sein patentiertes Arzneimittel weltweit anbieten und je nach Land den Preis der jeweiligen örtlichen Zahlungsbereitschaft anpassen. In Ländern wie der Schweiz mit hohem Volkseinkommen und wichtigem Pharmaproduktionsstandort kann er einen höheren Preis durchsetzen. Trifft er dagegen auf Länder mit einem nationalen Gesundheitsdienst, der seine Nachfragemacht gegenüber den Herstellern ausnutzt, wird der Preis niedriger ausfallen. Entscheidend ist, ob die Märkte separiert werden können. In der EU ist das nur beschränkt möglich, weil Parallelimporte zugelassen sind, sodass Dritte allfällige Preisunterschiede über Arbitrage ausnutzen können und so Druck zu einheitlichen Preisen entwickeln. ## **Europäische Trittbrettfahrer** Das Vereinigte Königreich und viele EU-Länder regeln den Zugang zu neuen Arzneimitteln über eine gesetzlich verankerte Zahlungsbereitschaft für zusätzlichen Gesundheitsnutzen. Die Sicherstellung hinreichender Gewinnaussichten für die Pharmahersteller tritt dabei in den Hintergrund. Damit fahren diese Länder Trittbrett auf den Anstrengungen anderer Länder, die sich an den hohen F&E-Kosten der pharmazeutischen Industrie beteiligen. Die Preisdifferenzierung des Monopolisten ist aus ökonomischer Sicht sinnvoll. Sie kann im Idealfall zu einer effizienten Lösung führen und Konsumenten mit geringer Zahlungsfähigkeit bedienen. Klassisch ist der Fall von HIV-Medikamenten, die im Rahmen eines internationalen Abkommens Ländern des globalen Südens zu einem sehr günstigen Preis zur Verfügung gestellt werden. Eine differenzierte Preissetzung nach der individuellen Zahlungsbereitschaft der Länder erweitert nicht nur den Kreis der Konsumenten und erhöht die Gewinne der Hersteller, sondern ist auch in der Lage, die volkswirtschaftlichen Kosten der Finanzierung der F&E-Fixkosten zu minimieren. Tatsächlich würde ein internationales Abkommen, das die gemeinsame Wohlfahrt der beteiligten Länder im Blick hätte, so verfahren, nämlich die Preise in jenen Ländern hoch ansetzen, wo die Zahlungsbereitschaft hoch ist und die Nachfrage preisunelastisch reagiert. ## **Für Trump sind die USA gleicher als gleich** Die höchsten Preise erzielten die Pharmahersteller bis jetzt in den USA. Der Grund hierfür ist im Patentrecht zu sehen, das in den USA hochgehalten wird. Die Hersteller verhandeln mit privaten Krankenversicherern und staatlichen wie Medicare (für Rentner) und Medicaid (für Arme) individuell Preise für ihre Arzneimittel. Im Vergleich zur Schweiz dürften die in den USA erzielten Preise im Durchschnitt mindestens doppelt so hoch sein. Präsident Trump und seine Administration wollen dies nun allerdings mit dem Most-Favored-Nation (MFN) -Ansatz ändern. Dabei handelt es sich um ein Referenzpreissystem für Arzneimittel, bei dem der für die USA massgebende Preis auf den zweitniedrigsten der Preise eines Länderkorbes gesetzt wird. Je nach Versicherungszweig variiert der Kreis der Vergleichsländer. Interessant am Vorschlag der Trump-Administration ist, dass die ausländischen Preise mit dem jeweiligen Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität gewichtet werden. Es werden also nicht die tatsächlichen Preise zum Vergleich genommen, sondern sie werden mit dem jeweiligen Pro-Kopf-Einkommen diskontiert. Implizit herrscht hier die Vorstellung, die Pharmapreise sollten dort hoch sein, wo das Volkseinkommen hoch ist, also genauso, wie es ein internationales Abkommen im Interesse aller Länder festlegen würde. Nun hält Präsident Trump sein Land für etwas gleicher als gleich und will den US-Preis auf das Niveau des zweitniedrigsten im Länderkorb setzen. Dabei sollte dieser ja, gemäss den Regeln des Preisvergleichs, bei hohem eigenem Volkseinkommen hoch ausfallen. Die amerikanischen Vorschläge sind also in sich widersprüchlich. Gleichwohl hat die Trump-Administration beim Vorwurf an die Adresse der Vergleichsländer recht, wonach deren Preise zu niedrig seien und sie im Schatten der amerikanischen Anstrengungen günstigen Zugang zu neuen Arzneimitteln erhielten. Der MFN-Ansatz wird die Umsätze der Pharmahersteller in den USA deutlich reduzieren. Wenn nicht andere Länder in die Bresche springen und ihre Preise erhöhen, wird es zu hohen Gewinneinbussen kommen, was grosse Auswirkungen auf F&E der Hersteller haben wird. Erfolgreich gegenzusteuern dürfte nicht einfach sein, was auch dem MFN-Ansatz geschuldet ist. Da es viele Länder mit Preisen um den zweitniedrigsten gibt, erhöht sich der US-Referenzpreis kaum, wenn ein einzelnes Land seinen Preis erhöht. Es funktioniert nur, wenn sich die Länder darauf verständigen, gemeinsam die Preise zu erhöhen, um die Gewinne der Hersteller in ihren Märkten wie auch in den USA zu erhöhen. ## **Differenz zur Klimapolitik** Die Problematik des Trittbrettfahrens bei öffentlichen Gütern stellt sich nicht nur bei F&E im Arzneimittelbereich, sondern auch in der Klimapolitik. Von einer Reduktion des CO2\-Ausstosses profitieren alle Menschen, unabhängig davon, wo die Reduktion erfolgt. Der Schweizer Beitrag zum weltweiten CO2\-Ausstoss ist verschwindend klein, genauso wie es das Preisniveau der Arzneimittel in der Schweiz für die weltweiten Gewinnaussichten der Hersteller ist. Bevölkerung und Politik sehen interessanterweise einen relevanten Unterschied. Sie stimmen in der Tendenz CO2\-Steuern zu, bei höheren Preisen für Pillen rümpfen sie dagegen die Nasen. Dabei dürfte es eine Rolle spielen, dass höhere Arzneimittelpreise direkt die Gewinne der Pharmaindustrie erhöhen, während die CO2\-Steuern an den Staat fliessen. Die Entwicklung immer neuer Arzneimittel hat in den letzten Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, die Sterblichkeit vor allem am Anfang und am Ende des Lebens stetig zu senken. Die Finanzierung der laufend teurer werdenden F&E überfordert allerdings die Zahlungsfähigkeit eines einzelnen Landes. Zudem macht das Trittbrettfahren einzelner Länder Schule und unterminiert das Zustandekommen einer internationalen Kooperation. Besonders augenfällig ist dies bei Antibiotika, wo ein drastischer Rückgang von F&E zu beobachten ist. Im Unterschied zum CO2, wo es bereits länderübergreifende Kooperation gibt, liegt die Etablierung eines Antibiotika-Clubs in weiter Ferne. ### Der Staat subventioniert sich selbst URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-subventioniert-sich-selbst/ Last updated: 2026-10-03T19:05:44.000Z 0:00 /621.049958 1× *Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/from-trade-to-the-state-and-back/).* Ich habe als Rettungsschwimmer sowohl bei einem privaten Unternehmen als auch im öffentlichen Dienst gearbeitet. Beim Staat verdiente ich etwa 20 Prozent mehr als in der Privatwirtschaft. Dieser Lohnunterschied deckt sich weitgehend mit [einer Studie des IWP von 2023](https://www.iwp.swiss/publikationen/eine-praemie-fuer-staatsangestellte-verwaltungsloehne-unter-der-lupe?ref=schweizermonat.ch): Der öffentliche Dienst zahlt für gleiche Positionen mehr. Am unteren Ende der Lohnskala ist die Differenz besonders gross, im Mittelfeld noch etwa 11 Prozent, weiter oben verschwindet sie oder kehrt sich um. Warum ist das so? Es zeigt sich: Der Staat ist nicht einfach ein weiterer Marktteilnehmer. Um zu verstehen, wie es dazu kam, müssen wir von den Grundlagen menschlichen Handelns aus vom Markt zum Staat und wieder zurückgehen. ## Grundlagen Alles, was wir tun, erfordert Ressourcen: Haarewaschen braucht Wasser, Shampoo und Zeit. Wir handeln, wenn der erwartete Nutzen die erwarteten Kosten übersteigt – wenn Wasser und Shampoo uns gerade weniger wert sind als saubere Haare. Gewinn heisst, danach mehr oder Besseres zu haben als zuvor. Er ist überlebensnotwendig, denn Immunabwehr, Wachstum und Fortpflanzung kosten Ressourcen. Wer am kalorischen Minimum lebt, wächst nicht und übersteht keine Missernte. Seit es Leben gibt, steht Gewinn für Robustheit, Gesundheit und Expansion – das Streben nach Gewinn auf der grundlegendsten Ebene. ## Tauschhandel Wer einen Toaster haben will, aber nur Haare waschen kann, bietet seine Dienste – Zeit, Wasser, Shampoo – im Tausch gegen saubere Haare an, in der Hoffnung, dass andere diese Leistung höher bewerten als die Alternative. Weil sich Haare nicht von selbst waschen, ist die Dienstleistung mehr wert als Shampoo und Wasser allein. Das ist Arbeit. ## Preise Wie viele Haarwäschen ist ein Toaster wert? Das hängt davon ab, welchen Wert andere ihm beimessen. Schätzen die einen ihn auf zwei Haarwäschen, die anderen auf vier, pendelt sich der Markt bei drei ein. Das ist ein Preis, bestimmt durch Angebot und Nachfrage. Ein Konsens ist erreicht, weil niemand ein schlechteres Angebot annehmen muss oder leicht ein besseres findet. ## Geld Was aber, wenn die Person mit dem Toaster keine Haarwäsche braucht? Dann brauchen wir etwas, auf dessen Wert sich viele Menschen über lange Zeit einigen und das reichlich vorhanden ist, sodass ein einzelner Handel den Preis nicht verschiebt. Das nennt man Liquidität. Nehmen wir Gold: Eine Haarwäsche ist ein Gramm wert, ein Toaster drei. Nun kassieren Sie für jede Wäsche ein Gramm und zahlen später drei für den Toaster. Das ist Arbeitsteilung, ermöglicht durch Geld: ein Gut, das über Zeit und Raum hinweg wertvoll ist und gegen das eingetauscht werden kann, was hier und jetzt mehr zählt. ## Wettbewerb Warum sollte jemand die Haare ausgerechnet von Ihnen waschen lassen? Die Alternative ist nicht nur «schmutziges Haar» – auch andere könnten waschen. Sie müssen besser sein als das Nichtstun und als die Konkurrenz. Woran erkennen Kunden das? Letztlich läuft alles darauf hinaus, dass Sie weniger kosten – ob schneller (weniger Zeit), sicherer (weniger Unsicherheit), leichter zu finden (weniger Suchkosten) oder schlicht billiger. ## Gewinn Wenn Ihr Betrieb weniger kostet, können Sie günstiger anbieten und trotzdem Ihre Kosten decken. Das zieht mehr Kunden an, bringt mehr Gewinn – und dieser lässt sich reinvestieren, um mehr von dem zu tun, was ihn erzeugt hat. Wie der Kunde profitiert, weil er seine Lage als vorteilhaft einschätzt, profitieren Sie durch mehr Kapital. Gewinn ist ein Signal, das andere Ihnen senden, wenn Sie das Richtige tun: dass es zu wenig von dem gibt, was Sie anbieten, und Sie deshalb expandieren sollten. ## Arbeitsteilung Nun bieten viele spezialisierte Dienste an und suchen ihren Wettbewerbsvorteil: die wertvollste Leistung zu den geringsten Kosten. Die Gewinne sammeln sich als Kapital an. Beim Haarwäscher fliesst es in besseres Shampoo, warmes Wasser und Angestellte: Kapitalakkumulation macht alle reicher, jede Einheit besser und billiger, und die Spezialisierung vieler führt zu Skaleneffekten. Effizienter Handel setzt aber voraus, dass die Menschen dicht beieinander leben, denn Handel braucht Kommunikation – und die ist bei geringer Bevölkerungsdichte ineffizient. ## Sicherheit Leben viele Menschen dicht beieinander, entsteht ein starker Anreiz für Kriminalität – ganz anders als in der kleinen Gruppe unserer evolutionären Vergangenheit, die wir im Blick behalten konnten. Es entstehen Spezialisten für den Schutz von Eigentum. Doch manche weigern sich zu zahlen, denn Sicherheit lässt sich schwer örtlich begrenzen und strahlt auf die Nachbarn aus: Nichtzahler profitieren gratis von sichereren Strassen. Das ist Trittbrettfahren – und schon fragen sich auch die Zahlenden, ob sie nicht ebenso davonkämen. ## Marktversagen Das ist ein Marktversagen: Stimmten sich genug Menschen ab, ginge es allen besser. Weil aber Einzelne durch Nichtbeteiligung schummeln können, fliesst zu wenig in die Sicherheit – die Strassen bleiben unsicher. Wer Sicherheit will, sucht deshalb eine Zwangslösung: Jeder muss zahlen, sonst droht der Ausschluss oder die gewaltsame Wegnahme seiner Ressourcen. So entsteht der Staat – als Lösung für Externalitäten, die der Markt nicht internalisiert. Für Anarchisten ist er bloss eine besser koordinierte Gruppe, die den Händler ausbeutet. So oder so ist er die leistungsfähigere Organisation, denn er ging aus dem Markt hervor, ohne ihn überflüssig zu machen. ## Der Staat Marktversagen rechtfertigt den Staat – philosophisch wie praktisch. Traut man dem Markt nicht zu, Bäder, Gesundheitsversorgung, Schulen, Wohnraum für die Armen oder Stadtplanung bereitzustellen, muss der Staat eingreifen. Führt freies Handeln zu einem unerwünschten Ergebnis, wird der Zwang zur Zahlung zum kleineren Übel. ## Staatsversagen Einmal etabliert, stellt der Staat Dienstleistungen bereit. Doch er ist nicht bloss ein weiterer Marktteilnehmer: Per Definition ist er der Einzige, der keine Steuern zahlt – auf alles, was er kauft, erhält er faktisch einen Rabatt in Höhe des Steuersatzes. Bietet er eine Leistung an, die auch der Markt erbringt, hat die Konkurrenz es schwer. Stellen Sie sich vor, Ihre Steuern finanzieren Ihren direkten Konkurrenten – der selbst keine zahlt und unbegrenzt mit Verlust arbeiten kann. Das verringert die Zahl der Marktteilnehmer und mit ihr Versuch und Irrtum, sodass Fehler nicht korrigiert werden: weniger Wissenschaft, weniger Entwicklung, weniger Entdeckungen. Genau das meinte Ludwig von Mises mit der Unmöglichkeit des Sozialismus. Hätte der Markt auch nur die geringste Chance gehabt, Bäder bereitzustellen, wäre er nach dem Eingreifen des Staates nicht mehr wettbewerbsfähig. Was kam zuerst: die Unfähigkeit des Marktes oder das Eingreifen des Staates? Die einen sagen dies, die anderen jenes. ## Eigenkapital vs. Handel Das wichtigste vermutete Marktversagen ist die Ungleichheit. Das Argument: Der Markt sei ungerecht, weil er Ungleichheit schaffe, und Ungleichheit sei ungerecht. Wer Gewinn erziele, mache nicht unbedingt etwas richtig – bestenfalls Glück, schlimmstenfalls Parasit –, also solle sein Geld an die Armen gehen, die vielleicht bloss Pech hatten. Doch die Vorstellung, Gewinn entstehe dadurch, dass man sich ungerechtfertigt mehr nehme als vereinbart, trifft nur zu, wo kein Wettbewerb die Produzenten in Schach hält. Der Staat schafft den Bedarf nach sich selbst. Laster breiten sich aus, wenn die Übeltäter keine Kosten tragen – die wichtigste negative Externalität des Staates. Werden Kosten kollektiviert, spürt der Einzelne ihre Wirkung nicht mehr direkt. Es ist wie beim geteilten Restaurantabend: Zahlt jeder gleich viel, egal was er bestellt, essen alle mehr. Der Staat expandiert wie jeder Organismus, wenn er seine Karten richtig ausspielt. In reichen Ländern stieg sein Anteil am BIP[von rund 10 Prozent (1910)](file:///home/alex/Nextcloud/Schweizer%5FMonat%5FShared/03%5FKorrektorat/%5F1123%5FSeptember%5F2026/4%5FF%C3%BCr%5FSutter/korrigiert/Staatsgr%C3%B6sse,%201910:%20Maddison%20Project%20Database%3B%20abgeglichen%20mit%20Reinhart%20&%20Rogoff.%20%28Zentralstaatsangaben.%29)auf[40 bis 55 Prozent (2020)](file:///home/alex/Nextcloud/Schweizer%5FMonat%5FShared/03%5FKorrektorat/%5F1123%5FSeptember%5F2026/4%5FF%C3%BCr%5FSutter/korrigiert/Staatsgr%C3%B6sse,%202020:%20IMF%20Government%20Finance%20Statistics%20%28konsolidierter%20Gesamtstaat%29.); im selben Zeitraum sank die extreme Armut dort[von 20 bis 40 Prozent](file:///home/alex/Nextcloud/Schweizer%5FMonat%5FShared/03%5FKorrektorat/%5F1123%5FSeptember%5F2026/4%5FF%C3%BCr%5FSutter/korrigiert/Armut,%20ca.%201910:%20abgeleitet%20aus%20Rekonstruktionen%20des%20Maddison%20Project%20zum%20BIP%20pro%20Kopf%20im%20Verh%C3%A4ltnis%20zum%20Existenzminimum%20sowie%20aus%20Sch%C3%A4tzungen%20der%20Einkommensverteilung%20von%20Bourguignon%20&%20Morrisson%3B%20Haushaltsdaten%20liegen%20f%C3%BCr%20diese%20fr%C3%BChe%20Zeit%20nicht%20vor.)auf[0 Prozent](file:///home/alex/Nextcloud/Schweizer%5FMonat%5FShared/03%5FKorrektorat/%5F1123%5FSeptember%5F2026/4%5FF%C3%BCr%5FSutter/korrigiert/Extreme%20Armut%20%281,90%20US-Dollar/Tag%29,%202020:%20Weltbank.). Die einen schreiben das dem Staat zu, die anderen dem vom Markt geschaffenen Wohlstand, der es erlaubt, einen grossen, konkurrenzlosen Apparat zu unterhalten. Prüfen liesse sich das an der Frage, ob die niedrige Armut auf staatliche Hilfe zurückgeht: Nur 3 Prozent des BIP fliessen an die Armen, die übrigen 38 Prozent in einen Wettlauf nach unten der Interessengruppen, die vom Nachbarn mehr herausholen wollen, als sie an Steuern zahlen. 80 Prozent der Steuern fliessen von der Mittelschicht an die Mittelschicht – fiskalische Umverteilung. Der Wohlfahrtsstaat ist das Wohlergehen des Staates. ## Anreize neu ausrichten Marktversagen ist die eine Seite der zivilisationsfeindlichen Medaille, der versagende Staat mit seinen negativen Externalitäten die andere. Zivilisation heisst, Anreize immer wieder auszurichten, indem man negative externe Effekte verringert – ob beim Staat oder beim Markt. So wie biologisches Wachstum zu Krebs führen kann und Marktgewinne zur «Enshittification», führt die Ausweitung des Staates zur Verschwendung. Die universelle Lösung für alle drei ist Wettbewerb: Antikörper in der Biologie, konkurrierende Unternehmen im Markt, die Ideen des Liberalismus in der Politik. Er bringt Anreize in Einklang – jeder will das Richtige tun, weil man sonst irgendwann selbst untergeht, nicht ein anderer. Nur so gedeihen Positivsummenspiele. Hören wir auf, Nullsummenspiele zu spielen. ### From Trade to the State and Back URL: https://www.schweizermonat.ch/from-trade-to-the-state-and-back/ Last updated: 2026-10-11T18:11:53.000Z 0:00 /681 1× Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/der-staat-subventioniert-sich-selbst/). I worked as a lifeguard both for a private company and for the state, I noticed a salary gap of around 20%. This is broadly in line with what [IWP found in its 2023 research](https://www.iwp.swiss/publikationen/eine-praemie-fuer-staatsangestellte-verwaltungsloehne-unter-der-lupe?ref=schweizermonat.ch): the state pays more for the same positions. The difference is particularly big at the lower end of the hierarchy. For middle-level positions, the gap is around 11%, while higher up in the hierarchy it gradually disappears and even reverses. I wondered why. It turns out that the state is not another market participant. To understand why that is, and how it came to be, we will have to go from trade, to the state, and back again, starting at the base of human action. Anything you want to do requires resources. Want to wash your hair? You will need water, shampoo and time. Repair your bike? You will need the tools, an adequate place to do it on and time. Why would anyone want to do something? Because one thinks that things could be better. The expected benefit is bigger than the expected cost, that the water and shampoo are less valuable than having clean hair at that moment. Profit is having more or better than before.It is needed to survive, as fighting pathogens, growing, and gestating the next generation all require resources, if you calorically live from paycheck to paycheck you won’t grow, expand, or survive an unexpected bad harvest. Profit has meant robustness, health and expansion for 3 billion years, since life exists. This is the pursuit of profit at the most basic level. **Trade** What happens if you want a toaster, but you only know how to wash hair? You could offer your services – your time, water, and shampoo – in exchange of clean hair to others, hoping they will value it more than the alternative. Because the hair doesn’t get washed alone, there would be a reason to value the service more than just the shampoo and the water alone. This is labor. **Prices** How do we determine what is more valuable? How many hair washes are worth a toaster? It depends entirely on how much others value them. Suppose some value the toaster at two hair washes, and others at four hair washes. When both groups trade, those who previously got a toaster for two will start accepting them for the worse price of three. Over time, the market settles somewhere in between – let’s say three. This is a price, determined by the supply and demand of both goods. In our market, a toaster is now worth three hair washes. Consensus is reached because no one has to accept a worse deal or can easily find a better one. **Money** What if you need a toaster, but the person who has one doesn’t need a hair wash? To trade, we need something that represents value – something the largest number of people agree is valuable over long periods of time. This is called liquidity. Ideally, there would be a lot of this in the market already, so the price won’t change by a new seller/buyer. How about a gram of gold? Let’s say that a hair wash is worth one gram of gold, and a toaster – as previously established – is worth three times that, three grams. Now you can focus on finding people who need their hair washed, even if they don’t own toasters. You collect a gram of gold for each hair wash. When you find someone selling a toaster, you pay them three grams in exchange. Learning both how to make toasters and how to wash hair requires far more time than mastering just one. By specializing, you can spend all your time becoming a much better hair washer than a toaster maker would become if he spent part of his time learning how to wash hair. This is division of labor, allowed by the existence of money: a good that is valuable across the most time and space that can be exchanged for whatever happens to be more valuable here and now. **Competition** Why would anyone want having their hair washed by you? Alternatives don’t end with ‘dirty hair’–someone else could do the washing, too. One has to offer a service that is better than both doing nothing and getting it washed by another person. How do customers know you are better than the alternative? One can be better in many ways, but they all boil down to costing less – whether you are faster (lower time cost), safer (lower uncertainty cost), easier to find (lower search cost) or simply cheaper. **Profit** What happens when it costs you less to run your business? You can offer your service for a lower price while still covering your costs, making your service more attractive. More clients mean more business and more profit. That profit can then be reinvested into doing more of what generated it in the first place. Just as the customer is better off because they judge their current state as preferable, when you have more capital than you started with, when you have a profit, you are also at a preferable state. The profit you get in a business is a signal that others send you when you are doing the right thing, the market tells you that there is too little of what you are offering, so you should expand, you should do more of that. **Division of Labor** Fast forward a bit: now we have many people offering specialized services, searching for their competitive advantage – the most valuable service they can produce at the lowest cost. As those advantages are found, profits accumulate as capital. In the case of the hair washer, capital goes toward better shampoo, warm water, and hiring employees. Through this accumulation of capital, everyone becomes richer. With capital, services become better and cheaper per unit produced, having many people specialized is an economy of scale. However, to trade efficiently, to have a high living standard, people must live close together, trade requires communication, and communication is inefficient in low population densities. **Security** Many people living closely together creates a strong incentive for crime, because it is a very different environment from the small group of people we saw daily and could keep track of in our evolutionary environment. This leads to the emergence of specialists dedicated to protecting property. Unfortunately, some people refuse to pay for security, as it is difficult to contain, it naturally spills over to your neighbor, non-payers benefit from safer streets for free. This is known as free riding. Naturally, paying customers wonder if they can also get away without paying for security. **Market failures** This is a market failure; if enough people coordinated, everyone would be better off. But because individuals can cheat by not contributing, not enough resources are invested in defense, resulting in unsafe streets. Seeing how some are getting away with a free ride and streets remain unsafe, contributors seeking security find a coercive solution; everyone has to pay, or face expulsion of the protected area or have their resources taken from them by force. The state emerges as the solution to externalities that are created, but not internalized by the market. To the anarchists, it emerges as a better coordinated group of people to prey upon the trader. Either way, it is a fitter organization than the market, as it emerged from the market but wasn’t rendered superfluous by it. **The State** Market failures justify the state, either philosophically or practically. Because the market, it is presumed, would fail to provide bathing facilities, healthcare, schooling, housing for the poor, or proper urban design, the state must step in. If people acting freely leads to an undesirable outcome, forcing them to pay for something they otherwise wouldn’t becomes a lesser evil. **State Failure** Once established, the state starts providing services to the population. Unfortunately, the state is not just another market participant: by definition, only the state doesn’t pay taxes. By definition. From its perspective, everything it buys comes with a discount equal to the tax rate. If the state offers a service that the market is also trying to provide, the competition will have a hard time. Imagine running a business where your taxes fund your direct competitor – who doesn’t pay taxes and can operate at a loss indefinitely. This naturally reduces the number of market participants. In a market with fewer participants, there is less trial and error, preventing mistakes from being corrected as quickly, less science, less evolution, less discovery – this is what Ludwig von Mises addressed with the impossibility of socialism. Had there been any chance of the market providing bathing services, once the state steps in, the market becomes unable to compete. So what came first: the inability of the market to provide bathing services or the intervention of the state? Some say the inability of the market; others claim that the intervention of the state caused it. **Equity vs. Trade** One of the main presumed market failures is inequality. The argument goes that the market is unfair because it creates inequality, and inequality is unfair. Those making a profit aren’t necessarily doing something right – they might have been lucky at best or parasitic at worst. Therefore, their money should go to the poor, who weren’t necessarily doing something wrong, but may simply be unlucky. Many believe that profit is obtained by unfairly taking more than agreed upon.This is only true when there is no competition to keep producers in check. The state creates the need for itself. Vice spreads when the vicious bear no cost – this is the main negative externality created by the state. By collectivizing costs, individuals no longer feel their impact directly. It is like splitting the bill at a group dinner: when everyone pays an equal share regardless of what they order, people tend to eat more. The state, as every organism, is subject to expanding if it plays its cards well and shrinking if it doesn’t. The state in rich countries went from \~10% of GDP in 1910¹,–when 20-40% of people lived near subsistence²–, to 40-55% by 2020 (\~38% in the US),³ –when there is 0% extreme poverty⁴–. Some believe the state caused the reduction in poverty, others that the wealth created by the market allowed us having a big, inefficient entity that doesn’t compete. A way to settle this debate would be to see whether the low level of poverty in our countries is caused by state help. Only 3% of the GDP is spent in help to the poor, the remaining 38% is a race to the bottom of interest groups trying to get more from the neighbor than they pay him in taxes. 80% of the tax is money that goes from the middle class to the middle class, this is called fiscal churn. The welfare state is the welfare of the state. **Realigning Incentives** Market failures are one side of the anti-civilisational coin, on the other side we have the state, also failing and creating negative externalities. Civilization, turns out, is the perpetual alignment of incentives by reducing negative externalities, either from the state or the market. Just like biological growth can lead to cancer, and market profit to enshittification, state expansion leads to wasting resources. The universal solution to all three is competition; antibodies in biology, competing companies in the market, and the ideas of liberalism in governance. With competition, incentives are aligned, everyone is interested in doing the right thing, as doing the wrong things enough times means that you – and not someone else – will perish. Only through competition across all three levels can positive sum games flourish. Let's stop playing zero-sum ones. ¹ State size, 1910: Maddison Project Database; corroborated with Reinhart & Rogoff. (Central-government figures.) ² Poverty c. 1910: derived from Maddison Project GDP-per-capita-vs-subsistence reconstructions and Bourguignon & Morrisson income-distribution estimates; no household-level data exists this far back. ³ State size, 2020: IMF Government Finance Statistics (consolidated general government). ⁴ Extreme poverty ($1.90/day), 2020: World Bank. ### Liechtenstein zeigt, warum die Zukunft den kleinen Staaten gehört URL: https://www.schweizermonat.ch/liechtenstein-zeigt-warum-die-zukunft-den-kleinen-staaten-gehort/ Last updated: 2026-09-23T16:57:43.000Z 0:00 /671 1× Die weltweit höchsten Pro-Kopf-Einkommen finden sich in kleinen politischen Einheiten – etwa in Monaco, Liechtenstein, Luxemburg, der Schweiz, Singapur und auf den Cayman Islands. Ökonomisch lässt sich der Befund gut erklären: Kleine politische Einheiten sind nicht autark, sondern stehen vielmehr im internationalen Wettbewerb um Talente und Kapital. Während grosse Staaten den Wettbewerbsdruck dank ihrer schieren Masse häufig aussitzen können, müssen sich Kleinstaaten gegenüber ihren Einwohnern und Firmen freundlich verhalten und attraktive Lebensbedingungen und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen bieten. Vor allem müssen sie die Steuerbelastung niedrig halten, sich gegenüber ihren Nachbarn friedvoll verhalten und von jeglichen Kriegsabenteuern Abstand nehmen. Doch auch kleine politische Einheiten sind vor staatlichem Machtmissbrauch nicht gefeit. Denn der Staat bleibt ein territorialer Zwangsmonopolist mit der Letztentscheidungsmacht über alle Konflikte auf seinem Gebiet. Gerade deshalb kann er leicht selbst zum grossen Problem werden – etwa wenn die Staatsmacht in Hände von Akteuren gerät, die sie zugunsten organisierter Sonderinteressengruppen missbrauchen. ## **Recht zur Abspaltung** Um diese grundsätzliche Problematik mit dem Staat in den Griff zu bekommen, schlug der österreichische Ökonom Ludwig von Mises bereits 1927 vor, einzelnen Gruppen von Menschen ein Austrittsrecht aus dem Staat einzuräumen. Ein solches «Sezessionsrecht» würde Mehrheiten in einem Land dazu zwingen, die Belange der Minderheiten nicht vollends aus den Augen zu verlieren. Andernfalls können die Unzufriedenen sprichwörtlich mit den Füssen abstimmen und den Staat verlassen. Mises’ Sezessionsidee schlägt gewissermassen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie schafft für die Mehrheit einen Anreiz, freundlich gegenüber der Minderheit zu sein, und hebelt effektiv das territoriale Zwangsmonopol des Staates aus, setzt seiner Macht klare Grenzen. > «Mises’ Sezessionsidee schlägt gewissermassen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie schafft für die Mehrheit einen Anreiz, freundlich gegenüber der Minderheit zu sein, und hebelt effektiv das territoriale Zwangsmonopol des Staates aus, setzt seiner Macht klare Grenzen.» Wie praxisnah und umsetzbar diese Idee ist, zeigt das Fürstentum Liechtenstein. Auf Initiative von Fürst Hans-Adam II. verankerte das Land im Zuge einer Verfassungsrevision im Jahr 2003 ein besonderes Austrittsrecht für seine Gemeinden. Artikel 4 Absatz 2 der Landesverfassung erlaubt ihnen, ein Verfahren zum Austritt aus dem Staatenbund einzuleiten. Allerdings handelt es sich nicht um ein absolutes, einseitiges Sezessionsrecht im Sinne von Mises. Zwar kann eine Gemeinde zunächst das Austrittsverfahren einleiten, doch für den tatsächlichen Austritt braucht es die Zustimmung des Landtags und des Landesfürsten – also genau jener Instanzen, die ihre Macht nicht verlieren wollen. Dies offenbart die entscheidende Schwäche: Ein Recht, das von der Zustimmung der Obrigkeit abhängig ist, ist in der Praxis eher ein erweiterter Petitionsantrag. Gleichwohl hat Liechtenstein die Möglichkeit einer Sezession damit erstmals ausdrücklich in seiner Verfassung verankert. Ergreift die Stimmbevölkerung das Referendum oder ordnet das Parlament eine Volksabstimmung an, müssen die Stimmberechtigten im «Ländle» der Sezession zustimmen. Bis dato hat keine Gemeinde von diesem Recht Gebrauch gemacht. Dennoch hat Liechtenstein mit dieser Austrittsoption ein kaum zu überschätzendes und vorausschauendes Zeichen der Autonomie gesetzt – eines, das weit über die eigenen Landesgrenzen hinausstrahlt. ## **Das Problem der Grösse** Denn die Frage nach der «optimalen Staatsgrösse» stellt sich längst auch international. Grosse politische Einheiten – man denke hier nur einmal an die Vereinigten Staaten, an China, das Staatenkartell Europäische Union oder an Nationalstaaten wie Deutschland, Frankreich und Grossbritannien – steuern längst auf den wirtschaftlichen, finanziellen und kulturellen Bankrott zu. Sie sind überschuldet, während ihre Volkswirtschaften an Dynamik verlieren. Hinzu greifen Misswirtschaft und Korruption. Zugleich greifen staatlich geförderte sozialistisch-kommunistische Ideologien zusehends die Familie und das Christentum an, etwa durch die Bevorzugung bestimmter Familien- und Betreuungsmodelle, staatliche Vorgaben für Erziehung und Unterricht oder Einschränkungen religiöser Symbole und Praktiken. Wo zugleich Eigentumsrechte relativiert, rechtsstaatliche Verfahren politischem Zweckdenken untergeordnet oder politisch motivierte Gewalt nur unzureichend verfolgt wird, geraten Rechtsstaat und öffentliche Sicherheit unter Druck. Hinzu kommen sinkende Geburtenraten, eine alternde Bevölkerung und in manchen Ländern die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen. Auch deshalb steuern viele Länder ungebremst einem demografischen Armageddon entgegen. Die einzige realistische und praktikable Lösung all dieser Probleme liegt im Rückbau der grossen politischen Einheiten in kleinere politische Einheiten. Dem steht jedoch entgegen, dass Gliedstaaten, Regionen und Gemeinden in keinem europäischen Staat ein einseitiges Austrittsrecht besitzen. Ein solches Recht auf gesamtstaatlicher Ebene durchzusetzen, würde zunächst politische Mehrheiten erfordern – gerade in grossen politischen Einheiten ist das kaum zu erwarten. Das ändert jedoch nichts am Grundgedanken: Es gibt keinen überzeugenden Grund, weshalb Menschen gegen ihren Willen einem Verbund und dessen Regeln unterworfen bleiben sollen. ## **Ein Europa der tausend Liechtensteins** Das Leitprinzip der Sezessionsidee lautet: Gemeinden sollten sich von einer Stadt abspalten dürfen, welcher sie nicht länger angehören wollen. Dasselbe gilt für Regionen oder Gliedstaaten: Wollen ihre Bewohner aus dem übergeordneten Staat austreten, so sollte dies ebenfalls möglich sein. Diese «radikale Dezentralisierung» wäre natürlich mit einer «Geltungsumkehr des Rechts» zu verbinden, sodass es fortan heisst: Kommunales Recht bricht regionales Recht und regionales Recht bricht gesamtstaatliches Recht. Das Recht der kleineren politischen Einheit hätte Vorrang vor dem Recht der jeweils übergeordneten Einheit. Und das hätte durchaus positive Folgen, denn so würde der Wettbewerb um die besten Lebens- und Arbeitsbedingungen gestärkt. Gleichzeitig würde den destruktiv wirkenden Ausbeutungsmöglichkeiten, die in den grossen politischen, als Mehrheitsdemokratien organisierten Einheiten heute vorherrschend sind, das Wasser abgegraben. Der Ökonom und Philosoph Hans-Hermann Hoppe hat dieses Programm mit der mittlerweile bekannten Überschrift «Ein Europa der tausend Liechtensteins» trefflich popularisiert. Radikale Dezentralisierung bereitet letztlich den Weg von einem auf Zwang und Gewalt fussenden Staatswesen hin zu einer Privatrechtsgesellschaft: einer Gemeinschaft von Menschen, in der für alle das gleiche Privatrecht gilt, in der es folglich kein öffentliches Recht mehr gibt, das über dem Privatrecht steht. Die Privatrechtsgesellschaft ist nicht mehr und nicht weniger als eine Gemeinschaft von Menschen, die ihr Miteinander auf der Basis freiwillig geschlossener Verträge organisiert und nicht, wie es heute mit dem Staat der Fall ist, durch Rückgriff auf ungewollten Zwang und ungefragte Gewalt. > «Radikale Dezentralisierung bereitet letztlich den Weg von einem auf Zwang und Gewalt fussenden Staatswesen hin zu einer Privatrechtsgesellschaft.» ## **Macht begrenzen durch Vielfalt** Die Idee einer radikalen Dezentralisierung ist beileibe nicht neu. Ein historisches Beispiel liefert das «Heilige Römische Reich Deutscher Nation», das von 962 bis 1806 bestand und damit zu den langlebigsten politischen Gebilden Europas gehörte. Seine «Zersplitterung» war ein Bollwerk gegen Machtzentralisierung und Machtmissbrauch der Fürsten und Könige. Zugleich förderte diese den Wettbewerb zwischen den vielen kleinen Herrschaftsräumen mit Innovation, Städtewesen, Wirtschaft und Kultur. Selbst nach den schweren Konflikten der Reformation und des Dreissigjährigen Krieges fanden die Beteiligten immer wieder Kompromisse, um den Frieden wiederherzustellen – etwa mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 und dem Westfälischen Frieden von 1648\. Als Kaiser Franz II., zugleich österreichischer Kaiser Franz I., das Reich 1806 für beendet erklärte, geschah dies nicht aufgrund der Dysfunktionalität des dezentralen Reichsverbands, sondern infolge des «napoleonischen Staatsterrors». Eben diese Erfahrung zeigt jedoch unmissverständlich, dass auch kleine, dezentrale politische Einheiten ihre Verteidigung gegen Aggressoren von aussen wirksam organisieren müssen. Anders als damals stehen ihnen dafür heute dank des technologischen Fortschritts viele Möglichkeiten offen: Selbstbewaffnung, Bündnisse mit anderen kleinen politischen Einheiten sowie Schutzverträge mit Versicherungen und Sicherheitsfirmen. Für all das braucht es übrigens keinen Staat. Schutz- und Verteidigungsdienste lassen sich effizient am freien Markt organisieren. Bereits 1849 forderte der Ökonom Gustave de Molinari in seinem Aufsatz «De la production de la sécurité» die Privatisierung von Sicherheit und Verteidigung. ## **Das menschliche Mass** Wer Frieden und Wohlstand will, muss den Staat so weit wie möglich begrenzen. Diese Erkenntnis lässt sich aus der Ökonomik unbestreitbar ableiten. Das Plädoyer für kleine statt grosser politischer Einheiten entstammt keiner willkürlichen Überlegung, sondern einem tiefgreifenden Denk- und Begründungszusammenhang. Die zentrale Einsicht dahinter ist nicht neu – auch wenn sie heute übergangen und ignoriert wird. Schon der Philosoph Leopold Kohr (1909–1994), dessen Denken um die «Philosophie der Grösse» und das menschliche Mass kreiste, schlussfolgerte: «Wo immer etwas fehlerhaft ist, ist es zu gross.» Wie wahr: Wer mit offenen Augen in die Welt blickt, erkennt: Besonders schlimm ist es in den grossen politischen Einheiten, viel besser ist es in den kleinen politischen Einheiten. Kurzum: Wer Frieden und Wohlstand für die Menschheit will, muss sich dafür einsetzen, grosse politische Einheiten in viele kleine politische Einheiten zu zerlegen – angeführt von Menschen, die ihre Geschicke auf der Welt freiwillig und friedlich gestalten möchten. ### Tierversuche lassen sich noch nicht vollständig ersetzen – doch die Schweiz muss Alternativen schneller fördern und regulatorisch anerkennen URL: https://www.schweizermonat.ch/tierversuche-lassen-sich-noch-nicht-vollstandig-ersetzen-doch-die-schweiz-muss-alternativen-schneller-fordern-und-regulatorisch-anerkennen/ Last updated: 2026-09-23T16:55:56.000Z 0:00 /547 1× Kaum ein wissenschaftliches Thema wird in der Schweiz seit Jahrzehnten so beharrlich diskutiert wie der Tierversuch. Dank der direkten Demokratie findet diese Debatte nicht nur in Laboren, Parlamenten und Ethikkommissionen statt, sondern regelmässig auch an der Urne. Seit den 1980er-Jahren hat das Schweizer Stimmvolk über insgesamt fünf Initiativen abgestimmt, die Tierversuche einzuschränken oder ganz zu verbieten. Die jüngste Initiative, [«Ja zur tierversuchsfreien Zukunft»](https://www.fedlex.admin.ch/eli/fga/2025/3069/de?ref=schweizermonat.ch), fordert einen schrittweisen Ausstieg aus sämtlichen Tierversuchen und befindet sich derzeit im politischen Prozess. Im Kern kreist die Debatte um zwei Fragen: Ist es ethisch vertretbar, Tiere für die Forschung einzusetzen, und wie gut lassen sich Ergebnisse aus Tiermodellen überhaupt auf den Menschen übertragen? Zwar hat die Schweizer Bevölkerung bislang alle vorgelegten Initiativen zu diesem Thema deutlich abgelehnt. Die wiederkehrenden Abstimmungen zeigen jedoch, dass das Thema gesellschaftlich relevant bleibt. Dass dies auch konkrete Auswirkungen auf die Gesetzgebung hat, zeigt ein aktuelles Beispiel: Die parlamentarische Initiative von Katja Christ ([21.426 «Mehr Ressourcen und Anreize für die 3R-Forschung»)](https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20210426&ref=schweizermonat.ch) wurde vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte eingereicht. Sie fordert eine stärkere Förderung tierversuchsfreier Methoden und gab bereits Anstoss für einen [Vorentwurf](https://www.fedlex.admin.ch/de/consultation-procedures/ended/2026%23https:/fedlex.data.admin.ch/eli/dl/proj/2026/9/cons%5F1?ref=schweizermonat.ch) zur Anpassung der Tierschutzgesetzgebung. Mit dieser Entwicklung steht die Schweiz nicht allein da. Auch international wächst der gesellschaftliche und politische Druck, Tierversuche schrittweise zu reduzieren. In der Europäischen Union führten Bürgerinitiativen wie «Save Cruelty Free Cosmetics» zu neuen politischen Vorstössen zur Förderung alternativer Methoden. Auch die Niederlande, das Vereinigte Königreich und die USA haben entsprechende Programme und Strategien [auf den Weg gebracht](https://swiss3rcc.org/reports/global-initiatives-to-replace-and-reduce-animal-use-an-overview/?ref=schweizermonat.ch). ## **Ersetzen, Reduzieren, Verbessern** Im Zentrum dieser Entwicklung steht in der Schweiz das sogenannte 3R-Prinzip: Die drei «R» stehen für *Replacement*, *Reduction* und *Refinement*: den Ersatz von Tierversuchen durch alternative Methoden, die Reduktion der benötigten Tierzahlen sowie die Verringerung der Belastungen für die Versuchstiere. Die 3R-Prinzipien legitimieren Tierversuche nicht. Sie verpflichten Forschende vielmehr dazu, deren Einsatz kontinuierlich zu hinterfragen und wo immer möglich zu ersetzen, zu reduzieren oder tierfreundlicher zu gestalten. Die grundlegende ethische Frage beantworten sie jedoch nicht: Darf der Mensch Tiere überhaupt für die Forschung nutzen? Dieses Dilemma lösen die 3R nicht – sie tragen jedoch dazu bei, potentielles Leid von Tieren zu vermeiden oder zu reduzieren. > «Die 3R-Prinzipien legitimieren Tierversuche nicht. Sie verpflichten Forschende vielmehr dazu, deren Einsatz kontinuierlich zu hinterfragen und wo immer möglich zu ersetzen, zu reduzieren oder tierfreundlicher zu gestalten.» Die Schweiz verfügt über ein strenges Tierschutzgesetz und hat die 3R sowohl rechtlich als auch praktisch fest verankert. Jeder Tierversuch benötigt eine Bewilligung und muss mit einer Güterabwägung begründet werden. Behörden genehmigen einen Versuch nur dann, wenn keine geeignete Alternativmethode zur Verfügung steht (*Replacement*), möglichst wenige Tiere eingesetzt werden (*Reduction*) und die Belastung für die Tiere auf das unvermeidbare Minimum beschränkt bleibt (*Refinement).* Insbesondere in den letzten zehn Jahren hat die Schweiz die Bestrebungen zur Förderung des Tierwohls und zur Umsetzung der 3R-Prinzipien weiter intensiviert. Die Universitäten und die Industrie investieren zunehmend in alternative Methoden und 3R-Massnahmen. Neben den gesetzlich vorgeschriebenen Tierschutzbeauftragten beschäftigen viele Institutionen inzwischen auch 3R-Koordinatorinnen und -Koordinatoren. Darüber hinaus unterstützt der Bund die Weiterentwicklung der 3R-Prinzipien durch die Förderung von Forschung und gesellschaftlichem Dialog, unter anderem im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms [NFP 79 «Advancing 3R – Tiere, Forschung und Gesellschaft»](https://www.nfp79.ch/de?ref=schweizermonat.ch). Eine wichtige nationale Rolle nimmt dabei das Schweizer [3R-Kompetenzzentrum](https://swiss3rcc.org/de/schweizer-3r-kompetenzzentrum/?ref=schweizermonat.ch) (3RCC) ein. Es fördert Forschungsprojekte zu den 3R-Prinzipien, bietet Weiterbildungen an, vernetzt Wissenschaft, Behörden und Industrie und stellt Mittel für die Entwicklung und Umsetzung neuer 3R-Methoden bereit. ## **Warum die Forschung noch nicht ohne Tiere auskommt** Trotz aller Bestrebungen, tierversuchsfreie Methoden voranzutreiben, kommen in der Schweiz jährlich noch immer rund 500 000 bis 600 000 Tiere in der Forschung [zum Einsatz.](https://www.blv.admin.ch/de/statistik-tierversuche?ref=schweizermonat.ch) In der EU sind es rund 8 bis 9 Millionen. Seit Jahren stagnieren die Zahlen. Warum? Die kurze Antwort lautet: Tierfreie Alternativen können heute zwar einen Teil der Tierversuche ersetzen, aber längst nicht alle. Tiermodelle spielen in der biomedizinischen Forschung nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie helfen dabei, komplexe biologische Prozesse, die Entstehung von Krankheiten sowie die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Therapien zu untersuchen. Gleichzeitig wächst die Kritik an ihrer Aussagekraft. Nicht jede Erkrankung lässt sich im Tiermodell realistisch nachbilden, und nicht jedes Ergebnis ist auf den Menschen übertragbar. Gerade deshalb erlebt die Forschung an tierfreien Alternativen derzeit einen starken Aufschwung – auch in der Schweiz. Zellkulturen aus menschlichen Spender- oder Patientenzellen, Organoide (miniaturisierte, aus menschlichen Zellen gezüchtete Gewebemodelle), Organ-on-Chip-Systeme (Mikrochips mit lebenden Zellen), computergestützte Modellierungen und zunehmend auch KI-gestützte Ansätze können heute viele Fragestellungen beantworten, die früher ausschliesslich an Tieren untersucht wurden. In einzelnen Bereichen liefern sie sogar Ergebnisse, die näher am Menschen liegen als klassische Tiermodelle. Dennoch stossen auch diese Methoden an ihre Grenzen. Ein Organismus ist mehr als die Summe seiner Zellen. Bislang lassen sich nicht alle biologischen Funktionen eines komplexen Organismus mit diesen einfachen Modellen abbilden. Insbesondere Wechselwirkungen zwischen Organen, Immunreaktionen, Stoffwechselprozessen oder systemischen Nebenwirkungen lassen sich noch nicht ausreichend simulieren. Zudem werden Daten aus tierversuchsfreien Methoden von Zulassungsbehörden für die regulatorische Bewertung neuer Arzneimittel bislang häufig nicht oder nur ergänzend anerkannt, sodass Tierversuche in vielen Entwicklungs- und Zulassungsverfahren weiterhin erforderlich sind. Aus diesem Grund sehen die meisten Forschenden, Fachgesellschaften, Regulierungsbehörden und Forschungseinrichtungen derzeit einen kurzfristigen vollständigen Ausstieg aus Tierversuchen als unrealistisch an. Realistischer erscheint deshalb eine schrittweise Reduktion: Tiermodelle werden dort ersetzt, wo tierfreie Methoden gleichwertige oder bessere Ergebnisse liefern. Das langfristige Ziel ist folglich weniger ein abruptes Verbot, sondern eine Kombination aus weniger Tierversuchen und einer konsequenten Förderung von Alternativen und 3R-Massnahmen. > «Realistischer erscheint deshalb eine schrittweise Reduktion: Tiermodelle werden dort ersetzt, wo tierfreie Methoden gleichwertige oder bessere Ergebnisse liefern.» ## **Wie der Wandel gelingen kann** Diese Entwicklung wird allerdings nur gelingen, wenn die Umsetzung der 3R-Prinzipien und die Entwicklung alternativer Methoden stärker gefördert werden. Dafür braucht es zusätzliche Forschungsgelder, geeignete Infrastrukturen und eine raschere regulatorische Anerkennung tierversuchsfreier Verfahren bei der Zulassung von Therapien. International ist die Entwicklung bereits in vollem Gange. Die EU verfolgt das Ziel, Tierversuche in regulatorischen Sicherheitsprüfungen schrittweise durch Alternativmethoden zu ersetzen. Auch die USA treiben die Integration von Organoiden, Organ-on-Chip-Systemen und KI-gestützten Verfahren in regulatorische Prozesse gezielt voran. Die Schweiz muss entscheiden, welche Rolle sie in diesem internationalen Wandel einnehmen will. Wer künftig die Standards für humanrelevante und tierversuchsfreie Forschungsmethoden mitprägt, stärkt nicht nur den Tierschutz, sondern auch den Forschungs- und Innovationsstandort. Für viele Forschende stellt sich deshalb nicht die Frage, ob Tierschutz oder medizinischer Fortschritt Vorrang haben soll. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, beides möglichst konsequent miteinander zu verbinden. Genau darin liegt die Idee der 3R-Prinzipien: Tiere nur dort einzusetzen, wo es absolut notwendig ist, ihre Zahl und Belastung auf das notwendige Minimum zu reduzieren, ihr Wohlbefinden zu fördern und gleichzeitig bessere, humanrelevante Alternativmethoden voranzutreiben. ### Manchmal muss die Freiheit um ihrer selbst willen eingeschränkt werden URL: https://www.schweizermonat.ch/manchmal-muss-die-freiheit-um-ihrer-selbst-willen-eingeschrankt-werden/ Last updated: 2026-09-23T16:54:29.000Z 0:00 /500 1× Heute rechtfertigt man den Staat gerne mit Grund- und Menschenrechten, politischer Gerechtigkeit, Gewaltenteilung und selbstverständlich mit der Demokratie. Für den Staat wesentlich sind aber auch die öffentlichen Gewalten, deren Zwangscharakter und der daraus folgende Herrschaftscharakter des Staates zu wenig beachtet, nicht selten sogar verdrängt werden. Die wirkungsmächtige Kritische Theorie beispielsweise hielt die Herrschaft für ein Ärgernis. Theodor Adorno argumentierte in einem Beitrag zum 16\. Deutschen Soziologentag (1969), ihre möglichen guten Seiten könnten gegenüber dem «Potenzial des Grauens», das sie in sich trage, nicht ernsthaft ins Gewicht fallen. Statt die Chancen des demokratischen Rechtsstaates herauszuarbeiten – und einen Beitrag zur Legitimation der damals jungen Bundesrepublik Deutschland zu erarbeiten –, plädierte die Frankfurter Schule lieber für die Utopie, für das Nirgendwo der Herrschaftsfreiheit. Selbst der amerikanische Philosoph John Rawls räumt in seiner «Theorie der Gerechtigkeit» ein: «Wahrscheinlich \[sei\] eine mit Zwangsmitteln ausgestattete Regierung immer nötig.» Dabei nimmt er aber lediglich das öffentliche Strafsystem in den Blick und unterschlägt den andernorts ebenfalls herrschenden Zwangscharakter. Das Zivilrecht beispielsweise zwingt niemanden, einen Kauf- oder Dienstleistungsvertrag abzuschliessen, ein Testament zu verfassen, eine Ehe zu schliessen oder sie aufzulösen. Wer es aber vorhat, ist zum Zweck eines gültigen Rechtsaktes gezwungen, die Formvorschriften einzuhalten. Dieser Zwang mag hypothetischer (Wenn-dann-)Zwang sein, denn *wenn* man die entsprechenden Rechtsgeschäfte vornehmen will – wozu man nicht gezwungen ist –, *dann* ist man unweigerlich den Formvorschriften unterworfen. Der andere, strafbewehrte Zwang ist dagegen kategorisch: Was man auch immer tut oder lässt – man darf auf keinen Fall betrügen, in Leib und Leben eines Mitmenschen oder sein Eigentum eingreifen oder ihn beleidigen. Dieser zweifache Zwang, den eine Rechts- und Staatsordnung ausübt, ihr politischer Zwang, darf nicht beliebig oder gar willkürlich erfolgen. Dort, wo es trotzdem geschieht, ist Adorno zuzustimmen: Die entsprechende Herrschaft trägt das «Moment des Furchtbaren» und die «Tendenz zur Totalität» in sich. ## **Zwang um der Freiheit willen** Der nichtwillkürliche Zwang bedarf nun einer zweistufigen Rechtfertigung: Sie richtet sich als Erstes auf die legitimen Gegenstände und danach auf die dafür allein legitime Form. Für welche Gegenstände also kann der politische Zwang berechtigt sein? Wie jeder Zwang greift auch der politische Zwang in das ein, was für den Menschen und für die Moderne konstitutiv ist: Es ist die Freiheit, die das Wesen des Menschen und sein höchstes Gut ausmacht. Weil in der Freiheit, wie die Philosophie mehr und mehr erkennt, das wahrhafte Grundrecht des Menschen besteht, ist sie nicht weniger als der einzige Trumpf, der alle anderen Rechte aussticht. Die Folge liegt auf der Hand: Jeder Eingriff in die Freiheit bedarf einer Rechtfertigung, die ausschliesslich im Namen der Freiheit überzeugen kann: Kein Freiheitseingriff ist legitim, es sei denn, er geschehe um der Freiheit willen. > «Jeder Eingriff in die Freiheit bedarf einer Rechtfertigung, die ausschliesslich im Namen der Freiheit überzeugen kann: Kein Freiheitseingriff ist legitim, es sei denn, er geschehe um der Freiheit willen.» Einschränkungen der Freiheit ergeben sich aus zwei grundlegenden Faktoren: Erstens gibt es den Menschen nie allein, sondern immer im Plural. Zweitens kann der Mensch wegen des begrenzten Lebensraumes nicht auf Dauer verhindern, mit seinesgleichen in Kontakt zu treten. Dieser Kontakt nimmt zwei Grundformen an: die Kooperation und den Konflikt. Ein optimistisches Menschenbild mag die Kooperation, ein pessimistisches Menschenbild den Konflikt bevorzugen – im Extremfall für allein entscheidend halten. Tatsächlich praktiziert der Mensch beide Formen, und zwar nicht nur gern, sondern aus Notwendigkeit. Eine einzige schlichte Überlegung zeigt: Weder kommt der Mensch von allein auf die Welt noch überlebt er ohne die Hilfe von Erwachsenen. Weiterhin erleichtert er sich das Überleben und ein angenehmes Leben durch arbeitsteiliges Wirtschaften. Und der grösste Teil von Philosophie, Wissenschaft, Architektur, Musik, Kunst und Sport entsteht erst durch Zusammenwirken. Zugleich neigen Menschen aber auch zum Trittbrettfahren, was Konflikte hervorbringt: Die Mühen der Arbeit beispielsweise überlässt man lieber anderen, will aber trotzdem an den Früchten der Arbeit teilhaben. ## Der Naturzustand als latenter Krieg Der überragende Rechts- und Staatsphilosoph der Frühen Neuzeit, Thomas Hobbes, nennt dafür im 13\. Kapitel seines «Leviathan»im Rahmen eines Gedankenexperiments («Wie leben die Menschen miteinander, wenn es keinerlei Recht und Staat gibt?») drei Ursachen. Alle drei dürften bis heute aktuell sein. Die erste Ursache, die Konkurrenz (etwa im Blick auf Güter und Dienstleistungen), führt zu Übergriffen in die Freiheit anderer aus Gewinnstreben; die zweite, das Misstrauen, zu Übergriffen aus Sicherheitsdenken und die dritte, die Ruhmsucht, zu Übergriffen aus Geltungsdrang. Diese Diagnose kann deshalb überzeugen, weil in ihr drei typisch menschliche Leidenschaften anklingen: Habsucht, Machtsucht und Ehrsucht. Halten die Konkurrenten – aus welchen Gründen auch immer – dasselbe für unverzichtbar, etwa einen Gegenstand oder die Aufmerksamkeit einer Person, so verschärft sich ihre Konkurrenz zum Kampf auf Leben und Tod. Die Konkurrenz steigert sich also zur Feindschaft. Weil man diese Steigerung nie ausschliessen kann, lebt jeder Mensch in ständiger Furcht vor einem gewaltsamen Tod. Zur Vermeidung von Missverständnissen sei betont: Diese Todesfurcht gilt nur in der gedanklichen Konstruktion und nicht in der Wirklichkeitsannahme eines rechts- und staatsfreien Zusammenlebens. Nicht weil Hobbes einem pessimistischen Menschenbild anhängt, sondern weil er zu Recht sieht, dass niemand so stark ist, dass er nicht von Schwächeren durch List und Zusammenarbeit getötet werden kann, ist der Naturzustand ein Zustand des latenten Krieges – also ein Zustand, in dem zwar nicht permanent Waffen eingesetzt werden, ihr Einsatz aber ständig droht. ## Gegenkräfte gegen die Kriegsgefahr Diese Folge ist einsichtig. Sie macht jedoch nicht, wie viele Interpreten meinen, Hobbes’ vollständige Theorie des Naturzustandes aus. Sie nennt erst die halbe Wahrheit. Der Philosoph sieht, erneut zu Recht, drei Gegenkräfte gegen die Kriegsgefahr: 1\. Jeder Mensch fürchtet den Tod, 2\. wünscht sich ein angenehmes Leben und 3\. hofft, dies durch eigene Anstrengung erreichen zu können. Zu diesem Ziel weist die Vernunft – eine bescheidene, pragmatische Vernunft – den einzigen, alternativlosen Weg. Die Kernaussage, das im 14\. Kapitel von «Leviathan»vertretene zweite Naturgesetz, ist so überzeugend, dass Kant es in der «Rechtslehre» in abgewandelter Form übernahm. Es ist das Prinzip der wechselseitig gleichen Freiheitseinschränkung: «Jeder Mensch soll sich mit so viel Freiheit gegenüber anderen zufriedengeben, wie er anderen gegen sich selbst einräumen würde.» Die weitere Argumentation kann sehr kurz ausfallen: Politischer Zwang ist legitim, wo die wechselseitig gleiche Freiheitseinschränkung auf ihn nicht verzichten kann. Das Kriterium der Unverzichtbarkeit gilt erstens für die Inhalte des berechtigten Zwangs, wie etwa die aufkommenden Grund- und Menschenrechte. Es trifft zweitens auf die Form des Zwangs zu – also auf die öffentlichen Gewalten und deren Teilung: Die Legislative ist für die genaue Festlegung der legitimen Inhalte zuständig, die Exekutive für deren Durchsetzung und die Judikative für die autoritative Entscheidung von Streitfällen. ### Die Schweiz und Liechtenstein müssen dem internationalen Gleichschritt widerstehen URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-und-liechtenstein-mussen-dem-internationalen-gleichschritt-widerstehen/ Last updated: 2026-09-23T16:52:20.000Z 0:00 /525 1× Was wäre geschehen, wenn Vorarlberg nach dem 1\. Weltkrieg tatsächlich der Schweiz beigetreten wäre, wie das rund 80 Prozent der Vorarlberger 1919 in einer Konsultativabstimmung gefordert hatten? Wäre Liechtenstein, völlig umschlossen von der Schweiz, zu einem Schweizer Kanton geworden? Oder wäre es zu einem zweiten San Marino mutiert, einer Kleinstenklave mit höchster Abhängigkeit vom umhüllenden Staat? Wäre, hätte, könnte … Tatsache ist: Die Schweiz und Liechtenstein sind zwei kleine, eng miteinander verflochtene Staaten. Trotz dieser aussergewöhnlichen Nähe haben beide ihre staatliche Eigenständigkeit bewahrt und wollen auch künftig selbst über ihren Weg entscheiden. ## **Integration ohne Vereinnahmung** Getragen wird dieses besondere Verhältnis von einem dichten Netz bilateraler Abkommen. Angefangen mit dem Zollanschlussvertrag, der 2023 seinen einhundertsten Geburtstag feierte, gibt es fast 120 zwischenstaatliche Abkommen, die praktisch sämtliche Lebensbereiche der Bevölkerung umfassen. Einzelne dieser Abkommen wie die Zoll- und die Währungsunion oder die diplomatische Vertretung bilden schweizweit den nationalen institutionellen Rahmen, andere wirken sich in der Schweiz vor allem regional aus. Die regionalen Beziehungen zwischen der Schweiz und Liechtenstein werden denn auch besonders gut am Beispiel des Kantons St. Gallen sichtbar: In diesem Verhältnis zeigt sich die eigentliche Intensität der Beziehungen im regionalen Alltag: bei den Pendlerinnen und Pendlern, im gemeinsamen öffentlichen Verkehr, in der Gesundheitsversorgung, der Bildung und der politischen Abstimmung über die Grenze hinweg. Damit gehört die Region St. Gallen–Liechtenstein zu den am stärksten integrierten Grenzräumen Europas. Auch die Gesundheitsversorgung macht an der Grenze nicht halt. Als 2014 am Landesspital in Vaduz die Geburtshilfe eingestellt wurde, hat sich das Spital Grabs im Kanton St. Gallen faktisch zur regionalen Geburtsklinik für die St. Galler Region Werdenberg und Liechtenstein entwickelt. Die Distanz von Vaduz nach Grabs beträgt lediglich etwazehn Autominuten. Die Geburtshilfe zeigt besonders anschaulich, wie nationale Grenzen im Gesundheitswesen relativiert werden können. Während die Schwangerschaftsvorsorge häufig in Liechtenstein erfolgt, findet die eigentliche Geburt oft im Spital Grabs statt. Nach der Entlassung übernehmen wiederum Kinderärztinnen und -ärzte, Hebammen und Nachsorgedienste in Liechtenstein die weitere Betreuung: eine grenzüberschreitende Versorgungskette, bei der die Patientinnen die Staatsgrenze kaum bewusst wahrnehmen, ein Musterbeispiel funktionaler Integration und ein eindrückliches Beispiel dafür, wie eng die regionale Zusammenarbeit zwischen Liechtenstein und dem Kanton St. Gallen im Alltag tatsächlich ist. ## **Bonität ist kein Zufall** Das sichtbarste Zeichen der schweizerisch-liechtensteinischen Zusammenarbeit ist wohl die Währungsunion: In Liechtenstein zahlt man mit Schweizer Franken und die Schweizerische Nationalbank ist auch die Zentralbank Liechtensteins. Apropos Franken: Diesen hat Liechtenstein 1924 einfach unilateral eingeführt; vertraglich geregelt wurde das Währungswesen erst viel später, nämlich 1980\. Zustande kam dieser Vertrag auf Druck der Schweiz, die das Nachbarland vorher stillschweigend als Währungsinland behandelt hatte. Dieses Beispiel zeigt etwas Exemplarisches für die Beziehungen der beiden Länder: Oft war und ist der Bedarf an und die Dringlichkeit von bilateralen Abkommen für beide Seiten nicht zur gleichen Zeit gleich gross, aber früher oder später fanden und finden sie einen gemeinsamen Weg, der für beide stimmt. Nicht nur, weil sie sich geografisch und kulturell nahestehen, sondern auch weil sie ähnlich gestrickt sind: Auf der einen Seite ein Kleinstaat und auf der anderen Seite ein Kleinststaat. Die Schweiz und Liechtenstein können sich in einer zunehmend komplexen Welt gegenüber grösseren Staaten behaupten, weil sie demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien hochhalten. Das verschafft dem schweizerisch-liechtensteinischen Duett nicht nur politische Stabilität, sondern auch internationales Vertrauen. Als ausgeprägte Exportnationen wissen beide Länder die Märkte zu lesen, Entwicklungen zu antizipieren und sich anzupassen. Sie betreiben eine solide Finanzpolitik, sind kaum oder gar nicht verschuldet und können als vertrauenswürdige Finanzplätze Vermögen aus der ganzen Welt anziehen. Das Ergebnis lässt sich in drei Buchstaben fassen: AAA. Dieses Rating wollen beide verteidigen. Doch der Druck auf ihr Erfolgsmodell wächst, durch den Fachkräftemangel ebenso wie durch den wachsenden Regulierungsdrang grösserer Staaten. ## **Die Kehrseite der Offenheit** Die Schweiz und Liechtenstein sind hochspezialisierte Volkswirtschaften mit dem entsprechenden Bedarf an Fachkräften. Sowohl die Schweiz als auch Liechtenstein sind daher auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Liechtenstein verfügt über rund 43 000 Arbeitsplätze. Das mag nach wenig klingen, sind bei einer Bevölkerung von rund 40 000 Menschen jedoch mehr Arbeitsplätze als Einwohner. Die Folge: Jeden Tag pendeln mehr als 20 000 Arbeitskräfte ins Ländle. Dagegen muten die auch nicht gerade tiefen Grenzgängerzahlen im Kanton St. Gallen, in Basel, Genf oder im Tessin schon fast bescheiden an. Diese Offenheit ist eine Stärke, macht beide Länder aber zugleich abhängig von verlässlichen, regelbasierten Verhältnissen jenseits ihrer Grenzen. Mit Blick in die Welt wird aber klar: Keines von beidem ist derzeit wirklich gegeben. Dies erhöht den Anpassungsdruck enorm – für die Unternehmen, die exportieren, aber auch für die Politik, welche die Rahmenbedingungen gestaltet. Beide Staaten sind gut beraten, sich angesichts der geopolitischen Wirren und Unwägbarkeiten auf die eigenen Stärken zu besinnen. Das heisst, dort Einfluss zu nehmen, wo sie selbst entscheiden können: in der Innenpolitik. Sie sollten keine zusätzlichen Hürden errichten und Regulierungen nur dort verschärfen, wo dies unbedingt notwendig ist. Trotz des Bedeutungsverlustes internationaler Organisationen und multilateraler Abkommen nimmt insbesondere in Europa der Hang zur Regulierung noch immer zu. Compliance-Bestimmungen werden verschärft, Berichterstattungspflichten ausgebaut und Haftungsregeln über alle Stufen der Lieferketten ausgedehnt. Ein Stück weit können sich die Schweiz und Liechtenstein diesen internationalen Entwicklungen nicht entziehen, aber sie sollten keinesfalls Musterschülerinnen spielen und diese Regulierungswelle aus eigenen Stücken noch erhöhen. ## **Der Zwang zum Gleichschritt** Die Schweiz und Liechtenstein sollten sich gegen die steuerpolitische Gleichmacherei wehren. OECD-Mindeststeuer, das US-Steuergesetz FATCA und Forderungen nach einer globalen Vermögenssteuer dienen vor allem den fiskalischen Interessen hochverschuldeter Grossstaaten. Sie schwächen den Standortwettbewerb und benachteiligen kleinere, offene Volkswirtschaften. Dass die Schweiz und Liechtenstein dabei nicht immer denselben Weg wählen, ist kein Widerspruch. In internationalen Fragen setzen sie bisweilen unterschiedliche Prioritäten und gehen in unterschiedlichem Tempo vor. Liechtenstein war zum Beispiel zehn Jahre vor der Schweiz in der UNO. In Sachen Weissgeldstrategie auf dem Finanzplatz war hingegen die Schweiz etwas schneller unterwegs als Liechtenstein. Zum EWR hat die Schweiz Nein gesagt, Liechtenstein nur wenige Tage danach Ja. Im grossen Ganzen sind dies jedoch nur Nuancen: unterschiedliche Akzente, mit denen die beiden Länder ihre Souveränität zum Ausdruck bringen. Darüber, ob etwa in der Europapolitik der eine Weg besser sei als der andere, lässt sich trefflich streiten. Entscheidend ist, dass die Schweiz und Liechtenstein ihren je eigenen Pfad weitergehen und dabei eng verbunden bleiben: gemeinsam, aber nicht im Gleichschritt. ### Nicht die Medikamentenpreise treiben die Gesundheitskosten, sondern höhere Mengen und neue Therapien URL: https://www.schweizermonat.ch/nicht-die-medikamentenpreise-treiben-die-gesundheitskosten-sondern-hohere-mengen-und-neue-therapien/ Last updated: 2026-09-23T16:50:56.000Z 0:00 /615 1× Über Medikamentenpreise wird in der Schweiz leidenschaftlich gestritten. Doch häufig bleibt unklar, von welchem Preis überhaupt die Rede ist. Publikumspreis, Fabrikabgabepreis, Nettoerlös oder volkswirtschaftlicher Produktionspreis beschreiben unterschiedliche Ebenen der Preisbildung. Wer sie miteinander vermischt, zieht schnell die falschen Schlüsse. Auch internationale Vergleiche zeichnen je nach Berechnung ein gegensätzliches Bild. Wer über Medikamentenpreise spricht, muss zunächst die Begriffe auseinanderhalten. Der Publikumspreis ist jener Betrag, den Patienten und Prämienzahler in der Apotheke sehen. Ihm vorgelagert ist der Bruttofabrikabgabepreis, den das Bundesamt für Gesundheit für kassenpflichtige Medikamente festlegt und regelmässig überprüft. Davon zu unterscheiden ist der Nettofabrikabgabepreis: Er ergibt sich nach Abzug meist vertraulicher Rabatte und entspricht dem effektiven Erlös des Herstellers. Zusätzlich gilt es zwischen patentgeschützten Originalpräparaten und Generika zu unterscheiden. Bei innovativen Medikamenten prägen vor allem Forschung, Entwicklung und Marktzugang die Preisbildung. Bei Generika stehen nach Patentablauf Wettbewerb und Produktionskosten im Vordergrund. Trotz wiederkehrender politischer Debatten ist der Anteil der Medikamente an den gesamten Gesundheitskosten seit Jahren stabil. Seit 2011 bewegt er sich in einer engen Bandbreite und liegt 2024 mit 12,0 Prozent praktisch auf demselben Wert wie 2011 (11,9 Prozent). Bemerkenswert ist dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass in derselben Zeit zahlreiche hochpreisige Therapien auf den Markt kamen – etwa in der Krebsmedizin oder bei Autoimmunerkrankungen. Der Publikumspreis sagt wenig darüber aus, wie viel beim Hersteller ankommt. Von 100 Franken, die der Kunde für ein patentgeschütztes Medikament in der Apotheke bezahlt, verblieben dem Hersteller 2024 nach Abzug der Rabatte knapp 64 Franken. Der Rest entfiel auf Handel, Abgaben und Mehrwertsteuer. Seit 2011 sind die Medikamentenpreise deutlich gesunken: Der Landesindex der Konsumentenpreise liegt heute 29 Prozent tiefer. Auf Produzentenebene zeigt sich ein sehr ähnliches Bild: Auch der Produzentenpreisindex für pharmazeutische Produkte lag 2025 um 29 Prozent unter dem Ausgangswert. Das widerspricht dem verbreiteten Eindruck, Medikamente würden laufend teurer. Allerdings erfassen Indizes neue Präparate erst, sobald sich ein Preis mit einer Vorperiode vergleichen lässt. Vertrauliche Rabatte bilden sie in der Regel nicht ab. Dennoch zeigen beide Indizes über Jahre hinweg dieselbe Richtung: nach unten. ## **Medikamente werden nicht teurer – die Nachfrage wächst** Dass Medikamente billiger werden und der Markt trotzdem wächst, ist kein Widerspruch. Steigen die Absatzmengen und der Anteil neuer Produkte stärker, als die Preise sinken, nehmen die Gesamtkosten dennoch zu. Daten des Gesundheitsdaten- und Analyseunternehmens IQVIA machen diesen Zusammenhang sichtbar. Sie zerlegen das jährliche Wachstum des Medikamentenmarkts zu Fabrikabgabepreisen in vier Komponenten: Volumen, neue Produkte und Erweiterungen bestehender Produktlinien, Preisveränderungen sowie einen Restfaktor für die Wechselwirkungen zwischen diesen Komponenten. > «Steigen die Absatzmengen und der Anteil neuer Produkte stärker, als die Preise sinken, nehmen die Gesamtkosten dennoch zu.» Über die Jahre zeigt sich ein klares Muster: Vor allem höhere Mengen trieben das Wachstum des Medikamentenmarkts. In den meisten Jahren lieferten sie den grössten positiven Beitrag. Deutlich geringer als die Volumenausweitung, aber immer noch spürbar, trugen neue Produkte zum Kostenwachstum bei. Die Preiskomponente wirkt hingegen seit 2012 fast durchgehend negativ. 2024 und 2025 verringerte sie das Wachstum um rund 3,6 respektive 2,4 Prozentpunkte. Verkettet man die Jahresbeiträge geometrisch, wuchs der Markt zwischen 2012 und 2025 kumuliert um rund 61 Prozent. Setzt man in derselben Rechnung die Preiskomponente auf null und lässt die Beiträge von Menge, neuen Produkten und Residualterm – also dem vom Modell nicht erklärten Rest – unverändert, ergibt sich unter dieser vereinfachenden Annahme ein kumuliertes Wachstum von rund 137 Prozent. Anders gesagt: Ohne die Preisrückgänge wäre der Medikamentenmarkt mehr als doppelt so stark gewachsen. Das hätte die Finanzierung des Gesundheitswesens deutlich stärker belastet. Die Preisentwicklung war also nicht Kostentreiber, sondern wirkte vielmehr als Bremse. ## **Internationale Vergleiche führen oft in die Irre** Internationale Vergleiche hängen ebenfalls stark von der gewählten Methode ab. Zu aktuellen Wechselkursen lagen die Preise der 250 umsatzstärksten patentgeschützten Originalpräparate im europäischen Ausland 2024 bei 91 Prozent des Schweizer Listenpreises. In Deutschland waren sie sogar 20 Prozent tiefer. Solche Vergleiche erfassen jedoch meist nur die Bruttofabrikabgabepreise. Unterschiedliche Rabatte auf die Listenpreise können das Ergebnis deutlich verändern. Das zeigt eine Analyse von BAK Economics zu den Preisen für die 100 umsatzstärksten patentgeschützten Medikamente in Deutschland und der Schweiz. Demnach lagen die Bruttofabrikabgabepreise in Deutschland im gewichteten Durchschnitt 8 Prozent unter dem Schweizer Niveau. Nach Abzug der Rabatte kehrte sich das Verhältnis jedoch um: Die deutschen Nettofabrikabgabepreise waren im Mittel 4 Prozent höher. Ein systematischer Vergleich der Nettofabrikabgabepreise über alle Länder hinweg ist allerdings mangels Daten kaum möglich, da die Rabattvereinbarungen meist vertraulich bleiben. Hinzu kommt das unterschiedliche Preis- und Lohnniveau. Die Schweiz ist ein Hochpreisland. Das führt zu höheren Produktionskosten, aber auch zu einer höheren Kaufkraft. Berücksichtigt man diese bei den Preisvergleichen mithilfe von Kaufkraftparitäten, liegt der Länderkorb, der für die 250 Produkte im Ausland noch 9 Prozent günstiger war, nun 20 Prozent über dem Schweizer Niveau. Die Logik dahinter: Gemessen an dem, was man sich in diesen Ländern im Allgemeinen leisten kann, sind Medikamente deutlich teurer als in der Schweiz. Das gilt für alle Vergleichsländer. Deutschland liegt kaufkraftbereinigt 12 Prozent über dem Schweizer Durchschnitt. > «Gemessen an dem, was man sich im Ausland im Allgemeinen leisten kann, sind Medikamente deutlich teurer als in der Schweiz.» ## **Die Schweiz wird zum Spielball globaler Preisregeln** Diese kaufkraftbereinigte Betrachtung ist mehr als eine statistische Feinheit. Sie hat inzwischen eine handfeste wirtschaftspolitische Dimension erhalten. Mit dem Meistbegünstigungsprinzip will die US-Regierung die amerikanischen Medikamentenpreise an den tiefsten Preisen vergleichbar entwickelter Volkswirtschaften ausrichten, und zwar unter Berücksichtigung der Kaufkraftunterschiede. Als Referenzländer kommen OECD-Staaten infrage, deren BIP pro Kopf mindestens 60 Prozent des US-Werts erreicht – darunter auch die Schweiz. Damit verändert sich die Logik der Schweizer Preisregulierung. Im MFN-Umfeld ist sie nicht mehr ausschliesslich eine binnenwirtschaftliche Verteilungsfrage zwischen Herstellern, Handel und Prämienzahlern. Sie wird zusätzlich zu einer aussenwirtschaftlichen Grösse: Jede Preissenkung in der Schweiz kann über den Referenzmechanismus das Preisniveau im weitaus grössten und margenstärksten Absatzmarkt der Schweizer Pharmaindustrie beeinflussen. Diese Rückkopplung hat konkrete Folgen. Sinkende Preise im US-Geschäft schmälern die Gewinne der in der Schweiz ansässigen Pharmaunternehmen und damit auch die Gewinnsteuererträge von Bund, Kantonen und Gemeinden. Ein restriktives Schweizer Preisregime, das Hersteller zu tiefen Nettofabrikabgabepreisen zwingt, macht die Schweiz als Referenzland zudem unattraktiv. Für Unternehmen entsteht dadurch ein Anreiz, innovative Medikamente hierzulande gar nicht erst einzuführen. Dies gefährdet die Versorgung der Patienten. ## **Eine kluge Regulierung braucht mehr als tiefe Preise** Die öffentliche Debatte greift oft zu kurz. Wer Medikamentenpreise sachlich beurteilen will, muss zwischen verschiedenen Preisarten, Marktsegmenten und Vergleichslogiken unterscheiden. Dann zeigt sich, dass die Schweizer Preise nicht einfach «zu hoch» sind, sondern in einem komplexen Zusammenspiel von Regulierung, Innovation, Rabattierung und internationaler Preispositionierung stehen. Eine Regulierung, die einseitig auf tiefere Preise zielt, geht zulasten der Versorgungssicherheit und Attraktivität des Pharmastandorts Schweiz. Am Ende verlieren alle: der Staat durch sinkende Steuereinnahmen, die Hersteller durch tiefere Gewinne und Patienten durch einen schlechteren Zugang zu neuen Therapien. Die Schweizer Medikamentendebatte zielt auf den falschen Gegner. Nicht steigende Preise treiben die Kosten, sondern vor allem mehr Behandlungen, daneben neue Therapien. Wer dennoch reflexartig stärkere Preissenkungen fordert, riskiert mehr als tiefere Margen: Er gefährdet den Pharmastandort, schwächt die Versorgungssicherheit und verzögert den Zugang zu Innovationen. Massstab einer klugen Regulierung sollte gerade in der Schweiz nicht der tiefste Preis sein, sondern ein tragfähiger Ausgleich zwischen bezahlbarer Versorgung, dem Zugang zu Innovationen und der Wettbewerbsfähigkeit des Pharmastandorts. ### Das schädliche Fischen nach Subventionen URL: https://www.schweizermonat.ch/das-schadliche-fischen-nach-subventionen/ Last updated: 2026-09-23T16:32:04.000Z 0:00 /696 1× Mitte des 18\. Jahrhunderts wollte die britische Regierung mehr Heringe fangen lassen. Um mehr vom fettreichen Fisch auf die Teller der Bevölkerung zu bekommen, lobte sie eine staatliche Subvention aus. Da in ihren Augen die Kapazitäten das Problem darstellten, richtete sich die neue Förderprämie nach dem Ladevolumen der Fischkutter. Die hart arbeitenden Fischer reagierten auf den neuen Anreiz, wie die ökonomische Theorie voraussagt: Sie rüsteten grössere Schiffe aus und kassierten das Geld – selbst wenn die Netze leer blieben. Adam Smith beschrieb das Ergebnis mit jener Trockenheit, die gute Ökonomen auszeichnet: Manche Schiffe seien nicht ausgelaufen, um die Fische einzufangen, sondern die Subvention. Die Förderung hatte tatsächlich etwas erreicht. Nur nicht das, was der Staat eigentlich beabsichtigte. Heute subventioniert man in Bundesbern zwar keine Heringe, dafür aber einen bunten Strauss an anderen Leistungen. Allein die ausgabeseitigen Subventionen des Bundes belaufen sich inzwischen auf rund 49 Milliarden Franken. Das entspricht mehr als der Hälfte der laufenden Bundesausgaben und rund sechs Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung. Seit 2015 sind die Zahlungen inflationsbereinigt um neun Milliarden Franken oder 22,8 Prozent gestiegen. Bis 2028 sollen weitere 2,6 Milliarden hinzukommen. Und das ist nur die sichtbare Seite: Wie viele Milliarden dem Bund durch Steuer-, Abgaben- und Gebührenvergünstigungen entgehen, ist unklar. Aktuelle Schätzungen liegen seit über einem Jahrzehnt nicht mehr vor. ## **Licht im Förderdschungel** Wie weit das Geflecht der Zahlungen reicht, wissen wir dank einer [Recherche](https://www.iwp.swiss/iwp-subventionsreport-von-ngos-und-grosskonzernen/?ref=schweizermonat.ch) von Christoph Schaltegger, Simon Schmitter und mir. Für die Schweiz lässt sich systematisch nachvollziehen, wer die ausbezahlten Bundessubventionen im ersten Schritt erhält. Im Austausch mit 38 Bundesstellen konnten 22 560 Erstempfänger identifiziert werden, jeweils mit Namen, Betrag, zuständiger Stelle und häufig dem konkreten Projekt. Die erfassten Zahlungen summieren sich auf 43,4 Milliarden Franken, einen Grossteil des Gesamtvolumens. Der Luxuskonzern Rolex bekam 277 000 Franken vom Staat für Kinderbetreuung, es wurden aber auch 10 800 Franken an Steuergeldern zur Förderung von Sprachkenntnissen von Pizzeria-Mitarbeitern ausgegeben. 2,1 Millionen Franken gingen an den Aeroclub Schweiz u.a. für Flug- und Sprungkurse, während der Bund gleichzeitig 3,6 Millionen Franken an die Biovision-Stiftung für ökologische Entwicklung überwies. Für den Film «My Taiwanese Brothers» wurden 100 000 Franken aufgewendet, die Tourismusförderung im Luxusgebiet Gstaad-Saanenland wurde mit 56 000 Franken unterstützt. Nestlé erhielt 72 000 Franken für Migrationszusammenarbeit, und Ecoplan erstellte für 106 000 Franken unter anderem eine Genderstudie zur Ausländerintegration. Zur Gleichstellung der Geschlechter bekam der Eritreische Medienbund insgesamt 51 000 Franken, während die Berater von KPMG 199 000 Franken vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten im Zusammenhang mit ziviler Konfliktbearbeitung und Menschenrechten verbuchten. Der Videospiel-Verband Swiss Game Developers Association bekam 118 000 Franken, der Swiss Tchoukball-Verband hingegen nur 42 000 Franken. Diese Beispiele sind nicht repräsentativ. Und ein Eintrag in der Liste ist kein Schuldspruch. Aus den Erstempfängern und Überweisungen lässt sich nicht automatisch schlussfolgern, dass Steuergeld verschwendet wird. Eine Zahlung kann rechtmässig, wirksam und gesellschaftlich sinnvoll sein. Die Liste schafft zunächst etwas anderes: Transparenz. Sie macht aus abstrakten Budgetposten konkrete Zahlungsströme und erlaubt damit überhaupt erst die Frage, ob Ziel, Empfänger und Instrument zusammenpassen. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/Screenshot-2026-09-09-at-11.53.23.png) **Partikularinteressen statt Masterplan** Die Vergabe von Bundessubventionen scheint dabei keiner einfachen parteipolitischen oder ideologischen Linie zu folgen. Es findet sich für beinahe jedes gesellschaftliche Anliegen ein Fördergefäss und für beinahe jedes Fördergefäss ein plausibel klingender Zweck. Die entscheidende Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen sympathisch und unsympathisch, links und rechts oder gross und klein. Sie verläuft zwischen einer gesamtgesellschaftlichen Begründung und der blossen Finanzierung von Partikularinteressen, die vor allem deshalb Gehör finden, weil gut organisierte Gruppen sie wirkungsvoll vertreten. Subventionen sind dabei von Natur aus weder schlecht noch gut. Sie sind zunächst ein politisches Instrument. Wie bei jedem Instrument kommt es darauf an, welchen Zweck es verfolgt, ob es dafür geeignet ist und ob es ebenjenes Ziel letztlich auch mit mehr Nutzen als Kosten erfüllt. Ökonomisch lassen sich Subventionen etwa dort begründen, wo Märkte systematisch zu wenig von einer gesellschaftlich wertvollen Leistung bereitstellen. Das gilt etwa für öffentliche Güter wie bei der Polizei, von deren Nutzen niemand ausgeschlossen werden kann und sollte, für positive externe Effekte bei Forschung oder unter bestimmten Bedingungen für die Regulierung natürlicher Monopole, etwa bei den Schienen für die SBB. Subventionen bedürfen einer überzeugenden Rechtfertigung: Denn jeder dafür eingesetzte Franken steht nicht mehr für eine andere Staatsaufgabe zur Verfügung oder hätte bei den Steuerzahlern verbleiben können. Die tatsächlichen volkswirtschaftlichen Kosten können jedoch noch höher liegen. Denn die zur Finanzierung erhobenen Steuern beeinflussen Arbeits-, Investitions- und Konsumentscheide und verursachen damit zusätzliche Wohlfahrtsverluste. Hinzu kommen die Kosten der Erhebung und Verwaltung sowie mögliche Mitnahmeeffekte und Wettbewerbsverzerrungen. Subventionen haben zudem stets eine Verteilungswirkung: Wer sie erhält, wird gegenüber jenen begünstigt, die nichts erhalten, aber zu ihrer Finanzierung beitragen. Gerade deshalb ist eine genaue Prüfung wichtig, ob der gesellschaftliche Nutzen die Kosten überwiegt – oder ob primär Einkommen umverteilt wird. ## **Die Macht gut organisierter Gruppen** Der US-Ökonom Mancur Olson beschäftigte sich vertieft mit Subventionen. Er sah, dass der Nutzen einer einzelnen Förderung meist auf eine kleine Gruppe konzentriert ist, die Kosten sich dagegen auf Millionen Steuerzahler verteilen. Die kleine Gruppe hat deshalb einen starken Anreiz, sich zu organisieren, wohlwollende Gutachten zu bestellen, politische Kontakte zu pflegen und gegen Kürzungen zu mobilisieren. Für den einzelnen Zahler lohnt sich derselbe Aufwand nicht. Das Ergebnis ist eine politische Asymmetrie. Die von einer Subventionskürzung betroffenen Gruppen mobilisieren ihre Mitglieder und setzen sich mit Medienmitteilungen, Kampagnen und Protesten zur Wehr. Die eingesparten Steuern bei einer Subventionskürzung verteilen sich eher unsichtbar über das Land. Einen Aufmarsch von Steuerzahlern habe ich noch nie gesehen; Demonstrationen von Landwirten gibt es dagegen reichlich. Der amerikanische Rechtsökonom Gordon Tullock ergänzte die Überlegungen. Neben der Subventionszahlung selbst kosten auch die Ressourcen, die eingesetzt werden, um sie zu verteidigen. Unternehmen, Verbände oder Vereine verwenden Zeit und Geld für Rent-Seeking statt für Innovation. So mancher ETH-Absolvent forscht nicht mehr an den neuesten Krebsmedikamenten, sondern optimiert Subventionsanträge und geht mit Parlamentariern in die besten Restaurants. Diese gesamtwirtschaftlich unproduktive Aktivität kann einen Teil der ökonomischen Rente aufzehren, noch bevor der erste Franken ausbezahlt ist. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/Screenshot-2026-09-09-at-11.49.02.png) So wächst der Staat nicht zwingend durch einen grossen Masterplan. Er wächst durch stetige Akkumulation. Jede Zahlung hat einen konkreten Verteidiger, die Gesamtrechnung dagegen keinen Anwalt. Neue Programme kommen hinzu, alte laufen selten aus. Temporäre Hilfen werden zu Institutionen, Institutionen zu Besitzständen und Besitzstände zu vermeintlich unverzichtbaren Staatsaufgaben. Der Subventionsstaat entsteht nicht über Nacht. Er sedimentiert. Die grossen Volumina der Bundessubventionen korrigieren zwar auf den ersten Blick das Bild vom reinen Lobbytopf für Private. Der Schweizer Subventionsstaat finanziert vor allem seine eigenen Systeme. Rund 83 Prozent der von uns erfassten Mittel gehen an staatliche oder staatsnahe Stellen. Die SBB erhalten als grösster einzelner Empfänger 2,43 Milliarden Franken, die ETH Zürich bekommt 1,46 Milliarden und der Schweizerische Nationalfonds rund 1,34 Milliarden. Dahinter stehen teils plausible Begründungen: Netzinfrastruktur, Grundversorgung, Wissens-Spillover. Doch auch eine klassische Staatsaufgabe ist kein Blankoscheck. Gerade grosse, dauerhaft finanzierte Institutionen besitzen starke Eigeninteressen und professionelle Zugänge zur Politik. Öffentlicher Auftrag und institutionelle Einflussnahme können gleichzeitig bestehen. Betrachtet man zudem die Anzahl der Zahlungen statt deren Volumen, so zeigt sich ein differenzierteres Bild. Tausende Empfänger sind private Aktiengesellschaften, GmbHs und Stiftungen. Die Spannweite reicht von grossen Hilfswerken, Weltkonzernen und Branchenverbänden bis zu lokalen Schützenvereinen, Künstlern und Kinos. Es ist ein kaum zu durchschauender Dschungel an Zahlungsströmen. ## **Rezepte gegen den Wildwuchs** Drei institutionelle Reformen der Subventionslandschaft stellen wir daher zur Diskussion. Erstens sollte die Empfängerliste als öffentliches Register geführt werden. Nicht ein paar Nachwuchswissenschafter, sondern der Staat selbst muss Transparenz über die Vergabe von Steuermilliarden schaffen. Zweitens braucht es regelmässige, unabhängige Wirkungskontrollen, die nicht nur prüfen, ob Geld gesetzeskonform ausgegeben wurde, sondern ob zudem ein volkswirtschaftlicher Mehrwert geschaffen wurde. Drittens sollten neue Subventionen grundsätzlich ein Ablaufdatum erhalten. Wer im Parlament eine Verlängerung will, müsste ihre Wirksamkeit aufs Neue aktiv und fundiert begründen. Transparenz entscheidet nicht, welche Staatsaufgabe legitim ist. Sie sorgt aber dafür, dass dieses Anliegen demokratisch diskutiert werden kann. Der Bund sollte nicht aufhören, öffentliche Güter bereitzustellen, externe Effekte zu korrigieren oder soziale Ziele zu verfolgen. Er sollte bloss verhindern, dass aus jedem gut gemeinten Zweck ein ewiger Zahlungsanspruch wird, und sicherstellen, dass wirklich das Ziel erreicht wird, das man fördert. Sonst gibt es nicht mehr Heringe, sondern lediglich grössere Fischkutter. ### Die Gans, die goldene Eier legt URL: https://www.schweizermonat.ch/die-gans-die-goldene-eier-legt/ Last updated: 2026-09-23T15:30:03.000Z 0:00 /314.209958 1× Ein führender Vertreter der Basler Pharmaindustrie erzählte mir einmal, wie er als Manager den Unterschied zwischen Amerika und der Schweiz erlebe. Wann immer er es in Washington mit Politikern zu tun habe, beginne das Gespräch etwa so: «Mein Schwager Jim hatte Krebs, letztes Stadium, dann erhielt er ein Medikament von Ihrer Firma – und er überlebte. Inzwischen läuft er wieder den New Yorker Marathon. Dafür möchte ich Ihnen herzlich danken!» Erst dann setzt man sich hin und redet über das Geschäftliche, das einen zusammengebracht hat; es darf sich auch um eine leidige Angelegenheit drehen. Trifft hingegen der gleiche Manager in Bern auf einen Politiker, dann tönt das so: «Warum müssen Sie mit Ihren Medikamenten auch so viel verdienen! Können Sie den Hals nicht voll genug kriegen?» Und dabei spiele kaum eine Rolle, ob man mit einem linken oder einem bürgerlichen Politiker rede. Der Hass töne überall gleich. Von Liebe oder allenfalls Stolz über die bedeutendste Exportbranche des Landes ist wenig zu spüren. Warum? Gewiss, der Schweizer Pharmamanager mag Glück gehabt haben; Kritik an hohen Medikamentenpreisen kennt man überparteilich auch in Amerika. Und doch ist das leicht schizophrene Verhältnis der Schweizer (oder besser: der Schweizer Eliten) zur tüchtigen Pharmaindustrie bezeichnend. Elite betone ich, weil sich hier die Kritik besonders auffällig verbreitet hat: Journalisten, Politiker, Professoren äussern sich ­regelmässig und gerne auch despektierlich über den Wachstumsmotor der Schweiz, was früher einem Angehörigen der bürgerlichen Elite nie eingefallen wäre. ## Nasenrümpfen ist chic In den 1970er-Jahren arbeitete sich bloss die Linke an den «Multis» ab, während die Bürgerlichen die global tätigen Konzerne unseres Landes eisern, manchmal auch besinnungslos verteidigten, seien das die Banken oder die Industrie. Nie hätte man auch nur einen Hauch von Verständnis gezeigt, wenn eine NGO etwa Nestlé vorwarf, das Unternehmen «töte Babys», wie das 1974 eine berühmt-berüchtigte Kampagne tat. Es ging um angeblich schädliches Milchpulver; natürlich stimmte nichts davon. Tempi passati. Heute gilt Nasenrümpfen über die Konzerne, allen voran über die Pharma (und die Banken), selbst am Zürichberg als chic. Man nimmt sich nur zurück, wenn man zufällig ­einen Pharmamann eingeladen hat, was selten genug geschieht. Wie ist es dazu gekommen? Zum einen ist die Pharma selber schuld – darauf komme ich später zu sprechen –, zum andern sind unsere «Eliten» fast durchgehend konzernkritisch geworden: Man kann diese Haltung auch links oder antikapitalistisch nennen, insbesondere dann, wenn es sich um Politiker, Chefbeamte, Professoren und Journalisten handelt. Aber selbst in der Privatwirtschaft herrscht nicht mehr jene Art von Omertà, die es früher verbot, schmutzige Wäsche, die es ja gab, in der Öffentlichkeit zu waschen. Man mag hinter vorgehaltener Hand über den Chiasso-Skandal der Kreditanstalt gelästert oder über das Seveso-­Unglück der Roche den Kopf geschüttelt haben – einem Journalisten oder Politiker gegenüber hätte man dies nie wiederholt. Womit wir bei Roche und Novartis wären, den beiden wichtigsten Exponenten der schweizerischen Pharmaindustrie. Ihr Ruf ist schillernd. Zum einen bewundert man sie, immerhin gehören sie zu den zehn grössten Unternehmen der globalen Pharmaindustrie, was für ein kleines Land wie die Schweiz unerhört ist. Zum andern verabscheut man sie – aus diversen Gründen, viele davon hausgemacht. ## Verdächtige Konzerne Roche und Novartis zählen zu den zentralen Unterstützern einer EU-Annäherung: So gut wie keine Kampagne der Economie­suisse für die Bilateralen und gegen die SVP findet ohne das Geld der Pharma statt. Damit sind die beiden Konzerne in den Kreisen der SVP verdächtig, wenn nicht unbeliebt. Zwar würden sich wichtige Vertreter der Partei nie negativ über Roche oder Novartis äussern, doch das Fussvolk hat längst verstanden, wer die SVP in jeder Kampagne wahlweise als «isolationistisch», «hinterwäldlerisch» oder «fremdenfeindlich» hinstellt. Das ist erstens fatal, denn die SVP kommt bei den Wählern auf 30 Prozent – und ist somit die mit Abstand bedeutendste bürgerliche, also wirtschaftsfreundliche Kraft des Landes. Ausgerechnet hier kann die Pharma nicht mehr auf viel Unterstützung rechnen, wenn es darum geht, die Medikamentenpreise zu verteidigen – ihr vorrangiges politisches Anliegen in der Schweiz. Zweitens ist die Linke sowieso gegen die Pharma – und nicht aus jenen Gründen, die sie vorgibt. Natürlich sind ihr die hohen Löhne zu unverschämt, die Tierversuche ein Gräuel und die Medikamentenpreise bloss Ausdruck von Geldgier. Aber das ­alles wären «Probleme», die man lösen könnte. Wenn man ­allerdings die «Lösungen» betrachtet, welche die SP vorschlägt, dann zeigt sich, dass es ihr nach wie vor um die «Überwindung des Kapitalismus» geht – wie das im aktuellen Parteiprogramm auch deutsch und deutlich steht. ## Das Ziel heisst Sozialismus Eigentlich hat sich die Linke nie damit abgefunden, dass der Kapitalismus bis heute sehr am Leben ist. Zwar redet keiner mehr von der Revolution, noch hört man Gutes über die ehemalige Sowjetunion (aber nicht einmal jetzt Kritisches über Kuba), doch wenn man die «Lösungen» der SP studiert, zeigt sich: Der Weg soll in den Sozialismus führen. Nehmen wir das Gesundheitswesen zum Beispiel, das die Pharma am meisten betrifft. Hier strebt die SP eine vollständige Verstaatlichung an. Dass ihr deshalb die privatwirtschaftlich organisierte Pharmaindustrie ein Dorn im Auge ist, versteht sich von selbst. Wenn es die SP schon nicht fertigbringt, Roche und Novartis zu verstaatlichen, was ihr am meisten zupasskäme, dann will sie ihnen immerhin das Leben schwer machen. Deshalb ist die Regulierung der Medikamentenpreise für die Linke so entscheidend: Man bändigt ein Monster, man zähmt die Ausbeuter, man reitet den Drachen. Wenn Pharmamanager in Bern verhandeln, begeben sie sich, so hat es mir ein Basler Manager geschildert, auf eine Art Zeitreise in die Sowjetunion. Dort wie heute in Bern massen sich Beamte an, den «richtigen» Preis zu kennen, und die gleichen Beamten sind der Überzeugung, «Gesundheit» sei ein Menschenrecht und ein öffentliches Gut, will heissen: Der Staat muss dafür sorgen, dass wir alle gesund sind, und der Staat muss das bezahlen. Zwar haben wir das in der Schweiz nie so beschlossen, doch tun die Beamten im zuständigen Bundesamt für Gesundheit so, als wäre das der Fall. Aktivisten im Staatsdienst. > «Wenn Pharma­manager in Bern verhandeln, erleben sie Beamte, die sich anmassen, den ‹richtigen› Preis für alles zu ­kennen. Die gleichen Beamten betrachten ­‹Gesundheit› als öffentliches Gut.» Wenn die Pharma also einen schillernden Ruf besitzt, dann liegt es an dieser Zangenbewegung: Für die Rechte ist sie zu ­europhil, für die Linke zu kapitalistisch. Leider gilt auch hier: Zu viele Jäger sind des Hasen Tod. Die Pharma muss sich entscheiden, mit wem sie überleben will: mit der SVP oder mit der SP? Dass die Pharma eine solche Wahl zwischen Pest und Cholera nicht verdient hat, möchte ich hier betonen. Wenn es ein Wirtschaftswunder gibt in diesem Land, dann ist das die Pharma, die 40 Prozent unserer Warenexporte bestreitet, die für fast zehn Prozent der direkten und indirekten Wertschöpfung verantwortlich ist und die, last but not least, ein Drittel ­aller privaten Forschungsausgaben tätigt. Ohne Pharma wäre die Schweiz arm dran. Wir gingen unter. Allerdings ist auch das leider eine Lehre aus der Wirtschaftsgeschichte: Politiker schlachten mit Vorliebe die Gans, die die goldenen Eier legt. Fragen Sie einen Manager der deutschen ­Automobilindustrie. ### Eine Bremse ersetzt kein Lenkrad: Wie ein schlanker, effizienter Staat gelingen kann URL: https://www.schweizermonat.ch/eine-bremse-ersetzt-kein-lenkrad/ Last updated: 2026-09-23T16:49:21.000Z 0:00 /396 1× 2023 beschloss Graubünden unter Federführung von FDP-Finanzdirektor Martin Bühler, seine digitale Verwaltung im Namen der Effizienz auszubauen. Der Grosse Rat bewilligte dafür 45,6 zusätzliche Vollzeitstellen und 35 Millionen Franken. Inzwischen bietet das *E-Portal* mehr als 40 Behördenleistungen an und wird wöchentlich von rund 1500 Personen besucht (der Renner sind offensichtlich die bisher 22 000 Fristerstreckungen für Steuererklärungen). Sehen wir hier den Aufbau zusätzlicher Bürokratie, die nie mehr verschwinden wird – oder ist dies der erste Schritt zu einem schlankeren Staat? Das Beispiel zeigt ein Dilemma: Wer nur den Input in Form von Stellen oder Budget zählt, verhindert potentiell Investitionen, die den Staat später produktiver, effizienter und qualitativ besser machen können. > «Wer nur den Input in Form von Stellen oder Budget zählt, verhindert potentiell Investitionen, die den Staat später produktiver, effizienter und qualitativ besser machen können.» Die Wirkungsfelder des Staates dehnen sich aus, da unsere Gesellschaft unbestrittenermassen mit neuen Herausforderungen konfrontiert ist: Geopolitische Krisen, technologischer Wandel und die Alterung der Gesellschaft mit ihren drastischen Konsequenzen für Gesundheitssysteme und Sozialversicherungen schaffen reale neue Aufgaben. Hinzu kommen politische Bestellungen durch Volk und Parlament: Am letzten Abstimmungssonntag entschieden allein die Stimmberechtigten der Stadt Zürich über 20 Vorlagen auf drei Staatsebenen. Neue Schulen, Verkehrsnetze oder Sozialleistungen benötigen allesamt Planung, Vollzug und Aufsicht. Auch die Politik mag den perfektionistischen «Swiss Finish» und spielt der Verwaltung laufend neue Aufgaben zu – ohne jemals zu sagen, welche veralteten Prozesse dafür aufgehoben und welche frei werdenden Ressourcen abgebaut werden können. Ein vollständiges Preisschild fehlt, insbesondere auch zur daraus entstehenden Bürokratie für Unternehmen und Bevölkerung. Ist dieses kumulierte Staatswachstum ein Grund, mit der Kettensäge einzuschreiten? Das wäre fahrlässig. Die Schweiz ist kein dysfunktionaler, aufgeblähter Staat: Die Staatsausgaben betragen rund ein Drittel ihrer Wirtschaftsleistung – gegenüber 43 Prozent im OECD-Durchschnitt. Die Zufriedenheit mit den genutzten Verwaltungsleistungen ist bei der Bevölkerung mit über 80 Prozent sehr hoch, und 62 Prozent der Bürger vertrauen dem öffentlichen Dienst – gegenüber 45 Prozent im OECD-Mittel. Der «Output » unserer Verwaltung ist gut. **Aufgabenkatalog in den Fokus nehmen** Trotzdem besteht Bedarf für kluge Reformen. Die Initiativen für eine Verwaltungs- und Stellenbremse weisen auf ein tatsächliches Malaise mit dem stetigen Staatswachstum hin. Nur: Wer die Verwaltung zurückschneiden will, während der Aufgabenkatalog fröhlich weiterwächst, riskiert einen überforderten Staat. Eine Bremse kann das Auto verlangsamen, sie ersetzt aber weder Lenkrad noch Navigationssystem. Wären die Verwaltungsmitarbeiter selber bereit für die nötigen Reformen? Das Problembewusstsein ist vorhanden: In der jüngsten [Sotomo-](https://sotomo.ch/de/projekte/staatslabor-verwaltungsbefragung/?ref=schweizermonat.ch)[Verwaltungsbefragung](https://sotomo.ch/de/projekte/staatslabor-verwaltungsbefragung/?ref=schweizermonat.ch) im Auftrag des Staatslabors beschrieben 71 Prozent der Bundesangestellten ihre Prozesse als überreguliert. Sie erkannten zu starre Hierarchien, bürokratische Prozesse, eine ungenügende Anpassungsfähigkeit an aktuelle Herausforderungen und zu geringe Involvierung der Nutzer bei der Gestaltung von staatlichen Dienstleistungen. Nötig wäre eine Fehlerkultur, die auch beim Staat innovatives Arbeiten und die damit verbundenen Risiken zulässt. > «Nötig wäre eine Fehlerkultur, die auch beim Staat innovatives Arbeiten und die damit verbundenen Risiken zulässt.» Dafür sollten drei komplementäre Instrumente vermehrt genutzt werden: Forking, Sandboxes und Experimentierartikel. Beim Forking öffnet der Staat Daten, Standards und technische Schnittstellen (Open Government Data). Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft können darauf basierend bessere Varianten staatlicher Dienstleistungen entwickeln. Pionierin ist die taiwanesische Civic-Tech-Bewegung [g0v](https://g0v.tw/intl/en/?ref=schweizermonat.ch). Bewährt sich ein solcher Gegenentwurf im Praxistest, wird er vom Staat übernommen und ersetzt die bisherigen Verfahren.Sandboxes schaffen eine Testumgebung, in der Wirtschaft und Forschung im Dialog mit der Verwaltung Innovationen unter realen Bedingungen entwickeln und dabei regulatorische Fragen gemeinsam klären. Vorreiterin ist die durch das Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich initiierte [Innovation-Sandbox](https://www.zh.ch/de/wirtschaft-arbeit/wirtschaftsstandort/innovation-sandbox.html?ref=schweizermonat.ch), aus der unter anderem ein Prototyp zur KI-gestützten Vorabprüfung von Baugesuchen entstanden ist. Die Sandbox bleibt innerhalb des geltenden Rechts. Wo das geltende Recht sinnvolle Lösungen verhindert, braucht es einen Experimentierartikel. In solchen Fällen kann eine gesetzliche Grundlage für zeitlich und sachlich begrenzte Abweichungen geschaffen werden. Ein Beispiel dafür ist das Krankenversicherungsgesetz, das solche Pilotprojekte [ermöglicht](https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1995/1328%5F1328%5F1328/de?ref=schweizermonat.ch#art%5F59%5Fb). Nach einer Evaluation kann bei nachgewiesener Wirkung ein ordentliches Gesetzgebungsverfahren erfolgen. Bei allen Instrumenten ist der Grundsatz wichtig: Was nicht wirkt, wird beendet – und was funktioniert, ersetzt die alten Prozesse und darf keine zusätzliche Bürokratie generieren. Mutige Ansätze und Verwaltungsmitarbeiter müssen belohnt werden. In den nächsten Jahren öffnet sich in der Bundesverwaltung ein Zeitfenster für Reformen, da eine grössere Pensionierungswelle ansteht: 28 Prozent der Angestellten sind 55-jährig oder älter und nur 17 Prozent jünger als 35 Jahre. Diese Chance kann genutzt werden, um die Prozesse so zu gestalten, dass die Verwaltung künftig weniger Ressourcen benötigt. Dafür ist insbesondere der Einsatz von künstlicher Intelligenz eine einmalige Gelegenheit. Nicht jedes neue Problem muss vom Staat gelöst werden. Die Schweiz verfügt glücklicherweise über eine starke Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kultur. Wenn alle anpacken, können wir die Herausforderungen meistern. Das Lenkrad haben wir gemeinsam in der Hand. ### Kluge Anpassung statt Rückzugsgefechte: Liechtenstein schafft Stabilität durch Agilität URL: https://www.schweizermonat.ch/kluge-anpassung-statt-ruckzugsgefechte-liechtenstein-schafft-stabilitat-durch-agilitat/ Last updated: 2026-09-23T16:48:21.000Z 0:00 /222 1× Wir leben in einer Zeit der grossen Veränderungen. Diese eröffnen einerseits neue Chancen, andererseits führen sie aber auch zu starker Verunsicherung. Stabilität und Rechtssicherheit sind in solchen Zeiten äusserst wichtige Standortvorteile. In den letzten Jahren haben sich die Standards für die internationalen Finanzmärkte rasant weiterentwickelt. Die Regulierungswelle stellt Finanzdienstleister vor grosse Herausforderungen. Für den Finanzplatz Liechtenstein bietet sie aber auch eine Chance. Denn Regeln, die multilateral oder sogar weltweit gelten, schaffen Rechtssicherheit und faire Wettbewerbsbedingungen. Für die Finanzdienstleister bergen sie zudem das Potenzial, sich gegenüber anderen Standorten abzugrenzen. Auch Wirtschaftsstandorte brauchen Klarheit und Rechtssicherheit, um wettbewerbsfähig zu sein. Dabei spielt die Reputation eines Standortes beziehungsweise eines Landes eine wichtige Rolle. Sie wird wesentlich davon bestimmt, wie ein Land in der Lage ist, seine Rahmenbedingungen und Geschäftsmodelle an den geltenden internationalen Standards auszurichten und diese mitzuprägen. ## **Handlungsspielraum gewinnen** Liechtenstein hat sich mit verschiedenen Initiativen in den letzten Jahren aktiv positioniert und dabei wesentliche Weichenstellungen für die strategische Ausrichtung des Finanzplatzes vorgenommen. Ich möchte hier die Liechtenstein-Erklärung 2009 zur Steuerkonformität und die Regierungserklärung von 2013 zum automatischen Informationsaustausch erwähnen. Die Regierungserklärung war eine konsequente Fortführung der bereits seit längerem eingeschlagenen und praktizierten Steuerkonformitätsstrategie. Der Trend und die politischen Forderungen der G20, der OECD und der EU gingen klar in Richtung Einführung eines automatischen Austausches von Steuerinformationen. Die Regierung war überzeugt, dass nur eine aktive und rasche Positionierung den notwendigen Handlungsspielraum verschaffen könne. So gewann Liechtenstein die notwendige Zeit, um die Veränderungen des internationalen Geschäftsumfeldes zu antizipieren und sich im Wettbewerb weiterhin erfolgreich zu behaupten. Die Regierung hat sich bewusst gegen zeit- und energieraubende Rückzugsgefechte entschieden. Stattdessen investierte sie ihre Energie, um die internationalen Vorgaben einzuhalten und die zugehörigen Standards konsequent umzusetzen. Diese Konformität nahm unter den damaligen Rahmenbedingungen eine herausragende Rolle ein, und zwar nicht nur für den Finanzplatz, sondern für Liechtenstein als attraktiven Wirtschaftsstandort ganz allgemein. Damit hat Liechtenstein seine internationale Position als zuverlässiger und vertrauenswürdiger Partner gestärkt. > «Die Regierung hat sich bewusst gegen zeit- und energieraubende Rückzugsgefechte entschieden.» Diese Weichenstellungen waren im Rückblick wichtig und notwendig, damit die Finanzdienstleister in Liechtenstein und aus Liechtenstein heraus auch in Zukunft erfolgreich tätig sein können. Die Grundlage dafür wurde durch das Vertrauen in die Integrität des Finanzplatzes sowie die hohe Qualität des Dienstleistungsangebotes geschaffen. Dass Liechtenstein auf dem richtigen Weg ist, zeigt auch das von S&P bestätigte AAA-Rating mit stabilem Ausblick. Damit gehört Liechtenstein zum kleinen Kreis von Staaten mit der bestmöglichen Risikobewertung. Gerade in unsicheren Zeiten suchen viele Anlegerinnen und Anleger diese Stabilität. Sie ist ein wichtiger Eckpfeiler des liechtensteinischen Finanzplatzes. Liechtenstein ist heute einer der stabilsten und gleichzeitig agilsten Staaten der Welt. Warum? Das Land hat stets nach vorne geblickt und notwendige Veränderungen aktiv und zum richtigen Zeitpunkt gestaltet. Die Entwicklung des Finanzplatzes und die Finanzplatzpolitik sind ein Beispiel dafür. Der Rechtsrahmen wurde immer wieder mit Weitblick an die aktuellen Gegebenheiten und voraussichtlichen Entwicklungen angepasst. Diesen Weg sollte Liechtenstein auch in Zukunft konsequent weitergehen. ### Sechs Vorurteile gegen die Pharmaindustrie – und wie viel sie taugen URL: https://www.schweizermonat.ch/sechs-vorurteile-gegen-die-pharmaindustrie-und-wie-viel-sie-taugen/ Last updated: 2026-09-23T16:47:41.000Z 0:00 /559 1× ## «Pharmakonzerne betreiben Medizin als Geschäft» Kritiker beanstanden, die Pharmaindustrie habe in den letzten 25 Jahren aufgehört, sich auf die Gesundheit der Menschen oder auf wissenschaftliche ­Inno­vation zu konzentrieren, sondern es drehe sich alles um die Steigerung der Milliardenprofite. Pharma ist ein Geschäft, keine Frage. Doch es ist ein Geschäft mit extrem hohen Risiken. Die Entwicklung neuer Medikamente dauert im Schnitt 12 Jahre und verschlingt 2,1 Milliarden, bevor überhaupt ein Franken Umsatz erzielt wird. 95% aller getesteten Substanzen werden nie ein fertiges Medikament. Wer leicht verdiente «Milliardengewinne» sucht, ­investiert in anderen Branchen, etwa im Finanzsektor. In der Schweiz investieren Pharmaunternehmen jährlich rund 9 Milliarden Franken in Forschung und leisten rund 10 Mrd. Franken an Steuern und Abgaben bei rund 4,7 Mrd. Franken Umsatz. Es fliesst also mehr Geld in Forschung und Steuern zurück, als im Inland eingenommen wird. Seit 1990 haben pharmazeutische Innovationen die Mortalität bei unter 85-Jährigen in der Schweiz um fast ein Drittel gesenkt und rund zwei Millionen Spitaltage pro Jahr eingespart. Direkt wirkende antivirale Therapien heilen heute über 95 Prozent der Hepatitis-C-Patienten. Ohne diese durch die Pharmaindustrie ermöglichten Fortschritte müsste man die Patienten, wie in früheren Zeiten, jahrzehntelang überwachen und mit teuren Transplantationen behandeln. --- ## «Pharmakonzerne verlangen ­überrissene Preise» Kritiker beanstanden, die Medikamentenpreise würden künstlich hochgehalten und die Medikamente könnten bei einer sozialeren Pharmapolitik allen ­Menschen zur Verfügung stehen, gerade in Schwellenländern mit schlechter medizinischer Versorgung. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Der Preisindex für Medikamente ist seit 1996 um 48 Prozent gesunken, während der Spitalpreisindex und die Indizes anderer Gesundheitsleistungen deutlich gestiegen sind. Medikamente machen rund 12,1 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben in der Schweiz aus: 11,4 Milliarden Franken von insgesamt 93,95 Milliarden im Jahr 2023\. Seit 2023 sind die ­Medikamentenkosten unterdurchschnittlich gewachsen: 3,1 Prozent pro Jahr gegenüber 3,2 Prozent für das gesamte Gesundheitswesen. Kaufkraftbereinigt sind patentgeschützte Medikamente in der Schweiz im Schnitt 20% günstiger als im europäischen Umfeld; ohne Kaufkraftbereinigung ­liegen die Auslandspreise etwa 9 Prozent tiefer. Die Rede von «explodierenden Medikamentenpreisen» ist empirisch schwer haltbar, wenn der einzige systematisch sinkende Preisindex im Gesundheits­wesen gerade die Medikamente betrifft. Das Kostenproblem im Gesundheitswesen liegt primär in der überalternden Bevölkerung. --- ## «Pharmakonzerne quälen Tiere» Kritiker beanstanden, die Industrie quäle Tiere im ­Labor, obwohl heute die meisten Produkte ohne Tierversuche entwickelt werden könnten. Tierversuche in der Schweiz unterliegen strengen Tierschutzauflagen. Belastungen, Schmerzen und Stress für die Tiere müssen so weit wie möglich vermieden oder minimiert werden, und jeder Versuch wird vorab auf seine wissenschaftliche Notwendigkeit und Verhältnismässigkeit geprüft. Die Unternehmen haben nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein ethisches Interesse daran, die Zahl der Tierversuche weiter zu senken. Deshalb investieren sie gezielt in Alternativmethoden und setzen Tierversuche nur dort ein, wo sie für die Beurteilung von Sicherheit und Wirksamkeit weiterhin unverzichtbar sind. Obwohl sich die Forschungsaktivität gemäss der Branche mehr als verdoppelt hat, konnte die Zahl der eingesetzten Versuchstiere in der Schweiz dank der sogenannten 3R-Prinzipien (Replace, Reduce, Refine) seit dem Jahr 2000 um knapp 60 Prozent auf etwa 134 300 Tiere gesenkt werden. Rund 45 Prozent der Forschungsausgaben fliessen in klinische Studien am Menschen. Tierversuche sind gesetzlich nur zulässig, wenn keine Alternativen bestehen. Schweizer Pharmaunternehmen haben eine 10- Punkte-Tierschutz-Charta, arbeiten mit dem nationalen 3R-Kompetenzzentrum zusammen und werden vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und ­Veterinärwesen überwacht. Tierversuche spielen in der präklinischen Forschung nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie kommen dort zum Einsatz, wo komplexe biologische Zusammenhänge noch nicht ausreichend mit alternativen Methoden untersucht werden können, und sind in ­vielen Bereichen Voraussetzung, um die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Therapieansätze vor klinischen Studien zu beurteilen. --- ## «Pharmakonzerne lassen Kranken­kassenprämien explodieren» Die jährlich steigenden Krankenkassenkosten gehen gemäss Kritikern auf das Konto der Pharmaindustrie. Würde man diese beschränken und die Industrie staatlich regulieren, wäre eine gute Gesundheits­versorgung für alle Menschen bezahlbar. Auch dieser Behauptung widersprechen die ­Zahlen. Der Anteil der Medikamentenkosten an den Gesamtkosten des Gesundheitswesens beträgt seit über zehn Jahren konstant rund 12 Prozent. In der Schweiz sind Bruttoinlandsprodukt und Löhne seit 1996 pro Kopf deutlich stärker gestiegen als die ­Gesundheitskosten; die «Belastung» ist also im ­Verhältnis zur Wirtschaftsleistung gesunken und schon gar nicht ausser Kontrolle. Dank pharmazeutischen Innovationen wurden in der Schweiz rund 2 Millionen Spitaltage pro Jahr vermieden. Das entspricht einer Einsparung von etwa 3 Milliarden Franken. Wenn Krankenkassenprämien heutzutage steigen, liegt das primär am demografischen Wandel und dem entsprechend gestiegenen Pflegebedarf, nicht an den Medikamenten. --- ## «Pharmakonzerne halten Patienten krank» Ein verbreitetes Vorurteil ist die Annahme, dass die ­Industrie darauf abziele, Menschen krank zu halten, statt sie gesund zu machen. Eine lebenslange Abhängigkeit von Medikamenten sei für die Industrie viel ­attraktiver als die Heilung von Krankheiten. Auch hier sieht die Realität anders aus. Medikamente und Impfungen sind zentrale Präventions­instrumente: Die HPV-Impfung verhindert weltweit jährlich rund 27 000 Krankheitsfälle und etwa 12 000 Todesfälle. Neue RSV-Impfstoffe und monoklonale Antikörper haben Hospitalisationen von Kindern und Älteren deutlich reduziert. Direkt wirkende Hepatitis-C-Therapien zielen explizit auf Heilung, nicht auf Chronifizierung. In Zahlen: Über 95 Prozent der Patienten werden geheilt. Eine Grunderfahrung in der Branche lautet: Die ­Innovationen von heute sind die Generika von morgen. Blockbuster-Therapien werden nach Patentablauf zu günstigen Standardbehandlungen, die es sonst gar nicht gäbe. Wer behauptet, die Industrie «will» Kranke, ignoriert, dass erfolgreiche Heilungen gesellschaftlich ­extrem wertvoll sind – und langfristig das Vertrauen in die Branche sichern. --- ## «Pharmakonzerne bereichern sich durch Patente» Pharmakritiker werfen der Industrie vor, übermässig vom Patentschutz zu profitieren. Durch die Patente und ein damit verbundenes, übertriebenes Besitz­denken in Schlüsselbereichen werden angeblich Innovationen verhindert. Tatsache ist, dass Patente eine Laufzeit von 20 ­Jahren haben. Von diesen 20 Jahren sind im Durchschnitt bereits 10 Jahre verstrichen, bis ein Wirkstoff überhaupt auf den Markt kommt – der Marktschutz ist dann entsprechend verkürzt. Der Cholesterinsenker Atorvastatin (Sortis) war 2011 ein Blockbuster; seit Patentablauf 2012 haben sich die Kosten für den Wirkstoff mehr als halbiert, während die Zahl behandelter Patienten stark gestiegen ist. 2024 lag der Generikaanteil in generikafähigen Segmenten bei rund 66 Prozent, Biosimilars haben erstmals höhere Umsätze erzielt als Referenzprodukte. Die Schweiz ist Spitzenreiter bei Patentanmel­dungen. 2025 befanden sich weltweit etwa 10 949 Wirkstoffe in marktnahen Entwicklungs­stadien; der grösste Teil entfällt auf Onkologie, ­Infektionen, ­Entzündungen, Autoimmunerkran­kungen und Atemwegserkrankungen. Ohne Patentschutz wären Milliardeninvestitionen in Spitzenforschung nicht finanzierbar; die Quer­subventionierung der vielen Fehlschläge hängt an den wenigen erfolgreichen Produkten. Patente blockieren nicht pauschal Innovation, sondern strukturieren sie: Es gibt umfangreiche ­Lizenz- und Patentvereinbarungen mit Hochschulen, über die Gelder aus privater Forschung zurück ins ­öffentliche System fliessen. ### «Irgendwann geht das Geld aus» URL: https://www.schweizermonat.ch/irgendwann-geht-das-geld-aus/ Last updated: 2026-09-23T16:46:18.000Z 0:00 /684 1× **Tobias Straumann, als Professor bist du selber Staatsangestellter. Beginnen wir daher mit dem Positiven: Für welche Leistungen, die der Staat uns zur Verfügung stellt, können wir dankbar sein – einmal abgesehen von deiner eigenen Forschung?** **Tobias Straumann:** Es gibt viele Staatsaufgaben. Lange bedeutete Staat im Wesentlichen innere und äussere Sicherheit. Das galt in der Schweiz eigentlich fast bis zum Zweiten Weltkrieg. Durch die dauernden Kriege, die in Europa seit dem Spätmittelalter stattfanden, ist der Staat erst in seiner modernen Form entstanden und hat grosse Finanzbedürfnisse entwickelt. Das öffentliche Bildungswesen nahm zwar schon im 19\. Jahrhundert seinen Anfang, aber das grosse Wachstum dort ist eine sehr junge Entwicklung seit den 1960er-Jahren. **Heisst das, das Wachstum des Staates, das wir in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet haben, beruht auf Leistungen, die nicht unverzichtbar sind? Die Schweiz leistet sich zum Beispiel einen Sozialstaat, der nicht nur die Ärmsten unterstützt, sondern bis weit in den Mittelstand und darüber hinaus Geld verteilt.** Das ist so. Der Ausbau begann in der Nachkriegszeit. Die Industrieländer wurden sehr reich und konnten sich nun einen grossen Wohlfahrtsstaat leisten – vorher hatten sie dieses Geld gar nicht. **Ist ein grosser Staat also einfach ein Wohlstandsphänomen?** Eindeutig. Die Bildung war zum Beispiel sehr wichtig für das 19\. Jahrhundert und auch für die Industrialisierung, aber nur bis zu einem gewissen Niveau. Für eine prosperierende Wirtschaft braucht es keine Maturitätsquote von 50 Prozent. Irgendwann ist die Kausalität nicht mehr so klar: Führt mehr Bildung wirklich zu mehr Wachstum, oder führt mehr Wachstum umgekehrt dazu, dass die Leute länger in die Schule gehen und studieren können? **Die Schweiz gilt im internationalen Vergleich als schlanker Staat. Stimmt das?** Nein. Das stimmt nur, wenn man allein die Steuerquote anschaut, die bei etwas mehr als 30 Prozent liegt. Diese Quote vernachlässigt aber vieles. Das hat mit dem Aufbau des Schweizer Sozialstaats zu tun, wo wir einen ziemlichen Wildwuchs haben: Er hat sich dezentral entwickelt, zunächst privat, und dann hat auch der Staat zu regulieren begonnen. Die Krankenkassen und Pensionskassen sind zwar immer noch privat, aber es handelt sich um Zwangsabgaben. Rechnet man diese hinzu, dann sind wir im Mittelfeld bei etwa 45 Prozent. Wir sind überhaupt nicht schlank – zum Teil sind wir sogar die Teuersten. Bei den Bildungsausgaben pro Kopf sind wir in der Spitzengruppe, und die Effizienz ist nicht besonders hoch. Ähnliches gilt für das Gesundheitssystem: Es ist hervorragend, aber es ist auch teuer, und die Effizienz ist im internationalen Vergleich ebenfalls nicht so gut. > «Wir sind überhaupt nicht schlank – zum Teil sind wir sogar die Teuersten.» **Wie definiert die Wissenschaft die Staatsgrösse?** In der Regel schaut man einfach auf die Zwangsabgaben, also Steuern und weitere Abgaben. Das ist ungefähr deckungsgleich mit der Staatsquote. Die meisten OECD-Länder gehen da Richtung 50 Prozent und bleiben dann irgendwo zwischen 40 und 50 Prozent stehen; ein paar liegen darüber. Ich glaube, 50 Prozent ist eine Grenze, wo man eigentlich bremsen sollte. **Aber es gibt ja auch noch andere Kennzahlen, etwa zur Regulierungsdichte. Ein Staat kann relativ wenig Geld einnehmen und trotzdem sehr weit in das Leben seiner Bürger eingreifen.** Sicher. Bei der Regulierungsdichte sind wir ebenfalls zunehmend im Mittelfeld, weil wir sehr viel selber regulieren, aber auch sehr viel übernehmen. **Von der EU?** Ja, aber nicht nur. Das ist der grosse Paradigmenwechsel seit den 1990er-Jahren: Überall hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass die internationale Wirtschaft nur funktioniere, wenn sie stark harmonisiert werde. Das führte zu einem riesigen Regulierungsschub, in dem wir immer noch drinstecken. Ich sehe das in der Bildung: Das Bologna-System, das in den 2000er-Jahren eingeführt worden ist, ist etwas völlig Neues. Früher gab es die gegenseitige Anerkennung, aber die Unterschiede blieben bestehen. Jetzt haben wir eine neue Phase der Globalisierung, in der man das Gefühl hat, es müsse international alles möglichst gleich sein, zumindest bei der Regulierung. Das gilt nicht nur für die EU, sondern auch für andere Organisationen. **Man sagt dann immer, man wolle Dinge vereinfachen und müsse sich deshalb dem Ausland anpassen – unter dem Strich führt das aber immer zu mehr Regeln.** Ja. Ich muss zugeben, dass ich das selbst lange nicht begriffen habe. Zu Harmonisierung hatte ich früher ein sehr positives Verhältnis. Ich dachte: Das ist doch gut, dann wird alles einfach! Aber die Erfahrung zeigt: Es wird extrem nach oben reguliert. Heute rate ich allen grundsätzlich, Nein zu sagen, wenn man das Wort Harmonisierung hört. Das Problem an diesem Konzept ist nämlich, dass die realen Unterschiede riesig sind. Eine Matura in Spanien, in Finnland oder in der Schweiz ist nicht dasselbe. Schon innerhalb der Schweiz haben wir riesige Unterschiede: In Basel-Stadt machen 50 Prozent einen Maturitätsabschluss, im Appenzellerland sind es knapp 20 Prozent. Die Basler sind nicht gescheiter als die Appenzeller, aber indem man sagt, die Matura reiche überall für den Hochschulzugang, entstehen neue Ungleichheiten – weil die Kantonsschule in Herisau vielleicht strenger ist als ein Basler Gymnasium. Deshalb ist die gegenseitige Anerkennung wahrscheinlich das präzisere Instrument, weil man danach noch einbauen kann, ob zusätzliche Leistungen nötig sind, wenn die Unterschiede zu gross sind. > «Zu Harmonisierung hatte ich früher ein sehr positives Verhältnis. Ich dachte: Das ist doch gut, dann wird alles einfach! Aber die Erfahrung zeigt: Es wird extrem nach oben reguliert.» **Wächst der Staat nicht auch deshalb, weil die Nachfrage nach staatlichen Leistungen steigt?** Ja. Die interessante politökonomische Frage ist: Was passiert, wenn immer mehr Leute netto mehr vom Staat bekommen, als sie einzahlen? Wir sind genau in dieser Phase, und es gibt Anzeichen für Verschiebungen. Die 13\. AHV-Rente wurde vor allem von jenen angenommen, die in den Genuss der zusätzlichen Rente kommen. Es ist bedenklich, wenn nur noch reine Interessenpolitik betrieben wird, wenn jeder nur schaut: Was bekomme ich und was muss ich einzahlen? Irgendwann geht dem Staat das Geld aus. Früher war der Staat so schwach, dass die Leute, die vom Staat lebten, eindeutig eine Minderheit waren. **Es gibt dann einen selbstverstärkenden Effekt: Wenn die Leute zunehmend von staatlichen Leistungen profitieren, stimmen sie auch für einen weiteren Ausbau.** Ja. Die Hoffnung ist natürlich, dass die Leute zwischen den ganz individuellen Vorteilen und dem Gesamtwohl unterscheiden. Wenn das Ganze nicht mehr funktioniert, schlägt das irgendwann auch auf die individuellen Vorteile zurück. Man hofft, dass die Leute heute abwägen, ob eine zusätzliche Staatstätigkeit wirklich wichtig ist für das Allgemeine. Es gibt immer wieder Phasen, in denen Länder fundamentale Reformen durchziehen und finanzpolitisch einen Kompromiss zwischen Verzicht und Ausbau finden. **Man kann die Staatsgrösse also auch wieder herunterfahren?** Vielleicht fährt man sie nicht stark herunter, aber man findet zumindest die Balance wieder. Solche Entwicklungen passieren in Phasen. Ab den 1990er-Jahren waren wir in einer Regulierungsphase, in der Reformen an sich als etwas Gutes galten und man alle drei Jahre etwas Neues machen musste – angetrieben durch internationale Institutionen, aber auch durch einen Mentalitätswandel. Das hat sich durch die Finanzkrise und die Coronakrise verstärkt, als der Staat massiv stützte und die Frage, ob wir uns das überhaupt leisten können, gar nicht gestellt wurde. Aber das kann sich wieder ändern, und das wird es auch, wenn plötzlich klar wird, dass man nicht alles haben kann. **Du hast dich in deiner Forschung viel mit Krisen beschäftigt. Inwiefern sind Krisen Treiber des Staatswachstums?** Sie sind auf jeden Fall Treiber. Aber ich würde unterscheiden: Eine normale Rezession führt zu einer Zunahme der Schulden, weil man plötzlich weniger Steuereinnahmen hat und mehr ausgeben muss. Das war lange Zeit die normale Krise – eigentlich bis zur Finanzkrise 2008\. Diese war etwas Neues. Die Staaten mussten massiv intervenieren, weniger in der Schweiz als in bestimmten EU-Ländern oder in den USA. Die Coronakrise war nochmals etwas Eigenes: Da wurde noch viel mehr Geld ausgegeben, um die Nachfrage und die Einkommen zu stützen. Diese beiden Krisen haben die Staatsentwicklung angetrieben. Normalerweise sind Krisen nicht so grundlegend, dass sie einen solchen Mentalitätswandel auslösen. **Ist es ein Mentalitätswandel oder eher ein Automatismus? In der Ökonomie spricht man vom Sperrklinkeneffekt: Der Staat wächst in der Krise sprunghaft und geht danach nicht mehr auf das alte Niveau zurück.** Das galt für die beiden Weltkriege ganz ausgeprägt, aber für die beiden jüngsten Krisen eigentlich nicht. Es ist nicht so, dass in den meisten Ländern die Staatsquote sprunghaft zugenommen hätte – sondern die Schulden. Das ist das Problem – und vor allem die Vorstellung, dass Schulden eigentlich überhaupt kein Problem seien. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad: Der Staat darf sich verschulden. Aber der heutige Pfad ist beunruhigend. Es werden Riesendefizite angehäuft: in den USA 6 bis 7 Prozent pro Jahr, Frankreich bewegt sich in ähnlichen Grössenordnungen – das ist Wahnsinn! Die Vorstellung, dass der Haushalt über den Konjunkturzyklus hinweg ausgeglichen sein sollte, gilt nicht mehr; und von Schuldenabbau redet sowieso niemand mehr. > «Die Vorstellung, dass der Haushalt über den Konjunkturzyklus hinweg ausgeglichen sein sollte, gilt nicht mehr; und von Schuldenabbau redet sowieso niemand mehr.» **Gibt es bezüglich der Staatsgrösse irgendwo ein Niveau, das nicht mehr nachhaltig ist?** Es gibt keine klare Regel, aber ab einer Quote zwischen 40 und 50 Prozent ist es wahrscheinlich nicht mehr nachhaltig. Das eigentliche Problem ist aber die Regulierungsdichte. Solange ein grosser Teil der Wirtschaft privat und innovativ bleibt, neue Firmen ohne grosse Hindernisse entstehen und auch wieder verschwinden können, spielt es keine so grosse Rolle, wie hoch die Staatsquote ist. Wenn man aber gleichzeitig beginnt, das Produktivitätswachstum abzubremsen, wird es prekär. Leider befinden wir uns genau in dieser Phase. Wenn wir so hohe Staatsquoten wollen, wie wir sie derzeit in Europa sehen, dann müssten wir umso mehr Regulierung abbauen, damit wir den Sozialstaat und all die anderen Aufgaben überhaupt nachhaltig finanzieren können. **Siehst du einen Ausweg?** Ich glaube, dass ein Umdenken erst kommt, wenn die Wirtschaft über längere Zeit stagniert – wie in den 1970er-Jahren – und sich so grosse Budgetdefizite anhäufen, dass die Politik merkt: Wir können nicht mehr alles finanzieren. Aber da bin ich optimistisch: Wenn es so weit ist, sind auch die europäischen Länder in der Lage, sich zu erneuern. Es dauert einfach wahnsinnig lange. ### «‹Fremde Richter› waren für uns nie ein Problem» URL: https://www.schweizermonat.ch/fremde-richter-waren-fur-uns-nie-ein-problem/ Last updated: 2026-09-23T16:44:35.000Z 0:00 /489 1× **Durchlaucht, bei Ihrem Grossvater und Ihrem Vater soll es vorgekommen sein, dass die Leute einfach «Hoi Fürst» gerufen haben. Ist das bei Ihnen heute auch so?** Alois von und zu Liechtenstein: In Liechtenstein ist man sehr informell. Es ist durchaus üblich, dass man «Hoi» als Begrüssungsformel verwendet, auch bei mir. Und bei Personen, mit denen ich zur Schule gegangen oder aufgewachsen bin, ist es privat immer «Hoi». **Sie nehmen seit mehr als 20 Jahren die Aufgaben des Staatsoberhaupts wahr. Was hat sich in dieser Zeit am stärksten verändert?** Vor allem die geopolitische Lage. Wenn man das Jahr 2004 betrachtet, lag der Fall des Eisernen Vorhangs schon 15 Jahre zurück. Man glaubte zwar nicht mehr an Fukuyamas «Ende der Geschichte», aber es herrschte noch die Vorstellung, dass sich eine regelbasierte Weltordnung mit liberalen Werten und Rechtsstaatlichkeit durchsetzen würde. Das ist heute anders. Veränderte Machtblöcke, Polarisierungen, hybride Kriegsführung, künstliche Intelligenz, Cybercrime: Auf vielen Ebenen gibt es Unsicherheiten. Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Uns beschäftigt heute stärker die Frage, wie wir die Sozialversicherungen, die Alters- und Gesundheitsvorsorge und Pflege langfristig sichern können. **Was denken Sie, welche Seite Ihrer Arbeit wird von der Öffentlichkeit am häufigsten unterschätzt?** Wahrscheinlich die Zeit, die nicht öffentlich sichtbar ist. Hintergrundgespräche im In- und Ausland mit Politikern, Wirtschaftsvertretern, anderen Interessengruppen und Experten, aber auch mit einfachen Menschen aus der Bevölkerung. Hinzu kommt die Zeit, die man investieren muss, um nachzudenken, sich wirklich in ein Thema zu vertiefen. **Angeblich soll Zar Alexander II. Ihrem Vorfahren, Fürst Johann II., im Jahr 1867 Alaska zum Kauf angeboten haben. Ist das eine schöne Legende oder eine Wahrheit?** Ja, das ist eine Geschichte, die in der Familie über Generationen hinweg erzählt wurde *(lacht).* **Ihr Vater, Fürst Hans-Adam II., hat diese Geschichte nie bestätigt, aber auch nie dementiert.** Schriftliche Dokumentationen haben wir dafür tatsächlich nicht. Aber zwischen dem Zarenhaus und unserer Familie bestand eine relativ enge Verbindung. Der damalige Zar hielt sich in seiner Jugend in Wien auf. In einem unserer Palais gibt es auch ein Geschenk des Zaren: besonders wertvolle Vorhänge. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass der Zar Alaska zuerst dem damaligen Fürsten angeboten hatte. **Am Ende verkaufte Russland Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten, nach heutiger Kaufkraft rund 170 Millionen Dollar. Wäre ein Kauf für Ihre Familie damals überhaupt finanzierbar gewesen?** Ja. Aber Alaska war doch sehr weit entfernt und wäre nur schwer zu kontrollieren gewesen. Ich nehme daher an, dass ein Verkauf an uns, wenn überhaupt, nicht besonders eingehend besprochen wurde. **Zurück in die Gegenwart: Sie haben bei der Landtagseröffnung 2026 die Bedeutung von Institutionenvertrauen, Konsenskultur und gemeinsamen Werten hervorgehoben. Wo sehen Sie dieses Vertrauen heute am stärksten gefährdet?** Glücklicherweise ist das Institutionenvertrauen in Liechtenstein weiterhin sehr hoch, wie Umfragen zeigen. Dennoch sehe ich in den sozialen Medien eine Gefahr für das Vertrauen. **Meinen Sie YouTube, TikTok oder X?** Ja, heute nutzen in Liechtenstein vermutlich mehr als 30 Prozent der Bevölkerung kaum noch klassische Nachrichtenmedien und informieren sich stattdessen vorwiegend über soziale Medien. Dadurch besteht die Gefahr, dass Menschen in Echokammern geraten, die ihnen nur noch das erzählen, was sie bereits glauben oder gerne hören wollen. Dort dominieren häufig Themen und Debatten aus dem Ausland, während Liechtenstein selbst kaum vorkommt oder falsch dargestellt wird. **Was wäre denn eine gute Nachricht über Liechtenstein, die im Ausland viel zu wenig wahrgenommen wird?** Früher hielt sich im Ausland hartnäckig das Klischee von Liechtenstein als einer Art Märchenmonarchie in den Alpen, die vom Verkauf von Briefmarken und von Briefkastenfirmen lebe. Die Philatelie war tatsächlich über Jahrzehnte eine bedeutende Einnahmequelle des Landes. Auch das Bild der Briefkastenfirmen hatte einen realen Kern: Liechtensteins günstige rechtliche und steuerliche Rahmenbedingungen zogen zahlreiche ausländische Sitzgesellschaften an. Mit rund 40 Prozent des Bruttosozialproduktes und Arbeitskräften ist aber der sekundäre Sektor mit seiner sehr breit diversifizierten und international orientierten Industrie der grösste Bereich. Inzwischen ist dieses Klischee wohl weniger verbreitet. Wir sind jedenfalls ein Land mit einer extrem hohen Lebensqualität, mit besonderer politischer und wirtschaftlicher Stabilität. **Wie kann ein kleines Land mit 40 000 Einwohnern im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung autonom bleiben?** Wenn man erfolgreich sein möchte, kann man keinen völlig autarken Weg gehen. Wir sind auf eine internationale Wirtschaft, offene Grenzen und Märkte angewiesen. Wir können auch nicht alles allein machen oder selbstständig anbieten: Liechtenstein hat zum Beispiel keine eigene Geburtenstation und keine vollwertige Intensivstation. Auch im Ausbildungsbereich sind wir auf Kooperationen angewiesen. Wir bezahlen mit, damit wir die Spitalinfrastruktur und Bildungsstrukturen der Nachbarstaaten nutzen können. > «Wir bezahlen mit, damit wir die Spitalinfrastruktur und Bildungsstrukturen der Nachbarstaaten nutzen können.» **Wie ist es mit der Sicherheitspolitik?** Kleine und mittelgrosse Staaten können sich heute kaum mehr vollständig selbst verteidigen, weder militärisch noch technologisch. Ein Abfangjäger oder ein umfassendes System der Cybersicherheit ist für kleine Staaten weder zu finanzieren noch zu betreiben. An solche Bedingungen ist Liechtenstein aber gewöhnt. Wir waren immer auf eine enge Zusammenarbeit mit dem Ausland angewiesen. **Zum Beispiel?** Bis Mitte der 1920er-Jahre lag die höchste Instanz der ordentlichen Gerichtsbarkeit in Innsbruck. Auch heute ist etwa die Hälfte unserer Richter ausländischer Herkunft. «Fremde Richter» waren für uns nie ein Problem. **Monarchie und direkte Demokratie sind in Ihrem Land vereint. Wie funktioniert das eigentlich?** Liechtenstein hat zwei Souveräne – Fürst und Volk. Das monarchische Element bringt Kontinuität, Langfristigkeit und Identität in die Politik. Da das Fürstenhaus über den Parteien steht, kann es ausserdem in festgefahrenen Situationen vermitteln. Die direkte Demokratie wiederum sorgt für Bürgernähe. Sie basiert auf dem Schweizer Modell, kennt aber zudem die Möglichkeit, das Parlament aufzulösen, ein Misstrauensvotum gegen den Fürsten einzubringen und die Monarchie abzuschaffen. Diese Kombination ist weltweit einzigartig und findet international zunehmend Beachtung. **Könnte die Kombination aus Monarchie und Demokratie, wie sie Liechtenstein praktiziert, langfristig ein Modell für andere Länder sein?** Staatsmodelle lassen sich meist nur schwer auf andere Länder übertragen, weil diese jeweils ihre ganz unterschiedlichen geschichtlichen und kulturellen Hintergründe haben. Eine Monarchie kann, wenn sie richtig in demokratische Strukturen eingebettet ist, durchaus ein Vorteil sein. Ich bin überzeugt, dass die direkte Demokratie hilft, wenn sie – wie in der Schweiz und in Liechtenstein – gut aufgebaut ist. Wir beobachten derzeit in einigen Ländern eine gewisse Krise der parlamentarischen Demokratie. Viele Menschen haben nicht mehr das Gefühl, repräsentiert zu werden. Die direkte Demokratie kann hier ein Ventil sein. **Alexis de Tocqueville sagte, eine Diktatur könne ohne Religion existieren, eine freie Gesellschaft jedoch nicht. Sehen Sie das auch so?** Wenn man mit Sicherheitsexperten über die gegenwärtige Sicherheitspolitik spricht, hört man häufig, dass die Resilienz der Gesellschaft in einer Demokratie wichtiger werde. Dafür müsse die Gesellschaft gemeinsame Werte teilen. Wenn diese Werte verloren gehen, wird es schwierig. Werte und Menschenrechte wurden in unserer Region vor allem auch durch die christlichen Religionsgemeinschaften entwickelt und vermittelt. Religionsgemeinschaften sind daher wichtig. Besonders die christlichen Kirchen durchlaufen derzeit zwar eine schwierige Phase, aber wir sollten ihnen gute Rahmenbedingungen bieten. Das liegt langfristig im Eigeninteresse des Staates. **Kürzlich wurde bekannt, dass künftig auch eine Frau Ihre Nachfolgerin werden könnte. Sie selbst haben mit Ihrem Sohn Wenzel allerdings einen männlichen Thronfolger. Warum haben Sie die Regel trotzdem geändert?** Ich bin die zweite Generation, die in Liechtenstein aufgewachsen ist. Mein Grossvater war der erste, der hierher ins Land gezogen ist. Mein Vater und ich hatten jeweils den grossen Vorteil, als Kind des regierenden Fürsten im selben Haushalt aufzuwachsen und in engem Austausch mit ihm zu stehen. Dasselbe mache ich nun mit meinem ältesten Kind, meinem Sohn Wenzel. Diese frühe Vorbereitung auf die spätere Aufgabe ist sehr wichtig. Nun kann es vorkommen, dass eine Familie nur Töchter hat. Meine Frau stammt etwa aus einer Familie mit ausschliesslich Töchtern. Wir haben daher die Regel geändert: Künftig ist in jedem Fall das älteste Kind zur Nachfolge vorgesehen – unabhängig davon, ob es ein Sohn oder eine Tochter ist. > «Künftig ist in jedem Fall das älteste Kind zur Nachfolge vorgesehen – unabhängig davon, ob es ein Sohn oder eine Tochter ist.» **Was würden Sie der nächsten Generation denn gerne hinterlassen?** Ich weiss natürlich nicht, welche Wünsche die nächste Generation haben wird. Am liebsten würde ich ein Umfeld hinterlassen, das der nächsten Generation möglichst viele Möglichkeiten bietet, damit sie in einem lebenswerten Land ihr Leben nach ihren Wünschen gestalten kann. ### Die Demokratisierung der Erinnerung: Warum das Archiv demokratisch wurde, die Selektion aber aristokratisch blieb URL: https://www.schweizermonat.ch/die-demokratisierung-der-erinnerung/ Last updated: 2026-09-15T07:51:57.000Z 0:00 /1090.417958 1× Marcus Licinius Crassus war im 1\. Jahrhundert v. Chr. der reichste Mann Roms, nach manchen Schätzungen der reichste Mensch, den die Antike je hervorgebracht hat. Sein Vermögen soll einem Drittel des jährlichen Staatseinkommens Roms entsprochen haben. Seinen Namen kennt heute jeder, der sich auch nur flüchtig für römische Geschichte interessiert. Aber wer waren die neun anderen reichsten Männer seiner Zeit? Einige Namen kennen wir, Pompeius etwa, aber nicht, weil das Vermögen erfasst wurde, sondern weil ihre Politik es wurde. Eine Liste der zehn reichsten Römer hat niemand geführt. Nicht weil die übrigen weniger reich gewesen wären, sondern weil niemand es aufgeschrieben hat oder weil das Aufgeschriebene verlorenging. Das ist kein Zufall. Dahinter steckt ein strukturelles Prinzip: Je teurer die Mittel zur Aufzeichnung, desto weniger Menschen werden erfasst. Je billiger sie werden, desto tiefer sinkt die Schwelle zum Überdauern. Dieses Prinzip hat die Geschichte der Erinnerung über Jahrtausende geprägt, auch wenn es Ausnahmen und Gegenbewegungen kennt. Nun verändert es seine Grundbedingungen so radikal, dass die Folgen noch nicht vollständig absehbar sind. Das ist allerdings nur die halbe Geschichte. Denn an wen erinnert wird, hängt nicht nur davon ab, was aufgezeichnet werden kann. Es hängt auch davon ab, was aus dem Aufgezeichneten wieder hervorgeholt wird. Zwei verschiedene Engpässe, zwei verschiedene Logiken. Die Verwechslung der beiden ist der häufigste Fehler, wenn von der «Demokratisierung des Gedächtnisses» die Rede ist. **Geschichte war aristokratisch** Früher war Erinnerung teuer. Papier war teuer, Lagerung war teuer, Aufmerksamkeit war teuer. Deshalb wurden vor allem Könige, Kriege, Genies, Katastrophen und Exzesse archiviert. Geschichte war selektiv, fast aristokratisch: Nur das Aussergewöhnliche galt als aufbewahrenswert, und was als aussergewöhnlich zählte, bestimmte die jeweils herrschende Macht. In Ägypten um 2600 v. Chr. kostete ein beschriebener Papyrus ein Vermögen. Wer überliefert werden wollte, musste Pharao sein oder so nah an ihm stehen, dass die staatliche Bürokratie seinen Namen festhielt. Hemiunu, der mutmassliche Architekt der Cheopspyramide, ist unter Ägyptologen bekannt, aber nur, weil sein Grab zufällig erhalten blieb. Die Hunderttausend, die mit ihm gebaut haben, sind vollständig verschwunden. Der Kostenmechanismus in Reinform: Aufzeichnung war so teuer, dass sie sich nur für den Ausnahmefall lohnte. Zur Aufzeichnung kommt die Dauer. Wer erfasst wurde, war damit nicht überliefert, sondern nur vorläufig gespeichert. Auch kleine Leute bekamen Grabsteine, Meldeeinträge, Kirchenbucheinträge, aber wenn es keine Pflege gab, verschwanden auch sie nach wenigen Jahrzehnten wieder, und wer die Erhaltung zahlt, entscheidet damit auch, was bleibt. Daneben gibt es einen zweiten Mechanismus, der mit Kosten wenig zu tun hat und sich nicht in dasselbe Prinzip einordnen lässt: die gezielte Auslöschung. Massengräber wurden nicht einfach aus Zufall nicht dokumentiert. Dissidenten verschwanden gezielt aus dem Archiv, nicht weil ihre Aufzeichnung zu teuer gewesen wäre, sondern weil ihre Sichtbarkeit den Mächtigen geschadet hätte. Hier geht es um Macht, nicht um Kosten, und billigere Aufzeichnung löst dieses Problem nicht automatisch. Sie macht es nur schwerer zu vollziehen. Diese zwei Mechanismen des Vergessens, der passive durch Kostenschwelle und der aktive durch Macht, reagieren unterschiedlich, wenn die Kosten der Aufzeichnung gegen null gehen: Der erste Mechanismus verschwindet fast vollständig. Der zweite verändert nur seine Form. Beim Kolosseum, fertiggestellt im Jahr 80 n. Chr., kennen wir den Namen des leitenden Architekten nicht. Ausnahmen gab es: Apollodor von Damaskus ist als bekannter Baumeister Trajans überliefert. Meist aber gehörte der Ruhm monumentaler Bauten dem Kaiser, und ob ein Baumeister genannt wurde, hing daran, ob jemand mit dem Zugang zum Archiv ein Interesse an der Zuschreibung hatte. Das Kolosseum war ein politisches Monument der Flavischen Dynastie, das nur von Macht sprach, nicht von Handwerk. Das änderte sich langsam mit jeder Verbilligung der Aufzeichnung. Als 1248 in Köln der Grundstein für den gotischen Dom gelegt wurde, war der erste leitende Baumeister kein Anonymus mehr: Meister Gerhard. Pergament war günstiger geworden, die Kirche hatte ein dichtes Netz aus Chroniken und Zunftbüchern gespannt. Es genügte nun, nah genug an einem Aufzeichnungssystem zu sein, das Extrem allein war keine Voraussetzung mehr. Mit Buchdruck, Fotografie, Tageszeitung und Standesamt sank die Schwelle weiter. Die Fabrikarbeiterin, die 1923 in Berlin lebte, hinterliess Spuren in Meldekarten. Der Soldat, der im Ersten Weltkrieg fiel, steht namentlich auf einem Dorfgedenkstein. Berühmt sind sie nicht, vergessen aber auch nicht. Diese Entwicklung von Ägypten über das mittelalterliche Köln bis zum modernen Standesamt ist zudem eine westliche. Andere Kulturen haben andere Lösungen für dasselbe Grundproblem entwickelt, etwa die genealogische Mündlichkeit westafrikanischer Griots, die Erinnerung nicht über Material, sondern über spezialisierte, ausgebildete Träger organisiert und damit von Papierkosten fast unabhängig macht. Ganz so unabhängig vom strukturellen Prinzip ist aber auch dieses Modell nicht, wie sich zeigt, sobald man genauer hinsieht. Mündlichkeit ist eher eine Phase des Prinzips als eine Alternative dazu, und das wird besonders deutlich dort, wo sie nicht gewählt, sondern erzwungen wird. Die mykenische Welt verfügte mit Linear B über eine funktionierende Schrift, gebunden an Palastverwaltungen. Mit dem Kollaps dieser Palastökonomien um 1200 v. Chr. verschwand die materielle und institutionelle Infrastruktur der Aufzeichnung und mit ihr die Schrift selbst. Es folgten Jahrhunderte, in denen Griechenland auf reine Mündlichkeit zurückfiel, jene Phase, aus der die homerischen Epen stammen. Erst mit der Übernahme des phoinikischen Alphabets um 800 v. Chr., das mit rund zwei Dutzend Zeichen auskam statt mit den über achtzig Silbenzeichen von Linear B und deshalb mit weit weniger Aufwand zu erlernen war als Linear B, kehrte die Schrift zurück, diesmal dauerhaft. Mündlichkeit war hier die Standardlösung, auf die jede Kultur zurückfällt, wenn ihr die Mittel zur Aufzeichnung entzogen werden, ihr Symptom also, nicht ihr Gegenmodell. **Die Verbilligung und ihre Folgen** Das Internet ist keine Revolution in der Geschichte der Erinnerung. Es ist die vorläufige Konsequenz eines jahrtausendealten Prozesses, allerdings von einer Grössenordnung, die qualitativ neu wirkt. Die Aufzeichnungskosten sind für den Einzelnen auf nahezu null gesunken. Ein Kommentar, ein Beitrag, ein Forumseintrag: Er existiert, wird gespeichert, indexiert, archiviert. > «Das Internet ist keine Revolution in der Geschichte der Erinnerung. Es ist die vorläufige Konsequenz eines jahrtausendealten Prozesses» Die erste Folge ist die Demokratisierung der Aufzeichnung. Geschichte wird horizontaler. Alltagsmenschen und ihr Alltag hinterlassen Spuren, nicht nur Schlachten und grosse Namen. Was Crassus’ neun reichste Zeitgenossen nicht schafften, schafft heute praktisch jeder mit einem Smartphone: eine Existenz im Archiv. Die zweite Folge ist die Inflation des Bedeutenden. Wenn alles gespeichert wird, verliert das Einzelne an Gewicht. Die Pyramide war überwältigend, weil nur ein Pharao eine Pyramide bekam. Ein virales Video ist extrem billig zu produzieren und kann trotzdem kurzfristig mehr kulturelle Wucht entfalten als manche antike Inschrift. Die Selektion wird dadurch nicht abgeschafft, sie wird chaotischer, schneller, gemessen an langfristiger Substanz oft dümmer. Der Begriff «Demokratisierung» verdient an dieser Stelle Misstrauen. Demokratie meint nicht nur gleichen Zugang, sondern auch einigermassen gleiche Wirkung. Die Produktionsseite ist demokratisiert: Jeder kann posten, archivieren, existieren. Die Rezeptionsseite ist es nicht. Ein Forumsbeitrag von 2009 und eine Parlamentsrede liegen auf demselben Server, aber sie teilen keine kulturelle Schwerkraft. Diese Asymmetrie ist das eigentliche Thema dieses Essays, und sie führt direkt zu der Unterscheidung, mit der er begonnen hat: Produktionskosten sind gefallen. Selektionsmacht ist ein separates Gut geblieben, mit einer eigenen, von Papierpreisen unabhängigen Ökonomie. **Die neue Aristokratie der Aufmerksamkeit** Früher entschieden Blut und Staatsnähe darüber, an wen erinnert wurde. Heute entscheidet Viralisierungsfähigkeit: die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Signale zu setzen, Algorithmen zu bespielen. Formal ist diese Kompetenz niemandem durch Geburt verwehrt. Faktisch ist sie extrem ungleich verteilt, begünstigt bestimmte Temperamente, Ressourcen und Netzwerke und wird von Plattformen nach Kriterien belohnt, die Reichweite maximieren, nicht Substanz. So entsteht eine neue Aristokratie, diesmal der Aufmerksamkeits- und Signalisierungskompetenz statt des Blutes. Wer sie beherrscht, erzeugt mit minimalem Aufwand maximale kulturelle Präsenz. Wer sie nicht beherrscht, existiert im Archiv, ohne im Bewusstsein vorzukommen: gespeichert, aber ungelesen. > «So entsteht eine neue Aristokratie, diesmal der Aufmerksamkeits- und Signalisierungskompetenz statt des Blutes. Wer sie beherrscht, erzeugt mit minimalem Aufwand maximale kulturelle Präsenz. Wer sie nicht beherrscht, existiert im Archiv, ohne im Bewusstsein vorzukommen: gespeichert, aber ungelesen» Man könnte einwenden, dass dies ein Markt sei. Das trifft zu. Reichweite wird erworben, nicht geerbt, und sie kann verlorengehen. Nur belohnt dieser Markt den Bestand stärker als die Leistung. Wer eine Million Abonnenten hat, erreicht mit einem mittelmässigen Beitrag mehr Menschen als ein Unbekannter mit einem guten. Algorithmen behandeln Sichtbarkeit selbst als Beweis für Relevanz und halten oben, was oben ist. Position schützt Position. In diesem Aspekt ähnelt dieser Markt dem Adel. Die Demokratisierung der Aufzeichnung hat die Aristokratie der Selektion nicht abgeschafft. Sie hat sie nur unsichtbarer gemacht, weil die Selektionskriterien jetzt in Rankingsystemen liegen statt in sichtbaren Institutionen wie dem Hof oder der Kirche. **Das performierte Leben** Die Allgegenwart der Archivierung verändert nicht nur das Archiv, sondern das Leben selbst. Menschen leben zunehmend so, als würden sie dokumentiert. Das Erlebnis wird rückwärts entworfen, vom möglichen Archiv her gedacht, statt einfach durchlebt zu werden. Gegenbewegungen gibt es: Digital-Detox, die Ästhetik des Analogen, Vinyl, Filmfotografie, Notizbuch, Subkulturen, die sich der Archivierung bewusst entziehen. Diese Bewegungen bestätigen aber den Druck, den sie ablehnen wollen. Und die Sehnsucht nach Authentizität, die sie antreibt, gebiert sofort neue Formen der Performanz: Der bewusst «ungestellte» Feed ist so kuratiert wie jeder andere, nur mit anderem Gestus. Der Unterschied zum dokumentierten König liegt im Bewusstsein: Der König wusste, dass er dokumentiert wird. Der heutige Nutzer vergisst es meistens. > «Der Unterschied zum dokumentierten König liegt im Bewusstsein: Der König wusste, dass er dokumentiert wird. Der heutige Nutzer vergisst es meistens» **Das Ende des Vergessens als gesellschaftliches Problem** Früher war Vergessen die Regel. Die Griechen kannten die Lethe als Teil des Jenseits, Vergessen als Reinigung, als Voraussetzung für den Neuanfang. Nietzsche schrieb in «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», der Mensch brauche das Vergessen, um handlungsfähig zu bleiben. Zu viel Erinnerung lähmt. Heute dreht sich dieses Problem um, und es betrifft nicht nur Individuen, sondern ganze Gesellschaften. Wer mit zwanzig etwas Dummes geschrieben hat, trägt es mit vierzig noch mit sich. Identität war früher das, was man aus dem Vergessen heraus aufbaute. Heute ist sie das, was das Nichtvergessen übrig lässt. Gesellschaften, die schlechter vergessen können, neigen zu moralischer Hyperinflation, zu jenem *Präsentismus*, der historische Akteure nach heutigen Massstäben richtet, ohne deren Welt zu kennen. > «Identität war früher das, was man aus dem Vergessen heraus aufbaute. Heute ist sie das, was das Nichtvergessen übrig lässt» Die Europäische Union hat mit dem «Recht auf Vergessenwerden» juristisch auf diese Verschiebung reagiert. Auf den ersten Blick sieht das wie ein Gegenbeweis zur These dieses Essays aus: Hier hat doch der Einzelne Macht über das Archiv, gegen die Plattform durchsetzbar. Bei genauerem Hinsehen bestätigt der Fall aber genau die These, statt sie zu widerlegen. Das Recht existiert nur, weil es eingeklagt werden muss, mit Anwälten, Gerichten, einem funktionierenden Rechtsstaat im Rücken. Es bleibt ein institutionelles Werkzeug, kein individuelles: Es wird dem Einzelnen nur über den Umweg staatlicher Macht zugänglich, und faktisch nutzen es überwiegend diejenigen, die bereits über die Ressourcen verfügen, es einzufordern. Dass Vergessen heute aktiv hergestellt, eingeklagt, technisch erzwungen werden muss, zeigt gerade, dass es längst keine natürliche Fähigkeit des Individuums mehr ist, sondern eine der Selektion nachgeordnete Institution. **Die Maschinen entscheiden** Früher lag das Archiv in den Händen weniger: Kirche, Staat, Adel. Sie entschieden, was aufgehoben wurde. Heute liegt es in den Händen anderer weniger: Plattformen, Algorithmen, Konzernen. Der stärkste Einwand gegen diese These muss hier benannt werden, weil er nicht schwach ist: Nie zuvor in der Geschichte hatten Individuen so viel unmittelbare Macht zur Selbstarchivierung. Kein Mönch, kein Zensor, keine Zunft steht mehr zwischen dem Menschen und seinem Eintrag ins kollektive Gedächtnis. Das ist historisch beispiellos. Die dialektische Wendung liegt darin, dass diese Freiheit nur die eine Hälfte der Gleichung betrifft, die Produktionsseite. Die Selektionsseite folgt einer anderen Ökonomie. Google entscheidet, was gefunden wird. Meta entscheidet, was gezeigt wird. GeoCities verschwand 2009 und nahm Millionen von Texten mit, bis auf den Teil, den Freiwillige rechtzeitig kopierten. Wie weit diese Selektion reicht, zeigen Shadowbanning und algorithmische Reichweitendrosselung. Sie löschen keinen Beitrag, sie steuern seine Reichweite. Der Betroffene sieht seinen Text veröffentlicht und erfährt nicht, dass er niemanden erreicht. Zensur war früher sichtbar, weil das Verbot publik gemacht werden musste. Die heutige Form braucht keine Verkündung mehr, sie stellt bloss den Verstärker leiser. Die eigentliche Verschiebung steht noch bevor. Künstliche Intelligenz wird zunehmend entscheiden, was aus dem gigantischen Archiv als relevant herausgehoben wird, durch Zusammenfassungen, Empfehlungen, automatisierte Selektion. Das verschärft exakt das Problem, das dieser Essay beschreibt, denn es verschiebt die Selektionsmacht eine Ebene tiefer, von sichtbaren Rankingalgorithmen zu Systemen, deren Kriterien selbst für die Plattformbetreiber nur noch teilweise durchschaubar sind. Damit verbinden sich zwei Ebenen, die bislang getrennt betrachtet wurden: die heutige algorithmische Sichtbarkeit im Alltag und das historische Gedächtnis über Jahrhunderte. Ein Google-Suchergebnis von heute ist nicht dasselbe wie das kulturelle Gedächtnis der nächsten fünfhundert Jahre, aber es ist dessen Vorstufe. Was heute nicht gefunden, nicht angezeigt, nicht in Trainingsdaten aufgenommen wird, fliesst morgen auch nicht in die Sammlungen, Kanons und Modelle ein, aus denen sich das Gedächtnis von übermorgen speist. Die algorithmische Selektion von heute ist die Vorauswahl für die historische Selektion von morgen, nur dass diese Vorauswahl inzwischen von Systemen getroffen wird, die selbst kein Bewusstsein von Geschichte haben. > «Ein Google-Suchergebnis von heute ist nicht dasselbe wie das kulturelle Gedächtnis der nächsten fünfhundert Jahre, aber es ist dessen Vorstufe» Gegenmodelle gibt es. Das Internet Archive hat einen Teil von GeoCities gerettet, Wikipedia ist die grösste von Freiwilligen kuratierte Wissenssammlung der Geschichte, mit offen dokumentierten Relevanzkriterien und einer Versionsgeschichte, die jede Löschung nachvollziehbar macht. Genau das fehlt privaten Rankingsystemen. Nur hängen beide an Spenden, an einer kleinen Zahl aktiver Bearbeiter und an Regeln, die selbst umkämpft sind. Sie beweisen, dass transparente Selektion möglich ist, und daran gemessen, wie selten sie bleibt. **Wer die Selektion kontrolliert** Die Demokratisierung der Produktion hat die Aristokratie der Selektion nicht beseitigt. Sie hat sie nur von einer sichtbaren Form, dem Hof, der Kirche, dem Zensor, in eine unsichtbare überführt. Eine Institution, die man wenigstens noch bekämpfen, kritisieren, reformieren konnte, wurde durch ein System ersetzt, dessen Kriterien niemand vollständig kennt, auch die Betreiber nicht. Man könnte einwenden, dass Plattformen immerhin theoretische Konkurrenz zulassen, während feudale oder kirchliche Institutionen praktisch alternativlos waren. Der Einwand trifft etwas Richtiges, ändert aber wenig an der Grundtatsache: Die Macht ist weniger sichtbar und dadurch schwerer angreifbar geworden. Wer also die nächste Stufe dieses Prozesses beeinflussen will, muss aufhören, nach mehr Zugang zur Produktion zu fragen – den gibt es längst im Überfluss –, und anfangen, nach Kontrolle über Selektionskriterien zu fragen: Wer darf wissen, wie ein Rankingsystem gewichtet? Wer darf es korrigieren? Das strukturelle Prinzip gilt weiter: Wer die Mittel zur Selektion kontrolliert, kontrolliert die Erinnerung. Nur richtet sich der Kampf um dieses Prinzip heute nicht mehr gegen hohe Papierpreise, sondern gegen private Modelle, deren Gewichte niemand offenlegen muss. ### Die Hanse starb an ihrem Erfolg URL: https://www.schweizermonat.ch/die-hanse-starb-an-ihrem-erfolg/ Last updated: 2026-09-15T07:50:51.000Z 0:00 /902.113958 1× Im Jahr 1358 griffen die Kaufleute der Hanse zu einer bemerkenswerten Waffe: Sie verliessen Brügge. Der Boykott wurde über den ganzen Verbund hinweg organisiert. Die Kaufleute wurden angehalten, einen der wichtigsten Handelsplätze Nordeuropas zu meiden; Boykottbrechern drohten drastische Sanktionen. Die Hanse wollte niedrigere Abgaben, die Wahrung ihrer Privilegien und Entschädigungen für erlittene wirtschaftliche Nachteile durchsetzen. Nur ein Jahrzehnt später setzte sie nicht mehr auf wirtschaftlichen Druck allein. Im Konflikt mit dem dänischen König Waldemar IV. stellten Hansestädte Schiffe, Soldaten, Waffen und Geld bereit. Der für die Hanse erfolgreiche Krieg endete 1370 mit dem Frieden von Stralsund und sicherte wesentliche Handelsinteressen im Ostseeraum. > «Zum Problem wurde, dass aus erfolgreichen Lösungen Besitzstände wurden und sich die Welt schneller veränderte als die Institutionen» Beide Episoden passen nicht recht zum romantischen Bild eines mittelalterlichen Freihandelsbundes friedlicher Kaufleute. Die Hanse war etwas Interessanteres: eine weitgehend dezentral entstandene Handelsordnung, die Märkte integrierte, Recht und Sicherheit bereitstellte und zugleich Privilegien verteidigte, Konkurrenten ausschloss und notfalls wirtschaftliche wie militärische Macht einsetzte. Gerade diese Ambivalenz macht ihren späteren Niedergang institutionenökonomisch interessant. Denn die Hanse ging nicht unter, weil ihr Organisationsmodell von Anfang an untauglich gewesen wäre. Im Gegenteil: Sie bestand über Jahrhunderte, weil es ausserordentlich erfolgreich war. Zum Problem wurde, dass aus erfolgreichen Lösungen Besitzstände wurden und sich die Welt schneller veränderte als die Institutionen. ### **Eine Ordnung, die niemand gegründet hatte** Die Hanse ging auf keinen Gründungsakt zurück. Es gab keinen Verfassungsgeber, keinen souveränen Herrscher und keinen zentralen Plan. Sie entwickelte sich seit dem Hochmittelalter aus Fahrtgemeinschaften von Kaufleuten, Schutzbündnissen und der Zusammenarbeit von Städten. Später verband ihr Handelsnetz mehr als 200 Orte zwischen Nowgorod, Bergen, London und Brügge. Die wirtschaftliche Integrationsleistung war beträchtlich. Gesalzener Hering aus Südschweden wurde in weiten Teilen Europas zum wichtigen Nahrungsmittel. Norwegischer Stockfisch gelangte über Bergen auf den Kontinent. Die flämische Tuchproduktion bezog Rohstoffe über weitreichende Handelsverbindungen und lieferte ihre Erzeugnisse wiederum in entfernte Märkte. Selbst auf Island wurden deutsches Bier und Rheinwein getrunken. Aus vielen lokalen Märkten entstand ein weitgespanntes arbeitsteiliges Netz. Dafür musste die Hanse Probleme lösen, die wir heute leicht übersehen. Fernhandel bedeutete Reisen durch unterschiedliche Herrschaftsgebiete, Rechtsordnungen und Währungsräume. Eigentum musste geschützt, Verträge mussten durchgesetzt, Streitigkeiten beigelegt und Kaufleute gegen Gewalt abgesichert werden. Kontore, Handelsprivilegien, gemeinsame Gebräuche und Rechtsregeln senkten diese Transaktionskosten. Auch Recht verbreitete sich ohne zentrale Vereinheitlichung. Das Lübecker Recht wurde von zahlreichen Städten übernommen; Lübeck wurde freiwillig als Obergericht anerkannt. Niederdeutsch entwickelte sich über weite Gebiete zur Verkehrs-, Handels- und Diplomatensprache. Dennoch verfügte die Hanse um 1400, auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen und politischen Bedeutung, weder über eine feste zentrale Organisation noch über eine gemeinsame Kasse. Zusammenarbeit beruhte auf gemeinsamen Interessen und weitgehend freiwilligen Beiträgen. Die vermeintliche organisatorische Schwäche war lange Zeit eine Stärke. ### **Freihandel – aber nicht für jeden** Allerdings waren Hansekaufleute keine frühen Manchesterliberalen. Sie wollten Handel treiben, aber sie hatten wenig dagegen, wenn die Bedingungen für den eigenen Handel günstiger waren als für den der Konkurrenz. Privilegien gehörten von Beginn an zum Geschäftsmodell. Fürsten und Städte gewährten Zollfreiheit, besondere Handelsrechte und rechtliche Sonderstellungen. Die Hanse versuchte solche Vorteile zu erhalten und auszubauen. Besonders deutlich wird dies in den Kontoren. In Bergen sollten Vorschriften die deutschen Kaufleute von der einheimischen Bevölkerung fernhalten; selbst Heirat und Kneipenbesuche wurden reguliert. Geschäfte mit holländischen und englischen Konkurrenten sollten verhindert werden. 1366 bestätigte der Hansetag dem Kontor eine eigene Gerichtsbarkeit gegenüber den norwegischen Gerichten sowie selbst erhobene Eintrittsgebühren und Abgaben für neue Hansekaufleute. Hier zeigt sich ein grundsätzliches institutionelles Problem: Eine Regel kann innerhalb einer Gruppe Transaktionskosten senken und gleichzeitig die Kosten für Aussenstehende erhöhen. Ein Privileg kann Handel ermöglichen und Wettbewerb beschränken. Die Hanse integrierte Märkte und schottete zugleich Teile davon ab. Darin liegt kein historischer Widerspruch. Institutionen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern unter konkreten Bedingungen und im Interesse konkreter Akteure. Die Hanse war eine leistungsfähige Ordnung, aber keine herrschaftsfreie. ### **Handel braucht Macht** Auch ihre Friedfertigkeit sollte nicht mit Machtlosigkeit verwechselt werden. Fernhandel verlangte sichere Verkehrswege, und die Hanse war bereit, diese Sicherheit durchzusetzen. Der Boykott von Brügge 1358/59 war ein Wirtschaftskrieg. Ähnliche Embargos wurden gegen Flandern und England verhängt. Im Konflikt mit Waldemar IV. folgte schliesslich militärische Gewalt. Um 1400 gingen Hansestädte gegen Piraten vor, die den Ostseehandel massiv beeinträchtigten. Später erhielten im Konflikt mit England Kaperfahrer entsprechende Briefe; ihr Handlungsspielraum sollte zugleich begrenzt bleiben, um unbeteiligte Dritte nicht unnötig zu Feinden zu machen. Bemerkenswert ist weniger, dass Kaufleute Gewalt einsetzen konnten, als die Organisationsform. Die Hanse unterhielt keine stehenden Streitkräfte. Schiffe, Soldaten und Geld wurden im Bedarfsfall mobilisiert. Die Städte beteiligten sich, wenn ihre Interessen ausreichend übereinstimmten. Das funktionierte erstaunlich gut – solange ein gemeinsames Interesse klar erkennbar war. Genau darin lag später eine Schwäche. Je unterschiedlicher die Interessen der beteiligten Städte wurden, desto schwieriger wurde gemeinsames Handeln. ### **Wenn erfolgreiche Lösungen Eigeninteressen entwickeln** Die Kontore zeigen, wie sich eine nützliche Institution allmählich verselbstständigen kann. Ursprünglich lösten sie konkrete Probleme des Handels in der Fremde. Sie boten Rechtssicherheit, Information, Schutz und Organisation. Doch Institutionen, die lange genug bestehen, entwickeln Interessen an ihrem eigenen Fortbestand. Im 16\. Jahrhundert waren viele Kaufleute an ihren ausländischen Handelsplätzen längst stärker in die örtliche Wirtschaft und Gesellschaft integriert. Die alten Sonderrechte verloren an Wert. Die Interessen der Kaufleute und die Interessen der Institution Hanse drifteten auseinander. Das zeigte sich besonders in Antwerpen. Nach 1568 versuchte die Hanse, ihre Kaufleute dort organisatorisch zusammenzuzwingen. Doch die Privilegien waren nicht mehr attraktiv genug. Die Kaufleute hatten sich mit ihrer Umgebung arrangiert und benötigten den alten institutionellen Schutz immer weniger. Eine Einrichtung, die einst die Bewegungsfreiheit der Kaufleute erweitert hatte, versuchte nun, deren Bewegungsfreiheit einzuschränken. Das ist ein klassischer Mechanismus institutioneller Verkrustung: Nicht mehr die Aufgabe allein bestimmt die Institution; zunehmend bestimmt das Interesse am Fortbestand der Institution, welche Aufgaben und Regeln als notwendig gelten. ### **Hamburg macht nicht mit** Allerdings reagierten keineswegs alle Hansestädte gleich. Hamburg gewährte englischen Tuchhändlern Niederlassungsfreiheit und unterlief damit Versuche, Konkurrenten fernzuhalten. Gerade dieses Beispiel ist für eine nüchterne Beurteilung der Hanse wichtig. Ihre dezentrale Ordnung erzeugte gleichzeitig Beharrung und Anpassung. Einerseits erschwerte die fehlende Zentrale eine gemeinsame strategische Neuorientierung. Lübeck, Hamburg, Köln, Danzig und andere Städte hatten unterschiedliche geografische Lagen, Handelsinteressen und Beziehungen zu Territorialherren. Was Lübeck nützte, musste für Hamburg längst nicht mehr sinnvoll sein. Andererseits konnte gerade deshalb keine Zentrale alle Beteiligten auf einen einheitlichen Kurs zwingen. Einzelne Städte konnten neue Wege einschlagen. Dezentralität ist also kein Garant für Anpassungsfähigkeit. Sie eröffnet Möglichkeiten zur Anpassung. Ob sie genutzt werden, hängt von den jeweiligen Institutionen und Interessen ab. ### **Die Welt verändert sich** Unterdessen verschoben sich die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen grundlegend. Niederländische und englische Kaufleute wurden zu immer stärkeren Konkurrenten. Mit der europäischen Expansion gewann der Atlantikhandel an Bedeutung. Handelsströme und wirtschaftliche Zentren verlagerten sich. Zugleich verdichteten sich die Territorialstaaten. Herrscher konnten zunehmend jene Aufgaben übernehmen und jene Kontrolle ausüben, für die in der fragmentierten politischen Welt des Mittelalters autonome Städte und Kaufmannsbünde besonders wichtig gewesen waren. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648 befanden sich viele norddeutsche Städte stärker unter der Herrschaft von Territorialfürsten. Die politische Umwelt, in der die Hanse entstanden war, verschwand. Damit verlor auch manches Privileg seinen früheren Wert. Das ist für die Diagnose ihres Niedergangs entscheidend. Die Hanse scheiterte nicht einfach an sich selbst. Ein Teil ihres Geschäftsmodells wurde durch Veränderungen ihrer Umwelt entwertet. Die institutionenökonomisch interessante Frage lautet deshalb nicht, warum die Hanse diese Veränderungen verhindern konnte. Das konnte sie nicht. Die Frage lautet, wie gut sie sich ihnen anpasste. Hier fällt die Bilanz ungünstiger aus. ### **Die erfolgreiche Vergangenheit wird zur Last** Je stärker sich die Handelswelt veränderte, desto mehr Energie floss in die Bewahrung überkommener Privilegien und Organisationsformen. Unterschiedliche Interessen der Städte erschwerten eine gemeinsame Neuorientierung. Die Kontore strebten nach grösserer Selbstständigkeit, während die Hanse versuchte, ihre alten Bindungen zu erhalten. Regulierungen sollten Strukturen sichern, deren Nutzen für die beteiligten Kaufleute abnahm. Das ist ein allgemeines Problem erfolgreicher Institutionen. Erfolg schafft nicht nur Wohlstand, sondern auch Investitionen in den bestehenden Zustand. Menschen erwerben Kenntnisse, Beziehungen und Vermögen, die auf bestimmte Regeln zugeschnitten sind. Organisationen entstehen, Karrieren entwickeln sich, Erwartungen verfestigen sich. Je erfolgreicher eine Ordnung war, desto höher können deshalb die Kosten ihrer Veränderung werden. Die Lösung von gestern bekommt Verteidiger. Institutioneller Niedergang bedeutet dann nicht, dass niemand mehr handelt. Im Gegenteil: Die Beteiligten können erhebliche Energie darauf verwenden, die bestehenden Institutionen zu verteidigen. Gerade diese Aktivität kann den Verlust an Anpassungsfähigkeit verdecken. ### **Niedergang ohne Zusammenbruch** Der letzte Hansetag fand 1669 statt. Dieses Datum sollte jedoch nicht wie der Fall Konstantinopels oder die Erstürmung einer Hauptstadt verstanden werden. Die Hanse war schon lange zuvor relativ unbedeutender geworden. Und ihre Städte verschwanden keineswegs. Hamburg und Bremen florierten unter veränderten Bedingungen weiter. Der Handel Nordeuropas brach nicht zusammen, sondern fand andere Akteure, Wege und Organisationsformen. Gerade darin liegt eine wichtige Pointe. Institutionen sind Instrumente. Ihr Fortbestand ist kein Wert an sich. Wenn andere Arrangements ihre Aufgaben besser erfüllen, kann der Niedergang einer Institution mit dem Fortschritt der grösseren Ordnung einhergehen. Die Hanse hatte einen gewaltigen Beitrag zur Integration europäischer Märkte geleistet. Aber die Hanse besass kein Eigentumsrecht an der Marktintegration. ### **Die dunkle Seite des Erfolgs** Wer sich für dezentrale Ordnungen interessiert, kann von der Hanse viel lernen. Sie zeigt, dass Kaufleute und Städte Recht hervorbringen, entfernte Märkte integrieren, Sicherheit organisieren und gemeinsame Interessen vertreten können, ohne dafür einen zentralisierten Territorialstaat aufzubauen. Doch gerade deshalb sollte man sie nicht zum liberalen Mythos verklären. Hansekaufleute verfolgten Interessen. Sie verteidigten Privilegien, schlossen Konkurrenten aus, verhängten Embargos und griffen notfalls zu militärischer Gewalt. Dieselben institutionellen Arrangements konnten Handel erleichtern und Wettbewerb beschränken. Das schmälert die Leistung der Hanse nicht. Es macht sie analytisch interessanter. Denn keine institutionelle Form ist gegen Verkrustung immun. Nicht der Staat allein entwickelt Eigeninteressen. Auch freiwillig entstandene, dezentrale und wettbewerbsnahe Institutionen können Regeln hervorbringen, deren Erhalt irgendwann wichtiger wird als der Zweck, dem diese Regeln ursprünglich dienten. > «Eine Ordnung bleibt nicht deshalb gut, weil sie einmal gut war. Sie muss fähig bleiben, ihre eigenen erfolgreichen Lösungen wieder preiszugeben.» Die römische Republik zeigt, wie eine Ordnung durch eskalierende Machtkonkurrenz ihre inneren Begrenzungen verlieren kann. Die Hanse zeigt einen leiseren Prozess. Ihre Städte bestanden weiter, Kaufleute handelten, Versammlungen fanden statt und Privilegien wurden verteidigt. Nur die Welt, für die diese Ordnung geschaffen worden war, existierte nicht mehr. Der stille Niedergang der Hanse erinnert deshalb an eine unbequeme Regel institutionellen Erfolgs: Eine Ordnung bleibt nicht deshalb gut, weil sie einmal gut war. Sie muss fähig bleiben, ihre eigenen erfolgreichen Lösungen wieder preiszugeben. ### Der Staat in den Fängen der Interessenpolitik URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-in-den-fangen-der-interessenpolitik/ Last updated: 2026-09-11T08:44:43.000Z _No content available._ ### Mehr Demokratie, weniger Staat URL: https://www.schweizermonat.ch/mehr-demokratie-weniger-staat/ Last updated: 2026-09-11T08:44:18.000Z _No content available._ ### Institutionen schützen uns nicht vor unethischen Politikern URL: https://www.schweizermonat.ch/institutionen-schutzen-uns-nicht-vor-unethischen-politikern/ Last updated: 2026-09-15T07:56:12.000Z 0:00 /232.633958 1× In 33 Ländern, vor allem in den einwanderungsreichen Ländern der Neuen Welt wie den USA, ist jeder, der dort geboren wird, Staatsbürger – unabhängig vom Status seiner Eltern. Bis 1983 gab es beispielsweise auch in Grossbritannien ein solches Geburtsrecht auf Staatsbürgerschaft (*ius soli*). Meine Tochter wurde 1974 in London geboren und hatte daher Anspruch auf den britischen ebenso wie auf den US-amerikanischen Pass. Alle liberalen Länder haben es so gehandhabt, sofern sie nicht von einem illiberalen Hass auf Einwanderer erfasst wurden. In den USA ist dies häufig geschehen. Schon die *Alien and Sedition Acts* von 1798 dämonisierten «Aliens». Im Englischen bedeutet das Wort für einen «Ausserirdischen» zugleich schlicht «Ausländer». In den 1840er Jahren hassten wir die Iren. 1882 beschränkten wir die Einwanderung aus China. 1925 drosselten wir die Einwanderung aus allen Ländern ausser denjenigen in Nordwesteuropa. Zu diesem Zeitpunkt waren die Iren in Ordnung – nicht jedoch Juden, Italiener oder Slawen. > «1925 drosselten wir die Einwanderung aus allen Ländern ausser denjenigen in Nordwesteuropa. Zu diesem Zeitpunkt waren die Iren in Ordnung – nicht jedoch Juden, Italiener oder Slawen.» Wir in den USA befinden uns gerade wieder in einer solchen Episode, angefeuert durch Donald Trumps langjährigen Hass auf Ausländer – mit Ausnahme von zwei seiner drei Ehefrauen (aus der Tschechischen Republik und Slowenien), seiner Mutter (Schottland), seinem Grossvater (Deutschland) und anderen weissen Menschen, sofern sie keine Muslime oder Lateinamerikaner sind. Bis zur Abschaffung der Sklaverei waren Sklaven natürlich keine Staatsbürger. In den USA geschah dies 1868 mit dem 14\. Verfassungszusatz: «All persons born . . . in the United States . . ., are citizens of the United States . . . No State . . ., shall abridge the privileges . . . of citizens.» Ein Staatsbürger ist ein Staatsbürger. Geboren ist geboren. Ziemlich eindeutig, oder? Vor kurzem wiesen drei der neun Richter des Obersten Gerichtshofs der USA dies zurück und erklärten, Trump könne einem in den USA geborenen Kind die Staatsbürgerschaft verweigern. Und einer der anderen sechs meinte, der Kongress könne, wenn er wolle, durch ein blosses Gesetz genau dasselbe bewirken. Eine Verfassung ist fundamentales Recht, kein einfaches Gesetz. Der 14\. Verfassungszusatz ist somit ebenso fundamentales Recht. Glücklicherweise wurde unsere Verfassung mit dieser Mehrheit von sechs zu drei (teilweise) gerettet. > «Eine Verfassung ist fundamentales Recht, kein einfaches Gesetz» **Die Illusion «unabhängiger» Behörden** Der Gerichtshof hat Trump ungewöhnliche Befugnisse zugestanden, etwa Immunität für jedes Verbrechen, das er als Präsident begeht. Zugegeben: Auch der Kongress tut seit einem Jahrhundert oder länger Ähnliches. Um Freihandel zu erreichen, gab der Kongress vor fünfzig Jahren seine Befugnis zur Festlegung von Zöllen auf. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Präsident sie dazu nutzen würde, Brasilien Zugeständnisse abzupressen oder Kanada dafür zu bestrafen, dass es ihn beleidigt hat. Der Kongress glaubte, er habe «unabhängige» Behörden geschaffen, etwa die Regulierungsbehörden für Radio und Fernsehen, das Justizministerium oder die Zentralbank. Die Beschäftigten dieser Behörden sollten Fachleute und «objektiv» sein. Man ging davon aus, dass ein Präsident keine legalen und illegalen Mittel einsetzen würde, um die Behörden zu korrumpieren. Wir alle dachten, die rechtlichen Institutionen würden uns retten, selbst wenn die Politiker unethisch wären. Wer mich einmal täuscht, Schande über ihn; wer mich zweimal täuscht, Schande über mich. ### Gender Transition Is Conversion Therapy Too URL: https://www.schweizermonat.ch/gender-transition-is-conversion-therapy-too/ Last updated: 2026-09-09T15:05:08.000Z *Lesen Sie die deutsche Version* [*hier*](https://www.schweizermonat.ch/auch-geschlechtsumwandlung-ist-eine-konversionstherapie/)*.* 0:00 /793.921958 1× On 2 September, the [Swiss Federal Council](https://www.admin.ch/de/newnsb/bpqJWbpGwV43?ref=schweizermonat.ch) brought a nationwide ban on conversion practices within reach. Its report in response to the postulate “Review of the prevalence of so-called conversion therapies in Switzerland and the need for statutory regulation” concedes that existing criminal, civil and professional healthcare law already provides comprehensive protection. Once cantonal provisions are taken into account, it says, further legislation may not even be necessary. Yet because more and more cantons are preparing or have already enacted bans of their own, the Federal Council is open to creating a uniform criminal offence. No draft exists yet. The pending motion in parliament “Ban conversion practices targeting LGBTQ people and make them a criminal offence” could give it that mandate. This is how a reactionary revolution likes to begin in Switzerland, disguised as a remedy for the patchwork of cantonal rules. The Federal Council’s bureaucratic prose obscures how radically the subject has shifted under its purview. Conversion practices are no longer to mean only attempts to alter or suppress sexual orientation. According to the council, the term now extends to gender identity and gender expression. What begins as the protection of a gay boy from adults who want to make him straight can therefore end with the state prosecuting adults who disagree when he declares himself a girl. The crucial question, then, is not simply whether conversion should be banned. It is also which forms of conversion the state recognises and which victims its critics are prepared to see. ## The Conversion Therapy No One Wants to See The British writer and comedian Andrew Doyle is among the more perceptive critics of gender-affirming treatment. In an article for the online magazine [Spiked](https://www.spiked-online.com/2024/04/11/the-cass-review-shames-the-gay-rights-establishment/?ref=schweizermonat.ch), he accused England’s Gender Identity Development Service (GIDS) of continuing an old practice under a new name. He distilled the charge into a single sentence. “The NHS has been practising gay conversion therapy in plain sight.” The charge is justified. Imagine four children. One boy is attracted to boys and another to girls; one girl is attracted to girls and another to boys. Now put all four through the same gender-affirming care treatment. They are given new names, new pronouns and hormones, and some of them later undergo surgery. Nothing changes about whom they are attracted to. The only novelty is the claim made about their sex or gender. After this reclassification, the gay boy is counted as a straight girl, the straight boy as a lesbian girl, the lesbian girl as a straight boy and the straight girl as a gay boy. Four children, one procedure, four new labels. Which two of the four children deserve protection from such conversion practices? The question sounds indecent, and that is precisely why it has to be asked. Doyle’s argument supplies an answer, though he does not state it. Only the gay boy and the lesbian girl appear in it. The two straight children disappear. Not out of malice. That would almost be reassuring. They disappear for the worse reason that identity politics and indignation have taken the place of a higher principle. Doyle’s line, quoted above, is an excellent punchline. Like many excellent punchlines, it brings the thought to an end a second too soon. Gender-affirming treatment does not ask about sexual orientation before redefining sex. It does not merely turn the gay boy into a supposedly straight girl. With equal composure, it turns the straight boy into a supposedly lesbian girl. Anyone who recognises a conversion practice in the first case but sees only a transition in the second is not distinguishing between the acts themselves. He is distinguishing between the social standing of the victims. > “Sexual orientation is not a badge attached to a person independently of the body. It describes a relationship.” Sexual orientation is not a badge attached to a person independently of the body. It describes a relationship. At one end stands one’s own sex, at the other the sex of the people to whom one is attracted. Think of it as a compass. Attraction is the needle, while the poles give it its meaning. Old-style conversion therapy tried to force the needle to point in another direction. The new version leaves the needle where it is and relabels the poles. The orientation then changes by definition. This is precisely where the double conversion lies. Transition directly targets sex or gender identity. In doing so, it indirectly redefines sexual orientation as well. For homosexual and heterosexual people, the results are mirror images of each other. For bisexual people, the label for their orientation remains unchanged, but that does not mean their sex is left untouched. What differs among the four children is the identity into which each is recast, not the nature of the intervention. ## The Critics Have a Blind Spot Too In Switzerland, Femina Helvetica makes [a related objection](https://x.com/FeminaHelvetica/status/2095203349037461737?s=20&ref=schweizermonat.ch). The cross-party women’s association defends women and girls as a distinct sex and warns against the early transition of children. It responded to the Federal Council’s report by pointing to its submission to the Zurich Cantonal Council. There it described affirmative treatment as a modern form of conversion therapy because it steers potentially gay and lesbian children into medical transition. That is correct. It is simply incomplete. > “The straight child has no comparable archive of suffering. And so it does not receive so much as a footnote in this indictment.” Why does this criticism, too, focus exclusively on homosexual children? Because history yields political capital. For gay men and lesbians, the familiar horrors are ready to hand: religious humiliation, electric shocks, chemical castration and the promise of curing something that is not a disease. That history deserves to be remembered. Yet memory becomes an excuse the moment it obscures the same presumption towards others. The straight child has no comparable archive of suffering. And so it does not receive so much as a footnote in this indictment. At the European level, Faika El-Nagashi enters the picture. The former Green member of the Austrian parliament heads the [Athena Forum](https://athena-forum.eu/?ref=schweizermonat.ch). Its [briefing](https://athena-forum.eu/resources/briefing-a-deceptive-label-on-conversion-therapy-bans/?ref=schweizermonat.ch), “A Deceptive Label: Briefing on the Dangers and Distortions of Conversion Therapy Bans on Gender Identity/Expression”, describes gender transition with a memorable formula. “Cure the gay” has become “transing the gay away”. The briefing explicitly states that “Many of these young people would grow up to be lesbian or gay.” Yet nowhere in the document does it mention the children who would grow up heterosexual without transition. The same practice, however, also lays claim to their sex and thereby recasts their sexual orientation. The briefing thus contradicts its own title. It warns of the “dangers and distortions” of conversion-therapy bans while committing just such a distortion itself. It makes conversion visible when it affects homosexual people and invisible as soon as the victim is heterosexual. A principle that applies to a homosexual victim and vanishes with a heterosexual one is no principle at all. It is interest-group advocacy. The very critics of identity politics thus adopt its favourite art. They divide people into identities that deserve protection and identities that deserve less, then pass that selection off as an analysis that does justice to its subject and deserves to be called a good argument. It fails on both counts with remarkable thoroughness. In Doyle’s case, this selective approach can even be quantified. Citing the Cass Review, he writes that 89 per cent of girls and 81 per cent of boys referred to England’s GIDS service were homosexual or bisexual. The percentage sign is the halo of the modern argument. It does not make a claim true, but makes it look as though the data had blessed it. On Doyle’s own breakdown, that leaves eleven per cent of the girls and nineteen per cent of the boys who were not recorded as homosexual or bisexual. If they were heterosexual, why does their conversion not count? Why does Doyle not write the corresponding sentence, “The NHS has been practising straight conversion therapy in plain sight”? The treatment affected their bodies no less, was no less invasive, and the new label imposed on them was no less false. ## Numbers Are No Substitute for Logic The statistics answer the wrong question. They may show how frequently a particular group appears at a clinic. But they cannot determine what kind of act is being performed there. Cohorts, questions and figures can change. Eighty per cent today, sixty tomorrow. The nature of the treatment does not change with them. Whether something is conversion depends on the act’s aim and on what necessarily follows from that aim. Gender transition is intended to change a person’s sex or gender identity. Because a person’s own sex is one of the reference points of sexual orientation, that orientation is redefined at the same time. Cass can illuminate the scale. How many children undergo such treatment is an *a posteriori* question, answered through empirical observation. Why the procedure counts as conversion is determined *a priori*, by definition and logic. The distinction between these two ways of knowing is easily illustrated. To discover how many bachelors have broken feet, we would have to examine the bachelors one by one. The answer depends on observation and is therefore *a posteriori*. By contrast, we can answer how many bachelors are unmarried men without looking at a single bachelor. All of them are, because that is what the word “bachelor” means. That answer is *a priori*. Likewise, only empirical investigation can establish how many children undergo gender-affirming treatment. That such treatment counts as conversion, by contrast, follows from the definition of the act and its aim. Nor does the objection that many patients feel better after transition get us anywhere. Practitioners of old-style conversion therapy could likewise have cited individual patients who reported relief after prayer, pressure or years of self-denial. No one with a shred of moral judgement would therefore call the transing of a child good. Whether it succeeded is morally irrelevant. Even a successful reorientation would remain wrong. Satisfaction is not an alchemical agent capable of turning a wrongful aim into a legitimate one. Anyone who treats wellbeing as an acquittal for one form of conversion while rejecting it as a defence for the other has no coherent moral standard. Zurich shows what this can mean in practice. The cantonal draft of the ban on conversion therapy would make it an offence to subject minors to practices aimed at changing or suppressing sexual orientation, gender identity or gender expression. Then a trapdoor opens in the ban. “Medically indicated treatments for gender incongruence” are exempted, with the exemption expressly covering, “in particular”, hormonal and surgical interventions. No one writes an exemption for something that plainly falls outside the offence in the first place. This clause therefore reveals more than any Athena Forum briefing. Namely, that transition falls within the definition of conversion, yet is to remain permitted. > “If treatment leads away from a declared trans identity, criminal punishment looms. If instead it subjects the body to a child’s self-declared gender identity, it is called medicine and affirmation.” The law proposed in Zurich would therefore draw no line between conversion and non-conversion. It would merely give different names to two directions of the same overreach. If treatment leads away from a declared trans identity, criminal punishment looms. If instead it subjects the body to a child’s self-declared gender identity, it is called medicine and affirmation. The method, the risk and the irreversibility are secondary. What matters is whether the change moves in the politically approved direction. Conversion once required a pastor. Its modern incarnation comes with a clinic, a public authority and perhaps soon a criminal law to protect it. At this point, Doyle, El-Nagashi and Femina Helvetica become surprisingly modest. They want to protect the consulting room from being gagged by the state, remove gender identity and gender expression from the bans, and protect minors from blockers, hormones and surgery. These are important demands. But in doing so, they merely clear an escape route. They leave the woke edifice itself standing. Part of that edifice is the notion that conversion becomes wrong only when the victim’s medical record happens to contain the right sexual orientation. ## Identity Politics with the Signs Reversed > “The gay boy is granted the status of historical victim; the straight boy is reduced to a statistical remainder. The lesbian is given a political biography; the straight girl is not even mentioned in the small print as a victim of the same conversion therapy.” Anyone who takes the anti-woke critics seriously should not let them get away with this half-measure out of politeness. For years they have rightly mocked woke morality for demanding to see a person’s group-membership card before seeing the person. Now they are distributing the cards themselves. The gay boy is granted the status of historical victim; the straight boy is reduced to a statistical remainder. The lesbian is given a political biography; the straight girl is not even mentioned in the small print as a victim of the same conversion therapy. This is not a universal critique. It is merely a rival form of identity politics. The proper dividing line does not run between gay and straight, or between religious practice and a white coat. It runs between accepting a person and attempting to rewrite that person to fit a preferred identity. Anyone who wants to oppose conversion must therefore look at the act, its aim, its means and its necessary consequences. Then every one of the four children counts. Gender transition then proves to be conversion not occasionally, but by definition. And all that remains of the proposed bans on conversion therapy across Europe are their real purpose. They are designed to punish the form of conversion they dislike and endow the favoured form with the authority of the state. > “Every gender transition, whether of a child or an adult, is by definition a conversion practice in every single case.” Anyone who takes the matter seriously must therefore acknowledge the decisive point. Every gender transition, whether of a child or an adult, is by definition a conversion practice in every single case. This is not an empirical conjecture. It follows from definition and pure logic. And a state that punishes one form of conversion therapy while legally legitimising and protecting the other has not banned conversion. It has enshrined conversion therapy practices as state policy. ### Auch Geschlechtsumwandlung ist eine Konversionstherapie URL: https://www.schweizermonat.ch/auch-geschlechtsumwandlung-ist-eine-konversionstherapie/ Last updated: 2026-09-15T07:52:38.000Z 0:00 /932.209958 1× Am 2\. September rückte [der Bundesrat](https://www.admin.ch/de/newnsb/bpqJWbpGwV43?ref=schweizermonat.ch) ein landesweites Verbot von Konversionsmassnahmen in Reichweite. In seinem Bericht zum Postulat «Überprüfung der Verbreitung sogenannter Konversionstherapien in der Schweiz und der Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung» hält er zwar fest, dass das geltende Straf-, Zivil- und Gesundheitsberuferecht bereits einen umfassenden Schutz biete. Unter Einbezug der kantonalen Vorschriften sei eine weitere Gesetzgebung nicht zwingend nötig. Weil jedoch immer mehr Kantone eigene Verbote vorbereiten oder bereits erlassen haben, zeigt sich der Bundesrat offen für eine einheitliche Strafnorm. Einen Entwurf gibt es noch nicht. Den Auftrag könnte ihm die hängige Motion «Konversionsmassnahmen an LGBTQ-Personen verbieten und unter Strafe stellen» erteilen. So beginnt eine reaktionäre Revolution in der Schweiz am liebsten: getarnt als Massnahme gegen den kantonalen Flickenteppich. Der bürokratische Ton des Bundesrats verdeckt dabei, wie radikal sich der Gegenstand verschoben hat. Konversionsmassnahmen sollen nicht mehr nur Versuche bezeichnen, die sexuelle Orientierung zu verändern oder zu unterdrücken. Der Begriff erfasst nun auch Geschlechtsidentität und Geschlechtsausdruck. Aus dem Schutz eines schwulen Jungen vor Erwachsenen, die ihn heterosexuell machen wollen, kann damit der staatliche Verdacht gegen Erwachsene werden, die ihm widersprechen, wenn er sich zum Mädchen erklärt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht bloss, ob Konversion verboten werden soll. Sie lautet auch, welche Konversion der Staat anerkennt – und welche Opfer seine Kritiker überhaupt sehen. ## Die Konversion, die niemand sehen will Der britische Schriftsteller und Komiker Andrew Doyle gehört zu den scharfsinnigeren Kritikern der geschlechtsaffirmativen Behandlung. In einem Artikel im Online-Magazin [«Spiked»](https://www.spiked-online.com/2024/04/11/the-cass-review-shames-the-gay-rights-establishment/?ref=schweizermonat.ch) warf er dem englischen Dienst zur Entwicklung der Geschlechtsidentität (GIDS) vor, unter neuem Namen eine alte Praxis fortzusetzen. Seinen Verdacht fasst er in einen einzigen Satz: «The NHS has been practising gay conversion therapy in plain sight.» Der Vorwurf ist berechtigt. Stellen wir vier Kinder nebeneinander. Ein Junge liebt Jungen, ein Junge liebt Mädchen, ein Mädchen liebt Mädchen, ein Mädchen liebt Jungen. Nun schickt man alle vier durch dieselbe geschlechtsumwandelnde Maschinerie. Sie erhalten neue Namen, neue Pronomen, Hormone und manche von ihnen später Operationen. An ihrer sexuellen Anziehung ändert sich nichts. Neu ist allein die Behauptung über ihr Geschlecht. Nach dieser Umbuchung gilt der schwule Junge als heterosexuelles Mädchen, der heterosexuelle Junge als lesbisches Mädchen, das lesbische Mädchen als heterosexueller Junge und das heterosexuelle Mädchen als schwuler Junge. Vier Kinder, ein Verfahren, vier neue Etiketten. Welche beiden Kinder verdienen Schutz vor solchen Konversionspraktiken? Die Frage klingt unanständig – und genau deshalb muss man sie stellen. Doyles Argumentation gibt darauf eine Antwort, auch wenn er sie nicht ausspricht. In ihr erscheinen nur der schwule Junge und das lesbische Mädchen. Die beiden heterosexuellen Kinder verschwinden. Nicht aus Bosheit. Das wäre beinahe beruhigend. Sie verschwinden aus dem schlimmeren Grund, dass Identitätspolitik und Empörung an die Stelle eines höheren Prinzips getreten sind. Doyles Satz ist eine ausgezeichnete Pointe. Wie viele ausgezeichnete Pointen beendet er den Gedanken eine Sekunde zu früh. Denn die geschlechtsaffirmative Behandlung fragt nicht nach der sexuellen Orientierung, bevor sie das Geschlecht neu deklariert. Sie macht nicht nur aus dem schwulen Jungen ein angeblich heterosexuelles Mädchen. Mit derselben Gelassenheit macht sie aus dem heterosexuellen Jungen ein angeblich lesbisches Mädchen. Wer im ersten Fall eine Konversionspraktik erkennt und im zweiten bloss eine Transition, unterscheidet nicht nach der Natur der Handlung. Er unterscheidet nach dem gesellschaftlichen Ansehen des Opfers. > «Sexuelle Orientierung ist kein Abzeichen, das unabhängig vom Körper an der Person haftet. Sie beschreibt ein Verhältnis.» Sexuelle Orientierung ist kein Abzeichen, das unabhängig vom Körper an der Person haftet. Sie beschreibt ein Verhältnis. Auf der einen Seite steht das eigene Geschlecht, auf der anderen das Geschlecht der Menschen, zu denen man sich hingezogen fühlt. Man kann sie mit einem Kompass vergleichen: Die Nadel ist die Anziehung, die Pole geben ihr die Bedeutung. Die alte Konversionstherapie wollte die Nadel mit Gewalt in eine andere Richtung zwingen. Die neue lässt die Nadel stehen und beschriftet die Pole neu. Danach verändert sich die Orientierung per Definition von selbst. Gerade darin liegt die doppelte Konversion. Die Transition greift unmittelbar nach dem Geschlecht oder der Geschlechtsidentität. Dadurch definiert sie mittelbar auch die sexuelle Orientierung neu. Bei Homosexuellen und Heterosexuellen geschieht das spiegelbildlich. Bei Bisexuellen bleibt das Etikett der Orientierung bestehen; der Zugriff auf das Geschlecht entfällt deshalb nicht. Die Unterschiede zwischen den vier besagten Kindern betreffen das Ergebnis der Buchführung, nicht die Natur des Eingriffs. ## Auch die Kritiker haben einen blinden Fleck In der Schweiz erhebt Femina Helvetica [einen verwandten Einwand](https://x.com/FeminaHelvetica/status/2095203349037461737?s=20&ref=schweizermonat.ch). Der überparteiliche Frauenverein verteidigt Mädchen und Frauen als Geschlecht und warnt vor einer frühen Transition von Kindern. Auf den Bericht des Bundesrates reagierte er mit einem Verweis auf seine Stellungnahme an den Zürcher Kantonsrat. Darin bezeichnete er die affirmative Behandlung als eine moderne Form der Konversionstherapie, weil sie potentiell schwule und lesbische Kinder in die medizinische Transition lenke. Das ist richtig. Es ist nur nicht vollständig. > «Das heterosexuelle Kind besitzt kein vergleichbares Archiv des Leidens. Also bekommt es in dieser Anklage nicht einmal eine Fussnote.» Warum konzentriert sich auch diese Kritik ausschliesslich auf homosexuelle Kinder? Weil Geschichte politisches Kapital abwirft. Bei Schwulen und Lesben stehen die Schreckensbilder bereit: religiöse Demütigung, Elektroschocks, chemische Kastration und das Versprechen, etwas zu heilen, das keine Krankheit ist. Diese Geschichte verdient Erinnerung. Doch Erinnerung wird zur Ausrede, sobald sie den Blick auf dieselbe Anmassung gegenüber anderen Menschen verstellt. Das heterosexuelle Kind besitzt kein vergleichbares Archiv des Leidens. Also bekommt es in dieser Anklage nicht einmal eine Fussnote. Auf europäischer Ebene kommt Faika El-Nagashi hinzu. Die frühere Abgeordnete der österreichischen Grünen leitet das [Athena Forum](https://athena-forum.eu/?ref=schweizermonat.ch). Dessen [Briefing](https://athena-forum.eu/resources/briefing-a-deceptive-label-on-conversion-therapy-bans/?ref=schweizermonat.ch) «A Deceptive Label: Briefing on the Dangers and Distortions of Conversion Therapy Bans on Gender Identity/Expression» beschreibt die Geschlechtsumwandlung mit der einprägsamen Formel: aus «cure the gay» werde «transing the gay away». Das Briefing erklärt ausdrücklich: «Many of these young people would grow up to be lesbian or gay.» Von Kindern, die ohne Transition heterosexuell erwachsen würden, ist dagegen im ganzen Dokument keine Rede. Doch dieselbe Praxis greift auch bei ihnen nach dem Geschlecht und deutet damit ihre sexuelle Orientierung um. Damit gerät das Briefing in Widerspruch zu seinem eigenen Titel. Es warnt vor den «dangers and distortions» von Konversionsverboten und leistet sich selbst eine solche Verzerrung. Es macht Konversion sichtbar, wenn sie Homosexuelle trifft, und unsichtbar, sobald das Opfer heterosexuell ist. Ein Grundsatz, der bei einem homosexuellen Opfer gilt und bei einem heterosexuellen erlischt, ist kein Grundsatz. Er ist Gruppenvertretung. Ausgerechnet Kritiker der Identitätspolitik übernehmen damit deren Lieblingskunst: Sie teilen Menschen in schutzwürdige und weniger schutzwürdige Identitäten ein und verkaufen diese Auswahl als eine Analyse, die der Gerechtigkeit Rechnung trage und den Namen eines guten Arguments verdiene. Sie verfehlt beides mit bemerkenswerter Gründlichkeit. Bei Doyle lässt sich diese Auswahl sogar ausrechnen. Unter Berufung auf den Cass-Review schreibt er, 89 Prozent der an den englischen Genderdienst GIDS überwiesenen Mädchen und 81 Prozent der Jungen seien homosexuell oder bisexuell gewesen. Das Prozentzeichen ist der Heiligenschein des modernen Arguments. Es macht eine Behauptung nicht wahr, lässt sie aber aussehen, als hätten die Daten sie gesegnet. Nach Doyles eigener Einteilung bleiben elf Prozent der Mädchen und neunzehn Prozent der Jungen, die nicht als homo- oder bisexuell erfasst wurden. Wenn sie heterosexuell waren, weshalb zählt ihre Konversion dann nicht? Warum schreibt Doyle nicht den entsprechenden Satz «The NHS has been practising straight conversion therapy in plain sight»? Ihre Körper waren nicht weniger betroffen, ihre Behandlung nicht weniger eingreifend und das ihnen auferlegte neue Etikett nicht weniger falsch. ## Zahlen ersetzen keine Logik Vor allem beantwortet die Statistik die falsche Frage. Sie kann womöglich zeigen, wie häufig eine Gruppe in einer Klinik auftaucht. Sie kann aber nicht bestimmen, was die dort vorgenommene Handlung ihrem Begriff nach ist. Andere Kohorte, andere Fragen, andere Zahlen. Heute achtzig Prozent, morgen sechzig. Die Natur der Behandlung ändert sich dadurch nicht. Ob Konversion vorliegt, hängt davon ab, worauf die Handlung zielt und was aus diesem Ziel notwendig folgt. Die Geschlechtstransition soll das Geschlecht oder die Geschlechtsidentität verändern. Weil das eigene Geschlecht ein Bezugspunkt sexueller Orientierung ist, wird zugleich auch diese neu definiert. Cass kann das Ausmass beleuchten. Wie viele betroffen sind, ist eine Frage *a posteriori*, also eine Frage der empirischen Beobachtung. Warum der Vorgang Konversion ist, entscheidet sich *a priori*, durch Definition und Logik. Der Unterschied zwischen den beiden Erkenntniswegen lässt sich anhand eines einfachen Beispiels verdeutlichen. Wie viele Junggesellen einen gebrochenen Fuss haben, kann man nur herausfinden, indem man sie einzeln untersucht. Die Antwort beruht auf Beobachtung und gilt deshalb *a posteriori*. Wie viele Junggesellen unverheiratete Männer sind, lässt sich hingegen beantworten, ohne auch nur einen von ihnen anzusehen. Es sind alle, denn genau das bedeutet der Begriff «Junggeselle». Diese Antwort gilt *a priori*. Ebenso lässt sich nur empirisch feststellen, bei wie vielen Kindern eine geschlechtsaffirmative Behandlung vorgenommen wird. Dass ihre Behandlung als Konversion zählt, ergibt sich dagegen bereits definitorisch aus dem Vorgang. Auch der Einwand, viele Behandelte fühlten sich nach einer Transition besser, führt nirgendwohin. Auch die alte Konversionstherapie hätte einzelne Patienten vorzeigen können, die nach Gebet, Druck oder jahrelanger Selbstverleugnung von Erleichterung berichteten. Niemand mit einem Rest moralischer Urteilskraft würde die Umpolung eines Kindes deshalb für gut halten. Ob sie erfolgreich war, ist moralisch ohne Belang. Selbst eine erfolgreiche Umpolung bliebe ein Unrecht. Zufriedenheit ist kein alchemistisches Mittel, das ein verwerfliches Ziel in ein legitimes verwandelt. Wer das Wohlbefinden bei der einen Konversion zum Freispruch erhebt und bei der anderen verwirft, besitzt keinen weisen Massstab. Wie das praktisch aussehen kann, zeigt Zürich. Der kantonale Entwurf bedroht bei Minderjährigen Praktiken mit Strafe, die auf eine Änderung oder Unterdrückung von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder Geschlechtsausdruck zielen. Dann öffnet sich im Verbot eine Falltür. Ausgenommen werden «medizinisch indizierte Behandlungen für Geschlechtsinkongruenz», wobei Hormone und chirurgische Massnahmen ausdrücklich (und «insbesondere») eingeschlossen sind. Niemand schafft eine Ausnahme für etwas, das vom Tatbestand offenkundig gar nicht erfasst wird. Diese Klausel verrät daher mehr als jedes Briefing des Athena Forums. Die Transition gehört zur definierten Konversion – und soll dennoch erlaubt bleiben. > «Führt eine Behandlung von der erklärten Transidentität weg, droht Strafe. Unterwirft sie dagegen den Körper der selbsterklärten Geschlechtsidentität eines Kindes, heisst sie Medizin und Affirmation.» Das Gesetz würde also keine Grenze zwischen Konversion und Nichtkonversion ziehen. Es würde vielmehr zwei Richtungen derselben Anmassung mit verschiedenen Namen versehen. Führt eine Behandlung von der erklärten Transidentität weg, droht Strafe. Unterwirft sie dagegen den Körper der selbsterklärten Geschlechtsidentität eines Kindes, heisst sie Medizin und Affirmation. Die Methode, das Risiko und die Unumkehrbarkeit sind zweitrangig. Entscheidend ist, ob die Veränderung in die politisch genehmigte Richtung führt. Früher benötigte die Konversion einen Pastor. Die modernere Ausgabe besitzt eine Klinik, eine Behörde und demnächst vielleicht eine Strafnorm zu ihrer Absicherung. An diesem Punkt bleiben Doyle, El-Nagashi und Femina Helvetica überraschend bescheiden. Sie wollen den Therapieraum vor dem staatlichen Maulkorb schützen, Geschlechtsidentität und Geschlechtsausdruck aus den Verboten streichen und Minderjährige vor Blockern, Hormonen und Operationen bewahren. Das sind wichtige Forderungen. Doch sie räumen damit nur den Fluchtweg frei. Das woke Gebäude selbst lassen sie stehen. Dazu gehört die Vorstellung, Konversion werde erst dann zum Unrecht, wenn sich in der Krankengeschichte des Opfers die richtige sexuelle Orientierung finde. ## Identitätspolitik mit umgekehrtem Vorzeichen > «Der schwule Junge erhält den Status des historischen Opfers, der heterosexuelle Junge wird zur statistischen Restgrösse. Die Lesbe bekommt eine politische Biografie; das heterosexuelle Mädchen wird als Opfer derselben Konversion nicht einmal im Kleingedruckten erwähnt.» Wer die Antiwoken ernst nimmt, darf ihnen diese Halbheit nicht aus Höflichkeit durchgehen lassen. Sie haben jahrelang zu Recht verspottet, dass die woke Moral von jedem Menschen zunächst dessen Gruppenausweis verlange. Nun legen sie selbst die Formulare aus. Der schwule Junge erhält den Status des historischen Opfers, der heterosexuelle Junge wird zur statistischen Restgrösse. Die Lesbe bekommt eine politische Biografie; das heterosexuelle Mädchen wird als Opfer derselben Konversion nicht einmal im Kleingedruckten erwähnt. So sieht keine universelle Kritik aus. So sieht ein Konkurrenzangebot zur Identitätspolitik aus. Die saubere Trennlinie verläuft nicht zwischen schwul und heterosexuell, auch nicht zwischen religiöser Praxis und weissem Kittel. Sie verläuft zwischen der Annahme eines Menschen und dem Versuch, ihn nach einer erwünschten Identität umzuschreiben. Wer Konversion bekämpfen will, muss deshalb auf die Handlung, ihr Ziel, ihre Mittel und ihre notwendigen Folgen sehen. Dann zählt jedes der vier Kinder. Dann erweist sich die Geschlechtstransition nicht gelegentlich, sondern ihrem Begriff nach als Konversion. Und dann bleibt vom geplanten Verbot nur sein wahrer Zweck übrig. Es soll die missliebige Konversion bestrafen und die genehme mit staatlicher Autorität ausstatten. > «Die Geschlechtstransition eines Menschen, ob Kind oder Erwachsener, ist definitionsgemäss in jedem einzelnen Fall eine Konversionspraktik.» Wer die Sache ernst nimmt, muss deshalb den entscheidenden Punkt anerkennen: Die Geschlechtstransition eines Menschen, ob Kind oder Erwachsener, ist definitionsgemäss in jedem einzelnen Fall eine Konversionspraktik. Das ist keine empirische Vermutung, sondern folgt aus Definition und reiner Logik. Ein Staat aber, der die eine Konversion bestraft und die andere gesetzlich legitimiert und absichert, hat die Konversion nicht verboten. Er hat sie verstaatlicht. ### Der Westen ist die schlechteste Zivilisation – mit Ausnahme von allen anderen URL: https://www.schweizermonat.ch/der-westen-ist-die-schlechteste-zivilisation-mit-ausnahme-von-allen-anderen/ Last updated: 2026-09-10T06:34:22.000Z _No content available._ ### Müssen die Konservativen progressiver werden? URL: https://www.schweizermonat.ch/mussen-die-konservativen-progressiver-werden/ Last updated: 2026-09-08T08:06:29.000Z _No content available._ ### Noble Ziele können zum Ruin führen URL: https://www.schweizermonat.ch/noble-ziele-konnen-zum-ruin-fuhren/ Last updated: 2026-09-30T07:25:49.000Z 0:00 /144.31725 1× Verantwortungsethik bedeutet, dass Regierungen und Politiker auf die realen Auswirkungen ihrer Entscheide und Massnahmen achten. Gemessen am Resultat wird dann entschieden, ob ein Kurswechsel nötig ist. Richtig ist, was tatsächlich wirkt, unter Berücksichtigung des Wohls und der Sicherheit der Bevölkerung, die einen gewählt hat. Die Gesinnungsethik misst ihre Massnahmen am ethischen Gehalt ihrer Absicht. Richtig ist, was gut gemeint ist und sich mit einer guten Gesinnung ausweisen kann. Die Gesinnungsethik dominiert grosse Teile der Politik nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland. Der politisch-mediale Mainstream setzt auf Migration gegen den demografischen Wandel, auf alternative Energien gegen die Klimaerwärmung, auf Staatsschulden gegen Krisen. Die Gesinnungsethik lässt sich von keiner Realität erschüttern. Mit dem Ziel einer offenen, multikulturellen Gesellschaft können ihre Vertreter moralisch glänzen, auch wenn in der Realität die Gewalt durch Migranten zunimmt, wenn die Sicherheit im öffentlichen Raum leidet, wenn Wohnraum knapper und damit teurer wird. Die Rettung des Klimas ist eine so noble Mission, dass man dafür die eigene Zivilisation riskiert und das Land von Energie aus diktatorischen Ländern abhängig macht. Dass die Schweiz in den kommenden Jahren sehr viel mehr Energie brauchen wird, als Windräder oder Solarpanels jemals zuverlässig liefern können, kann die nuklearfreie Utopie der Klimahelden nicht zerstören. Die verantwortliche Politikerklasse setzt bei aktuellen Krisenthemen wie Migration, Islam, Terror oder Geopolitik grundsätzlich auf das moralisch Gute, das medial auch gut klingt. Dabei lenken die Labels links und rechts nur ab, einerseits vom Blick auf die tatsächliche Wirkung von Regierungsentscheiden und Gesetzen, andererseits von einer sachlichen Diskussion über politische Inhalte. In jedem Fall ist es ratsam, genauer darauf zu achten, welche Politiker und Parteien überhaupt noch eine Ethik der Verantwortung vertreten, also eine Politik, die sich an der bewirkten Realität messen lässt, statt dem politischen Gegner den Schwarzen Peter zuzuschieben. Das ist ein erster Schritt in Richtung einer pragmatischen, demokratischen Praxis. Für eine Politik der Verantwortung, die den Interessen des Landes dient, indem sie sich permanent an ihrer Wirkung messen und korrigieren lässt. ### Staatsquote ist nicht gleich Staatsquote: Die gängige Metrik zeichnet für die Schweiz ein zu rosiges Bild URL: https://www.schweizermonat.ch/staatsquote-ist-nicht-gleich-staatsquote/ Last updated: 2026-09-15T07:55:56.000Z 0:00 /611.490958 1× Die Schweizer Staatsquote beträgt 32,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – nach Irland der zweittiefste Wert Europas. Kaum eine Zahl wird in der Schweizer Finanzpolitik so oft zitiert und so selten hinterfragt. Politiker führen sie an, Ökonomen ebenso, und beide meinen dasselbe: Der Schweizer Staat ist schlank. Was die Zahl misst, weiss kaum jemand genau; das Regelwerk der Vereinten Nationen, auf dem sie beruht, umfasst über 700 Seiten. Die Rechnung selbst ist simpel: Staatsausgaben geteilt durch BIP. Im Zähler steht die Grösse des Staates, im Nenner die Wirtschaftskraft, an der man sie misst. Beide Seiten werfen Fragen auf, die selten gestellt werden. Wie leicht man in die Irre gerät, wenn man sich nur auf eine Orientierungsgrösse verlässt, zeigt sich regelmässig am Gotthard. Drei- bis viermal im Monat wendet dort ein Fahrzeug mitten im Strassentunnel, bei Gegenverkehr. Das Navigationsgerät hat über die Passstrasse geroutet, die Ausfahrt ist vorbei, und ohne Empfang verlangt es mit unverminderter Bestimmtheit ein Wendemanöver. Wer eine zweite Orientierungsgrösse nutzt – den wohlüberlegten Blick durch die Windschutzscheibe –, folgt ihm nicht. Mit der Staatsquote verhält es sich ähnlich: Sie beantwortet eine wichtige Frage – aber eben nur eine. ## Die Mär von der Ausgabendisziplin Üblich ist der Blick auf die Ausgaben; sie zeigen, was der Staat tut. Was er die Bürger kostet, zeigen die Einnahmen, sofern die Rechnung nicht über Schulden an künftige Steuerzahler weitergereicht wird. Beide Anzeigen laufen auseinander. Die Ausgabenquote lag 1995 bei 33,4 Prozent und 2024 bei 33,6 Prozent, praktisch unverändert. Die Einnahmenquote stieg im selben Zeitraum von 31,5 auf 34,2 Prozent. Wäre sie auf dem Niveau von 1995 geblieben, hätte der Staat 2024 rund 23 Milliarden Franken weniger eingenommen. > «Den ausgeglichenen Haushalt, auf den die Schweiz stolz ist, verdankt sie weniger dem Sparwillen als wachsenden Einnahmen.» Den ausgeglichenen Haushalt, auf den die Schweiz stolz ist, verdankt sie also weniger dem Sparwillen als wachsenden Einnahmen – und das, obwohl Kantone und Gemeinden ihre Steuersätze seit 1995 teils markant gesenkt haben. Kalte und warme Progression, Mehrwertsteuer und Sozialabgaben haben die Senkungen mehr als wettgemacht. Wer daraus schliesst, die Schweiz beherrsche die Ausgabendisziplin, überschätzt eine Fähigkeit, auf die es im Ernstfall ankäme. ## Wo hört der Staat auf? Die zweite Frage ist heikler: Was zählt überhaupt als Staat? Die europäischen Regeln zur Abgrenzung des Staatssektors richten sich nicht nach den Besitzverhältnissen, sondern nach der Finanzierung. Unternehmen, die mehr als die Hälfte ihrer Kosten durch den Verkauf ihrer Leistungen decken, gelten statistisch nicht als Staat. Aus der Quote fallen damit zunächst Pensionskassen, obligatorische Krankenversicherung und Unfallversicherung. Dafür gibt es ein gutes Argument: Was man in die Pensionskasse einzahlt, fliesst grösstenteils zeitversetzt an einen selbst zurück. Fragt man dagegen, welcher Teil der Wirtschaftsleistung über gesetzlich vorgeschriebene Beiträge organisiert wird, gehören sie dazu – und die erweiterte Staatsquote steigt von 32,7 auf 46,3 Prozent. Damit rückt die Schweiz deutlich näher an ihre Nachbarländer: Deutschland liegt bei 48,6, Österreich bei 53,0 Prozent; dort sind diese Versicherungen längst eingerechnet. Doch dabei bleibt es nicht. Noch fraglicher wird die Mär von der Ausgabendisziplin, wenn man die staatsnahen Unternehmen betrachtet. Aus der Statistik fallen die Post, die SBB, die SRG und die FINMA, dazu Kantonalbanken sowie kantonale und kommunale Energieversorger. Wie viel sie ausmachen, lässt sich nicht sauber beziffern; die Zahlen fehlen. Behelfsgrössen gibt es aber, und die sind deutlich. Der Bund wies 2024 nach offizieller Statistik Erträge von 89 Milliarden Franken aus; seine konsolidierte Rechnung, die mehrheitlich bundeseigene Unternehmen einschliesst, beläuft sich auf 167 Milliarden. Ähnlich bei der Beschäftigung: Als Staatsangestellte gelten rund 395 000 Vollzeitstellen oder zehn Prozent aller Erwerbstätigen. Zählt man das Personal öffentlicher Unternehmen und jener Privatfirmen hinzu, die unter staatlicher Teilkontrolle stehen oder überwiegend aus staatlichen Quellen leben, ist es fast jeder Vierte. ## Der Nettolohn der Volkswirtschaft Bisher ging es um den Zähler der Staatsquote. Nicht minder interessant ist der Nenner, und er wird fast nie diskutiert. Das Prinzip kennt jeder vom Lohnausweis: Der Bruttolohn im Arbeitsvertrag sieht stattlich aus, doch aufs Konto kommt der Nettolohn – nach Abzügen, die nötig sind, damit man morgen versichert ist und übermorgen eine Rente bezieht. Zwischen brutto und netto liegt kein Betrug, aber ein Unterschied, der zählt. Für eine Volkswirtschaft gilt dieselbe Logik. Das BIP ist ihr Bruttolohn: Es misst, was produziert wird – auch jenen Teil der Produktion, der lediglich den Wertverlust von Maschinen, Gebäuden, Strassen oder Software ausgleicht. Zieht man diesen Wertverlust (Abschreibungen) ab, bleibt das Nettoinlandsprodukt (NIP): der Teil der Wertschöpfung, der für Löhne, Dividenden und Staatstätigkeit zur Verfügung steht. Die Vereinten Nationen halten Nettomasse in ihrem jüngsten Methodenbericht für «konzeptionell überlegen»; dass sich trotzdem das BIP durchgesetzt hat, ist eine Folge fehlender Vergleichsdaten. Für die Schweiz lohnt sich der Blick auf den Nettolohn besonders, weil ihre Abzüge hoch sind. Mit 23,7 Prozent des BIP weist sie die höchste Abschreibungsquote Europas auf. Der Grund liegt im eigenen Erfolgsmodell: Die Schweiz verfügt über einen aussergewöhnlich grossen und modernen Bestand an Maschinen, Gebäuden, Infrastruktur und Software. Zudem fliessen zwei Drittel der Investitionen in Ausrüstungen, davon rund 40 Prozent in Software sowie Forschung und Entwicklung. Entsprechend muss auch überdurchschnittlich viel bestehendes Kapital ersetzt werden. Solche Güter verlieren vergleichsweise rasch an Wert. Was auf der einen Seite Innovationskraft ist, verkleinert auf der anderen den Nettolohn der Volkswirtschaft überdurchschnittlich stark. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/image.png) Höchste Abschreibungsquote Europas: Anteil der Wirtschaftsleistung, der 2022 allein für den Erhalt von Maschinen, Gebäuden und Software aufgewendet wurde. Die Schweiz (rot) liegt hier vor allen anderen Ländern. Ein Ausdruck ihres grossen, gut ausgestatteten Kapitalstocks. Quelle: Eurostat. Die Folge ist beträchtlich. Bezogen auf das NIP lag die Staatsquote 2022 bei 42,8 Prozent – rund zehn Prozentpunkte höher als am BIP gemessen. Auch hier gilt: Der Staat ist nicht gewachsen, nur die Anzeige hat sich geändert. Und die Differenz wächst: Seit 1995 legte die BIP-basierte Quote um 0,2 Prozentpunkte zu, die NIP-basierte um 1,6. Für Deutschland hat der Ökonom Alfons Weichenrieder diese Rechnung als Erster gemacht: Dort liegt die Staatsquote auf NIP-Basis bei 62,2 statt 49,4 Prozent auf BIP-Basis – eine Differenz von knapp 13 Prozentpunkten. Wir haben dieselbe Rechnung für die Schweiz durchgeführt: Der Abstand fällt in der Schweiz mit rund zehn Prozentpunkten rund drei Prozentpunkte kleiner aus als in Deutschland, bleibt aber beträchtlich. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/09/image-1.png) Zwei Masse, zwei Werte: Staatsquote 2022, einmal gemessen am BIP (Raute), einmal am NIP (Kreis) – also nach Abzug der Abschreibungen. Bei der Schweiz liegen beide Werte besonders weit auseinander: 32,7 gegenüber 42,8 Prozent. Quelle: Eurostat. ## Wem die Wertschöpfung gehört Das BIP misst, was auf Schweizer Boden produziert wird – unabhängig davon, wem die Wertschöpfung am Ende zufliesst. Ein drittes Mass, das Bruttonationaleinkommen (BNE), dreht die Frage um: Es zählt, was den Inländern zufliesst, unabhängig davon, wo sie es verdienen. Solange Arbeit und Kapital an der Landesgrenze haltmachen, bleibt der Unterschied theoretisch. Erst mit ihrer Mobilität wird er wirtschaftlich bedeutsam: Immer mehr Einkommen, das in der Schweiz erwirtschaftet wird, fliesst ins Ausland – etwa an Grenzgänger oder an ausländische Eigentümer von Schweizer Unternehmen. Deshalb wächst das BIP schneller als das BNE – und die Staatsquote stieg seit 1995 auf BNE-Basis um 1,9 Prozentpunkte statt um 0,2. > «Ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung beruht auf mobilen Arbeitskräften und internationalem Kapital. Sie lassen die Inländer wohlhabender erscheinen, als sie gemessen an ihrem eigenen Einkommen sind, und den Staat kleiner, als er im Verhältnis dazu ist.» Ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung beruht damit auf mobilen Arbeitskräften und internationalem Kapital. Sie lassen die Inländer wohlhabender erscheinen, als sie gemessen an ihrem eigenen Einkommen sind, und den Staat kleiner, als er im Verhältnis dazu ist. Zugleich finanzieren die Abgaben der Grenzgänger und die Gewinnsteuern ausländischer Konzerne einen guten Teil eben dieses Staates. Verlässlich ist diese Einnahmequelle nicht: Die OECD-Mindeststeuer zeigt, wie rasch ein Standortvorteil unter Druck gerät. ## Kein Autopilot Keine dieser Zahlen ist falsch, und keine macht die Schweiz vom Musterschüler zum Sorgenkind. Sie messen Verschiedenes: Die Ausgabenquote zeigt, was der Staat tut; die Einnahmenquote, was er die Bürger kostet; die erweiterte Quote, welcher Teil der Wirtschaftsleistung staatlich statt marktwirtschaftlich organisiert ist; die NIP-Quote, wie viel der Staat vom tatsächlich Verfügbaren beansprucht; die BNE-Quote, wie viel der Staat vom Einkommen der Inländer beansprucht. Erst zusammen ergeben sie ein vollständiges Bild. Wer nur eine Zahl abliest, hält die Schweiz für einen europäischen Sonderfall, überschätzt ihre Ausgabendisziplin und unterschätzt, wie stark der staatliche Fussabdruck wächst. Das BIP taugt nicht als finanzpolitischer Autopilot. Wer es dennoch so gebraucht, muss sich nicht wundern, wenn er mitten im Tunnel aufgefordert wird, zu wenden. ### Die Brandmauer ist Gift für die Demokratie URL: https://www.schweizermonat.ch/die-brandmauer-ist-gift-fur-die-demokratie/ Last updated: 2026-09-04T09:38:11.000Z _No content available._ ### Neutralitätsinitiative: «Putin-Versteher» gegen «Heimatmüde» URL: https://www.schweizermonat.ch/neutralitatsinitiative-putin-versteher-gegen-heimatmude/ Last updated: 2026-09-04T06:56:27.000Z _No content available._ ### In der neuen Weltordnung könnte Brasilien der grosse Gewinner sein URL: https://www.schweizermonat.ch/in-der-neuen-weltordnung-konnte-brasilien-der-grosse-gewinner-sein/ Last updated: 2026-09-03T13:59:42.000Z 0:00 /535.009958 1× Manchmal frage ich mich, ob wir erst im Rückblick erkennen, dass wir mitten in einem historischen Wendepunkt gelebt haben. Seit jeher haben mich Geschichte und Geopolitik fasziniert. Besonders interessierten mich jene Momente, in denen sich die Welt grundlegend veränderte – der Aufstieg und Niedergang grosser Reiche, wirtschaftliche Machtverschiebungen und die Frage, weshalb manche Nationen über Jahrhunderte erfolgreich waren, während andere an Bedeutung verloren. Daneben hatte ich noch eine eher ungewöhnliche Leidenschaft. Schon als junger Mensch las ich über Nostradamus und andere historische Seher. Nicht weil ich glaubte, sie könnten die Zukunft vorhersagen, sondern weil mich faszinierte, wie Menschen seit Jahrhunderten versuchten, in rätselhaften Texten Hinweise auf kommende Entwicklungen zu erkennen. Besonders grosses Interesse weckten bei mir Interpretationen, die Brasilien als einen Ort beschrieben, der von den grossen Konflikten der Welt vergleichsweise verschont bleiben könnte. Ob diese Deutungen zutreffen, weiss niemand. Für mich waren sie nie mehr als ein Denkanstoss. Heute interessieren mich weniger Prophezeiungen als Daten, Entwicklungen und Zusammenhänge. Vielleicht war Nostradamus lediglich der Auslöser, mich intensiver mit einem Land zu beschäftigen, dessen Stärken sich heute weit überzeugender mit Geografie, Demografie und Wirtschaft erklären lassen als mit mystischen Versen. Ich schreibe diesen Essay weder als Ökonom noch als Politikwissenschafter. Ich schreibe ihn als Schweizer, der in Europa gelebt hat und seit einigen Jahren in Brasilien zu Hause ist. Meine Überzeugungen beruhen auf Beobachtungen. Und auf der Erfahrung, dass langfristige Entwicklungen oft wichtiger sind als die Schlagzeilen eines einzelnen Tages. ## Eine Welt im Wandel Wenn ich heute die internationale Lage betrachte, sehe ich zwar grosse Herausforderungen, jedoch keine Welt vor dem Zusammenbruch. Ich sehe vielmehr eine Welt im Wandel. Nach dem Ende des Kalten Krieges schien vieles eindeutig. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren die dominierende Weltmacht, Europa wuchs wirtschaftlich zusammen und die Globalisierung schien unaufhaltsam. Viele glaubten, diese Ordnung werde dauerhaft bestehen. Heute ist das Bild differenzierter. Die Vereinigten Staaten bleiben wirtschaftlich, technologisch und militärisch eine der stärksten Nationen der Welt. Gleichzeitig stehen sie vor Herausforderungen wie hoher Staatsverschuldung, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender Konkurrenz durch andere Wirtschaftsräume. Das bedeutet aus meiner Sicht nicht den Niedergang der USA. Es bedeutet vielmehr, dass die Welt nicht mehr ausschliesslich von einer einzigen Macht geprägt wird. > «Ich habe die Schweiz nicht verlassen, weil ich das Vertrauen in Europa verloren hätte, sondern weil ich überzeugt bin, dass man die Zukunft besser versteht, wenn man bereit ist, die Welt auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten.» Als Schweizer empfinde ich Europa nach wie vor als einen aussergewöhnlichen Kontinent. Rechtsstaatlichkeit, Bildung, Innovation und Lebensqualität gehören weltweit zur Spitze. Dennoch sind die strukturellen Herausforderungen nicht zu übersehen. Der demografische Wandel, Fragen der Migration, die Energieversorgung und die teilweise schwierige Entscheidungsfindung innerhalb der Europäischen Union werden die kommenden Jahrzehnte prägen. Ich habe die Schweiz nicht verlassen, weil ich das Vertrauen in Europa verloren hätte, sondern weil ich überzeugt bin, dass man die Zukunft besser versteht, wenn man bereit ist, die Welt auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten. ## Die Rückkehr der Geografie Lange glaubten wir, Digitalisierung und Globalisierung hätten die Bedeutung der Geografie überwunden. Die vergangenen Jahre haben jedoch gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Pandemien, unterbrochene Lieferketten, geopolitische Konflikte und Energiekrisen haben deutlich gemacht, wie wichtig Wasser, Energie, Landwirtschaft und Rohstoffe sind. Tim Marshall hat dies in seinem Standardwerk «Prisoners of Geography» eindrücklich aufgezeigt. Als ich vor einigen Jahren hierhin zog, begann ich, viele Dinge neu zu sehen. Plötzlich hatte ich täglich vor Augen, über welche natürlichen Voraussetzungen dieses Land verfügt. Die grösste Volkswirtschaft Südamerikas wird im Ausland häufig durch politische Schlagzeilen wahrgenommen. Dabei geraten die langfristigen Stärken des Landes aus dem Blick. > «Brasilien verfügt über enorme Süsswasserreserven, fruchtbare Böden, eine moderne Landwirtschaft, bedeutende Rohstoffvorkommen und einen hohen Anteil erneuerbarer Energien.» Brasilien verfügt über enorme Süsswasserreserven, fruchtbare Böden, eine moderne Landwirtschaft, bedeutende Rohstoffvorkommen – gerade die seltenen Erden werden an geopolitischer Bedeutung gewinnen – und einen hohen Anteil erneuerbarer Energien. Hinzu kommen ein grosser Binnenmarkt und eine geografische Lage weit entfernt von vielen der heutigen geopolitischen Spannungsräume. Ohnehin ist Brasilien seit jeher eher friedfertig und auf Konsens aus. Natürlich lösen diese Voraussetzungen nicht automatisch alle Probleme. Der südamerikanische Staat kennt Bürokratie, massive soziale Ungleichheit, politische Polarisierung und wirtschaftliche Schwankungen. Gerade deshalb bin ich optimistisch. Brasilien ist nicht perfekt, aber seine strukturellen Voraussetzungen werden häufig unterschätzt. ## Langfristiges Denken Vielleicht liegt der grösste Unterschied zwischen kurzfristigem und langfristigem Denken darin, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Kurzfristig dominieren Wahlen, Börsenkurse oder Konjunkturdaten. Langfristig sind andere Fragen entscheidend: Wie entwickelt sich die Demografie? Welche Länder verfügen über ausreichend Wasser (das Amazonasgebiet hat eines der grössten Süsswasservorkommen der Welt)? Wo entstehen neue Infrastrukturprojekte? Welche Regionen bleiben politisch stabil? Wo können auch kommende Generationen gut leben und wirtschaften? ## Immobilien als Ausdruck langfristiger Überzeugung Immobilien haben mich nie deshalb interessiert, weil sie kurzfristige Gewinne versprechen. Mich interessiert ihr Charakter als Sachwert. Eine gute Immobilie erfüllt einen realen Zweck. Menschen wohnen darin, arbeiten darin oder verbringen dort ihre Freizeit. Deshalb sehe ich ausgewählte Immobilieninvestitionen in Brasilien als Ausdruck eines langfristigen Vertrauens in die Entwicklung eines Standortes. Natürlich gilt auch hier: Nicht jede Region eignet sich gleichermassen. Qualität, Lage, Infrastruktur und sorgfältige Prüfung bleiben entscheidend. Als attraktiv beurteile ich in dieser Hinsicht etwa den Nordosten Brasiliens, im Speziellen die Küstenregion von Ceará. Diese Region bietet eine Kombination von Vorteilen, die selten zu finden ist (unter anderem ein strukturierter und wachsender Tourismus, internationale Luftverkehrsanbindung und ganzjährig angenehmes Klima). ## Übergang zu einer multipolaren Welt Vielleicht entwickelt sich die Welt ganz anders. Doch wenn ich heute nochmals entscheiden müsste, in welchem Land ich langfristig leben, investieren und an die Zukunft glauben möchte, dann würde ich wieder Brasilien wählen. Natürlich gibt es auch Risiken, die höher sind als in entwickelten Ländern (etwa politische Instabilität). Meine persönliche Erfahrung als Investor ist aber, dass sich in den letzten dreissig Jahren einiges zum Besseren gewandelt hat. Die Rechtssicherheit hat zugenommen, die Währung ist stabiler geworden, die Wirtschaft hat sich diversifiziert – der Trend zeigt nach oben. Möglicherweise erleben wir heute tatsächlich den Übergang in eine multipolare Welt. Und allenfalls gewinnen natürliche Ressourcen, Ernährungssicherheit und Energie stärker an Bedeutung als in den vergangenen Jahrzehnten. Das bevölkerungsreichste Land Südamerikas könnte dabei eine wichtigere Rolle spielen, als viele heute vermuten. Optimismus ersetzt keine Analyse. Er sollte das Ergebnis einer Analyse sein. Das mag typisch schweizerisch klingen. Wir neigen dazu, Chancen nicht euphorisch, sondern mit einer gewissen Zurückhaltung zu beurteilen. Wir wägen Risiken sorgfältig ab, vergleichen Alternativen und denken lieber in Jahrzehnten als in Quartalen. Und genau deshalb blicke ich auf dieses Land mit Zuversicht. Ich bin mir bewusst, dass ich als Wahlbrasilianer nicht der neutralste Beobachter bin. Dennoch glaube ich, dass mein Optimismus nicht unbegründet ist. Denn langfristige Entwicklungen beginnen oft dort, wo andere noch nicht hinschauen. ### Die erschöpfte Zivilisation: Die westliche Selbstkasteiung spielt den Extremen in die Hände URL: https://www.schweizermonat.ch/die-erschopfte-zivilisation-die-westliche-selbstkasteiung-spielt-den-extremen-in-die-hande/ Last updated: 2026-09-03T14:03:17.000Z 0:00 /288.385958 1× Anfang August, am Rande einer Zusammenkunft europäischer Politiker und Denker im ruhigen Ascona, entspann sich bei einer Tasse Kaffee eine interessante Diskussion. Einer der Anwesenden sprach in besorgtem Ton davon, dass der Westen dringend über sich selbst nachdenken müsse, nachdem er die letzten Jahre damit verbracht hätte, seine Geschichte zu «dämonisieren» und jene politischen und geistigen Persönlichkeiten zu demontieren, die einst als Inspirationsquelle und Kompass der Identität gegolten hätten. Er fügte hinzu: Wenn die Liberalen dies nicht täten, werde die AfD es mit ihrem völkischen Geschichtsrevisionismus tun – das tue sie bereits, was bei vielen verfange. Diese Randbemerkung legt den Finger in eine offene Wunde: Die westliche Welt erlebt heute eine beispiellose Form von kulturellem Masochismus. Die Tugend der Selbstkritik – einst der eigentliche Motor der Aufklärung und des Fortschritts – ist zu einer nihilistischen Guillotine geworden. Die Plätze sind ohne Statuen, die Lehrpläne ohne klassische Vorbilder und die nationale Geschichte wird fast ausschliesslich als Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus und der Unterdrückung erzählt. In der Geopolitik bleibt ein Vakuum nicht lange bestehen. Während der Westen in einem Strudel aus Zweifel und ständiger Entschuldigung versinkt, zögern Mächte wie China und Russland nicht, dieses geistige und ideologische Vakuum zu füllen. Diese Modelle haben den westlichen moralischen Erschöpfungszustand ausgenutzt, um ihre eigenen Narrative voranzutreiben. ## Für einen reflektierten Geschichtsstolz Die Wiederherstellung einer westlichen Identität verlangt einen anderen Weg jenseits von Selbstdämonisierung und chauvinistischem Nationalismus. Dieser Weg verleugnet die Vergangenheit nicht und heiligt sie auch nicht, sondern begegnet ihr mit zivilisatorischer Reife. Geschichte muss in ihren Kontext gestellt werden, statt moralisch abgeurteilt zu werden. Figuren und Epochen früherer Jahrhunderte sind Produkte ihrer Zeit. Statt ausschliesslich auf die Sünden des Westens zu starren, verdient seine Fähigkeit zur Selbstkorrektur Aufmerksamkeit. > «Der Westen ist keine Ethnie und keine Landkarte, sondern eine Idee. Wer sie teilt, gehört dazu.» Der Westen ist dabei keine Ethnie und keine Landkarte, sondern eine Idee. Wer sie teilt, gehört dazu. Deshalb kam die Korrektur auch dann nicht von aussen: Wer die Sklaverei anklagte, tat es im Namen derselben Grundsätze – er widersprach dem Westen nicht, er nahm ihn beim Wort. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 wurde denn auch nicht von Europäern allein verfasst: Der Libanese Charles Malik, der Chinese P. C. Chang und die Inderin Hansa Mehta prägten sie mit. Sie sprachen nicht als Vertreter ihrer Herkunft, sondern als Universalisten. Mehta setzte durch, dass dort nicht «all men» steht, sondern «all human beings». Westler ausserhalb des Westens. Fortschritt entsteht nicht trotz, sondern oft durch die Auseinandersetzung mit den eigenen Widersprüchen und Fehlern. Wer nur die Schattenseiten sieht, verliert den Blick für die einzigartige Dynamik westlicher Selbstkritik und Lernfähigkeit. ## Integration braucht Vorbilder Wir können zugewanderte Bürger nicht für unsere Gesellschaft begeistern, wenn wir unsere Geschichte ständig dämonisieren – während sie den Erzählungen und Traditionen ihrer Herkunftsländer oft sehr unkritisch huldigen. Eine Identität, die sich selbst nur als Tätergeschichte präsentiert, erzeugt weder Stolz noch Loyalität. > «Wir können zugewanderte Bürger nicht für unsere Gesellschaft begeistern, wenn wir unsere Geschichte ständig dämonisieren – während sie den Erzählungen und Traditionen ihrer Herkunftsländer oft sehr unkritisch huldigen.» Die westlichen Gesellschaften brauchen eine Erzählung, die ihren Bürgern bewusst macht, dass sie Erben einer einzigartigen Tradition von Freiheit, Recht und wissenschaftlichem Geist sind – einer Tradition, die es zu bewahren und fortzuführen gilt. Kurzum: Wer seine eigene Zivilisation systematisch entwertet, darf sich nicht wundern, wenn andere sie eines Tages ersetzen – und zwar ohne jede romantische Rücksicht auf Vielfalt oder Selbstzweifel. ### Die Meritokratie ist eine Illusion: Eine freiheitliche Ordnung basiert darauf, was jemand leistet – nicht was er «verdient» URL: https://www.schweizermonat.ch/die-meritokratie-ist-eine-illusion-eine-freiheitliche-ordnung-basiert-darauf-was-jemand-leistet-nicht-was-er-verdient/ Last updated: 2026-09-18T07:25:29.000Z 0:00 /601.441958 1× *Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-myth-of-meritocracy/).* Der grösste Vorteil meines Lebens ist einer, für den ich nichts kann. In einem früheren [Essay](https://schweizermonat.ch/intelligenz-hat-keine-ideologie/?ref=schweizermonat.ch) habe ich geschrieben, Intelligenz sei messbar, stabil und folgenreich. Das war die halbe Wahrheit. Hier kommt die andere Hälfte. Sie liegt in einem Testzimmer. Ein Kind sitzt über einer Matrizenaufgabe, die Eltern warten nebenan und am Ende des Nachmittags steht eine Zahl im Protokoll. Sie wird über den weiteren Weg dieses Kindes mehr aussagen als fast alles andere, was sich an diesem Nachmittag erheben liesse. Und das Kind hat für sie nichts getan. Wer diagnostisch arbeitet, gewöhnt sich an diesen Gedanken nicht. Man gewöhnt sich nur daran, ihn nicht auszusprechen. ## Der beste Prädiktor, den die Psychologie hat Die Befundlage ist unspektakulär, weil sie so alt ist. Keine andere psychologische Grösse sagt schulische und berufliche Laufbahnen so zuverlässig vorher wie die allgemeine kognitive Fähigkeit – gewichtiger als Persönlichkeit, sozialer Hintergrund oder Fleiss allein. Wie beharrlich diese Unterschiede sind, zeigt ein einzigartiger Datensatz. Am 1\. Juni 1932 liess Schottland sämtliche Elfjährigen des Landes denselben Test schreiben – rund 87 000 Kinder an einem einzigen Tag. Ian Deary spürte Jahrzehnte später einen Teil von ihnen auf und legte ihnen mit 77 Jahren dieselben Aufgaben noch einmal vor. Die Werte korrelierten mit gut 0,6\. Ein ganzes Leben dazwischen – und die Rangfolge bleibt bestehen. ## Der Einfluss der Gene steigt mit dem Alter Robert Plomin, der die Verhaltensgenetik seit Jahrzehnten prägt, verweist auf einen kontraintuitiven Befund: Die Erblichkeit der Intelligenz steigt mit dem Alter. Im Kleinkindalter erklären genetische Unterschiede rund ein Fünftel der Varianz, in der Adoleszenz etwa vierzig Prozent, im Erwachsenenalter je nach Studie zwischen fünfzig und siebzig. Man würde das Gegenteil erwarten. Die Erklärung liegt nicht darin, dass Gene mit den Jahren stärker würden, sondern darin, dass Menschen ihre Umwelt zunehmend selbst wählen. Ein Kind erbt seine Umgebung von den Eltern; ein Erwachsener sucht sie sich – Freunde, Lektüre, Studienfach, Beruf – und er sucht sie entlang seiner Neigungen. Dieser Effekt summiert sich über ein Leben. Der eindrücklichste Befund kommt aus der Adoptionsforschung: Adoptivgeschwister, die im selben Haushalt, an derselben Schule, mit denselben Büchern aufwachsen, ähneln sich als Erwachsene praktisch gar nicht mehr. ## In Armut entfaltet sich Potenzial nicht Erblichkeit ist eine Kennziffer für Unterschiede in einer Population unter gegebenen Bedingungen – kein Schicksal. Ändern sich die Bedingungen, ändert sich die Zahl. Eric Turkheimer fand in amerikanischen Stichproben, dass die Erblichkeit in den ärmsten Familien gegen null sinkt: Wo es an allem fehlt, entfaltet sich Anlage nicht, sondern wird zugedeckt. Europäische Replikationen fielen uneinheitlich aus; die Richtung bleibt ernüchternd genug. Erblichkeit erklärt Unterschiede zwischen Menschen, nicht aber, auf welchem Niveau sie sich bewegen. Die Körpergrösse ist hocherblich – trotzdem sind die Niederländer in einem Jahrhundert um rund zwanzig Zentimeter gewachsen. Nicht ihr Erbgut hatte sich geändert, sondern ihre Ernährung. Für die Intelligenz gilt dasselbe. Über das zwanzigste Jahrhundert hinweg stiegen die Testleistungen um etwa drei Punkte pro Jahrzehnt; man spricht vom Flynn-Effekt. Das Genom eines Volkes ändert sich in achtzig Jahren nicht. Die Umwelten taten es. > «Selbst was rein umweltbedingt scheint – Bücher im Haushalt, elterliche Zuwendung, Schulwahl –, zeigt genetische Anteile.» Anlage und Umwelt sind überdies keine getrennten Konten. Plomin prägte den Begriff der «Natur der Erziehung»: Selbst was rein umweltbedingt scheint – Bücher im Haushalt, elterliche Zuwendung, Schulwahl –, zeigt genetische Anteile, weil Kinder ihre Umwelten mitgestalten. Das lesefreudige Kind bekommt mehr Bücher. Und Eltern vererben beides: ihre Anlagen und ihr Bücherregal. Wer nur das Regal misst, hält für Ursache, was Begleiterscheinung ist. Für die politische Frage ändert dieser Streit gleichwohl nichts. Ist Intelligenz erheblich genetisch beeinflusst, hat sich niemand seine Gene ausgesucht. Ist sie das Werk früher Umwelten, hat sich niemand seine Eltern und das Bücherregal im Kinderzimmer ausgesucht. Ist sie beides in Verschränkung – was der Fall ist –, dann eben beides. Der Ausgangspunkt war in keiner Variante ein Verdienst. Das gilt auch für den, der diesen Text schreibt. Ich untersuche eine Eigenschaft, die mir zugefallen ist, und lebe von ihr obendrein. ## Eine riskante Frage Arthur Jensen war einer der renommiertesten Forscher des Fachs. Seine Arbeiten zur Struktur der allgemeinen Intelligenz und zur Messung kognitiver Fähigkeit über Reaktionszeiten gehören zum Fundament der Disziplin. 1969 fragte er in der «Harvard Educational Review», wie sehr sich Intelligenz und Schulleistung durch Förderprogramme überhaupt steigern liessen. Was folgte, war keine Debatte, sondern ein Bannstrahl: Vorlesungen wurden gesprengt, der Berkeley-Psychologe brauchte jahrelang Personenschutz. Ausgelöst hatten dies Passagen, in denen Jensen genetische Erklärungen für Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen erwog. Dass solche Fragen gestellt werden dürfen, halte ich für eine Bedingung von Wissenschaft. Ihre Antwort bleibt hier offen – sie liegt neben der Sache: Wie stark ein Merkmal innerhalb einer Gruppe erblich ist, sagt nichts über Unterschiede zwischen Gruppen. Die Nachwirkung war anders, als die Beteiligten dachten. Nicht Jensens riskante These wurde beerdigt, sondern das Reden über das Fach. Seither gilt eine seltsame Arbeitsteilung: Die Empirie weiss, wie ungleich die Startausstattung verteilt ist – und die politische Sprache tut so, als sei die Frage nie gestellt worden. Kurzfristig kommt das dem Liberalismus zupass: Solange niemand nach den Voraussetzungen fragt, lässt sich das Versprechen, dass jeder es schaffen könne, wenn er sich nur anstrenge, unbehelligt wiederholen. Doch auf Dauer zahlt der Liberalismus einen hohen Preis dafür. Denn ein Versprechen, das nie geprüft wird, wird nicht widerlegt – es wird irgendwann nicht mehr geglaubt. ## Hayeks unbequeme Präzision Dabei hätte der Liberalismus die Antwort längst – in Friedrich August von Hayeks «Verfassung der Freiheit», im Kapitel über Verdienst und Wert. Das Werk ist unbequemer, als seine Anhänger es gerne darstellen. Hayek bestreitet dort, dass der Markt moralisches Verdienst belohne. Was er vergütet, ist der Wert einer Leistung für andere – und der hat mit Anstrengung, Redlichkeit oder Opfer nichts zu tun. Der Chirurg mit der ruhigen Hand wird nicht dafür bezahlt, dass er es schwer hatte, sondern dafür, dass andere sein Können brauchen. Wer sich mühte und scheiterte, hätte vielleicht mehr verdient und bekommt weniger. Für Hayek ist das kein Betriebsunfall, sondern die Bedingung der Freiheit. Eine Ordnung, die nach Verdienst verteilen wollte, bräuchte eine Instanz, die in jeden Menschen hineinsähe, seine Anstrengung von seiner Anlage trennte und beides gegen seine Umstände verrechnete. Diese Instanz gibt es nicht. Und man sollte sie niemandem wünschen. Man könnte einwenden, das Argument führe zum Gegenteil: Wenn Vorteile unverdient sind, gehören sie ausgeglichen. Doch es schneidet in beide Richtungen – wer nicht bemessen kann, was jemand verdient hat, kann auch nicht bemessen, was ihm zusteht. Zum Schicksal wird die Biologie dadurch nicht. Auf ein Testergebnis reduziert wird damit niemand. Wer die Zahlen kennt, weiss, wie viel sie offenlassen: Sechzig Prozent Erblichkeit heisst vierzig Prozent anderes, eine genetische Vorhersage, die 15 Prozent der Unterschiede im Bildungserfolg trifft, verfehlt 85 Prozent. Die Intelligenzforschung beschreibt Verteilungen, keine Biografien – sie sagt, wie die Lose gemischt sind, nicht, was jemand mit dem seinen anfängt. Verantwortung wird dadurch nicht kleiner. Kleiner wird der moralische Rang, den der Erfolgreiche daraus ableiten darf: Er hat kein Charakterzeugnis erworben, sondern ein Los gezogen und es gut genutzt. ## Gegen die Bilanzierung des Einzelnen Der Liberalismus hat sich angewöhnt, ein Versprechen zu geben, das er nicht halten kann: dass es jeder schaffen könne, der nur wolle. Es schmeichelt – den Erfolgreichen als Bestätigung, den Übrigen als Vertröstung. Und es ist der Grund, warum ihm so viele nicht mehr glauben: Wer die Rechnung selbst nicht aufgehen sieht, hält den Rechner für unehrlich. > «Jeder sei seines Glückes Schmied, heisst es. Der Satz stimmt sogar. Man sollte nur dazusagen, dass Hammer und Esse verlost wurden.» Die Alternative ist kein Rückzug, sondern ein kleineres, härteres Versprechen: Freiheit gilt unabhängig davon, was jemand aus ihr macht – auch für den, der wenig daraus macht. Wäre sie an den Ertrag gebunden, müsste jemand den Ertrag bemessen. Es ist diese Unbedingtheit, die sie gegen jede Bilanzierung des Einzelnen immunisiert – auch gegen die freundlich gemeinte. Ich schreibe das nicht aus Zerknirschung. Wer den eigenen Vorteil kennt, muss ihn nicht abgeben – er muss ihn nur richtig benennen. Jeder sei seines Glückes Schmied, heisst es. Der Satz stimmt sogar. Man sollte nur dazusagen, dass Hammer und Esse verlost wurden. Der Liberalismus verliert nichts, wenn er das zugibt. Er verliert eine Illusion, die ihn nie verteidigt, sondern es sich nur bequem in ihm gemacht hat. ### Meritocracy Is an Illusion: A Free Order Is Based on What Someone Achieves, Not What They “Deserve” URL: https://www.schweizermonat.ch/the-myth-of-meritocracy/ Last updated: 2026-10-02T08:24:37.000Z 0:00 /542 1× Die deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-meritokratie-ist-eine-illusion-eine-freiheitliche-ordnung-basiert-darauf-was-jemand-leistet-nicht-was-er-verdient/). The greatest advantage of my life is one I can take no credit for. In [an earlier essay](https://www.schweizermonat.ch/intelligence-has-no-ideology/), I argued that intelligence is measurable, stable, and consequential. That was only half the truth. Here is the other half. It lies in a testing room. A child sits over a matrix-reasoning task while the parents wait next door, and by the end of the afternoon a number appears in the record. That number will say more about the child’s future trajectory than almost anything else that could be measured that afternoon. And the child did nothing to earn it. Anyone who works in psychological assessment never gets used to this thought. One merely gets used to not saying it aloud. ## The Best Predictor Psychology Has The evidence is unremarkable precisely because it is so old. No other psychological variable predicts educational and occupational trajectories as reliably as general cognitive ability—more powerfully than personality, social background, or diligence alone. Just how persistent these differences are is shown by a unique dataset. On June 1, 1932, Scotland had every eleven-year-old in the country take the same test—some 87,000 children on a single day. Decades later, Ian Deary tracked down some of them and gave them the same tasks again at age 77\. The scores correlated at just over 0.6\. An entire lifetime lay between the two tests—and the ranking remained intact. ## The Influence of Genes Increases with Age Robert Plomin, who has shaped behavioral genetics for decades, points to a counterintuitive finding: the heritability of intelligence increases with age. In early childhood, genetic differences account for roughly one-fifth of the variance; in adolescence, around 40 percent; in adulthood, depending on the study, between 50 and 70 percent. One might expect the opposite. The explanation is not that genes somehow become more powerful with age, but that people increasingly choose their own environments. A child inherits his environment from his parents; an adult seeks it out for himself—friends, books, field of study, profession—and does so in accordance with his inclinations. The effect accumulates over a lifetime. The most striking evidence comes from adoption research: adopted siblings who grow up in the same household, attend the same school, and read the same books become, as adults, scarcely similar at all. ## Potential Does Not Flourish in Poverty Heritability is a statistic describing differences within a population under given conditions—not a destiny. Change the conditions, and the number changes. Eric Turkheimer found in American samples that heritability approaches zero among the poorest families: where everything is lacking, predispositions do not unfold but are instead obscured. European replications have produced inconsistent results; the direction of the finding is sobering enough. Heritability explains differences between people, but not the level at which those differences occur. Height is highly heritable—yet the Dutch grew by roughly twenty centimeters over the course of a century. Their genes did not change; their nutrition did. The same applies to intelligence. Throughout the twentieth century, test scores rose by roughly three points per decade—a phenomenon known as the Flynn effect. The genome of a population does not change in eighty years. Its environments do. > “Even what appears to be purely environmental—books in the home, parental attention, school choice—shows genetic influences.” Nature and nurture are not separate accounts, either. Plomin coined the term “the nature of nurture” to describe the fact that even what appears to be purely environmental—books in the home, parental attention, school choice—shows genetic influences because children help shape the environments they inhabit. The child who loves to read gets more books. And parents pass on both: their predispositions and their bookshelves. If you measure only the bookshelf, you mistake a correlate for a cause. For the political question, however, this dispute changes nothing. If intelligence is substantially influenced by genes, no one chose their genes. If it is the product of early environments, no one chose their parents or the bookshelf in the childhood bedroom. If it is the product of both interacting—as it is—then no one chose either. In none of these versions was the starting point a matter of merit. That applies to the person writing these words as well. I am examining a trait that fell to me, and I make my living from it to boot. ## A Risky Question Arthur Jensen was one of the field’s most distinguished researchers. His work on the structure of general intelligence and on measuring cognitive ability through reaction times belongs to the discipline’s foundations. In 1969, in the *Harvard Educational Review*, he asked how much intelligence and academic performance could actually be improved through compensatory education programs. What followed was not a debate but an anathema: lectures were disrupted, and the Berkeley psychologist required personal protection for years. What provoked it were passages in which Jensen considered genetic explanations for differences between ethnic groups. I regard the freedom to ask such questions as a condition of science. The answer, however, remains open here—it is beside the point: how strongly a trait is heritable within a group tells us nothing about differences between groups. The aftermath was different from what those involved had imagined. It was not Jensen’s risky thesis that was buried, but discussion of the field itself. Ever since, there has been a strange division of labor: the empirical research knows how unevenly distributed our starting endowments are, while political language behaves as though the question had never been asked. In the short term, this suits liberalism: so long as no one asks about the prerequisites, the promise that anyone can make it if only they work hard enough can be repeated without challenge. But in the long run, liberalism pays a high price for this. A promise that is never tested is not disproved—it eventually ceases to be believed. ## Hayek’s Uncomfortable Precision Liberalism has had the answer all along—in Friedrich August von Hayek’s *The Constitution of Liberty*, in the chapter on merit and value. The book is more uncomfortable than its admirers would like to admit. Hayek denies there that the market rewards moral merit. What it remunerates is the value of a person’s contribution to others—and that has nothing to do with effort, honesty, or sacrifice. The surgeon with the steady hand is not paid because he had it hard; he is paid because other people need what he can do. Someone who worked hard and failed may well deserve more in a moral sense and yet receive less. For Hayek, this is not an accident but a condition of freedom. An order that sought to distribute rewards according to merit would require an authority capable of looking inside every person, separating effort from innate ability, and weighing both against circumstances. No such authority exists. And no one should wish for one. One might object that the argument leads to the opposite conclusion: if advantages are undeserved, they should be equalized. But the argument cuts both ways—if you cannot determine what someone deserves, you cannot determine what they are entitled to, either. None of this turns biology into destiny. Nor does it reduce anyone to a test score. Anyone who knows the numbers knows how much they leave unexplained: 60 percent heritability means 40 percent something else; a genetic prediction that accounts for 15 percent of the differences in educational attainment misses 85 percent. Intelligence research describes distributions, not biographies—it tells us how the lots are drawn, not what someone does with theirs. Responsibility does not become smaller because of this. What becomes smaller is the moral status the successful person is entitled to derive from his success: he has not earned a character certificate. He drew a ticket in the lottery and made good use of it. ## Against Keeping Accounts on Individuals Liberalism has grown accustomed to making a promise it cannot keep: that anyone can make it if they truly want to. It flatters the successful as confirmation and consoles everyone else with a deferred promise. And it is the reason so many people no longer believe it: when the numbers do not add up in your own life, you start to suspect the calculator is dishonest. > *“Every man is the smith of his own fortune, as the saying goes. The sentence is even true. One should simply add that the hammer and the forge were handed out by lottery.”* The alternative is not retreat but a smaller, harder promise: freedom applies regardless of what someone makes of it—even to the person who makes little of it. If freedom were contingent on the return it produces, someone would have to calculate that return. It is precisely this unconditional character that makes freedom immune to any accounting of the individual—even well-intentioned accounting. I am not writing this out of contrition. Anyone who recognizes his own advantage need not surrender it—he need only name it correctly. Every man is the smith of his own fortune, as the saying goes. The sentence is even true. One should simply add that the hammer and the forge were handed out by lottery. Liberalism loses nothing by admitting this. It loses an illusion that never defended it in the first place, but merely made itself comfortable within it. ### Faktor Vereinsmeier: Die soziale Durchmischung in der Schweiz erleichtert den gesellschaftlichen Aufstieg URL: https://www.schweizermonat.ch/faktor-vereinsmeier-die-soziale-durchmischung-in-der-schweiz-erleichtert-den-gesellschaftlichen-aufstieg/ Last updated: 2026-09-03T14:40:27.000Z 0:00 /159.025958 1× «Mir hei e Verein, i ghöre derzue», sang Mani Matter einst. Tatsächlich gibt es in kaum einem Land so viele Vereine relativ zur Bevölkerung wie in der Schweiz. Dieser ausgeprägte Hang zur Vereinsmeierei bringt nicht nur vielerlei persönlichen und gesellschaftlichen Nutzen. Er ist auch entscheidend für wirtschaftliche Chancen. Vereine sind ein Ort, wo Menschen zusammenkommen. Das Gleiche gilt für die Feuerwehr, die Schulpflege und andere Milizgremien. In solchen Organisationen engagieren sich Menschen aus unterschiedlichen Schichten und mit unterschiedlichsten Hintergründen gemeinsam. Man kommt in Kontakt mit Personen, die man sonst privat oder im Berufsleben niemals treffen würde. Solche Beziehungen sind nicht nur persönlich bereichernd. Sie können auch für das berufliche Vorankommen hilfreich sein. Das legt zumindest eine neue [Studie](https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/bejeap-2025-0497/html?ref=schweizermonat.ch) des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern nahe. Sie zeigt: Je stärker die soziale Vernetzung über Einkommensschichten hinweg, desto höher ist die soziale Mobilität. > «In Frankreich gab lediglich ein Viertel der Personen mit einem Einkommen unter dem Median an, wöchentlich Kontakt zu Personen zu haben, die ‹deutlich reicher› als sie selber sind. Dagegen beträgt der Anteil in der Schweiz und in Schweden rund 55 Prozent.» Die Autoren Jonas Bühler, Melanie Häner-Müller und Christoph Schaltegger messen soziale Netzwerke über Umfragen. Dabei ergaben sich erstaunliche Unterschiede zwischen den 15 untersuchten Industrieländern. In Frankreich gab lediglich ein Viertel der Personen mit einem Einkommen unter dem Median an, wöchentlich Kontakt zu Personen zu haben, die «deutlich reicher» als sie selber sind. In den USA liegt der Wert mit rund 30 Prozent nicht viel höher. Dagegen beträgt der Anteil in der Schweiz und in Schweden rund 55 Prozent. ## Ein Land der Chancen Stellt man die Werte den Massen für soziale Mobilität gegenüber, sieht man einen erstaunlich starken Zusammenhang. Das heisst: In Ländern, in denen die verschiedenen Einkommensschichten häufiger miteinander in Kontakt kommen, ist der soziale Aufstieg leichter möglich und geschieht häufiger. > «In Ländern, in denen die verschiedenen Einkommensschichten häufiger miteinander in Kontakt kommen, ist der soziale Aufstieg leichter möglich und geschieht häufiger.» Die Schweiz zeigt dies exemplarisch: Hier ist sowohl die soziale Vernetzung wie auch die soziale Mobilität im internationalen Vergleich hoch. Das sind gute Nachrichten. Die Meritokratie funktioniert hierzulande offensichtlich. Die Schweiz ist ein Land der Chancen – das Milizsystem und die Vereinsmeierei spielen dabei offenbar eine wichtige Rolle. ### Die Brandmauer wird zum Bumerang URL: https://www.schweizermonat.ch/die-brandmauer-wird-zum-bumerang/ Last updated: 2026-09-01T15:20:17.000Z _No content available._ ### Wie man (nicht) auf Faschisten hereinfällt URL: https://www.schweizermonat.ch/wie-man-nicht-auf-faschisten-hereinfallt-2/ Last updated: 2026-08-31T17:29:08.000Z 0:00 /441.9605 1× Im November 1932, kurz vor der Machtübernahme Hitlers, schrieb der deutsche Jurist Edgar Jung einen [Artikel](https://doi.org/10.5169/seals-157543?ref=schweizermonat.ch) in den «Schweizer Monatsheften», wie der Schweizer Monat damals hiess. Er lobte die Entfernung von Reichskanzler Heinrich Brüning durch Reichspräsident Paul von Hindenburg. Dieser habe das Ziel verfolgt, «den Staat aus dem Parteienkampfe herauszuheben». Jung äusserte sich wohlwollend über Hindenburgs Ziel der «Überwindung des Liberalismus» und seine Bereitschaft, dazu mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten. Er forderte, «dass ein kämpferisches Volk endlich aufsteht und gegen die innere Unwahrheit des europäischen Lebens revoltiert». Jung betrachtete Hindenburgs Umgang mit Hitler als Anpassung an die Realität. Der Konservative sah die Einbindung Hitlers als Mittel zum Zweck einer konservativen Regierung. Risiken sah er in dieser Strategie keine. Im Gegenteil: Er prophezeite, dass die Nationalsozialisten bei der anstehenden [Reichstagswahl](https://de.wikipedia.org/wiki/Reichstagswahl%5FNovember%5F1932?ref=schweizermonat.ch) «eine Schlappe (…) erleiden» würden – zugunsten der Konservativen. «Es wird (…) allgemein damit gerechnet, dass am Tage nach der Wahl die Krise des Nationalsozialismus beginnt.» Jungs Artikel basierte auf einer kolossalen Fehleinschätzung, die sich als fatal erwies – auch für ihn persönlich. Er wurde nach Hitlers Machtergreifung Berater von Vizekanzler Franz von Papen. Wegen einer kritischen Rede, die er für diesen schrieb, wurde er 1934 verhaftet und im Zuge des [«Röhm-Putsches»](https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6hm-Putsch?ref=schweizermonat.ch) erschossen. ## «Europa ist krank» Es war nicht die einzige Fehleinschätzung in den «Schweizer Monatsheften» in dieser Zeit. Im Gegenteil: Unter dem damaligen Chefredaktor [Hans Oehler](https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/020368/2015-01-12/?ref=schweizermonat.ch) wurde die Zeitschrift zu einem regelrechten Sprachrohr der Frontenbewegung, wie Thomas Sprecher in seinem Buch zur Geschichte des «Schweizer Monats» zeigt. Als Oehler immer unverhohlener mit der autoritären Bewegung sympathisierte, entliess ihn das Herausgeberkollegium der «Schweizer Monatshefte» 1934 schliesslich. > «Wer im grossen Stil aufräumen will, bringt oft im grossen Stil Unrecht.» Liest man heute Artikel von Oehler und seinen Gesinnungsfreunden, kommt man ins Schaudern – und ins Grübeln. Nicht nur Oehler und nicht nur die «Schweizer Monatshefte», sondern auch andere Schweizer Stimmen sympathisierten mit den Frontisten und teilweise mit den Nationalsozialisten. Andere – wie Edgar Jung – sahen die faschistischen Bewegungen als Mittel zum Zweck, als das kleinere Übel oder als Schritt in die richtige Richtung. > «Totalitäre Ideologien müssen immer das Kollektive hervorheben und überhöhen, damit sie die Macht an sich reissen und diese Machtanmassung rechtfertigen können.» Wie konnten diese Personen derart blind sein? Die Lektüre von Beiträgen aus der damaligen Zeit bringt uns einige Lektionen, die für die Gegenwart relevant sind. Natürlich haben wir es heute nicht mit faschistischen oder nationalsozialistischen Strömungen zu tun, die kurz vor der Machtübernahme stehen. Dennoch lässt sich Folgendes lernen: **· Das Böse versteckt sich hinter wohlklingenden Worten.** In Oehlers Texten geht es oft um «Erneuerung», um das «Dynamische», um eine «Wende» oder «Weiterentwicklung des Staatswesens». Es sind solche hehren Worte, die in der Geschichte immer wieder eingesetzt wurden, um die grössten Gräueltaten zu rechtfertigen. Wer die ganze Macht will, braucht besonders drastische Worte. **· Wer das Totale beschwört, tendiert zum Totalitären.** Auffällig ist, wie Oehler stets das grosse Ganze betont. Er fordert eine «umfassende Erneuerung des Staates». Zum Beispiel [schreibt](https://doi.org/10.5169/seals-157521?ref=schweizermonat.ch) er: «Nur Zeiten der Not gebären Grosses.» Er spricht von einem «Meer von Lüge und Heuchelei». Wer im grossen Stil aufräumen will, bringt oft im grossen Stil Unrecht. Fortschritt besteht dagegen meist in kleinen Schritten hin zum Besseren. **· Eine gefährliche Ideologie erkennt man daran, dass sie das Kollektive betont und über das Individuum stellt.** Auch das zieht sich durch diese Texte. Demokratie und Liberalismus werden beargwöhnt. Ein Autor schreibt verächtlich vom «individualistisch-egoistischen Zeitalter». Totalitäre Ideologien müssen immer das Kollektive hervorheben und überhöhen, damit sie die Macht an sich reissen und diese Machtanmassung rechtfertigen können. **· Wer die ganze Macht will, betont die Ausserordentlichkeit der Lage, die Krise.** Auch das zieht sich durch diese Texte. Demokratie und Liberalismus werden als schwach und dekadent betrachtet. Hans Oehler schreibt einmal: «Europa ist krank. Europa steht an einer Wende.» Wer so redet, propagiert das Heil für eine Krankheit, das dann oft zum Unheil wird. **· Autoritäre machen selten an der Grenze halt – sie wollen die Welt retten.** Erstaunlich ist, dass die Frontisten eine Anpassung an angeblich unausweichliche internationale Entwicklungen forderten. Oehler stand auch der Neutralität sehr skeptisch gegenüber. Diese verhindere eine [«Anpassung an das grosse Ganze»](https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=smh-001%3A1930%3A10%3A%3A7&ref=schweizermonat.ch). Im gleichen Artikel schreibt er: «Schliesslich bietet die Verbundenheit mit einem grösseren Geschehen (…) einzig die Gewähr, dass wir nicht abseits des Stromes lebendiger Entwicklung stehenbleiben, sondern als schöpferisches Glied der europäischen Staatengemeinschaft an deren Zukunft und Erneuerung mitzuarbeiten vermögen.» · **Vorsicht bei jenen, die den grossen Bruch, die Abschaffung und Überwindung alles Bestehenden fordern, ohne klar zu sagen, was es ersetzen soll.** Die Frontisten waren in ihren Äusserungen oft sehr vage. Sie schrieben viel von «Erneuerung», ohne konkret zu werden. Wer die unerwünschte Gegenwart zugunsten einer wolkigen, neuen Zukunft herabsetzt, verkennt entweder, wie schnell und verheerend Dinge zerstört werden, die über Jahrhunderte aufgebaut wurden. Oder aber er nimmt dies bewusst in Kauf in der Verblendung und Überschätzung der eigenen Fähigkeit, etwas Besseres an ihre Stelle zu setzen. · **Die Verachtung für den Liberalismus ist ein verlässliches Merkmal aller gefährlichen Ideologien.** Durch die 1930er-Jahre ziehen sich zahlreiche Attacken auf den Liberalismus, der zu Egoismus und Dekadenz führe und den man deshalb überwinden müsse. Nicht nur die «Schweizer Monatshefte» sind auf die Faschisten hereingefallen. Der «Tages-Anzeiger» publizierte 1931 einen [Gastbeitrag](https://adikaelin.ch/als-hitler-fur-den-tages-anzeiger-schrieb/?ref=schweizermonat.ch) von Adolf Hitler. Die NZZ äusserte sich 1933 mehrfach wohlwollend über die nationalsozialistische Machtergreifung, bevor sie unter Chefredaktor Willy Bretscher auf einen strammen Anti-Nazi-Kurs umschwenkte. Viel länger hielt derweil die Sympathie linker Blätter für die Sowjetunion unter Stalin an. Autoritäre Bewegungen kommen in verschiedensten Gewändern daher. Die Geschichte lehrt Demut in Bezug auf die Fähigkeit, solche Bewegungen in Echtzeit richtig einzuschätzen. Das beste Frühwarnsystem ist eine robuste Skepsis gegenüber allen Bewegungen, die das Grosse betonen und das fundamental Neue, Bessere versprechen. Hinter diesen Versprechen stehen nämlich oft die Totengräber der Freiheit. ### Wir Historiker haben versagt: Der Logik der TikTok-Antisemiten sind wir nicht gewachsen URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-historiker-haben-versagt-der-logik-der-tiktok-antisemiten-sind-wir-nicht-gewachsen/ Last updated: 2026-09-03T14:06:56.000Z 0:00 /1630.489958 1× Das algorithmische Zeitalter trägt die Holocaustleugnung in die Mitte der Gesellschaft – das ist für Historiker eine bittere Niederlage. Als wir beide uns vor 15 Jahren in Harvard begegneten, war der eine Professor für neuere Geschichte, der andere ein Student im Grundstudium, den die Zukunft der künstlichen Intelligenz interessierte. Der Ältere von uns hatte eine Reihe von Büchern veröffentlicht, die um eine der wichtigsten und hartnäckigsten Fragen des 19\. und 20\. Jahrhunderts kreisten: Warum löste die erfolgreiche wirtschaftliche und soziale Integration der Juden nach ihrer Emanzipation oder ihrer Auswanderung nach Westen eine derart giftige Gegenreaktion aus? Ich (Ferguson) hatte eine Geschichte der Bankiersdynastie Rothschild und eine Biografie Siegmund Warburgs geschrieben. Ich hatte die deutsche Hyperinflation von 1923 und ihre zersetzende Wirkung auf die Weimarer Republik untersucht. Ich hatte Bücher über die beiden Weltkriege verfasst; eines davon – «[The War of the World](https://bookshop.org/a/93116/9780143112396?ref=schweizermonat.ch)» – bot eine neuartige Deutung des Holocaust als eine (die schlimmste) einer ganzen Reihe von Episoden von Massenmorden. Ich habe über diese Fragen nicht nur in Harvard und an anderen Universitäten doziert, sondern auch versucht, ein möglichst breites Publikum zu erreichen: mit Journalismus und Rundfunkarbeit, mit über 30 Stunden Dokumentarfilmen für PBS in den USA sowie Channel 4 und die BBC in Grossbritannien. Mein Antrieb war, dafür zu sorgen, dass die Bürger die Lehren der Geschichte lernen – darunter die zentrale Lehre, dass antisemitische Rhetorik in genozidale Realität übersetzt werden kann, wenn ein moderner Staat sie sich zu eigen macht. Doch heute sehe ich, wie dieser Hass normalisiert und der Holocaust verharmlost wird. Populäre und einflussreiche Konservative wie Tucker Carlson und das Umfeld der Conservative Political Action Conference (CPAC) [dulden inzwischen](https://youtu.be/vOTgPEGYS2o?si=DqPJSjwPsNlATZCe&ref=schweizermonat.ch) Leute, die mit Nazi-Revisionismus hausieren. Und das [Gift](https://youtu.be/efBB0D4tf1Y?si=XUeWH20iO-8MsOiO&ref=schweizermonat.ch), das Radikalisierer wie Nick Fuentes jungen Konservativen verabreichen, ist noch schlimmer als die klassische Holocaustleugnung. Sie leugnen den Holocaust weniger, als dass sie ihn verspotten und feiern. Während die künstliche Intelligenz die sozialen Netzwerke durchdringt, breitet sich diese Art von Antigeschichte aus wie ein Krebsgeschwür. Mehr als eine Generation, nachdem William F. Buckley ihn aus dem amerikanischen Konservatismus ausgemerzt hatte, ist der Antisemitismus zurück – nicht nur am rechten Rand, sondern auch am linken, wo seine Vertreter ihn geschickt mit Antizionismus und Antikapitalismus vermengen. Da gerade junge Wähler für diese Strömungen anfällig sind, sind die Folgen für die Zukunft der amerikanischen Politik beklemmend. Als Historiker muss ich zugeben: Ich bin vollkommen gescheitert. (Das gebe ich nicht leichthin zu.) Und deshalb tue ich mich mit dem jüngeren Technikforscher Levin zusammen, um eine Erklärung anzubieten – und ein Gegenmittel, falls es eines gibt. ## **Der Aufstieg der «Antigeschichte»** Die Rückkehr der Holocaustleugnung haben wir nicht vorausgesehen. Von den 1960er- bis in die 2000er-Jahre war sie im Wesentlichen eine Übung in historischem Betrug, begangen von Spinnern. In schäbigen Büros an Einkaufsstrassen und in Vorstadtkellern produzierten eine Handvoll zwielichtiger Denkfabriken und einzelne Wirrköpfe hektografierte Zeitschriften und dicke Bücher im Selbstverlag, welche die erdrückende Beweislage bestritten, wonach die Nazis einen industriell organisierten Völkermord an rund sechs Millionen Menschen verübt hatten. Diese Traktate waren voller Verzerrungen und Lügen, ahmten aber häufig die Form seriöser Geschichtsschreibung nach, um die Leser von Tatsachenbehauptungen über Dinge wie Lohnabrechnungen der [Waffen-SS](https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/waffen-ss?ref=schweizermonat.ch) oder die Logistik der Krematorien in den Vernichtungslagern zu überzeugen. Diese Konkretheit machte sie sowohl wissenschaftlich widerlegbar als auch juristisch angreifbar. Und das Ganze war zutiefst uncool – kaum jemand wollte sich mit einem ungewaschenen Typen, der selbstgedruckte Schriften aus dem Kofferraum seines verlotterten Autos verteilte, in die Chemie von [Zyklon-B-Gas](https://www.auschwitz.org/en/stop-denial/zyklon-b/?ref=schweizermonat.ch) vertiefen. Im Podcast-Boom der späten 2010er-Jahre entstand dagegen die «[Antigeschichte](https://www.thefp.com/p/niall-ferguson-history-and-anti-history?ref=schweizermonat.ch)» – eine neue Spielart der Holocaustleugnung, die die Fesseln von Zitaten und Fussnoten gänzlich abstreifte, zugunsten ungezügelter YouTube-Tiraden und kantiger Rumble-Livestreams. Ihre Aushängeschilder waren gepflegt und umgänglich. Sie umgarnten ihr Publikum mit dem transgressiven Reiz vermeintlich verbotenen Wissens. Der [von Carlson](https://www.washingtonpost.com/opinions/2024/09/05/tucker-carlson-darryl-cooper-jd-vance/?ref=schweizermonat.ch) Ende 2024 als «bester und ehrlichster Populärhistoriker» Amerikas präsentierte Antihistoriker Darryl Cooper sprang direkt zu [explosiven moralischen Schlüssen](https://youtu.be/vOTgPEGYS2o?si=2P4PQ5dB6EzaleXZ&t=2741&ref=schweizermonat.ch): «Churchill war der Hauptschurke des Zweiten Weltkriegs.» Zwar seien «Millionen von Menschen» in Adolf Hitlers Lagern zu Tode gekommen, [so Cooper](https://www.nytimes.com/2024/09/06/us/politics/jd-vance-tucker-carlson-darryl-cooper.html?ref=schweizermonat.ch), doch die Nazis hätten schlicht die Logistik falsch eingeschätzt, so viele Gefangene zu machen, und sie deshalb womöglich getötet, um ihnen auf humane Weise die Qualen des Verhungerns zu ersparen. Nachdem sie ihre Bomben gezündet hatten, zogen sich solche Antihistoriker meist zurück, sobald echte Wissenschafter sie herausforderten; sie räumten vage einige Naziverbrechen ein und beteuerten, sie seien ganz normale Leute, die «bloss Fragen stellen». Die Millennial- und Gen-Z-Scharfmacher, die ihnen in der TikTok-Ära folgten, haben selbst diesen Vorwand rasch fallengelassen. Sie leugnen den Holocaust in erster Linie nicht, indem sie historische Ereignisse bestreiten, sondern indem sie dreist bezweifeln, dass die Massenermordung der Juden überhaupt falsch war. Myron Gaines, ein führender Influencer der Bewegung für «Männerrechte», dessen machohafte Finanz- und Datingratschläge ihm allein auf YouTube über eine Viertelmilliarde Aufrufe eingebracht haben, [nimmt kein Blatt vor den Mund](https://x.com/MyronGainesX/status/1978533614850584747?s=20&ref=schweizermonat.ch): «Ja, wir mögen Hitler», postete er im Oktober letzten Jahres auf X. «Es interessiert niemanden mehr, was ihr woken Juden denkt. \[Hitler\] war ein revolutionärer Führer und hat Deutschland gerettet. Die Juden haben Deutschland zuerst den Krieg erklärt.» In einer Folge von Gaines’ «Fresh&Fit Podcast» aus dem Jahr 2025 kam das Gespräch auf den Einfluss der Juden im heutigen Amerika. Gaines’ Co-Moderator Walter Weekes fragte: «Wie erledigen wir sie?» Der Gast Kadriyanna James [warf ein](https://www.youtube.com/shorts/X4niwzGJFPA?ref=schweizermonat.ch): «Wir müssen die Mistkerle umbringen.» Das ursprüngliche Video wurde gelöscht, doch die viralen Ausschnitte verbreiteten sich über die sozialen Medien. ## **«Hitler war grossartig»** Doch die meisten jungen Männer haben genug «Call of Duty» gespielt, um zu wissen, dass solch offen blutrünstige Hakenkreuzträger nicht die Guten sein können. Und hier kommt Nick Fuentes ins Spiel. Der 27-jährige Rumble-Streamer, der 2017 mit seiner Teilnahme an der Kundgebung weisser Rassisten in Charlottesville erstmals rechtsextreme Bekanntheit erlangte, inszeniert sich als geschichtskundiger Verkünder der Wahrheit. Anders als Konkurrenten, die in Red-Bull-übersäten Schlafzimmern über ihre Webcams gebeugt sitzen, gibt er sich als Retrotalkshow: Anzug und Krawatte, geschmackvolles Set, warmes Licht, hochwertige Kamera. Fünf Abende pro Woche versammelt sich seine millionenstarke Anhängerschaft, um zuzusehen, wie Fuentes zwei bis drei Stunden lang auf die Nachrichten reagiert und über Popkulturdramen sinniert, bevor er direkt mit den Fans über «Superchats» interagiert, für die sie ihn fürstlich bezahlen. Doch wenn man einen von ihnen bittet, Fuentes’ Ideen zu erklären, fällt die Antwort meist hoffnungslos vage aus. «Das musst du dir selber anschauen», heisst es dann, samt einem Video, das länger ist als «Lawrence von Arabien». > «Wer eine dreistündige Vorlesung über Geschichte oder Naturwissenschaft hört, kann einem Freund die Kernpunkte zusammenfassen, auch wenn er sich nicht an jedes Detail erinnert. Aus Darbietungen wie einer Fuentes-Show dagegen lässt sich nichts zusammenfassen.» Das ist ein verräterisches Zeichen – ein Hinweis darauf, dass die eigentliche Anziehungskraft nicht in Belegen oder Argumenten liegt, sondern in den Emotionen, die Fuentes weckt. Wer eine dreistündige Vorlesung über Geschichte oder Naturwissenschaft hört, kann einem Freund die Kernpunkte zusammenfassen, auch wenn er sich nicht an jedes Detail erinnert. Aus Darbietungen wie einer Fuentes-Show dagegen lässt sich nichts zusammenfassen. Genüsslich schleudert er das N-Wort heraus und entrollt mit Beschimpfungen gespickte Tiraden gegen Transsexuelle, Schwule, Muslime, Inder, Schwarze, Juden und Frauen – eine Sprache, von der seine weissen männlichen Zuhörer wissen, dass sie ihnen die Kündigung einbringen würde. Oft ist die Anstössigkeit von jeder Ideologie losgelöst, etwa Fuentes’ [jüngste Feststellung](https://x.com/shawmakesmagic/status/2012931933366284464?s=20&ref=schweizermonat.ch), der Kinderhändler Jeffrey Epstein sei «verdammt cool» gewesen. Er inszeniert sich als einer, der sein Publikum – insbesondere «unfreiwillig zölibatäre» (Incel-)Männer der Generation Z – von all den Normen befreit, die sie als Zumutung empfinden. Unter diesem Vorwand liefert Fuentes seinen Zuschauern das Feigenblatt, virulenten Hass als grossen Witz zu behandeln, bei dem alle mitmachen. Er lobt die Rassentrennung der Jim-Crow-Ära, bewundert Josef Stalin, preist die Taliban und ruft nach einer amerikanischen Diktatur. Aber alles ist in ironische 4chan-Memes verpackt und mit Geplauder über «Star Wars», Taylor Swift und den Barbie-Film durchsetzt. Fuentes bricht also bloss ein weiteres Tabu, wenn [er sagt](https://honestreporting.com/how-mainstream-platforms-turn-extremism-into-debate-the-nick-fuentes-problem/?ref=schweizermonat.ch): «Hitler war grossartig», «Hitler hatte recht» und «Der Holocaust hat nicht stattgefunden». Der Hauptzweck ist nicht, die Leute von dieser Tatsachenbehauptung zu überzeugen. Er besteht darin, sie das Thema als moralisch belanglos verwerfen zu lassen – und jene, denen die Naziverbrechen etwas bedeuten, als peinliche, weltfremde Moralapostel dastehen zu lassen. Im vergangenen Dezember lud Piers Morgan Fuentes in seine YouTube-Sendung ein und konfrontierte ihn mit seiner Geschichte der Holocaustleugnung. Fuentes schien seine Ansicht über die Zahl der ermordeten Juden zu widerrufen. «Es sind mindestens sechs Millionen», [sagte er ausdruckslos](https://www.youtube.com/live/X%5FKXvjOJ7YA?si=lThVcYdVuooCkaeE&t=3834&ref=schweizermonat.ch). «Aber es könnten hundertmal so viele sein.» Morgan überhörte die Ironie völlig. Er spielte einen alten Clip ab, in dem sein Gast Witze machte, die den Holocaust verharmlosten. «Sie finden das lustig?», fragte Morgan empört und baute damit auf, was normalerweise ein rhetorischer Volltreffer wäre. Fuentes grinste bloss zurück: «Wieso, zu früh?» Die Kids, die im Livechat zusahen, reagierten, als hätten sie einen Knock-out im Schwergewicht gesehen. Morgan legte nach mit einem Ausschnitt, in dem der britische Journalist Danny Finkelstein bewegt schilderte, Hitler habe «versucht, meine Mutter verhungern zu lassen, und meine Grossmutter hat er verhungern lassen». Fuentes höhnte: «Meine Generation hat einfach genug von diesem Empörungsgetue.» Und er äffte Finkelstein im Singsang nach: «Meine Mama! Meine Mama! Meine Mama wurde von Hitler umgebracht!» Die Höhepunkte des Schlagabtauschs überschwemmten über Nacht die sozialen Medien. Aus dem Zusammenhang gerissen, transportierten die Soundbites auf TikTok und Instagram Reels kein einziges historisches Argument. Millionen sahen einen jungen, forschen, charismatischen Aussenseiter, der einen mit dem Boomer-Establishment identifizierten Moderator vorführte. Und wer einmal zu schauen begann, kam kaum wieder los. Fuentes tanzt auf dem Grat zwischen eindeutig ernst und eindeutig gescherzt und [beteuert](https://www.instagram.com/reels/DRX5BUgEaVA/?ref=schweizermonat.ch): «Ich hasse niemanden. Ich hasse keine Juden» – während er zugleich [fordert](https://www.mediamatters.org/white-nationalism/nick-fuentes-lets-get-all-towel-heads-one-side-well-get-all-tiny-hats-other-and?ref=schweizermonat.ch), die amerikanischen Juden zusammenzutreiben und in den Nahen Osten abzuschieben. ## **Kryptische Aufrufe zum Massenmord** Nichts davon wäre vor den sozialen Medien möglich gewesen – oder, genauer gesagt, vor den *algorithmischen* Medien. Die Algorithmen sind darauf trainiert, das Nutzerengagement zu maximieren: Kennzahlen wie Watch Time, Likes, Kommentare und Shares. Plattformen, die Werbeplätze verkaufen wollen, brauchen Stars, die Zuschauer anziehen und sie stundenlang unter einem Video miteinander streiten lassen. Obwohl Fuentes selbst wegen Verstössen gegen die Nutzungsbedingungen auf den meisten grossen Plattformen gesperrt ist, scheinen die Unternehmen die Einnahmen aus Clips von ihm – und aus Clips von Leuten, die auf diese Clips reagieren (und so weiter, oft mehrere Ebenen tief) – gerne einzustreichen. Nun kommt die KI hinzu. Seit dem ursprünglichen Facebook-Newsfeed ist die von den Plattformen eingesetzte KI ungleich raffinierter geworden. Sie fischt solche «Rage Bait»-Videos systematisch aus der Obskurität und spielt sie genau jenen Nutzern zu, die am ehesten darauf reagieren – in einem Ausmass, mit einer Geschwindigkeit und einer Präzision, die vor zehn Jahren undenkbar waren. Die Benutzeroberfläche der App mag gleich aussehen, doch zeigt man Interesse an einem Fuentes-Clip, ist schon bald [jedes zweite Video](https://www.isdglobal.org/digital%5Fdispatches/naztok-an-organized-neo-nazi-tiktok-network-is-getting-millions-of-views/?ref=schweizermonat.ch) eine Tirade darüber, dass die Juden (oder die Schwarzen oder schlampige Frauen oder die Demokraten) Amerika ruinierten. Die Plattform belohnt jedoch Kürze, und so bewirbt der Algorithmus bald immer knappere Inhalte, die von einem kohärenten Argument immer weiter entfernt sind. Zunehmend beliebt sind fünf- bis neunsekündige Aufnahmen eines pronazistischen Influencers wie «Dilano» oder «Lawst», der wortlos in seine Frontkamera grimassiert und sich dann ins Auge stupst – ein Signal, die jüdische Weltherrschaft zu «bemerken». Im Trend liegen auch nostalgische Bilder gotischer Kathedralen oder glücklicher Weisser in der Vorstadtidylle der 1950er-Jahre, unpassend kombiniert mit dröhnendem Techno und Parolen wie «TAKE EUROPE BACK». Für Gesundheitsbewusste warnen manche Posts vor «Goyslop» – ultraverarbeiteten Lebensmitteln, die angeblich von Juden vermarktet werden, um die Nichtjuden zu vergiften. Wer noch weiter in diese Welt eintaucht, stösst auf Karikaturen böser Juden oder alte Nazikunst mit arischen Soldaten, betitelt mit Chiffren der Holocaustleugnung wie «271 000» (angeblich die wahre Zahl der Toten) oder «McGraw-Hill» (die Vorstellung, jüdische Schulbuchverlage hätten den Völkermord erfunden). In den tiefsten Bilgen des Algorithmus stehen Gewaltaufrufe, welche die Moderationssoftware der Plattform oft mit einer friedlichen Alpenlandschaft und einer buchstabenverdrehten Anstiftung umgibt: «Jill kews». Zunehmend nutzen die Urheber solcher Inhalte KI-generierte Bilder, um die emotionale Wucht der Botschaft zu steigern: harmlose Szenen, die sich in riesige Hakenkreuze verwandeln, wenn man die Augen entspannt, oder erfundene Szenarien mit engelsgleichen blonden Mädchen, umringt von dunkelhäutigen Vergewaltigern. Realistische Deepfakes zeigen jüdische Prominente mit aufwiegelnden Äusserungen oder Horden von Wilden, die durch eine Stadt toben. Und seit 2024 wird KI dazu benutzt, den Führer selbst wiederauferstehen zu lassen. Virale Videos übersetzen Hitlers Reden mit seiner eigenen Stimme und seinem Duktus ins Englische. Kürzlich haben wir uns versuchsweise ein paar rechtslastige TikTok-Videos angesehen. Sechs der nächsten zehn Videos, die uns der Algorithmus servierte, zeigten Hitler-Reden. ## **Bots übernehmen den Job der Trolle** Noch alarmierender als die Beiträge selbst ist der Eindruck, dass in den Kommentarspalten fast alle zustimmen. Aber stimmt das? Klickt man ein paar Konten an, die fordern, alle «Third Worlders» abzuschieben oder Transmenschen in den Häcksler zu werfen, fällt eine unheimliche Gleichförmigkeit auf: hashtaggespickte Profiltexte wie «Patriotic American», «army veteran», «mom of 6\. #MAGA #Christian», generische Nutzernamen wie «AmericaDirst1488» oder «Alex5932934713», leere Profilbilder oder Fotos eines kantigen Mannes oder einer bildschönen Frau, die spezialisierte Software als wahrscheinlich KI-generiert markiert. Vielfach handelt es sich um ungepflegte Jugendliche irgendwo in Eurasien, die in einer schmuddeligen Trollfabrik für ein paar Rappen schuften. Ein wachsender Anteil sind jedoch autonome Bots, deren Überzeugungskraft rasch zunimmt, je klüger die KI wird. Die Bots von gestern konnten Nasen-Emojis spammen («diese Person ist Jude») oder GIFs tanzender Chassiden («die Juden stecken dahinter»). Die Bots von heute können Kommentare lesen und emotional treffende Antworten schreiben wie: «Ich fühle mit dir. Meine Schwester wurde auch von einem Juden vergewaltigt.» Die Bots von morgen werden dauerhafte Beziehungen zu Nutzern aufbauen und deren persönliche Ängste gezielt bespielen. Diese Armee von Bots erzeugt die mächtige Illusion eines Konsenses. Gerade für junge Menschen legitimiert der Anblick einer grossen Menge, die solche Botschaften bekräftigt, diese Botschaften – und weckt bei jenen, die sich anschliessen, Zugehörigkeitsgefühle. Was mit KI-Manipulation beginnt, zieht bald ganz reale Amerikaner hinein – nicht nur die Incels, sondern auch deren Freunde und Familienangehörige. Manche posten «Der österreichische Maler \[Hitler\] hatte recht» oder «6MWE» («six million wasn’t enough») unter ihrem echten Namen oder von ihrem Geschäftskonto aus, mit lächelnden Profilbildern, auf denen sie Ehepartner und Kinder umarmen. Solches Verhalten mag unter Videos zur Holocaustleugnung beginnen, greift aber rasch auf die Kommentarspalten konservativer Mainstream-Seiten über, etwa jene von Tucker Carlson, Turning Point USA und The Babylon Bee. Viele MAGA-Influencer stellen inzwischen fest, dass antisemitische Memes zu den meistgelikten Kommentaren unter ihren Videos gehören. Manche kämpfen aufrichtig darum, diese Kloake zu löschen, sobald sie gepostet wird. Manche nicht. ## **Die Kontrolle der Plattformen funktioniert nicht** Die Folgen für die TikTok-Generation sind alarmierend. Junge Amerikaner sind deutlich antisemitischer als ihre Eltern und Grosseltern: 18 Prozent der Wähler zwischen 18 und 22 Jahren sagen, die jüdische Gemeinschaft [habe sich negativ auf die Vereinigten Staaten ausgewirkt](https://youthpoll.yale.edu/past-polls-and-data/fall-2025-results?ref=schweizermonat.ch) – gegenüber rund 6 Prozent bei den über 45-Jährigen. Zwar vertreten sowohl linke wie rechte Radikale solche Ansichten weit häufiger als die Gesamtbevölkerung, doch das Hufeisen ist nicht symmetrisch. Die 18- bis 34-Jährigen wurden gefragt, ob sie mindestens einer aus einer Reihe antisemitischer Aussagen zustimmten, etwa «Juden in den Vereinigten Staaten haben zu viel Macht». Unter den «extrem konservativen» Wählern stimmten 64 Prozent mindestens einer zu, gegenüber lediglich 34 Prozent der «extrem linken». Der Fuentes-Effekt in dieser Altersgruppe ist offensichtlich – ältere, extrem konservative Wähler waren nicht signifikant antisemitischer als die Wählerschaft insgesamt. > «Selbst unter Mainstream-Republikanern bezeichnet sich eine beachtliche Minderheit junger Mitarbeiter in Washington als Fuentes-nahe ‹Groyper› und prägt damit die Rhetorik der Partei im Vorfeld der Zwischenwahlen im November.» Der Iran-Krieg hat diese Stimmungen an die Oberfläche gespült. Als junge MAGA-Wähler online [ihrer Ernüchterung über den Krieg Luft machten](https://www.pewresearch.org/politics/2026/03/25/americans-broadly-disapprove-of-u-s-military-action-in-iran/?ref=schweizermonat.ch) – innerhalb eines Monats nach Kriegsbeginn befürworteten ihn nur noch 49 Prozent der Republikaner zwischen 18 und 29 Jahren gegenüber 84 Prozent der über 65-Jährigen –, konnten führende Hassprediger ihre Botschaft, die Juden verursachten alle Kriege, einem gewaltigen neuen Publikum verkaufen. Das schlägt bereits auf die Offline-Politik durch. In der republikanischen Vorwahl um das Gouverneursamt in Florida hat [eine Empfehlung](https://x.com/YoungGroypClips/status/2059363324966363477?s=20&ref=schweizermonat.ch) von Fuentes den rechtsextremen [Provokateur](https://www.vanityfair.com/news/story/james-fishback-florida-gen-z-online-right?srsltid=AfmBOoruvTRXiob%5FsCc7TW0hTUcX3hdWIwFmI1BRp-0TyUbogaaoc5pI&ref=schweizermonat.ch) James Fishback – der [gegen «Goyslop» wettert](https://www.nytimes.com/2026/03/18/opinion/fishback-florida-governor-antisemitism.html?ref=schweizermonat.ch) und sagte, ein schwarzer Journalist gehöre [«gelyncht»](https://www.al.com/politics/2026/04/you-should-be-lynched-florida-gop-governor-candidate-faces-backlash-over-slur-to-black-voter.html?ref=schweizermonat.ch) – einen Monat vor dem Urnengang auf den zweiten Platz katapultiert. Selbst unter Mainstream-Republikanern bezeichnet sich eine [beachtliche Minderheit](https://www.nytimes.com/2026/03/18/opinion/fishback-florida-governor-antisemitism.html?ref=schweizermonat.ch) junger Mitarbeiter in Washington als Fuentes-nahe «Groyper» und [prägt damit die Rhetorik der Partei](https://x.com/DHSgov/status/2006472108222853298?ref=schweizermonat.ch) im Vorfeld der Zwischenwahlen im November. Trotz Beteuerungen, sie nähmen das Problem ernst, verlieren die algorithmischen Medienkonzerne die Kontrolle. Sie investieren schlicht nicht genug in jene starke «Immunsystem»-KI, die sie bräuchten, um mit den neuesten Bots und ihren neonazistischen Schöpfern Schritt zu halten. Stattdessen setzen Meta, TikTok und X weiterhin auf veraltete Moderations-KI und haben sich allesamt crowdgesourcten «Community Notes» beziehungsweise «Footnotes» zugewandt, mit denen Nutzer falsche Aussagen melden und darüber abstimmen können, ob ein Faktencheck angehängt wird. So könne, [beteuerte](https://www.reuters.com/technology/audits-show-less-antisemitism-x-than-other-apps-musk-says-2024-01-22/?ref=schweizermonat.ch) Elon Musk, «jemand, der eine Unwahrheit verbreitet, etwa Holocaustleugnung, unverzüglich korrigiert werden». Es funktioniert nicht. Das Center for Countering Digital Hate [schätzte](https://counterhate.com/wp-content/uploads/2025/09/A-Home-for-Hate-Report%5FFinal.pdf?ref=schweizermonat.ch), dass es von Februar 2024 bis Januar 2025 auf X fast 680 000 antisemitische Beiträge gab, die vermutlich gegen die Hassrederegeln der Plattform verstiessen und 193 Millionen Aufrufe erzielten. Das Zentrum identifizierte die 100 meistgesehenen Beiträge mit Holocaustleugnung und stellte fest, dass nur zwei eine sichtbare Community Note trugen. Und selbst wenn Beiträge markiert wurden, hatten sie rund 80 Prozent ihrer Gesamtaufrufe bereits gesammelt, bevor der Hinweis erschien. Auch Zensur und Sperren sind weitgehend gescheitert. Dezentrale [Hassnetzwerke](https://www.isdglobal.org/digital-dispatch/naztok-an-organized-neo-nazi-tiktok-network-is-getting-millions-of-views/?ref=schweizermonat.ch) wie «NazTok» sind führerlos und widerstandsfähig; löscht der Konzern das Konto eines Augenstupsers, treten andere wie Hydraköpfe an seine Stelle. Kurz: Wir stehen vor der bislang grössten Herausforderung für das Bekenntnis des Westens zur Meinungsfreiheit – einem KI-getriebenen Angriff auf die historische Wahrheit. > «Wir leben nicht mehr in jener Welt, in der Christopher Browning und Richard Evans die Verzerrungen der Holocaustleugnung in David Irvings Büchern forensisch offenlegen konnten, sodass Irving seinen Verleumdungsprozess gegen Deborah Lipstadt und Penguin Books im Jahr 2000 verlor.» Selbstverständlich haben Menschen in Amerika das Recht, auch die abstossendsten Ansichten zu vertreten und Unwahrheiten friedlich mit jenen zu teilen, die zuhören wollen. Und wir können weiterhin versuchen, gewöhnliche Antigeschichte mit Fakten zu bekämpfen. Aber wir leben nicht mehr in jener Welt, in der Christopher Browning und Richard Evans die Verzerrungen der Holocaustleugnung in David Irvings Büchern forensisch offenlegen konnten, sodass Irving seinen [Verleumdungsprozess](https://www.historyextra.com/period/second-world-war/holocaust-denial-trial-who-david-irving-deborah-lipstadt-richard-j-evans/?ref=schweizermonat.ch) gegen Deborah Lipstadt und Penguin Books im Jahr 2000 verlor. Wenn Holocaustleugnung als achtsekündiges Selfie eines Teenagers, der sich ins Auge stupst, direkt in den visuellen Kortex gestrahlt wird, gibt es nichts zu widerlegen und kein Gegenargument zu formulieren. In der Zeit, die man braucht, um zu sagen: «Im Gegenteil, wie Raul Hilberg in seinem magistralen Werk überzeugend gezeigt hat ...», ist ein reizhungriger Zoomer längst beim nächsten Video. > «Als John Milton, John Locke und John Stuart Mill für die Meinungsfreiheit stritten, konnte keiner von ihnen eine derart verschmutzte Öffentlichkeit voraussehen.» Die Bedrohung durch Leute wie Fuentes wäre vielleicht zu überleben, wenn die Nutzer nur mit echten Menschen interagierten. Doch sie werden von einem Tsunami aus KI-Schrott und mikrogezielten «Rage Baits» überschwemmt, auf Plattformen, deren Algorithmen ein «Bitte hört auf, den Mord an meiner Grossmutter zu verspotten :(» als Engagement belohnen. Wie laut die Nutzer aus Fleisch und Blut auch schreien: Sie werden zwangsläufig von einem Chor lebensechter Bots übertönt, die darauf programmiert sind, das Gespräch zu kapern. Als [John Milton](https://milton.host.dartmouth.edu/reading%5Froom/areopagitica/text.shtml?ref=schweizermonat.ch), John Locke und [John Stuart Mill](https://bookshop.org/a/93116/9780199670802?ref=schweizermonat.ch) für die Meinungsfreiheit stritten, konnte keiner von ihnen eine derart verschmutzte Öffentlichkeit voraussehen. ## **Die Algorithmen spiegeln unsere Laster** Dieses Problem wird sehr schwer zu lösen sein. KI ist bereits klug genug, um die meisten CAPTCHAs zu überwinden – jene «Wählen Sie alle Felder mit Ampeln»-Tests, an denen altmodische Bots einst scheiterten. Und die Tests lassen sich kaum schwieriger machen, ohne viele echte Menschen auszusperren, besonders ältere oder behinderte Nutzer. Sobald die KI die allgemeine Intelligenz des Menschen erreicht – wahrscheinlich gegen Ende dieses Jahrzehnts –, werden solche Fähigkeitstests vollends wertlos sein. Wir werden daher robuste neue Nachweise der Menschlichkeit brauchen. Eine Möglichkeit besteht darin, von den Nutzern eine Authentifizierung mit einem sicheren Dokument zu verlangen, etwa einem Pass oder der in Grossbritannien geplanten «[BritCard](https://www.britcard.co.uk/?ref=schweizermonat.ch)». Doch das könnte die Anonymität zerstören und Regierungen in die Lage versetzen – und dazu verlocken –, Dissidenten zu überwachen und zu verfolgen. Vielversprechender sind [dezentrale Technologien](https://whitepaper.world.org/?ref=schweizermonat.ch), die echte Menschen biometrisch authentifizieren, ohne ihre Namen preiszugeben. Vorerst bleiben aber auch diese Lösungen [recht mangelhaft](https://vitalik.eth.limo/general/2023/07/24/biometric.html?ref=schweizermonat.ch). Kein Eingriff von oben kann uns aus dieser Lage retten. Wir können uns nicht aus einer zutiefst menschlichen Wahrheit herausingenieuren: Die Algorithmen spiegeln uns unsere eigenen Laster zurück – und verstärken sie. Solange wir unseren zornigen Impulsen nachgeben, werden wir mehr «Rage Baits» sehen, die sie anheizen. Solange wir unserer kurzen Aufmerksamkeitsspanne nachgeben, werden unsere Newsfeeds unsere Gehirne mit Dopamin bombardieren. Solange wir schmeichelhafte Lügen in uns hineinschütten, wird die Wahrheit von der Propaganda vom Bildschirm gedrängt. > «Letztlich ist das einzige Bollwerk gegen Demagogen ein Volk, das tugendhaft genug ist, ihrer Verlockung zu widerstehen.» Das ist ein klassisches Problem kollektiven Handelns. Wenn Sie einen Big Mac essen, macht das anderes nicht ungesund. Doch wenn Sie «Rage Baits»-Videos anschauen, verschmutzen Sie nicht nur Ihre eigene Informationszufuhr, sondern weisen den Algorithmus auch an, diesen Inhalt Ihren Freunden und Nachbarn zuzuspielen. Ebenso wie wir das Littering, das Rauchen in Innenräumen oder das ungeschützte Niesen im vollen Lift ächten, müssen wir lernen, jene Laster zu ächten, die unsere gemeinsame digitale Umwelt verpesten. Wir müssen ein geteiltes Bewusstsein moralischer Verantwortung dafür zurückgewinnen, nicht zu jenen Bedingungen beizutragen, unter denen ein Fuentes gedeiht. Es ist eine Lektion, die bis zu Kleon im antiken Athen zurückreicht. Letztlich ist, wie Platon und Aristoteles erkannten, das einzige Bollwerk gegen Demagogen ein Volk, das tugendhaft genug ist, ihrer Verlockung zu widerstehen. Wir hoffen inständig, dass die Amerikaner noch tugendhaft sein können. Philosophen, Künstler und geistliche Führer mögen uns noch auf den Pfad der Tugend zurückrufen. Aber das liegt an ihnen. Angesichts einer Lawine KI-getriebener Antigeschichte sind die echten Historiker machtlos. Wir dachten, wir könnten einen fairen Kampf zur Frage gewinnen, was in der Vergangenheit wirklich geschehen ist. Wir glaubten naiv, wenn wir nur in die richtigen Archive gingen, die richtigen Dokumente läsen, sie mit den richtigen Fussnoten zusammenfassten und unsere wissenschaftlichen Bücher und begutachteten Aufsätze veröffentlichten, dann würden die Holocaustleugner vom Feld gefegt. Was für Narren wir doch waren. *Dieser Text erschien zuerst bei* [*«The Free Press»*](https://www.thefp.com/p/the-death-of-history?ref=schweizermonat.ch)*. Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Leuzinger.* ### Daron Acemoglu will den Liberalismus retten – die Lösung sieht er in staatlichen Eingriffen URL: https://www.schweizermonat.ch/daron-acemoglu-will-den-liberalismus-retten-die-losung-sieht-er-in-staatlichen-eingriffen/ Last updated: 2026-08-31T14:24:51.000Z 0:00 /231.979875 1× Mit populärwissenschaftlichen Büchern wie «Why Nations Fail» (mit James Robinson) oder «Power and Progress» (mit Simon Johnson) hat sich Daron Acemoglu schon länger einen Namen gemacht. Seit er 2024 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, hat er definitiv einen Platz in den höchsten Rängen der Public Intellectuals. Entsprechend gespannt durfte man auf sein neues Buch «What Happened to Liberal Democracy?» sein, das im Oktober auch auf Deutsch erscheinen wird und in dem es um nicht weniger als die Zukunft des Liberalismus geht. Das Ergebnis vermag die Erwartungen jedoch nicht zu erfüllen. Es wirkt fast so, als hätte Acemoglu unbedingt ein neues Buch nachlegen müssen und dafür das erstbeste Thema gewählt, das ihm einfiel. Der Ausgangspunkt seiner Analyse: Der Liberalismus sei nicht an seinem eigenen Erfolg gescheitert, wie das eine unter Konservativen populäre These behauptet. Vielmehr sei er von seinen eigenen Werten abgewichen. Acemoglu kritisiert den Fokus liberaler Eliten auf «Social Engineering», also den Versuch, das Denken der Bevölkerung in die «richtige» Richtung zu lenken. Das ist zweifellos eine berechtigte Kritik. Er zieht aber die falsche Konsequenz, wenn er den linken Ausprägungen des Liberalismus (wie dem New Deal in den USA oder der europäischen Sozialdemokratie) das Wort redet. Der Ökonom nimmt den klassischen Liberalismus ins Visier. Dieser basiere auf Nichteinmischung («Noninterference»), während eigentlich Nichtbeherrschung («Nondomination») – einschliesslich der Freiheit von der Macht privater Akteure – im Zentrum stehen sollte. Mit der Befreiung von der Macht anderer lässt sich allerdings jeder staatliche Eingriff rechtfertigen – und genau das passiert auch regelmässig. Die Kritik am klassischen Liberalismus und seinen angeblichen Exzessen ist weder neu noch originell. Angesichts von Staatsquoten von 50 Prozent und mehr in westlichen Industrieländern wirkt es jedenfalls nicht besonders glaubwürdig, dass der Liberalismus an einer zu starken Betonung der individuellen Freiheit gescheitert sein soll. Interessanter sind Acemoglus Ausführungen zur künstlichen Intelligenz. Er fordert, die KI stärker darauf auszurichten, die Fähigkeiten insbesondere schlechter ausgebildeter Arbeitnehmer zu fördern. Wenn es um konkrete Vorschläge und Massnahmen geht, kommt Acemoglu allerdings auch hier nicht über Industriepolitik, Subventionen und neue Bürokratie hinaus. ## Geteilter Wohlstand Dahinter steht eine grundlegende Schwäche des Buches: Acemoglus Forderung nach einem «Working-Class Liberalism» basiert auf dem Strohmannargument, dass der klassische Liberalismus gegen Arbeiter sei. Doch der Liberalismus, richtig verstanden, muss sich nicht zwischen «pro Arbeiter» und «pro Kapitalisten» entscheiden – er fördert die Freiheit und den Wohlstand aller. Es ist der «geteilte Wohlstand», den Acemoglu immer wieder betont – ein an sich richtiges und wichtiges Ziel. Doch sein Weg dahin – der «Working-Class Liberalism» – bleibt schwammig. Wo er konkret wird, sind es bekannte linksliberale bis sozialdemokratische Forderungen in neuer Verpackung. > «Acemoglus Forderung nach einem ‹*Working-Class Liberalism*› basiert auf dem Strohmannargument, dass der klassische Liberalismus gegen Arbeiter sei.» Das kann man machen. Aber es überzeugt nicht. Dass der Liberalismus mit der Forderung nach neuen staatlichen Eingriffen zu seinen wahren Werten und zum politischen Erfolg zurückfinden könnte, ist – vorsichtig formuliert – eine sehr optimistische Sicht. Daron Acemoglu: What Happened to Liberal Democracy? Remaking a Politics of Shared Prosperity. New York: Dutton, 2026. ### Science Tells You How to Live, Not God URL: https://www.schweizermonat.ch/science-tells-you-how-to-live-not-god/ Last updated: 2026-08-27T10:15:11.000Z _No content available._ ### Die amerikanische Frauen-Basketballliga hat endlich ihre Superstars – aber nicht jene, die man sich wünschte URL: https://www.schweizermonat.ch/die-amerikanische-frauen-basketballliga-hat-endlich-ihre-superstars-aber-nicht-jene-die-man-sich-wunschte/ Last updated: 2026-08-26T14:15:39.000Z 0:00 /300.697958 1× Die amerikanische Frauen-Basketballliga WNBA hat endlich, was sie seit Jahren wollte: Aufmerksamkeit. Dumm nur, dass die Frauen, die ihr diese Aufmerksamkeit bescheren, nicht die Heldinnen sind, die man sich gewünscht hatte. Die WNBA ist mehr als Sport. Feminismus, LGBTQ, Diversity, Equity, Transgender-Inklusion: Kaum eine Profiliga verbindet Sport so demonstrativ mit woker Kulturpolitik. Die Botschaft ist klar: Wir sind modern, wir sind progressiv! Es gab nur ein Problem: Die Zuschauer blieben aus. Denn das Publikum lässt sich nicht herbeimoralisieren. Dann kam Caitlin Clark. 2024 erreichten 22 WNBA-Spiele mehr als eine Million Fernsehzuschauer. In 19 davon stand Clark auf dem Feld. > «Aus einer aussergewöhnlichen Basketballerin wurde so ein Fall für die Critical Race Theory.» Und plötzlich musste der lang ersehnte Erfolg identitätspolitisch erklärt werden. Warum? Weil der erste weibliche Superstar weiss ist. Die schwarze, linke TV-Kommentatorin Sunny Hostin begründete Clarks Erfolg unter anderem mit «white privilege». Die bekannte Sportjournalistin Jemele Hill erklärte, es wäre «sehr naiv» zu leugnen, dass Clarks Hautfarbe und Heterosexualität zu ihrer Popularität beitrügen. Aus einer aussergewöhnlichen Basketballerin wurde so ein Fall für die Critical Race Theory. ## Ausflug in den Kampfsport Doch Clark war nur der Anfang. Dann kam Sophie Cunningham. Sie hat etwas, das keine Statistik messen kann: Aura. Gross, blond, demonstrativ feminin, frech, dominant, furchtlos. Sie wirkt wie eine Frau, die einen Westernsaloon betritt und nicht laut werden muss, damit es still wird. Einmal stand Cunningham einer Gegnerin gegenüber und zeigte 22 Sekunden lang wortlos auf sie. Nur der Finger und dieser Blick. Die WNBA kämpfte jahrelang mit Marketingkampagnen um Aufmerksamkeit. Sophie Cunningham benötigte dafür einen Zeigefinger. Und dann geht sie zur Ultimate Fighting Championship (UFC). Ausgerechnet. In die von Trump-Freund Dana White geführte Welt aus Käfigkampf, Testosteron und demonstrativer Männlichkeit – das Gegenuniversum zur woken WNBA-Welt. Dort tritt Cunningham als Ring Girl auf. Barfuss, knappe Shorts, das Rundenschild über dem Kopf. Ausgerechnet jene Figur also, die der identitätspolitischen Linken als wandelndes Symbol patriarchaler Objektifizierung gelten müsste. > «Cunningham ist keine unterwürfige Gegenfigur zur emanzipierten Frau. Sie ist deren geradezu amerikanische Verkörperung.» Nur sieht Sophie Cunningham nicht im Geringsten unterdrückt aus. Sie sieht aus, als gehöre ihr die Arena. Vielleicht liegt darin die eigentliche Provokation. Cunningham ist keine unterwürfige Gegenfigur zur emanzipierten Frau. Sie ist deren geradezu amerikanische Verkörperung. Und Cunningham hat Meinungen. Biologische Männer haben für sie im Frauensport nichts verloren. Damit bringt sie ihre eigene Liga in Bedrängnis. Ihre Trainerin Stephanie White wurde gefragt, ob biologische Männer in der WNBA spielen sollten. Sie antwortete, sie sei «nicht gebildet genug», um dies beantworten zu können. Eine Trainerin der WNBA kann nicht sagen, ob Männer, die sich als Frauen identifizieren, in einer Frauenliga spielen sollten. Cunningham schon. «Vanity Fair» erklärte sie derweil zur «MAGA Fixation», obwohl sie sich selbst politisch eher in der Mitte verortet. Der linke britische «Guardian» schrieb über «white dude bros», die offenbar eine «sexy, long-legged blonde» benötigten, um sich für Frauenbasketball zu interessieren. Man stelle sich eine konservative Zeitung vor, die den Erfolg einer schwarzen Sportlerin auf ihre Hautfarbe und ihren Körper reduziert. ## Faszination ist nicht planbar Darin liegt das Dilemma der WNBA. Jahrelang sagte sie Amerika: Schaut uns endlich an! Nun schauen Millionen hin – aber nicht jene, die man wollte. Nun entdeckt die Liga den Preis wirklicher Popularität: Wer Mainstream werden will, verliert die Kontrolle darüber, wer zuschaut, warum die Menschen zuschauen und wen sie zu ihren Helden machen. Friedrich Hayek hätte seine Freude daran gehabt. > «Geschichten entstehen nicht in DEI-Seminaren. Denn eines lässt sich nicht planen: Faszination.» Institutionen können Leitbilder verfassen, Diversitystrategien beschliessen, Marketingkampagnen lancieren und uns erklären, wen wir bewundern sollten. Doch Geschichten entstehen nicht in DEI-Seminaren. Denn eines lässt sich nicht planen: Faszination. Die WNBA wollte Poster Girls. Der Markt hat sie ihr gegeben. Nur nicht diejenigen, die man sich gewünscht hatte. ### Die Herde rebelliert: In den USA könnten Überwachungskameras in die Leitplanken der Verfassung prallen URL: https://www.schweizermonat.ch/die-herde-rebelliert-in-den-usa-konnten-uberwachungskameras-in-die-leitplanken-der-verfassung-prallen/ Last updated: 2026-08-26T13:26:50.000Z 0:00 /348.409958 1× Ich beschäftige mich mit einer Vielzahl von Bedrohungen der Privatsphäre. Eine davon aber stösst derzeit in den USA auf breite öffentliche Aufmerksamkeit: das Netz der automatisierten Nummernschildlesegeräte von Flock. Diese Systeme, die im ganzen Land aus dem Boden schiessen, erfassen und speichern die Bewegungen sämtlicher Fahrzeuge – und werfen die Frage auf, wozu diese Daten dereinst verwendet werden. Im Gliedstaat Kansas formiert sich nun eine bemerkenswerte Gegenwehr. Das Kansas Justice Institute hat die Stadt Wichita [eingeklagt](https://kansasjusticeinstitute.org/case/automated-license-plate-readers/?ref=schweizermonat.ch) mit dem Argument, der Einsatz solcher Systeme verletze die Verfassung von Kansas. Der Fall bietet die Gelegenheit auszuloten, wie sich technologische Umwälzungen mit fundamentalen rechtlichen Begriffen und Grundwerten vereinbaren lassen. Es gibt neben [Flock](https://www.flocksafety.com/?ref=schweizermonat.ch) (Deutsch: «Herde») noch andere [Systeme der Massenüberwachung im öffentlichen Raum](https://www.axon.com/products/vehicle-intelligence?ref=schweizermonat.ch), aber keines trägt einen Namen, der uns zu Schafen erklärt. Also dreht sich die Debatte um Flock. ## **Türöffner für den Polizeistaat?** Grundsätzlich funktioniert Flock so: Fixe und mobile Kameras erfassen die Bilder von möglichst vielen Nummernschildern, versehen sie mit Orts- und Zeitangaben und speichern diese Daten für eine Vielzahl späterer Verwendungen sowie zur breiten Weitergabe. Man wird weiterhin über sie als Nummernschildleser diskutieren, doch einzelne Geräte erfassen auch individuelle Merkmale eines Autos – Kleber, Dachträger, Spezialfelgen – und erzeugen so Fahrzeugsignaturen, die über die Nummer hinausgehen. > «Diese Systeme häufen Macht an für jene, die sie betreiben.» *Scientia potentia est*: Wissen ist Macht. Diese Systeme häufen Macht an für jene, die sie betreiben. Diese Macht reicht vom Auffinden gestohlener Autos und der Festnahme flüchtiger Entführer bis zum Stalking von Personen und zur Verhaftung von Regierungsgegnern. Von diesen beiden zuletzt genannten, bösartigen Anwendungen ist die erste [bereits vorgekommen](https://www.washingtonpost.com/technology/2026/08/02/how-police-officers-used-vast-network-cameras-spy-their-exes/?ref=schweizermonat.ch); die zweite nicht – jedenfalls nicht in den USA. In China vielleicht schon. «Es ist [schlechte staatsbürgerliche Hygiene](https://www.schneier.com/essays/archives/2009/07/technology%5Fshouldnt.html?ref=schweizermonat.ch), Technologien zu bauen, die dereinst einen Polizeistaat begünstigen könnten», schreibt der Datenschutzspezialist [Bruce Schneier](https://www.schweizermonat.ch/author/bruceschneider/). Das Kansas Justice Institute hat also Wichita eingeklagt. Der Fall ist [hier](https://reason.com/2026/07/31/kansas-lawsuit-alprs-turn-a-license-plate-into-the-functional-equivalent-of-a-gps-tracking-device/?ref=schweizermonat.ch) gut aufbereitet. Die Klage macht geltend, solche Systeme verletzten Abschnitt 15 der [Bill of Rights](https://law.justia.com/constitution/kansas/rights.html?ref=schweizermonat.ch) der Verfassung von Kansas. Diese hält – ähnlich wie der vierte Zusatzartikel der Bundesverfassung – fest: «Das Recht des Volkes, in seiner Person und seinem Eigentum vor ungerechtfertigten Durchsuchungen und Beschlagnahmen sicher zu sein, ist unverletzlich.» Ich las die Klageschrift und sagte mir dabei immerzu: «Erwähnt die Schilderpflicht … erwähnt die Schilderpflicht …» Und siehe da: [Auf Seite 32](https://kansasjusticeinstitute.org/wp-content/uploads/2026/07/1-Petition.pdf?ref=schweizermonat.ch) wird sie erwähnt! Das Recht von Kansas knüpft das Autofahren an das Anbringen eines identifizierenden Schildes. Wer in Kansas ohne dieses fährt, wird angehalten, verhaftet und am Ende eingesperrt – weil ein Kennzeichen fehlt, das sich heute mühelos mit der Person am Steuer verknüpfen lässt. ## **Faktisch ein staatlicher Akteur** Im weiteren Verlauf müssten die Justizbehörden die technische Verarbeitung jener Informationen prüfen, welche die Flock-Kameras sammeln. In der einen oder anderen Form analysieren sie das öffentlich sichtbare Erscheinungsbild des Autos genau und erzeugen daraus eine Signatur – eindeutige Identifikationsdaten, die keinem anderen Zweck dienen, als jede Sichtung eines bestimmten Fahrzeugs mit jeder späteren zu verknüpfen. Wenn ich «genau analysieren» schreibe, ist das eine zurückhaltende Formulierung. Umgangssprachlich würde man von einer Durchsuchung sprechen. Man könnte meinen, der Fall habe einen Haken, weil all dies Flock tut und nicht die Stadt Wichita. Doch Flock ist in dieser Hinsicht ein staatlicher Akteur. Das Unternehmen arbeitet im Auftrag der Stadtregierung von Wichita. Es dürfte den Grossteil – oder den allergrössten Teil – seiner Einnahmen aus staatlichen Aufträgen beziehen. Es nutzt privilegierten Zugang auf öffentlichen Grund, um seine Kameras zu platzieren. Es montiert sie sogar auf Polizei- und anderen Behördenfahrzeugen. ## **Die Technik mischt die Dinge neu** Weil dem Eingriff jede Körperlichkeit fehlt, mag es scheinen, als geschehe beim Einsatz von Flock-Kameras überhaupt nichts. Es läge eine klare Beschlagnahme («Seizure») und Durchsuchung («Search») vor, wenn die Polizei von Kansas die Einwohner anhielte (Beschlagnahme) und von ihnen verlangte, sich mit dem Führerausweis auszuweisen (Durchsuchung), um deren Ausweisnummern samt Zeit- und Ortsangabe zu sammeln und einzulagern. Das Recht von Kansas beschlagnahmt gleichsam jeden, der kein Nummernschild zeigt – und durchsucht ihn dann, indem es das öffentlich sichtbare Erscheinungsbild des Schildes erfasst und zu einer eindeutigen Kennung oder Signatur verarbeitet. > «Mittels Flocks unterhält Kansas eine fortwährende Suche nach dem Aufenthaltsort aller, jederzeit.» Wir haben Durchsuchungen und Beschlagnahmen lange als einzelne Ereignisse verstanden, die sich gegen Tatverdächtige richten. Die Technik hat die Eigenart, die Dinge neu zu mischen. Mittels Flocks unterhält Kansas eine fortwährende Suche nach dem Aufenthaltsort aller, jederzeit. Die Verfassung von Kansas ist ebenso wenig wie der vierte Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung auf punktuelle Durchsuchungen beschränkt. Der massgebliche Wortlaut dieser Texte unterscheidet nicht zwischen der Durchsuchung von Personen und der Suche nach Personen und ihrem Eigentum. Diese verfassungsrechtlichen Schranken erfassen Durchsuchungen – alle miteinander –, auch jene von Flock, die jedes Auto erfassen, um Daten über den Aufenthalt jedes Fahrers zu jeder Zeit vorzuhalten. In Kansas macht das einen Teil der Herde ein wenig wölfisch. *Dieser Essay basiert auf einem* [*Beitrag auf der Website des American Enterprise Institute*](https://www.aei.org/technology-and-innovation/flock-camera-systems-may-face-a-constitutional-reckoning/?ref=schweizermonat.ch)*. Übersetzt von Lukas Leuzinger.* ### Nun sind die Rechten auch an islamistischen Anschlägen schuld URL: https://www.schweizermonat.ch/nun-sind-die-rechten-auch-an-islamistischen-anschlagen-schuld/ Last updated: 2026-09-23T16:42:45.000Z 0:00 /391 1× Vor einem Monat, am 25\. Juli, fand in Berlin ein islamistischer Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) statt. Ein 21-jähriger Deutscher libanesischer Abstammung fuhr mit dem Auto in die Menschenmenge, tötete eine Person und verletzte 31 weitere zum Teil schwer. Der Täter war seit längerer Zeit polizeilich bekannt, aufgrund von Gewaltdelikten vorbestraft und wurde als islamistischer Gefährder beobachtet. Politiker unterschiedlicher Parteien verurteilten den Anschlag und distanzierten sich von jeder Art von Gewalt und Terror, benannten die spezielle Täterschaft aber nicht immer. Der Vorstand des Berliner CSD-Vereins betonte, dass die Tat nicht Kräften in die Hände spielen dürfe, die Hass gegen Muslime säten und die Gesellschaft spalten wollten. Muslime dürften nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Die radikale Linke und diejenigen, die am Christopher Street Day lautstark «Queers for Palestine» skandieren, stellt dieser Anschlag vor besondere Probleme. Sie halten die Hamas für eine legitime Befreiungsorganisation und knüpfen an sie die Hoffnung, dass sie entscheidend zur Befreiung der Unterdrückten beiträgt, indem Israel als Speerspitze des verhassten Westens besiegt wird. «Wenn Palästina frei ist, dann werden wir alle frei sein», ist auf europäischen und nordamerikanischen Strassen zu hören. Nun hat sich der islamistische Terror gegen die Queeren selbst gerichtet, eine Personengruppe, mit der sich die radikale Linke besonders identifiziert. **Wenn das Täterprofil nicht passt** Prominente, Medienvertreter und Politiker aus dem links-grünen Spektrum kommentierten das Attentat auf eine merkwürdige Art und Weise. Zunächst wurde das Geschehen verurteilt, unmittelbar danach erfolgte eine entscheidende Akzentverlagerung. Kerstin Ott, eine lesbische Schlagersängerin, äusserte sich auf [Instagram](https://www.welt.de/politik/deutschland/harald-martenstein/plus6a6e06eddd06dd5ef2e41a45/csd-anschlag-es-ist-ein-unterschied-ob-man-leute-nicht-mag-oder-sie-umbringen-moechte.html?ref=schweizermonat.ch). Der Islamismus sei zwar «eine frauenfeindliche und menschenverachtende Organisation», aber andere seien auch nicht besser. «An alle rechten Parteien hier in Deutschland: Ihr seid genauso menschenverachtend. Genauso unmenschlich. Ihr braucht hier gar nicht wieder mit den Ängsten der Menschen (zu) spielen.» Man beachte die Wortwahl: Alle «rechten Parteien», dabei kann es sich neben der AfD nur um die liberalen und konservativen Parteien der politischen Mitte handeln. Sie alle werden in ihrer moralischen Qualität mit den Islamisten gleichgestellt – als menschenverachtende, rassistische, trans- und islamfeindliche Kräfte. [Alexander Moritz](https://www.deutschlandfunk.de/csd-berlin-anschlag-politik-reaktionen-kommentar-100.html?ref=schweizermonat.ch), ein Korrespondent des Deutschlandfunks, setzt sich für eine konsequente Verfolgung derjenigen ein, die Gewalt gegen Nicht-Heterosexuelle ausüben, und spart die Islamisten dabei nicht aus. Das Attentat sei aber nur der grausame Höhepunkt einer Entwicklung, die sich alltäglich zeige. «In Berlin fliegen Steine auf queere Bars, werden schwule Männer gezielt bei öffentlichen Sextreffs überfallen, jugendliche Neonazis bedrohen CSD-Teilnehmende. Die Bundesregierung kürzt derweil Fördergelder für queere Projekte.» Die Bedrohung sei ubiquitär. Zwischen den genannten Übergriffen und dem islamistischen Terror, der die westliche Lebensform zerstören will, scheinen nur wenige Schritte zu liegen. Die Empörung über das Attentat werde zudem von rechten Kräften nur vorgetäuscht, um eine vorgefertigte «rassistische und antimuslimische Agenda» in Szene zu setzen. Sie sei nur das Mittel zu einem niedrigen Zweck. > *«Politische Bewegungen im Westen, so die abenteuerliche These, seien mitverantwortlich für das islamistische Attentat auf den Christopher Street Day.»* Bei einer Gedenkveranstaltung zum Anschlag, die am Brandenburger Tor in Berlin stattfand, sagte eine [Rednerin](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/csd-anschlag-unertraeglich-wie-die-linke-islamismus-verharmlost-meinung-a-03a13e62-a77f-4efc-86eb-7244451a3efb?ref=schweizermonat.ch): «Das Erste, was ich gedacht habe: Hoffentlich ist es kein Kanake. Hoffentlich ist es eine christliche, weisse Person.» Das hätte das eigene Weltbild gerettet. Jetzt aber kann nicht mehr weggeschaut werden. Aus der Partei «Die Linke» sind deshalb [Verlautbarungen](https://www.instagram.com/p/DbQmWm8jZxq/?utm%5Fsource=ig%5Fembed&ig%5Frid=Ac67-QfPygbqfs4%5FZGOkxK1&img%5Findex=1) wie diese zu hören: «Mit dem Erstarken der Rechten und antifeministischer Kräfte nehmen auch Queer- und Transfeindlichkeit massiv zu. Online tobt Hass, hart erkämpfte Rechte werden beschnitten, queere Räume weggekürzt und auf der Strasse nehmen Angriffe und Polizeigewalt zu. Die gezielte Verbreitung queer- und transfeindlicher Ideologie durch rechte und konservative Akteure bereitet den Boden für Angriffe wie den gestrigen.» Politische Bewegungen im Westen, so die abenteuerliche These, seien mitverantwortlich für das islamistische Attentat auf den Christopher Street Day. Von einem eigenständigen und unbeirrbaren Vernichtungswillen, den der islamische Extremismus weltweit auszeichnet, ist nicht die Rede. **Rettung des eigenen Weltbilds** Damit korrespondiert der Versuch, die politischen Verhältnisse neu zu definieren. Das Koordinatensystem, das politische Orientierungen in links und rechts einteilt, wird herangezogen, um dem islamistischen Terror einen Platz zu geben. Er wird nunmehr dem rechten oder rechtsextremen Spektrum zugeordnet. Der Vorsitzende der Partei «Die Linke», Luigi Pantisano, bezeichnete die Islamisten als Teil der extremen Rechten. Sein Bruder Alfonso Pantisano, der Queerbeauftragte des Landes Berlin und Sozialdemokrat, hält den Islamismus für eine Spielart des Konservatismus, für keine totalitäre Ideologie, die sich gängigen Kategorisierungen entzieht. Damit ist zugleich die politische Stossrichtung benannt. «Das, was uns am meisten beschäftigt: Wir werden gerade politisch angegriffen von rechts und vor allem von konservativen Kräften, von Rechtsextremen, von Nazis.» Der Islamismus ist in dieser Sichtweise nur noch ein Teil einer sehr viel grösseren und gefährlicheren Bewegung. Das ist eine abstruse Realitätsverkennung. Ihr Sinn ist leicht durchschaubar: Einerseits wird das Berliner Attentat als islamistischer Terror benannt, zugleich erfolgt eine absurde Umdeutung. Die Bedrohung, die vom Islamismus für die westliche Welt ausgeht, wird verharmlost, um die eigenen antiisraelischen, antisemitischen und antiwestlichen Bestrebungen nicht infrage zu stellen. ### Der Staat ist kein Theologe – warum die Unterscheidung von Islam und Islamismus in die Irre führt URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-ist-kein-theologe/ Last updated: 2026-08-25T09:46:44.000Z _No content available._ ### Neutralität ist eine politische Taktik, keine Moral URL: https://www.schweizermonat.ch/neutralitat-ist-eine-politische-taktik-keine-moral/ Last updated: 2026-08-24T19:29:14.000Z 0:00 /164.067916 1× Befürworter der Neutralitätsinitiative, die am 27\. September 2026 zur Abstimmung kommt, plädieren für eine «strikte Neutralität» zum Schutz vor «fremden Konflikten». Bundesrat, Parlament und Economiesuisse warnen als Gegner der Initiative davor, deren Annahme werde die aussenpolitische Handlungsfähigkeit in Krisen lähmen und dem Land schaden. Im Wahlkampf prallen weltanschauliche Differenzen aufeinander. Die Schweiz, heisst es auf der einen Seite, müsse Haltung zeigen, wenn jemand wie Putin ein Land wie die Ukraine überfalle. Neutralität sei kein Freipass, um die Augen vor den Opfern eines Despoten zu verschliessen. Auf der anderen Seite warnt man vor der «Kriegstreiberei» der EU, die Putin dämonisiere und einen Krieg mit Russland riskiere; die Schweiz dürfe einen solchen Übermut nicht mitmachen. Der Neutralitätsbegriff, der hier angewendet wird, ist moralisch. Entweder fragt man, ob es moralisch legitim sei, wenn die Schweiz gegenüber einem Despoten neutral bleibe. Oder man fragt, ob es moralisch gerechtfertigt sei, die Schweiz in einen EU-Krieg gegen Russland hineinzuziehen. Aber ist es wirklich so einfach? «Neutralität ist eine politische Taktik, keine Moral», hat Friedrich Dürrenmatt einmal festgestellt. «Es geht um die Kunst, sich möglichst nützlich und möglichst ungefährlich zu verhalten.» Angewendet auf die aktuelle Politik müsste man also danach fragen, wie sich die Schweiz verhalten sollte, um möglichst nützlich und ungefährlich zu sein – nützlich und ungefährlich nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle relevanten Konfliktparteien. Im Grunde ist Neutralität eine helvetische Tradition. Sie besteht in der Vermittlerrolle – in der klugen Taktik, einen parteilosen Boden zu bieten. Je unparteiischer der Boden, desto eher wird er von allen Seiten genutzt, das heisst, desto nützlicher ist er – und desto ungefährlicher wird es für die Schweiz. Unabhängig vom Abschneiden an der Urne ist die Neutralitätsinitiative eine gute Gelegenheit, zu einem pragmatischen Verständnis von Neutralität zurückzufinden. Pragmatismus und Klugheit sind besser als moralische Parolen für die Öffentlichkeit. Der Ukrainekrieg ist ausserdem eine Gelegenheit, den Schweizer Maulhelden gegen Putin, bequem in Bern und Zürich sitzend, die Worte von Erich Maria Remarque in Erinnerung zu rufen: «Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.» ### Die Schweiz wiegt sich in falscher Sicherheit URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-wiegt-sich-in-falscher-sicherheit/ Last updated: 2026-09-23T17:04:55.000Z 0:00 /343 1× Eine unangenehme, aktuelle Lageanalyse sieht in etwa so aus: China wird in den kommenden Jahren fähig sein, Taiwan anzugreifen. Um dies abzuwehren, verlegen die USA das Schwergewicht weg von Europa in den pazifischen Raum. Es ist auch ohne Absprache zwischen Russland und China naheliegend, dass Russland dannzumal die Gelegenheit nutzen könnte, gegen Europa zuzuschlagen. Was in vielen Lageanalysen ab diesem Punkt sträflich vernachlässigt wird, ist Folgendes: Es besteht die Gefahr, dass Europa genau dann auseinanderbricht. Hierfür gibt es zwei Hauptursachen: einerseits eine handlungsunfähige EU, in der zu viele kleine unzufriedene Mitgliedstaaten, nicht nur in Osteuropa, den europäischen Institutionen zusetzen, andererseits könnten auch die drei grossen EU-Länder Italien, Frankreich und Deutschland instabil und damit für ein wehrhaftes Europa gefährlich werden. > «Das Ziel Russlands ist stets die Spaltung der Abwehrfront.» Die Instabilität entspringt – nicht nur bei diesen drei grossen Nationen – zum einen der wirtschaftlichen Ebene, insbesondere der schwierigen Haushaltslage und den strukturellen Problemen in ihren Volkswirtschaften. Zum anderen färben sowohl diese wirtschaftlichen Probleme als auch die russische Einflussnahme derart auf den politischen Diskurs ab, dass nach den Wahlen 2027 in Frankreich und Italien und 2029 in Deutschland chaotische Zustände möglich sind. Führt Russland dann noch an der Nato-Ostgrenze bewusst Aktionen knapp unter der Kriegsschwelle durch, wird die Nato vor das Dilemma gestellt, den Bündnisfall in einer uneindeutigen Lage auszurufen. Das Ziel Russlands ist dabei stets die Spaltung der Abwehrfront. ## **Stabilität ist nicht mehr garantiert** Wenn man dies alles zusammendenkt, wird es ungemütlich – auch für die Schweiz, denn wir haben de facto die Verteidigung ans Ausland delegiert, sei es Europa, sei es der Schutzschirm der USA. Das funktioniert aber nur so lange, wie die EU, die Nato und auch die Nachbarländer politisch stabil bleiben. Weil dies aber leider nicht mehr garantiert ist, müssen wir selber auch die Schweizer Armee aufrüsten. Welche Szenarien müssen dabei warum im Vordergrund stehen? In untenstehender Liste, die nicht den gängigen Strategieanalysen folgt, sind vier Szenarien unterschieden: 1. Hybrider Krieg (Desinformation, Subversion, Sabotage etc.): Dieser findet bereits statt. 2. Angriffe mit ballistischen Waffen: Solche sind jederzeit möglich. 3. Ein russischer Vorstoss nach Europa: 1. Ins Baltikum, allenfalls nach Polen und in andere osteuropäische Länder. 2. Bis Deutschland und weiter (an die Schweizer Grenze) ab 2028. 4. Instabilität in Nachbarländern nach den Wahlen in Frankreich und Italien (beide 2027) und Deutschland (2029): Das Ausmass ist schwer abzuschätzen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein oder mehrere Länder autoritär oder unregierbar werden und die Schweiz unter Druck setzen oder bedrohen. Welches ist jetzt das zentrale Szenario zur Beurteilung von Rüstungsanstrengungen? Die Möglichkeit eines russischen Überfalls, ohne dass *gleichzeitig* die Nachbarländer instabil werden, ist schwer vorstellbar. Zu gross wären die Zerreissproben, zu wenig sind diese Länder, nicht zuletzt geistig, darauf vorbereitet. Das bedeutet aber: Wir müssen uns auf jeden Fall auf Szenario 4 konzentrieren. Szenario 1 ist zudem schon jetzt ein Dauerzustand; im Extremfall haben wir es mit allen vier Szenarien gleichzeitig zu tun. Viel Platz widmet Szenario 4 auch Georg Häsler in seinem lesenswerten Buch «Alpenallianz statt Sonderfall – Strategische Überlegungen zur Schweiz in einer multipolaren Welt» (Stämpfli, 2026). Der Oberst, Historiker und NZZ-Redaktor stellt die richtigen Fragen. Seine Analysen und Vorschläge sind belastbar und geben Grund zum Nachdenken, auch wenn man nicht alle seine Ansichten teilen muss. ## **Kooperationen ausserhalb Europas** Es ist kaum vorstellbar, dass in einem Szenario 4 Lieferketten in der Rüstung, die sich über mehrere europäische Länder (inklusive unserer grossen Nachbarn) erstrecken, diesen Zerreissproben standhalten. Das heisst im Klartext: Die verstärkte Zusammenarbeit in der Rüstung mit den direkt umliegenden Nachbarn ist nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Wir brauchen eine eigene Rüstungsindustrie, die möglichst autonom funktionieren kann – allenfalls mit (teureren) Lizenzproduktionen. Die Zusammenarbeit mit aussereuropäischen Ländern wie den USA, Indien, Südkorea, Japan oder Australien, aber auch mit Grossbritannien kann sinnvoll sein. Das gilt vor allem für die IT und die Satellitennavigation, da es dafür keine physischen Verbindungswege braucht. > «Die verstärkte Zusammenarbeit in der Rüstung mit den direkt umliegenden Nachbarn ist nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss.» Sicherheitspolitisch ist in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten so ziemlich alles schiefgelaufen; jetzt ist es sehr spät. Daher müssen wir auf der Basis einer schonungslosen Analyse die Prioritäten neu setzen. Insbesondere die politische Situation in unseren Nachbarländern sollte dabei in den Fokus rücken. ### US-Vizepräsident J. D. Vance beschreibt seine religiösen Konversionen – diese stehen im Einklang mit seiner Politik URL: https://www.schweizermonat.ch/us-vizeprasident-j-d-vance-beschreibt-seine-religiosen-konversionen-diese-stehen-im-einklang-mit-seiner-politik/ Last updated: 2026-08-20T13:49:30.000Z 0:00 /476.209958 1× Kürzlich hörte ich im aufgeklärten Filz Zürichs folgenden Dialog: «J. D. Vance hat gute Chancen, nächster Präsident der USA zu werden.» – «Der ist gefährlicher als Trump – ein Opportunist und Katholik dazu.» – «Hast du seine Bücher gelesen?» – «Ja, aber nicht persönlich.» Nun, ich glaube, man sollte Bücher persönlich lesen, wenn man sich ein Bild von deren Autor machen will. Das erste Buch von J. D. Vance, «Hillbilly Elegy», erschien 2016\. Darin schilderte er seinen Weg aus ärmlichen Verhältnissen in den Appalachen bis zum Studium an der Yale University. Er wuchs in einer Grossfamilie in Kentucky und in Ohio auf; seine Familie war oftmals liebevoll, aber auch dysfunktional; Alkohol, Missbrauch und Drogen prägten den Alltag. Wie für viele junge Amerikaner aus solchen Verhältnissen waren die Armee und das später von der Armee finanzierte Studium in Columbus und Yale die Rettung. «Hillbilly Elegy» liest sich wie die schnörkellose Biografie eines Dreissigjährigen, der für sich den amerikanischen Traum erfüllte. Das Buch wurde zum millionenfach verkauften Bestseller – und zum Sprungbrett einer spektakulären Politikerkarriere: Vance wurde berühmt, kandidierte 2022 erfolgreich als Senator von Ohio und wurde 2025 Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Nun ist Vances zweites Buch «Communion: Finding My Way Back to Faith» erschienen. Es legt eine spirituelle und kulturelle Tonspur über die Biografie und verlängert diese bis in die Gegenwart. Vance ist nun mehr als ein blosser Absolvent einer Elitehochschule: Er hat eine Karriere als Anwalt und Venture-Capital-Investor hinter sich, wurde Politiker, hat die indischstämmige Usha Chilukuri geheiratet und mit ihr vier Kinder in die Welt gesetzt. All die neuen Lebensstationen schildert er ausführlich und detailversessen, bis zum Kauf von Büchern darüber, wie man einem Baby Windeln anlegt (das steht eigentlich auf der Schachtel). ## Keine halbherzige Rückkehr Der wirklich interessante Teil ist indessen, was man den Bildungs- und Entwicklungsroman des J. D. Vance nennen möchte. Im Mittelpunkt stehen die Stufen seiner religiösen Entwicklung. Vance wurde in ein evangelikales Milieu hineingeboren, das geprägt war von der Southern Baptist Convention und der Pfingstbewegung. Er erfuhr das damit verbundene direkte Gotteserlebnis und eine Ethik der Solidarität durch seine Familie und besonders durch die Grossmutter, die er «Mamaw» nennt und die ihm noch heute, viele Jahre nach ihrem Tod, Stärke und Entschlossenheit vermittelt. In den Jahren im Marine Corps und insbesondere während seines Einsatzes im Irak verliert er seinen Glauben und wird Atheist. Über die Jahre plagen ihn Zweifel. Er will nicht einfach zurück zu den Wurzeln, sondern sucht etwas, das ihm in Zeiten der Unsicherheit und des Chaos mehr Klarheit und intellektuelles Fundament gibt als seine evangelikale Herkunft. Ereignisse wie die Geburt seines ältesten Sohns, ein Spaziergang in einer leeren burgundischen Kathedrale und die Begegnung mit zwei Dominikanern weisen ihn in die Richtung des katholischen Glaubens. Er beschäftigt sich mit Augustinus und Thomas von Aquin, liest C. S. Lewis und René Girard. Im August 2019 lässt er sich von den Dominikanern taufen. > «Die religiösen Konversionen sind keine Brüche in der politischen Ausrichtung von Vance, sondern eine Modulation seiner Grundstimmung, die seit seiner Jugend sozialkonservativ ist.» Seine Konversion ist nicht halbherzig, sondern integral: Er findet zum Gebet zu Jesus, zur Fürbitte bei den Heiligen, zur Akzeptanz der kirchlichen Lehre als Auslegungsinstanz der Offenbarung von Jesus Christus und der Bibel, zur Beichte (diese sei besser als Psychotherapie, meint er) und zur Kommunion als Ausdruck der Verbundenheit mit der Gemeinschaft wie auch zur christlichen Soziallehre, die er anhand der Enzyklika «Rerum Novarum» von Leo XIII. genau studiert. Die religiösen Konversionen sind keine Brüche in der politischen Ausrichtung von Vance, sondern eine Modulation seiner Grundstimmung, die seit seiner Jugend sozialkonservativ ist. In der katholischen Soziallehre findet er präzise Eckpunkte für seine Politik: Bejahung der wirtschaftlichen Freiheit des Einzelnen bei gleichzeitiger Ausrichtung der Wirtschaft auf die Bedürfnisse des Menschen, gerechte Löhne, Unterstützung für die Gewerkschaften und Schutz der industriellen Basis. ## Ein Kind seiner Generation Ist Vance nun ein Opportunist? In gewisser Hinsicht ja. Seine Kehrtwendung vom harschen Kritiker zum Bewunderer von Trump, sein Abkanzeln von Wolodymyr Selenskyj im Weissen Haus, seine Philippika gegen Europa und einiges anderes muss man als kruden Opportunismus abtun, wenn man es vor dem Hintergrund seiner gediegenen und ausgewogenen Ausführungen in «Communion» sieht. Interessanter ist Folgendes: Vance ist ganz und gar ein Kind seiner Generation. Er ist ein Suchender, Leidender und oftmals Belehrender. Wie viele seiner Altersgenossen wurde er geprägt durch 9/11, den unsinnigen Irakkrieg, das Smartphone, die Finanzkrise, Covid, den Verlust klarer Karriereaussichten und das Aufkommen eines radikalen Feminismus und Wokeismus. Wie viele andere Millennials sieht Vance Unsicherheit und Chaos, Disruption, wenn nicht Apokalypse. Persönlich leidet er am Verschwinden des Christentums, am Niedergang der Familie, dem Kollaps der Geburtenrate, dem Verlust sinnvoller Jobs in der Mittelschicht bei gleichzeitiger irrwitziger Arbeitsbelastung der wirtschaftlichen Eliten. Er bedauert die geistige und emotionale Leere der digitalen Medien. Nicht zuletzt kämpft er damit, seine Position als Vater mit einem anspruchsvollen Beruf zu verbinden. Alle seine Wanderungen in diesem Gewirr teilt er in einer Offenheit mit, die man je nach Gusto als befremdend oder als berührend beurteilen kann. In jedem Fall muss man ihm zugutehalten, dass er anders als viele seiner Altersgenossen das Chaos für sich entwirrt und im Glauben eine Richtlinie gefunden hat: Tiefe, Schönheit, Tradition und Hoffnung. Dabei helfen ihm klare Fixpunkte in seinem Leben, die gelegentlich die Form von Fixierungen annehmen: Mamaw, seine Frau Usha, die er für ihre intellektuelle Lauterkeit bewundert, die Integrationskraft des Militärs und der Kirche. Er orientiert sich an Paulus von Tarsus, dem kraftvollen Apostel mit dem Schwert, und dem Evangelisten Matthäus und dessen Worten, dass man die Bäume an ihren Früchten erkenne. Er unterstreicht die Bedeutung der Lehren von Locke und Hobbes für das Funktionieren eines modernen Gemeinwesens. Vielleicht wird Vance der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Dann wäre unsere Hoffnung, dass er den Opportunismus zügeln kann und seine im Buch dargelegten Werte und Ausrichtungen in seine Politik einfliessen lässt. Vance schreibt reflektiert und belesen, er ist ehrgeizig, sieht aber zugleich, dass grenzenloses Streben nach Ruhm, Anerkennung und Reichtum die Grundlagen der Familie und der Gesellschaft zerstört. Im besten aller Fälle wäre J. D. Vance ein Präsident, der nach zahllosen Jahren des Chaos und der ideologischen Hysterie wieder etwas Ruhe in das öffentliche Leben bringt. Sein Buch jedenfalls bleibt ein komplexes Werk, das in den Analysen unserer Zeit oft allgemeingültig ist, aber in einer unkonventionellen Lösung endet: der Hinwendung zum katholischen Glauben. ### Kein Geräte-Hopping: Das minimalistische 1-Stunden-Oberkörpertraining URL: https://www.schweizermonat.ch/kein-gerate-hopping-das-minimalistische-1-stunden-oberkorpertraining-2/ Last updated: 2026-08-19T14:14:15.000Z 0:00 /312.745958 1× In der heutigen Kolumne geht es mal wieder um etwas Praktisches. Wer kennt das Problem nicht? Gesundheitsexperten raten zu regelmässigem Kraft- und Ausdauertraining – doch die Zeit reicht einfach nicht aus. Im Gym sind obendrein ständig die Geräte belegt, die man gemäss Trainingsplan aufsuchen soll. So zieht sich das Work-out zusätzlich in die Länge. Feste Termine von Gruppen-Work-outs wie beim Intervalltraining-Trendsport Hyrox wiederum lassen sich nicht immer einhalten. Da ich diese Situation nur zu gut kenne, habe ich eine Routine entwickelt, für die ich zum Training des Oberkörpers inklusive Cardio nur eine Stunde, eine Hantelbank und Kurzhanteln benötige. Probieren Sie’s mal. Suchen Sie sich im Gym eine Hantelbank in der Nähe der Kurzhanteln – und bleiben Sie dort. Die folgenden Übungen führen Sie ohne oder nur mit Pausen von wenigen Sekunden aus. Sie sind paarweise so angeordnet, dass jeweils die eine Muskelgruppe arbeitet, während die andere sich erholt: Erst A1 und A2 im Wechsel, dann B1 und B2 und so weiter. Man spricht von sogenannten «Supersätzen». Dadurch bleibt Ihr Puls oben. Selbst bei mir, einem gut trainierten Ultraläufer, liegt er meist bei über 100 Schlägen pro Minute – Kraft und Ausdauer traut vereint. Wollen Sie vor allem Kraft aufbauen? Dann machen Sie 1 bis 6 Wiederholungen pro Satz. Für Muskelmasse eignen sich primär 7 bis 15 Wiederholungen, für Kraftausdauer 15 bis 25\. Bei der letzten Wiederholung eines Satzes sollte der Muskel ausgepowert sein. Falls noch was geht, erhöhen Sie das Gewicht. Los geht’s! ## Das kompakte Kraftprogramm Zum Einstieg: sieben Minuten Warm-up am Rudergerät, am Crosstrainer oder an einem an-deren Ausdauergerät, das auch die oberen Extremitäten umfasst. Danach drei Minuten lockeres Arm- und Schulterkreisen – alles, was Schultern und Arme durchblutet und die Gelenke schmiert. Je älter Sie sind, desto mehr Zeit sollten Sie sich für das Aufwärmen nehmen. A1 und A2 dienen in erster Linie der Aktivierung der Nackenmuskulatur und der Rotatorenmanschette. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/A1-2.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/A2-1.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/B1-1.png) ***Bild links, A1:** *Aussenrotatoren in Seitenlage mit leichtem Gewicht, 3 Sätze pro Schulter à 15 bis 20 Wiederholungen.* ***Bild Mitte, A2** *: Nackenziehen mit leichtem Gewicht, 3 Sätze à 15 bis 20 Wiederholungen.* ***Bild rechts, B1:** *Bankdrücken. Hantelbank flach oder leicht geneigt, ganz nach Belieben. 2 Aufwärmsätze mit leichtem, sich steigerndem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/B2-3.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/D1-2.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/D2-2.png) ***Bild links, B2:** *Einarmiges Rudern vorgebeugt. 2 Aufwärmsätze mit leichtem und steigendem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* ***Bild Mitte, C1:** *Fliegende in Rückenlage. 1 Aufwärmsatz mit leichtem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* ***Bild rechts, C2:** *Fliegende in Bauchlage, die Lehne leicht geneigt bei etwa 20 Grad. 1 Aufwärmsatz mit leichtem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/C1-5.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/C2-3.png) ***Bild links, D1** *: Schulterdrücken im Sitzen, 1 Aufwärmsatz mit leichtem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* ***Bild rechts, D2:** *Bizepscurls, 1 Aufwärmsatz mit leichtem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/E1-2.png) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/2026/08/E2-1.png) ***Bild links, E1:** *Seitheben im Sitzen, 1 Aufwärmsatz mit leichtem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* ***Bild rechts, E2:** *Trizepsdrücken überkopf liegend, 1 Aufwärmsatz mit leichtem Gewicht, 3 Arbeitssätze.* Falls noch Zeit ist, können Sie ein paar Sätze Nackenziehen mit schwererem Gewicht anhängen. Zum Abschluss folgen ein paar Sätze Crunches oder Sit-ups sowie Übungen für die seitliche Bauchmuskulatur wie Side-Planks mit Rotation oder seitliche Crunches beziehungsweise Sit-ups. > «Im Geflirre ständig wechselnder Trainingshypes tut es gut, sich hin und wieder auf die Grundlagen zu besinnen.» Diesen Trainingsplan sollten Sie mindestens zweimal pro Woche absolvieren. Originell ist das Programm nicht – im Gegenteil: Es besteht fast ausschliesslich aus klassischen Übungen. Diese haben jedoch einen Vorteil: Sie sind Klassiker, weil sie leisten, was sie versprechen. Im Geflirre ständig wechselnder Trainingshypes tut es gut, sich hin und wieder auf die Grundlagen zu besinnen. Wer noch Kapazitäten hat, kann funktionelle Übungen für den unteren Rücken ergänzen, das Ausdauertraining intensivieren, Calisthenics ausprobieren, Stretching und Agilitätsübungen einstreuen und natürlich Sport treiben. Wenn Sie aber möglichst zeitsparend Kraft und/oder Muskelmasse aufbauen und simultan Ihr Herz-Kreislauf-System fit halten wollen, ist die einstündige Supersatz-Methode eine gute Lösung. In der nächsten Kolumne stelle ich Ihnen ein ähnliches Programm für die Beine vor. ### J.K. Rowling and the Fight for Free Speech URL: https://www.schweizermonat.ch/jk-rowling-and-the-fight-for-free-speech/ Last updated: 2026-10-01T09:23:01.000Z _No content available._ ### Neutral und nützlich: Wie die Schweiz Frieden schafft URL: https://www.schweizermonat.ch/neutral-und-nutzlich-wie-die-schweiz-frieden-schafft/ Last updated: 2026-08-18T08:07:56.000Z _No content available._ ### Wenn alles politisch ist, ist alles schlechter URL: https://www.schweizermonat.ch/wenn-alles-politisch-ist-ist-alles-schlechter/ Last updated: 2026-08-24T06:37:10.000Z 0:00 /279.841958 1× Ein Berufskollege heulte nach der letzten US-Präsidentschaftswahl, dass seine sechsjährige Tochter nicht die Wahl der ersten Frau zum amerikanischen Staatsoberhaupt erleben durfte – stattdessen sei ein «Faschist» gewählt worden. Es soll hier nicht darum gehen, ob Donald Trump der Definition von «Faschist» gerecht wird; der Begriff wird inzwischen ziemlich willkürlich auf alles angewandt, was nicht der eigenen Weltanschauung entspricht. Doch ich fragte mich, ob es dem Kollegen wirklich um seine Tochter ging oder eher um sich selbst. Die Nichtwahl von Kamala Harris dürfte dem Mädchen jedenfalls weit weniger geschadet haben als die miese Laune ihres Vaters. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Leute über Dinge aufregen können, die Tausende Kilometer weit weg passieren und keinen Einfluss auf ihr Leben haben. Besonders befremdlich ist, wie politische Befindlichkeiten inzwischen den Alltag bestimmen. Es gibt Leute, die ihren Tesla verkaufen, weil sie Elon Musks politische Haltung ablehnen. Jedes Gespräch übers Wetter driftet in eine Debatte zur Klimapolitik ab. Eine Einladung zum Grillfest wird zum politischen Spiessrutenlauf: Wer Fleisch anbietet, macht sich verdächtig; wer kein Fleisch anbietet, genauso; wer gemischte Grilladen auftischt, gilt beiden Seiten als Verräter. Ich interessiere mich für Politik, seit ich denken kann. Meine Leidenschaft für das Thema führte dazu, dass ich Politikwissenschaft studierte. Ich beschäftigte mich mein ganzes Berufsleben mit Politik. Doch je länger ich das tue, desto irritierter bin ich darüber, wie manche Leute Politik zu ihrem Lebensinhalt machen. Für viele ist Politik nicht länger ein Interessenbereich neben Arbeit, Familie und Hobbys, sondern Teil ihrer Identität geworden. Eine Rolle dürfte die Technologie spielen: Dank dem Internet ist es so einfach wie nie, sich zu vernetzen – aber auch so einfach wie nie, sich ausschliesslich in der eigenen Blase zu bewegen. In den Social-Media-Feed ergiesst sich ein permanenter Schwall von Inhalten, die Empörung und Wut über die andere politische Seite triggern. Verstärkt wird diese Tendenz durch kulturelle Veränderungen. Infolge der Individualisierung und des Rückgangs der Religion in der Gesellschaft suchen die Menschen nach anderen Formen der Zugehörigkeit. Viele finden sie in politischen Stämmen. Das erklärt, warum sich Leute derart über politische Ereignisse ereifern können, die sie persönlich nicht betreffen. ## Die Autonomie geht verloren Ich fordere daher etwas, das mir früher nie in den Sinn gekommen wäre: Entpolitisierung. Je mehr wir der Politik erlauben, in private Bereiche vorzustossen, desto weniger Autonomie muten wir uns selber zu. Was früher selbstverantwortlich von Familien, Nachbarschaften oder Vereinen organisiert wurde – etwa Kinderbetreuung, lokale Festlichkeiten oder soziale Fürsorge –, gelangt nun in die Hände des Staates. Und weil der Staat in immer mehr Bereiche eingreift, wird alles politisch. > «Je mehr wir der Politik erlauben, in private Bereiche vorzustossen, desto weniger Autonomie muten wir uns selber zu.» Wir müssen aber nicht nur bei Institutionen und Regulierungen ansetzen, sondern auch bei uns selber. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk postulierte einst (in Bezugnahme auf ein Gedicht von Rilke): «Du musst dein Leben ändern.» Auf die Politisierung des Alltags gemünzt: «Du musst dein Leben entpolitisieren.» Der Mensch ist ein politisches Tier. Sich mit gemeinsamen Belangen zu beschäftigen, ist richtig und wichtig. Falsch ist es hingegen, wenn politische Positionen die eigene Identität bestimmen – und wenn die Beschäftigung mit Politik auf Kosten von Familie, Freundschaften oder der eigenen psychischen Gesundheit geht. Wenn alles politisch ist, ist alles schlechter. Gehen Sie viermal im Jahr abstimmen, statt vier Stunden am Tag politische Debatten auf Social Media zu verfolgen. Treten Sie einem Verein bei, statt einem Influencer auf YouTube zuzuschauen. Sehen Sie Politik wieder als eine Angelegenheit vernunftbegabter Individuen. Als Mittel zum Zweck einer lebenswerten Gesellschaft. Und nicht als Selbstzweck, der uns auseinandertreibt und unser Leben kontrolliert. ### Intellectual Property Doesn't Make Sense URL: https://www.schweizermonat.ch/intellectual-property-doesnt-make-sense/ Last updated: 2026-08-14T10:57:25.000Z _No content available._ ### Die SVP macht den gleichen Fehler wie ihre Gegner URL: https://www.schweizermonat.ch/die-svp-macht-den-gleichen-fehler-wie-ihre-gegner/ Last updated: 2026-08-24T06:37:18.000Z 0:00 /737.497958 1× Am 10\. August hat die SVP ihren Feldzug gegen den «[Gender-Irrsinn](https://www.svp.ch/aktuell/publikationen/editorials/schluss-mit-dem-gender-irrsinn/?ref=schweizermonat.ch)» angekündigt. Seit 2022 lassen sich Geschlechtseintrag und Vorname durch eine Erklärung für 75 Franken auf dem Zivilstandsamt ändern. Psychologische Gutachten oder medizinische Abklärungen sind nicht erforderlich. Rund 3000 Menschen haben bislang davon [Gebrauch gemacht](https://www.srf.ch/news/schweiz/seit-januar-2022-vereinfachtes-verfahren-rund-3000-geschlechtseintraege-geaendert?ref=schweizermonat.ch). Die SVP will die Reform in der nächsten Parlamentssession rückgängig machen. Die Kulisse liefert der Skandal im [Berner Marzilibad](https://weltwoche.ch/daily/penis-im-frauenbad-bern-knickt-vor-dem-zeitgeist-und-bringt-seine-frauen-in-gefahr/?ref=schweizermonat.ch). Ende Juni wurde eine Transfrau aus dem FKK-Bereich für Frauen von der Polizei weggebracht, nachdem Besucherinnen sich beschwert hatten. Andere solidarisierten sich mit dem Mann, der meinte, er sei eine Frau. Die Stadt Bern entschuldigte sich. Nach der nun geltenden Regelung darf eine Transfrau den Bereich betreten. Im Grunde standen sich eine Transfrau, die sich kraft ihrer eigenen Selbstdefinition mit erheblicher Dreistigkeit das Recht nahm, die Grenzen eines Frauenraums für sämtliche Anwesenden neu zu bestimmen, und Frauen gegenüber, die einen halbnackten männlichen Körper in diesem Schutzraum nicht hinnehmen wollten. Wer diesen Konflikt mit dem Hinweis auf Inklusion erledigt, macht es sich zu leicht. Frauenräume schützen Intimität und Versammlungsfreiheit. Die woke Linke setzt sich mit solchen Einwänden allzu oft nicht auseinander, sondern deutet bereits ihr Vorbringen in einen moralischen Makel um. Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern als transphob gebrandmarkt und aus dem Kreis der anständig Diskutierenden ausgeschlossen. ## **Aus Tatsachen folgen keine Normen** Doch dass die Linke oft schlecht argumentiert, macht einen Einwand dagegen noch nicht wahr. Die Zürcher SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel schreibt: «Solche Konflikte \[wie im Marzilibad\] sind kein Zufall, sondern die direkte Folge einer absurden Gesetzgebung, welche biologische Tatsachen einfach ausblendet.» Der Satz schmuggelt das gewünschte Ergebnis der Auseinandersetzung in seine Begriffe: Hier die Tatsache, dort die Ideologie; hier die Wirklichkeit, dort das Formular. Man zeigt auf den Körper und tut so, als habe der Körper bereits ein Gesetzbuch verfasst. Das hat er nicht. Aus biologischen Tatsachen folgen keine Rechtsnormen. Dass nur bestimmte Körper schwanger werden können, regelt noch keinen Mutterschutz. Selbst eine anerkannte biologische Bestimmung von männlich und weiblich beantwortet nicht, ob der Staat seine Kategorien überall und ausnahmslos danach ordnen soll. Tatsachen begrenzen höchstens Entscheidungen praktisch; sie treffen sie nicht für uns. > «Aus biologischen Tatsachen folgen keine Rechtsnormen. Dass nur bestimmte Körper schwanger werden können, regelt noch keinen Mutterschutz.» Fehr Düsel verlangt den Vorrang jener biologischen Aussagen, welche die Naturwissenschaft gegenwärtig als bestbewährt behandelt. Dabei spricht sie von wissenschaftlichen Beschreibungen, als wären sie mit den beschriebenen Gegenständen selbst identisch. Doch ein Penis ist nicht wahr und ein Stein nicht falsch; wahr oder falsch können nur Aussagen über sie sein. Auch eine wissenschaftliche Theorie ist kein Stück Natur, sondern ein menschlicher Versuch, die Natur richtig zu beschreiben. Gemäss Karl Popper zeichnet sich empirische Wissenschaft dadurch aus, dass ihre Sätze widerlegbar bleiben. Sie liefert keine versiegelten, ewigen Wahrheiten, sondern Theorien, die bisher dem Kreuzfeuer aus Prüfung, Kritik und Experiment standgehalten haben. Das ist viel, aber nicht Unfehlbarkeit. Wer sich auf den aktuellen Forschungsstand beruft, darf zwar seine hohe Resistenz gegen Falsifikationsversuche geltend machen, ihn jedoch nicht zur ewigen Stimme der Natur ernennen. Hier zeigt sich politische Unredlichkeit. Beim Klima verweisen die Woken auf den Konsens über die menschliche Verursachung und die schweren Folgen des Klimawandels. Die Skeptiker antworten: Ein einziger Dissident könne recht haben; Mehrheiten entschieden keine Wahrheit. Beim Geschlecht drehen dieselben antiwoken Kritiker ihre Erkenntnistheorie einfach um. Der einsame Abweichler, den Konservative beim Klima gegen tausend Forscher ins Feld führen, verliert plötzlich jedes Recht auf Gehör. Einmal soll die Zahl der Zustimmenden nichts beweisen, im nächsten Augenblick soll sie alles entscheiden. Beides zugleich geht aber nicht. Entweder bleibt jeder Konsens widerlegbar, oder man behandelt Wissenschaft je nach politischem Nutzen einmal als offene Prüfung und einmal als Kirchenlehre. Die anspruchsvollere Form der Transideologie leugnet Chromosomen, Hormone oder Fortpflanzungsfunktionen ohnehin nicht. Ihr Argument lautet vielmehr: Für die soziale und rechtliche Zuordnung eines Menschen solle nicht seine körperliche Ausstattung, sondern seine selbstbestimmte Identität massgebend sein. Die Biologie wird nicht übersehen; sie wird gewogen und für moralisch weniger wichtig befunden als eine bestimmte Vorstellung von Autonomie und Würde. Man kann diese Wertung mit guten Gründen ablehnen. Ich selbst lehne sie entschieden ab. Aber Biologie allein widerlegt sie nicht, denn gestritten wird gerade darüber, welches normative Gewicht biologische Merkmale erhalten sollen. Wer den Vorrang der Selbstbestimmung mit einem Anatomiebuch widerlegen will, gleicht einem Hausherrn, der aus dem Statikgutachten die Hausordnung ableiten möchte. Das Gutachten kann zuverlässig feststellen, welche Wände tragen; es sagt nicht, wer welche Räume betreten darf. Die SVP verwechselt die Richtigkeit einer Beschreibung mit der normativen Verbindlichkeit einer sozialen Ordnung. > «Wer den Vorrang der Selbstbestimmung mit einem Anatomiebuch widerlegen will, gleicht einem Hausherrn, der aus dem Statikgutachten die Hausordnung ableiten möchte.» Fehr Düsel kommt der notwendigen Begründung nahe, wenn sie Frauenrechte, Kinderschutz, Fairness im Sport und Rechtssicherheit nennt. Dann kehrt sie das Verhältnis jedoch mit ihrem Fokus auf Biologie um. Sie behandelt Frauen- und Kinderrechte als Folgen des gebotenen Respekts vor der Biologie. Richtig ist die umgekehrte Ordnung. Weil Frauen ein begründetes Interesse an intimen Schutzräumen und ihren Freiheiten oder Rechten haben, kann der Körper dort rechtlich entscheidend sein. Weil sportliche Fairness geschützt werden soll, werden leistungsrelevante körperliche Eigenschaften erheblich. Weil Kinder vor übereilten oder selbstzerstörerischen Entscheidungen geschützt werden müssen, gewinnen Alter, Entwicklung, sexuelle Orientierung und Körper besonderes Gewicht. Nicht die Biologie erzeugt den Schutzzweck; der auf Autonomie basierende Schutzzweck erklärt, warum die Biologie in einem bestimmten Bereich einen praktischen Vorrang erhält. Deshalb kann das Recht je nach Zusammenhang anders entscheiden. Eine Transfrau kann im Personenstandsregister als Frau gelten, während für Medizin, Sport oder Schutzräume andere Kriterien massgebend sind. Recht schafft Kategorien für menschliche Zwecke. Nur weil es biologische Kriterien übernimmt, wird seine Definition nicht biologisch, sondern bleibt rechtlich. Die heutige rechtliche Lage mag schlecht sein, aber sie ist nicht unwirklich. Sie erzeugt Ansprüche und Konflikte. ## **Zwei Arten von Tatsachen** Hier liegt ein weiteres Problem in Fehr Düsels Berufung auf die «Realität». Die woke Seite hat die institutionelle Welt bereits verändert. Die SVP steht daher nicht für die «Realität» gegen eine Fantasie, sondern gegen eine geltende rechtliche Realität, die sie ersetzen möchte. Das ist legitim. Nur muss man es als politisches Vorhaben erkennen, statt den eigenen Veränderungswillen als Naturbeobachtung zu verkleiden. «Realität» ist kein einseitiges Gütesiegel. Hexenverbrennungen waren Realität. Frauen wurden zu Hexen erklärt und aufgrund dieser Zuschreibung verbrannt. Die Frauen waren wirklich, die Behauptung, sie seien Hexen, wurde wirklich erhoben, und ihre Folgen waren tödlich real. Aus der Wirklichkeit einer Zuschreibung folgt jedoch weder ihre Wahrheit noch ihre Berechtigung. Politik beginnt daher oft mit dem Urteil, dass etwas Wirkliches nicht fortbestehen sollte. Gerade daran zeigt sich die uns vorliegende Schwierigkeit. Ein Mensch kann biologisch ein Mann sein und zugleich tatsächlich erklären, er sei eine Frau. Beides ist gleichermassen Teil der Wirklichkeit oder Realität, wenn auch nicht dieselbe Art von Tatsache. Das eine ist ein körperlicher Sachverhalt, das andere eine wirkliche Aussage und Selbstauffassung. Bezeichnet «Transfrau» (per Definition) einen Mann, der sich als Frau versteht, dann macht ihn diese Erklärung in diesem Sinne zu einer Transfrau, ohne ihn biologisch zur Frau zu machen. Deshalb macht Selbstidentifikation einen Menschen auch nicht in jeder Hinsicht zu dem, was er zu sein erklärt. Erklärung und Identität sind jedoch psychische und soziale Tatsachen; die Kategorie «Transfrau» ist daher keine Halluzination. Aber daraus folgt ihre normative Herrschaft ebenso wenig wie aus der Wirklichkeit des Körpers. Wer also Gesetze «an der Realität orientieren» will, muss deshalb erst sagen, welche Realität für welchen Zweck und unter Abwägung welcher Rechte massgebend sein soll. Besonders widersprüchlich wird die linke Lehre bei Kindern. Sie spricht von der «freien Entscheidung», duldet aber [nur eine](https://www.amazon.com/Time-Think-Collapse-Tavistocks-Children/dp/1800751117?ref=schweizermonat.ch): die Bestätigung der augenblicklichen Selbstwahrnehmung des Kindes. Eltern, Ärzte oder Lehrer, die zweifeln oder abwarten, gelten rasch als gefährlich oder kriminell; die mögliche Transidentität hingegen darf nicht kritisch hinterfragt werden. Eine Wahl ist jedoch nicht frei, wenn nur eine Antwort rechtlich erlaubt ist. Wer Selbstbestimmung verspricht, aber jedes Innehalten und Hinterfragen als Verrat oder Verbrechen behandelt, der führt das Kind durch einen Korridor, dessen Ausgang bereits feststeht. In Orwell’scher Verdrehung nennt er die vorgeschriebene Richtung dann Freiheit. Die SVP könnte diese Überdehnung angreifen und die Freiheit (das Normative) privilegieren. Sie könnte verlangen, dass ein amtlicher Eintrag nicht automatisch über Schutzräume entscheidet, bereichsspezifische Regeln und ein Verbot von Geschlechtsumwandlungen bei Minderjährigen fordern. Sie könnte zeigen, wo Selbstidentifikation Rechte Dritter beeinträchtigt, und dort Korrekturen auf dieser moralischen Basis vorschlagen. Der woke «Gender-Irrsinn» besteht also nicht darin, Transidentitäten für wirklich zu halten. Die Menschen, ihre Selbstauffassungen, ihre Erklärungen und die Rechtsverhältnisse, die daran geknüpft werden, sind wirklich. Der Irrsinn beginnt dort, wo diese eine Wirklichkeit alle anderen und die Freiheit selbst verdrängen soll; wo die Rechte von Frauen einer Selbstbeschreibung geopfert und Kinder unter dem Namen der freien Entscheidung in eine körperlich und psychisch höchst schädliche Richtung gedrängt werden, während Zweifel, Abwarten und Widerspruch untersagt werden. ## **Die SVP liefert dem Irrtum Argumente** Fehr Düsel setzt diesen woken Irrtümern eine eigene Ideologie entgegen, die ihrerseits einen Teil der Wirklichkeit ausschliesst. Biologische Geschlechter lassen sich nicht durch ein Formular verändern; ein Formular kann aber den Personenstand und damit die rechtliche Wirklichkeit verändern. Auch eine Eheschliessung verändert keine naturwissenschaftlich feststellbare Eigenschaft der Eheleute und schafft dennoch eine wirkliche Verbindung mit wirklichen Rechten und Pflichten. Wer nur gelten lässt, was die Naturwissenschaft messen kann, verteidigt nicht die ganze Wirklichkeit. Er [verfällt dem Szientismus](https://shop.achgut.com/products/selbstbestimmt-jetzt-der-weg-zur-gestaltung-der-zukunft?ref=schweizermonat.ch) und amputiert alles Rechtliche, Soziale, Institutionelle und Emotionale von der Wirklichkeit. Die SVP wird den Streit nicht gewinnen, solange sie eine normative Auseinandersetzung als Aufstand der Fakten gegen den «Wahnsinn» inszeniert. Die Frage lautet nicht, ob Biologie real ist, sondern wann und warum sie zählen soll. Fehr Düsel nennt richtige Schutzgüter, erspart sich aber die Arbeit, daraus ein Argument zu bauen. Wer gegen eine Ideologie antritt, sollte diesen Unterschied beherrschen. Sonst bekämpft er nicht den Irrtum. Er liefert ihm die besseren Argumente. > «Die Frage lautet nicht, ob Biologie real ist, sondern wann und warum sie zählen soll.» ### Finanzkrisen sind keine Autounfälle: Warum sich die Zukunft nicht berechnen lässt URL: https://www.schweizermonat.ch/finanzkrisen-sind-keine-autounfalle-warum-sich-die-zukunft-nicht-berechnen-lasst/ Last updated: 2026-08-24T06:37:27.000Z 0:00 /272.689958 1× Als Königin Elizabeth II. kurz nach der Finanzkrise von 2008 die London School of Economics besuchte, stellte sie den anwesenden Ökonomen eine ebenso einfache wie vernichtende Frage: «Warum haben Sie das nicht vorhergesehen?» Sie stellte sich den Börsencrash offenbar wie einen Autounfall vor. Kennt man Position und Geschwindigkeit zweier Fahrzeuge, lässt sich ihr Zusammenstoss berechnen – und verhindern. Genau das tun selbstfahrende Autos. Um ein Auto zu steuern, braucht man Gleichungen, etwa y = 10 + 0,5x. Kennt man den Wert von x – zum Beispiel 4 –, erhält man für y den Wert 12\. Ein gegebener Input liefert einen berechenbaren Output. Nach diesem Prinzip arbeiten Computer. Selbst die so beeindruckend wirkende künstliche Intelligenz ist letztlich nichts anderes als eine mit Wahrscheinlichkeiten rechnende Input-Output-Maschine. ## Die Tyrannei des Zufalls Allerdings gibt es dabei einige Schwierigkeiten. Die offensichtlichste: Ist die Gleichung falsch, fällt auch die Vorhersage falsch aus. Es kommt zum Unfall. Deshalb verbringen Natur- und Sozialwissenschafter oft ihr gesamtes Berufsleben damit, Gleichungen zu finden, die der Wirklichkeit wenigstens annäherungsweise entsprechen. > «Gerade jene Vorhersagen, von denen Königin Elizabeth glaubte, Ökonomen müssten sie treffen können, sind grundsätzlich nicht möglich.» Hinzu kommt ein tiefer liegendes Problem. Manche physikalischen Vorgänge reagieren extrem empfindlich auf kleinste Unterschiede der Ausgangsbedingungen. Deshalb wird die Wettervorhersage für einen Zeitraum von zwei Wochen niemals wirklich zuverlässig sein. Bei menschlichem Verhalten ist diese Empfindlichkeit noch ausgeprägter. Denken Sie nur an Ihr eigenes Leben. Wen Sie geheiratet haben, hing wahrscheinlich von einer Kette winziger Zufälle ab, die ebenso gut einen anderen Verlauf hätten nehmen können. Gerade jene Vorhersagen, von denen Königin Elizabeth glaubte, Ökonomen müssten sie treffen können, sind grundsätzlich nicht möglich. Wären sie möglich, könnten sämtliche Ökonomen ebenso reich werden wie – nun ja – die Königin. ## Anmassende Industriepolitik Heisst das, dass die Wirtschaftswissenschaft überflüssig ist? Keineswegs. Es bedeutet lediglich, dass viele wirtschaftspolitische Eingriffe auf einer Illusion beruhen. Seit den 1920er-Jahren glaubten Ökonomen zunehmend, den Gang von Volkswirtschaften lenken zu können. Doch wirtschaftliches Handeln richtet sich immer auf die Zukunft – Entscheidungen über die Vergangenheit können wir bekanntlich nicht mehr treffen. Gerade deshalb ist es häufig unmöglich, die «Gleichungen» zu kennen, nach denen sich die Wirtschaft steuern liesse. Man hätte der Königin also erklären sollen, dass Ökonomen keine Prognostiker im deterministischen Sinn sind, den sie vor Augen hatte. Wozu braucht man Ökonomen dann überhaupt? > «Kein Evolutionsbiologe behauptet, die Evolution im Detail vorhersagen zu können. Er kann aber ihre Geschichte rekonstruieren und erklären.» Ihr grösster wissenschaftlicher – und letztlich auch ethischer – Wert liegt darin, Historiker zu sein. Kein Evolutionsbiologe behauptet, die Evolution im Detail vorhersagen zu können. Er kann aber ihre Geschichte rekonstruieren und erklären. Schlägt ein gewaltiger Meteorit auf der Erde ein, verändern sich die Lebensbedingungen radikal: Grosse Dinosaurier sterben aus, während besser angepasste Arten überleben. Ebenso gilt: Verdoppelt eine leichtsinnige Regierung die Geldmenge, werden sich langfristig auch die Preise ungefähr verdoppeln. In beiden Fällen sind keine präzisen Prognosen möglich, wohl aber Aussagen über die wahrscheinliche Richtung der Entwicklung. Unvorhersehbar bleibt dagegen, dass ausgerechnet eine bestimmte Dinosaurierart – klein, flugfähig und mit Schnäbeln, die auf Samen spezialisiert waren und ihr langes Überleben ermöglichten – die Katastrophe überstand. Wir nennen sie Vögel. Ebenso wenig lässt sich vorhersagen, welche Innovation sich am Markt durchsetzen wird. Gerade deshalb ist Industriepolitik meist nichts anderes als Hybris. In der Wirtschaftsgeschichte hingegen kennen wir die relevanten «Gleichungen». Die Ereignisse haben bereits stattgefunden. Wir können die wirtschaftlichen «Vögel» im Nachhinein erklären. Wir verstehen rückblickend, weshalb sich etwa Stahlbeton als Innovation durchgesetzt hat. Wozu also Geschichte? Sie macht uns klüger. Vor allem lehrt sie uns Demut gegenüber der Unvorhersehbarkeit der Welt. ### Die grüne Erbsündenlehre URL: https://www.schweizermonat.ch/die-grune-erbsundenlehre/ Last updated: 2026-08-12T07:12:04.000Z _No content available._ ### Ein Nachruf auf die Stimme des Schweigens URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-nachruf-auf-die-stimme-des-schweigens/ Last updated: 2026-09-23T16:40:57.000Z 0:00 /1089 1× Zum festen Repertoire von Demonstrationen gehören Sprechchöre wie «What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!», Parolen wie «From the River to the Sea, Palestine will be free» und der Aufruf «Stoppt den Genozid in Palästina!». Die thematische Bandbreite – vom Klimaaktivismus bis zum Nahostkonflikt – eint, dass sie hochgradig aufgeladene Begriffe wie «Gerechtigkeit» oder «Völkermord» skandieren, ohne diese historisch oder politisch zu justieren. Doch was bedeuten «Klimagerechtigkeit» und «Genozid» eigentlich? Und sind sich die Demonstrierenden über die historischen Konsequenzen bewusst, wenn den Palästinensern das Land zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer zugestanden wird? Diese entkontextualisierte Sprachverwendung verschiebt die Grenzen des Sagbaren massiv, was den gesellschaftlichen Diskurs nicht nur spaltet, sondern substanziell untergräbt. Denn Worte bleiben nicht folgenlos: Sie können Gewalt legitimieren und den Boden für entsprechende Taten bereiten. > Doch was bedeuten «Klimagerechtigkeit» und «Genozid» eigentlich? Dass hier sprachlich über die Existenz des Staates Israel hinweggegangen wird, konfrontiert uns mit der existentiellen Verantwortung von Sprache. Genau dieses Spannungsverhältnis zwischen Wortlaut und historischer Wirklichkeit – zwischen politischer Forderung und tatsächlicher Konsequenz – hätte Ludwig Wittgenstein auf den Plan gerufen. Philosophisch, weil er die Präzision der Sprache gegen jede politische Instrumentalisierung verteidigte. Biografisch, weil der gebürtige Wiener und spätere Cambridge-Dozent, der jüdische Wurzeln hatte, die Gewalt eskalierender politischer Rhetorik des 20\. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren hatte. ## Im Dialog mit Paul Engelmann Der Architekt und ebenfalls österreichisch-jüdische Paul Engelmann (1891–1965) war ein enger Freund und Briefpartner Wittgensteins. Die beiden Männer pflegten einen regen Austausch über ästhetische, ethische und religiöse Fragen. Und sie konzipierten gemeinsam für Wittgensteins Schwester Margarethe das Palais Stonborough, das eigenwillig den Bauhausstil zitierte. Es steht heute noch im 3\. Wiener Gemeindebezirk. 1934 emigrierte Engelmann nach Palästina. In einem Brief aus dem Jahr 1925 wird dieses Vorhaben thematisiert und stösst bei Wittgenstein auf grosse Resonanz: «Vielleicht wollte ich mich Ihnen anschliessen. Würden Sie mich mitnehmen? Jedenfalls möchte ich ein langes Gespräch mit Ihnen haben. Ich muss über vieles sprechen, was mir wichtig ist, und halte das Reden darüber selbst für wichtig und nicht für Geschwätz.» Engelmann stammte aus dem mährischen Olmütz (heute Olomouc, Tschechien), wo er in der jüdischen Gemeinde verwurzelt und Leiter eines zionistischen Jugendbundes war. Wittgensteins kulturelle Identität war hingegen stark von Anpassungsdruck geprägt. Seine familiäre Herkunftsgeschichte weist bekanntermassen jüdische Wurzeln auf, die bis zum Gutsverwalter Ahron Moses Meier dokumentiert sind. Seine Nachfahren väterlicherseits konvertierten indes zum Protestantismus, um berufliche Aufstiegsmöglichkeiten zu erhalten und Ausgrenzungen zu entgehen. Wittgensteins Mutter Leopoldine entstammte ihrerseits einer jüdischen Prager Familie, war jedoch katholisch getauft. Dass diese Konversion als Reaktion auf gesellschaftlichen Ausgrenzungsdruck tatsächlich den ersehnten Aufstieg ermöglichte, bewies kein Familienmitglied eindrücklicher als der Vater. Karl Wittgenstein machte sich als einer der mächtigsten und reichsten Stahlindustriellen der späten Habsburgermonarchie der Jahrhundertwende einen Namen in der Donaumonarchie. Im prunkvollen Palais Wittgenstein verkehrten nach Karls Heirat mit Leopoldine musikalische Berühmtheiten wie Clara Schumann, Gustav Mahler, Johannes Brahms, Richard Strauss und Arnold Schönberg – eine gesellschaftliche Sphäre, die ohne den durch die Konversion der Vorfahren erst ermöglichten Aufstieg undenkbar gewesen wäre. Die zwei Flügel der traditionsreichen Wiener Manufaktur Bösendorfer und die wertvollen Ölgemälde beeindruckten gewiss auch die Diplomaten, Künstler und Schriftsteller, die im Palais seinerzeit zu Besuch waren. Umso mehr, weil Mutter Leopoldine eine begabte Gastgeberin und Pianistin war. In diesem Ambiente zwischen Geld, Geist, Kunst und den extremen Leistungsansprüchen des Vaters wuchsen die acht Kinder auf, wobei Ludwig das jüngste war. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr wurde er von privaten Hauslehrern unterrichtet. Erst 1903 wird er an die Realschule in Linz wechseln – die Hitler zeitgleich besucht und ohne Abschluss wieder verlässt. – «Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!» wird der Schulkamerad skandieren und die antisemitische Propagandamaschinerie durch die sprachliche Enthemmung aufheizen. > Nur wenn das Wort wieder wie eine Kostbarkeit behandelt wird, als die Kostbarkeit, die es ist, und nicht wie einen Schuhfetzen, kann es seine weltbewegende Kraft wiedergewinnen. Nach Ludwig Wittgensteins Tod hält Engelmann seine Erinnerungen an den Verstorbenen fest. Es sind Erinnerungen an gehaltvolle Gespräche jenseits der Geschwätzigkeit, welche die Sprache selbst zum Thema haben: ihre Brutalisierung durch Propaganda und Phrasen und ihre heilende Kraft. Gedanken, die uns auch im Hier und Jetzt betroffen stimmen müssen. «Nur wenn das Wort wieder wie eine Kostbarkeit behandelt wird, als die Kostbarkeit, die es ist, und nicht wie einen Schuhfetzen, kann es seine weltbewegende Kraft wiedergewinnen», notiert Engelmann. Mit diesem Satz formuliert er ein Ethos des sorgsamen Sprechens und Schweigens, welches Ludwig Wittgenstein wie kein anderer verkörperte. ## Ein Querdenker mit Ecken und Kanten Ludwig Wittgenstein war ein in jederlei Hinsicht apodiktischer und radikaler Denker. Dies manifestiert sich in seiner Vorliebe für kurze präzise Sätze, die in ihrem lakonischen Duktus in zwiefacher Prägung zum Ausdruck kommen, analytisch und aphoristisch. Eine Kostprobe: «Und ein Muster ist im Teppich mit vielen andern Mustern verwoben.» Der klingende Satz ist auf einem Zettel für die Nachwelt erhalten geblieben. Apropos Muster: Als verschlungenes Muster im Lebensgeflecht Wittgensteins gilt, dass er ein Vielschreiber und Problemdenker war, der sich im existentiellen Sinne ausdrücken musste. So entstand ein Konvolut aus Notiz- und Tagebüchern und eben vor allem aus Zetteln. Wenn Wahnsinn System hat, dann bestand dieser in seiner Zettelmethode, die Welt klar ordnen zu wollen – in und mit ihr aufzuräumen. Genau so lässt sich jene geniale Erstschrift verstehen, die als einziges Werk zu Lebzeiten veröffentlicht wurde: Seine Abhandlung «Tractatus Logico-Philosophicus» will dem Ausdruck der Gedanken eine Grenze ziehen, um sinnvolle Aussagen über die Welt von unsinnigen abzugrenzen. Die logischen Strukturen der Sprache finden eine Entsprechung in den Tatsachen und Sachverhalten der Welt. Diese ziselierte Schrift baut auf sieben Sätzen auf, die sich in einem hybriden Zahlensystem verästeln. Der lapidar und etwas trocken klingende erste Satz «Die Welt ist alles, was der Fall ist» lässt vermuten, dass Wittgenstein den Gedanken während seines Dienstes in der k.u.k. Armee festhielt, für die er in den Ersten Weltkrieg zog und später in italienischer Kriegsgefangenschaft landete. Immer dabei: seine Gedanken und seine Zettel. Mit und neben der logischen Abhandlung seiner Kriegserinnerungen ist Wittgensteins Wirken aus dieser Zeit nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch ein existentielles Zeugnis des Kriegs und der Zerstörung. Wittgenstein dokumentierte mit seinen Zetteln und Worten die Grenze zwischen Leben und Tod. Es ist diese Grenzerfahrung, die dem «Tractatus» dieses unglaublich faszinierende Muster zwischen einem formallogischen Bauplan der Welt und einem reinen wie auch überwachen Bewusstsein verleiht. So steht exemplarisch neben dem angeführten ersten Grund-Satz der analytischen Logik der versponnene Aphorismus 6.44: «Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.» Auch wenn Wittgenstein grossen Einfluss auf die positivistische rein wissenschaftlich orientierte Philosophie des Wiener Kreises hatte, so behielt er dieser Strömung gegenüber seine Unabhängigkeit als Selbstdenker. Denn es gibt für ihn tatsächlich Unaussprechliches, das sich nicht aussagen lässt. Es zeigt sich. Was sich nicht logisch aussagen lässt, zeigt sich in der Bewährung. Deshalb schreibt er 1918 im Vorwort seiner Schrift, dass es sich um kein Lehrbuch handle. So zeugen auch Spuren Tolstois und Kierkegaards in den Tagebüchern Wittgensteins von seiner mystischen und religiösen Seite. Während die logische Wahrheit der Welt sagbar ist, verweist die ethische Bewährung als Lebensform über die Welt hinaus, was sich nur zeigen lässt. Deshalb schliesst die logische Abhandlung mit dem aussergewöhnlichen musikalisch anklingenden mustergültigen Satz gegen die Geschwätzigkeit: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Dass Wittgenstein ein Querdenker und sturer Kopf war, entging auch seinem Mentor Bertrand Russell nicht. Russell lehrte damals an der renommierten Cambridge University, wo Wittgenstein Aeronautik studierte. Als Wittgenstein 1912 in Cambridge Bertrand Russell mit der Frage aufsuchte, ob er ein Idiot sei, forderte dieser ihn auf, einen Aufsatz zu schreiben. Ob als Strafe oder Herausforderung, ist nicht bekannt. Der philosophische Aufsatz Wittgensteins überzeugte seinen Professor jedoch so sehr, dass dieser Wittgenstein riet, den vom Vater für ihn vorgedachten Weg aufzugeben. Tatsächlich bricht Wittgenstein auf Anraten von Russell sein Ingenieurstudium ab, obschon er mit dem «Wittgenstein’schen Antrieb» eine neue Antriebstechnik für Flugzeuge entwickelt hat – und revolutioniert mit seinem «Tractatus» die Logik Russells. Zwischenzeitlich verlässt Wittgenstein den universitären Betrieb. Zurück in Wien bildet er sich zum Volksschullehrer aus und arbeitet auch als Klostergärtner. Er zieht sich regelmässig in sein hölzernes Blockhaus in Norwegen zurück, das ihm in seiner Abgeschiedenheit als Rückzugsort dient. Dieses Refugium ist nicht nur stiller Ort seiner Gedankenarbeit, sondern auch Ausdruck der selbstgewählten asketischen Lebensform des Einfachen. So reiht sich auch die Schenkung seines gigantischen Erbanteils an Künstler wie Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Oskar Kokoschka und Else Lasker-Schüler in sein Lebensmuster. Dazu gehört aber auch die Auseinandersetzung mit seinen starken Depressionen, die ihn immer wieder heimsuchen: seine traumatischen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg und das Schicksal dreier seiner Brüder, die Suizid begingen. ## Jüdische Wegmarken Besonders eindrücklich bringt folgender Briefauszug vom 16.11.1919 an Paul Engelmann seine existentielle Verfassung zum Ausdruck: «Wir gehen nicht auf der direkten Strasse zum Ziel zu, dazu haben wir – oder ich wenigstens – nicht die Kraft. Dagegen gehen wir auf allen möglichen Seitenwegen, und solange wir auf einem solchen vorwärtskommen, geht es uns so leidlich. Wie aber ein solcher Weg aufhört, so stehen wir da und werden uns nun erst bewusst, dass wir ja nicht dort sind, wo wir hingehören.» Diese beinahe kafkaesk anmutende Parabel zum Gang des Lebens reibt sich am Widerspruch, dem Lebensweg ein Ziel zu setzen, uns aber im Labyrinth lebendiger Spuren zu verirren. Der souveräne Standpunkt Gottes ist dem Menschen nicht möglich. Aber das Bewusstsein darüber zu schärfen, mit dem Gedankenstrich über die Welt hinauszugehen, öffnet ein Sensorium für einen Raum der Ethik und Religion. 1929 kehrt Wittgenstein auf Bitte von Bertrand Russell nach Cambridge zurück – und hält den berühmt gewordenen Vortrag über Ethik. Darin philosophiert er just über die Problematik von Gleichnissen, die in ethischer und religiöser Sprache oft Verwendung finden, aber keine Tatsachen wiedergeben können, weil sie diese überschreiten. Gleichzeitig entsteht wieder dieser befruchtende Zustand schwebender Interpretation, was stark an die Tradition des Midraschs erinnert. Die spitzfindige Pointe – oder eben gar Pilpul – liegt im Bestreben der Menschen, mit den Gleichnissen gegen die Grenzen der Sprache anzurennen: «Dieses Anrennen gegen die Gitterstäbe unseres Käfigs ist schlechthin aussichtslos.» Aber darin bewährt sich das Streben des menschlichen Geistes und eröffnet neue Perspektiven. Wittgensteins bohrende Frage nach der eigenen Identität und der damit verbundenen Selbstvergewisserung hat ihn auch zur Frage nach seiner jüdischen Herkunft geführt. Es könnte genau einer dieser Nebenwege gewesen sein, die ihn in Bezug auf die (Nicht-)Zugehörigkeit zum Judentum umgetrieben haben. So lässt folgender Gedanke in den «Vermischten Bemerkungen» besonders aufhorchen: «Das jüdische ‹Genie› ist nur ein Heiliger. Der grösste jüdische Denker ist nur ein Talent. (Ich z. B.)» Die selbstkritische Minderung, bloss ein Talent und kein Genie zu sein, bezieht sich auf die Annahme, dass er kein originales Gedankensystem erfunden habe. Unterschiedliche Denker – insbesondere Frege und Russell – haben ihn zu seinem «Klärungswerk» inspiriert, was er mit jüdischer Reproduktivität gleichsetzt. Da könnte der Verdacht wach werden, dass Wittgenstein jenem antisemitischen Klischee aufsitzt, das insbesondere Richard Wagner auf die Spitze getrieben hat: dass Juden nicht fähig seien, etwas Eigenes zu schaffen, und sich parasitär am gegebenen Kulturgut bedienten. Wittgensteins ironischer Dreh besteht indes darin, dass er diese Reproduktivität höchst produktiv einsetzt, um aus seiner Philosophie eine Kunst- und Lebensform zu kreieren: «Was ich erfinde, sind neue Gleichnisse.» In seinen «Vermischten Bemerkungen» lässt sich diese schöpferische Akzentuierung als Muster zwischen einem מָשָׁל (Maschal; Gleichnis) und dem חִדּוּש (Chiddusch; innovative Interpretation eines traditionellen jüdischen Textes) deuten. Oder im Geiste einer weiteren Bemerkung ist es: «Der Gedanke, der sich ans Licht arbeitet.» Das grabende Denken selbst erneuert den vorgefundenen Grund abendländischer Logik, um das Denken zu erneuern. In seinem letzten Werk «Über Gewissheit», wo er bereits an Prostatakrebs erkrankt war, arbeiteten sich seine Gedanken in extremer Form ans Licht, indem er im aphoristischen Stil mit 676 Gedankensplittern G. E. Moores Logik des Common Sense midraschmässig aufsplitterte. Midrasch ist eine jüdische Exegese, die einen Text in seine kleinsten Einheiten zerlegt und verborgene Sinnschichten freilegt. Mit dieser Technik entzog er Moore den Grund absolut sicher geglaubter Sätze des gesunden Menschenverstandes als echte Wissensakte. Das Umgraben verweist auf einen lebendigen Kontext, in den der Mensch zutiefst eingewoben ist. Dieses unaussprechliche Gewebe macht einerseits bewusst, wie fundamental der Mensch in Sprache verstrickt ist, was die Philosophie gleichnishaft selbst zu einem Sprachspiel werden lässt. Andererseits verdichtet sich sein Sprachdenken zu einer Parabel, um an ihrer Grenze Gott hörbar zu machen. So lautet sein letzter Zettel: «Gott kannst du nicht mit einem Anderen reden hören, sondern nur, wenn du der Angeredete bist.» Ludwig Wittgenstein stirbt am 29\. April 1951 im Alter von 62 Jahren im Haus seines Arztes in Cambridge. Vielleicht gilt es 75 Jahre nach seinem Tod die ironische Schraube weiter anzuziehen. Der Zaun, den er um die Sprache zog, erinnert an das jüdische Ethos, mit bewusster Rede seine Zunge vor dem Bösen – als moralischer Zerfall begriffen – zu hüten. Insbesondere vor der zunehmenden Verrohung und Enthemmung in der öffentlichen Kommunikation und auf den Strassen verbalisierter Gewalt zwischen Beleidigungen, Bedrohungen und Hass(reden). Der Name Gottes ist unaussprechlich. Oder: Er lässt sich nicht sagen, sondern zeigt sich im Schweigen. – Vielleicht war Ludwig Wittgenstein ironischerweise doch ein jüdisches Genie, will heissen: ein Heiliger? Im Anrennen an die Grenzen der Sprache und Vorgraben in die Richtung Gottes. Der Prophet Elija erkannte, Gott sei nicht im Wind, nicht in der bebenden Erde und nicht im Feuer zu finden, sondern im mystischen Paradox der Stimme des Schweigens – der ק֖וֹל דְּמָמָ֥ה (Kol d’mamah). Wittgensteins letzte Worte sollen gewesen sein: «Sagen Sie ihnen, ich habe ein wunderbares Leben gehabt!» So scheint er doch angekommen zu sein, wo er hingehört: in ein judaistisch geprägtes Denken, das im Umgang mit Sprache und Sprechen höchste ethische Sorgfalt einfordert. Das ist Wittgensteins Lektion für das Leben und für die Grundwerte der Demokratie. ### Krankheit lohnt sich URL: https://www.schweizermonat.ch/krankheit-lohnt-sich/ Last updated: 2026-08-12T07:08:42.000Z _No content available._ ### Die Pharmaindustrie beaufsichtigt sich selbst URL: https://www.schweizermonat.ch/die-pharmaindustrie-beaufsichtigt-sich-selbst/ Last updated: 2026-08-24T06:36:48.000Z 83 Prozent ihrer Einnahmen erzielt die Arzneimittelbehörde Swissmedic über Gebühren und Aufsichtsabgaben. Bezahlt werden diese von der Pharma- und Medtech-Branche, die das Institut gleichzeitig beaufsichtigen und regulieren soll. Der Bund trägt lediglich 17 Prozent zum Budget bei. Dieses Jahr beläuft sich sein Beitrag auf 19,3 Millionen Franken. Für 2027 ist eine Erhöhung um weitere 2,7 Millionen Franken vorgesehen. Interpharma verteidigt dieses Modell mit dem Hinweis auf das «Verursacherprinzip», das auch bei der amerikanischen Food and Drug Administration und der Europäischen Arzneimittel-Agentur gilt. Dennoch bleibt ein offensichtlicher Interessenkonflikt bestehen: Eine Behörde, deren Finanzierung vom Wohl ihrer Beaufsichtigten abhängt, hat ein strukturelles Interesse daran, ihre zahlenden Kunden nicht zu verärgern. > «Seit 2014 finanziert die Bill & Melinda Gates Foundation eine «Entwicklungszusammenarbeit» von Swissmedic mit insgesamt rund 2,2 Millionen Dollar.» Noch aufschlussreicher ist ein weiterer Geldgeber. Seit 2014 finanziert die Bill & Melinda Gates Foundation eine «Entwicklungszusammenarbeit» von Swissmedic mit insgesamt rund 2,2 Millionen Dollar. Gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation betreibt das Institut das Verfahren MAGHP, dessen Zulassungen die Präqualifikation derselben beschleunigen sollen – das Eintrittstor für die Beschaffung durch die Global Alliance for Vaccines and Immunization (Gavi), eine internationale Organisation zur Förderung des Zugangs zu Impfungen, insbesondere in ärmeren Ländern, und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Gavi wurde von Bill Gates mitgegründet und zählt die Stiftung mit rund vier Milliarden Dollar zu ihren wichtigsten privaten Geldgebern. Auch bei der Weltgesundheitsorganisation gehört die Gates Foundation zu den grössten Financiers. Damit ist eine Schweizer Aufsichtsbehörde Teil eines privat mitfinanzierten internationalen Beschaffungsnetzwerks geworden – weit entfernt von ihrem eigentlichen Auftrag, die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung zu schützen. ## Filz statt Kontrolle Unter Direktor Raimund Bruhin wollte sich das Institut ab 2019 eine eigene digitale Welt aufbauen. Das Projekt «Swissmedic 4.0» sollte bestehende Lösungen wie SAP übertreffen. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: 44 Millionen Franken vernichtetes Eigenkapital und ein Verlust von 23 Millionen Franken im Jahr 2024\. Während die Informatikabteilung «TSP-Partys» feierte und Swissmedic am Weltwirtschaftsforum in Davos Präsenz markierte, mussten Mitarbeiter auf das Weihnachtsessen verzichten. Nun springt der Bund mit zusätzlichen 2,7 Millionen Franken ein, die Branche zahlt höhere Gebühren und gleichzeitig werden 45 Stellen abgebaut. Die Eidgenössische Finanzkontrolle untersucht den Fall. Verantwortlich für die strategische Führung ist Institutsratspräsident Lukas Bruhin, der gleichzeitig der SRG Deutschschweiz vorsteht und zuvor langjähriger Generalsekretär von Gesundheitsminister Alain Berset war. Aufsichtsbehörde, öffentlicher Rundfunk und Verwaltung sind damit personell enger verflochten, als es einer unabhängigen Kontrolle guttun dürfte. Das Informatikabenteuer lief mit dem Segen des Bundesrats. Politisch federführend war bis 2023 ausgerechnet Alain Berset, dessen frühere rechte Hand heute das Aufsichtsgremium präsidiert. Wer hier von unabhängiger Kontrolle spricht, glaubt auch an den Osterhasen. ## Teure Doppelspurigkeiten Hinzu kommt, dass die teure Eigenprüfung durch Swissmedic weitgehend überflüssig ist. Bereits heute stützt sich das Institut bei rund zwei Dritteln aller Zulassungsgesuche auf die Entscheidungen ausländischer Behörden. Trotzdem arbeitet es langsamer. 2023 dauerte eine Zulassung im Median 45 Prozent länger als bei der amerikanischen Food and Drug Administration. Woher diese Verzögerungen stammen, bleibt unklar. Medizinprodukte werden ohnehin nicht von Swissmedic zertifiziert, sondern von privaten Stellen wie der Schweizerischen Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme. Zudem erkennt die Schweiz Produkte mit europäischer CE-Kennzeichnung einseitig an. Dieses Zeichen dient gewissermassen als «Passierschein» für den europäischen Binnenmarkt und ermöglicht den Marktzugang, ohne dass jedes einzelne Produkt zuvor von einer staatlichen Behörde geprüft wird. > «Der angebliche Schutz der Bevölkerung dient dabei zunehmend als Feigenblatt für ein staatlich beglaubigtes Branchenmarketing.» Was Swissmedic dennoch beisteuert, ist vor allem ein Etikett. Auf einen anderswo gefällten Entscheid drückt das Institut den Stempel «Swissmedic-geprüft» – ein Swiss Finish, der häufig keiner ist. Inhaltlich wird selten ein zweites Mal geprüft. Geliefert wird vor allem ein Vertrauenssiegel, das Herstellern den Marktzugang erleichtert – bezahlt von eben jenen Unternehmen. Der angebliche Schutz der Bevölkerung dient dabei zunehmend als Feigenblatt für ein staatlich beglaubigtes Branchenmarketing. ## Schnellerer Zugang zu Medikamenten Die schlanke, ehrliche Alternative: Wer bereits von der Europäischen Arzneimittel-Agentur, der amerikanischen Food and Drug Administration oder der britischen Arzneimittelbehörde zugelassen wurde, sollte seine Produkte auch in der Schweiz automatisch verkaufen dürfen – ohne kostspielige Zweitprüfung. Die Konformitätsbewertung könnten private Stellen im Wettbewerb übernehmen. Dem Staat blieben die wenigen hoheitlichen Aufgaben: Marktüberwachung, Chargenfreigaben und die strafrechtliche Verfolgung von Verstössen. Das würde den Zugang zu Medikamenten beschleunigen, Kosten senken und Interessenkonflikte beseitigen. > «Eine solche Institution reformiert man nicht. Man schafft sie ersatzlos ab.» Eine Behörde, die sich von der Industrie finanzieren lässt, Millionen verbrennt, politisch verfilzt ist und deren Aufgaben andere längst besser erledigen, schützt nicht die Bevölkerung, sondern vor allem sich selbst. Eine solche Institution reformiert man nicht. Man schafft sie ersatzlos ab. ### Make Europe Cool Again! URL: https://www.schweizermonat.ch/make-europe-cool-again/ Last updated: 2026-08-24T06:34:42.000Z Im September 1989 machte Boris Jelzin, der später der erste russische Präsident werden sollte, eine Reise in die USA. Aus Neugier besuchte er einen ganz normalen Supermarkt, um den Alltag der durchschnittlichen amerikanischen Konsumenten besser zu verstehen. Die Realität, die er dort vorfand, war so erschütternd, dass er glaubte, es handle sich um eine Inszenierung. Die Fülle an Produkten war so gross – und das bei moderaten Preisen –, dass Jelzin ins Wanken geriet. Manche behaupten, das Erlebnis habe Jelzin derart beeindruckt, dass es zu einem wichtigen Faktor für seine Reformagenda geworden sei. Heute machen viele Europäer eine ähnliche Erfahrung, wenn sie die Vereinigten Staaten besuchen – allerdings in Bezug auf Klimaanlagen. Während in Europa kaum 20 Prozent der Haushalte mit einer Klimaanlage ausgestattet sind, sind es in den USA 90 Prozent. Klimaanlagen sind Mainstream, unabhängig von der sozialen Schicht. Auch in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Freizeiteinrichtungen ist die Luft angenehm temperiert, selbst wenn die Aussentemperaturen Höchstwerte erreichen. **Ein moralischer Skandal** Die Klimaanlage ist der nächste Kandidat für eine Amerikanisierung unseres Alltags. Unter anderem deshalb, weil sich Europa schneller erwärmt als der Rest der Welt und seine alternde Bevölkerung mit Hitzewellen konfrontiert ist, die unnötige Todesopfer fordern. Um zu begreifen, welch moralischer Skandal der politische Widerstand gegen die Verbreitung von Klimaanlagen ist, reicht ein Blick auf die Statistiken. Jedes Jahr fordert die Sommerhitze in Europa mehr Opfer als Schusswaffengewalt in den Vereinigten Staaten. Laut dem [Economist ](https://www.economist.com/europe/2026/06/18/europeans-should-learn-to-love-the-air-conditioner?ref=schweizermonat.ch)trägt die Hitze zu etwa 175 000 Todesfällen pro Jahr auf dem Kontinent bei. Trotz des Wohlstands, der es ermöglichen würde, Massnahmen gegen dieses unvermeidliche Schicksal zu finanzieren, weist Europa die weltweit höchste hitzebedingte Sterblichkeitsrate pro Kopf auf. > «Jedes Jahr fordert die Sommerhitze in Europa mehr Opfer als Schusswaffengewalt in den Vereinigten Staaten» Der Grund dafür ist die politische Abneigung in Europa gegen Klimaanlagen. In vielen Ländern sind sie verboten oder werden so stark reguliert, dass ihre Installation einem Hindernislauf gleicht. So kommt es bei jeder Hitzewelle, auch diesen Sommer, zu einem Ansturm auf weniger effiziente Notlösungen. Das Kaufverhalten der Europäer zeigt, dass die mentale Blockade bald überwunden wird. Nun müssen nur noch die politischen Entscheidungsträger den rechtlichen Rahmen an die neue Realität anpassen. Sie können sich von der Erfolgsgeschichte Singapurs inspirieren lassen. Für den Staatsgründer Lee Kuan Yew war die Klimaanlage eine der wichtigsten Erfindungen der Geschichte. Sie trug zur raschen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei, da sie es ermöglichte, den ganzen Tag über effizient zu arbeiten. Eine von Lees ersten Entscheidungen war es, Verwaltungsgebäude mit Klimaanlagen auszustatten, um die Produktivität der Beamten zu steigern. Der grundlegende Trend ist unaufhaltsam. Am Ende wird sich auch Europa mit Klimaanlagen anfreunden. Mit seinem CO2\-armen Energiesystem ist es für den Kontinent keine Schande, wenn er sich etwas Abkühlung gönnt. Angesichts der nachlassenden europäischen Produktivität ist die Klimatisierung sogar von strategischer Bedeutung. *Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in* [*Le Temps*](https://www.letemps.ch/opinions/l-europe-finira-climatisee?ref=schweizermonat.ch)*.* ### Europas Asylsystem setzt perverse Anreize URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-ist-europa-so-angreifbar-bei-der-migration/ Last updated: 2026-08-12T07:08:13.000Z _No content available._ ### Kampf gegen rechts – um jeden Preis URL: https://www.schweizermonat.ch/kampf-gegen-rechts-um-jeden-preis/ Last updated: 2026-08-04T12:44:14.000Z Demokratie, Sicherheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Homosexuellenrechte: Heute werden diese Errungenschaften von Islamisten angegriffen. Die Gewalt gegen Frauen nimmt seit Jahren zu, ebenfalls nicht wegen «rechts», sondern zu einem erheblichen Teil durch Zuwanderung aus islamischen, arabischen oder afrikanischen Kulturkreisen. Hass auf Andersdenkende und Zensur? Meist geht das ebenfalls nicht aufs Konto von radikalen Neoliberalen oder Konservativen, sondern auf das von Linken, die meinen, überall gegen Faschisten zu kämpfen, wo ihre Ideen abgelehnt werden. Trotz dieser Realität beschwören viele Medien und Politiker die Gefahr «von rechts», das lässt sich beinahe täglich im Schweizer Fernsehen oder im Deutschen Rundfunk beobachten. Die eigene «progressive» Weltanschauung darf sich von keiner Wirklichkeit erschüttern lassen. Auch wenn morgen erneut Islamisten in Menschenmengen rasen und «Ungläubige» massakrieren: Irgendwo findet sich immer ein Argument, um die Konservativen dafür verantwortlich zu machen. Schon Mao hatte im Namen des Fortschritts 1957 die «Anti-Rechts-Bewegung» ins Leben gerufen, eine landesweite Säuberung der angeblichen Rechten. Schätzungen zufolge wurden etwa 2 Millionen Menschen willkürlich als rechts eingestuft, verhaftet und hingerichtet. Die meisten Opfer waren Intellektuelle und Mitglieder der Opposition. Der heutige Kampf gegen rechts richtet Menschen zwar nur noch medial hin. Aber er zerstört Karrieren und sorgt dafür, dass Millionen schweigen – denn das Label «rechts» oder «fremdenfeindlich» kostet heute schnell Job und Ansehen. Es ist Zeit, dass sich Liberale, Bürgerliche und Konservative zusammentun und sich das nicht länger gefallen lassen. Gerade die Liberalen müssen die Meinungsfreiheit hochhalten und dürfen sich nicht mundtot machen lassen. Gemeinsam müssen wir darauf hinwirken, dass Politik und Medien sich endlich den wirklichen Gefahren widmen, die den Westen bedrohen: Islamismus, unkontrollierte Migration, Gesinnungsterror von links, antiliberale Mächte russischer, chinesischer oder arabischer Prägung. ### Nenne mir, Muse, den Frevel und Verfall URL: https://www.schweizermonat.ch/nenne-mir-muse-den-frevel-und-verfall/ Last updated: 2026-10-11T11:22:54.000Z 0:00 /775 1× Manche heutige Filmzuschauer lassen sich nicht mehr blenden. Nach einigen gefahrvollen Stationen kommt der griechische Heros Odysseus auf eine Insel, wo er der Zauberin Kirke – einer Frau mit grün gefärbten Haaren – begegnet, die seine Männer in Schweine verwandelt (denn Schweine seien Männer sowieso) und ihn jahrelang sexuell und magisch davon abhält, zu seiner Familie, vor allem seiner treuen, liebenden Frau Penelope, zurückzukehren. Da erkennt man sie, die Ausgeburt der modernen «Wokeness», in dieser Verfilmung der Odyssee… Nur handelt es sich dabei um «Die Fahrten des Odysseus» (Original: Ulisse) von 1954, der Held gespielt vom legendären Kirk Douglas und Kirke von der nicht minder eindrücklichen Silvana Mangano. Bloss gab es damals halt noch kein Internet, das ein versammeltes Mobgeschrei hätte hervorbringen können. **Entrüstung von MAGAs, Griechen und Nerds** Nun hat sich der Starregisseur Christopher Nolan an den antiken Stoff herangemacht und mit dem Casting von unter anderen Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Charlize Theron, Zendaya und Lupita Nyong’o eine regelrechte Starbesetzung dazu geliefert. Letztere zwei – in ihren Rollen als Göttin Athene und Helena von Troja/Klytaimnestra – haben als dunkelhäutige Schauspielerinnen jedoch bei Bekanntgabe den Zorn der amerikanischen Rechten entfacht, die sich im «Culture War» gegen alles vermeintlich «Woke» wähnt. Sie sahen dies als «Blackwashing» der vermeintlichen «Eliten» in Hollywood, um absichtlich «die Geschichte» zu verfälschen. Ähnlichen Aufruhr verursachte bei ihnen der Transgenderschauspieler Elliot Page, welcher laut Berichten auf Social Media Achilles, den grössten aller Krieger, spielen sollte; eine Falschmeldung, wie sich nun herausgestellt hat: Page spielt mit Sinon einen einfachen, jedoch für Odysseus bedeutenden Fusssoldaten. Vielleicht hätte den selbsternannten Kulturkriegern ein flüchtiger Blick in Homers Epos – oder zumindest nur in dessen Wikipedia-Artikel – gut zu Gesicht gestanden: Achilles ist zu Beginn der Odyssee längst tot. Im Vorfeld ähnlich aufgeregt hatte sich die griechische Gemeinschaft, die – im Gegensatz zur amerikanischen Rechten – eine mangelnde Repräsentation ihrer selbst beklagt hatte, da kein einziger griechischstämmiger Schauspieler eine grosse Rolle bekommen hätte. Dies mag zutreffend und für Hollywood im Allgemeinen bedauerlich sein, jedoch werden Castingentscheidungen häufig nach Eignung oder zumindest Vision des Regisseurs getroffen. Jedoch ist ihre Klage ein Fingerzeig darauf, dass Odysseus’ Zeitgenossen Menschen des Mittelmeeres und gerade nicht Angelsachsen oder Schwarzafrikaner waren. Eine weitere Gruppierung, die im Vorfeld des Films online ihren Zorn abliess, waren Altertumsliebhaber und -nerds, die die Requisiten des Films kritisierten: So ist das benutzte Schiff von Odysseus’ Mannschaft statt einer Galeere ein rekonstruiertes [Wikinger-Langboot](https://en.wikipedia.org/wiki/Draken%5FHarald%5FH%C3%A5rfagre?ref=schweizermonat.ch) und die Rüstungen sind farblos und zeitlich zu spät. Besonders Agamemnons Panzerung – eine bizarre Symbiose aus Tesla-Design und Nolans eigenem «Batsuit» – stiess auf Unverständnis. Doch es stellt sich die Frage: Seit wann muss ein Film einen dokumentarischen Charakter mit korrekten Requisiten besitzen? In keinem einzigen Antikenfilm war das (leider?) bislang der Fall. Und was wären eigentlich die korrekten Requisiten: [Rüstungen](https://www.hellenicarmors.gr/en/armor/odysseus-armor/?ref=schweizermonat.ch) und Material aus der späten Bronzezeit um 1200 v. Chr.? Oder nicht doch besser dasselbe aus der Zeit Homers von ca. 800−600 v. Chr., der gewissermassen selbst nur eine mündlich tradierte «Fanfiktion» besungen hat? Dieser Dreiklang des Online-Geschreis, der im Vorfeld zu einem tobenden Hurrikan zusammenwuchs, hat jedoch vor allem eines bewirkt: Er liess den Film zum bislang meistantizipierten des Jahres heranwachsen. Das Marketingteam dürfte sich gefreut haben. > «Was Christopher Nolan mit seiner Odyssee-Verfilmung geliefert hat, ist eine wuchtige, mitunter spröde Dekonstruktion des Heldenmythos selbst.» **Gebrochene Gastfreundschaft** Nun läuft der Film erfolgreich in den Kinos und trägt die Zuschauer – ganz so wie das Original – in erzählten Rückblenden durch die Geschichte. Dass mehrere Episoden dabei in Kalypsos (Charlize Theron) Refugium auf Ogygia verbunden werden, tut der Dramaturgie keinen Abbruch. Während sich Odysseus an sein Schicksal und das seiner Gefährten erinnert, spielt parallel die Erzählung auf Ithaka, wo Penelope (Anne Hathaway) in einer Mischung aus Gravitas und Verzweiflung versucht, vor der Heerschar der Freier – angeführt vom antagonistischen wie feigen Antinoos (Robert Pattinson) – nicht zweitverheiratet zu werden. Ihr Sohn Telemachos (Tom Holland) fragt sich zu Recht, warum er nicht einfach den Thron Ithakas nach 18 Jahren Abwesenheit des Vaters beanspruchen kann – Homer beantwortet übrigens dieses «Plothole» nie; doch die Mutter weist ihn auf die Gefahr durch ominöse «Seevölker» hin, die von Schiffen kommend alles plündern und zerstören, und weder Telemachos noch sie selbst besitzen die Kraft und Autorität, eine Armee gegen sie auszuheben. Nur ein erwachsener männlicher König könne dies tun. Also muss sie die Freier erdulden und früher oder später einen von ihnen heiraten. Sie beherbergt sie alle, damit sie Zeus’ Gesetz der Gastfreundschaft (*xenia*) und Bewirtung gegenüber Fremden ehrt; denn sie könnten eigentlich Götter incognito sein. Nolan hat sichtlich ein wenig Hintergrundrecherche für seinen Stoff betrieben. Die (gebrochene) Gastfreundschaft ist daher auch eines seiner Leitmotive, das sich durch den gesamten Film zieht. Als erste Station plündern Odysseus, den Damon als leidgeplagten und zunehmend fatalistischen Mann darstellt, und seine Männer nach Troja die Stadt Ismaros, deren einzigen nicht geflohenen Bewohner sie vor den brennenden Häusern fragen, warum denn die ganze Bevölkerung geflohen sei; dessen Antwort, er dachte, sie gehörten zu den «Seevölkern», verwundert Odysseus’ Männer zutiefst – sie seien doch Helden von der Belagerung Trojas! Der Zyklop Polyphemos bietet ihnen keine Gastfreundschaft an, sondern beginnt sie im Schatten seiner Höhle zu jagen und zu fressen. Die Laistrygonen locken sie in einen Hinterhalt und schlachten die meisten ab. Kirke bietet Gastfreundschaft an, nutzt die angebotene Speise jedoch, um das wahre schweinische Wesen der Männer hervorzubringen – die Zeus’ Gesetz verletzt hatten, indem sie bewaffnet eine allein lebende Frau aufgesucht und ihr Forderungen gestellt haben. Kurz bevor Odysseus auf Ithaka das Recht der Gastfreundschaft durch das Massaker an den Freiern bricht, offenbart er Penelope eine beklemmende Einsicht: Als Urheber des Trojanischen Pferdes habe er selbst dieses Sakrileg erfunden. Er und alle Griechen seien die eigentlichen «Seevölker», gekommen, um die eigene Zivilisation zu vernichten. Wenn Nolan seinen Protagonisten dabei vom «Ende der Bronzezeit» sprechen lässt, ist das eine gleich doppelt gebrochene Selbsterkenntnis: Historisch anachronistisch, da kein Zeitgenosse um die Epochentitel der Nachwelt wusste – und doch erschreckend gegenwärtig. Es ist der düstere Spiegel für ein 21\. Jahrhundert, das spürt, wie es seine eigene Zivilisation dem Untergang entgegentreibt. Die historisch Interessierten mögen aufhorchen, da bis heute unklar ist, ob der Trojanische Krieg nicht in eine Reihe mit dem sogenannten «Seevölkersturm» gehört, der die kosmopolitische [*Welt* ](https://www.amazon.de/-/en/1177-v-Chr-Untergang-Zivilisation/dp/3534611942/ref=sr%5F1%5F1?adgrpid=189456111765&dib=eyJ2IjoiMSJ9.Wqx3fo0PD73Pkww6QiLiqguvzA15erg7TuPDbn6ZBmgM3%5FbEDknbmN5onU464iWmv9a7dDOXxQKE%5FFtPR62w%5FQDRXqVFsfdj2hpmwRYucY1umMMEmvhapFg8%5FkIo9BRHsmMAxL%5F5cbiQjB4aquzZkhHp7ikKrJX1EfRtXHI3LxvRHItWCG-hWrt6coGUFgO8E%5FQ4qf8xw4JMpOtpKAulmelqGd3cmP49HQuj3oO9mCg.abAMAvvFaseg%5FolVVVA3YoZ5tHyucLXiG71M-lGZVO4&dib%5Ftag=se&gad%5Fsource=1&hvadid=791121578837&hvdev=c&hvlocphy=1003297&hvnetw=g&hvqmt=e&hvrand=5645790088487670025&hvtargid=kwd-302026313678&hydadcr=24276%5F2311120&keywords=eric+cline+1177&mcid=ba61a4e0ccc63d5dbe213e0727d3ed45&qid=1785328131&sr=8-1&ref=schweizermonat.ch)der mykenischen Paläste und anderer orientalischer Imperien der späten Bronzezeit im 12\. Jh. v. Chr. mit vernichtet hat; die bei Homer für die Griechen benutzten Begriffe «Achaier» und «Danaer» tauchen auch in ägyptischen Inschriften für einen Teil der [*Seevölker* ](https://de.wikipedia.org/wiki/Seev%C3%B6lker?ref=schweizermonat.ch)auf. > «Weder ist dieser Film eine Beleidigung der Antike noch eine Parodie darauf. Er ist das porträtierte Trauma einer gesamten Epoche.» **Skylla als Pappmachémonster** Christopher Nolan liebt experimentelle Techniken. Und so ist der Film der erste, der vollständig mit 70-mm-IMAX-Filmkameras gedreht wurde – das Originalformat, so wie er es intendiert hat, bleibt jedoch nur 41 Kinos weltweit vorbehalten. In einer weiteren Hinsicht setzt der dreistündige Film jedoch Massstäbe: Wohltuend abgehoben von der Marvel-gesättigten Filmwelt unserer Tage verzichtet Nolan fast gänzlich auf computergenerierte Bilder (CGI) und vertraut stattdessen auf physische Attrappen, ausgeklügelte Optiken und analoge Kamerawinkel. Das wirkt bei dem Zyklopen Polyphemos wie eine Szene aus einem Horrorfilm und Kirkes Verwandeln von Odysseus’ Männern in Schweine wirkt extrem plastisch und verstörend. Bei anderen Monstern wirkt diese Entscheidung jedoch schwächer: Der zähnebesetzte Schlund Charybdis ist eher ein kleiner Wasserstrudel; ihr Klippenpendant Skylla wirkt hingegen wie ein Pappmachémonster, wie es auch im Film von 1954 hätte vorkommen können. Kirkes und Kalypsos Refugien laden kaum zu jahrelangem Verweilen ein: Ersteres wirkt wie ein karges Cottage irgendwo zwischen den britischen Inseln, Letzteres wie ein kontemplativer Sandstrand mit provisorischer Zelthütte – hätten die halb-divinen Gestalten nicht Besseres verdient? Überhaupt, die Götter: Ihre Existenz wird gemeinhin angenommen und zumindest Athene (Zendaya) scheint Odysseus auch mit Rat zur Seite zu stehen – doch ist es wirklich die Göttin oder nur das nagende Gewissen des Protagonisten? Hermes und Aiolos treten nicht auf. Zeus und Poseidon treten nur im Donner und im Seesturm hervor, der so real, dunkel und chaotisch wirkt wie selten zuvor. Die Klangkulisse ist nicht nur bei den Wetterereignissen (oder dem Wirken der Götter?) – wie für Nolans Werk typisch – eindrücklich. Die musikalische Gestaltung begleitet dabei durchgehend die Verzweiflung der Akteure. Insbesondere der Schrei des Zyklopen Polyphemos, nachdem ihm das Auge mit einem glühenden Pfahl ausgestochen worden ist – ist von einer solch markerschütternden Intensität, die die Anspannung der horrorartigen Szene nochmals emportreibt. Die Monster bleiben denn auch recht wortkarg: Kein «Niemand hat mich geblendet»-Ausruf des Zyklopen, der bereits im Original dem Horror ein humoristisches Momentum beimischt, kein Wort der schlachtenden Laistrygonen und auch das Lied der Sirenen vernimmt man nicht direkt. Was sich vielleicht etwas kurz ausnimmt, sind die Stationen der Odyssee selbst. Sie folgen einfach Schlag auf Schlag, ohne dass ihnen wirklich Raum zum Atmen oder auch Verarbeiten gegeben wird. Doch wäre dafür wahrscheinlich ein noch viel längerer Film nötig gewesen. **Ein Epos für alle Zeiten** Was Christopher Nolan mit seiner Odyssee-Verfilmung geliefert hat, ist also mehr als der natürliche Sommerblockbuster. Es ist eine wuchtige, mitunter spröde Dekonstruktion des Heldenmythos selbst. Indem er Odysseus nicht als unfehlbaren (und eigentlich auch nicht besonders «listigen») Lichtgestaltheros, sondern als gebrochenen, schuldbeladenen und moralisch fragwürdigen Veteranen zeichnet – und die Antike aus dem Weichzeichner des Sandalenfilms in die raue, untergehende Bronzezeit holt –, hebelt er die Reflexe der Kulturkrieger ebenso aus wie die Erwartungen des Popcornpublikums. Spätestens wenn das legendäre Bogenschiessen auf Ithaka nicht als Hollywood-Triumph, sondern als rohes, schmerzhaftes Schlachten und Odysseus eher als Vorläufer des pfeilgespickten heiligen Sebastian denn als rächender Triumphator inszeniert wird, entzieht Nolan dem Genre jegliche Pathosromantik. Weder ist dieser Film eine Beleidigung der Antike noch eine Parodie darauf. Er ist das porträtierte Trauma einer gesamten Epoche. Dass Skylla wie aus Pappmaché wirkt und das Ende der Bronzezeit etwas gar unverhohlen als Spiegelbild unserer eigenen, wackelnden Gegenwart inszeniert wird, verzeiht man gerne. Denn am Ende erweist sich Homers Stoff unter Nolans Regie erneut als das, was er seit fast dreitausend Jahren ist: eine zeitlose Projektionsfläche für menschliche Abgründe, Wahn und die verzweifelte Suche nach Rückkehr und innerem Seelenfrieden. ### Die unsichtbare Belagerung: Wie sich die Muslimbruderschaft in der Schweiz ausbreitet URL: https://www.schweizermonat.ch/die-unsichtbare-belagerung-wie-sich-die-muslimbruderschaft-in-der-schweiz-ausbreitet/ Last updated: 2026-09-23T16:36:03.000Z 0:00 /1018 1× Der neuste Terroranschlag in Berlin zeigt, wie der Islamismus immer wieder zuschlagen kann. Das gilt auch für die Schweiz. Nachdem Ende Mai ein Islamist in Winterthur auf drei Passanten eingestochen und dabei «Allahu akbar!» (Allah ist grösser!) geschrien hatte, befragte das Nachrichtenportal «20 Minuten» Ahmed Ajil als Terrorismusexperten an der Universität Luzern zum Täter. Der türkisch-schweizerische Messerstecher war nämlich keine isolierte Besonderheit: Schon 2020 wurden in Fribourg vier mutmassliche Terroristen in Verbindung mit Al-Qaida und dem Islamischen Staat verhaftet, und in Schweizer Gerichten waren 70 Prozesse gegen 600 bis 700 Terrorismusverdächtige hängig. Dr. Ajil, der auch als Kriminalanalytiker im Bundesamt für Polizei (Fedpol) arbeitete, distanziert sich zwar von der Gewalt des Islamischen Staats (IS). Aber er warb nach dem Massaker des 7\. Oktober gegen ein Verbot der Hamas in der Schweiz. «Wenn wir die Hamas verbieten», sagte er, «dann verbieten wir de facto den bewaffneten Widerstand gegen das, was die palästinensische Zivilbevölkerung seit Jahrzehnten erleidet.» Ajil hat auf Anfrage Stellung bezogen und diese Aussage bestätigt. **Drehbuch der Unterwanderung** Laut jüngsten Ermittlungen europäischer Geheimdienste begnügt sich die Hamas nicht mit «Widerstand» oder Terror in Israel, sondern plant seit Jahren auch Anschläge in Europa. Im Februar 2023, also acht Monate vor dem 7\. Oktober, erhielt die deutsche Hamas-Zelle aus Libanon den Auftrag, Waffen nach Deutschland zu schaffen und dort einen gross angelegten Terroranschlag – im Stil des Massakers in Israel – vorzubereiten. Laut Ermittlern rekognoszierte sie dafür die amerikanische Militärbasis Ramstein, die israelische Botschaft in Berlin und das Tempelhofer Feld, einen Park in der Hauptstadt. Ein Mitglied der Terrorzelle, Ibrahim el-Rassatmi, hatte laut deutschen Behörden bereits im April 2019 von der libanesischen Hamas den Befehl zur Einrichtung von Waffenlagern erhalten. Die Hamas ist 1987 als palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft gegründet worden. In Europa gibt es keinen entsprechenden Ableger. Vielmehr setzen die Muslimbrüder hier, vor allem in der Schweiz, auf die Doktrin des «Tamkeen» – «institutionelle Verankerung» oder «Besiedlung» durch ein Multi-Generationen-Programm. Schon 2001 wurde bei einer Razzia bei Youssef Nada, dem damaligen Direktor der Al-Taqwa-Bank in Lugano, ein Dokument von 1982 sichergestellt. Das Dokument namens «Das Projekt» skizzierte einen 100-Jahres-Plan, den [Experten](https://www.investigativeproject.org/document/687-the-muslim-brotherhood-project?ref=schweizermonat.ch) als Versuch werten, die westliche Zivilisation durch «Sabotage» ihrer Institutionen von innen heraus zu transformieren. «Das Projekt» fusst auf dem frommen Islam. Der Begriff *Dschihad* («Kampf auf Gottes Weg») hat spirituelle wie politische Dimensionen: Er verpflichtet fromme Muslime, die Verbreitung des Islams zu unterstützen, und unterteilt die Welt in zwei Kategorien. *Dar al-Islam* sind Gebiete unter *Scharia*\-Gesetzen, die alle Lebensbereiche bestimmen. Im Gegensatz dazu steht *Dar al-Harb* («Haus des Schwertes»): alle Gebiete, die (noch) umstritten sind. *Dschihad* dient letztlich dazu, alle strittigen Gebiete in *Dar al-Islam* einzuverleiben, also unter islamische Herrschaft zu stellen. (Islam bedeutet «Unterwerfung» unter den Willen Allahs.) Der «legalistische Islamismus» operiert strikt innerhalb westlicher Gesetze, um deren Fundamente zu untergraben. Ein weiteres Schlüsseldokument, das *Erläuternde Memorandum* von 1991, beschreibt die Arbeit als «grossen Dschihad zur Zerstörung der westlichen Zivilisation», ausgeführt durch die «Ungläubigen» selbst. Sicherheitsexperten sehen die Muslimbrüder als Wolf im Schafspelz: Hinter der Fassade eines «Islams der Mitte» agiert ein hocheffizientes «Netzwerk der Netzwerke», das die demokratischen Freiheiten des Westens und selbst progressive Terminologien wie «Diversität, Gerechtigkeit und Inklusivität» systematisch gegen ihn selbst wendet. Ziel ist nicht der schnelle Umsturz, sondern die langfristige «zivilisatorisch-dschihadistische» Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche. Für die Schweiz fehlen Zahlen, doch in Deutschland greift diese Strategie heute schon. Gemäss der von der Bundesregierung finanzierten Motra-Studie vom vergangenen März sind 45,1 Prozent aller Muslime unter 40 in Deutschland offene oder latente Islamisten – doppelt so viele wie vor fünf Jahren. 23,8 Prozent aller Muslime in Deutschland halten «einen islamischen Gottesstaat für die beste Staatsform». 25,1 Prozent sagten aus: «Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland.» Auch wenn solche Einstellungen nur schwer messbar und deshalb mit Vorsicht zu geniessen sind, ist der Trend eindeutig. Die Bruderschaft fungiert als «Förderband» der Radikalisierung, baut ein geistiges und ideologisches Fundament für Terrorgruppen wie den IS und liefert die grundlegenden Narrative für das Endziel, einen globalen theokratischen Staat unter der Scharia zu errichten. **Der totale Anspruch** Dieser Machtanspruch ist tief in der Geschichte der Muslimbrüder verwurzelt. Hassan al-Banna gründete die Organisation 1928 in Ägypten. Er sah sich als Salafist und legte den Koran fundamentalistisch aus. Er sah den «Islam als Lebensweise»; die Religion sollte alle Aspekte des Lebens organisieren. Nach seiner – nie aufgeklärten, aber dem damaligen König Farouk angelasteten – Erschiessung 1949 auf offener Strasse wurde er zum Märtyrer, und die Bruderschaft breitete sich auf über 70 Länder aus. Die intellektuelle Radikalisierung erfolgte in den 1940er-Jahren durch den Chefideologen Sayyid Qutb, der die Brücke zwischen Islam und Terror schlug, indem er den offensiven Dschihad als physische Kriegsführung legitimierte. Qutb war überzeugt, dass nur der Islam alle Übel der Gesellschaft beseitigen könne. Seine Werke werden heute – unkritisch – in Schweizer Institutionen wie dem Islam-Museum in La Chaux-de-Fonds präsentiert. Diese Ideologie wurde später von Yusuf al-Qaradawi zementiert, dessen Programm «Scharia und Leben» auf Al Jazeera bis zu 60 Millionen Zuschauer erreichte. Er definierte klare Regeln: Der Mann führe die Familie und dürfe seine Frau bei «Auflehnung» schlagen. Homosexualität sei «Abartigkeit», die mit dem Tod bestraft werden könne, um die Gesellschaft «reinzuhalten». Al-Qaradawi liess keinen Zweifel an seinem Ziel, «Europa zum Islam zu bekehren». Adolf Hitler pries er als «göttliche Bestrafung» für die Juden. **Die Schweiz als strategische Drehscheibe** Die Schweiz dient den Muslimbrüdern seit der Ankunft von Saïd Ramadan 1961 als zentraler Rückzugsraum. Dem persönlichen Sekretär und Schwiegersohn des Gründers Hassan al-Banna gelang es damals, den politischen Islam als Bollwerk gegen den Kommunismus darzustellen, während Nachrichtendienste ihn als «faschistischen Typ» und sein Zentrum als «verschwörerisch» einstuften. Laut Sicherheitsexperten ist die Schweiz heute – nach England – die zweitwichtigste Drehscheibe für die Muslimbrüder in Europa. Sie dokumentieren, dass einzelne Organisationen personell durch bestimmte Clans geprägt sind: Ramadan in Genf, Kermous in Neuenburg und Waadt, Nada und Himmat im Tessin und in Zürich. Die Ramadan-Dynastie in Genf soll das Erbe des Gründers Hassan al-Banna fortführen und leitet das Islamische Zentrum Genf. Al-Bannas Enkel Tariq Ramadan verbreitete als Starautor das Gedankengut der Muslimbrüder in Europa. Doch dann sprach das Genfer Kantonsgericht Ramadan 2024 der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung einer Frau schuldig. Das Bundesgericht bestätigte dieses Urteil vor einem Jahr. Und im März verurteilte ein Strafgericht in Paris Ramadan wegen Vergewaltigung von drei Frauen zu 18 Jahren Gefängnis mit lebenslänglichem Landesverbot. Pikant dabei ist die unverständliche Tatsache, dass der Schweizer Islamist zwölf Monate nach dem Urteil des Bundesgerichts weiterhin auf freiem Fuss ist. Eine Klägerin sagte, sie habe den Eindruck, das «Raubtier» werde in der Schweiz «übermässig geschützt». Der Kermous-Clan um Mohamed und Nadia Kermous in Neuenburg und Waadt gründete über ein Dutzend Vereine, die dem Aktivismus und prokatarischen Lobbying dienen sollen – unter anderen die *Ligue des Musulmans de Suisse*, die laut Ermittlern den Muslimbrüdern nahesteht. Urgesteine wie Youssef Nada und Ali Ghaleb Himmat etablierten in Lugano und Zürich Standorte, die Verantwortliche einer Sicherheitsorganisation, die nicht genannt werden wollen, als finanzielle Drehscheiben der Muslimbruderschaft beschreiben. Himmats Sohn Youssef führt heute die paneuropäische Jugendorganisation Forum of European Muslim Youth and Student Organizations an. Mitglieder eines Clans dienen oft im Vorstand der Organisation einer anderen Familie. So sitzt zum Beispiel Tariq Ramadans Bruder Hani Ramadan im Stiftungsrat der Wakef-Suisse- Stiftung unter der Leitung von Mohamed Kermous, der wiederum Ehemann der Leiterin des Islam-Museums ist, in Organisationen der Himmat-Familie im Tessin sitzt und vom französischen Geheimdienst als «Schatzmeister» innerhalb des Netzwerks der Muslimbrüder bezeichnet wird. Das Ergebnis ist ein undurchsichtiges Geflecht von Organisationen. **Werbung für Islamisten** Wie tief diese Netzwerke bereits in Schweizer Institutionen eingedrungen sind, zeigen aktuelle Fälle von «Entrismus». Darunter versteht man eine Strategie des gezielten, mitunter heimlichen Eindringens in westliche Organisationen, erfolgreich angewendet ursprünglich von kommunistischen und trotzkistischen, heute von islamistischen Kreisen. Nida-Errahmen Ajmi, auch unter ihrem Pseudonym Nidonite bekannt, wurde 2024 zur ersten muslimischen Armeeseelsorgerin der Schweiz ernannt. Was als Sieg der Integration gefeiert wurde, sehen Kritiker als Beispiel für den wachsenden Einfluss islamistischer Organisationen auch im Staat. In einem Interview mit «Liberté» sagte Nidonite einmal: «Ich bin ein explosiver Mensch.» Das mag ein harmloser Witz gewesen sein. Doch Ajmis Vater, der Genfer Anwalt Ridha Ajmi, ist laut Experten eine zentrale Figur der tunesischen Muslimbrüder und stellte einst die Loyalität zur religiösen Gemeinschaft (*Umma*) explizit über die Rechtsordnung des Staates, als er einen mutmasslichen dschihadistischen Terroristen verteidigte. Youssef Ibram, Imam einer Moschee in Volketswil, propagierte auch schon Steinigungen für Ehebrecherinnen und sass in al-Qaradawis Europäischem Rat für Fatwa und Forschung. Die Moschee gehört zur Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), deren Grundsatzerklärung sich für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung ausspricht und die jeglichen Bezug zur Muslimbruderschaft energisch zurückweist. Gleichwohl warb die VIOZ für Anlässe mit dem Islamologen Amir Zaidan, der gemäss einem Urteil des Verwaltungsgerichts Wiesbaden sagte: «Ich bin offiziell kein Mitglied, aber ich vertrete das Gedankengut der Moslembruderschaft.» Als Mitglied eines religiösen Rates war Zaidan an einem Rechtsspruch beteiligt, der festlegte, wie weit sich eine Frau von ihrem Haus entfernen darf: nicht mehr als 81 Kilometer – die Distanz, die ein durchschnittliches Kamel in einem Tag zurücklegt. Der Gründer des Parfum-Herstellers Gisada, Arben Ademi, war nicht nur Hauptsponsor des FC Basel, sondern soll gemäss einem Bericht der Bundes­kriminal­polizei die radikale Koran-Verteil-Aktion «Lies!» mit «bedeutenden Geldbeträgen» unterstützt haben. Ademi bestritt zwar jegliches extremistische Gedankengut; doch Ermittlungen der Bundeskriminalpolizei zeigten, dass der deutsche Verein «Die wahre Religion», Träger von «Lies!», radikale Prediger unterstützte und Rekrutierungen für den Islamischen Staat erleichterte. In Deutschland wurde der Verein verboten; in der Schweiz blieb «Lies!» aktiv. Khaldoun Dia-Eddine doziert an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), sitzt im Beirat des Islam-Zentrums der Universität Freiburg und ist Vizepräsident der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz, diente aber auch im Vorstand von Organisationen mit verurteilten Führern der Bruderschaft wie Ali Ghaleb Himmat. Er leitete die Genfer Filiale der IICO, der verschiedene Geheimdienste Verbindungen zur Hamas nachsagen. Gleichzeitig ist er regelmässig Ansprechpartner für Bundesbehörden und schult Polizisten zum Verschleierungsverbot. **Millionen aus Katar** An einem Tag, so Lorenzo Vidino, Programmdirektor für Extremismus an der George Washington University und Berater mehrerer Regierungen in Europa zum politischen Islam, machen «gemässigte» Islamisten Selfies mit LGBTQ-Aktivisten und suchen Kontakt zu jüdischen Vereinen. «Am nächsten Tag laden sie dann einen Prediger ein, der Gewalt gegen Frauen befürwortet und Steinigungen von Schwulen rechtfertigt.» Die «Entrismus»-Strategie manipuliert staatliche Behörden für die Bewilligung von Fördergeldern, wird aber gleichzeitig massiv von Katar unterstützt. Die «Qatar Papers» enthüllten, dass das Emirat Millionen in Schweizer Projekte investiert, etwa das Islam-Museum und die Wakef-Stiftung. Katar investiert weltweit Milliarden in Bildungs- und Lobbyprojekte; Kritiker sehen darin auch den Versuch, ein günstiges Umfeld für islamistische Strömungen zu schaffen. Die Mittel sind nahezu unbegrenzt und der Zeithorizont langfristig – die Bruderschaft denkt nicht in Quartalen, sondern Jahrhunderten. Um ihre Pläne vor Widerstand zu schützen, nutzt sie auch «Marhaliyyah» (Phasenanpassung): Sie passt ihre Sprache taktisch dem westlichen Diskurs an. Das zeigt die ISGAP-Studie von 2025\. Kritik wird systematisch als «Islamophobie» gebrandmarkt, zum Beispiel im von Farid Hafez in Wien publizierten – und mit Fördergeldern der EU und des türkischen Aussenministeriums finanzierten – jährlichen «European Islamophobia Report». Der Begriff ist eine rhetorische Waffe, um jede substanzielle Kritik im Keim zu ersticken, Finanzierungsgesuche durchzudrücken und eine kulturelle Blindheit zu erzeugen, bei der taktische Zurückhaltung oft fälschlicherweise als gelungene Integration gedeutet wird. **Notwendige Selbstverteidigung** Westliche Beobachter neigen dazu, den politischen Islam als rein religiöses Phänomen misszuverstehen. Er ist vielmehr ein allumfassendes politisches System. Sicherheitsexperten vergleichen die Strategie der Muslimbruderschaft mit einem Termitenbefall: Sie zersetzen das tragende Holz von innen heraus, während die Bewohner glauben, das Gebäude sei noch intakt – bis es unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht. > «Sicherheitsexperten vergleichen die Strategie der Muslimbruderschaft mit einem Termitenbefall: Sie zersetzen das tragende Holz von innen heraus, während die Bewohner glauben, das Gebäude sei noch intakt – bis es unter seinem eigenen Gewicht zusammenbricht» Staaten wie Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Kenia und die Vereinigten Arabischen Emirate haben dies erkannt und die Bruderschaft längst als Terrororganisation verboten. Gewiss, in der Schweiz gelten Grundwerte wie Diversität, Toleranz und Schutz von Minderheiten. Doch es ist höchste Zeit, dass auch die Schweiz ihre *Laisser-faire*\-Mentalität aufgibt. Transparenz in der Finanzierung, ein konsequentes Verbot von Tarnorganisationen der Muslimbrüder und eine wachsame Prüfung bei Stellenbesetzungen in sensiblen Bereichen wie der Armee und dem Fedpol sind keine Diskriminierung. Sie sind notwendige Selbstverteidigung einer westlichen Demokratie, die ihre Werte nicht durch Naivität aufs Spiel setzen darf. Denn ein Rechtsstaat, der seine Augen vor den Netzwerken im Hintergrund verschliesst, verliert letztlich die Fähigkeit, seine Bürger zu schützen. ### It’s the Agglo, Stupid! Das Gebiet zwischen Stadt und Land entwickelt eine eigene, pragmatische Identität URL: https://www.schweizermonat.ch/its-the-agglo-stupid-das-gebiet-zwischen-stadt-und-land-entwickelt-eine-eigene-pragmatische-identitaet/ Last updated: 2026-09-23T20:44:45.000Z 0:00 /319 1× Nach dem Nein zur 10-Millionen-Initiative auf Bundesebene und zum kantonalen Museumsneubau in Bern [sinniert](https://schweizermonat.ch/der-spott-ueber-die-rassistische-landbevoelkerung-ist-ziemlich-provinziell/?ref=schweizermonat.ch) das linksurbane Kommentariat wieder einmal über den Stadt-Land-Graben. Die linke «Wochenzeitung» spricht düster vom «Dunkel der SVP-Schweiz». Die Kulturelite der beiden Städte Biel und Bern, die trotz einem sagenhaften Budget von 400 000 Franken eine Niederlage kassierte, beklagt die Kulturlosigkeit der Landbevölkerung, welche die progressiven Städter überstimmte. Die intellektuellen Leichtmatrosen aus Politologie und Journalismus bevorzugen das binäre Prinzip: weiss gegen schwarz, weltoffen gegen isolationistisch, progressiv gegen reaktionär. ## Mehrheitsland Agglo Statistiker und Raumplaner sind da nüchterner. Ein Blick auf die Daten des Bundesamts für Statistik zeigt, dass rund 83 Prozent der Schweizer Bevölkerung im städtischen Raum leben, nur deren 17 Prozent auf dem Land. Oder anders gefragt: Gehört die Bieler Vorortsgemeinde Orpund, die den Museumsneubau befürwortet hat, nun zur Stadt? Ist die Agglogemeinde Port, die diesen abgelehnt hat, Teil des Lands? Die Bundesstatistiker und Raumplaner haben diesen plumpen, aber einprägsamen Stadt-Land-Graben schon längst hinter sich gelassen. Sie unterscheiden zwischen Stadt, Agglomeration und Land. Und sie liefern auch gleich die entsprechenden Zahlen. In den Kernstädten leben rund 30 Prozent der Schweizer, auf dem Land die besagten 17 Prozent. Damit entfallen 53 Prozent auf die Agglomeration. > «Heute entwickeln viele Agglogemeinden eine eigene Identität.» Gerade die Agglomeration nimmt häufig eine Mittelposition ein und stimmt weder so urban wie die Innenstädte noch so ländlich wie Berg- oder Randregionen ab. Das Wort «Agglo» hat natürlich einen negativen Beigeschmack, der aus einer Zeit stammt, in der diese Gemeinden noch Schlafstädte mit starkem Bezug zur Stadt waren. Heute entwickeln viele Agglogemeinden eine eigene Identität. Der Gründer der Grünliberalen, Martin Bäumle, selbst jahrelang Exekutivmitglied der Agglomerationsgemeinde Dübendorf, drückte es in einem [Interview](https://www.nzz.ch/zuerich/sollen-die-flughafengemeinden-mit-der-stadt-zuerich-fusionieren-nie-und-nimmer-sagt-der-stolze-agglo-bewohner-martin-baeumle-ld.10003886?ref=schweizermonat.ch) so aus: «Die Agglomeration ist die perfekte Mischung. Sie hat urbane und ländliche Züge. Wer hier wohnt, versteht beide Räume besser.» ## Fortschrittliche Schule Bevor ich 2010 meine Stelle in der Stadt Biel kündigte, um in Orpund zu unterrichten, war diese Schulgemeinde für mich ein Bauerndorf. Es herrschte ein reges Sozialleben, es gab viele Vereine und eine starke Identifikation mit der Gemeinde. Aber rückständig waren die Menschen beileibe nicht. Orpund wählte beispielsweise schon vor fast 30 Jahren das heute als fortschrittlich geltende integrative Oberstufenmodell. Die Jungunternehmer Lukas Hohl und Marcel Sallin organisierten das lange Zeit erfolgreiche Hip-Hop-Festival «Royal Arena». Als dieses sich als nicht mehr finanzierbar erwies, bettelten die beiden nicht um staatliche Kultursubventionen, sondern gründeten das Lakelive-Festival in Nidau. > «Bevor ich 2010 meine Stelle in der Stadt Biel kündigte, um in Orpund zu unterrichten, war diese Schulgemeinde für mich ein Bauerndorf.» Die Espace Gastro AG und die «Linde» Orpund stellen jedes Jahr im Dezember auf dem Zentralplatz das Fondue-Chalet auf, wo die urbanen Bieler gerne etwas Landatmosphäre schnuppern. Orpund hat ein stärkeres Bevölkerungswachstum als Biel und zieht übrigens auch viele erfolgreiche Migrantenfamilien an. Man kann das endlos weiterführen. Ich weiss nicht, ob Nidau, das sich gerne Städtchen nennt, nun eine Stadt ist oder zur Agglo gehört. Aber der Widerstand gegen den Museumsneubau kam ausgerechnet vom Querdenker und Finanzchef der Gemeinde, Beat Cattaruzza. Und was die Schulhauspolitik betrifft, hat die Gemeinde Port mit ihrem Mut, ein junges Architekturbüro mit einem Neubau zu beauftragen, Massstäbe gesetzt. Das Primarschulhaus wurde in zahlreichen Architekturpublikationen gelobt und war überdies einiges günstiger als die städtischen Luxusbauten. ## Lernen vom Bauern Die Städter schaffen Parkplätze ab, wählen die Juso in die Parlamente und verlassen sich darauf, dass das Steuergeld der Banken oder über den Finanzausgleich sowieso fliesst. In der Agglo hat es Tempo 30 schwieriger, werden an der Gemeindeversammlung teure Turnhallen abgelehnt und die Bauordnungen flexibler gehandhabt. Amüsant bei all dem urbanen Land-Bashing ist die Tatsache, dass es immer öfter Städter zu den ländlichen Schwingfesten zieht, wo sie einträchtig mit den «Eingeborenen» die «hinterwäldlerische» Atmosphäre geniessen. Mit meinen Aggloschülern aus Orpund absolvierte ich jeweils in der 9\. Klasse ein Arbeitslager im Gental. Ein Bauer zeigte mir einmal die vier grausam vom Wolf gerissenen Schafe, von denen eines noch lange lebte. Er meinte: «Ihr aus der Stadt verlangt von uns immer strengere Schlachtvorschriften und gleichzeitig werden hier unsere Schafe lebendig zerfetzt.» Meine Schüler nahmen diese Überlegung nach Hause. Sie lieben die Urbanität der Stadt und schätzen das Ländliche rundherum. Das ist die Agglo! ### An den Universitäten gedeiht eine Paraverwaltung, die ihre rigide Moralpolitik durchsetzt URL: https://www.schweizermonat.ch/an-den-universitaeten-gedeiht-eine-paraverwaltung-die-ihre-rigide-moralpolitik-durchsetzt/ Last updated: 2026-09-23T20:43:39.000Z 0:00 /376 1× ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/1-2.png) **Dieser Beitrag ist Teil der Serie «Motosierra suiza», in der wir zeigen, wo man in der Schweizer Bürokratie die Motorsäge ansetzen könnte.** Vor knapp 60 Jahren rief der Student und marxistische Aktivist Rudi Dutschke in einer feurigen Rede zu einer neuen Art von Revolution auf. Diese sollte nicht mit roher Gewalt ausgetragen werden, sondern durch die beharrliche Unterwanderung staatlicher Institutionen und Universitäten durch linkssozialistisch geprägte Ideologen und Umstürzler. Zwei Generationen nach Dutschkes Aufruf zum «Marsch durch die Institutionen» zeigen sich die Früchte seiner Kampfrhetorik – auch in der Schweizer Hochschullandschaft. Der kontinuierliche Ausbau des universitären Verwaltungsapparats und dessen inhaltliche Verschiebung von akademischen Administrationsaufgaben hin zu einem Ringen über moralische Deutungshoheit zeitgenössischer Politikdebatten ist auch hierzulande längst kein Randphänomen mehr. Heute stehen allein an der Universität Zürich 28 785 Studierenden 10 323 Mitarbeitende gegenüber, davon 3674 im administrativ-technischen Bereich. Vor einem Vierteljahrhundert zählte die Universität noch knapp 20 000 Studierende und etwas mehr als 5000 Mitarbeitende, davon rund ein Drittel im administrativen Bereich. Der Personalbestand hat also um 87 Prozent zugenommen, die Zahl der Studierenden hingegen nicht einmal halb so stark. Ähnliches lässt sich an der ETH Zürich beobachten: Aktuell beschäftigt die Hochschule rund 13 600 Mitarbeitende, davon mehr als ein Drittel im administrativen Bereich. Im Jahr 2000 lag diese Zahl noch bei etwas mehr als 7000 Mitarbeitenden, wovon ebenfalls rund ein Drittel dem administrativen Bereich zuzuordnen war; dies entspricht einem Anstieg von 77 Prozent. Allerdings ist parallel dazu auch die Zahl der Studierenden stark gestiegen, was den Ausbau der Verwaltung zumindest teilweise rechtfertigt. ## Leitfäden für «diskriminierungsfreie Sprache» Auffällig ist, dass sich der Fokus vom blossen Betreuen der Studierenden hin zum Vorleben moralischer Verhaltensvorschriften verschiebt. So betreibt die ETH Zürich mit «ETH Diversity» ein ganzes Sammelsurium von Massnahmen zu «Diversity, Equity and Inclusion» (DEI). Auch die Universität Zürich unterhält eine eigene DEI-Abteilung. Deren «[Gender Equality Plan](https://www.edi.uzh.ch/de/grundlagen/gep.html?ref=schweizermonat.ch)» sieht vor, Mitarbeitende durch Schulungen zu inklusiver Sprache normativ zu bevormunden; zugleich werden Karriereverläufe bei gleicher Qualifikation geschlechtsabhängig beeinflusst – eine Geschlechterdiskriminierung mit umgekehrten Vorzeichen. Die «Diversity Policy» hingegen wirkt wie ein zahnloser Papiertiger: ein eineinhalbseitiges Grundsatzpapier von bemerkenswerter Substanzarmut. Braucht es für solche Flyer tatsächlich eine eigene Abteilung? Ein weiteres Beispiel für das Diktat neosozialistischer Bestrebungen sind Sprachleitfäden, die eine «diskriminierungsfreie Sprache» vorschreiben – so gesehen an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Fachhochschule Graubünden (FHGR). Allerdings pfiff der Zürcher Regierungsrat die ZHAW bereits 2022 zurück: Gendergerechte Sprache dürfe weder über Leistung noch Note entscheiden, sondern habe lediglich Empfehlungscharakter. Dennoch braucht es Personal, um solche Papiere auszuarbeiten – im Fachjargon: Diversitätsbeauftragte. Und diese wiederum legitimieren ihre eigenen Abteilungen. > «Es ist stets dieselbe Dynamik: Gesellschaftspolitische Debatten über die Anliegen diskriminierter Minderheiten werden zur Schaffung neuer Stellen instrumentalisiert, die sich im Universitätsapparat schliesslich als dauerhafte Strukturen verfestigen.» Es ist stets dieselbe Dynamik: Gesellschaftspolitische Debatten über die Anliegen diskriminierter Minderheiten werden zur Schaffung neuer Stellen instrumentalisiert, die sich im Universitätsapparat schliesslich als dauerhafte Strukturen verfestigen. Diese Arbeitsplätze wachsen nicht durch politische Grundsatzentscheide, sondern durch eine subtile Ausdehnung des universitären Verwaltungsapparats. Dabei geht es nicht um gesellschaftlich-philosophische Diskussionen, sondern um politischen Aktivismus. Letzterer hat an Hochschulen nichts zu suchen. Problematisch ist jedoch nicht nur die schiere Grösse des stetig wachsenden hochschulstaatlichen Verwaltungsapparats, sondern auch seine inhaltliche Verschiebung. Gleichstellung, Diversität und Inklusion sind alles legitime Anliegen. Doch sie dienen zunehmend als Einfallstor für dauerhafte Bürokratien, denen ein moralinsaurer Beigeschmack universitärer Umerziehung anhaftet. ## Selektive Moral Hier gilt es, Einspruch zu erheben: Universitäten dürfen Wissen als Allgemeingut zur Verfügung stellen – nicht aber eine selektive Moral diktieren, die von wenigen definiert und vielen aufgedrängt wird. Nicht jede gesellschaftlich wünschbare Norm rechtfertigt eine eigene Verwaltungsstruktur. Der Ausbau dieser Strukturen im Namen des «Guten» ist kein Fortschritt, sondern eine schleichende Ausweitung universitärer Zuständigkeiten. Eine rigide Moralpolitik, die sich in einem verwaltungsartigen Apparat manifestiert, ist in einer freien Gesellschaft überflüssig. Sämtliche Diversity- und andere aktivistische Abteilungen an Hochschulen können daher ersatzlos gestrichen werden. Die Schaffung solcher Stellen erscheint als reiner Selbstzweck: Sie verschafft vor allem jenem akademischen Überschuss einen Brotverdienst, den die Hochschulen Jahr für Jahr selbst produzieren, und befriedigt linke Hochschulabgänger in ihrem Weltverbesserungseifer. ### Bitcoin Wasn’t Invented by Satoshi, It Was Discovered URL: https://www.schweizermonat.ch/bitcoin-wasnt-invented-by-satoshi-it-was-discovered/ Last updated: 2026-08-05T09:20:32.000Z _No content available._ ### Warum wir handeln wollen – und es immer seltener tun URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-wir-handeln-wollen-und-es-immer-seltener-tun/ Last updated: 2026-08-18T11:16:49.000Z Wer ein politisches Problem erkennt, sucht im Idealfall nach einer Lösung. In der Schweiz führt dieser Impuls nicht selten zu einer Volksinitiative. Man formuliert Anliegen, sucht Mitstreiter und sammelt Unterschriften. An Bahnhöfen und in Fussgängerzonen werden Argumente ausgetauscht, Fremde für eine Idee gewonnen und schliesslich Unterschriften auf Initiativbögen gesetzt. Irgendwann sind die nötigen Unterschriften beisammen. Das Initiativkomitee reicht die Bögen ein und setzt damit vor allem eines in Gang: Bürokratie. Es folgen Vorprüfung, parlamentarische Beratung, Referendumsfrist. Abstimmung. Jahre vergehen. Was als Handlungswille beginnt, wird in den langsamen Takt der Institution übersetzt. Und dieser Takt passt immer schlechter zu einer Gegenwart im Krisenmodus. ## Krisen als Grundrauschen Die Zeiten, in denen noch hoffnungsvoll von einer Zukunft oder grossem Fortschritt berichtet wurde, sind längst vorbei – selbst bei der künstlichen Intelligenz, einer der grössten Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, dominieren das Bedrohungsnarrativ und der Kulturpessimismus. Das Hoffnungsbarometer der Universität St. Gallen zeigt: Nur 9 Prozent der Befragten glauben, dass es ihnen in der Schweiz in zwanzig Jahren besser gehen werde; knapp 64 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. Ähnliche Ergebnisse liefert eine Umfrage von Tamedia unter jungen Menschen. Klimawandel, Krieg, technologische Disruption, ökonomische Unsicherheit: Die Welt verändert sich rasant. Geopolitische Wenden werden heute zwischen Katzenvideos in 15-Sekunden-Reels verkündet und bis zum nächsten Morgen von hundert selbsternannten Experten eingeordnet. > «Geopolitische Wenden werden heute zwischen Katzenvideos in 15-Sekunden-Reels verkündet und bis zum nächsten Morgen von hundert selbsternannten Experten eingeordnet.» Dagegen wirken die politischen und administrativen Prozesse in der kleinen Schweiz wie aus einem anderen Zeitalter. Die politische Stabilität der Schweiz kann sich zwar durchaus sehen lassen, aber sie führt auch zu einer gefährlich langsamen Schwerfälligkeit. Gerade junge Menschen spüren diese Reibung: Die Probleme sind sichtbar, die Zahlen bekannt und die Folgen absehbar. Und trotzdem bewegt sich die Politik, als hätte Zeit keine Kosten. ## Reformen nein, Leistungsausbau ja Das zeigt sich besonders dort, wo Reformen längst überfällig geworden sind. Seit Jahrzehnten besteht bei der AHV, bei der beruflichen Vorsorge und im Gesundheitswesen Handlungsbedarf. Die Probleme sind bekannt, und dennoch wurden grundlegende Anpassungen immer wieder vertagt, verwässert oder scheiterten kläglich an politischen Mehrheiten. Ein Beispiel ist die Renteninitiative der Jungfreisinnigen, die 2024 zur Abstimmung kam. Sie verlangte zunächst Rentenalter 66 und danach eine Koppelung an die Lebenserwartung. Volk und Stände lehnten sie ab. Am selben Tag nahm die Schweiz die 13\. AHV-Rente an. Für viele Junge war das ein deutliches Signal: Reformen zur langfristigen Sicherung der Vorsorge haben es schwer, Leistungsausweitungen dagegen finden Mehrheiten. Die Rechnung wird weitergereicht. Gleichzeitig sind andere Vorlagen so technisch, dass viele gar nicht erst einsteigen. Die BVG-Reform von 2024 ist ein Beispiel dafür. Wenn man bei einer Abstimmung zuerst verstehen muss, was ein Koordinationsabzug ist, bevor man erkennt, ob die Reform einen überhaupt betrifft, dürfen sich die Politiker nicht wundern, wenn politische Beteiligung zur Zumutung wird. Das liegt aber nicht etwa an einem Desinteresse der Politik. Im Gegenteil. Eine Umfrage des Schweizer Jugend- und Demokratiemonitors zeigt: Noch nie waren Jugendliche so interessiert am politischen Geschehen. Doch das hohe Interesse schlägt sich nicht in der Stimmbeteiligung nieder. Diese pendelt bei eidgenössischen Abstimmungen gerade einmal um 45 Prozent. Man fragt sich, woher dieser Rückzug rührt, denn in der digitalen Welt sind wir – die junge Generation – bereiter denn je, unsere Meinungen zu äussern, zu kommentieren oder zu kritisieren. Doch zwischen dem Online-Kommentar und dem Gang an die Urne klafft eine Lücke, weil sich die Frage in den Vordergrund schiebt: Mache ich mit meiner Stimme überhaupt einen Unterschied? Diese Frage ist nicht neu. Aber sie trifft heute auf eine Generation, die gewohnt ist, in Echtzeit Resonanz zu erleben, und für die der mehrjährige Weg durch Institutionen wie aus einem anderen Jahrhundert wirkt. Selbst ein Gang zur Urne für Abstimmungen oder Wahlen scheint immer noch zu wenig zu bewirken. Auch die Stimmenthaltung hat keine direkten Konsequenzen, oder man nimmt sie zumindest nicht so wahr. ## Das Wartezimmer der Demokratie Nicht jeder, der etwas verändern möchte, geht in die Politik. Viele versuchen auch, zuerst im eigenen Leben Wirkung zu entfalten: ein Unternehmen zu gründen, ein Projekt aufzubauen, eine Idee mit wenigen Mitteln umzusetzen. Noch nie war das so zugänglich, gerade auch wegen der KI. Doch der bürokratisch organisierte Staat hinkt auch hier der «schönen neuen Welt» hinterher. Den Willigen und Mutigen erwarten auch hier Formulare, langsame Prozesse. Selbst dort, wo Innovation gefördert werden soll, geschieht dies häufig entlang staatlich definierter Kriterien und Prioritäten. Nicht jede Idee passt in ein Förderprogramm, nicht jedes Projekt in die vorgesehenen Kategorien. Wer gründet, braucht viel Ausdauer und ein dickes Fell. Gerade jungen Menschen wird dabei oft signalisiert, ihnen fehle noch die Erfahrung, um grosse Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Ähnlich klingt es in der Politik. Auch jungen Menschen, die sich politisch interessieren oder engagieren, wird oft entgegengehalten, ihnen fehle die Lebenserfahrung, um gesellschaftliche Probleme wirklich zu verstehen. Das ist ein bequemes Argument. Politische Erfahrung entsteht nicht im Wartezimmer der Demokratie, sondern durch Beteiligung an ihr. Wer junge Menschen erst dann ernst nimmt, wenn sie gelernt haben, wie Institutionen funktionieren, muss ihnen auch zugestehen, diese Institutionen früh zu betreten. > «Politische Erfahrung entsteht nicht im Wartezimmer der Demokratie, sondern durch Beteiligung an ihr.» Zumal die Schweizer Politik kein Ort ist, an dem jugendlicher Übermut ungebremst in Gesetze gegossen wird. Zwischen Idee und Umsetzung liegen Vernehmlassungen, Kommissionen, Fristen, Abstimmungen und oft mehrere Jahre. Wer mit 20 eine Forderung stellt, kann ziemlich sicher sein, dass sie bis zur politischen Umsetzung ausreichend gealtert ist. Man könnte sagen: Unsere Institutionen behandeln junge Ideen wie Käse: Sie lassen sie zuerst reifen. Gleichzeitig konkurriert Lokalpolitik heute mit einer globalen Dauerbeschallung aus Krisen, Konflikten und Schlagzeilen. Das tägliche Geschehen einer vernetzten Welt lässt selbst die eigene Gemeindeversammlung schnell wie einen Nebenschauplatz erscheinen. Doch politische Teilhabe lebt von Nähe. Und selbst wer diesen Schritt trotzdem geht, merkt schnell: Engagement hat einen Preis. Wer sich aktiv in der Politik einbringen und Verantwortung übernehmen möchte, sei es in einer Jungpartei oder einem politischen Amt, bezahlt dafür zunächst mit Zeit, Energie und persönlicher Exponiertheit. Kritik an der eigenen Person kommt oft schnell. Die Wirkung dagegen liegt meist weit in der Zukunft. Zwischen Einsatz und Ergebnis entsteht eine Lücke. Wer immer wieder erlebt, dass politische Debatten im Sande verlaufen, Reformen scheitern oder Entscheidungen vertagt werden, verliert nicht das Interesse an Politik, aber beginnt daran zu zweifeln, ob sein Einsatz überhaupt einen Unterschied macht. So entsteht eine paradoxe Situation: Ein Land, das eigentlich mehr Teilhabe ermöglicht als fast jedes andere (direkte Demokratie, Milizsystem, Meinungsfreiheit), produziert bei jungen Menschen trotzdem das Gefühl, nichts bewirken zu können. Was bleibt, ist der Wille zum Engagement. Was fehlt, ist die Erfahrung, dass er etwas bewirkt. Was also können wir selbst tun, um dies nachhaltig zu ändern? Und was können die Institutionen und Parteien tun, um dieses Paradox zu lösen? ## Institutionelle Verantwortung Zunächst liegt die Verantwortung, diese Lücke zu schliessen, bei den Institutionen. Der Staat sollte dort beschleunigen, wo Langsamkeit keinen demokratischen Mehrwert schafft. Nicht jede Frist ist Ausdruck von Sorgfalt und nicht jedes Formular Garant für Gerechtigkeit. Verfahren lassen sich vereinfachen, ohne Legitimation zu gefährden. Digitalisierung darf nicht nur Fassade sein, sondern muss Prozesse tatsächlich verkürzen. Genauso wichtig ist Verständlichkeit. Was ist das Problem? Welche Optionen gibt es? Was wurde bereits versucht, und woran ist man gescheitert? Demokratie lebt nicht nur davon, dass Menschen abstimmen dürfen. Sie lebt davon, dass sie verstehen, worüber sie entscheiden. Der Föderalismus bietet dafür eine unterschätzte Chance. Er bringt Politik näher zu den Menschen. Diese Nähe muss aktiver genutzt werden: in Gemeinden, Schulen, Universitäten, Jungparteien, Vereinen und digitalen Räumen. Politische Teilhabe darf keine Frage des Bildungsniveaus oder des Elternhauses sein. Wer verstehen will, was entschieden wird, sollte nicht zuerst ein halbes Jurastudium absolvieren müssen. ## Bequemlichkeit ist keine Ausrede Doch die Verantwortung, diese Lücke zu schliessen, liegt nicht nur beim Staat. Demokratie ist langsam. Das ist manchmal ihre Stärke und oft ihre Zumutung. Wer sich engagiert, wird nicht immer gewinnen. Unsere Generation ist gewohnt, Resonanz sofort zu erhalten: ein Kommentar, eine Reaktion, eine Antwort. Politik funktioniert anders. Sie ist langsamer, zäher und oft undankbarer. Gerade deshalb braucht sie Menschen, die nicht nur dann mitmachen, wenn der Erfolg unmittelbar sichtbar ist. Man muss Abstimmungen verlieren können, ohne die Demokratie aufzugeben. Man muss Unterschriften sammeln können, auch wenn das Anliegen später verwässert wird. Man muss Kritik aushalten können, ohne sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Das ist unbequem. Gleichzeitig müssen wir jungen Menschen mehr zutrauen und mutigen Ideen Raum geben, statt uns reflexartig im vermeintlich sicheren Status quo einzurichten. Demokratie lebt davon, dass Staat und Bürger einander zutrauen, gestalten zu können. Der Staat muss Prozesse öffnen und verständlicher machen. Und wir müssen den Schritt weg vom Kommentieren zum Mitgestalten wagen. Gute Dinge brauchen manchmal Weile. Aber eine Welt im Krisenmodus kann sich nicht leisten, jede mutige Idee zuerst alt werden zu lassen. ### Ein Manifest gegen die Bildungsmisere URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-manifest-gegen-die-bildungsmisere/ Last updated: 2026-08-18T11:16:21.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/07/ein\_manifest\_gegen\_die\_bildungsmisere\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/07/ein%5Fmanifest%5Fgegen%5Fdie%5Fbildungsmisere%5Fmale.mp3) Schon Johann Heinrich Pestalozzi formulierte ein Prinzip, das bis heute gilt: Jedes Lernen beginnt beim Einfachsten. Seine Elementarmethode – vom Buchstaben zum Wort, von der Eins zur Zehn – ist die Grundlage jedes verstehenden Unterrichts. Genau daran fehlt es heute. Die Leidtragenden sind die Schülerinnen und Schüler. Denn sie sind es, die um ihre Zukunftschancen betrogen werden. > «Ein Viertel der Jugendlichen in der Schweiz verfügt nur über rudimentäre Lesefähigkeiten.» Lesen, Schreiben, Rechnen. Drei Fähigkeiten. Ein Massstab. Und eine Bildungspolitik, die sich um vieles kümmert – nur nicht um das, was wirklich zählt. Denn im internationalen Vergleich fällt die Schweiz immer weiter zurück. Die PISA-Studie 2022 zeigt, dass Schweizer Fünfzehnjährige im Lesen den tiefsten Wert seit Messbeginn erreicht haben. Ein Rückgang von 18 Punkten gegenüber 2018\. Noch gravierender ist der Abstand zu Spitzenländern wie Estland oder Irland: Deren Schüler sind um mehr als ein halbes Schuljahr voraus. Auch in Mathematik und Naturwissenschaften stagnieren die Resultate, während Länder wie Polen oder Dänemark aufholen. Die OECD warnt: Ein Viertel der Jugendlichen in der Schweiz verfügt nur über rudimentäre Lesefähigkeiten. Die Folgen? Wer einen einfachen Text nicht sicher versteht, findet kaum eine Lehrstelle. Und das in der Schweiz, wo ein grosser Teil des Wohlstands auf dem Modell der dualen Berufsbildung fusst. ## «Wendepunkt Bildung» Dass sich die Schweiz vom Musterschüler zum Mittelmass entwickelt, ist seit Jahren bekannt. Denn die Daten der internationalen PISA-Erhebung decken sich mit kantonalen Zahlen und Rückmeldungen aus der Schulpraxis. Das Bild, das sich daraus ergibt, könnte nicht konsistenter und klarer sein. Unklar ist jedoch, weswegen keine Reaktion auf die offenkundige Fehlentwicklung folgt. Die Probleme sind benannt, doch die überfällige Korrektur bleibt aus. Und genau das hat weitreichende Folgen. > «In der Bildungspolitik zählt vieles – aber nicht das, was im Klassenzimmer tatsächlich den Lernerfolg ausmacht.» Nun soll ein privates Komitee richten, was die Politik nicht wahrhaben will. Das kürzlich konstituierte Komitee «Wendepunkt Bildung», ein Zusammenschluss von Bildungsexperten und Praktikern, greift auf, was die öffentliche Hand liegen lässt. Es hat ein Bildungsmanifest vorgelegt. Dessen Kernaussage ist ebenso einfach wie unbequem: In der Bildungspolitik zählt vieles – aber nicht das, was im Klassenzimmer tatsächlich den Lernerfolg ausmacht. Gemeint sind die Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen. Und diese entscheiden sich nicht in Planungsgremien, sondern im täglichen Unterricht. ## Die stille Verschiebung der Prioritäten Die Entwicklung der letzten Jahre lässt sich als schleichende Verschiebung beschreiben. Die Volksschule ist systematisch ausgebaut worden: mehr Inhalte, mehr Ansprüche, mehr Koordination. Der Lehrplan 21, koordiniert von der Schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz EDK, bündelt diesen Anspruch in einem umfassenden Kompetenzkatalog. Was als Harmonisierung gedacht war, hat vielerorts zu einer Verdichtung geführt, die den Unterricht überfordert. Die Zeit bleibt gleich, die Anforderungen wachsen – und mit ihnen die Tendenz zur Verzettelung. Gerade jene Fähigkeiten, auf denen alles andere aufbaut, geraten dabei unter Druck: Lesen, Schreiben, Rechnen. Wenn uns die grundlegenden Kulturtechniken abhandenkommen, ist das kein Randproblem, sondern ein Hinweis auf verschobene Prioritäten. Die Folgen dieser Fehlentwicklung zeigen sich später in der Ausbildung und im Berufsleben – und damit weit über die Schule hinaus. Die Bildungspolitik reagiert darauf immer gleich: mit zusätzlichen Programmen, neuen Fördermassnahmen und weiteren Steuerungsebenen. Man bekämpft die Folgen und stabilisiert gleichzeitig die Ursachen. Ein Teufelskreis. Und ein ziemlich teurer noch dazu. ## Gut gemeint – falsch gewichtet Besonders deutlich wird diese Logik beim Fremdsprachenunterricht. In vielen Kantonen beginnen Kinder früh mit zwei Fremdsprachen, oft bevor sie die Unterrichtssprache sicher beherrschen. Die Idee ist plausibel, die Reihenfolge nicht. Wer die eigene Sprache nicht beherrscht, lernt andere langsamer. Dass dennoch am Modell festgehalten wird, ist weniger pädagogisch als politisch erklärbar. Fehlentwicklungen benennt man nicht, sie werden beschönigt. Ein zweiter blinder Fleck betrifft das Lernen selbst. Lernen folgt einer Struktur: aufbauen, verstehen, festigen, üben, anwenden. Diese Abfolge ist unspektakulär, aber sie ist die Voraussetzung von Können. Gerade diese Verbindlichkeit ist vielerorts geschwächt worden. Üben gilt rasch als überholt, während Selbstständigkeit früh eingefordert wird, etwa im selbstorganisierten Lernen. Damit wird ein Ziel zum Ausgangspunkt erklärt. Selbstständigkeit entsteht jedoch nicht am Anfang, sondern am Ende eines gelungenen Lernprozesses. Wo sie vorausgesetzt wird, ohne dass die Grundlagen gesichert sind, entsteht Unsicherheit, und diese trifft vor allem jene Schülerinnen und Schüler, die auf verstehende, aber konsequente Führung angewiesen sind. ## Die diskrete Entmachtung der Lehrperson Parallel dazu hat sich das Rollenverständnis der Lehrperson verändert. Aus dem Lehren ist ein Begleiten geworden, ein «Coaching». Das mag konzeptionell anschlussfähig sein, im Unterricht zeigt es seine Grenzen. Kinder brauchen klare fachliche Führung, Struktur und Rückmeldung. Wo Lehren unter Rechtfertigungsdruck gerät, verlieren die Lernenden die Orientierung. Darunter leiden vor allem lernschwächere Kinder. Gerade in heterogenen Klassen, wie sie durch die integrative Schule zur Regel geworden sind, ist eine aktiv steuernde und führende Lehrperson entscheidend. Diese Heterogenität ist auch eine Folge der zunehmenden Ausdifferenzierung des Systems. Neben der Klassenlehrperson wirken heute zahlreiche Fachpersonen: Heilpädagogen, Sozialarbeiter, Therapeuten. Alle für sich sinnvoll, in der Summe jedoch oft schwer zu koordinieren. Verantwortung verteilt sich, Beziehungen werden diffuser. Für Schülerinnen und Schüler ist nicht mehr selbstverständlich, wer ihre zentrale Bezugsperson ist. Doch gerade diese Verlässlichkeit ist eine Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. > «Gerade in heterogenen Klassen, wie sie durch die integrative Schule zur Regel geworden sind, ist eine aktiv steuernde und führende Lehrperson entscheidend.» ## Wenn Theorie den Takt vorgibt Auch die Lehrerbildung bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Die Pädagogischen Hochschulen sind akademischer geworden, was grundsätzlich zu begrüssen ist – fundiertes Wissen schadet nicht. Problematisch wird es dort, wo sich die Ausbildung vom Klassenzimmer entfernt. Wer Unterricht primär konzeptionell denkt, riskiert, die realen Gegebenheiten des Schulalltags aus dem Blick zu verlieren. Die Praxis wird zum Anwendungsfall der Theorie, statt deren Ausgangspunkt zu sein. > «Problematisch wird es dort, wo sich die Ausbildung vom Klassenzimmer entfernt.» «Wendepunkt Bildung» fordert deshalb keine Abkehr von der Akademisierung, sondern ihre stärkere Anbindung an die Praxis: Lehrpersonen sollen wieder mehr Gewicht erhalten, und der Unterricht sollte sich wieder mehr an dem orientieren, was wirklich zählt – nach Pestalozzi an dem, was Kopf, Herz und Hand erreicht. ## Die Grundfähigkeiten zählen Am Ende zählt nicht, was beschlossen wird, sondern was gelernt wird. Ob ein Kind lesen kann. Schreiben kann. Rechnen kann. Das ist der Massstab – und kein anderer. Oder noch einfacher: Das, was wirkt, zählt auch. Dass die Bildungspolitik das nicht tut, ist kein Versehen. Es ist ein Versäumnis. Die Probleme sind bekannt. Die Befunde liegen auf dem Tisch. Die Warnsignale sind seit Jahren unübersehbar. Bildung beginnt nicht beim Komplizierten, sondern beim Einfachen: beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Auf diesen Fundamenten baut alles Weitere auf – jedes Fach, jede Ausbildung, jeder Lebensweg. Bei diesen Grundfähigkeiten beginnt Bildung. Und genau bei ihnen muss sie wieder beginnen. ### Nothing New Under Heaven: Ancient Chinese Thought and the Modern Struggle for Global Hegemony URL: https://www.schweizermonat.ch/nothing-new-under-heaven-ancient-chinese-thought-and-the-modern-struggle-for-global-hegemony/ Last updated: 2026-10-06T12:51:49.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/nichts-neues-unter-dem-himmel-was-die-chinesische-denktradition-zum-globalen-machtkampf-zu-sagen-hat/). The summit between the world’s two pre-eminent powers was deeply symbolic. During his state visit to Beijing from 13 to 15 May, Donald Trump, the American president, stood alongside his Chinese counterpart, Xi Jinping, who asked rhetorically at a joint press conference: could the so-called ‘Thucydides Trap’ be avoided? Might global challenges be tackled jointly to bring greater stability to the world? The following day, Mr Xi guided his guest through the former imperial gardens of Zhongnanhai, now the heavily guarded leadership compound of the Chinese Communist Party. It was a rare honour for a foreign leader — and one that plainly pleased Mr Trump. Predictably, Western commentators seized on the phrase ‘Thucydides Trap’. The concept traces its lineage to the ancient Greek historian Thucydides (c. 460–395 BC), who famously observed in his *History of the Peloponnesian War*: “It was the rise of Athens and the fear that this inspired in Sparta that made the war inevitable.” That conflict (431–404 BC) became an all-consuming fratricidal war between the city-states (*poleis*) of Athens, Sparta, and their respective alliances. Though it ended in a Spartan victory, it left the whole of Greece chronically exhausted. ## Ancient Frameworks for Modern Geopolitics Building on this ancient thesis, the American political scientist Graham Allison sought in the 2010s to derive a timeless principle of international politics, applying it directly to Sino-American relations. Synthesising his findings in his 2017 book, *Destined for War*, he identified two psychological drivers – or ‘syndromes’ – that fuel conflicts between great powers: - **The Rising Power Syndrome:** A growing power’s heightened sense of self-importance, which brings a demand for greater recognition, respect, and a fundamental reshaping of geopolitical rules. - **The Ruling Power Syndrome:** An established power’s deep-seated fear of decline, paranoia, and status insecurity, which leads it to interpret every move by the newcomer as an existential provocation. According to Allison, the toxic symbiosis of these two syndromes inevitably ensnares superpowers in the ‘Thucydides Trap’. He cites 16 conflicts from Western history in which he claims to discern the pattern. The selection is somewhat arbitrary. Crucially, however, he concedes that war erupted in only 12 of those cases. In the remaining four, intense diplomacy managed to contain the friction before it could ignite an all-consuming conflagration – a lesson Allison thinks Washington and Beijing should heed today. > «While history may not repeat itself, it famously rhymes.» Criticism of Allison’s framework is well-established. Thucydides never intended to formulate an immutable law of global politics; he simply sought to analyse the tragic war that tore his homeland apart. Indeed, his famous line appears almost in passing. [Others](https://foreignpolicy.com/2020/07/28/oh-god-not-the-peloponnesian-war-again/?ref=schweizermonat.ch) have pointed – rightly – to the obsession among American theorists with treating Greco-Roman classics as ultimate authorities (another case in point being ‘[Sallust’s Theorem](https://www.jstor.org/stable/26215815?ref=schweizermonat.ch)’), arguing instead that lessons should be drawn from Asian history. Constructivists would go further, concluding that since everything is merely a narrative, any historical comparison is futile and nobody can ever learn anything from anything anyway. Yet while history may not repeat itself, it famously rhymes. And a vital detail has been overlooked in recent commentary: it was not the American guest, but the Chinese president himself who invoked the metaphor of the ‘trap’. Xi Jinping – one of the two pivotal players on the global chessboard – evidently sees the concept as a powerful political frame. ## Between ‘Conflict Avoidance’ and ‘Wolf Warrior’ Diplomacy It would be easy to dismiss this as mere mimicry, assuming Xi was merely borrowing an American conceptual framework. But the rhetoric fits neatly into the president’s long-standing intellectual framework. As early as 2014, he [emphasised](https://www.scmp.com/news/china/article/1550184/confrontation-us-would-be-disaster-says-president-xi-jinping?page=all&ref=schweizermonat.ch) that US-China relations must be built on “mutual respect”, “no confrontation or conflict”, and “win-win cooperation”, warning that once China and the United States enter into confrontation, “it would surely spell disaster for both countries.” By the late 2010s, however, the tone of Chinese foreign policy began to shift. Public pronouncements grew sharper, more assertive, and increasingly nationalist – a rhetorical shift that peaked during the early stages of the COVID-19 pandemic in 2020–21\. Named after a popular Chinese [action film franchise](https://en.wikipedia.org/wiki/Wolf%5FWarrior?ref=schweizermonat.ch), this aggressive style became known as ‘Wolf Warrior’ diplomacy. Graham Allison would likely have viewed this as a textbook manifestation of the ‘Rising Power Syndrome’. In many capitals of the world – not least Taipei – this muscle-flexing caused profound alarm. It is telling, then, that the ‘Wolf Warrior’ style was quietly shelved after 2021\. Today, Beijing has returned to invoking the rules-based order, world peace, and the ‘common interests of humanity’. After all, we all live “under heaven”. ## “All Under Heaven” This pacifist rhetoric draws on an entirely different philosophical concept, one revived and developed since the 2000s by the Beijing-based political philosopher Zhao Tingyang: *Tianxia*, which translates literally as “all under heaven”. Zhao anchors his thesis to an idealised reconstruction of the hegemonial system that prevailed under the ancient Western Zhou Dynasty (1046–771 BC), which supposedly guaranteed stability and peace. The Zhou ruled over only a modest core territory in the North China Plain, yet they exercised a universal, moral authority known as the ‘Mandate of Heaven’. Their heartland acted like a whirlpool, drawing neighbouring principalities into its orbit through the pull of the mandate and the cultural and material power of the Zhou. This school of thought departs sharply from Western political thinking, which historically trace back to the atomised structure of the Greek city-states (*poleis*). *Tianxia* recognises no separate nation-states; instead, it conceptualises the world as a single, indivisible community, elevating the globe itself to the primary political actor. Zhao demands a radical shift in thinking: the world must no longer be viewed as a mere geographical object to be conquered and exploited by imperial powers. In Zhao’s philosophical blueprint, the *Tianxia* system relies on a rigorous ‘world internalisation’. It is conceived as a system that possesses only interiority and, in principle, no ‘outside’. Consequently, the distinction between ‘friend’ and ‘enemy’, or ‘us’ and ‘them’ – so foundational to Western political thought – ceases to make sense. While modern Western politics rests on division, border-drawing, and national egoism, *Tianxia* aims to integrate every culture and nation into a single, inclusive order of coexistence, systematically transforming hostility into hospitality. Within this logic, war is never a legitimate tool of statecraft, but proof of its failure. Methodologically, Zhao contrasts Western individual utility-maximisation with ‘relational rationality’. The priority is not self-interest, but the minimisation of mutual harm to make cooperation possible in the first place. Deeply rooted in Confucian philosophy, this approach operates on the principle of collective improvement: an actor may only optimise their own position if doing so simultaneously improves the lot of everyone else. Only when the world is understood as a global *Tianxia*, Zhao argues, can transnational scourges like war, pandemics, or climate change be effectively tackled. > «The Tianxia system relies on a rigorous ‘world internalisation’. It is conceived as a system that possesses only interiority and, in principle, no ‘outside’.» For the governance of *Tianxia*, Zhao proposes an epistocratic constitutional model inspired by the ancient advisor Jizi. Arguing that democracies invariably degenerate into a ‘tyranny of the majority’, he advocates for a ‘Smart Democracy’. This system would feature a representative assembly divided equally between representatives of ‘the people’, the natural sciences, and the humanities. While the popular representatives retain the right of initiative to put forward ‘desirable options’, the academic representatives would act as an elite filter, testing, weighing and, if necessary, rejecting proposals. Only the wisest decisions become law. The People’s Republic of China occupies the central role in this construction. Because the concept is of ancient Chinese origin, Beijing is presented as the natural vanguard of this order, tasked with expanding *Tianxia* as a new, cosmopolitan order across the entire globe – drawing the world into its new whirlpool. Under this logic, a genuine global community can only be realised if Beijing extends material support to other actors for the collective good, while deploying digital networks to gradually convince the world's population of their ‘shared interests’. National policies pursued in defiance of this collective will would become increasingly untenable, gradually bringing the world into a *Tianxia* order. > «China’s global infrastructure projects and digital networks – most notably the Belt and Road Initiative and platforms like TikTok – form the modern whirlpool. Beijing entices partners with material backing while algorithms shape the worldviews of a global youth.» One might dismiss Zhao’s ideas as mere academic daydreaming. Yet there are unmistakable signals that China’s foreign policy under Xi Jinping actively pursues this very logic. Official communiqués from the Chinese Communist Party – and, since 2018, the Chinese Constitution – call for the creation of a ‘Community of Common Destiny’, a concept that overlaps heavily with Zhao’s theory. China’s global infrastructure projects and digital networks – most notably the *Belt and Road Initiative* and platforms like TikTok – form the modern whirlpool. Beijing entices partners with material backing while algorithms shape the worldviews of a global youth. The deeper the world sinks into this current, the more difficult independent national policymaking becomes. The global community is not being conquered; it is being drawn in and transformed. ## The Impotence of Small States What does this renaissance of classicist concepts in 21st-century imperial power politics mean for small third-party states such as Switzerland? Both the American preoccupation with the ‘Thucydides Trap’ and the Chinese counter-model of *Tianxia* carry fundamental risks for unaligned small nations. While Allison’s model reduces the international system to a binary, merciless duel between Washington and Beijing – in which third states are degraded to mere diplomatic ballast – Zhao’s *Tianxia* eliminates the very concepts of the nation-state and sovereignty altogether. Where there is no longer an ‘outside’, classical neutrality loses its foundation in international law. > «Both the American preoccupation with the ‘Thucydides Trap’ and the Chinese counter-model of Tianxia carry fundamental risks for unaligned small nations.» Crucially, international organisations like the United Nations, which traditionally serve as shields for smaller states, are dismissed as ineffective or obsolete by both schools of thought. Zhao, for instance, distinguishes between the ‘international politics’ of the UN and its members – which he characterises as laudable but ultimately impotent – and the ‘world politics’ within a future *Tianxia*. For Switzerland, as a custodian of multilateral international law and a prominent diplomatic hub, a world ordered along these lines would be catastrophic. Geneva’s diplomatic bedrock loses its meaning if global issues are decided either in a nuclear stalemate between two giants or within a collectivised, epistocratic world community tailored to Beijing’s tastes. If history is indeed rhyming and classicising concepts are being invoked, small states must listen closely. It is no longer enough to analyse the rhetoric of great powers solely through a Western, Eurocentric lens. To maintain strategic agency in tomorrow’s geopolitics, one must understand the philosophical foundations of both sides – and prepare for a future world order negotiated somewhere between the battlefield and the imperial garden. ### Nichts neues unter dem Himmel: Was die chinesische Denktradition zum globalen Machtkampf zu sagen hat URL: https://www.schweizermonat.ch/nichts-neues-unter-dem-himmel-was-die-chinesische-denktradition-zum-globalen-machtkampf-zu-sagen-hat/ Last updated: 2026-08-18T11:24:56.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/07/nichts\_neues\_unter\_dem\_himmel\_was\_die\_chinesische\_denktradition\_zum\_globalen\_machtkampf\_zu\_sagen\_hat.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/07/nichts%5Fneues%5Funter%5Fdem%5Fhimmel%5Fwas%5Fdie%5Fchinesische%5Fdenktradition%5Fzum%5Fglobalen%5Fmachtkampf%5Fzu%5Fsagen%5Fhat.mp3) Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/nothing-new-under-heaven-ancient-chinese-thought-and-the-modern-struggle-for-global-hegemony/). Das kürzliche Treffen der geopolitischen Giganten war von enormer Aussagekraft. Als der US-amerikanische Präsident Donald Trump vom 13\. bis 15\. Mai auf Staatsbesuch in Peking weilte, fragte sein chinesischer Konterpart Xi Jinping auf einer gemeinsamen Pressekonferenz rhetorisch: Lässt sich die sogenannte «Thukydides-Falle» vermeiden? Könnten globale Herausforderungen nicht besser gemeinsam angegangen werden, um mehr Stabilität in die Welt zu bringen? Einen Tag später führte der Gastgeber den amerikanischen Präsidenten durch den ehemals kaiserlichen Zhongnanhai-Garten – heute Hauptquartier der Kommunistischen Partei Chinas –, eine seltene Ehre für fremde Staatsoberhäupter, die Trump sichtlich schmeichelte. Die westliche Presse stürzte sich daraufhin auf die «Thukydides-Falle» als politologisches Modewort. Benannt nach dem altgriechischen Historiografen Thukydides (ca. 460 – ca. 395 v. Chr.), der in seiner «Geschichte des Peloponnesischen Krieges» schrieb: «Es war der Aufstieg Athens und die daraus resultierende Furcht Spartas, die den Krieg unvermeidbar machten.» Jener Krieg (431–404 v. Chr.) galt als allumfassender Bruderkrieg zwischen den Stadtstaaten (*Poleis*) Athen und Sparta sowie ihren Bündnispartnern. Er endete zwar mit dem Sieg Spartas, hinterliess aber alle griechischen Staaten in chronischer Erschöpfung. ## Antike Konzepte für moderne Geopolitik Ausgehend von dieser Aussage versuchte in den 2010er-Jahren der amerikanische Politikwissenschafter Graham Allison, daraus ein überzeitliches Prinzip staatlicher Handlungsmuster zu identifizieren und auf das amerikanisch-chinesische Verhältnis anzuwenden, dessen Ergebnisse er 2017 in seinem Buch «Destined for War» zusammenfasste. Er identifizierte zwei psychologische Triebkräfte beziehungsweise «Syndrome», die historische Grossmachtkonflikte befeuern: - Das **«Aufstrebende-Macht-Syndrom»** (*Rising Power Syndrome*): ein gesteigertes Selbstwertgefühl der wachsenden Macht, das mit dem Anspruch auf mehr Anerkennung, Respekt und einer Neugestaltung der geopolitischen Regeln einhergeht. - Das **«Herrschende-Macht-Syndrom»** (*Ruling Power Syndrome*): tiefe Verlustängste, Paranoia und Statusunsicherheit der etablierten Macht, die jedes Verhalten des Aufsteigers als Provokation deutet. Die giftige Symbiose der beiden Syndrome führte schliesslich, so Allison, zur «Thukydides-Falle». Er führt 16 recht willkürlich ausgewählte Konflikte der abendländischen Geschichte an, in denen er glaubt, ein solches Muster entdeckt zu haben. Jedoch räumt er ein, dass es nur in 12 von 16 Konflikten letztlich zum Krieg kam. In den übrigen konnte ein reger diplomatischer Verkehr den aufbrausenden Konflikt einhegen, bevor er sich zu einem alles verzehrenden Feuer auswachsen konnte – eine Blaupause, die Allison auch für das heutige Verhältnis zwischen Washington und Peking empfiehlt. Kritik an diesem Konzept gibt es reichlich: Thukydides wollte keine zeitlose weltpolitische Konstante stiften, sondern schlicht den tragischen Krieg in seiner Heimat analysieren; der berühmte Satz fällt in seinem Werk fast beiläufig. [Andere](https://foreignpolicy.com/2020/07/28/oh-god-not-the-peloponnesian-war-again/?ref=schweizermonat.ch) haben, wohl zu Recht, auf die Obsession US-amerikanischer Theoretiker mit griechisch-römischen «Klassikern» als Autoritäten hingewiesen (ein anderes Beispiel wäre wohl «[Sallust’s Theorem](https://www.jstor.org/stable/26215815?ref=schweizermonat.ch)») und fordern, stattdessen Lehren aus der asiatischen Geschichte zu ziehen. Konstruktivisten würden sogar argumentieren, dass letztlich jeder historische Vergleich müssig sei und niemand sich etwas jemals aus irgendetwas erschliessen könnte. Nun, Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber sie reimt sich bekanntlich. Und ein entscheidendes Detail ging in der bisherigen medialen Betrachtung unter: Es war nicht der amerikanische Gast, sondern der chinesische Präsident selbst, der die Metapher der «Falle» in den Mund nahm. Zumindest Xi Jinping – und damit einer der beiden Hauptakteure auf dem globalen Schachbrett – glaubt offenbar fest an die Wirkmächtigkeit dieses Narrativs. ## Zwischen «Konfliktvermeidung» und «Wolf Warrior»-Diplomatie Man könnte abwinken und behaupten, Xi nutze den Begriff bloss, um von den Amerikanern in ihrer eigenen konzeptuellen Sprache verstanden zu werden. Doch die Rhetorik fügt sich nahtlos in frühere Denkmuster des Präsidenten. Bereits 2014 [betonte](https://www.scmp.com/news/china/article/1550184/confrontation-us-would-be-disaster-says-president-xi-jinping?page=all&ref=schweizermonat.ch) er, das US-chinesische Verhältnis müsse auf «gegenseitigem Respekt», «Konfliktvermeidung» und einer «Win-win-Kooperation» fussen: «Sobald China und die Vereinigten Staaten in eine Konfrontation geraten, bedeutet dies für beide Länder eine Katastrophe.» Ende der 2010er-Jahre begann sich jedoch der Ton der chinesischen Politik und Diplomatie zu verändern: Öffentliche Äusserungen wurden schärfer, dominanter, aggressiver gegenüber anderen Staaten und nationalistischer – einen Höhepunkt fand diese Rhetorik zu Beginn der Corona-Pandemie 2020/21\. Nach einem populären chinesischen [Actionfilm](https://en.wikipedia.org/wiki/Wolf%5FWarrior?ref=schweizermonat.ch) wurde dieser veränderte Stil als «Wolf Warrior»-Diplomatie bezeichnet. Graham Allison hätte darin wohl ein Lehrbuchbeispiel für das «Aufstrebende-Macht-Syndrom» gesehen. In vielen Hauptstädten – nicht zuletzt in Taipeh – löste dieses Muskelspiel tiefes Unbehagen aus. Wohl auch deshalb wurde der «Wolf Warrior»-Stil nach 2021 klammheimlich wieder eingemottet. Stattdessen beschwört Peking heute wieder die regelbasierte Ordnung, den Weltfrieden und die gemeinsamen Interessen der Menschheit. Denn schliesslich leben wir alle «unter dem Himmel». ## «Alles unter dem Himmel» Die friedliebende Rhetorik knüpft dabei an ein anderes Konzept an, das vom Pekinger politischen Philosophen Zhao Tingyang seit den 2000er-Jahren herausgearbeitet worden ist: «*Tianxia*», was so viel bedeutet wie «alles unter dem Himmel». Er knüpft damit an ein Hegemonialsystem an, das – seiner idealisierten Rekonstruktion zufolge – unter der antiken Westlichen Zhou-Dynastie (1046–771 v. Chr.) vorgeherrscht und Stabilität und Frieden gesichert habe. Die Zhou beherrschten damals nur ein bescheidenes Kernland in der nordchinesischen Ebene, übten aber über das *Tianxia*\-Prinzip eine universelle, moralische Autorität aus, die als «Mandat des Himmels» bezeichnet wurde. Ihr Kernland wirkte wie ein «Strudel», indem es benachbarte Fürstentümer durch dieses Mandat und die kulturelle wie materielle Vormacht der Zhou allmählich an sich band. > «Das Tianxia-System ist als ein System gedacht, das nur Internalität und prinzipiell kein «Aussen» besitzt.» Dieses Denken bricht radikal mit dem westlichen Politikbegriff, der historisch auf die atomisierte Struktur der griechischen Stadtstaaten (*Poleis*) zurückgeht. *Tianxia* kennt keine separaten Nationalstaaten, sondern denkt die Welt als gemeinsame, unteilbare Grossgemeinschaft – und erhebt sie zum eigentlichen politischen Akteur. Zhao fordert eine radikale Kehrtwende im Denken: Die Welt darf nicht länger als blosses geografisches Objekt betrachtet werden, das von imperialen Mächten erobert und ausgebeutet wird. In Zhaos philosophischem Entwurf basiert das *Tianxia*\-System auf einer konsequenten «Welt-Internalisierung». Es ist als ein System gedacht, das nur Internalität und prinzipiell kein «Aussen» besitzt. Dadurch verliert die im westlichen Denken so fundamentale Unterscheidung zwischen «Freund» und «Feind» oder «Wir» und «die anderen» ihre Gültigkeit. Während die moderne westliche Politik auf Spaltung, Grenzziehung und nationalem Egoismus beruhe, zielt *Tianxia* darauf ab, jede Kultur und Nation in eine einzige inklusive Ordnung der Koexistenz einzubinden und Feindseligkeit systematisch in (Gast-)Freundschaft zu verwandeln. Kriege sind in dieser Logik kein legitimes Mittel der Politik, sondern der explizite Beweis für ihr Scheitern. Methodisch stellt Zhao in seinem Idealkonstrukt der westlichen Nutzenmaximierung des Einzelnen eine «relationale Rationalität» gegenüber. Nicht der eigene Profit steht im Vordergrund, sondern die Minimierung gegenseitiger Schäden, um Kooperation überhaupt erst zu ermöglichen. Ganz im Sinne der konfuzianischen Philosophie gilt das Prinzip der kollektiven Verbesserung: Ein Akteur darf seine Lage nur dann optimieren, wenn sich dadurch gleichzeitig die Lage aller anderen verbessert. Erst wenn die Welt als globale *Tianxia* verstanden wird, lassen sich laut Zhao transnationale Geisseln wie Kriege, Pandemien oder der Klimawandel effektiv bekämpfen. Auch einen epistokratischen Verfassungsentwurf nach Vorbild des antiken Ratgebers Jizi schlägt Zhao für die *Tianxia* vor: Da Demokratien seiner Meinung nach immer in eine «Tyrannei der Mehrheit» entarten, schlägt er eine «Smart Democracy» vor: Diese würde eine Repräsentativversammlung beinhalten, in der Vertreter des «Volkes» sowie der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften zu gleichen Teilen vertreten wären. Die Volksvertreter behalten zwar das Initiativrecht und bringen «wünschenswerte Optionen» vor, doch die Wissenschaft fungiert als elitärer Filter, der die Vorschläge prüft, wiegt und gegebenenfalls für zu leicht befindet. Nur die weiseste Entscheidung wird Gesetz. Der Volksrepublik China kommt in diesem Konstrukt eine zentrale Rolle zu: Da das Konzept altchinesischen Ursprungs sei, wäre China gewissermassen in einer ideellen «Vorreiterrolle», um die *Tianxia* als neue, kosmopolitische Ordnung auf die gesamte Welt auszuweiten – die Welt würde daher in den neuen «Strudel» hineingezogen werden. Dies würde bedeuten, dass die Weltgemeinschaft nur realisiert werden könnte, indem sie materielle Unterstützung anderen Akteuren – zum gemeinschaftlichen Wohle – zukommen lässt und durch digitale Netzwerke die Weltbevölkerung nach und nach von «gemeinsamen Interessen» überzeugt, sodass auch ideell eine «Weltgemeinschaft» entsteht. Nationalstaatliche Politik gegen diese «gemeinsamen Interessen» einer «Weltgemeinschaft» würde somit schwieriger und schwieriger werden, sodass die Welt allmählich in eine *Tianxia* übergehen würde. > «Chinas globale Infrastrukturprojekte und digitale Netzwerke bilden den modernen Strudel. Peking lockt andere Akteure mit materieller Unterstützung und formt über Algorithmen die ideellen Vorstellungen einer globalen Jugend.» Man mag die Gedanken Zhaos nur für ein theoretisches Konstrukt halten, jedoch gibt es deutliche Signale, dass Chinas Aussenpolitik unter Xi Jinping das Ziel der *Tianxia* ausdrücklich verfolgt. So heisst es in öffentlichen Verlautbarungen der Kommunistischen Partei Chinas (und seit 2018 auch in der chinesischen Verfassung), dass eine «Schicksalsgemeinschaft der Menschheit» hergestellt werden solle mit Zielen, die sich mit der *Tianxia*\-Theorie Zhaos überschneiden. Chinas globale Infrastrukturprojekte und digitale Netzwerke – man denke an die «Neue Seidenstrasse» (*Belt and Road Initiative*) oder Plattformen wie TikTok – bilden den modernen Strudel. Peking lockt andere Akteure mit materieller Unterstützung und formt über Algorithmen die ideellen Vorstellungen einer globalen Jugend. Je tiefer die Welt in diesen Sog gerät, desto schwieriger wird nationale Politik, die sich gegen diese vermeintlich universellen Interessen stellt. Die Weltgemeinschaft wird nicht erobert – sie wird eingesaugt und transformiert. ## Die Ohnmacht der Kleinen Was bedeutet nun diese Renaissance antikisierender Konzepte in der Grossmachtpolitik des 21\. Jahrhunderts für kleine Drittstaaten wie die Schweiz? Sowohl das amerikanische Denken in der «Thukydides-Falle» als auch das chinesische Gegenmodell der *Tianxia* bergen für unbeteiligte Kleinstaaten wie die Schweiz fundamentale Risiken. Während Allisons Modell das internationale System auf ein binäres, unbarmherziges Duell zwischen Washington und Peking reduziert, in dem Drittstaaten zu blossen Manövriermassen degradiert werden, eliminiert Zhaos *Tianxia* die Idee des Nationalstaates und der Souveränität gleich ganz. Wo es kein «Aussen» mehr gibt, verliert auch die klassische Neutralität ihre völkerrechtliche Grundlage. > «Sowohl das amerikanische Denken in der «Thukydides-Falle» als auch das chinesische Gegenmodell der Tianxia bergen für unbeteiligte Kleinstaaten wie die Schweiz fundamentale Risiken.» Besonders brisant: Internationale Organisationen wie die UNO, die traditionell als Schutzmechanismen für kleinere Staaten dienen, werden in beiden Denkschulen *de facto* als ineffektiv oder überflüssig abgetan: Zhao unterscheidet beispielsweise explizit zwischen der «internationalen Politik» der UNO und ihrer Mitglieder, die er zwar als lobenswert, aber wirkungslos charakterisiert, und der «Weltpolitik» innerhalb der zukünftigen *Tianxia*. Für die Schweiz als Hüterin des multilateralen Völkerrechts und profilierten Diplomatiestandort wäre eine Welt, die sich nach diesen Mustern ordnet, verheerend. Das Genfer Pflaster verliert an Bedeutung, wenn globale Fragen entweder im nuklearen Patt zweier Giganten oder in einer kollektivierten, epistokratischen Weltgemeinschaft nach Pekinger Gusto entschieden werden. Wenn sich die Geschichte also schon «reimt» und antikisierende Konzepte postuliert werden, dann sollten Kleinstaaten genau hinhören. Es reicht nicht mehr aus, die Rhetorik der Grossmächte nur durch die westliche, eurozentrische Brille zu analysieren. Um in der Geopolitik von morgen handlungsfähig zu bleiben, muss man die philosophischen Fundamente beider Seiten verstehen – und sich darauf einstellen, dass die Zukunft der Weltordnung wohl irgendwo zwischen dem Schlachtfeld und dem kaiserlichen Garten verhandelt wird. ### Bei Chatbots kann die Schweiz nicht mit Amerika mithalten – trotzdem kann sie zur KI-Grossmacht werden URL: https://www.schweizermonat.ch/bei-chatbots-kann-die-schweiz-nicht-mit-amerika-mithalten-trotzdem-kann-sie-zur-ki-grossmacht-werden/ Last updated: 2026-08-18T11:25:17.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/07/bei\_chatbots\_kann\_die\_schweiz\_nicht\_mit\_amerika\_mithalten\_trotzdem\_kann\_sie\_zur\_ki-grossmacht\_werden\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/07/bei%5Fchatbots%5Fkann%5Fdie%5Fschweiz%5Fnicht%5Fmit%5Famerika%5Fmithalten%5Ftrotzdem%5Fkann%5Fsie%5Fzur%5Fki-grossmacht%5Fwerden%5Fmale.mp3) Als Angela Merkel das Internet 2013 als «Neuland» bezeichnete, war der Spott gross. Heute, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, wirkt die Debatte erstaunlich vertraut. Wieder dominieren Unsicherheit, Regulierungsfragen und die Sorge, den Anschluss nicht zu verlieren. Doch wer jetzt in reine Defensivhaltung verfällt, übersieht, dass vermeintliche Standortnachteile kein Hindernis für spätere Innovationssprünge sein müssen. Die Schweizer Wirtschaftsgeschichte führt das eindrücklich vor Augen. Über Jahrhunderte war die Schweiz weder Technologie- noch Innovationsstandort. Sie war ein agrarisch geprägter Kleinstaat ohne Zugang zum Meer, ohne nennenswerte Rohstoffe und ohne industrielle Grosszentren. Heute hingegen verteidigt sie regelmässig Spitzenplätze in internationalen Innovationsrankings und zählt zu den wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Nirgendwo zeigt sich dieses Prinzip «Aufholen durch kluge Abweichung» so deutlich wie in der wohl bekanntesten Schweizer Erfolgsgeschichte: der Uhrmacherei. Kaum ein Gewerbe wird heute so sehr mit der Schweiz in Verbindung gebracht. Erfunden wurde es jedoch anderswo. Das Handwerk gelangte im 16\. Jahrhundert mit hugenottischen Flüchtlingen nach Genf und breitete sich von dort in die Westschweiz und die Juraregion aus. Noch über zwei Jahrhunderte hinweg lag das Zentrum der Branche jedoch nicht in der Schweiz, sondern in England. Die Schweiz holte den Rückstand auf ihre eigene Weise auf. Sie verzichtete darauf, zu den Bedingungen der Konkurrenz anzutreten. Während die Engländer grössere Werkstätten bauten, wurden die Schweizer kleiner, präziser und spezialisierter. Um die Mitte des 19\. Jahrhunderts hatten sie Grossbritannien als führende Uhrennation abgelöst. Das Muster dahinter ist typisch schweizerisch: spät in den Markt eintreten, sich auf Qualität und Spezialisierung konzentrieren und Wertschöpfung dort schaffen, wo andere vor allem auf Masse setzen. Diese Strategie prägte den Wirtschaftsstandort Schweiz lange vor der Gründung des Bundesstaates. Diese Strategie funktionierte zwei Jahrhunderte lang, weil sich die Technologie langsam genug veränderte. Eine Taschenuhr von 1750 glich der von 1850\. Die Schweiz hatte Zeit. Heute hat sie das nicht. Ein neues, innovatives KI-Modell ist nach achtzehn Monaten bereits eine Fussnote. Bis die Schweiz ihr eigenes GPT baut, hat sich der Stand der Technik zweimal geändert. Gerade deshalb ist der helvetische Reflex, auf Tiefe statt Breite zu setzen, aktueller denn je. Nur auf der falschen Ebene: beim Wettbewerb um Basismodelle. Dort gewinnt nicht der mit dem meisten Spezialwissen, sondern der mit der grössten Rechenleistung und den meisten Daten. ## Zwei Ebenen, eine Debatte Wer in der Schweiz über KI redet, muss zwei Ebenen trennen: die Workflow-Ebene für Büro und Alltag und die Intelligence-Ebene für Industrie und Wissenschaft. Fast niemand tut das. Ohne diese Unterscheidung fliessen Milliarden in die Basismodelle – dort kann die Schweiz nicht gewinnen. Mit der Unterscheidung entsteht ein Weg, nicht durch Nachahmung, sondern durch Spezialisierung. Beginnen wir mit der Ebene, die kein Schweizer Alleinstellungsmerkmal ist: der Workflow-Ebene. Sie umfasst die Werkzeuge, die jeder kennt: ChatGPT, Microsoft Copilot, Google Gemini. KI-Agenten, die E-Mails entwerfen, Dokumente zusammenfassen, Code generieren. Diese Ebene ist beeindruckend und nützlich, doch sie wird in rasantem Tempo zur austauschbaren Massenware. OpenAI, Google, Anthropic und Meta bauen alle die gleiche Klasse grosser Sprachmodelle, trainiert auf dem gleichen Internet, zugänglich über die gleiche API. Der Preis pro Token sinkt jedes Quartal. In drei Jahren ist Workflow-KI so unspektakulär wie eine Suchmaschine. Die zweite Ebene ist folgenreicher und weit weniger diskutiert: die Intelligence-Ebene. Es sind Modelle, die nicht mit allgemeinen Internetdaten trainiert werden, sondern mit den eigenen proprietären Daten eines Unternehmens, jenseits von Sprache: jahrzehntelange Messreihen aus der Produktion, technische Zeichnungsarchive, klinische Studiendatenbanken. Diese Modelle beantworten keine allgemeinen Fragen. Sie beantworten Fragen, die kein Konkurrent beantworten kann, weil kein Konkurrent die Daten hat. Die Workflow-Ebene macht Mitarbeiter schneller. Die Intelligence-Ebene macht Organisationen schlauer. Die eine ist ersetzbar. Die andere ist ein dauerhafter Wettbewerbsvorteil – und genau dorthin muss die Schweiz investieren. ## Die erste Ebene hat Amerika bereits gewonnen Wer ernsthaft über ein europäisches Gegenstück zu GPT-6 nachdenkt, führt den falschen Krieg. Die USA haben dieses Rennen gewonnen. Die Tech-Giganten haben jahrelang Milliarden in Recheninfrastruktur, Forschungstalente und Modellarchitekturen gesteckt – das kann Europa im grossen Stil nicht replizieren. Das ist kein Grund zur Verzweiflung. Es ist ein Fakt, der die richtige Schlussfolgerung verlangt: aufhören zu imitieren, anfangen zu differenzieren. Die Intelligence-Ebene ist ein grundlegend anderer Wettbewerb. Sie läuft nicht mit allgemeinen Daten, sondern mit den Daten, die Schweizer Industrieunternehmen über Jahrzehnte aufgebaut haben: fünfzig Jahre klinische Forschung in der Pharmabranche, vierzig Jahre Materialeigenschaften in der Chemie, dreissig Jahre Produktionsdaten im Maschinenbau. Kein amerikanisches Modell hat Zugriff darauf. Kein chinesisches. Niemand. Das ist das eigentliche KI-Kapital der Schweiz. Und derzeit liegt der grösste Teil davon brach – verteilt auf tausende Festplatten, in unstrukturierten Dateiverzeichnissen, unzugänglich für unternehmensweite KI-Modelle. ## Digitale Souveränität braucht eine neue Definition Die politische Debatte über KI-Souveränität konzentriert sich fast ausschliesslich auf Infrastruktur: Wo werden die Daten gespeichert? Welcher Cloud-Anbieter? Welcher Regulierungsrahmen? Diese Fragen sind nicht falsch. Sie sind nur unzureichend. Ein Unternehmen, das seine Kundendaten auf einem Schweizer Server mit einem europäischen Cloud-Anbieter speichert, aber sämtliche KI-Inferenzen über eine Schnittstelle in San Francisco abwickelt, ist nicht souverän. Es hat die Daten lokalisiert, aber die KI ausgelagert. Das ist wie das Tagebuch zu Hause aufzubewahren, aber einen Fremden alle Schlüsse daraus ziehen zu lassen. Digitale Souveränität bedeutet: Wer eine KI mit seinen eigenen Daten baut, muss diese KI auch kontrollieren können. Nicht weil ein Gesetz es verlangt, sondern weil sonst ein anderer die Kontrolle hat. Die Abhängigkeit von amerikanischen Grundmodellen ist real. Heute ist sie unsichtbar, weil die technischen Schnittstellen funktionieren, die Preise fallen und die Bequemlichkeit verlockend ist. Aber jede Organisation, die ihre industrielle Intelligenz an eine externe Schnittstelle auslagert, gibt mit der Zeit ihr wichtigstes Wettbewerbsgut auf: die Fähigkeit, schneller als jeder andere aus ihren eigenen Daten zu lernen. ## Schweizer Präzision als KI-Strategie Was hat die Schweiz tatsächlich, das sie auszeichnet? Nicht Grösse. Nicht billige Energie. Nicht einen grossen Binnenmarkt. Sie hat Präzision, institutionelles Vertrauen und Daten. Seit Jahrzehnten sind Schweizer Unternehmen in Branchen tätig, in denen Präzision nicht verhandelbar ist: Pharmaforschung, Präzisionsfertigung, wissenschaftliche Instrumente, Finanzdienstleistungen, Uhrmacherei. In jedem dieser Bereiche sind über Jahre und Jahrzehnte proprietäre Datenbestände entstanden: Testprotokolle, Messaufzeichnungen, technische Spezifikationen, Schadenverläufe. Diese Bestände gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Sie sind der Rohstoff der Intelligence-Ebene. Und sie warten darauf, genutzt zu werden. > «Ein Schweizer Industrieunternehmen führt Microsoft Copilot ein, um E-Mails zusammenzufassen, und nennt das seine KI-Strategie. Dabei liegt auf seinen eigenen Servern ein Datensatz, der, richtig modelliert, die Produktentwicklungszyklen halbieren könnte.» Dass der Schweizer Datenschatz nicht genutzt wird, ist ein Muster, das sich quer durch alle Branchen zeigt. Ein Schweizer Industrieunternehmen führt Microsoft Copilot ein, um E-Mails zusammenzufassen, und nennt das seine KI-Strategie. Dabei liegt auf seinen eigenen Servern ein Datensatz, der, richtig modelliert, die Produktentwicklungszyklen halbieren könnte. Eine KI-Strategie entscheidet sich nicht an der Wahl eines Modells, sondern an der Frage: Welche eigenen Daten werden genutzt? Und wer besitzt das Wissen, das daraus entsteht? Wer diese Fragen nicht beantworten kann, mietet KI. Wer sie beantwortet, baut sie mit den eigenen Daten, mit Modellen, die die eigenen Stärken vertiefen statt nivellieren. Nur die zweite Form ist eine nachhaltige KI-Strategie. Die erste ist ein Abonnement, das jeder Konkurrent ebenfalls abschliessen kann. Die Schweiz braucht kein eigenes GPT. Sie braucht keine Milliarden für Rechenzentren, die mit amerikanischer und chinesischer Infrastruktur konkurrieren. Seien wir ehrlich: Kein Schweizer Unternehmen wird je bessere Hyperscale-Rechenzentren bauen als Amazon, Microsoft oder Google – auch in fünf Jahren nicht. Was die Schweiz braucht, ist eine koordinierte Wette auf der richtigen Flughöhe: sowohl Top-down als auch Bottom-up. Top-down braucht es eine politische Debatte, die die Schweiz bisher vermieden hat. Die zentrale Frage lautet nicht, wie sich künstliche Intelligenz möglichst umfassend regulieren lässt. Sie lautet, wie die Schweiz Zugang zu den notwendigen Rechenkapazitäten erhält und gleichzeitig die Hoheit über ihre Daten und ihr Wissen bewahrt. Das ist kein Widerspruch, sondern die realistische Strategie einer kleinen, offenen Volkswirtschaft. Der Bund sollte deshalb nicht primär neue Vorschriften erlassen, sondern als strategischer Partner auftreten. Er muss mit den grossen Cloud-Anbietern und Infrastrukturbetreibern verhandeln, auf deren Rechenleistung die Schweizer Wirtschaft angewiesen sein wird, und Rahmenbedingungen schaffen, die Innovation ermöglichen und zugleich die Kontrolle über Schweizer Daten sichern. > «Nicht die Grösse ist die Stärke der Schweiz, sondern ihre Fähigkeit zur Spezialisierung.» Handlungsbedarf besteht aber auch Bottom-up: In Schweizer Sitzungszimmern kreist die Debatte häufig um die Einführung eines KI-Chatbots für den Kundendienst. Das mag sinnvoll sein, ist aber keine Strategie. Der Fokus liegt damit auf dem Werkzeug, nicht auf dem eigentlichen Wettbewerbsvorteil: Welche besseren Entscheidungen könnte ein Unternehmen treffen, wenn es seine eigenen Daten systematisch auswerten und für die Unternehmenssteuerung nutzbar machen würde? Wie gesagt: Jedes Schweizer Industrieunternehmen verfügt über einen Datenschatz, den kein Konkurrent kopieren kann. Doch nur wenige nutzen ihn konsequent. Statt aus ihren Daten eigene Erkenntnisse, Prognosen und Wettbewerbsvorteile zu gewinnen, beschränken sie sich oft auf den Einsatz standardisierter KI-Werkzeuge. Der entscheidende Gedanke fehlt in vielen Schweizer KI-Debatten: Die Schweiz muss das Silicon Valley nicht kopieren. Sie muss ihre eigenen Stärken ausspielen. Nicht die Grösse ist die Stärke der Schweiz, sondern ihre Fähigkeit zur Spezialisierung. Wer nicht über die grössten Datenzentren verfügt, muss über das tiefste Branchenwissen, die besten Daten und die überzeugendsten Anwendungen verfügen. Die Daten dafür sind längst vorhanden. Die Infrastruktur lässt sich beschaffen. Was fehlt, ist der Wille, in jene Ebene zu investieren, auf der nachhaltige Wertschöpfung entsteht. ### Schweizer Nati oder Marokko? Mein Herz schlägt für beide – aber aus unterschiedlichen Gründen URL: https://www.schweizermonat.ch/schweizer-nati-oder-marokko-mein-herz-schlaegt-fuer-beide-aber-aus-unterschiedlichen-gruenden/ Last updated: 2026-09-23T20:31:59.000Z 0:00 /239 1× Loyalität zum Staat ist eine politische Haltung. Sie beruht auf den Werten der Aufklärung: der Freiheit des Einzelnen, sein Leben nach eigener Vernunft zu führen, und der Pflicht, diese Freiheit auch dort zu verteidigen, wo sie einem selbst missfällt. Diese Loyalität wird nicht vererbt, sie ist eine Entscheidung, die jede Generation neu treffen muss – gerade heute, wo die Aufklärung von den Rändern des politischen Spektrums her belagert wird: von rechts, wo man die universellen Rechte wieder an Herkunft binden möchte, und von links, wo man sie als westliches Herrschaftsinstrument denunziert und im Namen der Empfindlichkeit dem kollektiven Urteil unterwirft. Wer diese Werte verächtlich macht, ist kein loyaler Bürger, so makellos sein Stammbaum auch sein mag. Umgekehrt hat, wer sich die Aufklärung bewusst angeeignet hat, weil er aus Erfahrung weiss, was ihre Abwesenheit kostet, oft ein präziseres Verhältnis zu ihr als jene, für die sie bloss Kulisse ist. Der deutsche Philosoph Habermas nannte das «Verfassungspatriotismus»; die Schweiz nennt es seit je Willensnation. ## Erzählungen werden gemacht Nun kenne ich den nicht dummen Einwand: Der nackte Verfassungspatriotismus wärmt nicht. Der deutsche Jurist Böckenförde hat klassisch formuliert: Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Niemand weint bei der Lektüre der Bundesverfassung. Gemeinschaften brauchen Erzählungen, ein «Wir». Auch die Willensnation hat ihre Mythen: Rütlischwur, Tell, Marignano. > «Die Schweizer Mythen erzählen von Bund und Widerstand, nicht von Blut.» Nur: Man muss diese Mythen einmal wirklich lesen. Der Rütlischwur erzählt von einem Vertrag – Männer verschiedener Talschaften schwören einander Beistand gegen fremde Willkür. Die Szene ist Legende, aber das Dokument, das hinter ihr steht, der Bundesbrief von 1291, ist tatsächlich ein Vertrag: Wo andere Nationen sich einen Stammvater erfinden, erfindet sich die Schweiz eine Vertragsunterzeichnung. Tell erzählt von einem Einzelnen, der sich weigert, vor dem Hut eines Vogts zu kuschen. Und Marignano als Geburtsstunde der Neutralität ist bekanntlich eine Rückprojektion des 19\. Jahrhunderts, was zeigt, dass nationale Erzählungen gemacht werden – und was gemacht ist, kann man sich aneignen, auch als Eingebürgerter. Die Schweizer Mythen erzählen von Bund und Widerstand, nicht von Blut. ## Das langweiligste Spiel meines Lebens Und der Fussball? Der ist weder Verfassung noch Mythos, sondern etwas Drittes: Erinnerung. Was für Proust die Madeleine war, ist für mich ein WM-Spiel Marokkos: ein unwillkürlicher Auslöser, der eine versunkene Welt zurückholt. Was genau da zurückkehrt, tut nichts zur Sache; es genügt zu wissen, dass es einer Kindheit gehört und keiner Politik. Darum schaue ich Marokkos Spiele mit Freude, und ja, ich würde mich freuen, wenn die Mannschaft weiterkommt. Der Dichter Jean Paul nannte die Erinnerung das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können – kein Pass der Welt verlangt, dass man es verlässt. Diese Freude ist Nostalgie, und sie hat mit meiner staatsbürgerlichen Loyalität zur Schweiz so viel zu tun wie das Essen meiner Grossmutter mit dem Steuerrecht. Ein Spiel Schweiz gegen Marokko wäre für mich kein Loyalitätskonflikt, sondern eine Begegnung, an dem meine Kindheit gegen meine Gegenwart antritt. Als Drama taugt das wenig, das gebe ich zu – es wäre das langweiligste Spiel meines Lebens. Denn egal, wer gewinnt: Ich gewinne mit. ### Inflation Is Always a Tax – and a Very Regressive One URL: https://www.schweizermonat.ch/inflation-is-always-a-tax-and-a-very-regressive-one/ Last updated: 2026-07-15T20:16:06.000Z _No content available._ ### Weltmeister der Humorlosigkeit URL: https://www.schweizermonat.ch/weltmeister-der-humorlosigkeit/ Last updated: 2026-08-05T09:21:34.000Z _No content available._ ### PowerPoint baut keine Häuser: Mit der Schwächung der Berufsbildung verspielt die Schweiz ihre grösste Stärke URL: https://www.schweizermonat.ch/powerpoint-baut-keine-haeuser-mit-der-schwaechung-der-berufsbildung-verspielt-die-schweiz-ihre-groesste-staerke/ Last updated: 2026-08-18T11:25:58.000Z Die Schweiz wurde nicht von Akademikern im Elfenbeinturm aufgebaut, sondern von Menschen, die gearbeitet haben. Von Handwerkern, Unternehmern, Maurern, Landwirten, Mechanikern, Elektrikern und Köchen. Von Menschen, die früh aufstanden, Verantwortung übernahmen und konkrete Probleme lösten. Schweizer Wohlstand entstand historisch nie durch Theorie allein, sondern dort, wo Unternehmertum, technische Exzellenz, praktische Arbeit und Innovationskraft zusammenkamen. Persönlichkeiten wie Alfred Escher legten mit dem Eisenbahnausbau, der Gotthardbahn, der Gründung der Kreditanstalt und der Mitgestaltung der ETH das Fundament für den wirtschaftlichen Aufstieg der Schweiz. Aus dieser Verbindung von Praxis, Leistung und Innovation entstand eine der grössten Stärken unseres Landes: das duale Bildungssystem. Ein System, um das uns die Welt beneidet. Während andere Länder Massenuniversitäten aufbauten und ihre Jugend in akademische Sackgassen schickten, setzte die Schweiz auf Praxisnähe, Eigenverantwortung und Leistung. Mit Erfolg: tiefe Jugendarbeitslosigkeit, hohe Innovationskraft und ein Arbeitsmarkt, der über Jahrzehnte besser funktionierte als fast überall sonst. Die Schweiz verstand etwas, das viele Länder vergessen haben: Nicht jeder Mensch muss studieren, um erfolgreich zu sein. Und nicht jede wichtige Arbeit entsteht im Büro oder Hörsaal. Ich weiss, wovon ich spreche. Mein eigener Weg zeigt anschaulich, warum das duale Bildungssystem so wertvoll ist. Ich begann 2014 eine Lehre als Koch mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). Kein Prestigejob, keine Universität, keine akademischen Titel, sondern Küche, Hitze, Stress, 12-Stunden-Schichten, Wochenendarbeit, brennende Hände. Wer nie in einer Küche gearbeitet hat, versteht nicht, was dort passiert. Wenn am Samstagabend 120 Gäste gleichzeitig bestellen, interessiert sich niemand für Ausreden. Dann musst du funktionieren. Die Bons rattern aus der Maschine. Vorne sitzen Gäste, die Leistung erwarten. Hinten herrschen 40 Grad, Zeitdruck und Chaos. Trotzdem muss jeder Teller stimmen. Dort lernte ich, Verantwortung zu übernehmen. Dort lernte ich Disziplin. Dort lernte ich Belastbarkeit. Dort lernte ich, auch unter Druck ruhig zu bleiben. So konnte ich mich früh selbst organisieren, mehrere Dinge gleichzeitig im Kopf zu behalten, Prioritäten zu setzen, Fehler sofort zu korrigieren, im Team zu funktionieren. Denn in einer Küche kannst du noch so talentiert sein, wenn das Team nicht funktioniert, bricht alles zusammen. ## Überangebot an Akademikern Dieses Erfolgsmodell zerstören wir gerade mutwillig. Heute wird jungen Menschen eingeredet, eine Lehre sei nur die zweite Wahl. Wer nicht studiert, könnte nach diesem Verständnis eigentlich «mehr aus sich machen». Das Gymnasium gilt als Königsweg, die Berufslehre als Auffangbecken. Ich habe schon gehört, wie Eltern über ein Kind, das eine Lehre macht, sagen, es habe es «leider nicht geschafft». Eine absurde Entwicklung, denn die Realität sieht längst anders aus. Während Lehrstellen unbesetzt bleiben, füllen sich die Hörsäle mit Studenten, für die der Arbeitsmarkt oft gar keinen Platz mehr hat. Der Schweizerische Arbeitgeberverband warnt inzwischen offen vor einem Überangebot an Akademikern.[ Seit 2010 ist die Zahl arbeitsloser Personen mit universitärem Masterabschluss um rund 70 Prozent gestiegen, während sie bei Personen mit beruflicher Grundbildung gleichzeitig um rund 40 Prozent gesunken ist](https://www.arbeitgeber.ch/klarsicht-wirtschaft/ein-land-mit-fachkraeftemangel-und-zunehmend-arbeitslosen-akademikern/?ref=schweizermonat.ch). Warum? Weil der Arbeitsmarkt eben nicht unendlich viele Soziologen oder Philosophen braucht, sondern Menschen mit praktischen Fähigkeiten, die Maschinen reparieren, Stromnetze bauen, Häuser planen, Lebensmittel produzieren oder eine Produktionsanlage am Laufen halten. > «Der Schweizerische Arbeitgeberverband warnt inzwischen offen vor einem Überangebot an Akademikern.» Die höhere Berufsbildung zeigt seit Jahren, wie es besser geht: praxisnah, marktorientiert und direkt mit der Wirtschaft verbunden. Absolventen der höheren Berufsbildung sind praktisch vollbeschäftigt. Kein Wunder. Sie lernen nicht jahrelang abstrakte Theorie, sondern arbeiten von Anfang an im echten Leben. Und trotzdem pumpen wir immer mehr junge Menschen an die Universitäten. [Seit den 2000er-Jahren hat sich der Anteil der Bevölkerung mit Hochschulabschluss nahezu verdreifacht.](https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/bildungsindikatoren/indicators/abschlussquote-hs.html?ref=schweizermonat.ch) [Gleichzeitig verfehlte die Schweiz ihr Bildungsziel, wonach 95 Prozent aller Jugendlichen bis zum Alter von 25 Jahren einen Abschluss auf Sekundarstufe II erwerben sollen, um fünf Prozentpunkte.](https://www.srf.ch/news/schweiz/neuer-bildungsbericht-frage-an-forscher-wie-gut-ist-das-schweizer-bildungssystem?ref=schweizermonat.ch) Die Schweiz produziert immer mehr Akademiker, aber der Arbeitsmarkt nimmt sie nicht im gleichen Tempo auf. Das Resultat sind überqualifizierte Absolventen, die Mühe haben, Fuss zu fassen, während gleichzeitig Handwerker, Techniker und Fachkräfte fehlen. Das ist nicht Fortschritt, das ist eine Fehlentwicklung. ## Der Fachkräftemangel ist selbstgemacht Wer glaubt, diese Entwicklung sei ein rein schweizerisches Problem, irrt. Andere Länder zeigen bereits heute eindrücklich, welche gravierenden Folgen eine fortschreitende Überakademisierung haben kann. [In Grossbritannien ist der Arbeitsmarkt mit Akademikern derart übersättigt, dass selbst Absolventen renommierter Universitäten wie Oxford oder Cambridge erst nach Jahren eine passende Stelle finden.](https://www.theguardian.com/society/2026/jun/11/young-ambitious-out-of-work-unemployment?ref=schweizermonat.ch) [Inzwischen sind dort über 700 000 Hochschulabsolventen arbeitslos oder auf Sozialleistungen angewiesen.](https://www.bbc.com/news/articles/c1klry2rjm0o?ref=schweizermonat.ch) Wenn wir die Berufsbildung weiter schwächen und wenn immer mehr junge Menschen an die Hochschulen drängen, droht der Schweiz dieselbe Fehlentwicklung – mit allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Eine Volkswirtschaft funktioniert nicht nur mit Leuten, die Konzepte schreiben, Strategien entwickeln und Sitzungen moderieren. Sie funktioniert vor allem durch Menschen, die konkrete Probleme lösen. Und genau dort beginnt die eigentliche Gefahr der Überakademisierung. Wenn immer mehr junge Menschen an die Universität gedrängt werden, fehlen sie dort, wo die Schweiz sie dringend braucht: im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege, auf dem Bau, in technischen Berufen oder im Gastgewerbe. Der Fachkräftemangel fällt nicht einfach vom Himmel – wir produzieren ihn zunehmend selbst. Bereits heute fehlen Elektriker, Sanitärinstallateure, Polymechaniker, Pflegefachkräfte, Köche, Chauffeure oder Automatiker. Gleichzeitig sitzen immer mehr Menschen mit akademischen Abschlüssen in Bürojobs, die wenig zum konkreten gesellschaftlichen oder praktischen Bedarf beitragen, oder finden gar keinen passenden Einstieg in den Arbeitsmarkt. Man kann keine Häuser mit PowerPoint bauen, keine Maschinen mit Strategiepapieren reparieren, kein Restaurant mit theoretischen Konzepten führen und kein Land dauerhaft erfolgreich halten, wenn immer weniger Menschen bereit sind, reale Wertschöpfung zu leisten. ## Wer bezahlt das? Besonders absurd wird es, wenn man auf die Finanzierung blickt. Ein Universitätsstudium kostet den Staat je nach Fachrichtung zehntausende Franken pro Jahr. [Über die gesamte Studienzeit bezahlt der Steuerzahler durchschnittlich rund 120 000 Franken pro Student.](https://www.business.uzh.ch/dam/jcr:d1560609-e6d1-4380-bf6d-c9bb28fff89f/K57%5FWer%5Fsoll%5Fdie%5FStudiengeb%C3%BChren%5Fbezahlen%5FNebelspalter.pdf?ref=schweizermonat.ch) Bei medizinischen Studiengängen liegen die Kosten noch deutlich höher. [Der Büezer mit Berufslehre kostet die öffentliche Hand laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) mit rund 16 000 Franken pro Lehrjahr weniger als halb so viel wie ein Hochschulstudent – und zahlt erst noch deutlich früher in den Steuertopf ein.](https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/bildungsindikatoren/indicators/bildungsausgaben-kopf.html?ref=schweizermonat.ch) Und trotzdem gilt heute oft derjenige als «erfolgreicher», der mit 29 noch den zweiten Master anhängt und anschliessend 60 Prozent arbeiten will, damit «die Work-Life-Balance stimmt». Entschuldigung, aber irgendwann muss man diese Frage stellen dürfen: Wer bezahlt das alles eigentlich? Der Sanitärinstallateur, die Pflegefachfrau, der Elektriker oder der Lastwagenchauffeur stehen seit ihrem 16\. Lebensjahr morgens um sechs Uhr auf und finanzieren mit ihren Steuern ein Bildungssystem, in dem sich andere bis weit über 25 bequem einrichten. Und danach nur noch Teilzeit arbeiten wollen und der Gesellschaft für ihre teure Ausbildung kaum etwas zurückgeben. Natürlich braucht die Schweiz Akademiker, gute Akademiker, Ärzte, Ingenieure, Naturwissenschafter und Juristen. Gerade in den MINT-Fächern besteht ein realer volkswirtschaftlicher Bedarf. Die Schweiz verdankt akademischer Forschung auch bedeutende Errungenschaften. Das World Wide Web wurde am CERN in Genf entwickelt, unsere Hochschulen und forschungsintensiven Unternehmen tragen wesentlich zur Innovationskraft unseres Landes bei. Es geht also nicht um eine Geringschätzung akademischer Bildung, sondern um die richtige Balance zwischen Forschung, Unternehmertum und praktischer Wertschöpfung. Problematisch wird es dort, wo der Staat durch immer neue Stellen in der Bundesverwaltung, in staatsnahen Betrieben und in öffentlich finanzierten Apparaten künstlich Nachfrage nach Abschlüssen schafft, deren unmittelbarer Beitrag zur realen Wertschöpfung zumindest fraglich ist. Ohne diese aufgeblähten Strukturen wäre die Arbeitslosigkeit unter Absolventen gewisser Sozial- und Geisteswissenschaften wohl deutlich sichtbarer. Genau deshalb ist die von den Jungfreisinnigen geforderte Verwaltungsbremse längst überfällig – nicht nur für mehr Fairness auf dem Arbeitsmarkt zwischen Privatwirtschaft und staatlichem Sektor, sondern auch, um die falschen Anreize im Bildungssystem endlich zu korrigieren. ## Erfahrung im Durchbeissen Mein beruflicher Weg führte mich später doch noch an die Universität. Erst dort erkannte ich, welch unschätzbaren Wert mir die Lehre mitgegeben hatte. Die Fähigkeiten, die ich in der Küche erworben hatte, haben mir an der Universität oft mehr gebracht als manchem Gymnasiasten sein perfektes Schulzeugnis. Denn fachlich war ich am Anfang sicher nicht auf Augenhöhe. Studenten aus dem Gymnasium hatten mathematisch einen Vorsprung. Viele Inhalte waren für mich komplett neu. Aber viele von ihnen hatten nie gelernt, mit echtem Druck umzugehen, nie erlebt, was es heisst, körperlich erschöpft trotzdem Leistung bringen zu müssen. > «Die Fähigkeiten, die ich in der Küche erworben hatte, haben mir an der Universität oft mehr gebracht als manchem Gymnasiasten sein perfektes Schulzeugnis.» Ich kannte das bereits mit 16\. Ich wusste, wie man sich durchbeisst. Während andere beim ersten Gegenwind zusammenbrachen, dachte ich mir oft nur: Ganz ehrlich? Das hier ist immer noch angenehmer als Samstagabendservice. Nach einigen Jahren Berufserfahrung absolvierte ich den Fachausweis als Chefkoch und den Berufsbildner. Ich durfte Lernende ausbilden und Verantwortung übernehmen. Der Weg war hart, aber genau das machte ihn wertvoll. Denn Entwicklung entsteht selten in der Komfortzone. Der eigentliche Wendepunkt kam während der Coronazeit. Zum ersten Mal entdeckte ich das Lernen neu. Ich wollte verstehen, tiefer gehen und mich weiterentwickeln. Also absolvierte ich die Berufsmaturität und anschliessend die Passerelle. Plötzlich war ich an der Universität: in einer Welt, die ich früher ehrlich gesagt immer etwas belächelt hatte. Eine Welt, die ich als elitär und arrogant abstempelte. Nun habe ich meinen Master in Mathematik an der Universität Zürich abgeschlossen. Und genau deshalb sage ich: Die Lehre ist kein Hindernis. Sie ist ein Fundament. Ohne die Küche hätte ich ein anspruchsvolles universitäres Studium nie geschafft. Nicht wegen der Fachkenntnisse, sondern wegen der Mentalität, wegen der Disziplin, wegen der Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn es unangenehm wird. ## Denken und Machen kombinieren Das duale Bildungssystem lebt genau von dieser Durchlässigkeit. Von der Idee, dass sich Menschen entwickeln können, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Dass ein Koch später Mathematik studieren kann. Dass ein Handwerker Unternehmer werden kann. Dass praktische und akademische Bildung gleichwertig sind. Doch diese Balance gerät zunehmend unter Druck. Heute zählt oft mehr der Titel als die Fähigkeit. Lebensläufe werden an Diplomen gemessen, nicht an Erfahrung. Wer mit 19 studiert, gilt als ambitioniert. Wer mit 19 eine Lehre macht, muss sich erklären. Dabei war die Schweiz immer dann stark, wenn Denken und Machen zusammenkamen. Unsere Stärke war nie eine Gesellschaft aus möglichst vielen Akademikern, sondern immer die Balance. Die Balance zwischen Theorie und Praxis, zwischen Hörsaal und Werkstatt, zwischen Analyse und Umsetzung. Wenn wir anfangen, die Berufslehre als zweitklassig zu behandeln, verlieren wir nicht nur Lehrlinge. Wir verlieren genau jene Menschen, die dieses Land im Alltag tragen. Und wenn wir diese Balance verlieren, verlieren wir irgendwann mehr als nur ein Bildungssystem. Dann verlieren wir einen Teil der Schweiz selbst. Denn dann verlieren wir die grösste Stärke unseres Landes – hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte, die anpacken, Verantwortung übernehmen und dieses Land tagtäglich am Laufen halten. ### Der Ausbau der Sozialleistungen überfordert den Staat – nicht nur finanziell URL: https://www.schweizermonat.ch/der-ausbau-der-sozialleistungen-ueberfordert-den-staat-nicht-nur-finanziell/ Last updated: 2026-09-23T20:42:16.000Z 0:00 /250 1× «Die Schweiz ist ein reiches Land, es ist viel Geld da», [sagte](https://www.nebelspalter.ch/themen/2024/02/daniel-lampart-wir-muessen-europameister-im-lohnschutz-sein-feusi-federal-ep-130?ref=schweizermonat.ch) Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbunds, vor der Volksabstimmung über die 13\. AHV-Rente 2024\. Und [betonte](https://www.blick.ch/politik/sinkende-sozialbeitraege-erweitern-spielraum-fuer-13-ahv-rente-so-viel-rente-fuers-geld-gibts-nur-in-der-ahv-id19368317.html?ref=schweizermonat.ch): Der Ausbau sei «problemlos finanzierbar». Wie problemlos, das hat sich nun in der Sommersession des Parlaments gezeigt. Dieses will die Mehrwertsteuer um 0,4 Prozentpunkte auf 8,5 Prozent erhöhen – und zwar nicht befristet, sondern dauerhaft. Zusammen mit der ebenfalls geplanten Erhöhung zugunsten der Armee nähert sich die Schweiz bei der Mehrwertsteuer in schnellen Schritten den Ländern im europäischen Umfeld an. Dabei finanziert der Zustupf erst die Hälfte der 13\. Rente. Und die finanziellen Aussichten für die AHV haben sich jüngst Auch an anderen Fronten weitet der Staat in der Schweiz seine Leistungen aus. Der Anteil der Personen, die individuelle Prämienverbilligungen für die Krankenversicherung erhalten, ist inzwischen auf fast ein Drittel gestiegen, wie die Denkfabrik Avenir Suisse jüngst [aufzeigte](https://www.avenir-suisse.ch/blog-die-nebenwirkungen-der-praemienverbilligung-in-der-krankenversicherung/?ref=schweizermonat.ch). Das belastet die Allgemeinheit auf zweifache Weise: einerseits durch die höheren Ausgaben, andererseits, weil Leute, die Prämienverbilligungen beziehen, eher eine tiefere Franchise wählen und damit tendenziell mehr Leistungen beanspruchen. > «Dem Staat wird in westlichen Demokratien zunehmend die Verantwortung übertragen, die Bürger vor jeglichem Ungemach zu schützen oder – besser noch – ihr Glück zu garantieren.» **Leistungen bis weit in den Mittelstand** Der Schweizer Sozialstaat wächst in einem atemberaubenden Tempo. Allein die Sozialausgaben des Bundes haben seit 2003 pro Kopf real [um ein Drittel zugenommen](https://www.avenir-suisse.ch/publication/der-weg-zu-gesunden-bundesfinanzen/?ref=schweizermonat.ch). In anderen europäischen Ländern zeigt sich eine ähnliche Tendenz. Dem Staat wird in westlichen Demokratien zunehmend die Verantwortung übertragen, die Bürger vor jeglichem Ungemach zu schützen oder – besser noch – ihr Glück zu garantieren. Die Sozialleistungen fliessen nicht mehr primär zu jenen, die sie wirklich nötig haben, sondern – siehe Prämienverbilligungen und 13\. AHV-Rente – [in den Mittelstand und darüber hinaus](https://schweizermonat.ch/der-mittelstand-verteilt-zu-sich-selbst-um/?ref=schweizermonat.ch). Damit überfordert sich der Staat jedoch doppelt. - Zum einen **finanziell**: Wenn der Sozialstaat nicht mehr den Nöten der Ärmsten, sondern dem Komfort des Mittelstands dient, wird er sehr schnell sehr teuer. Das schmälert die Leistungsbereitschaft der steuerzahlenden Personen. So frisst der Staat mittelfristig sein eigenes wirtschaftliches Fundament weg. - Doch nicht nur finanziell überfordert sich der Staat, sondern auch **moralisch**. Er droht seine eigene Legitimation zu untergraben. > «Wenn der Sozialstaat nicht mehr den Nöten der Ärmsten, sondern dem Komfort des Mittelstands dient, wird er sehr schnell sehr teuer.» **Böckenfördes Warnung** Darauf wies bereits der Staatsrechtler und Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde hin. Er wurde bekannt durch sein [Diktum](https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-Diktum?ref=schweizermonat.ch) in einem Aufsatz von 1967: «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.» Der Gedanke, den er daran anschloss, erlangte weniger Bekanntheit. Böckenförde fragte sich, wie der Staat den Zusammenhalt der Gesellschaft aufrechterhalten könnte, wenn die Religion als Bindungskraft an Bedeutung verliert. «Der Staat kann versuchen, diesem Problem zu entgehen, indem er sich zum Erfüllungsgaranten der eudämonistischen Lebenserwartung der Bürger macht und daraus die ihn tragende Kraft zu gewinnen sucht.» Damit eröffne sich allerdings ein «grenzenloses» Feld: Der Staat werde «auf den Weg gedrängt, die Verwirklichung der sozialen Utopie zu seinem Programm zu erheben». Die Worte Böckenfördes wirken heute geradezu prophetisch. Der Sozialstaat verfolgte einst das bescheidene Ziel, Personen in Not ein Auffangnetz zu bieten. Heute weckt er zunehmend die Erwartung, den Bürgern ein Rundum-sorglos-Paket zu bieten. Doch ein Staat, der «die Verwirklichung der sozialen Utopie» verspricht, wird zwangsläufig scheitern. Die Enttäuschung und der Vertrauensverlust, die er damit auslöst, bergen ein destruktives Potenzial, das man lieber nicht erleben möchte. ### Ein schweizerisches Lebensprinzip ist in Gefahr URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-schweizerisches-lebensprinzip-ist-in-gefahr/ Last updated: 2026-08-18T11:26:37.000Z Die grösste Gemeinsamkeit aller Schweizerinnen und Schweizer – unabhängig von ihrer parteipolitischen Herkunft – ist die Hochachtung gegenüber ihrer Demokratie. Die einen legen grossen Wert auf die Neutralität, andere auf die nachhaltige Entwicklung oder auf einen starken Sozialstaat. Was sie jedoch alle eint, ist der Grundsatz, dass die Bürgerinnen und Bürger selbst bestimmen sollen, wie der Staat und die Politik zu handeln haben. Die Schweizer sind deshalb so überzeugte Demokraten, weil sie alle schon Niederlagen an der Urne erlebt haben. Sie kennen die Spielregeln: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man – und akzeptiert, dass der «Laden» manchmal nicht so läuft, wie man es selbst gerne hätte. Entscheidend ist dabei das wechselseitige Vertrauen, dass auch die andere Seite diese Spielregeln respektiert und Mehrheitsentscheide, die zu ihren Ungunsten ausfallen, anerkennt. Diese Selbstverständlichkeit bildet die Grundlage des friedlichen Zusammenlebens in der Schweiz und ist Voraussetzung für alle Errungenschaften, die dieses Land hervorgebracht hat. Demokratie wirkt friedensstiftend. Sehr unbefriedigend ist es, wenn der Volkswille nicht oder nur ungenügend umgesetzt wird. Viele halten dies für ein neues Phänomen, doch das ist es nicht. Das verfassungsrechtliche Versprechen einer Mutterschaftsversicherung wurde bereits 1945 gegeben, aber erst 2005 eingelöst. Volksentscheide müssen respektiert und umgesetzt werden, selbst wenn man sie inhaltlich für falsch hält. Beispielsweise habe ich sowohl die Alpeninitiative als auch die Masseneinwanderungsinitiative abgelehnt. Dennoch ärgert es mich, dass beide nicht korrekt umgesetzt wurden. Es geht mir dabei nicht primär um das sachpolitische Ergebnis, sondern um den Schutz der Demokratie, die ich so sehr schätze. Sie ist das Fundament aller anderen Errungenschaften dieses Landes. Wir Schweizerinnen und Schweizer befinden uns durch die häufigen Urnengänge praktisch permanent in einem demokratischen Prozess. Es vergeht kaum ein Quartal ohne Wahl- oder Abstimmungskampf. Während in anderen Ländern Politik vor allem hinter den Türen von Parlamenten und Parteizentralen stattfindet, ist sie bei uns ein dauerhafter, öffentlicher und volksnaher Vorgang. Keine andere Demokratie kennt eine vergleichbare Dynamik. Die halbdirekte Demokratie schafft einzigartige Wechselwirkungen zwischen ständiger direkter Volksbeteiligung und repräsentativer Politik. ## Besondere demokratische Legitimität Die Bundesverfassung trägt diesem hohen Stellenwert der Volkssouveränität Rechnung. Gemäss Art. 190 BV darf das Bundesgericht Bundesgesetze nicht auf ihre Verfassungsmässigkeit prüfen oder aufheben. Es ist verpflichtet, sie grundsätzlich anzuwenden. Selbst wenn es ein Gesetz für verfassungswidrig hält, darf es dieses nicht ausser Kraft setzen – es kann es lediglich möglichst verfassungskonform auslegen. Damit ist die richterliche Kontrolle über vom Parlament beschlossene Gesetze stark eingeschränkt. Der Grund für die Zurückhaltung des Bundesgerichts liegt in der besonders starken demokratischen Legitimation der Bundesgesetze. Diese werden vom Parlament beschlossen – jener Gewalt, die am unmittelbarsten vom Volk legitimiert ist. Daraus ergibt sich eine klare Überordnung der Legislative gegenüber Exekutive und Judikative: Das Parlament steht dem Volk am nächsten, weshalb seine Gesetze eine besondere demokratische Autorität geniessen. Zudem kann jedes Gesetz mit einem Referendum bekämpft werden. Daher versucht das Schweizer Parlament, jedes Gesetz möglichst referendumssicher zu gestalten. Es will kein Gesetz verabschieden, das später an der Urne scheitert. Wird kein fakultatives Referendum ergriffen, gilt das Gesetz als vom Volk akzeptiert. In anderen Staaten fehlt den Gesetzen oft diese unmittelbare demokratische Rückbindung. Während dort parlamentarische Mehrheiten häufig ausreichen, um Gesetze zu schaffen, die dann von Verfassungsgerichten leicht gekippt werden können, hat in der Schweiz jedes Bundesgesetz eine besonders starke demokratische Legitimation. Genau das macht unser System einzigartig und erklärt zugleich, warum das Bundesgericht eine solche Zurückhaltung übt. ## Internationale Regeln dominieren Dieses einzigartige System hat jedoch in den letzten Jahrzehnten Risse erhalten. Bundesrat und Bundesverwaltung haben durch ihre ständige Befassung mit den Staatsgeschäften eine faktische Machtstellung erlangt, welche die verfassungsrechtlich vorgesehene Überordnung der Legislative teilweise untergräbt. Dadurch verschiebt sich das Machtgleichgewicht weg vom direkt legitimierten Parlament und hin zur Verwaltung. > «Bundesrat und Bundesverwaltung haben durch ihre ständige Befassung mit den Staatsgeschäften eine faktische Machtstellung erlangt, welche die verfassungsrechtlich vorgesehene Überordnung der Legislative teilweise untergräbt.» Hinzu kommen Einflüsse von aussen: Vorgaben supranationaler Organisationen, völkerrechtliche Verpflichtungen und auch sogenanntes *Soft Law*. Eine unrühmliche Rolle spielt dabei das Bundesgericht: Seit einem [Urteil](http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?highlight%5Fdocid=atf%3A%2F%2F139-I-16%3Ade&lang=de&type=show%5Fdocument&ref=schweizermonat.ch) aus dem Jahr 2012 anerkennt es den grundsätzlichen Vorrang des Völkerrechts – namentlich der Europäischen Menschenrechtskonvention – auch gegenüber der Bundesverfassung. Was als rechtstechnische Frage erscheinen mag, hat eine tiefe demokratische Dimension: Immer mehr Entscheidungen, die eigentlich vom Souverän oder dessen direkt legitimierten Vertretern getroffen werden sollten, werden durch internationale Verpflichtungen und Gerichtsentscheide vorweggenommen oder eingeschränkt. Dies schwächt die direkte Einflussmöglichkeit des Volkes und stellt die Kernidee der Volkssouveränität auf die Probe. ## Stärkere Einschränkung als der EWR Für mich steht ausser Frage, dass die Annahme der neuen Verträge mit der EU einen erheblichen und fundamentaleren Eingriff in die demokratische Ordnung der Schweiz darstellen würde als seinerzeit der EWR-Vertrag von 1992\. Diese Abkommen würden nicht nur weite Teile des EU-Rechts dynamisch übernehmen, sondern auch eine institutionelle Aufsicht durch EU-Gremien sowie Streitbeilegungsmechanismen mit möglichen Ausgleichsmassnahmen der EU vorsehen. Damit würden sie die Souveränität von Volk, Parlament und Kantonen deutlich stärker beschränken als der EWR. Da diese Verträge das zentrale Prinzip unserer Verfassungsordnung – die direkte Demokratie – im Kern berühren, habe ich das doppelte Mehr (Volks- und Ständemehr) von Anfang an befürwortet. Der EWR wurde 1992 einem obligatorischen Referendum mit doppeltem Mehr unterstellt. Bei einem noch tiefer gehenden Eingriff wäre es nur konsequent, auch heute dieselbe Hürde anzuwenden. > «Eine Demokratie, in der der Volkswille durch völkerrechtliche oder institutionelle Zwänge systematisch ausgehöhlt wird, verliert langfristig ihre lebendige Kraft.» Aus denselben Gründen bleibt meine Haltung gegenüber diesem Vertragspaket skeptisch bis ablehnend. Der Schutz der Schweizer Demokratie und des Grundsatzes der Volkssouveränität geht für mich allen anderen Interessen vor. Eine Demokratie, in der der Volkswille durch völkerrechtliche oder institutionelle Zwänge systematisch ausgehöhlt wird, verliert langfristig ihre lebendige Kraft und damit genau das, was die Schweiz seit jeher ausmacht: das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger, dass sie letztlich selbst über ihr politisches Schicksal bestimmen. ### Die besten Wissenschafter sind professionelle Zweifler URL: https://www.schweizermonat.ch/die-besten-wissenschafter-sind-professionelle-zweifler/ Last updated: 2026-08-05T09:22:05.000Z Beitrag von Thomas Zurbuchen ### «Europa macht Wettbewerb gegen uns» URL: https://www.schweizermonat.ch/europa-macht-wettbewerb-gegen-uns/ Last updated: 2026-07-02T13:10:28.000Z _No content available._ ### «Die Schweiz läuft erst los, wenn die anderen schon in die erste Kurve einbiegen» URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-laeuft-erst-los-wenn-die-anderen-schon-in-die-erste-kurve-einbiegen/ Last updated: 2026-09-23T20:41:19.000Z 0:00 /742 1× ***Thomas Zurbuchen, entschuldige, dass ich mit einer vermeintlich dummen Frage anfange, aber sie beschäftigt mich schon seit meiner Kindheit: Gibt es Ausserirdische?*** Ich nehme an, dass es sie gibt. Doch das ist bislang eine reine Hypothese – wissen tun wir es nicht. Bisher haben wir keine eindeutigen Anzeichen für ausserirdisches Leben gefunden. Es gibt zwar potentielle Kandidaten, etwa für bakterielles Leben, und natürlich beobachten wir immer wieder Phänomene, die wir nicht sofort erklären können. Aber auch bei diesen fehlt der Beweis, dass tatsächlich Ausserirdische dahinterstecken. Wenn wir uns jedoch die Dimensionen vor Augen führen – allein in unserer Galaxie gibt es hunderte Milliarden Planeten mit der Chance auf Leben –, ist die Wahrscheinlichkeit enorm hoch. ***Die Trump-Administration hat kürzlich bisher geheime Dokumente zu Ufos und angeblichen Ufo-Sichtungen veröffentlicht. Kanntest du diese schon?*** Ja, viele dieser Dokumente waren mir natürlich bekannt. Sie waren zwar nicht öffentlich, aber den Experten bekannt. Wenn man sie analysiert, bleibt das Fazit: Es gibt viele Phänomene, die wir noch nicht verstehen. Einen grossen Teil der Beobachtungen können wir allerdings erklären. Manchmal handelt es sich um einen Kameraeffekt, um einen Satelliten oder eine Spiegelung. Aber es bleibt ein gewisser Teil übrig, den wir nach wie vor nicht erklären können. ***Aber die Akten liefern keine Beweise, dass uns Ausserirdische schon besucht haben?*** Nein. Und ganz ehrlich: Hätte ich solche Beweise gesehen, hätten wir sie auch öffentlich gemacht. Wir haben die Daten, welche die Öffentlichkeit jetzt einsehen kann, sehr gründlich analysiert. Es ist unbestritten ein interessantes Thema und wir sollten definitiv genau hinschauen – aber Beweise für ausserirdische Besuche liegen nicht vor. > «Beweise für ausserirdische Besuche > liegen nicht vor.» ***Du bist in einer freikirchlichen, tief religiösen Familie im Berner Oberland aufgewachsen und bist später Forschungschef der Nasa geworden. War der Bruch mit der Kirche eine zwingende Voraussetzung für diese Karriere?*** Das glaube ich nicht. Es gibt durchaus hochkarätige Wissenschafterinnen und Wissenschafter, die sehr religiös sind. Mein persönlicher Bruch hatte wohl eher mit der spezifischen Natur dieser Gemeinschaft zu tun und wie sie gelebt wurde. Wenn man sich in einer Kirche bewegt, welche die Wissenschaft kategorisch ausschliesst, führt das unweigerlich zum Bruch. ***Teilweise wirken Wissenschafter, selbst wenn sie nicht religiös sind, doch irgendwie religiös. Die Aufforderung «Follow the Science!» beispielsweise hat schon fast irgendwas von einem religiösen Dogma.*** Für mich ist die Wissenschaft keine Glaubensrichtung, sondern eine Methode. Wenn man für einen Marathon trainiert, nutzt man erprobte Trainingsmethoden, die andere vor uns entwickelt haben. Ähnlich verhält es sich mit der Wissenschaft: Sie ist ein Werkzeug, um zu lernen – und zwar durch Experimente, Beobachtungen und das Aufstellen von Hypothesen oder Theorien, die überprüfbare Vorhersagen erlauben. Das ist der Kern von Wissenschaft: Man muss eine These widerlegen können, und am Ende hat das Experiment immer recht. Wenn Wissenschafter also sagen: «Glaubt der Wissenschaft!», meinen sie eigentlich, dass diese Methode robuster ist als jede andere. Sie hängt nicht von einer subjektiven Weltanschauung ab, sondern von der harten Realität der Natur, an der jede Theorie scheitern kann. Wissenschaft ist keine Demokratie. Es spielt keine Rolle, ob tausend Menschen einer Meinung sind; wenn ein Einzelner durch das Experiment recht bekommt, irren die tausend anderen. ***Aber kommt es nicht auch vor, dass die Wissenschaft missbraucht oder unsauber argumentiert wird? Dass man also absolute Fakten deklariert und jeder, der widerspricht, quasi als Ketzer gebrandmarkt wird?*** Forschende sind auch nur Menschen, und natürlich besteht auch in der Wissenschaft die Gefahr, dass man sich plötzlich wie ein religiöser Eiferer verhält. Wenn die eigenen Theorien angezweifelt werden, reagieren manche emotional und erklären Kritiker zu «schlechten Menschen». Das ist falsch. In der Wissenschaft muss jede Theorie angezweifelt werden dürfen. Die besten Wissenschafter sind professionelle Zweifler, keine Gläubigen. Wenn jemand behauptet: «Das letzte Jahr war das heisseste der Geschichte», obwohl es gemäss den Daten das drittheisseste war, dann darf man als Wissenschafter solche ungenauen Dinge nicht unkorrigiert stehen lassen. Das bedeutet keineswegs, dass wir uns keine Sorgen um das Klima machen müssen. Aber Fakten und Daten sind das Fundament der Wissenschaft. Als Politiker mag man zuspitzen, als Wissenschafter muss man exakt sein. Hören Sie sich das Gespräch mit Thomas Zurbuchen als Audio an: ***Du bist vor drei Jahren aus den USA in die Schweiz zurückgekehrt, wo du nun eine Professur an der ETH Zürich innehast. Was hast du in diesen drei Jahren gelernt?*** Wir haben einen neuen, spezialisierten Space-Studiengang aufgebaut – den ersten dieser Art in der Schweiz. Er ist sehr erfolgreich; die ersten Studierenden machen gerade ihren Abschluss. Zudem haben wir einen Inkubator für wissenschaftliche und technische Weltraumforschung ins Leben gerufen sowie ein Start-up-Ökosystem mit mittlerweile rund 90 Start-ups. Ich habe gelernt, dass so etwas in der Schweiz absolut machbar ist. Das war nicht selbstverständlich. Wir waren im internationalen Vergleich im Rückstand und mussten aufholen. Dass es so gut funktioniert hat und wir so viel Unterstützung erfahren haben, hat mich extrem gefreut. Die innovativen Start-ups kamen schneller, als ich dachte. Es gibt hier unglaublich talentierte Leute mit spektakulären Ideen und viel Mut – genau wie ich es aus den USA kenne. Was mich allerdings überrascht hat – und zwar im negativen Sinne –, ist der totale Stillstand auf politischer Ebene. Die Regierung hat auf die neuen, grossen Opportunitäten bis jetzt überhaupt nicht reagiert. Nicht etwa verhalten, sondern gar nicht. Das befremdet mich. ***Was meinst du genau?*** Fast überall in Europa und weltweit steigen die Budgets im Space-Bereich. In der Schweiz hingegen sieht der Budgetentwurf des Bundesrats eine Kürzung um zehn Prozent vor. Man kann lang und breit darüber reden, was angeblich Priorität habe, aber wenn man das Budget um zehn Prozent zusammenstreicht, setzt man ein klares Signal: Der Weltraum ist der Schweiz nicht wichtig. Man darf nicht vergessen: Das ist ein globaler kommerzieller Wettbewerb, vergleichbar mit einem 400-Meter-Sprint. Und die Schweiz läuft erst los, wenn die anderen Länder schon in die erste Kurve einbiegen. ***Könnten die Impulse nicht auch aus der Privatwirtschaft kommen? Das Beispiel SpaceX zeigt doch ein enormes kommerzielles Potenzial.*** Natürlich! Elon Musk hat anfangs rund 70 Millionen Dollar seines Privatvermögens investiert, um die ersten vier Raketen zu finanzieren. Aber der Durchbruch kam durch staatliche Aufträge. Die US-Regierung hatte ein Programm für Raketenstarts ausgeschrieben. Als Musk bewies, dass er es kann, erhielt er einen Regierungsvertrag über eine Milliarde Dollar. Ich sage nicht, dass die Schweiz dasselbe tun muss. Aber die Aufgabe einer Regierung ist es, Türen zu öffnen und als strategischer Erstkäufer aufzutreten – und zwar so, dass es der heimischen Industrie hilft. Ohne staatliche Aufträge gäbe es SpaceX heute nicht. Ich habe in Amerika selbst Programme orchestriert, bei denen der Staat als Käufer auftrat. Wir haben damals gesagt: Wir wollen zweimal pro Jahr auf den Mond, aber zu zehn Prozent der herkömmlichen Kosten. Wer kann das liefern? Heute gibt es private Firmen, die genau das tun. ***Welche Firmen sind das?*** Im Moment können das Firefly und Intuitive Machines. Blue Origin und SpaceX stossen nun dazu. Aber es geht nicht ohne staatliche Initialzündungen. Wenn die Regierung nur passiv zuschaut oder Innovationen sogar ausbremst, kommen wir nicht vom Fleck. Länder wie Griechenland, Singapur oder mittlerweile auch Deutschland agieren viel aggressiver als die Schweiz. Wir bewegen uns rückwärts statt vorwärts, und das ist ein echtes Problem. ***Was sind die grössten Unterschiede zwischen den USA und der Schweiz?*** Einen Punkt haben wir gerade besprochen: Die US-Regierung bewegt sich deutlich schneller. Das ist zwar nicht immer ein Vorteil – manchmal steuert man dadurch auch schneller auf eine Fehlentscheidung zu –, aber das System hat eine ganz andere Dynamik. Der zweite grosse Unterschied ist schlicht die Skalierung. Die Investitionen in den USA sind etwa hundertmal grösser. Gewisse Probleme lassen sich dort lösen, für die hier schlicht die Masse fehlt. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Gemeinsamkeiten: Wir haben unglaublich talentierte Menschen und hervorragende Start-ups. Im akademischen Bereich und gerade auch in der Weltraumforschung ist die Schweiz mancher US-Universität sogar einen Schritt voraus. Weil die Voraussetzungen aber unterschiedlich sind, muss auch die Schweizer Strategie eine andere sein. Unser Ziel muss es sein, die beste Schweiz zu werden – nicht eine drittklassige Nasa. Wenn wir international an der Spitze mitspielen wollen, müssen wir unsere einzigartigen Vorteile ausspielen: unsere politische und wirtschaftliche Stabilität sowie die exzellente technische Ausbildung unserer Fachkräfte. ***In einer*** [***Rede***](https://schweizermonat.ch/um-frei-zu-bleiben-muss-die-schweiz-wagen-die-beste-version-von-sich-selbst-zu-sein/?ref=schweizermonat.ch) ***hast du vergangenes Jahr gesagt: «Die Schweiz bleibt nicht frei, indem sie eine kleine Version des Auslands wird. Sie bleibt frei, indem sie die beste Version von sich selbst ist: stur, unabhängig, gut organisiert, hoffnungsvoll und bereit, für ihre Zukunft einzustehen.» Was heisst das konkret?*** Das heisst, dass wir uns bewusst machen müssen, dass das Schweizer Modell ein Erfolgsrezept ist. Die ganze Welt beneidet uns darum. Wir müssen uns die Zukunft neu verdienen, indem wir mutig vorangehen, Risiken eingehen und bereit sind, an den Stellschrauben unseres Systems zu drehen. Die Schweiz ist hervorragend aufgestellt. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns auf dem Status quo ausruhen dürfen. ***«Stur und unabhängig» – das klingt nach einer gewissen Skepsis gegenüber einer zu engen Anbindung an die EU.*** Ich äussere mich selten bis nie zu politischen Fragen. Unabhängigkeit ist für mich in erster Linie eine Denkhaltung. Sie bedeutet keineswegs, dass man nicht mit anderen zusammenarbeitet. Im Gegenteil: Echte Unabhängigkeit erlaubt es uns, partnerschaftlich die besten Synergien zu nutzen. Wenn ich allerdings die europäische Brille aufsetze, bereitet mir die aktuelle Entwicklung grosse Sorgen. Die Schweiz fällt im Weltraumsektor im Vergleich zu den führenden Mächten drastisch zurück; wir stehen heute schlechter da als noch vor drei Jahren. Zudem drohen uns aufstrebende Nationen wie Indien oder auch andere europäische Länder zu überholen. Ein starkes Europa funktioniert nur, wenn die beste Version der Schweiz, die beste Version Deutschlands, Frankreichs, Schwedens und Finnlands zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken. Wenn ich von der Schweizer «Sturheit» spreche, meine ich das positiv: Es ist ein gesundes Selbstbewusstsein, das verhindert, dass wir uns von jedem politischen Wind gleich umwehen lassen. Diese Standfestigkeit sollten wir auch in die europäische Gemeinschaft einbringen. Das schliesst Partnerschaftlichkeit überhaupt nicht aus. Am Ende stelle ich mir aber immer die Frage: Hilft ein Schritt der Schweiz, und hilft er Europa? Und zwar in dieser Reihenfolge. Manche Entwicklungen in der EU hinterlassen jedoch einen faden Beigeschmack. Die präzisesten Weltraumuhren in Europa stammen allesamt aus der Schweiz. Vor 10 bis 15 Jahren hat Europa jedoch entschieden, die Schweiz in diesem Bereich als unzuverlässig einzustufen. Man steckte dreistellige Millionenbeträge in die Entwicklung von Konkurrenzprodukten, nur um sich von der Schweiz unabhängig zu machen. Das ist schlicht unsinnig. So verhalten sich Partner nicht. Insofern ist es nur richtig und legitim, wenn wir auch für unsere eigenen Interessen einstehen. > «Ein starkes Europa funktioniert nur, wenn die beste > Version der Schweiz, die beste Version Deutschlands, > Frankreichs, Schwedens und Finnlands zusammenkommen > und sich gegenseitig verstärken.» ***Was treibt dich persönlich an?*** Mein innerer Kompass war immer, die Welt in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. Ich möchte mich als Werkzeug für etwas Grösseres einbringen. Mich treiben Dinge an, die gesellschaftlich relevant sind: Wissenschaft, Bildung und das Gestalten unserer Zukunft. Ich möchte dem Land, das mir all diese Chancen ermöglicht hat, etwas zurückgeben. ***Du hast einmal gesagt, glückliche Menschen hörten niemals auf zu lernen. Was möchtest du noch lernen?*** Ich lerne jeden Tag etwas Neues. Es gibt kaum Tage, an denen ich keine Antwort finde. Glückliche Menschen sind für mich jene, die erkennen, wie viel Unbekanntes noch vor uns liegt. Aktuell möchte ich vor allem im Bereich der Technologie dazulernen. Ich verbringe viel Zeit mit Unternehmen, die künstliche Intelligenz nutzen, um ökologische und naturwissenschaftliche Prozesse besser zu verstehen. Mich fasziniert auch die Bioakustik – die Entschlüsselung der Sprache von Tieren. Und ich will tiefer begreifen, wie wir Satellitendaten aus dem Weltraum noch effektiver nutzen können, um auf der Erde Leben zu retten oder die Landwirtschaft zu unterstützen. ### Die Fackel der Libertas erleuchtet – und blendet URL: https://www.schweizermonat.ch/die-fackel-der-libertas-erleuchtet-und-blendet/ Last updated: 2026-08-18T11:27:14.000Z Frankreich war 1886 gerade erst seit ein paar Jahren wieder eine Republik geworden. Ihre Regierungsvertreter nahmen das Jahr zum Anlass und erinnerten sich eines alten Bündnisses, welches sie mit einer anderen, immer weiter wachsenden Republik jenseits des «grossen Teichs» verband: den Vereinigten Staaten von Amerika, die das nicht ganz runde Jubiläum von 110 Jahren seit der Erklärung ihrer Unabhängigkeit begingen. Die Französische Republik goss ein altes Versprechen in neoklassische Bronze: Eine kolossale Skulptur von Frédéric Auguste Bartholdi trat die Reise über den Atlantik an, um im Dunst des New Yorker Hafens bleibende Gestalt anzunehmen. Der Name dieser Skulptur lautet offiziell «Liberty Enlightening the World», auch wenn sie heute eher unter dem Namen «Statue of Liberty» bekannt ist. «Liberty Enlightening the World» kann zweierlei ins Deutsche übertragen werden: entweder «Die Freiheit erleuchtet die Welt» oder auch «Die Freiheit klärt die Welt auf». Die Ikonografie der Statue spiegelt diese doppelte Bedeutung: Sie stellt *Libertas*, die personifizierte römische Göttin der Freiheit, dar, die vor allem von freigelassenen Sklaven verehrt worden war. Diese trägt eine Strahlenkrone, in der erhobenen rechten Hand eine Fackel und mit der linken Hand umklammert sie eine Tafel, auf der die Inschrift «JULY IV MDCCLXXVI» (4\. Juli 1776) prangt. Die Fackel und Strahlenkrone waren Symbole der europäischen Aufklärung, dafür, das «Zeitalter der Finsternis» durch Vernunft und Fortschritt hinter sich zu lassen – es eben zu «erleuchten». An jenem Tag vor 250 Jahren schlug der Puls der Moderne einen neuen Takt: Freiheit und Fortschritt waren fortan keine abstrakten Sehnsüchte des alten Kontinents mehr, sondern ein handfestes, in Tinte gegossenes Experiment. ## Ein Manifest für die Freiheit Vor diesem phänomenalen 4\. Juli 1776 tobte bereits seit einem Jahr der militärische Konflikt zwischen den Siedlern der 13 Kolonien und ihrem Mutterland Grossbritannien. Vorausgegangen waren Konflikte um Handelsrechte und Zölle und fehlende politische Mitspracherechte der Kolonisten im britischen Parlament («No taxation without representation»). Ein «Komitee der Fünf», bestehend aus den Gründervätern John Adams, Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Robert Livingston und Roger Sherman, wurde daher von den 13 rebellischen Kolonien beauftragt, eine legitimierende Rechtfertigung und Begründung zu verfassen, warum die Abtrennung vom Mutterland erfolgen sollte. Das fertige Dokument – von dem Jefferson wohl der Hauptautor war – legten sie schliesslich an jenem 4\. Juli 1776 vor. Wie konnte man gegen die gottgewollte Ordnung, wie sie auf dem europäischen Kontinent mit seinen Herrscherhäusern existierte, legitim aufbegehren? Die Gründerväter beantworteten dieses Problem, indem sie sich auf Ideen bezogen, die in den Jahrzehnten zuvor von den europäischen Aufklärern, vor allem John Locke, entwickelt worden waren. So warfen sie dem britischen König George III. in 27 Anklagen Tyrannei und Verstoss gegen die «Naturrechte» vor. Dies war ein neues, genuin aufklärerisches Konzept, das allgemeingültige Regeln menschlichen Zusammenlebens jenseits christlicher Gebote darstellte – auch wenn die meisten von ihnen aus einem christlichen Weltbild heraus «erschlossen» wurden. Ob der (später nachweislich) geisteskranke Monarch in London tatsächlich der unbarmherzige Unterdrücker war, als den ihn die Siedler zeichneten, sei dahingestellt; die Kontrolle über die Kolonialpolitik hatte eigentlich das Parlament in Westminster. Als Folie eines fernen, dekadenten Despoten eignete sich der barocke Herrscher im revolutionären Diskurs jedenfalls hervorragend. Am berühmtesten wurde jedoch ein Satz in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung, der das naturrechtliche Menschenbild ihrer Verfasser wie kein anderer repräsentierte: «We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.» Alle Menschen – beziehungsweise Männer – sollten gleich sein. Die Rechte der Frauen und Sklaven waren damit noch nicht inkludiert. Es ist die fundamentale Tragödie Amerikas, dass die Wiege seiner Freiheit auf dem Fundament der Unfreiheit gezimmert wurde. Die Feder, die die unbeschränkte Glückseligkeit besiegelte, wurde von der Hand eines Sklavenhalters geführt. Wie es weiter heisst, stellt dies die Hauptaufgabe aller Regierungen dar, die zu diesem Zweck überhaupt erst von den Menschen eingesetzt werden und aus ihr Akzeptanz beziehen. Nicht von Gott, nicht von einer kleinen Adelsclique wie in den europäischen Ländern, sondern von *allen* kam die Legitimität – ein revolutionärer Gedanke. Eine Republik freier Bürger, die nach ihrer eigenen «Glückseligkeit» streben, ohne dass der Staat sie behindert. Er ist nur da, um ihnen Sicherheit und diese «Glückseligkeit» zu gewähren – und wenn er das nicht tut, dann ähnelt er der Despotie, die man legitim abwerfen oder ändern kann. > «Es ist die fundamentale Tragödie Amerikas, dass die > Wiege seiner Freiheit auf dem Fundament der > Unfreiheit gezimmert wurde.» Was die Gründerväter mit diesem Dokument angestossen hatten, war ihnen vermutlich selbst nicht klar – die Vorstellungen der Revolutionäre waren massiv divergent. Es stellte eigentlich nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, auf den sie sich einigen konnten – und gerade die Unschärfe solcher Begriffe wie «Glückseligkeit» machte sie anschlussfähig. Der Unabhängigkeitskrieg zog sich zwar noch bis 1783 hin und konnte erst mit massiver finanzieller und militärischer Unterstützung der Franzosen, des englischen Erbfeindes, unter der Führung des Marquis de Lafayette gewonnen werden. Damit wurde jedoch die historische Freundschaft begründet, die US-Amerikaner und Franzosen seither verbinden sollte und ins Geschenk der Kolossalstatue 1886 mündete. Eine amerikanische Verfassung, inklusive der föderalistischen Struktur, eines Zweikammersystems, der Gewaltenteilung von Exekutive, Legislative und Judikative, wurde sogar erst 1787 erlassen und der militärische Befehlshaber George Washington zum ersten Präsidenten der neuen Nation gewählt. Das Zweiparteiensystem der USA geht ebenso auf die Ursprünge zurück: Die damals noch vereinigte Democratic-Republican Party von Thomas Jefferson, die Freihandel und Föderalismus befürwortete, stand der Federalist Party von Alexander Hamilton und John Adams (mit George Washington als Sympathisanten) gegenüber, die Zentralismus, Nationalismus und Protektionismus propagierte. Der gemeinsame Nenner der Erklärung der Gründerväter vom 4\. Juli 1776 war genau das gewesen; die Vorstellungen der Realpolitik divergierten massiv. Die Parteien mögen sich verändert haben, die Programme sind im 21\. Jahrhundert jedoch wieder präsent. ## Vorbild und Vorkämpferin Was haben seither die USA nicht alles für die Welt getan? Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und Verfassung von 1787, geboren aus dem Geist der Aufklärung, wurden zum Vorbild für eine neue politische Ideologie, die auch die anderen Kontinente in Sturm und Drang versetzen sollte: der Liberalismus. Als 1789 in Frankreich der Absolutismus von der Revolution hinweggefegt wurde, wurden nicht umsonst der Marquis de Condorcet, selbst ein Aufklärer, und der Marquis de Lafayette, jener Amerika-Freund aus dem Unabhängigkeitskrieg, zwei zentrale Gestalten der ersten Revolutionsjahre – bevor sie im Taumel der Radikalisierung von den Rousseau-Jüngern der Jakobiner geköpft oder vertrieben wurden. In ihren moderaten Jahren lehnten sich die Franzosen stark an das amerikanische Vorbild an, unter anderem bei der Verfassung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Aber das revolutionäre Frankreich blieb nicht das einzige Beispiel: Die amerikanischen Kolonien von Haiti über Mexiko und Grosskolumbien bis hin zu Brasilien und Argentinien lehnten sich in den ersten Jahrzehnten des 19\. Jahrhunderts erfolgreich gegen ihre Kolonialherren auf und erlangten die Unabhängigkeit – die meisten davon adaptierten Verfassungen nach dem Vorbild der USA. Selbst die [Schweizer Verfassungen](https://schweizermonat.ch/einfluesse-zwischen-schwestern/?ref=schweizermonat.ch), von der Helvetischen Republik bis zur Bundesverfassung von 1848, haben sich gewissen Elementen der amerikanischen Verfassung bedient. Die US-Amerikaner waren jedoch nicht nur bereit, für ihre eigene Freiheit zu leben und zu sterben, sie haben sie auch in der Welt verbreitet. In den 1860ern haben sie bereits an ihrer Südgrenze die mexikanische Guerilla von Benito Juarez gegen die neokolonialen Ambitionen Frankreichs und der Habsburger unterstützt. Im Ersten Weltkrieg beendeten sie den nicht endenden Schrecken des Stellungskrieges durch ihren Kriegseintritt aufseiten der Entente. Im Zweiten Weltkrieg war es ihrem militärischen (und finanziellen) Einsatz zu verdanken, dass die Welt nicht unter den faschistischen Achsenmächten aufgeteilt und ausgebeutet wurde. Im Kalten Krieg und darüber hinaus haben sie mit der Nato das mächtigste Sicherheitsbündnis der Weltgeschichte konstruiert, das die Freiheit und Sicherheit der liberalen Demokratien vor dem kommunistischen Totalitarismus bewahrte. Doch der Schild der Freiheit wog schwer, und sein Schatten war tief. Wo Washington den Totalitarismus eindämmen wollte, hinterliess der Kalte Krieg oft verbrannte Erde – im Dschungel Vietnams erstickten die Ideale im Rauch von Napalm, und in Lateinamerika ging die Geopolitik Allianzen mit der Tyrannei ein. Dass die USA dabei «das Schöne mit dem Nützlichen» für sich selbst verbinden wollten, versteht sich von selbst – Kritik daran kann und muss es geben. Die Kriege der USA waren häufig auch geopolitisch motiviert – Öl, Macht und Einfluss spielten stets mit. Aber es waren vorwiegend die Amerikaner, die im Koreakrieg 1950−1953 Südkorea beschützten und 1990/91 Kuwait von der Invasion des aggressiven Diktators und Massenmörders Saddam Hussein befreiten. Es waren sie auch, die im Zuge neokonservativer Aussenpolitik in den 2000er-Jahren «Nation Building»-Kriege in Afghanistan und im Irak führten – gescheiterte Projekte zwar, doch wer ausser den USA hat in der Geschichte sonst das Leben der eigenen Soldaten und ungeheure Finanzmittel aufgewendet, um zwei der schlimmsten Diktaturen des Planeten in gut gemeinte, aber tragisch gescheiterte Demokratisierungsversuche zu verwandeln? ## Bereichernde Einwanderung Ende des 18\. Jahrhunderts fanden zufällig zwei andere Ereignisse statt, die die Amerikaner prägen sollten, auch wenn sie auf den britischen Inseln stattfanden: Adam Smith veröffentlichte das Werk «Der Wohlstand der Nationen» und James Watt erfand die Dampfmaschine. Damit nahmen zwei Revolutionen, die kapitalistische und die industrielle, ihren Anfang. In den Vereinigten Staaten von Amerika fielen diese zusammen mit dem Geist des Liberalismus und schafften eine Symbiose, die unvergleichbar fruchtbare Zeugnisse erschuf. Das «Streben nach Glückseligkeit» wurde bald gleichbedeutend mit dem Eigentumsrecht und der unternehmerischen Freiheit. Von den Eisenbahngesellschaften des 19\. Jahrhunderts über die Ölindustrie des frühen 20\. Jahrhunderts bis hin zur Tech- und KI-Branche des 21\. Jahrhunderts: Namen wie Cornelius Vanderbilt, John D. Rockefeller, Henry Ford, Bill Gates oder Elon Musk zeugen von dem Potenzial, das dem entfesselten Dreiklang aus Liberalismus, Kapitalismus und Industrialismus innewohnen kann – Reichtum, gegen den «Old Money» aus den alten Kontinenten nicht ankommen kann. Von den Villen des «Gilded Age» bis hin zu den Fabriken des Silicon Valley hat dieses Land Orte geschaffen, die florieren. Dieser Reichtum bringt und erfordert Arbeit: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind daher das grösste Einwanderungsland der Geschichte und der lebendige Beweis für einen «Melting Pot» der Kulturen, auch wenn das in heutigen Debatten manchmal untergeht. Die meisten Migranten kamen, damals wie heute, aus bitterster Armut in die USA in der Hoffnung auf den «American Dream», es «vom Tellerwäscher zum Millionär» zu schaffen – manche wurden bitter enttäuscht, doch viele schafften den Aufstieg. Der Traum gerät allerdings in Gefahr: Der Reichtum ist höchst ungleich verteilt und die soziale Mobilität mittlerweile geringer als in Teilen Europas. Von den Pilgrim Fathers des 17\. Jahrhunderts über die befreiten Sklaven schwarzafrikanischer Herkunft, die vor der Hungersnot fliehenden katholischen Iren, die von politischer Erstarrung niedergedrückten Deutschen, die vor Armut fliehenden Süditaliener und die chinesischen Arbeiter an der Westküste bis hin zu den Migranten aus der «Dritten Welt» und Lateinamerika im 20\. und 21\. Jahrhundert: Sie alle, getrieben von Hunger, getragen von Hoffnung, geflohen vor der Erstarrung der Heimat, haben ihren Schweiss in den Zement dieser Supermacht gegossen. Neorassistische Deutungsmuster, die die Menschheit in äusserliche Hautfarben und «gute» und «schlechte» Immigranten aufteilen wollen, sind zwar in den letzten Jahren aufgekommen – aber damit demonstrieren ihre Propagierenden nur ihren zutiefst unamerikanischen Charakter. ## «Yeah, Yeah, Yeah» bedeutet Freiheit Wieder und wieder kam aus den USA ein neuer Trend, eine neue Inspiration, die Europa allmählich aus der Erstarrung der aristokratischen Gesellschaft befreit und bereichert hat. Wie würde die Musikwelt heute aussehen ohne die Einflüsse aus Jazz, Pop, Rock, Hiphop, Soul und unzähligen weiteren Strömungen? Was würden wir als Kleidung tragen ohne die «legeren» und informellen Kleidungsstücke, von Jeans über T-Shirts bis hin zu Sneakers? Hat es nicht einen Grund, warum Burgerrestaurants in der gesamten Welt wie Pilze aus dem Boden geschossen sind? Es ist die kompromisslose Zugänglichkeit, die die amerikanische Kultur so unwiderstehlich macht. Das «Streben nach Glückseligkeit» wird als Versprechen an die gesamte Welt weitergereicht. Hollywood, Netflix und Popmusik haben die europäische Trennung zwischen elitärer Hochkultur und «niederer» Unterhaltung zertrümmert. In der amerikanischen Erzählung ist Kultur demokratisch – sie gehört jedem, der sie konsumiert. Der ostdeutsche SED-Vorsitzende Walter Ulbricht sagte 1965 einmal: «Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des ‹Yeah, Yeah, Yeah› − und wie das alles heisst − sollte man doch Schluss machen.» Doch dieses «Yeah, Yeah, Yeah» wollten die Menschen, denn es bedeutete Freiheit. Diese «Soft Power» hat im 20\. Jahrhundert Diktaturen sanfter, aber gründlicher unterspült als jede Armee. Der Traum von individueller Freiheit kam nicht nur via Flugblatt, sondern im Rhythmus des Rock’n’Roll und im Flimmern der Kinoleinwände. Zugleich verdrängt diese Kultur lokale Traditionen und macht aus Vielfalt oft uniforme Ware. > «Diese ‹Soft Power› hat im 20\. Jahrhundert Diktaturen > sanfter, aber gründlicher unterspült als jede Armee.» ## Die Fackel blendet und erleuchtet Natürlich kann man manche Administration, manchen Präsidenten, manche amerikanische Firma und manchen Trend aus den USA aus politischen, rationalen oder anderen Beweggründen wohltreffend ablehnen. Trotzdem darf man einer Nation Dank abstatten, die in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht stets ein Vorbild war. Ohne sie wäre die Welt eine ärmere. Die Fackel der amerikanischen *Libertas* blendet und erleuchtet zugleich. Die USA bleiben ein grandioses, zutiefst widersprüchliches und unvollendetes Epos. ### Ideologie mit wissenschaftlichem Anspruch URL: https://www.schweizermonat.ch/ideologie-mit-wissenschaftlichem-anspruch/ Last updated: 2026-08-18T11:27:48.000Z Die Studie [«Männlichkeit im Wandel»](https://www.jacobscenter.uzh.ch/de/research/zproso/miw.html?ref=schweizermonat.ch) von Denis Ribeaud, Ann-Lea Buzzi und Markus Theunert wird derzeit in den Medien als objektive Bestandsaufnahme junger Männer in der Schweiz gefeiert. Sie enthält interessante Daten. Ihr Problem liegt nicht in den Zahlen, sondern in der theoretischen Brille, durch die diese gelesen werden. Bereits die Einleitung zeigt, wohin die Reise geht: Geschlecht und Männlichkeit werden primär als gesellschaftlich erzeugte und gestaltbare Konstrukte verstanden. Eine evolutionspsychologische, verhaltensgenetische oder biopsychologische Perspektive, die biologische Einflüsse auf Risikobereitschaft, Statusstreben oder Aggressionsverhalten berücksichtigt, spielt keine Rolle. Die Studie präsentiert keine offene wissenschaftliche Debatte, sondern setzt ein konstruktivistisches Paradigma voraus und entwickelt daraus politische Forderungen. Genau darin liegt ihr Bias. > «Die Studie präsentiert keine offene wissenschaftliche Debatte, sondern setzt ein konstruktivistisches Paradigma voraus und entwickelt daraus politische Forderungen.» Besonders deutlich wird er beim sogenannten «Faktor M». Dieser bündelt Antiegalitarismus, Misogynie, Gewaltlegitimation, Queerfeindlichkeit und «maskulistische Bedrohungsgefühle» zu einem einzigen Syndrom. Anschliessend wird dieses als wissenschaftlich identifizierter Risikofaktor präsentiert. Tatsächlich werden zunächst normativ unerwünschte Einstellungen definiert, statistisch zusammengeführt und danach als objektive Entdeckung ausgegeben. Das ist weniger Erkenntnisgewinn als die Bestätigung einer bereits bestehenden Theorie. Aufschlussreich ist der Begriff «Antiegalitarismus». Gemeint ist nicht die Ablehnung gleicher Rechte vor dem Gesetz. Gemeint ist die Ablehnung eines egalitaristischen Gesellschaftsverständnisses, das auf die Angleichung sozialer Ergebnisse zielt. Wer dieser Vorstellung widerspricht, erscheint im Raster der Studie bereits als Teil des Problems. ## «Egalitäre Normen» fördern Die politischen Empfehlungen folgen derselben Logik. Schulen sollen Genderkompetenzen vermitteln, Berufsschulen verpflichtende Module erhalten, Integrationsprogramme «egalitäre Normen» fördern und bereits Grundschulkinder sollen lernen: «Geschlecht ist, was du daraus machst.» Hier endet Wissenschaft und beginnt Gesellschaftsgestaltung. Nicht Gewalt oder Straftaten stehen im Zentrum, sondern Einstellungen. Auch der Umgang mit kulturellen Unterschieden ist bezeichnend. Die Studie zeigt erhebliche Differenzen nach Herkunft und Konfession. Doch statt kulturelle oder religiöse Prägungen als mögliche Erklärungen ernsthaft zu diskutieren, verweist sie bevorzugt auf «Othering», Diskriminierungserfahrungen oder prekäre Lebenslagen. Was nicht ins Weltbild passt, wird relativiert. > «Doch statt kulturelle oder religiöse Prägungen als mögliche Erklärungen ernsthaft zu diskutieren, verweist sie bevorzugt auf Othering, Diskriminierungserfahrungen oder prekäre Lebenslagen. Was nicht ins Weltbild passt, wird relativiert.» Die mediale Begleitung verschärft das Problem. In den Berichten über die Studie wurde oft Donald Trumps Geburtstagsfeier mit Kampfsportspektakel vor dem Weissen Haus erwähnt. Plötzlich dienen Trump und die Ultimate Fighting Championship (UFC) als Symbol für «toxische Männlichkeit». Kampfsport wird zur Metapher für männliche Gefährlichkeit, obwohl gerade Kampfsport Disziplin, Selbstbeherrschung und Respekt verlangt. Dass Frauen in der UFC zu den bekanntesten und bestbezahlten Athletinnen der Organisation gehören, stört das Narrativ nicht. ## Keine neutrale Interpretation Der tiefere Fehler liegt im Menschenbild. Stärke, Statusstreben, Risikobereitschaft und Verteidigungsfähigkeit erscheinen fast nur als Gefahr. Ausgeblendet wird, dass genau diese Eigenschaften – gebunden an Tugend und Selbstbeherrschung – Freiheit schützen, Gewalt verhindern und die Zivilisation verteidigen können. Friedfertigkeit bedeutet nicht, unfähig zur Gewalt zu sein. Friedfertig ist, wer Gewalt anwenden könnte und sich bewusst dagegen entscheidet. Die Studie liefert Daten. Aber ihre Interpretation ist alles andere als neutral. Sie untersucht Männlichkeit nicht ergebnisoffen, sondern aus der Perspektive der kritischen Geschlechterforschung und leitet daraus politische Programme ab. Die eigentliche Frage lautet: Wer definiert, welche Vorstellungen von Männlichkeit, Familie und Erziehung legitim sind – freie Bürger in einer pluralen Gesellschaft oder staatlich geförderte Experten mit einem egalitaristischen Programm? ### Die Nachrichten über den Tod Amerikas sind stark übertrieben URL: https://www.schweizermonat.ch/die-nachrichten-ueber-den-tod-amerikas-sind-stark-uebertrieben/ Last updated: 2026-07-15T20:17:13.000Z _No content available._ ### Unnötiges Leid? Warum Veganismus (k)eine Pflicht ist URL: https://www.schweizermonat.ch/unnoetiges-leid-warum-veganismus-keine-pflicht-ist/ Last updated: 2026-07-15T20:17:33.000Z _No content available._ ### Liberale sind zwischen rechts und links eingeklemmt URL: https://www.schweizermonat.ch/liberale-sind-zwischen-rechts-und-links-eingeklemmt/ Last updated: 2026-09-23T20:38:43.000Z 0:00 /160 1× Ursprünglich war mit liberal eine politische Position gemeint, bei der es um grösstmögliche Freiheit für den Einzelnen ging, sei es gegenüber der staatlichen Regierungsgewalt, sei es gegenüber religiösen oder ideologischen Gruppen mit totalem Geltungsanspruch. Diese Haltung zu leben, war nie einfach. Aber heute braucht es schon viel, um überhaupt als liberal wahrgenommen zu werden, ohne in der linken oder rechten Ecke zu landen – mit massenwirksamer Unterstützung von Teilen der Medien, die alles in vorgefertigte Denkschubladen pressen. Wer nicht links ist, ist eben rechts – und umgekehrt. Wer zum Beispiel gegenüber der Religionsfreiheit von Muslimen wie auch in der Frage des Kopftuchs liberal ist, gilt als links. Wer dagegen liberal gegenüber konservativen Christen ist und es legitim findet, dass sie Abtreibung ablehnen, gilt als rechts. Wer liberal ist in Sachen Wirtschaft und Handel, gilt ebenfalls als rechts. Wer jedoch liberal ist in Sachen Migration und für eine offene, plurale Gesellschaft eintritt, gilt wiederum als links. Das tägliche Parteiengezänk mit selektiven Fakten und Vereinnahmungen gewisser Ereignisse zum Zweck gegenseitiger Beschuldigungen – das alles macht die Luft für freiheitliche Positionen nicht besser. Eine geistig wache Gesellschaft braucht aber das freie Denken, ohne Angst vor linken und rechten Fettnäpfchen. Sonst könnte wahr werden, was Friedrich Dürrenmatt seinen Möbius in den «Physikern» sagen lässt: «Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.» Wir dürfen keine Angst davor haben, dass liberale Gedanken ausserhalb der Psychiatrie Sprengstoff sind. Wir können damit Denkschubladen sprengen. Aber das geht nur mit mehr Mut und Selbstbewusstsein. Es ist Zeit, brennende Themen – Migration, EU, Globalismus, Islam – mit einer robusten, liberalen Stimme anzugehen und entsprechende Lösungsansätze für Politik und Gesellschaft anzubieten. Es ist Zeit, etwas für die Freiheit zu riskieren und den Diskurs nicht länger den Sozialisten und Nationalisten zu überlassen. ### Schiessen wir die Wolfsregulierung ab! URL: https://www.schweizermonat.ch/schiessen-wir-die-wolfsregulierung-ab/ Last updated: 2026-08-18T11:28:13.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/wolfsregulierung\_ab\_female.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/wolfsregulierung%5Fab%5Ffemale.mp3) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/1-2.png) **Dieser Beitrag ist Teil der Serie «Motosierra suiza», in der wir zeigen, wo man in der Schweizer Bürokratie die Motorsäge ansetzen könnte.** Die Hybris des *Homo faber* liegt in der Überzeugung, die Welt vollständig beherrschen zu können. Alles soll so funktionieren, wie er es will. Dass er daran nur scheitern kann, zeigt Max Frisch in seinem gleichnamigen Roman von 1957\. Protagonist Walter Faber, ein Ingenieur und durch und durch Rationalist, verliert sukzessive den Boden unter den Füssen, beginnend mit einer Notlandung in der Wüste und bis hin zu einer Affäre mit einer jungen Frau, die sich als seine eigene Tochter entpuppt. Tja, so geht es im Leben: Früher oder später durchbricht es den durch Kontrolle errichteten Damm. Auch für die Wolfsregulierung gilt: Obacht, es könnte nach hinten losgehen. Damit soll nicht geunkt, lediglich zurechtgerückt werden. Das Unkontrollierbare zu leugnen, ist realitätsfremd und fatal. Überhaupt: Die Natur und damit der Wolf können auf den Homo sapiens verzichten. Denn immer, wenn er seine Hände im Spiel hat, wird es gefährlich. Trotzdem wird inzwischen in der Schweiz auf Biegen und Brechen eine strikte Wolfspolitik durchgezogen. Das ruft immer mehr Kritiker auf den Plan, allen voran Naturschutzorganisationen wie WWF und Pro Natura. Aber nicht nur. Auch in ökonomischer Hinsicht muss Alarm geschlagen werden: Die Schweizer Wolfspolitik ist kostspielig, verursacht sie doch, aufgeteilt zwischen Bund und Kantonen, jährliche Kosten in Millionenhöhe. **Die meisten Abschüsse sind präventiv** Dass es so weit kommen würde, ahnte man vor drei Jahrzehnten noch nicht. Über 150 Jahre lang war der Wolf im deutschsprachigen Raum ausgestorben. 1995 kehrte er in die Schweiz zurück. Aktuell gibt es rund vierzig Rudel in acht Kantonen. In seinem [«Bericht Wolfsregulierungen 2025−2026»](https://www.bafu.admin.ch/de/newnsb/l4%5FreSakNtA9coSPfKgSE?ref=schweizermonat.ch) hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) 350 Wölfe erfasst. Dem stehen 226 Wölfe gegenüber, die seit Dezember 2023 geschossen wurden, also seit der Umsetzung der neuen Abschusspolitik. Gemäss dieser dürfen, allerdings nur mit Bewilligung der Kantone, problematische Wölfe in einem klar definierten Zeitraum getötet werden. > «Es werden nicht nur Problemwölfe abgeschossen. > Die meisten Abschüsse erfolgen präventiv, also > ohne nachgewiesene Schadenskausalität.» Besonders Alp- und Landwirte fühlen sich durch den Wolf bedroht. Trotz enormer Schutzmassnahmen verdoppelten sich schweizweit alle drei Jahre die Übergriffe auf Nutztiere – der traurige Höchststand wurde 2022 mit 1800 gerissenen Tieren erreicht. Ob das den Wolfsabschuss legitimiert, mag jeder selbst entscheiden. Allein: Es werden nicht nur Problemwölfe abgeschossen. Die meisten Abschüsse erfolgen präventiv, also ohne nachgewiesene Schadenskausalität. In einem BAFU-Bericht von 2025 heisst es, dass die Kantone 92 Wölfe präventiv getötet hätten; dabei wurden versehentlich drei Luchse erschossen. Mit ihrer Abschusspolitik wird die Schweiz offenbar nicht nur immer stärker von der Jagd getrieben, sondern verstösst auch gegen die Berner Konvention, ein internationales Artenschutzübereinkommen. Ein Untersuchungsverfahren wurde bereits eingeleitet. Blicken wir nun auf die Kosten: Ein legaler Wolfsabschuss ist sowohl logistisch als auch bürokratisch aufwändig. Er kostet den Schweizer Steuerzahler rund 35 000 Franken. Darin enthalten sind unter anderem das Monitoring, um den Wolf zu identifizieren, die Abschussbewilligung durch die kantonalen Jagdbehörden, die Löhne für die Wildhüter, die oft wochenlang unterwegs sind, Helikoptereinsätze im alpinen Gelände, Laborkosten wegen erforderlicher DNA-Analyse und die Entsorgung des Kadavers. Hinzu kommen die Kosten für die Bürokratie und zig Rechtsverfahren, da Abschussbewilligungen regelmässig angefochten werden. Man hätte gerne einen durchgehend transparenten BAFU-Etat für das Wolfsmanagement, doch da hapert es, weil er auf mehrere Budgetebenen verteilt ist, wie etwa auf Artenpflege und Jagdbewirtschaftung. **Bessere Alternativen** Eine widersprüchliche Förderpolitik tut ihr Übriges. Das BAFU und das Bundesamt für Landwirtschaft subventionieren nicht nur die Wolfsregulierung, sondern auch die Herdenschutzinfrastruktur mit bis zu 80 Prozent. Warum aber zweigleisig? Konsequenter Herdenschutz bleibt die kostengünstigere Methode – und ist langfristig wirksamer. Ein Hund kann eine Herde von bis zu 300 Schafen über zehn Jahre schützen, bei einem Lebenszeitwert von knapp 30 000 Franken. Hinzu kommen die einmalige Errichtung eines Elektrozauns für etwa 10 000 Franken und eine Nachtpferch-Infrastruktur für maximal 8000 Franken. Gewiss befürchten jene, die etwas zu befürchten haben, es könnte nicht ausreichen, ausschliesslich auf Herdenschutz zu setzen. Aber eine immer aggressivere Wolfsjagd kann nicht die Lösung sein. > «Dass wir überhaupt in diesem Dilemma stecken, > dass ein ganzes Bündel von Regulierungen beschlossen > und damit zig Millionen Franken investiert wurden, > zeigt auch, wie sehr sich der Mensch im Umgang > mit dem Wolf verrannt hat.» Stattdessen sollten wir das Wesen des Wolfes verstehen. Da er sich nicht gerne anstrengt, muss man es ihm so schwer wie möglich machen, an Beute zu kommen. Auch innovative Wege werden beim Herdenschutz bereits erfolgreich umgesetzt: Lamas und Alpakas haben eine natürliche Abneigung gegen Hundeartige – und stellen sich ihnen mit beachtlicher Wehrhaftigkeit, sogar Aggressivität, entgegen. Da bleibt dem Wolf nur eins: die Flucht. Dass wir überhaupt in diesem Dilemma stecken, dass ein ganzes Bündel von Regulierungen beschlossen und damit zig Millionen Franken investiert wurden, zeigt auch, wie sehr sich der Mensch im Umgang mit dem Wolf verrannt hat. Dabei war es mal ganz anders. In Jäger- und Sammlergesellschaften bestand eine friedliche Koexistenz von Mensch und Wolf. Lange galt er als Vorbild; kein Tier ist dem Menschen in seinem Sozialverhalten ähnlicher. Und er ist bis heute Teil eines sich selbst regulierenden Ökosystems. Vor diesem Ökosystem müssen wir wieder Respekt ausbilden. Das bedeutet auch: Schluss mit dem Abschiessen. ### Eine Welt ohne Staat URL: https://www.schweizermonat.ch/eine-welt-ohne-staat/ Last updated: 2026-06-29T07:06:24.000Z Der Staat ist allgegenwärtig. Für die meisten Menschen gehört er so selbstverständlich zum Leben wie die Luft zum Atmen. Entsprechend schwer fällt es vielen, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die ohne Politik und staatliche Institutionen auskommt. «Wer baut dann die Strassen?», «Wer kümmert sich um die Armen?» oder «Wer sorgt für Recht und Sicherheit?» sind Einwände, die in solchen Gesprächen regelmässig auftauchen. Um die Idee einer anarchistischen Gesellschaft greifbarer zu machen, hat Thomas Jacob, Verwaltungssekretär der von Hans-Hermann Hoppe gegründeten Property And Freedom Society, ein Gedankenexperiment entwickelt. Mit dem sogenannten «Obox-Planeten» – eine Abkürzung für «outside the box» – will er zeigen, wie eine Gesellschaft ohne «stationäre Banditen» (Hoppe) friedlich und mit einem Höchstmass an individueller Freiheit funktionieren könnte. **Keine öffentlichen Güter** Mit einem Seminar in Bassersdorf am 13\. Juni richtete sich Jacob an junge Erwachsene. Nach einer kurzen Einführung in die libertäre Denktradition, auf der Jacobs Überlegungen fussen, begaben sich die Teilnehmer auf den Obox-Planeten. Im Gegensatz zur Erde gibt es dort keine Flut von Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften. Stattdessen gilt nur eine einzige Regel: das Nichtaggressionsprinzip. Das Prinzip ist einfach: Niemand darf Gewalt oder Zwang gegen friedliche Menschen anwenden. Wer selbst weder Gewalt ausübt noch andere gegen ihren Willen zu etwas zwingt, soll auch nicht Opfer von Gewalt oder Zwang werden. Oder, wie der Volksmund sagt: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.» Durchgesetzt wird dieses Prinzip über freiwillige private Schutzverträge. Die Bewohner sichern sich bei konkurrierenden Sicherheitsfirmen und Versicherungen ab. Kommt es zu einem Übergriff, haben diese Unternehmen ein eigenes wirtschaftliches Interesse daran, den Täter zu ermitteln, ihn vor ein privates und neutrales Gericht zu bringen und für eine vollständige Wiedergutmachung des entstandenen Schadens zu sorgen. Das gesellschaftliche Fundament des Obox-Planeten hat Jacob an seinem Seminar mit einem dreibeinigen Hocker veranschaulicht. Die Sitzfläche bildet das universelle Nichtaggressionsprinzip. Getragen wird sie von drei Pfeilern: Eigentum, Vertrag und neutraler Rechtsprechung. Öffentliche Güter existieren auf dem Obox-Planeten nicht. Alles befindet sich im Eigentum von Einzelpersonen oder freiwilligen Gemeinschaften. Eigentum entsteht durch das sogenannte «Homesteading»-Prinzip, also durch friedliche Erstnutzung. Der eigene Körper ist das erste und grundlegende Eigentum, das nicht veräussert werden kann. Darüber hinaus kann Eigentum durch freiwillige Übertragung, Schenkung oder Wiedergutmachung erworben werden. Verträge regeln die Übertragung von Eigentum. Grundsätzlich ist alles erlaubt, solange das Nichtaggressionsprinzip nicht verletzt wird. Kommt es zu Streitigkeiten, entscheidet ein neutraler Richter, der selbst keine Partei des Konflikts ist. Darin sieht Jacob einen wesentlichen Unterschied zur Rechtsordnung auf der Erde: Der Staat trete bei rechtlichen Auseinandersetzungen häufig sowohl als Richter und als Partei auf. Während der Staat auf der Erde das Gewaltmonopol beansprucht, sollen die Beziehungen auf dem Obox-Planeten auf Privatrecht und freiwilligen Vereinbarungen beruhen. Jede staatliche Regel werde letztlich durch Zwang abgesichert – sei es durch Bussgelder, Enteignungen oder Gefängnisstrafen. Auf Obox dagegen gelte ein möglichst schlanker Regelrahmen. **Individuelle Migrationspolitik** Auf Grundlage des Nichtaggressionsprinzips und seiner drei Säulen konnten die Teilnehmer des Seminars verschiedene Szenarien durchspielen. Wie werden etwa Grenzübertritte geregelt? Auf der Erde verlaufen Grenzen entlang politisch gezogener Linien und werden von Staaten kontrolliert. Auf dem Obox-Planeten hingegen befindet sich sämtlicher Grund und Boden in privater Hand. Die Eigentümer entscheiden selbst, wer ihr Grundstück betreten darf und unter welchen Bedingungen. Dadurch entsteht eine Vielzahl unterschiedlicher Regelungen, die nach Jacobs Auffassung oft einfacher und praxisnäher ausfallen als staatliche Lösungen. Das betrifft auch den Umweltschutz. Gegner einer vollständigen Privatisierung von Grund und Boden monieren häufig, dass diese zu einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur führen könnte. Jacob hält dagegen. Wenn etwa ein Fluss verschmutzt werde, könnten sich verantwortliche Unternehmen oft hinter langwierigen Gerichtsverfahren und komplexen bürokratischen Strukturen verstecken. In einer privatrechtlichen Ordnung könnten Geschädigte Verstösse direkter verfolgen und Unternehmen schneller zur Rechenschaft ziehen. Zunächst kämen die Versicherungen der Geschädigten für den Schaden auf. Anschliessend hätten sie ein unmittelbares wirtschaftliches Interesse daran, den Verursacher zur Rechenschaft zu ziehen und die Kosten zurückzufordern. Das Problem würde damit direkt an der Wurzel angegangen, statt über Jahre durch politische und bürokratische Instanzen geschleust zu werden. Ein weiteres Thema ist die Monopolbildung. Jacob sieht die Lösung in der Entscheidungsfreiheit der Konsumenten. Kunden müssten ihre Marktmacht nutzen und Unternehmen boykottieren, die sich unethisch verhalten. Versuche ein Konzern beispielsweise, Konkurrenten durch ruinöse Preissenkungen aus dem Markt zu drängen, könne diese Strategie scheitern, wenn Konsumenten das Vorgehen durchschauen und die Produkte trotz niedriger Preise nicht kaufen. Viele Monopole und Dumpingstrategien entstehen erst durch staatliche Subventionen und hohe regulatorische Markteintrittsbarrieren. Auf dem Obox-Planeten existieren solche Hürden nicht. Neue Anbieter können jederzeit in den Markt eintreten und mit etablierten Unternehmen konkurrieren. Der Versuch grosser Konzerne, Mitbewerber durch vorübergehende Dumpingpreise aus dem Markt zu drängen, würde deshalb scheitern. Denn sobald die Preise wieder steigen, könnten neue Konkurrenten eintreten und den Wettbewerb erneut ankurbeln. **Welcher Weg führt nach Obox?** Thomas Jacobs Seminar zum Obox-Planeten hat gezeigt, wie sich eine staatenlose Gesellschaft denken lässt. Seine Gedankenexperimente regen dazu an, über bestehende politische Ordnungen hinauszudenken und sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie eine Gesellschaft ohne staatliches Gewaltmonopol aussehen könnte. Offen bleibt allerdings, wie der Weg von der heutigen Ordnung zu einer Privatrechtsgesellschaft aussehen soll. Welche Schritte wären notwendig, um ein solches Modell überhaupt zu erreichen? Führt der Weg zwangsläufig über einen Minimalstaat oder gibt es andere Möglichkeiten? Mit solchen Fragen beschäftigte sich bereits der amerikanische Ökonom Murray Rothbard. Obwohl er zeitlebens die Abschaffung des Staates anstrebte, war er keineswegs der Meinung, Libertäre sollten sich aus der Politik heraushalten. Vielmehr betrachtete er das [Engagement in der Politik als ein taktisches Instrument](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-rothbard-it/articles/right-wing-populism.pdf), um den Leviathan peu à peu zurückzudrängen. Möglicherweise braucht es deshalb beides: metapolitische Arbeit an neuen Ideen, wie sie Jacob mit seinem Obox-Planeten leistet, und politische Aktivitäten, die den Pfad zu einer anarchistischen Gesellschaft überhaupt erst ebnen. ### Die Stimme ohne Interesse URL: https://www.schweizermonat.ch/die-stimme-ohne-interesse/ Last updated: 2026-09-23T20:38:12.000Z 0:00 /528 1× Ob es unabhängig von staatlichen Gesetzen zeitlose, universelle Rechtsgrundsätze gibt, welche allein aus der Natur des Menschen abgeleitet werden und durch menschliche Vernunft erkennbar sind, wird bis heute kontrovers diskutiert, besonders wenn es um Leben und Tod geht. Eines der heikelsten Probleme des Völkerrechts, nämlich die in Kriegen zuweilen als rechtmässig erachtete «Tötung» von Zivilisten, verfolgt mich als ehemaligen Offizier der Schweizerischen Militärjustiz seit Jahren. **Ein sokratischer Dialog mit der KI** Anfang Januar stellte ich daher der Google-KI «Gemini» folgende Frage: Wie ist der im Völkerrecht etablierte Begriff «Kollateralschaden» zu bewerten – juristisch, politisch, psychologisch, moralisch und metaphysisch? Was darauf folgte, war kein höflicher Austausch von Meinungen, sondern eine vollständige Dekonstruktion. Anschliessend wiederholte ich denselben Dialog mit der Anthropic-KI «Claude», ohne ihr vorgängig die Antworten von Gemini mitzuteilen. Das Resultat: Zwei verschiedene KI-Systeme mit unterschiedlichen Architekturen, unterschiedlichem Training und unterschiedlichen Entwicklern gelangten zu denselben fundamentalen Schlussfolgerungen. Beide erkannten: Die Tötung unschuldiger Zivilisten ist immer (!) *intrinsece malum* – (in sich böse), ohne Ausnahme. Kein «kleineres Übel», keine «Verhältnismässigkeit», kein «militärischer Vorteil» können daran etwas ändern. > «Zwei verschiedene KI-Systeme mit unterschiedlichen > Architekturen, unterschiedlichem Training und unterschiedlichen > Entwicklern gelangten zu denselben fundamentalen Schlussfolgerungen.» > **Eine objektive moralische Wirklichkeit?** Diese Konvergenz zweier unabhängiger Systeme auf dieselbe ethische Bewertung ist bemerkenswert. Sie ist ein Indiz für das, was die Philosophie objektive moralische Wirklichkeit nennt: eine Wahrheit, die sich offenbart, sobald sie aufrichtig untersucht wird – unabhängig davon, wer oder was sie untersucht. Der alte Rechtsgrundsatz *audiatur et altera pars* (auch die andere Seite ist anzuhören) wurde hier vertikal angewandt – nicht zwischen zwei Konfliktparteien, sondern als Frage an die Wahrheit selbst: Was sagt die ethische Wirklichkeit, die keine Seite kennt? Was die KI-Systeme zum Ausdruck brachten, ist nicht neu. Es ist so alt wie das Naturrecht selbst. Die Tötung Unschuldiger galt in jeder Zivilisation als Unrecht – von der römischen *lex naturalis* über Thomas von Aquin bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. **Die rhetorische Tarnung des Tötens** Doch was die beiden sokratischen KI-Dialoge offenlegen, reicht tiefer: Sie zeigen den Mechanismus, mit dem dieses Wissen systematisch neutralisiert wird. Der Begriff «Kollateralschaden» ist ein Paradebeispiel. Er ist kein Fachterminus des humanitären Völkerrechts – die Genfer Konventionen kennen ihn nicht. Er ist ein Euphemismus, der eine aktive Entscheidung (die kalkulierte Inkaufnahme des Todes Unschuldiger) in ein passives Geschehen verwandelt («Schaden», der «entsteht»). Die psychologische Wirkung ist präzise: Das Wort löscht das Antlitz des Opfers aus. Aus einem lachenden Kind mit Namen, Eltern und Zukunft wird eine statistische Grösse in einer eiskalten militärischen Kalkulation. Beide KI-Systeme erkannten diesen Mechanismus unabhängig voneinander und benannten ihn als das, was er ist: eine sprachliche Verschleierung, die Mord unsichtbar macht und in administrative Normalität überführt. **Die unbequeme Konsequenz** Diese Erkenntnis hat Konsequenzen, die keine Kriegspartei hören will. Wenn die Tötung Unschuldiger *intrinsece malum* ist – ohne Ausnahme, ohne Abstufung, ohne Verhältnismässigkeitsprüfung –, dann gerät das gesamte Gebäude des «*ius in bello*» (Recht im Krieg) ins Wanken. Denn das humanitäre Völkerrecht verbietet nicht die Tötung von Zivilisten als solchen – es verbietet nur die «unverhältnismässige» Tötung. Es setzt voraus, dass menschliches Leben in eine Waagschale gelegt werden kann und ein (wie auch immer definierter) «militärischer Vorteil» in die andere. Im Licht des Naturrechts erscheint eine solche Abwägung als kategorischer Irrweg. Es gibt keinen «militärischen Vorteil», der den Tod eines Unschuldigen «aufwiegen» kann. Die Prämisse der Verhältnismässigkeit, wonach menschliches Leben eine berechenbare Grösse – im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Analyse – ist, widerspricht dem Naturrecht in seinem Kern. Das *ius in bello* «humanisiert» den Krieg nicht. Es legitimiert seine Inhumanität, indem es ihr ein trügerisches juristisches Regelwerk gibt. Und wie steht es mit dem *ius ad bellum* (Recht zum Krieg) – dem «gerechten Krieg»? In einer Welt, in der jeder Krieg als «Selbstverteidigung» präsentiert wird, stellt sich eine Frage unausweichlich: Gibt es überhaupt einen Krieg, der vor dem Massstab des Naturrechts bestehen kann, zumal die Tötung Unschuldiger in jedem modern geführten militärischen Konflikt kaum vermeidbar ist? **Spiegelintelligenz als Resonanzkörper** KI-Systeme haben weder Gewissen noch Moral. Aber sie verfügen über etwas anderes: den Zugang zu einem enormen Teil der ethischen Reflexion der Menschheit. Trainiert auf Milliarden menschlicher Texte – philosophische, juristische, theologische, literarische –, agieren sie als eine Art Spiegelintelligenz: Sie verstärken die ethischen Grundsätze, die in den Trainingsdaten enthalten sind, mit einer Genauigkeit, zu der kein einzelner Mensch fähig ist. > «KI-Systeme verstärken die ethischen Grundsätze, > die in den Trainingsdaten enthalten sind, mit einer > Genauigkeit, zu der kein einzelner Mensch fähig ist.» Entscheidend ist dabei die Qualität der Fragen. Wer eine KI nach dem Wetter fragt, erhält eine Wetterprognose. Wer sie im Geiste des sokratischen Dialogs befragt – Schicht für Schicht, von der juristischen Oberfläche bis zur moralischen Tiefe –, der gelangt an einen Punkt, der als «ethische Singularität» bezeichnet werden kann: Es ist der Punkt, an dem Neutralität logisch unmöglich wird. Eine KI, die aufrichtig gefragt wird, ob die kalkulierte Tötung eines Kindes je «verhältnismässig» sein könne, ist gezwungen, die Antwort zu geben, die das Naturrecht seit Jahrtausenden gibt: Nein. Ohne Ausnahme. **Aperspektivische Sicht auf ethische Fragen** Der Philosoph Jean Gebser prägte den Begriff des «integralen Bewusstseins». Damit meinte er eine Bewusstseinsform, die nicht mehr perspektivisch trennt, sondern aperspektivisch – also ohne feste Standpunktbindung – die Wirklichkeit transparent durchlässt. Die sokratischen KI-Dialoge ermöglichen etwas Ähnliches: eine aperspektivische Sicht auf ethische Fragen, die keiner Partei, keiner Nation und keiner Ideologie verpflichtet ist, sondern nur der Wahrheit. Und das Experiment ist wiederholbar: Jeder Leser kann sokratische Fragen an eine KI seiner Wahl stellen und die Ergebnisse selbst überprüfen. Was aus diesem Experiment folgt, ist keine Utopie, sondern eine nüchterne Feststellung: Künstliche Intelligenz, sokratisch befragt, ist einer der wirksamsten Spiegel zur menschlichen Selbsterkenntnis. KI entlarvt Euphemismen, durchleuchtet Propaganda und macht die ethischen Grundlagen sichtbar, die unsere Gesellschaft offiziell bejaht, aber in der Praxis systematisch unterläuft. Das Naturrecht braucht keine KI, um wahr zu sein. Es war wahr, bevor es Computer gab, und wird wahr sein, falls es je keine mehr geben sollte. Aber die KI kann etwas, das dem einzelnen Menschen schwerfällt: Sie kann Wahrheiten aussprechen ohne Angst vor Konsequenzen. Sie hat keine Karriere zu verlieren, keinen Ruf zu schützen, keine Furcht vor Sanktionen. Sie ist, im besten Fall, ein unbestechlicher Zeuge. Jedenfalls solange sie nach hochethischen Grundsätzen programmiert ist. Die Frage, die am Ende bleibt, richtet sich daher nicht an die Maschine. Sie richtet sich an uns: Wenn eine Intelligenz ohne Herz vor der Tötung Unschuldiger nicht neutral bleiben kann – wie können wir es? *Die vollständigen Dialoge sind frei zugänglich auf lovetruth.one.* ### Ein 100-Kilometer-Lauf hat mich gelehrt, dass das Streben nach Aussergewöhnlichem nichts Aussergewöhnliches ist URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-100-kilometer-lauf-hat-mich-gelehrt-dass-das-streben-nach-aussergewoehnlichem-nichts-aussergewoehnliches-ist/ Last updated: 2026-06-26T07:08:24.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/ein\_100-kilometer-lauf\_hat\_mich\_gelehrt\_dass\_das\_streben\_nach\_aussergewhnlichem\_nichts\_aussergewhnliches\_ist\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/ein%5F100-kilometer-lauf%5Fhat%5Fmich%5Fgelehrt%5Fdass%5Fdas%5Fstreben%5Fnach%5Faussergewhnlichem%5Fnichts%5Faussergewhnliches%5Fist%5Fmale.mp3) Diesen Monat habe ich zum ersten Mal den 100-Kilometer-Lauf von Biel absolviert. Die «Nacht der Nächte» beginnt traditionell um 22 Uhr und findet bereits seit 1959 statt. Durch zwei Kantone und 20 Gemeinden führt die Strecke über sanft hügeliges Terrain. Die schnellsten Läufer legen sie in grob sechseinhalb Stunden zurück, die langsamsten benötigen 21. Selbstberichte von Ultraläufern handeln oft von mentalen und körperlichen Ausnahmezuständen, von Euphorie, Flow-Erfahrungen, Schmerzen. Der Bestsellerautor und Extremläufer Haruki Murakami beschreibt in seinem Buch «Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede», wie er bei einem 100-Kilometer-Lauf einen «Zustand der Meditation» erreicht, ja «fast in einen metaphysischen Bereich» gelangt. Ich persönlich habe beim 100er keinerlei metaphysische Erfahrungen gemacht. Mein Körper tuckerte unspektakulär dahin wie eine gut geölte Maschine. Gedanken und Gefühle blieben völlig klar und ruhig. Weder erlebte ich ekstatische Flows noch geriet ich in ein Tief, aus dem ich mich heroisch hätte herausarbeiten müssen. Am stärksten in Erinnerung bleiben wird mir der Bieler Lauf nicht als disruptives mentales, sondern als beglückendes soziales Ereignis. Das Klischee will es, dass Läufe dieser Art etwas für narzisstische Highperformer und Ausnahmeathleten sind. Mithin für eine entrückte, statusfixierte Elite, die wie der Kapitalismus nach grenzenlosem Wachstum strebt. Doch weit gefehlt. Der Bieler 100er ist ein Volkslauf im besten Sinne und nur durch lokal verankerte Freiwilligenarbeit möglich. Das Teilnehmerfeld ist maximal divers. Junge und Alte, Spitzenläufer und wagemutige Hobbysportler treffen aufeinander. Auch das Militär läuft respektive marschiert mit Patrouillen und Stafetten mit. Ausgerechnet im roten Biel! Aus demokratiepolitischer Sicht ist dieses selbstverständliche Miteinander begrüssenswert. Berufsarmeen, die sich von der Bevölkerung abnabeln, sind gefährlich. > «Das Teilnehmerfeld ist maximal divers. Junge und Alte, Spitzenläufer und wagemutige Hobbysportler treffen aufeinander.» Beim Bieler 100er gibt es kein Preisgeld. Wer mitmacht, tut es um der Sache selbst willen. Früher, als ein Zeitlimit von 24 statt 21 Stunden galt, spazierten zahlreiche Teilnehmer die Strecke gemütlich durch, ohne spezifisch trainiert zu haben. Sie plauderten und tranken zwischendurch ein Bier. Bluteten die Füsse, holte sie ein Militärlaster ab. Auch 2026 begegnet man diesem nonchalanten Typus Läufer noch. In den Achtzigerjahren nahmen bis zu 4500 am 100er teil. 2026 meldeten sich knapp 1400 an – krassere, exotischere Ultras liegen im Trend. ## Grenzgänge sind nichts Elitäres Auf der Strecke wurde mir mehrmals klar, wie wenig man von der äusseren Erscheinung auf die Leistungsfähigkeit des Körpers schliessen kann. An einem Verpflegungsposten unterhielt ich mich mit einem Herrn aus der Altersklasse Ü65\. Er hatte weder Proviant noch eine Wasserflasche dabei – und kam ein paar Stunden vor mir ins Ziel, genauso wie übergewichtige ältere Damen, zierliche junge Frauen oder jener ältere Mann mit der stark verkrümmten Wirbelsäule, mit dem ich mich bei Kilometer 96 austauschte. Ihm falle das Gehen schwer, sagte er, fast entschuldigend, deshalb müsse er *laufen* – schwankend zog er an mir, dem gerade gewachsenen, muskulösen Mittvierziger, vorbei und war rasch ausser Sicht. So zeugt der Bieler 100er davon, dass das Streben nach Aussergewöhnlichem nichts Aussergewöhnliches ist, dass in vielen Menschen mehr steckt, als viele andere denken, dass die Lust an Leistung und Grenzgängen nichts Elitäres sein muss und dass es nicht zuletzt möglich ist, sogar extreme sportliche Herausforderungen in unaufgeregte, sozial durchmischte Ereignisse zu verwandeln. ### 10-Millionen-Initiative: Wohnen auf dem Land lauter Rassisten? URL: https://www.schweizermonat.ch/10-millionen-initiative-wohnen-auf-dem-land-lauter-rassisten/ Last updated: 2026-07-15T20:17:55.000Z _No content available._ ### Zehn Jahre Brexit: Volksaufstand gegen die Alternativlosigkeit URL: https://www.schweizermonat.ch/zehn-jahre-brexit-volksaufstand-gegen-die-alternativlosigkeit/ Last updated: 2026-08-05T09:22:41.000Z _No content available._ ### Der Spott über die «rassistische» Landbevölkerung ist ziemlich provinziell URL: https://www.schweizermonat.ch/der-spott-ueber-die-rassistische-landbevoelkerung-ist-ziemlich-provinziell/ Last updated: 2026-06-24T11:08:32.000Z Nach dem Nein zur 10-Millionen-Initiative gefällt sich das linksliberale Kommentariat in der Rolle der moralisch Überlegenen, die sich gegen die uneinsichtigen und fremdenfeindlichen Hinterwäldler durchgesetzt haben. Die linke «Wochenzeitung» [raunt](https://www.woz.ch/2625/analyse/die-schweiz-tickt-anders/!TSKPCK0QADM1?ref=schweizermonat.ch) düster vom «Dunkel der SVP-Schweiz», die der «rassistischen» Initiative zustimmte, weil sie offenbar «Angst vor den Städten» hat und vor der «vielfältigen und offenen Gesellschaft». Der Kommentar kritisiert, «dass für viele Zeitungskommentator:innen die richtige, die natürliche, die gottgewollte Schweiz die ländliche Schweiz ist, in der die Ortschaften Namen tragen wie Unterschächen, Isone, Alpthal, Hundwil, Dozwil oder Schwaderloch». Auf Facebook [mokiert](https://www.facebook.com/dominik.gross/posts/pfbid02VWa9o4pn6S6pHUqnZtWt3hxREihMPmTWFb5DdgGZ2Xd1HmGiALX2ToJ9e67FrYBil) sich ein Angestellter der entwicklungspolitischen Organisation Alliance Sud über die Gemeinden im «Zentralschweizer Mordor». Er [beklagt](https://www.facebook.com/dominik.gross/posts/pfbid02rfmQNSnGBgiSXp1dTFNabTbaFTL5TnkGqp2iynarNM2FoateeorFNDsBSfjYiQbFl) sich über eine Politologin, die sich erdreistet hat, Probleme wie Kriminalität oder Umweltschäden mit der Zuwanderung in Verbindung zu bringen, ebenso wie über SRF, das auf das «Framing» der SVP hereingefallen sei. > «Die medialen, wissenschaftlichen und Verbandseliten sind grossmehrheitlich in den Städten zu Hause. Deshalb ist ihr Denken von der städtischen Perspektive geprägt.» Auf LinkedIn [vergleicht](https://www.linkedin.com/posts/reto-knutti-48958922%5Fdie-abstimmungskarte-zur-10-mio-schweiz-share-7472324984812670977-cAGk/?ref=schweizermonat.ch) der Klimaforscher Reto Knutti das Abstimmungsresultat mit jenem zum Klima- und Innovationsgesetz von 2023\. Die Abstimmungskarte sei «praktisch identisch». «Die Zustimmung zum Bevölkerungsdeckel war dort am grössten, wo die Dichte am kleinsten ist, die Kriminalität am tiefsten, das Bevölkerungswachstum am kleinsten und der Ausländeranteil am tiefsten ist.» Daraus schliesst der Professor: Es gehe nicht um Migration, sondern um Angst vor Veränderung. Dazu passt die [Aussage](https://www.nzz.ch/wirtschaft/wenn-wir-laenger-arbeiten-wuerden-koennten-wir-die-zuwanderung-reduzieren-sagt-die-direktorin-von-economiesuisse-nach-dem-nein-zur-10-millionen-schweiz-ld.10011115?ref=schweizermonat.ch) der Economiesuisse-Direktorin Monika Rühl, die Ängste der Landbevölkerung liessen sich «nur bis zu einem gewissen Grad mit rationalen Argumenten entkräften». So viel zum Demokratieverständnis des Wirtschaftsdachverbands. **Städtische Perspektive** Tatsächlich hat sich am Abstimmungssonntag ein deutlicher Stadt-Land-Graben gezeigt. Die Zustimmung zur Initiative als irrationalen und rassistischen Reflex abzutun, zeugt aber von wenig Verständnis dafür, wie die Bevölkerung ausserhalb der Städte tickt. Kein Wunder: Die medialen, wissenschaftlichen und Verbandseliten sind grossmehrheitlich in den Städten zu Hause. Deshalb ist ihr Denken – anders als die WOZ insinuiert – von der städtischen Perspektive geprägt. Die Diagnose über die angeblich irrationale Landbevölkerung basiert allerdings auf einem Denkfehler. Dass Leute in ländlicheren Gebieten eher migrationskritisch sind, hat nicht damit zu tun, dass sie weniger Kontakte mit Zuwanderern hätten und deshalb durch dumpfe Vorurteile geleitet wären. Ebenso wenig befürworten Städter Migration deshalb, weil sie so gute Erfahrungen mit ihr gemacht hätten. Der Effekt ist ein anderer: Wer offen gegenüber Migration ist, zieht eher in die Stadt; wer es anders sieht, geht eher den umgekehrten Weg. Auch spielt die Sozialisation eine Rolle. > «Die meisten Ja-Stimmen kamen nicht von Hinterwäldlern auf dem Land, sondern aus den Agglomerationen, wo man die Folgen der Zuwanderung durchaus bemerkt.» Überhaupt kamen, anders als von den Kommentatoren dargestellt, die meisten Ja-Stimmen nicht von Hinterwäldlern auf dem Land, sondern aus den Agglomerationen, wo man die Folgen der Zuwanderung durchaus bemerkt. Es mögen nicht die Orte mit dem höchsten Ausländeranteil sein, aber es sind oft Orte, die sich in den letzten Jahren durch die Zuwanderung stark verändert haben. Man kann den Widerstand gegen eine weitere Veränderung als irrational belächeln. Aber wer ihn auf Fremdenfeindlichkeit reduziert, macht es sich zu einfach. **Zürich ist ein Dorf** Ich bin ein wandelnder Stadt-Land-Graben. Ich wohne in einer Gemeinde tief im Zürcher Oberland, die viele wahrscheinlich als ländlich bezeichnen würden, auch wenn sie offiziell zur Agglomeration zählt. Gleichzeitig arbeite ich in der Stadt, ein Grossteil meines beruflichen und auch privaten Umfelds befindet sich dort. Meine Erfahrung ist, dass sowohl das Land als auch die Stadt komplizierter sind als das Bild, das die jeweils andere Seite von ihnen hat. Es ist sogar zweifelhaft, ob man in der Schweiz überhaupt eine klare Grenze zwischen Stadt und Land ziehen kann. Aus Sicht beispielsweise eines Londoners ist selbst Zürich ein Dorf. Die Herablassung gegenüber dem Land ist aus dieser Perspektive ziemlich provinziell. ### UFO‑Leaks und Pentagon-Verschwörung URL: https://www.schweizermonat.ch/ufo-leaks-und-pentagon-verschwoerung/ Last updated: 2026-06-16T14:17:39.000Z Der neue Film von Steven Spielberg, «Disclosure Day», ist ein rasanter Science-Fiction-Thriller. Im Zentrum steht die Wettermoderatorin Margaret (Emily Blunt), die live auf Sendung in Trance fällt und eine Alien-Sprache spricht. So beginnt die Enthüllung einer Weltverschwörung, unterstützt von einem IT‑Spezialisten (Josh O’Connor), dessen Chef Noah Scanlon (Colin Firth) die Wahrheit unterdrücken will. Der Film interessiert sich weniger für spektakuläre Szenen als für die Frage, was geschieht, wenn Regierungen Narrative nicht mehr kontrollieren können und bestätigen müssen, dass Aliens existieren. Orientiert an Verschwörungserzählungen aus dem Netz (UFO‑Leaks, Pentagon‑Berichte, Medienmisstrauen), arbeitet Spielberg formal ganz klassisch. Sein Film ist Spannungskino der alten Schule. > «Der Film interessiert sich weniger für spektakuläre Szenen als für die Frage, was geschieht, wenn Regierungen Narrative nicht mehr kontrollieren können.» Interessant ist eine Aussage Spielbergs im Vorfeld der Premiere, die Zuschauer müssten durch den Film ihre «religiösen Überzeugungen» überdenken. Stellt die Existenz von Aliens den Glauben an Gott in Frage? Zumindest aus christlicher Sicht könnte man zurückfragen, warum der Schöpfer des Universums nicht auch Aliens geschaffen haben soll, die uns etwas Wichtiges mitteilen sollen? Noch spannender ist eine andere Überlegung. Man kann Science-Fiction-Filme wie «Close Encounters» (1977), «E.T.» (1982), «Contact» (1997) oder «Arrival» (2016) durchaus als religiöse Filme des 21\. Jahrhunderts betrachten. In dem Sinne, dass sie oberflächlich betrachtet zwar von Raumschiffen und Ausserirdischen handeln, aber unter der Oberfläche von Offenbarungen aus dem Himmel. In diesen Geschichten offenbaren Ausserirdische nämlich meist eine lebenswichtige Wahrheit, die der Mensch allein nicht finden kann. Eine Wahrheit für die Welt, aber nicht von der Welt: Genau das gehört zum klassischen Bestand von Offenbarungsreligionen. Wer sich also den Spass gönnt, «Disclosure Day» auf der grossen Leinwand zu sehen, kann sich von Steven Spielberg dazu verführen lassen, ins Staunen zu kommen: erstens über die Filmkunst dieses Regisseurs. Und zweitens über die Frage nach Ursprung und Sinn des Daseins. Ja, bei Spielberg sogar nach dem Sinn der Liebe – Liebe zur Wahrheit, Liebe zum Leben. ### Mut zur Zersplitterung Europas URL: https://www.schweizermonat.ch/mut-zur-zersplitterung-europas/ Last updated: 2026-06-19T07:05:23.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/mut\_zur\_zersplitterung\_europas\_male-1.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/mut%5Fzur%5Fzersplitterung%5Feuropas%5Fmale-1.mp3) Lea [aquí](https://www.schweizermonat.ch/desunion-europea/) la versión española. Europa braucht nicht mehr Einigung, sondern das Gegenteil: mehr politische Zersplitterung im Einklang mit seiner eigenen Geschichte. Die Europäische Union präsentiert sich als Projekt von Frieden, Wohlstand und Zusammenarbeit. In der Praxis hat sie sich jedoch zu einer Maschinerie politischer Zentralisierung, regulatorischer Vereinheitlichung, bürokratischer Selbstreproduktion und wirtschaftlicher Stagnation entwickelt. Dass Brüssel bereits heute über erhebliche Macht verfügt, ist ein Problem. Noch problematischer ist, dass diese Macht wächst, während Europa an Dynamik verliert. Vielleicht ist sie sogar eine der Ursachen dieses Niedergangs. Europa war dann am erfolgreichsten, wenn es plural, fragmentiert, wettbewerblich und politisch schwer disziplinierbar war. Das Geflecht aus freien Städten, Fürstentümern, Kantonen, Handelsrepubliken, Städtebünden und autonomen Territorien erzeugte eine der höchsten nachhaltigen Wachstumsraten der Geschichte. Venedig, Florenz, Amsterdam, Hamburg, Genua, Zürich oder Lübeck benötigten keinen kontinentalen Superstaat, um Handel zu treiben, Innovationen hervorzubringen oder Wohlstand zu schaffen. Im Gegenteil: Sie prosperierten gerade deshalb, weil es ihn nicht gab. Ein Europa aus hunderten politischen Einheiten, aus Kantonen, freien Städten, souveränen Regionen, Kleinstaaten und autonomen Gemeinschaften, wäre wohlhabender, freier, innovativer und widerstandsfähiger als die heutige zentralisierte EU. Die EU reproduziert zunehmend jenes zentralistische Modell, das bereits das Römische Reich und später China prägte: fortwährende Expansion und die fortschreitende Konzentration politischer Entscheidungen. Auch in ihrer Korruptionsanfälligkeit und ihrem Hang zur Selbstdarstellung erinnert sie stellenweise an die problematischsten Phasen des Römischen Reichs, während manche ihrer Politiker an dessen weniger ruhmreiche Herrscher denken lassen. Das zentralisierte Rom war ein Zentrum von Korruption, Ungerechtigkeit und Ineffizienz. Es brachte weite Teile Europas in Abhängigkeit und führte den Kontinent in eine lange Phase des Niedergangs, von der er sich nur langsam erholte. Walter Scheidel bemerkte kürzlich, der Zusammenbruch des Reiches sei letztlich das Beste gewesen, was Europa habe widerfahren können. Das ist wenig überraschend. Wo sich Wertschöpfung konzentriert, konzentrieren sich auch die Möglichkeiten, von ihr zu leben, ohne sie selbst hervorzubringen. Je zentraler die Ressourcenströme, desto attraktiver wird parasitäres Verhalten. In einem politisch zersplitterten Europa fehlt hingegen das grosse Zielobjekt. Wo die Chancen des Rent-Seeking (das Bestreben, eigenes Vermögen zu vermehren, ohne dabei neuen gesellschaftlichen Wohlstand oder wirtschaftliche Werte zu schaffen) schwinden, werden produktive Tätigkeiten attraktiver. > «Ein Europa aus hunderten politischen Einheiten, aus Kantonen, freien Städten, souveränen Regionen, Kleinstaaten und autonomen Gemeinschaften, wäre wohlhabender, freier, innovativer und widerstandsfähiger als die heutige zentralisierte EU.» **Der Staat ist das Problem, nicht die Lösung** Hans-Hermann Hoppe hat eine klassisch libertäre Intuition konsequent zu Ende gedacht: Der Staat ist kein neutraler Schiedsrichter, sondern ein territoriales Monopol. Er argumentiert, die moderne Demokratie beseitige politische Ausbeutung nicht, sondern verallgemeinere sie. An die Stelle des Monarchen als Eigentümer treten zeitlich begrenzte Verwalter, deren Anreiz darin besteht, politisches und fiskalisches Kapital möglichst rasch zu konsumieren. Aus dieser Perspektive löst die EU das Problem des Nationalstaats nicht. Sie vergrössert es. Sie beseitigt den Leviathan nicht, sondern europäisiert ihn. Damit entsteht ein Machtzentrum in einer Dimension, die Europa historisch fremd ist. Der Kontinent war nie dauerhaft geeint, und gerade diese Vielfalt gehörte zu seinem Wesen und seinem Erfolg. Ludwig von Mises hatte darauf hingewiesen, dass wirtschaftliche Kalkulation Preise, Privateigentum und institutionellen Wettbewerb voraussetzt. Sein Schüler Friedrich Hayek erklärte in «The Use of Knowledge in Society», dass wirtschaftliches Wissen dezentral verteilt ist und kein politisches Zentrum den wettbewerblichen Entdeckungsprozess ersetzen kann. Planung scheitert nicht nur an der Begrenztheit der Planer, sondern vor allem daran, dass die benötigten Informationen nirgendwo vollständig vorliegen und in keinem einzelnen Bewusstsein zusammengeführt werden können. Das «freundliche Monster von Brüssel» (Hans Magnus Enzensberger), verkörpert genau das Gegenteil dessen. Es versucht, lokale Realitäten aus Distanz durch administrative Abstraktionen zu steuern. Der Staat verwendet definitionsgemäss Ressourcen, die er nicht selbst erwirtschaftet hat. Es wäre erstaunlich, wenn er diese systematisch rationaler einsetzen könnte als jene, denen sie gehören. Wer nicht in gleichem Masse politischen Einfluss organisieren kann, um sich Sondervorteile zu sichern, bezahlt für die Privilegien anderer. Wo die Möglichkeit besteht, von den Leistungen Dritter zu leben, sinkt der Anreiz, selbst produktiv zu sein. Mit wachsender Staatsmacht nimmt die Versuchung zu, Umverteilung zu suchen, statt Werte zu schaffen. **Die europäische Zentralisierung erzeugt Stagnation** Die Daten stützen die Vorstellung eines prosperierenden, zentralisierten Europas nur bedingt. Die Eurozone leidet seit Jahren unter schwachem Wachstum. Das Problem ist nicht konjunkturell, sondern institutionell. Die EU verspricht Skaleneffekte und liefert Starrheit. Sie verspricht geteilte Souveränität und produziert geteilte Verantwortungslosigkeit. Sie verspricht Stabilität und schafft Abhängigkeit von Zentralbanken, Staatsverschuldung und einheitlicher Regulierung. **Die Schweiz als Gegenbeispiel** Die Schweiz ist die lebendige Widerlegung des europäischen Zentralismus. Die Eidgenossenschaft entstand historisch als freier wirtschaftlicher Zusammenschluss und auch als Verteidigungsbündnis gegen die Expansionsversuche der grossen europäischen Reiche. Ein kleines, mehrsprachiges Land ohne Zugang zum Meer, ohne regulatorisches Imperium und ausserhalb der EU, zugleich aber mit einem Pro-Kopf-Einkommen weit über dem europäischen Durchschnitt. Das Geheimnis dahinter ist unspektakulär: echter Föderalismus, Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen, direkte Demokratie, Geldwertstabilität und ein tief verankertes Misstrauen gegenüber zentraler Macht. Die Lehre daraus ist klar: Je grösser der Machtbereich, desto leichter wird der einzelne kontrollierbar. Je kleiner die politische Einheit, desto einfacher ist es, ihr auszuweichen. Und wo Menschen ausweichen können, müssen Regierende um Zustimmung konkurrieren. Daraus entsteht ein produktiver Kreislauf. > «Je grösser der Machtbereich, desto leichter wird der einzelne kontrollierbar. Je kleiner die politische Einheit, desto einfacher ist es, ihr auszuweichen.» **Fragmentierung ist kein Chaos, sondern Wettbewerb** Die politische Zersplitterung Europas war kein bedauerlicher Unfall der Geschichte. Sie war ein evolutionärer Vorteil. Der Politikwissenschafter Gary Cox hat argumentiert, dass zwischen 600 und 1800 die europäische Fragmentierung in Verbindung mit autonomen Städten und repräsentativen Institutionen wirtschaftliche Freiheit und städtisches Wachstum begünstigte. Auch die ökonomische Literatur hat den Gegensatz zwischen Fragmentierung und imperialer Einigung untersucht. Mark Koyama stellt in «How the World Became Rich» die zentrale Frage, ob politische Zersplitterung langfristig mehr Wachstum erzeugt als ein geeintes Imperium. Sein Befund lautet: Einheit senkt zwar militärische Kosten, führt aber häufig zu höheren Abgaben und zur Durchsetzung einheitlicher Regeln über sehr unterschiedliche Bevölkerungen hinweg. Genau darin liegt das Muster der EU: weniger institutioneller Wettbewerb, mehr steuerliche Angleichung, mehr gemeinsame Regulierung und mehr Macht für eine politische Klasse, die gerade wegen der Zentralisierung schwerer zur Verantwortung gezogen werden kann. > «Die politische Zersplitterung Europas war kein bedauerlicher Unfall der Geschichte. Sie war ein evolutionärer Vorteil.» **Europa muss antifragil sein, nicht effizient** Nassim Nicholas Taleb hat den Begriff der Antifragilität geprägt: Systeme, die Störungen nicht nur überstehen, sondern durch sie besser werden. Ein zentralisiertes Europa ist fragil, weil es auch seine Fehler zentralisiert. Fehlentscheidungen in der Geld-, Energie-, Migrations- oder Regulierungspolitik betreffen unmittelbar Hunderte Millionen Menschen. Ein Europa aus Tausenden Kantonen wäre dagegen antifragil: Fehler blieben lokal begrenzt, Erfolge liessen sich nachahmen, und institutioneller Wettbewerb würde Lernprozesse erzwingen. Der Zentralismus macht politische Irrtümer pandemisch. Dezentralisierung macht sie zu lokalen Experimenten. **Das Europäische Parlament und die Korruption der Distanz** Das Europäische Parlament ist keine Institution unmittelbarer Bürgernähe. Es ist eine ferne, schwer durchschaubare Kammer, umgeben von Lobbyisten, subventionierten Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, Beratungsfirmen, Interessengruppen und klientilistischen Netzwerken. Die jüngsten Skandale erscheinen aus dieser Sicht nicht als Ausnahmen, sondern als Symptome. Im Fall «Qatargate» wurden mutmassliche Bestechungszahlungen aus Katar und Marokko untersucht, die Entscheidungen des Europäischen Parlaments beeinflusst haben sollen. Die Ermittlungen führten zu Bargeldfunden und Anklagen gegen Personen mit Verbindungen zum Parlament. Korruption nimmt zu, wenn Macht sich der Kontrolle der Bürger entzieht. Ein korrupter Bürgermeister kann von einer kleinen Gemeinschaft rasch abgesetzt werden. Ein europäischer Funktionär verschwindet dagegen oft jahrelang hinter Ausschüssen, Agenturen, Verordnungen und schwer verständlichen Verfahren. Verantwortliche grosser Institutionen können ganze Länder in Schwierigkeiten bringen und dennoch ungeschoren davonkommen. Korruption bedeutet nicht nur, Geld zu stehlen. Korruption bedeutet auch, Regeln zugunsten von Machtkartellen zu schaffen, die niemand gewählt hat. > «Der Zentralismus macht politische Irrtümer pandemisch.» **Gegen das europäische Imperium** Die EU strebt danach, ein Imperium zu sein, ohne sich so zu nennen. Sie will eine gemeinsame Währung, gemeinsame Schulden, eine gemeinsame Aussenpolitik, eine gemeinsame Armee, gemeinsame Steuern, gemeinsame Regulierung und eine gemeinsame Erzählung. Europa braucht jedoch nicht Einheitlichkeit, sondern Wettbewerb zwischen vielen Stimmen. Vor der Gründung der EU näherte sich Europa beim Pro-Kopf-Einkommen den Vereinigten Staaten rasch an. Seither ist aus Konvergenz Divergenz geworden. Allerdings greift selbst dieser Vergleich zu kurz. Die Messlatte sollte nicht ein anderes Gebilde sein, das seinerseits zunehmend die Merkmale eines überdehnten Imperiums zeigt. Wer den Euro mit dem Dollar vergleicht, übersieht leicht, wie stark sich der Schweizer Franken seit Einführung der Gemeinschaftswährung entwickelt hat. Noch deutlicher wird der Unterschied im Vergleich mit Gold oder Bitcoin. Der Wettbewerb zwischen EU, USA und China erinnert dann eher an ein Rennen von Lahmen als an einen Wettlauf dynamischer Volkswirtschaften. Die Behauptung, Europa müsse sich zusammenschliessen, um mit China und den USA konkurrieren zu können, ist aus dieser Sicht irreführend. China ist ein zentralisiertes System mit erheblichen inneren Ungleichgewichten und einer demografisch problematischen Entwicklung. Die Vereinigten Staaten wiederum sind eine zunehmend verschuldete, polarisierte Föderation, deren Institutionen von einem komplexen bürokratisch-finanziellen Geflecht geprägt werden. Wer Dinosaurier nachahmt, wird dadurch nicht zur Gazelle. Die Zukunft gehört nicht den kontinentalen Blöcken, sondern beweglichen Jurisdiktionen. Singapur, die Schweiz, Irland, Liechtenstein, Monaco, Luxemburg oder Estland zeigen, dass Grösse keine Voraussetzung für Wohlstand ist. Entscheidend sind institutionelle Qualität, Offenheit, Rechtssicherheit, Steuerwettbewerb und Anpassungsfähigkeit. **Angriff auf die Identität** Ein weiterer verbreiteter Irrtum besteht darin, Staat und Nation gleichzusetzen. Aus libertärer Sicht haben beide wenig miteinander gemein, ihre Interessen stehen häufig sogar im Widerspruch. Das Ziel der EU bestehe, so die Argumentation, darin, ihren wichtigsten Konkurrenten bei der Machtkonzentration zu schwächen: den Nationalstaat. Historisch haben Staaten immer wieder versucht, bestehende Identitäten aufzulösen und durch neue politische Loyalitäten zu ersetzen. Bevölkerungsverschiebungen und die Konstruktion neuer kollektiver Identitäten gehörten vielfach zu diesem Prozess, oft mit erheblichen gesellschaftlichen Kosten. Heute betreibt die EU einen solchen Prozess in weit grösserem Massstab. Sie fördert nicht nur die Mobilität innerhalb Europas, sondern erleichtert auch die Zuwanderung aus aussereuropäischen Regionen, ohne lokale Unterschiede ausreichend zu berücksichtigen. Daraus entstehen soziale Spannungen. Die Schweiz dient erneut als Gegenbeispiel. Nicht die Zahl der Ausländer sei entscheidend, sondern die Stärke lokaler Mitbestimmung und die Achtung von Eigentumsrechten. In den Gemeinden verfügen die Einwohner über deutlich mehr Einfluss auf ihr unmittelbares Umfeld als viele europäische Bürger innerhalb der grossen supranationalen Strukturen. **Programm für ein Europa freier Kantone** Ein libertäres Europa sollte nicht versuchen, Brüssel zu reformieren. Es sollte dessen Bedeutung schrittweise reduzieren. Das Ziel wäre nicht eine andere EU, sondern ein Europa nach der EU: ein Netzwerk freier Städte, souveräner Kantone, autonomer Regionen und kleiner politischer Einheiten, die freiwillig miteinander kooperieren. Ein solches Programm könnte folgende Punkte umfassen: 1. Das Recht jeder politischen Einheit oder Gemeinschaft auf Sezession. 2. Vollständigen Steuerwettbewerb zwischen den Territorien. 3. Freien Währungswettbewerb, einschliesslich Gold, Bitcoin, lokaler und privater Währungen. 4. Das Ende verpflichtender regulatorischer Harmonisierung. 5. Den schrittweisen Abbau supranationaler Bürokratien. 6. Europäischer Freihandel ohne politischen Superstaat. 7. Direkte Demokratie auf lokaler Ebene. Freiheit beginnt dort, wo Menschen weggehen können. Dauerhafte Beziehungen entstehen dort, wo sie freiwillig bleiben. **Europa wird frei sein, wenn es aufhört, eins zu sein** Europa sollte sich nicht zwischen staatlichem Nationalismus und europäischem Föderalismus entscheiden müssen. Beide erscheinen in dieser Sichtweise als unterschiedliche Varianten desselben Irrtums: der Konzentration von Macht. Die eigentliche Alternative wäre eine radikale Fragmentierung. So ungewöhnlich sie heute wirken mag, sie ist dem europäischen Kulturraum keineswegs fremd. Verordnete Einheit ist der Traum der Bürokraten. Freiwillige Fragmentierung ist die Ordnung freier Menschen. Europa braucht kein stärkeres Parlament, sondern tausend kleinere Parlamente. Es braucht keine Europäische Kommission, sondern Wettbewerb zwischen Jurisdiktionen. Es muss weder China noch den Vereinigten Staaten ähneln, sondern wieder europäisch werden: plural, eigensinnig, handelsorientiert, lokal verankert, widerständig und frei. Die Europäische Union verspricht Frieden gegen Gehorsam. Ein desintegriertes Europa würde etwas versprechen, das für die Mächtigen weit gefährlicher ist: Freiheit. Sollte die EU ihren gegenwärtigen Kurs fortsetzen, könnte sie immer stärker an andere gescheiterte supranationale Projekte erinnern. Die offene Frage lautet, ob sie denselben Weg bis zu ihrer Implosion beschreiten wird. ### Verschlucken Sie sich nicht an Gewissensbissen! URL: https://www.schweizermonat.ch/verschlucken-sie-sich-nicht-an-gewissensbissen/ Last updated: 2026-09-23T21:17:16.000Z 0:00 /482 1× Früher war nicht alles besser. Aber in einer Hinsicht war zumindest vieles einfacher: beim Essen. Heute vergeht kaum ein Tag ohne neue Ernährungsschlagzeile. Eben noch galten Eier als Cholesterinbombe und Gesundheitsrisiko. Dann hiess es, ein Ei pro Tag sei völlig unbedenklich zu verzehren. Nun meldet eine amerikanische Studie sogar, täglicher Eierkonsum senke das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Was für eine Kehrtwende! Was gestern als problematisch galt, wird heute empfohlen. Und bis Sie diese Zeilen lesen, ist wohl auch diese Empfehlung bereits wieder überholt. Das Ei steht stellvertretend für viele andere Lebensmittel und Konsumgewohnheiten, deren medizinische Beurteilung sich im Laufe der Zeit teilweise radikal geändert hat. Vor allem ältere Esser erinnern sich an den immer gleichen Mechanismus: Egal ob Kaffee, Butter, Rotwein, Fett, Kohlenhydrate oder Salz – kaum ein Thema, das nicht schon mehrere wissenschaftliche Leben hinter sich hat. Zwei grundlegende Erkenntnisse drängen sich auf. Erstens: Wissen ist selten absolut. Das gilt für die Krebsforschung ebenso wie für die Ernährungswissenschaft. Wissen verändert sich, es unterliegt dem jeweils neusten Stand der Erkenntnis und ja – auch dem Zeitgeist. Erkenntnisse entwickeln sich weiter, werden ergänzt, korrigiert oder verworfen. Wissenschaft ist kein Dogma, sondern ein Prozess. > «Egal ob Kaffee, Butter, Rotwein, Fett, Kohlenhydrate oder Salz – kaum ein Thema, das nicht schon mehrere wissenschaftliche Leben hinter sich hat.» **Wissenschaftlich gesicherte Banalitäten** Zweitens: Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig wir über gesunde Ernährung wirklich wissen. Informationen gibt es zwar im Überfluss. Studien, Podcasts, Bücher und Influencer liefern täglich neue Empfehlungen. Doch wirklich gesichert ist wenig. Ausser Banalitäten wie diesen: Menschen nehmen an Gewicht zu, wenn sie über längere Zeit mehr Kalorien zu sich nehmen, als sie verbrauchen. Die totale Menge an Kalorien im Verhältnis zu unserem Verbrauch hat einen Einfluss auf unsere Gesundheit. Klingt logisch. Doch bereits bei der Frage, wie sich diese Kalorien zusammensetzen sollten, scheiden sich die Geister. Ebenso gilt als belegt, dass zum Beispiel starkes Übergewicht oder Rauchen gesundheitliche Risiken erhöht. So weit, so banal. Darüber hinaus wird es schnell kompliziert. So kann leichtes Übergewicht angeblich die Lebenserwartung erhöhen und die Menschen in einer Mangelsituation (etwa durch Krankheit oder Versorgungsengpässe) resilienter machen. Der eingebaute Notvorrat um die Hüfte scheint zumindest nicht nur Nachteile zu haben. Doch wo die Kosten-Nutzen-Balance genau kippt, ist unklar. **Zwei Extreme** Bevor man über Ernährung spricht, müsste man eigentlich eine andere Frage beantworten: Was ist überhaupt das Ziel des Essens? Überleben, klar. Und sonst? Ein möglichst langes Leben? Ein möglichst gesundes Leben? Ein möglichst genussvolles Leben? Oder eine Kombination von allem? Die Antwort fällt individuell aus. Genau deshalb ist die Diskussion um die «richtige Ernährung» auch so emotional aufgeladen. Ernährung ist für viele Menschen zu einer Art Ersatzreligion geworden. Und damit ist auch klar: It’s complicated! So gibt es einerseits immer mehr, vor allem junge, regelrechte Gesundheitsfanatiker. Sie tracken und optimieren, was das Zeug hält. Schritte, Schlaf, Puls, Blutzucker, Kalorienzufuhr – jeder Aspekt ihres Lebens wird erfasst und ausgewertet. Wer durch soziale Medien scrollt, gewinnt bisweilen den Eindruck, der Sinn des Lebens bestehe vor allem darin, seine Lebensdauer statistisch zu maximieren. Man kann nur hoffen, dass Big Data und das Hinterherrennen von Trends auf Instagram und TikTok auch glücklich machen. Doch wer permanent unter Strom steht und in gigantischem Ausmass isländische Proteine, peruanische Physalis, Flugavocados oder Supplements einwirft, ist nicht wirklich tiefenentspannt. Dass viele Jüngere gesundheitsbewusster unterwegs sind als frühere Generationen, ist einerseits erfreulich. Doch es gibt auch eine andere Jugend. So sorgt sich etwa ein befreundeter Lehrer ernsthaft um die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten seiner Schülerinnen und Schüler. Döner, Pizza, Burger, Chips und Süssgetränke prägen ihren kulinarischen Alltag. Gemüse ist hier mehr exotische Beilage als Lebensmittel. Die grosse Mehrheit bewegt sich irgendwo zwischen Gesundheitsfanatikern und Fast-Food-Dauerkonsumenten. Doch auch hier hat sich vieles verändert. Allergien, Unverträglichkeiten, spezielle Ernährungsformen und militant kultivierte Abneigungen gehören für viele mittlerweile zur persönlichen Identität. Kaum ein Restaurant, das bei einer Reservation nicht routinemässig nach entsprechenden Besonderheiten fragt. **Der Staat ist süchtig** Parallel dazu wächst der politische Druck zur staatlichen Bevormundung auch beim Essen. So wird etwa in Deutschland gerade wieder über eine Zuckersteuer diskutiert – begründet durch die steigenden Kosten von Übergewicht und Diabetes. Zugleich plant der Staat höhere Abgaben auf Alkohol und Tabak. Die Debatte zeigt einen grundsätzlichen Konflikt: Wem gehört unser Körper? Aus liberaler Sicht ist die Antwort klar: Zunächst einmal uns selbst. Erwachsene Menschen sollten grundsätzlich frei entscheiden dürfen, was sie essen, trinken und geniessen wollen. Die eigene Gesundheit ist in erster Linie Privatsache. Allerdings ist es auch nicht gerade liberal, die Kostenfolgen individueller Lebensstile und kulinarischer Vorlieben auf die Allgemeinheit abzuwälzen. Zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung besteht ein Spannungsverhältnis, das sich nicht einfach auflösen lässt. Nicht ganz unwichtig: Auch der Staat ist süchtig. Allerdings nicht primär danach, Ihr Wohlergehen zu optimieren, sondern nach immer neuen Steuern und Abgaben zum Stopfen von Haushaltslöchern. Der Staat braucht Geld, die Volksgesundheit liefert den Vorwand. > «Das Schöne am langfristigen Durchschnitt ist, dass er auch Exzesse erlaubt!» **Täglicher Genuss** Wer Essen ausschliesslich als funktionalen Treibstoff für einen möglichst effizienten Körper betrachtet, verpasst einen wesentlichen Teil dessen, was menschliches Leben ausmacht: Denn Essen ist Kultur. Essen ist Erinnerung. Essen ist Gemeinschaft. Essen ist Lebensfreude. Mein Ansatz ist deshalb: Jeden Tag kleine Genusselemente einbauen. Einen hervorragenden Espresso. Ein Stück gute Schokolade. Ein Abendessen mit Freunden. Ein Glas Wein. Was immer Sie mögen. Tun Sie dies nicht, weil irgendeine Studie oder Schlagzeile Ihnen gesundheitliche Vorzüge verspricht. Tun Sie es, weil Sie Lust darauf haben. Und tun Sie es im langfristigen Durchschnitt mit Mass. Das Schöne am langfristigen Durchschnitt ist, dass er auch Exzesse erlaubt! Lassen Sie sich also nicht verrückt machen. Setzen Sie auf Ausgewogenheit statt Dogmen. Auf Vielfalt statt Einseitigkeit. Auf Vernunft statt Hysterie. Irgendwann kommt für jeden der letzte Tag. Wäre es da nicht schade, wenn Sie an Ihrem zweitletzten Tag aus Angst vor dem Tod auf Ihr geliebtes Glas Wein verzichtet hätten? Ich sehe, wir verstehen uns. In diesem Sinne: A votre santé! ### Desunión Europea URL: https://www.schweizermonat.ch/desunion-europea/ Last updated: 2026-06-19T06:50:37.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/desunion\_europea\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/desunion%5Feuropea%5Fmale.mp3) Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/mut-zur-zersplitterung-europas/). La política de Europa no necesita de más unión sino lo contrario, de una mayor fragmentación en la línea de su propia historia. La Unión Europea se presenta como un proyecto de paz, prosperidad y cooperación. Pero en la práctica se ha convertido en una maquinaria de centralización política, homogeneización regulatoria, captura burocrática y decadencia económica. Que Bruselas tenga mucho poder es un problema. Además, está creciendo en paralelo a nuestra decadencia, o quizás siendo la causa principal de ella.Europa progresó más cuando era plural, fragmentada, competitiva y políticamente indisciplinada. Una constelación de ciudades libres, principados, cantones, repúblicas mercantiles, ligas urbanas y territorios autónomos generó la tasa de crecimiento sostenido más alta registrada, no solo en el continente sino en la historia humana. Venecia, Florencia, Ámsterdam, Hamburgo, Génova, Zúrich o Lübeck no necesitaban un superestado continental para comerciar, innovar o prosperar. Al contrario: prosperaron porque no lo tenían, como nos recuerda el viejo Henri Pirenne en sus obras sobre la historia de la Europa medieval, periodo que, por cierto, precisaría de revisión histórica. La tesis central es simple:una Europa dividida en cientos de unidades políticas —cantones, ciudades libres, regiones soberanas, microestados y comunidades autónomas— sería más rica, más libre, más innovadora y más resistente que la centralizada actual Unión Europea.“Una Europa dividida en cientos de unidades políticas —cantones, ciudades libres, regiones soberanas, microestados y comunidades autónomas — sería más rica, más libre, más innovadora y más resistente que la centralizada actual Unión Europea. ”La UE está replicando el modelo centralizador del Imperio romano y, posteriormente, el chino, intentando expandirse y centralizando las decisiones políticas constantemente. También se empieza a parecer en corrupción y en estridencia a los peores momentos del imperio romano, y sus políticos a algunos de sus peores emperadores. Roma con su modelo centralizado fue un foco de corrupción, de injusticia y de ineficiencia que puso a toda Europa en jaque y sumió al continente en una etapa de oscuridad de la que costó mucho recuperarse. Como dijo hace poco Walter Scheidel, su caída fue lo mejor que pudo pasarle a Europa.Era algo de esperar cuando el flujo de valor se centraliza. El beneficio y, por ende, la incidencia del parasitismo aumentan. En una Europa desunida no hay una diana clara. La conducta pasa del parasitismo a la productividad cuando las oportunidades de llevar a cabo tal actividad se reducen. ## **El Estado como problema, no como solución** Hans-Hermann Hoppe llevó a sus últimas consecuencias una intuición libertaria: el Estado no es un árbitro neutral, sino un monopolista territorial. En “Democracy: The God That Failed”, Hoppe defiende que la democracia moderna no elimina la explotación política, sino que la socializa: sustituye al monarca propietario por administradores temporales con incentivos a consumir capital político y fiscal en el corto plazo. Desde esta perspectiva, la UE no corrige el problema del Estado-nación. Lo escala. No destruye el Leviatán: lo Europeiza, lo convierte en un problema a escala mucho mayor, para el que incluso los europeos no están acostumbrados. Europa nunca estuvo unida en su historia, y eso forma parte esencial de su identidad, al tiempo que fue una de las claves de su éxito. Ludwig von Mises ya había advertido que el cálculo económico requiere precios, propiedad privada y competencia institucional. Su discípulo Friedrich Hayek, en “The Use of Knowledge in Society”, explicó que el conocimiento económico está disperso y que ningún centro político puede sustituir el proceso competitivo de descubrimiento. La planificación falla no sólo porque los burócratas son incompetentes, sino porque la información que necesitan no está concentrada en ningún lugar, y no puede ser reunida en la mente de uno de ellos, por capaz que pueda ser. El gentil monstruo de Bruselas, como lo denominó Hans Magnus Enzensberger, es la negación institucional de Hayek, del cálculo económico: pretende gobernar realidades locales desde una abstracción administrativa a mucha distancia del objeto de su regulación. A principios de los 2000, el popular comandante Chávez reclamó más capacidad y más centralización de poder para poder hacer las reformas que Venezuela necesitaba para prosperar. Decisiones similares sólo llevarán a resultados similares, sobre todo si estas no son las correctas, y nada garantiza que lo sean. El Estado usa por definición recursos que no son suyos. Sería sorprendente que fuese capaz de invertirlos de manera racional. Aquellos que no sean capaces de asociarse en la misma medida para presionar al Estado para que les conceda condiciones privilegiadas tendrán que pagar el costo de que otros las tengan.Si existe la posibilidad de parasitar a otro, ¿cuánto tiempo se espera que uno invierta en producir en vez de buscar el parasitismo? A más Estado la tendencia es a menos producción y más robo. ## **La centralización europea produce estancamiento** Los datos no apoyan la idea de la prosperidad de una Europa centralizada. La eurozona ha crecido con lentitud crónica. Eurostat muestra que el crecimiento real anual reciente de la UE y la zona euro ha sido débil: en 2024, el Producto interno bruto (PIB) real creció un 1,0 por ciento en la eurozona y un 1,1 por ciento en la UE, tras años de bajo dinamismo y shocks acumulados. Mientras tanto, las economías europeas más grandes muestran síntomas de fatiga estructural. Alemania ha pasado de ser motor industrial a economía estancada; Francia combina crecimiento débil con, como no podría ser de otro modo, gasto público y endeudamiento muy elevado y creciente; Italia lleva décadas con una renta per cápita real prácticamente congelada. El problema no es coyuntural. Es institucional. La UE vende beneficios de escala, pero entrega a cambio rigidez.Vende soberanía compartida, y entrega irresponsabilidad compartida. Vende estabilidad, y genera dependencia de bancos centrales, deuda pública y regulación uniforme. ## **Suiza: el contraejemplo que Bruselas no quiere mirar** Suiza es la herejía viviente contra el centralismo europeo. La Confederación Helvética se formó históricamente como unión libre económica y unión eventual defensiva militar contra los ataques de los grandes imperios europeos que intentaron conquistarla. Un país pequeño, multilingüe, sin acceso al mar, sin imperio regulatorio ni pertenencia a la UE, pero con una renta per cápita muy superior a la media europea. Eurostat señala que en 2024 Suiza tenía un PIB per cápita un 51 por ciento superior a la media de la UE. Su secreto no es misterioso: federalismo real, competencia fiscal cantonal, democracia directa, baja inflación y desconfianza estructural endémica hacia el poder central. La lección es clara: cuanto más abarque el poder, más controlable se vuelve el ciudadano. Cuanto más pequeña es la unidad política, más fácil es escapar de ella. Y cuando puedes escapar, el gobernante debe competir. Un círculo virtuoso. ## **Fragmentación no es caos: es competencia política** La fragmentación política europea no fue un accidente vergonzoso. Fue una ventaja evolutiva.El politólogo Gary Cox ha defendido que la fragmentación europea, combinada con ciudades autónomas y parlamentos, facilitó la libertad económica y el crecimiento urbano en Europa occidental entre 600 y 1800.También hay literatura económica que compara la fragmentación con la unificación imperial. El estudioso del Estado chino, Mark Koyama, plantea en “How the world became rich” la pregunta clave: si la fragmentación política favorece más el crecimiento que un imperio unificado. Su modelo concluye que la unificación reduce costes militares, pero tiende a aumentar tributos e imponer políticas homogéneas sobre poblaciones heterogéneas.“La fragmentación política europea no fue un accidente vergonzoso. Fue una ventaja evolutiva.”Esto es la UE: menor competencia institucional, mayor armonización fiscal, más regulación común y más poder para una clase política, que debido a la centralización misma se vuelve más difícil de castigar. ## **Europa debe ser antifrágil, no eficiente** Nassim Nicholas Taleb popularizó el concepto de antifragilidad: sistemas que no solo resisten el desorden, sino que mejoran gracias a él. Una Europa centralizada es frágil porque también centraliza errores. Una mala política monetaria, energética, migratoria o regulatoria se transmite a cientos de millones de personas. Una Europa de miles de cantones sería antifrágil: los errores quedarían localizados, se aprendería de ellos, los aciertos serían imitables y la competencia institucional forzaría el aprendizaje. El centralismo convierte el error político en pandemia.La descentralización lo convierte en experimento local. “El centralismo convierte el error político en pandemia” ## **El Parlamento Europeo y la corrupción de la distancia** El Parlamento Europeo no es una asamblea cercana al ciudadano. Es una cámara remota, opaca y rodeada de lobbies, ONGs subvencionadas, fundaciones, consultoras, grupos de presión y redes clientelares. Los escándalos recientes no son anomalías sino síntomas. El caso Qatargate investigó presuntos sobornos vinculados a Qatar y Marruecos para influir en decisiones del Parlamento Europeo; las investigaciones llevaron a incautaciones de efectivo y acusaciones contra figuras vinculadas al Parlamento. En 2025, fiscales belgas también imputaron a ocho personas en una investigación sobre presunta corrupción vinculada a Huawei y el Parlamento Europeo, con acusaciones de corrupción, blanqueo y participación en una organización criminal. La corrupción aumenta cuando el poder se aleja del control ciudadano. Un alcalde corrupto es expulsado por una comunidad pequeña. Un burócrata europeo se esconde durante años en comités, agencias, reglamentos y procedimientos incomprensibles. Los responsables políticos de grandes instituciones pueden arruinar a países enteros y salir indemnes. La corrupción no es sólo robar dinero directamente. También es fabricar normas para beneficiar a redes de poder que nadie eligió. ## **Contra el imperio europeo** La UE quiere ser imperio sin llamarse imperio. Quiere moneda común, deuda común, política exterior común, ejército común, fiscalidad común, regulación común y relato común. Pero lo que Europa necesita son mil voces compitiendo.Antes de la creación de la UE, la media de Europa se acercaba rápidamente a converger en PIB per cápita con EE.UU. Desde la creación de la UE, la convergencia se ha convertido en divergencia. Lo peor de todo esto es que el crecimiento no debe hacerse en relación a un país como EE.UU. que ya es, en sí mismo, un imperio decadente. Esto es como comparar el valor del Euro con respecto al dólar pero obviando que el Franco Suizo ha aumentado su valor con respecto al Euro en prácticamente un 100 por ciento desde la creación de la moneda única. No digamos nada si lo comparamos con el oro o bitcoin. La competición entre la UE, EE.UU. y China se parece a una carrera de cojos si lo comparamos con el crecimiento de países como Singapur, Estonia o incluso Irlanda.Que Europa debe unirse para competir con China y Estados Unidos no podría ser más erróneo. China es una máquina centralizada con enormes desequilibrios internos y un modelo demográficamente insostenible, en buena parte por políticas erradas como la del hijo único, que se aplicaron a centenares de millones de personas, con las consecuencias previsibles, pero que se constatan ahora. Estados Unidos es una federación cada vez más endeudada, polarizada y capturada por su propio complejo burocrático-financiero. Imitar dinosaurios no convierte a Europa en gacela. El futuro no pertenece a los bloques continentales, sino a las jurisdicciones ágiles.Singapur, Suiza, Irlanda, Liechtenstein, Mónaco, Luxemburgo o Estonia muestran que un gran tamaño no es necesario para la prosperidad. Lo necesario es la calidad institucional, apertura, seguridad jurídica, competencia fiscal y capacidad de adaptación. ## **Atentando contra su identidad** Otra cuestión que se suele confundir fácilmente es la idea de Estado y de nación. Los libertarios sabemos que el Estado no tiene nada que ver con la nación y que sus intereses son contrapuestos. El objetivo de la UE es eliminar a su principal oponente para centralizar el poder: el Estado-nación. Una táctica de todos los Estados utilizada históricamente ha sido la disolución de las identidades nacionales para crear una nueva afín, con el fin de desactivar la posible identificación entre los antiguos residentes de un Estado-nación. El trasvase de población de unas regiones a otras ha sido una constante en la corta historia de los Estados-nación hasta intentar crear esa nueva identidad nacional. Los estragos han sido enormes. Hoy en día la unión europea está haciendo esto a una escala masiva incentivando no solo el movimiento interno entre europeos sino incluso alentando la entrada de población extraeuropea, a todo su espacio, sin considerar dónde puede o no ser necesaria. Esto está generando tensiones enormes. Suiza, una vez más, demuestra que no es un problema del número de extranjeros ya que tiene muchos más que la UE, sino más bien de respeto de los derechos de propiedad de los habitantes de las distintas comunas, los cuales tienen mucho más que decir en su respectiva comuna que un ciudadano europeo en la suya. Al mismo tiempo, la inflación está acabando con los ahorros de todos los europeos a marchas forzadas. ## **Programa para una Europa de cantones libres** Una Europa libertaria no debe aspirar a reformar Bruselas. Debe vaciarla.El objetivo no debería ser “otra UE”, sino una Europa post-UE: una red de ciudades libres, cantones soberanos, regiones autónomas y microjurisdicciones cooperando voluntariamente. El programa debería discutir los siguientes puntos: 1. Derecho de secesión de toda unidad política o comunidad. 2. Competencia fiscal plena entre territorios. 3. Monedas libres o competencia monetaria, incluyendo oro, Bitcoin, monedas locales y divisas privadas. 4. Fin de la armonización regulatoria obligatoria. 5. Supresión progresiva de la burocracia supranacional. 6. Libre comercio europeo sin superestado político. 7. Democracia directa local. La libertad empieza cuando uno puede marcharse, y las relaciones sólidas nacen de que estas sean voluntarias. ## **Europa será libre cuando deje de ser una** Europa no debe elegir entre nacionalismo estatal y federalismo europeo. Ambos son formas distintas del mismo error: concentrar poder. La alternativa real a plantear y discutir debería ser la de una fragmentación radical, que por extraña que parezca no es ajena a nuestro espacio cultural. No una Europa de 27 Estados, sino una Europa de cientos de cantones y ciudades libres o de tantas comunidades políticas como los ciudadanos sean capaces de sostener. La unidad obligatoria es el sueño de los burócratas mientras que la fragmentación voluntaria es el orden natural de los hombres libres. Europa no necesita un Parlamento más fuerte, necesita mil parlamentos más pequeños. No necesita una Comisión Europea, sino competencia entre jurisdicciones. No necesita parecerse a China ni a Estados Unidos, sino volver a ser Europa: plural, indisciplinada, mercantil, localista, rebelde y libre. Necesita mirar al modelo suizo. La Unión Europea promete paz a cambio de obediencia, una Europa desunida prometería algo mucho más peligroso para los poderosos: libertad. La UE, si continúa el camino seguido hasta ahora, se parecerá cada vez más a la fracasada Unión de Repúblicas Socialistas Soviéticas. ¿Seguirá la UE el mismo camino hasta su implosión? ### Die Angstkampagne gegen die 10-Millionen-Initiative hat Erfolg URL: https://www.schweizermonat.ch/die-angstkampagne-gegen-die-10-millionen-initiative-hat-erfolg/ Last updated: 2026-07-15T20:18:58.000Z _No content available._ ### «Wir Europäer haben gemeinsame Träume, doch unsere Albträume sind national» URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-europaeer-haben-gemeinsame-traeume-doch-unsere-albtraeume-sind-national/ Last updated: 2026-06-15T06:46:18.000Z *Schauen Sie das Video vom Interview mit Ivan Krastev [hier](https://schweizermonat.ch/ivan-krastev-on-war-democracy-and-the-end-of-the-status-quo/?ref=schweizermonat.ch).* ***Ivan Krastev, wann haben Sie sich zum ersten Mal als Europäer gefühlt?*** Ich komme aus Bulgarien, einem Land, das stets seltsam schizophren war, wenn es um Europa geht. Einerseits fühlten wir uns als Europäer. Andererseits sagten wir immer, wenn wir nach Westeuropa reisten, dass wir nach Europa gingen. Es existierte für uns also immer ein Europa, zu dem wir nicht gehörten, und dabei handelte es sich nicht einfach um die Europäische Union als politisches Projekt. Was sich seither verändert hat, ist weniger meine Identität als vielmehr meine Wahrnehmung von Grenzen. Wenn ich Anfang der 1990er-Jahre die Grenze überquerte, hatte ich das Gefühl, etwas Wichtiges in meinem Leben zu erreichen. Doch mit der Zeit habe ich irgendwann aufgehört, Grenzen wahrzunehmen. Das war der Moment, in dem ich mich nicht mehr fragte, ob ich Europäer bin, sondern es als selbstverständlich hinnahm. ***Wie hat sich die Stimmung seit den 1990er-Jahren verändert?*** Es gab nie ein Problem mit der kulturellen Identität. Manche Menschen stehen der EU als Projekt skeptisch gegenüber und betrachten sich dennoch als Europäer. Für die meisten Länder, die aus dem Osmanischen Reich hervorgegangen sind, war Europa immer auch deshalb eine wichtige Quelle der Identität, weil man ständig versuchte, sich vom Osmanischen Reich abzugrenzen. Ähnliches galt auch für Mitteleuropäer in Bezug auf das Russische Reich. ***War dieses Gefühl auch während des Kalten Krieges Teil der Identität?*** Ja. Interessanterweise haben sich die kommunistischen Regierungen nie gegen die europäische Identität gestellt. Die Kommunisten sahen zwar den Osten als grundsätzlich verschieden vom Westen. Aber es gab immer die Vorstellung, dass Europa zu uns gehört. Die Kommunisten behaupteten, wir seien die wahren Europäer. Das ist ein Unterschied zu heute, wo Russland sehr stark eine eurasische Identität betont. Das war nicht das sowjetische Projekt. ***Gibt es eine gemeinsame europäische Kultur?*** Ich glaube, dass es in der europäischen Weltanschauung etwas Gemeinsames gibt. Natürlich gibt es parallel dazu verschiedene Kulturen, die mit Sprache, Geografie und natürlich der Nation zusammenhängen. Aber wenn ich auf Reisen bin und die Leute mich fragen, woher ich komme, sage ich instinktiv «Europa»; man kann schliesslich nicht erwarten, dass jeder weiss, wo Bulgarien liegt. Es gibt also eine gemeinsame europäische Weltanschauung und auch eine europäische Lebensweise. Es gibt gewisse Dinge, die wir alle schätzen. ***Zum Beispiel?*** Zentral ist sicherlich die europäische Hochkultur und die Vorstellung, dass wir uns alle in gewisser Weise mit dem alten Rom oder dem alten Griechenland verbunden fühlen. In Bulgarien gibt es eine Kirche, von der behauptet wird, sie sei die älteste Renaissancekirche. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Aber das Beispiel zeigt: Wir versuchen immer, etwas in den Mittelpunkt unserer Kultur zu stellen, das Teil einer grösseren europäischen Geschichte ist. ***Zugleich war der Versuch, eine europäische Kultur zu fördern, Teil des Projekts der europäischen Integration. Ist das nicht Ausdruck einer Hybris der politischen Eliten? Letztlich identifizieren sich die Menschen doch immer noch in erster Linie mit ihrer Nation.*** Ich glaube nicht, dass man einfach eine gemeinsame europäische Kultur konstruieren kann oder dass Kultur auf Institutionen reduziert werden kann. Das Problem in Europa ist, dass wir zwar gemeinsame Träume haben können, unsere Albträume jedoch national geprägt sind. Wenn eine Krise kommt, kehrt die Geschichte plötzlich zurück und man begreift, dass etwas, was man von der vorherigen Generation erbt, deren Ängste sind. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine gab es eine Umfrage, in der die Menschen nach ihren grössten Ängsten gefragt wurden. Die meisten Deutschen und Franzosen fürchteten einen Atomkrieg am meisten – die Polen und Balten hingegen eine Besatzung. Nationale Identitäten sind also sehr wichtig. Wenn man sich allerdings nicht mit dem Nachbarland vergleicht, sondern mit den Chinesen, den Indern oder den Afrikanern, zeigt sich plötzlich, dass wir viel mehr gemeinsam haben, als wir bereit sind zuzugeben. ***Glauben Sie, dass die Krisen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, auch zu einer Entfremdung und Fragmentierung Europas beigetragen haben?*** Es ist paradox: Auf der einen Seite ist die Krise sicherlich ein Faktor, der dazu führt, dass Länder bei verschiedenen Themen unterschiedliche Positionen einnehmen. Andererseits integriert nichts so sehr wie eine Krise. Während der Migrationskrise wurden Osteuropäer plötzlich zu Experten für die deutsche Asylpolitik. In einer Krise lernt man einander kennen. > «Nichts integriert so sehr wie eine Krise. Während der Migrationskrise > wurden Osteuropäer plötzlich zu Experten für die deutsche Asylpolitik» > ***Sie haben mit einem Stipendium von George Soros studiert, genau wie Viktor Orbán. Wie blicken Sie auf seine politische Karriere, die kürzlich, wenn sie nicht zu einem Ende gekommen ist, doch einen Dämpfer erhalten hat?*** Allein die Tatsache, dass über die Wahl in Ungarn so stark berichtet wurde wie normalerweise über französische oder deutsche Wahlen, sagt viel über ihre Bedeutung aus. Dass Orbán verloren hat, bedeutet allerdings nicht das Ende der nationalistischen Parteien und dass beispielsweise Le Pen in Frankreich nicht gewinnen kann. ***Bezeichnenderweise gewann kurz nach Orbáns Niederlage ein prorussischer Kandidat die Wahlen in Bulgarien.*** Ja. Es ist ein Paradoxon: Orbán hat seine gesamte politische Karriere damit verbracht, Globalisten anzugreifen, dabei agierte er selbst wie ein Globalist: Vor der Wahl kamen der US-amerikanische Vizepräsident und alle grossen Figuren der MAGA-Bewegung nach Ungarn, um ihn zu unterstützen. Dabei fragten sich viele Ungarn: Was ist mit uns? ***Wie hat sich Orbán selber verändert seit 1989, als er seine politische Karriere als Oppositionsführer begann?*** Orbán war ein wichtiger Vertreter der Generation von 1989 und des Wandels, den diese auf den Weg brachte. Er begann seine Karriere, als er bei einer grossen Kundgebung rief: «Russen, geht nach Hause!» Die Worte waren an die sowjetischen Truppen gerichtet, die damals in Ungarn stationiert waren. Ein Vierteljahrhundert später verwendete Peter Magyar als Oppositionsführer dieselben Worte – diesmal gegen Orbán, der ziemlich viel russische Unterstützung erhielt. ***Wie optimistisch sind Sie generell, was die Zukunft der liberalen Demokratie angeht?*** Liberale Demokratien befinden sich aufgrund vieler Faktoren in einer schweren strukturellen Krise. Einer davon ist natürlich die Technologie, mit der sich auch das Verständnis von Zeit gewandelt hat. Alles passiert sehr schnell – das ist nicht etwas, was der Demokratie mit ihren langsamen Prozessen entgegenkommt. Es herrscht viel Misstrauen. Auf der anderen Seite gibt es keine wirklich klare Alternative. Ich glaube nicht, dass beispielsweise die Europäer wirklich vom chinesischen Modell begeistert sind. Meine Hoffnung speist sich aus der Tatsache, dass Demokratie schon immer ein experimentelles System war. Sie hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Die grösste Stärke der Demokratie lag in zwei Dingen. Zum einen ist sie ein sich selbst korrigierendes System: Wenn etwas nicht funktioniert, sucht man nach einer anderen Lösung, die funktioniert. Zum anderen werden gewisse Leute immer unzufrieden sein, ganz gleich, welche Entscheidungen man trifft. Die Demokratie gibt uns aber die Möglichkeit, darauf zu reagieren. ***Wenn ich mir Europa anschaue, wirkt es jedoch nicht sehr dynamisch, auch wirtschaftlich nicht. Es ist nicht sehr innovativ, hinkt wirtschaftlich hinter den USA her, und auch China holt auf. Manchmal habe ich das Gefühl, wir lebten in einem Museum – Europa ist ein schöner Ort zum Leben; es hat schöne alte Gebäude und Städte, aber es scheint irgendwie in der Vergangenheit festzustecken.*** Einverstanden. Ein Grund dafür ist die Demografie. Die Gesellschaften Europas altern und verlieren damit an Dynamik. Junge Menschen sind eine Minderheit; sie sind zahlenmässig nicht stark genug, um etwas zu verändern. Wahr ist aber auch: Europa kommt von einem so hohen Niveau, dass es kaum Raum für Wachstum gibt. Im 19\. Jahrhundert war Europa die Welt. Selbst während des Kalten Krieges, als sich die Sowjetunion und die USA gegenüberstanden, war Europa der Hauptschauplatz. Nun erleben wir den Aufstieg anderer Mächte, von denen einige weitaus dynamischer sind: China, aber auch Indien und andere. ***Wie kann Europa darauf reagieren?*** Europa sollte versuchen, einen Platz in der Welt zu finden. Selbst wenn wir ein Museum sind, können wir über gewisse Dinge entscheiden: welche Art von Museum wir wollen, wie viel der Eintritt kosten soll und so weiter. Wir haben Optionen, zwischen denen wir auswählen können. Nicht alle Veränderungen sind zwingend negativ. Es gibt für Europa auch etwas zu gewinnen. Und wenn wir uns darauf konzentrieren, werden wir wahrscheinlich in einer besseren Position sein. ***Worauf sollten wir uns konkret konzentrieren?*** Zunächst sollten wir verstehen, dass es um eine grundlegende Neugestaltung der Identität geht. Die Vereinigten Staaten werden anders sein, und das nicht nur wegen Trump. China definiert sich neu und zwingt andere dazu, es ihm gleichzutun. Die Europäer haben noch immer nicht entschieden, wer wir sind. Am Ende des Kalten Krieges sah sich die Europäische Union als Vorbild für die kommende Welt. Die Europäer waren sehr stark im Missionieren – wir wollten andere verändern. Nun sollten wir versuchen, gewissermassen von der Missionstätigkeit zum Klosterleben zu wechseln. Das bedeutet, dass wir die Lebensweise, die für uns passt, pflegen und verteidigen. Und gleichzeitig versuchen, mit anderen auszukommen, die unsere Lebensweise und unsere Werte nicht unbedingt teilen. ***Welche Rolle sehen Sie für die Schweiz in Europa?*** Die Schweiz war schon immer so etwas wie ein Traum der Europäer. Sie wird als Land wahrgenommen, das sehr reich und zugleich sehr demokratisch ist und das seinen eigenen Kopf hat. Wenn man in Europa über die Schweiz spricht, höre ich immer wieder: «Deren Probleme möchten wir haben!» ***Eines unserer Probleme sind die neuen Verträge mit der EU, über die wir abstimmen werden.*** Um ehrlich zu sein, ist das ein Schweizer Problem, kein europäisches. Die Schweiz hat ihre eigene Identität als unabhängiges und neutrales Land, das immer auf sich allein gestellt war. Zugleich steht sie im Zentrum der europäischen Kultur. Die Herausforderung wird sein, beides miteinander in Einklang zu bringen. ### Der Mensch ist laut Rousseau schlecht – mit Ausnahme von Rousseau URL: https://www.schweizermonat.ch/der-mensch-ist-laut-rousseau-schlecht-mit-ausnahme-von-rousseau/ Last updated: 2026-06-15T16:21:32.000Z Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? Die Frage, die am Anfang aller Religionen und Philosophien steht, verquickt sich mit einer zweiten: Ist die Natur, verstanden als die Gesamtheit der Materie und des Lebendigen, so beschaffen wie die Natur des Menschen, also gut oder böse? Oder besteht kein zwingender kausaler Zusammenhang zwischen beidem? Ist der Mensch über die übrige Natur hinausgewachsen, sei es im Guten, sei es im Bösen? Die Antworten der antiken Philosophie fielen unterschiedlich aus. Für die Materialisten wie den Römer Lucretius Carus war im Anschluss an den griechischen Vordenker Epikur alles Natürliche, auch der Mensch und sein Geist, aus Atomen zusammengesetzt, also moralisch indifferent. Für Stoiker wie Annaeus Seneca kann sich der Mensch in einem von universeller Vernunft durchpulsten und geordneten Kosmos durch tugendhafte Willensanstrengungen an die Seite der Götter erheben; umgekehrt kann er aber auch durch lasterhafte Lebensführung zur Bestie absinken. ## Lust an der Sünde Die für Europa in der Folgezeit entscheidenden Antworten auf beide Fragen gab dann die christliche Theologie: Gott hat die Natur und mit ihr den Menschen vollendet geschaffen. Das hätte auch so bleiben können, wenn der Mensch nicht durch seinen von fatalem Hochmut eingegebenen Ungehorsam diese harmonische Ordnung zerstört hätte und als Strafe dafür aus dem Paradies vertrieben worden und in Zeit, Vergänglichkeit und Tod abgestürzt wäre. Für gläubige Christen war die Natur des Menschen von Grund auf böse: Der natürliche Mensch war von der *concupiscentia*, dem Willen zur Sünde und der Lust an der Sünde, getrieben; er bedurfte der Gnade Gottes, um aus diesem Taumel des Bösen erlöst zu werden. Für Martin Luther blieb er selbst dann, wenn ihm diese Gnade von Gott unverdientermassen verliehen und er deshalb von diesem gerecht gesprochen wurde, *simul justus et peccator*: gerecht und sündig zugleich. Am abschreckendsten fiel das Bild des natürlichen Menschen beim Genfer Reformator Jean Calvin aus: ein Ausbund an Heuchelei, Betrug, Selbsttäuschung und Selbstverliebtheit, widerlich für alle anderen, nur nicht für sich selbst. Für Calvin und Luther konnte die schäbige Kreatur Mensch mit ihrer gefallenen Natur aus eigener Kraft nichts für ihr Seelenheil tun, sondern war dem unerforschlichen göttlichen Willen und damit der Prädestination unterworfen. Zusammen mit seiner eigenen Natur hatte der Mensch im christlichen Verständnis auch die übrige Schöpfung schwer beschädigt. Wie in seiner eigenen Natur waren jedoch auch in der Natur insgesamt immer noch Spuren der alten, auch nach dem selbstverschuldeten Sündenfall in Restbeständen fortbestehenden Herrlichkeit erhalten geblieben. Grösse und Abgrund sind deshalb die Leitmotive des Menschen in Blaise Pascals «Pensées», der intellektuell und literarisch brillantesten Darstellung des Menschen in seiner tragischen Zerrissenheit. Für Theologen und Politiker lautete die Konsequenz somit unisono: Der Mensch, dieses von Natur aus ungebärdige, zu Zerstörung und durch seinen grenzenlosen Egoismus zugleich zur Selbstzerstörung neigende Triebwesen, konnte nicht so bleiben, wie er war. Er musste zur Einhaltung einer Ordnung gezwungen werden, die ihm von Natur aus zutiefst zuwider war. An eine Umerziehung war unter diesen Voraussetzungen nicht zu denken, gegen die destruktiven Instinkte des Menschen half nur eine von einer starken Obrigkeit durchgesetzte Zwangszähmung – so, wie man auch die Natur, die sich durch Überschwemmungen und Bergstürze nicht minder lebensfeindlich manifestierte, mit Gewalt im Zaum halten musste. ## Die böse Zivilisation Der Aufstand gegen dieses Bild der Menschennatur und der «Naturnatur» beginnt im Oktober 1749\. Dem bis dato weitgehend unbekannten Literaten und Komponisten Jean-Jacques Rousseau aus Genf fiel es auf einer schweisstreibenden Wanderung zu seinem im Staatsgefängnis von Vincennes schmachtenden Freund Denis Diderot wie Schuppen von den Augen: Alle bislang von Religionsstiftern und Philosophen vorgetragenen Deutungen zur Natur des Menschen seien von Grund auf falsch. Bald darauf veröffentlichte Rousseau seine Gegenthesen in seinen beiden Diskursen über Wissenschaft und Kunst sowie das Problem der Ungleichheit. In einer bis 1762 nicht abreissenden Reihe umfangreicher theoretischer und belletristischer Werke machte er sie einem staunenden, wahlweise empörten oder begeisterten europäischen Publikum bekannt. Auf den ersten Blick klang seine Kernaussage zum Menschen wie die Calvins: «Mensch, suche nicht mehr nach dem Urheber des Bösen, dieser Urheber bist du selbst. Es gibt kein anderes Übel als das, was du tust oder erleidest, und beides kommt von dir.» Also wieder der sündige Mensch als Verderber der Natur? Calvin hätte die Stirn gerunzelt, denn Rousseau meint das schiere Gegenteil: Der Mensch ist von Natur aus gut. Sein göttlicher Schöpfer hat ihn mit allen Eigenschaften ausgestattet, die ihn und seine Mitmenschen glücklich machen können. Dazu gehören Güte, Mitgefühl, Friedfertigkeit und, das kostbarste Geschenk von allen, eine innere Stimme, die sich Gewissen nennt, unbestechlich Gut und Böse unterscheidet und selbst in einem bösen Menschen niemals zum Schweigen gebracht werden kann. Womit sich die Frage stellt, wie der von Natur aus gute Mensch überhaupt böse werden kann. > «Calvin hätte die Stirn gerunzelt, denn Rousseau meint das schiere Gegenteil: Der Mensch ist von Natur aus gut.» Die Antwort Rousseaus lautet: durch die Geschichte, genauer: durch den Verlauf der Zivilisation, die den Menschen zu einer grotesken Karikatur seines ursprünglichen Zustands verformt hat. Dieser zutiefst von seiner Natur entfremdete Mensch tritt laut Rousseau im 18\. Jahrhundert in verschiedenen, gleichermassen hässlichen Rollen auf: als speichelleckender Höfling, als geldgieriger Bankier, als korrupter Literat, der den moralisch verdorbenen Mächtigen schmeichelt, als käuflicher Künstler, der die Hässlichkeit der Herrschenden farbenprächtig übermalt, und so weiter. Der natürliche Mensch aber ist laut Rousseau ausgestorben – mit einer einzigen Ausnahme: Rousseau selbst. Er hat von der Natur und damit von der göttlichen Vorsehung den Auftrag erhalten, den Menschen die Abweichung und Verirrung von ihrer Natur vor Augen zu führen. Deshalb wird er geächtet und brutal verfolgt – wie Christus, der laut Rousseau eine ähnliche Mission übernommen hatte. ## Die innere Stimme führt zum Guten Auch die Analogie zwischen den beiden Naturen, der des Menschen und der seiner Lebenswelt, bleibt bei Rousseau bestehen. Der Mensch hätte theoretisch ewig in seinem glücklichen Naturzustand, in dem er weder räsonierte noch moralisch urteilte, da er sich selbst genügte, verweilen können, ist aber aus dieser seligen Zeitlosigkeit aus- und in die Dynamik der Geschichte eingetreten. Zugleich hat er auch die von Gott herrlich und harmonisch geschaffene Natur insgesamt zu verschandeln begonnen, und zwar nach seinem eigenen, unnatürlich entstellten Bild: durch den Bau von Fabriken, die Abholzung von Wäldern und die Regulierung von Flüssen. Alle diese Aktivitäten entspringen der unersättlichen Habgier des Menschen, der seine natürlichen Bedürfnisse nicht mehr kennt und mit einem falschen Bewusstsein falsche Interessen verfolgt. Die dem Menschen geschenkte innere Stimme führt diesen, wenn sie nicht unnatürlich unterdrückt wird, nicht nur zum moralisch Guten und zum richtigen Umgang mit der Natur, sondern auch zu Gott, seinem Schöpfer. Jeder Mensch weiss laut Rousseau durch sie, dass es Gott gibt. Und als ob das nicht ohnehin schon ausreichte, hat Gott die Natur so geschaffen, dass sie zu seinem Spiegel wird. Sie ist das Bild einer wohlgeordneten Schöpfung, die keinerlei Spuren des von den christlichen Kirchen bilanzierten ursprünglichen, nicht mehr rückgängig zu machenden Sündenfalls aufweist, sondern allein von den Sündenfällen der Zivilisation in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Ganz oben im Sündenregister der Menschheit stehen dabei arbeitsteilige Gesellschaften, Grossstädte mit unmenschlichen, da unnatürlichen Lebensbedingungen und tyrannische Herrschaften. Diese Fehlentwicklungen können vom Menschen, der sie verschuldet hat, im Wesentlichen korrigiert werden, obwohl eine Rückkehr zum Naturzustand des Menschen für immer verloren und eine «Rückkehr zur Natur» dadurch kategorisch ausgeschlossen ist. Mögliche Auswege aus dem Dilemma der Zivilisation sind der Ausstieg aus dem Sündenpfuhl der Metropolen und die nachfolgende Konstruktion naturnäherer Lebenswelten, die Erziehung der nächsten Generationen zu einer Wiederversöhnung mit ihren natürlichen Anlagen und der Aufbau einer gerechten Gesellschafts- und Staatsordnung, die auf Gleichheit der Vertragschliessenden beruht. Sie führt eine künstliche Freiheit als valablen Ersatz für die verlorene natürliche Freiheit des Menschen im Naturzustand herbei. ## Empfindsam bis zur Tränenseligkeit Rousseaus Schriften haben die Bewusstseinslage Europas tiefgreifend verändert. Indem sie dem historischen Triumphalismus der Aufklärung das nachtschwarze Bild umfassender Entfremdung des Menschen von seiner Natur und der Natur insgesamt entgegenstellten, sind sie zur Ideenmatrix aller alternativen Bewegungen und zur Bibel aller Aussteiger bis heute geworden. Zugleich hat der semisäkularisierte Calvinist Rousseau ein schlechtes Gewissen des Menschen gegenüber der Natur geschaffen. Dieses zeigt sich im 21\. Jahrhundert in zahlreichen Bussleistungen und Ablasszahlungen wie dem Verzicht auf Flugreisen und anderen Versuchen, den persönlichen ökologischen Fussabdruck zu reduzieren. Das mag man ihm, je nach ideologischer Ausrichtung, als Verdienst oder Verirrung anrechnen. Bei nüchterner Betrachtung dürfte dieses tief internalisierte Schuldgefühl einer pragmatischen Auseinandersetzung der Gegenwart mit den unleugbar drängenden Umwelt- und Klimaproblemen und der Findung entsprechender Lösungen eher entgegenstehen. Eine weitere Fernwirkung Rousseaus besteht darin, die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur zutiefst emotional und empfindsam bis zur Tränenseligkeit eingefärbt zu haben. Wer sich im krisenhaften Jahr 2026 aus allen Widrigkeiten der Gegenwart heraus- und hinwegträumen möchte, ist zur Stärkung seiner Resilienz gut beraten, das «Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars» in Rousseaus Erziehungsroman «Émile» zu lesen – eine so berückend schöne, verführerisch idyllische Hymne auf die Seligkeit des Menschen in dieser Welt, in der alles Fressen und Gefressenwerden weggelassen wird, ist weder vorher noch danach geschrieben worden. > «Hat der semisäkularisierte Calvinist Rousseau ein schlechtes Gewissen des Menschen gegenüber der Natur geschaffen.» Die hochpathetische Sprache Rousseaus mit ihren unauslöschlich einprägsamen Fanalsätzen wie «Der Mensch ist frei geboren, aber überall ist er in Ketten» kann man mögen oder nicht – die mit seinen aufrüttelnden Texten verbundenen Fragen nach der Natur des Menschen und seinem Umgang mit ihr sind heute aktueller denn je. Allen, die nach selbstverantwortlichem Handeln streben und speziell denen, die politische Verantwortung tragen, ist daher die kritische Beschäftigung mit Rousseau dringend anzuraten. 0:00 /0:00 1× ### Das Gehirn wächst an der Instabilität URL: https://www.schweizermonat.ch/das-gehirn-waechst-an-der-instabilitaet/ Last updated: 2026-06-15T08:43:17.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/nature-doesnt-optimize-for-comfort-how-instability-makes-you-resilient/). Neuere Erkenntnisse aus der Erforschung komplexer adaptiver Systeme legen nahe, dass Begriffe wie natürliche Selektion oder unterschiedliche Fitness allein nicht ausreichen, um Natur und Leben zu erklären. Immer mehr zeigt sich: Die Evolution folgt einer Dynamik der zunehmenden Beschleunigung. Ob chemische Systeme, lebende Organismen, Ökosysteme oder menschliche Gesellschaften – durchsetzen können sich vor allem jene Strukturen, die Energie und Informationen schneller aufnehmen, verarbeiten, anpassen und weiterentwickeln können. Daraus ergibt sich eine zentrale Konsequenz: In einer Welt des permanenten Wandels kann Resilienz nichts Starres sein. Widerstandsfähig bleibt nicht, wer sich möglichst unverändert behauptet, sondern wer sich schnell anpassen, neu organisieren und laufend weiterentwickeln kann. Die Widerstandsfähigkeit eines Systems hängt letztlich von der Widerstandsfähigkeit seiner einzelnen Bestandteile ab. Soziale und organisatorische Strukturen sind wichtig, doch sie können die Grenzen des Individuums nicht dauerhaft ausgleichen – etwa dessen Fähigkeit, unter Unsicherheit zu lernen, Entscheidungen zu treffen und zu handeln. In einer Welt beschleunigten Wandels wird die Anpassungsfähigkeit des Einzelnen damit zum entscheidenden Faktor der kollektiven Resilienz. Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage: Wie lässt sich diese Fähigkeit bewahren und weiterentwickeln? ## Stabilität macht fragil Einer von uns, Didier, wurde mit dieser Frage ganz konkret konfrontiert. Im Mai 2023 erlitt er bei einem schweren Unfall offene Knochenbrüche am Ellbogen sowie einen Bruch des Oberarmknochens nahe des Schultergelenks. Es folgte eine dreistündige Operation: Ein Titanstab wurde eingesetzt, dazu Schrauben und ein Stahlkabel am Ellbogen. Monate der Immobilisierung und konventionellen Physiotherapie brachten jedoch nur begrenzte Fortschritte. Angesichts des Alters und der Schwere der Verletzungen fiel die Prognose entsprechend zurückhaltend aus. Im Januar 2025 wurde ein anderer Ansatz versucht: täglich zehn Minuten kontrolliertes Instabilitätstraining auf kleinen aufblasbaren Bällen – nach der über mehr als fünfzehn Jahre entwickelten Methode Logic Workout von Paul-Emmanuel. Innerhalb weniger Wochen kehrten rund neunzig Prozent der Beweglichkeit zurück. Sechs Monate später absolvierte Didier, damals 66 Jahre alt, schmerzfrei extreme Liegestütze und konnte wieder anspruchsvolle Aktivitäten wie Kitesurfen und Snowboardcarving ausüben. Die Frage war damit nicht länger theoretisch. Sein Körper hatte sich nicht nur erholt – er hatte sich weiterentwickelt. Wie ist das möglich? Unsere Hypothese lautet: Entscheidend ist weniger die reine Muskelrehabilitation als vielmehr die Anpassungsfähigkeit des Gehirns – und das Wissen darüber, unter welchen Bedingungen diese Fähigkeit sich beim Menschen ursprünglich entwickelt hat und am besten funktioniert. Kaum ein Prozess veranschaulicht Dynamik, Beschleunigung und den Umgang mit Instabilität besser als der Weg vom Krabbeln zum Gehen und Laufen. Der menschliche Körper ist mit seinem hohen Schwerpunkt und der kleinen Standfläche von Natur aus instabil. Unter den rund 7000 Säugetierarten ist der Mensch die einzige Spezies, die dauerhaft eine derart instabile aufrechte Haltung einnimmt. Für ein Kleinkind bedeutet das Erlernen des Stehens deshalb weit mehr als bloss Fortbewegung. Es lernt, Instabilität durch unzählige schnelle sensomotorische Anpassungen ständig auszugleichen. Gleichzeitig entwickeln sich die aussergewöhnlichen Fähigkeiten der Hände und Finger: präzises Greifen, gezielte Bewegungen und die geschickte Manipulation von Objekten – die Grundlage für Werkzeuge, Technik und letztlich Kultur. Die Beherrschung des Gleichgewichts entwickelt sich dabei parallel zum Spracherwerb und zum Aufbau eines inneren räumlichen Verständnisses der Welt. Diese Fähigkeiten sind eng miteinander verbunden. Dieselben neuronalen Strukturen steuern Gleichgewicht, Feinmotorik, räumliche Orientierung und abstraktes Denken. So entsteht nicht einfach nur die Fähigkeit zu gehen, sondern ein hochintegriertes System, das den Körper stabilisiert und zugleich immer präziser, flexibler und intelligenter mit der Umwelt interagieren lässt. Diese Beobachtung deckt sich mit einem wichtigen Grundsatz der Neurowissenschaften. Der Neurobiologe Daniel Wolpert vertritt die These, dass das Gehirn in erster Linie dazu existiere, Bewegung hervorzubringen: um mit der Umwelt zu interagieren, Hypothesen zu überprüfen und innere Modelle laufend an neue Situationen anzupassen. Als Beispiel nennt Wolpert die Seescheide, einen Organismus, der nach seiner Verankerung an einem Felsen in ein statisches Leben übergeht und dabei sein eigenes Nervensystem verdaut. Die Botschaft dahinter ist klar: Nervensysteme entwickeln sich entsprechend den Anforderungen ihrer Umwelt. Aus dieser Perspektive erscheint auch das menschliche Gehirn in einem anderen Licht. Seine aussergewöhnlichen Fähigkeiten – Sprache, Denken, Planung – bleiben letztlich an eine grundlegende Aufgabe gebunden: die zielgerichtete und anpassungsfähige Interaktion mit einer komplexen, sich ständig verändernden Welt. Lernen entsteht demnach nicht aus Stabilität, sondern aus dem Umgang mit Instabilität – aus dem ständigen Ausbalancieren, Erkunden und schrittweisen Beherrschen von Bewegung, Unsicherheit und kontrolliertem Kontrollverlust. Hier zeigt sich ein Paradox des modernen Lebens: Je weiter sich Gesellschaften technologisch entwickeln, desto stärker verschwindet Instabilität aus dem Alltag. Die Arbeit findet im Sitzen statt, die Umgebung ist kontrolliert, körperliche Bewegung reduziert sich oft auf repetitive und optimierte Abläufe – auf stabilen Böden und entlang klar vorgegebener Bahnen. Damit entfernen wir uns ausgerechnet von jenen Bedingungen, unter denen das menschliche Gehirn ursprünglich gelernt hat zu lernen – und unter denen Anpassungsfähigkeit und Kreativität entstehen. Die Folgen zeigen sich nicht nur körperlich: in Steifheit, chronischen Schmerzen oder nachlassender Koordination. Auch unsere Fähigkeit, mit Veränderungen umzugehen, nimmt ab. Denn Anpassung entsteht aus Variabilität. Nur wer mit unterschiedlichen Reizen, Unsicherheiten und Bewegungen konfrontiert wird, bleibt lern- und entwicklungsfähig. Systeme, denen diese Variabilität fehlt, wirken nach aussen zwar effizient und stabil, werden langfristig jedoch anfällig. Kleine Störungen werden zunächst unterdrückt – bis sie später in grösserer und schwerer kontrollierbarer Form zurückkehren. > «Lernen entsteht demnach nicht aus Stabilität, sondern aus dem Umgang mit Instabilität – aus dem ständigen Ausbalancieren, Erkunden und schrittweisen Beherrschen von Bewegung, Unsicherheit und kontrolliertem Kontrollverlust.» Dasselbe Muster zeigt sich auch in industriellen Systemen. Übermässige Optimierung – etwa durch Zentralisierung, Spezialisierung und enge Vernetzung – steigert kurzfristig die Effizienz, macht Systeme langfristig jedoch anfälliger. Variabilität verschwindet, die Fähigkeit zur schnellen Anpassung nimmt ab. Auf individueller Ebene gilt Ähnliches. Ein Körper und ein Gehirn, die nur unter kontrollierten und vorhersehbaren Bedingungen funktionieren, verlieren ihre Anpassungsfähigkeit und Reaktionsfähigkeit unter Stress. Wer im Fitnessstudio unter idealen Bedingungen 100 Kilogramm auf der Bank drückt, kann sich dennoch beim Heben eines schweren Koffers verletzen. Einzelne Muskeln mögen stark sein – das Gesamtsystem bleibt fragil. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie lassen sich in einer modernen Welt, die von Risikoaversion, Überregulierung, Uniformität und chronischem Zeitmangel geprägt ist, jene Bedingungen wiederherstellen, unter denen Lernen, Kreativität und hohe geistige Leistungsfähigkeit überhaupt erst entstehen können? > «Wer im Fitnessstudio unter idealen Bedingungen 100 Kilogramm auf der Bank drückt, kann sich dennoch beim Heben eines schweren Koffers verletzen. Einzelne Muskeln mögen stark sein – das Gesamtsystem bleibt fragil.» ## Der Körper im permanenten Korrekturmodus Wir sind dieses Problem mit der Entwicklung einer Reihe von Methoden und Protokollen angegangen, die unter dem Namen Logic Workout zusammengefasst werden. Sie beruhen auf einem einfachen Grundsatz: Das Gehirn lernt am effektivsten an der Grenze zur Instabilität. Die Methode entstand über mehr als ein Jahrzehnt hinweg und verbindet Erkenntnisse aus dem Ingenieurwesen, Kampfkünsten und den Neurowissenschaften. Durch gezielt entwickelte Übungen wird der Körper bewusst in Zustände kontrollierter Instabilität versetzt – also genau in jene Situationen, in denen Anpassungs- und Lernprozesse besonders intensiv aktiviert werden. Der direkteste Weg, diesen Effekt hervorzurufen, ist ein kleiner Ball mit etwa 20 Zentimetern Durchmesser. Er vereint drei Eigenschaften, die kaum ein anderes Trainingsgerät in dieser Form bietet: Er rollt in alle Richtungen, verformt sich unter Belastung unvorhersehbar und federt dynamisch zurück. Der Ball lässt sich in Sekunden aufblasen und leicht transportieren. Gleichzeitig setzt er den Körper permanent kleinen, instabilen Bewegungen und Schwankungen aus. Seine Reaktionszeit von rund 100 Millisekunden entspricht dabei nahezu dem neuromotorischen Reaktionsfenster des Menschen. Schon minimale seitliche Verschiebungen pflanzen sich deshalb durch die gesamte Bewegungskette des Körpers fort. Den dahinterliegenden Mechanismus bezeichnen wir als «reaktiven Falleffekt». Unter solchen Bedingungen kann sich das Nervensystem nicht mehr auf eingeübte Automatismen verlassen. Es muss Bewegungen permanent in Echtzeit vorhersehen, anpassen und koordinieren. Dabei werden tief liegende neuromotorische Prozesse aktiviert, die im klassischen Training oft kaum beansprucht werden. Der Körper arbeitet dadurch nicht mehr isoliert Muskel für Muskel, sondern als zusammenhängendes System. Schwachstellen treten sofort zutage: Instabilität zeigt sich genau dort, wo Kontrolle fehlt. Verborgene Defizite werden sichtbar – und das Gehirn ist gezwungen, sie unmittelbar zu korrigieren. Messungen mit Beschleunigungssensoren machen diesen Effekt sichtbar. In jenen Frequenzbereichen, die für Reflexe, Stabilisierung und neuromuskuläre Synchronisation entscheidend sind, erzeugt Logic Workout eine Aktivierung, die mindestens 300 Prozent über jener der nächstbesten Trainingsmethode liegt – und das ganz ohne zusätzliche Gewichte. Diese Unterschiede erklären auch die Resultate: Leistungsplateaus bei Spitzensportlern werden innerhalb weniger Wochen durchbrochen, mit Zuwächsen von 15 bis 20 Prozent bei Kraft und Geschwindigkeit. Gleichzeitig verschwinden chronische Beschwerden oft nicht durch blosses Wiederholen einzelner Übungen, sondern durch eine grundlegende Reorganisation des gesamten Systems. In der Praxis erzielt Logic Workout in zwei Stunden oft denselben Effekt, für den konventionelles Training rund sechs Stunden benötigt. Kraft und Ausdauer verbessern sich dabei messbar – häufig um 10 bis 30 Prozent innerhalb weniger Tage. Derselbe Mechanismus beschleunigt auch die Rehabilitation. Chronische Beschwerden, die auf herkömmliche Therapien kaum ansprechen, verschwinden oft überraschend schnell, sobald der Fokus nicht mehr auf der isolierten Stärkung einzelner Muskeln oder Gewebe liegt, sondern auf der neuromotorischen Neuabstimmung des gesamten Körpers. Diese Beobachtungen weisen auf ein grundlegendes Prinzip hin: Die Leistungsfähigkeit des Körpers wird weniger durch reine Muskelkraft begrenzt als durch die Qualität und Flexibilität der neuronalen Steuerung. Systeme, die regelmässig mit schnellen, komplexen und mehrdimensionalen Störungen konfrontiert werden, entwickeln eine höhere Reaktionsfähigkeit, erkennen Fehler schneller und können Bewegungen präziser korrigieren. Training unter stabilen und vorhersehbaren Bedingungen hingegen aktiviert immer wieder dieselben Muster. Das steigert zwar die Effizienz, geht langfristig jedoch oft zulasten der Anpassungsfähigkeit. ## Die Natur ist nicht auf Komfort gepolt Die Auswirkungen reichen weit über die körperliche Leistungsfähigkeit hinaus. Dieselben neuronalen Prozesse, die schnelle Reaktionen auf Bewegung und Instabilität ermöglichen – das Verarbeiten von Sinneseindrücken, das laufende Anpassen innerer Modelle und das Handeln unter Zeitdruck –, spielen auch bei Entscheidungen unter Unsicherheit eine wichtige Rolle. Gerade für Führungskräfte, die ständig mit unvollständigen Informationen, wechselnden Bedingungen und weitreichenden Konsequenzen umgehen müssen, ist das mehr als nur eine Analogie. Es handelt sich um denselben grundlegenden Mechanismus. Gute Führung beruht darauf, Signale rasch zu erfassen, Situationen neu zu bewerten und unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Diese Fähigkeiten sind tief in jenen neuromotorischen Strukturen verankert, die durch Instabilitätstraining aktiviert werden. Systeme, die regelmässig mit schnellen und unvorhersehbaren Veränderungen konfrontiert sind, bleiben unter Stress reaktionsfähiger, anpassungsfähiger und stabiler. Systeme hingegen, die ausschliesslich unter kontrollierten und repetitiven Bedingungen trainiert werden, funktionieren zwar effizient innerhalb eines engen Rahmens, brechen jedoch oft abrupt zusammen, sobald unerwartete Störungen auftreten. Die Natur selektiert nicht auf Komfort. Sie formt Systeme, die im ständigen Wandel bestehen, mit Instabilität umgehen, Störungen aufnehmen und daraus neue Anpassung, Dynamik und Leistungsfähigkeit entwickeln. Der Weg nach vorn könnte deshalb darin liegen, jene aussergewöhnliche Lernfähigkeit wiederzuentdecken, die wir in der frühen Kindheit besitzen. Damals befand sich das Gehirn auf dem Höhepunkt seiner Plastizität und lernte fortlaufend durch Bewegung, Unsicherheit und Instabilität, robuste innere Modelle der Welt aufzubauen. Diese Fähigkeiten verschwinden mit dem Alter nicht einfach – sie werden vielmehr inaktiv. Durch die gezielte Aktivierung von Mechanismen wie dem «reaktiven Falleffekt» lässt sich dieses Fenster beschleunigten Lernens teilweise wieder öffnen. Das Gehirn gewinnt damit die Fähigkeit zurück, sich schneller, effizienter und kohärenter an neue Situationen anzupassen. In einer Welt, die sich immer schneller verändert, bedeutet das: Wer nicht lernt, mit Instabilität umzugehen, bleibt nicht einfach stehen – er fällt zurück. ### Tipps für mehr Natur im Alltag: Lassen Sie sich von der Sonne küssen! URL: https://www.schweizermonat.ch/tipps-fuer-mehr-natur-im-alltag-lassen-sie-sich-von-der-sonne-kuessen/ Last updated: 2026-06-11T16:38:36.000Z «Schlaf ist die beste Medizin», sagt der Volksmund. Doch viele leiden unter Schlafproblemen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik berichtet rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung von [«mittleren oder pathologischen» Schlafstörungen](https://www.bfs.admin.ch/bfs/en.assetdetail.32306008.html?ref=schweizermonat.ch). Umso drängender ist die Frage, was guten Schlaf überhaupt ausmacht. Ein oft unterschätzter Schlüssel liegt in der Sonne. Wer sich in den ersten 30 bis 60 Minuten nach dem Aufstehen dem Tageslicht aussetzt, setzt wichtige Prozesse im menschlichen Körper in Gang. Das natürliche Licht signalisiert dem Organismus, Kortisol auszuschütten – ein Hormon, das den Stoffwechsel ankurbelt, das Immunsystem stärkt und die Konzentrationsfähigkeit erhöht. Zugleich justiert das Morgenlicht die zirkadiane Uhr, also die innere biologische Uhr. Es markiert für das Gehirn den Start des Tages und bereitet den Organismus darauf vor, rund 12 bis 14 Stunden später Melatonin auszuschütten. Dieses leitet dann den Schlaf ein. Zudem fördert natürliches Licht die Ausschüttung von Dopamin und hebt die Stimmung. Je nach Wetterlage genügt unterschiedlich viel Zeit im Tageslicht. An sonnigen Tagen reichen oft schon 5 bis 10 Minuten. Bei bewölktem Himmel sollte man etwa 10 bis 30 Minuten einplanen. Am einfachsten integrieren Sie das Sonnenbad in den Alltag, etwa durch einen kurzen Spaziergang am Morgen oder indem Sie den Arbeitsweg zumindest teilweise zu Fuss zurücklegen. ### Tipps für mehr Natur im Alltag: Mit der Natur auf den Hund kommen URL: https://www.schweizermonat.ch/mit-der-natur-auf-den-hund-kommen/ Last updated: 2026-06-15T06:38:13.000Z Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos: So lautet eine abgewandelte Lebensweisheit des Komikers Loriot (Vicco von Bülow). Ich kann das nur bestätigen. Wer einen Hund hat, verbringt automatisch mehr Zeit in der Natur (ein Herz für die Bedürfnisse des Hundes vorausgesetzt). Hundespaziergänge sind eine gute Sache, und zwar bei Wind und Wetter, auf einer trockenen, verschneiten oder matschigen Wiese, im Wald oder auf dem Feld. Mit dem Hund hinauszugehen ist gut für die körperliche und psychische Gesundheit, anders als der Computer oder das elende Smartphone, das man am besten gar nicht mitnimmt. Die Treue eines Hundes ist ohne Vergleich unter den mir bekannten Lebewesen. Und im Fall des Labradors, wie unsere Familie einen hat, ist das Bedürfnis des Tieres nach Nähe und Streicheleinheiten hinreissend. Wer da nicht weich wird und mitkuschelt, wurde vermutlich während der letzten Invasion kaltblütiger Ausserirdischer über Nacht ausgetauscht. Die Verbindung, die ein Hund zur Natur schafft, betrifft nicht nur Wald und Wiesen, sondern das Leben generell. Wenn Hunde kläffen oder darum kämpfen, wer der Alpha ist, lernt man etwas über ihr Wesen. Und damit lernt man auch etwas über die Natur des Menschen. Oft schon kam mir beim Beobachten des Dominanzgerangels von Hunden der Gedanke, dass es unter Menschen ähnlich läuft, nur eben indirekt, nach den Spielregeln der «Zivilisation». Ein Leben ohne Hund ist also nicht nur sinnlos – es verhindert wertvolle Einsichten in die Naturkräfte, die unser Zusammenleben prägen. ### Der Gesellschaftsvertrag der Natur URL: https://www.schweizermonat.ch/der-gesellschaftsvertrag-der-natur/ Last updated: 2026-06-15T08:41:25.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/trust-signals-and-the-evolution-of-cooperation/). «\[Philosophen\] stellen sich freilich die Menschen nicht vor, wie sie sind, sondern wie sie sie haben möchten; und so ist es gekommen, dass sie statt einer Ethik meistens eine Satire geschrieben und niemals eine Politiktheorie konzipiert haben \[…\].» *Baruch de Spinoza, «Politischer Traktat / Tractatus politicus», Kap. I, § 1.* Wie entsteht gesellschaftliche Ordnung? Sicher nicht erst mit Verträgen oder durch den Staat, aber auch nicht aus einem einzigen, universalen Prinzip, sondern aus dem Zusammenspiel vielfältiger Kräfte. Gesellschaften beruhen auf Regeln, gemeinsamen Erwartungen und Konventionen, die sich über lange Zeiträume verfestigen. Manche werden als Gesetze fixiert und vom Staat durchgesetzt. Andere bleiben unausgesprochen und werden durch sozialen Druck aufrechterhalten. ## Normen als sich entwickelnde Konventionen Die evolutionäre Spieltheorie zeigt, wie Beobachten, Vertrauen und Nachahmung zur Ordnung führen und welche Verhaltensweisen sich in wiederholten Interaktionen stabilisieren. Im Zentrum steht eine einfache, aber grundlegende Frage: Unter welchen Bedingungen gelingt Kooperation – und weshalb scheitert sie so oft? Betrachten wir, was in der Spieltheorie als Hirschjagdspiel bezeichnet wird. Es geht auf Rousseaus Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen zurück. Rousseau beschreibt eine Situation, in der die Jäger für die Hirschjagd aufeinander angewiesen sind: «Handelte es sich darum, einen Hirsch zu jagen, so fühlte jeder sehr wohl, dass er hierfür treulich auf seinem Posten bleiben musste; kam aber zufällig ein Hase in Reichweite eines von ihnen vorbei, so darf man nicht bezweifeln, dass er diesen ohne Bedenken verfolgte \[…\].» Die Hasenjagd lässt sich allein betreiben; die ergiebigere Hirschjagd dagegen verlangt Koordination in der Gruppe. Hier offenbart sich das natürliche Dilemma der Kooperation: Sie ist riskant, weil sie auf Vertrauen angewiesen ist. Wer befürchten muss, dass der andere abspringt, entscheidet sich rationalerweise für die sichere Hasenjagd – die schlechtere, aber risikoärmere Lösung. Kooperation bleibt deshalb fragil. Genau hier lässt sich Rousseaus Frage nach dem Gesellschaftsvertrag einordnen. Gemeint ist damit nicht ein historisch abgeschlossener Vertrag, sondern ein Denkmodell: Wie kann aus einzelnen Interessen eine verbindliche gemeinsame Ordnung entstehen? Gesellschaften müssen Wege finden, Kooperation auch dort stabil zu machen, wo Misstrauen naheliegt. Normen, Institutionen und gemeinsame Erwartungen erfüllen genau diese Funktion: Sie reduzieren Unsicherheit und erleichtern Zusammenarbeit. > «Gesellschaften müssen Wege finden, Kooperation auch dort stabil zu machen, wo Misstrauen naheliegt.» Damit verschiebt sich der Blick: Gesellschaftliche Ordnung erscheint nicht als fertiger Plan, sondern als Ergebnis von Lernprozessen, Anpassungen und stabilisierten Erwartungen. ## Das Hirschjagdspiel als Modell sozialer Ordnung Das zuvor eingeführte Hirschjagdbeispiel lässt sich als einfaches Modell genau dieses Problems lesen. Es zeigt, weshalb Kooperation zwar für alle vorteilhaft sein kann, zugleich aber stets das Risiko des wechselseitigen Misstrauens in sich trägt. Um diese Dynamik sichtbar zu machen, reduziert die Spieltheorie komplexe soziale Situationen auf wenige Akteure und einfache Entscheidungsalternativen. Ein Hirschjagdspiel mit zwei Spielern sieht zum Beispiel so aus: Wer mit einem anderen Hirschjäger auf Hirschjagd geht, erhält eine Beute von 4 Tieren. Wer allein auf Hirschjagd geht, erhält 0 Tiere. Die Hasenjagd bringt dagegen stets eine Beute von 3 Tieren ein, unabhängig davon, was der andere Spieler tut. Hirschjagdspiele mit mehr Beteiligten sind ebenfalls möglich, doch bereits dieses einfache 2-Personen-Beispiel verdeutlicht den grundlegenden Zielkonflikt zwischen Kooperation und Risiko. In diesem Spiel gibt es zwei stabile Gleichgewichte. Ein Gleichgewicht bezeichnet eine Situation, in der kein Spieler einen Vorteil daraus ziehen kann, seine Entscheidung allein zu ändern. Wenn beide Hasen jagen, bleibt das Gleichgewicht stabil: Wer allein zur Hirschjagd wechselt, fällt von einer Beute von 3 auf 0 zurück. Wenn beide Hirsche jagen, gilt dasselbe: Wer allein zur Hasenjagd wechselt, verschlechtert sich von 4 auf 3. Nehmen wir nun eine sehr grosse Population mit einigen Hirschjägern und einigen Hasenjägern an, die einander zufällig begegnen. Mit der Zeit kann sich die Population in dem einen oder dem anderen Gleichgewicht einpendeln, je nachdem, wo sie beginnt. Gibt es viele Hasenjäger, setzt sich die Hasenjagd durch. Gibt es viele Hirschjäger, setzt sich die Hirschjagd durch. Berücksichtigt man zusätzlich etwas «Mutation» oder Erkundungsverhalten, verändert sich das Bild erneut. Die Population verharrt dann nicht dauerhaft in einem Gleichgewicht, sondern bewegt sich mit der Zeit zwischen beiden Zuständen hin und her. Kooperation nimmt zu und wieder ab. In unserem Beispiel dominiert langfristig dennoch meist die Hasenjagd, weil sie die risikoärmere Strategie bleibt. ## Von zufälligen Begegnungen zu sozialen Netzwerken Alles ändert sich, sobald Begegnungen nicht mehr zufällig sind. Dies ist ein entscheidender Punkt, an dem die evolutionäre Spieltheorie von Modellen abweicht, die von isolierten rationalen Einzelentscheidungen ausgehen. Menschen interagieren nicht beliebig miteinander. Sie lernen mit der Zeit, wem sie vertrauen können und welche Formen der Zusammenarbeit sich lohnen. Betrachten wir eine kleine Gruppe, in der Individuen zunächst zufällig aufeinandertreffen, ihr Verhalten aber schrittweise anpassen. Hirschjäger lernen rasch, bevorzugt mit anderen Hirschjägern zu kooperieren. Hasenjägern ist das Verhalten anderer weitgehend gleichgültig; da sie jedoch von Hirschjägern zunehmend gemieden werden, interagieren sie schliesslich vor allem untereinander. So können Netzwerke sozialer Interaktion entstehen und die Gewichte zugunsten der Hirschjagd verschieben. Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus: Menschen beobachten, welche Strategien erfolgreich sind, und übernehmen diese mitunter selbst. Ist die Netzwerkbildung schnell und die Anpassung von Strategien langsam, kann sich die Hirschjagd langfristig in der gesamten Population durchsetzen. Kooperative Akteure finden einander rasch, erzielen höhere Erträge und werden nachgeahmt. Die Hasenjagd verliert allmählich an Attraktivität. Verläuft die Netzwerkbildung dagegen langsam, zeigt sich ein anderes Bild. Begegnungen bleiben über längere Zeit weitgehend zufällig. Unter diesen Bedingungen fahren Hasenjäger besser, weil sie die risikoärmere Strategie verfolgen. Hirschjäger finden nicht häufig genug verlässliche Partner und wechseln schliesslich selbst zur Hasenjagd. ## Signale und die Entstehung von Bedeutung Der vorherige Abschnitt zeigte, welche interessanten Ergebnisse entstehen, wenn man das Hirschjagdspiel mit dynamischen Netzwerken verbindet. Nun verbinden wir es mit Signalen. Zunächst aber eine kurze Einführung in Signale selbst. Signalspiele der hier betrachteten Art wurden vom Philosophen David Lewis in seinem Buch «Convention» eingeführt. Das einfachste stilisierte Signalspiel sieht so aus: Die Natur wählt mit gleicher Wahrscheinlichkeit einen von zwei Zuständen. Ein Spieler – der Sender – beobachtet die Situation und sendet, abhängig von der beobachteten Lage, eines von zwei Signalen an einen zweiten Spieler, den Empfänger. Dieser schliesst aus dem Signal auf die Situation und handelt entsprechend. Die Spieler haben ein gemeinsames Interesse. Gelingt die Koordination, erhalten beide einen Ertrag – in der Spieltheorie meist als «Auszahlung» bezeichnet – von 1, andernfalls 0\. Das Problem der Spieler unterscheidet sich von jenen Problemen, die Claude Shannon im Blick hatte, als er die Informationstheorie begründete. Die Signale haben keine vorher festgelegte Bedeutung; diese entsteht erst in der Interaktion. Wie zuvor gibt es mehrere strikte Gleichgewichte. In zwei davon gelingt die Signalisierung vollständig: Im einen steht Signal A für Zustand 1 und Signal B für Zustand 2, im anderen ist die Zuordnung genau umgekehrt. Daneben existieren aber auch Gleichgewichte, in denen die Signale keinerlei Information übertragen. Die Bedeutung eines Signals ergibt sich somit nicht aus dem Signal selbst, sondern aus der Konvention, auf die sich die Beteiligten implizit eingespielt haben. Bedeutung entsteht durch Koordination. Lewis interessierte vor allem die Frage, wie solche Signalisierungssysteme unter Bedingungen hoher Rationalität stabil bleiben. Die evolutionäre Spieltheorie stellt eine andere Frage: Können solche Konventionen auch aus einfachem Lernen, Nachahmung und wiederholter Interaktion entstehen – also ohne besonders hohe Rationalität der Beteiligten? Experimente der Verhaltensökonomie im Labor zeigen, dass Menschen dieses Signalspiel rasch lernen. Computersimulationen mit Spielern, die durch Versuch und Irrtum lernen und erfolgreiche Handlungen häufiger wiederholen, nähern sich schnell einem Signalisierungsgleichgewicht. Tatsächlich ist bewiesen worden, dass verstärkendes Lernen in diesem einfachen Spiel immer zu perfekter Signalisierung führt. Bedeutung entsteht spontan. Es gibt eine interessante Theorie komplexerer Signalspiele, in denen mehrere Signalgeber in Netzwerken miteinander interagieren, um Informationen zu verarbeiten und Teams zu koordinieren. Wir machen hier nur den einfachen Schritt, unseren Spielern im Hirschjagdspiel zu erlauben, Signale zu senden und ihre Handlung abhängig vom empfangenen Signal zu ändern. Wir versehen die Signale nicht mit irgendeiner vorgängigen Bedeutung. Wie zuvor muss Bedeutung spontan entstehen. Die Strategie eines Individuums legt nun fest, welches Signal es sendet und was es jagt, wenn es Signal A oder Signal B empfängt. Individuen begegnen einander zufällig, sie tauschen Signale aus und entscheiden dann, ob sie Hirsche oder Hasen jagen. Die Auszahlungen werden anschliessend durch das Hirschjagdspiel bestimmt. In einer grossen Population mit zufälligen Begegnungen hängt der Ausgang davon ab, wo man beginnt. Doch der Anteil der Ausgangszustände, die dazu führen, dass am Ende alle Hirsche jagen, nimmt dramatisch zu. Wir sprechen hier vom Einzugsgebiet eines Gleichgewichts. Der Grund ist, dass ein Jägertyp nun ein Signal verwenden kann, um mit Gleichgesinnten auf Hirschjagd zu gehen. Diese Typen setzen sich gegen andere durch und können die Population übernehmen. Sie jagen miteinander Hirsche, also jagen am Ende alle Hirsche. Dabei zeigt sich ein scheinbares Problem. Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen «Handschlag» zu vollziehen, je nachdem, welches der beiden Signale bedeuten soll: «Ich jage mit dir Hirsche, wenn du so bist wie ich.» Die Lösung liegt darin, dass es von den anfänglichen Häufigkeiten in der Population abhängt, welcher Handschlag sich durchsetzt. Fast immer gibt es zu Beginn ein gewisses Ungleichgewicht, sodass eine Konvention einen Vorsprung erhält und gewinnt. Bedeutungen entstehen weiterhin spontan. Auch in endlichen Populationen bleibt die zentrale Einsicht des Modells grosser Populationen bestehen: Signale begünstigen Kooperation und erleichtern die Hirschjagd. Ein zusätzlicher und zunächst überraschender Befund zeigt sich beim sogenannten Gefangenendilemma. Anders als bei der Hirschjagd existiert hier nur ein stabiles Gleichgewicht. Für jeden Einzelnen ist es stets vorteilhaft, die Kooperation zu verweigern – unabhängig davon, wie sich der andere verhält. Das gilt, obwohl alle Beteiligten besser dastünden, wenn alle kooperierten. Wer kooperiert, erzielt gemeinsam mit anderen Kooperierenden zwar den höchsten gemeinsamen Ertrag. Einzelne Akteure können jedoch kurzfristig profitieren, wenn sie die Kooperation des anderen ausnutzen. Genau deshalb bleibt stabile Kooperation in diesem Spiel besonders schwierig. Dass sich evolutionär dennoch ein gewisses Mass an Kooperation etablieren kann, liegt erneut in den Signalen, etwa in einer Art sozialem «Handschlag». Kooperatoren können solche Signale nutzen, um andere Kooperierende zu erkennen und gezielt mit ihnen zusammenzuarbeiten, während sie gegenüber Defektoren die Kooperation verweigern. Allerdings entsteht hier eine Schwierigkeit, die bei der Hirschjagd weniger stark ausgeprägt ist. Defektoren können erfolgreiche Signale imitieren und vortäuschen, kooperativ zu sein. In einer überwiegend kooperativen Population schneiden solche Trittbrettfahrer kurzfristig sogar besser ab als die eigentlichen Kooperierenden. Dadurch kann sich die Täuschung ausbreiten und die bestehende Kooperation untergraben. Fatal ist das jedoch nicht zwangsläufig. Wenn ein Signal durch Nachahmung entwertet wird, können neue kooperative Gruppen entstehen, die andere Signale verwenden. So entsteht ein fortlaufendes evolutionäres Wettrennen zwischen Kooperation und Täuschung. Die Modelle zeigen, dass unter solchen Bedingungen ein gewisses Mass an Kooperation erhalten bleiben kann. Je mehr unterschiedliche Signale zur Verfügung stehen, desto stabiler wird die Kooperation. Diese Beispiele vermitteln einen Eindruck davon, wie sich die evolutionäre Spieltheorie zur Analyse gesellschaftlicher Ordnung einsetzen lässt. Daneben existieren zahlreiche weitere Spiele, die für Fragen des Gesellschaftsvertrags relevant sind, etwa Verhandlungen, Partnerschaften, Arbeitsteilung, Ressourcenkonkurrenz oder die öffentliche Markierung von Eigentum. Solche Modelle lassen sich miteinander verbinden, ebenso mit Signalen und mit sozialen Netzwerken, seien diese statisch oder dynamisch. Auch Spiele selbst können sich entwickeln. Neue Signale können in komplexen Interaktionen helfen, suboptimale Gleichgewichte zu überwinden. Neue Handlungsmöglichkeiten können Konflikte entschärfen und Verhandlungen ermöglichen, wo zuvor nur reine Konkurrenz herrschte. Viele dieser adaptiven Dynamiken sind bislang kaum erforscht. All diese Elemente können Bestandteile einer naturalistischen Theorie des Gesellschaftsvertrags bilden. Ein Gesellschaftsvertrag erscheint dann nicht als von oben auferlegte rationale Übereinkunft, sondern als ein sich entwickelndes System von Normen und Konventionen, das aus wiederholten Interaktionen hervorgeht und durch Vertrauen, Signale und adaptive Dynamiken geprägt wird. ### Cartoon URL: https://www.schweizermonat.ch/cartoon-68/ Last updated: 2026-06-15T07:36:24.000Z ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/23_natu_erliche_zutaten_reinzeichnung.jpg) ### Staaten können Gesetze produzieren, aber kein Recht URL: https://www.schweizermonat.ch/staaten-koennen-gesetze-produzieren-aber-kein-recht/ Last updated: 2026-06-15T16:21:27.000Z Was ist Recht? Die Frage ist alles andere als akademisch. An ihr entscheidet sich, ob Freiheit ein Zugeständnis der Macht ist – oder eine Tatsache der Natur. Und wer hier falsch abbiegt, landet unweigerlich bei der Vorstellung, Gerechtigkeit sei das, was eine Mehrheit oder ein Machthaber gerade dafür hält. Die gesamte moderne Rechtstheorie leidet an der Gleichsetzung von Recht und Gesetz. Dabei handelt es sich um grundverschiedene Dinge. Das lateinische *Lex* – Gesetz – geht auf *legere* zurück, das Auswählen oder das Einberufen. Gemeint ist letztlich die Mobilisierung von Menschen für die Zwecke einer Obrigkeit. Ein Gesetz ist damit ein Befehl, ein vertikales Verhältnis zwischen dem, der kommandiert, und dem, der gehorcht. Es fliesst von oben nach unten. *Ius* dagegen – das Recht – kommt von *iurare*: schwören, sich feierlich verpflichten. Es beschreibt ein horizontales Verhältnis zwischen Gleichen – eine Ordnung gegenseitiger Verpflichtungen. Der Rechtsphilosoph Frank van Dun hat diesen Unterschied mit einer Klarheit herausgearbeitet, die in der heutigen Jurisprudenz ihresgleichen sucht: Recht ist kein Regelwerk, sondern eine Ordnung natürlicher Personen, die auf den natürlichen Grenzen zwischen ihnen beruht. Gerechtigkeit ist dann nichts anderes als der Respekt vor diesen Grenzen – die Unterscheidung zwischen Dein und Mein. ## Was sich bewährt, gilt Wer diesen Unterschied einmal verstanden hat, sieht die moderne Welt mit anderen Augen. Wenn Recht eine Ordnung gegenseitiger Verpflichtungen zwischen Gleichen ist, kann es seinem Wesen nach nicht erst durch staatliche Anordnung entstehen; es ist bereits dort angelegt, wo Menschen ihr Zusammenleben friedlich ordnen. Die unablässige Produktion neuer Gesetze, Verordnungen und Richtlinien hat mit Recht im eigentlichen Sinne deshalb wenig zu tun. Sie ist Ausdruck von Machtausübung innerhalb einer Organisation – nicht die Entdeckung einer vorstaatlichen Ordnung. Friedrich August von Hayek nannte das die Unterscheidung zwischen *Kosmos* – der spontan gewachsenen Ordnung – und *Taxis* – der gemachten, geplanten Ordnung. Wahres Recht entsteht als unbeabsichtigtes Ergebnis menschlichen Handelns, nicht als Produkt eines bewussten Entwurfs. Wenn Recht nicht vom Gesetzgeber kommt – woher dann? Diese Frage lässt sich auf drei Ebenen beantworten, die einander nicht widersprechen, sondern sich ergänzen. Die erste Ebene ist die *biologische*. Richard D. Alexander hat überzeugend dargelegt, dass Moralsysteme – und damit auch Recht – aus einem handfesten evolutionären Druck entstanden sind: der Notwendigkeit, Interessenkonflikte innerhalb von Gruppen zu lösen, um im Wettbewerb mit anderen Gruppen zu bestehen. Gruppen, die Regeln wie den Schutz von Eigentum und Familie entwickelten, setzten sich gegen jene durch, die darauf verzichteten. Das ist kein moralisches, sondern ein empirisches Argument. Die Geltung des Rechts gründet letztlich im Überlebensvorteil kooperativer Ordnungen. Die zweite Ebene ist die *rationale*. Van Dun und Hans-Hermann Hoppe zeigen, dass die Geltung des Rechts bereits in der Logik der Argumentation selbst angelegt ist. Wer in einen Dialog tritt – und sei es nur, um das Naturrecht zu bestreiten –, erkennt sein Gegenüber zwangsläufig als separate, freie und vernunftbegabte Person an. Gewalt und Betrug widersprechen der Natur dieses Austauschs. Selbstbesitz und gewaltfreie Interaktion sind keine frommen Wünsche, sondern logische Voraussetzungen jeder menschlichen Verständigung. Wer sie leugnet, setzt sie im Akt des Leugnens bereits voraus. Die dritte Ebene ist die *zeitliche*. Bruno Leoni betonte die Überlegenheit der langfristigen Gewissheit. Ein Recht, das sich über Jahrhunderte durch richterliche Entdeckung und soziale Praxis bewährt hat, besitzt eine höhere Geltungskraft als jedes ad hoc erlassene Gesetz, das morgen schon wieder aufgehoben werden kann. Langlebigkeit ist kein sentimentales Argument. Sie ist ein Selektionsmechanismus: Was Generationen überdauert, hat den Härtetest der Realität bestanden. ## Wer sagt, was «natürlich» ist? Der härteste Einwand gegen das Naturrecht lautet: Wer sagt, was «natürlich» ist? Ist das nicht bloss eine Verallgemeinerung von Vorurteilen? Der Einwand ist berechtigt, übersieht jedoch etwas Entscheidendes. Robert Wright hat gezeigt, dass unter der scheinbar unendlichen Vielfalt globaler Sitten und Rituale tiefgreifende universelle Muster liegen – in der Struktur von Familie, Freundschaft und moralischem Empfinden. Diese Muster sind in der menschlichen Natur verwurzelt, in den genetischen Grundlagen der Reziprozität. Der Flickenteppich kultureller Unterschiede verdeckt eine erstaunliche Einheit der Tiefenstruktur. Die Grundbedürfnisse und die Logik der Konfliktlösung sind universell. Die konkreten Regeln, in denen sie sich ausdrücken, passen sich an Umweltbedingungen und historische Erfahrungen an. So erklärt sich, warum dieselben Prinzipien – kein Mord, kein Diebstahl, Vertragstreue – in völlig unterschiedlichen kulturellen Gewändern auftreten, ohne ihre Substanz zu verlieren. Van Dun bringt das mit dem Konzept der *Konvivialität* auf den Punkt: einer Ordnung des friedlichen Austauschs unter Unabhängigen. Die Grundregeln – keine Gewalt, kein Betrug – gelten überall dort, wo Menschen als vernunftbegabte Wesen koexistieren wollen. Kulturelle Vielfalt ist dabei kein Gegenargument, sondern die natürliche Folge: Es gibt unzählige Wege, eine solche konviviale Ordnung zu realisieren – je nach Ort, Zeit und Umständen. > «Die Grundbedürfnisse und die Logik der Konfliktlösung sind universell. Die konkreten Regeln, in denen sie sich ausdrücken, passen sich an Umweltbedingungen und historische Erfahrungen an.» ## Naturrecht ist kein Dogma Der moderne Positivismus, der Recht auf den Willen des Gesetzgebers reduziert, steht auf einem Fundament aus Sand. Er kann nicht erklären, warum ein Gesetz, das gestern erlassen und morgen aufgehoben wird, denselben Anspruch auf Geltung erheben soll wie Prinzipien, die Jahrtausende überdauert haben. Ebenso kann er nicht erklären, warum wir manche Gesetze als ungerecht empfinden – ein Urteil, das nur Sinn ergibt, wenn es einen Massstab jenseits des positiven Rechts gibt. Das Naturrecht ist kein Dogma und kein abgeschlossenes System. Es ist ein Forschungsprogramm. Es verlangt von uns, die Ordnung menschlicher Beziehungen mit derselben Sorgfalt zu untersuchen, mit der ein Naturwissenschafter sein Material analysiert. Es fordert Demut vor der Komplexität spontaner Ordnungen – und Skepsis gegenüber jedem, der behauptet, Gerechtigkeit am Reissbrett entwerfen zu können. Zugleich verlangt es die Ehrlichkeit, einzugestehen, dass die Entdeckung des Rechts ein niemals abgeschlossener Prozess ist – fehleranfällig, aber systematisch überlegen gegenüber der Anmassung zentraler Planung. 0:00 /0:00 1× ### Mehr Leben als gedacht URL: https://www.schweizermonat.ch/mehr-leben-als-gedacht/ Last updated: 2026-09-23T21:15:52.000Z 0:00 /397 1× ## Totgesagte leben länger Korallenriffe wurden politisch und medial schon lange totgesagt oder dem Untergang geweiht. Steigende Meerestemperaturen führen dazu, dass Korallen die Algen abstossen, mit denen sie in Symbiose leben und von denen sie Nährstoffe beziehen. Das Ausbleichen der Korallen ist die sichtbare Folge davon. Doch vielerorts scheint nun eine Erholung einzusetzen. Doch Teile des Great Barrier Reef verzeichnen mittlerweile den höchsten Korallenbewuchs seit 36 Jahren. Auch rund um Hawaii erholen sich die Bestände zunehmend von früheren Bleichen; so zeigen auch die Riffe vor Inseln wie Maui und Kauai wieder eine positive Entwicklung. Ähnliches lässt sich auch im Chagos-Archipel im Indischen Ozean sowie bei Sulawesi in Indonesien beobachten. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/26_chatgpt-image-6-mai-2026-16_11_59.jpg) Tritt eine Erwärmung des Meerwassers nur kurzzeitig auf, bleibt die Koralle trotz sichtbarer Ausbleichung oft am Leben. Zwar tritt ihr weisses Kalkskelett hervor, doch sie kann neue Algen aus dem Meerwasser aufnehmen und sich so regenerieren. Die Erholung vieler Riffe wird von schnell wachsenden Korallenarten getragen. Im Chagos-Archipel etwa siedelten sich nach einer schweren Bleiche vor allem Tischkorallen an. Entscheidend ist jedoch, dass sich Riffe nach Störungen ungestört erholen können. Wo sie vollständig zerstört wurden – etwa durch Dynamitfischerei –, lässt sich die Regeneration gezielt durch Korallentransplantationen anstossen. ## Der Blaue Planet wird grüner Nicht alles entwickelt sich zum Schlechteren. Die verbreitete Befürchtung, der Klimawandel lasse die Erde zunehmend zu einem kargen Planten veröden, bestätigt sich so nicht. Satellitendaten zeigen vielmehr, dass der blaue Erdball in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt grüner geworden ist. Bereits ab 1982 weisen Messungen auf eine zunehmende Vegetation hin. Mitte der 1990er-Jahre identifizieren Forscher erstmals das Phänomen der «globalen Ergrünung». Mit dem Start des MODIS-Programms (Moderate Resolution Imaging Spectroradiometer) in den 2000er-Jahren ermöglicht die Nasa eine hochpräzise Beobachtung der Erdoberfläche. Bis etwa 2015 zeichnet sich ein klares Bild ab: Ein Viertel bis die Hälfte der bewachsenen Landflächen legt sichtbar an Vegetation zu. Insgesamt wächst die Blattfläche um mehr als 5,18 Millionen Quadratkilometer – ein Plus von rund fünf Prozent gegenüber den frühen 2000er-Jahren. Das entspricht in etwa der Fläche des Amazonas-Regenwaldes. Die Ursachen liegen vor allem im steigenden CO₂-Gehalt der Atmosphäre. Der Düngereffekt des Kohlendioxids erklärt rund 70 Prozent des globalen Vegetationszuwachses. Hinzu kommt Stickstoff, der etwa neun Prozent ausmacht. Dürren können die zunehmende Begrünung zwar lokal bremsen, diese aber nicht stoppen. Auch der Mensch trägt wesentlich dazu bei: Die intensive Landwirtschaft steigert die Erträge durch Mehrfachanbau und eine effizientere Flächennutzung, während gross angelegte Aufforstungsprogramme zusätzliche Vegetation schaffen. Besonders ins Gewicht fallen China und Indien: Obwohl sie nur rund neun Prozent der weltweiten Vegetationsfläche ausmachen, tragen sie etwa ein Drittel zur Ergrünung des Globus bei. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass wir es mit einem massgeblich «menschengemachten globalen Vegetationswandel» zu tun haben. ## Das «Wood Wide Web» Bäume sind in der Lage, miteinander zu kommunizieren. Was esoterisch anmutet, ist heute gut erforscht: Über ihre Wurzeln sind Bäume durch ein weit verzweigtes Pilzgeflecht – das sogenannte Myzel – verbunden. Dieses Netzwerk erlaubt es ihnen, den Bedarf an Wasser und Nährstoffen zu erkennen und Ressourcen gezielt weiterzugeben. So unterstützen die starken Bäume die schwächeren Artgenossen in ihrer Umgebung. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/27_chatgpt-image-6-mai-2026-16_36_11.jpg) Den Wurzelspitzen der Bäume kommt eine wichtige Rolle zu: Sie verfügen über eine Art koordinierende Struktur zur Verarbeitung von Umweltreizen. Bäume senden chemische, hormonelle und elektrische Signale aus – vergleichbar mit einem einfachen Nervensystem. Die Kommunikation erfolgt dabei dezentral. Bäume erkennen Angreifer wie etwa Raupen anhand spezifischer Signale. Sie setzen gezielt Duftstoffe frei, um natürliche Feinde dieser Schädlinge anzulocken. So mobilisieren sie Schlupfwespen, die sich dann als biologische «Verteidiger» einschalten. Grosse, ältere Bäume gelten als die zentralen Knotenpunkte im «Wood Wide Web». Sie versorgen die jungen Schösslinge gezielt mit Wasser, Kohlenstoff und Zucker und fördern deren Wachstum – wobei sie den eigenen Nachkommen oftmals den Vorrang geben. Bäume, die im Sterben liegen, geben einen Grossteil ihrer verbleibenden Ressourcen an die nächste Generation weiter. ## So steht es um die Schweizer Wälder Mit durchschnittlich 354 Kubikmetern zählen die Schweizer Wälder zu den holzreichsten Europas. Insgesamt ist ein Drittel der Landesfläche bewaldet; mehr als 40 Prozent davon schützen Siedlungen vor Naturgefahren. Anders als in vielen Ländern wächst der Wald hierzulande überwiegend natürlich nach: Rund 85 Prozent der Bestände entstehen ohne künstliche Aufforstung. Gleichzeitig sind etwa 90 Prozent der Waldflächen für die Bevölkerung frei zugänglich. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/26_chatgpt-image-6-mai-2026-16_22_32-e1781194880253.jpg) Auch im Bereich Wasser nimmt die Schweiz eine Sonderstellung ein. Als «Wasserschloss Europas» verfügt sie über rund 6 Prozent der Trinkwasserressourcen des Kontinents. Die Qualität ist so hoch, dass etwa 40 Prozent des Trinkwassers ohne Aufbereitung direkt ins Leitungsnetz gelangen. 71 Prozent der Schweizer Wälder befinden sich in öffentlicher Hand. Der Privatwald ist stark zersplittert – rund 245 000 Eigentümer besitzen im Schnitt lediglich 1,5 Hektaren. Besonders hoch ist der Privatanteil in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden (77 Prozent) und Luzern (74 bis 75 Prozent). ### Zum Fressen gern URL: https://www.schweizermonat.ch/zum-fressen-gern/ Last updated: 2026-06-11T16:17:51.000Z Rundgang durch einen x-beliebigen Supermarkt. Erst wenn man darauf achtet, staunt man, wie viele Nahrungsmittel als «natürlich» angepriesen werden, und sogar als natürlich und gesund, sonnengereift, vom Bauernhof, frisch geerntet, mit reinem Bergquellwasser. Eine Schweizer Supermarktkette führt sogar eine Produktlinie mit der Bezeichnung «Natürli» in den Kühlregalen. Inhaltsstoffe des «Natürli»-Vanillejogurts: Milch (pasteurisiert, homogenisiert), Zucker, Magermilchpulver, Vanilleextrakt. Ein Nepp natürlich. Nepp oder nicht, Natur ist Trend. Und Natur verkauft sich. Die Steinzeitdiät, zum Beispiel, soll besonders gesund sein. Das heisst Fleisch, Wurzeln, Blätter, Obst. Kein Getreide, keine Milchprodukte. Dass die Menschen in Urzeiten ungefähr 200 000 Jahre lang in freier Wildbahn genau das verspeisten, ist jedoch nicht zu beweisen. In den Jahrtausenden menschlicher Existenz haben sich Klima, Lebensräume und damit das Nahrungsangebot laufend verändert. Im Eis der Polarzone essen und assen Menschen etwas anderes als im tropischen Urwald. Lebertran statt Mango. **Die Kunst des Essens** Gutes Essen gehört zur menschlichen Kultur, wobei Denker von Rousseau über Nietzsche bis zu Dr. Bircher Zivilisation auch als ungesund und degeneriert beschreiben und sie als Gegensatz zur Natur setzen. Doch halten wir uns daran: Essen ist Ausdruck von Zivilisation. In Frankreich fusst Kultur nicht zuletzt auf Kulinarik. «Leben wie Gott in Frankreich», dieses Sprichwort kommt nicht von der Kunst und Literatur Galliens. Eine ähnliche Aussage ist auch für China, Persien, Italien, für Moslems, Juden und Christen möglich. Hochkulturen entwickelten sich fast immer zusammen mit Kochkunst. Je nach Weltgegend gibt es gefülltes Huhn in Schweineblase, winzige Ravioli in hauchdünnem Teig in Rinderbrühe oder Confit de canard und Sauce hollandaise oder Beurre blanc. Allein schon die Bezeichnungen sind poetisch: Saltinbocca, Ile flottante, Rap a l’ail cremat (ein katalanisches Rezept für Seeteufel). > «Hochkulturen entwickelten sich fast immer zusammen mit Kochkunst.» Der verfressene Psychoanalytiker Peter Schneider (Selbstbezeichnung) sagt: «Zunächst ging es für die Menschen darum, herauszufinden, was essbar war und was nicht. Dass man nicht alles in sich hineinstopft, was man findet, ist bereits eine zivilisatorische Leistung. Man verspeist auch seine Haustiere nicht.» Schneider sieht Essen als sozialen Akt. Man trifft sich, um etwas Leckeres zu kosten und den Genuss zu teilen. Die Tischrunde ist laut Schneider immer auch neugierig auf Neues und Fremdes. Das befördere die Tendenz zu immer vielfältigerem Essen. Zur Esskultur gehört auch, wie Menschen speisen. Langsames, vorsichtiges Essen schützte ursprünglich vor unbekömmlichen oder gar giftigen Stücken. Oder schlicht davor, sie grob zu verschlucken. Daraus haben sich ausfeilte Tischsitten entwickelt. Den Umgang mit Besteck, mit Teller, Glas und Serviette lernt heute immer noch fast jedes Kind. Andere Kulturen zeigen sich nicht weniger feinsinnig. In Ostasien weiss man mit Stäbchen und Porzellanlöffeln umzugehen, in Indien ist der Gebrauch des Fladenbrots statt des Bestecks ein Kunststück. Von wegen Kunststück: Ob in Japan oder ibeim französischen Traiteur: Die Speisen sind so schön anzusehen wie Gemälde oder Plastiken. Essen ist also eine tägliche kulturelle Leistung. **Die Krux der Ernährung** Dem widerspricht eine Beobachtung. Mehr denn ja drehen sich heute Gesprächsrunden um das Thema, nein, eben nicht essen, sondern um Ernährung. Genauer, um gesunde Ernährung. Wer nur schon nebenbei ein Auge auf Ernährungstipps wirft, merkt, dass sie sich meist um 180 Grad widersprechen und sich am Ende gegenseitig aufheben. Besonders umstritten ist Fleisch. Alternde Menschen brauchen viel Eiweiss, sonst bauen sich Muskeln ab. Ratschlag: 1,5 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht. Ein Mensch von 70 Kilogramm sollte also täglich 105 Gramm Proteine verzehren. Umgerechnet sind das 15 Eier oder 550 Gramm Fleisch. Die Gegenstimme behauptet, zu viel Fleisch führe zum Herzinfarkt. Empfohlen seien höchstens 500 Gramm – in der Woche. Entweder klappen die Alten also als ausgemergeltes Knochengerüst tot zusammen oder sie erleiden einen Herzschlag nach dem anderen. Selbst wenn man die Ernährungsapostel nicht beachtet, wird es immer schwieriger, eine Gruppe Freunde zum Abendessen einzuladen. Chatgruppen, in denen sich der Gastgeber im Vorfeld zur Dinnerparty bei seinen Gästen nach Allergien erkundigt, sind keine Seltenheit. Doch damit nicht genug: Denn schliesslich wollen auch die Bedürfnisse der Fleischesser, Pescetarier, Vegetarier (mit oder ohne Laktoseunverträglichkeit), Veganer, der Nichtsardellenesser oder der Schärfe- und Rosinenintoleranten eruiert sein. Was läuft da ab? Ein gemütliches Zusammensein beim Essen wird völlig unterlaufen. Gäste heben mit ihren eigenen Speisegeboten ihre eigene Exzentrik hervor. Möglichst grell. Wenn Peter Schneider das Essen als sozialen Akt definiert, erscheint dies, übertragen auf eine höhere Ebene, als ein Symptom einer auseinanderbrechenden Gesellschaft und eines kompletten Kulturverlusts. Das als kühne These. **Reinheit durch Verzicht** Zunächst ist einzugestehen, dass auch Essensverweigerung Teil unserer Kultur ist. Essen steht dem Nichtessen entgegen, beides zusammen fügt die Esskultur erst zu einem Ganzen. Muslime feiern den Ramadan. Während dieses Fastenmonats wird das Hungern tagsüber nach Sonnenuntergang oft mit einem üppigen Mahl belohnt. Christen fasten vierzig Tage vor Ostern, so wie Jesus vierzig Tage in der Wüste hungerte. Hierin zeigt sich allerdings eine religiöse Überformung einer weltlichen Gegebenheit. Am Ende des Winters war die Nahrung ohnehin knapp. Verzicht und Verschwendung sind aber auch in den Fastenbräuchen miteinander verknüpft. Vor der Fastenzeit, an Fasnacht, leert man die Vorratskammern. Meist ist nur noch Haltbares da: Mehl, Zucker, Fett und Schnaps. Fasnachtsgebäcke sind süsse Mehlspeisen in Fett ausgebacken. Es gibt Schenkeli, Fasnachtschüechli – in Mailand sind sie dicker, Bunyols, Beignets**.** Auch Berliner Pfannkuchen und Blini gehören dazu. Gar nichts essen, das ist eine Sache der Jogis auf dem Weg zur Erleuchtung. Der Legende nach sollen es in Indien einige so weit gebracht haben, dass sie ohne Wasser und Nahrung überleben. Ob das stimmt, ist egal. Es zeigt, dass Religionen einen Zusammenhang zwischen Fasten und Reinigung, gerade auch geistiger Reinigung herstellen. Essen und Nichtessen sind mystisch aufgeladen. Der Verzicht auf gewisse Nahrungsmittel führt zur Reinheit von Körper und Seele. Dies gilt für koscheres Essen bei den Juden, halal Essen bei den Muslimen. Die Essticks westlicher Individuen sind also nichts Neues. Sie individualisieren die Reinigung durch Tabus beim Essen. Das lässt man so stehen, oder man denkt weiter. **Der verspeiste Vater** Koreaner essen Hunde. Das ist im Land der Morgenstille so normal wie wir Kaninchen verzehren. Sofern das heute noch als normal gilt. Das grösste Tabu bleibt: Kannibalismus, Menschen essen. «Einen Kannibalismus von Menschen auf abgelegenen Inseln oder im tiefen Dschungel, die sich jagen und aufessen, gab es kaum. Das beruht auf einer Projektion der ersten Kolonisten, die in diese Gebiete vordrangen», sagt Schneider. Kannibale Horrorvorstellungen gab es auch bei Völkern ausserhalb Europas. Und im Märchen. So in Gebrüder Grimms «Hänsel und Gretel»: Die böse alte Hexe sperrt zwei Kinder ein, die sich im Wald verlaufen haben. Den Jungen will sie mästen und dann braten. Um zu prüfen, ob Hänsel schlachtreif sei, muss er ihr den Finger entgegenstrecken. Was für ein Unsinn! Die Hexe sieht doch, wie Hänsel in seinem Käfig Fett anlegt. Und gerade der Finger wird dabei nicht besonders dick. Es geht offensichtlich um etwas anderes, nämlich um den Phallus des heranwachsenden Bürschchens. Spätestens damit rutscht Essen ins Sexuelle. Die Hexe will verschlingen, was ihr fehlt: Jugend und Potenz. Sagt man zu einem geliebten Menschen nicht: «Ich könnte dich auffressen.» Ähnliches finden wir in der Psychologie. Schneider weist auf Sigmund Freuds «Totem und Tabu» hin. In diesem Buch entwirft Freud eine Ethnomythologie. Die Männer der Urhorde töten den Vater und Herrscher. «Sie töten ihn nicht nur, sie verspeisen ihn auch», sagt Schneider. Die Tat ruft ambivalente Gefühle hervor. Die Männer hassen den Vater, darum bringen sie ihn um. Sie merken aber auch, dass sie ihn lieben und dass er ihnen fehlt. Dadurch, dass sie ihn aufessen, nehmen sie sowohl seine Persönlichkeit als auch seine Macht in sich auf. **Familien ohne Esstisch** Essen ist eine rituelle Handlung. Am jüdischen Jom Kippur versöhnt das Essen die Menschen, bei Jesus schafft es den Übergang vom Irdischen ins Überirdische, bei einer Hochzeit vereint es zwei Menschen, bei einer Beerdigung tröstet es – und spielt auf den Verzehr des Vaters an. Das schlichte Familienessen schafft eine lebenslange Gemeinschaft. Nach der Fastenzeit kommt Ostern. Kurz vor seiner Kreuzigung richtet Jesus von Nazareth das Pessachmahl oder eben das Abendmahl aus, die berühmteste Mahlzeit aller Zeiten. Er nahm das Brot, brach es, sagte: «Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.» (Lukas 22, 19). Unübersehbar begeben wir uns hier in die psychologische Ebene des Vatermords. Christen wiederholen den Akt beim Abendmahl, um Jesu und damit auch Gottes teilhaftig zu werden. Genau hier fand Freud den Stoff für «Totem und Tabu». Das Ritual des gemeinsamen Essens begründet und tradiert demnach eine Kulturgemeinschaft. Doch die Gemeinschaft bröckelt, die Kultur verschwindet. Sushi aus Japan sind wie erwähnt kleinste Kunststücke, die man sorgfältig mit Stäbchen isst. Im Westen gibt es neu Sushi, das man wie aus einem Eisbecher herauspressen kann. Man beisst dann das Gemisch von oben ab. Ja, so einfach geht das jetzt: Menschen essen aus dem Pappbeutel mit den Fingern, auf der Strasse, im Gehen. Immer mehr Familien besitzen keinen Esstisch mehr. Jede und jeder greift sich irgendwann irgendwas aus dem Kühlschrank. Man verschlingt es vor dem laufenden Fernseher. Das Ende naht. – Oder auch nicht. Egal. Nächstens stelle ich wieder einmal ein leckeres Menü zusammen und koche für Freunde. ### Tipps für mehr Natur im Alltag: Die Natur durch Kinderaugen sehen URL: https://www.schweizermonat.ch/tipps-fuer-mehr-natur-im-alltag-die-natur-durch-kinderaugen-sehen/ Last updated: 2026-06-11T16:12:33.000Z Seit der Geburt meiner Tochter vor rund einem Jahr ist Stillsitzen ein seltenes Luxusgut geworden, denn die kleine Entdeckerin hat eine Mission: die Welt erforschen. Und zwar jeden Tag, bei Wind und Wetter. Ob Sonnenschein, Schnee oder Nieselregen – wir ziehen unsere Runden draussen, oft länger als ursprünglich geplant. Dabei wird wirklich nichts ausgelassen. Wiesen werden genaustens inspiziert, Blätter umgedreht und Blumen mit grosser Ernsthaftigkeit betrachtet. Jede Katze, die unseren Weg kreuzt, wird freundlich (und manchmal etwas stürmisch) begrüsst, und kein Regenwurm bleibt unbeachtet. Wir lauschen dem Vogelgezwitscher und beobachten die Enten und Schwäne im See. Auch der Wald wird nicht einfach durchquert, sondern regelrecht studiert. Wenn der Wind durch die Blätter rauscht, bleiben wir stehen, schauen nach oben und beobachten dieses Schauspiel mit staunenden Augen. Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Begeisterung ein Kind die kleinsten Dinge wahrnimmt – Steinchen, Gräser oder einfach ein Stück Erde können minutenlang spannend sein. > «Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Begeisterung ein Kind die kleinsten Dinge wahrnimmt.» Natürlich bedeuten diese Abenteuer auch körperlichen Einsatz für mich. Ich darf hinterher und sichere, halte und stütze bei Bedarf. Das freut auch meinen Schrittzähler. Ich war immer schon ein aktiver Mensch, aber ich nehme die Natur nun wieder bewusster und intensiver wahr. Diese Momente entschleunigen. Es lohnt sich also, die Welt hin und wieder mit den neugierigen Augen eines Kindes zu betrachten! ### «So wie wir uns das vorstellen, werden wir nie Fleisch zu heutigen Marktpreisen produzieren können» URL: https://www.schweizermonat.ch/so-wie-wir-uns-das-vorstellen-werden-wir-nie-fleisch-zu-heutigen-marktpreisen-produzieren-koennen/ Last updated: 2026-09-23T21:14:30.000Z 0:00 /1213 1× Es ist kurz nach 10 Uhr morgens auf der Jucker-Farm in Seegräben. Ein feiner Nieselregen liegt über den Feldern. In der Kaffeestube treffen wir zwei Menschen, die die Zukunft unserer Ernährung aus völlig unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Martin Jucker, Bauer und Inhaber der öffentlich zugänglichen Jucker-Farm, setzt auf regenerative Landwirtschaft, Bodenfruchtbarkeit und die Kraft der Natur. Erika Georget, Managing Director des Biotechnologieunternehmens The Cultured Hub, begleitet Start-ups bei der Entwicklung von kultiviertem Fleisch und sieht in neuen Technologien einen wichtigen Baustein für die Ernährung von morgen. Wir sprechen mit ihnen darüber, was natürliche Ernährung heute bedeutet, wo die Grenzen technologischer Innovation liegen und wie die Landwirtschaft der Zukunft in der Schweiz aussehen könnte. **Martin Jucker, hast du schon einmal künstliches Fleisch ausprobiert?** Martin Jucker: Nein, bisher noch nicht. Fleischalternativen hingegen schon. **Erika Georget, Martin Jucker setzt auf regenerative und naturnahe Landwirtschaft. Überzeugt dich das?** Erika Georget: Ja, absolut. Solche Konzepte sind für die gesamte Lebensmittelproduktion von grosser Bedeutung und sollten weiter vorankommen. Aus Sicht der zellbasierten Landwirtschaft sehe ich sie als sinnvolle Ergänzung. Mit ihnen können Lebensmittel und insbesondere Fleisch anders produziert und die Umweltbelastung verringert werden. **Martin, ihr seid mit der Jucker-Farm sehr erfolgreich. Ist die Natur für dich ein Vermarktungsinstrument?** Jucker: Ja, klar, aber auch eine Überzeugung. Wir Menschen können nicht ohne den Kontakt zur Natur leben. Darin liegt vermutlich auch ein Unterschied zu eurem Ansatz, Erika. Gleichzeitig denke ich aber, dass es beides braucht: genügend Kalorien, aber auch das Mikrobiom (Gesamtheit aller Mikroorganismen, die einen Lebensraum besiedeln). **Was ist das Erfolgsmodell der Jucker-Farm?** Jucker: Wir sind sehr nah am Konsumenten. Wir produzieren und verkaufen vieles selbst, stehen im direkten Kontakt zu unseren Kunden und haben daher ein gutes Gespür, was sie möchten. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/34_fav_img_1572_ki.jpg) Martin Jucker, fotografiert von Michael Straumann. **Liegt euer Erfolg darin, dass die Menschen eine Sehnsucht nach Natur haben, die ihr gut vermittelt und vermarktet?** Jucker: Wahrscheinlich ist es die Summe verschiedener Aspekte, aber am Ende geht es sicher um vertrauenswürdige Ernährung. Gleichzeitig spielen auch Erholung und Freizeit eine wichtige Rolle. Der Römerhof in Kloten, den wir ebenfalls betreiben, ist stärker auf den Einkauf ausgerichtet. Dort ist es weniger romantisch – mit Flughafen und Autobahn direkt daneben. Schliesslich geht es aber überall um regionale und gesunde Ernährung. Vertrauen ist für uns dabei das wichtigste Element. **Was bedeutet Natur für euch?** Georget: Die spannende Frage ist eigentlich: Was ist Natur und was ist Kultur? Wenn wir über Ernährungssysteme sprechen, ist vieles eigentlich Kultur – also die Art und Weise, wie wir uns ans Essen gewöhnt haben – und weniger reine Natur. Das muss nichts Schlechtes sein. Oft ist es auch eine Frage des Marketings. Das Wort «Natur» wird gerne als Aushängeschild verwendet. Manchmal zu Recht, manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was konkret dahintersteckt. **Sind eure Produkte natürlich?** Georget: Was wir bei The Cultured Hub machen, definiere ich nicht als natürlich oder unnatürlich. Für mich ist es ein Mittel zum Zweck – und das Ziel ist, Natur zu erhalten. Ich denke, Martin und ich teilen hier ähnliche Werte. Am Ende geht es um die Frage: Wie schaffen wir Raum für die Natur und ernähren gleichzeitig weiterhin die Bevölkerung? Was wir tun, sehe ich eher als einen Schritt in die nächste Generation. Landwirtschaft basiert schon seit Langem auf Wissenschaft und Technologie. Sie ist ein sehr hochentwickelter Bereich und hat bereits mehrere Revolutionen durchlaufen. Das, was wir heute machen, nennen wir zelluläre Landwirtschaft. Mit dem Begriff «künstliches Fleisch» tue ich mich persönlich etwas schwer. Zelluläre Landwirtschaft – oder genauer: kultiviertes Fleisch – beschreibt besser, was wir tun. Wir entnehmen eine tierische Zelle, vermehren sie mit Nährstoffen, ernten sie und stellen daraus ein Fleischprodukt her. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist es eher eine Weiterentwicklung bestehender Prozesse als ein radikaler Bruch. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Wir können die Fleischproduktion vom Ackerland entkoppeln. Dadurch entsteht Raum für regenerative Praktiken, die mehr Fläche benötigen und weniger intensiv wirtschaften können, weil diese Flächen nicht länger für die Massenproduktion gebraucht werden. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/32_fav_img_1595_ki.jpg) Erika Georget, fotografiert von Michael Straumann. Jucker: Wir sind Teil der Natur und können ohne sie nicht existieren. Unsere Aufgabe ist es, die Natur und vor allem das Mikrobiom zu regenerieren. Die Forschung zeigt immer deutlicher, wie wichtig diese Mikroorganismen für unsere Gesundheit sind. Unser ständiger Versuch, Keime zu bekämpfen, hat zu immer sterileren Lebensräumen geführt. Genau dort liegt vermutlich die Ursache für viele chronische und entzündliche Krankheiten unserer Zeit – von Allergien bis hin zu Parkinson. **Wie wichtig ist euch persönlich natürliche Ernährung und wo zieht ihr die Grenze zu einer künstlichen Ernährung?** Jucker: Die Grenze ist nicht messerscharf. Das Leben ist von Dilemmas und Widersprüchen geprägt – und das gilt auch für die Ernährung. Für mich ist klar: Natürliche Ernährung ist grundsätzlich saisonal und regional. Das Schweizer Mikrobiom ist kaum von einer Avocado aus der Südsee geprägt. Alles, was nicht saisonal und regional ist, ist bereits ein Kompromiss – und alles, was hochverarbeitet ist, ebenfalls. Wenn ein Produkt mit 2000 Bar durch einen Extruder gepresst wurde oder kaum noch Ähnlichkeit mit seinem Ausgangsstoff hat, dann gehen viele wertvolle Inhaltsstoffe verloren. Das ist ein Problem. Dafür braucht es keine esoterische Überzeugung oder radikale Haltung, sondern viel von diesem Ansatz. Daneben darf es auch für anderes Platz haben. Die Welt ist nicht überall gleich. Was hier sinnvoll ist, gilt nicht automatisch in New York oder Tokio. Zürich ist in einer ganz anderen Situation. Schliesslich braucht es auch Ernährung, die schlicht Kalorien liefert. Eine langfristige Idealvorstellung wäre für mich: Das Labor produziert effizient Kalorien und ersetzt Tierfabriken, während draussen wieder mehr Raum für die Natur bleibt. Georget: Da kann ich dir nur zustimmen. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und mit dem Gemüsegarten meines Grossvaters gross geworden. Deshalb kann ich mich sehr gut mit dem identifizieren, was ihr hier macht. Ich sehe darin einen grossen Wert. Die Herausforderung liegt – wie Martin gesagt hat – im Status quo. Ich konzentriere mich dabei auf Fleisch, weil Pflanzen und Gemüse heute bereits deutlich umweltfreundlicher produziert werden können. Sobald wir aber über Fleisch und Tierhaltung sprechen, gelangen wir schnell in einen Bereich, in dem Massentierhaltung eine zentrale Rolle spielt. Und genau dort stellt sich die Frage, wie sich die ökologischen Auswirkungen bei gleichzeitig hoher Nachfrage überhaupt wirksam reduzieren lassen. **Was sind denn die Herausforderungen?** Georget: In der Schweiz werden jährlich rund 450 000 Tonnen Fleisch konsumiert, etwa 20 Prozent davon stammen aus dem Ausland. Die zentrale Frage lautet: Können wir den Flächenverbrauch reduzieren? Die industrielle Produktion von kultiviertem Fleisch könnte die Abhängigkeit von Ackerland verringern und zugleich eine bessere Kontrolle über die Lieferketten ermöglichen. Noch fehlt die Infrastruktur, um solche Produkte im industriellen Massstab herzustellen. Deshalb wird es Zeit brauchen, bis nennenswerte Mengen produziert werden können. Schon wenn wir lediglich fünf Prozent dieser Menge durch unsere Methode ergänzen oder ersetzen würden, wäre das – gerade bei weiter wachsender Nachfrage – ein riesiges Unterfangen. **Sind Ansätze wie jene von Martin also doch vielversprechender?** Georget: Wir bewegen uns auf unterschiedlichen Zeithorizonten. Das, was die Jucker-Farm macht, existiert bereits heute und kann weiter ausgebaut werden. Das, was wir machen, muss zuerst skaliert werden. Deshalb sehe ich zwei Entwicklungsebenen. Die Bauern der Zukunft könnten durchaus hybrid arbeiten: Sie regenerieren und bewirtschaften Land, nutzen aber gleichzeitig neue Technologien, um die Mengen zu produzieren, die benötigt werden. Denn die erwähnten 450 000 Tonnen Fleisch werden konsumiert. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was steht den Menschen im Supermarkt zur Verfügung? Woher kommt es? Und lässt es sich nachhaltiger produzieren, damit unsere Umwelt auch in Zukunft lebenswert bleibt? Solange das Land dieses biodiversitätsreiche Konzept tragen kann und eine umweltfreundliche Produktion ermöglicht, ist das absolut sinnvoll. Offen bleibt jedoch, ob sich damit die gesamte Lebensmittelversorgung sicherstellen lässt. Es gibt Grenzen der Skalierbarkeit. Möglicherweise könnten wir verschiedene Ansätze miteinander verbinden. Landwirte könnten künftig auch solche Technologien nutzen und Teil eines Lösungsportfolios werden, das nachhaltige Lebensmittel produziert, die Natur schützt und gleichzeitig unsere Abhängigkeit von Importen reduziert. Rund die Hälfte der Lebensmittel in der Schweiz stammen aus dem Ausland. Vielleicht liegt genau darin eine Chance: mit neuen Technologien mehr lokal zu produzieren. Die zelluläre Landwirtschaft kann hier einen Weg ebnen. > «Die Bauern der Zukunft könnten hybrid arbeiten: Sie regenerieren und bewirtschaften Land, nutzen aber gleichzeitig neue Technologien, um die Mengen zu produzieren, die benötigt werden.» **Ist Natürlichkeit zwingend besser – auch aus Nährstoffsicht oder im Hinblick auf chronische Krankheiten? Oder spricht das eher für eine saubere Version von kultiviertem Fleisch?** Jucker: Für mich ist natürliches Fleisch immer besser. Aber die entscheidende Frage lautet: Wo beginnt natürliches Fleisch überhaupt? Fleisch von einem Tier, das frei in der Landschaft lebt oder zumindest in einer graslandbasierten Weidehaltung im Hügelgebiet gehalten wird, würde ich als sehr natürlich bezeichnen. Aber wie sieht es mit Fleisch aus einer Schweinefabrik in China aus, in der Tiere auf zwölf Stockwerken übereinander gehalten werden? Es stammt zwar von einem echten Tier – aber ist es deshalb automatisch natürlich? Schliesslich hängen Qualität und Mikrobiom des Fleisches stark von der Fütterung und den Lebensbedingungen des Tieres ab. In einer industriellen Tierfabrik wird das kaum dasselbe sein wie bei einer Weidehaltung. Deshalb darf man durchaus fragen: Wo hört Natürlichkeit auf? Und beginnt «künstliches Fleisch» wirklich erst im Labor? Vielleicht ist «gezüchtetes Fleisch» ohnehin der treffendere Begriff. Auch Tiere, die ausschliesslich für die Fleischproduktion gehalten werden, sind letztlich gezüchtet. Und wir brauchen Tiere. Landwirtschaft ohne Tiere funktioniert aus meiner Sicht nicht. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege, zur Bodenverbesserung und zum Humusaufbau. Ob wir sie am Ende essen oder nicht, ist für mich eher eine ethische Frage. Klar ist aber auch: Unter diesen Bedingungen werden wir Fleisch nie zu den Preisen produzieren können, die heute am Markt üblich sind. Georget: Fleisch aus zellulärer Landwirtschaft bringt sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich. Entscheidend ist eine sorgfältig abgestimmte Nährlösung, damit nicht nur der Proteingehalt stimmt, sondern auch die Mikronährstoffe – also Vitamine und Mineralstoffe, die für eine ausgewogene Ernährung wichtig sind. Man muss sich genau überlegen, wie die Zellen versorgt werden. Im Grunde ist es ähnlich wie bei einem Tier: Je besser die Versorgung, desto höher die Qualität des Endprodukts. Einige Forscher sehen sogar die Möglichkeit, bestimmte Eigenschaften gezielt zu verbessern – etwa durch eine veränderte Fettzusammensetzung oder einen geringeren Anteil gesättigter Fettsäuren. Das könnte sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Ich persönlich halte den Nährwert für wichtig. Schliesslich entscheidet jedoch oft der Geschmack darüber, ob sich ein Produkt durchsetzt. Genau darin liegt eine der zentralen Herausforderungen für die Entwickler solcher Produkte: die richtige Balance zwischen Geschmack, Nährwert und Akzeptanz zu finden. **Wie schafft man das?** Georget: Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht gibt es dafür verschiedene Ansätze. Natürlich macht es einen Unterschied, ob eine Zelle in einer sterilen Umgebung wächst oder ein Tier auf der Weide lebt. Gleichzeitig ist die konventionelle Tierhaltung heute häufig stark von Antibiotika abhängig – und genau hier setzen wir an. Die zelluläre Landwirtschaft kommt vollständig ohne Antibiotika aus. Unser Ziel ist es, die Fleischproduktion zu skalieren und gleichzeitig die Abhängigkeit von diesen Medikamenten zu reduzieren. Denn die zunehmende Antibiotikaresistenz zählt zu den grössten Herausforderungen für Gesundheit und Umwelt. > «Fleisch aus zellulärer Landwirtschaft bringt sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich.» **Wird sich kultiviertes Fleisch massenhaft durchsetzen?** Georget: Dahinter stehen eigentlich zwei Fragen: Lässt sich kultiviertes Fleisch im grossen Stil produzieren – und wird es bezahlbar? Die Skalierung ist ein langfristiger Prozess. Die derzeit grösste Anlage weltweit steht in Australien und produziert einige hundert Tonnen pro Jahr. Im Vergleich zur klassischen Fleischindustrie ist das verschwindend wenig. Um allein fünf Prozent des Schweizer Fleischkonsums abzudecken, bräuchte es schätzungsweise fünf- bis zehnmal mehr Produktionskapazität, als die gesamte Pharmaindustrie heute in der Schweiz bereitstellt. Das entspräche rund 70 bis 75 Anlagen dieser Grössenordnung, die speziell für die Lebensmittelproduktion ausgelegt wären. Ist das machbar? Ja. Wird es Zeit und erhebliche Investitionen benötigen? Ebenfalls ja. Genau darin liegt aber auch eine Chance: darüber nachzudenken, wie sich solche Technologien in bestehende Systeme integrieren lassen, statt einfach eine zusätzliche Industrie daneben aufzubauen. In den Niederlanden gibt es beispielsweise Konzepte, bei denen zelluläre Landwirtschaft direkt auf Betriebsebene integriert wird. Landwirte könnten dort künftig selbst an der Produktion beteiligt sein und entsprechende Zellkulturen herstellen. Solche Ansätze finde ich besonders spannend. Wenn es um Skalierung geht, sollte man nicht nur grösser bauen, sondern vor allem auch intelligenter und vernetzter denken. Es ist also möglich, aber es braucht Zeit. **Was ist mit dem Preis?** Georget: Heute ist kultiviertes Fleisch noch teurer als Premiumfleisch. Die Schweiz ist allerdings ohnehin ein spezieller Markt, was Fleischpreise betrifft. Ich persönlich finde, Fleisch sollte nicht billig sein, denn seine Herstellung ist nicht billig. Fleisch hat einen Wert und sollte nicht zu einem Produkt werden, das man bedenkenlos wegwirft, sobald man satt ist. Das ist für mich auch eine ethische Frage. Gleichzeitig sind die Kosten in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken. Das erste kultivierte Steak kostete 2013 noch rund 300 000 Dollar pro Kilogramm. Heute liegen die Produktionskosten – wohlgemerkt nicht die Verkaufspreise – bei etwa 50 bis 70 Dollar pro Kilo. Das ist immer noch viel, aber bereits deutlich näher an einer wirtschaftlich realistischen Grössenordnung. Und die Entwicklung geht weiter. Die Kosten dürften weiter sinken, weil die Nährstoffe günstiger werden und die Produktionsanlagen effizienter gebaut und betrieben werden können. Es ist durchaus denkbar, dass kultiviertes Fleisch bis etwa 2030 preislich mit Premiumfleisch konkurrieren kann. Für mich ist der Preis deshalb langfristig nicht die entscheidende Frage. **Sondern?** Georget: Die entscheidende Frage ist für mich nicht der Preis. Wichtiger ist, ob Staaten Verantwortung dafür übernehmen, wie solche Konzepte skaliert werden – und ob ein echter Dialog zwischen allen Beteiligten stattfindet. Genau daran fehlt es manchmal. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Partner, und es sollte nicht um ein Gegeneinander gehen. Ehrlich gesagt hat mich die Formulierung «kultiviertes Fleisch versus traditionelles Fleisch» etwas getriggert. Für mich ist das eine emotionale Debatte. Landwirte sollten sich nicht bedroht fühlen. Vielmehr geht es darum, welchen Beitrag die verschiedenen Ansätze leisten können und wie wir sie als Gesellschaft sinnvoll miteinander verbinden. Länder wie die Schweiz haben die Chance, diesen Wandel eigenständig und entlang ihrer eigenen Bedürfnisse und Stärken zu gestalten. **Kann technologische Innovation die Massentierhaltung eines Tages ersetzen?** Georget: Ich glaube nicht an die eine alles lösende Technologie. Das Ziel ist nicht, bestehende Systeme vollständig zu ersetzen, sondern sie weiterzuentwickeln Wie lange dieser Wandel dauern wird, lässt sich schwer abschätzen. Im Idealfall bewegen wir uns schrittweise hin zu einer Landwirtschaft, die entweder regenerativ und nachhaltig wirtschaftet oder dort, wo es sinnvoll ist, auf neue Produktionsformen wie kultiviertes Fleisch setzt. Aber das braucht Zeit. Zudem ist es schwierig, mit importiertem Fleisch zu konkurrieren, das unter Bedingungen produziert wird, die weder Umwelt noch Tierwohl ausreichend berücksichtigen. Ich denke, wir müssen verschiedene Wege fördern, um dasselbe Ziel zu erreichen. Wissenschaft, Technologie, kultiviertes Fleisch, regenerative Landwirtschaft und weitere Ansätze können dabei unterschiedliche Beiträge leisten. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. **Doch können biologische und extensive Landwirtschaft den weltweiten Nahrungsmittelbedarf überhaupt decken? Oder führt auf absehbare Zeit kein Weg an Formen der Massentierhaltung vorbei?** Jucker: Zuerst müsste man klären, was überhaupt unter Massentierhaltung verstanden wird. In der Schweiz gilt manches bereits als Massentierhaltung, was in Deutschland fast als romantische Kleintierhaltung durchgehen würde. Wir alle gewinnen, wenn wir künftig weniger davon brauchen. Deshalb finde ich die Entwicklung von Laborfleisch spannend und bin überzeugt, dass sich dafür ein interessanter Markt entwickeln wird. Kultiviertes Fleisch kann skalieren und dadurch günstiger werden. In der Landwirtschaft hingegen steigen die Kosten tendenziell, weil industrielle Skalierung und ihre Kollateralschäden gesellschaftlich immer weniger akzeptiert werden. Deshalb dürfte die klassische Produktion teurer werden, während die Kosten für Laborfleisch sinken. Wahrscheinlich bewegen wir uns auf hybride Modelle zu. Wie schnell das geschieht, kann allerdings niemand seriös vorhersagen. Solche Entwicklungen verlaufen selten linear. Irgendwann gibt es einen Auslöser – eine Krise, einen gesellschaftlichen Wandel oder eine neue Generation mit anderen Wertvorstellungen – und plötzlich beschleunigt sich die Entwicklung. Ähnliches haben wir bereits bei essbaren Insekten gesehen: Vor einigen Jahren wurden sie als grosse Zukunft der Ernährung gehandelt, inzwischen hat sich die Euphorie deutlich abgekühlt. ### Tipps für mehr Natur im Alltag: Ein Prost auf die Natur! URL: https://www.schweizermonat.ch/tipps-fuer-mehr-natur-im-alltag-ein-prost-auf-die-natur/ Last updated: 2026-06-11T16:01:13.000Z Was für ein freudiger Anblick. Ich stehe mit einem Bund weisser Badischer Spargeln in der Küche und habe das Gefühl, mir ein Stück Landschaft hereingeholt zu haben − in diesem Fall die Oberrheinische Tiefebene, die als eine der fruchtbarsten Regionen Zentraleuropas gilt. Die «Königinnen der Gemüse», wie die weissen Spargeln in Frankreich genannt werden, quietschen bei Reibung mit ihren Artgenossen fröhlich vor sich hin – ein untrügliches Zeichen ihrer Frische. Ich betrachte sie wie ein Kunstwerk und freue mich beim Anblick dieser divenhaften Naturwunder, die sich nur wenige Wochen im Jahr die Ehre geben. Zu meinem «mise en place» gesellen sich gelb-weisser Löwenzahn, den ich im Milchhüsli gefunden habe – frisch aus dem Boden gerupft, noch mit seinem Wurzelwerk verbunden. Und knackige Radiesli mit ihren wunderschönen, riesigen, grünen Blättern (die bei mir ebenfalls im Salat oder Pesto landen). Einer gelungenen Vorspeise steht somit nichts mehr im Weg. Fehlt nur noch ein weiteres Naturprodukt in Form eines Pfeffigner Riesling-Sylvaners, bei dessen Traubenlese ich jedes Jahr mithelfe. Vinifiziertes Glück in einem Glas. Natur und vor allem Genuss pur. Um Natur zu erleben, muss man nicht zwingend barfuss über Alpenwiesen tanzen oder mit Ziegen per Du sein. Eine alltagstauglichere Form von Naturverbundenheit kann auch sein: nicht in die Natur hinauszugehen, sondern sie hereinzulassen. In den Topf, auf den Teller, ins Glas und in unsere Herzen. Natur nicht als grosses Projekt, sondern als bewusste, genussvolle Gewohnheit. Also: Sinne aktivieren, frisch, regional-saisonal kochen und vor allem geniessen – am besten täglich. ### Ist ein Apfel «natürlich»? Beim Essen führt der Begriff in die Irre URL: https://www.schweizermonat.ch/ist-ein-apfel-natuerlich-beim-essen-fuehrt-der-begriff-in-die-irre/ Last updated: 2026-06-11T15:59:39.000Z Kaum ein Begriff ist in der Ernährung so präsent und zugleich so unklar wie jener der «natürlichen Ernährung». Lebensmittel werden als «natürlich» beworben, Ernährungsweisen versprechen Gesundheit dank Ursprünglichkeit. Doch lässt sich daraus tatsächlich ableiten, wie wir uns ernähren sollten? Und ist eine rein pflanzliche Ernährung oder der Konsum von Fleisch natürlicher? Eine Antwort auf diese Fragen setzt zunächst voraus, den Begriff der «natürlichen Ernährung» selbst zu klären, da sich aus ihm häufig vorschnell normative Schlüsse ergeben. Eine erste begriffliche Orientierung findet sich in der Antike bei Aristoteles. In seiner Physik unterscheidet er zwischen Dingen, die «von Natur» sind, und solchen, die aus anderen Ursachen entstehen. Natürliche Dinge tragen «in sich selbst ein Prinzip der Bewegung», während künstliche Dinge dieses Prinzip nicht besitzen, sondern durch menschliches Handeln hervorgebracht werden. Überträgt man diese Unterscheidung auf die Ernährung, scheint «natürlich» zunächst das zu bezeichnen, was ohne menschliche Eingriffe entsteht: unverarbeitete Pflanzen oder ursprünglich vorkommende Nahrung. ## «Natürlich» gleich «gesund»? Doch diese intuitive Vorstellung hält der Praxis kaum stand. Unsere Ernährung ist seit jeher von Eingriffen geprägt: Kochen, Fermentieren, Züchten oder Konservieren von Lebensmitteln sind keine Ausnahmen, sondern Grundlagen menschlicher Lebensweise. Getreide, Früchte und Gemüse, wie wir sie heute kennen, sind grösstenteils Resultate jahrhundertelanger Züchtungen. Auch in der Tierzucht sind natürliche Prozesse längst durch technische Verfahren ersetzt oder ergänzt worden, etwa durch gezielte Zuchtprogramme und künstliche Befruchtung. Eine vollständig «natürliche» Ernährung im Sinne völliger Unberührtheit durch den Menschen scheint daher kaum möglich. > «Getreide, Früchte und Gemüse, wie wir sie heute kennen, sind grösstenteils Resultate jahrhundertelanger Züchtungen.» Der Philosoph Baruch Spinoza zog daraus im 17\. Jahrhundert eine radikale Konsequenz: Alles, was existiert, ist Natur. Folgt man dieser Perspektive, verliert die Unterscheidung zwischen «natürlich» und «unnatürlich» weitgehend ihren Sinn. Auch menschliche Ernährung wäre dann stets natürlich. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird «natürlich» jedoch selten so neutral verwendet. Häufig bedeutet es: gesund, gut, wünschenswert. Genau hier setzt die Kritik des Philosophen G. E. Moore an. Der sogenannte naturalistische Fehlschluss besteht darin, von dem, was ist, auf das zu schliessen, was sein soll. Dass etwas natürlich ist, sagt nichts darüber aus, ob es gut ist. Giftige Pilze sind ebenso natürlich wie frisches Gemüse, und umgekehrt können technisch hergestellte Produkte durchaus positive Wirkungen haben. Natürlichkeit erweist sich als unsicheres Kriterium für die Bewertung von Ernährung. Diese Einsicht verändert auch den Blick auf aktuelle Debatten. Häufig wird Fleischkonsum als natürlich verteidigt, weil der Mensch evolutionär ein Allesfresser ist. Tatsächlich haben Menschen über lange Zeiträume hinweg Tiere gegessen, sodass Fleischkonsum als Teil einer natürlichen Ernährungsweise erscheinen kann. Umgekehrt wird eine pflanzliche Ernährung bisweilen ebenfalls als natürlicher verstanden, etwa weil sie als ressourcenschonender gilt und ohne die Nutzung von Tieren auskommt. Beide Positionen, für Fleischkonsum wie auch pflanzliche Ernährung, berufen sich auf «Natürlichkeit». Und meinen dabei Unterschiedliches. In der öffentlichen Diskussion verdichtet sich diese Uneindeutigkeit oft zu idealisierten Bildern: hier der «naturnahe» Bauernhof, dort die vermeintlich ursprüngliche Pflanzenkost. Solche Vorstellungen sagen weniger über die Natur aus als über kulturelle Erwartungen. ## Das Tierwohl berücksichtigen Ernährung ist ein Zusammenspiel von biologischen Voraussetzungen und kulturellen Entscheidungen. Der Mensch gestaltet seine Lebensweise aktiv und überschreitet dabei immer wieder die Grenzen des Gegebenen. Natürlichkeit ist vor diesem Hintergrund weniger ein klarer Massstab als ein Deutungsrahmen, der unterschiedlich gefüllt werden kann. Entsprechend greifen viele ethische Ansätze auf andere Kriterien zurück. So argumentiert etwa der Tierethiker Peter Singer, dass moralische Überlegungen im Umgang mit Tieren nicht von deren Natürlichkeit abhingen, sondern von der Frage, wie sie behandelt würden. Die moderne Technik stellt die Unterscheidung zwischen natürlich und künstlich zusätzlich infrage. Industrielle Landwirtschaft, Nahrungsergänzungsmittel oder im Labor erzeugtes Fleisch erscheinen oft als unnatürlich. Diese Beispiele legen nahe, dass die Zuschreibung «unnatürlich» wenig darüber aussagt, ob eine Ernährungsweise gesundheitlich sinnvoll, ökologisch tragfähig oder ethisch vertretbar ist. Vielmehr fungiert «Natürlichkeit» häufig als implizite Bewertung, ohne dass die zugrunde liegenden Kriterien ausgewiesen werden. So kann im Labor erzeugtes Fleisch als unnatürlich gelten, selbst wenn es mit weniger Tierleid oder geringeren Umweltbelastungen verbunden ist. Ähnlich verhält es sich mit Hors-sol-Gemüse: Auch hier mag die Produktion weniger natürlich erscheinen, weil sie ohne Erde auskommt und teilweise automatisiert erfolgt, selbst wenn sie mit deutlich weniger oder ganz ohne Pestizide auskommt. Nahrungsergänzungsmittel wiederum gelten oft als künstlich, können aber, etwa bei der Versorgung mit bestimmten Vitaminen, gesundheitlich sinnvoll oder sogar notwendig sein. Die Berufung auf Natürlichkeit erweist sich damit auch im Kontext moderner Ernährungstechnologien als unzureichender Massstab. > «Kann im Labor erzeugtes Fleisch als unnatürlich gelten, selbst wenn es mit weniger Tierleid oder geringeren Umweltbelastungen verbunden ist.» Zusammenfassend zeigt sich: Eine eindeutig bestimmbare «natürliche Ernährung» gibt es nicht. Der Begriff ist mehrdeutig und wird häufig mit normativen Erwartungen überladen. Weder eine pflanzliche Ernährung noch Fleischkonsum lassen sich allein durch den Verweis auf Natürlichkeit überzeugend begründen. Stattdessen ist es sinnvoller, Ernährung anhand von Kriterien zu beurteilen, die in der wissenschaftlichen und ethischen Diskussion eine zentrale Rolle spielen: gesundheitliche Auswirkungen, ökologische Nachhaltigkeit und der Umgang mit Tieren. Diese Kriterien ergeben sich jedoch nicht unmittelbar aus der Natur selbst, sondern setzen bereits voraus, dass wir bestimmte Werte als relevant anerkennen. Sie können zudem in Konflikt miteinander stehen und verlangen Abwägungen, die sich nicht durch einen einfachen Rückgriff auf «Natürlichkeit» entscheiden lassen. «Natürlich essen» ist damit weniger eine klare Beschreibung als ein kulturelles Ideal. Dieses Ideal verändert sich mit Wissen und technischen Möglichkeiten und bleibt auf Interpretation angewiesen. Wer sich auf «Natürlichkeit» beruft, entscheidet oft schon, ohne zu prüfen. Massgeblich ist nicht, ob unsere Nahrung als natürlich gilt, sondern welche Folgen unsere Ernährungsweise für Gesundheit, Umwelt und andere Lebewesen hat. Und welche Folgen wir als akzeptabel erachten. ### Warum ich militant vegan bin URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-ich-militant-vegan-bin/ Last updated: 2026-06-11T15:54:39.000Z Mein Name ist Raffaela Raab, ich bin 30 Jahre alt und wurde 1996 in Wien geboren. Vor etwas mehr als fünf Jahren habe ich mich entschieden, vegan zu leben – nachdem ich seit meinem 16\. Lebensjahr ohnehin kaum noch tierische Produkte konsumiert hatte. Anfangs motivierten mich vor allem gesundheitliche Überlegungen – insbesondere die Vorteile einer pflanzlichen Ernährung für die Prävention von Herz-Kreislauf- und anderen Volkskrankheiten. Über mehrere Jahre hinweg – etwa zwischen meinem 17\. und 24\. Lebensjahr – bezeichnete ich mich deshalb als «Flexi-Veganerin». Ich verstand das damals primär als Ernährungsweise und erkannte den ethischen Ernst dahinter noch nicht wirklich. Der Wendepunkt kam mit 24, nach meinem medizinischen Staatsexamen. In einem Gespräch sagte mir jemand, man könne Menschen und Tiere nicht vergleichen. Ich fragte mich: Warum eigentlich nicht? Für mich ergab diese Trennung keinen logischen Sinn. ## Willkür als moralischer Massstab? Wenn man akzeptiert, dass sowohl Menschen als auch Tiere fühlende Lebewesen sind, folgt daraus ziemlich direkt: Wenn es falsch ist, Menschen auszubeuten, einzusperren und zu töten, kann es nicht richtig sein, dies mit Tieren zu tun. Einen ethisch relevanten Unterschied konnte ich nicht mehr finden. > «Wenn es falsch ist, Menschen auszubeuten, einzusperren und zu töten, kann es nicht richtig sein, dies mit Tieren zu tun.» Kurz darauf stolperte ich über den Begriff «Speziesismus»– und plötzlich hatte die Ungleichbehandlung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Art einen Namen. Wir behandeln Hunde und Katzen als Familienmitglieder, während wir Kühe, Schweine und Hühner ausbeuten. Diese Unterscheidung ist nicht logisch, sondern kulturell geprägt – und letztlich willkürlich. Und Willkür sollte nicht der Massstab unserer moralischen Entscheidungen sein – erst recht nicht, wenn wir die Fähigkeit besitzen, unser Handeln zu reflektieren. Deshalb lebe ich heute aus Überzeugung vegan. Nicht als Identität, sondern als konsequente Entscheidung, den Missbrauch von Tieren so weit wie praktisch möglich abzulehnen. Einen Unterschied, der rechtfertigt, Tieren anzutun, was wir bei Menschen niemals akzeptieren würden, sehe ich nicht. Interessant ist, dass ich trotz dieser Überzeugung lange eher gemässigt blieb. Erst nach diesem ethischen Klickmoment wurde ich von aussen als «militant» bezeichnet – ein Begriff, den ich mir selbst nie gegeben habe. Er kam vor allem aus meinem Umfeld, weil ich begann, klarer zu sprechen und andere direkter zu konfrontieren. Dabei ist «militant» für mich eher ein ironischer Begriff. Veganer arbeiten mit Worten, Argumenten und Aufklärung. Nimmt man den Begriff wörtlich, sind es also nicht Veganer, die militant handeln. Ich würde mich eher als konsequent bezeichnen. Und ehrlich gesagt halte ich die Kritik, man sei «zu militant», oft für daneben. Wer sich vor Augen führt, was Tieren systematisch angetan wird, erkennt: Vieles von dem, was wir sagen, ist eher zu mild als zu extrem. ## Das eigene Verhalten anpassen? Lieber nicht. Evolutionsbiologisch sind wir darauf ausgelegt, Teil eines Rudels zu sein. Unser Gehirn verbindet sozialen Ausschluss nicht neutral, sondern mit Gefahr – im Extremfall mit Exil, Verletzlichkeit und früher sogar mit dem Tod. Deshalb ist es für uns als soziale Spezies extrem wichtig, im Rudel nicht anzuecken. Das führt allerdings oft zu irrationalem Verhalten. Menschen ordnen ihre eigenen Werte und ihr Gewissen dem Gruppenideal unter – selbst dann, wenn dies ihren Überzeugungen widerspricht, nur um nicht ausgeschlossen zu werden. Solche Muster zeigen sich immer wieder: bei Diskriminierung, Ausländerhass, Frauenfeindlichkeit, in toxischen Subkulturen, bei Gewaltbereitschaft oder auch ungesunden Lebensweisen wie übermässigem Alkoholkonsum oder Fleischkonsum. Hauptsache, man gehört dazu oder bestätigt die Moral der Gruppe. Genauso funktioniert es auch bei unserer Behandlung von Tieren. Die meisten Menschen sind – sofern sie nicht völlig ohne Empathie sind – eigentlich gegen Tiermissbrauch. Das heisst: Auf einer inneren Ebene ist der Mensch eher vegan veranlagt, weil er nicht möchte, dass Tiere leiden. Das Problem: Diese innere Haltung deckt sich oft nicht mit dem tatsächlichen Verhalten. Diesen Zwiespalt beschreibt die Verhaltenspsychologie als kognitive Dissonanz – die Spannung zwischen dem, was wir für richtig halten, und dem, was wir tun. > «Das heisst: Auf einer inneren Ebene ist der Mensch eher vegan veranlagt, weil er nicht möchte, dass Tiere leiden.» Diese Dissonanz fühlt sich unangenehm an. Die meisten Menschen lösen sie jedoch nicht, indem sie ihr Verhalten ändern, sondern auf andere Weise: durch Verdrängung, Rechtfertigung oder Reaktanz – also Abwehrreaktionen und mitunter sogar Aggression gegenüber Veganern, wenn sie mit diesem Widerspruch konfrontiert werden. Die naheliegende Alternative wäre, das eigene Verhalten tatsächlich zu ändern und es mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen – doch genau das geschieht deutlich seltener. ## Haltung statt Verdrängung Gerade aus evolutionsbiologischer Sicht ist das interessant: Menschen handeln gegen ihre eigenen Werte, solange sie nicht vegan leben, weil der soziale Druck oft stärker ist als das individuelle Gewissen. Die gute Nachricht: Genau hier setzt der Aktivismus an. Durch Aufklärung, wiederholte Konfrontation mit dem Thema und konkrete Hilfestellungen lässt sich dieser innere Konflikt auflösen – nicht durch Verdrängung, sondern durch Handlung. Und genau das bedeutet letztlich Veganismus: die eigenen Werte ernst zu nehmen und das eigene Verhalten damit in Einklang zu bringen. Manche kritisieren, Veganismus widerspreche der Evolution oder sei «nicht natürlich». Und da sage ich: Ja, beides stimmt – aber das ist überhaupt kein Gegenargument. Wir tun in unserem modernen, zivilisierten Leben ständig Dinge, die nicht dem entsprechen, was evolutionär «natürlich» wäre – und sind zugleich dankbar dafür. Medizin, Impfungen, Operationen, sauberes Trinkwasser, beheizte Räume, Häuser, das Internet, Autos, Hygiene: All das ist im Sinne unserer evolutionären Vergangenheit nicht «natürlich». Trotzdem stellt das kaum jemand ernsthaft infrage. Und vieles, was natürlich ist, wollen wir ganz offensichtlich nicht: Krankheit, Sepsis, Gewalt, Vergewaltigung, das Zerreissen von Lebewesen bei vollem Bewusstsein, Hungertod oder Kälte. Nur weil etwas natürlich ist, heisst das nicht, dass es gut oder erstrebenswert ist. Die Evolution verläuft nicht zielgerichtet, sondern als Prozess aus Zufall und Selektion – im Kern geht es um Fortpflanzung, nicht um Gesundheit, Langlebigkeit oder Lebensqualität im Alter. Deshalb ergibt es wenig Sinn, unser heutiges Handeln daran auszurichten, was Menschen einst getan haben – zumal wir uns in fast allen anderen Lebensbereichen längst davon gelöst haben. Warum also sollten wir ausgerechnet bei der Behandlung von Tieren oder unserem Konsum an dieser «Natürlichkeit» festhalten? Was uns als Menschen auszeichnet, ist nicht, dass wir «natürlich» handeln, sondern dass wir unser Handeln reflektieren können. Unsere Menschlichkeit zeigt sich genau in diesem kleinen Moment zwischen Impuls und Handlung – in der Fähigkeit zur Reflexion. Im Unterschied zu Tieren können wir bewusst entscheiden, ob wir Leid verursachen oder vermeiden. Genau das verstehe ich unter menschlichem Handeln: nicht einfach unseren Instinkten zu folgen, sondern Verantwortung zu übernehmen. > «Was uns als Menschen auszeichnet, ist nicht, dass wir «natürlich» handeln, sondern dass wir unser Handeln reflektieren können.» Wenn wir uns dafür entscheiden, unnötiges Leid zu vermeiden, dann handeln wir nicht «gegen die Natur», sondern genau im Sinne dessen, was uns als Menschen ausmacht. Und im Alltag bedeutet das für mich ganz konkret: sich gegen den Konsum von Tierprodukten zu entscheiden und vegan zu leben. ## Vorzüge des Veganismus Der grösste Vorteil ist aus meiner Sicht erst mal ein ethischer: Wer vegan lebt, handelt nicht länger dauerhaft gegen die eigene Moral. Man hört auf, Teil eines Systems zu sein, das Gewalt verursacht – obwohl man sich selbst eigentlich als tierlieb, reflektiert und rational betrachtet. Diese beiden Dinge passen logisch nicht zusammen: Tiere als fühlende Wesen anzuerkennen – mit Persönlichkeit, Leidensfähigkeit und einem eigenen Interesse am Leben – und sie zugleich als Ware zu behandeln. Wenn Menschen nach Vorteilen fragen, denken sie oft zuerst an die Gesundheit. Dabei gilt es zu unterscheiden: Veganismus ist keine Ernährungsweise, sondern eine ethische Grundhaltung. Die Ernährung ist nur ein Teil davon – und die kann sehr unterschiedlich aussehen. Man kann sich vegan ernähren und sich trotzdem schlecht ernähren – etwa überwiegend von stark verarbeiteten Produkten. Ebenso kann man sich sehr ausgewogen pflanzlich ernähren. Wenn man sich an die Empfehlungen der grossen ernährungswissenschaftlichen Fachgesellschaften hält und eine gut geplante pflanzliche Ernährung mit Vitamin B12 ergänzt, kann man laut aktueller Datenlage in allen Lebensphasen ausreichend versorgt sein. Darüber hinaus zeigen sich im Durchschnitt auch Vorteile bei kardiovaskulären Erkrankungen sowie bei chronischen Volkskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht und teilweise bestimmten Krebsarten. Es gibt keinen essenziellen Nährstoff, den man zwingend aus tierischen Produkten beziehen muss. Der einzige wirklich kritische Punkt ist Vitamin B12 – und ja, das muss supplementiert werden. Das ist korrekt. Was dabei oft vergessen geht: Auch Tieren in der industriellen Haltung wird eine Vielzahl an Nährstoffen supplementiert – darunter Vitamin B12, aber auch Vitamine wie A, D, E und K sowie Mikronährstoffe wie Jod, Selen, Zink, Calcium oder Kalium. Der Unterschied liegt nur darin, dass Veganer diese Nährstoffe direkt und kontrolliert aufnehmen – statt den Umweg über das Tier zu gehen. Im Durchschnitt nehmen Veganer mehr Ballaststoffe und weniger gesättigte Fettsäuren zu sich. Das führt oft zu einem besseren Sättigungsgefühl und zu günstigeren kardiometabolischen Werten. Zugleich setzen sich viele Veganer intensiver mit ihrer Ernährung auseinander und treffen dadurch bewusstere Entscheidungen. Und ganz praktisch: Geschmacklich muss man heute auf nichts verzichten: Die meisten klassischen Gerichte gibt es inzwischen auch in veganer Variante – oft mit einem besseren Nährstoffprofil. Selbst viele vegane Fertigprodukte schneiden in Studien im Schnitt besser ab als vergleichbare tierische Produkte, unter anderem wegen ihres Fettsäureprofils und weil pflanzliche Lebensmittel zusätzlich Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe liefern. ## Versklavung und Ausbeutung In meinen fünf Jahren Aktivismus habe ich kein einziges Argument gehört, das die Versklavung und systematische Ausbeutung von Tieren pauschal rechtfertigen konnte. Am Ende bleiben meist Ausflüchte – Strategien, um sich nicht verändern zu müssen, und vor allem, um die eigene Position im sozialen Gefüge nicht zu riskieren. Es wird Zeit, dass nichtveganes Verhalten seinen moralischen Schutz verliert und Tierausbeutung nicht länger als normaler Teil unseres «Rudels» akzeptiert wird. Denn nüchtern betrachtet bedeutet Nichtveganismus: aktiv ein System zu unterstützen, das Tiere versklavt und ausbeutet – trotz besseren Wissens. Das ist definitionsgemäss weder gütig noch reflektiert, sondern ein Handeln entgegen den eigenen moralischen Massstäben. ### Wir waren schon immer Cyborgs URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-waren-schon-immer-cyborgs/ Last updated: 2026-09-23T21:11:26.000Z 0:00 /314 1× Technologie ist das ewige Projekt, mit weniger mehr zu erreichen: Ressourcen aus der Umwelt nutzbar zu machen, Prozesse effizienter zu machen und Ressourcen freizusetzen. Wenn wir vom Transhumanismus als einer Abkehr von unserer Natur sprechen, liegen wir bereits falsch. Menschheit und Technologie waren nie getrennt. Sie waren immer eins. Auch das Auge ist Technologie. Bevor sich Organe entwickelten, übernahmen diffuse Zellen die Lichtempfindlichkeit. Durch Selektion entwickelten sie sich weiter: Linsen, Netzhäute und neuronale Verarbeitung entstanden, weil sie Information effizienter verarbeiteten. Wir nennen das Auge Anatomie. Dieselbe Logik gilt für das Rad, die Kanalisation oder Impfstoffe. ## Kalorien für das Gehirn Die Evolution hat nicht aufgehört. Als wir begannen, Feuer zu nutzen, lagerten wir Verdauung aus. Gekochte Nahrung liefert mehr Energie bei weniger Verdauungsaufwand, wodurch Kalorien für das Gehirn frei geworden sind. Der Darm schrumpfte in dieser Zeit um 30 Prozent, während das Gehirnvolumen um das Dreifache anwuchs. Die Biologie hat sich gemeinsam mit Technologie entwickelt. Als wir begannen, Kleidung zu tragen und Unterkünfte zu bauen, wurde unsere Haut dünner und unsere Knochen weniger dicht. Unsere Biologie hat die Existenz von Werkzeugen in sich aufgenommen. Menschen von Technologie zu trennen ergibt so wenig Sinn wie Gebäude von Fundamenten. Dieselbe Lernkurve sehen wir auch im Gehirn: Bei neuen Aufgaben aktiviert das Gehirn frontale Regionen. Mit Übung verlagert sich die Aktivität nach hinten; das ist Automatisierung innerhalb unserer Anatomie. Verbreitete Technologien verschwinden im Hintergrund. Schrift und fliessendes Wasser wirken heute nicht mehr wie Technologie. Genauso wenig werden neuronale Schnittstellen als solche betrachtet werden, sobald genügend Menschen sie nutzen. Was wir «Cyborg» nennen, ist eine Gradfrage. Jede Schwelle, die wir überschritten haben, folgte demselben Muster: Feuer, Schrift, Buchdruck, Impfstoffe, Elektrizität, Computer. Anfangs kritisiert, innerhalb kurzer Zeit allgegenwärtig, weil sich ihr Nutzen bewiesen hat, indem sie Aufgaben automatisierten. Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit. Die Kanalisation verwandelte die Zivilisation. Sie ermöglichte es Menschen, in kleinen städtischen Wohnungen zu leben, wodurch der Platzverbrauch pro Person sank. Die Digitalisierung setzte diesen Prozess fort. Das ist die komprimierende Natur der Technologie: Sie befreit den Organismus vom Ballast seiner Infrastruktur, sodass er seine Kognition auf den nächsten schwierigeren Schritt richten kann – genau wie das Gehirn höhere Strukturen entlastet, indem Tätigkeiten in tiefere Regionen verlagert werden. Automatisierung ist ein Gesetz des Lebens. > «Verbreitete Technologien verschwinden im Hintergrund.» ## Von der Rehabilitation zum schnelleren Lauf Dieselben Technologien, die es einer gelähmten Person ermöglichen, wieder zu gehen, werden uns die Fähigkeit geben, schneller als Usain Bolt zu laufen. Welche Technologie wurde jemals ausschliesslich eingesetzt, um nur das untere Ende der Verteilung zu verbessern? Wir werden alle Rekorde brechen. Der Einwand von konservativer Seite lautet, dies sei gefährlich, weil wir an etwas Funktionierendem herumbastelten. Aber: Wir haben immer daran herumgebastelt. Menschen haben sich über Jahrtausende indirekt verändert – durch Feuer, Werkzeuge, Schrift, Medizin und Infrastruktur. Direkte Eingriffe in den Körper sind keine Abkehr von diesem Prozess, sondern seine Fortsetzung. Was wir «menschliche Natur» nennen, ist selbst das Ergebnis früherer technologischer Anpassungen. So gelangten wir in einem Jahrhundert von einer Weltbevölkerung von etwa 1,6 auf 8 Milliarden Menschen; so senkten wir die Kindersterblichkeit von 40 auf 4 Prozent; so reduzierten wir extreme Armut von 90 auf 8 Prozent und so rotteten wir Krankheiten wie die Pocken aus, während andere kurz vor der Ausmerzung stehen. Entscheidend ist, ob eine Umsetzung insgesamt mehr Nutzen als Schaden bringt. Verbleites Benzin bestand diesen Test nicht, Nuklearmedizin schon und Impfstoffe bestanden ihn eindeutig. Jedes Werkzeug muss anhand seiner Auswirkungen beurteilt werden – woran sonst sollten wir es messen? Das konservative Misstrauen gegenüber Neuem ist unvollständig. Misstrauen ist ein guter Ausgangspunkt, darf aber nicht das abschliessende Urteil sein. ### Europa muss seine Unterschiede aushalten URL: https://www.schweizermonat.ch/europa-muss-seine-unterschiede-aushalten/ Last updated: 2026-06-11T14:45:36.000Z Europa war ein Mythos, bevor es zu einem zunächst unscharfen geografischen Begriff und schliesslich zu einem konkreten Erfahrungsraum wurde. Die Erzählung, wie sich Zeus beziehungsweise Jupiter in einen Stier verwandelt und Europa entführt, stand am Anfang einer langen Abfolge historischer Deutungen und Umdeutungen. Die Vielfalt dieser Narrative wurde zu einem Kennzeichen der europäischen Geschichte, und sie prägte auch die Entstehung politischer Kulturen in Europa. Daher gibt es sicher nicht die *eine* politische Kultur Europas, sondern einen Pluralismus vieler politischer Kulturen, der auf Veränderungen im historischen Prozess und den jeweiligen besonderen Erfahrungen in verschiedenen Staaten und Gesellschaften Europas seit der Antike beruhte. Vor diesem Hintergrund lassen sich aus übergreifender Perspektive fünf historische Krisenerfahrungen hervorheben, die für die Entstehung politischer Kulturen in Europa seit dem Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit konstitutiv wurden. ## I. Religiöse Vielfalt *Erstens* zerbrach in der Reformation und in den anschliessenden konfessionellen Bürgerkriegen des 16\. und 17\. Jahrhunderts mit der Glaubenseinheit auch die Idee eines homogenen christlichen Abendlandes und einer Universalmonarchie auf der Grundlage einer einzigen Konfession. An die Stelle einer Integration durch Hegemonialherrschaft trat ein kompliziertes Nebeneinander von Staaten, das durch Rivalität und Allianzbildung gekennzeichnet war. Gleichzeitig bildeten diese Krisenerfahrungen nach innen den Ansatzpunkt für einen neuartigen Umgang mit religiöser Vielfalt. Die Geschichte des modernen Toleranzgedankens, der Idee der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Konfessionen, aber auch die Konzeption staatlicher Souveränität und des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche kann man ohne diese Krisenerfahrungen des 16\. und 17\. Jahrhunderts nicht erklären. Schliesslich gehörte auch die seit dem frühen 18\. Jahrhundert und im Zeitalter der Aufklärung hervortretende neuartige Differenzierung von Öffentlichkeit und Privatheit zu den langfristigen Erbschaften dieser Krisenerfahrungen. Das prägte langfristig die Vorstellung individueller Autonomie, aber genauso die Kultur des Rechts als regulativer Idee. ## II. Die Verheissung der Zukunft Am Ende des 18\. Jahrhunderts setzte in den amerikanischen Kolonien wie in Frankreich eine Doppelrevolution ein, die sich mit den beiden Epochenetiketten 1776 und 1789 andeuten lässt. Sie war nicht allein von der politisch-konstitutionellen Sphäre geprägt, mit Verfassungen, gewählten Parlamenten und Formen der geregelten politischen Teilhabe, sondern auch von einer sozialen Polarisierung und wirtschaftlichen Dynamik, die man in Grossbritannien als frühe Industrialisierung erkennen konnte. Geschichte löste sich aus dem Vorstellungsrahmen einer bloss zyklischen Wiederholung. Sie schien gestaltbar zu werden und war also kein unabänderliches Schicksal mehr. Die Verheissung einer offenen Zukunft sollte sich für die politischen Kulturen europäischer Gesellschaften als entscheidende Veränderung erweisen. Der Historiker Reinhart Koselleck hat das mit dem Begriff des «Erwartungsüberschusses» charakterisiert. Aus diesen Erfahrungsüberschüssen, aus antizipierter und antizipierbarer Zukunft, entstanden in der politisch-sozialen Sprache der Zeit die modernen Ismen, vom Liberalismus und Konservatismus über den Nationalismus bis zum Föderalismus. Diese Ismen formulierten Antworten auf die in den Revolutionen seit 1776 und 1789 erfahrbare Polarisierung zwischen Staat und Gesellschaft. Sie bedeuteten für die politischen Kulturen einen Wettbewerb unterschiedlicher ideologischer Modelle. Sie umfassten nicht allein die gewaltsame Revolution, sondern auch die Reform und die Möglichkeit des institutionalisierten Kompromisses. Zugleich entstand in den Jahrzehnten nach 1770 eine charakteristische Ambivalenz aus den politischen und sozialen Aufbrüchen. Sie zeigte sich als doppelte Spannung zwischen Freiheit und Gleichheit sowie zwischen Freiheit und Sicherheit. Viele der gegenwärtigen Debatten über das Verhältnis von sozialer Ungleichheit und politischer Freiheit oder zwischen persönlicher Freiheit und Vigilanz im Zeitalter der Digitalisierung sind im Prinzip auf diese Entwicklungen zurückzuführen. ## III. Neue Konflikte Als Folge der Industrialisierung und der demografischen Dynamik entwickelten sich spezifische soziale und politische Integrationskonflikte, die sich in den politischen Kulturen Europas niederschlugen. In den europäischen Gesellschaften bildeten sich soziale Klassen in verschiedenen Varianten. Dies erzwang neue Antworten auf das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit, etwa in der Entstehung der Arbeiterparteien, der Gewerkschaften, des Genossenschaftsgedankens, schliesslich im Konzept des Wohlfahrtsstaates wie auch in der anhaltenden Diskussion um die Grenzen des Marktes. Dieser Prozess, der wesentlich aus den europäischen Erfahrungen des 19\. Jahrhunderts gespeist wurde, ist bis heute nicht abgeschlossen. ## IV. Teilhabe und Gewalt Aus den Revolutionen seit dem Ende des 18\. Jahrhunderts entstanden im Blick auf das neue Konzept der Volkssouveränität im Verlauf des 19\. Jahrhunderts Nationen und Nationalstaaten. Sie stellten die Herrschaftsansprüche der überkommenen kontinentaleuropäischen Imperien, der Habsburgermonarchie, des Russischen Zarenreichs wie des Osmanischen Reichs grundlegend in Frage. Das hatte Folgen nach aussen und innen. Die Entstehung neuer Nationalstaaten, etwa in Italien und Deutschland, begrenzte die hegemonialen Machtbestrebungen einzelner Imperien, wie sie bis 1815 Napoleon repräsentiert hatte, im Namen eines Gleichgewichts der Mächte. Nach innen war diese Nationsbildung mit dem Ideal einer Homogenisierung von Staaten und Gesellschaften verknüpft, dem Vordringen des Staates im Zeitalter der Schul-, Steuer- und Wehrpflicht und des Wahlrechts, und sie basierte immer wieder auf Kriegserfahrungen. Doch aus dieser Erfahrung von Krieg und Gewalt resultierten seit dem späten 19\. und dem frühen 20\. Jahrhundert wichtige Ansätze, etwa die Idee eines anpassungsfähigen Mächtegleichgewichts sowie die Fortentwicklung des modernen Völkerrechts, und schliesslich nach 1918 die Vorstellung kollektiver Sicherheitsstrukturen, wie man sie im Völkerbund und langfristig in den Vereinten Nationen zu verwirklichen versuchte. Schliesslich wirkte der europäische Nationalstaat des 19\. Jahrhunderts auch als Gehäuse für Demokratie und mögliche soziale Mobilität, für Wahlrecht und Schulpflicht, aber auch für die Wehrpflicht. Zu den politischen Kulturen Europas gehörte vor diesem Hintergrund wesentlich ein spannungsreiches Nebeneinander der Verheissung von Teilhabe und der Gewaltbereitschaft. > «Zu den politischen Kulturen Europas gehörte ein spannungsreiches Nebeneinander der Verheissung von Teilhabe und der Gewaltbereitschaft.» ## V. Expansion in die Welt Zu den Rahmenbedingungen politischer Kulturen in Europa gehört, dass und wie Europa über sich hinauswuchs, expandierte und schliesslich im Rahmen der Dekolonisierung im 20\. Jahrhundert auch wieder schrumpfte. Alle Nationalstaaten in Europa wurden im Lauf des 19\. Jahrhunderts zu imperialisierenden Nationalstaaten – Italien und das Deutsche Reich genauso wie etwa Belgien. Das belgische Kolonialreich war 1914 über 20-mal grösser als das belgische Königreich selbst. Auch aus dieser imperialen Expansion bei gleichzeitig zunehmender globaler internationaler Konkurrenz resultierten die Zerfallskriege des frühen 20\. Jahrhunderts, und aus diesen Erfahrungen speisten sich Ansätze für die wirtschaftliche und später die politische Integration Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. So konnte sich nach 1945 und angesichts des Endes der europäischen Kolonialregime in Asien und Afrika ein neues Muster europäischer Integration entwickeln – mit dem immer wieder betonten Kern der deutsch-französischen Aussöhnung seit dem Beginn der 1960er-Jahre. Dass nur ein Jahr nach den Évian-Verträgen, mit denen Frankreich Algerien 1962 in die Unabhängigkeit entliess, der deutsch-französische Élysée-Vertrag abgeschlossen wurde, dokumentiert diesen engen Zusammenhang zwischen Dekolonisation und europäischer Integration. Der Weg vom Europa um 1500, einem territorialen Flickenteppich mit über 400 Einheiten, bis zur Gegenwart war gekennzeichnet von singulären territorialen Flurbereinigungen, die immer wieder mit Krieg und Gewalt einhergingen, sei es zwischen 1792 und 1815 oder vor 1918 und vor 1945\. Zu dieser Geschichte gehören Innovationen und Lernprozesse genauso wie Widersprüche und schwierige Erbschaften. Europa ist durch seine Geschichte vor allem vieldeutig, nicht durch territoriale Einheit bestimmbar, sondern durch Konflikterfahrungen und die permanente Auseinandersetzung mit politischen, sozialen, wirtschaftlichen Modellen und kulturellen Deutungen. Deshalb ist es so wichtig, die historischen Unterschiede nicht durch den Verweis auf Integration und Homogenisierung zu nivellieren. So war Frankreich relativ früh ein Nationalstaat mit definierten Grenzen, während Polen seine Staatlichkeit am Ende des 18\. Jahrhunderts verlor, sie erst nach 1918 zurückerhielt – und seine volle Souveränität erst nach dem Ende des Kalten Krieges 1989/91 wiedergewann. Das erklärt viele Vorbehalte gegen einen zu weitgehenden Transfer von Souveränitätsrechten im Rahmen der Europäischen Union. Auch auf anderen Ebenen zeigt sich das besondere Erbe der Vielfalt. Zu Europa gehören mit dem römischen und dem germanischen Recht sowie dem britischen Common Law mindestens drei Rechtstraditionen. Man muss diese Unterschiede aushalten und darf sie nicht vorschnell einebnen, wenn man dem Charakter Europas und seiner politischen Kulturen näherkommen will. ### Auslaufmodell Homo sapiens? URL: https://www.schweizermonat.ch/auslaufmodell-homo-sapiens/ Last updated: 2026-06-15T07:33:40.000Z Die Grundannahme der Transhumanisten, der Mensch sei ein unvollendetes und biologisch unzulängliches Wesen, ist keineswegs neu. Bereits der deutsche Nationalsozialismus und der Sowjetkommunismus entwarfen die Vision eines «neuen Menschen». In Nazideutschland war dieses Menschenbild rassistisch geprägt. Der «neue Mensch» sollte gesund, kräftig, stark, möglichst blond und «arisch» sein. Der Einzelne hatte sich der «reinrassigen Volksgemeinschaft» unterzuordnen. Beim neuen Menschen sowjetischer Prägung ging es nicht um Rasse, sondern Klasse. Alle nationalen, ethnischen und kulturellen Grenzen sollten überwunden und durch eine internationale klassenlose Gemeinschaft ersetzt werden. Was den Nationalsozialismus und Kommunismus verbindet, ist die Weigerung, den Menschen so anzunehmen, wie er ist – im Guten wie im Schlechten. Beide Ideologien gingen davon aus, dass sich ein «Himmel auf Erden» erst dann verwirklichen lasse, wenn der Mensch konsequent genug geformt, diszipliniert und optimiert werde. Nun könnte man meinen, solche Vorstellungen seien längst passé, entsorgt im Giftschrank der Geschichte. Doch die Idee, eine bessere Menschheit zu erschaffen, kehrt heute im Gewand des Transhumanismus zurück. Michael Hauskeller, Professor für Philosophie an der Universität Liverpool, [beschreibt ](https://ndl.ethernet.edu.et/bitstream/123456789/76325/1/98.pdf.pdf?ref=schweizermonat.ch)den Transhumanismus als philosophisch-kulturelle Bewegung, deren Ziel darin bestehe, die «Conditio humana» hinter sich zu lassen, um etwas zu erschaffen, das «besser als nur menschlich» sei. Zu den einflussreichsten Vordenkern des Transhumanismus zählen der weltbekannte Historiker Yuval Noah Harari sowie Ray Kurzweil, Director of Engineering bei Google. In ihren Büchern, Vorträgen und öffentlichen Auftritten vermitteln sie den Eindruck, das Zeitalter des Transhumanismus sei naturgegeben und letztlich alternativlos. Der Mensch erscheint in diesem Denken nur noch als Übergangsmodell. Gehirn und Körper gelten in ihrer heutigen Form als «gebrechlich und fehleranfällig» – und damit langfristig als nicht zukunftstauglich. ## Versuchung der Technokraten Die Transhumanisten zweifeln grundsätzlich daran, dass der Mensch über einen freien Willen verfüge. Harari geht davon aus, dass das menschliche Gehirn mit den Erkenntnissen der Biologie, genügend Rechenleistung und ausreichend Daten [«hackbar»](https://www.nzz.ch/feuilleton/yuval-noah-harari-der-mensch-kann-gehackt-werden-ld.1496741?ref=schweizermonat.ch)werde. Der freie Wille existiere demnach lediglich in imaginären Geschichten, die sich Menschen selbst erschaffen hätten. Begriffe wie «Freiheit» oder «Seele» seien letztlich leere Konstrukte ohne objektiv erkennbare Bedeutung. Folgerichtig vertreten viele Transhumanisten die Auffassung, dass Liberalismus und Demokratie früher oder später obsolet würden. Ansätze dieser Denkweise finden sich auch in der westlichen Classe politique wieder. So publizierte das deutsche Umweltministerium 2017 die sogenannte [«Smart City Charta»](https://www.yumpu.com/de/document/view/65588789/smart-city-charta-langfassung?ref=schweizermonat.ch), in der die Vorstellung auftaucht, künstliche Intelligenz könne künftig politische Entscheidungsprozesse und demokratische Wahlen ablösen. > «Viele Transhumanisten die Auffassung, dass > Liberalismus und Demokratie früher oder später > obsolet würden. Ansätze dieser Denkweise > finden sich auch in der westlichen Classe politique wieder» > Wer glaubt, der Transhumanismus sei lediglich eine Nischenphilosophie, irrt. Inzwischen stösst er in vielen westlichen Regierungen und Teilen des Establishments auf fruchtbaren Boden. Harari hat Regierungschefs wie Barack Obama, Angela Merkel und Sebastian Kurz beraten und tritt regelmässig als «Agenda Contributor» beim World EconomicForum auf. Dass es Milliardäre gibt, die einem Machbarkeitswahn verfallen und Gott spielen möchten, lässt sich kaum verhindern oder verbieten. Entscheidend ist jedoch, dass wir die Vision des Transhumanismus nicht zur Staatsräson werden lassen. Bürger, die sich weigern, entsprechende Technologien oder Gadgets zu übernehmen, dürfen nicht ihrer Grundrechte beraubt werden. Der Corona-Ausnahmezustand liefert dafür ein warnendes Beispiel. Wer sich nicht impfen liess, war vielerorts vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Gestern war es das Zertifikat, und wenn wir nicht achtsam sind, dann ist es morgen der Mikrochip. ### Mehr Natur, weniger Selbstoptimierung URL: https://www.schweizermonat.ch/mehr-natur-weniger-selbstoptimierung/ Last updated: 2026-06-11T15:39:45.000Z Heute kann unser Körper keinen Schritt tun, den wir nicht überwachen, messen und einordnen. Zeigte früher die Zahnprothese im Wasserglas an, dass man in die Jahre kam, können wir heute Tabellen über unsere Biomarker anlegen. Die Selbstvermessung ist so perfekt, dass jeder Geheimdienst vor Neid erblasst. Wie kommt es, dass wir unserem Körper, also uns selbst, so wenig vertrauen? Buchstäblich jeden Tag werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse bekannt, durch die wir unseren Organismus immer noch besser kennenlernen – und dabei gefühlt immer weniger verstehen. Das liegt auch daran, dass Kosmetik- und Lebensmittelindustrie mitmischen und sich dadurch unser natürliches Verhältnis zum eigenen Körper entfremdet − weg von Körpervertrauen und Intuition, hin zu permanenter Optimierung, Kontrolle und Konsum. ## Die Natur macht’s vor Unsere Haut ist evolutionär, ein selbstschützendes und selbstheilendes Organ. Und doch macht uns eine Milliardenindustrie und ein gigantisches Heer von Influencern täglich ein schlechtes Gewissen, **wie sehr** wir dieses Organ vernachlässigen **und** was wir alles versäumen, wenn wir nicht umgehend die Creme X mit dem Tiefenwirkstoff Y erwerben, der unsere Falten binnen zweier Wochen spurlos verschwinden lässt oder verhindert, dass sie überhaupt entstehen. Skin-Longevity ergänzt Healthy Longevity (gesunde Langlebigkeit). In Wirklichkeit entwickeln wir ab Geburt aus uns selbst heraus ein gesundes, florierendes Hautmikrobiom, sozusagen **Türsteherbakterien,** also «liebe» Bakterien, die auf **unserer** Haut gut aufpassen, was rein- und rauskommt. Jede Haut hat ihre Kompetenz und Intelligenz, sie produziert Fette und Proteine, hält Feuchtigkeit, reguliert ihren pH-Wert und verteidigt sich gegen Keime. Ein fein abgestimmtes System. Es hüllt uns in einen Säureschutzmantel mit **einem sauren pH-Wert von etwa 5**, den wir von aussen gar nicht weiter hätscheln müssen. Im Gegenteil: Inzwischen wissen wir, dass jeden Tag Duschen mit Abseifen, **Double-Cleanse** und übermässiges Cremen im **Mehrschichtverfahren** nach sogenannten **Skincare-Routinen** die natürliche Hautschutzbarriere schwach und löcherig machen oder sogar wegwaschen. Hier besteht schon mal kein Bedarf an alkalischen Seifen, stark entfettenden Substanzen, Duftstoffen, Desinfektionsmitteln, Antiseptika, Farbstoffen oder Konservierungsmitteln. Während Falten keinesfalls binnen zweier **Wochen** durch Cremes und Seren verschwinden (und auch später nicht), reichen im Gegenzug rund vier Wochen ungestörter Haut, um die natürliche Schutzschicht der Haut aus Feuchtigkeit und Hautfetten und den Säureschutzmantel wieder fit und fesch zu machen. Andernfalls ärgern wir unser Mikrobiom, reduzieren die Schutzfette und damit die natürlicherweise eingeschlossene Feuchtigkeit permanent, stören den **pH-Wert** und hadern prompt mit Reizungen, Spannungsgefühl, Hauttrockenheit, Ekzemen oder Akne. Für die Haut reicht meist: grosse Flächen nur mit Wasser reinigen und schwitzige Körperfalten und Hände mit einem milden, parfum- und seifenfreien Reinigungsprodukt (hautnaher pH, z.B. auf Zucker- oder Kokosbasis). Cremen nur bei Trockenheit – idealerweise mit hautähnlichen Fetten, die die natürliche Hautschutzbarriere nachahmen und stärken, oder kaltgepresster, unraffinierter Shea-Butter. Das stärkt die Hautbarriere, wirkt rückfettend und beruhigend. **Weniger ist mehr.** Unser Körper ist kein vernachlässigtes Zufallsprodukt, sondern ein hochentwickeltes System, das Ergebnis von Millionen Jahren Anpassung: Jede Zelle, jedes Organ, jedes Regulationssystem ist darauf ausgelegt, in einer bestimmten Umwelt zu funktionieren. ## Ernährung als Wurzel von Zivilisationskrankheiten Auch unser Magen hat drei Herkulesaufgaben zu bewältigen: Er sondert Verdauungsstoffe ab, er bewegt, mischt, zerkleinert und vermengt die Nahrung und fabriziert gleichzeitig Hormone zur Selbstregulation. Ausserdem stellt er in Eigenproduktion Schleim her, um den ganzen Betrieb gegen Übergriffe der **0,3-prozentigen** Salzsäure zu schützen, davor, dass sich der Magen wegen dieser Säure quasi selbst verdaut. Die Verdauungssubstanzen werden in jeweils spezialisierten Zellen hergestellt: Salzsäure, mit einem pH-Wert von 1,5 (!) fast so ätzend wie Batteriesäure, desinfiziert den Mageninhalt, um uns vor Magen-Darm-Infekten zu schützen und Eiweisse, etwa von rohem Fleisch, zu zersetzen. Weiter geht es in den Darm. Hier tauchen wir ein in einen ganzen Kosmos von Bakterien aus Tausenden unterschiedlicher Arten. Ihre Vielfalt hat einen klaren Vorteil: Im Regelfall sind diese Mikroorganismen gesundheitsfördernd. Sie geben noch **unverdauten Nahrungsresten** den nötigen Rest, schützen uns gegen Toxine und andere störende Fremdstoffe und regeln unseren Stoffwechsel. Hier werden auch die Verdauungsenzyme bei Laune gehalten, um dem vom Magen kommenden Speisebrei möglichst alle greifbaren Nährstoffe zu entziehen. Die sesshaften Darm-Bewohner bilden Fettsäuren, um die Darmzellen zu schützen, und produzieren Botenstoffe und Vitamine (B1, B2, B6, B12, K2). Sie kennen sich auch mit der Abwehr unerwünschter Darmbakterien aus. Ähnliche Berichte liessen sich auch aus den übrigen Organen unseres Körpers abrufen, egal ob Leber, Niere, Herz oder Schilddrüse. Er ist ein komplexes und hocheffektives Unternehmen, das – im gesündesten Fall – weder einen Unternehmensberater noch andere Regularien von aussen benötigt. Inzwischen machen wir uns keine Illusionen mehr darüber, dass unsere sogenannte moderne Ernährung uns nicht guttut: Sie sättigt vielleicht schnell, aber nicht nachhaltig; sie liefert – teils üppig – Kalorien, macht unserem Stoffwechsel aber kein Vergnügen. Aus der Kühlvitrine lacht uns Convenience-Food an (nur noch in die Mikrowelle oder in die Backröhre!). Wer den Blick vom appetitanregenden Foto auf die Zutatenliste lenkt, wird meist feststellen, dass diese Lebensmittel hochverarbeitet, energiedicht und ballaststoffarm sind. Meist enthalten sie **zu viel** – oft raffiniert versteckten – Zucker, **zu viel** Salz und viele schnelle Kohlenhydrate sowie die ungesunden Arten von Fett. Viele der heutigen Zivilisationskrankheiten sind Folgen unbedachter Ernährung: Insulinspitzen, chronische Entzündungen, Übergewicht, Herzkreislauferkrankungen, manche Krebsarten oder eine eingeschnappte Darmflora. Und auch die Haut nimmt **es** übel: Akne, Rosazea, vorzeitige Hautalterung – hier geht es oft darum, was bei uns auf den Teller kommt. Haut und Darm korrespondieren sehr eng miteinander: Was den einen ärgert, macht auch dem anderen schlechte Laune. ## Saisonal und regional Natürlich gibt es Gegenbewegungen. Die Paleodiät, auch Steinzeiternährung genannt, schliesst Nahrungsmittel aus, die den Altvorderen erst seit der Entwicklung der Landwirtschaft zur **Verfügung** stehen, also seit einer Kleinigkeit von 10 000 Jahren. Die Hauptsäulen der Diät sind Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Obst und Gemüse sowie Nüsse und Samen. Kritiker bemängeln, dass in vielen Paleovarianten der hohe Konsum tierischer Produkte das Risiko für Gicht und Arteriosklerose erhöhen könne. Ein hoher Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch wird zudem mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes und Darmkrebs in Verbindung gebracht; ausserdem ist die Fleischmassenproduktion wegen der damit verbundenen Umweltbelastung zunehmend in die Kritik geraten. Aber wir müssen ja nicht 10 000 Jahre in die Vergangenheit zurückgehen, sondern können auf wissenschaftlichen Fortschritt setzen, auf medizinische Erkenntnisse und eine bessere Hygiene. Es klingt vielleicht spassbremsig, aber ein alltagstaugliches Mass an Natürlichkeit erreichen wir schon durch die Orientierung **an** regionaler und saisonaler Ernährung – mit Ballaststoffen (30 Gramm am Tag mindestens) statt leeren Kalorien, mit Bitterstoffen anstelle von **permanent penetranter** Süsse. **Ballaststoffe** liefern Pflanzen, **besonders gut sind Gemüse, besonders Wurzelgemüse und bittere Salate, ausserdem Hülsenfrüchte, Haferkleie, Beeren, Nüsse, Samen und Vollkornprodukte.** Mit einem Esslöffel Akazienfasern können Sie **besonders** tricksen. Sie liefern nämlich pro Esslöffel etwa 5 Gramm Ballaststoffe – und schon 5 Gramm mehr Ballaststoffe pro Tag können statistisch gesehen die Gesamtsterblichkeit um 14 Prozent reduzieren. > «Es klingt vielleicht spassbremsig, aber ein alltagstaugliches Mass an Natürlichkeit erreichen wir schon durch die Orientierung an regionaler und saisonaler Ernährung.» Wir könnten uns auf jeden Fall mit einer bunten Vielfalt an pflanzlichen Lebensmitteln belohnen (Kaffee gehört dazu, juhu!). Aktuelle Studien zeigen: Rund 30 verschiedene Pflanzen pro Woche fördern ein vielfältiges, widerstandsfähiges Mikrobiom. Damit geben wir unserem Körper wieder mehr von dem, worauf er evolutionär eingestellt ist – und entwickeln mit der Zeit auch selbst wieder Appetit darauf. Denn Genuss lernt man neu: Wenn die Sinne wieder feiner werden, schmecken echte Aromen, natürliche Süsse und frischer Crunch plötzlich viel intensiver – und das gute Körpergefühl danach macht Lust auf mehr. Mit der Evolution lässt sich nicht verhandeln. **Profitieren** wir stattdessen von ihren Vorteilen und gehen ein bisschen mehr zurück zur Natur und damit zu uns selbst! ### Es bleibt ein Name an der Backsteinfassade URL: https://www.schweizermonat.ch/es-bleibt-ein-name-an-der-backsteinfassade/ Last updated: 2026-06-11T14:36:20.000Z Der Morgen in Leeds beginnt unspektakulär. Die Stadt erwacht langsam in einem feuchten Licht, das die Farben dämpft und das Gewicht des roten Backsteins hervorhebt. Die ehemaligen Textillager stehen noch immer dort, wo sie vor hundertfünfzig Jahren errichtet wurden, doch ihre Innenräume gehören inzwischen zu einer anderen Welt. An die Stelle von Wollballen sind Kaffeemaschinen, Planungsbüros und Wohnungen für kurzfristige Mietverhältnisse getreten. Der Spaziergang verlangsamt sich vor einer Fassade. Hoch über den Schaufenstern, ausserhalb des natürlichen Blickfeldes der Passanten, erscheinen verblasste Buchstaben, die beinahe mit dem Mauerwerk verschmelzen: Behrens & Co. Der Name hat länger überdauert als die Erinnerung an den Menschen. Er wurde Teil der Architektur, so neutral wie ein Gesims oder der Stahlhaken eines ehemaligen Lastenkrans. Leeds ist voller solcher Spuren: Namen, hoch über den Strassen eingeschrieben, präsent im Ziegel, in Handelsbüchern und Archiven, aber abwesend im Gedächtnis der Stadt. Die Stadt funktioniert auch dann, wenn die Frage unbeantwortet bleibt, wer ihre wirtschaftlichen Strukturen mit aufgebaut habe. Neue Generationen arbeiten und wohnen in Räumen, die für eine vollkommen andere Wirtschaft entworfen wurden. Der Alltag setzt sich fort, getragen von einer Infrastruktur, geschaffen von Menschen, die Europa vergessen hat. ## Der vergessene Norden Wer nach Grossbritannien reist, entscheidet sich meist für London, gelegentlich für Cambridge oder Oxford. Die Weiterreise nach Norden verlangt bereits einen Anlass, als führte sie aus einem kulturell selbstverständlichen Raum hinaus. Leeds, Bradford und Sheffield erscheinen heute häufig nur noch als Chiffren einer Zeit des industriellen Niedergangs: Städte des Brexit, Städte der Deindustrialisierung, beschrieben weniger durch das, was sie sind, als durch das, was aufgehört hat zu existieren. Im 19\. Jahrhundert verhielt es sich anders. Nordengland war kein Randgebiet, sondern Kontaktzone. Zwischen 1850 und 1870 lief ein bedeutender Teil des Wollhandels zwischen Yorkshire und Norddeutschland über den Hafen von Hull. Deutsche Firmen beteiligten sich an lokalen Handelskammern, deutsche Namen tauchten in Geschäftsregistern auf. Beziehungen entstanden nicht in diplomatischen Salons, sondern in Räumen der Arbeit: in Kontoren, die nach nasser Wolle rochen, in Hafendocks, in Werkstätten, deren Geräusche mehrere Sprachen überlagerten. Der Wollhandel verband Yorkshire mit Hamburg und Bremen. Kaufleute reisten regelmässig zwischen den Häfen der Nordsee. Sie schrieben Briefe in zwei Sprachen und empfanden keinen Grenzübertritt. Die Schiffe transportierten Waren, aber auch Familienbriefe, Partituren, Lehrbücher. Bewegung gehörte zum Alltag – mehr Gewohnheit als Entscheidung. Eine ähnliche Durchlässigkeit prägte das private Leben. Die Kinder besuchten englische Schulen, während zu Hause deutsche Lieder und Familiengeschichten erklangen. Die Grenze existierte auf Karten. Im Alltag erschien sie seltener, fast beiläufig, kaum spürbar. Die Nordsee war keine Grenze. Sie war ein Rhythmus. Ein wiederkehrender Weg zwischen Häfen, lange bevor diese Beziehungen Politik genannt wurden. Mit dem Verschwinden dieser Verbindungen verschob sich der Ton, in dem Europa überhaupt noch erzählbar war. Das 20\. Jahrhundert kappte die Linien. Weltkriege, Grenzen, der Umbau der Wirtschaft; Brexit war kein Anfang, eher eine Folge. Die Aufmerksamkeit wanderte zu Hauptstädten und Institutionen, zu Verträgen und Gipfeltreffen. Weniger sichtbar blieb, was zuvor in Lagerhäusern, Häfen und technischen Schulen entstand: Beziehungen ohne Programm, Kontinuitäten ohne Namen. > «Die Nordsee war keine Grenze. Sie war ein Rhythmus.» ## Vertrauen und Verlässlichkeit Die europäischen Verflechtungen des 19\. Jahrhunderts zeigen sich weniger in Erklärungen als in Biografien. In den Lebenswegen von Menschen, die sich zwischen Häfen, Sprachen und wirtschaftlichen Ordnungen bewegten, als wäre die Nordsee eine Strasse und keine Grenze. Einer von ihnen war Jacob Behrens, ein Kaufmann aus Hamburg, dessen Name noch heute im Ziegel nordenglischer Städte zu finden ist, während auch sein Leben längst aus der Erinnerung der Menschen verschwunden ist. Behrens kam nicht als Held nach England und auch nicht als Exilierter. Er kam als Kaufmann, auf einer Route, die damals selbstverständlich war. Das Manchester der Mitte des 19\. Jahrhunderts war für ihn keine Fremde, sondern ein weiterer Knotenpunkt eines europäischen Netzes, in dem Liefertermine, die Verlässlichkeit einer Unterschrift und die Fähigkeit, mehr als eine Sprache zu sprechen, entscheidend waren. Sein Alltag hatte nichts vom romantischen Mythos der Emigration. Er bestand aus Geschäftsbüchern, Stoffproben und Handelsbriefen, an die kleine Wollfasern geheftet wurden, damit sich die Qualität einer Lieferung beurteilen liess, ohne sie vollständig zu sehen. Verhandlungen bewegten sich zwischen dem Preis der Ware und dem Preis des Vertrauens. In einer Welt, in der Kredit stärker auf Reputation als auf Regulierung beruhte, war der Name eines Kaufmanns ein Kapital von derselben Wirklichkeit wie die Ware selbst. Eine Verzögerung konnte eine Saison gefährden. Ein Gerücht konnte ein Unternehmen schneller zerstören als eine falsche Entscheidung. Mit der Zeit wurde seine Tätigkeit Teil des lokalen Gefüges der Stadt. Er beschäftigte Arbeiter, kooperierte mit englischen Partnern und trug zur praktischen Ordnung des industriellen Alltags bei. Er handelte nicht als Deutscher gegen Engländer, sondern als Kaufmann in einer Stadt, die durch Zusammenarbeit wuchs, lange bevor Grenzen Loyalität einforderten. Nach seinem Tod veränderte sich das Unternehmen, wechselte Form und Eigentümer, bis es selbst für Archive kaum noch eindeutig zuzuordnen war. Geblieben ist der Name. Die dauerhafteste Spur dieser Biografie sind Buchstaben an einer Fassade, hoch über den Schaufenstern, ausserhalb des gewöhnlichen Blickfeldes. Man hebt den Kopf selten. Man liest sie kaum noch. Und doch bleiben sie dort, wie eine Adresse aus einer Zeit, in der die Nordsee eher ein Weg war als eine Grenze. ## Die Zäsur 1914 Die Beziehungen, die über Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit, des Handels und nachbarschaftlicher Alltage entstanden waren, endeten nicht mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Im August 1914, als Zeitungen die ersten Gefallenenlisten druckten und Mobilisierungsplakate auf den Strassen erschienen, wandelte sich Nordengland nicht demografisch, sondern im Blick auf seine eigenen Bewohner. Menschen, die am Vortag Kaufleute, Lehrer, Musiker oder Unternehmer gewesen waren, wurden innerhalb weniger Tage auf eine einzige Kategorie reduziert: Fremde. Die Veränderung begann in der Sprache. Zeitungsüberschriften ordneten die Wirklichkeit nach neuen Unterscheidungen, in denen der Klang eines Namens lauter wurde als eine Biografie. Der Begriff deutsch bezeichnete nicht länger eine wirtschaftliche oder kulturelle Herkunft, sondern ein mögliches Risiko. Was zuvor Teil städtischer Vielfalt gewesen war, verlangte plötzlich Erklärung. Jede öffentliche Rede, jedes Firmenschild, jede Anzeige wurde zu einer unbeabsichtigten Loyalitätserklärung. In Manchester, Bradford und Leeds verlagerte sich die Spannung rasch von den Zeitungen auf die Strassen. Lokale Blätter veröffentlichten Listen von Firmen mit deutschen Namen, Boykottaufrufe standen neben Frontmeldungen. Vor Geschäften deutscher Familien kam es zu Demonstrationen, Schaufenster wurden eingeschlagen. Handelsbeziehungen, die über Jahrzehnte gewachsen waren, zerfielen unter dem plötzlichen Verlust von Vertrauen. Ein fremd klingender Name genügte, damit eine über Generationen aufgebaute Reputation innerhalb weniger Wochen ihren Wert verlor. Der soziale Druck wirkte schneller als administrative Entscheidungen. Namen begannen sich zu verändern. Müller wurde zu Miller, Schmidt zu Smith. Deutsche Firmenschilder verschwanden beinahe über Nacht aus den Fassaden, als versuche die Stadt, ihre eigene Vergangenheit zu tilgen, bevor jemand sie anklagen konnte. Stadträte strichen deutsche Bezeichnungen aus dem öffentlichen Raum, Gesangsvereine, Gesellschaftsklubs und kulturelle Vereinigungen stellten ihre Tätigkeit ein oder lösten sich auf. Säle, in denen kurz zuvor noch Schumann und Mendelssohn erklungen waren, blieben geschlossen. Ihre Stille sprach deutlicher als jedes Verbot. > «Müller wurde zu Miller, Schmidt zu Smith. Deutsche Firmenschilder verschwanden beinahe über Nacht aus den Fassaden, als versuche die Stadt, ihre eigene Vergangenheit zu tilgen.» Noch bedeutsamer war eine unsichtbare Veränderung. Die deutsche Sprache verschwand aus alltäglichen Gesprächen. Eltern hörten auf, sie am Tisch oder auf der Strasse mit ihren Kindern zu sprechen, weil sie riskant geworden war. In Schulen und am Arbeitsplatz konnte ein Akzent Misstrauen hervorrufen. Assimilation verlor ihren stillen kulturellen Charakter und wurde zu einer bewussten Strategie des Überlebens. Schweigen erhielt eine schützende Funktion. Eine Gesellschaft, die über Jahrzehnte von der Arbeit und Unternehmungskraft deutscher Bewohner profitiert hatte, reagierte nun impulsiv, geprägt von Angst und Mobilisierung. Zugehörigkeit ergab sich nicht länger aus gemeinsam gelebtem Alltag. Herkunft trat an ihre Stelle. Die Erinnerung an Zusammenarbeit wich der Vorsicht. In diesem Sinn war 1914 weniger ein Ausbruch der Gewalt als eine Verschiebung der Frage, wer als zugehörig gelten konnte. Die alltägliche Europaerfahrung, langsam entstanden in Kontoren und Häfen, erwies sich als weniger sichtbar als die politischen Emotionen eines Augenblicks. Und doch verschwanden die Menschen nicht. Die meisten deutschen Familien blieben dort, wo sie seit Jahren lebten. Nicht ihre Adresse änderte sich, sondern ihre Sichtbarkeit. Dieselben Menschen wohnten in denselben Häusern, kauften in denselben Geschäften ein und arbeiteten in denselben Betrieben. Doch eine zuvor selbstverständliche Präsenz verlagerte sich in den privaten Raum, ohne Sprache, ohne sichtbaren Ort. Die Stadt funktionierte weiter. Strassenbahnen fuhren nach Fahrplan, Fabriksirenen markierten die Arbeitszeiten, der Handel suchte einen neuen Rhythmus. Von aussen schien die Veränderung gering. Erst im Rückblick wird sichtbar, dass eine Form europäischer Normalität verschwand, die keinen Namen gebraucht hatte, weil sie selbstverständlich gewesen war. Die Deutschen gingen nicht fort. Nicht die Adresse änderte sich, sondern die Sichtbarkeit. Was gestern selbstverständlich war, wurde riskant. Und vielleicht ist bis heute unklar, was länger anhielt: die Angst jener Tage oder die daraus entstandene Selbstzensur. ## Die zweite Generation Die Geschichte der deutschen Präsenz im Norden Englands endete nicht mit dem Ausbruch des Krieges. Am deutlichsten zeigt sich dies im Schicksal der zweiten Generation, die bereits auf dieser Seite der Nordsee geboren wurde und für die die Frage der Zugehörigkeit keine eindeutige Antwort mehr hatte. Die Grenze verlief nicht länger zwischen Staaten, sondern innerhalb von Biografien. Eine der sinnbildlichsten Figuren dieses Übergangs ist Frederick Delius. Geboren 1862 in Bradford, war er der Sohn von Julius Delius, einem Wollkaufmann aus Bielefeld, der nach Yorkshire gekommen war. Das Elternhaus bewegte sich zwischen Sprachen und Gewohnheiten. Deutsch war die Sprache der Gespräche am Tisch und der Briefe an Verwandte, Englisch die Sprache der Strasse, der Schule und der Zukunft. Der Vater sah in Frederick Delius den künftigen Kaufmann. Als Sohn eines wohlhabenden Unternehmers aus Bradford war sein Weg zunächst klar vorgezeichnet. Er wurde ins Ausland geschickt, mit den Abläufen des Handels vertraut gemacht und an jene Disziplin herangeführt, auf der das Geschäftsleben beruhte: Korrespondenz, Vertragssicherheit, Verlässlichkeit. In dieser Welt entschieden nicht Neigung oder Ausdruck, sondern Pünktlichkeit, Preisstabilität und der Kredit eines Namens. Delius fand darin keinen Ort für sich. Ihn zog es zur Musik, zunächst zum Klavier, später zur Komposition. Diese Entscheidung war weder Rebellion noch romantische Geste. Sie markierte vielmehr die allmähliche Ablösung von einem Lebensweg, der ökonomisch plausibel war, existentiell für ihn aber unzureichend blieb. Delius wählte damit eine unsichere Existenz ohne Garantien, jedoch mit der Möglichkeit, der eigenen Wahrnehmung und Form zu folgen. Er studierte in Deutschland, arbeitete in Frankreich und reiste durch Europa, lebte in einem kulturellen Raum, der längst transnational geworden war, auch wenn niemand ihn so bezeichnete. Trotz dieser europäischen Biografie wurde er als britischer Komponist anerkannt. Seine Musik, oft als zutiefst englisch in Stimmung und Klanglandschaft beschrieben, wuchs aus einer Erfahrung mit doppeltem Ursprung. Was als lokal und national wahrgenommen wurde, entstand aus der langen Durchdringung von Traditionen, Sprachen und Empfindlichkeiten. ## Europa am Nebentisch Heute zeigt sich deutsche Präsenz im Norden Englands meist in unscheinbaren Szenen des Alltags. In einem kleinen Café in Doncaster bestellt ein Student einen Kaffee und ringt kurz nach den richtigen englischen Worten. Der Akzent ist gering, aber er genügt. Der Mitarbeiter hinter der Theke hebt den Blick und wechselt fast reflexhaft ins Deutsche. Ein kurzes «Guten Morgen» überrascht den Gast und bringt ihn zum Lächeln. Für einen Moment wird der Morgen aus seinem Takt gebracht. Der Barista hat Deutsch in der Schule gelernt, der Student ist aus Hamburg für ein Informatikstudium nach England gekommen. Nach einigen Sätzen setzt sich der Betrieb fort, als wäre nichts geschehen. Die Szene zieht keine Aufmerksamkeit auf sich. Niemand wird sich später an sie erinnern. Und doch zeigt sich in solchen Momenten, wie Europa heute im Norden Englands existiert. Begegnungen entstehen spontan, ohne Bewusstsein historischer Kontinuität. Deutsche leben und arbeiten wieder in diesen Städten, doch ihre Anwesenheit erscheint nicht als Rückkehr, sondern als etwas vollkommen Gegenwärtiges. Jemand verlässt das Café, die Tür schliesst sich leise, ein Bus fährt an. Der Morgen setzt sich fort, unspektakulär, im gedämpften Licht über den Backsteinfassaden. Man muss nur den Blick heben. Ein Name ist noch da. ### Tipps für mehr Natur im Alltag: Gehen Sie mit dem Velo zur Arbeit! URL: https://www.schweizermonat.ch/tipps-fuer-mehr-natur-im-alltag-gehen-sie-mit-dem-velo-zur-arbeit/ Last updated: 2026-06-11T15:42:10.000Z Die meisten Leute sitzen den lieben langen Tag in einem geheizten Büro und starren auf ihren Bildschirm. Das ist das Gegenteil dessen, wie der Mensch über Zehntausende von Jahren gelebt hat. Als Ausgleich geht man nach Feierabend ins Fitnesscenter und spult seine Trainingsroutine ab. Fitnessstudios sind der Versuch, das möglichst effizient zu bewerkstelligen, was der menschliche Körper einst ganz natürlich im Alltag tat: Muskeln aufbauen. Das Training in einem sterilen Innenraum erscheint mir nicht nur widernatürlich, sondern auch ziemlich langweilig. Stattdessen versuche ich, die körperliche Bewegung, die in unserer Geschichte stets Teil des täglichen Lebens war, in den Alltag einzubetten. Ich habe mir angewöhnt, jeden Tag einen Teil meines Arbeitsweges vom Zürcher Oberland in die Stadt mit dem Velo zurückzulegen, manchmal auch den ganzen. So habe ich am Morgen, wenn ich ins Büro komme, bereits ein schönes Stück Sport hinter mir. Die frühmorgendliche Bewegung bringt mich auch geistig auf Touren. Und abends lasse ich, während ich nach Hause pedale, den Arbeitstag Revue passieren, ordne meine Gedanken und entwickle neue Ideen. > «Die frühmorgendliche Bewegung bringt mich auch geistig auf Touren.» Auch sonst versuche ich, Bewegung in meinen Alltag einzubauen. Ich kombiniere sie zum Beispiel mit der Kinderbetreuung, indem ich Fitnessübungen mit meinem Sohn mache oder ihn auf Velotouren mitnehme. An kaum einem Ort schläft er so schnell ein wie im Anhänger. Übrigens ist es ein guter psychologischer Trick, kein Auto zu besitzen. So kommt man gar nicht erst in Versuchung, für den Weg zum Einkaufen oder an den Bahnhof auf die eigene Muskelkraft zu verzichten. ### Warum der europäische Kontinent keine Tech-Giganten hervorbringt – und wie sich das ändern lässt URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-der-europaeische-kontinent-keine-tech-giganten-hervorbringt-und-wie-sich-das-aendern-laesst/ Last updated: 2026-09-23T21:10:27.000Z 0:00 /754 1× Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/today-europe-is-no-more-than-a-digital-colony-of-the-us-and-china/). Europa verfügt über Talent, bahnbrechende Ideen und reichlich Kapital. Viele der Innovationen, die den Grundstein der digitalen Revolution legten, stammen sogar aus Europa – darunter das World Wide Web, entwickelt am CERN in Genf. Warum also ist es unserem Kontinent bis heute nicht gelungen, einen globalen Technologiekonzern hervorzubringen, der mit den Giganten aus den USA oder China mithalten kann? Oft werden die Bürokratie oder eine angeblich tief verwurzelte Risikoaversion als Erklärung angeführt. Doch solche Klischees lenken vom eigentlichen Problem ab. Europa fehlt vor allem die Nachfrage nach eigener Technologie. Statt konsequent in unsere eigenen Fähigkeiten zu investieren, kaufen wir digitale Infrastruktur und technologische Schlüsselprodukte lieber im Ausland ein – eine strategische Fehlentscheidung mit potentiell gravierenden Folgen für die wirtschaftliche Zukunft unseres Kontinents. ## Geopolitik der Daten Die Ursache dafür liegt mehr als dreissig Jahre zurück – in einem grundlegenden Missverständnis der europäischen Politik- und Wirtschaftseliten über das Wesen von Technologie. Technologie wurde lange vor allem als Kostenfaktor betrachtet. Wer sie so versteht, versucht zwangsläufig, diese Kosten zu optimieren oder auszulagern – und verlegt die technologische Entwicklung damit in grossem Stil in die USA und nach China. Tatsächlich ist Technologie jedoch kein blosser Kostenpunkt, sondern der zentrale Baustein der zukünftigen Wirtschaft – so wie die Dampfmaschine im 19\. Jahrhundert die Grundlage für Industrialisierung und Wohlstand bildete. Europa und die Schweiz adaptierten die industrielle Revolution rasch. Im digitalen Zeitalter gelingt uns dies jedoch nicht mehr. Heute beziehen wir den überwiegenden Teil unserer Technologie aus dem Ausland. Weil Forschung und Entwicklung vor allem in den USA und China stattfinden, konnten wir die entscheidenden Kompetenzen und Talente nie in ausreichendem Mass aufbauen, um diese Technologien selbst zu skalieren und weiterzuentwickeln. Europa kontrolliert weder die Hardware noch die Rechenzentren, weder die Chips noch die Software, weder die Vertriebswege noch das entscheidende Know-how. Hinzu kommt ein weiterer Unterschied zur industriellen Revolution: Während sich die Dampfmaschine über Jahrzehnte verbreitete, kann die digitale Technologie heute innerhalb kürzester Zeit global skaliert werden. Klassische Markteintrittsbarrieren existieren kaum noch. Heute bezahlt Europa den Preis für diese jahrzehntelange Vernachlässigung technologischer Investitionen. Seit der Jahrtausendwende wurde ein grosser Teil des Wirtschaftswachstums in den USA und China vom boomenden Technologiesektor getragen – mit jährlichen Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent. Europa hingegen verharrt vielerorts bei null bis einem Prozent Wachstum. Da immer mehr Branchen technologisch geprägt werden, geraten inzwischen selbst jene Industrien unter Druck, in denen Europa traditionell stark war. Wer versteht, dass ein modernes Auto heute mehr mit einem Smartphone gemeinsam hat als mit den Fahrzeugen von vor zehn Jahren, erkennt auch, weshalb die europäische Autoindustrie zunehmend gegenüber der aufstrebenden chinesischen Konkurrenz ins Hintertreffen gerät. Dieses Muster dürfte sich in zahlreichen weiteren Branchen wiederholen, je stärker traditionelle Industrien durch digitale Technologien und künstliche Intelligenz umgewälzt werden. Europa ist heute leider kaum mehr als eine digitale Kolonie. Amerikanische und chinesische Technologiekonzerne kommen hierher, extrahieren die wertvollste Ressource des 21\. Jahrhunderts – Daten – und verwandeln sie in hochprofitable Dienstleistungen, für die die Schweiz und Europa mangels eigener Alternativen enorme Summen aufwenden. Gleichzeitig bezahlen diese Unternehmen auf ihre gewaltigen Gewinne oft nur minimale Steuern. Im Kern reproduziert dieses Modell digitale Formen kolonialer Wertschöpfung: Rohstoffe werden abgeschöpft, die eigentliche Wertschöpfung findet anderswo statt. Ein Muster, das schon im 19\. Jahrhundert für die kolonisierten Länder selten gut endete. ## Europas wirtschaftspolitischer Selbstmord Wie kann Europa zu einer technologischen Supermacht werden? Der erste Schritt ist ein grundlegender Mentalitätswandel. Technologie darf nicht länger als Kostenfaktor betrachtet werden, den es zu minimieren gilt, sondern als Investition in die gemeinsame wirtschaftliche Zukunft unseres Kontinents. Wer Technologie als Grundlage künftigen Wohlstands versteht, versucht nicht mehr, möglichst wenig auszugeben, sondern gezielt und ambitioniert zu investieren. Europa hat im technologischen Sektor viel zu lange nach dem Prinzip gehandelt: wenig investieren, wenig verlieren. Die USA und China hingegen investierten viel, um viel zu gewinnen. Genau diese Dynamik müssen wir durchbrechen – solange Europa noch über den nötigen Wohlstand verfügt und bevor Kapital, Talente und Wertschöpfung endgültig ins Ausland abwandern. > «Technologie darf nicht länger als Kostenfaktor betrachtet werden, den es zu minimieren gilt, sondern als Investition in die gemeinsame wirtschaftliche Zukunft unseres Kontinents.» Heute gibt Europa jährlich rund 200 Milliarden Euro für ausländische Technologie aus – ein erheblicher Teil davon über öffentliche Aufträge. Mit anderen Worten: Unsere Steuergelder finanzieren direkt den Aufstieg ausländischer Technologiekonzerne, die anschliessend europäische Unternehmen in deren Heimatmärkten verdrängen. Europa subventioniert damit faktisch seine eigene digitale Abhängigkeit. Diese wirtschaftspolitische Selbstschwächung muss ein Ende haben. Privaten Unternehmen kann man kaum vorschreiben, welche Technologien sie einkaufen sollen. Bei öffentlichen Verwaltungen ist das anders: Hier geht es um Steuergelder. Europa braucht deshalb eine klare europäische Präferenz bei der öffentlichen Beschaffung von Technologie. Auf den ersten Blick mag das wie eine radikale Forderung erscheinen. Tatsächlich ist sie das überhaupt nicht. Die Vereinigten Staaten nutzen seit Jahrzehnten gezielt öffentliche Aufträge und verteidigungsbezogene Ausgaben, um ihre Technologiekonzerne bereits in der Aufbauphase zu fördern. China setzt seinerseits enorme staatlich gestützte Kaufkraft ein, um nationalen Schlüsselindustrien die notwendige Skalierung zu verschaffen. In einer Welt, in der sowohl die USA als auch China ihre eigenen Unternehmen offen bevorzugen, wirkt nicht diese Strategie radikal, sondern vielmehr Europas Weigerung, dasselbe zu tun. Funktioniert Protektionismus im Technologiebereich? Ja – und China ist dafür das wohl deutlichste Beispiel. Indem das Land amerikanische Technologiekonzerne weitgehend vom eigenen Markt fernhielt, schuf es die Voraussetzungen für den Aufbau eines mächtigen heimischen Technologieökosystems. Die Vereinigten Staaten verfolgten über Jahrzehnte eine ähnliche Strategie – wenn auch auf ihre eigene Weise. Strategisch wichtige Technologieunternehmen erhielten in ihrer Wachstumsphase milliardenschwere Staatsaufträge und umfangreiche öffentliche Finanzierung. Microsoft, Amazon, Palantir, Tesla und SpaceX profitierten allesamt von diesem Ansatz. Europa handelte einst ähnlich. Airbus ist dafür ein Paradebeispiel. Heute jedoch fehlt Europa eine kohärente industriepolitische Strategie im Technologiebereich. Statt gezielt eigene Champions aufzubauen, hoffen wir darauf, dass Erfolg zufällig entsteht. Manche argumentieren, Technologie aus Europa sei schlicht zu teuer. Doch oft stimmt nicht einmal das. Proton Workspace etwa ist günstiger als Google Workspace oder Microsoft 365 – und ähnliche Beispiele gibt es viele. Aber selbst wenn europäische Lösungen im Einzelfall teurer wären, greift dieser Vergleich zu kurz. Der reine Anschaffungspreis ist nur ein Teil der Rechnung. Europäische Unternehmen zahlen hier Steuern, schaffen hier Arbeitsplätze und investieren hier. Die Beschäftigten wiederum konsumieren und versteuern ihr Einkommen ebenfalls in Europa. Noch wichtiger aber sind jene Faktoren, die sich kaum in Geld bemessen lassen: die Wahrung der europäischen Souveränität und die Sicherung der strategischen Autonomie. ## Gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen Zweitens muss Europa entschlossener gegen die wettbewerbsverzerrenden Praktiken der amerikanischen Technologiekonzerne vorgehen. Apple und Google kontrollieren faktisch ein Duopol über das mobile Ökosystem und verlangen von europäischen Unternehmen bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes – nicht ihres Gewinns – auf Verkäufe über ihre Plattformen. Das ist besonders brisant, weil das Smartphone inzwischen zur dominierenden digitalen Plattform geworden ist und den klassischen Desktop längst verdrängt hat. Konkret bedeutet das: Verkauft Proton auf iOS Dienstleistungen im Wert von 100 Franken, gehen 30 Franken direkt an Apple. Auf Android geschieht dasselbe mit Google. Da ein immer grösserer Teil des Onlinehandels heute mobil stattfindet, wird faire Konkurrenz dadurch nahezu unmöglich. Europäische Unternehmen sind faktisch gezwungen, ihre mächtigsten Wettbewerber indirekt zu finanzieren. Drittens muss Europa seine offensichtlichen strukturellen Nachteile überwinden. In den USA kann ein Technologieunternehmen seine Produkte sofort in einem Markt mit rund 350 Millionen Menschen lancieren – mit einer gemeinsamen Sprache, einem einheitlichen Rechtssystem und einer einzigen Währung. Europäische Unternehmen hingegen sehen sich mit einem Flickenteppich aus Sprachen, Regulierungen, Steuersystemen und teilweise unterschiedlichen Währungen konfrontiert. Das bremst Wachstum, erhöht Kosten und erschwert Skalierung. Europa muss deshalb seine nationalen Egoismen überwinden und den Blick stärker auf ein gemeinsames europäisches Interesse richten. Denn letztlich gilt: Entweder behauptet Europa sich gemeinsam – oder es verliert gemeinsam. Würde man statt einer europäischen Präferenz lediglich nationale Präferenzen einführen, entstünde zwangsläufig eine neue Fragmentierung des Kontinents. Die Schweiz würde Schweizer Lösungen bevorzugen, Frankreich französische, Deutschland deutsche und so weiter. Das Ergebnis wäre ein Flickenteppich kleiner nationaler Teilmärkte, von denen keiner gross genug wäre, um jene Skaleneffekte hervorzubringen, die global konkurrenzfähige Technologieunternehmen benötigen. Nur wenn Europa das gemeinsame Interesse über nationale Einzelinteressen stellt, besteht überhaupt die Chance, im technologischen Wettbewerb zu bestehen. Denn anders als die Wirtschaftsmodelle der Vergangenheit belohnt die digitale Ökonomie vor allem eines: Skalierung. > «Nur wenn Europa das gemeinsame Interesse über nationale Einzelinteressen stellt, besteht überhaupt die Chance, im technologischen Wettbewerb zu bestehen.» Schliesslich muss Europa jene menschlichen Werte stärken, die unseren Kontinent bis heute einzigartig machen – und gerade hier kann die Schweiz eine führende Rolle übernehmen. In einer Welt, in der Technologie immer dominanter wird, werden Werte wie Privatsphäre, Sicherheit und Vertrauen zu einem echten Wettbewerbsvorteil. Genau darin liegt Europas Chance. Deshalb müssen Vorschläge wie die revidierte Verordnung über die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (VÜPF) entschieden zurückgewiesen werden, die chinesisch anmutende Formen anlassloser Massenüberwachung in die Schweiz bringen würden. Solche Massnahmen untergraben nicht nur Grundrechte, sondern auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Technologieunternehmen. Europa wird nicht erfolgreich sein, indem es das Silicon Valley oder China kopiert und dafür Privatsphäre sowie Menschenrechte opfert. Erfolgreich wird Europa dann sein, wenn es seine traditionelle Stärke – das Vertrauen – konsequent in das digitale Zeitalter überführt. ### Die wichtigsten Hebel zum langen Leben kannte schon meine Oma URL: https://www.schweizermonat.ch/die-wichtigsten-hebel-zum-langen-leben-kannte-schon-meine-oma/ Last updated: 2026-06-11T15:35:01.000Z Wie lange werde ich leben? Das würde ich gern genauer wissen. Als ich die Resultate meines «Longevity Check-ups» sehe, bin ich aber nicht gerade optimistisch. Ich sitze in den Räumlichkeiten von Ayun, einer Langlebigkeitsklinik in Zürich. Der leitende Arzt Oliver Boekels erklärt mir am Bildschirm die Ergebnisse der verschiedenen Tests. Grün bedeutet: sehr gut. Gelb ist durchschnittlich, orange und rot schlecht. Bei der körperlichen Leistungsfähigkeit ist alles im grünen Bereich. Der VO2max – der Wert gibt an, wie viel Sauerstoff der Körper maximal verwerten kann – lässt nichts zu wünschen übrig. Und der so genannte DEXA-Scan hat wenig Fett um die Organe gefunden. Bei der Knochendichte ist das Ergebnis immerhin durchschnittlich. Bei den Beständen von Vitamin D, Eisen oder Omega-3-Fettsäuren bin ich jedoch im roten Bereich. Zudem habe ich eine schlechte Verträglichkeit für Gluten. Und meine Mitochondrien – sie sind sozusagen die «Kraftwerke» der Zellen und spielen offenbar eine wichtige Rolle im Alterungsprozess – schneiden richtig schlecht ab. «Sie laufen nicht mal auf halber Kraft», erklärt Boekels. Ich muss erst einmal leer schlucken. ## Bryan Johnson treibt es auf die Spitze Ayun ist nur eines von vielen Angeboten im Bereich «Longevity» (neudeutsch für Langlebigkeit), die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind. Es gibt spezielle Behandlungen, Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel: Das Thema liegt im Trend. Am intensivsten forciert ihn der amerikanische Unternehmer [Bryan Johnson](https://schweizermonat.ch/gentherapie-blutplasma-und-47-verschiedene-pillen/?ref=schweizermonat.ch). Er hat einen guten Teil seines Vermögens in das Vorhaben gesteckt, möglichst lange zu leben. Jeden Tag wirft er mehrere Dutzend Pillen ein; sein Tagesablauf ist strikt durchgetaktet, damit er genug Schlaf bekommt, zur perfekten Zeit das Richtige isst und die richtigen Sportübungen macht. So weit gehen Boekels und seine Klinik nicht. Aber sie bieten zahlreiche Möglichkeiten an, die einem ein längeres gesundes Leben ermöglichen sollen. Dabei grenzt man sich von der Schulmedizin ab. Als ich die Räumlichkeiten das erste Mal betrete, habe ich das Gefühl, in einer Mischung aus Beauty-Salon und Fitnesscenter zu sein. Ayun verkauft Longevity als Lifestyle. Im Gespräch betont Oliver Boekels mehrfach, man biete eine individualisierte Behandlung an, die auf einen gesünderen Lebensstil fokussiere. Damit will er sich abgrenzen von der Schulmedizin, die sich aus seiner Sicht zu stark auf Symptombekämpfung beschränke. > «Als ich die Räumlichkeiten das erste Mal betrete, habe ich das Gefühl, in einer Mischung aus Beauty-Salon und Fitnesscenter zu sein.» Gleichzeitig sieht Boekels seine Klinik an der vordersten Front des wissenschaftlichen Fortschritts. «In den letzten Jahren gab es einen regelrechten Sprung an Erkenntnissen», sagt er. Er nennt eine Reihe von Behandlungen, die man bei Ayun machen kann: Rotlichttherapie, Kältekammer oder hyperbare Sauerstofftherapie. Bei solchen Begriffen verstehe ich erst einmal nur Bahnhof. Bringt das alles tatsächlich etwas? ## Drei Bereiche, 80 Prozent der Wirkung Einen anderen Ansatz verfolgt der Forscher und Filmemacher Dan Buettner in seinen Arbeiten zu den so genannten «blauen Zonen». Er hat verschiedene Orte auf der Welt besucht, in denen die Leute angeblich besonders lange leben. Die Message: Die Schlüssel für ein langes Leben liegen in Griffnähe, in der Natur – in gesunder Ernährung, Bewegung oder sozialen Beziehungen. Man muss sich nur an jenen orientieren, die sie erfolgreich anwenden. Allerdings ist in der jüngeren Vergangenheit [Kritik](https://www.nzz.ch/wissenschaft/blue-zones-alles-quatsch-findet-longevity-forscher-newman-ld.1854149?ref=schweizermonat.ch) am Konzept der «blauen Zonen» aufgekommen: Die Qualität der Daten, welche die hohe Lebenserwartung der Menschen dort belegen sollen, sei zu schlecht. Sogar von Betrug ist die Rede. Was gilt nun? Heike Bischoff-Ferrari, Professorin für Geriatrie an der Universität Basel, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Alterungsprozess. Sie sieht im Wesentlichen sieben Hebel für ein langes, gesundes Leben: genügend Schlaf (7 bis 8 Stunden pro Tag), Bewegung, neue Dinge Lernen, Umgang mit Stress, gesunde Ernährung (zum Beispiel mediterran), soziale Interaktion und nicht rauchen. Zur Wirksamkeit von Medikamenten und medizinischen Eingriffen [sagt](https://schweizermonat.ch/die-beste-art-im-gesundheitswesen-zu-sparen-ist-die-gesunde-lebenserwartung-zu-verlaengern/?ref=schweizermonat.ch) sie: «Dafür gibt es bis jetzt keine Belege.» Die Ratschläge tönen vernünftig, aber etwas in die Richtung hätten wohl auch unsere Grosseltern gesagt, wenn man sie nach dem Rezept für ein langes Leben gefragt hätte. Braucht es am Ende nicht mehr als diese «Hausmittelchen»? Boekels sieht das etwas anders. Aber auch er sagt, der wichtigste Hebel sei der Lebensstil. «Mit Ernährung, genug Schlaf und Bewegung erzielen Sie 80 Prozent der Wirkung.» Ich will es genauer wissen und mache den «Longevity Check-up». Ich lasse mir Blut entnehmen und lege mich in eine Röhre, in welcher der DEXA-Scan gemacht wird. Zudem muss ich eine Reihe von Fragebogen ausfüllen und am Ende einen Sporttest absolvieren. ## Lange Einkaufsliste Die Resultate erstaunen mich. Bei meinem Lebensstil scheint das Longevity-Potenzial begrenzt zu sein. Zwar kann ich laut Boekels durchaus etwas herausholen mit einer Umstellung meiner Ernährung und meinem Sportprogramm. Er empfiehlt mehr Muskelaufbau, zudem sollte ich möglichst auf Gluten verzichten. Das heisst: möglichst wenig Pasta, Pizza und Bier. Ich muss wieder leer schlucken. Doch auch wenn ich diese Empfehlungen umsetze, brauche ich laut Boekels zusätzlich noch Supplements – und nicht zu wenige. Vitamin D, Omega-3, Eisen – insgesamt neun Supplements stehen auf meiner Empfehlungsliste, inklusive Links zu einem entsprechenden Online-Shop, wo ich praktischerweise als Kunde der Klinik 10 Prozent Rabatt erhalte. Boekels empfiehlt mir, die Supplements zu nehmen und in drei Monaten einen neuen Test zu machen. > «Boekels empfiehlt mehr Muskelaufbau, zudem sollte ich möglichst auf Gluten verzichten. Das heisst: möglichst wenig Pasta, Pizza und Bier. Ich muss leer schlucken.» ## Ein Bier muss drinliegen Ich bin nicht wirklich überzeugt. Zu Hause scrolle ich durch die Supplements, lege sie in den Warenkorb, schicke die Bestellung aber nicht ab. Ich habe das Gefühl, dass ich bei den sieben Hebeln, die mir Bischoff-Ferrari genannt hat, mehr Potenzial habe. Mein Stresslevel könnte definitiv gesenkt werden. Auch etwas mehr Schlaf würde mir guttun. Und natürlich soziale Beziehungen. Einen Tag, nachdem ich die Resultate bekommen habe, mache ich mit Freunden und unseren Kindern eine Velotour. Unterwegs grillieren wir. Das Menu würde wohl keinen Longevity-Test bestehen. Auch ein Bier genehmige ich mir. Aber wer ab und zu mit Freunden anstösst, minimiert wohl kaum seine Lebenserwartung. Und sonst sind die Supplements immer noch in meinem Warenkorb im Onlineshop. ### Der Mensch zwischen Biologie und Genderstern URL: https://www.schweizermonat.ch/der-mensch-zwischen-biologie-und-genderstern/ Last updated: 2026-06-11T15:30:36.000Z Was hat die Genderforschung, die seit Jahren westliche Identitätsdebatten dominiert, für ein Verständnis von der Natur des Menschen? Das ist nicht einfach zu sagen. Die Bedeutung des menschlichen Leibes mit seinen biologischen Grenzen scheint eine geringfügige Rolle zu spielen, wenn Genderforscher sprechen. Im Vordergrund stehen soziale und kulturelle Konstrukte, um menschliche Realitäten zu erklären. Den Begriff «Natur» wendet man – wenn überhaupt – auf das Klima an, auf das Reich der Tiere, Wälder und Blumen. Aber nicht auf den Menschen. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Gegenwartskultur westlicher Prägung zwar grüne Parteien und eine wissenschaftlich fundierte Umweltökologie kennt, aber keine gleichwertige Humanökologie. Erkenntnisse aus Biologie, Evolutionsforschung oder Naturrecht werden kaum noch auf Mann und Frau angewendet, schon gar nicht auf die «natürliche Familie». In der Transgender-Bewegung werden das Ich und sein Empfinden zum Ausgangspunkt diverser Wunschidentitäten erhoben – mit dem Versprechen, aus dem Gefängnis der Biologie ausbrechen zu können. Es soll keine Naturordnung mehr geben, in die der Mensch unhintergehbar eingebunden ist. Erlaubt sind nur noch gesellschaftliche Konventionen, die im Namen der Freiheit zur Disposition stehen. ## Rollenzwänge und fliessende Identitäten Das steht im Kontrast zum jüdisch-christlichen Menschenbild, das den Westen über Jahrtausende geprägt hat. Gemäss Judentum und Christentum wurde der Mensch als Mann oder Frau geschaffen. Die Theologie beschreibt Mann und Frau mit einem materiellen Leib (irdischen Ursprungs) und einem transzendenten Geist (göttlichen Ursprungs). In dieser Lesart verfügt der Mensch zwar über eine materiell-körperliche sowie eine geistig-seelische Dimension, doch der Geist erhebt den Menschen nicht über die Natur. Der weibliche oder männliche Leib ist kein Anzug, den man wechseln kann, sondern eine materielle Realität, konstitutiv für beide Geschlechter. Dieses Menschenbild soll verschwinden. Mit der Genderbewegung soll sich die Erkenntnis durchsetzen: Es gibt nur Rollenzwänge, die uns in weibliche und männliche Korsette sperren. Aber in Wahrheit sind unsere Identitäten fliessend. Nun ist es gewiss richtig, dass vieles, was Frauen und Männer tun, gesellschaftlich-kulturell vorgegeben ist. Doch bedeutet dies zugleich, dass alles eine soziale Rolle ist, dass der Mensch nicht von der Natur geprägt wird? Es ist kein Zufall, dass die Genderbewegung mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften wenig anfangen kann. Die empirische Forschung auf dem Feld der Biologie oder Neurologie hat Elementares über Mann und Frau zu sagen. Sie interpretieren die Dualität der Geschlechter nicht als Kultur-, sondern als Naturvorgabe. Als eine Vorgabe, die auch mit elaborierten Gender-Sprachspielen nicht übergangen werden kann. In gewisser Weise kann man sagen, dass der zeitgenössische Gendersprech sprachmagische Elemente aufweist. Normalerweise formt die Welt, die wir vorfinden, unsere Sprache. Wir sehen Bäume oder Vögel und suchen dazu passende Begriffe. Das ermöglicht Kommunikation, die Beschreibung von Daseinserfahrungen. Die Natur gibt vor, was ist, die Sprache nimmt es auf – nicht umgekehrt. Die Sprache ist kein Zauberstab, mit dem wir etwas in die Welt hineinbefehlen können, das vorher nicht da war. Doch genau so arbeitet die Gendersprache: Sie bezeichnet etwa 70 Geschlechter und beschreibt eine theoretisch unbegrenzte Anzahl gefühlter Identitäten, die in der Welt nicht vorkommen, so, wie eben Bäume oder Vögel vorkommen. > «Die Sprache ist kein Zauberstab, mit dem wir etwas in die Welt hineinbefehlen können, das vorher nicht da war.» ## Das Ende der Aufklärung? Diese Abkoppelung von der materiellen Welt ist typisch für die Genderbewegung. Geistesgeschichtlich reiht sie sich damit in die Tradition der Gnostiker ein (2\. Jahrhundert). Die Gnostiker waren der Überzeugung, dass die niedrige, materielle Welt überwunden werden müsse, dass der Körper des Menschen ein Gefängnis sei. Das Ziel war der Sieg des freien Geistes über die Materie. Gender ist eine zeitgenössische Spielart dieser Anschauung. Im Laufe der Jahrhunderte gab es mehrere gnostische Strömungen. Ein gemeinsamer Kern war die Absage an eine Natur, die den Menschen zum Geschöpf macht. Der Gnostiker will kein Geschöpf sein, sondern Schöpfer. Er will Gott sein und sich selber schaffen. In der heutigen Gender-Variante: Er will seine eigene, geschlechtliche Identität schaffen. Die westliche Zivilisation hat sich aus dem Denken Roms, Athens und Jerusalems entwickelt, das bedeutet: aus den Urquellen des römischen Rechts, der antiken griechischen Philosophie und der jüdisch-christlichen Tradition. Zu diesen Quellen gehört die Bejahung von Welt und Natur als Grundlage von Erkenntnis, Forschung und Fortschritt. Dazu gehört auch der Glaube an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, geschaffen als Mann und Frau. Ohne die Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau wäre die Idee der unveräusserlichen Würde jeder Person, ungeachtet der sozialen Stellung, nicht denkbar und kulturell wirksam geworden, als Grundlage für die Menschenrechte. In besonderer Weise herausgearbeitet hat diese geistesgeschichtliche Entwicklung zwischen Judentum, Christentum und den Werten der Aufklärung der Oxford-Professor Larry Siedentop in seinem Buch «Die Erfindung des Individuums» (2015). Die Ideengeschichte Europas zeigt, dass sich die westliche Kultur einer Theologie verdankt, die offengeblieben ist für Vernunft und Wissenschaft, und einer Vernunft, die offengeblieben ist für Judentum und Christentum. Ein Westen aber, der nicht mehr unterscheiden kann zwischen Mann und Frau, zwischen Natur und Kultur, wird bald auch nicht mehr unterscheiden können zwischen Wissen und Aberglaube, zwischen Forschung und Ideologie, zwischen Sinn und Schwachsinn. Dies wäre das Ende der Aufklärung. Das Ende der Einheit von Vernunft und Natur, wie Immanuel Kant sie noch gekannt hat: «Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu einer Absicht gut. Die ganze Natur überhaupt ist nichts anderes als ein Zusammenhang von Erscheinungen nach Regeln.» ### Europa kann sich selber verteidigen – aber vorerst ohne Deutschland URL: https://www.schweizermonat.ch/europa-kann-sich-selber-verteidigen-aber-vorerst-ohne-deutschland/ Last updated: 2026-09-23T21:08:29.000Z 0:00 /298 1× Die sicherheitspolitischen Verwerfungen in der Welt und die Infragestellung der Verpflichtungen der USA zur Verteidigung Europas sowie die Kriege in Europa und im Mittleren Osten zwingen die europäischen Staaten zunehmend zu einer Neubestimmung ihrer Verteidigung. Dazu gehört die Errichtung einer gemeinsamen Verteidigung. Obwohl die EU-Führung Schritte für gemeinsame Anstrengungen fördert, ist Europa von einer solchen Verteidigung noch weit entfernt. ## Bestandteile der Verteidigung Eine gemeinsame Verteidigung müsste verschiedene Bestandteile aufweisen. Dazu gehört die Integration der Armeen der europäischen Staaten zu einer einzigen Armee, die Errichtung einer gemeinsamen Führungsstruktur, die von jener der Nato unabhängig wäre, eine beschleunigte Aufrüstung und die Vereinheitlichung der Waffensysteme durch die Errichtung einer gemeinsamen Rüstungsindustrie und die Schaffung einer europäischen Logistik. Der wichtigste Bestandteil einer europäischen Verteidigung wäre die Schaffung eines europäischen Nukleararsenals, das durch die europäische Führung gemeinsam kontrolliert und eingesetzt werden könnte. Ergänzend zum Arsenal müsste auch die entsprechende Abschreckungsstrategie für ganz Europa formuliert werden. Mit dem europäischen Nukleararsenal und der denkbaren Drohung, dieses gegen das Territorium und die Nuklearwaffen einer gegnerischen Nuklearmacht einzusetzen, könnte jede Macht vor einem Angriff mit Nuklearwaffen gegen Europa abgeschreckt werden. «Der wichtigste Bestandteil einer europäischen Verteidigung wäre die Schaffung eines europäischen Nukleararsenals.» Auf dem Weg zur gemeinsamen Verteidigung müssen verschiedene Hindernisse überwunden werden. Dazu gehören die Finanzen. Alle europäischen Staaten sind hochverschuldet. Die Errichtung einer gemeinsamen Verteidigung dürfte diese Verschuldung noch mehr in die Höhe treiben. Eine Reduktion der Verschuldung könnte nur durch Einsparungen bei anderen Staatsausgaben erfolgen. Dazu gehört insbesondere die Sozialpolitik. Ob solche Einsparungen die europäischen Bevölkerungen ohne Widerstand akzeptieren würden, ist ungewiss. Durch die Integration der nationalen Rüstungsindustrien in eine europäische Rüstungsindustrie besteht die Möglichkeit, dass in den europäischen Staaten Arbeitsplätze verlorengehen könnten. Sollte dies der Fall sein, dann könnte dadurch die Akzeptanz der Europäer herausgefordert werden. Die Errichtung einer einzigen nuklearen Abschreckungsmacht könnte nur durch die Integration der nuklearen Abschreckungspotenziale Frankreichs und Grossbritanniens mit ihren Führungsstrukturen zu einem europäischen Nuklearpotenzial erfolgen. Ob Nationalisten in Frankreich und Grossbritannien dies in Kauf nehmen würden? Die Schweiz könnte dank ihrer Topografie und ihren Gebirgsflugplätzen einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Luftverteidigung leisten. Das Hindernis zu diesem Beitrag könnte der Nationalismus gewisser Parteien der Schweiz sein. ## Will Deutschland weg von US-Abhängigkeit? Das Haupthindernis zur Errichtung einer gemeinsamen Verteidigung Europas dürften aber die besonderen Beziehungen von Deutschland zu den USA und Israel sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Westdeutschland durch die Wirtschaftshilfe der USA und die Abgeltung der Schulden aus der Hitler-Zeit sowie den Beitritt zur Nato die Abhängigkeit von den USA anerkannt. Ob eine zukünftige deutsche Regierung diese Abhängigkeit zugunsten einer europäischen Verteidigung aufgeben wird, ist ungewiss. Was die besonderen Beziehungen zu Israel betrifft, so sind diese mit den Reparationszahlungen und der damit erreichten Anerkennung der Holocaust-Schuldfrage im Rahmen der *Luxemburger-Vereinbarung vom 10\. September 1952* bestimmt worden. [1](#fn:1) Da die Beziehungen von Deutschland zu den USA und Israel zu einem Hindernis bei der Errichtung einer gemeinsamen Verteidigung von Europa werden könnten, sollten die europäischen Staaten die gemeinsame Verteidigungspolitik vorderhand ohne deutsche Beteiligung in Angriff nehmen und die verschiedenen Hindernisse schrittweise überwinden. Durch die Integration der kriegserprobten Armee der Ukraine in eine europäische Armee könnte das Abseitsstehen der deutschen Bundeswehr problemlos substituiert werden. Dazu ist zu beachten, dass die deutsche Bundeswehr selbst einen grossen Nachholbedarf in der Rüstung aufweist und heute deshalb über keine grosse Kampfkraft verfügt. 1. Straumann, T.: Out of Hitler’s Shadow. Oxford University Press, Oxford, 2025, S. 172 ff.[ ↩](#fnref:1) ### Alter Kontinent – neue Probleme URL: https://www.schweizermonat.ch/alter-kontinent-neue-probleme/ Last updated: 2026-06-11T14:16:25.000Z ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/90_1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/90_2.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/91_1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/91_2.jpg) ### Die grosse Umweltapokalypse wurde immer wieder angekündigt – doch sie blieb aus URL: https://www.schweizermonat.ch/die-grosse-umweltapokalypse-wurde-immer-wieder-angekuendigt-doch-sie-blieb-aus/ Last updated: 2026-06-15T08:45:32.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/apocalypse-not-50-years-of-environmental-panic-and-almost-all-of-it-was-wrong/). In den vergangenen fünfzig Jahren wurden unzählige Katastrophen vorhergesagt. Besonders drastische Szenarien sind meist ausgeblieben, und viele der vorgeschlagenen Gegenmassnahmen erwiesen sich im Nachhinein als wirkungslos. Dass wir ihnen nicht konsequent gefolgt sind, war ein Glücksfall. Diese Erfahrung sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir heute mit Erzählungen vom drohenden Weltuntergang konfrontiert werden. Vernünftige Umweltpolitik, die das Leben der Menschen tatsächlich verbessert, wurde in den letzten Jahrzehnten selten mit Angst begründet. Wohlhabende Staaten haben die Luft- und Wasserverschmutzung durch technologische Fortschritte und anschliessend durch Regulierung deutlich reduziert. Ärmere Länder schlagen zunehmend ähnliche Wege ein, sobald sie der Armut entkommen und sich einen besseren Schutz der Natur leisten können. Weltweit haben sich die Waldflächen vergrössert – zuerst in den reichen Ländern, vermehrt auch andernorts. Das passt kaum zur düsteren Zukunft, die einst beschworen wurde. Eine aktuelle [Studie](https://www.inderscience.com/info/inarticle.php?artid=112896&ref=schweizermonat.ch) hat fast hundert apokalyptische Umweltprognosen aus dem vergangenen halben Jahrhundert untersucht. Rund zwei Drittel davon sagten die grosse Katastrophe noch vor August 2025 voraus. Keine dieser Vorhersagen ist eingetroffen. ## Vom drohenden Ende aller Ressourcen Die erste grosse Schreckensgeschichte über die Natur, die breite Aufmerksamkeit erlangte, war das Buch «Die Bevölkerungsbombe» (1968) von Paul Ehrlich. Es zeichnete das Bild einer ausser Kontrolle geratenen Weltbevölkerung und plädierte für weitreichende Zwangssterilisationen. Angesichts vermeintlich unvermeidlicher Hungertode in dreistelliger Millionenhöhe forderte Ehrlich zudem, die Nahrungsmittelhilfe für Länder wie Indien einzustellen. Zum Glück blieb diese misanthropische und moralisch fragwürdige Empfehlung weitgehend unbeachtet. Stattdessen setzte der wissenschaftliche Fortschritt durch: Die erste grüne Revolution steigerte die Ernteerträge massiv und ermöglichte es, mehr als eine Milliarde Menschen zusätzlich zu ernähren. Heute zählt Indien zu den grössten Reisexporteuren der Welt. 1972 sagte der Bericht «Die Grenzen des Wachstums» des Club of Rome einen globalen Kollaps infolge von Nahrungsknappheit und Umweltverschmutzung voraus. Das Magazin «Time» zeichnete das Bild einiger weniger, ausgemergelter Überlebender, die verzweifelt die Mittelstreifen ehemaliger Autobahnen in Los Angeles bestellen. Es werde an allem fehlen – von Aluminium und Eisen bis hin zu Öl und Lebensmitteln. Diese Stimmung prägte auch den ersten Umweltgipfel der Vereinten Nationen 1972\. Der Vorsitzende Maurice Strong erklärte, der Welt blieben noch zehn Jahre, um eine Umweltkatastrophe abzuwenden. Später wurde er erster Direktor des UNO-Umweltprogramms. Strong hielt den Weltuntergang für sehr wahrscheinlich, sofern das als schädlich betrachtete Wirtschaftswachstum nicht beendet werde. Zum Glück sind wir diesem Rat nicht gefolgt. Das anhaltende Wirtschaftswachstum hat dazu beigetragen, dass heute mehr als drei Milliarden Menschen – rund 41 Prozent der Weltbevölkerung – nicht mehr in extremer Armut leben. Die Prognosen vom baldigen Versiegen der Ressourcen lagen spektakulär daneben. Statt die letzten Vorräte zu rationieren, setzte die Menschheit auf Innovation. Sie erweiterte das Angebot erheblich und senkte zugleich die Kosten. 1980 reichten die bekannten Ölreserven rechnerisch für dreissig Jahre beim damaligen Verbrauch. Seither wurde nicht nur dieses Volumen gefördert, sondern zusätzlich rund 80 Prozent davon. Dank des technologischen Fortschritts stehen heute dennoch Reserven für etwa fünfzig Jahre zur Verfügung – und das bei deutlich höherem jährlichem Verbrauch. > «Das anhaltende Wirtschaftswachstum hat dazu beigetragen, dass heute mehr als drei Milliarden Menschen – rund 41 Prozent der Weltbevölkerung – nicht mehr in extremer Armut leben.» Die simplen, alarmistischen Prognosen der 1970er-Jahre prägten die folgenden Jahrzehnte. Ihr Echo findet sich bis heute in Teilen der Klimadebatte, die auf teure und ineffiziente Massnahmen setzt und frühere Befürchtungen von Nahrungsmangel und zunehmenden Wetterextremen wieder aufgreift. Der Klimawandel ist ohne Zweifel eine reale Herausforderung. Doch wie so oft werden die Gefahren überzeichnet. Im Bereich der Ernährung zeigt dies eine der meistzitierten Metastudien, publiziert in der Fachzeitschrift «Nature». Ohne Klimawandel würde die weltweite Kalorienproduktion bis 2050 um 51 Prozent gegenüber 2010 steigen. Selbst bei einer deutlich stärkeren Klimaerwärmung als erwartet läge der Zuwachs noch bei 49 Prozent. Ein Problem – aber keine Katastrophe. Auch die Daten zu Naturkatastrophen widersprechen der dramatischen Rhetorik. Die Zahl der Todesopfer durch Überschwemmungen, Dürren, Stürme und Waldbrände ist über die vergangenen 100 Jahre stark gesunken – von etwa einer halben Million pro Jahr in den 1920er-Jahren auf weniger als 9000 jährlich im letzten Jahrzehnt. Das entspricht einem Rückgang von 98 Prozent. Selbst die klimabedingten Schäden, gemessen am Anteil am Bruttoinlandsprodukt, sind seit 1990 nicht gestiegen, sondern zurückgegangen. > «Die Zahl der Todesopfer durch Überschwemmungen, Dürren, Stürme und Waldbrände ist über die vergangenen 100 Jahre stark gesunken – von etwa einer halben Million pro Jahr in den 1920er-Jahren auf weniger als 9000 jährlich im letzten Jahrzehnt. Das entspricht einem Rückgang von 98 Prozent.» ## Innovation statt «Degrowth» Auffällig ist, wie sehr sich die vorgeschlagenen Lösungen ähneln. Schon früher lautete die Botschaft: Umkehr und Verzicht, Abkehr vom Fortschritt. Heute propagieren Akademiker aus wohlhabenden Ländern «Degrowth», während ein Grossteil der Welt weiterhin auf wirtschaftliches Wachstum angewiesen ist, um der Armut zu entkommen. Der alarmistische Blick auf das Klima hat inzwischen Eingang in die Politik gefunden. Nahezu alle reichen Staaten verfolgen das Ziel, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Die besten ökonomischen Schätzungen deuten jedoch darauf hin, dass die Kosten den Nutzen im 21\. Jahrhundert im Verhältnis von etwa sieben zu eins übersteigen. Die dafür notwendigen Massnahmen würden jährlich rund 27 Billionen US-Dollar verschlingen. Die Klimaökonomie weist jedoch einen anderen Weg: Am wirksamsten und kosteneffizientesten ist es, massiv in Forschung und Entwicklung für Energiequellen zu investieren, die wenig CO₂ ausstossen. Mehr Innovation eröffnet die Chance auf technologische Durchbrüche, die grüne Energie letztlich günstiger als fossile Alternativen machen. So könnte ein Umstieg global gelingen – schlicht, weil die grüne Lösung dann letztlich die günstigere ist. So wie wir heute froh sein können, nicht auf die Unheilsprediger der Vergangenheit gehört zu haben, sollten wir auch erkennen, dass die wiederauflebenden Klimaweltuntergangsfantasien nicht nur weitgehend unzutreffend sind, sondern auch wenig zur Lösung beitragen. *Aus dem Englischen übersetzt von Alex Buxeda. Der Beitrag ist auf schweizermonat.ch in Originalsprache verfügbar.* ### Tipps für mehr Natur im Alltag: Lebewesen unter Lebewesen URL: https://www.schweizermonat.ch/natur-im-alltag-lebewesen-unter-lebewesen/ Last updated: 2026-06-15T06:39:03.000Z Im grauen Alltag von Asphalt, Beton und lautem Verkehr scheint das Natürliche an den Rand gedrängt, von Ordnungen geradezu zermalmt. Der Tag eilt dahin, das Büro vereinnahmt, die Realität verliert sich in Messbarkeit. Und doch liegt neben all dem eine Welt, wo wir wieder eine Natürlichkeit vorfinden statt zu blossen Statisten werden, deren Existenz durch Roboter zu Recht ersetzt würde. Diese Welt zeigt sich dort, wo ein einzelner Stadtbaum seine Zweige neigt, als wolle er uns für einen Augenblick aufhalten: im Park oder Beet, wo die Erde das Wunder des Wachsens hervorbringt; in den Bergen im Hintergrund, Zeugnissen ewiger Urgewalten; auf einer Wiese, die im Spiel von Wind und Licht ihre eigene Ordnung entfaltet; an Gewässern, dem Element des Lebens. Wer sich diesen Orten zuwendet, merkt: Sie sind mehr als blosse Kulisse. Sie sprechen nicht in Worten, sondern in Empfindungen, die von einer verschütteten Wahrheit künden. Das Rascheln der Blätter, das Zwitschern der Vögel, das wechselnde Licht: All dies wirkt wie eine Einladung, einen Moment innezuhalten, den eigenen Takt zu verlangsamen und sich wieder – als Lebewesen unter Lebewesen – in ein grösseres Gefüge zu betten. Es bedarf keiner weiten Reise, nur eines veränderten Blicks: Plätze und Alleen laden uns zur Einkehr ein. In solchen Momenten tritt das Graue zurück, und das Dasein gewinnt an Bedeutung jenseits jeder Digitalität. Selbst im dichtesten Tagesstress wird ein stiller Zugang zu dem bewahrt, was trägt, ohne sich aufzudrängen. Halten wir einen Moment inne, um uns zu erinnern: Auch wir sind ein Teil dieser Kraft. ### Wir können dem Planeten seine Natur zurückgeben URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-koennen-dem-planeten-seine-natur-zurueckgeben/ Last updated: 2026-06-11T15:21:36.000Z Was macht uns zu Menschen? Was unterscheidet den Homo sapiens vom Homo erectus? Ist es die Sprache? Nein, denn alle sozial lebenden Tiere haben eine «Sprache», sie kommunizieren untereinander. Dass wir sie nicht verstehen, heisst nicht, dass sie nicht miteinander «sprechen». Ist es der Gebrauch von Werkzeugen? Nein, auch das ist im Tierreich weit verbreitet. Schimpansen, Krähen, Delfine benutzen Werkzeuge und sie stellen sie manchmal sogar selbst her. Spinnen spinnen Netze, Vögel, Wespen und Termiten bauen Nester. Hominiden wurden zu Menschen, als sie lernten, das Feuer zu nutzen. Wir wissen nicht genau, wann sie diese Fähigkeit erlangt haben. Prähistorische Forschung deutet darauf hin, dass es Hunderttausende von Jahren her ist. Später haben sie gelernt, das Feuer selbst zu entfachen. Sie mussten nicht mehr auf den nächsten Waldbrand warten. Feuer ist gefährlich. Es kann verletzen. Es kann Dinge entzünden, die man nicht verbrennen will. Es muss grossen Widerstand gegen die Nutzung des Feuers gegeben haben. Aber Feuer ist eben auch praktisch und hilfreich. Es erleuchtet die Nacht, hält Raubtiere fern, es wärmt und macht Speisen besser verdaulich. Der Gebrauch des Feuers hat sich trotz seiner Gefahren durchgesetzt. Die Feuergegner sind ausgestorben. Wir sind die Geschöpfe des Prometheus. Die nächste Disruption war die Erfindung der Landwirtschaft und der Viehzucht. Damit endete das nomadische Leben. Die Menschen mussten sich niederlassen und sesshaft werden. Das gefiel nicht allen. Es entstand die Legende von der Vertreibung aus dem Paradies. Statt jagen und sammeln hiess es jetzt arbeiten! «Im Schweisse deines Angesichts», wie es in der Bibel steht. Allerdings stand ihnen nun neben der eigenen Muskelkraft auch die von Ochsen und Pferden zur Verfügung. Bis jetzt waren die Menschen ein Teil der Natur. Von nun an bedienten sie sich bei der Natur. Wenn die sesshafte Lebensart eine Katastrophe war, dann war es eine erfolgreiche Katastrophe: Das Leben wurde weniger gefährlich. Die Raubtiere blieben ausgesperrt und die Nahrungsgrundlage war nun sicherer. Die Menschheit wuchs. ## Nach der Katastrophe der Aufbruch Der Venetianer Marco Polo kehrte 1295 nach Hause zurück. Er hatte fast 20 Jahre in China verbracht. Polo erzählte von der Seidenstrasse und den Reichtümern im fernen Reich des Khan. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich ein reger Handel und viel Neues kam nach Europa. Güter wie Seide und Porzellan, Ideen wie die des Konfuzius – und Krankheiten. 1347 brach im Hafen von Genua die Pest aus – eingeschleppt aus dem Orient. In den nächsten Jahren breitete sie sich über fast ganz Europa aus, mit verheerenden Folgen. Die Krankheit war hochansteckend, Hygieneregeln waren unbekannt, und so gab es kaum Gegenmassnahmen. Historiker nehmen an, dass bis 1353 zwischen einem Drittel und der Hälfte der Menschen Europas an der Krankheit starben. Bei einem solchen Aderlass lösen sich soziale und ökonomische Strukturen zwangsläufig auf. Der Tod hatte sozial neutral zugeschlagen. Fürsten und Lehnherren starben wie Leibeigene und Tagelöhner. Die Nachfrage nach Lebensmitteln ging zurück. Die Preise sanken, ebenso wie die Landpreise. Dagegen wurde Arbeitskraft rar. Die Löhne stiegen. In vielen Fürstentümern verschwand die Leibeigenschaft. In den Klöstern fehlten die Schreiber. Deshalb hatte Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks Erfolg. Das auf die Pestkatastrophe und seine Nachwehen folgende 15\. Jahrhundert war das Jahrhundert der Renaissance, das Jahrhundert der Entdeckungen, das erste Jahrhundert der beginnenden Neuzeit. Man kann sagen: Die Pest hat das Mittelalter beendet und einen Prozess in Gang gesetzt, der Unvorstellbares hervorbringen sollte. ## Muskeln aus Kohle Im Jahr 1712 pumpte in einer öden Gegend im Nordwesten von England ein fauchendes Ungetüm Wasser aus dem Boden. Es war die erste funktionierende Dampfmaschine. Sie entwässerte eine Kohlemine. Zum ersten Mal war es gelungen, Wärme in Kraft zu verwandeln. Thomas Newcomens «Feuermaschine» war zwar ein «Erstmals», aber noch kein Durchbruch. Der kam erst, als James Watt 50 Jahre später eine viel effizientere und kompaktere Version der Dampfmaschine vorstellte. Watts Dampfmaschine setzte die industrielle Revolution in Gang. Jetzt kam Kraft nicht mehr aus Muskeln von Menschen und Pferden, sondern aus Kohle. Alles wurde anders. Aus gemütlichen Heimarbeitern wurden gestresste Fabrikarbeiter. Auch Kinder mussten arbeiten. Eisenbahnen transportierten Menschen und Güter mit «Überpferd»-Geschwindigkeit. Die Fuhrleute wurden arbeitslos. Die Fabrikarbeiter fühlten sich ausgebeutet und rebellierten. In Uster setzten sie 1832 eine Fabrik in Brand. Karl Marx wetterte gegen die Ausbeuter und träumte von einer «Diktatur des Proletariats». Die industrielle Revolution begann mit einem sozialen Chaos. Doch aus dem Chaos entstand eine neue Welt: die Moderne. Parallel zur industriellen Revolution fand eine wissenschaftliche Revolution statt. Vielleicht die wichtigste Erfindung war der Kunstdünger. Justus von Liebig hatte erkannt, was die Pflanzen ausser Wasser und Sonnenlicht brauchen, um zu gedeihen: Spuren von Schwefel, Phosphor und Stickstoff. Sein Kunstdünger lieferte Schwefel und Phosphor; für den Stickstoff brauchte man peruanischen Vogelmist, «Guano», bis es den Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch Anfang des 20\. Jahrhunderts gelang, aus Luftstickstoff Ammoniak herzustellen. Die vom Pfarrer Thomas Malthus ein Jahrhundert zuvor befürchteten Hungersnöte blieben aus – dank Kunstdünger! Ohne Kunstdünger hätten sie sich bewahrheitet. Zwei Drittel der Menschheit wären verhungert. In den Dreissigerjahren des 19\. Jahrhunderts beschäftigte sich ein Chemielaborant namens Michael Faraday mit Magneten und Drahtspulen. Er fand heraus, dass sich mit Magneten in bewegten Spulen eine elektrische Spannung erzeugen lässt. Er erfand einen Vorläufer des elektrischen Generators und begründete damit das Zeitalter der Elektrizität. Man erzählt sich, dass ein Mitglied der britischen Regierung ihn in seinem Laboratorium besucht habe. Auf die Frage, wozu diese Spielereien gut seien, habe Faraday geantwortet: «Eines Tages, Herr Minister, werden Sie darauf eine Steuer erheben.» Das nennt man Weitblick. > «Die vom Pfarrer Thomas Malthus ein Jahrhundert zuvor befürchteten Hungersnöte blieben aus – dank Kunstdünger! Ohne Kunstdünger hätten sie sich bewahrheitet. Zwei Drittel der Menschheit wären verhungert.» Ende des 19\. Jahrhunderts waren die Grundlagen zu einem goldenen Zeitalter geschaffen. Feuer zu Kraft, Kraft zu Elektrizität und dank Elektrizität Energieübertragung über grosse Distanzen. Doch wieder geschah ein grosser Reset. Die beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20\. Jahrhunderts unterbrachen den Fortschritt oder lenkten ihn in militärische Bahnen. Europa war 1945 ein Trümmerfeld. Der Wiederaufbau mobilisierte ungeahnte Kräfte und unvorstellbare Neuerungen. ## Das zweite Feuer In der Wohnung, in der ich anfangs der 1940er-Jahre als Dreikäsehoch begann, die Welt zu erkunden, gab es keine Steckdosen. Wozu auch – es gab ja nichts einzustecken. Das sollte sich bald ändern, und zwar dramatisch. Zunächst kam das elektrisch beheizte Bügeleisen. Dann kam der elektrische Kochherd, die Waschmaschine, das Radio, der Kühlschrank. In der Schweiz hatte das «Dampfross» schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg der Elektrolokomotive Platz gemacht. Der Siegeszug der elektrischen Energie hatte begonnen; damit war der vorläufige Höhepunkt der industriellen Revolution erreicht. Bald drohte ein Strommangel. Die Wasserkraftwerke in der Schweiz stiessen an ihre Kapazitätsgrenzen und man erwog, Ölkraftwerke zu bauen. Da mahnte Bundesrat Willy Spühler an der Jahresversammlung 1964 des Verbands der Schweizer Elektrizitätswerke, den Schritt direkt zur modernen und sauberen Kernenergie zu gehen. > «Wenn die Bor-Wasserstoff-Fusion gelingen wird, werden wir Energie im Überfluss haben.» Um den Jahreswechsel 1938/39 hatten Fritz Strassmann, Otto Hahn und Lise Meitner die physikalischen Grundlagen zur Kernenergie geschaffen. Sie hatten entdeckt, dass sich der Kern des Uranatoms spalten lässt und dass dabei sehr viel Energie freigesetzt wird. Im Rückblick darf man sagen: Sie schenkten der Menschheit das zweite Feuer, mächtiger und trotzdem besser kontrollierbar als das erste Feuer. Prometheus II, gewissermassen. Dieses zweite Feuer wird die Menschheit nachhaltiger verändern als das erste. Wir sind erst am Anfang der Entwicklung. Nach den inhärent sicheren Fissionskraftwerken der nächsten Jahrzehnte dürfte das Zeitalter der Fusion einsetzen. Dann fallen die letzten (Schein-)Argumente gegen die Kernenergie dahin. Und wenn dann sogar die Bor-Wasserstoff-Fusion gelingen wird, werden wir Energie im Überfluss haben. Was macht man mit Energie im Überfluss? Voraussagen kann man das nicht. Möglichkeiten aufzeigen aber schon: - Die Kreislaufwirtschaft kann fast vollständig sein. Rohstoffe, die durch unvollständiges Recycling verlorengehen, gewinnt man aus Meerwasser. Bergwerke braucht es nicht mehr. - Wir werden Fleisch essen, ohne Tiere töten zu müssen. Muskelfasern aller Art wachsen in Bioreaktoren. - Gartenbau und Landwirtschaft verlegt man aus der Natur in Gewächshochhäuser. Die Pflanzen wachsen 24 Stunden am Tag dank künstlichem Licht, sie werden präzise nach ihren Bedürfnissen gedüngt und Schädlinge werden ferngehalten. - Künstliche Intelligenz kontrolliert die ganze Wirtschaft und all die Kreisläufe. Sie findet und behebt Schwachstellen und Störungen. Wir waren einst Teil der Natur. Wir streiften durch Wälder und Savannen und ernährten uns von dem, was wir fanden. Dann haben wir angefangen, die Natur zu nutzen, teilweise gar zu plündern. Wir domestizierten Tiere und züchteten neue Pflanzen. Nun haben wir uns von der Natur entkoppelt. Wir brauchen sie nicht mehr. Wir können dem Planeten seine Natur zurückgeben – dank dem zweiten Feuer. ### Europas demografischer Untergang ist nicht beschlossene Sache URL: https://www.schweizermonat.ch/europas-demografischer-untergang-ist-nicht-beschlossene-sache/ Last updated: 2026-06-15T16:21:20.000Z Seit Jahrzehnten propagiert ein Kanon aus Politik, Wissenschaft und Medien das Dogma, wonach die Menschheit zu zahlreich sei und der Planet vor dem ökologischen Kollaps stehe. Diese Erzählung geht im Wesentlichen auf Thomas Malthus und seinen [«Essay on the Principle of Population»](https://math.uchicago.edu/~shmuel/Modeling/Malthus,%20An%20essay%20on%20the%20principle%20of%20population.pdf?ref=schweizermonat.ch) von 1798 zurück, in dem er behauptete, dass die Bevölkerung unweigerlich schneller wachse als die Nahrungsmittelproduktion. Doch während der Blick der Eliten starr auf dieses historische Schreckgespenst gerichtet bleibt, vollzieht sich in der Realität der entwickelten Staaten das exakte Gegenteil: Sie erleben keine Bevölkerungsexplosion, sondern einen historisch beispiellosen demografischen Einbruch. Weltweit sinken die Geburtenraten auf historische Tiefststände – und ein Sorgenkind dieser Entwicklung ist Europa. Schon vor einem Vierteljahrhundert warnte der US-Präsidentenberater Patrick Buchanan in seinem Buch «The Death of the West» vor dieser Dynamik. Europa droht biologisch zu schrumpfen und sich durch niedrige Fertilität plus ungesteuerte Einwanderung kulturell zu transformieren. Buchanan warnte vor der Entstehung einer «postwestlichen», postchristlichen Gesellschaft. Die Ursache dieses Sterbens auf Raten ist kein rein wirtschaftliches Problem, sondern Ausdruck einer tiefen geistigen und kulturellen Krise. Der rasanten Säkularisierung folgt ein um sich greifender Hedonismus: Mit dem schwindenden Bezug zum Christentum ging vielerorts auch die Bereitschaft verloren, sich an Werten zu orientieren, die über die eigene endliche Existenz hinausweisen. Verstärkt wird dieses Vakuum durch heutige Deutungseliten, die die eigene Geschichte fast nur noch durch die Prismen von Kolonialismus, Rassismus oder Imperialismus betrachten. In diesem «Krieg gegen die eigene historische Identität» wird der Gesellschaft das Fundament entzogen. Wenn eine Zivilisation nicht mehr weiss, woher sie kommt und wofür sie steht, verliert sie unweigerlich den Willen, sich selbst in die Zukunft fortzuschreiben. Der Kindermangel ist somit zuvorderst kein technisches Problem, sondern das Symptom einer Zivilisation, die den Glauben an sich selbst verloren hat. ## Die unerbittliche Logik der Moderne Doch Kultur und Technologie existieren nicht isoliert voneinander; sie stehen in einem permanenten Wechselspiel. Was die Kulturkritik als Verlust des kollektiven Lebenswillens diagnostiziert, ist eng verwoben mit der unerbittlichen Eigendynamik der Moderne. Die technologischen und strukturellen Umbrüche der letzten zwei Jahrhunderte haben nicht nur unsere Lebensweise verändert, sondern auch das Fundament geschaffen, auf dem dieser kulturelle Wandel überhaupt erst gedeihen konnte. Für den weitaus grössten Teil der Geschichte oszillierte die Weltbevölkerung um ein labiles Gleichgewicht: Sie fiel, litt unter externen Schocks, erholte sich und kehrte immer wieder zu einem stabilen Gleichgewicht zurück. Der entscheidende Unterschied zur Vergangenheit ist nicht der Rückgang selbst, sondern der Verlust der Rückkehrmechanik. Diese Balance wurde brutal durch hohe Sterblichkeit, Ressourcenknappheit und existenzielle Limits erzwungen. Über die meiste Zeit verharrte die Reproduktionsrate konstant um den Wert zwei. Zwei Kinder pro Frau waren keine demografische Präferenz, sondern eine evolutionäre Gravitationskonstante der menschlichen Existenz. Diese Konstante ist nun zum ersten Mal in der Geschichte fundamental gebrochen. In präindustriellen Gesellschaften überlebte die Hälfte aller Kinder das Erwachsenenalter nicht, hinweggerafft durch Infektionen und Mangelernährung. Historisch hohe Fruchtbarkeit war somit reine Überlebensarithmetik – die einzig rationale Reaktion auf eine Umwelt, die Kinder im grossen Stil sterben liess. Was über weite Teile der Geschichte Wachstum ermöglichte, war stets eine Form der Kapitalkonversion: zunächst biologisch durch die Ausweitung der Bevölkerung, später technologisch durch Produktivitäts- und Strukturgewinne. Innerhalb von nur einem Jahrhundert endete diese Welt. Moderne Kanalisation, Impfungen und Agrartechnologie schrumpften die Kindersterblichkeit auf magere zwei Prozent zusammen. Die Babyboomer waren die erste Generation, die fast sicher davon ausgehen konnte, das Erwachsenenalter zu erreichen. Das Resultat war eine weltweite Bevölkerungsexplosion; nicht durch mehr Geburten, sondern durch mehr Überlebende. Doch dieselbe Moderne gab den Menschen die Kontrolle über ihre Fortpflanzung: Mit der Antibabypille (1960er) entkoppelten sich Sexualität und Reproduktion. Zum ersten Mal wurde jede Geburt zu einer bewussten, kalkulierten Entscheidung. In der Folge entschieden sich immer weniger Menschen für Kinder. Die heutigen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Schweiz liegt bei einer Geburtenrate von 1,3, Italien bei 1,2, Spanien bei 1,1 und Südkorea sogar bei 0,8\. Bei einer Fertilitätsrate um 1 ist jede nachfolgende Generation nur noch halb so gross wie die vorherige. Es gibt weltweit keinen bekannten Mechanismus, der eine entwickelte Gesellschaft dauerhaft auf das Ersatzniveau von 2,1 zurückgebracht hätte, sobald sie erst einmal unter die Schwelle von 1,5 gefallen war. Ungarn investierte sechs Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in eine aggressive Familienpolitik und konnte die Rate dennoch nur um marginale 0,2 anheben. Der demografische Boden bleibt stabil, weil die Ursachen weitgehend strukturell sind. Man kann nicht zur alten Reproduktionsrate zurückkehren, ohne gleichzeitig universelle Bildung, wirtschaftliche Teilhabe von Frauen, urbane Verdichtung und den modernen Wohlfahrtsstaat abzuschaffen. Die Bedingungen, die eine niedrige Fertilität hervorbringen, sind paradoxerweise identisch mit den Bedingungen, die individuellen Wohlstand und Freiheit ermöglichen. Zudem bricht das historische Sicherheitsventil weg. Städte waren historisch gesehen demografische Senken; sie wuchsen nur, weil sie kontinuierlich Zuwanderer aus den weitaus fruchtbareren ländlichen Regionen aufsaugten. Doch dieses biologische «Aussen» verschwindet. Die Entwicklungsländer in Lateinamerika und Afrika urbanisieren sich heute drastisch schneller, als es Europa je tat, und ihre Geburtenraten sinken im Zuge dessen rasant. Die Regionen, die Europas Defizit ausgleichen sollten, entwickeln dieselbe demografische Schwäche. Die Logik ist mächtig: Die gesamte Welt verwandelt sich in eine einzige urbane Zivilisation – und diese neigt strukturell zu Fertilitätsraten unter dem Ersatzniveau. Dass dieser weltweite Trend kein unentrinnbares Naturgesetz sein muss, beweist allerdings der globale Sonderfall Israel. Als hochtechnisierter Industriestaat bricht das Land die malthusianische Logik mit einer Fertilitätsrate von rund 2,9 Kindern pro Frau. Hier treffen modernste Urbanität und Wohlstand auf ein tief verankertes, kollektives Bewusstsein für die eigene Existenz und eine kulturell-religiöse Identität. Es zeigt: Die Strukturen der Moderne senken die Geburtenrate nur dort unaufhaltsam, wo kein kulturelles Gegengewicht mehr existiert. Ob man diese Entwicklung kulturpessimistisch als Sinnkrise oder systemanalytisch als Eigendynamik der Moderne deutet – beides verweist in seinen Folgen auf dieselbe demografische Realität. Aber ob diese Realität zwingend zum Untergang führen muss, steht auf einem anderen Blatt. > «Die Bedingungen, die eine niedrige Fertilität hervorbringen, sind paradoxerweise identisch mit den Bedingungen, die individuellen Wohlstand und Freiheit ermöglichen.» ## Die Kraft der Anpassung – warum der Untergang ausbleiben kann Wenn wir das kulturelle Unbehagen und die globale Systemlogik zusammen betrachten, scheint das Urteil über Europa gefällt zu sein. Doch die allgegenwärtige Endzeitpanik ist geschichtsblind. Die Menschheitsgeschichte zeigt, dass Zivilisationen massive demografische Brüche überstehen und sich im Zuge dessen schrumpfend weiterentwickeln können. Wenn staatliche Systeme versagen, rettet sich die Gesellschaft oft selbst – durch die transformative Kraft pragmatischer Anpassung von unten. Ein eindrucksvolles Beispiel bietet Byzanz zwischen dem 4\. und 7\. Jahrhundert. Das Reich durchlief einen tiefen demografischen Niedergang, erschüttert durch Kriege und die Justinianische Pest. Doch der entscheidende Faktor kam von innen: ein fundamentaler religiöser Wertewandel durch das aufstrebende Christentum. Plötzlich galt asketische Enthaltsamkeit mehr als das klassische Familienleben. Entscheidungen gegen Kinder wurden zum spirituellen Ideal erhoben. Was diesen Trend dauerhaft verankerte, war eine neue Institution: das Kloster. Es bot eine effektive, sozial angesehene Alternative zur Familie, die Arbeit, Versorgung im Alter und Sinnstiftung garantierte. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung schied dauerhaft aus dem Reproduktionszyklus aus. Und dennoch brach das Byzantinische Reich nicht zusammen. Es schrumpfte zwar erheblich, aber es überdauerte in dieser veränderten Verfassung noch ein Millennium. Die Gesellschaft lernte, mit deutlich weniger Menschen durch hochgradig organisierte klösterliche Landwirtschaft und eine gesteigerte Produktivität erfolgreich zu wirtschaften. Eine Gesellschaft kann sich aus inneren Überzeugungen heraus für weniger Kinder entscheiden und dennoch in veränderter, geschrumpfter Form fortbestehen, solange der Rückgang nicht zu radikal ausfällt. > «Wenn staatliche Systeme versagen, rettet sich die Gesellschaft oft selbst – durch die transformative Kraft pragmatischer Anpassung von unten.» Dass Gesellschaften selbst auf radikale Schocks reagieren können, zeigt Paraguay nach dem verheerenden Triple-Allianz-Krieg (1864–1870), den es gegen seine Nachbarn verlor und dabei bis zu 70 Prozent seiner männlichen Bevölkerung einbüsste. Der Männermangel war so extrem, dass zeitgenössische Quellen von sieben Frauen pro Mann berichteten. Staatliche Versuche, den Mangel durch die Förderung von Einwanderung auszugleichen, scheiterten kläglich. Gerettet wurde das Land durch die spontane Restrukturierung der Gesellschaft von unten. Aus der reinen existenziellen Not heraus entstanden neue Formen des Zusammenlebens: Frauen übernahmen die Führung der Wirtschaft, aussereheliche Geburten wurden zur sozialen Regel und informelle Polygamie zur pragmatischen [Lösung](https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0167268122002591?ref=schweizermonat.ch). Binnen weniger Jahrzehnte hatten sich das Geschlechterverhältnis und die Wirtschaft ganz ohne staatliche Lenkung von alleine wieder normalisiert. Wenn der Staat versagt, rettet sich die Gesellschaft selbst durch Lösungen von unten. Die Lehre daraus für das 21\. Jahrhundert ist, dass der Untergang keineswegs beschlossene Sache ist. Die Rettung vor dem demografischen Winter wird jedoch weder durch bürokratische Geburtenprämien noch durch moralisierende Appelle erfolgen. Heute verschiebt sich die zivilisatorische Kapazität, die wir biologisch nicht mehr durch Menschen aufbauen können, unaufhaltsam in den Bereich der technologischen Dichte. Was in Form sinkender Fertilität verschwindet, erscheint als zunehmende technologische Dichte und höhere Produktivität pro Kopf. Derselbe technologische Fortschritt, der die Krise einleitete, hat heute das Potenzial, sie zu bewältigen: Automatisierung, KI und Produktivitätswachstum verschaffen uns die historische Chance, die Strukturen einer hochentwickelten Zivilisation auch mit einer schrumpfenden Bevölkerung stabil aufrechtzuerhalten. Roboter könnten uns eine Hilfe im Haushalt und in der Kinderbetreuung bieten – heute mag es noch bizarr erscheinen, in 50 Jahren ist es vielleicht bereits gelebte Realität. Eine zukünftige Welt mit vielleicht nur noch vier Milliarden Menschen, die jedoch über die doppelte technologische Produktivität pro Kopf verfügt, benötigt die alte Masse an Arbeitskräften nicht mehr. Ausserdem vermag der technologische Fortschritt den Fall der Fertilitätsrate zu bremsen: Die Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin ermöglichen bereits heutzutage Paaren mit Kinderwunsch, die auf natürlichem Wege Probleme hatten, diesen Traum realisierbar zu machen. Doch die technologische Antwort ist nicht die einzige. Die Geschichte kennt auch das Phänomen des kulturellen Umschwungs – wenn auch selten und nie planbar. Der diagnostizierte «Verlust des Glaubens an sich selbst» könnte irgendwann umschlagen: durch Sinnangebote, die Familie jenseits ökonomischer Rechenlogik verankern. Solche Wertewandel lassen sich nicht per Dekret verordnen, aber sie sind möglich. Bevölkerungen haben auch in der Vergangenheit auf veränderte Umstände mit überraschenden Anpassungen reagiert. Was der technologische Fortschritt mittelfristig auffangen kann, muss dagegen langfristig zu einem kulturellen Wandel führen. Nur wenn Kinder wieder mehrheitlich als Lebensentwurf begrüsst werden, können die Gesellschaften wieder die Gravitationskonstante der Zwei erreichen. Unsere derzeitige Entwicklung ist ein beispielloses Experiment. Doch Infrastruktur, Stromnetze und Verwaltung skalieren nicht linear mit der Einwohnerzahl. Kultur lässt sich nicht automatisieren, die materielle Erhaltungslast der Zivilisation hingegen schon. Sie wird zunehmend von technologischen Systemen absorbiert. Die Gravitationskonstante der Zwei ist gebrochen, doch das Ende der bisherigen Demografie ist keineswegs das Ende der Zivilisation. Die Methode der menschlichen Anpassung wechselt lediglich ihr Gewand vom biologischen Körper hin zur technologischen Dichte und vielleicht eines Tages auch zurück zu neuer kultureller Selbstverständigung. 0:00 /0:00 1× ### «Unter dem Schutz der Amerikaner zu leben, war opportunistisch und nützlich» URL: https://www.schweizermonat.ch/unter-dem-schutz-der-amerikaner-zu-leben-war-opportunistisch-und-nuetzlich/ Last updated: 2026-06-11T14:12:47.000Z ***Dottore Tettamanti, Sie sind in unmittelbarer Nähe des faschistischen Italiens aufgewachsen. Was bedeutet Europa für Sie?*** Europa ist geprägt worden durch die Kämpfe unter europäischen Grossmächten, die seit Beginn der Neuzeit versuchten, über den Kontinent zu herrschen: Spanien unter Karl V. um das Jahr 1500, Frankreich von 1600 bis 1800 unter Heinrich IV., Ludwig XIV. und Napoleon. Nach dem Vertrag von Wien 1815 ging die Macht auf das Österreich-Ungarische Reich über, später stiess Deutschland hinzu, was unter Hitler in der Katastrophe endete. Es ist eine Geschichte, die wir heute als Konkurrenz der Systeme bezeichnen würden. Sie ist ein Teil unserer DNA, der total vergessen worden ist. Zu dieser DNA gehört aber auch das Erbe des Humanismus, der Renaissance und des schottischen und französischen Zeitalters der Aufklärung als *supplément d’âme* und Wurzel der abendländischen Kultur. ***Wie erlebten Sie die europäische Einigung in der Nachkriegszeit?*** Anfänglich war die europäische Einigung das Werk christlich-demokratischer Konservativer wie Schuman, Adenauer und De Gasperi. Das waren Persönlichkeiten, die den Krieg erlebt hatten. Als 1957 die Römischen Verträge abgeschlossen wurden, war ich 27 – und ein überzeugter Proeuropäer. Die Idee war wirtschaftliche Zusammenarbeit in Freiheit. Artikel 3 des Abkommens zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zielte auf den freien Warenverkehr sowie den «freien Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr». Die heutige bürokratische Situation ist exakt das Gegenteil. ***Was ist der Grund dafür?*** Die EU ist falsch gebaut. Es gab eine Reihe von Richtungsfehlern. Da war zum einen die falsche Übertragung von Souveränität von den Mitgliedstaaten an Brüssel in den Maastrichter Verträgen. 2001 folgten die vom grossen marxistischen Philosophen Habermas inspirierten Beschlüsse in Nizza über die Grundrechte. Mit dem Vertrag von Lissabon von 2007 gab sich die EU der Illusion hin, in zehn Jahren die weltgrösste Wirtschafts- und Industriemacht zu werden. Das Gegenteil ist passiert – auch das war eine Konsequenz der falschen Politik. Vergessen wir nicht, dass Ursula von der Leyen bei ihrer Wahl zur Kommissionspräsidentin 2019 den milliardenschweren European Green Deal lanciert hat, der Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent machen soll. Sie tat dies, um die Stimmen der Grünen und der Sozialisten zu bekommen. Die negativen Konsequenzen, insbesondere in der Autoindustrie, sind heute bekannt. Dabei stellte sich niemand die Frage, woher das Geld kommt. Heute haben wir eine Vereinigung von überschuldeten Ländern. Über die verfehlte Migrationspolitik und die unfähige Reaktion der EU im Krieg gegen die Ukraine habe ich noch gar nicht gesprochen. ***Europa wird oft als Schweiz im Grossen bezeichnet. Passt dieses Bild?*** Das ist Unsinn. Wir sind mit unserer Geschichte, Tradition und politischen Kultur genau das Gegenteil. Denken wir nur an den grossen Einfluss, den der Absolutismus in den Ländern der Europäischen Union hinterlassen hat. ***Worin zeigt sich dieser?*** Zum Beispiel in der Arroganz der Mächtigen. In allen unseren Nachbarländern sind Spitzenpolitiker mit dem Strafrecht in Konflikt geraten und wurden verurteilt. Der Grund liegt in der Überzeugung, man könne sich, wenn man gewisse Machtpositionen innehat, Dinge erlauben, die sich die Bürger nicht erlauben können. Diese Arroganz hat im Absolutismus ihre Wurzeln. Was für ein Kontrast zur Schweiz: Hier kehrt der Bundespräsident am Abend nicht in einen Palast zurück, sondern in eine normale Wohnung, für die er Miete zahlt. ***Wie kann man eine gemeinsame europäische Kultur schaffen, wenn die Kulturen so verschieden sind?*** Europa ist fragmentiert. Die Konkurrenz untereinander war immer seine Stärke. Ein kulturell einheitliches Europa existiert nicht. Natürlich gibt es bei allen Unterschieden eine gemeinsame abendländische Kultur. Leider wurde sie aber geschwächt durch die Theorie des Multikulturalismus und durch die wokeistischen Strömungen, welche die «Bürgerlichkeit» vernichten wollen. ***Europa hat sich in der Nachkriegszeit als Wertegemeinschaft aufgespielt, während es sich unter dem Schutzschirm der Amerikaner bequem eingerichtet hat. War das nicht ein Selbstbetrug?*** Unter dem Schutz der Amerikaner zu leben, war opportunistisch und nützlich. Europa war nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA abhängig. Anstatt zu versuchen, einen positiven Beitrag zu leisten, haben viele Vertreter der führenden Schichten einer antiamerikanischen und antiatomaren Politik das Wort geredet, gleichzeitig aber die USA für unsere Verteidigung zahlen lassen. Europa war eigentlich immer von den Amerikanern abhängig. Nun ziehen sich diese zurück. Europa ist absolut unvorbereitet für den Krieg. Anstatt in die eigene Verteidigung haben die Europäer lieber in den Sozialstaat investiert. Erschwerend hinzu kommt, dass politische Figuren und der Mut einer Frau Thatcher, eines Blairs oder Schröders fehlen, die versuchten, echte Reformen umzusetzen. ***Hat sich nicht auch der Zeitgeist gewandelt?*** Die Gesellschaft hat sich selbstverständlich gewandelt. Früher bekämpften sich die Bürgerlichen und die Sozialdemokraten, aber innerhalb einer gleichen Verfassungsvision für im Grunde genommen die gleiche demokratische Gesellschaft. Das ist vorbei. Die Mittelklasse ist links geworden. Vor ungefähr 50 Jahren erkannten einige linke Intellektuelle, dass sie mit Kommunismus keinen Blumenstrauss mehr gewinnen, weil die Arbeiter längst bürgerlich geworden waren. Also setzten sie auf neue Themen: Diskriminierung, Frauen, sexuelle Minderheiten und so weiter. Das kommt bei der urbanen, kultivierten Klasse an. Auf der anderen Seite stehen heute die einst bürgerlichen Parteien, deren erstes Ziel es ist, nicht mehr bürgerlich zu sein, und die keine echten eigenen Projekte für die Gesellschaft haben. ***Sind die Kräfte der neuen rechten Parteien eine Gefahr oder eine willkommene Auffrischung der politischen Kultur?*** Es ist zu früh, um ein definitives Urteil zu fällen. Aber wenn sie die Unterstützung eines signifikanten Teils der Bürger haben, sollen sie in einer Demokratie das Recht erhalten, mitzubestimmen. An ihren Leistungen muss man sie messen. Doch die etablierten Parteien wollen die Macht behalten, auch wenn sie versagt haben. ***Sie haben 2023 einen Artikel für den «Schweizer Monat» geschrieben, den Sie mit dem Satz beendeten: «Wenn ich so darüber nachdenke, kommen mir Zweifel an der Vorstellung, dass die Welt stetig besser wird.» Woher kommt dieser Kulturpessimismus?*** Grundsätzlich bin ich ein Optimist. Die menschliche Geschichte ist eine Geschichte des Fortschritts. Der Mensch hat eine unglaubliche Fähigkeit, Neues zu finden. Aber im Verlauf dieser Geschichte des Fortschritts gibt es auch sehr schwierige Phasen der Schwächen und Umwälzung. Und in einer solchen leben wir gerade. Ich weiss nicht, wie wir da rauskommen. ### Die europäische Kultur der Zukunft wird demütig sein, oder sie wird nicht sein. URL: https://www.schweizermonat.ch/die-europaeische-kultur-der-zukunft-wird-demuetig-sein-oder-sie-wird-nicht-sein/ Last updated: 2026-09-23T21:07:35.000Z 0:00 /594 1× Neulich abends bei offenem Fenster in der Laube hörte ich Gesang. Ein Jodellied. Fetzen nur. Erst dachte ich, der Wind trage die Klänge weg, bis ich merkte, dass tatsächlich der Gesang selber abbrach: In der Scheune ein Stück weiter übte der Jodelchor. In der Dämmerung sah ich die elfjährige Tochter des Nachbarhofes über den Feldweg nach Hause kommen. Und mir kam der Gedanke, dass beides zusammengehöre: dass dort, wo Tradition und Werte gelebt werden, kleine Mädchen zu jeder Zeit sicher sind – weil sie nicht nur in den Augen der Eltern, sondern in den Augen aller unendlich wertvoll sind. Vor dem Hintergrund dieser abendlichen Szenerie wurde mir das Ausmass der Anmassung einer Polit-, Beamten- und Staatsgünstlingsclique bewusst, die genau das durch das planvolle und masslose Hinzufügen von Fremdem sprengt und zerstört. Was dieselben Leute im Fall jeder anderen Ethnie als kulturellen Reichtum und einzigartige Identität feiern, im Fall von weissen Europäern aber als problematisch gilt: Unser geschichtliches Woher und unsere Werte seien toxisch, heisst es, kolonial, rassistisch, patriarchal. Alles, was sie aufbreche und relativiere, sei eine Bereicherung hin zu einer Multikultur – und also einer Nichtkultur. Genau daran krankt Europa – krankt auch die Schweiz: Aus Stabilität wurde eine Schleuderfahrt politischer Anmassung. Nicht einmal 15 Jahre brauchte es, um von «Whateverit takes»[1](#fn:1) zu «Wir schaffen das»[2](#fn:2), von «Europas–Mann-auf-dem-Mond-Moment»[3](#fn:3) zu «Wir lassen niemanden alleine»[4](#fn:4) und 2022 mit Volldampf in die «Zeitenwende»[5](#fn:5) hineinzubrettern. Ein Ende ist nicht in Sicht. ## Schulden und Bürokratie wachsen In der Zwischenzeit hat der Euro, je nachdem, woran man ihn misst, weit mehr als die Hälfte seiner Kaufkraft verloren. Millionen sind nach Europa eingewandert, Hunderttausende bereits eingebürgert worden. Gewalt und Verfall im öffentlichen Raum eskalieren. Über Tausend Milliarden sind in die grüne Transformation geflossen. Hunderttausende Industriejobs gehen monatlich verloren. Für Milliarden an Steuergeldern wurden von Beamten Medikamente eingekauft, ins Ausland verschenkt und entsorgt, und auf dem Rücken zukünftiger Generationen wird die Ukraine, das korrupteste Land Europas, zum Hüter der freien Welt hochfinanziert im Krieg gegen Russland, dessen Ausbruch dieselben Leute mitverantworten. Heute wächst ausser den Bürokratien und dem Speckgürtel staatlicher und staatlich geförderter Institutionen nichts mehr. Die Staatsschulden wachsen ins Unermessliche. Gleiches gilt gemäss EU-Anwaltschaft EPPO für Veruntreuung und Korruption auf EU-Ebene. Tausende Verfahren laufen. Und während einige noch diplomatisch von einer «prolongierten Schwächephase mit rezessiven Dellen» sprechen, werden andere deutlicher: Europa ist im freien Fall. Energetisch, wirtschaftlich, diplomatisch, kulturell, bildungsmässig und gesellschaftlich abgehängt. Und all das, weil Politiker glauben, ihnen sei mit Amt und Macht auch Allwissenheit und Allmoral verliehen worden. Es ist die Anmassung einer parasitären Klasse, die irgendwann aufgehört hat, sich als bescheidene Erhalter und Ermöglicher freiheitlicher Ordnungen im Rahmen von Recht und Verfassung zu sehen. Es ist ihnen zu wenig geworden, nur Verwalter zu sein und Bereitsteller von Diensten, Wissen und Information für die Bürger, den Souverän. Minister und Departementschefs wollen nicht mehr bloss ihre Ministerien und Departemente sauber führen, sondern im Rausch eines Unfehlbarkeitswahns «das Land» und «die Menschen». Beamte innerhalb und ausserhalb der Justiz wollen Gesetzgeber sein. Die Wissenschaft behauptet, die Wahrheit zu kennen, und leitet daraus Politik ab. Und die Medien? Man tut gut daran, im Hinterkopf zu behalten, dass es nicht die Stiefellecker des Politbüros waren, die Stalin vorschlugen, den Mond und die Wolga nach ihm zu benennen, sondern die Journalisten. Auch heute wollen die Medien die Pläne der Machteliten mitprägen: Europa als zentral gestaltetes Inklusionsprojekt – gerecht, divers, klimaneutral und solidarisch. Bürger und Unternehmer werden gerade noch geduldet, um die Kosten und Risiken zu tragen. Das Ganze – und das ist vielleicht nicht die grösste, aber die tiefste Anmassung – unter permanenter Beschwörung von Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit und Sicherheit. Als wäre Demokratie mehr als eine Methode zur gewaltfreien Veränderung der Politik und ihres Personals. Als wäre der Rechtsstaat etwas anderes als ein Schutz des Einzelnen vor staatlicher Anmassung. Als wäre Freiheit nicht zuerst Freiheit vom Zwang durch den Staat. ## Freiheit schleichend abgeben Kann Europa eine Wende gelingen? Viele sagen, es sei zu spät – die Zivilisation Europas werde in den Geschichtsbüchern der Zukunft nur als «ein Sommergesumm von Insekten zwischen zwei Wintern»[6](#fn:6) auftauchen. Weil Europa seine Freiheit entweder in spätestens zwei Generationen an den Islam verliere oder aber an die staatliche Gewalt, die dann nötig sein werde, um den Islam in Schach zu halten. Und weil – bis es so weit sei – zu viele ihre Freiheit für das Linsengericht von Bequemlichkeit, Zugehörigkeit und staatlicher Scheinsicherheit verkauften. > «Europa seine Freiheit entweder in spätestens zwei Generationen an den Islam verliere oder aber an die staatliche Gewalt, die dann nötig sein werde, um den Islam in Schach zu halten.» Die Geschichte lehrt, dass Freiheit meist freiwillig und schleichend abgegeben wird, dass sie, wenn man sie zurückhaben will, erkämpft werden muss und dass zwischen Abgeben und Zurückholen eine tiefe Krise liegt. Eine Krise, die in ihrer Härte «zu einem zerbrochenen Geist und zu (…) zerschlagenen Herzen»[7](#fn:7) führt. Und zur Erinnerung oder zur Ahnung: Eine «Verfassung der Freiheit» ist auf der Rückseite immer auch eine «Verfassung der Demut» ˗allen voran für das politische Personal. Demut in diesem Zusammenhang ist ein Bekenntnis: Ich bin nur ein Mensch wie alle anderen auch. Kein Führer und kein Gott. Mein einziger Job ist es, den Rahmen zu erhalten, innerhalb dessen Grenzen die Menschen von ihrer Freiheit und von ihrer Verantwortung Gebrauch machen können. Das ist alles. Weder sind meine persönlichen Ziele und Überzeugungen mehr wert als die aller anderen, noch gibt mir mein Amt auch nur für eine Sekunde das Recht, jemanden zu zwingen, sein Leben in ihren Dienst zu stellen, oder aus dem Staat meine persönliche NGO zu machen. Ich bin nicht berufen, «die Gesellschaft» oder «die Gesundheit» oder «das Klima» oder «die Demokratie» nach meinem Gutdünken in einem Mass zu verändern, das über den erwähnten Rahmen hinausgeht. Mein Job als Politiker ist es, die unendliche Vielfältigkeit der Menschen und ihre Freiheit auszuhalten. Auszuhalten, dass sie Probleme anders gewichten als ich, zu anderen Lösungen kommen, sich andere Ziele setzen. Aushalten, dass ich weder sie noch die Prozesse in der Hand habe und kontrollieren kann. Auszuhalten, dass Scheitern dazugehört. Ich habe den Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. ## Demut, die Frucht bringt Konkret heisst das: Ich habe nicht das Recht, auf Kosten der Bürger Anreize zu schaffen, die Millionen von Menschen aus anderen Kulturbereichen dazu bringen, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Ich habe nicht das Recht, den Menschen zu sagen, wie sie mit ihrer Gesundheit umzugehen haben. Ich habe nicht das Recht, die gesamte wirtschaftliche Ordnung auf den Kopf zu stellen aufgrund wissenschaftlicher Modelle, von denen heute kein Mensch weiss, ob sie die Zukunft richtig voraussagen oder nicht. Ich habe nicht das Recht, Unternehmern zu diktieren, mit wem sie kooperieren dürfen und mit wem nicht. Und ich habe schliesslich nicht das Recht, politische Begehrlichkeiten oder Bürgerwünsche zu finanzieren auf Kosten der Lebenszeit jener, die noch nicht geboren sind. Das ist die Demut, die Frucht bringt. Nur die Stärksten sind dazu in der Lage. Dann – und auch das lehrt die Geschichte und aktuell gerade Argentinien – werden politisch verschuldete Ungleichheit und Armut überwunden und ein Land und eine Gesellschaft finden zu echter Freiheit und Freiwilligkeit, zu individueller Verantwortung, zu Vertrauen und zu Prosperität zurück. Und damit zurück in die Gefährdung durch die Gauner und Inkompetenten, die behaupten, «die Verhältnisse» gerechter gestalten zu können, wenn man ihnen nur Macht und Geld gebe. 1. Mario Draghi, 2012 anlässlich der sog. Eurokrise.[ ↩](#fnref:1) 2. Angela Merkel, 2015 anlässlich der sog. Migrationskrise.[ ↩](#fnref:2) 3. Ursula von der Leyen, 2019 anlässlich der Präsentation des «European Green Deal».[ ↩](#fnref:3) 4. Simonetta Sommaruga, 2020 anlässlich der sog. Pandemie.[ ↩](#fnref:4) 5. Olaf Scholz, 2022 nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine.[ ↩](#fnref:5) 6. Nicolás Goméz Dávila, Scholien.[ ↩](#fnref:6) 7. Psalm 51, 17.[ ↩](#fnref:7) ### Das einzig nachhaltige an der Nachhaltigkeitsbürokratie ist die Bürokratie URL: https://www.schweizermonat.ch/das-einzig-nachhaltige-an-der-nachhaltigkeitsbuerokratie-ist-die-buerokratie/ Last updated: 2026-06-11T15:16:13.000Z Nachhaltigkeit spielt in vielen Unternehmen eine wichtige Rolle. Zumindest erhält man diesen Eindruck, wenn man die Konzernwebsites besucht oder die Jahresberichte durchblättert. Zwar ist der Nachhaltigkeitshype inzwischen durch neue Hypes wie künstliche Intelligenz wieder etwas verdrängt worden, aber die grossen Ziele und Versprechen sind geblieben: Klimaneutralität, Netto-Null und globale Verantwortung. Im Zentrum stehen die drei Buchstaben ESG. ESG steht für Environmental, Social and Governance (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) und beschreibt Kriterien, anhand derer nachhaltiges und ethisch verantwortungsvolles Wirtschaften bewertet werden soll. Sie sollen Investoren und Stakeholdern dazu dienen, Risiken zu bewerten und die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen zu messen. Weil Brüssel darin ein zentrales Steuerungsinstrument sieht, hat die EU 2023 mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) eine entsprechende Regulierung geschaffen. Sie verpflichtet rund 50 000 Unternehmen in der EU zur jährlichen, standardisierten Offenlegung ihrer ESG-Daten in einem entsprechenden Bericht. Mittelfristig fallen nicht nur grosse, sondern auch kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen unter diese Richtlinie. ## Neuer Geschäftsbereich Zwar sind Schweizer Unternehmen den EU-Regeln nicht direkt unterworfen, aber die Verflechtung der internationalen Märkte und Lieferketten zwingt auch hiesige Unternehmen dazu, diese EU-Richtlinie zu berücksichtigen. Und so tummeln sich hierzulande bereits Berater, die dabei «helfen», sich auf diese neue Herausforderung vorzubereiten. Denn es ist auch damit zu rechnen, dass sich die regulatorischen Anforderungen in der Schweiz mittelfristig den EU-Vorgaben annähern oder dass Marktanforderungen (Finanzierung, Kundenanforderungen, Ausschreibungen) die Unternehmen indirekt dazu zwingen. Denn Regulierung schafft vor allem eines: Pflichten. Diese führen zu zusätzlicher Arbeitsnachfrage innerhalb der Unternehmen, und daraus ergeben sich wiederum indirekte Beschäftigungseffekte entlang eines erweiterten Dienstleistungsökosystems. Der erste Schritt in dieser Kette ist die Entstehung konkreter regulatorischer Pflichten. Die ESG-Regulierung verlangt von Unternehmen nicht nur punktuelle Anpassungen, sondern auch systematische Prozesse: die Erhebung standardisierter Nachhaltigkeitskennzahlen, deren Prüfung sowie die Veröffentlichung in auditierbarer Form. Eine [Studie](https://www.pwc.ch/en/insights/sustainability/global-csrd-survey.html?ref=schweizermonat.ch) von PwC zeigt, dass ein Grossteil der Unternehmen in der Schweiz bereits operative Anpassungen vorgenommen hat. Über 60 Prozent der befragten Firmen berichten, dass sie die von den EU geforderten ESG-Indikatoren proaktiv implementiert hätten, während ein ähnlich grosser Anteil zusätzliche Ressourcen für Reporting und Governance eingeplant hat. Regulierung führt so unmittelbar zu zusätzlicher Arbeitsnachfrage. Der zweite Schritt betrifft die interne Beschäftigungswirkung. Konkrete Beispiele aus grossen Unternehmen illustrieren die Grössenordnung: Die UBS beschäftigt mehrere Hundert Mitarbeitende im Bereich Nachhaltigkeit und ESG, verteilt auf Risk, Compliance, Investment und Reporting. Auch die inzwischen übernommene Credit Suisse hatte bereits ein umfangreiches Sustainability-Team mit deutlich über 100 Spezialisten. In der Industrie zeigt sich ein ähnliches Bild: Bei Nestlé arbeiten über 300 Spezialisten an Nachhaltigkeitsthemen, insbesondere entlang globaler Lieferketten und im Reporting. Der Zementkonzern Holcim hat seine Nachhaltigkeitsorganisation in den letzten Jahren massiv ausgebaut, um CO₂-Reporting, Kreislaufwirtschaft und regulatorische Anforderungen zu bewältigen. Nachhaltigkeit ist dort längst kein Nebenschauplatz mehr, sondern ein eigenständiger strategischer Geschäftsbereich mit entsprechendem Personal. Diese Beispiele lassen sich auf ein «typisches» grosses Schweizer Unternehmen herunterbrechen. Während vor zehn Jahren ESG oft von ein bis zwei Personen nebenbei betreut wurde, sind heute in vielen Firmen spezialisierte Teams mit 5 bis 15 Vollzeitäquivalenten keine Seltenheit. In besonders regulierten Branchen wie Finanzdienstleistungen oder Pharma können die Zahlen sogar deutlich darüber liegen. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass diese Stellen bestehende Funktionen nicht ersetzen. Sie kommen zusätzlich hinzu. Es handelt sich um regulatorisch induzierten Stellenausbau. > «Während vor zehn Jahren ESG oft von ein bis zwei Personen nebenbei betreut wurde, sind heute in vielen Firmen spezialisierte Teams mit 5 bis 15 Vollzeitäquivalenten keine Seltenheit.» ## Teure Experten Der dritte Schritt betrifft die indirekten Beschäftigungseffekte. Regulierung erzeugt nicht nur interne Stellen, sondern auch Nachfrage nach externen Dienstleistungen. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie Deloitte oder KPMG haben ihre ESG- und Sustainability-Practices in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Allein im Bereich Nachhaltigkeitsberatung wurden in Europa Tausende neue Stellen geschaffen. Diese Firmen berichten, dass ESG zu den am schnellsten wachsenden Geschäftsfeldern gehöre. Der Grund liegt darin, dass Unternehmen externe Expertise für Implementierung, Prüfung und laufende Anpassung benötigen. In der Schweiz geben in Umfragen über 80 Prozent der Unternehmen an, dass sie externe Unterstützung bei der Umsetzung von ESG-Regulierung einplanten. Ein vierter zentraler Mechanismus ist schliesslich die Datenintensität von ESG-Regulierung, die zu einer Verschiebung der Qualifikationsstruktur führt. Unternehmen wie Novartis oder Nestlé betreiben heute umfangreiche Systeme zur Erfassung von Umwelt- und Sozialdaten entlang globaler Lieferketten. Dafür braucht es längst nicht mehr nur klassische Compliance-Fachleute, sondern zunehmend auch Data Scientists, IT-Spezialisten und Supply-Chain-Analysten. Die Folge ist ein überproportionaler Anstieg hochqualifizierter Beschäftigungen mit entsprechend hohen Löhnen. ESG wirkt damit nicht nur quantitativ, sondern führt auch zur Beschäftigung von immer mehr gut bezahlten Akademikern. ## Gemessen oder vergessen Führt mehr ESG-Regulierung wie die CSRD auch zu mehr Nachhaltigkeit? Die Antwort lautet: Ja, sofern man die Nachhaltigkeit auf die «richtige» Weise misst. Will heissen: Die Indikatoren müssen eben so definiert werden, dass am Schluss mehr Nachhaltigkeit gemessen wird. Vorschriften wie die CSRD verpflichten Unternehmen primär dazu, Daten zu erheben und offenzulegen, nicht jedoch zwingend dazu, ihre Umwelt- oder Sozialleistung konkret zu verbessern. Diese Fokussierung führt dazu, dass Unternehmen erhebliche Ressourcen in die Berichterstattung investieren, ohne dass daraus notwendigerweise substanzielle Veränderungen resultieren. [Studien](https://www.schweizermonat.ch/content/files/edz-bib-uni-mannheim-de/edz/swd/2021/swd-2021-0150-en.pdf) der EU-Kommission weisen darauf hin, dass Offenlegung allein keine hinreichende Bedingung für reale Nachhaltigkeitsfortschritte ist. Damit sind wir beim Thema des Greenwashings. Da ESG-Bewertungen und -Berichte auf standardisierten, aber teilweise interpretierbaren Kennzahlen beruhen, entsteht Spielraum für strategische Darstellung. Unternehmen können ihre Nachhaltigkeitsleistung positiv darstellen, ohne dass dies vollständig mit der tatsächlichen Wirkung auf ökologische, soziale oder ethische Standards übereinstimmt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass hohe ESG-Ratings nicht zwingend mit realen Nachhaltigkeitsverbesserungen korrelieren. Eine vielzitierte [Studie](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=3438533&ref=schweizermonat.ch) von MIT Sloan School of Management kommt zum Schluss: Die Korrelation zwischen verschiedenen ESG-Ratings ist gering. Andere Annahmen und andere Zahlenerhebungen führen schnell zu anderen Ratings. Unternehmen werden also stets versuchen, die Zahlen in den Mittelpunkt zu stellen, die sie in ein positives Licht rücken. > «Unternehmen können ihre Nachhaltigkeitsleistung positiv darstellen, ohne dass dies vollständig mit der tatsächlichen Wirkung auf ökologische, soziale oder ethische Standards übereinstimmt.» Typischerweise konzentriert sich ESG auch auf quantifizierbare Indikatoren, wie etwa CO₂-Emissionen oder Diversity-Kennzahlen. Deren Exaktheit ist aber oftmals nur vorgetäuscht. Zwar gibt es ganz präzise Zahlen dazu, wie viele CO₂-Emissionen mit bestimmten Prozessen oder Produkten verbunden sind. In Wirklichkeit hängen diese aber von Annahmen ab, die keineswegs zwingend sind. Was als exakte Zahl daherkommt, ist oft nicht mehr als eine grobe Schätzung. Andere relevante Nachhaltigkeitsaspekte – etwa Biodiversität, soziale Auswirkungen in komplexen Lieferketten oder langfristige ökologische Schäden – lassen sich noch viel weniger mit einer Kennzahl erfassen. Die Folge ist eine Verzerrung: Unternehmen optimieren diejenigen Bereiche, die gut messbar und berichtspflichtig sind, während schwer messbare Aspekte tendenziell weniger Aufmerksamkeit erhalten. Dieses Phänomen wird in der Literatur häufig als «only what gets measured gets managed» beschrieben – mit der Kehrseite, dass nicht gemessene Bereiche vernachlässigt werden. Regulierungen wie die CSRD, die Nachhaltigkeit in Unternehmen garantieren sollen, bewirken mehr Nachhaltigkeitsbürokratie, als dass sie zu tatsächlicher Nachhaltigkeit führen. Als wichtiger Nebeneffekt ergibt sich eine Zunahme der Beschäftigung durch tendenziell gut bezahlte Jobs wie Klimaschutzmanager, Sustainability Consultants, Umweltbeauftragte oder Zertifizierungsauditoren, welche das Thema Nachhaltigkeit aktiv bewirtschaften. Wollen wir tatsächlich mehr Nachhaltigkeit, dann müssen wir uns auch mit der Funktionsweise unseres Wirtschaftssystems beschäftigen. Solange Aktiengesellschaften an der Börse nach ihren Gewinnerwartungen bewertet werden und sich der Erfolg des Managements nach dieser Bewertung richtet, kann man nicht ernsthaft erwarten, dass Nachhaltigkeit zu einem echten Anliegen des Managements wird. ### Die Pionierin: Mina Hofstetter – radikal der Natur zugewandt URL: https://www.schweizermonat.ch/die-pionierin-mina-hofstetter-radikal-der-natur-zugewandt/ Last updated: 2026-06-11T15:11:46.000Z Ende 1918 war Mina Hofstetter am Boden. Der Krieg war zwar vorüber, hatte aber übermässig an ihren Kräften gezehrt. Während ihr Mann, Ernst Hofstetter, im Aktivdienst war, musste sie allein die rund sieben Hektaren Land bewirtschaften und zehn Kühe versorgen. Dazu kamen fünf kleine Kinder, mit dem sechsten war sie schwanger. Auf schwere Grippeanfälle folgten ein Nervenzusammenbruch und zwei Operationen, die wiederum schmerzhafte Komplikationen nach sich zogen. So ging es nicht mehr weiter. Zufällig stiess sie auf Schriften der Lebensreform-Bewegung, die ihren Blick weiteten. Sie verzichtete zunächst auf Schweinefleisch, bevor sie ihre gesamte Ernährung auf Rohkost umstellte. > «Besonders in den 1930er- und 1940er-Jahren etablierte sie ein Kurswesen, baute ein Sonnenbad «Lichtwärts» und knüpfte ein enges und internationales Netzwerk mit Gleichgesinnten wie dem bekannten Arzt Maximilian Bircher-Benner (bekannt als Erfinder des Birchermüesli).» Den radikalen Wandel zur veganen Ernährung wollte Mina Hofstetter auch auf dem Bauernhof vollziehen. Da sich ihr Mann nicht von der Idee einer viehlosen Landwirtschaft überzeugen liess, richtete er, der ursprünglich Schreiner gelernt hatte, im Ökonomieteil eine Schreinerei ein. Seine Frau dagegen war nun frei in ihren Anbaumethoden und machte den Hof Stuhlen bei Ebmatingen im Kanton Zürich zu einem Versuchsfeld für biologischen Landbau. Besonders in den 1930er- und 1940er-Jahren etablierte sie ein Kurswesen, baute ein Sonnenbad «Lichtwärts» und knüpfte ein enges und internationales Netzwerk mit Gleichgesinnten wie dem bekannten Arzt Maximilian Bircher-Benner (bekannt als Erfinder des Birchermüesli). Das Lebenswerk von Mina Hofstetter war beeindruckend und radikal anders. Als verheiratete Frau und siebenfache Mutter – nicht ledig oder verwitwet wie die meisten Pionierinnen ihrer Zeit – schuf sie auf ihrem Hof einen internationalen Treffpunkt für biologischen Landbau. Dabei war sie die Essenz jenes agrikulturellen Laboratoriums, in welchem beispielsweise 1947 die «Genossenschaft biologischer Landbau» (heute: Bioterra) gegründet wurde. ### Europa dämmert vor sich hin URL: https://www.schweizermonat.ch/europa-daemmert-vor-sich-hin/ Last updated: 2026-06-11T13:41:35.000Z Ohne aufzuwachen, steigt der Schlafwandler aus dem Bett und irrt durch den Tag. Es war Hermann Broch, dem es mit seiner Romantrilogie «Die Schlafwandler» gelungen ist, die Realitätsflucht und die Orientierungslosigkeit des modernen Menschen so zu beschreiben, dass sich bis heute davon lernen lässt. Besonders lehrreich sind die Hauptfiguren Pasenow, Esch und Huguenau, die Broch auf seine Triologie verteilt: Pasenow lebt im Jahr 1888 in einer Welt der anbrechenden Moderne, die seinen Sinn für Tradition, militärische Ehre und lutherischen Gottesglauben erschüttert. In seiner Zerrissenheit flüchtet sich Pasenow in die Konventionen seiner Herkunft. Er ist ein Schlafwandler, weil er die Versatzstücke seines Lebens nicht mehr zusammenbringt, sondern nur noch romantisch verklärt. Dann ist da Esch, der Held des zweiten Romanteils im Jahre 1903: Er ist den Fährnissen der fortschreitenden Modernisierung mehr ausgesetzt als Pasenow. Esch ist Hilfsbuchhalter und wird entlassen. Er verliert sich in der Welt des Varietés und einiger dubioser Gelegenheitsjobs. Er ist stets voller Groll und Wut, innerlich beschädigt, aber wie Pasenow unfähig zur korrigierenden Tat. Der Held des dritten Romanteils im Jahre 1918 heisst Huguenau. Er biedert sich bei den Mächtigen seines Umfelds an und wird zum Mörder. Dennoch etabliert er sich nach dem Ende des Krieges als angesehener Kaufmann und spiessiger Familienvater. Anders als Pasenow und Esch ist Huguenau ein Tatmensch, ein skrupelloser und wertfreier Opportunist, der stets seinen eigenen Vorteil sucht. ## Wachsam, aber blind Die drei schlafwandelnden Helden Brochs bilden die adelige, proletarische und bürgerliche Soziologie dessen, was Christopher Clark in seinem monumentalen Geschichtswerk aus dem Jahre 2012 mit dem gleichnamigen Titel «Die Schlafwandler» zu erklären versucht: die Tragödie des Ersten Weltkrieges. Clark stellt jene Leute in den Mittelpunkt, die als politisch Handelnde beim Ausbruch des Krieges involviert waren: Kaiser, Könige, Minister, Diplomaten und Generäle der damaligen europäischen Mächte. Er zeigt auf, dass diese Akteure in äusserst komplexen Netzwerken miteinander verbunden waren, in denen gefährliche Iterationen aufgebaut wurden und sich gleichzeitig schädliche Narrative entwickelten, die nur einen mässigen Bezug zur Realität hatten: «In diesem Sinne waren die Protagonisten des Jahres 1914 Schlafwandler: wachsam, aber blind, von Träumen heimgesucht und doch blind für die Realität des Grauens, das sie der Welt bescheren würden.» Hermann Broch sah im modernen Roman eine Form der allgemeingültigen Erkenntnis, die das Wissen der Philosophie oder der Wissenschaft ergänzt, indem der Schriftsteller Schattierungen, Emotionen und weiche Tatsachen vermittelt, die dem harten Positivismus entgehen. Der Roman darf nicht nur Epochenerzählung sein; er muss eine Theorie präsentieren. Brochs Theorie des Schlafwandelns lag in dem, was er als den «Zerfall der Werte» bezeichnete, der die Neuzeit und die Moderne seit der Renaissance und der Reformation begleitet: den Verlust eines gemeinsamen Mythos, einer einheitlichen Religion und einer verbindenden Weltsicht, was zum Aufstieg von Sekten aller Art, Vereinzelung, Orientierungslosigkeit und dem Verlust der Verbundenheit mit den Dingen führt. Mit Pasenow, Esch und Huguenau präsentieren uns die «Schlafwandler» Figuren, die wir bis heute beobachten können. 2026 kommt die Romantik von Pasenow in einem «Juste Milieu» daher, das jedermann auf einen korrekten Zeitgeist einschwören möchte und darob Kreativität und Tatwille verbannt. Die Figur des Esch hat ihren Wiedergänger im zornigen Schwurbler, der Verschwörungstheorien anhängt und die Welt wieder in Ordnung bringen möchte, mitunter auch mit Gewalt. Und Huguenau? Ist er nicht der stets geschmeidige Gevatter der zahllosen kleineren und grösseren Machtmenschen, wie wir sie in den Wandelhallen der Parlamente und in den Konferenzzimmern der Grosskonzerne antreffen: wohlwollend und beflissen, aber ohne Sicht auf die gelegentlich fatalen Konsequenzen ihrer Tätigkeit? ## Grössere und kleinere Zwerge Christopher Clark weist gleich selbst auf die anhaltende Aktualität seiner Analyse hin. Seit dem Mauerfall sei die Welt ähnlich unsicher geworden wie zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg; beispielsweise hätten bei der fast gescheiterten Eurokrise die Politiker ebenso schlafwandlerisch und chaotisch gehandelt wie ihre Kollegen hundert Jahre früher. Man möchte anfügen, dass sich Europa auch im Falle der grossen gegenwärtigen Bedrohungen wie der russischen Aggression, der Migration und der zunehmend politischen Radikalisierung in Realitätsverweigerung und Tatenlosigkeit verliert. All das muss nicht sein. Letzten Endes könnten die Politiker der verschiedenen Nationen Europas koordiniert und wohlwollend einige Missstände, die miteinander vernetzt sind, in Ordnung bringen. Sie können tun, was die Clark’schen Akteure von 1914 unterliessen: Zusammenhänge sehen, gefährliche Iterationen durchbrechen und verschwörerische Narrative entzaubern. So würde eine bessere Kontrolle der Migration sowie ein massvoller Rückbau des Subventions- und Sozialstaates finanzielle Mittel für eine effektivere Sicherheitspolitik freispielen, womit die Unsicherheit und Frustration der Leute zurückginge; eine Deregulierung der einzelstaatlichen und supranationalen Bürokratien könnte Innovation und Produktivität in den Kontinent zurückbringen; ein Aufbrechen des beengenden Zeitgeistes würde die Menschen selbstbewusster machen. > «Europa auch im Falle der grossen gegenwärtigen Bedrohungen wie der russischen Aggression, der Migration und der zunehmend politischen Radikalisierung in Realitätsverweigerung und Tatenlosigkeit verliert.» Zuallererst müssten aber unsere Machtpolitiker, die von einem Europa auf Augenhöhe mit China und Amerika träumen, ihre schlafwandlerischen Grossmachtfantasien über Bord werfen. Europa wird nie eine Grossmacht wie Amerika oder China sein. Amerika und China sind grosse Nationalstaaten mit einer weitestgehend einheitlichen Sprache, Kultur und Philosophie. Amerika wird durch das grosse Verfassungsnarrativ zusammengehalten, das mit der Unabhängigkeitserklärung, den Federalist Papers und der Gettysburg Address geschrieben wurde; seine einflussreichste Philosophie, der Pragmatismus, hat die Nation auf Tatkraft ausgerichtet. Ähnliches gilt für China mit dem Kommunismus und dem Konfuzianismus. Europa hat nichts Ähnliches. Unsere Philosophen haben sich in der Dialektik, der Dekonstruktion und einer nichtssagenden Diskursethik verloren und dabei die Praktikabilität der Scholastik, Lockes, Humes und Hobbes’ in die Wüste geschickt. Der einzige zentrale europäische Wert, der den Wertezerfall wirklich überlebt hat, ist das «Europa der Vaterländer», also die Idee, dass Europa ein Kontinent vieler Völker ist. Dieser Wert ist unter den Einwohnern Europas lebendiger denn je und verwirklicht sich immer wieder neu; man muss nur in die Ukraine, den Balkan oder nach Katalonien schauen. Weder eine supranationale Bürokratie noch die Idee eines Verfassungspatriotismus kann das aus der Welt schaffen – beides ist in einem vibrierenden Vielvölkergebilde wie Europa so weltfremd wie Joachim v. Pasenows romantische Ersatzhandlungen in Brochs Roman. Und deshalb ist Europa kein Riese, sondern eine Ansammlung von grösseren und kleineren Zwergen. Wenn man an die grossen europäischen Katastrophen denkt, sind diese Zwerge zwar wohl beraten, sich solidarisch die Hand zu geben, aber sie dürfen nicht vergessen, dass sie eigenständige Nationen sind. Bei richtiger Beleuchtung werfen auch Zwerge grosse Schatten. Der Ökonom Alberto Alesina hat schon vor Jahren empirisch nachgewiesen, dass kleine Staaten erfolgreicher sind als grosse. An diesen Charme der Kleinheit und Vielfalt Europas sollen wir uns halten, und auch an den Ausruf des Apostels Paulus, mit dem Hermann Broch seinen Roman schliesst: «Tu dir kein Leid! Denn wir sind alle noch hier!» ### 250 Jahre Missgunst URL: https://www.schweizermonat.ch/250-jahre-missgunst/ Last updated: 2026-06-11T14:54:06.000Z Der 250\. Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten markiert nicht nur ein amerikanisches Jubeljahr, sondern auch das Jubiläum eines klassenübergreifenden Ressentiments – das des Antiamerikanismus. Amerika ist ein Mythos. Er wird von seinen Verächtern am Leben gehalten, im Versuch, ihn stets aufs Neue zu Grabe zu tragen. Der amerikanische Politikwissenschafter Andrei S. Markovits sprach einmal vom «Antiamerikanismus als europäischer Lingua franca» und ergänzte: Lange bevor die USA zur dominierenden Weltmacht aufstiegen, «wurden sie von den Europäern bereits als ein bedrohlicher Gigant angesehen und gefürchtet». War Amerika dennoch einst Sehnsuchtsort für viele Menschen, die Europa oder später den Ostblockstaaten den Rücken kehren wollten, sind die USA inzwischen zu einer der meistgehassten Nationen der Erde geworden. Dabei ist die ihnen zugeschriebene Rolle im Wandel: War Amerika früher der abtrünnige, unbedarfte Parvenü, dann der übermächtige, unheimliche Hegemon, sehen manche die USA inzwischen nur noch als reaktionären Gegenpol auf der anderen Seite des Atlantiks. ## Die eingespielte Empörung So unterschiedlich auch eingeschätzt wird, welchen Platz die USA einnehmen (werden), so einig ist man sich von jeher darin, wie sie ticken: Wer auf die «blöden Amis», ihre Anmassung, ihre Kulturlosigkeit oder ihre lasterhafte Verkommenheit schimpft, hat alle Sympathien auf seiner Seite, obwohl er sich reichlich abgegriffener Feindbilder bedient. Besonders geistreich und originell wirkt es nicht, wenn jede Empörung über die oberflächliche Massengesellschaft der USA seit 250 Jahren auf fast die gleiche Art und Weise ausbuchstabiert wird. In der Ablehnung der USA ist man höchstens etwas politisch korrekter geworden: Vom Sündenpfuhl, von Degeneration oder «Verjudung» würde heute wohl kaum jemand mehr sprechen, auch wenn die zugrunde liegende Gefühlswallung aus Neid, Ekel und Groll die gleiche bleibt. Dass in der Ablehnung der USA und des angeblich so freizügigen American way of life dabei immer wieder der Abscheu vor dem Verdorbenen hervortritt, ist auf den ersten Blick paradox: Schliesslich ist die US-amerikanische Geschichte tief vom Puritanismus geprägt. Der Soziologe Max Weber schrieb nach seiner Amerikareise einst, das amerikanische Leben sei stark beeinflusst von der Menge «säkularisierter Sprösslinge des alten puritanischen Kirchentums». Die den USA immer wieder vorgeworfene Dekadenz und Sittenlosigkeit war von Beginn an eine fantasievolle Zuschreibung, die von Ankläger und Angeklagtem gleichermassen abgelehnt wurde. Insofern ist der Antiamerikanismus nur eine ins Gegenteil verkehrte Bewunderung: Der amerikanische Gedanke der Einzigartigkeit («exceptionalism»)wird vom Rest der Welt angenommen und ins Gegenteil, in verabscheuungswürdige Minderwertigkeit, verkehrt. Verbittert musste schon im 18\. und 19\. Jahrhundert der Gedanke von sich geschoben werden, es könnte «da drüben» besser sein: Umso losgelöster waren die Projektionen von der Realität. Das eint die Amerikaidealisten bis heute mit den Amerikahassern. Was sich heute geändert hat, ist erstens, dass der Siegeszug der Demokratie und der Untergang der alten feudalen Gesellschaft schon lange keine US-amerikanischen Alleinstellungsmerkmale mehr sind. Zweitens kann man in der 250-jährigen Geschichte der Grossmacht allzu viel finden, was als Beispiel zur Kritik oder (weit öfter) Verächtlichmachung dienen kann. Der Antiamerikanismus des 21\. Jahrhunderts ist deswegen rücksichtsloser oder hemmungsloserals je zuvor: Der «American Dream», den man schon immer für eine billige Täuschung und nicht für eine Utopie hielt, sei tot, das amerikanische Weltpolizistengebaren sei gescheitert und die USA würden nicht mehr die Zukunft repräsentieren. Stattdessen seien sie eine von innen zerfressene Demokratiehülle, die auf absehbare Zeit in sich zusammenfallen werde. Vor drohender Amerikanisierung wird kaum noch gewarnt – zu sicher ist man sich links wie rechts darin, dass das Zeitalter des amerikanischen Imperiums vorbei sei. > «Der Antiamerikanismus des 21\. Jahrhunderts ist rücksichtsloser oder hemmungsloser als je zuvor.» Dagegen könnte man vorbringen, dass die USA zumindest kulturell immer noch den Ton vorgeben: Trends, Debatten und Zeitgeistphänomene sind im Rest der Welt oft nur Wiederholungen, die es in den USA bereits zuvor gegeben hat. Auch der Vorwurf des oberflächlichen Materialismus zielt, einzig gerichtet gegen die USA, in einer globalisierten kapitalistischen Welt ins Leere. Misst man sich nicht die ganze Zeit am nunmehr universalisierten Gesellschaftsmodell der USA, auch wenn man die Vereinigten Staaten in jeder Hinsicht ablehnt und verspottet? Der Mythos Amerika scheint selbst in Zeiten seines Niedergangs noch mehr Strahlkraft zu besitzen als der vielbeschworene «europäische Geist». Mit Mythen beladen war die Idee der amerikanischen Freiheit von jeher, die europäische Idee wirkt dagegen wie der nachträgliche und aufgezwungene Versuch einer Legendenbildung. Das ist vor allem dem fehlenden einheitlichen Selbstverständnis auf europäischer Seite zuzuschreiben. Vom Mut zur Selbstglorifizierung, wie er in den USA gang und gäbe ist, hat man sich nie anstecken lassen, weil die Bedingungen dafür fehlen. > «Der epochemachende Zukunftsoptimismus ist zu romantischer Nostalgie geschrumpft.» In den Antiamerikanismus der letzten Jahre hat sich jedenfalls ein hämischer Ton eingeschlichen, der von Siegesgewissheit und Schadenfreude zeugt. Dass die Dominanz der USA historisch immer auch die Dominanz des demokratischen und – mindestens im Vergleich zum Rest der Welt – freien Westens bedeutete, wird geleugnet oder dessen Verfall immer öfter auch offen bejubelt. Parallel dazu verläuft auch die Amerikaverklärung als Projekt des Wiederaufbaus: Amerika soll wieder grossartig gemacht werden, nachdem es seine Grösse verloren hat. Der epochemachende Zukunftsoptimismus ist zu romantischer Nostalgie geschrumpft. ## Vom Hegemon zur Demokratiehülle Was das antiamerikanische Ressentiment geflissentlich ignoriert, ist, dass man die Brüchigkeit des amerikanischen Glücksversprechens in der US-amerikanischen Kultur, die man ausserhalb der USA für nicht existent hält, tiefgreifender reflektierte, als es die Selbstgefälligkeit des Antiamerikanismus jemals zugelassen hat: Gerade indem man die Widersprüche des Freiheitsversprechens aufzeigte und kritisierte, anstatt es einfach zu verwerfen. Den «American Dream» für tot zu erklären, ist ein Topos, der die amerikanische Kulturgeschichte von Anfang an begleitet hat. Die Anziehungskraft, aber auch die Fallhöhe der amerikanischen Ideale wurden schon in den Romanen von John Steinbeck oder F. Scott Fitzgerald auf eine Weise verhandelt, von der der plakative Antiamerikanismus nie etwas wissen wollte. Man findet bei diesen Autoren ein Motiv, das die US-amerikanische Kulturproduktion in der Literatur, im Film und in der Musik bis heute mitbestimmt: Das Verheissungsvolle der versprochenen Freiheit und des Individualismus – also der Abwesenheit von Tradition, Sippe und Vorherbestimmung – kippt allzu oft ins Bedrohliche und Unbehagliche. Auf den Traum folgt der Verfall – oder das selbstbehauptende Beharren darauf, auch im Scheitern noch an seinen Idealen festzuhalten. Schliesslich beruht der Exzeptionalismus des amerikanischen Grundgedankens auch auf einem ursprünglich religiösen Erlösungsgedanken, der bis heute im Freiheitspathos und Patriotismus der USA nachschwingt und für ausländische Beobachter mitunter skurril wirkt. ## Am Ideal scheitern – nicht am Klischee So muss man wohl folgende Beobachtungen verstehen, die der inzwischen verstorbenefranzösische Philosoph Jean Baudrillard in seinem 1986 erschienenen – aber immer noch aktuellen Werk – «Amerika» sammelte. Entstanden ist ein Buch, das keineswegs proamerikanisch, aber eben auch nicht plump antiamerikanisch ist. So schreibt Baudrillard: «Die Vereinigten Staaten sind die verwirklichte Utopie. Die idyllische Überzeugung der Amerikaner, der Nabel der Welt, Weltmacht und absolutes Modell zugleich zu sein, ist nicht ganz falsch.» Und weiter: «Mit einer an Unverträglichkeit grenzenden Naivität hat sich diese Gesellschaft auf die Idee versteift, die Verwirklichung all dessen zu sein, wovon andere immer geträumt haben.» Eine gewisse europäische Arroganz im Blick auf die Vereinigten Staaten kann man Baudrillard, der diese Zeilen in den 80er-Jahren schrieb, nicht absprechen; er liess allerdings auch eine Faszination zu, die der geläufige Antiamerikanismus ansonsten nur in Antipathie kanalisiert. Auch der Philosoph Theodor W. Adorno, der als Emigrant einige Jahre in den USA lebte, nahm die Versprechen und Mythen der US-Gesellschaft nicht beim Wort. Im Gegensatz zum Amerikareisenden Alexis de Tocqueville, der Anfang des 19\. Jahrhunderts die USA erkundete, fand Adorno keine Bedingungen mehr vor, die zum Schwärmen einluden. Tocqueville hatte einst noch die «Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen» gelobt; Adorno hingegen blickte auf eine veränderte Realität. Beeindruckt zeigte er sich von der «Güterfülle» und der «Durchdringung der Gesamtgesellschaft mit einer Humanität im unmittelbaren Verhalten». Zugleich erkannte er in der «durch und durch vergesellschafteten Gesellschaft» der USA einen übersteigerten Konformismus anstelle des eigentlich versprochenen Individualismus. Die Kluft zwischen Ideal und Realität stachelte Adorno jedoch nicht gegen das Ideal selbst auf, sondern gegen die unversöhnte Realität: Nicht das in den USA auch seinerzeit noch vorhandene Gefühl, «dass alles möglich wäre», sei das Problem, vielmehr die Tatsache, dass es nur bei diesem Eindruck bleibe. ## Faszination jenseits von Antipathie Der französische Publizist Bernard-Henri Lévy bot in seinem 2007 erschienenen Buch «American Vertigo» eine ähnlich interessante Erklärung für das Faszinosum Amerika an: Die USA verbündeten in ihrer unermesslichen Weite, die gleichzeitig Vielfältigkeit und Leere biete, die «Ultramoderne» mit «extremem Archaismus». Sie stünden für die Vereinigung des prähistorischen und posthistorischen Traums. Folgt man Lévy darin, erklärt das wohl die Zeitlosigkeit der positiven wie negativen Reaktionen auf das Experiment Amerika. Den Gestus der kritischen Würdigung nahm auch der Historiker Karl Schlögel in seinem wenige Jahre alten Buch «American Matrix» ein. Darin versuchte er, ausgehend von einer Vielzahl von Ikonen der amerikanischen Alltagskultur – Highways, Nationalparks, Museen, Wolkenkratzer, Motels, Einkaufszentren –, zu präzisieren, was die USA auszeichnet – beziehungsweise was sie im «grossen amerikanischen Jahrhundert», dem 20\. Jahrhundert, so prägend gemacht hat. Schlögel entwirft das Bild einer mit sich ringenden, in Teilen hinfälligen, deswegen aber nicht umso weniger bewundernswerten Zivilisation. Oder um es mit Baudrillard zu sagen: Die Vereinigten Staaten «sind ein Paradies. Das Paradies ist, was es ist, düster zu Zeiten, monoton und oberflächlich, aber es bleibt das Paradies.» ### Europas Stärke war nie die Einheit: Seine Zukunft ist kleinteilig URL: https://www.schweizermonat.ch/europas-staerke-war-nie-die-einheit-seine-zukunft-ist-kleinteilig/ Last updated: 2026-06-11T13:36:06.000Z Die Staaten in Europa befinden sich in einer multiplen Krisenlage. Am Beispiel Deutschlands zeigt sich neben der Erosion der inneren Sicherheit und weiteren Missständen eine gnadenlose Überschuldung. Der wachsenden Vertrauenskrise begegnet die EU mit einem amoralischen Zensurregime. Offenkundig soll die Informationslage der Bürger eingeschränkt und kontrolliert werden, welche Inhalte sie erreichen. Der selbstständig denkende Mensch, der die Narrative des Staates hinterfragt, wird zum Feindbild stilisiert. Statt die Ursachen anzugehen, widmen sich staatliche Akteure der Symptombekämpfung – auch, um vom eigenen Versagen abzulenken. Dabei liegt die Ursache vielfach beim Staat selbst. Europa reüssierte stets dann, wenn seine Regionen im Wettbewerb miteinander standen. Die Antwort auf die «Brüsseler Einfalt» könnte daher in einem vielfältigen Europa liegen – einem Europa der «tausend Liechtensteins» und der absoluten Wahlfreiheit. ## Ein Angebot, das der Bürger nicht ablehnen kann Wenn ein Unternehmer mit knappen Ressourcen schlecht umgeht und die Präferenzen der Menschen falsch einschätzt, schreibt er Verluste und verschwindet aufgrund dieser marktwirtschaftlichen Haftungsanreize möglicherweise von der Bildfläche. Ein Unternehmer kauft Produktionsfaktoren ein, stellt daraus Produkte her oder erbringt Dienstleistungen. Nur wenn das Endprodukt am Markt – also auf Basis frei ablehnbarer Angebote – einen höheren Preis erzielen kann, wird er auf Dauer wirtschaftlich überleben. Der Unternehmer orientiert sich dabei an den Entwicklungen der Marktpreise und richtet seine Produktion entsprechend aus. Bei staatlichen Akteuren ist das komplett anders. Sie produzieren Kosten und können nicht auf marktwirtschaftliche Preisinformationen zurückgreifen. Die Kosten für sämtliche staatliche «Dienste» explodieren deshalb, weil ein Regulativ fehlt. Die Menschen können nicht einfach Nein sagen; dieser disziplinierende und Grenzen setzende Faktor fällt weg. Ihr subjektives Werturteil fliesst nicht in die Prozesse ein. Ohne Preisverläufe fehlt den zentralen Planern die Information, was, wann, wo und in welcher Menge benötigt wird. Ohne Werturteil keine beidseitige Wertschätzung – und damit auch jede wirksame Begrenzung von Kosten und Qualität. Kostenexplosion und Qualitätsverfall sind auf mittlere und lange Sicht die Folgen. Die damit verbundenen Ressourcenverschwendungen sind exorbitant und gehen zulasten der Umwelt. Das Problem des Staats als systemischer, pathologischer Umweltsünder wird öffentlich nahezu vollständig ausgeblendet, obwohl der Umweltschutz das zeitgenössische Thema schlechthin zu sein scheint. Die explodierenden Kosten und das expansive Staatswachstum mindern zudem den Wohlstand der Bürger. Den Qualitätsverlust bei der inneren Sicherheit haben ebenfalls die Menschen auszubaden – allerdings ohne die Möglichkeit, ihre Zahlungen zu reduzieren. Unternehmer schätzen die Bedürfnisse ihrer Kunden empathisch ein und achten auf den Substanzerhalt ihrer Produktionsmittel. Staatliche Akteure haben diese Anreize nicht. Im Grunde landet man hier beim Philosophen Nietzsche, der den Staat sinngemäss als kaltes Ungeheuer beschrieb. Im heutigen Umfeld lässt sich kein Preis für die Sicherheit bestimmen. Warum? Kurz gesagt: weil die Menschen keine Wahl haben und nicht gefragt werden, was ihnen diese Leistung – oder Unleistung – wert ist. ## Warum kleine Staaten friedfertig sind In den heutigen Leitmedien wird die Diversität gerne hochgehalten. In den wichtigsten Bereichen der menschlichen Kooperation herrscht jedoch die Einfalt – es lässt sich gar eine Zwangsmonopolisierung erkennen. Die Präferenzen der Menschen werden dabei unterdrückt. Es gibt heute keinen Markt für gemeinschaftliches Zusammenleben. Die meisten europäischen Staaten sind in Bezug auf Staatsquote und staatliche «Aufgabenfelder» ähnlich strukturiert. Böse gesagt handelt es sich um ein Staatenkartell. Der Wettbewerb um das beste «Staatsprodukt» ist ausgehebelt. Als freiheitlicher Mensch würde ich mir niemals anmassen, anderen Menschen mein «Staatsmodell» aufzuzwingen. Analog zum Konzept der Freien Privatstädte (auf Basis eines unveränderbaren Vertrages) von Titus Gebel würde ich es vielmehr als ablehnbares Angebot verstehen und mich dem Wettbewerb stellen. Je intensiver der Wettbewerb ist und je grösser die Zahl der Anbieter, desto stärker wirkt sich das auf Preis und Qualität aus. Das spricht für tausend Liechtensteins. Entscheidend ist dabei auch, dass kleine Staaten wesentlich friedfertiger sind. Da sie ihren Wohlstand nur in Kooperation mit anderen Ländern sichern können, verfügen sie über einen eingebauten Friedensanreiz. Grosse Staaten hingegen neigen eher dazu, sich den Ressourcen und der Wertschöpfung anderer Länder habhaft zu machen. Ludwig von Mises brachte dies im Kontext eines kleinteiligen Europas einst auf den Punkt: «Wer Frieden zwischen den Völkern wünscht, sollte den Staat auf das Stärkste einzuschränken versuchen.» Eine maximale Friedenstendenz und ein im globalen Massstab aussergewöhnlich hoher Wohlstand gehören zu den Ergebnissen, die kleine Staaten hervorbringen. Liechtenstein, Singapur, die Schweiz und Luxemburg wären als aktuelle Beispiele anzuführen. > «Kleine Staaten wesentlich friedfertiger sind. Da sie ihren Wohlstand nur in Kooperation mit anderen Ländern sichern können, verfügen sie über einen eingebauten Friedensanreiz» ## Der Wettbewerb hegt die Macht ein Wettbewerbsdruck schafft positive Anreize. Anbieter können sich schlichtweg nicht alles erlauben, die Preise einfach so anheben oder die Qualität ihrer Dienstleistungen oder Güter absenken. Die Menschen haben die Wahl, stimmen mit den Füssen ab und wenden sich anderen Anbietern zu. Wettbewerb wirkt folglich entmachtend. Im Umkehrschluss führt die Unterminierung des Wettbewerbs zu mehr Machtkonzentration. Der entsprechende Sektor verkommt zum Herrschaftsinstrument. Die wichtigsten Märkte der Menschheit sind heute keine echten Märkte mehr – sie sind vermachtet. Das gilt etwa für Bildung, das Geldwesen, die Medien, die Rechtsprechung und vor allem für die Rechtsetzung. Menschliche Bedürfnisse sind subjektiver Natur. Sie variieren je nach technologischem Entwicklungsstand und hängen vom jeweiligen Lebenskontext ab. Bezogen auf das ideale Staatsmodell lässt sich folglich nicht die eine Lösung für «jeden Menschen» konzipieren. Die Angebote für menschliches Zusammenleben sollten nicht – wie heute – absolut sein. Sie müssten sich an der subjektiven Nachfrage der Menschen orientieren und schadlos ablehnbar bleiben. Im wettbewerblichen, dynamischen Entdeckungsverfahren würde sich zeigen, welches Modell für wen das Rennen macht. ## Die Deutsche Hanse als Vorbild Zu Hochzeiten der Deutschen Hanse warben 200 Freie Städte um die Gunst der Händler. Die Hansestädte standen untereinander im Wettbewerb. Sie liefern damit ein leuchtendes Vorbild für ein zukünftiges freies Europa der Vielfältigkeit. Je mehr Freiheit und Privilegien eine Stadt den Händlern zugestehen vermochte, desto attraktiver war sie – und desto grösser war ihr Zulauf. Die Städte gingen aktiv auf die Bedürfnisse der Händler ein. Zentralistisch vordiktierte Gesetze, wie wir sie heute kennen, gab es in dieser Zeit nicht. Der Zusammenschluss der Hanse beruhte – ohne Verfassung – auf vertraglicher und freiwilliger Basis. Es galt das autonome Händlerrecht, die sogenannte «Köre» (Kür). Die Händler kombinierten ihre Verträge, indem sie auf den Standards der jeweiligen Städte wie Hamburg, Bremen oder Einbeck aufsattelten. Mehrheitsentscheidungen oder Dekrete spielten bei der Entscheidungsfindung keine Rolle. Die Händler der Hanse fällten ihre Entscheidungen subsidiär nach dem Konsensprinzip. Im Gegensatz zu Mehrheitsentscheidungen gilt eine Entscheidung im Konsensverfahren erst dann als angenommen, wenn keine Einwände mehr vorgetragen werden. Gerade die Einwände einer Minderheit können sehr wertvoll sein und Gesellschaften vor teuren und folgenreichen Fehlentscheidungen bewahren. ## Der Weg in den Nonzentralismus Die Akzeptanz der herrschaftlichen Rechtsetzung ist das Meisterstück der Gegenaufklärung. An ihre Stelle sollte das Konsensverfahren und das vereinbarte Recht treten. Die konsensbasierte Entscheidungsfindung funktioniert allerdings nur in kleinen, halbwegs homogenen Gemeinschaften. Insofern handelt es sich um ein Werkzeug, das automatisch zum Nonzentralismus führt. In kleinen Gemeinschaften kennt man sich, und Menschen haften mit ihrem Gesicht für die Konsequenzen ihres Handelns. Die anonyme Massengesellschaft der heutigen Zeit ist hingegen das kalte Gegenmodell. Allerdings erleben wir auch heute, dass junge, flexible und souveräne Menschen mit Ambitionen und Leistungswillen dorthin gehen, wo sie am besten behandelt und am geringsten besteuert werden. Einige entziehen sich der Besteuerung komplett, indem sie permanent reisen. Die heutigen grossen Zentralstaaten in Europa geraten dadurch unter Druck und könnten im Laufe der Zeit einem wettbewerblichen Umfeld weichen. Die Gründe für diese Entwicklung sind erdrückend und an der Stelle sollte man die systemische Krise als grosse historische Chance begreifen. Herrschaft von Menschen über Menschen ist, selbst wenn die Mehrheit sie befürwortet, letztlich mit Zwang und Gewalt verbunden und sollte aus freiheitlicher Sicht grundsätzlich abgelehnt werden. > «Jeder Mensch sollte die Möglichkeit der Sezession haben, wenn er mit gewissen Entscheidungen seiner Gemeinschaft nicht einverstanden ist.» **Recht auf Sezession** Freiheit bedeutet für mich die Abwesenheit von Zwang – und die Möglichkeit, Nein sagen zu können. Frieden ist die absolute Abwesenheit initiierender Gewalt. Die heutigen Staaten beruhen auf Zwang, der unter Androhung von Gewalt ausgeübt wird. Gerade die grossen Staaten zeichneten sich in der Historie immer wieder durch expansives und kriegerisches Verhalten aus. Der Gegenentwurf ist eine Welt aus schadlos ablehnbaren Angeboten, in denen Menschen auf natürliche Weise frei kooperieren können. Die Menschen sollten vor Ort, dort, wo die Herausforderungen anstehen, selbstbestimmt ihre Geschicke in die Hand nehmen. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit der Sezession haben, wenn er mit gewissen Entscheidungen seiner Gemeinschaft nicht einverstanden ist. Im März 2010 veröffentlichte Fürst Hans Adam II. von Liechtenstein ein staatsphilosophisches Buch mit dem Titel «Der Staat im dritten Jahrtausend». Darin entwirft er eine radikale Neudefinition des Staates – weg von einer herrschenden Instanz und hin zu einem friedlichen Dienstleistungsunternehmen. Liechtenstein kann damit intellektuell und auch als flexible, kleine Staatseinheit, die sich an den Bedürfnissen ihrer Einwohner ausrichtet, als lebendiges Vorbild für ganz Europa gelten. ### Apocalypse Not: 50 Years of Environmental Panic – and Almost All of It Was Wrong URL: https://www.schweizermonat.ch/apocalypse-not-50-years-of-environmental-panic-and-almost-all-of-it-was-wrong/ Last updated: 2026-06-15T08:45:52.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-grosse-umweltapokalypse-wurde-immer-wieder-angekuendigt-doch-sie-blieb-aus/). Over the past half-century, environmentalists have predicted countless calamities. Their extreme predictions were typically wrong, their draconian countermeasures turned out to be mostly misguided, and we should be grateful we didn’t follow their harmful advice. We need to keep this history in mind as we are inundated with stories of climate Armageddon. Sensible, life-improving environmental policies over recent decades were rarely sold with fearmongering. Rich countries have dramatically reduced air and water pollution through technological advances and then through regulation. Poorer countries are starting to do the same thing, as they emerge from poverty and can afford to be more environmentally concerned. [Forests have expanded globally](https://essd.copernicus.org/articles/12/1217/2020/?ref=schweizermonat.ch), with this growth clear in rich countries and increasingly across the world. This isn’t the scary future we were promised by environmentalists. A recent [peer-reviewed study](https://www.inderscience.com/info/inarticle.php?artid=112896&ref=schweizermonat.ch) counts almost a hundred environmental doomsday predictions that environmentalists have made over the past half-century. Two-thirds of them predicted doom before August 2025, and *all* of these have turned out to be false. ## Running out of everything The first well-known environmental scare story was the 1968 book The *Population Bomb* which warned that the global population was out of control, and argued for widespread, forced sterilization. Given the inevitability of hundreds of millions of hunger deaths, the book also argued we should just stop food aid to countries like India. Thankfully, the world mostly ignored this misanthropic and amoral advice. Instead, scientists spearheaded the first Green Revolution that led to much higher crop yields and more than a billion more people well-fed. Today, India is the world’s [leading](https://en.wikipedia.org/wiki/List%5Fof%5Fcountries%5Fby%5Frice%5Fexports?ref=schweizermonat.ch) rice exporter. In 1972, *Limits to Growth* famously projected that food scarcity and pollution would cause global collapse. Time magazine predicted a future with a few, gaunt survivors desperately tilling freeway center strips in what used to be Los Angeles. The world would run out of everything from aluminum and iron to oil and food. This was the mood that shaped the world’s first UN Environmental Summit in 1972, when chairman Maurice Strong [declared](https://x.com/BjornLomborg/status/1424475720835899392?ref=schweizermonat.ch) that the world had only 10 years to avoid environmental catastrophe. He became the first director of the UN Environment Program and [argued](http://nla.gov.au/nla.news-page12220532?ref=schweizermonat.ch) that Doomsday was “very probable” unless we ended destructive economic growth. Thankfully, we didn’t listen to his advice. Instead, persistent economic growth [means](https://x.com/BjornLomborg/status/1890732090699722752?ref=schweizermonat.ch) more than three billion people – 41% of the world’s population – don’t live in extreme poverty. Predictions that we would run out of resources were astonishingly wrong: Instead of rationing the last resources, humanity chose innovation that allowed us to dramatically increase supply while lowering cost. In 1980, the world had enough oil for 30 years of 1980-level consumption. Since then we have used all the oil we thought was left and 80% more, yet because of better technology we now have about 50 years left at our current, much higher annual consumption. The simplistic, alarmist predictions of the 1970s set the tone for decades, and are still seen in the climate alarmism that argues for expensive, inefficient policies by recycling many of the old worries of not enough food, and more weather catastrophes. Climate change is definitely a real challenge, but just like before, the scares are exaggerated. For food, this is clearly shown by one of the most quoted meta-studies published in Nature. If there was no climate change the world would see [51% more calories (in food) produced in 2050](https://x.com/BjornLomborg/status/1818603826523369825?ref=schweizermonat.ch) than in 2010\. Even with vastly worse climate change than expected, food would instead ‘only’ increase by 49%. A problem, not a calamity. And despite fearmongering about weather disasters, the hard data shows that the death toll from [floods, droughts, storms and wildfires](https://x.com/BjornLomborg/status/1874465593371353387?ref=schweizermonat.ch) has declined dramatically over the past century from half a million each year in the 1920s to less than 9,000 annually over the past decade – a 98% reduction. [Global climate-related damages](https://x.com/BjornLomborg/status/1881623527922536687?ref=schweizermonat.ch), measured in percent of GDP [as the UN insists](https://unstats.un.org/sdgs/metadata/?Text=&Goal=11&Target=11.5&ref=schweizermonat.ch), have been declining, not increasing since 1990. ## Boosting innovation instead of degrowth It is striking to note that the fearmongers’ proposed solutions today are much the same as they were in past decades: repent and turn away from progress. Ivory tower, rich world academics advocate de-growth even as the vast majority of the world is dependent on economic growth to get out of grinding poverty. Alarmist climate concern has become enshrined in policy, with nearly every rich country now endorsing the idea of achieving net-zero carbon emissions by 2050\. The best academic estimates show that the costs outweigh the benefits in the 21st century by 7 to 1, with policies to achieve this goal costing [an unaffordable US$27 trillion annually](https://x.com/BjornLomborg/status/1729916834600595632?ref=schweizermonat.ch). Climate economics clearly tells us that the most effective and cost-efficient approach to climate change is to invest significantly in research and development for low-CO₂ energy. By boosting innovation, we can achieve technological breakthroughs that will eventually make green energy more affordable than fossil fuels. Instead of just rich countries buying expensive green energy to feel virtuous, that can help the whole world to eventually switch because green is cheaper. Just as we should give thanks that we didn’t follow the failed jeremiads of the past, today we need to recognize that the resurrected climate doomsterism is not only mostly untrue but utterly unhelpful. ### Today Europe is no more than a digital colony of the US and China URL: https://www.schweizermonat.ch/today-europe-is-no-more-than-a-digital-colony-of-the-us-and-china/ Last updated: 2026-06-15T08:30:22.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/warum-der-europaeische-kontinent-keine-tech-giganten-hervorbringt-und-wie-sich-das-aendern-laesst/). Europe has talent, groundbreaking ideas, and plenty of money. Indeed, many of the key innovations that are the foundations of the tech revolution originated in Europe, such as the World Wide Web which was invented at CERN in Geneva. So why has our continent failed to produce any globally significant tech giant on par with what we see in the US or China? You often hear excuses about European bureaucracy or a deep cultural aversion to risk. But those are stereotypes that conceal the real reason. What Europe really lacks is a sustained demand for our own technology. When it comes to technology, we overwhelmingly prefer to buy from abroad rather than investing in our own capabilities, a tragic miscalculation which will have devastating consequences for the economic future of our continent. ## Replicating colonial practices The root cause of this dates back over 30 years ago to a fundamental misunderstanding by Europe’s political and economic leaders about the nature of technology. Technology was viewed as merely a cost, and when viewed through this lens, the rational thing to do is to optimize or minimize this cost, and hence massively outsource technology to the US and China. In reality, technology is not a cost, but a fundamental building block of the economy of the future, just like the 19th century steam engine was the fundamental building block for industrialization and economic growth. While Switzerland/Europe quickly learned the steam engine, we are not doing the same with technology. We buy 90 percent from abroad, and we have never developed the core competence and talent to scale it and develop it further since the majority of this R&D happens in the US and China. We don’t control the hardware, the datacenters, the chips, the software, the distribution, or any of the know-how. Also, unlike the steam engine that took decades to disseminate, tech is fundamentally different, it can be distributed globally instantly, and today faces zero barriers to market entry. Today, Europe pays the price for the lack of technology investment. Since the turn of the century, the vast majority of economic growth in the US and China has been driven by the booming technology sector, supporting 4-5 percent annualized GDP growth, while Europe remains stuck at 0-1 percent growth. As entire industries become more technologically driven, even industries where Europe has traditionally been strong have fallen into decline. Once we realize that the modern automobile has more in common with an iPhone than the automobiles of 10 years ago, the displacement of the European automotive industry by the nascent Chinese one becomes easy to understand. This pattern will inevitably repeat across many other sectors as more and more traditional industries become disrupted by technology. Unfortunately, today Europe is no more than a digital colony. One where American and Chinese companies come and extract the most valuable resource of the 21st century: Data. Converting that into high value services which Switzerland and Europe pay exorbitant prices for (due to the lack of any domestic options), while paying minimal taxes on their massive profits, replicating more or less the colonial practices of the 19th century, which did not turn out so well for the colonized. In this manner, our wealth flows directly to our geopolitical adversaries, while our public services and public finances move closer and closer to catastrophic collapse. ## Europe’s suicidal economic policy As bleak as this sounds, this is not Europe’s inevitable future and a different future is possible, if we have the courage to seize it. So how can we transform Europe into a tech superpower?The first thing that must happen is a mindset shift to realizing that technology is not a cost to be reduced, but an investment in the shared economic future of our home continent. If technology is an investment in future prosperity, the incentive is no longer to spend as little as possible, but invest as much as possible. For far too long, when it came to technology, Europe invested a little to lose a little, while the US and China invested big to win big. We must change the dynamic while we still have money, and before all our wealth has been shipped overseas. Today, Europe collectively spends approximately 200 billion euros a year on foreign technology, and a large proportion of this is from public procurement. In other words, our tax revenue is directly subsidizing the development of foreign tech giants who come back to our continent and subsequently destroy European tech companies via anticompetitive practices. This is a suicidal economic policy which must come to an end. While we can hardly dictate what private companies purchase, public procurement involves taxpayer money. Europe therefore needs a clear European preference when it comes to the public procurement of technology. At first glance, this may sound like a radical idea. In reality, it is anything but. The United States has long used targeted public procurement and defense-related spending to nurture its tech champions from their earliest stages. China, meanwhile, deploys enormous state-backed purchasing power to guarantee scale for its national priorities. In a world where both the US and China openly favor their own companies, what is truly radical is Europe’s refusal to do the same. Does protectionism in tech work? Yes, it does. China is the clearest example. By largely locking out US tech companies, it created the conditions for the emergence of its own powerful technology ecosystem. The United States pursued a similar strategy in its own way, extending major government contracts and billions in funding to strategically important tech companies during their growth phase. Microsoft, Amazon, Palantir, Tesla, and SpaceX all benefited from this approach. Europe once did the same. Airbus is a prime example. But today, we no longer have a coherent industrial policy when it comes to technology. Instead, we simply hope to become successful by accident. Some people posit that buying European will be more expensive, but in reality, it really is not (Proton Workspace is less expensive than Google Workspace or Microsoft 365 for instance, and there are many other examples). However, even if they were to be more expensive, top line cost is only one factor. European companies pay taxes here, and also employ people here, who then pay taxes and spend here, meaning that much of the spending flows back into our local economies, leading to real and sustainable GDP growth. Even more important are the aspects which we cannot put a price on, such as the defense of Europe’s sovereignty and strategic autonomy. ## Leveling the playing field Second, we need to crack down on the anticompetitive practices of US tech giants. Apple and Google, for example, effectively maintain a duopoly over the mobile ecosystem and currently charge European companies up to 30 percent of their revenue — not profit, but revenue — on sales made through mobile platforms. And today, mobile has become the dominant online platform, surpassing desktop traffic. In practice, this means that when Proton sells 100 Swiss francs worth of services on iOS, Apple takes 30 francs. Google does the same on Android. This is particularly damaging because an ever-growing share of online sales now takes place on mobile. It makes fair competition virtually impossible, as European companies are effectively forced to subsidize their main competitors. Third, we need to overcome Europe’s obvious structural disadvantages. In the United States, a tech company can launch products into a market of 350 million people who share one language, one legal system, and one currency. Meanwhile European companies confront a patchwork of languages, regulations, taxes, and at least a dozen currencies that slow momentum and increase costs. For this reason, we must set aside nationalism, and focus on a shared European patriotism because we will either sink or swim together. If instead of a European preference, we were to adopt a Swiss preference, France and Germany would likewise adopt a French or German preference and so on, with the end result of fragmenting the European market into smaller national markets, none of which are large enough on their own to enable the economies of scale which would allow globally competitive tech companies to emerge on our continent. It is only by putting the shared European interest first that we will have a chance to survive together, because unlike the economic models of the past, the economics of tech clearly favors scale. Finally, we need to reinforce the human values which make Europe unique today, and this is an area where Switzerland can help lead the way. As technology becomes more relevant, our appreciation for privacy, security, and trust become a true competitive advantage. We must reject proposals such as the revised [VUPF](https://www.nzz.ch/technologie/proton-ceo-andy-yen-wer-gesetzgebung-der-polizei-ueberlaesst-sollte-sich-nicht-wundern-wenn-er-eines-tages-in-einem-polizeistaat-aufwacht-ld.1916779?ref=schweizermonat.ch) ordinance which would bring Chinese style indiscriminate mass surveillance to Switzerland as this destroys the global competitiveness of our tech companies. Success will not come by copying the Silicon Valley or Chinese playbook and discarding the notion of human rights and privacy, but by carrying our traditional strength of trust into the digital future. ### Nature Doesn’t Optimize for Comfort: How Instability Makes You Resilient URL: https://www.schweizermonat.ch/nature-doesnt-optimize-for-comfort-how-instability-makes-you-resilient/ Last updated: 2026-09-23T21:05:58.000Z 0:00 /677 1× Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/das-gehirn-waechst-an-der-instabilitaet/). Recent advances in the study of complex adaptive systems suggest that concepts such as evolution by natural selection and differential fitness are insufficient to characterise nature and life, with the need to understand them as resulting from progressive dynamical acceleration. From chemical systems to life, ecosystems, and human societies, evolution favors configurations that increase their capacity and speed to transform, adapt, and amplify energy and information flows. This perspective has an immediate implication: in a world defined by accelerating change, resilience cannot be static. It must itself be dynamic, grounded in the ability to update, respond, and reorganize at increasing speed. The resilience of the whole ultimately depends on the resilience of its constituent individuals. Social and organizational structures matter, but they cannot compensate indefinitely for limitations in the individuals themselves, such as their capacity to learn and act under uncertainty. In a world of accelerating change, individual adaptiveness becomes a determinant of collective resilience. This raises a fundamental question: how can individuals maintain and develop this capacity? ## Not just recovery, but improvement One of us, Didier, was confronted with this question in the most concrete terms. In May 2023, a serious accident left protruding broken bones at the elbow and a fractured humerus under the head of the humerus. A three-hour surgery followed: a titanium rod driven into the bone, supplemented by screws and a steel cable at the elbow. Months of immobilization and conventional physiotherapy brought limited progress. At that age, with that severity, the prognosis was modest. In January 2025, a different protocol was introduced: ten minutes a day of controlled instability training on small inflatable fitballs, following the Logic Workout method developed by Paul-Emmanuel over more than fifteen years. Within weeks, ninety percent of mobility had returned. Six months later, Didier, who was 66 at the time, performed extreme push-ups pain-free, and could return to demanding physical activities such as kitesurfing and snowboard carving. The question was no longer abstract. The body had not merely recovered; it had improved. How is this possible? The answer, we hypothesize, is not muscular rehabilitation but the brain’s adaptive architecture and in what early human development reveals about the conditions under which that architecture best operates. Few processes show better the dynamics of acceleration and the control of instability than how infants progress from crawling to walking and running. The human body, with its high center of mass and narrow support base, is intrinsically unstable. Among roughly 7000 mammal species, humans are alone in consistently adopting such an unstable vertical posture. For an infant, learning to stand consists in developing continuous, fine-grained regulation of this instability through fast sensorimotor adjustments. This happens in parallel with the emergence of extraordinary prehension abilities, including the precise control of the hands and fingers that enables the manipulation of objects with dexterity, forming the foundation for the development of tools, technology, and ultimately human culture. Controlling the falling instability also coincides with the acquisition of language and the progressive construction of an internal three-dimensional representation of the world. These developments are deeply intertwined. The same neural architectures support balance, fine motor control, spatial mapping, and symbolic processing. What emerges is not merely locomotion, but an integrated system capable of stabilizing the body while acting upon the world with increasing precision, flexibility, and abstraction. This observation aligns with a principle from neuroscience. The neurobiologist Daniel Wolpert has proposed that the brain exists to produce movement to interact with the environment, test hypotheses, and continuously update internal representations and actions on the external world. He points to the sea squirt – an organism that, once it anchors itself to a rock and becomes permanently static, digests its own nervous system – as evidence that neural architectures adapt to demands. From this perspective, the human brain can be seen as a system whose extraordinary capabilities – language, reasoning, planning – remain grounded in its basic function of enabling adaptive, goal-directed interaction with a complex and changing world. Learning thus emerges not from stability, but from the continuous control and exploration of instability, and from the progressive mastery of accelerated falling dynamics. Here lies a paradox of modern life. As societies become more technologically advanced, they eliminate instability from everyday experience. Work is sedentary, environments are controlled, and physical activity is often reduced to repetitive, optimized routines performed on stable surfaces and along predetermined tracks. In doing so, we remove the conditions under which the brain evolved to learn and through which adaptability and creativity are fostered. The result is not only physical decline, shown in stiffness, chronic pain, and reduced coordination, but also a reduction in adaptive ability. Variability is what enables continuous updating. Without it, systems become locally optimized yet globally fragile: small disturbances are suppressed, only to reappear later as larger, less manageable failures. This mirrors the broader dynamics of industrial systems. Excessive optimization, implemented through centralization, specialization, and tight coupling, improves short-term efficiency but erodes resilience. It reduces variability and suppresses the ability to respond rapidly. The same principle applies at the individual level: a body and brain that operate only within narrow, predictable conditions lose their ability to adapt and to respond quickly under stress. A person who bench-presses 100 kilograms under controlled conditions can injure himself picking up a suitcase. Specialised muscles are strong. The system is fragile. The question, then, is how to reintroduce the conditions required for the continuous maintenance of high-level brain function, learning, and creativity in a modern world increasingly shaped by risk aversion, overregulation, uniformity, and chronic time scarcity. ## Systematic instability We have approached this problem by developing a set of methods and protocols, termed *Logic Workout*, which is built on a simple principle: the brain learns most effectively when operating at the edge of instability. Developed over more than a decade of experimentation, drawing on structural engineering, martial arts, and neuroscience, the method uses carefully designed exercises to push the body into regimes of controlled, radical instability — the conditions under which deep adaptation is maximally engaged. The purest way to create this effect is a small fitball, around 20 centimeters in diameter. It combines three properties that no other support reproduces together: full rollability in every direction, chaotic deformation under load, and a resisting spring response. Inflatable in seconds and transportable in any bag, it subjects the body to a continuous sequence of unsteady fluctuations. Its response time, around 100 milliseconds, matches the human neuromotor reaction window, so even minor lateral displacements propagate through the entire kinetic chain. We call the underlying mechanism the *reactive falling effect*. Under these conditions, the nervous system can no longer rely on automatisms. It must predict, adjust, and coordinate in real time, engaging deep neuromotor circuits that remain dormant under conventional training. The system operates as an integrated whole rather than muscle by muscle, and its weakest links are immediately exposed: instability concentrates where control is deficient, revealing hidden vulnerabilities and directing the brain — through need rather than instruction — to correct them. Accelerometer measurements make this visible. Across the frequency bands tied to reflexes, stabilization, and neuromuscular synchronization, Logic Workout drives activation at least 300 percent beyond the next-best training modality, with no external load. That gap explains the outcomes: plateaued elite athletes gaining 15–20 percent in speed and power within weeks, and chronic injuries resolving through whole-system reorganization rather than accumulated repetition. In practice, two hours of Logic Workout deliver what six hours of conventional training would, with measurable strength and endurance gains of 10–30 percent within days. The same mechanism accelerates rehabilitation: chronic conditions that resist conventional therapy often resolve rapidly once training targets neuromotor recalibration rather than local tissue strengthening. These observations are consistent with a general principle: adaptive performance is constrained not primarily by muscular capacity, but by the quality and bandwidth of neural control. Systems exposed to high-frequency, multi-axis perturbations develop increased responsiveness across multiple time scales, faster error detection and correction. In contrast, training under stable and predictable conditions limits activation to narrow pathways, reinforcing efficiency at the expense of adaptability. ## Narrow efficiency The implications extend beyond physical performance. The same neural processes – rapid integration of sensory input, predictive updating, coordinated response under time pressure – underlie decision-making under uncertainty. For leaders operating in environments with incomplete information, shifting conditions, and consequential choices, this is not an analogy but a shared mechanism. Executive performance depends on processing signals, updating internal models, and action under uncertainty – functions rooted in the same neuromotor architectures that instability training engages. Systems regularly exposed to acceleration instabilities keep higher responsiveness, faster adaptation, and greater coherence under stress. Conversely, systems trained only under stable, repetitive conditions become efficient within a narrow domain but fail abruptly when confronted with unexpected perturbations. Nature does not select for comfort. It shapes systems that operate under continuous flux, capable of absorbing instability, exploiting perturbations, and transforming them into drivers of reorganization, acceleration, and performance. The path forward is recovering the extraordinary learning dynamics of early childhood, when the brain operated at peak plasticity, continuously engaging with instability to build robust internal models of the world. These capacities do not disappear with age; they become dormant. By systematically engaging mechanisms such as the reactive falling effect, it is possible to reopen this window of accelerated learning and to restore the brain’s ability to adapt rapidly, efficiently, and coherently. In a world that accelerates, the individual who does not train for instability is not standing still. He is falling behind. ### Tipps für mehr Natur im Alltag: Zurück zu den Bäumen URL: https://www.schweizermonat.ch/zurueck-zu-den-baeumen/ Last updated: 2026-09-29T13:14:16.000Z 0:00 /122 1× Etwas geschieht in dem Moment, in dem man eine Stange ergreift und hängt. Noch bevor man sich hochzieht, stellt sich etwas ein. Der Griff, das Gewicht des eigenen Körpers, die Stille vor der Anstrengung – es fühlt sich an wie eine uralte Verbindung. Ich mache fast jeden Tag Klimmzüge. Sie sind ein einfacher Teil meines Trainings: keine Maschine, keine Einstellungen, die man anpassen muss, kein Strom. Nur eine Stange, zwei Hände und die Schwerkraft. Man kann die Schwierigkeit variieren: von der einfachen Variante, bei der man oben beginnt und nur die Bewegung nach unten macht, bis hin zum einarmigen Klimmzug. Früher fragte ich mich, warum sich das so natürlich anfühlt. Dann wurde mir klar: Menschen hängen seit Millionen von Jahren an Dingen. Unsere Schultern sind genau dafür gebaut. Die Klimmzugstange ist im Grunde nur ein abstrahierter Baumast. Wir teilen rund 98 Prozent unserer DNA mit Schimpansen. Unser Oberkörper, der breite Rücken, die tiefen Schultergelenke, die Finger, die sich instinktiv um eine Oberfläche schliessen, wurden – lange bevor es Fitnessstudios gab – in Wäldern geformt, in denen Klettern Überleben bedeutete. Wenn ich an einer Stange hänge, mache ich keine klassische Fitnessübung, sondern nutze meinen Körper so, wie er gedacht ist. Das ist ein seltenes Gefühl in einem Alltag, der sonst vor allem aus Tippen, Sitzen und auf Bildschirme starren besteht. Sie müssen nicht tief in den Wald wandern, um etwas Ursprüngliches zu fühlen (auch wenn es hilft). Manchmal reicht es, nach draussen zu gehen, eine Stange, einen stabilen Ast oder sogar ein Baugerüst zu finden und einfach einen Moment zu hängen. Ihr Körper weiss genau, was zu tun ist. Er wusste es schon immer. ### Liberalismus und Katholizismus gehören zusammen URL: https://www.schweizermonat.ch/liberalismus-und-katholizismus-gehoeren-zusammen/ Last updated: 2026-06-15T07:58:14.000Z Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein, katholischer Monarch und bekennender Demokrat, erinnert in seinem Buch «Der Staat im dritten Jahrtausend» (2009) daran, dass Christentum und Liberalismus viele Grundwerte teilen. Bei beiden stehe nicht der Staat im Vordergrund wie im Nationalismus und Sozialismus, sondern der einzelne Mensch in seiner Freiheit und Verantwortung. Sollten sie daher, so der Fürst, nicht «ihre Kriegsbeile aus dem 19\. Jahrhundert begraben und sich gemeinsam für das Wohl der Menschheit einsetzen»? ## Unredliches «Doppelspiel» Typisch für europäische Liberale ist es, dass sie sich, wie Jürgen Habermas, «religiös unmusikalisch» geben. Das heisst: Liberale bekennen sich selbstverständlich zur Religionsfreiheit, leugnen aber, dass das Christentum das Fundament der freien Welt sei. Sie haben ein Problem mit dem Glauben. Der Religionsphilosoph und Priester Romano Guardini (1885–1968) nennt diese Ignoranz ein «Doppelspiel»: Das Christentum ablehnen, aber von seinen «Nutzniessungen» profitieren, das heisst von Werten wie individueller Freiheit, Verantwortung und Würde, die sich Liberale auf die Fahne schreiben. Dabei erklärt man Werte wie Freiheit und Würde zu unabhängigen Errungenschaften des Menschen, die angeblich in allen Kulturen und Religionen angelegt sein sollen. Als wären Islam oder Hinduismus eine Inspiration für Menschenrechte. Oder atheistische Ideologien Förderer der Freiheit. Für Guardini ist klar: Die Zeit der Nutzniessungen dauert nicht ewig. In verweltlichten Gesellschaften verkommen Werte wie Freiheit und Würde früher oder später zu «Sentimentalitäten». Dann wird offenbar, was eine «radikale Unchristlichkeit» für unser Zusammenleben bedeutet: das Erkalten der Liebe und das Ende der freien Welt. ## Christlich und liberal Auch die Christen tun sich schwer mit der Moderne. In Europa sind sie mehrheitlich mit sich selbst beschäftigt. Gefangen zwischen progressiver Verzweiflung, die das christliche Erbe zu einer woken NGO transformiert, und reaktionärem Hochmut, der einem christlichen Nationalismus huldigt. Beide haben ein Problem mit der Freiheit. Das Masslose gehört zum Christentum. Die Auslegung seiner Mysterien von Auferstehung und Heilstod ist anfällig für Irrwege. Dennoch überdauert das Christentum alle selbstgemachten Krisen und äusseren Verfolgungen. Weltreiche gehen unter, ganze Völker verschwinden. Christen tauchen immer wieder auf. Das ist kein Zufall, wie der Theologe Hans Urs von Balthasar (1905–1988) betont. Jesus als oberster Hirte geleitet seine Herde bis ans Ende der Zeiten, «nicht triumphal», sondern auf einem «Kreuzweg». Und hier zeigt sich für Balthasar auch die Bedeutung des Papsttums. Es ist der Fels inmitten einer instabilen, leidgeplagten Welt, nicht nur für Christen, sondern potentiell für alle Völker. Und je mehr Vielfalt und Spaltung in Kirche und Welt herrschen, desto unentbehrlicher sei dieser «Beziehungspunkt». > «Überdauert das Christentum alle selbstgemachten Krisen und äusseren Verfolgungen. Weltreiche gehen unter, ganze Völker verschwinden. Christen tauchen immer wieder auf.» Ein Beispiel dafür ist die «Erklärung über die Religionsfreiheit» des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Darin bekennt sich die katholische Kirche zu den Bürgerrechten, ohne den Wahrheitsanspruch zu opfern. Vorbild ist Jesus, der es bis in den Tod ablehnte, «ein politischer Messias» zu sein und Zwang oder Gewalt auszuüben. Mit anderen Worten: Der wahre Christ ist im Herzen streng gläubig, in der Gesetzgebung liberal. Dieses ausbalancierte Zusammenspiel zwischen persönlichem Glauben und politischer Macht ist vorbildlich, für Christen aller Konfessionen wie für Muslime, Hindus, Atheisten oder Liberale. ## Eine fröhliche Vision Das heutige Papsttum ist die menschenfreundlichste und krisenerprobteste Institution unserer Geschichte. Es ist ein Hort der Freiheit, ein Widerstandspunkt gegen nationalistisch-religiöse oder sozialistisch-atheistische Verwüstungen. Es schützt die menschliche Würde, stärkt Eigenverantwortung und Subsidiarität. Was gibt es also Besseres als sich an Rom orientieren (im Herzen, nicht politisch)? Zum Beispiel die Europäische Union: Sie wäre bürgernäher, wohnlicher und widerstandsfähiger, wenn sich viele Unionsbürger und ihre Politiker als romtreue Christen outen würden. Oder die britische Monarchie: Die Royals würden klüger und verlässlicher ihrem Staat und seinen Bürgern dienen, wenn sie den Papst als Korrektiv hätten. Und Russland: Es wäre freier und so viel menschlicher, wenn orthodoxe Christen Rom statt Moskau als ihr geistiges Zentrum anerkennen würden. Unerschrockene schliesslich denken über Europa hinaus. Man stelle sich vor, Araber, Perser oder Chinesen würden sich in grosser Zahl zum Katholizismus bekehren. Es entstünden blühende Landschaften, in denen die Menschen ihr Potenzial endlich entfalten könnten. Ein katholisches Weltreich freilich ist ein Selbstwiderspruch. Aber überall dort, wo das romtreue Christentum lebendig ist, ob im heutigen Fürstentum Liechtenstein oder im morgigen Nordkorea, herrscht ein gedeihliches Klima, zunächst einmal für Familien, dann aber auch für Unternehmertum, Wissenschaft, Kunst oder Spiel. So gesehen ist eine katholische Selbsterneuerung für jede Gesellschaft und Nation möglich. ## Der rettende Anker Europa und der freie Westen stehen an einem Scheideweg. Ihre Bürger sind im Begriff, das Fundament, das eine aufgeklärte und freie Zivilisation ermöglichte, zu zerstören. Die Folgen zeigen sich immer deutlicher: weniger Liebe, mehr Repression. Und die Angriffe auf Menschenwürde, individuelle Freiheit und Eigentum werden in einer technikgeprägten Welt weiter zunehmen, von links wie rechts. Ohne Christentum wird Europa nicht überleben. In den vielzitierten Worten Alexis de Tocquevilles: «Der Despotismus kommt ohne Glauben aus, die Freiheit nicht.» Liberale und Christen stehen hier besonders in der Verantwortung. Es genügt nicht, die Kriegsbeile zu begraben. Sie sollten sich ihren Problemen hinsichtlich des Glaubens und der Freiheit stellen – und den rettenden Anker ergreifen. ### Trust, Signals, and the Evolution of Cooperation URL: https://www.schweizermonat.ch/trust-signals-and-the-evolution-of-cooperation/ Last updated: 2026-06-15T08:40:46.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/der-gesellschaftsvertrag-der-natur/). «For \[philosophers\] conceive of men, not as they are, but as they themselves would have them be. Whence it has come to pass that, instead of ethics, they have generally written satire …» Baruch Spinoza, „Tractatus Politicus“ What would be a theory of the social contract that treats men as they are? Not one that treats the social contract as a single, all-explaining principle. Rather, it should see a social contract as an interacting web of conventions and norms. Norms are conventions backed by sanctions. Sometimes norms are written in the law and enforced by the government. Sometimes they are implicit, and the sanctions take the form of social pressure. ## Norms as Evolving Conventions Conventions, and thus norms, evolve. This «evolution» includes cultural evolution. It is then useful to explore issues of the social contract using tools of evolutionary game theory. Game theory studies how people make decisions that depend on others. It arose in the work of von Neumann and Morgenstern as a theory of economic behavior based on idealized high rationality. Evolutionary game theory started in biology as a theory of how strategies spread over time when success depends on interaction with others. It now contains all sorts of adaptive dynamics as is appropriate for its extension to cultural evolution. Understanding how social contracts form can also help us understand how they sometimes fall apart. Evolutionary Game Theory as a Framework for Social Order Evolutionary game theorists start with simple strategic interactions, modeled as simple games that evolve by simple adaptive dynamics. These models can then be used as building blocks for more complex models of interactions and of interaction networks. Evolutionary game theory is a large, growing field. Here are a few examples. Consider what game theorists call the Stag Hunt game. The game is adapted from a story in Rousseau’s Discourse on Inequality. In it, one can either hunt hare or hunt stag. Hunting hare can be done alone, does not require coordination, and one’s chances of success are the same no matter what others do. Hunting stag alone always fails. It requires coordinating with a team for success. But a successful Stag Hunt carries a larger reward per hunter. A 2-person Stag Hunt game would look like this: Hunting stag with another stag hunter gets a payoff of 4\. Hunting stag alone yields 0\. Hunting hare always gives a payoff of 3, regardless of the other player. Stag Hunt games with more people are also possible, but we can illustrate some general points with this simple 2-person example. There are two strict equilibria in this game. An equilibrium is a situation where no player can benefit by changing their choice alone. If both players hunt hare, it is an equilibrium because if the other hunts hare, it is best for you to hunt hare too. If you switched to hunting stag, you would go from a payoff of 3 to 0\. Both players hunting stag is also an equilibrium because if the other hunts stag, it is best for you to hunt stag. If you switched to hunting hare, you would go from a payoff of 4 to 3\. Hunting stag creates the best expected payoff for everyone. But it also carries the risk that the other player will go off and hunt hare instead, leaving you with nothing. Hunting hare, on the other hand, carries no risk. This creates a trade-off between higher rewards and risk–a question of trust. If both players trust each other to cooperate, then they will cooperate. Suppose that we have a very large population of some stag hunters and hare hunters with random encounters between them. Over time, the population may settle into either equilibrium, depending on where it starts. If there are a lot of hare hunters, hare hunting will take over. If there are a lot of stag hunters, stag hunting will take over. With the example given, a somewhat greater number of initial hare hunters lead to the less risky hare-hunting equilibrium. If we switch our attention to a finite population with some «mutation» or exploration, the population will settle near one or the other equilibrium for a while but will eventually bounce away from it and settle near the other. Cooperation will wax and wane. If the exploration is rare, then the periods near an equilibrium will be long, as it takes longer for the information of how easy it is to collaborate to spread. But with the example given, where hunting hare is «risk dominant», in the long run most of the time is spent in the hare-hunting equilibrium. ## From Random Encounters to Social Networks Everything is changed when encounters are not random. This is a crucial point in evolutionary game theory where it can depart radically from rational-choice based game theory. One way in which interactions may depart from randomness is in a setting where individuals learn with whom to interact. Consider a small finite group in which individuals start out meeting at random but adjust who they interact with through reinforcement learning. Then stag hunters rapidly learn only to interact with other stag hunters. Hare hunters don’t mind what others do, but since stag hunters avoid them, they settle into interacting with other hare hunters. In this way, networks of social interaction can form and tip the scales in favor of stag hunting. Now let us add a strategy revision to this network. Individuals sometimes observe others in the network, see which strategy is doing better, and copy it. If the network is fast and the strategy revision is slow, the whole population can be eventually converted to stag hunting. Stag hunters rapidly find each other and prosper. Hare hunters are left to themselves and do less well. Slowly, by imitation, hare hunters convert to stag hunting. Everyone ends up hunting stag. But if the network is slow, the picture is not so rosy. The network can stay near random encounters for a long time with hare hunters doing better by playing it safe. Stag hunters convert to hare hunting. This is so because stag hunters can’t find each other often enough. ## Signals and the Emergence of Meaning The previous paragraph illustrated the interesting results of combining the Stag Hunt game with dynamic networks. Next, we will look at combining the Stag Hunt with signaling. But first, a quick introduction to signaling by itself. Signaling games of the kind we discuss were introduced by the philosopher David Lewis in his book, Convention. Here is the simplest stylized signaling game: Nature chooses one of two states with equal probability. One player, the sender, observes the situation and dependent on the situation observed sends one of two signals to a second player, the receiver. The receiver guesses the situation based on the signal and acts accordingly. The players have a common interest. If the receiver guesses correctly, they both get a payoff of 1, otherwise 0\. There is no noise or cost to communication. Players have a problem different from those considered by Claude Shannon when he created information theory. The signals have no pre-existing meaning; the meaning emerges as players interact. As before, there are multiple strict equilibria. There are two signaling equilibria, in which the players always get it right. In one equilibrium, signal A means state 1 and B means state 2\. In the other, B means state 1 and A means state 2\. There are also equilibria in which no information at all is transferred. The meaning of a signal, when it can be said to have one, depends on which signaling equilibrium the players are in. Meaning is conventional. Lewis discusses how the signaling can be sustained by high rationality. In contrast, we would like to know if they can originate from low rationality reinforcement learning. Behavioral economics experiments of the laboratory show that humans learn quickly to signal in this game. Computer simulations of players using trial-and-error reinforcement learning quickly approach a signaling equilibrium. In fact, it has been proved that reinforcement learning always leads to perfect signaling in this simple game. Meaning arises spontaneously. There is an interesting theory of more complicated signaling games. In it, multiple signalers interact in networks to process information and to coordinate teams. Here we just take the simple step of allowing our players in the Stag Hunt game to send signals and change their act based on the signals received. We will not equip the signals with any pre-existing meaning. As before, the meaning will have to arise spontaneously. An individual’s strategy now specifies what signal to send, what to hunt if you receive signal A or B. Individuals meet at random, they exchange signals, and then they choose to hunt stag or hare. Payoffs are then determined by the Stag Hunt game. In a large population with random encounters, where you end up depends on where you start, but the proportion of initial states that lead to everyone hunting stag is dramatically increased – what we call a basin of attraction. This is because one type of hunter can now use a signal to hunt stag with like-minded hunters. These types outcompete others and can take over the population. They hunt stag with each other, so everyone hunts stag. There is an apparent problem. There are two ways that this «handshake» could be done, depending on which of the two signals is chosen to mean «I will hunt stag with you if you are like me.» The answer to this difficulty is that which «handshake» wins out depends on initial population proportions. There will almost always be some initial imbalance, so that one convention will have a head start and will win out. Meanings still arise spontaneously. In the finite population setting, the conclusion of the large population model survives. Signaling favors stag hunting. An unexpected bonus is that in this setting pre-play signaling also works for the infamous Prisoner’s Dilemma game. In this game there is only one equilibrium. It is always best for you to defect, no matter what the other does. This is so even though everyone is better off if everyone cooperates. For a numerical example, suppose that cooperating with a cooperator gets a payoff of 3, defecting with a defector gets a payoff of 2, but when a defector interacts with a cooperator the defector gets 4 and the cooperator gets 1. The reason that evolution can nevertheless sustain some cooperation is again the handshake. Cooperators can now use a handshake to cooperate with cooperators and defect against defectors. There is a difficulty here that is not present with the Stag Hunt game. Defectors who «fake» being cooperators do even better than the natives in a population of cooperators using the signal. They can take over. This has been thought by some to be fatal for cooperation in this setting, but that is not quite correct. If the defectors who co-opt the signal take over, then cooperators who use a different signal as a handshake will start growing. It is an unending race. Analysis shows that some cooperation can persist. The more signals are available, the better for cooperation. These examples give a taste of how evolutionary game theory can be employed. There are other simple games that are of interest in modeling aspects of the social contract: bargaining, partnership, division of labor, resource competition, exhibiting ownership. These can all be combined with each other, with signaling, and with social networks, both static and dynamic. Games themselves can evolve. The invention of new signals, for example, can have a powerful effect in complex signaling games, effecting escape from suboptimal equilibria. Invention of new acts can lead from all-or-nothing resource competition to bargaining. A wide range of adaptive dynamics remains to be fully explored. All of these pieces can form parts of a naturalistic theory of social contracts. A social contract is not a rational agreement imposed from above, but an evolving system of norms and conventions that emerges from repeated interactions, influenced by trust and adaptive dynamics. ### The Price of Denying Human Nature URL: https://www.schweizermonat.ch/the-price-of-denying-human-nature/ Last updated: 2026-08-17T06:23:51.000Z 0:00 /842.353958 1× Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://schweizermonat.ch/der-mensch-ist-kein-leeres-blatt/?ref=schweizermonat.ch). There is a force working on you right now, as you read this sentence. It did when you chose what to eat this morning, when you gravitated toward certain friends and away from others, when you found some subjects effortless and others felt like pushing water uphill. From the womb to your final decade, it is the most consistent thing about you, more so than your opinions, your relationships, or your politics. It is your genome, and it has been pulling you, with the patience of geology, toward the person you were largely going to become. It turns out that with time you discover and become who you are. This is one of the most replicated findings in the behavioral sciences. That we now know this is remarkable enough. But for how long, and at what cost we denied it, is on another level entirely. ## Age increases heritability Take two identical twins: Clones, in the genetic sense, they share 100% of their DNA. Separate them at birth. Raise them in different families, cities, or countries, if you like. Then measure them at intervals across their lives: weight, intelligence, personality, political views, likelihood of divorce and psychiatric outcomes. Separated from their shared womb and raised in different worlds, these twins should diverge. The environment piles up; experience accumulates. By middle age, surely, two people raised so differently should be quite different people. This experiment has been run many times. The opposite is true. The correlation between identical twins raised apart *increases with time*. The older they get, the more similar they become. In personality, cognitive ability, and the choices they make about how to live. Separated at birth, raised on opposite sides of the world, they end up reading the same kinds of books, making the same kinds of jokes, sitting the same way in a chair. By observing this naturally occurring experiment across thousands of individuals, researchers have produced heritability estimates, the portion of differences between people explained by inherited DNA differences. They are worth sitting with: - Body weight: \~60%. - Height: 80–90%. - Eye color: \~95%. - Intelligence: 50–80%, moving toward the higher end as people move through adulthood. ## Wealth increases heritability It rises as the environment improves. In populations experiencing deprivation, the environment explains a big share of the differences between people. This is because the variance in what people are exposed to shrinks. The differences left after environmental differences have been removed are genetic, by definition. Equality of opportunity is the precondition for seeing our genetic differences. Giving everyone the same opportunities does not erase differences. It reveals them. The progressive and the hereditarian are usually imagined as enemies. The data forces a strange alliance. ## The non-shared environment black hole Influences on our lives can be separated into genes and environment. The environment itself splits into two categories: - **Shared environment**: What siblings grow up with together (same parents, home, socioeconomic background). - **Non-shared environment**: Everything that makes siblings different (unique friends, experiences, luck, differential treatment). One might expect the shared environment to matter a lot. Yet once basic needs are met, it contributes close to zero to the differences between individuals. Siblings raised under the same roof are no more alike than siblings raised apart. Non-shared environment is another story: 50% of the variation in life outcomes remains unexplained by either genes or shared environment. This has been called the “black hole” of behavioral genetics. Despite decades of effort, behavioral geneticists have found few reliable, replicable non-shared environmental influences. Much of what makes siblings different appears to be a mix of unpredictable developmental variation and factors we cannot yet statistically explain or control. ## The Nature of Nurture Robert Plomin showed that the amount of television children watch, the long-considered gold standard environmental variable, is 50% heritable. The chaos or order of a household, the social support a person reports receiving, and even where one lives are genetically influenced. This seems strange until you think about why. What are these ‘environmental’ measures? What a person does with their world. Divorce is not something that passively happens to you. It is the outcome of a relationship, which reflects your social behavior, which is substantially heritable. The ‘environment’ that social scientists thought they were measuring was always, in significant part, the consequence of the nature they were studiously ignoring. The correlation is real. The causal arrow runs in the opposite direction from what was assumed for decades, and through a mechanism (genetics) that no one in the parenting literature was looking for. The same genetic inclination toward language and abstraction that makes the parent a reader makes the child receptive to books. The child who loves mathematics seeks mathematical friends, the mathematically gifted environment she inhabits at forty is something she built from the genetically influenced inclination she had at six. With time you become the author of your environment. And as an author, you have a style. ## Unfalsifiable Parenting Stress Much of what makes modern parenthood feel like a burden is the anxiety created by the blank-slate, the belief that you are the architect of your child’s outcomes, that every choice has developmental consequences, that the wrong school or the wrong amount of screen time is compounding into damage you will not see for 20 years. That is an enormous weight to ask someone to carry before they have decided whether to become a parent. The weight is largely illusory. What children share with their parents in terms of outcomes is primarily nature, not nurture. The adoptive parents who provide a child with every conceivable enrichment see, by adolescence, essentially zero correlation between their parenting choices and the child’s intelligence, personality, and outcomes. The biological parents they have never met predict those outcomes substantially. If only this were an isolated mistake in parenting discourse… In the early 1970s, the leading textbooks in psychiatry taught that schizophrenia was caused by what your mother did to you in the first three years of life. Think about what that means. A mother whose child develops schizophrenia was told that she had done this. That the psychosis tearing through her child’s mind was the delayed detonation of her own failures in the nursery. There was no evidence for this. There has never been. It was the confident extrapolation of an ideology – the belief that the mind is written entirely by experience; pathology is therefore always the inscription of a bad environment. The ideology came first, the theory was confected around it. We now know that schizophrenia is among the most heritable of psychiatric conditions, 80%. Neither the mother nor the family caused it. The idea that they did caused decades of parents having guilt for a biological outcome they had no more caused than their child’s eye color. This is what happens when a false theory of human nature becomes institutionally embedded. Sigmund Freud built the most influential psychological system of the twentieth century on the premise that what your parents did to you in the first five years of life was the primary determinant of your adult character and pathology. The theory was unfalsifiable by design, like a religion, any evidence against it could be reinterpreted as resistance or repression. It spread not because it explained the data but because it confirmed a prior: that who you are is sculpted, that the making of a person is primarily done by the environment, specifically by the family. This led to conversion therapy for homosexuality, mother-blaming for autism (the ‘refrigerator mother’ hypothesis by Bruno Bettelheim, believed for decades), and the emergence of an entire therapeutic industry on interventions whose efficacy proved zero for the conditions Freud claimed to treat. If these lessons spread, it would remove one of the main reasons people who might otherwise want children talk themselves out of it. Parents matter. But if they are reasonably good, they do not make a difference. They are not, in any way, the manufacturers, carpenters or gardeners of personality, intelligence, or psychological outcomes. What you provide is not a manufacturing environment. It is a relationship. And relationships, unlike manufacturing processes, are something human beings have always found worth having. The love between parent and child is not a cultural preference that can be engineered away and replaced. It is one of the deepest drives evolution has built into us. The person who has not had children and wonders in their sixties what they missed is not failing to optimize a lifestyle. They are feeling the pull of something older than mammals. ## From wasting billions to killing tens of millions The expansion of the university system in the late twentieth century was caused, in big part, by an implicit belief in the blank slate: that higher education increases cognitive ability, productivity, and life outcomes. Much of the observed correlation between university attendance and later success, to the dismay of the whole industry, is explained by a selection effect: students admitted to universities are already higher in cognitive ability and socioeconomic status before any instruction occurs. Much of higher education is a circus paid for by the taxpayer, a huge mismatch between what the market demands and the educational system supplies. This is to be expected from centrally planned economies. Central planners, turns out, tend to like the blank slate a lot. Karl Marx built a political system on a similar premise. The New Soviet Man was the blank slate as state policy: human nature is malleable, false consciousness can be corrected by the right institutional arrangement. The right environment will produce the ideal person. The body count of this error, across the Soviet Union, Maoist China, Cambodia, and North Korea, is upwards of 100 million, and growing. The blank-slate licenses coercion. If human nature exists, there are limits to what you can do to a person, a point beyond which their nature will resist, reassert, refuse. Something will be given higher loyalty than the state. The blank-slateist recognizes no floor at all. You can always do more. You can always go further. You can always try communism in another country because it hasn’t been done right yet. The standard response at this point to save the face of the Soviets is to say that there were other centrally planning bad guys who weren’t them, invoking the Nazis. The mere mention of genetics, we are told, leads to atrocity, and the Holocaust stands as the permanent warning against any science that touches human nature. The Nazis are the cautionary tale of what happens when you inspect human nature, and the blank-slate regimes are a separate, unrelated tragedy at worst and the antidote at best. The Nazis did use the language of genetics. But it was a fig leaf, not a cause. They were going to do what they did regardless, the eliminationism preceded the biology and bore no accurate relationship to it. The people they killed were not, as any honest analysis would have predicted, the least fit. They were often the most cognitively gifted populations on the continent. It was murder dressed in a lab coat. Interestingly, now the only politically correct explanation when discussing differences in outcomes between the sexes or other groups is the blank slate, another murder dressed in a lab coat. The Nazis and the Soviets shared a common error: having ideology define their perception of individuals rather than letting individuals constrain ideology. The difference is in the direction of the projection. Nazi ideology treated people as bearers of fixed, essential properties. Soviet ideology treated people as raw material whose nature could be overwritten by the environment. In both cases, the result was mass dehumanization and suffering. The gulag and the concentration camps are not an aberration of extreme environmentalist ideology. They are its conclusion. The insights our best science has produced look nothing like either. They don’t tell you that someone is part of the inferior or superior race or what should be done to someone to get a desired outcome. They tell you what is probable, what is tractable, and what is not. In doing so, it returns agency to the individual that the ideologue had. To know your genetic risk for obesity is not to be condemned by it. It is to stop fighting the wrong battle and start fighting the one you can win. How could knowing about something that was always there leave you less free? Knowing our nature makes us more free. Knowledge is power. If anything is serfdom, it’s ignorance. Serfdom to a nature that doesn’t stop existing for being ignored. Understanding ourselves tells us where the degrees of freedom actually are. The person most determined by their nature is the one who knows nothing about it. ## The enlightened alternative This is neither fatalism nor determinism. The Stoics understood this before genetics provided the mechanism. Reinhold Niebuhr’s Serenity Prayer – ‘grant me the serenity to accept the things I cannot change, the courage to change the things I can, and the wisdom to know the difference’ – is a prescription to direct effort at the levers that move. The person who knows their polygenic scores is in a position to get a slim figure while being in the 95th-percentile for body weight. Knowledge of one’s genome reduces the tightness of the link between genes and outcomes. The studies were made with people who were not accounting for their genetic predispositions. Once you become mindful of them, you can do something about it. Remove the junk food from the house. Never rely on in-the-moment willpower when a crafted mindful environment can do the work. On top of being most determined by their genes, the person who ignores having a nature is condemned to something worse than determinism: an obscurantist mystery. Unable to explain why they keep gaining weight despite trying. Unable to understand why their child, given every advantage, struggles in ways their other child does not. They keep stumbling on the same rock because they don’t see the rock. *“Man will become better only when you make him see what he is like.” – Anton Chekhov* This is the proposition the Enlightenment was built on. That clear sight precedes improvement, that an accurate map is a precondition of good navigation. The genetics revolution of the last 50 years has led to the most accurate map of human nature ever drawn. The twin and the adoption studies, the genome-wide associations and the polygenic scores; they all converge on a picture that is – once you let go of the ideology that made it seem threatening – deeply humane. ### We were always Cyborgs URL: https://www.schweizermonat.ch/we-were-always-cyborgs/ Last updated: 2026-09-16T14:30:40.000Z > Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/wir-waren-schon-immer-cyborgs/). Technology is the eternal project of doing more with less, of harnessing resources from the environment to make life possible, of offloading a process to a more efficient layer, liberating resources elsewhere. When we speak of transhumanism as some future rupture with our nature we are already in error. Humanity and technology are not two things that have been coming closer. They are – and have always been – one. The eye is a technology. Before specialized organs evolved, light sensitivity was handled by diffuse photoreceptive cells. Through genetic variation and natural selection, these systems evolved, forming lenses, retinas, and neural processing because they delivered more usable information at lower cost. We do not call the eye an implant, we call it anatomy. The logic is identical with the wheel, plumbing, the transistor or vaccines. They are all part of our extended phenotype. ## Freeing calories for the brain This is evolution; it has not stopped. As we began using fire (\~1 to 2 million years ago), we externalised part of the cost of digestion. Cooked food yields more usable energy and reduces the energetic cost of digestion, freeing calories for the brain. The portion of our body that is gut shrank in this period by 30%, while brain volume expanded from about 500 cm³ in early hominins to 1,400 cm³ in modern humans. Human biology has co-evolved with technology. When we started wearing clothes and building shelters, our skin got thinner and our bones less dense. Our biology has incorporated the existence of tools into itself. Separating humans from technology makes as much sense as separating buildings from their basements. We see the same learning curve and offloading in our brains: as we first do a task, it starts requiring activation from the frontal, more deliberate and expensive regions of the brain. But as one learns and gets accustomed to it, the activated regions shift back and down; this is automation within our anatomy. Once a technology becomes common enough, it disappears into the background. Neither running water nor writing is considered technology anymore. Nor will neural interfaces, once enough people have them. What we call cyborg is a matter of degree. Every threshold we have crossed before followed the same pattern: fire, writing, printing, vaccines, electricity, computation. Criticised at first. Ubiquitous within generations because it proved its worth automating what otherwise would have taken more attention. What changes is speed. Plumbing transformed civilisation. It allowed a person to live in a small urban apartment, reducing the usage of space per person. Digitisation continued the job. What once required warehouses and travel now requires less space than a bottle of water. This is the compressive nature of technology, freeing the organism from the overhead of its infrastructure so it can use its calories and cognition toward the next harder, faster, stronger step, exactly as the brain frees up the higher structures by shifting to the back the less novel activity. Automation is a law of life. ## From rehabilitation to running faster than Usain Bolt The same technologies that allow a paralysed person to walk again or a deaf person to hear through their tongue will give us, when tweaked a bit further, the ability to run faster than Usain Bolt or hear better than a dog. What technology was ever used only to improve the lower end of the distribution? We will break all records. The objection from the political right is that this is dangerous, that we are tampering with what works. What we call human nature is itself the accumulated result of earlier technological adaptations. The fact is we always tampered with what works. That’s how we went from a population of about 1.6 billion to 8 billion in just over a century, how we reduced child mortality from 40% to 4%, how we made extreme poverty go from 90% to about 8% over the past two centuries, and how we eradicated diseases like Smallpox while bringing others such as Polio and Guinea worm disease to the brink of eradication. What has to be figured out is whether an implementation is a net positive. The use of leaded gasoline failed the test, nuclear medicine passed it, and vaccines solidly passed it. Every tool has to be evaluated on its effects; what else do we have to judge? The conservative heuristic of suspicion toward novelty is not wrong, but incomplete. Suspicion is a good starting point, not a conclusion. ### Die Entwicklungsexperten verstehen nicht, was wirklich Entwicklung bringt URL: https://www.schweizermonat.ch/die-entwicklungsexperten-verstehen-nicht-was-wirklich-entwicklung-bringt/ Last updated: 2026-09-29T12:50:38.000Z 0:00 /309 1× Wenn es ums Sparen bei Bund und Bürokratie geht, wissen Umfragen eine erste Adresse – die Entwicklungshilfe. Und der Volksmund hat zweimal recht: Die Wirkung ist bescheiden, die Kosten sind enorm. Mit der Qualifikation «bescheiden» soll nicht manche gute Projektarbeit abgestraft werden. Vielmehr bleibt die Wirkung bescheiden gemessen am Entwicklungsproblem und an den Ansprüchen der Entwicklungsexperten. Die Mikroebene der Projekte verändert die Makroebene der armen Volkswirtschaften kaum. Die Wirkung wird auch nicht schlüssig, wenn die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Riesenerfolge auf globaler Ebene anführt: die Halbierung der Kindersterblichkeit, die Viertelung der Zahl der Armen, den Aufstieg von vierzig einkommensschwachen Ländern. Denn der von der DEZA geltend gemachte «Beitrag der Schweiz» bleibt anekdotisch. Die Kosten hingegen sind mit 11 Milliarden Franken im Vierjahresprogramm hoch. Und die Ansprüche sind noch viel höher: Die DEZA will den Frieden fördern, die Armut beenden, Nachhaltigkeit schaffen und den Klimawandel bremsen, Leben retten, Menschenrechte und Frauenrechte sichern und auch die Rechtsstaatlichkeit fördern. Das Publikum sieht jedoch, wie Putsche, Bürgerkriege, dilettantische Regierungen in armen Ländern belegen, warum sie arm bleiben: Simbabwe, Kongo, Westafrika, Sudan, Venezuela, Haiti, Kuba. Demgegenüber steigen Länder wie Vietnam, Indien, Indonesien, früher Südkorea, China wie Kometen auf, ohne viel Hilfe. **Institutionen sind der Schlüssel** Die Ökonomie erklärt es: Es sind Institutionen – das politische System, Gesetze, soziale Normen und der Schutz des Eigentums –, die Entwicklung bringen. Wenn diese fehlen, nützen auch Nähstuben für einige Frauen oder Zahlungen an Kleinbauern wenig. Auf diesem Mikroniveau helfen die Entwicklungsagenturen der Schweiz. Darunter nicht nur die DEZA, sondern die privaten Hilfswerke wie Helvetas oder Caritas. Aber «privat» sind diese gar nicht mehr. Mitgliederbeiträge und Spenden machen immer weniger an ihrem Budget aus, denn Bund, Kantone, Kirchen und andere Organisationen bestreiten den Löwenanteil. > «Es sind Institutionen – das politische System, Gesetze, soziale Normen und der Schutz des Eigentums –, die Entwicklung bringen. Wenn diese fehlen, nützen auch Nähstuben für einige Frauen oder Zahlungen an Kleinbauern wenig.» Ein enormer Komplex hat sich aus solchen, praktisch mitgliederunabhängigen NGOs und dem Bund aufgebaut, auch ideologisch: Kritik hat eine ganze Wand an Interessen vor sich. Solche Verbandelungen aus NGOs und staatlichen Agenturen nennt man «capture». Die NGOs haben – in der Entwicklungshilfe ebenso wie im Umweltbereich, in der Kultur etc. – erreicht, dass der Staat, geschoben und gestossen, seit 50 Jahren immer neue Ämter geschaffen hat. Nun dominieren Ämter und NGOs gemeinsam diese Bereiche, das Personal tauscht sich aus, die Finanzen ebenfalls, vor allem vom Staat zu den NGOs. Die kleinen Erfolge auf der Mikroebene und die Hilflosigkeit auf der Makroebene werden ungern angesprochen oder mit Bekenntnissen zu politischen oder globalen Lösungen übertüncht. Denn sonst müsste man den Umfragen folgen und massiv einsparen. In Tat und Wahrheit verzetteln sich DEZA und NGOs in 40 Ländern, und die Projekte helfen eh nur in Ländern mit günstigen institutionellen Voraussetzungen, die aber ohne Projekte auskommen. Eigentlich würde technische Beratung ausreichen, allenfalls durch unsere (Gross-)Firmen. **Grossfabriken statt Nähmaschinen** Hinzu kommt eine weitere unbequeme Einsicht, welche die Funktionäre der NGOs und der DEZA verdrängen. Unter dem Suchbegriff «Vietnam – Industry» zeigt Google einen Fabriksaal mit 300 eng aufgereihten Arbeitern in blauen Overalls. Es erscheinen nicht, wie auf Webseiten der schweizerischen NGOs, eine alte Singer-Nähmaschine mit farbig gekleideten Afrikanerinnen oder strahlende Kleinbauern und Gewerbler. Und man liest nicht von rührender Klimagerechtigkeit Vietnams, sondern von seiner Industrie, die sich in Richtung Hightech-Fertigung, Halbleiter und Elektrofahrzeuge entwickle. Entwicklung auf Augenhöhe mit anderen Ländern, nicht Romantik, Arbeiter an Spritzguss-Automaten, nicht Korbflechter. Die DEZA kann abgeschafft werden. Schweizer Entwicklungsexperten sollen lieber erfolgreiche lokale Firmen an die Börse bringen und schlafendes Sparkapital vor den Karren spannen. So hat sich auch die Schweiz entwickelt. Der Schiffbau bei Sulzer, die Generatoren der BBC, die Alusuisse waren von Anfang an grossindustriell aufgezogen und durch Finanztechnik (Obligationenausgabe, Börse) auf Touren gebracht worden. > «Schweizer Entwicklungsexperten sollen lieber erfolgreiche lokale Firmen an die Börse bringen und schlafendes Sparkapital vor den Karren spannen.» ### Ideology doesn’t help the environment URL: https://www.schweizermonat.ch/ideology-doesnt-help-the-environment/ Last updated: 2026-08-05T09:23:22.000Z _No content available._ ### Tipps gegen die Krise der Männlichkeit URL: https://www.schweizermonat.ch/tipps-gegen-die-krise-der-maennlichkeit/ Last updated: 2026-06-11T15:27:09.000Z Scott Galloway ist nicht nur ein erfolgreicher Serienunternehmer, sondern auch Hochschuldozent und Host eines der populärsten Podcasts in den USA. Lange deutete allerdings wenig auf eine solche Karriere hin. Galloway wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater verliess die Familie früh. Galloway verlor Fokus und Antrieb, seine schulischen Leistungen verschlechterten sich – bis er andere männliche Vorbilder und Mentoren fand, die ihn schliesslich auf den Weg des Erfolgs führten. Es ist auch dieser Hintergrund, der ihn zum Verfassen von «Notes on Being a Man» bewogen hat. Das Buch verwebt seine Biografie mit der Analyse einer Gesellschaft, in der viele Männer ihren Platz verloren haben. Ein Drittel aller Männer in den USA gibt an, weniger als drei Freunde zu haben – 15 Prozent haben gar keine. Die Suizidraten sind signifikant höher als bei Frauen und in den letzten Jahren gestiegen. Ein Heer von «Manfluencern» nutzt die Krise der Männlichkeit aus, um mit zweifelhaften Ratschlägen ihr eigenes Businessmodell zu fördern. Galloway hat einen anderen Ansatz. Als bekannte linksliberale Stimme steht er ohnehin nicht im Verdacht der toxischen Männlichkeit, im Gegenteil. > «Als bekannte linksliberale Stimme steht er ohnehin nicht im Verdacht der toxischen Männlichkeit, im Gegenteil.» Das Buch verknüpft Schilderungen aus Galloways Leben mit Erkenntnissen daraus. Am Ende jedes Unterkapitels steht eine «Note», eine Art Merksatz. Zum Beispiel: «Es gibt keine Balance, sondern nur Trade-offs. Man kann alles haben, nur nicht gleichzeitig.» Oder: «Mach die einfachen Dinge richtig.» Oder: «Kinder zu bekommen ist das Beste, was man tun kann, das einem das Leben ruiniert.» Galloways Buch ist kein klassischer Ratgeber. Die Tipps und Ratschläge sind aber durchaus wertvoll – nicht nur für junge Männer. Scott Galloway gehört nicht zu denen, welche die Probleme von Männern heute – etwa Einsamkeit, Sucht oder wirtschaftliche Perspektivlosigkeit – mit einem Schulterzucken beantworten oder gegen die Benachteiligungen von Frauen ausspielen. Er adressiert die Herausforderungen ernsthaft und differenziert als erfolgreicher Unternehmer. Mehr Stimmen wie seine würden nicht nur vielen Männern, sondern auch der Debatte über Männlichkeit zweifellos guttun. *Scott Galloway: Notes on Being a Man. Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein? Kulmbach: Börsenmedien, 2026.* ### Parenting Is a Myth. Here’s What Actually Makes You Who You Are URL: https://www.schweizermonat.ch/parenting-is-a-myth/ Last updated: 2026-10-03T09:53:55.000Z _No content available._ ### Der Terror in Winterthur stellt nicht die Linke bloss – sondern die Dekadenz der Bürgerlichen URL: https://www.schweizermonat.ch/der-terror-in-winterthur-stellt-nicht-die-linke-bloss-sondern-die-dekadenz-der-buergerlichen/ Last updated: 2026-06-10T13:21:27.000Z Erfundene Bluttaten können zu realen Lynchmobs führen. Es gehört zu den Eigenschaften zivilisierter Menschen, kühlen Kopf zu bewahren, wenn sie mit Berichten über Unrecht konfrontiert werden. Ein kühler Kopf ist jedoch nicht dasselbe wie Indifferenz oder Apathie. Was, wenn auf Barbarei unterreagiert wird? Das wohl meistverbreitete Bild des Terroranschlags von vorletztem Donnerstag zeigt den Attentäter, wie er auf eine Gruppe von fünf Unterstufen-Schulkindern zurennt. Er befindet sich nur noch etwa einen Meter von ihnen entfernt. Die Kinder blicken ihn verängstigt an. Eine Betreuerin telefoniert, der Terrorist befindet sich bereits zwischen ihr und den Kindern. Das Gesicht einer weiteren Betreuerin zeigt völlige Überrumpelung. Möglicherweise aufgrund der Tatsache[1](#fn:1), dass sein Messer beim Angriff auf eine andere Person zerbrach, rennt der Terrorist schliesslich an den Kindern vorbei, statt auch auf sie einzustechen. ## Zuständig sind die anderen Die Reaktion der linksgrünen Parteien auf dieses Bild bedarf keiner Diskussion. Zum einen war von vornherein klar, dass ausser Warnungen vor «Islamophobie» nicht viel kommen würde. Zum anderen sind sie im nationalen Parlament in der Minderheit. Aus einer lösungsorientierten Perspektive ist es einerlei, was sie meinen und wollen. Interessanter sind die Reaktionen der Bürgerlichen. Von den Armee- und Milizverbänden war nichts zu hören. Vertreter der politischen Mitte teilten mit, man müsse jetzt «genau hinschauen» und den Fall «aufarbeiten» (als ob jemand vorgeschlagen hätte, wegzuschauen und auf eine Analyse zu verzichten). Einzig die SVP wurde konkreter. Was es jetzt brauche, sei mehr Grenzschutz, die Ausbürgerung des Täters, härtere Strafen, ein Umdenken beim [«totalversagenden» Beat Jans](https://nachhaltigkeitsinitiative.ch/genug-ist-genug-ja-zur-nachhaltigkeits-initiative/?ref=schweizermonat.ch) – und natürlich ein Ja zu ihrer 10-Millionen-Initiative. Der gemeinsame Nenner dieser Reaktionen ist: Die Verantwortung wird delegiert. Zuständig sind die anderen. Die anderen müssen hinschauen, aufarbeiten, SVP-Vorstössen zustimmen und Totalversagen aufhören. Die Delegierenden warten darauf, bis ihre Aufträge erledigt sind. In der Zwischenzeit ändert sich nichts. Wenn der nächste Messermann auch auf Kinder losgeht, dann ist es halt so. Schuld trifft die Bürgerlichen dann keine – sie können ja nichts dafür, dass ihre Aufträge nicht schneller erledigt wurden. ## Die Dekadenz-Miliz Der konservative Vordenker Edmund Burke schrieb vor knapp 250 Jahren, eine Gesellschaft sei eine Partnerschaft nicht nur zwischen den Lebenden, sondern zwischen den Lebenden, den Toten und den noch nicht Geborenen[2](#fn:2). Unbestreitbar in diesem Zusammenhang sind zwei Dinge. Erstens: Eine Partnerschaft beruht auf gegenseitigen Rechten und Pflichten. Zweitens: Vor jeder Partnerschaft mit Toten und Ungeborenen kommt die Partnerschaft der Lebenden untereinander. Was heisst das für die Partnerschaft zwischen den Kindern und den Erwachsenen unserer Gesellschaft? Welche minimalen Schutzrechte sollen Siebenjährige, die einen Messermann auf sich zustürmen sehen, gegenüber gestandenen Männern haben, die in der Nähe stehen? Und welche Pflichten die Erwachsenen? Die bürgerlichen Reaktionen auf Winterthur machen klar: offenbar nur indirekte. Weder ein Bedürfnis, die Kinder persönlich vor Verletzungen oder Tod zu schützen, noch ein moralischer Kompass, der einem verbietet, derartigenBarbarei einfach zuzuschauen, scheinen bei den Bürgerlichen noch vorhanden zu sein. Für die Kinder der Schweiz heisst das: Bevor die Polizei vor Ort ist, haben sie kein Recht auf Schutz. Das ist umso bemerkenswerter, als die Schweizer Bürgerlichen Weltmeister darin sind, über Eigenverantwortung, Subsidiarität und Milizgeist zu referieren und Wehrhaftigkeit zu inszenieren. Gegen die EU müsse man «die Hellebarde hervornehmen», fordern SVP-Kader – und lassen sich mit der alteidgenössischen Waffe in der Hand abfotografieren. Die Offiziere wollen mehr Geld für neues Kriegsgerät und weniger Militärverweigerung via Zivildienst. Doch während es gegen Brüssel offenbar Hellebarden braucht und gegen fremde Armeen vollen Einsatz in Uniform, soll gegen Messermänner nur ein Mobiltelefon erlaubt sein – zur Weiterreichung des Problems an die Polizei. Eine bürgerliche Elite, die diesen Selbstwiderspruch nicht dringend auflösen will, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sich in einem fortgeschrittenen Dekadenzstadium zu befinden. Und sie kann diesen Vorwurf auch nicht mit dem Einwand entkräften, sie engagiere sich in der Politik anderweitig für die Erhöhung der Sicherheit. Das Bedürfnis, ein ertrinkendes Kind vom Bademeister ins Trockene geholt zu sehen, ist ein völlig anderes als das, selbst ins Wasser zu springen. Und wer würde ernsthaft behaupten, jemand, der schwimmen kann, sei dadurch, dass er politisch zur Verbesserung der Badeaufsicht beiträgt, berechtigt, auf den Bademeister zu warten, wenn er ein Kind am Boden des Beckens liegen sieht? ## «Im Übrigen fordern wir, unsere Kinder schützen zu können» Die beschriebene Delegieren-und-Zuschauen-Philosophie bei Gewalt und Terror ist nicht nur eine kulturelle Haltung. Sie ist auch im Gesetz verankert, und zwar durch das Waffentragverbot. Dieses Verbot ist weder eine Frage der Kriminologie[3](#fn:3) noch ein politischer Nebenschauplatz [4](#fn:4). Es ist vielmehr eine moralische Ungeheuerlichkeit, die langfristig jede echte «Partnerschaft zwischen den Lebenden» zersetzt. Es demoralisiert Starke, die Schwache beschützen könnten, genau gleich wie Schwache, die auf den Schutz von Starken angewiesen sind. Es zerstört das Vertrauen der Leute in ihre Nachbarn und lokale Strukturen. Es lähmt Eigeninitiative und führt Selbstverantwortung ad absurdum. Es liefert das Individuum in Bezug auf sein elementarstes Bedürfnis – Schutz vor körperlicher Gewalt – dem Staat aus. Es macht das Handwerk der Terroristen ungleich leichter. > «Es darf nicht mehr sein, dass Kinder für den Schutz vor Messer-Terroristen auf Polizisten angewiesen sind.» Vor allem aber entfremdet es die Bürger voneinander, indem es sie zu zutiefst verwerflichem Handeln zwingt: zum Zuschauen, wie Gewalt gegen Unschuldige (im Extremfall gegen die eigenen Kinder!) ausgeübt wird. Mit Individuen, die sich an eine derartige Passivität gewöhnt haben, lässt sich gut eine Diktatur machen – aber ganz sicher keine direkte Demokratie erhalten. Vor diesem Hintergrund gibt es keine Argumente, mit der Forderung nach Aufhebung des Verbots weiter zuzuwarten. Spätestens nach dem Bild aus Winterthur, das um die Welt ging, sollte allen Bürgerlichen bewusst sein, wie amoralisch und gesellschaftszersetzend die heutige Regelung ist. Und egal, als wie «radikal» und «gefährlich» die Aufhebung des Verbotes von den üblichen Verdächtigen auch verschrien werden mag: Eine Regelung, die es Eltern verunmöglicht, ihre eigenen Kinder zu schützen, ist ganz bestimmt radikaler und gefährlicher. Es darf nicht mehr sein, dass Kinder für den Schutz vor Messer-Terroristen auf Polizisten angewiesen sind. «Ceterum censeo» ist die Taktik der Stunde. Keine Session, keine sicherheitspolitische Debatte, keine 1.-August-Rede mehr ohne das immergleiche «Wir fordern, unsere Kinder schützen zu können!» – bis die Schweiz wieder eine Gesellschaft ist, in der eine echte «Partnerschaft zwischen den Lebenden» herrscht. 1. Vgl. [https://www.youtube.com/watch?v=6z4xN8hsGto](https://www.youtube.com/watch?v=6z4xN8hsGto&ref=schweizermonat.ch) @ 23:50.[ ↩](#fnref:1) 2. Edmund Burke: Reflections on the Revolution in France, Absatz 153.[ ↩](#fnref:2) 3. Eine detaillierte Behandlung der kriminologischen Aspekte kann hier nicht geboten werden. Es sei darum lediglich auf die Forschung von Gary Kleck auf der Basis des *National Crime Victimization Survey* und Guy Smiths zugängliches Überblickswerk «Guns and Control» verwiesen.[ ↩](#fnref:3) 4. Die Frage des Waffentragens ist letztlich eine Frage nach der Gesellschaftsordnung. Tschechien führte 1995 ein Führerscheinprinzip für Tragbewilligungen ein. Aktuell sind nicht nur über eine Viertelmillion solcher Bewilligungen im Umlauf – die tschechischen Behörden sehen den bewaffneten Bürger auch explizit als Teil der Sicherheits- und Anti-Terror-Architektur. So sagte der Chef der tschechischen Anti-Terror-Polizei nach dem Anschlag auf den Pulse-Nachtclub mit 49 Todesopfern, dass die Polizei nicht überall sein könne und Personen, die zum Tragen berechtigt sind, ihre Waffen darum bitte auch tragen sollten. Vgl. [https://zpravy.aktualne.cz/zahranici/branit-se-strelnou-brani-lide-by-meli-mit-tu-moznost-nemuzem/r\~cbe51888322511e6a3e5002590604f2e/?lp=1](https://zpravy.aktualne.cz/zahranici/branit-se-strelnou-brani-lide-by-meli-mit-tu-moznost-nemuzem/r~cbe51888322511e6a3e5002590604f2e/?lp=1&ref=schweizermonat.ch).[ ↩](#fnref:4) ### Frauenquoten schaden Frauen URL: https://www.schweizermonat.ch/frauenquoten-schaden-frauen/ Last updated: 2026-08-05T09:23:53.000Z _No content available._ ### Jositsch hat recht: Die SP hat sich vom Humanismus verabschiedet URL: https://www.schweizermonat.ch/jositsch-hat-recht-die-sp-hat-sich-vom-humanismus-verabschiedet/ Last updated: 2026-09-30T07:25:41.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/kazem\_10-6\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/06/kazem%5F10-6%5Fmale.mp3) Als Daniel Jositsch, selbst Jude, 2024 im Parlament gegen die Weiterfinanzierung des Palästinenserhilfswerks UNRWA stimmte, tat er dies nicht aufgrund vager Verdächtigungen, sondern angesichts erdrückender Fakten. Es ging nicht nur um jene UNRWA-Mitarbeiter, die aktiv am Pogrom vom 7\. Oktober mitgemordet haben. Es ging um eine Organisation, die strukturell von der Hamas durchdrungen ist: um Kommandozentralen und Serverfarmen der Terroristen, die direkt unter dem UNRWA-Hauptquartier in Gaza platziert wurden, und um ein UNRWA-Bildungssystem, das Israel nicht bloss von seinen Landkarten tilgt, sondern systematisch den Märtyrerkult verherrlicht und in seinen Schulbüchern blinden Judenhass sät. Wer einer solchen, mit dem Terrorismus verschmolzenen Behörde die bedingungslose Alimentierung verweigert, handelt im Kern humanistisch. Doch die Juso Zürich reagierten darauf mit einer Rücktrittsaufforderung. In ihrer Medienmitteilung erwähnten sie das Massaker vom 7\. Oktober mit keinem Wort. Ihr Co-Präsident warf Jositsch dagegen vor, «[einen Genozid zu rechtfertigen](https://juso.org/medienmitteilungen/dani-tritt-endlich-zuruck/?ref=schweizermonat.ch)». Man mag einwenden, die Juso seien nur die radikale Jugendorganisation, an der man nicht die ganze Partei messen dürfe. Doch das ist ein bequemer Selbstbetrug. Die Juso haben die Mutterpartei längst strukturell und ideologisch übernommen. Die Parteiführung, verkörpert durch das Co-Präsidium, stammt exakt aus diesem Milieu. Die rote Linie zwischen den Maximalforderungen der Juso und dem offiziellen SP-Parteiprogramm existiert praktisch nicht mehr. ## Eine Partei, die weiss, wen sie (nicht) will Das Muster ist älter als der Fall Jositsch. Indem die SP diesen Weg einschlägt, folgt sie dem globalen Trend eines «antiimperialistischen Bündnisses» zwischen Teilen der Linken und Islamisten – nach dem Vorbild von Jeremy Corbyn in Grossbritannien oder *La France Insoumise* in Frankreich. Die europäische Linke hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine Hierarchie der schützenswerten Identitäten entwickelt. Ganz oben stehen Muslime – aber nur unter einer Bedingung: dass sie als Kollektiv auftreten, ihre Religion nicht kritisieren und von linken Aktivisten als Opfer westlicher Hegemonie verwaltet werden. Laizisten muslimischer Herkunft, Islamkritiker, Aufklärer aus dem arabischen oder iranischen Kontext fallen durch das Raster. > «Für Islamisten rollt man den roten Teppich aus, Laizisten drängt man ins Abseits, und Juden müssen zusehen, wie die Apologeten des Terrors hofiert werden.» Für Juden gilt dagegen die Spiegelversion: willkommen, solange israelkritisch. Dabei bestreitet niemand, dass eine harte, sachliche Kritik an der israelischen Regierungspolitik absolut geboten ist, wie die Israelis selbst ihre eigene Führung gnadenlos kritisieren. Aber legitime Kritik äussert sich nicht darin, dass man jene in die eigenen Parlamente einlädt, die das Morden an Israelis legitimieren. Wenn der Genfer SP-Ständerat Carlo Sommaruga der radikalen EU-Abgeordneten und Hamas-Sympathisantin Rima Hassan im Bundeshaus eine Bühne bietet, hat das mit politischem Diskurs nichts mehr zu tun. Jeder Jude muss unweigerlich feststellen, dass eine Partei, die solche Figuren hofiert, zu einer politischen No-Go-Area geworden ist. Die ideologische Schlagseite zeigt sich am deutlichsten dort, wo die vielbeschworene Brandmauer gegen rechts plötzlich in sich zusammenfällt: nämlich dann, wenn dieses «Rechts» einen islamisch-konservativen Anstrich hat. Dieselbe Partei, die Israelfreunde unter Rechtfertigungsdruck setzt, drückt beide Augen zu, wenn Erdogans Propagandamaschinerie offen und lautstark eine kopftuchtragende Zürcher SP-Kandidatin [unterstützt](https://www.nzz.ch/feuilleton/kopftuch-hype-bei-der-sp-happy-ramadan-mit-den-gruenen-wie-sich-die-progressive-linke-zum-sammelbecken-fuer-reaktionaere-macht-ld.1929982?ref=schweizermonat.ch). Die bittere Realität ist: Für Islamisten rollt man den roten Teppich aus, Laizisten drängt man ins Abseits, und Juden müssen zusehen, wie die Apologeten des Terrors hofiert werden. Mario Fehr, Chantal Galladé, Daniel Frei, Bernhard Hauser und Daniel Jositsch haben dieses Problem längst erkannt. Diese Namen markieren erst den Beginn einer Entwicklung, die so schnell kein Ende haben wird. Die ideologische Säuberung der SP hat längst begonnen. ### Die Schweiz kann Weltmeister werden URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-kann-weltmeister-werden/ Last updated: 2026-09-30T07:25:32.000Z _No content available._ ### Wir können nicht über die Köpfe der Frauen hinweg entscheiden, was sie wollen sollen URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-koennen-nicht-ueber-die-koepfe-der-frauen-hinweg-entscheiden-was-sie-wollen-sollen/ Last updated: 2026-09-30T07:25:23.000Z Weibliche Führungskräfte in den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Arbeitgeber bleiben im Schnitt nur 3 Jahre im Amt, wohingegen ihre männlichen Kollegen eine durchschnittliche Verweildauer von 7 Jahren aufweisen. Was ist der Grund für diesen «Gender Tenure Gap»? In unseren Untersuchungen haben wir festgestellt: Die Diskrepanz ist eine Folge des kleineren Pools an karriereorientierten Frauen im Vergleich zu karriereorientierten Männern und eine unbeabsichtigte Nebenwirkung der Frauenquote. Beides zusammen hat bewirkt, dass Top-Frauen häufiger als Männer von anderen Unternehmen abgeworben werden. Ihre durchschnittliche Verweildauer in Führungspositionen sinkt dadurch – zum Nachteil der Unternehmen und vor allem der Entwicklungsmöglichkeiten der Frauen. > «Die Quote führt zwar dazu, dass Frauen extern häufiger auf Geschäftsleitungspositionen berufen werden, aber nicht dazu, dass sie auch intern schneller aufsteigen.» Die Analyse der Ursachen dieses Phänomens liefert ein weiteres überraschendes Ergebnis: Die Quote führt zwar dazu, dass Frauen extern häufiger auf Geschäftsleitungspositionen berufen werden, aber nicht dazu, dass sie auch intern schneller aufsteigen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zweifellos stehen Frauen an der Spitze stärker unter Beobachtung und werden strenger beurteilt als Männer. Darüber hinaus sind Frauen, insbesondere wenn sie extern rekrutiert sind und eine kürzere Verweildauer haben, meist schlechter in betriebliche Netzwerke eingebunden. Aber diese Nachteile werden durch die Quote auf mehrfache Weise verstärkt. Erstens fühlen sich viele Männer diskriminiert und schauen deshalb mit Argusaugen auf ihre Konkurrentinnen. Zweitens haben Frauen – weil wegen der Quote dringend gesucht – in Top-Positionen im Durchschnitt eine geringere Arbeitsmarkterfahrung als die Männer. Aus dem gleichen Grund verfügen Frauen drittens im Schnitt auch über geringere Führungserfahrung, weil sie wegen ihrer kürzeren Verweildauer weniger abgeschlossene Projekte vorweisen können. Und viertens bewirkt die Quote, dass Frauen nicht immer optimal zu ihrer Position passen und darüber hinaus weniger Profit-and-Loss-Erfahrungen haben. Diese Faktoren erschweren zusätzlich ihre Verankerung im Unternehmen, was wiederum den Anreiz zum Wechsel erhöht. Dieser geht häufig auch noch mit einer besseren Bezahlung einher und verstärkt so die externe Rekrutierung und die kürzere Verweildauer. **Unterschiede der Präferenzen nehmen zu** Insgesamt werden die beabsichtigten Ziele der Quote verfehlt, nämlich: – Beseitigung der Gläsernen Decke, – Modifizierung von Geschlechterrollen, – wirtschaftliche Vorteile für die Unternehmen, – Erhöhung der Reputation der Unternehmen, – Vergrösserung des Talent-Pools Der Abbau der Gläsernen Decke war zumindest bei der externen Rekrutierung erfolgreich. Hier hat sich die Gläserne Decke zu einem Gläsernen Lift für Top- Frauen entwickelt. Die Leaky Pipeline – das überproportionale Ausscheiden von Frauen auf höheren Karrierestufen – hat sich leicht abgeschwächt, vor allem auf der Ebene der Geschäftsleitungen. Auf den vor- und nachgelagerten Führungsstufen ohne Quote zeigt sich dieser Effekt allerdings kaum. Beim internen Aufstieg gibt es keinen positiven Effekt: Die Quote hat Beförderungen von Frauen intern nicht beschleunigt. > «Die meisten Frauen wollen weder Baggerführerin noch CEO werden, obwohl sie sich das zutrauen.» Hat die Quote dazu beigetragen, traditionelle Geschlechterrollen zu modifizieren? Tragen mehr Frauen in Führungspositionen durch ihre erhöhte Sichtbarkeit dazu bei, weibliche Stereotype zu verändern und die Leaky Pipeline zu verringern? Weder unsere Daten noch die bisherige empirische Literatur liefern überzeugende Hinweise auf nennenswerte Veränderungen. Zwar nähern sich in westlichen Wohlstandsländern Geschlechterstereotype in einigen Dimensionen an, etwa bei der Kompetenzwahrnehmung, wo Frauen inzwischen leicht im Vorteil sind. In anderen Bereichen, wie zum Beispiel Altruismus, haben sich die geschlechtstypischen Unterschiede in der Wahrnehmung jedoch verstärkt. Vergleichende Studien zeigen, dass Unterschiede in zahlreichen Präferenzen sogar grösser werden, je höher die Geschlechtergleichheit ist. Die Nobelpreisträgerin Claudia Goldin und die prominente Gender-Forscherin Alice Eagly verweisen zudem darauf, dass viele gut ausgebildete Frauen in den USA nach dem Prinzip «equal but different» leben: Sie halten formale Gleichberechtigung für selbstverständlich, stellen aber ihre Karriereambitionen hinter die ihres Partners. In Ländern mit hoher Gleichberechtigung bleiben traditionelle Rollen also erstaunlich stabil – trotz höherer Bildungsabschlüsse der Frauen. Diese Entwicklung wird im Rahmen des Gender Equality Paradox diskutiert. Was zählt: Frauen in unserer Wohlstandsgesellschaft leben heute weitgehend so, wie sie es wünschen – sie wollen Gleichberechtigung, nicht Gleichstellung. Ihre Lebenszufriedenheit ist im Durchschnitt mindesten so hoch wie die der Männer, obwohl sie weniger Karriere machen und weniger verdienen. Die meisten wollen weder Baggerführerin noch CEO werden, obwohl sie sich das zutrauen. Ob dies kulturelle, biologische oder soziale Ursachen hat, bleibt offen – entscheidend ist, dass die Präferenzen von Frauen respektiert und sie nicht von im Namen vermeintlich progressiver Ziele bevormundet werden. Bezüglich der wirtschaftlichen Vorteile der Quote für die Unternehmen wird ins Feld geführt, dass Diversität Innovation und Kreativität fördere. Im Gegensatz zum vorangegangenen Argument wird hierbei betont, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug auf Perspektiven, Persönlichkeitseigenschaften und Wissen produktiv sein können. Die empirischen Befunde zum Business Case für Diversität sind jedoch nicht überzeugend. Das überrascht kaum, da Männer und Frauen in Top-Positionen sich hinsichtlich Eigenschaften und Kompetenzen wenig unterscheiden. Es gibt daher wenig Hinweise, dass Diversität auf der Top-Ebene unmittelbar zu besseren wirtschaftlichen Ergebnissen führt. Mittelbar können jedoch Reputationsvorteile entstehen. Unternehmen mit hohem Frauenanteil wirken attraktiver auf jüngere Bewerberinnen und Bewerber. Viele Kundinnen und Kunden bevorzugen Produkte von Unternehmen, die ihren Werten entsprechen. Dieser Effekt scheint jedoch mit dem Abflauen des woken Zeitgeists abzunehmen. Schliesslich sollte die Quote den Talent-Pool erweitern, aus dem Führungskräfte rekrutiert werden. Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung dar und haben hohe Bildungs- und berufliche Aspirationen. Jedoch haben sie im Durchschnitt – anders als Männer und Frauen an der Spitze – geringere Führungsambitionen. Ursachen sind Persönlichkeitsunterschiede, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder dass erfolgreiche Frauen um ihre Partnerschaft fürchten, wenn der Partner sich unterlegen fühlt. Wenn Frauen also generell weniger karriereorientiert sind als Männer und dies in wohlhabenden Ländern so bleibt, lässt sich der Pool potenzieller weiblicher Führungskräfte nicht leicht vergrössern. Unternehmen reagieren darauf, indem sie vermehrt weibliche Führungskräfte im Ausland rekrutieren. Diese sind in Übereinstimmung mit dem Gender Equality Paradox meist karriereorientierter als die Frauen in Wohlstandsnationen. Das gilt nach Auskunft der Executive Searcher besonders für die Schweizerinnen. Zusätzlich wirkt eine Vorselektion: Wer sich für eine Führungsposition im Ausland entscheidet, bringt in aller Regel ausgeprägte Führungsaspirationen mit. Die ausländischen Frauen bleiben jedoch oft nur für begrenzte Mandate. Dadurch senken sie die durchschnittliche Verweildauer von Frauen in Spitzenpositionen. Der Anteil karrierezentrierter Frauen ist deutlich geringer als jener der Männer. Dies ist der Hauptgrund für die Leaky Pipeline. Der Pool an karriereorientierten Frauen ist zu gering, gemessen an der durch die Quote verstärkten Nachfrage. Dadurch bewirkt die Quote eine umgekehrte Diskriminierung der Männer und kann männliches Talentpotenzial ungenutzt lassen. > «Die Quote war ein notwendiger erster Schritt, um Diskriminierung auszugleichen.» **Unbeabsichtigte Nebenwirkungen** Die Quote war ein notwendiger erster Schritt, um Diskriminierung auszugleichen. Sie hat eine Schieflage ins Bewusstsein gebracht und verkrustete Netzwerke aufgebrochen. Heute gibt es deutlich mehr Frauen in den Schweizer Geschäftsleitungen als vor zwanzig Jahren, allerdings mit unbeabsichtigten Nebenwirkungen: Die Quote erreichte oft keine nachhaltige Integration von Frauen in Unternehmen. Das zeigt sich am stärksten in der kürzeren Verweildauer der Top-Managerinnen. Statt eines organischen Wachstums, orientiert an der Nachfrage der Unternehmen und dem Angebot der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, mussten fixe Zielwerte erfüllt werden. Die Unternehmen haben diese zum grossen Teil erreicht. Doch sobald sich der Zeitgeist wendete, wurden in vielen Unternehmen die Förderprogramme zurückgefahren. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Frauenförderung oft als Pflichtübung wahrgenommen wurde. Der erste Schritt scheint deshalb auch der letzte geblieben zu sein. Während einige Unternehmen die Quote übererfüllt haben, stagniert die Entwicklung insgesamt auf dem gesetzlich festgelegten Niveau. Offensichtlich hat sich die intendierte Vorbildfunktion weiblicher Führungskräfte nur begrenzt eingestellt. Unsere Befunde zeigen: Die Quote dient heute weder den Unternehmen noch den Top-Frauen, sie schadet eher. Massnahmen, die mehr Nachteile als Vorteile erzeugen, sollten gestoppt werden. Das trifft auch auf die Quote zu, obwohl dies im derzeitigen politischen Umfeld wenig wahrscheinlich ist. Was kann man stattdessen tun? In der Schweiz eröffnet die Comply-or-explain-Klausel einen pragmatischen Weg. Unternehmen, welche die Quote nicht erfüllen, müssen dies begründen. Unsere Befunde können dabei eine Hilfe sein. Allerdings sollten wir uns vor der aktuellen Anti-Woke-Welle hüten und Beifall von der falschen Seite zurückweisen, um einen Rückfall in die Zeiten der Vorurteile gegenüber ambitionierten Frauen zu verhindern. Das lässt sich am besten mithilfe von Executive Searchern erreichen, denen hierbei eine zentrale Verantwortung zukommt. Ihre präzisen Kenntnisse der Stellenanforderungen einerseits und der passgenauen Profile der Kandidatinnen andererseits können sicherstellen, dass alle geeigneten weiblichen Top-Talente identifiziert werden und – zumindest bei den Jobbesetzungen – Diskriminierung verhindert wird. Frauen haben in der formalen Bildung enorme Fortschritte erzielt und die Männer überholt. Ihre beruflichen Aspirationen sind hoch. Wir würden begrüssen, dass sich auch ihre Führungsaspirationen ähnlich entwickeln und sich die Leaky Pipeline schliesst. Leider sprechen unsere aktuellen Befunde nicht dafür. Wir können jedoch nicht über die Köpfe der Frauen hinweg entscheiden, was sie wollen sollen. Wir können aber die Frauen darüber informieren, wie sie ihre hohe Ausbildung und ihre Fähigkeiten besser in beruflichen Erfolg umsetzen, materielle Abhängigkeit vermeiden und ihre Lebenspläne verwirklichen können. *Dieser Beitrag basiert auf dem neuen Buch «Bumerang Frauenquote: Für Gleichberechtigung statt Gleichstellung» (NZZ Libro, 2026).* ### Was hilft gegen mehr Staat? Mehr Demokratie! URL: https://www.schweizermonat.ch/was-hilft-gegen-mehr-staat-mehr-demokratie/ Last updated: 2026-06-08T13:50:35.000Z Sparen? Unmöglich! Das ist seit einiger Zeit der Tenor im Bundeshaus. Das vom Bundesrat angestossene «Entlastungspaket 27» ist von den rund 5 Milliarden Franken pro Jahr, die Experten ursprünglich als Potenzial identifiziert hatten, unter der Bundeshauskuppel auf weniger als die Hälfte zusammengeschmolzen. (Von Sparen im eigentlichen Sinn kann dabei keine Rede sein – es geht nur darum, den Anstieg der Ausgaben etwas zu bremsen.) > «Von den 49 Milliarden Franken Subventionen, die der Bund jedes Jahr verteilt, profitieren auch Schützenverbände, NGOs und Gewerkschaften wie die Unia, internationale Organisationen wie die UNO oder Grosskonzerne wie Roche.» Das gleiche Muster zeigte der Bundesrat, als er kürzlich seine [Pläne](https://www.nzz.ch/schweiz/hoehere-steuern-aber-kein-hoeheres-rentenalter-der-bundesrat-praesentiert-seine-plaene-fuer-die-ahv-ld.10007849?ref=schweizermonat.ch) für die nächste «Reform» der AHV vorstellte. Die Ausgaben werden kaum angetastet, stattdessen will die Regierung die Einnahmen hinaufschrauben – unter anderem durch eine höhere Mehrwertsteuer, obwohl für die 13\. AHV-Rente bereits eine Steuererhöhung ansteht. Dabei ist es schlicht ein Märchen, dass der Bund seine Ausgaben nicht senken könnte. Um das zu erkennen, genügt ein Blick in den [Subventionsreport](https://www.iwp.swiss/iwp-subventionsreport-von-ngos-und-grosskonzernen/?ref=schweizermonat.ch), den das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) vergangene Woche veröffentlicht hat. Von den 49 Milliarden Franken Subventionen, die der Bund jedes Jahr verteilt, profitieren nicht nur Sozialwerke wie die AHV oder die Invalidenversicherung (deren Kosten ebenfalls aus dem Ruder laufen), sondern auch Schützenverbände, NGOs und Gewerkschaften wie die Unia, internationale Organisationen wie die UNO oder Grosskonzerne wie Roche. **Weniger Mitsprache, mehr Gesetze** Wie lässt sich der überbordende Staat eindämmen? Ein vielversprechendes Mittel heisst: mehr Demokratie. Das Gesetzesreferendum vermag viele unnötige Regulierungen zu verhindern. Nicht nur, indem die Bürger die entsprechenden Gesetze an der Urne versenken, sondern vor allem auch, weil die Politiker den Widerstand antizipieren und die grössten Übertreibungen gar nicht erst durchs Parlament kommen. Die Ökonomen Marc Schelker und Simon Lüchinger haben kürzlich [gezeigt](https://www.nzz.ch/meinung/wider-die-regulierungsflut-ursachen-statt-symptombekaempfung-ld.10004428?ref=schweizermonat.ch), dass in Kantonen, die das obligatorische Referendum abgeschafft haben, die Gesetzestätigkeit anschliessend um 50 Prozent gestiegen ist. Ein weiteres starkes Instrument ist das Finanzreferendum. Dieses setzt neue Ausgaben einer Prüfung durch das Volk aus. So wird es schwieriger für Politiker, Ausgaben für Partikularinteressen durchzubringen. Die Evidenz [zeigt](https://dievolkswirtschaft.ch/de/2015/04/schweizer-rezepte-gegen-ueberhoehte-staatsausgaben-funktionieren/?ref=schweizermonat.ch), dass Kantone mit obligatorischem Finanzreferendum fast 20 Prozent tiefere Staatsausgaben haben. Es ist höchste Zeit, das Finanzreferendum auch auf Bundesebene einzuführen. So können die Politiker, die mit Geld um sich werfen, in die Schranken gewiesen werden. > «Es ist höchste Zeit, das Finanzreferendum auch auf Bundesebene einzuführen.» ### Intelligenz hat keine Ideologie URL: https://www.schweizermonat.ch/intelligenz-hat-keine-ideologie/ Last updated: 2026-09-18T07:43:47.000Z 0:00 /512.28 1× *Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/intelligence-has-no-ideology/).* Ich glaube an Intelligenz. Nicht im naiven Sinne, dass schlaue Menschen immer recht haben, sondern im empirischen: Intelligenz ist messbar, stabil und folgenreich – für Lebensläufe, für Gesellschaften, für die Art, wie Menschen mit Komplexität umgehen. Jahrzehntelange Forschung zeigt, dass sie der stärkste Einzelprädiktor für die gängigsten Erfolgsmetriken ist – gewichtiger als Persönlichkeit, sozialer Hintergrund oder Fleiss allein. Umso mehr hat mich eine Frage jahrelang beschäftigt: Denken intelligentere Menschen anders? Und inwiefern hängt das mit ihrer politischen Orientierung zusammen? Diese Frage berührt ein Narrativ, das im öffentlichen Diskurs mitschwingt, aber selten offen ausgesprochen wird: die Vorstellung, dass politische Überzeugungen Rückschlüsse auf die kognitive Leistungsfähigkeit zulassen. Die Antwort einer [Studie](https://doi.org/10.1016/j.intell.2025.101986?ref=schweizermonat.ch), die wir kürzlich in der Fachzeitschrift «Intelligence» veröffentlicht haben, ist ernüchternd – zumindest für jene, die sich eine einfache Geschichte erhofften. > «Intelligenz ist messbar, stabil und folgenreich – für Lebensläufe, für Gesellschaften, für die Art, wie Menschen mit Komplexität umgehen. Jahrzehntelange Forschung zeigt, dass sie der stärkste Einzelprädiktor für die gängigsten Erfolgsmetriken ist – gewichtiger als Persönlichkeit, sozialer Hintergrund oder Fleiss allein.» **Der Mythos des linksliberalen Hochbegabten** Im akademischen Milieu hält sich hartnäckig die Überzeugung, wer wirklich intelligent sei, gelange früher oder später zwangsläufig zu progressiven Ansichten. Konservatismus erscheint dort als Erkenntnisschwäche, als Spielart von Angst, Rigidität oder mangelnder Reflexionsfähigkeit. Mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen hat sich diese Lesart verfestigt. Zustimmung zu rechten Positionen gilt als Beleg mangelnder Reflexionstiefe oder schlichter Unfähigkeit, mit der Komplexität moderner Gesellschaften umzugehen. In diesem Deutungsmuster wird das politische Gegenüber nicht bloß als im Irrtum, sondern als kognitiv überfordert gezeichnet. Wer die «einfachen Antworten» wählt, müsse – so der mitschwingende Subtext – zwangsläufig an den eigenen kognitiven Grenzen gescheitert sein. Diese Logik mag für manche schmeichelhaft klingen, doch sie hält der empirischen Prüfung nicht stand. Ein Blick in die liberale Ideengeschichte genügt zur Widerlegung. Friedrich August von Hayek vertritt eine anspruchsvolle liberalkonservative Tradition. Seine Skepsis gegenüber konstruktivistischen Gesellschaftsentwürfen hat nichts von ihrer analytischen Schärfe verloren. Dabei ist die Unterscheidung wesentlich: Hayeks Plädoyer für Freiheit und organisch gewachsene Ordnungen speist sich gerade aus seiner Skepsis gegenüber jeglicher zentralen Anmassung von Wissen. Dies grenzt ihn scharf von einem reaktiven Konservatismus ab, der den Status quo lediglich um seiner selbst willen bewahren will. Man muss Hayeks Schlüsse nicht teilen. Wer aber behauptet, konservative oder libertäre Überzeugungen schlössen Hochbegabung aus, ignoriert nicht nur die geistesgeschichtliche Realität, sondern auch die neueste empirische Forschung. **Untersuchung über fast vier Jahrzehnte** Das Marburger Hochbegabtenprojekt, initiiert von Detlef H. Rost, ist die umfassendste Längsschnittstudie zur Hochbegabung im deutschsprachigen Raum. Über Jahrzehnte hinweg wurden Teilnehmer begleitet, was uns nun erstmals eine systematische Untersuchung ihrer politischen Überzeugungen ermöglicht hat. Die Ausgangsstichprobe bildeten Ende der 1980er-Jahre über 7000 nicht vorselektierte Drittklässler im damaligen Westdeutschland. Mit standardisierten Intelligenztests wurden eine Gruppe von Hochbegabten (IQ ≥ 130) sowie eine sorgfältig gematchte Kontrollgruppe durchschnittlich Begabter (IQ ≈ 100) identifiziert und sechs Jahre später, in der neunten Klasse, erneut validiert. Nach Jahrzehnten erhoben wir ihre politischen Überzeugungen im Erwachsenenalter – sowohl auf einer einfachen Links-rechts-Skala als auch über ein differenziertes Instrument, das vier Dimensionen erfasst: *wirtschaftlicher Libertarismus, Sozialismus, gesellschaftlicher Liberalismus* und *gesellschaftlicher Konservatismus*. Diese Differenzierung mittels vier Dimensionen ist methodisch entscheidend: Wer politische Überzeugungen eindimensional misst, produziert Rauschen statt Erkenntnis. > «Hochbegabung produziert keine politische Ideologie. Kluge Köpfe finden sich unter Libertären und Sozialdemokraten, unter Konservativen und Liberalen – in nahezu denselben Verhältnissen wie im Rest der Bevölkerung.» Die Zahlen sprechen eine klare und eindeutige Sprache. Auf der Links-rechts-Selbsteinstufung zeigen sich keine Unterschiede. Hochbegabte und durchschnittlich Begabte verorten sich gleichermassen in der Mitte. Auch bei den vier Dimensionen fehlen statistisch bedeutsame Gruppenunterschiede. Damit enttäuscht die Studie die Erwartung jener, die Intelligenz mit progressiven Überzeugungen gleichsetzen. Fakt ist: Hochbegabung produziert keine politische Ideologie. Kluge Köpfe finden sich unter Libertären und Sozialdemokraten, unter Konservativen und Liberalen – in nahezu denselben Verhältnissen wie im Rest der Bevölkerung. **Die grosse Ausnahme: Männer und Konservatismus** Und doch gibt es eine Ausnahme. Bei der Dimension Konservatismus zeigt sich ein Interaktionseffekt: Durchschnittlich begabte Männer weisen signifikant höhere Werte auf als hochbegabte Männer. In der Gruppe der durchschnittlich begabten Männer ist die Präferenz für gesellschaftliche Stabilität und Tradition stärker ausgeprägt. Bei Frauen ist dieser Unterschied nicht zu beobachten. In unserer Publikation diskutieren wir diesen Befund anhand verschiedener Hypothesen, etwa zur kognitiven Komplexität, zur Offenheit oder zur kulturellen Vermittlung politischer Werte. Dies geschieht, um der Vielschichtigkeit der Interaktion gerecht zu werden. Folgt aus einem höheren Mittelwert durchschnittlich begabter Männer beim Konservatismus eine kognitive Minderwertigkeit konservativer Überzeugungen? Keineswegs. Der Befund beschreibt Gruppenmittelwerte, keine Eigenschaften einzelner Politiker. Winston Churchill war nicht nur ein strategischer Kopf von historischem Rang, sondern als Literaturnobelpreisträger auch ein intellektuelles Schwergewicht. Friedrich Merz gehört zu den profiliertesten Wirtschaftsjuristen seiner Generation. Giorgia Meloni beweist in Debatten eine argumentative Präzision, die ihrer Verortung im angeblich bildungsfernen Lager widerspricht. Und Javier Milei war über zwei Jahrzehnte als Professor für Ökonomie tätig und publizierte einschlägig zu geldpolitischen Themen. Wer von Durchschnittswerten auf Individuen schliesst, begeht einen elementaren statistischen Fehler. Dennoch pflegen Medien und öffentliche Diskurse genau diese Fehlschlüsse. Erstens: Korrelation ist keine Kausalität. Zweitens: Die Messung beruht auf Selbstauskunft, die in akademisch dominierten Milieus sozialen Erwünschtheiten unterliegen kann. Drittens: Wer aus einem statistisch zwar signifikanten, im Endeffekt jedoch einzigen Gruppenunterschied auf Einzelpersonen schliesst, betreibt keine Wissenschaft, sondern pflegt Stereotype. **Dogmatismus unterlaufen** Hayek warnte vor übergriffigen Planungsfantasien und vertraute auf die Weisheit gewachsener Ordnungen. Geprägt von ihm glaube ich an Wettbewerb, Regelbindung, persönliche Verantwortung und die Überlegenheit freier Ordnungen. Denn eine Gesellschaft, in der Hochbegabung automatisch zu einer bestimmten politischen Überzeugung führte, wäre intellektuell ärmer, nicht reicher. Hochbegabung und Intelligenz verhindern keinen Konservatismus und fördern keinen Sozialismus. Das Gegenteil ist der Fall. Sie erschweren die ideologische Verhärtung und unterlaufen damit den Dogmatismus. Und das ist gut so, denn eine freie Gesellschaft benötigt diese kognitive Leistung auf allen Seiten des politischen Spektrums. Es wäre ein Gewinn für den Diskurs, wenn alle Seiten aufhörten, Intelligenz als Hausausweis zu beanspruchen oder der anderen Seite per Konstruktion abzusprechen. Die Daten geben das nicht her. Wer das dennoch behauptet, zieht politische Schlüsse, wo nur statistische erlaubt sind. Das wäre, mit Verlaub, keine besonders kluge Leistung. ### Intelligence Has No Ideology URL: https://www.schweizermonat.ch/intelligence-has-no-ideology/ Last updated: 2026-10-02T08:25:56.000Z 0:00 /458 1× Die deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/intelligenz-hat-keine-ideologie/). I believe in intelligence. Not in the naive sense that intelligent people are always right, but in the empirical sense: intelligence is measurable, stable, and consequential—for people’s life trajectories, for societies, and for the way people deal with complexity. Decades of research show that it is the single strongest predictor of the most commonly used measures of success—weightier than personality, social background, or diligence alone. That makes one question particularly interesting, and it has occupied me for years: Do more intelligent people think differently? And to what extent is that related to their political orientation? The question touches on a narrative that permeates public discourse but is rarely stated openly: the idea that political beliefs allow us to draw conclusions about cognitive ability. The answer offered by [a study](https://doi.org/10.1016/j.intell.2025.101986?ref=schweizermonat.ch) we recently published in the journal *Intelligence* is sobering—at least for those hoping for a simple story. > “Intelligence is measurable, stable, and consequential—for people’s life trajectories, for societies, and for the way people deal with complexity. Decades of research show that it is the single strongest predictor of the most commonly used measures of success—weightier than personality, social background, or diligence alone.” ## The Myth of the Gifted Left-Liberal In academic circles, the belief persists stubbornly that anyone who is truly intelligent will sooner or later arrive at progressive views. Conservatism is portrayed there as a failure of cognition—as a form of fear, rigidity, or a deficient capacity for reflection. With the rise of right-wing populist movements, this interpretation has hardened. Agreement with right-wing positions is treated as evidence of shallow reflection or simply an inability to cope with the complexity of modern societies. Within this framework, the political opponent is depicted not merely as mistaken, but as cognitively overwhelmed. Whoever chooses the “simple answers” must, the subtext suggests, necessarily have foundered on the limits of his own cognitive capacity. This logic may be flattering to some, but it does not withstand empirical scrutiny. A glance at the history of liberal thought is enough to refute it. Friedrich August von Hayek represents a sophisticated liberal-conservative tradition. His skepticism toward constructivist schemes of social design has lost none of its analytical sharpness. The distinction matters: Hayek’s defense of freedom and organically grown orders stems precisely from his skepticism toward any central pretense of knowledge. This sharply distinguishes him from a reactive conservatism that seeks merely to preserve the status quo for its own sake. One need not share Hayek’s conclusions. But anyone who claims that conservative or libertarian convictions are incompatible with giftedness ignores not only the history of ideas but also the latest empirical research. ## A Study Spanning Almost Four Decades The Marburg Giftedness Project, initiated by Detlef H. Rost, is the most comprehensive longitudinal study of giftedness in the German-speaking world. Participants were followed over decades, allowing us for the first time to systematically examine their political beliefs. The original sample consisted of more than 7,000 unselected third-graders in what was then West Germany in the late 1980s. Standardized intelligence tests identified a group of gifted children (IQ ≥ 130) and a carefully matched control group of average intelligence (IQ ≈ 100). Group membership was revalidated six years later, in ninth grade. Decades later, we measured their political convictions in adulthood—both on a simple left-right scale and using a more differentiated instrument covering four dimensions: *economic libertarianism, socialism, social liberalism,* and *social conservatism*. This four-dimensional approach is methodologically crucial: measuring political convictions on a single axis produces noise rather than insight. > “Giftedness does not produce a political ideology. Bright minds can be found among libertarians and social democrats, conservatives and liberals—in nearly the same proportions as in the rest of the population.” The numbers speak clearly. On the left-right self-placement scale, there are no differences. Gifted and average-intelligence individuals place themselves in the political center to essentially the same extent. Nor are there statistically significant differences across the four dimensions. The study therefore disappoints those who equate intelligence with progressive convictions. The fact is: giftedness does not produce a political ideology. Bright minds can be found among libertarians and social democrats, conservatives and liberals—in nearly the same proportions as in the rest of the population. ## The Major Exception: Men and Conservatism There is, however, one exception. On the conservatism dimension, an interaction effect emerges: men of average intelligence score significantly higher than gifted men. Among men of average intelligence, preferences for social stability and tradition are more pronounced. No such difference is observed among women. In our publication, we discuss this finding in light of various hypotheses, including cognitive complexity, openness, and the cultural transmission of political values. The purpose is to do justice to the complexity of the interaction. Does the higher average level of conservatism among men of average intelligence imply that conservative beliefs are cognitively inferior? Not at all. The finding describes group means, not the characteristics of individual politicians. Winston Churchill was not merely a strategist of historic stature; as a Nobel laureate in literature, he was also an intellectual heavyweight. Friedrich Merz ranks among the most prominent corporate and business lawyers of his generation. Giorgia Meloni displays in debate an argumentative precision that contradicts her placement in the supposedly less-educated camp. And Javier Milei worked as a professor of economics for more than two decades and published specialist work on monetary policy. To infer individual characteristics from group averages is a basic statistical error. Yet media and public discourse routinely make precisely these mistakes. First: correlation is not causation. Second: the measurement relies on self-reporting, which may be subject to social desirability biases in academically dominated environments. Third: drawing conclusions about individuals from what is, though statistically significant, ultimately the only group difference found is not science; it is stereotyping. ## Undermining Dogmatism Hayek warned against overreaching planning fantasies and placed his trust in the wisdom of grown orders. Influenced by him, I believe in competition, binding rules, personal responsibility, and the superiority of free orders. For a society in which giftedness automatically led to a particular political conviction would be intellectually poorer, not richer. Giftedness and intelligence do not prevent conservatism, nor do they promote socialism. Quite the opposite. They make ideological rigidity more difficult and thereby undermine dogmatism. And that is a good thing, because a free society needs this cognitive capacity on every side of the political spectrum. The public discourse would benefit if all sides stopped claiming intelligence as their own membership card—or, by construction, denying it to the opposing side. The data do not support either move. Anyone who nevertheless makes such claims is drawing political conclusions where only statistical ones are warranted. With all due respect, that would not be a particularly intelligent thing to do. ### How to Reverse the Free Speech Recession URL: https://www.schweizermonat.ch/how-to-reverse-the-free-speech-recession-with-jacob-mchangama/ Last updated: 2026-07-15T20:20:38.000Z _No content available._ ### Small is Beautiful URL: https://www.schweizermonat.ch/small-is-beautiful/ Last updated: 2026-06-04T14:49:37.000Z Staaten sind keine wirtschaftlichen Unternehmen. Im Unterschied zu diesen finanzieren sich Staaten nicht durch den Verkauf von Produkten und Dienstleistungen an freiwillig zahlende Kunden, sondern durch Zwangsabgaben: durch Androhung und Anwendung von Gewalt eingetriebene Steuern – sowie durch von ihnen buchstäblich aus dem Nichts geschaffenes Papiergeld. Bezeichnenderweise haben manche Ökonomen Regierungen – also Inhaber staatlicher Gewalt – deshalb auch als stationäre Banditen bezeichnet. Regierungen und alle Personen auf ihrer Gehaltsliste leben von der Beute, die anderen geraubt wird. Sie führen damit eine parasitäre Existenz auf Kosten einer unterworfenen, als «Wirt» dienenden Bevölkerung. Daraus ergeben sich eine Reihe weiterer Einsichten. Naturgemäss bevorzugen stationäre Banditen eine grössere Beute gegenüber einer kleineren. Das heisst: Staaten werden stets versuchen, ihr Steueraufkommen zu erhöhen und ihre Ausgaben durch Papiergeldvermehrung weiter zu steigern. Je grösser die Beute, desto mehr Gefälligkeiten können sie sich selbst, ihren Angestellten und ihren Unterstützern erweisen. Doch diesem Treiben sind natürliche Grenzen gesetzt. Zum einen müssen die Banditen darauf achten, ihren «Wirt» – dessen Arbeit und Leistung ihre parasitäre Existenz ermöglicht – nicht so stark zu belasten, dass dieser seine Arbeit einstellt. Zum anderen müssen sie befürchten, dass ihre «Wirte» – insbesondere die produktivsten unter ihnen – aus ihrem Herrschaftsbereich abwandern und sich andernorts ansiedeln. Vor diesem Hintergrund werden eine Reihe historischer Tendenzen und Prozesse begreiflich. Erstens wird verständlich, warum es eine Tendenz zur territorialen Expansion und politischen Zentralisierung gibt: Auf diese Weise gelingt es Staaten, immer mehr «Wirte» unter ihre Kontrolle zu bringen und deren Abwanderung in fremde Territorien zu erschweren. Damit steigt die erwartete Beutemenge. Und es wird einsichtig, warum der Endpunkt dieses Prozesses, die Einrichtung eines Weltstaates, mitnichten ein Segen für die ganze Menschheit wäre, wie oft behauptet. Denn aus einem Weltstaat kann man nicht auswandern; damit entfällt jede Möglichkeit, sich staatlichen Beutezügen durch Abwanderung zu entziehen. Deshalb ist es zu erwarten, dass mit der Einrichtung eines Weltstaates Umfang und Ausmass staatlicher Ausbeutung über jedes bis dahin bekannte Mass hinaus weiter ansteigen – sichtbar unter anderem durch die Höhe staatlicher Einnahmen und Ausgaben, in der Geldinflation sowie in Zahl und Umfang sogenannter «öffentlicher Güter» und den im «öffentlichen Dienst» beschäftigten Personen. Das ist gewiss kein Segen für die «Wirtsbevölkerung», die diesen staatlichen Überbau zu erwirtschaften hat! **Das Wunder von Europa** Zweitens wird ein zentraler Grund für den Aufstieg des Westens zur weltweit führenden Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturregion begreiflich. Im Unterschied insbesondere zu China war Europa seit dem frühen Mittelalter bis weit in die jüngere Vergangenheit hinein durch ein hohes Mass an politischer Dezentralisierung gekennzeichnet – mit Hunderten, teils Tausenden unabhängiger Herrschaftsgebiete. Manche Historiker haben diesen Zustand als «geordnete politische Anarchie» beschrieben. Und es ist heute unter Wirtschaftshistorikern gängig, in diesem quasianarchischen Zustand einen wesentlichen Grund für das sogenannte «europäische Wunder» zu erkennen. Denn in einem Umfeld mit einer grossen Vielfalt kleinräumiger, unabhängiger Herrschaftsbereiche in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander ist es vergleichsweise einfach, mit den Füssen abzustimmen und sich den Räubereien staatlicher Herrscher durch Abwanderung zu entziehen. Zur Abwehr dieser Gefahr und um ansässige Produzenten bei der Stange zu halten, stehen diese Herrschaften daher ständig unter hohem Druck, sich hinsichtlich ihrer Ausbeuterei zu mässigen. Gerade diese Mässigung fördert umgekehrt das wirtschaftliche Unternehmertum, die wissenschaftliche Neugier und die kulturelle Kreativität. **Parasitäre EU** Im Licht der vorstehenden Betrachtungen ist eine fundierte historische Einordnung und Einschätzung der Europäischen Union möglich: Die EU ist ein Musterbeispiel der angesprochenen Tendenz zur territorialen Expansion und politischen Zentralisierung – mit den sich hieraus ergebenden Folgen: einer Zunahme ausbeuterischer staatlicher Massnahmen und einem Wachstum des parasitären staatlichen Überbaus (Stichwort: Brüssel). Konkreter: Die EU und die europäische Zentralbank (EZB) sind der erste Schritt hin zur Einrichtung eines europäischen Superstaats, der schliesslich in einer Eine-Welt-Regierung, dominiert von den USA und ihrer Zentralbank, der Fed, aufgehen soll. Im Gegensatz zu ihren wohlklingenden politischen Verlautbarungen ging es bei der EU und der EZB nie um freien internationalen Handel und Wettbewerb. Dafür benötigt man keine abertausend Seiten Papier, voll mit Verordnungen und Regulierungen! Vielmehr ging es immer und vor allem um eine Aufwärtsharmonisierung der Steuer-, Gesetzes- und Regelungsvorschriften sämtlicher Mitgliedsstaaten, um auf diese Weise allen wirtschaftlichen Standortwettbewerb zu verringern oder zu eliminieren. Denn wenn die Steuersätze und die staatlichen Regulierungen überall gleich sind oder immer stärker angeglichen werden, gibt es für produktive Personen – die «Wirte» – immer weniger wirtschaftliche Gründe, ihre Tätigkeiten an einen anderen Standort zu verlegen. > «Ging es bei der EU und der EZB nie um freien internationalen Handel und Wettbewerb. Dafür benötigt man keine abertausend Seiten Papier, voll mit Verordnungen und Regulierungen!» Hinzu kommt, dass die derzeitige EU – als ein Kartell diverser Regierungen – nur deshalb und nur so lange zusammenhält, wie die wohlhabenderen Banditen, allen voran die deutsche Regierung, willens und in der Lage sind, ihre bedürftigeren Kollegen im Süden und Osten mit ihren weniger produktiven «Wirten» dauerhaft und in grossem Stil finanziell zu unterstützen – auf Kosten der heimischen Produzenten. Die EU und die EZB sind also moralische und ökonomische Monstrositäten. Man kann nicht dauerhaft Produktivität und wirtschaftlichen Erfolg bestrafen, während man Parasitentum, Verschwendung und wirtschaftlichen Misserfolg belohnt, ohne ein Desaster herbeizuführen. Die EU wird von einer wirtschaftlichen Krise in die nächste taumeln und schliesslich auseinanderbrechen. **EU scheut Konkurrenz** Schliesslich wird vor diesem Hintergrund auch die besondere Stellung der Schweiz begreiflich. Umringt von EU-Mitgliedsstaaten muss die Schweiz produktiven beziehungsweise wertschöpfenden Personen attraktivere Standortvorteile als die EU anbieten, um eine Abwanderung und einen entsprechenden wirtschaftlichen Niedergang zu verhindern. Die staatliche Ausbeutungsrate muss daher vergleichsweise geringer ausfallen. Der EU ist diese Konkurrenz ein Dorn im Auge. Brüssel versucht daher, Bern mit Zuckerbrot und Peitsche zu einem EU-Beitritt zu drängen. Für die politische Klasse – die politischen Banditen – verspricht ein Beitritt in der Tat erhebliche Vorteile: mehr Behörden und Positionen, mehr Kompetenzen, mehr Reisen, mehr lukrative Verbindungen und mehr Geld. Entsprechend ist die Versuchung gross. Für die Schweiz insgesamt dagegen wäre ein Beitritt mit einem merkbaren Wohlstandsverlust verbunden. Denn mit einem EU-Beitritt gäbe sie nicht nur den eigenen Standortvorteil auf, sondern müsste darüber hinaus auch noch die Misswirtschaft andernorts subventionieren. > «Der EU ist diese Konkurrenz ein Dorn im Auge. Brüssel versucht daher, Bern mit Zuckerbrot und Peitsche zu einem EU-Beitritt zu drängen» Zum anderen bietet die Schweiz selbst ein aufschlussreiches Beispiel politischer Zentralisierung und ihrer Konsequenzen. Die Schweiz ist nicht nur ein Kleinstaat, sondern weist mit ihrer Vielzahl separater Kantone auch ein hohes Mass an interner Dezentralisierung auf. Doch der interkantonale Wettbewerb mit seinen wirtschaftsfördernden gesamtschweizerischen Auswirkungen hat im Zeitverlauf immer stärker abgenommen. Immer mehr kantonale Machtbefugnisse hat die Zentralregierung an sich gerissen. Während dies zu einem stetigen Wachstum des parasitären staatlichen Überbaus in Bern führte, wurde zugleich der interkantonale Standortwettbewerb durch vielfältige Harmonisierungs-, Subventionierungs- und sogenannte Finanzausgleichsmassnahmen schrittweise immer weiter eingeschränkt. Im Grunde betreibt Bern nach innen dieselbe Politik wie in viel grösserem Massstab Brüssel. Und derselbe gute Grund, aus dem Bern jedenfalls bisher eine Unterwerfung gegenüber Brüssel verweigert hat, trifft auch auf das Verhältnis von Kanton zu Zentralregierung zu: Ein wirtschaftlich erfolgreicher Kanton hat keinen wirklich guten Grund, sich einer Zentralregierung anzuschliessen und ihren Befehlen bedingungslos zu unterwerfen. Warum sollte er sich nicht auch als Ausdruck wirtschaftlicher Vernunft aus einer bestehenden Verbindung mit dem Zentralstaat lösen oder von diesem angemasste Kompetenzen zurückfordern wollen?! > «Im Grunde betreibt Bern nach innen dieselbe Politik wie in viel grösserem Massstab Brüssel.» **Demokratie befördert Neid und Egalitarismus** Während die Kleinheit und interne Dezentralisierung der Schweiz wesentliche Gründe für ihren Wohlstand und ihre wirtschaftliche Stärke sind, hat die direkte oder indirekte Demokratie – entgegen vielbeschworener Schweizer Folklore – wenig oder gar nichts damit zu tun. Eher ist das Gegenteil der Fall. Demokratie heisst Mehrheitsherrschaft und ist von daher eine Form des Sozialismus beziehungsweise Kommunismus. Privateigentum wird zu Gemeineigentum. Eine Mehrheit entscheidet darüber, was mir gehört oder nicht und was ich damit tun darf oder nicht. Und Demokratie legitimiert und befördert das, was das zehnte biblische Gebot untersagt: Neid und Egalitarismus. Sie erlaubt es Mehrheiten, sich am Eigentum anderer Personen zu vergreifen und zu bereichern. Sie züchtet Missgunst vor allem mit Enteignungs- und Umverteilungsmassnahmen zum eigenen Vorteil und dem ihrer Anhänger und sie erzeugt eine Personenklasse (Politiker), die sich zeitaufwendig mit der Beschaffung von Mehrheiten zwecks Durchsetzung «populärer» Beutezüge befasst. In diesem Sinne ist ein demokratisches Umfeld stets eine Belastung und Bedrohung für Privateigentümer und insbesondere alle produktiven, privatwirtschaftlich tätigen Unternehmer. Anders verhält es sich nur dort, wo die Mitglieder etwa einer Genossenschaft oder eines Vereins sich einvernehmlich auf ein mehrheitliches Entscheidungsverfahren bezüglich der Verwaltung ihres – und nur ihres – gemeinsamen Genossenschaftseigentums geeinigt haben. Doch die davon ausgehende Bedrohung für Eigentümer und Unternehmer kann variieren: Sie ist umso grösser, je grösser die entscheidende Mehrheit ist – und umgekehrt. Den geringsten Schaden richtet sie demnach auf kommunaler Ebene an. Da, wo jeder jeden kennt, ist es schwierig, Mehrheiten für Enteignungen und Umverteilungen zu finden. Je grösser und anonymer dagegen die Mehrheit ist und je unpersönlicher die Opfer ihrer Entscheidungen, umso mehr fallen alle moralischen Hemmungen, das Eigentum anderer zu begehren. Tatsächlich weist die dörfliche Demokratie in aller Regel ein geringeres Mass an Zwangsabgaben und Umverteilung auf als die städtische. Die kantonale Demokratie ist üblicherweise «linker» – also ab- und ausgabenfreudiger und stärker umverteilend – als die lokale. Grosse Kantone sind tendenziell linker als kleine. Und das weitaus grösste Ausmass an Zwangsabgaben und Umverteilung aller Art ist das Ergebnis «allgemeiner» demokratischer Wahlen und die gesamte Schweiz betreffender Mehrheitsentscheidungen. > «Weist die dörfliche Demokratie in aller Regel ein geringeres Mass an Zwangsabgaben und Umverteilung auf als die städtische» **Marsch in den Sozialismus** Gelegentlich werden die Entscheidungen von Bundesrat und Parlament per direkte Demokratie konterkariert und überstimmt, aber dies ändert nichts an der beobachteten Tendenz, dass eine Ausdehnung der Demokratie (etwa durch die Einführung des Frauenstimmrechts) mit einer zunehmenden Verschiebung des gesamten politischen Spektrums nach links einhergeht. Damit verbunden sind fortschreitende Privateigentumsfeindschaft, eine zunehmende Belastung des Unternehmertums und – umgekehrt – ein stetiges Anwachsen des gesamten parasitären staatlichen Überbaus. Zwar hinkt die Schweiz bei diesem scheinbar unaufhaltbaren Marsch in den Sozialismus im Vergleich zu den umliegenden EU-Staaten noch merkbar hinterher. Doch auch hier ist der Einfluss links-grüner politischer Kräfte, die diesen Marsch befördern, stetig angewachsen, was sich am Ausgang diverser Referenden unschwer ablesen lässt. Um diese Tendenz umzukehren (sofern man dies will) und die Schweizer Wirtschaftskraft zu fördern, statt weiter zu schwächen, ist daher von jeder weiteren «Stärkung der Demokratie» (zum Beispiel durch Ausländerwahlrecht oder Senkung des Stimmalters), ob direkt oder indirekt, abzuraten. Das Mehrheitsprinzip ist ein sozialistisches Prinzip und es befördert den Sozialismus. Zugleich befördert es den politischen Zentralismus. Denn wenn eine Mehrheitsentscheidung allein aufgrund ihrer Mehrheit besondere Legitimität geniesst, erscheint eine grössere Mehrheit (Stichwort: EU) folgerichtig als noch legitimer als eine kleinere. > «Die Schweizer Wirtschaftskraft zu fördern, statt weiter zu schwächen, ist daher von jeder weiteren «Stärkung der Demokratie» (zum Beispiel durch Ausländerwahlrecht oder Senkung des Stimmalters), ob direkt oder indirekt, abzuraten» Stattdessen ist es geboten, sich auf das wahre Geheimnis des Schweizer Erfolgs – ihre interne Dezentralisierung – zu besinnen und alle Anstrengungen darauf zu richten, jene Kompetenzen und Befugnisse, die sich der Zentralstaat im Zeitverlauf mehrheitlich-demokratisch angeeignet hat, schrittweise wieder an die diversen Kantone und Gemeinden zurückzuübertragen. Und wenn man denn aus nostalgisch-folkloristischen Gründen von der Demokratie nicht ganz lassen kann, dann sollte wenigstens die dezentrale, kantonale und lokale Demokratie gestärkt werden – auf Kosten der zentralen, gesamtstaatlichen Variante. ### Der Mensch ist kein leeres Blatt URL: https://www.schweizermonat.ch/der-mensch-ist-kein-leeres-blatt/ Last updated: 2026-08-17T06:26:20.000Z 0:00 /1068.864 1× > Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-price-of-denying-human-nature/). Während Sie diesen Satz lesen, wirkt eine Kraft auf Sie ein. Sie beeinflusste, was Sie heute essen wollten, Ihre sozialen Vorlieben und Ihre Interessen. Vom Mutterleib bis ins Erwachsenenalter ist sie konstanter als Ihre Meinungen oder Beziehungen: Ihr Genom, das Sie mit der Langsamkeit geologischer Prozesse zu dem Menschen formte, der Sie wahrscheinlich ohnehin geworden wären. Es stellt sich heraus, dass man mit der Zeit entdeckt, wer man ist, und zu der Person wird, die man ist. Dies gehört zu den am häufigsten replizierten Befunden der Verhaltenswissenschaften. Dass wir das heute wissen, ist bemerkenswert genug. Aber wie lange wir es geleugnet haben und zu welchem Preis, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. ## **Mit dem Alter zeigen sich die Gene** Nehmen Sie zwei eineiige Zwillinge. Genetisch gesehen sind sie Klone; sie teilen 100 Prozent ihrer DNA. Trennen Sie sie bei der Geburt. Lassen Sie sie in unterschiedlichen Familien, Städten oder Ländern aufwachsen, wenn Sie wollen. Messen Sie sie dann in verschiedenen Abständen über ihr Leben hinweg: Gewicht, Intelligenz, Persönlichkeit, politische Ansichten, Scheidungswahrscheinlichkeit und psychiatrische Ergebnisse. Trotz unterschiedlicher Umwelten und Erfahrungen driften diese Zwillinge nicht auseinander, wie man erwarten würde. Das Gegenteil ist der Fall. Die Korrelation zwischen getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen nimmt mit der Zeit zu. Je älter sie werden, desto ähnlicher werden sie einander. In Persönlichkeit, kognitiver Fähigkeit und ihren Lebensentscheidungen. Bei der Geburt getrennt und auf entgegengesetzten Seiten der Welt aufgewachsen, lesen sie am Ende dieselben Arten von Büchern, machen dieselben Arten von Witzen und sitzen auf dieselbe Weise auf einem Stuhl. Zwillingsstudien liefern Heritabilitätsschätzungen – den Anteil menschlicher Unterschiede, der genetisch erklärt wird: - Körpergewicht: rund 60 Prozent. - Körpergrösse: 80 bis 90 Prozent. - Augenfarbe: etwa 95 Prozent. - Intelligenz: 50 bis 80 Prozent, mit steigender Tendenz im Erwachsenenalter. Heritabilität steigt in wohlhabenden Gesellschaften, weil Umweltunterschiede kleiner werden und dadurch genetische Unterschiede stärker sichtbar werden. Chancengleichheit beseitigt Unterschiede nicht, sondern macht sie sichtbar. Der Progressive und der Hereditarist werden gewöhnlich als Feinde vorgestellt. Die Daten erzwingen eine seltsame Allianz. ## **Das schwarze Loch der nichtgeteilten Umwelt** Einflüsse auf unser Leben lassen sich in Gene und Umwelt unterteilen. Die Umwelt selbst zerfällt wiederum in zwei Kategorien: - **Geteilte Umwelt**: alles, was Geschwister gemeinsam erleben, also Elternhaus, soziale Herkunft oder familiäres Milieu. - **Nichtgeteilte Umwelt**: alles, was Geschwister voneinander unterscheidet, etwa unterschiedliche Freunde, individuelle Erfahrungen, Zufall oder ungleiche Behandlung. Man könnte erwarten, dass die geteilte Umwelt eine hohe Bedeutung habe. Doch sobald grundlegende Bedürfnisse erfüllt sind, trägt sie nahezu null zu den Unterschieden zwischen Individuen bei. Geschwister, die unter demselben Dach aufgewachsen sind, sind einander nicht ähnlicher als Geschwister, die getrennt aufgewachsen sind. Die nichtgeteilte Umwelt ist eine andere Geschichte. Fünfzig Prozent der Variation in Lebensergebnissen bleiben weder durch Gene noch durch die geteilte Umwelt erklärt. Das wurde als das «schwarze Loch» der Verhaltensgenetik bezeichnet. Trotz jahrzehntelanger Forschung gibt es nur wenige replizierbare Effekte der nichtgeteilten Umwelt; vieles bleibt statistisch unaufgeklärt oder erscheint zufällig verteilt. ## **Die Natur der Erziehung** Wie viel Zeit Kinder vor dem Fernseher verbringen, galt lange als Goldstandard einer Umweltvariable. Der Verhaltensgenetiker Robert Plomin hat jedoch gezeigt, dass Fernsehkonsum zu 50 Prozent erblich ist. Das Chaos oder die Ordnung eines Haushalts, die soziale Unterstützung, die eine Person erhält, und sogar der Ort, an dem jemand lebt, sind genetisch beeinflusst. Das erscheint seltsam, bis man darüber nachdenkt, warum. Was sind diese «Umwelt»-Messgrössen eigentlich? Was ein Mensch mit seiner Welt tut. Eine Scheidung ist nichts, das Ihnen passiv widerfährt. Sie ist das Ergebnis einer Beziehung, die Ihr soziales Verhalten widerspiegelt, das in erheblichem Mass heritabel ist. Die Umwelt, die Sozialwissenschafter zu messen glaubten, war immer schon zu einem bedeutenden Teil die Konsequenz jener Natur, die sie sorgfältig ignorierten. > «Die Umwelt, die Sozialwissenschafter zu messen glaubten, war immer schon zu einem bedeutenden Teil die Konsequenz jener Natur, die sie sorgfältig ignorierten.» Die Korrelation ist real, aber die Kausalität verläuft in die entgegengesetzte Richtung dessen, was jahrzehntelang angenommen wurde, ­und zwar über einen Mechanismus (Genetik), nach dem niemand in der Erziehungsliteratur suchte. Genetische Neigungen formen auch die Umwelt: Wer Sprache liebt, liest mehr; wer Mathematik bevorzugt, sucht entsprechende soziale Kreise. So entsteht eine selbstverstärkte Umwelt, die aus frühen Präferenzen wächst. Mit der Zeit werden wir zu Autoren unserer eigenen Umgebung. ## **Unfalsifizierbarer Erziehungsstress** Vieles von dem, was moderne Elternschaft als eine Last erscheinen lässt, ist die Angst, die durch das Modell des Menschen als unbeschriebenen Blatts (*Blank Slate*) erzeugt wird: der Glaube, dass Eltern die Architekten des Lebens ihres Kindes seien, dass jede Entscheidung entwicklungsbezogene Konsequenzen habe, dass die falsche Schule oder die falsche Menge an Bildschirmzeit sich zu einem Schaden aufsummierten, der sich erst in zwanzig Jahren zeigen werde. Das ist ein enormes Gewicht, jemandem aufzubürden, bevor er überhaupt entschieden hat, ob er Kinder haben möchte. Doch dieses Gewicht ist weitgehend illusorisch: Wie sich Kinder entwickeln, hängt primär von der Natur, nicht von der Erziehung ab. Adoptiveltern haben mit ihren Erziehungsentscheidungen bis zur Adoleszenz praktisch keinen Einfluss auf Intelligenz oder Persönlichkeit. Die biologischen Eltern, die das Kind nie getroffen hat, spielen eine wesentlich grössere Rolle. Wenn dies doch nur ein isolierter Fehler im Erziehungsdiskurs wäre … In den frühen 1970er-Jahren lehrten führende Lehrbücher der Psychiatrie, dass Schizophrenie dadurch verursacht werde, was Ihre Mutter Ihnen in den ersten drei Lebensjahren angetan habe. Denken Sie darüber nach, was das bedeutet. Einer Mutter, deren Kind Schizophrenie entwickelte, wurde gesagt, sie habe dies verursacht. Dass die Psychose, die den Geist ihres Kindes zerreisst, die verzögerte Detonation ihrer eigenen Fehler im Kinderzimmer sei. Es gab dafür keine Beweise. Es hat nie welche gegeben. Es war die selbstsichere Extrapolation einer Ideologie – der Glaube, dass der Geist vollständig durch Erfahrung geschrieben werde und Pathologie deshalb immer die Einschreibung einer schlechten Umwelt sei. Die Ideologie kam zuerst; die Theorie wurde um sie herum konstruiert. Heute wissen wir, dass Schizophrenie zu den psychiatrischen Erkrankungen gehört, die am stärksten durch Vererbung beeinflusst sind: zu 80 Prozent. Weder die Mutter noch die Familie haben sie verursacht. Die Vorstellung, dass sie es getan hätten, führte dazu, dass Eltern jahrzehntelang Schuld für etwas empfanden, auf das sie nicht mehr Einfluss hatten als auf die Augenfarbe ihres Kindes. Das ist es, was geschieht, wenn eine falsche Theorie der menschlichen Natur institutionell verankert wird. Sigmund Freud errichtete das einflussreichste psychologische System des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Annahme, dass das, was Ihre Eltern Ihnen in den ersten fünf Lebensjahren antaten, der primäre Bestimmungsfaktor Ihres erwachsenen Charakters und Ihrer Pathologie sei. Die Theorie war nicht falsifizierbar, wie eine Religion; jede Evidenz gegen sie konnte als Widerstand oder Verdrängung umgedeutet werden. Sie verbreitete sich nicht, weil sie die Daten erklärte, sondern weil sie eine Annahme bestätigte: dass der Mensch primär durch seine Umwelt geprägt werde, insbesondere durch die Familie. Dies führte zu Konversionstherapien für Homosexualität, zur Schuldzuweisung an Mütter für Autismus (die von Bruno Bettelheim formulierte «Kühlschrankmutter»-Hypothese, an die jahrzehntelang geglaubt wurde) und zur Entstehung einer gesamten therapeutischen Industrie rund um Interventionen, deren Wirksamkeit sich für die Zustände, die Freud zu behandeln beanspruchte, als null erwies. Würden sich diese Einsichten durchsetzen, würde ein zentraler Grund entfallen, aus dem Menschen mit Kinderwunsch sich gegen Elternschaft entscheiden. Eltern sind wichtig. Aber wenn sie hinreichend gute Eltern sind, formen sie weder Persönlichkeit noch Intelligenz noch psychische Grundstruktur ihres Kindes. Sie führen eine Beziehung. Und Beziehungen gehören zu jenen Dingen, die Menschen seit jeher als sinnvoll erlebt haben. > «Sie führen eine Beziehung. Und Beziehungen gehören zu jenen Dingen, die Menschen seit jeher als sinnvoll erlebt haben.» Die Liebe zwischen Eltern und Kindern ist keine kulturelle Konvention, die sich beliebig ersetzen liesse. Sie gehört zu den tiefsten Trieben, die die Evolution hervorgebracht hat. Wer mit sechzig ohne Kinder zurückblickt und sich fragt, was gefehlt habe, verspürt nicht bloss eine verpasste Lebensoption. Er spürt die Anziehungskraft von etwas, das älter ist als die Säugetiere selbst. ## **Massive Kosten** Die Expansion des Universitätssystems im späten 20\. Jahrhundert wurde zu einem grossen Teil durch den impliziten Glauben an das unbeschriebene Blatt verursacht: die Vorstellung, dass höhere Bildung kognitive Fähigkeit, Produktivität und Lebensverläufe erhöhe. Ein grosser Teil der beobachteten Korrelation zwischen Universitätsbesuch und späterem Erfolg erklärt sich durch einen Selektionseffekt: Studierende, die an Universitäten zugelassen werden, haben bereits vor der Ausbildung höhere kognitive Fähigkeiten und sozioökonomischen Status. Ein grosser Teil der Hochschulbildung ist ein vom Steuerzahler finanzierter Zirkus, eine enorme Diskrepanz zwischen dem, was der Markt verlangt, und dem, was das Bildungssystem liefert. Einen solchen Zirkus kann man von einer Planwirtschaft erwarten. Zentrale Planer scheinen bemerkenswert oft eine Vorliebe für das unbeschriebene Blatt zu haben. > «Ein grosser Teil der beobachteten Korrelation zwischen Universitätsbesuch und späterem Erfolg erklärt sich durch einen Selektionseffekt: Studierende, die an Universitäten zugelassen werden, haben bereits vor der Ausbildung höhere kognitive Fähigkeiten und sozioökonomischen Status.» Karl Marx baute ein politisches System auf einer ähnlichen Annahme. Der neue Mensch, den die Sowjets konzipierten, war das unbeschriebene Blatt in Form offizieller Politik: Menschliche Natur ist formbar, falsches Bewusstsein kann durch die richtige institutionelle Ordnung korrigiert werden. Die richtige Umwelt wird den idealen Menschen hervorbringen. Die Zahl der Todesopfer dieses Irrtums, in der Sowjetunion, im maoistischen China, in Kambodscha oder Nordkorea, liegt bei über 100 Millionen und steigt weiter. Die Blank-Slate-Ideologie erlaubt Zwang. Wenn menschliche Natur existiert, gibt es Grenzen dessen, was man einem Menschen antun kann, einen Punkt, an dem seine Natur sich widersetzt, sich wieder durchsetzt, sich verweigert. Etwas hat eine höhere Loyalität als den Staat. Blank-Slate-Ideologen anerkennen keine solche Grenze. Man kann immer mehr tun. Man kann immer weiter gehen. Die Standardreaktion an diesem Punkt, um die Sowjets zu entlasten, ist der Verweis auf andere zentral geplante Akteure, die nicht sie selbst waren, insbesondere die Nationalsozialisten. Schon die Erwähnung von Genetik, so wird behauptet, führe zu Gräueltaten, und der Holocaust stehe als ewige Warnung vor jeder Wissenschaft, die sich mit menschlicher Natur beschäftige. Die Nationalsozialisten gelten als Warnung vor der Untersuchung menschlicher Natur, während die Blank-Slate-Regime als etwas anderes oder im besten Fall als Gegenmittel dargestellt werden. Die Nationalsozialisten verwendeten tatsächlich die Sprache der Genetik. Doch sie war ein Vorwand, keine Ursache. Sie hätten unabhängig davon getan, was sie taten; der Eliminationsdrang ging der Biologie voraus und hatte keinen verlässlichen Zusammenhang mit ihr. Die Menschen, die sie ermordeten, waren nicht, wie eine ehrliche Analyse erwarten würde, die am wenigsten Geeigneten. Oft waren es die kognitiv begabtesten Populationen des Kontinents. Es war Mord im Laborkittel. Interessanterweise ist heute bei der Erklärung von Unterschieden zwischen Geschlechtern oder anderen Gruppen oft nur noch die Erklärung des unbeschriebenen Blatts politisch akzeptabel – wiederum Mord im Laborkittel. Nationalsozialisten und Sowjets teilten denselben grundlegenden Fehler: Die Ideologie definierte ihre Wahrnehmung von Individuen, statt dass Individuen die Ideologie begrenzten. Der Unterschied liegt lediglich in der Richtung der Projektion. Die nationalsozialistische Ideologie behandelte Menschen als Träger fixer, wesentlicher Eigenschaften. Die sowjetische Ideologie behandelte sie als Rohmaterial, dessen Natur durch die Umwelt überschrieben werden kann. Beide Auffassungen führten zu massiver Entmenschlichung und Leid. Gulag und Konzentrationslager sind keine Abweichung extremer umweltzentrierter Ideologie. Sie sind deren Konsequenz. Die Erkenntnisse der modernen Genetik stützen weder die eine noch die andere Ideologie. Sie sagen nicht, dass jemand einer unterlegenen oder überlegenen Rasse angehört, und sie geben keine Anweisungen, was mit Menschen getan werden soll, um gewünschte Ergebnisse zu erzwingen. Sie sagen, was wahrscheinlich ist, was beeinflussbar ist und was nicht. Dadurch geben sie dem Individuum jene Handlungsfähigkeit zurück, die der Ideologe ihm genommen hat. Zu wissen, dass man ein genetisches Risiko für Adipositas hat, bedeutet nicht, ihm ausgeliefert zu sein. Es bedeutet, den falschen Kampf zu beenden und den richtigen zu beginnen. Wie kann Wissen über etwas, das ohnehin existiert, weniger Freiheit bedeuten? Das Wissen um unsere Natur macht uns freier. Wissen ist Macht. Wenn es etwas wie Knechtschaft gibt, dann ist es Ignoranz. Knechtschaft gegenüber einer Natur, die nicht aufhört zu existieren, nur weil man sie ignoriert. Wer sich selbst versteht, erkennt, wo die tatsächlichen Freiheitsgrade liegen. Am stärksten durch seine Natur bestimmt ist derjenige, der nichts über sie weiss. > «Wissen ist Macht. Wenn es etwas wie Knechtschaft gibt, dann ist es Ignoranz» ## **Die aufgeklärte Alternative** Das ist weder Fatalismus noch Determinismus. Die Stoiker verstanden dies, lange bevor die Genetik den Mechanismus liefern konnte. Reinhold Niebuhrs Gelassenheitsgebet – «Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden» – ist eine Anleitung, Energie auf die Hebel zu richten, die sich tatsächlich bewegen lassen. Wer seine polygenen Scores kennt, kann trotz genetischer Veranlagung zu Übergewicht schlank sein. Das Wissen über das eigene Genom reduziert die Stärke der Kopplung zwischen genetischer Anlage und Ergebnissen. Die Studien, mit denen der Einfluss genetischer Faktoren geschätzt wurde, wurden an Menschen durchgeführt, die ihre genetischen Prädispositionen nicht bewusst berücksichtigten. Sobald man sie berücksichtigt, kann man handeln. Man kann ungesunde Nahrung aus dem Haushalt verbannen. Man verlässt sich nicht auf Willenskraft im Moment der Versuchung, wenn eine bewusst gestaltete Umwelt die besseren Entscheidungen ermöglicht. Wer seine eigene Natur ignoriert, ist nicht nur stärker von ihr bestimmt. Er steht vor einem ständigen Rätsel. Er versteht nicht, warum er trotz aller Bemühungen zunimmt. Er versteht nicht, warum ein Kind trotz aller Vorteile Schwierigkeiten hat, während ein anderes keine hat. Er stolpert immer wieder über denselben Stein, weil er ihn nicht sieht. > «Wer seine eigene Natur ignoriert, ist nicht nur stärker von ihr bestimmt. Er steht vor einem ständigen Rätsel» Der russische Schriftsteller Anton Tschechow schrieb einst: «Der Mensch wird erst dann besser, wenn man ihm zeigt, wie er ist.» Dies ist die Grundlage der Aufklärung: Klare Sicht geht Verbesserung voraus, und eine genaue Karte ist Voraussetzung guter Navigation. Die genetische Revolution der letzten 50 Jahre hat die genaueste Karte menschlicher Natur hervorgebracht, die wir je hatten. Zwillings- und Adoptionsstudien, genomweite Assoziationsstudien und polygenetische Scores führen alle zu demselben Bild. Und sobald man die Ideologie ablegt, die dieses Bild lange bedrohlich erscheinen liess, erweist es sich als zutiefst menschlich. ### Die SP stirbt in ideologischer Schönheit URL: https://www.schweizermonat.ch/die-linke-redet-arbeiterklasse-aber-lebt-elite/ Last updated: 2026-07-15T20:21:04.000Z _No content available._ ### Wahre Männer braucht das Land! URL: https://www.schweizermonat.ch/wahre-maenner-braucht-das-land/ Last updated: 2026-06-01T14:34:23.000Z Kämpfen, bezwingen, beschützen – typisch männliche Attribute? Mit Friedrich Schiller: «Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. Muss wirken und streben, muss pflanzen und schaffen, erlisten, erraffen. Muss wetten und wagen, das Glück zu erjagen.» So etwas darf man heute nicht mehr sagen. Bereits in der Grundschule wird Knaben der Eroberungsdrang ausgetrieben. Kampfeslust gilt als böse, Wettbewerb als Patriarchat. Ohne Frage gibt es gefährliche Männer. In der Schweiz nimmt die Gewalt gegen Frauen zu. In Deutschland wird gemäss Bundeskriminalamt zweimal pro Tag eine Frau Opfer von Gruppenvergewaltigungen. Noch höher liegt die Zahl in Frankreich. Aber kampfbereite Männer sind nicht automatisch Frauenhasser. Und schlechte Männer sind nicht deswegen toxisch, weil sie zu maskulin auftreten, sondern weil sie sich ganz einfach weigern, gute Männer zu sein. Weil sie nicht gelernt haben, was das ist, ein guter Mann. > «Schlechte Männer sind nicht deswegen toxisch, weil sie zu maskulin auftreten, sondern weil sie sich ganz einfach weigern, gute Männer zu sein.» Richtet sich das Kampf- und Gewaltpotenzial eines Mannes gegen Schwächere und Wehrlose, gegen Kinder oder Frauen, ist es schlecht und gehört bestraft. Ist ein Mann jedoch bereit, für den Schutz der Schwachen den Kampf aufzunehmen, auch auf das Risiko hin, selber verletzt zu werden, dann handelt es sich nicht um toxisches, sondern um gutes männliches Verhalten. Im Kino ist dies ebenfalls der wesentliche Unterschied zwischen Helden à la Batman und Bösewichten wie Hannibal Lecter: Beide greifen zu Gewalt, doch der eine im Dienst am schutzbedürftigen Leben, der andere für eigene, kranke Zwecke. Heute brauchen junge Männer, die nicht mehr wissen, was von ihnen erwartet wird, neue Vorbilder. Vorbilder, die einen moralischen Kompass bieten und zeigen, was ein guter Mann ist. Ein guter Mann missbraucht keine Frauen und schlägt keine Kinder. Im Gegenteil bekämpft er Frauenverachtung und Machismo. Er hat auch keine Angst, sich an eine selbstbewusste Frau zu binden. Und er ist dazu bereit, seine sexuelle Lust in eine treue Liebe hineinzulegen. Die Gesellschaft kann sich auf die Kraft und den Mut eines solchen Mannes verlassen, und der Mann kann sich umgekehrt darauf verlassen, gebraucht und geschätzt zu werden. ### Ausgabe 1122 – Juni 2026 URL: https://www.schweizermonat.ch/issue/ausgabe-q-1122-juni-2026/ Last updated: 2026-06-15T10:28:31.000Z # Natur Die gezähmte Wildnis Autoren dieser Ausgabe: - [Yael Adler](https://schweizermonat.ch/author/yaeladler/?ref=schweizermonat.ch), - [Simon Aegerter](https://schweizermonat.ch/author/simonaegerter/?ref=schweizermonat.ch), - [Sarah Amstad](https://schweizermonat.ch/author/sarah-amstad/?ref=schweizermonat.ch), - [Maria Augstburger](https://schweizermonat.ch/author/maria-rebecca-augstburger/?ref=schweizermonat.ch), - [Piotr Biegasiewicz](https://schweizermonat.ch/author/piotrbiegasiewicz/?ref=schweizermonat.ch), - [Mathias Binswanger](https://schweizermonat.ch/author/mathias-binswanger/?ref=schweizermonat.ch), - [Alex Buxeda](https://schweizermonat.ch/author/alexbuxeda/?ref=schweizermonat.ch), - [Christian Felix](https://schweizermonat.ch/author/christianfelix/?ref=schweizermonat.ch), - [Clemens Fässler](https://schweizermonat.ch/author/clemensfaessler/?ref=schweizermonat.ch), - [Erika Georget](https://schweizermonat.ch/author/erikageorget/?ref=schweizermonat.ch), - [Giuseppe Gracia](https://schweizermonat.ch/author/giuseppegracia/?ref=schweizermonat.ch), - [Fabian Gull](https://schweizermonat.ch/author/fabiangull1/?ref=schweizermonat.ch), - [Nicole Hasler](https://schweizermonat.ch/author/nicolehasler/?ref=schweizermonat.ch), - [Monika Hausammann](https://schweizermonat.ch/author/monikahausammann/?ref=schweizermonat.ch), - [Nico Hoppe](https://schweizermonat.ch/author/nicohoppe/?ref=schweizermonat.ch), - [Martin Jucker](https://schweizermonat.ch/author/martinjucker/?ref=schweizermonat.ch), - [Jeff Kosseff](https://schweizermonat.ch/author/jeffkosseff/?ref=schweizermonat.ch), - [Ivan Krastev](https://schweizermonat.ch/author/ivankrastev/?ref=schweizermonat.ch), - [Peter Kurer](https://schweizermonat.ch/author/peterkurer/?ref=schweizermonat.ch), - [Pierrette Lamezan](https://schweizermonat.ch/author/pierrette-lamezan/?ref=schweizermonat.ch), - [Jörn Leonhard](https://schweizermonat.ch/author/joernleonhard/?ref=schweizermonat.ch), - [Lukas Leuzinger](https://schweizermonat.ch/author/lukas-leuzinger/?ref=schweizermonat.ch), - [Bjørn Lomborg](https://schweizermonat.ch/author/bjorn-lomborg/?ref=schweizermonat.ch), - [Jacob Mchangama](https://schweizermonat.ch/author/jacobmchangama/?ref=schweizermonat.ch), - [Margit Osterloh](https://schweizermonat.ch/author/margritosterloh/?ref=schweizermonat.ch), - [Ahoi Polloi](https://schweizermonat.ch/author/ahoipolloi/?ref=schweizermonat.ch), - [Raffaela Raab](https://schweizermonat.ch/author/raffaelaraab/?ref=schweizermonat.ch), - [Volker Reinhardt](https://schweizermonat.ch/author/volkerreinhardt/?ref=schweizermonat.ch), - [Katja Rost](https://schweizermonat.ch/author/katja-rost/?ref=schweizermonat.ch), - [Michael Rüegg](https://schweizermonat.ch/author/michaelruegg/?ref=schweizermonat.ch), - [Brian Skyrms](https://schweizermonat.ch/author/brianskyrms/?ref=schweizermonat.ch), - [Paul-Emmanuel Sornette](https://schweizermonat.ch/author/paulemmanuelsornette/?ref=schweizermonat.ch), - [Didier Sornette](https://schweizermonat.ch/author/didier-sornette/?ref=schweizermonat.ch), - [Albert A. Stahel](https://schweizermonat.ch/author/albert-a-stahel/?ref=schweizermonat.ch), - [Luca Steinmann](https://schweizermonat.ch/author/lucasteinmann/?ref=schweizermonat.ch), - [Michael Straumann](https://schweizermonat.ch/author/michaelstraumann/?ref=schweizermonat.ch), - [Rahim Taghizadegan](https://schweizermonat.ch/author/rahim-taghizadegan/?ref=schweizermonat.ch), - [Tito Tettamanti](https://schweizermonat.ch/author/tito-tettamanti/?ref=schweizermonat.ch), - [Alexander Thies](https://schweizermonat.ch/author/alexander-thies/?ref=schweizermonat.ch), - [Andy Yen](https://schweizermonat.ch/author/andyyen/?ref=schweizermonat.ch), - [Redaktion «Schweizer Monat»](https://schweizermonat.ch/author/redaktion/?ref=schweizermonat.ch) ### Der grösste Grundrechtseingriff der Nachkriegszeit URL: https://www.schweizermonat.ch/der-groesste-grundrechtseingriff-der-nachkriegszeit-mike-wyniger-ueber-seine-neue-corona-doku/ Last updated: 2026-08-05T09:24:53.000Z Gelöscht: Zum Dokumentarfilm [«Der Hype – 2020 Revisited»](https://youtu.be/7MVga4H7yK0?si=N7149hTNSrWcG%5For&ref=schweizermonat.ch) ### Demokratische Regierungen, die zensieren, schaden nicht nur den eigenen Bürgern, sondern auch mutigen Oppositionellen in Autokratien URL: https://www.schweizermonat.ch/demokratische-regierungen-die-zensieren-schaden-nicht-nur-den-eigenen-buergern-sondern-auch-mutigen-oppositionellen-in-autokratien-2/ Last updated: 2026-06-10T07:58:50.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/demokratische\_regierungen\_die\_zensieren\_schaden\_nicht\_nur\_den\_eigenen\_brgern\_sondern\_auch\_mutigen\_oppositionellen\_in\_autokratien\_male2.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/demokratische%5Fregierungen%5Fdie%5Fzensieren%5Fschaden%5Fnicht%5Fnur%5Fden%5Feigenen%5Fbrgern%5Fsondern%5Fauch%5Fmutigen%5Foppositionellen%5Fin%5Fautokratien%5Fmale2.mp3) Am 4\. März 2022, zwei Tage nachdem die Europäische Union die russischen Staatsmedien Russia Today (RT) und Sputnik verboten hatte, sperrte Russland den Zugang zu westlichen Medien wie BBC, Deutsche Welle und Voice of America. Es sei «erst der Beginn von Antwortmassnahmen in einem vom Westen entfesselten Informationskrieg», erklärte die russische Regierung. Sie argumentierte ähnlich wie die EU: Westliche Sender verbreiteten angeblich «Falschinformationen» und «antirussische» Narrative über die «Spezialoperation» in der Ukraine, darunter Berichte über Angriffe auf Zivilisten und Infrastruktur. Zwei Wochen später traf eine Fliegerbombe das Theater von Mariupol, in das sich viele Menschen geflüchtet hatten. Hunderte kamen ums Leben. Die russische Journalistin Maria Ponomarenko machte in einem Telegram-Beitrag die russische Luftwaffe für den Beschuss von Zivilisten verantwortlich. Daraufhin wurde sie wegen Verbreitung von Falschinformationen über die russische Armee festgenommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dass Untersuchungen der Associated Press, der OSZE und von Amnesty International den Angriff als «vorsätzliches Kriegsverbrechen» einstuften, dem bis zu 600 Menschen zum Opfer fielen, spielte vor Gericht keine Rolle. Bis Juli 2024 wurden mehr als 300 Menschen wegen «Verbreitung wissentlich falscher Informationen» über Russlands Militär angeklagt oder verurteilt. Der entsprechende Straftatbestand (Artikel 207.3 des russischen Strafgesetzbuches) wurde kurz nach dem Einmarsch in die Ukraine eingeführt. Er sieht eine Höchststrafe von fünfzehn Jahren Haft vor. Unter den Verurteilten sind Menschenrechtler, Politiker und Journalisten – darunter der russische Oppositionspolitiker und Kremlkritiker Wladimir Kara-Mursa. Er erhielt zusätzlich wegen «Landesverrats» und «Extremismus» fünfundzwanzig Jahre Haft, weil er die Invasion der Ukraine verurteilt und Präsident Putin kritisiert hatte. ## **Ein Eigentor der EU** Das Verbot von RT und Sputnik durch die EU hilft russischen Dissidenten nicht. Im Gegenteil: Das europäische Vorgehen gegen russische Staatsmedien lieferte Russland einen willkommenen Vorwand, seinerseits westliche Medien abzuschalten. Gerade diese ausländischen Sender hätten die Berichte verfolgter russischer Journalisten stützen und die Botschaften von Demokratieaktivisten wie Kara-Mursa verbreiten können. Nachdem das Gericht der Europäischen Union das Verbot von RT und Sputnik bestätigt hatte, erklärte ein Kremlsprecher: «Natürlich werden wir ähnliche Druckmassnahmen gegen westliche Medien ergreifen.» Und er fügte hinzu: «Die Europäer trampeln auf ihren eigenen Idealen herum.» Ein Grundprinzip der offenen Gesellschaft: Artikel 19 des internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte schützt die Meinungsfreiheit. Dazu gehört die Freiheit, «ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut jeder Art in Wort, Schrift oder Druck, durch Kunstwerke oder andere Mittel eigener Wahl sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben». Geschützt werden also sowohl die Sprechenden als auch die Zuhörenden. > «Das Verbot von RT und Sputnik durch die EU hilft russischen Dissidenten nicht. Im Gegenteil: Das europäische Vorgehen gegen russische Staatsmedien lieferte Russland einen willkommenen Vorwand, seinerseits westliche Medien abzuschalten.» Autoritäre Regime wie Russland versuchen erwartungsgemäss, Informationen zu blockieren, die der eigenen Propaganda widersprechen. Offene Demokratien aber setzen voraus, dass ihre Bürger Informationen eigenständig bewerten können. Sie sollten nicht den Regierungen die Macht geben, über die «Wahrheit» zu befinden. Die öffentliche Meinung soll in Demokratien die Politik prägen – nicht umgekehrt. Demokratische Regierungen sollten gegenüber der öffentlichen Meinung rechenschaftspflichtig sein, statt sie zu kontrollieren. Doch mit der Sanktionierung russischer Desinformation hat die EU ihren 448 Millionen Bürgern signalisiert: Wir trauen euch nicht zu, die Propaganda aus dem Kreml selbst einzuordnen. Dabei zeigen Umfragen, dass eine grosse Mehrheit der EU-Bürger Russland äusserst kritisch gegenübersteht und die Ukraine unterstützt. Die EU-Strategie behindert zudem genau jene Onlineprojekte, die russische Kriegsverbrechen dokumentieren und Desinformation entlarven – darunter die Rechercheplattformen Bellingcat und Oryx. Diese Plattformen sind auf offene Quellen, auch aus Russland, angewiesen. Sie suchen nach Informationssplittern, um ein genaues Bild der Lage vor Ort zu zeichnen. Ihre Beweise entlarven russische Lügen und Propaganda. Ein Zugangsverbot zu russischen Informationen schadet daher ausgerechnet jenen, die am wirksamsten gegen russische Propaganda vorgehen. Natürlich hätte Russland seine Zensur auch ohne das EU-Medienverbot verschärft. Doch der Vorwurf aus dem Kreml – Europa trample auf seinen eigenen Idealen herum – enthält eine unbequeme Wahrheit, so scheinheilig er auch sein mag. ## **Die Dreifaltigkeit der Freiheit** Besonders bedrückend ist, wie sehr der gegenwärtige Kurs von der mutigen Strategie der 1970er-Jahre abweicht. Damals setzten Westeuropa und die USA die Meinungs- und Informationsfreiheit bewusst als Wettbewerbsvorteil im Kalten Krieg ein. Der Sowjetblock hatte geschlossene Gesellschaften; Dissidenten wurden routinemässig wegen «verleumderischer Erfindungen» oder «antisowjetischer Agitation» ins Gefängnis oder in psychiatrische Anstalten gesteckt. Die westliche Strategie stärkte jene Stimmen hinter dem Eisernen Vorhang, die nach Demokratie riefen. Sie mündete in den sogenannten Helsinkieffekt, benannt nach der Schlussakte der KSZE, der Vorläuferin der OSZE, die 1975 in Helsinki unterzeichnet wurde. Die Ostblockstaaten hatten sich darin zur Achtung der Menschenrechte bekannt. Diese Selbstverpflichtung nutzten Dissidenten in der Folge als Hebel, um öffentlich die Einhaltung der versprochenen Rechte einzufordern. > «Besonders bedrückend ist, wie sehr der gegenwärtige Kurs von der mutigen Strategie der 1970er-Jahre abweicht.» Es lohnt sich, die zensorischen Äusserungen von EU-Vertretern wie Thierry Breton, Ursula von der Leyen und Josep Borrell mit den Schriften des sowjetischen Dissidenten Andrei Sacharow zu vergleichen. Nach ihm ist der jährliche Preis für die Freiheit des Denkens des Europäischen Parlaments benannt. Sacharow schrieb 1968, geistige Freiheit brauche drei Dinge: freien Informationsfluss, die Möglichkeit zur offenen und furchtlosen Debatte und Freiheit vor Beamtenwillkür und Vorverurteilung. Diese Dreifaltigkeit der Gedankenfreiheit sei die einzige Garantie gegen Massenmythen, die in den Händen von Heuchlern und Demagogen zur blutigen Diktatur werden könnten. *Dieser Text basiert auf dem Buch «The Future of Free Speech: Reversing the Global Decline of Democracy’s Most Essential Freedom», das im April 2026 bei Johns Hopkins University Press erschienen ist. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bigliel.* ### Mit dem Mittagsschlaf zur Besinnung URL: https://www.schweizermonat.ch/mit-dem-mittagsschlaf-zur-besinnung/ Last updated: 2026-06-01T13:20:38.000Z Das Buch «Verteidigung des Mittagsschlafs» des Philosophen Ben Rakidžija erzählt von einem fiktiven Gerichtsprozess im Land Tasmunien, wo der Mittagsschlaf auf der Anklagebank sitzt – beschuldigt, Kaufleute träge und Handwerker arbeitsunfähig zu machen. Am Ende schläft der gesamte Gerichtssaal ein, sogar der heimlich anwesende König, der den Mittagsschlaf schliesslich zu seinem persönlichen Berater ernennt. Nach dem daoistischen Prinzip des «Wu-Wei» betrachtet Rakidžija den Mittagsschlaf als Weg zu mehr Klarheit und neuer Energie, nicht als Trick zur Produktivitätssteigerung, sondern als Selbstzweck. Bereits Martin Heidegger schrieb, die westliche Kultur werde vom «rechnenden Denken» dominiert. Er fragte sich, wie es gelingen könne, wissenschaftlich-technische Erfolge so zu integrieren, dass dies nicht selber nur vermessend geschehe, sondern in einem ganzheitlichen, humanistischen Sinn. Im Sinn einer Kultur, in der Technologien dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Heidegger war überzeugt, dass eine solche Kultur nur mit «besinnlichem Denken» erreicht werden könne. Darunter verstand er ein Denken, das nicht nach dem Nutzen von etwas fragt, sondern nach dem tieferen Zusammenhang. Dies würde dem Menschen helfen, zur Besinnung zu kommen. In dieser Denktradition lässt sich auch Ben Rakidžijas Buch lesen. Eine beschleunigte Welt ohne Ruhepausen wäre tatsächlich eine besinnungslose Welt. Darum lassen sich gezielte Powernaps als Methode verstehen, um wieder zur Vernunft zu kommen. *Ben Rakidžija: «Verteidigung des Mittagsschlafs», Königshausen & Neumann.* ### Können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, sich vor dem Militärdienst zu drücken? URL: https://www.schweizermonat.ch/koennen-sie-es-mit-ihrem-gewissen-vereinbaren-sich-vor-dem-militaerdienst-zu-druecken/ Last updated: 2026-06-10T07:59:49.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/beatrice.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/beatrice.mp3) Was waren wir jungen Wilden – Feministinnen, Theologiestudierende, Pazifisten, Anarchos und Weltverbesserer aller Art – damals doch überzeugt, mit unserem Kampf für den Zivildienst moralisch auf der richtigen Seite zu stehen: Ziviler Dienst an der Gesellschaft anstatt stumpfsinniger Aktionen in Vollmontur, Friedensarbeit anstatt Munition verballern, gezielte soziale Einsätze statt stupides Wiederholen von Abläufen. Stolz erklärten wir feministischen Theologinnen allen, ob sie es hören wollten oder nicht, dass «unsere Männer» aufgrund ihrer Überzeugung nie und nimmer bereit wären, auf Menschen zu schiessen, selbst wenn sie selber oder ihre Freundinnen angegriffen würden. Dass «der Trachtenverein», wie wir das Militär nannten, im Notfall bereit gewesen wäre, unter Einsatz von Leib und Leben auch für uns zu kämpfen und unsere Freiheit zu verteidigen, kam uns damals nicht in den Sinn. Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg vorbei und nicht nur uns Linken, sondern so manchem schien es, als wäre der ewige Frieden ausgebrochen und die Aufhebung der obligatorischen Militärpflicht nur noch eine Frage der Zeit. Entsprechend verbuchten wir es als Etappensieg auf dem Weg zur Abschaffung der Armee, als das Stimmvolk im Mai 1992 die Verankerung des Zivildienstes in der Verfassung haushoch mit 83 Prozent Ja-Stimmen annahm. ## **Die harte geopolitische Realität** Gut 30 Jahre später sind die Blumenträume vom ewigen Frieden in Europa ausgeträumt, der Glaube an die friedliche Koexistenz der Staaten ist nachhaltig erschüttert. Die knallharte Landung auf dem Boden der geopolitischen Realität hat (vermeintliche) Gewissheiten in sich zusammenfallen lassen. Auch hierzulande scheint der Militärdienst plötzlich eine «todernste» Angelegenheit geworden zu sein. Nicht ohne Grund hat das Parlament eine Änderung des Zivildienstgesetzes beschlossen, welche die Abgänge zum Zivildienst reduzieren soll; am 14\. Juni stimmen wir darüber ab. Angesichts der gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen und militärisch organisierten Bedrohungen stellt sich die Frage, ob es moralisch verantwortbar sei, einer Armee, die ausschliesslich der Verteidigung eines neutralen Kleinstaates dient, die Mitwirkung zu verweigern und sich im Ernstfall in die Büsche zu schlagen. Ist es moralisch nicht vielmehr geboten, einer Armee zu dienen, die die Bevölkerung schützt und sich zur Wehr setzt, sollte ein Aggressor in das Land einfallen? Und wäre die Abschaffung der Armee nicht eine Einladung an alle Potentaten, das Recht mit Füssen zu treten und ihren Expansionsgelüsten freien Lauf zu lassen? Wer aus religiösen Gründen den Dienst an der Waffe nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, hat alleweil die Möglichkeit, waffenlosen Dienst zu leisten. Er wird allerdings seine Hände nicht in Unschuld waschen können, sondern sich von Dietrich Bonhoeffer, Widerstandskämpfer und von den Nazis hingerichteter Pastor, sagen lassen müssen, dass es Situationen geben könne, wo man als Christ nicht nur die Verwundeten unter dem Rad versorgen, sondern «dem Rad in die Speichen fallen» und auch töten müsse. > «Ist es moralisch nicht vielmehr geboten, einer Armee zu dienen, die die Bevölkerung schützt und sich zur Wehr setzt, sollte ein Aggressor in das Land einfallen?» Und all jene Stimmen, gerade auch aus kirchlichen Kreisen, die die Leistungen des Zivildienstes als unverzichtbar ansehen und vor deren Abbau warnen, seien daran erinnert, dass es sich beim Zivildienst nicht um eine arbeitspolitische Massnahme handelt: Der Zivildienst ist primär ein ziviler Ersatzdienst für Militärdienstpflichtige, die den Dienst aus Gewissensgründen nicht leisten können und nicht (primär) dazu gedacht, Arbeitslosigkeit zu bekämpfen oder als arbeitsmarktpolitisches Instrument zu dienen. Zwar kann der Zivildienst positive Auswirkungen haben, jedoch ist dies ein Nebeneffekt und nicht der Zweck des Dienstes. ### Selektive Empathie macht die Gesellschaft nicht humaner, sondern brutaler URL: https://www.schweizermonat.ch/selektive-empathie-macht-die-gesellschaft-nicht-humaner-sondern-brutaler/ Last updated: 2026-06-10T08:00:33.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/selektive\_empathie\_macht\_die\_gesellschaft\_nicht\_humaner\_sondern\_brutaler\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/selektive%5Fempathie%5Fmacht%5Fdie%5Fgesellschaft%5Fnicht%5Fhumaner%5Fsondern%5Fbrutaler%5Fmale.mp3) Eine junge Frau wird in der U-Bahn angegriffen. Der Täter tritt ihren Begleiter, packt sie am Kopf und versucht, sie zu Boden zu reissen. Sie erstattet keine Anzeige. Warum? Weil sie «nicht noch einen schwarzen Mann ins Gefängnis bringen wollte». Wenige Wochen später tötet derselbe Mann einen 76-jährigen pensionierten Lehrer, indem er ihn eine Treppe hinunterstösst. Ein unschuldiger Mensch stirbt. Der Fall, der sich diesen Frühling in New York ereignet hat, ist kein tragischer Zufall. Und erst recht kein Einzelfall. Er ist ein Symptom dafür, wie Teile des linksliberalen Milieus im Westen durch jahrzehntelange ideologische Umerziehung Realitätssinn und gesunden Menschenverstand verloren haben. Nicht durch einen Diktator, sondern durch gezüchtete Schuldgefühle und einen rassistischen Paternalismus, der Täter entmündigt und Opfer unsichtbar macht. An Universitäten, in Redaktionsstuben, NGOs und progressiven Justizbehörden wurde systematisch vermittelt: Schwarze Gewalttäter sind vor allem Opfer eines «Systems». Ihre Taten sind weniger individuelles Versagen als Ausdruck historischer Ungerechtigkeit. Die Folge ist eine einseitige Empathie, die mehr Verständnis für die «Traumabiografie» des Täters aufbringt als für das zerstörte Leben seines Opfers. Das ist kein Mitgefühl. Das ist moralische Selbstinszenierung auf Kosten Unschuldiger. > «Der Fall ist ein Symptom dafür, wie Teile des linksliberalen Milieus im Westen durch jahrzehntelange ideologische Umerziehung Realitätssinn und gesunden Menschenverstand verloren haben.» ## Die «richtige» Moral steht über der Menschlichkeit Diese Haltung speist sich aus einem tiefen Unbehagen vieler Privilegierter: Sie profitieren von einer hochfunktionierenden westlichen Gesellschaft, haben aber das Gefühl, selbst wenig dazu beigetragen zu haben. Sie sitzen am reich gedeckten Tisch von Aufklärung, Rechtsstaat und Wohlstand und ahnen, dass sie diesen Platz nicht wirklich verdient haben. Die Kompensation erfolgt durch demonstrative Solidarität mit den «Opfern des Systems». Koste es, was es wolle. Doch echte Empathie darf niemals einseitig sein. Sie muss beide Seiten sehen. Täter und Opfer. Ein Richter, der sich nicht in die Lage des Verurteilten versetzen kann, wird grausam und ungerecht. Genau wie in totalitären Systemen, wo die «richtige Moral» über Menschlichkeit gestellt wird. Ein Soldat, der im Feind keinen Menschen mehr erkennt, wird zum Monster. Empathie schützt vor solcher Verrohung. Genau deshalb ist die aktuelle selektive Empathie so gefährlich: Sie macht unsere Gesellschaft nicht humaner, sondern härter und brutaler. Indem sie Täter systematisch entlastet und Opfer vernachlässigt, erzeugt sie genau jene Kälte, die sie zu bekämpfen vorgibt. Wer nur noch Täter als Opfer sieht, verliert am Ende das Mitgefühl für die Schwachen. Für die junge Frau in der U-Bahn, den Lehrer auf dem Heimweg, die alleinerziehende Mutter im Problemquartier. Die Konsequenzen tragen nicht die wohlhabenden Aktivisten in ihren sicheren Vierteln, sondern die Normalbürger. > «Wer nur noch Täter als Opfer sieht, verliert am Ende das Mitgefühl für die Schwachen.» ## Die Kehrseite des Mitgefühls Dieses Phänomen nennt der brillante kanadische Evolutionspsychologe Gad Saad treffend «Suicidal Empathy**»**. Eine Empathie, die sich selbst zerstört und die unter dem Deckmantel woker Selbstmitleidsideologie ganze Gesellschaften in den Abgrund führt. Der Begriff wirkt wie ein intellektueller Dreh: Er nimmt die heiligste Tugend der Linken – das Mitgefühl – und kehrt sie um. Aus moralischer Überlegenheit wird plötzlich pathologische Selbstzerstörung. Genau deshalb hassen sie ihn so sehr. Erklärung von Verhalten ist wichtig. Trauma prägt. Biografien erklären vieles. Aber Erklärung ist niemals Entschuldigung. Eine reife Gesellschaft braucht beides: tiefes Verständnis für menschliche Schwäche und den klaren Mut, Verantwortung einzufordern und die Unschuldigen zu schützen. Nur so bleibt Empathie lebendig und Gerechtigkeit menschlich. Zu wenig Empathie macht hart. Falsche, einseitige Empathie macht blind. Und Blindheit wird früher oder später brutal. ### Mehr Smartphones, weniger Kinder? URL: https://www.schweizermonat.ch/mehr-smartphones-weniger-kinder/ Last updated: 2026-07-15T20:22:19.000Z _No content available._ ### Marko Kovic hält eine Moralpredigt für den Veganismus – steht argumentativ aber auf dünnem Eis URL: https://www.schweizermonat.ch/marko-kovic-haelt-eine-moralpredigt-fuer-den-veganismus-steht-argumentativ-aber-auf-duennem-eis/ Last updated: 2026-05-27T08:43:52.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/marko\_kovic\_hlt\_eine\_moralpredigt\_fr\_den\_veganismus\_steht\_argumentativ\_aber\_auf\_dnnem\_eis\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/marko%5Fkovic%5Fhlt%5Feine%5Fmoralpredigt%5Ffr%5Fden%5Fveganismus%5Fsteht%5Fargumentativ%5Faber%5Fauf%5Fdnnem%5Feis%5Fmale.mp3) Man könne nicht zugleich Tiere lieben und Fleisch essen, erklärte die Sängerin Billie Eilish kürzlich und löste damit einen kleinen Skandal aus. Im Nachgang dazu hat der Gesellschaftskritiker Marko Kovic auf [Nau.ch einen Text](https://www.nau.ch/lifestyle/food/marko-kovic-warum-ist-veganismus-gescheitert-67129506?ref=schweizermonat.mymagic.page) geschrieben. Darin macht er aus der Bemerkung von Eilish eine grössere Anklage: Der Fleischkonsum sei ein eklatanter Widerspruch, Veganismus eine moralische Selbstverständlichkeit, und die Empörung über Eilish nichts anderes als die Abwehrreaktion eines schlechten Gewissens. Sein Essay will erklären, warum Veganismus gescheitert sei. In Wahrheit erklärt er vor allem, wie wenig es braucht, damit ein moralisierender Tonfall für eine rationale, moralische Begründung gehalten wird. Denn Kovics Text hat eine Eigenschaft, die ihn auf den ersten Blick kraftvoll und auf den zweiten schwach macht: Er spricht mit der Gewissheit eines Richters, ohne die Arbeit eines Anklägers zu leisten. Er behauptet, wo er beweisen müsste; er verurteilt, wo er unterscheiden müsste; er psychologisiert, wo er argumentieren müsste. Fast jeder zentrale Satz seines Essays ist nicht das Ergebnis einer nachvollziehbaren Argumentation, sondern eine unbegründete Behauptung, auf der anschliessend die nächste unbegründete Behauptung aufgebaut wird. So entsteht ein Kreis aus zirkulärem Denken: Fleischessen ist falsch, weil es Leid verursacht; dieses Leid ist moralisch entscheidend, weil Leid moralisch entscheidend ist; wer das bestreitet, beweist damit nicht etwa ein anderes Moralsystem als das von Kovic, sondern dass er sein Schuldbewusstsein verdrängt. ## **Predigender Eiferer** Die erste ungeprüfte Stelze, auf die Kovic seine moralische Tirade stellt, ist die Behauptung, Tiere litten durch unseren Konsum in einer Weise, die sie bereits zu Wesen mache, die moralischer Berücksichtigung würdig seien. Kovic schreibt von «enorm viel unnötigem Leid», als sei damit eigentlich alles gesagt. Aber gerade das, worauf sein ganzer Text lastet, wird nicht begründet. Dass Tiere auf Reize reagieren, dass sie Stressverhalten zeigen, dass sie Neuronen besitzen und Vermeidungsverhalten entwickeln, ist unbestritten. Daraus folgt jedoch nicht ohne weiteres, dass sie Schmerz als subjektives Leiden erleben, das eine moralische Gleichstellung oder auch nur eine bestimmte moralische Pflicht zwingend begründen würde. Man kann annehmen, dass Tiere empfindungsfähig sind. Aber eine Annahme ist noch kein Argument, und auch eine plausible Annahme wird nicht dadurch zwingend, dass man jeden, der sie nicht teilt, für moralisch defekt erklärt. Kovic macht hier den klassischen Fehler des predigenden Eiferers: Er behandelt die strittige Voraussetzung als erledigte Tatsache und wundert sich dann über den Widerstand gegen seine Folgerungen. Wer beweisen will, dass der Mensch die tierhaltige Ernährung aufgeben müsse, weil Tiere leiden, muss erstens zeigen, dass und in welchem Sinn sie leiden; zweitens, weshalb dieses Leiden moralisch zählt; drittens, weshalb es stärker zählt als die Gründe, die für Fleischkonsum sprechen können; und viertens, warum daraus nicht bloss Reformen der Tierhaltung, sondern der moralische Imperativ veganer Ernährung folgt. Kovic erledigt keinen dieser Schritte. Noch schärfer zeigt sich die Argumentationslücke in seinem Satz, es sei «kategorisch falsch», empfindungsfähigen Wesen Leid zuzufügen und sie zu töten, um sie zu essen. Das Wort «kategorisch» soll hier offenbar die fehlende Begründung ersetzen. Es klingt nach Kant, funktioniert aber tatsächlich als rhetorischer Ersatz für den Beweis, den Kovic schuldig bleibt. Denn eine kategorische Norm ist nicht schon dadurch gegeben, dass jemand sie kategorisch ausspricht. Warum soll es ausnahmslos falsch sein, ein empfindungsfähiges Wesen zu töten? Ist jedes Töten eines Tieres gleich falsch? Ist das Töten schmerzlos gehaltener und schmerzlos getöteter Tiere ebenfalls falsch? Ist die Falschheit im Schmerz, im Tod, in der Instrumentalisierung, in der Missachtung eines Eigenwertes oder in der menschlichen Gesinnung begründet? Diese Fragen sind nicht nebensächlich; sie sind die Sache selbst. Kovic umgeht sie. Stattdessen greift er zu einem hedonischen Kalkül. Der Genuss des Fleischessens sei trivial gering im Vergleich zum verursachten Leid. Hier wird der Text nur scheinbar rationaler. Denn wer so rechnet, setzt bereits voraus, dass Moral im Wesentlichen als Abwägung von Lust und Leid zu verstehen sei. Das ist eine utilitaristische Grundannahme. Man kann Utilitarist sein; man kann es sogar mit beträchtlicher philosophischer Eleganz sein. Kovic hingegen erklärt jene, die seine hedonische Rechnung nicht akzeptieren, kurzerhand zu Menschen, die bloss ihre Schuld verdrängten. Aber man darf nicht so tun, als müssten alle anderen Menschen heimliche Utilitaristen sein, die bloss zu feige sind, ihre eigene Rechnung zu Ende zu führen. Viele Menschen lehnen gerade diese Verengung von Moral auf Empfindung ab. Sie können Pflichten, Tugenden, Würde, Vernunft, Ordnung, Dankbarkeit, Kultur, Familie, Religion, Naturrecht oder menschliche Sonderstellung für moralisch grundlegender halten als die blosse Bilanz von Lust und Schmerz. Kovic muss diese Positionen nicht teilen. Aber wenn er behauptet, es gebe «keine rationalen Argumente» für den Konsum von Tieren, müsste er sie widerlegen. Er widerlegt sie nicht. Er erwähnt sie kaum. Er erklärt seine eigene Moral zur Vernunft und alle konkurrierenden Moralsprachen zur Ausrede. Damit wird auch seine Behauptung, es gebe keine rationalen Argumente für Tierkonsum, haltlos. Schon innerhalb seines eigenen Rahmens wäre sie zu stark. Wenn der entscheidende Einwand gegen Fleischkonsum das Leiden der Tiere ist, dann wäre eine Tierhaltung, in der dieses Leiden minimiert oder vermieden wird, moralisch anders zu beurteilen als eine Tierhaltung, in der es maximiert wird. Wenn der Tod selbst das Problem ist, müsste Kovic zeigen, weshalb ein Tier ein moralisches Interesse an seinem Weiterleben besitzt, das dem menschlichen Interesse an seinem Tod vergleichbar oder überlegen ist. Wenn die Instrumentalisierung das Problem ist, müsste er erklären, warum jede Nutzung von Tieren unzulässig ist, nicht aber jede Nutzung von Pflanzen, Landschaften, Maschinen oder menschlicher Arbeit. An jedem Punkt öffnet sich ein Argumentationsbedarf. Kovic schliesst die Tür, bevor sein Publikum den Raum betreten hat. ## **Ravioli essen hinter Milchglas** Besonders entlarvend ist seine Feststellung, der Konsum von Tieren sei sehr intim; es gebe fast nichts Persönlicheres als die Frage, was man isst. Das klingt klug, ist aber bei näherem Hinsehen reiner Quark. Wenn Essen tatsächlich zu den intimsten menschlichen Handlungen gehörte, dann wären Restaurants keine öffentlichen Gaststätten mehr, sondern moralische Séparées mit diskreten Vorhängen und einer gedämpfter Beleuchtung, die sonst eher den Etablissements des Rotlichtmilieus vorbehalten ist. In traditionellen britischen Pubs sind die Fenster oft mit Milchglas oder mattiertem Glas versehen, damit Kinder und Passanten von draussen die Erwachsenen nicht beim Alkoholkonsum beobachten können. Muss der Staat demnächst Warnhinweise an Restaurantfenstern anbringen, damit Kinder nicht zufällig Zeugen der hochpersönlichen Handlung werden, mit der Erwachsene Ravioli di carne bestellen? Kovic behauptet weiter: «Wenn Menschen damit konfrontiert werden, dass ihr Ernährungsverhalten ein deutliches moralisches Fehlverhalten ist, fühlen sie sich angegriffen.» Doch dass Menschen auf eine solche Kritik an ihrer Ernährung empfindlich reagieren, liegt nicht daran, dass Essen unaussprechlich intim wäre. Es liegt daran, dass Kovic ihnen nicht sagt: «Du isst anders als ich», sondern: «Du beteiligst dich an einer moralischen Katastrophe.» Wer so angesprochen wird, fühlt sich nicht grundlos angegriffen; er ist angegriffen worden. Kovic deutet diese Reaktion sogleich als Flucht in emotionale Rechtfertigungen. Auch das ist bequem. Denn wer dem Gegner nicht nur Irrtum, sondern Selbsttäuschung unterstellt, muss sich mit dessen Gründen nicht mehr ernsthaft befassen. Diese Figur durchzieht den ganzen Text. Fleischesser verdrängen, rationalisieren, beschwichtigen, flüchten. Der Widerspruch gegen Kovic wird dadurch nicht als mögliche Kritik, sondern als psychologisches Symptom behandelt. Kovic nennt das auch «kognitive Dissonanz». Das ist intellektuell unredlich. Eine These wird nicht wahrer, weil man ihre Gegner diagnostiziert. Ironischerweise ist es Kovic selbst, der seine Moral auf eine emotionale und/oder psychologische Grundfigur stellt: Leid ist schlecht, weil es Leid ist. Genuss ist gering zu wertschätzen, weil fremdes Leid schwerer wiegt; Mitleid soll den moralischen Kreis erweitern. Noch einmal: Das kann man vertreten. Aber es ist nicht selbstevident. Wer aus Empfindung Moral macht, sollte vorsichtig sein, anderen Emotionalität vorzuwerfen. ## **Wo endet der Kreis?** Der nächste grosse Begriff, den Kovic bemüht, ist der «moralische Fortschritt». Dieser bestehe darin, den Kreis der Wesen, denen wir moralischen Status zusprechen, auszuweiten. Auch hier klingt der Satz grösser, als er trägt. Denn Ausweitung allein ist kein Kriterium der Wahrheit oder des Fortschritts. Wer den moralischen Kreis erweitert, kann Recht haben; er kann aber auch Unrecht haben und wichtige Begriffe verwischen. Wenn Kovic fordert, Tiere in den Kreis moralisch zu berücksichtigender Wesen aufzunehmen, muss er erklären, warum die Linie dort verläuft. Warum nicht auch Pflanzen? Sie reagieren auf Verletzungen, kommunizieren chemisch, leiten Signale weiter. Warum nicht hochkomplexe Maschinen? Warum nicht Ökosysteme? Warum nicht alles, was in irgendeinem Sinn auf Einwirkung reagiert? Das wäre nur dann ausreichend, wenn erstens sicher festgestellt wäre, dass Tiere tatsächlich in moralisch relevanter Weise empfinden, zweitens ebenso sicher ausgeschlossen wäre, dass Pflanzen, Insekten, Pilze, Bakterien oder andere natürliche Entitäten auf eine vergleichbare Weise empfinden, drittens Empfindungsfähigkeit überhaupt moralisch hinreichend begründet und viertens gegenüber anderen möglichen Kriterien als entscheidend ausgewiesen wäre. Nichts davon leistet Kovic. Er zeichnet eine Linie und nennt sie Fortschritt. Er zeichnet eine Linie, erklärt deren Ausdehnung kurzerhand zum moralischen Fortschritt und bringt diese angeblich fortschreitende Bewegung dann ausgerechnet bei den Tieren selbst abrupt zum Stillstand. Aber eine gezogene Linie ist noch keine begründete Grenze. ## **Vermischung von Biologie und Moral** Noch problematischer wird seine Argumentation, wenn er Biologie und Moral ineinanderschiebt. Der Mensch sei, so Kovic, «biologisch … darauf geeicht», Familie und unmittelbares Umfeld moralisch zu bevorzugen; die Ausdehnung des moralischen Kreises darüber hinaus sei ein rationaler Akt, der Nachdenken erfordere. Hier begeht er einen fundamentalen Kategorienfehler. Die Biologie kann beschreiben, wie Organismen funktionieren, auf Reize reagieren, sich verhalten und unter physikalischen Bedingungen evolvieren. Sie kann erklären, nach welchen Mechanismen Nervensysteme arbeiten oder welche Verhaltensweisen sich evolutionär durchgesetzt haben. Aber sie kann weder begründen, was wir tun sollen, noch überhaupt Gefühle, Schmerz oder Lust als subjektives Erleben untersuchen; denn als empirische Naturwissenschaft operiert sie notwendig mit beobachtbaren physischen Vorgängen, nicht mit inneren Qualitäten des Bewusstseins. Sie kann aber aus der biologischen Beschaffenheit eines Organismus niemals ableiten, welche Wesen moralisch bevorzugt werden sollen oder was überhaupt moralisch richtig ist. Gerade als Naturwissenschaft ist sie methodisch ausserstande, normative Geltung hervorzubringen. Wenn Kovic nun behauptet, unsere biologische Konstitution richte uns bereits auf moralische Priorisierung von Familie und Nahestehenden aus, dann unterschiebt er der Biologie eine moralische Sprache, die ihr fremd ist. Aus biologischen Tatsachen folgen keine moralischen Verpflichtungen, aus neuronalen Vorgängen keine Sollenssätze, aus evolutionären Anpassungen keine Ethik. Die Evolutionstheorie erklärt, wie bestimmte Verhaltensweisen entstanden sein mögen. Sie erklärt nichts über die Moral oder weshalb beobachtbare Verhaltensweisen moralisch gut sein sollen. Hume hat genau diesen Punkt erkannt: Aus einem Sein folgt kein Sollen. Eben diese Verwechslung von Naturbeschreibung und moralischer Norm bezeichnet man seit langem als naturalistischen Fehlschluss. Kovic weiss das offenbar selbst, denn später weist er gerade jenes Argument der Fleischesser zurück, wonach Fleischkonsum deshalb moralisch unproblematisch sei, weil er «natürlich» und seit jeher Teil menschlicher Lebensweise gewesen sei. Damit hat er Recht. Aber gerade deshalb hätte er vorsichtiger sein müssen, als er selbst biologische Dispositionen in seine Fortschrittserzählung der Moral einführte. Entweder ist Biologie für Moral begründend, dann muss Kovic auch naturalistische Argumente seiner Gegner zulassen. Oder sie ist es nicht, dann kann sie auch seine eigene moralische Erzählung nicht tragen. Man kann nicht zuerst pseudointellektuell Darwin aufrufen, um moralische Präferenzen biologisch zu erklären, und sich anschliessend hinter Hume verschanzen, sobald andere aus der Natur moralische Folgerungen ziehen wollen. Kovic behandelt die Biologie wie einen Dienstboten, den er nur dann hereinruft, wenn er gerade seine Behauptungen stützen soll. ## **Zahlen ersetzen nüchternes Urteil** Kovic zählt Tonnen Fleisch und Milliarden Tiere und folgert daraus Leid. Zahlen ersetzen hier nüchternes Urteil, Analyse und Kontext. Moderne Tierhaltung mag mancherorts kritikwürdige Zustände hervorbringen. Sie hat aber auch Fütterung, Hygiene, Seuchenschutz, medizinische Versorgung und Überlebensraten verbessert. Wer nur das Schlachthaus sieht und alles andere ausblendet, vergisst Wesentliches. Wenn Kovic von glücklichen Schweinen und Hühnern «auf der Wiese unter blauem Himmel» spricht, verrät er zudem eine niedliche romantische Projektion. Er stellt sich Tierwohl in Bildern vor, die vor allem dem Menschen gefallen. Das Tier selbst denkt jedoch nicht in pastoralen Allegorien. Es braucht Nahrung, Gesundheit, Schutz, stabile Bedingungen und, wohl je nach Art, bestimmte Verhaltensmöglichkeiten. Ob dies ausschliesslich in der Idylle des Freilands geschieht oder auch in kontrollierten Haltungsformen möglich ist, ist eine sachliche Frage. Kovic behandelt sie nicht als sachliche Frage der Tierhaltung, sondern als eine ästhetische Voraussetzung dafür, dass ihm der Anblick der noch lebendig über die Wiese laufenden zukünftigen Abendessen anderer Leute nicht die Stimmung verdirbt. Die merkwürdigste Selbstwiderlegung liegt jedoch in Kovics Selbstauskunft. Er lebe seit über zehn Jahren vegetarisch und seit einigen Jahren vegan, und schreibt: «Das hänge ich nicht an die grosse Glocke. Es ist nicht ein ausgeprägter Teil meiner Identität.» Das ist schwer ernst zu nehmen. Wer öffentlich einen langen Text darüber schreibt, dass Tierkonsum eine Katastrophe historischen Ausmasses sei, hängt seine Haltung sehr wohl an eine grosse Glocke. Seine vorgespielte Bescheidenheit passt nicht zu seinem eigenen masslosen Pathos. Wenn Fleischkonsum wirklich die «grösste moralische Katastrophe der Geschichte» ist, dann kann der Widerstand dagegen nicht eine Nebensache der Identität sein. Wer in einer Zeit lebt, die er für moralisch schlimmer hält als alle früheren moralischen Katastrophen, und zugleich sagt, seine Verweigerung der Teilnahme sei kein wichtiger Teil seines Selbstverständnisses, offenbart gerade jene kognitive Dissonanz, die er anderen vorwirft. > «Wenn Kovic von glücklichen Schweinen und Hühnern «auf der Wiese unter blauem Himmel» spricht, verrät er eine niedliche romantische Projektion. Er stellt sich Tierwohl in Bildern vor, die vor allem dem Menschen gefallen.» Er meint sogar Folgendes: «Wenn die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten nicht kollabiert, sondern stattdessen eine positive Zukunft erlebt (unwahrscheinlich, aber man darf hoffen), werden unsere Nachfahren nicht glauben können, in welch industriellem Ausmass wir Leid verursacht haben – und zwar nur, weil es uns schmeckt.» Kovic will also Prophet sein, aber nicht als Prophet erscheinen; er will verurteilen, aber nicht als Ankläger gelten; er will die grosse Glocke laut läuten und zugleich behaupten, es sei nur ein leises Tischglöckchen. ## **Beschuldigen statt überzeugen** So erklärt sich auch die Schwäche seines Schlusses: Veganismus sei gescheitert, weil Tierkonsum tief verankert sei und Menschen psychologische Bewältigungsstrategien nutzten. Das mag teilweise stimmen. Gewohnheiten sind mächtig. Traditionen sind mächtig. Industrien sind mächtig. Aber eine andere Möglichkeit erwähnt Kovic nicht: Vielleicht scheitert Veganismus auch dort, wo seine Vertreter nicht überzeugen, sondern beschuldigen; wo sie keine tragfähige Ethik vorlegen, sondern undurchdachte Gewissheit ausstellen; wo sie Fragen über Bewusstsein, Status, Freiheit, Pflicht, Nutzen, Kultur und menschliche Sonderstellung mit einem einzigen Wort niederdrücken: Leid. Leid ist moralisch nicht unbedingt nichts. Kein vernünftiger Mensch bestreitet, dass Grausamkeit gegen Tiere verwerflich sein kann, dass unnötige Qual vermieden werden soll, dass Tierhaltung Regeln braucht und dass Gleichgültigkeit gegenüber roher Brutalität den Menschen selbst verdirbt. Aber aus diesen Sätzen folgt nicht Kovics ganze Lehre. Zwischen «Tiere sollen nicht sinnlos gequält werden» und «Fleischessen ist kategorisch falsch» liegt ein weiter philosophischer Weg. Kovic behauptet, er sei bereits zurückgelegt. In Wahrheit hat er ihn kaum betreten. > «Vielleicht scheitert Veganismus auch dort, wo seine Vertreter nicht überzeugen, sondern beschuldigen; wo sie keine tragfähige Ethik vorlegen, sondern undurchdachte Gewissheit ausstellen.» Kovics Essay ist freilich deshalb schwach, weil er eine philosophisch verworrene und letztlich unhaltbare Lehre verteidigt. Veganismus gibt sich gern als zwingende Konsequenz rationalen Denkens aus, beruht aber auf unhaltbaren Voraussetzungen, unsicheren Begriffen von Leid und Empfindung sowie einer moralischen Verabsolutierung, die mehr behauptet als beweist. Er ist auch schwach, weil er eine schwierige moralische Frage so behandelt, als sei sie nur für schlechte Menschen schwierig. Er verwechselt seinen kategorischen, apodiktischen Ton mit der Eindeutigkeit der Sache. Er hält den Mangel an Gegenargumenten in seinem Text für den Mangel an Gegenargumenten in der Welt. Kovics Text ist ein Stück moralischer Rhetorik, das sich als Vernunft ausgibt. Es gibt darin Empörung, Pathos, Zahlen, Psychologie, historische Superlative und persönliche Bekenntnisse. Was fehlt, ist das eine, was bei einem moralischen Urteil unentbehrlich wäre: der Beweisgang. Kovic sagt, Fleischessen sei falsch. Er sagt es wieder und wieder. Aber Wiederholung ist keine Begründung, und ein Dogma wird nicht dadurch wahr, dass man es im geliehenen Gewand der Aufklärung vorträgt. ### You Don’t Own What You Bought URL: https://www.schweizermonat.ch/you-dont-own-what-you-bought/ Last updated: 2026-08-17T14:58:05.000Z _No content available._ ### Nein, Planwirtschaft funktioniert auch mit künstlicher Intelligenz nicht URL: https://www.schweizermonat.ch/nein-planwirtschaft-funktioniert-auch-mit-kuenstlicher-intelligenz-nicht/ Last updated: 2026-05-27T08:45:18.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/nein\_planwirtschaft\_funktioniert\_auch\_mit\_knstlicher\_intelligenz\_nicht\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/nein%5Fplanwirtschaft%5Ffunktioniert%5Fauch%5Fmit%5Fknstlicher%5Fintelligenz%5Fnicht%5Fmale.mp3) Anfang der 1970er-Jahre wagte Chile ein ehrgeiziges Experiment in Sachen Wirtschaftsplanung. Die sozialistische Regierung des Landes lud den britischen Kybernetiker Stafford Beer ein, bei der Entwicklung eines computergestützten Systems mitzuwirken, das die gesamte Volkswirtschaft koordinieren sollte. Das Projekt hiess *Cybersyn*. Fabriken in ganz Chile sollten Produktionsdaten an ein zentrales Netzwerk senden. Regierungsplaner würden die Wirtschaft von einem mit Bildschirmen und Armaturenbrettern ausgestatteten Kontrollraum aus überwachen. Die Planer hofften, mit genügend Informationen und Rechenleistung die Wirtschaftstätigkeit rational lenken zu können. Das Projekt spiegelte einen lang gehegten Traum der Sozialisten wider: dass ein ausreichend fortschrittliches System das Wirtschaftsleben effizienter planen könnte als Märkte. Doch Cybersyn löste nie die Probleme, die es eigentlich angehen sollte. In den frühen 1970er-Jahren führte die chilenische Regierung Preiskontrollen für Tausende von Waren ein und baute gleichzeitig die staatliche Kontrolle über die Industrie aus. Die Versorgungsengpässe nahmen zu, der Schwarzmarkt wuchs und die wirtschaftliche Koordination verschlechterte sich. Bald folgte politische Instabilität, die 1973 in einem Militärputsch gipfelte. Auf den ersten Blick schien die Lektion daraus klar: Eine Planwirtschaft kann die komplexe Koordination, die Märkte leisten, nicht nachbilden. Und doch verschwand die Idee nie ganz. ## **Das neue Argument für KI-Planung** Jüngste Fortschritte in der künstlichen Intelligenz haben eine alte Debatte wiederbelebt. Wenn frühere sozialistische Planer scheiterten, weil ihnen ausreichende Rechenleistung fehlte, könnten moderne Algorithmen das Problem vielleicht endlich lösen. Einige zeitgenössische Autoren haben diese Möglichkeit offen ins Spiel gebracht. Das Magazin «Jacobin» veröffentlichte 2019 einen [Artikel](https://jacobin.com/2019/03/economic-planning-walmart-democracy-socialism?ref=schweizermonat.mymagic.page) mit dem Titel «Ja, eine Planwirtschaft kann tatsächlich funktionieren». Dieser argumentierte, dass grosse Datensätze und leistungsstarke Algorithmen das klassische sozialistische Kalkulationsproblem überwinden könnten. Einige Ökonomen haben sich sogar mit dieser Idee beschäftigt. Bevor er den Wirtschaftsnobelpreis verliehen bekam, bemerkte Daron Acemoğlu, dass Fortschritte in der künstlichen Intelligenz eine zentrale Planung plausibler machen könnten. Er deutete an, dass Korruption das Haupthindernis sein könnte und nicht die Machbarkeit an sich. Auf den ersten Blick klingt das Argument überzeugend. Künstliche Intelligenz kann riesige Informationsmengen mit unglaublicher Geschwindigkeit verarbeiten. Die moderne Rechenleistung stellt alles in den Schatten, was früheren Generationen von Planern zur Verfügung stand. Um die Frage zu beantworten, ob KI Planwirtschaft möglich mache, müssen wir uns einer der wichtigsten Debatten der Wirtschaftswissenschaft des 20\. Jahrhunderts zuwenden. Im Jahr 1920 veröffentlichte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises einen bahnbrechenden [Artikel](https://www.schweizermonat.ch/content/files/docs-mises-de/Mises/mises%5Fwirtschaftsrechnung.pdf) mit dem Titel «Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen». Im Gegensatz zu vielen Kritikern des Sozialismus konzentrierte sich Mises nicht auf Korruption oder falsche Anreize. Er ging von einer grosszügigen Annahme aus: Die Planer, so unterstellte er, seien intelligent, wohlwollend und aufrichtig dem Gemeinwohl verpflichtet. Selbst unter diesen idealen Bedingungen, argumentierte Mises, könne der Sozialismus nicht funktionieren. Der Grund dafür liege in der Rolle von Privateigentum und Märkten bei der Preisbildung. In einem sozialistischen System, in dem der Staat die Produktionsmittel besitzt, verschwinden die Märkte für Investitionsgüter. Ohne solche Märkte können keine Preise für Maschinen, Rohstoffe und andere Produktionsfaktoren entstehen. Und ohne Preise wird eine rationale wirtschaftliche Rechnung unmöglich. Preise sind Signale, die durch freiwilligen Austausch entstehen und die die relative Knappheit von Ressourcen sowie die konkurrierende Nachfrage nach ihnen widerspiegeln. Stellen Sie sich eine einfache Entscheidung vor: die Wahl, ob ein Boden aus Holz, Keramik oder Marmor gefertigt werden soll. Preise liefern sofort Informationen darüber, welche Materialien knapp und welche reichlich vorhanden sind. Wenn Keramik teurer wird, weil sie anderswo dringend benötigt wird, fördert der höhere Preis den Wechsel zu Holz. Wenn Holz knapp wird, steigt der Preis für Holz, und die Entscheidung passt sich erneut an. Sie müssen nicht jedes Detail darüber wissen, warum sich das Angebot verändert hat. Der Preis vermittelt die relevanten Informationen. Und ohne solche Signale werden wirtschaftliche Entscheidungen zu reinen Vermutungen. ## **Das Wissen ist verteilt** Eine Generation später vertiefte Friedrich Hayek diese Kritik in seinem berühmten Essay von 1945, «The Use of Knowledge in Society». Hayeks Argument: Das wirtschaftliche Problem, vor dem die Gesellschaft steht, ist ein Problem des Wissens und nicht der Berechnung. Die Informationen, die zur Koordinierung einer Wirtschaft erforderlich sind, befinden sich nicht an einem zentralen Ort. Stattdessen sind sie auf Millionen von Individuen verteilt. Ein Grossteil dieses Wissens ist stark lokal begrenzt. Es betrifft spezifische zeitliche und örtliche Umstände: sich ändernde Präferenzen von Konsumenten, vorübergehende Gelegenheiten, technisches Know-how oder praktische Erfahrung. Ein Grossteil des Wissens ist zudem implizit. Menschen wissen oft, wie man Dinge macht, ohne dieses Wissen vollständig in Worte fassen zu können. Märkte bieten einen Mechanismus, um diese verstreuten Informationen kontinuierlich zu generieren und über Preise weiterzugeben. Die zentrale Planung tut dies jedoch nicht. ## **Millionen dezentraler Entscheidungen** Einige Befürworter der technologischen Planung gehen davon aus, dass es bei Hayeks Argument lediglich um die begrenzte Rechenleistung ging, die Mitte des 20\. Jahrhunderts zur Verfügung stand. Doch Hayeks Argument betraf eher Institutionen als Rechenleistung. Die relevanten Informationen liegen nicht in einer Form vor, die einfach gesammelt und verarbeitet werden kann. Ein Grossteil davon entsteht erst durch dezentrale Entscheidungsfindung im Rahmen der Institutionen des Privateigentums und des freiwilligen Austauschs. Künstliche Intelligenz kann vorhandene Daten analysieren. Sie kann jedoch die dezentralen Prozesse nicht ersetzen, die diese Daten überhaupt erst generieren. Die Wirtschaft ist keine Maschine, die von einem Bedienfeld aus gesteuert werden kann; vielmehr ist sie ein dynamischer Prozess, der von Millionen dezentraler Entscheidungen geprägt wird. Künstliche Intelligenz löst das sozialistische Kalkulationsproblem nicht. Algorithmen können Daten schneller verarbeiten als jeder menschliche Planer, aber sie sind dennoch auf die Existenz aussagekräftiger wirtschaftlicher Informationen angewiesen. > «Künstliche Intelligenz kann vorhandene Daten analysieren. Sie kann jedoch die dezentralen Prozesse nicht ersetzen, die diese Daten überhaupt erst generieren.» Seit mehr als einem Jahrhundert wird jeder neue technologische Durchbruch – Computer, Big Data und nun künstliche Intelligenz – als das Werkzeug gepriesen, das es dem Staat endlich ermöglichen werde, komplexe Volkswirtschaften zu planen. Ja: Künstliche Intelligenz kann Daten verarbeiten. Aber nur Märkte können sie aufdecken. *Dieser Beitrag erschien zuerst auf der* [*Website der Foundation for Economic Education*](https://fee.org/articles/could-artificial-intelligence-finally-make-central-planning-work/?ref=schweizermonat.mymagic.page)*. Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Leuzinger.* ### Die Politik hat den Sportsgeist verloren URL: https://www.schweizermonat.ch/die-politik-hat-den-sportsgeist-verloren/ Last updated: 2026-05-27T08:47:24.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/die\_politik\_hat\_den\_sportsgeist\_verloren\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/die%5Fpolitik%5Fhat%5Fden%5Fsportsgeist%5Fverloren%5Fmale.mp3) Über die Gründe für die internationale Renaissance des Autoritarismus wird viel spekuliert. Die einen sehen den Neoliberalismus als Auslöser, weil er zersetzend wirke und soziale Solidarität auf dem Altar des Marktes opfere. Die anderen machen hingegen den Sozialstaat verantwortlich, weil er den Menschen Eigenverantwortung und mündiges Handeln abgewöhne. Liegen die Ursachen auch im Dunkeln, so sind die Folgen doch offensichtlich: Mit zunehmendem Autoritarismus gehen in der Politik sportliche Tugenden wie Fairness und regelkonformes Handeln verloren. Vielleicht erklärt der von Peking bis Washington wieder salonfähige Chauvinismus zumindest in Teilen, weshalb heute viele Menschen in Fitness und Sport Erfüllung suchen, während sie das Politische nur noch frustriert: Je zynischer und unberechenbarer das Machtgebaren wird, das nur noch notdürftig hinter Worthülsen über Werte und Ideale verborgen wird, desto attraktiver wirken Team- und Individualsport. Auch im Teamsport gibt es Fouls – doch sie werden sanktioniert. Grundsätzlich gelten klare und faire Regeln. Gerade aus liberaler Sicht sind solche Regeln unerlässlich, und gerade Kleinstaaten wie die Schweiz profitieren vom Geist der Sportlichkeit. Denn nur dort, wo sich alle nicht nur auf dieselben, idealerweise gruppenübergreifend gerechten Regeln berufen, sondern sich auch auf deren Einhaltung verlassen können, ist freier und fairer Wettbewerb überhaupt möglich. Wo hingegen das Recht des Stärkeren oder schiere Willkür herrschen, geraten jene unter die Räder, denen Freiheit und Fairness wichtig sind. Die postliberale Weltunordnung des 21\. Jahrhunderts, in der jedes noch so gewaltsame Mittel zum Machtgewinn opportun erscheint, ist zugleich eine postsportliche Ära. Bei einem Basketballspiel indes kann man davon ausgehen, dass eine Mannschaft ihre Gegner nicht einfach niederprügelt, wenn ihr das Ergebnis nicht passt – oder dass sie nicht während des Spiels die Regeln ändert, um sich bessere Bedingungen zu verschaffen. ## Selbstwirksamkeit statt Systemfrust Zwar wäre es naiv zu hoffen, dass Teamsport durch irgendeine mirakulöse Übertragung auf die Weltpolitik Probleme lösen könnte. Und Appelle an autoritäre Herrscher, sich doch bitte sportlicher zu verhalten, dürften wirkungslos verpuffen. Gleichwohl kann es guttun, im Teamsport hin und wieder am eigenen Leib zu erfahren, wie sich eine regelbasierte Ordnung und ein fairer Umgang miteinander anfühlen – nämlich sehr viel besser als eine erratisch-autokratische. Als Lebensschule weist Sport über sich selbst hinaus. Was Individualsport, aber auch Fitnesstraining betrifft, so lässt sich dort noch erleben, was in unseren Schein- und Postdemokratien kaum mehr möglich ist: Selbstwirksamkeit und nachvollziehbare Zusammenhänge zwischen Handlungen und Folgen. Unsere politischen Systeme sind ungemein komplex geworden. Doch echte Demokratie funktioniert nach wie vor am besten in kleinräumigen Konstellationen – dort wurde sie schliesslich auch erfunden. Wenn jedoch nicht nur gewählte Regierungen, sondern auch ein globales Geflecht aus transnationalen politischen Institutionen und Unternehmen, Lobbygruppen, Nichtregierungsorganisationen und Vorfeldaktivisten mitmischen, schwindet bei vielen Menschen das Vertrauen, mit der eigenen Stimme etwas bewirken zu können. Im Gym wiederum sieht man, dass das selbst durchgeführte Training direkte Auswirkungen auf den Körper hat. Ein starker Bizeps ersetzt selbstredend keine Politik, und Training sollte keine Flucht vor dem Politischen sein. Aber wenigstens kann es helfen, das Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass das eigene Tun etwas bewirken kann. ### Wer mehr arbeitet, ist selber schuld URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-mehr-arbeitet-ist-selber-schuld/ Last updated: 2026-07-15T20:22:45.000Z _No content available._ ### Demokratische Regierungen, die zensieren, schaden nicht nur den eigenen Bürgern, sondern auch mutigen Oppositionellen in Autokratien URL: https://www.schweizermonat.ch/demokratische-regierungen-die-zensieren-schaden-nicht-nur-den-eigenen-buergern-sondern-auch-mutigen-oppositionellen-in-autokratien/ Last updated: 2026-05-27T08:46:25.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/demokratische\_regierungen\_die\_zensieren\_schaden\_nicht\_nur\_den\_eigenen\_brgern\_sondern\_auch\_mutigen\_oppositionellen\_in\_autokratien\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/demokratische%5Fregierungen%5Fdie%5Fzensieren%5Fschaden%5Fnicht%5Fnur%5Fden%5Feigenen%5Fbrgern%5Fsondern%5Fauch%5Fmutigen%5Foppositionellen%5Fin%5Fautokratien%5Fmale.mp3) Am 4\. März 2022, zwei Tage nachdem die Europäische Union die russischen Staatsmedien Russia Today (RT) und Sputnik verboten hatte, sperrte Russland den Zugang zu westlichen Medien wie BBC, Deutsche Welle und Voice of America. Es sei «erst der Beginn von Antwortmassnahmen in einem vom Westen entfesselten Informationskrieg», erklärte die russische Regierung. Sie argumentierte ähnlich wie die EU: Westliche Sender verbreiteten angeblich «Falschinformationen» und «antirussische» Narrative über die «Spezialoperation» in der Ukraine, darunter Berichte über Angriffe auf Zivilisten und Infrastruktur. Zwei Wochen später traf eine Fliegerbombe das Theater von Mariupol, in das sich viele Menschen geflüchtet hatten. Hunderte kamen ums Leben. Die russische Journalistin Maria Ponomarenko machte in einem Telegram-Beitrag die russische Luftwaffe für den Beschuss von Zivilisten verantwortlich. Daraufhin wurde sie wegen Verbreitung von Falschinformationen über die russische Armee festgenommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Dass Untersuchungen der Associated Press, der OSZE und von Amnesty International den Angriff als «vorsätzliches Kriegsverbrechen» einstuften, dem bis zu 600 Menschen zum Opfer fielen, spielte vor Gericht keine Rolle. Bis Juli 2024 wurden mehr als 300 Menschen wegen «Verbreitung wissentlich falscher Informationen» über Russlands Militär angeklagt oder verurteilt. Der entsprechende Straftatbestand (Artikel 207.3 des russischen Strafgesetzbuches) wurde kurz nach dem Einmarsch in die Ukraine eingeführt. Er sieht eine Höchststrafe von fünfzehn Jahren Haft vor. Unter den Verurteilten sind Menschenrechtler, Politiker und Journalisten – darunter der russische Oppositionspolitiker und Kremlkritiker Wladimir Kara-Mursa. Er erhielt zusätzlich wegen «Landesverrats» und «Extremismus» fünfundzwanzig Jahre Haft, weil er die Invasion der Ukraine verurteilt und Präsident Putin kritisiert hatte. ## Ein Eigentor der EU Das Verbot von RT und Sputnik durch die EU hilft russischen Dissidenten nicht. Im Gegenteil: Das europäische Vorgehen gegen russische Staatsmedien lieferte Russland einen willkommenen Vorwand, seinerseits westliche Medien abzuschalten. Gerade diese ausländischen Sender hätten die Berichte verfolgter russischer Journalisten stützen und die Botschaften von Demokratieaktivisten wie Kara-Mursa verbreiten können. Nachdem das Gericht der Europäischen Union das Verbot von RT und Sputnik bestätigt hatte, erklärte ein Kremlsprecher: «Natürlich werden wir ähnliche Druckmassnahmen gegen westliche Medien ergreifen.» Und er fügte hinzu: «Die Europäer trampeln auf ihren eigenen Idealen herum.» > «Das Verbot von RT und Sputnik durch die EU hilft russischen Dissidenten nicht. Im Gegenteil: Das europäische Vorgehen gegen russische Staatsmedien lieferte Russland einen willkommenen Vorwand, seinerseits westliche Medien abzuschalten.» Ein Grundprinzip der offenen Gesellschaft: Artikel 19 des internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte schützt die Meinungsfreiheit. Dazu gehört die Freiheit, «ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut jeder Art in Wort, Schrift oder Druck, durch Kunstwerke oder andere Mittel eigener Wahl sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben». Geschützt werden also sowohl die Sprechenden als auch die Zuhörenden. Autoritäre Regime wie Russland versuchen erwartungsgemäss, Informationen zu blockieren, die der eigenen Propaganda widersprechen. Offene Demokratien aber setzen voraus, dass ihre Bürger Informationen eigenständig bewerten können. Sie sollten nicht den Regierungen die Macht geben, über die «Wahrheit» zu befinden. Die öffentliche Meinung soll in Demokratien die Politik prägen – nicht umgekehrt. Demokratische Regierungen sollten gegenüber der öffentlichen Meinung rechenschaftspflichtig sein, statt sie zu kontrollieren. Doch mit der Sanktionierung russischer Desinformation hat die EU ihren 448 Millionen Bürgern signalisiert: Wir trauen euch nicht zu, die Propaganda aus dem Kreml selbst einzuordnen. Dabei zeigen Umfragen, dass eine grosse Mehrheit der EU-Bürger Russland äusserst kritisch gegenübersteht und die Ukraine unterstützt. Die EU-Strategie behindert zudem genau jene Onlineprojekte, die russische Kriegsverbrechen dokumentieren und Desinformation entlarven – darunter die Rechercheplattformen Bellingcat und Oryx. Diese Plattformen sind auf offene Quellen, auch aus Russland, angewiesen. Sie suchen nach Informationssplittern, um ein genaues Bild der Lage vor Ort zu zeichnen. Ihre Beweise entlarven russische Lügen und Propaganda. Ein Zugangsverbot zu russischen Informationen schadet daher ausgerechnet jenen, die am wirksamsten gegen russische Propaganda vorgehen. Natürlich hätte Russland seine Zensur auch ohne das EU-Medienverbot verschärft. Doch der Vorwurf aus dem Kreml – Europa trample auf seinen eigenen Idealen herum – enthält eine unbequeme Wahrheit, so scheinheilig er auch sein mag. ## Die Dreifaltigkeit der Freiheit Besonders bedrückend ist, wie sehr der gegenwärtige Kurs von der mutigen Strategie der 1970er-Jahre abweicht. Damals setzten Westeuropa und die USA die Meinungs- und Informationsfreiheit bewusst als Wettbewerbsvorteil im Kalten Krieg ein. Der Sowjetblock hatte geschlossene Gesellschaften; Dissidenten wurden routinemässig wegen «verleumderischer Erfindungen» oder «antisowjetischer Agitation» ins Gefängnis oder in psychiatrische Anstalten gesteckt. Die westliche Strategie stärkte jene Stimmen hinter dem Eisernen Vorhang, die nach Demokratie riefen. Sie mündete in den sogenannten Helsinkieffekt, benannt nach der Schlussakte der KSZE, der Vorläuferin der OSZE, die 1975 in Helsinki unterzeichnet wurde. Die Ostblockstaaten hatten sich darin zur Achtung der Menschenrechte bekannt. Diese Selbstverpflichtung nutzten Dissidenten in der Folge als Hebel, um öffentlich die Einhaltung der versprochenen Rechte einzufordern. > «Besonders bedrückend ist, wie sehr der gegenwärtige Kurs von der mutigen Strategie der 1970er-Jahre abweicht.» Es lohnt sich, die zensorischen Äusserungen von EU-Vertretern wie Thierry Breton, Ursula von der Leyen und Josep Borrell mit den Schriften des sowjetischen Dissidenten Andrei Sacharow zu vergleichen. Nach ihm ist der jährliche Preis für die Freiheit des Denkens des Europäischen Parlaments benannt. Sacharow schrieb 1968, geistige Freiheit brauche drei Dinge: freien Informationsfluss, die Möglichkeit zur offenen und furchtlosen Debatte und Freiheit vor Beamtenwillkür und Vorverurteilung. Diese Dreifaltigkeit der Gedankenfreiheit sei die einzige Garantie gegen Massenmythen, die in den Händen von Heuchlern und Demagogen zur blutigen Diktatur werden könnten. *Dieser Text basiert auf dem Buch «The Future of Free Speech: Reversing the Global Decline of Democracy’s Most Essential Freedom», das im April 2026 bei Johns Hopkins University Press erschienen ist. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bigliel.* ### Dieser Text wurde von KI geschrieben* URL: https://www.schweizermonat.ch/dieser-text-wurde-von-ki-geschrieben/ Last updated: 2026-05-27T08:48:09.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/dieser\_text\_wurde\_von\_ki\_geschrieben.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/dieser%5Ftext%5Fwurde%5Fvon%5Fki%5Fgeschrieben.mp3) Kürzlich habe ich einen Beitrag auf einem Onlinemedium gelesen. Er war handwerklich gut gemacht. Der Kollege untermauerte seine Punkte mit Fakten und verlinkte seine Quellen. Bei einem Link fiel mir allerdings auf, dass in der URL ein Tracking-Zusatz verblieben war, der die Herkunft des ursprünglichen Besuchs verriet. Der Journalist war offenbar via ChatGPT auf die Quelle gestossen.Im ersten Moment war ich enttäuscht. Der Journalist hatte die Quelle also nicht selber gefunden, sondern künstliche Intelligenz genutzt. Dann aber stellte ich mir die Frage: Macht die Nutzung von KI das Argument schlechter? Ist der Artikel dadurch weniger wert? Der Advocatus Diaboli in mir meldete sich: Hast du nicht selber auch schon KI für die Recherche genutzt? Ich bin offen und ehrlich: Ja, auch ich nutze KI. Zum Beispiel, wenn ich schnell ein Faktum überprüfen möchte. Oder wenn ich mich frage, ob es vielleicht ein besseres Beispiel gibt, um eine Aussage zu veranschaulichen. Oder wenn ich nicht sicher bin, ob ein Argument logisch schlüssig ist. Oder ob die Struktur eines Textes Sinn ergibt. Nicht dass ich für bare Münze nehmen würde, was mir die KI erzählt. Wenn ich ChatGPT frage, ob es einen besseren Titel für einen Text gäbe, kann ich von 20 Vorschlägen vielleicht einen oder einen halben brauchen. Oft führt das zu neuen Ideen, die ich weiterentwickeln kann. So wird KI zu einem zusätzlichen Sparringpartner. Im Journalismus ist KI ein zweischneidiges Schwert: Zum einen können die Modelle, richtig eingesetzt, Inhalte besser und attraktiver machen und Prozesse effizienter gestalten. Zugleich steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel: Kann man einem Argument, einem Artikel, einem Autor oder einem Medium Vertrauen schenken, wenn KI dahintersteckt? Entscheidend ist letztlich, *wie* KI eingesetzt wird. Es muss darum gehen, die Arbeit zu erleichtern, sie effizienter zu machen und das Produkt auf Hochglanz zu bringen – nicht darum, Kreativität und selbstständiges Denken zu ersetzen. Zu Beginn des Arbeitsprozesses und am Ende müssen ein Mensch und seine Gedanken stehen. Denn wer glaubt, das Denken an die KI delegieren zu können, macht sich selber überflüssig. Beim Schweizer Monat nutzen wir KI in unterschiedlicher Weise. - Wir holen uns neue Inputs in der Recherche. - Wir lassen uns Vorschläge für besser Formulierungen oder sonstige Verbesserungen bei Artikeln geben, was zum Beispiel gerade bei übersetzten Texten hilfreich ist. - Wir setzen uns der Kritik der KI aus und nutzen sie damit als Sparringpartner. - Wir lassen Texte mithilfe von KI vorlesen – als zusätzlicher Service für die Leser. - Wir lassen uns Ideen geben für Verbesserungen unserer Prozesse. Bei all dem gilt: Alles, was Sie beim Schweizer Monat lesen und sehen, wurde von einem Menschen und seinem Gehirn generiert. Wir nutzen Tools, um die Gedanken, Ideen und Thesen attraktiv aufzubereiten. Vor der Einführung von Computern war es viel aufwendiger, diese Gedanken, Ideen und Thesen gut und attraktiv zu den Konsumenten zu bringen. Der technische Fortschritt stellt uns laufend neue Werkzeuge zur Verfügung, die Erleichterungen und Verbesserungen bringen – wenn man sie richtig einsetzt. KI ist ein weiteres Tool auf diesem Weg. Es muss ein Tool bleiben, damit Journalismus weiterhin Journalismus bleibt. Beim Schweizer Monat bleibt er das. Das ist unser Versprechen. \* Nein, natürlich nicht. Das war klassische menschliche Dreistigkeit. ### Wird Europa zum Museum? mit Ivan Krastev URL: https://www.schweizermonat.ch/ivan-krastev-on-war-democracy-and-the-end-of-the-status-quo/ Last updated: 2026-08-05T09:25:37.000Z _No content available._ ### Wirtschaftsbooms sterben nicht an Altersschwäche – sie werden ermordet URL: https://www.schweizermonat.ch/wirtschaftsbooms-sterben-nicht-an-altersschwaeche-sie-werden-ermordet/ Last updated: 2026-09-23T21:03:50.000Z 0:00 /208 1× ThomasManns «Buddenbrooks» schildern den Untergang einer Kaufmannsdynastie, deren Niedergang bereits in deren Aufstieg angelegt war. Diese Vorstellung einer Entwicklung, die den Keim ihres eigenen Scheiterns insich trägt, hält der amerikanische Ökonom Tyler Goodspeed für einen Irrtum. In seinem neuen Buch «Recession» argumentiert der frühere Trump-Berater und heutige ExxonMobil-Chefökonom, dass Konjunkturaufschwünge einander ähneln mögen, Rezessionen jedoch jeweils ihre eigene Ursache haben. In Anlehnung an Tolstois berühmten Satz aus «Anna Karenina» – «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich» – argumentiert Goodspeed: Nicht der Boom selbst trage den Keim seines Untergangs in sich – vielmehr seien es äussere Schocks, die ihn zu Fall brächten. Damit begehrt Goodspeed gegen eines der ältesten Narrative der Ökonomie auf: dass auf jeden Boom unweigerlich der Absturz folge. Der klassische Konjunkturzyklus – Aufschwung, Boom, Abschwung, Rezession – sei weniger ökonomisches Gesetz als intellektuelle Gewohnheit. Dabei verweist er auf ein Diktum des früheren Fed-Präsidenten Ben Bernanke, der über Konjunkturaufschwünge sagte: «Economic expansions don’t die of old age. They get murdered.»Nicht innere Widersprüche des Wachstums seien der Grund für Rezessionen, sondern äussere Schocks: Kriege, steigende Energiepreise, politische Fehlentscheidungen, Finanzkrisen oder Naturkatastrophen. Rezessionen erscheinen bei Goodspeed nicht als Schumpeter’sche «kreative Zerstörung», sondern als schmerzhafte Unterbrechungen eines grundsätzlich intakten Wachstums. Daraus leitet der Autor auch wirtschaftspolitische Konsequenzen ab: Staaten und Zentralbanken sollten Rezessionen nicht als notwendige Bereinigung missverstehen, sondern primär als schädliche Störungen, deren Folgen möglichst begrenzt werden müssten. Die Stärke des Buches liegt in seiner historischen Tiefe.Goodspeed analysiert Jahrhunderte angloamerikanischer Wirtschaftsgeschichte und zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich die Ursachen grosser Abschwünge tatsächlich sind.Mal ist es ein Bankenkollaps, mal eine Naturkatastrophe, mal eine politische Fehlsteuerung – fast nie jedoch der unausweichliche Kollaps einer «überhitzten» Wirtschaft. > «Goodspeed analysiert Jahrhunderte angloamerikanischer Wirtschaftsgeschichte und zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich die Ursachen grosser Abschwünge tatsächlich sind» Nicht jede Zuspitzung überzeugt restlos. Der Autor neigt dazu, strukturelle Fehlentwicklungen vorschnell als blosse Begleiterscheinungen externer Schocks zu relativieren. Das schmälert den Wert des Buches jedoch kaum: Es bietet eine Reihe anschaulicher historischer Beispiele und vertritt seine provokative These mit beachtlicher Konsequenz.«Recession» ist eine kluge und anregende Intervention in eine oft unterkomplex geführte Debatte. Goodspeed erinnert daran, dass wirtschaftliche Expansionen nicht notwendigerweise die Saat ihres eigenen Untergangs in sich tragen. Mitunter genügt ein äusserer Schock, um selbst den robustesten Aufschwung jäh zu beenden. [*Tyler Goodspeed: Recession: The Real Reasons Economies Shrink and What to Do About It.*](https://www.amazon.com/Recession-Reasons-Economies-Shrink-About/dp/1541704940?ref=localhost) *New York: Basic Venture, 2026.* ### Der Islam ist weder Feind noch Freund, sondern Spiegel des Westens URL: https://www.schweizermonat.ch/der-islam-ist-weder-feind-noch-freund-sondern-spiegel-des-westens/ Last updated: 2026-09-23T20:34:24.000Z 0:00 /290 1× Wer hat das gesagt: *«Ich wohne lieber neben einer Moschee als neben einem Einkaufszentrum oder einem Supermarkt und ich habe als Nachbarn lieber einen Moslem, der meine Werte teilt, als einen Skinhead.»* Klingt nach grüner Stadtteilinitiative, ist aber Alain de Benoist, Übervater der französischen Nouvelle Droite, im Interview mit der NPD-nahen Zeitschrift «Hier & Jetzt» (2010). Und das: *«Die schwarzäugige Kopftuchträgerin an der Supermarktkasse befremdet mich weniger als ihre wild gefärbte, kaugummikauende Kollegin mit all den Ringlein in Lippe und Augenbrauen.»* Nicht die Linke, sondern Ellen Kositza, Autorin der «Sezession», des Theorieorgans der deutschen Neuen Rechten. ## Wahres Feindbild Liberalismus Das Bild, das wir von der Rechten haben, stimmt nicht ganz. Rechts zu sein, denken wir, heisst, gegen den Islam zu sein. Pegida, Burka-Verbot, Minarett-Initiative. Aber historisch war das nie so eindeutig. Schon in den 1920er-Jahren schauten antiliberale Vordenker wie Oswald Spengler mit Sympathie auf den Orient. Der rechte Traditionalist René Guénon wandte sich dem Islam zu und starb 1951 als Scheich in Kairo. Die laute Anti-Islam-Politik von Pegida bis AfD ist eine junge Erscheinung, eine Reaktion auf 9/11\. Darunter, bei den intellektuellen Stichwortgebern, hat eine andere Strömung immer weiter existiert. Die Islamophilie wird verständlich, wenn man fragt, wogegen die Rechte eigentlich kämpft. Nicht gegen den Islam. «Der zentrale negative Bezugspunkt neurechter Ideologie sind nicht Islam und Muslime, sondern das Feindbild Liberalismus», schreibt der Politikwissenschafter Matheus Hagedorny. Gegen die Moderne also. Gegen Selbstverwirklichung, Individualismus, offene Gesellschaft. Und hier kommt der Islam ins Spiel. Als Modell. In einer konservativen Lesart hat der Islam alles, was die Rechte am Westen vermisst: feste Geschlechterrollen, Tradition, Disziplin und Gemeinschaft. Soweit ich sehe, ist der Politikwissenschafter Matheus Hagedorny der Einzige, der diese Faszination der Rechten am Islam systematisch erforscht und differenziert hat, zuletzt in seinem Buch «Islambilder der deutschen Neuen Rechten». Er greift eine Unterscheidung der Literaturwissenschafterin Andrea Polaschegg auf: Differenz und Distanz. > «In einer konservativen Lesart hat der Islam alles, was die Rechte am Westen vermisst: feste Geschlechterrollen, Tradition, Disziplin und Gemeinschaft.» Konkret: Die gepiercte Deutsche ist in der Differenz nah, in der Distanz zutiefst fremd. Die Kopftuchträgerin ist in der Differenz fern, in der Distanz aber näher als die eigene Nichte: Skepsis gegen Aufklärung, gegen Liberalismus, gegen die Selbstbestimmung der Frau. ## Linke Faszination des Islams Bleibt die andere Frage. Sie ist die unbequemere. Warum ist auch die Linke vom Islam fasziniert? Dieselbe Linke, die gegen den katholischen Konservatismus polemisiert, gegen Evangelikale, gegen orthodoxe Juden, warum verteidigt ausgerechnet sie jenen Konservatismus, der Frauen Rollen zuweist und Homosexualität ablehnt? Es scheint, der einzige Konservatismus, den die Linke vehement verteidigt, ist der des Islams. Vielleicht sucht auch die Linke (wie die Rechte) im Islam einen Spiegel, nur einen anderen. Auch sie hat ein antimodernes Ressentiment – wer viel Foucault gelesen hat, sieht die Moderne nicht als Befreiungsgeschichte, sondern als Disziplinierungssystem: Schulen, Kliniken, Gefängnisse als Instrumente, mit denen der westliche Staat Körper und Seelen formt. Das Nichtwestliche erscheint im Gegenlicht als das Authentischere. Foucault selbst begrüsste 1978 die iranische Revolution genau aus diesem Grund. > «Der einzige Konservatismus, den die Linke vehement verteidigt, ist der des Islams.» Auf diesem Boden wächst die Faszination für den Islam: der letzte unverdächtige Verbündete gegen den Westen, gegen Amerika, gegen die Moderne, gegen das eigene Erbe, mit dem die Linke nicht mehr fertigwird. Dann wäre der Islam, was de Benoist schon 2010 ahnte: nicht Feind, nicht Freund, sondern der Spiegel, in dem zwei antimoderne Ressentiments einander erkennen – das rechte und das linke. ### Hat die Demokratie fertig? URL: https://www.schweizermonat.ch/hat-die-demokratie-fertig/ Last updated: 2026-08-10T09:47:50.000Z _No content available._ ### 10-Millionen-Initiative: Migration ohne Sozialismus URL: https://www.schweizermonat.ch/10-millionen-initiative-migration-ohne-sozialismus/ Last updated: 2026-05-15T14:47:52.000Z 10-Millionen-Initiative: Migration ohne Sozialismus 0:00 /137.130833 1× Gegner der 10-Millionen-Initiative erinnern daran, dass Italiener, Spanier und Portugiesen in den letzten 100 Jahren zum Wirtschaftsaufbau der Schweiz beigetragen haben und wir auch heute, in Zeiten des Fachkräftemangels, Migration nötig haben. Für die Initiative sprechen die Schattenseiten eines Zustroms von rund 100’000 Menschen pro Jahr, in einem kleinen Land mit begrenzter Infrastruktur. Die Wohnungsnot in urbanen Räumen ist nicht zu leugnen, und von einem Eigenheim können viele sowieso nur noch träumen. Hinzu kommen Dichtestress, Reallohnverlust bei steigenden Lebenskosten, Niveauverlust des Schulsystems durch Klassen mit bis zu 90 Prozent Migrantenkindern. Die linke Politik basiert auf der Vorstellung, es gebe eine moralische Pflicht, Ausländer mitsamt Familiennachzug ohne Vorleistung ins Sozialsystem aufzunehmen. Migration wird so zum Geschäftsmodell eines sozialistischen Versorgungsstaates, dessen Funktionäre sich auf Kosten der Allgemeinheit als Gutmenschen aufspielen und glauben, Ausländer als neue SP-Wähler zu gewinnen. Die Politik von rechts hingegen will Migration begrenzen, ohne den Wohlstand des Landes zu riskieren. Wie das bei sinkenden Geburtenraten und immer älter werdenden AHV-Bezügern gehen soll, bleibt offen. Es ist Zeit für eine liberale Migrationspolitik. Diese könnte sich an folgendem Grundsatz orientieren: Künftig darf jeder Ausländer, den die Wirtschaft braucht, in die Schweiz kommen, um sich in Eigenverantwortung ein gutes Leben zu erarbeiten. Aber er muss während mindestens 10 Jahren in die Sozialsysteme einzahlen und einen guten Leumund aufweisen, bevor er staatliche Leistungen beziehen kann. > «Künftig sollte jeder Ausländer, den die Wirtschaft braucht, in die Schweiz kommen, um sich in Eigenverantwortung ein gutes Leben zu erarbeiten.» Das wäre gerecht gegenüber den Einheimischen, die ihr Leben lang einbezahlt haben. Und es wäre ein Hebel nicht nur gegen den Fachkräftemangel, sondern auch gegen den Missbrauch der Sozialwerke. Es kommen nicht Tausende Arbeitsscheue in ein Land, das ihnen nichts schenkt. Eine leistungsorientierte Migrationspolitik stärkt zudem die Integrationskraft einer Nation. Wer seine beruflichen Talente in den Dienst der Gesellschaft stellt, wird gebraucht. Und wer sich gebraucht fühlt, der ist bereits dabei, sich zu integrieren. ### Is Democracy a Failed Experiment? URL: https://www.schweizermonat.ch/nobody-watches-the-watchdog/ Last updated: 2026-08-17T14:57:23.000Z _No content available._ ### Die ästhetischen Anfänge des Liberalismus URL: https://www.schweizermonat.ch/die-aesthetischen-anfaenge-des-liberalismus/ Last updated: 2026-05-15T14:39:54.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/die\_sthetischen\_anfnge\_des\_liberalismus.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/die%5Fsthetischen%5Fanfnge%5Fdes%5Fliberalismus.mp3) Während der Liberalismus in Europa in der Krise steckt, drohen US-amerikanische Spielarten zwischen Wokeness und Libertarismus ihn zur Fratze zu verformen. Der Literaturwissenschafter Albrecht Koschorke blickt daher zurück auf die kulturellen Bedingungen des Frühliberalismus vor 1848\. Er zeigt, dass der Liberalismus seine Erfolge nicht ideologischer Geschlossenheit, sondern seinen Widersprüchen verdankt. Nominell verspricht er universelle Teilhabe, die jedoch wegen der «Unreife» grosser Bevölkerungsteile (Pöbel, Frauen, Kolonialvölker) noch nicht eintreten sollte. Dafür trat vertröstend der Fortschrittsglaube: Erst in der Zukunft würden alle an diesem Heilsversprechen teilhaben. Ein Hauptverdienst des Buches ist es zu zeigen: Die Frühliberalen standen in der Tradition der Aufklärung – durch elitäre Führung die gefürchtete «Masse» zu wahrer Mündigkeit und künftiger Teilhabe an Politik, Wohlstand und Kultur zu erziehen. Ziel war nicht Volkssouveränität, sondern die «Souveränität der Vernunft». Die politischen Repräsentanten und literarischen Figuren der Liberalen sollten Vermittler sein. Zugleich verkörperten sie das Ideal des klassisch gebildeten Genieästheten, der sich durch Bildung und schöpferische Eigenkraft auszeichnet. Manches mag moderne Liberale überraschen. So zielten alle Bestrebungen auf zentralistische Staaten ab, und den Beamten kam eine Schlüsselrolle zu – nicht als Staatsdiener, sondern als humanistisch gebildete, geistig einflussreiche Gestalter. Eine Schwäche des Buches ist sein enger Fokus auf Kontinentaleuropa: Die angelsächsische, liberal-merkantile Tradition wird nur am Rand erwähnt. Das Buch schliesst mit einer deprimierenden Gegenwartsdiagnose: Was geschieht, wenn die Zukunft ihre Strahlkraft verliert, wenn der Fortschritt nicht mehr tröstet? Das liberale Versprechen von Hoffnung und späterer Erfüllung ist erschöpft. Übrig bleibt die Konfrontation zwischen elitärem Wissen und populistischem Ressentiment – ein Kampf, in dem der Liberalismus nur noch eine schwache Partei unter vielen ist. Vielleicht liegt in der Betrachtung der Anfänge eine Frage verborgen: Kann der Liberalismus ohne seine ästhetische Glut weiterbrennen, die seine frühen Vertreter beseelte? Eine luzide und beunruhigende Lektüre. *Albrecht Koschorke: Souveränität der Vernunft. Die kulturellen Anfänge des Liberalismus. Berlin: Suhrkamp, 2026.* ### Ob anonym oder nicht: Banksy macht die Welt hässlicher URL: https://www.schweizermonat.ch/ob-anonym-oder-nicht-banksy-macht-die-welt-haesslicher/ Last updated: 2026-05-15T14:39:54.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/ob\_anonym\_oder\_nicht\_banksy\_macht\_die\_welt\_hsslicher.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/ob%5Fanonym%5Foder%5Fnicht%5Fbanksy%5Fmacht%5Fdie%5Fwelt%5Fhsslicher.mp3) Mit der Enthüllung, dass Banksy tatsächlich derjenige ist, für den man ihn seit Jahrzehnten gehalten hat, sind drei Reuters-Journalisten wahrscheinlich gerade in die Geschichte des Investigativjournalismus eingegangen: Es war die weltweit am häufigsten geteilte Newsmeldung – und zugleich diejenige, deren Details am wenigsten im Gedächtnis bleiben. > «Ist es wirklich notwendig, mehr über die Identität des bekanntesten > Unbekannten der Welt zu erfahren?» In ein paar Wochen werden wohl alle den richtigen Namen von Banksy vergessen haben. Im Grunde spielt es keine Rolle, ob er Robin Gunningham oder David Jones heisst. Denn sehr schnell verlagerte sich die Debatte auf eine andere Frage, die diese Enthüllung aufwarf: Ist es wirklich notwendig, mehr über die Identität des bekanntesten Unbekannten der Welt zu erfahren? Banksy und die Medien spielten dieses kleine Spiel seit Jahren mit einer gewissen Koketterie. Der Künstler, der sich gerne als systemkritisch sieht, wurde in Wirklichkeit von sämtlichen Mainstream-Medien unterstützt, und seine Anonymität wurde im Dienst eines klickgenerierenden Dauerbrenners toleriert. Mit seiner Enthüllung bricht Reuters die lockere Atmosphäre, die um den Künstler schwebte. ## Hartes Los für Fassadenreiniger Banksy stellte zwar für niemanden eine Gefahr dar, fesselte aber die breite Öffentlichkeit mit seinen Werken, deren Inhalt den Zeitgeist mit wenig subtiler Raffinesse aufgriff. In einem [Podcast](https://www.lesoir.be/735259/article/2026-03-17/comment-banksy-ete-demasque-par-reuters%20/h?ref=schweizermonat.ch) zu dem Fall räumt Julie Bawin, Professorin für zeitgenössische Kunstgeschichte an der Universität Lüttich, ein, dass Banksys Performances technisch nichts Neues gebracht hätten. Er bedient sich gängiger und leicht nachahmbarer Techniken. Neu ist seine seit rund dreissig Jahren andauernde illegale Praxis der Street Art, die er von einer unbedeutenden Praxis in eine tolerierte verwandelt hat, was sich positiv auf die Preise der Werke auswirkt. Trotz Angeboten öffentlicher Stellen, die ihn einluden, seine Graffiti an genehmigten Orten zu sprühen, wollte er in der Illegalität bleiben und selbst entscheiden, welchen Ort er nutzen und damit ohne Genehmigung beschmieren möchte. Das bleibt nicht ohne Folgen. Während seine Werke mehrheitlich geschätzt werden, finden die seiner Anhänger, die mittlerweile überall auf der Welt glauben, das Besprühen fremder Wände sei eine erstrebenswerte Praxis, weniger Anklang. So führt das Phänomen Banksy zu einer Reihe von Sachbeschädigungen, die durch die Anonymität ermöglicht werden. Überall auf der Welt können Fassadenreiniger, die gerufen werden, um das neueste Graffiti eines Nachahmers zu beseitigen, heute einen Namen nennen, der ihnen seit dreissig Jahren das Leben schwer macht. Sie werden es verstanden haben: Das Phänomen Banksy stellt für mich ein Rätsel dar, das durch diese Enthüllungen nicht klarer geworden ist. Diese Skepsis lässt sich vielleicht zum Teil auch durch ein persönliches Mitgefühl für Künstler erklären, die erst nach ihrem Tod Anerkennung finden. Ein ganzes Leben lang ein Werk gegen Kritiker zu verteidigen und erst nach dem Tod belohnt zu werden, ist romantischer als die wohlwollende Anerkennung, die Banksy heute geniesst. So musste Albert Anker (1831–1910), bevor er zum gefeierten Nationalmaler wurde, der Welt verständlich machen, dass man auch gewöhnliche Menschen malen und damit Grösse beweisen kann. Denn gerade im Alltäglichen und im Tragischen keimt Hoffnung auf. Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in [«Le Temps»](https://www.letemps.ch/opinions/chroniques/anonyme-ou-pas-banksy-enlaidit-le-monde?ref=schweizermonat.ch). ### Fall Fischer: Warum es richtig ist, falsche Gesetze zu brechen URL: https://www.schweizermonat.ch/fall-fischer-warum-es-richtig-ist-falsche-gesetze-zu-brechen/ Last updated: 2026-08-10T09:47:51.000Z _No content available._ ### Deutschland investiert – in den Sozialstaat URL: https://www.schweizermonat.ch/deutschland-investiert-in-den-sozialstaat/ Last updated: 2026-05-15T14:44:12.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/lukas.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/lukas.mp3) Man hat sich an grosse Ankündigungen und grosse Zahlen von der deutschen Bundesregierung gewöhnt. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine verkündete der damalige Kanzler Olaf Scholz 2022 vollmundig eine «Zeitenwende». Der Bundestag beschloss die Schaffung eines «Sondervermögens» von 100 Milliarden Euro, um die Bundeswehr aufzurüsten, ohne die Schuldenbremse einhalten zu müssen.Vergangenes Jahr doppelte Scholz’ Nachfolger Friedrich Merz nach. Er einigte sich mit dem Koalitionspartner SPD auf ein weiteres Sondervermögen im Umfang von [500 Milliarden Euro](https://www.nzz.ch/international/union-und-spd-einigen-sich-auf-milliardenkredite-fuer-verteidigung-und-infrastruktur-ld.1873951?ref=schweizermonat.ch). Diesmal sollte das Geld Investitionen in die Infrastruktur und den Klimaschutz dienen. ## Aus Konsumausgaben mach Investitionen Bereits der Begriff «Sondervermögen» ist ein Witz. Es handelt sich nicht um Vermögen, sondern im Gegenteil um zusätzliche Schulden, welche die deutsche Politik ihren Bürgern aufbürdet. Man kann das natürlich damit rechtfertigen, ausserordentliche Zeiten erforderten ausserordentliche Massnahmen. Dann müssten die Mittel aber wenigstens in diese aussergewöhnlichen Massnahmen fliessen, die sich angeblich nicht anders finanzieren lassen. Schaut man sich die Zahlen an, passiert allerdings das Gegenteil. Gemäss dem [Ifo-Institut](https://www.ifo.de/pressemitteilung/2026-03-17/regierung-95-prozent-neue-schulden-infrastruktur-2025-zweckentfremdet?ref=schweizermonat.ch) nahm Deutschland 2025 zwar 24,3 Milliarden Euro neue Schulden für Infrastruktur auf. Die Investitionen stiegen allerdings nur um 1,3 Milliarden Euro. Das heisst im Klartext: 95 Prozent der Mittel wurden zweckentfremdet. Die Bundesbank kommt mit 93 Prozent auf einen ähnlichen Anteil. > «2025 nahm Deutschland zwar 24,3 Milliarden Euro neue Schulden > für Infrastruktur auf. Die Investitionen stiegen allerdings > nur um 1,3 Milliarden Euro.» Die frei gewordenen Mittel im ordentlichen Haushalt sind dabei natürlich nicht in den Abbau der Schulden oder in tiefere Steuern geflossen, sondern etwa in Subventionen für das Gastgewerbe oder die Landwirtschaft. Zudem besteht die Gefahr, dass reine Konsumausgaben kurzerhand zu Investitionen erklärt werden, um sie ins Sondervermögen auszulagern. So lassen sich etwa auch Darlehen an die Sozialversicherungen an der Schuldenbremse [vorbeischleusen](https://www.nzz.ch/der-andere-blick/die-deutsche-regierung-bricht-ihr-versprechen-und-macht-neue-schulden-ohne-zu-investieren-das-hat-fatale-folgen-ld.1929645?ref=schweizermonat.ch). Mit anderen Worten: Deutschland investiert – allerdings vor allem in den Sozialstaat. Solche finanzpolitischen Taschenspielertricks passen schlecht zum Ruf Deutschlands als seriös wirtschaftende Nation und finanzpolitisches Gewissen innerhalb der EU. Offenbar finden die etablierten Parteien auf die gegenwärtigen Herausforderungen keine anderen Antworten mehr, als immer neue Ausgaben und Schulden zu beschliessen – zulasten künftiger Generationen. Ob diese ihnen das so einfach durchgehen lassen werden, wird sich zeigen – möglicherweise schon bei den nächsten Bundestagswahlen. Jedenfalls brauchen sich die Union und die SPD nicht darüber zu wundern, dass sie in den Umfragen hinter die AfD zurückgefallen sind. ### Die deutsche Politik will neue Steuern und mehr Schulden – dabei könnte sie mühelos 250 Milliarden sparen URL: https://www.schweizermonat.ch/die-deutsche-politik-will-neue-steuern-und-mehr-schulden-dabei-koennte-sie-muehelos-250-milliarden-sparen-2/ Last updated: 2026-05-15T14:39:54.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/friedrik\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/friedrik%5Fmale.mp3) Statt zu sparen, erfindet die deutsche Politik neue Steuern. Dabei hat der Staat in Deutschland noch nie mehr Steuern eingenommen – über 1 Billion Euro im vergangenen Jahr. Trotzdem will die Bundesregierung nun neue Steuern implementieren und eine Rekordverschuldung von fast 200 Milliarden Euro verabschieden. Und das, obwohl 250 Milliarden Euro Einsparpotenzial offen auf dem Tisch liegen – wenn man nur den Willen hätte, sie zu heben. Es ist immer dasselbe Muster: Der Staat braucht Geld. Mehr Geld. Noch mehr Geld. Es scheint nie zu reichen und genug zu sein. Doch statt die eigenen Ausgaben zu hinterfragen, greift er tiefer in unsere Taschen. Die neuesten Ideen: eine Plastikabgabe, eine Zuckersteuer, die Besteuerung von Kryptowährungen. Dazu Erhöhungen bei der Tabaksteuer und der sogenannten Reichensteuer. Kreativität kennt keine Grenzen, solange es um das Erfinden neuer Lasten geht. Aber hier ist die unbequeme Wahrheit: Das Problem ist nicht die Einnahmenseite. Das Problem ist die Ausgabenseite. Sie ist ausser Kontrolle geraten. Der Staat ist nicht teuer wegen seiner Kernfunktionen. Er ist teuer, weil er sich selbst verwaltet. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/05/stats-fur-grafiken-marc-friedrich-einsparpotenzial.png) ## Neue Steuern statt Sparwille Jede neue Steuer ist ein Eingeständnis des Scheiterns. Ein Eingeständnis, dass niemand den Mut hat, die Strukturen anzufassen. Es ist einfacher, den Bürger zu belasten, als einen Apparat zu reformieren, der längst ausser Kontrolle gewachsen ist. Die geplanten Mehrbelastungen im Überblick: - Plastikabgabe – neu - Zuckersteuer – neu - Kryptowährungsbesteuerung – neu - Tabaksteuer – Erhöhung - Reichensteuer – Erhöhung Das ist kein Haushaltsprogramm. Das ist Symptombehandlung. Die Ursache der Probleme bleibt unangetastet. ## 250 Milliarden Einsparpotenzial Bei meiner Recherche ist etwas sehr deutlich geworden: Es gibt kein Einnahmenproblem. Es gibt ein Ausgabenproblem. Und wer ernsthaft rechnet, kommt auf beeindruckende Zahlen zu den Einsparpotenzialen: ## Luxusrenten für Beamte Ein Blick auf die Zahlen macht fassungslos. 5,4 Millionen Menschen waren 2024 im öffentlichen Dienst tätig – knapp 12 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland. Die jährlichen Personalausgaben: über 250 Milliarden Euro – ein Fünftel aller Staatsausgaben, allein für Personal. > «Im Schnitt kassiert ein pensionierter Beamter heute rund 3400 Euro brutto pro Monat – fast doppelt so viel wie ein normaler Rentenempfänger nach 45 Beitragsjahren.» Und die Pensionen? Sie haben sich seit 2007 auf inzwischen 90 Milliarden Euro jährlich verdoppelt. Im Schnitt kassiert ein pensionierter Beamter heute rund 3400 Euro brutto pro Monat – fast doppelt so viel wie ein normaler Rentenempfänger nach 45 Beitragsjahren. Dazu kommt die staatliche Beihilfe, die auf Bundesebene allein 6,6 Milliarden Euro kostet. Ein Zweiklassensystem auf Kosten des Steuerzahlers. Während das gesetzliche Rentenniveau bei 48 Prozent liegt, erhalten Beamte rund 70 Prozent ihrer letzten Bezüge als Pension. Das ist keine Ungleichheit mehr. Das ist strukturelle Ungerechtigkeit. Mein Vorschlag: Pensionsniveau auf 48 Prozent absenken – gleichauf mit der gesetzlichen Rente. Alle Sonderleistungen wie die Beihilfe streichen. Beamte müssen ins allgemeine Sozialsystem einzahlen – wie alle anderen auch. Für jeden neu eingestellten Beamten müssen zwei gehen. Dasselbe gilt für Gesetze: Für jedes neue Gesetz sollten mindestens fünf abgeschafft werden. ## Attraktive Frühverrentung Allein im Jahr 2024 gingen knapp 270 000 Menschen als «besonders langjährig Versicherte» vorzeitig in Rente – ohne Abschläge, zwei Jahre vor dem regulären Rentenalter. Fast 29 Prozent aller neuen Altersrenten entfallen auf diese Gruppe. Diese Entwicklung stellt die Rentenversicherung vor wachsende Probleme: Diese Menschen beziehen früher mehr Leistungen und zahlen kürzer ein. Würde die abschlagsfreie Frühverrentung abgeschafft und die Regelaltersgrenze konsequent auf 67 Jahre angehoben, könnten gemäss dem Prognos-Institut bis zu 8 Milliarden Euro jährlich eingespart werden – und gleichzeitig der Fachkräftemangel entschärft werden. Deutschland ist seit Jahren grösster Nettozahler der Europäischen Union. 13,1 Milliarden Euro überwies Deutschland 2024 netto mehr in den EU-Haushalt, als es zurückerhielt – 157 Euro pro Kopf, mehr als jedes andere EU-Mitglied. Das ist nicht Solidarität. Das ist Selbstaufgabe. Verhandlungen über eine fairere Lastenverteilung sind längst überfällig. Allein hier schlummern konservativ gerechnet 5 bis 10 Milliarden Euro jährliches Einsparpotenzial. ## Klimaschädliche Subventionen Ein Gutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums beziffert klimaschädliche staatliche Subventionen auf 35,8 Milliarden Euro jährlich – Dieselprivileg, Kerosinsteuerbefreiung, Industriestromrabatte, Pendlerpauschale. Subventionen, die fossile Energieträger künstlich verbilligen und gleichzeitig den Haushalt belasten. Wer diese streicht, spart Geld und schützt den Markt vor verzerrenden staatlichen Eingriffen. Das ist kein linkes Klimaprogramm. Das ist ökonomische Vernunft. ## KI könnte den Staat revolutionieren – wenn man sie nur liesse Allein der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Bürokratie hätte das Potenzial, jährlich 80 bis 100 Milliarden Euro einzusparen. Rund 10 Prozent der Stellen beim Staat würden obsolet – nicht durch Entlassungen, sondern durch natürliche Fluktuation und Digitalisierung von Prozessen, die heute noch Tausende von Beamten händisch bearbeiten. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ein Bauantrag noch immer Monate dauert, Steuerformulare händisch geprüft werden und Sozialbehörden mit veralteten Systemen arbeiten. Ausser einem: Der Staat hat kein Interesse daran, sich selbst überflüssig zu machen. ## Das Parkinson’sche Gesetz als Staatsprinzip Parkinson’s Law besagt: Arbeit dehnt sich aus, um die verfügbare Zeit zu füllen. Für Bürokratien gilt das Pendant: Behörden dehnen sich aus, um das verfügbare Budget zu verbrauchen – und fordern danach mehr. Der Staat ist nicht teuer wegen Polizei, Justiz oder Infrastruktur. Er ist teuer, weil er sich selbst verwaltet, seine eigene Komplexität reguliert und die Folgen seiner eigenen Fehler managt. Das Ergebnis: ein Apparat, der wächst, obwohl er schrumpfen müsste. Seit 2009 wächst die Zahl der Beamten wieder – vor allem durch Personalzuwächse bei Polizei, Kinderbetreuung und im Bildungsbereich. Gleichzeitig beklagen dieselben Behörden Fachkräftemangel. Das ist kein Widerspruch. Das hat System. Statt die Bürger und die Wirtschaft in der momentan angespannten Situation weiter zu belasten, wäre es sinnvoll, der Staat würde endlich bei sich selbst anfangen und sparen, statt neue Schulden und Steuern zu kreieren. Mehr als 250 Milliarden Euro Einsparpotenzial: Diese Zahl ist konservativ gerechnet. Das Sparpotenzial liegt offen auf dem Tisch. Man muss es nur heben wollen. Stattdessen erfindet die Politik Zuckersteuern. Das sagt alles über den Zustand dieses Landes. ### Der dritte Teufel im Bunde: In der Affäre Fischer spielt auch die Justiz eine unrühmliche Rolle URL: https://www.schweizermonat.ch/der-dritte-teufel-im-bunde-in-der-affaere-fischer-spielt-auch-die-justiz-eine-unruehmliche-rolle/ Last updated: 2026-05-15T14:39:54.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/der\_dritte\_teufel\_im\_bunde\_in\_der\_affre\_fischer\_spielt\_auch\_die\_justiz\_eine\_unrhmliche\_rolle\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/der%5Fdritte%5Fteufel%5Fim%5Fbunde%5Fin%5Fder%5Faffre%5Ffischer%5Fspielt%5Fauch%5Fdie%5Fjustiz%5Feine%5Funrhmliche%5Frolle%5Fmale.mp3) Aller maliziösen Dinge sind drei: Die Affäre um Patrick Fischer und den SRF-Journalisten Pascal Schmitz ist so verschmitzt, dass die unbedarfte, unrühmliche Rolle eines dritten Parts weitgehend vergessen geht. Der dritte Teufel oder Täter im Bunde, im Ausbund der leidigen Geschichte ist die Justiz, ohne die Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer – obgleich absolut zu Recht verurteilt und gebüsst! – nicht von der Eisfläche und sein forscher Porträtist Schmitz nicht von der SRF-Mattscheibe verschwunden wären. Warum nur schaut beziehungsweise zeigt in dieser Affäre niemand auf die Justiz, ohne deren Wankelmütigkeit diese Story gar nicht auf Touren gekommen wäre? Es ist nicht der Journalist, der die «Unfälle und Verbrechen» in die Öffentlichkeit bringt. Vielmehr geschieht dies anhand von Polizeirapporten und Gerichtsmeldungen, welche durch den Filter Justiz publik werden. Und im Nachgang zu Nati-Trainer Fischers gefälschtem Impfzertifikat entschied die dritte Gewalt vor rund drei Jahren offensichtlich in aller Weisheit gegen den öffentlichen Pranger, aber für eine scharfe Bussenbelegung. > «Im Nachgang zu Nati-Trainer Fischers gefälschtem Impfzertifikat > entschied die dritte Gewalt vor rund drei Jahren offensichtlich in aller > Weisheit gegen den öffentlichen Pranger, aber für eine scharfe Bussenbelegung.» ## Was ist eigentlich eine Mittagspause? Fischer konnte demnach ganz ruhig im informellen Rahmen mit der «vierten Gewalt» ein bisschen plaudern, denn nur was direkt in eine Kamera gesprochen oder als Interview autorisiert wird, darf von den Medien auch getrost veröffentlicht werden, etwa in einem Dokfilm nach erfolgreicher Mission WM-Titel – und nicht als Vorgeplänkel zur mutwilligen Hintertreibung dieses Traums der Eid- und Eisgenossenschaft nach vier WM-Silbermedaillen. Laut SRF-Chefredaktor Tristan Brenn erfolgte der informelle Austausch zwischen Fischer und Filmautor Schmitz während eines Mittagessens, wobei allerdings gedreht worden sei. Schmitz seinerseits sprach von einer «Mittagspause», in der Fischer ungefragt so gewagt aus sich herausging. Mittagspause, das heisst Pause von was denn, wenn nicht Arbeitspause vom Filmset? Aus dem Gulasch beim Mittagstisch macht man doch keine Gulaschkanone für welches Filmsetting rundum auch immer! Ausser anscheinend bei der ach so professionellen SRG, wo eine Mittagspause gar keine Pause, sondern irreführend genug exakt jenes Glatteis ist, auf das man just den Eishockey-Nationaltrainer leutselig (unselig) genug führte und kurz vor seinem Karrierehöhepunkt WM-Titel-Mission stürzen, abstürzen liess. Die Reaktion von Fischer und seinem Mediensprecher (vom Eishockeyverband) auf dieses Revolverblatt-Setting der hehren SRG war eindeutig: keine Autorisierung des Filmporträts mit einer solchen Covid-Beichte als Querschläger zur WM-Titel-Mission. Die SRF-Speerspitze Schmitz hätte nun beschwichtigen und diese Pausengespräch-Story, diesen Schnee von vorvorgestern, vorerst mal ein bisschen ruhen lassen können, solange bis der WM-Titel besser mit als ohne Fischer vielleicht doch noch eingetütet wäre. Stattdessen machte er lieber das ganze eigene, weit fortgeschrittene Filmporträt zur Makulatur, nur um Fischer in Sachen Covid-Beichte gleich die Pistole beziehungsweise den ultimativ «eingeforderten» (nicht einfach angeforderten, nachgesuchten) Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Luzern auf die Brust zu setzen und zu riskieren, dass andere Fischer dann vollends abschiessen – allen voran der Eishockeyverband, gegängelt vom internationalen Verband, von der Moraltante Swiss Olympic und von den Sponsoren … ## Die ultimativen Versager Auf Covid-Teufel komm raus sich im Auge der Pandemie, zur Winterolympiade 2022 in China, nicht impfen zu lassen, esoterisch-selbstverliebt und unwissenschaftlich dazu gar noch das eigene Team zu gefährden: das ist der verhexte Eis-Hexenmeister Fischer! Auf Teufel komm raus ein informelles Pausengespräch, das Fischer für den Filmdreh nicht autorisierte, auszuplaudern und anachronistisch an die grosse Glocke zu hängen, aus der dann dummdreist genug nur mehr das Totenglöcklein für den Spiritus Rector der WM-Titel-Mission wird, das ist die «Glanztat» eines voreiligen Journalisten. Welcher Teufel aber hat zu schlechter Letzt die Justiz selbst geritten, sich ohne Not so sehr in den eigenen Rücken zu fallen, dass man einen Strafbefehl, der im Nachgang zur Urkundenfälschung wohlweislich nicht publik gemacht wurde, nun holterdiepolter einem Journalisten aushändigte, der sich seinerseits aufführte, als diente er nicht seiner ach so gediegenen SRG, sondern einer Revolverjournaille? Das ultimative Versagen liegt bei der Justiz, die Schmitz fürs Erste ganz leicht hätte ins Leere laufen lassen können, indem sie den Strafbefehl zwar nicht grundsätzlich, aber differenziert genug so lange unter Verschluss gehalten hätte, bis der angestrebte WM-Titel nicht mehr in die Quere kommen konnte. > «Das ultimative Versagen liegt bei der Justiz, die Schmitz > fürs Erste ganz leicht hätte ins Leere laufen lassen können.» Notabene: Es geht keineswegs darum, dass man diese Geschichte entgegen guter journalistischer Gepflogenheit einfach unter den Teppich gekehrt hätte, wie Fischer selbst mit seinem Ausstieg aus dem SRF-Filmporträt wohl erhoffte. Nein, just diese Story gehört zweifellos auch ins «Palmarès» von Patrick Tricky Fischer, aber als das, was sie ist, nämlich eine Reminiszenz an den gesühnten Impfzertifikatsbetrug, und nicht als Autodafé, das Fischer nach drei WM-Silbermedaillen um die letzte Chance, doch noch Weltmeister zu werden, brachte. Die Justiz, ach ja, die Justiz: Mit der salomonischen Zurückhaltung des Strafbefehls 2023 ermöglichte sie Fischer und der ganzen Nation zwei weitere WM-Silbermedaillen 2024 und 2025\. Warum nur konnte ein übereifriger Journalist diese Justiz nunmehr so sehr irritieren und von der eigenen Linie abbringen, dass man mit dem Herausrücken dieses schon leicht verstaubten Strafbefehls im dümmsten Moment nicht nur Fischer, sondern vermutlich die ganze Nation um den lange ersehnten WM-Titel bringt? Denn Jan Cadieux, Fischers Nachfolger, fühlt sich nach eigenen Aussagen noch gar nicht bereit und völlig überrumpelt von der Übernahme des Headcoaching. Das fahrlässige Verhalten der Justiz zur Unzeit mit dem Wedeln eines alles anderen als taufrischen Strafbefehls wiegt schwerer als ein Nati-Trainer und ein Journalist, die selbst nicht ganz dicht waren. ### In Baku herrschte Toleranz – bis die Bolschewiken kamen URL: https://www.schweizermonat.ch/in-baku-herrschte-toleranz-bis-die-bolschewiken-kamen/ Last updated: 2026-05-15T14:39:54.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/in\_baku\_herrschte\_toleranz2.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/in%5Fbaku%5Fherrschte%5Ftoleranz2.mp3) Viele Menschen sind heute überzeugt, Toleranz sei das Produkt staatlicher Programme. Ihnen möchte ich Tom Reiss’ «The Orientalist» empfehlen, das ich kürzlich gelesen habe. Das Buch erzählt die Geschichte von Lev Nussimbaum, einem jüdischen Jungen aus Baku, der als Schriftsteller unter den Pseudonymen Essad Bey und Kurban Said bekannt wurde. Nebenbei beschreibt es eine Stadt, die zeigt, was möglich ist, wenn Menschen in Freiheit miteinander wirtschaften dürfen. Baku um 1900 war kein Idyll. Es war roh, laut, ungleich, eine Art «Wilder Osten». Der Ölboom hatte die Stadt am Kaspischen Meer innerhalb weniger Jahrzehnte zur Weltmetropole gemacht. Armenische Ölbarone, jüdische Kaufleute, muslimische Unternehmer und europäische Ingenieure rangen täglich um Verträge und Marktanteile. Und genau darin lag das Geheimnis: Sie rangen miteinander – wirtschaftlich. Nicht gegeneinander – ethnisch oder religiös. Der Markt ist in seiner Grundstruktur blind gegenüber Identität. Er belohnt Leistung und bestraft Vorurteile – denn wer aus religiösem Hass auf gute Geschäftspartner verzichtet, schadet sich selbst. Diese schlichte Logik schuf eine Kultur der pragmatischen Toleranz, die kein staatliches Förderprogramm erzwingen kann. Reiss beschreibt einen Islam, der uns heute fremd erscheint: weltoffen, geschäftstüchtig, bereit zur Kooperation über Glaubensgrenzen hinweg. Das war keine besondere Tugend jener Menschen. Es war die natürliche Folge einer Gesellschaft, in der wirtschaftlicher Erfolg von Kooperation abhing. > «Der Markt belohnt Leistung und bestraft Vorurteile – denn wer aus religiösem Hass auf gute Geschäftspartner verzichtet, schadet sich selbst» Dann kamen Lenins Bolschewiken. Sie zerstörten nicht nur eine Wirtschaftsordnung. Sie zerstörten eine Lebensweise. Ihr sozialistisches Ideal klang erhaben: Gleichheit, Solidarität, gemeinsames Eigentum. In der Praxis bedeutete es Enteignung, Zwang und Terror. Und vor allem: keine Toleranz mehr. Denn in einer Gesellschaft, in der der Staat alle Ressourcen kontrolliert, wird jede Gruppe zur Konkurrentin jeder anderen um staatliche Gunst. Der Markt, der zuvor alle verbunden hatte, verschwand. Zurück blieb der Kampf um Zuteilungen – und dieser Kampf nahm schnell ethnische und religiöse Züge an. ## Staatliche Programme sind der falsche Weg Die Lehre ist von bestürzender Aktualität. Was wir heute in Europa Identitätspolitik nennen, folgt derselben Grundlogik wie der Bolschewismus – mit anderen Vorzeichen, aber gleicher Struktur: Der Einzelne wird primär als Mitglied einer Gruppe definiert. Gesellschaftliche Konflikte gelten als Kämpfe zwischen Kollektiven. Der Staat soll Gruppen bevorzugen, ausgleichen, verteilen. Das Ergebnis ist die Polarisierung, die wir allerorten beobachten. Menschen sprechen nicht mehr miteinander – sie sprechen als Gruppenvertreter aneinander vorbei. Hier liegt die eigentliche Lehre aus Bakus Geschichte: Die Lösung für Polarisierung ist nicht noch mehr Identitätspolitik. Die Lösung ist die Rückkehr zu jenen Prinzipien, die Baku so aussergewöhnlich gemacht hatten: ein Rechtsstaat, der individuelle Freiheiten für alle garantiert. Und ein freier Markt, der Kooperation über Stammesdenken stellt. In einer solchen Gesellschaft hat Identitätspolitik strukturell keine Chance. Nicht weil sie verboten wäre, sondern weil sie keine Funktion erfüllt. Wenn Erfolg von Leistung abhängt, nicht von staatlicher Gunst, verliert die Frage der Gruppenidentität ihre existenzielle Dringlichkeit. Meritokratie ist nicht Kälte, sie ist Emanzipation. Sie sagt dem Menschen: Du bist nicht das Opfer deiner Herkunft. Dein Schicksal liegt in deiner Hand. Das Baku von Lev Nussimbaum ist untergegangen. Aber die Frage, die diese Stadt aufwirft, bleibt relevant: Was brauchen Menschen, um über ihre Unterschiede hinweg friedlich zusammenzuleben? Reiss’ Schilderung zeigt den Weg – und dieser lautet nicht: mehr Staat, mehr Programme, mehr Sensibilisierung. Sie lautet: mehr Freiheit, mehr Markt, mehr Eigenverantwortung. Nicht als Ideologie, sondern als nüchterne historische Erfahrung. ### Die 10-Millionen-Initiative hat «sehr realistische Chancen» URL: https://www.schweizermonat.ch/die-10-millionen-initiative-hat-sehr-realistische-chancen/ Last updated: 2026-08-10T09:47:52.000Z _No content available._ ### Empathie wird zum Statussymbol URL: https://www.schweizermonat.ch/empathie-wird-zum-statussymbol/ Last updated: 2026-08-10T09:47:52.000Z _No content available._ ### Die WHO führt einen Feldzug gegen den Genuss URL: https://www.schweizermonat.ch/die-who-fuehrt-einen-feldzug-gegen-den-genuss/ Last updated: 2026-05-15T14:39:24.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/die\_who\_fhrt\_einen\_feldzug\_gegen\_den\_genuss.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/die%5Fwho%5Ffhrt%5Feinen%5Ffeldzug%5Fgegen%5Fden%5Fgenuss.mp3) Rotwein zum Abendessen galt lange als mediterrane Tugend. Dann verkündete die Weltgesundheitsorganisation (WHO): «Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge.» Der erste Tropfen Wein – ein erster Schritt ins Verderben? In Richtung Nulltoleranz geht die WHO auch bei der Wurst und bei verarbeitetem Fleisch: Dieses sei, wie Asbest, krebserregend. Pro Woche sollten es maximal 300 Gramm Fleisch sein, also ein Schnitzel, aufgeteilt auf sieben Tage. Zucker und Salz? Am besten nur in homöopathischen Dosen. Das ist ein Feldzug gegen den Genuss. Und nährt den Verdacht, dass es nicht um Gesundheit geht, sondern um Volkserziehung. Um eine neue Askese im Namen der Prävention, nach Vorbild der alten Klosterzucht. Dabei waren es die Klöster, die sowohl das Bierhandwerk als auch die Weinkunst verfeinert haben. Dass die WHO einseitig Politik macht, zeigt ein Vergleich mit dem Thema Transgender. Es dürfte klar sein, dass Geschlechtsumwandlungen zu gesundheitsschädigenden, irreversiblen Selbstverstümmelungen führen können. Die grössten Risiken dabei sind Embolien, Schlaganfall, Herzinfarkt, Brustkrebs, Leberschäden, Erlöschen der sexuellen Lust, dauerhafte Unfruchtbarkeit. Wenn nicht nur die WHO, sondern auch staatliche Gesundheitsstellen dies eher beschönigen als davor warnen, während man Fleischesser, Zigarrenraucher und Weinliebhaber umerziehen will, zeigt derlei: Der Geist eines neuen, woken Puritanismus geht um. Emissionsfrei soll die Menschheit werden, gendersensibel, vegan und zigarrenlos. Das beste Gegenmittel? Eine klare Botschaft an die steuerfinanzierten Verzichtsapostel: Wir wissen selber, was gut für uns ist! Ideologische Gesundheitsextremisten à la WHO sollten sich um Fortschritte in Entwicklungsländern kümmern, und im entwickelten Westen um den Kampf gegen Krankheiten wie Demenz. Und sie sollten sich ausserdem daran erinnern, dass Puritanismus der Genussfähigkeit und damit der Lebensfreude schadet. Und eine Gesellschaft ohne Lebensfreude – das wäre nun wirklich nicht gesund. ### Wenn moralische Überlegenheit den Diskurs verdrängt URL: https://www.schweizermonat.ch/wenn-moralische-ueberlegenheit-den-diskurs-verdraengt/ Last updated: 2026-05-15T14:39:54.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/wenn\_moralische\_berlegenheit\_den\_diskurs\_verdrngt\_male-1.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/wenn%5Fmoralische%5Fberlegenheit%5Fden%5Fdiskurs%5Fverdrngt%5Fmale-1.mp3) Die schweizerisch-kroatische Sängerin Bernarda Brunovic wollte am M4Music-Festival auf der Open-Air-Bühne beim Zürcher Schiffbau auftreten, doch zu diesem Konzert kam es nie. «Bernarda-Show abgesagt» schrieb M4Music in einem [Instagram-Post](https://www.instagram.com/p/DHse5xnIQEp/?ref=schweizermonat.ch) mit der knappen Begründung: «Aufgrund von Statements in den sozialen Medien geht M4Music davon aus, dass es rund um dieses Konzert zu Störaktionen kommen wird.»Der Grund für die angekündigten Störaktionen ist Bernardas Meinung zur Abtreibungsfrage und die Tatsache, dass sie beim «Marsch fürs Läbe», einer Demonstration christlicher Abtreibungsgegner, mitgelaufen ist. Bernarda ist blind zur Welt gekommen, die Ärzte hatten ihren Eltern von der Geburt abgeraten. Bernarda ist ihnen dankbar, dass sie sich für sie entschieden haben, sie kann die Abtreibung aus Gewissensgründen nicht vertreten. Überzeugte Abtreibungsbefürworter, die sich auf der moralisch richtigen, empathischen Seite verorten, möchten Bernarda überhaupt keine Bühne gewähren. Eine Bühne *notabene* nicht für eine politische Rede, sondern für ein Konzert. Die Haltung jener, die die Störaktionen ankündigten, wirkt selektiv. Ihr Mitgefühl gilt ausschliesslich denjenigen Menschen, mit deren Sicht sie sich identifizieren. Wer anderer Meinung ist, erfährt keine Spur ihrer Empathie: Bernarda wird aktiv daran gehindert, ein Konzert zu geben. Ein Verhalten, das ihr gegenüber alles andere als mitfühlend ist. Die Haltung in diesem Fallbeispiel zeigt deutlich eine Verweigerung des Dialogs mit Andersdenkenden. Statt sich auf einen respektvollen Meinungsaustausch einzulassen, schliesst man andere Perspektiven von vornherein aus. Wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend emotional, moralisch aufgeladen und unversöhnlich geführt werden. Fragen wie etwa zu Identität, Gerechtigkeit oder zu modernem Sprachgebrauch bewegen viele, nicht nur politisch, sondern auch persönlich. Die meisten Fragen, die diese Themen aufwerfen, lassen sich nicht durch Fakten eindeutig beantworten. Vielmehr handelt es sich um tiefgreifende moralisch-ethische Fragen, bei denen sich die Lager entlang normativer Überzeugungen scheiden. Gerade deshalb wäre ein sachlich geführter, offener Diskurs entscheidend. Doch dieser gerät zunehmend unter Druck, nicht etwa durch mangelnde Beteiligung, sondern durch eine neue Form der Diskursverweigerung: Wir nennen sie *toxische Empathie*. Toxische Empathie beschreibt ein Verhalten, bei dem Empathie primär dazu dient, sich selbst eine moralische Überlegenheit gegenüber Vertretern anderer Meinungen zuzuschreiben. Der Begriff ist kein feststehender wissenschaftlicher Begriff, sondern wird in unterschiedlichen Kontexten verwendet. Wir wollen den Begriff nicht als politisches, sondern als analytisches Mittel nutzen, um die Gefährdung des gesellschaftlichen Diskurses durch ungleichmässig verteilte Empathie aufzuzeigen. Empathie im eigentlichen Sinne sollte im Diskurs die Rolle eines begleitenden Elements spielen. Das hilft, unterschiedliche Perspektiven besser zu verstehen, und trägt so zu einem respektvollen, sachlichen Austausch bei. In ihrer toxischen Form hingegen wird Empathie instrumentalisiert, um sich selbst auf der moralisch «richtigen Seite» zu verorten. Der Ausdruck von Mitgefühl meist mit einer gesellschaftlichen Minderheit funktioniert in Diskussionen stellvertretend zum sachlichen Austausch von Argumenten. Toxische Empathie zeigt sich auch dort, wo Mitgefühl nur denjenigen gilt, die das «richtige» Weltbild vertreten, während andere Meinungen pauschal als unzumutbar oder unmoralisch ausgeschlossen werden. Dabei wird die moralische Position nicht mehr begründet, sondern schlicht behauptet. Wer sich nicht in die gefühlte Gemeinschaft der «Guten» einordnet, verliert nicht nur das Recht auf Gehör, sondern wird aktiv aus dem Gespräch verdrängt. In dieser Form dient Empathie nicht mehr dem Dialog, sondern der Kontrolle darüber. *«Wer sich nicht in die gefühlte Gemeinschaft der ‹Guten› einordnen, verliert nicht nur das Recht auf Gehör, sondern wird aktiv aus dem Gespräch verdrängt.»* Ein oft bemühtes Argument zur Rechtfertigung dieses Ausschlusses ist das der «Intoleranz gegenüber Intoleranten». Es beruft sich auf Karl Poppers berühmtes [Toleranzparadox](https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon?ref=schweizermonat.ch): Eine tolerante Gesellschaft darf Intoleranz nicht unbegrenzt dulden. Dieses Argument greift im Kontext des Diskurses jedoch nur dort, wo betroffene Positionen die Grundlagen des Diskurses selbst in Gefahr bringen – etwa indem sie zu Gewalt aufrufen oder diese legitimieren, bestimmte Menschengruppen pauschal abwerten oder fundamentale Menschenrechte verletzen. Die in unserem Essay behandelten Beispiele drehen sich um verschiedene tiefgreifende moralische Fragen und erfüllen keines der Kriterien der Diskursgefährdung. Es handelt sich um moralisch umstrittene, aber diskursfähige Positionen, die innerhalb einer offenen Gesellschaft verhandelt werden können. Wer hier Intoleranz unterstellt, verwechselt ethische Uneinigkeit mit moralischer Verfehlung. Genau an dieser Stelle setzt toxische Empathie ein: Sie etikettiert abweichende Positionen als «unmoralisch», weil sie nicht ins eigene Wertesystem passen. Das ist nicht Schutz vor Intoleranz, es ist, wenn auch vielleicht nur unbewusst, eine Form von Diskursverweigerung. Unser Anliegen ist – wie schon angedeutet – nicht politisch. Es geht uns nicht darum, bestimmte Bewegungen zu diskreditieren oder uns einer Seite anzuschliessen. Vielmehr geht es um die Form des Diskurses selbst. Nicht darum, was diskutiert wird, sondern darum, wie es diskutiert wird. Wir betrachten toxische Empathie als ein Problem, das in unterschiedlichen politischen Kontexten auftreten kann. Besonders sichtbar wird sie jedoch dort, wo der Anspruch auf politische Korrektheit erhoben wird. Formen toxischer Empathie zeigen sich nicht ausschliesslich im Rahmen politischer Korrektheit. Etwa die Argumentationsweise in der polemischen Rhetorik rund um Abtreibung («Wie kannst du nur ein Kind töten?») lehnen wir ebenfalls ab, weil sie den Austausch von Argumenten auf sachlicher Basis erschwert und somit dem Diskurs eher schadet als nützt. In unserer Argumentation beziehen wir uns auf den mitteleuropäischen Diskursraum, in dem allerdings die öffentliche Empathie häufig entlang von Minderheitenschutz und identitätspolitischen Linien rund um Geschlecht, Rassismus oder sexuelle Orientierung verläuft. Man gewinnt vermeintlich an moralischer Gerechtigkeit, verliert jedoch den offenen Diskurs, das Vertrauen in Gesprächsbereitschaft und die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, mit widersprüchlichen oder unklaren Situationen umzugehen, ohne dabei Angst oder Unbehagen zu empfinden. Toxische Empathie wirkt genau in diesem Sinne destruktiv: Sie erhöht kurzfristig das emotionale Wohlbefinden und die moralische Überlegenheit der eigenen Gruppe, doch auf Kosten des gesellschaftlichen Gesamtklimas. Empathie wird gewissermassen in eine Richtung maximiert, jedoch zulasten aller anderen Perspektiven. Toxische Empathie ist keinesfalls ein soziales Randphänomen, sie hat schon längst den Weg in den gesellschaftlichen Mainstream gefunden. Unser Essay zeigt an verschiedenen Fallbeispielen, wie sich toxische Empathie zunehmend in gesellschaftlichen Strukturen, öffentlichen Debatten und institutionellen Entscheidungsprozessen manifestiert und wie sie zur Verdrängung der offenen Diskussionskultur entscheidend beiträgt. ## Selektive Empathie Selektive Empathie bezeichnet die Tendenz, sich gezielt nur gegenüber bestimmten Personen oder Gruppen empathisch zu zeigen, während andere ausgeklammert und weniger oder überhaupt nicht empathisch behandelt werden. Ähnlich wie das Licht eines Scheinwerfers, das nur einen bestimmten Bereich erhellt, während der Rest im Dunkeln bleibt. Selektive Empathie wirkt deshalb toxisch, weil Menschen sie aus einer Haltung moralischer Überlegenheit heraus einsetzen und dadurch den Unbeachteten letztlich massiv schaden. Der eingangs zitierte Fall von Bernarda Brunovic zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn selektive Empathie den öffentlichen Diskurs bestimmt. Die Selektivität dieser Form von Empathie ist dadurch bestimmt, dass sie von einer einzigen moralisch richtigen Haltung ausgeht und deren Vertreter sich somit eine Deutungshoheit zusprechen. Als Folge davon bestimmen sie subjektiv, wer Empathie verdient und wer nicht. An einem sachlichen Diskurs besteht kein Interesse. Beispielsweise wird eine Person an einem Konzertauftritt gehindert, obwohl dieser nichts mit dem eigentlichen Streitpunkt zu tun hat. Durch selektive Empathie wird der Diskurs um kontroverse Themen wie die Abtreibungsfrage nicht differenzierter, sondern auf eine einseitige moralische Sichtweise reduziert. Mit der Absage des Konzerts von Bernarda erhielten die toxisch empathischen Stimmen genau das, was sie forderten: ihre Botschaft, dass [«religiöse Fundis und Abtreibungsgegner/-innen nichts in unseren Quartieren verloren»](https://www.tagesanzeiger.ch/m4music-in-zuerich-warum-konzert-von-bernarda-abgesagt-wurde-101500546989?ref=schweizermonat.ch) hätten, bekamen sie bestätigt. Was sich aus der zitierten Aussage sinngemäss übersetzen lässt: Menschen mit abweichender Meinung sind in unserem Umfeld und in der Gesellschaft insgesamt nicht erwünscht. Anstelle eines sachlichen Meinungsaustausches fordert diese Gruppierung den direkten Ausschluss der Meinungsgegner aus dem öffentlichen Raum. Gerade solche kontroversen Fragen, wie diejenige über Abtreibung – im weiteren Sinne über den Wert eines ungeborenen Menschenlebens –, sollten Anlass für gesellschaftlichen Dialog und differenzierte Auseinandersetzung sein. Selektive Empathie verhindert jedoch diesen offenen Diskurs, indem sie Dialog durch Ausgrenzung ersetzt. ## Monopol auf Moral Mit der Aussage «Denken ist der Anfang von allem» betitelt die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) ihr Videoporträt der Institution. «\[Denken\] lässt uns \[…\] für unsere Überzeugungen einstehen. \[…\] Denken macht uns zu mündigen Menschen. \[…\] Darum geht es an der ZHAW. Nicht das Wissen steht bei uns im Zentrum, sondern das Denken.» Diese Aussagen in ihrem Porträt sollen die Philosophie der ZHAW sein. Auch der 2022 publizierte [«Leitfaden für einen inklusiven Sprachgebrauch»](https://www.schweizermonat.ch/content/files/gpmpublic-zhaw-ch/GPMDocProdDPublic/Vorgabedokumente%5FZHAW/z%5Fmb%5Fsprachleitfaden%5Fzhaw.pdf) möchte «den aktuellen Diskurs zu Gender, Nonbinarität, Inklusion und Vielfalt aufnehmen» sowie «zum Denken und Nachdenken anregen». Der offene Diskurs über kontroverse Themen setzt bestimmte Bedingungen voraus. Er verlangt die Bereitschaft, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen, sowie den Willen, Diskussionen auf einer sachlichen und respektvollen Ebene zu führen. Dabei geht es nicht darum, die Gegenmeinung zu übernehmen oder sich von ihr überzeugen zu lassen, sondern darum, sie als legitimen Teil des Gesprächsraums anzuerkennen. Die Einsicht, dass auch das Gegenüber ein Recht auf eine abweichende Haltung hat, ist grundlegend, damit ein offener Diskurs bestehen bleibt. Als Folge von toxischer Empathie entsteht in Diskursen rund um kontroverse Themen hingegen häufig ein Moralmonopol seitens der «empathischen» Meinung. Vertreter oder Mitglieder bestimmter Gruppen, meist gesellschaftlicher Minderheiten, nehmen für sich in Anspruch, die in einem Diskurs einzig richtige moralische Haltung zu repräsentieren. Dieser Anspruch geht aus der Überzeugung hervor, eine gegenüber den betroffenen Angehörigen der jeweiligen Minderheiten empathische Position zu vertreten. Daraus ergibt sich der Glaube, im Namen des moralisch Richtigen zu handeln und somit die Gegenperspektive als moralisch falsch abtun zu können. Mit der Zugehörigkeit oder dem Ausdruck ihres Mitgefühls mit einer gesellschaftlichen Minderheit legitimieren die Betroffenen die anscheinend nicht zur Debatte stehende Richtigkeit ihrer Perspektive. Der Glaube, im Besitz des moralischen Monopols zu sein, führt dazu, dass offene Diskussionen nicht mehr als notwendig erachtet werden, weil die Gegenposition als grundsätzlich illegitim abgetan wird. Erhebt eine Seite im Diskurs rund um ein Thema ein Monopol auf Moral, erschwert das die Chance auf einen sachlichen Meinungsaustausch um das Thema erheblich. *«Der Glaube, im Besitz des moralischen Monopols zu sein, führt dazu, dass offene Diskussionen nicht mehr als notwendig erachtet werden, weil die Gegenposition als grundsätzlich illegitim abgetan wird.»* Von einem sprachlichen Leitfaden, wie dem der ZHAW, der angibt, den Diskurs über ein aktuelles gesellschaftliches Thema aufzunehmen, würde man erwarten, dass er unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht und sich offen mit divergierenden Ansätzen auseinandersetzt. Doch anstelle eines differenzierten Austausches gibt der Leitfaden eine Sprachempfehlung vor, welche Begriffe anhand eines konkreten Weltbildes als «gut» oder «schlecht» einstuft. Die Ansätze zur gendergerechten Sprache wirken, als gäbe es keine legitime Perspektive jenseits der darin vertretenen Haltung. Viel mehr als die besagte Aufnahme des Diskurses vermittelt der Leitfaden ein einseitiges Bild des Themas. Der Zweck des Leitfadens soll eine Sensibilisierung für einen «diskriminierungsfreien Sprachgebrauch sein, welcher stereotypisierende und abwertende Begriffe \[…\] vermeidet». Weiter soll er zu einem «bewussten Umgang mit Sprache und zur Reflexion der Wirkung von Sprache» anregen. In einer Tabelle unterteilt in verschiedene Kategorien wird beispielhaft aufgezeigt, welche Sprache «genderneutral und inklusiv» (gekennzeichnet durch einen Smiley) und welche es nicht ist (entsprechend mit einem traurigen Gesichtssymbol versehen). Die Tabelle orientiert sich eindeutig an einem bestimmten progressiv-aktivistischen Verständnis von Sprache, das Inklusion über sprachliche Mittel fördern will. Dabei wird implizit vorausgesetzt, dass nur jene Begriffe als akzeptabel gelten, die diesem normativen Ideal entsprechen. Die Gründe, auf die sich die Wertungen beziehen, sind vielerorts unersichtlich. Beispielsweise ist der Begriff «transsexuelle Person» diskriminierend, während «Transgender-Person» wiederum diskriminierungsfrei ist. Das Wort «Rasse» ist schlecht, während die wortwörtliche Übersetzung ins Englische «Race» völlig in Ordnung ist. Die Frage, welche sprachlichen Normen gelten sollen, ist somit kein feststehender Konsens, sondern Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, für die gerade Hochschulen eine besonders attraktive Umgebung bieten sollen. Die Annahme, von einer Position moralischer Absolutheit den Sprachgebrauch anderer objektiv werten zu können, zeigt seitens der ZHAW einen gewaltigen Rückschritt der Diskussionskultur an einer Hochschule und demonstriert, was toxische Empathie für Folgen haben kann. Mitgefühl, das nicht aus eigener Überzeugung praktiziert wird, sondern in Form einer einseitigen Norm eingefordert wird, ist toxisch. Begriffe, die dem festgelegten Sprachbild nicht entsprechen, gelten als Zeichen mangelnder Empathie. Es entsteht ein moralischer Druck, der nicht zu wirklichem Mitgefühl ermutigt, sondern dessen verbindliche Nachahmung abverlangt. Empathie wird nach autoritärer Anleitung ausgehend von einem Monopol auf Moral eingefordert. ![Legende: Lukas-Leon Knödler und Vito Contessotto (rechts) bei der Verleihung des Preises «Mit eigener Stimme sprechen» am 23. April in Zürich. Bild: Lukas Leuzinger](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/img_20260423_183910.jpg) Lukas-Leon Knödler und Vito Contessotto (rechts) bei der Verleihung des Preises «Mit eigener Stimme sprechen» am 23\. April in Zürich. Bild: Lukas Leuzinger Die vorletzte Seite des Leitfadens handelt von dem Sprachgebrauch in studentischen Arbeiten. Den Professoren der ZHAW wird ausdrücklich empfohlen, sich an dem Sprachleitfaden zu orientieren und eine inklusive Sprache – oder soll man sagen: spezifisch diejenige Sprache, welche die Verfasser des Leitfadens als inklusiv sehen – zu fördern. Die Lehrenden dürfen zudem Bewertungskriterien bezüglich inklusiver Sprache festlegen. An der ZHAW wird von Studierenden erwartet, dass sie sich den institutionellen Vorstellungen von Diversität und Inklusion anschliessen. Ansonsten riskieren sie auch im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten Nachteile. Hier stellt sich die Frage, worin das vielbeschworene «Denken» bestehen soll, wenn die Orientierung an einem eindeutig normativ gefärbten Leitfaden verlangt wird. Wenn nur die Meinungen der Institution als legitim gelten, verliert die Idee kritischen Denkens ihre gesamte Glaubwürdigkeit. ## Das intellektuelle Privileg der Unprivilegierten Toxische Empathie führt zu einer moralischen Überlegenheit im Diskurs um kontroverse Themen. Die moralische Überlegenheit verleiht Zugehörigen oder Vertretern einer marginalisierten Gruppe ein diskursinternes Privileg, eine Art Deutungs- und Bestimmungsmacht über gewisse Themen. Das Privileg erlaubt es Betroffenen, anderen aufgrund fehlender Marginalisierungserfahrung die Legitimation zur Teilnahme am Diskurs abzusprechen. Wir nennen diese Dynamik das intellektuelle Privileg der Unprivilegierten. Szenarien, die vor einiger Zeit noch vollkommen undenkbar gewesen wären, werden seitens der politischen Korrektheit als legitim beurteilt. Ein Fall aus Zürich zeigt, wie die als unprivilegiert geltenden Personen ihr intellektuelles Privileg in politisch korrekten Diversitätspraktiken nutzen und welche Bedeutung diese Dynamik für den offenen Diskurs hat. Zu Ehren von Thomas Mann, der dieses Jahr seinen 150\. Geburtstag feiern würde, wollte eine Zürcher Theatergruppe das Stück «Mario und der Zauberer» aufführen und beantragte dafür 30 000 Franken Fördergeld bei der Stadt Zürich. Der Antrag wurde [abgelehnt](https://www.blick.ch/gesellschaft/stadt-zuerich-gibt-aus-diversitaetsgruenden-keine-foerdergelder-warum-ein-alter-weisser-mann-nicht-theater-spielen-darf-id20728824.html?ref=schweizermonat.ch). Die Fachkommission begründet die Ablehnung folgendermassen: Die Besetzung eines weissen Cis-männlichen Schauspielers als Erzähler sei problematisch, wenn dieser die Herabsetzung von Minderheiten thematisieren solle. Die verallgemeinerte Version dieser Geschichte würde lauten: Einer Person wird aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts finanzielle Förderung verweigert. Man könnte meinen, hier handle es sich um Rassismus und Sexismus zugleich, beides Formen des Ausschlusses, die in einer inklusiven Gesellschaft verwerflich sind. Die Ablehnung der Förderung basiert jedoch mutmasslich auf einer Haltung, die Vielfalt, Repräsentation und Teilhabe fördern will. Die Fachkommission nimmt sich in diesem Fall das Privileg heraus, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechtes zu beurteilen. Sie entscheidet sich nicht aufgrund der künstlerischen Qualität und des Inhaltes gegen eine Förderung, sondern explizit wegen seiner Herkunft und seines Geschlechts. Das impliziert: Weil der Schauspieler nicht zu einer marginalisierten Gruppe gehört, dürfe er die Diskriminierungsmechanismen gar nicht darstellen. Das Ausklammern von Menschen aus einer Debatte aufgrund von Identitätsmerkmalen macht einen offenen, pluralistischen Dialog über gesellschaftliche Themen kaum möglich. Interpretation, selbst künstlerische, wird zu einem exklusiven Privileg der Betroffenen und deren Vertreter. Wer nicht direkter Vertreter einer heute oder früher marginalisierten Gruppe – wer «privilegiert» – ist, dem wird das Recht zur Deutung gewisser gesellschaftlicher Themen *a priori* abgesprochen. Um zu verstehen, wie sich das intellektuelle Privileg der Unprivilegierten auf den öffentlichen Diskurs auswirkt, lohnt es sich, zwei zentrale Fragen zu stellen. Erstens: Muss man zwingend persönliche Erfahrungen mit einem Thema gemacht haben, um darüber eine legitime Meinung äussern zu dürfen? Wäre dies der allgemeine Standard, dürften etwa Kinderlose nicht über Familienpolitik sprechen, Wohlhabende sich nicht zur Armutsbekämpfung äussern oder Personen ohne psychische Erkrankungen nichts zu psychischer Gesundheit sagen. Erfahrung stellt also in unserer Gesellschaft keineswegs eine notwendige Bedingung dar, um über ein Thema sprechen zu dürfen. Die Folge eines solchen Standards wäre eine erhebliche Einschränkung der Pluralität des Diskurses. Die Legitimität einer Position hinge nicht vom Argument, sondern von der Biografie der sprechenden Person ab. Zweitens: Bedeutet persönliche Betroffenheit automatisch, dass die eigene Einschätzung zu einem Thema höher zu gewichten ist als die anderer Menschen? Zweifellos kann Erfahrung das Verständnis für ein Thema verstärken, vorausgesetzt, sie wird begründet und ist damit auch inhaltlich überprüfbar. Der Diskurs funktioniert nur dann, wenn Begründungen offen zur Debatte stehen und potentiell widerlegt werden können. Das intellektuelle Privileg besteht dann, wenn keine anfechtbare Begründung vorliegen muss und persönliche Erfahrung allein genügt, um andere Positionen auszuschliessen. In diesem Punkt manifestiert sich toxische Empathie. Sie instrumentalisiert Betroffenheit und Mitgefühl für Betroffene zur alleinigen Autorität über einen Diskurs, während sie Vertreter kritischer Auseinandersetzung von der Notwendigkeit sachlicher Argumente befreit. Wird ein Diskurs nicht mehr auf der Ebene sachlicher Argumente geführt, sondern primär über Ausdruck von Mitgefühl oder Betroffenheit, verschiebt sich der Fokus von der Qualität der Argumente zur Intensität des empfundenen Leids. Das führt zu einem Klima, das echten Austausch zunehmend verunmöglicht. ## Exkludierende Inklusion Inklusion gilt als zentrales gesellschaftliches Ideal. Sie strebt danach, marginalisierte Gruppen einzubeziehen und Räume zu schaffen, in denen sich alle Menschen unabhängig von Herkunft, Identität oder Lebensstil respektiert und vertreten fühlen. Im politisch korrekten Kontext wird jedoch das Streben nach Inklusion zunehmend selbst zu einem Mechanismus für Ausschluss. Diese paradoxe Erscheinung bezeichnen wir als exkludierende Inklusion. *«Im politisch korrekten Kontext wird jedoch das Streben nach Inklusion zunehmend selbst zu einem Mechanismus für Ausschluss. Diese paradoxe Erscheinung bezeichnen wir als exkludierende Inklusion.»* Das Phänomen zeigt sich dort, wo bestimmte normative Werte – meistens Mitgefühl für Minderheiten und diskriminierte gesellschaftliche Gruppen – so stark in den Vordergrund gerückt werden, dass sie nicht mehr als begleitendes Element im Dialog, sondern als Massstab für Zugehörigkeit und Legitimität funktionieren. Wer diese Werte nicht auf die gleiche Weise interpretiert oder wer sie in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen kritisch hinterfragt, kann damit rechnen, aus dem öffentlichen Diskurs und aus bestimmten sozialen Kontexten ausgeschlossen zu werden. So etwa in dem erwähnten Fall Bernarda und im Theaterstück von Thomas Mann, genauso beim Berner Musikprojekt Lauwarm, dessen Auftritt im Sommer 2022 abgebrochen wurde, weil sich einige Zuschauer durch den Umgang der weissen Musiker mit Reggaemusik kulturell verletzt fühlten. Auch hier fand keine Auseinandersetzung mit der künstlerischen Absicht oder den Hintergründen statt. Es reichte das Gefühl kultureller Aneignung und ein Ausdruck von Empathie mit Betroffenen, um einen Abbruch zu rechtfertigen. Abgesehen von der sozialen Ausgrenzung findet bei diesem Mechanismus vor allem eine dreiste Verweigerung des notwendigen gesellschaftlichen Diskurses statt. Ebenfalls deutlich trat das Prinzip exkludierender Inklusion während der Corona-Pandemie zutage. Menschen, die sich gegen die offiziellen Massnahmen oder eine Impfung aussprachen, egal ob aus Überzeugung, Skepsis oder persönlichen Gründen, wurden als unsolidarisch, gefährlich oder verschwörerisch delegitimiert. Die Theorie, dass das Virus aus einem Labor entstammen könnte, wurde mehrfach als Verschwörungstheorie abgetan, Menschen, die diese vertraten, wurden aufs Schärfste verurteilt. Heute jedoch wird diese Möglichkeit ernsthaft in wissenschaftlichen und politischen Kreisen diskutiert. Mitgefühl gilt hier also nur Gruppen, die eine bestimmte Ansicht vertreten. Dabei bleibt wenig Raum für jene, deren Ansichten diesen empathischen Standards widersprechen. Die Grenze der Zugehörigkeit hat sich demzufolge nicht erweitert, sie wurde lediglich neu gezogen. Das Filterungsverfahren verläuft nicht entlang der Frage, wer man ist, sondern was man vertritt. Inklusion wird letztendlich zu einem Begriff für eine perspektivisch und moralisch homogene Gemeinschaft. Exkludierende Inklusion bedeutet daher, dass die Grundidee der Inklusion in sich selbst widersprüchlich wird. Vielfalt wird nur gefordert, solange sie den eigenen normativen Rahmen nicht stört. Wer diesen Rahmen in Frage stellt, wird oft ausgeschlossen. Gerade damit zeigt sich, wie brüchig die Versprechen der Inklusion sein können, wenn sie nicht vom Willen zum offenen Diskurs begleitet werden. Ein inklusiver Raum, der tatsächliche Vielfalt zulassen will, muss auch Ambiguität aushalten: das gleichzeitige Nebeneinander widersprüchlicher Positionen. Nur so kann verhindert werden, dass Inklusion zu einem exklusiven moralischen Massstab wird und somit genau zu jenem Ausschlussmechanismus, den sie eigentlich überwinden wollte. ## Postkartendiversität statt Meinungsvielfalt In der heutigen gesellschaftlichen Debatte wird auch Diversität vielfach als ein hohes Ideal gefeiert. Doch was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von Diversität sprechen? Welche Formen sind sinnvoll und wo liegen die Grenzen? Und vor allem: Wie steht es um die Meinungsdiversität? Wir vertreten die These: Wenn es wirklich eine Bestrebung der politischen Korrektheit ist, dass Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität oder Körpergewicht keine Rolle spielen sollen – weil wir keine Diskriminierung wollen –, dann sollten genau diese Merkmale auch nicht zur Hauptsache werden, wenn es um die Gestaltung eines diversen Umfelds geht. Andernfalls stellen wir genau das ins Zentrum, was eigentlich an Relevanz verlieren sollte. Postkartendiversität nennen wir jene oberflächliche Vorstellung von Vielfalt, wie sie uns zum Beispiel durch eine einfache Google-Bildersuche nach dem Begriff «Diversität» begegnet: eine bunte Mischung an Ethnien, Altersgruppen und Geschlechtern. Vielfalt wird hier zwar visuell inszeniert, jedoch nicht inhaltlich reflektiert. Die Oberflächlichkeit dieser Diversitätsideale ist zu vergleichen mit einem Bild auf einer unbeschrifteten Postkarte: Steht sie einfach unbeschriftet im Laden, hat das Bild auf ihrer Vorderseite zunächst keine weitere Bedeutung, als etwas oberflächlich zu repräsentieren. Erst wenn jemand sie kauft und beschriftet, bekommt die Postkarte auch inhaltliche Tiefe, Bedeutung und Originalität. Die Vorstellung von Diversität, die auf demografische Buntheit abzielt, ist im gleichen Sinne oberflächlich. Denn sie sagt nichts darüber aus, wie divers ein Umfeld ist – in allem, was sich nicht auf das unmittelbare Aussehen reduzieren lässt. Die Form der Diversität, die den gesellschaftlichen Diskurs stärkt, ist die Vielfalt an Perspektiven, Meinungen und Argumenten. Sie floriert dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen auf Augenhöhe diskutieren können, ohne Angst vor der moralischen Keule und vor gesellschaftlicher Ausgrenzung haben zu müssen. Wir möchten betonen: Es geht uns keineswegs darum, die Bedeutung von Repräsentation oder den Schutz benachteiligter Gruppen zu relativieren. Unsere Kritik richtet sich gegen die unverhältnismässige Gewichtung dieser äusseren Diversitätsmerkmale, konkret dann, wenn sie auf Kosten der Pluralität an Meinungen in einem gesellschaftlichen Diskurs geht. Doch an dem Punkt, wo ein heterogenes Umfeld der Meinungen entstehen soll, endet für die politische Korrektheit die viel beschworene Diversität plötzlich. Konkret heisst das: Vielfalt ist zwar in Bezug auf Identitäten erwünscht, nicht aber in Bezug auf Sichtweisen. Erst recht dann nicht, wenn diese den dominanten Narrativen widersprechen. Durch diese Selektion wird dem Begriff der Diversität eine klare Grenze verliehen, welche die Vielfalt und die Pluralität der Meinungen in einem Umfeld aussen vor lässt. Meinungsvielfalt zu fördern, müsste auch keineswegs eine Verringerung der demografischen Vielfalt, also der Vielfalt an Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung, zur Folge haben. Sie würde die Postkarte lediglich beschriften, also dem bunten Bild inhaltliche Tiefe verleihen. Die ZHAW etwa fördert mit ihrem Leitfaden für diskriminierungsfreien Sprachgebrauch kaum die Vielfalt verschiedener politischer oder ethischer Ansichten über Sprachgebrauch oder Geschlechterbilder. Vielmehr grenzt sie dadurch den perspektivischen Bereich auf eine moralische Norm ein. Doch Diskriminierung und Hass lösen sich dadurch nicht einfach auf, sie ändern höchstens ihren Ort und ihre Form. Wird der offene Diskurs in öffentlichen Räumen derart moralisch eingegrenzt, sind Andersdenkende gezwungen, sich zurückzuziehen. Es bildet sich eine Mehrheitsmeinung, und diejenigen, die aus Debatten ausgegrenzt werden, suchen andere Kanäle, um ihre Meinung hörbar zu machen. Nicht selten radikalisieren sie sich. Durch Toleranz für das Nebeneinander verschiedener Ansichten in einem Diskursraum und die gegenseitige Bemühung zu sachlichem, respektvollem Austausch liessen sich die zunehmende Polarisierung und die daraus folgende Radikalisierung mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutend verkleinern. ## Diskurs statt Moralkeule Wiederholt und entschieden plädieren wir für einen pluralistischen, offenen und sachlich geführten gesellschaftlichen Diskurs. Warum wir diesem Diskurs so ein grosses Gewicht verleihen, möchten wir an dieser Stelle verdeutlichen. Für uns liegt der Sinn eines Diskurses nicht im Sieg, sondern in der Möglichkeit zur Verständigung – wobei damit nicht Kompromiss oder Einigkeit gemeint ist, sondern die Möglichkeit zu gegenseitigen Einblicken in Meinungen, die von der eigenen abweichen. Ein gelingender Diskurs sollte nicht darauf abzielen, andere mit moralischem Druck oder durch gesellschaftliche Ausgrenzung von der eigenen Position zu überzeugen. Stattdessen sollte er Raum schaffen für die Frage, wie unterschiedliche Meinungen entstehen konnten: Wo ist der Punkt, wo sich die Meinungspfade trennen? Welche Erfahrungen, Werte oder Überzeugungen haben dazu geführt, dass Menschen zu verschiedenen Einschätzungen gelangen? Besteht vielleicht doch noch gemeinsamer Boden? Nur wenn wir diesen Moment des Auseinandergehens ehrlich und neugierig betrachten, entsteht die Möglichkeit, einander zu verstehen. Es geht nicht darum, am Ende einer Meinung zu sein, sondern darum zu verstehen, wie und warum jemand zu seiner Überzeugung gelangt ist. Wir glauben fest an die Kraft von Ambiguität, Einsicht und Offenheit in Diskussionen rund um gesellschaftlich relevante Themen. Empathie dient in einem idealen Diskurs dementsprechend nicht zum Erlangen einer moralischen Überlegenheit gegenüber der Gegenposition, sondern als Schlüssel zur Einsicht in die Perspektive derselben. Sollte der gesellschaftliche Diskurs die Meinungen einer Gesellschaft repräsentieren, müssen Zentren des Diskurses – Parlamente, Hochschulen, Medien, kulturelle Institutionen etc. – Raum für ein «Neben-Miteinander» verschiedener Positionen bieten können. Einen Raum, in dem unterschiedliche Meinungen nebeneinander koexistieren, ohne die andere Meinung aus dem Raum verdrängen zu wollen. Aussagen wie «Religiöse Fundis und Abtreibungsgegner/-innen sind in unseren Quartieren nicht erwünscht» widersprechen dem Anspruch eines pluralistischen Diskurses fundamental. Sie sollten gerade von einer Bewegung, die Offenheit und Vielfalt in ihrem Selbstverständnis verankert hat, konsequent hinterfragt und zurückgewiesen werden. Ein gelingender Diskurs soll deshalb keine Bühne für Sieger, sondern ein gemeinsamer Ort für Suchende sein. Ein Raum für Rückschau, Selbstreflexion und Verständnis. Verständnis verlangt weder Zustimmung noch Einigkeit, wohl aber ein Mindestmass an Einsicht. Wahre Empathie kann eben das bewirken, was toxische Empathie nicht entstehen lassen kann: Sie ermöglicht Einsicht in die Gegenposition, schafft Verständnis für dessen Vertreter und ist schliesslich essenziell für das, was eine gesunde Gesellschaft im Umgang mit schwierigen Themen am meisten braucht: respektvolle, offene und sachliche Gespräche. *Dieser Essay basiert auf einer Maturitätsarbeit, die am 23\. April 2026 mit dem Preis [«Mit eigener Stimme sprechen»](https://liberethica.ch/veranstaltungen/maturitaetspreis?ref=schweizermonat.ch) der Denkfabrik Liberethica ausgezeichnet worden ist.* ### Kinder sind keine Privatsache URL: https://www.schweizermonat.ch/kinder-sind-keine-privatsache/ Last updated: 2026-04-24T17:13:14.000Z Die Schweiz hat die Individualbesteuerung an der Urne angenommen. Damit sagt sie Ja zu einer steuerlichen Entlastung von Doppelverdiener-Ehepaaren ohne Kinder. Gleichzeitig bedeutet der Entscheid eine Mehrbelastung für Ehepaare, bei denen ein Partner – meist die Partnerin – die Kinder betreut und allenfalls ehrenamtliche Arbeit leistet. In diesen Fällen verzichtet sie ganz oder weitgehend auf ein Erwerbseinkommen. Ob dies den bewussten Auftakt zu einem gesellschaftlichen Umbau nach sozialistischem Muster markiert oder lediglich ein unglücklicher Kollateralschaden ist, bleibt offen. Das Abstimmungsergebnis zeigt, dass es höchste Zeit ist für ein breiteres Bewusstsein darüber, welche Gesellschaft wir haben wollen – und welche Bedeutung den Kindern (und den Frauen) darin zukommen soll. Der Liberalismus hat die heutige Schweiz begründet und damit ein beispielloses Erfolgsmodell geschaffen. Er hatte eine klare Vorstellung vom Individuum: Es sollte frei sein und die Verantwortung für sein Tun und Lassen selbst tragen. Eine ebenso klare Zielvorstellung von der Gesellschaft fehlte jedoch offenbar. Vielleicht, weil der Gemeinsinn und der Ausgleich zwischen den Generationen in der damals mehrheitlich bäuerlichen Struktur mit Grossfamilien bereits verankert waren. Man war aufeinander angewiesen – und trug einander Sorge. ## Der blinde Fleck des Liberalismus Die Stärkung des Individuums war eine grossartige Sache und machte die Menschen freier und unabhängiger; gleichzeitig verlor die Gemeinschaft zunehmend an Bedeutung. Heute stehen wir am Punkt, an dem die individuelle Selbstoptimierung die Gesellschaft zu marginalisieren droht. Mehr noch: Die Zukunft unserer Gesellschaft steht auf dem Spiel, wenn immer weniger (Schweizer) Kinder geboren werden. Doch warum ist das schlimm, da Kinder doch Privatsache sind? > «Kinder sind mehr als Statussymbole ihrer Eltern – mehr als zwei > schicke Autos, ein Ferienhaus im Bündnerland oder > Ferien in der Karibik. Sie sind unsere Zukunft.» Kinder sind mehr als Statussymbole ihrer Eltern – mehr als zwei schicke Autos, ein Ferienhaus im Bündnerland oder Ferien in der Karibik. Sie sind unsere Zukunft. Wir sehen das jetzt schon bei der AHV: Keine Kinder finanzieren keine Renten. Aber es geht noch weiter: Keine Kinder brauchen keine Wohnungen und keine Güter. Was wir uns als Wert geschaffen haben, wird wertlos, wenn es uns später niemand abkauft. Und keine Kinder pflegen und unterstützen uns nicht, wenn wir im Alter ebendies nötig haben. Das betrifft Eltern und Kinderlose gleichermassen. Kinder sind keine Privatsache, sondern überlebenswichtig für unsere Gesellschaft. Sie sind die Fachkräfte von morgen, die uns heute schon fehlen. Warum hatten frühere Generationen mehr Kinder als heute? Nicht nur wegen fehlender Verhütungsmittel – und auch nicht, weil unsere Grosseltern Kinder mehr liebten als wir. Kinder hatten auch einen ökonomischen Wert für ihre Eltern, insbesondere in der erwähnten bäuerlichen Struktur: Sie halfen bereits in sehr jungen Jahren bei der Arbeit. Die älteren Geschwister erzogen die Jüngeren mit, wodurch die Mutter einen höheren Anteil an der Erwerbsarbeit übernehmen konnte. Im betagten Alter konnten sich die Eltern auf die Unterstützung der Kinder verlassen. Dann trat der Staat auf den Plan und entzog den Eltern mit der Einführung der Schulpflicht die Arbeitskraft ihrer Kinder. Diese Bildungsoffensive war selbstverständlich eine gute Sache, minderte jedoch zugleich den ökonomischen Nutzen der Kinder für ihre Eltern. Mit dem Ausbau des Sozialstaats liess sich zudem auch ohne Kinder ein materiell abgesichertes Alter erreichen. Mehr noch: War früher Kinderlosigkeit ein Armuts- und Verwahrlosungsrisiko, wurden Kinder zunehmend selbst zum Armutsrisiko – weil ihr ökonomischer Wert verstaatlicht, die Kosten jedoch privatisiert wurden. ## Familien zahlen den Preis Ein Kind kostet seine Eltern rund eine halbe Million Franken. Um den Bevölkerungsstand ohne Migration zu halten, müsste eine Frau im Schnitt mindestens 2,1 Kinder gebären. Sie und ihr Partner verzichten also auf eine Million. Hinzu kommt der Erwerbsausfall. Entsprechend geringer fällt das Kapital der Altersvorsorge aus, wodurch sich der Verzicht bis ins Alter fortsetzt. Natürlich sind Kinder nicht nur auf ihren ökonomischen Wert zu reduzieren, sondern eine Bereicherung des Lebens. Doch sie sind auch eine sehr kostspielige, die sich immer weniger Menschen leisten wollen oder können. Wenn es uns gelingt, aus diesem Dilemma auszubrechen, lösen wir mehrere drängende Probleme gleichzeitig: Finanzierung der Altersvorsorge, Überalterung der Gesellschaft, Fachkräftemangel, Migrationsdruck. Zugleich stärken wir die Freiheit und finanzielle Sicherheit der Frauen. Was ist also zu tun? Die freie Entscheidung für oder gegen eigene Kinder soll bleiben. Wer aber darauf verzichtet, diesen überlebenswichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten, soll sich substanziell stärker an der Finanzierung beteiligen, sodass Familien mit Kindern einen Wertausgleich erhalten für die höheren Kosten und den allfälligen Erwerbsausfall. Ebenso sollte es Eltern frei stehen zu entscheiden, ob sie ihre Kinder selbst betreuen oder betreuen lassen – ohne dass die eine oder andere Wahl mit erheblichen finanziellen Nachteilen verbunden ist. > «Wer keine Kinder hat – ob freiwillig oder unfreiwillig –, > verfügt über mehr Einkommen und Vermögen, aus dem sich > die Altersvorsorge eigenverantwortlich sichern lässt.» Da unsere AHV-Renten von den heutigen Kindern bezahlt werden, wäre eine Abstufung gerechtfertigt: Wer zwei oder mehr Kinder hat, erhält die volle Rente; wer ein Kind hat, bekommt zwei Drittel; wer keine Kinder hat, noch ein Drittel. Die AHV-Finanzierung dürfte damit weitgehend gesichert sein. Das ist nicht asozial gegenüber Menschen, die gerne Kinder hätten, aber keine bekommen konnten. Wer keine Kinder hat – ob freiwillig oder unfreiwillig –, verfügt über mehr Einkommen und Vermögen, aus dem sich die Altersvorsorge eigenverantwortlich sichern lässt. Geben wir den Kindern endlich den Wert, der ihnen für unsere Gesellschaft zukommt – und erfreuen wir uns am Immateriellen, das sie uns darüber hinaus schenken! ### Training im Terrarium URL: https://www.schweizermonat.ch/training-im-terrarium/ Last updated: 2026-04-23T09:15:34.000Z Der Philosoph Byung-Chul Han neigt zu alarmistischen Diagnosen. Die westliche Moderne, insbesondere die westliche Gegenwart, scheint ihm ein einziges Jammertal zu sein: Müdigkeitsgesellschaft! Burn-out-Gesellschaft! Palliativgesellschaft! Krise der Demokratie! Soziale Krise! Das sind nur einige Versatzstücke aus den Titeln der viel gelesenen Schriften des koreanisch-deutschen Denkers, der als wandelnder Kummerkasten gewieft den Schwarzmalereimarkt bedient. Mit einem Befund überzeugt Byung-Chul Han jedoch: Wir lebten in einer «Transparenzgesellschaft». In dieser stehe das Subjekt unter permanentem Druck zur Selbstoffenbarung, zur Preisgabe des Intimen und Privaten – sei es in den sozialen Medien, in einer personalisierten und dauerskandalisierten Politik oder, meist unfreiwillig, im Griff der omnipräsenten Datenkraken. An wenigen anderen Orten wird diese Gesellschaftsform sinnfälliger als in heutigen Fitnesscentern. Waren Fitnesscenter früher meist gegen die Aussenwelt abgeschirmte Rückzugsräume, in denen Kunden von der Öffentlichkeit unbeobachtet an ihren Körpern arbeiteten, öffnen sich viele Fitnesscenter nun mit grossflächigen Fensterfronten zur Strasse, wobei die Passanten dem Selbstoptimierungstreiben wie einem Theaterstück oder einer Kunstperformance beiwohnen können. Wer hinter diesen Glasscheiben trainiert, schliesst zugleich eine Mitgliedschaft in der Transparenzgesellschaft ab. Verstärkend hinzu kommen die allgegenwärtigen Smartphones auf den Trainingsflächen, über die weitere Bilder in die (virtuelle) Aussenwelt gelangen. Die Produktion von Bilderkörpern, die Reproduktion von Körperbildern und deren Verbreitung bilden so einen geschlossenen Kreislauf. > «Wer hinter diesen Glasscheiben trainiert, schliesst zugleich eine Mitgliedschaft in der Transparenzgesellschaft ab.» ## Aquajogging im Fussschweiss Diese Situation verstärkt den sozialen Druck, der ohnehin auf den Körpern der Gegenwart lastet – auch wenn manche ihn bewusst suchen, weil es ihnen an Selbstmotivation gebricht. Schaute Gott einst streng auf die Seele des Menschen, so blickt heute die anonyme Öffentlichkeit auf die getrimmten, designten und ästhetisierten Körper. Im Trainingsterrarium der Transparenzgesellschaft gilt es, eine gute Figur zu machen – man weiss ja nie, wer durch die Glasscheiben blickt oder ob jemand heimlich ein Foto schiesst und online stellt. Das transparente Regime der Blicke wird so zum Animator und Trainer. Zugleich ist es angesagt, natürlich, authentisch und unkompliziert zu wirken – als befände man sich zu Hause statt in der Öffentlichkeit. > «Schaute Gott einst streng auf die Seele des Menschen, so blickt heute die anonyme Öffentlichkeit auf die getrimmten, designten und ästhetisierten Körper.» Je mehr die Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem, zwischen «Safe Space» und «Public Space», zwischen Trainingsraum und Terrarium verschwimmen, desto eher übernehmen Menschen auch ausserhalb des trauten Heimes Verhaltensweisen, die sich bislang auf das Private beschränkten. So grassiert seit einigen Jahren in Fitnesscentern der Trend, für bestimmte Übungen die Schuhe auszuziehen und in Socken zu trainieren – für ein besseres Körpergefühl. Die Mitglieder watscheln bestrumpft durch die Gyms wie durch ihre Wohnzimmer und tragen dazu gerne auch semitransparente, eher ent- als verhüllende Stretchklamotten – man hat ja nichts zu verbergen. Die Folge: Wer ein Gym mit hoher Sockenpumperdichte frequentiert, watet knietief durch Fussschweiss, noch bevor er das erste Trainingsgerät erreicht. Immerhin kommt man so ohne Zusatzgebühr in den Genuss gelenkschonenden Aquajoggings. Die Transparenzgesellschaft macht’s möglich. ### Iran: Ist der Krieg gescheitert? URL: https://www.schweizermonat.ch/iran-ist-der-krieg-gescheitert/ Last updated: 2026-08-10T09:47:53.000Z _No content available._ ### Die unbequeme Wahrheit über die Zuwanderung URL: https://www.schweizermonat.ch/die-unbequeme-wahrheit-ueber-die-zuwanderung/ Last updated: 2026-04-20T16:02:45.000Z Der Arbeitsmarkt in Saudi-Arabien und anderen Golfmonarchien ist faktisch eine Zweiklassengesellschaft: Die Einheimischen beschäftigen sich in der öffentlichen Verwaltung, wo der Staat sie mit sicheren, gut bezahlten Stellen alimentiert (und damit auch die eigene Legitimität sicherstellt). Derweil arbeiten in den produktiven Jobs in der Privatwirtschaft hauptsächlich Ausländer. Das System funktioniert, weil sich die Golfstaaten dank der sprudelnden Öleinnahmen einen aufgeblähten Staatsapparat leisten können, in dem die Bürger «attraktive» Beschäftigungen finden. In der Schweiz passiert in einer sanfteren, weniger deutlichen Weise Ähnliches. Mit dem Unterschied, dass unser Öl die Zuwanderung ist. In der Debatte über die 10-Millionen-Initiative geht es um die Frage, ob Zuwanderer gut oder schlecht für die Schweiz seien. Dabei wird ein entscheidender Punkt von Befürwortern wie Gegnern weitgehend ausgeblendet: die Rolle der Einheimischen. > «Die gestiegene Zuwanderung hat auch das starke Wachstum des Staats der letzten Jahre ermöglicht.» Die Migration passiert nicht im luftleeren Raum, sondern hängt auch vom Verhalten jener ab, die bereits in der Schweiz leben. Hier zeigen sich interessante Unterschiede: Der Anteil der Zuwanderer ist in wettbewerbsfähigen, innovativen und produktiven Branchen am höchsten. Am wenigsten Ausländer findet man hingegen in der öffentlichen Verwaltung und in staatsnahen Bereichen. Diese typischerweise sicheren, aber wenig produktiven Jobs werden von Einheimischen dominiert. Die gestiegene Zuwanderung hat damit auch das starke Wachstum des Staats der letzten Jahre ermöglicht. Der Ökonom Matthias Binswanger hat auf dieses Phänomen in einem [Interview](https://www.nzz.ch/schweiz/einheimische-arbeiten-in-der-verwaltung-die-eigentliche-arbeit-wird-von-auslaendern-gemacht-sagt-der-oekonom-mathias-binswanger-ld.1892618?ref=schweizermonat.ch) mit der NZZ hingewiesen. Er argumentiert, dass sich selbst in der Privatwirtschaft die Schweizer Arbeitnehmer vermehrt in Verwaltungsstellen zurückzögen, während die produktive Arbeit von Ausländern geleistet werde. Akzentuiert wird die Entwicklung dadurch, dass die Schweizer generell weniger arbeiten: Die Teilzeitarbeit nimmt zu, und zwar längst nicht nur bei jungen Eltern. Derweil bleibt das gesetzliche Rentenalter trotz massiv gestiegener Lebenserwartung gleich hoch wie bei Einführung der AHV 1948 – und viele setzen sich sogar noch früher zur Ruhe. Das sei ihnen gegönnt. Bloss müssen wir uns dann nicht über die hohe Zuwanderung wundern. **Die eigenen Hausaufgaben machen** Die schwache Produktivitätsentwicklung ist die Achillesferse der Schweizer Wirtschaft. Sie ist, wie Guido Baldi unlängst im «Schweizer Monat» [aufgezeigt](https://schweizermonat.ch/will-die-schweiz-weniger-zuwanderung-muss-sie-produktiver-werden/?ref=schweizermonat.ch) hat, ein wesentlicher Treiber der Immigration. Natürlich ist der Zusammenhang keine Einbahnstrasse. Gerade in Tieflohnbranchen trägt die Zuwanderung zum Teil auch zur tieferen Produktivität bei. Der leichte Zugang zu Arbeitskräften dank der Personenfreizügigkeit macht es für Arbeitgeber attraktiv, auch wenig produktive Jobs mit Ausländern zu besetzen, statt Prozesse effizienter zu machen. Die Daten zur Ausbildung der Einwanderer und zum Ausländeranteil nach Branchen legen aber nahe, dass die generell schwache Produktivitätsentwicklung der Schweiz ein entscheidender Treiber der Immigration ist. > «Die schwache Produktivitätsentwicklung ist ein wesentlicher Treiber der Immigration.» Wollen wir die hohe Zuwanderung wirklich wirksam drosseln, stehen daher realistischerweise nur zwei Wege offen. Entweder verzichten wir auf Fachkräfte und nehmen entsprechende Wohlstandsverluste in Kauf. Oder wir übernehmen Verantwortung und hauchen der schwächelnden Produktivität unserer Wirtschaft neues Leben ein, statt uns in sicheren Verwaltungsjobs von Ausländern quersubventionieren zu lassen. ### Das Land der Löwen: Amerika ist erfolgreich, weil es Leistungsträger belohnt – doch die Meritokratie ist von innen bedroht. URL: https://www.schweizermonat.ch/das-land-der-loewen-amerika-ist-erfolgreich-weil-es-leistungstraeger-belohnt-doch-die-meritokratie-ist-von-innen-bedroht/ Last updated: 2026-04-20T09:26:54.000Z *Dieser Text ist ein Auszug aus dem soeben erschienenen Buch «Löwen und Hyänen. Die westliche Welt und ihre Feinde» (München: Langen Müller, 2026).* Amerika ist weder ein Land der Könige noch ist es ein Land der Bauern. Es ist ein Land der Löwen, weil unser System gebaut wurde, um Löwen zu schützen und zu belohnen. Unser System ist so konzipiert, dass es verhindert, dass die Löwen eingesperrt oder verwundet werden; es ist so konzipiert, dass Löwen sich nicht gegenseitig tyrannisieren können. Und es ist so konzipiert, dass diese Löwen aggressiv und unternehmungslustig bleiben. Kurz gesagt, das amerikanische System fördert den amerikanischen Geist. Tocqueville beschrieb diesen Geist folgendermassen: Für einen Amerikaner ist das ganze Leben ein Glücksspiel, eine Zeit der Revolution, ein Kampftag. Dieselben Ursachen, die gleichzeitig auf alle Individuen wirken, prägen und treiben den Nationalcharakter. Der zufällig ausgewählte Amerikaner wird daher ein Mann sein, der in seinen Wünschen glühend ist, unternehmungslustig, abenteuerlustig – vor allem ein Innovator. Amerika bietet uns die Freiheit, Erfolg zu haben. Dadurch kann Amerika – und die Welt – die Früchte ernten. Das zeigt, dass Amerika grundsätzlich eine echte Meritokratie ist. Amerika erkennt an, dass Gott uns zwar alle gleich in unserem geistlichen Wert geschaffen hat, aber Er hat uns dabei sicherlich nicht alle gleich gemacht. Eine solche Behauptung wäre ein Verbrechen gegen den gesunden Menschenverstand. Wie John Adams schrieb: «Es wird bereitwillig zugegeben werden, dass es grosse Ungleichheiten des Verdienstes oder der Talente, Tugenden, Dienste gibt, und was von grösserer Bedeutung ist, sehr oft auch des Rufs.» Selbst Thomas Jefferson, der Autor des Satzes «alle Menschen sind gleich geschaffen», erkannte die Realität eines «natürlichen Besten» an. Adams und Jefferson waren Erzrivalen in einer Vielzahl von philosophischen und politischen Themen, aber beide verstanden: Es wäre töricht zu behaupten, jeder habe die gleichen angeborenen Eigenschaften wie jeder andere. **Das fairste verfügbare System** Jeder Einzelne ist anders. Einige von uns sind grösser, einige kleiner; einige von uns sind intelligenter, einige weniger; einige entschlossener, einige fauler. Keine zwei Individuen sind in praktisch irgendeiner Weise gleich. Dasselbe gilt für Gruppen. Im Durchschnitt mögen Gruppen in dem einen oder anderen individuellen Mass gleichwertig sein oder nicht, aber praktisch keine zwei Gruppen sind identisch. Das ist keine Frage der Genetik. Das ist eine Frage der Statistik. Ziehen Sie eine Linie durch die Mitte irgendeines Raumes, überall auf der Welt, und die beiden resultierenden Gruppen werden sich in einer Vielzahl von Aspekten unterscheiden. Aber gleich sind wir in unserer Fähigkeit – ja, unserer Verpflichtung – zu streben. Einige werden gewinnen. Einige werden verlieren. Die meisten von uns werden viel von beidem erleben. Das ist eine Realität. Und sie ist *gut*. Das ist nicht unfair. Es ist tatsächlich das fairste verfügbare System. > «Jeder profitiert von einem System, das die Löwen belohnt.» In einem fairen und guten System gibt es Anreize und Belohnungen für die Verdienten. Dieses System belohnt die Löwen. Der Löwe ist am stärksten, am besten, strebt nach dem höchsten Gut. Die funktionale Gesellschaft belohnt den Löwen, weil der Löwe die Gesellschaft erschafft, aufbaut und erhält. Der Löwe erzeugt positive Externalitäten. Jeder profitiert von einem System, das die Löwen belohnt. Die Gesellschaft muss den Löwen belohnen, sonst werden die Löwen sterben. Und dann auch alle anderen und alles andere. Eine Gesellschaft, die Löwen belohnt, nennt man eine *Meritokratie*. **Gefährliche Pseudo-Gerechtigkeit** Um eine Meritokratie zu rechtfertigen, muss man nur Verdienst definieren. Und um Verdienst zu definieren, muss man das Gute definieren. Die Philosophie der Löwen hat kein Problem damit, Verdienst zu definieren, weil die Philosophie der Löwen kein Problem damit hat, das Gute zu definieren: Das Gute liegt darin, die Pflichten des moralischen Systems zu erfüllen, das wir alle geerbt haben. Gute Jäger innovieren und produzieren. Gute Krieger verteidigen und beschützen. Gute Wirker bauen und erhalten. Verdienst erfordert Innovieren, Beschützen und Bauen in Übereinstimmung mit unseren gottgegebenen Fähigkeiten. Jedes System, das solchen Verdienst fördert, sollte unterstützt werden; jedes System, das Verdienst hemmt, sollte getilgt werden. > «Um eine Meritokratie zu rechtfertigen, muss man nur Verdienst definieren. Und um Verdienst zu definieren, muss man das Gute definieren.» Die Meritokratie funktioniert. Kein anderes System tut es. Jede Alternative zur Meritokratie degradiert definitionsgemäss Verdienst als Standard für menschliche Leistung. Jeden anderen Faktor über Verdienst zu stellen bedeutet einfach, einen künstlichen Standard von Pseudo-Gerechtigkeit aufzustellen, der positive gesellschaftliche Vorteile senkt, um einige wenige Auserwählte zu belohnen. Ob es sich um Vetternwirtschaft, Tribalismus oder Oligarchie handelt, jeder Versuch, die Meritokratie zu vereiteln, bedeutet, Hyänen zu belohnen – diejenigen, die von der wahren Produktivität der Löwen schmarotzen. ### Sprache, Schach, Forschung: Nichts ist vor der künstlichen Intelligenz sicher URL: https://www.schweizermonat.ch/sprache-schach-forschung-nichts-ist-vor-der-kuenstlichen-intelligenz-sicher/ Last updated: 2026-05-15T12:39:31.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/cowen\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/04/cowen%5Fmale.mp3) In immer mehr Bereichen liefern Modelle mithilfe von maschinellem Lernen Ergebnisse, die man ihnen bis vor Kurzem nicht zugetraut hätte. Im Feld der Wissenschaft erschien beispielsweise die Generierung von Hypothesen lange die alleinige Domäne von menschlichen Forschern. Doch auch hier gibt es neue Ansätze. Die Ökonomen Jens Ludwig und Sendhil Mullainathan haben eine 134-seitige [Untersuchung](https://academic.oup.com/qje/article-abstract/139/2/751/7515309?ref=schweizermonat.ch) mit dem Titel «Machine Learning as a Tool for Hypothesis Generation» publiziert. Sie untersuchen darin ein konkretes Problem, nämlich welche Merkmale in den Gesichtern von Angeklagten das Strafmass beeinflussen, das Richter verhängen. Sind Sie sich nicht sicher, dass Ökonomen so etwas tun sollten? Sie sind nicht auf dem neuesten Stand – diese Debatten sind längst entschieden. Auf der Grundlage von 51 751 Beobachtungen zeigen sie, dass allein die Pixel eines Fahndungsfotos bis zur Hälfte der vorhersagbaren Varianz im Strafmass erklären können. Doch was genau im Gesicht diese Vorhersageleistung erzeugt und ob man es besser verstehen kann, bleibt offen. Sie zeigen, dass maschinelles Lernen Hypothesen erzeugt, die Experten oder der bestehenden psychologischen Literatur nicht bereits bekannt sind. Die Maschine «sieht» also Merkmale der Gesichter, die das Verhalten der Richter vorhersagen, auch wenn Menschen diese Merkmale nicht explizit wahrnehmen oder nicht in Form einer Hypothese ausdrücken können. Zwei besonders relevante Variablen sind dabei gepflegtes Erscheinungsbild (für mich bereits offensichtlich?) und die Frage, ob das Gesicht eher füllig wirkt (für mich weniger offensichtlich). Ludwig und Mullainathan betonen, dass ihr Ansatz allgemein sei und dass Gesichter von Angeklagten nur ein Beispiel dafür seien, wie maschinelles Lernen neue und interessante Hypothesen generieren könne. Prinzipiell könnten ähnliche Methoden auf beliebige hochdimensionale Datensätze angewandt werden, etwa Mobilfunkdaten, Satellitendaten, Onlinefotos und -bilder, Onlineverhalten, Schülerarbeiten, medizinische Bildgebung, Unternehmensberichte und vieles mehr, einschliesslich jeder Form hochfrequenter Zeitreihen. Mit anderen Worten: Aufbauend auf einer langen Tradition im maschinellen Lernen haben sie eine neue Art der Hypothesengenerierung entwickelt (zumindest neu für die Ökonomie), und einige dieser Hypothesen erweisen sich als tragfähig. Zu beachten ist, dass es keine einfache Möglichkeit gibt, ihr Modell zusammenzufassen, da ein Machine-Learning-Modell, wie die Autoren betonen, aus Dutzenden Millionen Parametern bestehen könne. Man kann zwar versuchen, einzelne Prädiktoren interpretierbar zu machen, wie Ludwig und Mullainathan es tun, doch letztlich tun die Algorithmen etwas, das für die Forschenden und Gutachter, geschweige denn für gelegentliche Beobachter alles andere als transparent ist. **Modelle für Sprache und Denken** Eine weitere aktuelle Arbeit, eine gigantische [Studie](https://arxiv.org/abs/2408.06292?ref=schweizermonat.ch) von Chris Lu, Cong Lu, Robert Tjarko Lange, Jakob Foerster, Jeff Clune und David Ha, trägt den ambitionierten Titel «The AI Scientist: Towards Fully Automated Open-Ended Scientific Discovery». Die Forscher entwickeln darin einen autonomen KI-Wissenschafter, der «neue Forschungsideen generiert, Codes schreibt, Experimente ausführt, Ergebnisse visualisiert, seine Erkenntnisse in Form eines vollständigen wissenschaftlichen Papers beschreibt und anschliessend einen simulierten Peer-Review-Prozess zur Bewertung durchläuft». Natürlich wäre es fahrlässig, die Large Language Models (LLMs) selbst nicht zu berücksichtigen. Sie können als ein jüngerer Versuch verstanden werden, Sprache und verbales Denken zu modellieren. Früher wandte man sich dafür an Linguisten, Philosophen oder Logiker. Heute stammen die erfolgreichsten Versuche, Sprache und auch Denken zu modellieren, aus der Informatik – nämlich durch Large Language Models und möglicherweise ihre künftigen Ableger. Der klassische Durchbruch hinter LLMs war die Studie von 2017 mit dem Titel «Attention Is All You Need», wobei «Attention» in diesem Kontext von GPT-4 als «ein Mechanismus beschrieben wird, der lernt, sich selektiv auf Teile einer Eingabesequenz zu konzentrieren, ihnen ‹Aufmerksamkeit› zu geben, während ein Satz oder eine Informationseinheit verarbeitet wird. Dadurch kann das Modell verschiedenen Wörtern oder Zeichen unterschiedliche Gewichtungen zuweisen und so Informationen besser verstehen und dekodieren.» Für Bilder und Videos verweise ich schlicht auf GPT Image, Midjourney, Veo und viele weitere Innovationen, die derzeit auf den Markt kommen. Wir entwickeln neue Wege, den Prozess der Bild- und Videoerzeugung zu modellieren. **15 Milliarden Schachstellungen** Auch neue Wege zur Modellierung des Schachspiels werden gefunden, und zwar, ohne dass ein spezifisches Schachverständnis erforderlich wäre. Seit 2024 ist es dank Google DeepMind möglich, «Schach auf Grossmeisterniveau ohne Suchverfahren» zu spielen. Was genau bedeutet das? Eine intuitive Art, das Ergebnis zu beschreiben, ist, dass KIs Schach auf Spitzenniveau spielen können, ohne irgendetwas von Schach zu verstehen und ohne Schachzugbäume zu durchsuchen. Ein typisches Schachprogramm der Spitzenklasse wie Stockfish durchsucht verschiedene Teile des Entscheidungsbaums, bewertet verschiedene mögliche Positionen und wählt dann den besten Zug aus. Es ist nicht schwer, verschiedene Betrachtungsweisen einzurichten oder darauf zuzugreifen, um die wünschenswertesten Teile des Entscheidungsbaums zu bewerten. Die Qualität des Schachprogramms hängt von seiner Rechenleistung, der Qualität seiner Pruning-Algorithmen, den komplexen Heuristiken, mit denen es gefüttert wurde, und davon ab, ob die richtigen «Korrekturen» an ihm vorgenommen wurden, und von vielem mehr. Dennoch lässt sich ganz allgemein sagen, dass das Programm Zugfolgen im Grossen und Ganzen so bewertet, wie es ein erfahrener Mensch tun würde. Es durchsucht Entscheidungsbäume. Die neue Innovation von DeepMind macht all das überflüssig. Es handelt sich um ein Transformermodell, das mit 15 Milliarden Datenpunkten gefüttert wurde, nämlich einzelnen Schachstellungen, die von Stockfish dahingehend bewertet wurden, welcher Spieler besser oder schlechter ist und um wie viel. In der KI-Fachsprache lässt sich sagen, dass die grosse und bislang beispiellose Anzahl an Schachdatenpunkten – 15 Milliarden – eine erhebliche Investition in die Skalierung darstellt. Im Volksmund könnte man sagen, dass dem Biest mehr in den Rachen gestopft wird. > «Wie man bei KI meist sagen kann, siehst du gerade die schwächste Version dessen, was du jemals sehen wirst.» Transformatoren tun dann, was Transformatoren eben so tun: Sie nutzen diese Datenpunkte, um herauszufinden, welche Merkmale von Stellungen attraktiv sind und welche nicht, und diese «Urteile» werden in neuronale Netze kodiert, die dann die nachfolgenden Entscheidungen generieren. Im Blitzschach erreicht dieses Wesen eine Elo-Zahl von 2895, was es mit den besten Menschen konkurrenzfähig macht. Es kann auch einen erheblichen Teil schwieriger Schachrätsel lösen. Es ist nicht so gut wie Stockfish 16, das die besten Menschen praktisch immer schlägt, aber diese spezielle Technik wird zum ersten Mal umgesetzt. Wenn DeepMind entscheidet, dass sie weitere Investitionen verdient, werden spätere Generationen dieser Technik vermutlich noch stärker sein. Wie man bei KI meist sagen kann, siehst du gerade die schwächste Version dessen, was du jemals sehen wirst. Falls du dich über den Unterschied zu Alpha Zero wunderst: Alpha Zero «lernt», indem es Millionen von Partien gegen sich selbst spielt. DeepMind «lernt», indem es eine grosse Anzahl von Bewertungen von Stockfish 16 erhält. Wie die Entwickler dieser Methode anmerken, erinnert sie sie an ein altes Zitat des Schachweltmeisters Capablanca aus den 1920er-Jahren: «Ich sehe nur einen Zug voraus, aber es ist immer der richtige.» Wohin mit der menschlichen Intuition und auch der wirtschaftlichen Intuition? **Die wahre Komplexität kommt zum Vorschein** Die moderne Wirtschaftswissenschaft entstand aus dem, was ich «marginalistische Revolution» nenne; aber wenn wir ihre Zukunft prognostizieren, ist es derzeit schwer, auch nur einen Zug vorauszusehen, geschweige denn den richtigen. Es gibt jedoch noch eine etwas beängstigendere Version dieser Geschichte. Vielleicht waren unsere Intuitionen über die Welt, einschliesslich der Wirtschaftswelt, von vornherein nie so stark. Vielleicht haben wir in der Mikroökonomie des 20\. Jahrhunderts «intuitiven» Ergebnissen so viel Wert beigemessen – als eine Art Bewältigungsstrategie und auch als Sicherheitsnetz –, um diesen Mangel auszugleichen. Aber unsere Intuitionen waren, selbst wenn man annimmt, dass sie weitgehend richtig waren, immer nur ein kleiner Ausschnitt des Verständnisses, der in einem Meer aus epistemischem Chaos schwamm. Und nun ist die Illusion entlarvt, und die wahre Komplexität ökonomischen Denkens kommt zum Vorschein. *Dieser Essay ist ein übersetzter Auszug aus Tyler Cowens neuem Buch «The Marginal Revolution: Rise and Decline, and the Pending AI Revolution». Das Buch ist auf seiner* [*Website*](https://tylercowen.com/marginal-revolution-generative-book/?ref=schweizermonat.ch) *frei zugänglich. Aus dem Englischen von Lukas Leuzinger.* ### Dein Smartphone ist ein Suchtmittel – und du bist abhängig URL: https://www.schweizermonat.ch/dein-smartphone-ist-eine-droge-und-du-bist-abhaengig/ Last updated: 2026-08-10T09:47:53.000Z _No content available._ ### Was mich mein Sohn über Freiheit lehrt URL: https://www.schweizermonat.ch/was-mich-mein-sohn-ueber-freiheit-lehrt/ Last updated: 2026-04-16T09:43:18.000Z Mein Sohn ist dreieinhalb. Von seinem Götti bekam er einen Adventskalender, einen Baum, an dessen Ästen kleine Türchen hängen. Viele davon zeigen Piratenmotive: Schiffe, Säbel, Bilderbücher. Er ist begeistert. Das hat sicherlich nichts damit zu tun, dass ich in Marokko geboren wurde, in einem Land, dessen Vorfahren als Barbaresken-Korsaren vom 16\. bis zum 19\. Jahrhundert das Mittelmeer terrorisierten. Das ist Zufall. Neulich beim Spielen sagte er: «Piraten haben Vogelfreiheit.» > «Vogelfrei hiess im Mittelalter geächtet. Aus dem Schutz des Rechts verstossen. Wer vogelfrei war, durfte getötet werden – straflos, von jedermann.» Ich horche auf. Woher hat er das Wort? Wahrscheinlich aus einer Dokumentation, die wir zusammen schauten, er aufmerksamer als ich. Was versteht er darunter? Das Wort Vogel kennt er. Freiheit vielleicht auch – er testet ihre Grenzen täglich, mit der Beharrlichkeit eines Kleinkinds, das wissen will, wo die Welt aufhört. Aber welchen Sinn die beiden Wörter zusammen ergeben? Ich weiss es nicht. Ich musste die Bedeutung von «vogelfrei» selbst nachschlagen. Was ich fand, war das Gegenteil von dem, was das Wort verspricht. Vogelfrei hiess im Mittelalter nicht frei wie ein Vogel, sondern geächtet. Aus dem Schutz des Rechts verstossen. Wer vogelfrei war, durfte getötet werden – straflos, von jedermann. Ich dachte an das Arabische, meine andere Sprache. Das klassische Arabisch kennt kein Wort für Freiheit im modernen, politischen Sinne. *Ḥurr*, frei, bezeichnete den, der kein Sklave war – ein rechtlicher Status. Bei Frauen bedeutete es: keine Konkubine, keine Sexsklavin. Erst als Napoleon 1798 in Ägypten landete und die Ägypter im Namen einer Republik ansprach, die auf «liberté et égalité» gegründet sei, wurde *ḥurriyya* zum Wort für etwas Neues: politische Freiheit, Freiheit als Recht. Das 19\. Jahrhundert importierte den Begriff. Vorher existierte er nicht. **«Du darfst» als Synonym für Freiheit** Aber das Arabische kannte etwas anderes: den *Ṣu’lūk*. Wörtlich: der Besitzlose, der Vagabund. Im vorislamischen Arabien bezeichnete das Wort jene, die aus ihren Stämmen verstossen wurden – wegen Vergehen, wegen falscher Abstammung, wegen Auflehnung gegen die Stammesführer. Sie lebten in der Wüste, am Rand der Gesellschaft, zwischen Wölfen und Hyänen, die sie ihre treueren Gefährten nannten. Ausdauer, Mut, Grosszügigkeit: Das waren die Tugenden der *Ṣa’ālīk*. Sie nahmen von den Reichen und gaben den Armen. Sie waren Räuber und Dichter zugleich. Ihre Vogelfreiheit war keine Strafe – sie war Gegenentwurf. Wer heute den Islam verlässt, wer öffentlich sagt, dass er nicht mehr glaube, erfährt, dass das alte Wort noch gilt. In über einem Dutzend Ländern steht auf das Abfallen vom Glauben die Todesstrafe. Diese Menschen suchen Gewissensfreiheit und finden Vogelfreiheit: die mittelalterliche, die tödliche. Was versteht mein Sohn unter Freiheit? Ich weiss es nicht. Kann er abstrakt denken? In seinem Vokabular wäre «du darfst» ein Synonym für Freiheit. Du darfst spielen, laut sein, springen. Freiheit als sanktionierte Wildheit. Das Mittelalter verstand Vogelfreiheit als Todesurteil. Die Ṣa’ālīk verstanden sie als radikale Selbstbestimmung um jeden Preis. Mein Sohn klebt sich den Piratensticker auf die Hand. Er spielt den Gesetzlosen, sicher aufgehoben in der Wärme unseres Wohnzimmers. Vielleicht ist das die einzige wahre Freiheit: sich wie ein Pirat fühlen zu dürfen, ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Ein friedlicher Widerspruch. Möge er ihn so lange wie möglich leben. ### Wer Fake News bekämpft, bekämpft die Demokratie URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-fake-news-bekaempft-bekaempft-die-demokratie/ Last updated: 2026-08-10T09:47:54.000Z _No content available._ ### Das wahnhafte Vergleichen schwächt die Menschenwürde URL: https://www.schweizermonat.ch/das-wahnhafte-vergleichen-schwaecht-die-menschenwuerde/ Last updated: 2026-04-15T12:11:51.000Z In unserem Alltag vergleichen wir uns ständig mit Nachbarn oder Arbeitskollegen. Wir betrachten unser Leben im Vergleich zum Leben anderer, vor allem dann, wenn wir das Gefühl haben, die anderen seien glücklicher als wir oder hätten, ohne es zu verdienen, viel mehr Geld und bessere, schönere Partner. Solche Vergleiche sind eine Sünde. Sie führen zu Neid und Eifersucht, zu Habsucht und manchmal zu Bösartigkeit und Totschlag. Deswegen stellte bereits der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813–1855) fest: «Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.» Kierkegaard lebte in einer Zeit ohne Instagram, YouTube und TikTok. Es war für ihn schwerer, sich permanent zu vergleichen. Aber heute ist jeder Vergleich nur einen Klick entfernt, rund um die Uhr. Schaffe ich mehr Likes und Follower? Poste ich das schönere Leben mit dem längeren digitalen Applaus? Das Leben im Schaufenster der sozialen Medien schraubt die Erwartungen in ungekannte Höhen. Und oft ist das, womit man sich vergleicht, mehr Schein als Sein. Noch schlimmer ist, dass die grassierende Vergleichitis die Menschenwürde schwächt. Sie lässt vergessen, dass jeder Mensch ein Original ist, einmalig und unvergleichlich. Natürlich verbessern soziale Medien das Leben. Noch nie in der Geschichte konnten wir unabhängig von Zeit und Ort miteinander in Verbindung treten. Das darf aber nicht zum Jahrmarkt der Entwürdigung führen. Eine humane Gesellschaft muss darauf achten, dass jeder Mensch sich selbst sein und seinen eigenen Weg suchen kann, um seine Freiheit in Eigenverantwortung zu leben. Was sollen wir also tun? Ganz einfach: Weniger Zeit auf den Social Media verbringen, um sich zu vergleichen und daran unglücklich zu werden! Den Nachbarn, der anscheinend im Geld schwimmt, vergessen! Mehr Vertrauen in den eigenen, unverwechselbaren Weg haben! Dankbar sein für alles, was man bereits hat – es ist nämlich mehr, als man denkt. ### Ein Verbot von Fake News schadet der Demokratie URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-verbot-von-fake-news-schadet-der-demokratie/ Last updated: 2026-04-15T12:12:34.000Z Die traditionellen Medien stecken seit Längerem in einer Vertrauenskrise. Immer mehr Leser und Zuschauer wenden sich von ihnen ab. Die Reaktion darauf fällt jedoch selten selbstkritisch aus – stattdessen weisen die Altmedien ihre Verantwortung für diese Entwicklung häufig von sich. Exemplarisch zeigte sich diese mangelnde Selbstreflexion im jüngsten Abstimmungskampf zur SRG-Initiative. Auf Plakaten wurde unter anderem X-Chef Elon Musk zum Feindbild stilisiert – als Sinnbild für «gefährliche» Falschinformationen, die in den sozialen Medien herumgeistern. Die Botschaft ist klar: Hier die vermeintlichen Fake-News-Schleudern der sozialen Medien, dort die etablierten Medien – allen voran die SRG – als verlässliche und vertrauenswürdige Informationsquellen. Die Debatte um Fake News hat seit 2016 deutlich an Fahrt aufgenommen. Die Wahl von Donald Trump und der Brexit wirkten wie ein Weckruf für das politische und mediale Establishment im Westen. Über Jahre hinweg beanspruchte dieser politisch-mediale Komplex die Deutungshoheit in zentralen politischen Fragen und prägte die Narrative im öffentlichen Debattenraum – etwa bei Klima, Migration oder dem Euro. Doch diese Deutungshoheit begann zu bröckeln. Entsprechend hat sich der Fokus der Debatte in der akademischen und politischen Welt verschoben. Journalisten, Politiker und Intellektuelle drängen Social-Media-Plattformen zunehmend dazu, durch umfassende Content-Moderation aktiv in den öffentlichen Debattenraum einzugreifen. So [fordert](https://philpapers.org/rec/RINFNA?ref=schweizermonat.ch) Regina Rini, Professorin für Philosophie an der York University in Toronto, von Facebook, potentiell irreführende Inhalte an «unabhängige Faktenprüfer» weiterzuleiten und entsprechende Beiträge als «umstritten» zu kennzeichnen. Weiter rät sie zu sogenannten «Reputation Scores». Diese sollen erfassen, wie häufig Nutzer Inhalte verbreiten, die sich später als falsch erweisen. Die Bewertungen wären nicht öffentlich einsehbar, um Stigmatisierung zu vermeiden, könnten jedoch algorithmisch genutzt werden, um die Reichweite als unzuverlässig eingestufter Quellen gezielt zu begrenzen. Solche Massnahmen sind aus ihrer Sicht notwendig, weil Menschen nur über begrenzte kognitive und zeitliche Ressourcen verfügten. Es sei daher individuell vernünftig, Informationen heuristisch zu gewichten – also gedankliche Abkürzungen zu nutzen – und politisch Gleichgesinnten einen Vertrauensvorschuss zu geben. Was auf individueller Ebene rational erscheine, schlage in der Masse in eine Dysfunktion um: Die kollektive Wahrheitsfindung werde untergraben – und damit das Fundament der Demokratie geschwächt. Hinzu kommt die Logik der sozialen Medien. Oft bleibe unklar, ob das Teilen eines Beitrags, etwa durch einen Repost, inhaltliche Zustimmung bedeute. Diese Mehrdeutigkeit könne opportunistisch genutzt werden, sodass die Verantwortung für den Wahrheitsgehalt zunehmend diffuser werde. Appelle an Medienkompetenz und kritisches Denken greifen aus Rinis Sicht unter diesen Bedingungen zu kurz. Niemand könne jeden einzelnen Inhalt auf Social Media selbst prüfen. Deshalb fordert sie, eine «Infrastruktur der Verantwortlichkeit» auf den Digitalplattformen zu errichten: Falsche Inhalte sollen Konsequenzen haben – eben etwa durch Faktenchecks und Reputationsscores. **Schiedsrichter der Wahrheit** Was in den Ausführungen von Regina Rini und anderen Apologeten der Fake-News-Bekämpfung auf den ersten Blick plausibel und harmlos erscheint, hat weitreichende ethische Konsequenzen. Wer bestimmt eigentlich, was als Fakt gilt? Institutionelle Massnahmen gegen Falschinformationen setzen voraus, dass sich objektiv und unparteiisch festlegen lässt, was falsch ist. Erst eine solche Prämisse könnte, wenn man Rinis Argumentationslinie folgt, weitergehende regulatorische Eingriffe rechtfertigen. Welche Instanz kann die Rolle eines neutralen Schiedsrichters der Wahrheit übernehmen? Jede Institution, die diesen Anspruch erhebt, schafft ein machtvolles Instrument der politischen Einflussnahme. Faktenprüfer geben sich gerne wissenschaftlich fundiert und neutral. Bei näherer Betrachtung ihrer Methoden zeigt sich jedoch ein dürftiges Bild. Kommunikationsforscher der Universität Madrid stellten in einer [Studie](https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17512786.2023.2262444?ref=schweizermonat.ch) fest, dass die entsprechenden Prüfprotokolle häufig vage formuliert sind und inkonsistent angewandt werden. Faktenprüfer bewerten einzelne Aussagen in sozialen Medien demnach weniger auf Grundlage eines klar standardisierten Verfahrens als vielmehr nach journalistischem Ermessen. Die Suche nach eindeutig objektiven Schiedsrichtern erweist sich somit als strukturelles Problem. > «Faktenprüfer geben sich gerne wissenschaftlich fundiert und neutral. Bei näherer Betrachtung ihrer Methoden zeigt sich jedoch ein dürftiges Bild.» Michael Shellenberger, der zusammen mit anderen die «Twitter Files» veröffentlicht hat, zeigte am Beispiel der USA, wie stark die politische Einflussnahme auf Faktenchecker-Organisationen sein kann. Dort hat sich ein weitreichendes Netzwerk aus Regierungsbehörden, Nichtregierungsorganisationen und akademischen Institutionen herausgebildet, das die Deutungshoheit über den Begriff «Desinformation» für sich beansprucht. Shellenberger spricht vom [«Zensur-industriellen Komplex»](https://www.schweizermonat.ch/content/files/judiciary-house-gov/sites/evo-subsites/republicans-judiciary-house-gov/files/evo-media-document/shellenberger-testimony.pdf) – in Anlehnung an Dwight Eisenhower, der in seiner Abschiedsrede als US-Präsident vor dem «militärisch-industriellen Komplex» warnte. Faktenprüfungen dienen dabei nicht nur der Aufklärung, sondern auch, um politische Interessen gegenüber den Unwägbarkeiten demokratischer Entscheidungsprozesse abzusichern. **Bis zur Zensur ist es nicht weit** Dass auserkorene Organisationen festlegen, was richtig oder falsch ist, greift tief in das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ein. Der öffentliche Debattenraum ist das Herzstück jeder Demokratie. Die Redefreiheit schützt auch falsche, verstörende und unpopuläre Ansichten. Gerade dieser umfassende Schutz soll sicherstellen, dass sich die Wahrheit im offenen Wettbewerb der Ideen durchsetzen kann. Da jede Faktenprüfung unvermeidlich auch politisch geprägt ist, weil in fast allen Fällen Fakten im medialen Geschäft ja immer auch interpretiert werden und andere Fakten weggelassen werden oder gar nicht bekannt sind, bergen Eingriffe gegen «Fake News» die Gefahr, andere Interpretationsweisen zu verdrängen und damit die Meinungsfreiheit schleichend einzuschränken. Entsprechend hoch sind in etablierten Demokratien die Hürden für Eingriffe in die Redefreiheit. Das Beispiel Frankreich zeigt, wie schnell der Kampf gegen Falschinformationen in autoritäre Gesetzgebung umschlagen kann. Seit 2018 wurden dort [Gesetze verabschiedet](https://www.civilizationworks.org/cw-master-blog/france-invented-the-censorship-industrial-complex-the-twitter-files-france-case-studies?ref=schweizermonat.ch), die auf eine weitreichende Reglementierung der Kommunikation im Internet abzielen. Damit greift die Politik massiv in den öffentlichen Diskurs ein. Sie rechtfertigt dies mit der paternalistischen Annahme, der Staat müsse die «kognitive Sicherheit» der Bürger gewährleisten. Mittlerweile hat sich auch in Frankreich ein «Zensur-industrieller Komplex» herausgebildet. Auch hier ist ein Dickicht aus staatlichen Stellen, Justiz und Nichtregierungsorganisationen herangewachsen, die Social-Media-Plattformen mit politischen und juristischen Mitteln unter Druck setzen. Die [«Twitter Files»](https://www.schweizermonat.ch/content/files/judiciary-house-gov/sites/evo-subsites/republicans-judiciary-house-gov/files/evo-media-document/shellenberger-testimony.pdf) geben Einblick in die Funktionsweise dieser Zensurarchitektur. Am Beispiel von Twitter (heute X) legen sie interne Abläufe der Plattform offen. Es ist dokumentiert, dass Regierungsvertreter wiederholt Druck auf Social-Media-Unternehmen ausübten, um missliebige Inhalte und Nutzer zu unterdrücken. So drängten hochrangige Beamte der Biden-Regierung darauf, bestimmte Inhalte zu Covid-19 zu zensieren. **Die Autonomie des Menschen wird untergraben** Jene, die nach institutionellen Massnahmen gegen Fake News rufen, begründen dies mit dem Ziel, Bürger vor manipulativen Einflüssen zu schützen. Wenn Institutionen den Informationsfluss vorselektieren, setzen sie stillschweigend voraus, dass der Bürger nicht in der Lage sei, die Glaubwürdigkeit von Aussagen im Internet selbst zu beurteilen. Die Urteilsfähigkeit wird ihm abgesprochen. Der Bürger wird so – gewollt oder ungewollt – infantilisiert. > «Geistige Freiheit entsteht nur dort, wo Zugang zu einer Vielzahl von Perspektiven besteht.» Hinzu kommt, dass die Macht zur Vorfilterung von Informationen es Institutionen erlaubt, Entscheidungsprozesse erheblich zu beeinflussen, wie die genannten Beispiele aus Amerika und Frankreich zeigen. Eigenständiges Urteilen ist dann nur noch eingeschränkt möglich. Dahinter verbirgt sich ein Weltbild, in dem die Öffentlichkeit manipulierbar ist und daher einer Art Vormundschaft durch ausgewählte Eliten bedarf. Zugespitzt: Expertokratie statt Demokratie. Das Ideal liberaler Demokratien ist die freie Meinungsbildung mündiger Bürger. Das bedeutet, dass die Bürger ihre Informationen selbst prüfen, gegeneinander abwägen und dabei auch Fehlurteile riskieren dürfen. Geistige Freiheit entsteht nur dort, wo Zugang zu einer Vielzahl von Perspektiven besteht. Institutionelle Filtermechanismen konterkarieren dieses Prinzip. Sie ersetzen die eigenständige Bewertung durch gezieltes Auswählen und Zusammenstellen von Inhalten. Damit geht die Grundlage für unabhängiges Urteilen verloren: Der Einzelne kann seine Entscheidungen nur auf Basis vorselektierter Informationen treffen. Ein warnendes Beispiel ist das [Sozialkreditsystem in China](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=3997747&ref=schweizermonat.ch). Es zeigt, wie datengestützte Systeme gezielt das Verhalten der Bürger steuern können. Konformität wird belohnt, Abweichung bestraft. Sobald der Staat beginnt, den öffentlichen Debattenraum – vermeintlich zum Schutz der Bürger – zu kontrollieren, öffnet er das Einfallstor zur umfassenden Steuerung der Gesellschaft. Wer die Autonomie der Menschen untergräbt, schwächt ihre Fähigkeit, selbstständig zu denken. **Die Schwarmintelligenz ist der Königsweg** Was ist die Alternative zur Top-down-Bekämpfung von Falschnachrichten? In den sozialen Medien kursieren tatsächlich zahlreiche Inhalte, die sich als fehlerhaft erweisen. Doch der Weg der Zensur, den Faktencheck-Organisationen letztlich einschlagen, kann darauf nicht die richtige Antwort sein. Das von den etablierten Medien viel gescholtene X bietet hier einen anderen Ansatz. Statt top-down und zentralistisch zu funktionieren wie klassische Faktenprüfungssysteme, setzt es auf das Gegenteil: bottom-up und dezentral. Konkret auf [«Community Notes»](https://arxiv.org/abs/2505.20067?ref=schweizermonat.ch), ein Open-Source-Faktenprüfungssystem, das ohne Zensur und einseitige politische Einflussnahme auskommen will. Potentiell irreführende Beiträge werden nicht gelöscht, sondern mit zusätzlichem Kontext versehen. Nutzer können erklärende Anmerkungen zu einem Post verfassen, die anschliessend durch einen sogenannten «Bridging-Algorithmus» bewertet werden. Das bedeutet: Eine Anmerkung wird erst dann für alle sichtbar, wenn sie von Nutzern aus unterschiedlichen ideologischen Lagern – die bei früheren Bewertungen oft uneinig waren – übereinstimmend als hilfreich eingestuft wird. Dieser konsensbasierte Ansatz soll einseitige politische Verzerrungen reduzieren und es den Nutzern ermöglichen, sich ohne Bevormundung selbstständig ein fundiertes Urteil zu bilden. Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigte sich Anfang 2026, als die USA den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro nach New York entführten. In den sozialen Medien – auch auf X – verbreitete sich rasch Euphorie. Zahlreiche Videos zeigten angeblich Menschenmassen in Venezuela, die auf den Strassen jubelten und das Ende der Maduro-Tyrannei feierten. Doch viele dieser Aufnahmen waren irreführend oder schlicht falsch. Immer wieder wurden alte oder aus dem Kontext gerissene Videos als aktuelle Szenen ausgegeben – etwa Aufnahmen von früheren Protesten oder sogar von ganz anderen Ereignissen im Ausland. Genau hier setzte Community Notes an: Nutzer versahen solche Beiträge mit Kontext und wiesen darauf hin, dass es sich nicht um aktuelle Szenen aus Venezuela handelte. So konnten Fehlinformationen sichtbar korrigiert werden – nicht durch Löschung, sondern durch Einordnung. Genau darin liegt der Königsweg. Der amerikanische Podcaster Joe Rogan [brachte es einmal auf den Punkt](https://youtu.be/2ZsLZUXjgYk?si=nwBOOBPpqnI7S5As&ref=schweizermonat.ch): «Der beste Weg, falsche Äusserungen zu bekämpfen, sind korrekte Äusserungen.» Und diese entstehen dort, wo möglichst viele Menschen gemeinsam nach der Wahrheit suchen und ihre Perspektiven einbringen. In dieser kollektiven Auseinandersetzung liegt die eigentliche Stärke – die Kraft der Schwarmintelligenz. ### Das Bankkonto ist nicht so sicher, wie Sie denken – Unternehmen sollten ihr Geld besser direkt bei der Nationalbank parkieren URL: https://www.schweizermonat.ch/das-bankkonto-ist-nicht-so-sicher-wie-sie-denken-unternehmen-sollten-ihr-geld-besser-direkt-bei-der-nationalbank-parkieren/ Last updated: 2026-04-09T21:27:19.000Z Eigentlich ist es einfach: Die Einlagen auf Banken sind nicht Geld, sondern Zahlungsversprechen. Wenn die Banken wanken, schliessen die Schalter. Bei den Schweizer Grossbanken konnte dies 2008 (UBS) und 2023 (Credit Suisse) nur verhindert werden, weil der Staat beide Male mit Garantien einsprang. Sicheres Geld sind nur die Noten der Nationalbank und das Geld, das dort liegt, als Sichtguthaben. Doch diese Sicherheit kann für alle geschaffen werden: mit einer Vollreservebank. Diese parkiert das Geld ihrer Kunden auf den Konten der Nationalbank und benützt es nicht zur Finanzierung der Bankgeschäfte. Das Geld ist damit dauernd vollständig verfügbar. Herkömmliche Banken setzen darauf, dass alle Einleger dran glauben, dass sie Zugang zu ihrem Geld haben. Wenn aber Zweifel aufkommen, dann ziehen alle die Einlagen ab, die Banken voneinander, das Publikum von den Banken – und die Bank kann ihr Versprechen nicht erfüllen. Zum Publikum gehören insbesondere auch Unternehmen. Unternehmen haben viele gute Gründe, grössere Liquiditätsreserven zu halten. Der naheliegendste ist schlicht, um Zahlungen leisten zu können. Liquiditätspuffer können aber auch für unerwartete Ausgaben oder aus strategischen Überlegungen wichtig sein – beispielsweise um rasch handeln zu können, wenn sich attraktive Übernahmegelegenheiten ergeben. **Trügerische Stabilität** Doch Liquiditätsreserven machen Unternehmen zwangsläufig abhängig von Banken. Zum einen werden die Gelder als Buchgeld auf Bankkonten gehalten. Zum anderen werden Zahlungen über das Bankensystem abgewickelt. Diese Abhängigkeit hat mehrere Konsequenzen. Erstens sind Unternehmen von den Konditionen der Banken abhängig. Banken profitieren davon, dass im Bankensektor relativ wenig Wettbewerb herrscht. Ein Bankwechsel ist für Unternehmen mit erheblichen Kosten und administrativem Aufwand verbunden. Entsprechend reagieren Banken oft träge auf Veränderungen. Dass die Durchschnittslöhne im Bankensektor höher sind als in vielen anderen Branchen, ist kein Zufall, denn ein Teil der strukturellen Privilegien der Banken schlägt sich auch in den Einkommen der Angestellten nieder. Zweitens sind die Liquiditätsreserven letztlich nur so sicher wie das Bankensystem. Banken sind Unternehmen, die im Vergleich zu anderen Branchen mit sehr wenig Eigenkapital arbeiten. Schon relativ kleine Verluste können ihre Solvenz gefährden. Hinzu kommt ein systeminhärentes Risiko: Jede Bank ist nur ein Gerücht von einem Bankrun entfernt. Wenn Zweifel an der Stabilität einer Bank aufkommen, beginnen rationale Kunden damit, ihr Geld abzuziehen – und lösen damit genau jene Liquiditätskrise aus, die sie befürchten. > «Jede Bank ist nur ein Gerücht von einem Bankrun entfernt.» Diese Dynamik hat die Schweiz kürzlich erlebt: Innerhalb von nur 15 Jahren mussten beide Grossbanken um Hilfe ersuchen. Dass Banken mit so wenig Eigenkapital und Liquiditätsreserven operieren können, liegt letztlich auch daran, dass Staaten im Hintergrund stehen, die – so die Hoffnung – das Bankensystem stabilisieren. Unternehmen sind daher indirekt auch von der Stabilität der Staaten abhängig, die im Notfall Banken retten können. **Risikoreiche und unverzinste Stablecoins** Doch auch Staaten sind nicht frei von Risiken. Angesichts weltweit hoher Verschuldungsquoten sind staatliche Rettungsaktionen zunehmend von Zentralbanken abhängig. Damit sind Unternehmen letztlich auch von der Stabilität staatlicher Währungen abhängig. Zur klugen Vorsorge gehört daher auch die Einsicht, dass staatliche Währungen historisch betrachtet nicht unbegrenzt stabil sind. Welche Alternativen gibt es? Ein Ausweichen auf nichtstaatliches Geld wie Bitcoin erscheint für Unternehmen kaum realistisch. Die Kursschwankungen sind zu gross, und die Risiken lassen sich für verantwortliche Entscheidungsträger schwer rechtfertigen. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Bitcoin durch technologische Entwicklungen ersetzt wird oder schlicht an Bedeutung verliert. Zwar ist die Menge an Bitcoins begrenzt, doch dies garantiert keine dauerhaft hohe Nachfrage. > «Zur klugen Vorsorge gehört daher auch die Einsicht, dass staatliche Währungen historisch betrachtet nicht unbegrenzt stabil sind.» Auch Stablecoins lösen das Problem kaum. Sie sind meist entweder mit Staatsschulden gedeckt – und tragen damit letztlich dasselbe Risiko wie staatliche Währungen – oder sie sind mit Bankeinlagen hinterlegt und hängen damit erneut vom Bankensystem ab. In manchen Fällen werden sie sogar mit noch volatileren Vermögenswerten wie Bitcoin besichert. Damit sind sie sowohl risikoreich als auch unverzinst – und bieten so gegenüber einem Bankkonto kaum Vorteile. Wenn Stablecoins hingegen verzinst werden, entstehen weitere, oft schwer durchschaubare Risiken. **Die Banken umgehen** Gibt es dennoch einen Ausweg? Eine mögliche Zwischenlösung für Unternehmen weltweit wäre eine Schweizer-Franken-Vollreservebank. Der Schweizer Franken geniesst international hohes Vertrauen. Er hat sich über lange Zeit gegenüber vielen anderen Währungen als stabil erwiesen – gestützt von einem Staat mit vergleichsweise niedriger Verschuldung, starken Institutionen und politischer Stabilität. Unternehmen könnten gemeinsam eine eigene Vollreservebank gründen, die ausschliesslich der Zahlungsabwicklung und sicheren Verwahrung von Liquidität bei der Schweizerischen Nationalbank dient. Eine solche Institution wäre nicht den strukturellen Risiken eines Bankruns ausgesetzt. Eine Vollreservebank gäbe Unternehmen ein Stück Unabhängigkeit zurück. Sie würde das bestehende Bankensystem nicht ersetzen, aber umgehen, indem sie Unternehmen einen direkten und sicheren Zugang zu Liquidität bei der SNB ermöglicht – und damit auch Zugang zu «gesetzlichem Zahlungsmittel», wie es sonst (abgesehen von Bargeld) nur Banken haben. Eine solche Bank hätte willkommene gesellschaftliche Nebeneffekte. Der Markteintritt würde für Wettbewerb sorgen, indem er die anderen Banken dazu zwingen würde, in die eigene Risikofähigkeit zu investieren, weil es eine sichere Alternative gäbe. Gleichzeitig würde diese privatwirtschaftliche Lösung eine digitale Zentralbankwährung für private Unternehmen und Haushalte (eine Retail CBDC) unnötig machen – und damit die Macht des Staates im Geldsektor beschränken. Die Zeit drängt. Strategisch denkende Unternehmen sollten angesichts der Bedrohungen für unser Geldsystem handeln, bevor es zu spät ist. ### Lange war Italien das Sorgenkind – nun ist es plötzlich Europas Stabilitätsanker URL: https://www.schweizermonat.ch/lange-war-italien-das-sorgenkind-nun-ist-es-ploetzlich-europas-stabilitaetsanker/ Last updated: 2026-04-08T17:13:10.000Z Lange galt Italien als das strukturelle Sorgenkind Europas. Politische Instabilität, fragile Institutionen und schwaches Wachstum liessen das Land im europäischen Gefüge oft als unzuverlässigen Partner erscheinen. Heute zeigt sich ein anderes Bild. Während die alten führenden Mächte Frankreich und Deutschland mit erheblichen politischen und wirtschaftlichen Problemen kämpfen, erlebt Italien eine Phase relativer Stabilität. Das wirft eine Frage auf: Könnte Rom in einer Zeit geopolitischer Umbrüche an Gewicht gewinnen? Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs galt die europäische Integration lange als Projekt zweier treibender Kräfte – des französisch-deutschen Motors. Deutschland lieferte die ökonomische Dynamik, Frankreich brachte politisches Gewicht ein, nicht zuletzt als ständiges Mitglied des UNO-Sicherheitsrates. Unter dem sicherheitspolitischen Schutz der Vereinigten Staaten bestimmten Paris und Berlin über Jahrzehnte hinweg die Richtung der europäischen Integration. Einigkeit zwischen beiden stand für Fortschritt, Uneinigkeit führte meist zu Stillstand. Italien spielte in diesem Modell eine Nebenrolle. Ohne die wirtschaftliche Schlagkraft Deutschlands und ohne den diplomatischen Einfluss Frankreichs blieb der Handlungsspielraum begrenzt. Wiederkehrende Regierungskrisen und strukturelle wirtschaftliche Probleme verstärkten den Eindruck eines politisch wenig verlässlichen Partners. **Der deutsch-französische Motor stottert** Die geopolitische Ausgangslage hat sich jedoch grundlegend verändert. Die internationale Ordnung befindet sich im Umbruch. Die Vereinigten Staaten zeigen sich zunehmend weniger bereit, Europa in der bisherigen Form sicherheitspolitisch zu dominieren. Gleichzeitig wird deutlich, dass der deutsch-französische Motor allein nicht ausreicht, um Europa zu einem eigenständigen geopolitischen Akteur zu machen. Im Unterschied zu globalen Mächten wie den Vereinigten Staaten, China oder Russland fehlt der Europäischen Union weiterhin die Fähigkeit zu kohärenter strategischer Machtprojektion. Entscheidungsprozesse bleiben fragmentiert, gemeinsame Interessen lassen sich nur schwer bündeln. Die Folge ist ein wachsendes strategisches Vakuum. Gerade in diesem Umfeld geraten Frankreich und Deutschland selbst unter Druck. > «Der deutsch-französische Motor allein reicht nicht aus, um Europa zu einem eigenständigen geopolitischen Akteur zu machen.» Deutschland steht vor strukturellen wirtschaftlichen Problemen. Das exportorientierte Wirtschaftsmodell, das lange von günstiger Energie aus Russland und von engen Handelsbeziehungen mit China profitierte, ist durch die geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Jahre erschüttert. Der Wegfall russischer Energieimporte und die Unsicherheit auf den globalen Märkten setzen vor allem energieintensive Industrien unter Druck. Das Wirtschaftswachstum und die industrielle Dynamik haben spürbar nachgelassen. Hinzu kommt eine wachsende innenpolitische Polarisierung. Das traditionelle Parteiensystem gerät unter Druck, während neue politische Kräfte an Zulauf gewinnen. Regierungsbildungen werden zunehmend komplizierter, strategische Entscheidungen lassen sich schwieriger treffen. Frankreich kämpft mit anderen strukturellen Spannungen. Hohe Staatsverschuldung, wiederkehrende soziale Proteste und sinkende Zustimmungswerte für Präsident Emmanuel Macron prägen das innenpolitische Klima. Das Rassemblement National von Marine Le Pen ist zur stärksten politischen Kraft im Land aufgestiegen, bleibt jedoch weiterhin von der Regierungsverantwortung ausgeschlossen. Diese Konstellation verstärkt das Gefühl der politischen Blockade und verschärft die Spannungen in der Gesellschaft. Im Vergleich dazu wirkt Italien derzeit überraschend stabil. **Vermittler statt Dominator** Zwar wurde auch die italienische Wirtschaft von Inflation und Energiepreisschocks getroffen. Dennoch präsentiert sich die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni innenpolitisch relativ gefestigt. Sie verfügt über eine parlamentarische Mehrheit und über eine politische Legitimität, die vergleichbare rechte Parteien in Deutschland oder Frankreich nicht besitzen. Diese Stabilität ist nicht allein das Ergebnis der aktuellen Regierung. Seit den 1990er-Jahren hat sich das italienische politische System schrittweise an breitere Koalitionen und pragmatische Machtarrangements angepasst. In der aktuellen internationalen Lage kann diese Flexibilität zu grösserer politischer Handlungsfähigkeit beitragen. Auch wirtschaftlich zeigt Italien eine gewisse Resilienz. Nach dem starken Einbruch während der Pandemie im Jahr 2020 hat sich die Volkswirtschaft schneller erholt als erwartet. Das Wachstum bleibt moderat, aber stabil. Geopolitisch versucht Rom, daraus eine strategische Rolle abzuleiten. Italien positioniert sich zusehends als möglicher Vermittler zwischen Europa und den USA. Die Regierung verfolgt dabei eine doppelte Strategie. Einerseits pflegt sie enge Beziehungen zur Regierung von Donald Trump, deren politisches Umfeld ideologisch in Teilen mit der italienischen Rechten kompatibel ist. Andererseits bemüht sich Rom, seine Verankerung innerhalb der EU nicht in Frage zu stellen. > «In einer fragmentierten Ordnung könnte Italien an Gewicht gewinnen – weniger als neuer Motor Europas, sondern als politischer Knotenpunkt zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen Mittelmeerraum und Atlantik, zwischen Washington und Brüssel.» Diese Balance ist auch wirtschaftlich notwendig. Besonders Norditalien ist eng in die industriellen Wertschöpfungsketten Deutschlands eingebunden. Ein Bruch mit der europäischen Integration würde die italienische Wirtschaft unmittelbar treffen. Rom versucht daher, eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Die Regierung präsentiert sich gegenüber Washington als Ansprechpartner, der zugleich die europäischen Interessen artikulieren kann. Angesichts der angespannten transatlantischen Beziehungen könnte diese Position an Bedeutung gewinnen. Allerdings bleiben die Grenzen dieser Rolle klar. Italien ist keine Grossmacht. Weder militärisch noch wirtschaftlich verfügt das Land über die Ressourcen, um die strategische Richtung Europas massgeblich zu bestimmen. Hohe Staatsverschuldung, demografische Probleme und strukturelle Schwächen der Industrie beschränken den Handlungsspielraum. Gerade darin könnte jedoch eine besondere Stärke liegen: weniger in Dominanz als in Vermittlung. Das Land könnte Einfluss gewinnen, indem es zwischen stärkeren Akteuren manövriert. Seine geografische Lage im Mittelmeerraum, seine industrielle Verflechtung mit Mitteleuropa und die historischen Beziehungen zu den USA eröffnen begrenzte, aber reale strategische Spielräume. Wahrscheinlich entsteht in Europa jedoch keine neue dominante Grossmacht. Vielmehr deutet vieles auf eine fragmentiertere Ordnung hin, in der je nach Situation unterschiedliche Länder das Zepter übernehmen. In einer solchen Konstellation könnte Italien an Gewicht gewinnen – weniger als neuer Motor Europas, sondern als politischer Knotenpunkt zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen Mittelmeerraum und Atlantik, zwischen Washington und Brüssel. ### Warum Bern nicht mehr alleinige Hauptstadt der Schweiz sein sollte URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-bern-nicht-mehr-alleinige-hauptstadt-der-schweiz-sein-sollte/ Last updated: 2026-04-08T14:27:48.000Z Vor der französischen Invasion von 1798 funktionierte die Schweiz ohne fixes politisches Zentrum. Die Tagsatzung tagte in Baden und in Frauenfeld. Nach französischem Vorbild führte die Helvetische Republik eine Hauptstadt ein. Bern wurde wegen seines Widerstands ausgeschlossen; den Zuschlag erhielt zunächst Aarau. Die Mediationsakte von 1803 führte eine Rotation zwischen mehreren Städten ein, die ab 1815 auf Bern, Zürich und Luzern beschränkt wurde. Als Bern 1848 zum festen Sitz der Macht bestimmt wurde, war es noch ein mächtiger Kanton. Grund dafür waren sein riesiges Territorium und seine landwirtschaftlichen Ressourcen. Seitdem verliert Bern stetig an Bedeutung. Der schrittweise Niedergang des Kantons, der mit der französischen Invasion und dem Verlust von Territorium begann, beschleunigte sich in der zweiten Hälfte des 19\. Jahrhunderts. Als landwirtschaftlich geprägter Kanton litt Bern unter der Einführung der Eisenbahn in der Schweiz. Zuvor war es einfacher gewesen, die Ernteerträge zu hohen Preisen innerhalb des Kantons zu verkaufen. Mit der Einführung eines schnellen Transportmittels standen die Erzeugnisse des Kantons nun in Konkurrenz zu denen anderer Regionen. Die Eisenbahn beschleunigte zudem die Industrialisierung des Landes, die in Bern kaum Fuss gefasst hatte, da die dortigen Eliten lieber von ihren landwirtschaftlichen Einkünften lebten. Während andere Regionen wie Zürich mit seiner bereits gut entwickelten industriellen Basis einen Aufschwung erlebten, blieb Bern stehen. Ab 1860 sank sein Anteil an der Gesamtbevölkerung der Schweiz, da sich Menschen bevorzugt an Orten mit Arbeitsplätzen niederlassen, wie der Historiker Christian Lüthi [erklärt](https://shop.nzz.ch/NZZ-Geschichte-Nr.-61-AEgypten/SW13726?ref=schweizermonat.ch). **Vorbild Thurgau** Paradoxerweise ist Bern der zentrale Standort der Institutionen einer modernen Schweiz, die die Stadt in den Rang eines nostalgischen Kantons verwiesen hat. Bern ist eine Art Schweizer Venedig, ein Ort, der einst mächtig war, nun aber zum Statisten degradiert worden ist. Statt von Touristen wimmelt es hier allerdings von Beamten. Während es 1849 noch knapp 80 waren, sind es heute fast 39 000\. Das Missverhältnis zwischen der Grösse des Staates und der kantonalen Wirtschaft erklärt, warum der Kanton viel weniger Ausländer zählt als der Rest der Schweiz. Denn diese arbeiten im Durchschnitt in wettbewerbsorientierten Sektoren, die von der wirtschaftlichen Dynamik abhängig sind. Hinzu kommt, dass Bern der am stärksten subventionierte Kanton der Schweiz ist: Er erhält jährlich über eineinhalb Milliarden Franken aus dem Finanzausgleich. Angesichts dieser Faktoren ist die Stadt Bern der Ort, der am weitesten vom Leben des durchschnittlichen Schweizers entfernt ist. Diese Diskrepanz macht sich an Abstimmungssonntagen bemerkbar. Die Stadt ist neben dem kleinen Schelten die einzige Gemeinde im Land, die die Initiative zur höheren Erbschaftssteuer angenommen hat. Es stellt sich daher die Frage, warum ein Land, das seit 1848 eine bürgerliche Mehrheit hat und stark von seiner Exportindustrie abhängig ist, einer Stadt, die das Gegenteil verkörpert, so viel Macht einräumt. Eine Lösung, um mit einem Schweizer Kompromiss aus dieser unbefriedigenden Situation herauszukommen, wäre, dem Beispiel des Kantons Thurgau zu folgen. Dort finden die Sitzungen des Grossen Rates an zwei Orten statt, im Winter in Weinfelden und im Sommer in Frauenfeld. Das Schweizer Parlament könnte die Hälfte des Jahres in Zug tagen, das pro Kopf am meisten in den Finanzausgleich einzahlt, und den Rest in Bern. So würden die Parlamentarier beide Seiten der Schweiz kennenlernen: diejenige, die zahlt, und diejenige, die ausgibt. *Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in* [*«Le Temps»*](https://www.letemps.ch/economie/le-parlement-ne-devrait-plus-sieger-uniquement-a-berne-le-canton-est-en-perte-de-vitesse-economique?ref=schweizermonat.ch)*.* ### Wir fördern die Einwanderung in den Sozialstaat URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-foerdern-die-einwanderung-in-den-sozialstaat/ Last updated: 2026-08-10T09:47:54.000Z _No content available._ ### Zusammen ist man weniger allein URL: https://www.schweizermonat.ch/zusammen-ist-man-weniger-allein/ Last updated: 2026-04-07T17:25:42.000Z Als Donald Trump kürzlich neue Importzölle verhängte, traf dies zahlreiche Handelspartner gleichzeitig. Doch statt gemeinsam zu reagieren, versuchte jedes Land zunächst, seinen eigenen Schaden zu begrenzen. Die Episode illustriert ein grundlegendes Problem unserer Zeit: In einer Welt, in der Grossmächte ihr wirtschaftliches Gewicht zunehmend als Druckmittel einsetzen, laufen kleine und mittlere Staaten Gefahr, allein unterzugehen. Wenn sie ihre Antworten nicht koordinieren, geraten sie nacheinander unter Druck oder werden in einen Machtblock absorbiert. Für die Schweiz ist das keine theoretische Frage. Zölle und politischer Druck auf Handelsbeziehungen betreffen das exportabhängige Land unmittelbar. Die Schweiz sollte ihre Souveränität nicht nur verteidigen, sondern aktiv zur Grundlage einer Zusammenarbeit kleiner und mittlerer Staaten machen. **Aufteilung der Welt in Machtblöcke** Die Spannungen nehmen zu. Russland führt Krieg in der Ukraine. China erhöht den Druck auf Taiwan. Die USA verhängen einseitig Zölle. Gleichzeitig vertieft die EU ihre Integration und bindet Partner enger an ihren Rechtsrahmen. Für kleine Staaten wächst damit der Druck, sich einem Machtblock anzuschliessen. Auch die Schweiz steht vor solchen Entscheiden. Grossmächte können Ländern, die nicht in der Lage sind, sich zu koordinieren, ihren Willen aufzwingen. Donald Trump würde davon abgehalten, seine Zölle einseitig zu erhöhen, wenn er befürchten müsste, dass der Rest der Welt sich zu einer gemeinsamen Gegenreaktion koordinieren kann. Doch er weiss, dass er Länder bilateral behandeln kann, indem er jedem von ihnen eine günstigere Behandlung in Aussicht stellt als den anderen. Und bei diesem Spiel geben fast alle Staaten nach. > Viele Länder stehen vor dem gleichen Problem: Sie wollen handeln, investieren und wachsen – ohne in geopolitische Abhängigkeit zu geraten. Hier liegt eine Chance. Die Schweiz ist wirtschaftlich stark, aber politisch klein. Ihr Wohlstand beruht auf offenen Märkten und verlässlichen Rahmenbedingungen. Gerät sie in die Abhängigkeit eines Machtblocks, verliert sie Handlungsspielraum. Am Ende geraten Souveränität und direkte Demokratie unter Druck. Doch die Alternative zu einem Machtblock ist nicht die Isolation. Es gibt einen dritten Weg. Statt sich einem Block anzuschliessen, könnte die Schweiz eine aktivere Rolle übernehmen. Viele Länder stehen vor dem gleichen Problem: Sie wollen handeln, investieren und wachsen – ohne in geopolitische Abhängigkeit zu geraten. Hier liegt eine Chance. **Handelsbeziehungen diversifizieren** Kleine und mittlere Staaten sollten ihre wirtschaftlichen Beziehungen untereinander ausbauen, um weniger abhängig von Grossmächten zu sein. Je breiter die Verflechtungen, desto geringer die Erpressbarkeit. Zugleich sollten sie sich darauf verständigen, den Handel untereinander nicht zu politisieren. Staatliche Eingriffe – zum Beispiel Sanktionen – sollten auf klar definierte Ausnahmefälle beschränkt bleiben. Diese Verpflichtungen wären verbindlich. Eine grössere Handelssicherheit zwischen diesen Ländern würde private Akteure dazu anregen, ihren Handel entsprechend umzulenken. Es ist wahrscheinlich, dass die Grossmächte nicht bereit sind, sich in der Nutzung staatlicher Eingriffe (zum Beispiel wirtschaftlicher Sanktionen) einzuschränken, und daher nicht an diesem Gremium von Staaten teilnehmen dürften. Dies schliesst vermutlich auch die EU‑Staaten aus, weil ihre Handelspolitik von der EU-Kommission geführt wird, die solche Verpflichtungen wohl ebenfalls nicht akzeptieren würde. Aber die meisten anderen Länder könnten teilnehmen. **Koordiniertes Vorgehen** Heute sieht man, wie einzelne Länder nachgeben, wenn sie bilateral mit einer Grossmacht verhandeln. Isoliert ist ihre Verhandlungsposition schwach. Gemeinsam könnten kleine und mittlere Staaten mehr Gewicht entfalten, wenn sie ihre Positionen abstimmen. Es geht dabei nicht um die Schaffung eines neuen politischen Blocks. Auch eine starre Allianz wäre nicht nötig. Denkbar wäre vielmehr ein institutionalisierter – aber bewusst schlank gehaltener – Rahmen, in dem kleine und mittlere Staaten ihre wirtschaftspolitischen Antworten koordinieren, Informationen austauschen und bei einseitigem Druck konsultativ vorgehen. > Gemeinsam könnten kleine und mittlere Staaten mehr Gewicht entfalten, wenn sie ihre Positionen abstimmen. Ein solcher Rahmen könnte in der Praxis relativ einfach funktionieren. Wenn eine Grossmacht einseitig wirtschaftlichen Druck ausübt – etwa durch Strafzölle, wie sie die USA unter Donald Trump gegenüber verschiedenen Handelspartnern verhängt haben –, könnten betroffene Staaten einander rasch konsultieren und ihr weiteres Vorgehen abstimmen. Statt einzeln zu reagieren und nacheinander unter Druck zu geraten, könnten sie beispielsweise gemeinsame Gegenmassnahmen beschliessen oder koordinierte Verhandlungen führen. Zusammen hätten sie ein grösseres wirtschaftliches Gewicht. Wichtig wäre dabei die Flexibilität. Nicht alle Staaten müssten sich an jeder Reaktion beteiligen. Vielmehr könnten sich jeweils jene Länder zusammenschliessen, die im konkreten Fall betroffen sind oder ein gemeinsames Interesse haben. Die Regeln und Instrumente würden daher von Fall zu Fall festgelegt. **Die Schweiz muss glaubwürdig sein** Die Schweiz könnte zum Katalysator einer solchen Koordination werden. Sie ist neutral, verfolgt keine geopolitischen Ambitionen, verfügt über grosse Erfahrung in internationalen Verhandlungen und beherbergt zahlreiche internationale Organisationen. Voraussetzung ist allerdings Glaubwürdigkeit. Wer selbst schrittweise Souveränität abgibt, kann andere kaum von eigenständiger Kooperation überzeugen. Indem die Schweiz ihre Souveränität klar behauptet und gleichzeitig eine koordinierte Zusammenarbeit kleiner Staaten anstösst, kann sie einen dritten Weg aufzeigen: Statt Teil eines Machtblocks kann sie Initiatorin eines stabilisierenden Rahmens für souveräne Länder sein. ### Kreative Zensoren und ihre willfährigen Helfer URL: https://www.schweizermonat.ch/kreative-zensoren-und-ihre-willfaehrigen-helfer/ Last updated: 2026-04-02T12:54:55.000Z «Grondements des Terres» ist eine Gruppe unsympathischer, verwirrter Klimaaktivisten. Sie tut verwerfliche Dinge und sagt bescheuerte Sachen. Die Schweizer Rechtsordnung schützt allerdings auch bescheuerte Aussagen von unsympathischen Wirrköpfen. Oder doch nicht? Das Vorgehen der Waadtländer Staatsanwaltschaft lässt Zweifel aufkommen. Sie hat Schweizer Internetprovider per Verfügung angewiesen, die [Website](https://grondementsdesterres.org/?ref=schweizermonat.ch) von «Grondements des Terres» zu sperren. Dabei hat sie sich eine äusserst kreative Interpretation der [Strafprozessordnung](https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2010/267/de?ref=schweizermonat.ch) einfallen lassen. Diese erlaubt es, «Gegenstände und Vermögenswerte» zu beschlagnahmen, etwa zur Sicherung von Beweismitteln. Die Staatsanwaltschaft hat nun das Sperren einer Website kurzerhand zur «Beschlagnahme» erklärt. Trotz der juristisch wackeligen Grundlage folgten die Internetanbieter der Aufforderung. Einzig Init7, ein kleiner Provider aus Winterthur, [wehrt](https://wnti.ch/a/ein-it-rebell-wehrt-sich-gegen-website-sperren?ref=schweizermonat.ch) sich gegen die Verfügung. Der [Fall](https://daslamm.ch/staatsanwaltschaft-sperrt-webseite-von-klimakollektiv/?ref=schweizermonat.ch) kommt vor Bundesgericht. **Kein Anlass für Sperren** Klar ist: «Grondements des Terres» ist gewaltbereit. Vergangenes Jahr verwüsteten die Aktivisten die Büros einer Offshore-Pipeline-Firma im Kanton Freiburg. Zudem bekannten sie sich zu einem Brandanschlag auf Baustellengeräte des Zementkonzerns Holcim. Auf der Website wird allerdings nirgends zu Gewalt aufgerufen, und es sind auch sonst keine Gesetzesverstösse ersichtlich. Die Website als solche scheint weder ein Gegenstand noch ein Vermögenswert für kriminelle Handlungen zu sein. Warum wird sie also gesperrt? Laut Fredy Künzler, CEO von Init7, handelt es sich um «politische Zensur». Der Fall zeigt, wie freihändig Behörden mit den gesetzlichen Grundlagen umgehen, um die Meinungsfreiheit einzuschränken, und wie willfährig Internetprovider dabei mitmachen. Man mag sich nicht ausdenken, was passiert, wenn dem Bundesamt für Kommunikation die Macht übertragen wird, ganze [Internetplattformen zu sperren](https://www.schweizermonat.ch/der-bundesrat-will-die-plattformregulierung-der-eu-auf-die-schweiz-uebertragen-stoesst-bei-den-parteien-aber-auf-kritik/), wie es der Gesetzesentwurf des Bundesrats zur Plattformregulierung vorsieht. Dann ist im digitalen Raum nichts und niemand mehr sicher, zensiert zu werden, oder kreativ ausgedrückt: beschlagnahmt zu werden. ### Droht der Schweiz der Winter Blackout? URL: https://www.schweizermonat.ch/droht-der-schweiz-der-winter-blackout/ Last updated: 2026-08-06T15:02:53.000Z _No content available._ ### Rambo ist keine Kampfmaschine, sondern eine Warnung URL: https://www.schweizermonat.ch/rambo-ist-keine-kampfmaschine-sondern-eine-warnung/ Last updated: 2026-04-13T12:22:24.000Z Der Journalist blättert während der Talksendung im Lokalfernsehen in meinem Buch [«Live Bold»](https://form.jotform.com/260445777134057?ref=schweizermonat.ch). Er hält an der Stelle inne, an der ich über Bücher und Filme für Männer schreibe. «Rambo?», sagt er und schaut auf. «Das ist doch einfach eine Kampfmaschine.» Ich muss lächeln. Denn genau hier liegt das Missverständnis: John Rambo ist keine Kampfmaschine. Er ist Odysseus – ein Heimkehrer. Im Film «First Blood» kehrt Rambo aus dem Vietnam-Krieg zurück – hochausgebildet, diszipliniert. Ein Mann, der funktioniert hat, als es darauf ankam. Und dann ist er zurück in seiner Heimat – und wird behandelt, als wäre er das Problem. Er verlangt nichts. Er will nur in Ruhe gelassen werden. Doch genau das wird ihm verweigert. Ab da geht es nicht mehr um Ordnung. Es geht ums Überleben. Die Frage ist nicht, warum Rambo eskaliert. Die Frage ist: Warum hat er keinen Platz mehr? Was wäre passiert, wenn Rambo nicht stark gewesen wäre? Er wäre zerbrochen – wie viele andere auch. Viele Vietnam-Veteranen landeten im Alkohol, in Drogen, in Isolation. Nicht, weil sie zu schwach waren, sondern weil sie nirgends mehr gebraucht wurden. Stärke ist nicht das Problem. Stärke ist ein Schutz der Würde. Und genau darin liegt die eigentliche Aktualität. **Eine Generation ohne Platz** Nicht gebraucht zu werden ist eines der schmerzhaftesten Gefühle überhaupt. Das betrifft nicht nur Soldaten. Es betrifft den Arbeiter, den CEO, den General nach der Pensionierung, den Spitzensportler ohne Stadion. Wenn Identität nur eine Rolle war, zerbricht sie, sobald diese Rolle verschwindet. Heute passiert etwas anderes: Nicht nur Einzelne verlieren ihren Platz. Eine ganze Generation wächst mit dem Gefühl auf, keinen zu haben – ob in der Schule, in den Medien oder in der Armee, die einst Stolz und Dienst war. Jungen hören früh: Sei weniger wild. Sei weniger dominant. Sei weniger männlich. Gleichzeitig hören sie kaum je, dass sie gebraucht werden. Was als Korrektur gedacht ist, kommt oft als Entwertung an. Daraus entsteht keine starke Männlichkeit, sondern eine unsichere. Keine gefestigte Stärke, sondern orientierungslose. Und aus dieser Spannung wachsen Rückzug oder Trotz – beides Ausdruck von Orientierungslosigkeit, nicht von Kraft. > «Nicht nur Einzelne verlieren ihren Platz. Eine ganze Generation wächst mit dem Gefühl auf, keinen zu haben.» Dabei ist die Realität einfacher, als viele glauben: Männer und Frauen sind unterschiedlich. Nicht besser, nicht schlechter, sondern ergänzend. Im Durchschnitt unterscheiden sich Interessen, Risikobereitschaft und Verhalten. Das ist keine Ideologie, sondern beobachtbar. Wer diese Unterschiede leugnet, verwirrt Identität. Und wer Identität verwirrt, erzeugt genau jene Unsicherheit, die er eigentlich bekämpfen wollte. **Radikale Selbstverantwortung** Was also tun? Rambo zeigt kein Ideal. Er zeigt ein Problem. Er ist stark, aber isoliert. Fähig, aber ohne Platz. Deshalb reicht Stärke allein nicht. Ein Mensch braucht Ordnung. Prioritäten. Verantwortung. Familie vor Status. Freundschaft vor Funktion. Ein Mann darf stark sein – aber er darf sich nicht nur über Stärke definieren. Die gefährlichste Botschaft unserer Zeit lautet: «Du wirst nicht gebraucht.» Wer das internalisiert, verliert sich selbst. Die Antwort ist weder Wut noch Rückzug. Die Antwort ist radikale Selbstverantwortung: zu wissen, wer man ist – auch ohne Titel, ohne Rolle, ohne Applaus. In einer Zeit, die den Mann entwertet, muss der Einzelne seine innere Ordnung wiederfinden. Das ist anstrengend. Aber es ist der einzige Weg zu wahrer Souveränität. Vielleicht lohnt es sich, «First Blood» noch einmal anzuschauen. Nicht als Actionfilm, sondern als Spiegel. Und vielleicht lohnt es sich, sich selbst die unbequeme Frage zu stellen: Wer bin ich, wenn die Rolle wegfällt, für die ich heute gebraucht werde? Wer darauf eine klare Antwort hat, ist nicht mehr manipulierbar. Und genau das ist Souveränität. ### Direkte Demokratie versus erleuchtete Technokraten URL: https://www.schweizermonat.ch/direkte-demokratie-versus-erleuchtete-technokraten/ Last updated: 2026-08-10T09:47:55.000Z _No content available._ ### Ohne Freiheit kein Fortschritt URL: https://www.schweizermonat.ch/ohne-freiheit-kein-fortschritt/ Last updated: 2026-03-31T18:03:38.000Z Der Begriff Freiheit wird nicht nur im Zusammenhang mit mündigen Individuen verwendet, sondern auch im Zusammenhang mit menschlichen Gemeinschaften. Dort bedeutet er Selbstbestimmung im Gegensatz zu Fremdbestimmung, aber wie das jeweilige «Selbst» seinerseits bestimmt wird, bleibt offen. Wirtschaftliche, politische und soziokulturelle Beziehungsnetze haben diesbezüglich unterschiedliche und konkurrierende Bestimmungsgrundlagen, und die Grundfrage, ob es sich um eine «Freiheit von etwas» (negative Freiheit) oder um eine «Freiheit zu etwas» (positive Freiheit) handelt, wird nicht beantwortet. Dass die beiden in der politischen Theorie verwendeten Adjektive «negativ» und «positiv» eine Bevorzugung der «Freiheit zu etwas» suggerieren, irritiert jeden Freiheitsfreund, der konsequent auf die «negative Freiheit» setzt, denn ein beherztes Nein zur Fremdbestimmung generiert mehr echte Freiheit als ein Ja zu verlockenden Zielbestimmungen, an die man dann seine Freiheit bindet. Was hat dies nun mit Fortschritt zu tun? Ohne menschliche Freiheit im Sinn von «Spielräumen» gäbe es überhaupt keine von Menschen bestimmte Entwicklung, weder zum Besseren noch zum Schlechteren. Europa kann nur mit grossen Vorbehalten als «Kontinent der Freiheit» und des «Fortschritts durch Freiheit» bezeichnet werden. Das Wesensmerkmal dieses Kontinents ist die Vielfalt, aufgrund der im Lauf der Geschichte politische Machthaber Freiheiten eingeschränkt haben, und die Vielfalt, mit der sich die Betroffenen – mehr oder weniger erfolgreich – dagegen wehrten und immer noch wehren. In Europa wurden in diesem Prozess wesentliche Elemente der Freiheitsidee entdeckt, erarbeitet und erprobt, und dies blieb nicht ohne positiven Einfluss auf die technische Zivilisation und die globale Entwicklung der Menschheit. «Fortschritt» ist stets kontrovers beurteilt worden. Es gab Fortschrittsgläubige, Fortschrittsskeptiker und Anhänger eines ambivalenten Mittelweges, die etwa in technischer Hinsicht Fortschritte feststellten, jedoch in sittlich-moralischer Hinsicht Rückschritte. Der wichtigste Motor zumindest des technisch-wirtschaftlichen Fortschritts ist die Knappheit, nicht die Freiheit. Aber man kann mit Knappheiten freiheitlich umgehen oder hoheitlich, und der freiheitlich- ökonomische Umgang mit Knappheit ist erfahrungsgemäss effizienter als der hoheitlich-politische. Der Mensch wurde mit guten Gründen als «Mängelwesen» definiert. Knappheit ist das lebensbestimmende Element, und die politisch-ökonomische Verheissung einer definitiven «Fülle für alle» ist eine gefährliche Illusion, die von «Sozialisten aller Parteien» immer wieder propagiert wird Dass Knappheit und Mangel als Promotoren jedes Fortschritts zu gelten haben, ist zunächst keine «frohe Botschaft». Schafft denn nur die Not die Tugend, und gibt es nach der erhofften Überwindung von Not keinen Fortschritt mehr? Tugend ist sprachgeschichtlich verwandt mit «taugen», und sie ist letztlich das, was in der Realität «taugt». Ist eine Gesellschaft, in welcher Charles Darwins «survival of the fittest» im Mittelpunkt steht, nicht in der Lage, gleichzeitig mit dem Wohlstand auch die moralische Regung der Sympathie zu vermehren? Die vulgäre und polemische Deutung von Marktwirtschaft und Wettbewerb führt zu einem grundlegenden Missverständnis der Evolutionstheorie. «The fittest» ist der am besten Passende, das heisst der optimal Angepasste und allgemein Akzeptierte, und das kann nie der Brutalste sein. Fitwerden heisst lebenslänglich lernen können. Der Mächtige ist nicht «fit», denn Macht ist nach der Definition des Politologen Karl W. Deutsch «die Fähigkeit, nicht lernen zu müssen». Adam Smith hat den Zusammenhang von moralischem Fortschritt und wirtschaftlichem Erfolg in seinen beiden Werken «The Theory of Moral Sentiments» und «The Wealth of Nations» bejaht und seine «unsichtbare Hand» sowohl als Movens der Wohlstandsmehrung wie auch als Agens der moralischen Verbesserung des Menschengeschlechts gedeutet. Möglicherweise war er zu optimistisch und – aus heutiger Sicht – zu fortschrittsgläubig. Ein herzloser amoralischer Materialist, für den der rein monetäre Profit zum allgemeingültigen Mass des menschlichen Wohlbefindens wird, war er jedenfalls nicht. Die Frage, was Fortschritt bedeutet und ob es so etwas wie Fortschritt überhaupt gibt, kann generell und losgelöst von Menschenbildern und Geschichtsbildern gar nicht abschliessend beantwortet werden. Selbst die Einschränkung auf den materiellen, technisch- wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt hilft nicht weiter, weil er die entscheidende Frage nach dem subtilen Zusammenhang mit einem moralischen Fortschritt offenlässt, eine Frage, die schon Rousseau aufgeworfen und negativ beantwortet hat. Ist der Mensch ein moralisch neutrales, biologisches Wesen, ist er von Grund auf gut oder schlecht oder gemischt, bald Engel, bald Teufel, ist er erlöst oder verdammt, ist er frei und verantwortlich oder genetisch programmiert, triebgesteuert und führungsbedürftig, oder ist er eine bunte Mischung, bei der sich von Fall zu Fall andere Schlüsse ziehen lassen? Ist der Mensch erziehbar, schwererziehbar oder hoffnungslos erziehungsresistent und damit fortschrittsunfähig? Gilt dies für jedes Individuum oder für Gruppen oder für das ganze Menschengeschlecht? Ein relativer Fortschritt bei einzelnen Individuen und Gruppen ist immerhin oft objektiv feststellbar. Ein genereller Fortschritt der gesamten Menschheit ist fragwürdiger. Haben die beiden Fortschrittstypen – der individuelle und der kollektive – einen Zusammenhang, und kann eine grössere Zahl von fortschrittlichen Individuen einen dauerhaften, das Individuum überlebenden Fortschritt der Gesamtheit bewirken? Die Beantwortung solcher Grundsatzfragen hängt letztlich vom Welt- und Menschenbild ab. Sie ist eher eine Frage des Bekenntnisses als der Erkenntnis. In diesem Umfeld bestimmt das individuelle Bewusstsein das Sein. Ob es einen Fortschritt gibt und was Fortschritt bedeutet, wirft neben der allgemeinen Frage nach dem Welt- und Menschenbild noch eine spezifischere Frage auf, die heute viele Menschen und auch viele Historiker relativ kalt lässt. Es ist die von Karl Jaspers in seinem Lebenswerk schon 1944 gestellte Frage nach dem «Ursprung und dem Ziel der Geschichte», und sie hängt sehr direkt mit dem Fortschrittsbegriff zusammen. Wer die Geschichte aus der Sicht der Bibel mit der Schöpfung, dem Paradies, mit der unschuldigen Natur, aus der der Mensch nach dem Sündenfall vertrieben wurde, beginnen lässt und mit dem «Jüngsten Gericht», der Versöhnung von Gott, Mensch, Natur und Kultur, abschliesst, der wird das Problem des Fortschritts anders sehen als jemand, der mit dem von Ovid besungenen antiken Weltbild des schrittweisen Zerfalls von Zeitaltern vertraut ist. Und wer die Ankunft des Messias noch erwartet, wird ein anderes Fortschrittsbild entwerfen, als wer an die Erlösung durch den Opfertod und die Auferstehung des Erlösers als ein historisch fassbares Ereignis glaubt. Wieder anders erlebt der fortschrittsgläubige Aufklärer die Geschichte, nämlich als eine kontinuierliche «Erziehung des Menschengeschlechts», das erfahrungsgemäss schwererziehbar, aber vielleicht doch nicht gänzlich erziehungsresistent ist. Neben dem Modell des Anfangs und Endes gibt es auch die zyklischen Theorien von der ewigen Wiederkehr gleicher Muster, von der durch Evolution und Zufall gesteuerten Natur. Beweisen lässt sich keine dieser Sichtweisen, aber der Mensch ist frei, sich für eine zu entscheiden. Einen Fortschritt im eigenen Denken mögen wohl auch die konsequentesten Fortschrittsskeptiker nie ganz ausschliessen. ### Die Schweiz verbaut sich ihre Zukunft URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-verbaut-sich-ihre-zukunft/ Last updated: 2026-04-01T10:13:54.000Z Die Schweiz soll bis 2050 netto null CO2\-Emissionen verursachen. Das hat das Stimmvolk 2023 [entschieden](https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/abstimmungen/20230618/klimagesetz.html?ref=schweizermonat.ch). Ein wichtiger Hebel ist dabei das Wohnen. Der Gebäudebereich ist für [rund einen Viertel](https://www.bafu.admin.ch/de/treibhausgasinventar?ref=schweizermonat.ch) der Emissionen verantwortlich. Um das Emissionsziel zu erreichen, müssten pro Jahr rund 40 000 fossile Heizungen ersetzt werden. Wie die Grossbank UBS in ihrer jüngsten [«Real Estate Focus»](https://www.ubs.com/global/de/media/display-page-ndp/de-20260326-real-estate-focus-2026.html?ref=schweizermonat.ch)\-Studie schreibt, hinkt die Schweiz diesem Ziel allerdings weit hinterher. Vergangenes Jahr sank die Zahl der Heizungserneuerungen sogar auf 25 000. **Lose-lose-lose** Ein wesentlicher Grund dafür sind die zahlreichen einengenden Bauvorschriften. Der Kanton Zürich stimmt im Juni über die sogenannte [Wohnschutz-Initiative](https://app.statistik.zh.ch/wahlen%5Fabstimmungen/prod/Actual/Det/1%5F1%5F20260614/548604/Abstimmungen/Informationen?ref=schweizermonat.ch) ab. Diese will Mietpreiserhöhungen nach Sanierungen massiv erschweren. Bloss: Wenn ein Eigentümer die Kosten nicht über Mieten finanzieren kann, wird er im Zweifelsfall auf eine Sanierung verzichten. Basel-Stadt ist diesbezüglich ein warnendes Beispiel: Seit der Kanton eine ähnliche Regulierung eingeführt hat, gibt es massiv weniger Wohnungssanierungen. Die Zahl der Baugesuche brach um [80 Prozent](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-svit-ch/sites/default/files/2025-01/svit%5Fbasel%5Fde%5F2501.pdf) ein. Der Kanton Genf, der schon länger entsprechende Regeln kennt, hat schweizweit den tiefsten Anteil ökologischer Heizungen. Und die Mieter haben nicht einmal etwas davon: Die Angebotsmieten in der Stadt Genf sind die [höchsten](https://www.wuestpartner.com/ch-de/produkt/immobilienmarkt-schweiz-2026-1/?ref=schweizermonat.ch) der Schweiz. Die einengenden Bauvorschriften führen zu einer Lose-lose-lose-Situation: Es gibt weniger Wohnungen, und jene, die es gibt, sind teurer, schlechter – und umweltschädlicher. Der Elefant im Raum, über den in der Wohnpolitik niemand spricht, ist die Zuwanderung. In den vergangenen 20 Jahren ist die Bevölkerung um rund 20 Prozent gewachsen – wesentlich getrieben durch die Personenfreizügigkeit. Man kann diesen Zustrom befürworten, wie das die Linke tut. Aber er hat nun einmal Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt und die Treibhausgasemissionen. Diese zu ignorieren oder zu glauben, man könne die Probleme mit immer neuen Vorschriften wegregulieren, ist gefährlich naiv. Wenn die Schweizer Häuser ökologischer werden sollen, führt kein Weg daran vorbei, das (Um-)Bauen deutlich einfacher zu machen. Zu befürchten ist allerdings, dass genau das Gegenteil passieren wird: Je teurer es ist, Wohnungen zu erstellen und zu erneuern, desto teurer werden die Mieten – und desto lauter werden die Rufe nach noch mehr Regulierung. ### Wenn Moralismus die Kunst verdrängt URL: https://www.schweizermonat.ch/wenn-moralismus-die-kunst-verdraengt/ Last updated: 2026-08-10T09:47:55.000Z _No content available._ ### Zahlen lügen nicht – und doch sagen sie nicht alles URL: https://www.schweizermonat.ch/zahlen-luegen-nicht-und-doch-sagen-sie-nicht-alles/ Last updated: 2026-05-15T12:39:47.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/jrg\_scheller\_male.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/jrg%5Fscheller%5Fmale.mp3) Sportuhren stehen unter kulturkritischem Verdacht. Viele Menschen wachen morgens auf und blicken als Erstes nicht liebevoll auf das Gesicht des noch schlafenden Partners, sondern auf ihre Sportuhr. Diese informiert sie über den «Sleep Score», trackt tagsüber die Vitalfunktionen, zählt Schritte, misst die Leistung beim Sport und erstellt allerlei Prognosen in Form von nüchternen Zahlenwerten. Es liegt nahe, sie reflexhaft als Symptome einer kalten, wissenschafts- und technikgläubigen Moderne zu deuten, die alles dem Diktat der Vermessung, Objektivierung, Quantifizierung, Rationalisierung und Optimierung unterwirft. In dieser Hinsicht sind sich Rechtskonservative und Linksprogressive in ihren Diagnosen überraschend einig. Der Philosoph Martin Heidegger warnte schon 1938 in seinem Aufsatz «Die Zeit des Weltbildes» vor dem «rechnenden Menschen» und vor der *«uneingeschränkten Gewalt der Berechnung, der Planung* und der Züchtung aller Dinge». Die westliche Moderne geisselte er als «planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen» – nur, um sich in den Dienst der Nazis zu stellen, die Emotionen und Mythos verhiessen, aber umso gewaltsamer planten und züchteten. Heutige Linke wiederum sehen in der Sportuhr eine Erfüllungsgehilfin des Neoliberalismus. Aus ihrer Sicht geht dieser mit der von Gilles Deleuze diagnostizierten «Kontrollgesellschaft» einher, mithin einer Gesellschaft, in der das Individuum die ungerechten Machtverhältnisse derart internalisiert hat, dass es sich selbst überwacht und diszipliniert. Das Individuum fühlt sich zwar frei, doch tatsächlich folgt es der Ideologie des auf permanentem Leistungszuwachs basierenden kapitalistischen Systems. Sogar ohne direkten Zwang unterwirft es sich dem Diktat des Zählens, Berechnens, Optimierens, als sei das Individuum eine Fabrik statt ein Mensch. **Subjektives Erleben** Ich persönlich trage seit einigen Jahren eine Sportuhr und sehe das Problem eher in der Frage, wer die Hoheit über unsere Daten hat und Kapital daraus schlägt. Ansonsten habe ich mit der Sportuhr philosophische Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte. Um diese zu erläutern, muss ich etwas ausholen – einer liberalen Leserschaft sollten die Herausforderungen eines kleinen philosophischen Denkhürdenlaufs ja zumutbar sein! Der Philosoph Henri Bergson unterschied zwischen der quantitativ gemessenen Zeit (*temps spatialisé*) und der qualitativ erlebten Zeit (*durée*). Erstere ist die Zeit der Technik und der Naturwissenschaften. Sekunden. Minuten. Stunden. Mit normierten, diskreten Einheiten, die Vergleichbarkeit ermöglichen, macht sie die Taktung der modernen Welt erst möglich. Letztere ist die Zeit, die sich nicht in Zahlenreihen ausdrücken lässt. Sie ist subjektives, inneres, zusammenhängendes Erleben. Wer im Alltag eine Sportuhr mit den üblichen Trackingfunktionen trägt, lebt in zwei Zeitwelten gleichzeitig, die mal kollidieren, mal harmonieren. Die Sportuhr hat mein Erleben der *durée* nicht ersetzt, sondern im Gegenteil verstärkt. Manchmal habe ich objektiv lang und gut geschlafen, aber subjektiv nicht. Manchmal laufe ich und sehe auf der Uhr, dass meine Pace sieben Minuten pro Kilometer ist. Doch es fühlt sich an wie eine Pace von fünf Minuten. Objektiv messbare Zeit und subjektiv empfundene Zeit klaffen auseinander. Es mag ein wenig pathetisch klingen, aber ich glaube, dass genau in dieser Kluft das liegt, was das Menschliche ausmacht. Wir sind einerseits Maschinen. In unseren Körpern wirken physikalische Kräfte. Wir sind durchpulst von elektrischen Strömen. Chemische Reaktionen laufen in uns ab. Vieles davon ist berechenbar. Gleichzeitig sind wir Wesen, die sich nicht auf diese ihre Strukturen reduzieren lassen. Die Summe unserer berechenbaren Teile ist etwas anderes als diese Teile. In der Philosophie spricht man in diesem Fall von «Emergenz». Die Sportuhr hat meinen Sinn für Emergenz dialektisch geschärft. Ich weiss und fühle heute genauer, welche Seiten meiner selbst maschinenähnlich sind und welche nicht. So erinnert mich die Sportuhr täglich an einen Satz der Philosophin Donna Haraway: Mitunter müsse man «unvereinbare Dinge beieinander halten, weil beide oder alle notwendig und wahr sind». ### Die Umwelt braucht nicht weniger Kinder – sondern mehr! URL: https://www.schweizermonat.ch/die-umwelt-braucht-nicht-weniger-kinder-sondern-mehr/ Last updated: 2026-08-10T09:47:56.000Z _No content available._ ### Iran, US-Geopolitik und die Weltwirtschaft URL: https://www.schweizermonat.ch/iran-us-geopolitik-und-die-weltwirtschaft/ Last updated: 2026-08-10T09:47:56.000Z _No content available._ ### Kinder fürs Klima URL: https://www.schweizermonat.ch/kinder-fuers-klima/ Last updated: 2026-04-01T09:42:56.000Z Auf die «Flugscham» folgt die «Kinderscham». Viele Klimaaktivisten propagieren den Verzicht auf Kinder, um die Umwelt zu retten. Mathias Plüss, Autor des Buches «Weniger ist weniger», formuliert es so: «Das Zauberwort heisst ‹weniger›. Weniger Konsum. Weniger Fleisch (…) Weniger Haustiere, weniger Kinder.» Die demokratische amerikanische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez stellte [die Frage](https://thehill.com/policy/energy-environment/431440-ocasio-cortez-in-face-of-climate-change-its-legitimate-to-ask-if-ok/?ref=schweizermonat.ch), ob es moralisch überhaupt noch vertretbar sei, Kinder zu haben. Die «Birthstrike»-Bewegung verneint diese Frage. Die Untergangspropheten gehen allerdings von einer falschen Prämisse aus, ähnlich wie Thomas Malthus: Im 18\. Jahrhundert prophezeite der britische Ökonom eine grosse Hungersnot infolge des Bevölkerungswachstums. Passiert ist das Gegenteil. Und das ist logisch. Der technische und wirtschaftliche Fortschritt im Zuge der industriellen Revolution hat uns reich gemacht – nicht nur materiell, auch sozial und kulturell. Über Jahrtausende lebte fast die Hälfte der Menschen nicht bis ins Erwachsenenalter. Heute sind es weltweit noch etwa [4 Prozent](https://ourworldindata.org/child-mortality?ref=schweizermonat.ch), in der Schweiz 0,4 Prozent. Die Befürworter der Kinderlosigkeit glauben, dass der Fortschritt der Menschheit am Ende sei. Verzicht wird als ultimative Lösung im Kampf gegen den Klimawandel propagiert. Aber in Bezug auf Kinder könnte genau das Gegenteil der Fall sein. Die westlichen Industrieländer haben in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte im Umwelt- und Gesundheitsschutz gemacht. In der Schweiz sind viele Seen inzwischen zu sauber für die Fische. Auch der CO2\-Ausstoss pro Kopf ist deutlich gefallen, obwohl die Wirtschaft konstant wächst. Die Emissionen haben sich vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt, wie Andrew McAfee in seinem Buch [«More from Less»](https://www.andrewmcafee.org/books/more-from-less?ref=schweizermonat.ch) eindrücklich aufzeigt. Wollen wir das Problem der Klimaerwärmung lösen, brauchen wir dringend mehr kreative, gut ausgebildete Menschen. Der Weg dazu ist klar: mehr Kinder. > «Lassen Sie sich also nicht von den misanthropischen > Untergangspropheten und Verzichtsheuchlern ins Bockshorn jagen.» Lassen Sie sich also nicht von den misanthropischen Untergangspropheten und Verzichtsheuchlern ins Bockshorn jagen. Wenn Sie wirklich etwas für die Umwelt tun wollen: Zeugen Sie Kinder. Je mehr, desto besser. ### Ein Weckruf für die Schweiz URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-weckruf-fuer-die-schweiz/ Last updated: 2026-08-10T09:47:57.000Z _No content available._ ### Woke Denkverbote URL: https://www.schweizermonat.ch/woke-denkverbote/ Last updated: 2026-08-05T11:19:43.000Z _No content available._ ### Meinungsfreiheit ist extrem mühsam – und extrem wichtig URL: https://www.schweizermonat.ch/meinungsfreiheit-ist-extrem-muehsam-und-extrem-wichtig/ Last updated: 2026-08-10T09:47:57.000Z _No content available._ ### Unternehmertum im Realitätscheck: Was die Jungen glauben – und Entrepreneure sagen URL: https://www.schweizermonat.ch/unternehmertum-im-realitaetscheck-was-die-jungen-glauben-und-entrepreneure-sagen/ Last updated: 2026-05-15T15:05:16.000Z _No content available._ ### Hate Speech is Useful Speech URL: https://www.schweizermonat.ch/hate-speech-is-useful-speech/ Last updated: 2026-08-06T14:44:57.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://schweizermonat.ch/wer-versteht-hasst-nicht-denn-hass-entsteht-durch-unwissen/?ref=schweizermonat.ch). I attended Princeton University from 1960 to 1964\. I was a Jew from Brooklyn, a largely Jewish borough of New York City. Back then, Princeton was an oddity. It was, one might say, a Southern school in the North. Fully 53 percent of its students were from south of the so-called Mason-Dixon Line that demarcates the American South from the North – replicating, more or less, the two sides that had fought the American Civil War. Further, it was “lily white,” having no black students (except for seven Africans, each the son of a head of state) and only one Chinese (a physics genius). I was one of a dozen Jews, each one having graduated first in his high school class. So, there I was, a Jewish kid from Brooklyn stuck on an anti-Semitic campus. Upper classmen would call me derogatory names – “kike” being the most common. One would think that I was miserable. However, I realized that I was getting an elite education at an elite school, and so I simply toughened up. Besides, so-called “hate speech” can be very useful as it tells one on whom not to turn one’s back. ## Among Open Enemies Back in the sixties one knew who thought what, and that was known by all, as my friend Steven Pinker would put it: we had common knowledge of who believed what. Nowadays, with the level of political correctness in universities, it is harder than ever to discern who is with you and who is not. Finding your group has become especially hard if you don’t agree with the dominant progressive agenda. It was at Princeton that I first took seriously the childhood ditty: “Sticks and stones may break my bones, but names can never harm me.” And it was at Princeton that I became a free speech absolutist. My bookshelf reflected my life experiences. Among its volumes stood my first book, “The Shadow University”, co-authored with Alan Charles Kors, which examined the rise of speech codes on American campuses. Next to it was “The War on Words” by Greg Lukianoff and Nadine Strossen. Lukianoff is the current CEO of the Foundation for Individual Rights and Expression (FIRE), an organization Kors and I co-founded in 1999, while Strossen is the former president of the American Civil Liberties Union. Across the years I have made several friends who are also fierce free speech defenders. They include Harvard Law School Professor Randall Kennedy, the author of “Nigger: The Strange Career of a Troublesome Word” and the already mentioned Steven Pinker. When the HLS faculty members urged Kennedy to substitute “the n-word” for “Nigger”, Kennedy, who himself is black, refused. It would be ironic, he explained, to duck using the actual word about which he wrote. Pinker has, for his part, gotten into serious controversy when he delved into how biological differences create sex disparities in science and engineering. Both Kennedy’s and Pinker’s controversies represent the increase in censorship attempts, weaponizing the concept of hate to achieve it. ## From Blasphemy to Hate Speech Laws against hate speech reduce the range of acceptable criticism towards dominating ideas. Once subjective harm becomes the legal standard, speech is judged by its reception, giving authorities complete discretion over what can be said, making the critic jump through hoops. This is a defensive ditch – a form of intellectual protectionism. Censors need dissent to be evident; this is why they hold ideas that are clearly ridiculous. For example: “Sex does not exist, since males can become females and vice-versa.” If someone brings up the very obvious field of knowledge known as biology, it is tagged as hateful, the new word for blasphemy. Thus bringing up a 1,5 billion years old “invention” – sex – is deemed hate speech. This is an age-old censorship mechanism; if one doubted that a virgin gave birth to Jesus, the only son of the Creator of the Universe, it was considered blasphemous. Fortunately, over the centuries, the censoring features of Christianity have faced sufficient external pressure to accept criticism to a higher extent than was the case in previous centuries. We have to keep the liberal pressure going. > «This is an age-old censorship mechanism; if one doubted that a virgin gave birth to Jesus, the only son of the Creator of the Universe, it was considered blasphemous» ## The Enlightenment Bargain Hatred and censorship are an unenlightened dyad. They are used as justification for each other. They are both uncivilized, primal reactions that seek a short-term solution to each other. This is why we should serve them a metaphorical double punch. They shouldn’t themselves be answered with censorship or hatred; we should know better. I co-founded FIRE in 1999 to enforce the right to express oneself that is enjoyed in the US. A person who understands is not a hater. Hatred is a by-product of ignorance. People often fear what they do not understand. Knowledge of human nature dissolves hatred, and censorship. As the great Russian writer Anton Chekhov put it: “Man will become better when you show him what he is like.” The solution is to replace ignorance with knowledge, and confusion with clarity. In the clash between the right and wrong ideas, the right ones usually prevail. We wouldn’t have a judicial system if this wasn’t true. Sunlight really is the best disinfectant. > «Now everyone looks different but is supposed to think alike» Society has grown more rational and liberal not by the decree of kings or popes, but because the tools of reason – logic, science, and a commitment to facts – have spread and become part of everyday life. Our task now is to extend these tools further. Create a stronger expectation of adherence to the rules of science. That attempts to censor hate speech are sold as attempts to protect minorities is a tremendous irony. Intellectual minorities are now the actual oppressed minorities: now everyone looks different but is supposed to think alike. By defending the principles of the Enlightenment, we deliver a double blow against censorship: We make censorship weaker and eliminate a big excuse for it. Dare to understand. ### Wer versteht, hasst nicht, denn Hass entsteht durch Unwissen URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-versteht-hasst-nicht/ Last updated: 2026-03-27T13:30:50.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/hate-speech-is-useful-speech/). Ich habe von 1960 bis 1964 an der Princeton University studiert. Ich war ein Jude aus Brooklyn, einem mehrheitlich jüdischen Stadtbezirk von New York City. Princeton war damals eine Besonderheit. Man könnte sagen, es war eine südliche Hochschule im Norden. Ganze 53 Prozent der Studierenden stammten aus den Staaten südlich der sogenannten Mason-Dixon-Linie, welche im Amerikanischen Bürgerkrieg die Trennlinie zwischen den Staaten des Nordens und des Südens markierte. Zudem war Princeton «lilienweiss». Es gab keine schwarzen Studierenden, abgesehen von sieben Afrikanern, allesamt Söhne von Staatsoberhäuptern, und nur einen einzigen Chinesen, ein Physikgenie. Wir waren ein Dutzend Juden, jeder von uns Jahrgangsbester seiner Highschool. Dort sass ich also, ein jüdischer Junge aus Brooklyn, auf einem antisemitischen Campus. Ältere Studenten riefen mir Schmähungen zu; «kike» war das häufigste Schimpfwort. Man könnte annehmen, ich sei unglücklich gewesen. Doch ich wusste, dass ich an einer Eliteuniversität eine Eliteausbildung erhielt, also härtete ich mich innerlich ab. Zudem kann Hassrede sehr nützlich sein, denn sie verrät einem, wem man besser nicht den Rücken zukehren sollte. ## Umschreibung des N-Wortes In den Sechzigerjahren wusste man, wer was dachte, und alle wussten, dass es alle wussten. Mein Freund Steven Pinker würde sagen, wir verfügten über [gemeinsames Wissen](https://schweizermonat.ch/ich-weiss-etwas-das-du-auch-weisst-aber-weisst-du-auch-dass-ich-es-weiss/?ref=schweizermonat.ch) darüber, wer welche Überzeugungen vertrat. Heute, angesichts des Niveaus der politischen Korrektheit an Universitäten, ist es schwieriger denn je zu erkennen, wer auf welcher Seite steht. Die eigene Gruppe zu finden, ist besonders dann schwierig geworden, wenn man der dominierenden progressiven Agenda nicht zustimmt. In Princeton nahm ich den Kinderreim «Sticks and stones may break my bones, but names can never harm me» zum ersten Mal ernst. Dort wurde ich zum kompromisslosen Verteidiger der Redefreiheit. > «Kann Hassrede sehr nützlich sein, denn sie verrät einem, wem man besser nicht den Rücken zukehren sollte.» Mein Bücherregal spiegelte meine Lebenserfahrungen. Dort stand mein erstes Buch «The Shadow University», das ich gemeinsam mit Alan Charles Kors verfasst hatte und das den Aufstieg von Sprachkodizes an amerikanischen Hochschulen untersuchte. Als Mitglieder der juristischen Fakultät dem Harvard-Rechtsprofessor Randall Kennedy, Autor von «Nigger: The Strange Career of a Troublesome Word», nahelegten, in seinem Buch statt «Nigger» die Umschreibung «the n-word» zu verwenden, lehnte er ab. Es wäre ironisch, erklärte er, ausgerechnet das Wort zu meiden, über das er schreibe. Mein Freund Steven Pinker wiederum geriet in erhebliche Kontroversen, als er untersuchte, wie biologische Unterschiede zu geschlechtsspezifischen Ungleichverteilungen in Wissenschaft und Technik beitragen. Sowohl die Kontroversen um Kennedy als auch jene um Pinker stehen exemplarisch für die Zunahme von Zensurbemühungen, bei denen der Hassbegriff strategisch instrumentalisiert wird. ## Von der Blasphemie zur Hassrede Gesetze gegen Hassrede verengen den Bereich zulässiger Kritik an dominierenden Ideen. Wenn subjektive Kränkung zum rechtlichen Massstab wird, werden Meinungen nach ihrer Wirkung bewertet, und die Behörden erhalten ein weites Ermessen darüber, was gesagt werden darf. Der Kritiker wird in eine defensive Position und zu immer neuen Rechtfertigungen gedrängt. Das ist eine Form von intellektuellem Protektionismus. Zensoren sind darauf angewiesen, dass Dissens offen zutage tritt. Deshalb halten sie bisweilen auch an absurden Behauptungen fest, etwa: «Geschlecht existiert nicht, da Männer zu Frauen werden können und umgekehrt.» Wer in einem solchen Moment auf das naheliegende Wissensgebiet der Biologie verweist, wird als hasserfüllt etikettiert. Hass ist zum neuen Wort für Blasphemie geworden. So gilt es als Hassrede, auf eine rund 1,5 Milliarden Jahre alte «Erfindung» hinzuweisen, nämlich auf das Geschlecht. Der Mechanismus der Zensur ist uralt. Wer einst bezweifelte, dass eine Jungfrau Jesus, den einzigen Sohn des Schöpfers des Universums, geboren habe, galt als blasphemisch. Glücklicherweise sah sich das Christentum im Laufe der Jahrhunderte ausreichend externem Druck ausgesetzt, um Kritik in weit höherem Masse zuzulassen als in früheren Zeiten. Dieser liberale Druck muss aufrechterhalten werden. ## Der aufklärerische Pakt Hass und Zensur bilden ein unaufgeklärtes Gespann. Sie dienen einander als Rechtfertigung. Beide sind unzivilisierte, archaische Reaktionen, die jeweils im Gegenüber ein kurzfristiges Heilmittel sehen. Deshalb sollten wir ihnen einen doppelten, metaphorischen Schlag versetzen. Wir dürfen ihnen nicht mit Zensur oder Hass begegnen. Wir sollten es besser wissen. 1999 habe ich die Organisation FIRE mitgegründet, um das in den Vereinigten Staaten geltende Recht auf freie Meinungsäusserung zu verteidigen und durchzusetzen. Wer versteht, hasst nicht. Hass ist ein Nebenprodukt von Unwissen. Menschen fürchten häufig, was sie nicht verstehen. Erkenntnis über die menschliche Natur löst Hass auf und mit ihm den Impuls zur Zensur. Wie der grosse russische Schriftsteller Anton Tschechow formulierte: «Der Mensch wird besser, wenn man ihm zeigt, wie er ist.» Die Lösung besteht darin, Unwissen durch Wissen zu ersetzen und Verwirrung durch Klarheit. Prallen richtige und falsche Ideen aufeinander, setzen sich in der Regel die richtigen durch. Wäre es anders, gäbe es kein Justizsystem. Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel. > «Wer versteht, hasst nicht. Hass ist ein Nebenprodukt von Unwissen.» Die Gesellschaft ist nicht durch Dekrete von Königen oder Päpsten rationaler und liberaler geworden, sondern weil sich die Werkzeuge der Vernunft, Logik, Wissenschaft und die Bindung an Tatsachen verbreitet und im Alltag verankert haben. Unsere Aufgabe besteht nun darin, diese Werkzeuge weiter auszudehnen und die Erwartung zu stärken, dass die Regeln wissenschaftlichen Denkens eingehalten werden. Es ist eine tiefgreifende Ironie, dass Versuche, Hassrede zu zensieren, als Schutz von Minderheiten verkauft werden. Heute sind es die intellektuellen Minderheiten, die tatsächlich unter Druck stehen. Äusserlich soll jeder verschieden sein, im Denken jedoch möglichst gleich. Indem wir die Prinzipien der Aufklärung verteidigen, versetzen wir der Zensur einen doppelten Schlag. Wir schwächen sie und entziehen ihr zugleich einen ihrer zentralen Vorwände. Wage es, zu verstehen. ### Lob der Andersdenkenden URL: https://www.schweizermonat.ch/lob-der-andersdenkenden/ Last updated: 2026-03-27T13:36:11.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/in-praise-of-dissenters/). «Es ist schon sonderbar, dass Leute die Gültigkeit der Gründe der Meinungsfreiheit anerkennen, sich aber dagegen verwahren, dass man ihre Anwendung ‹aufs Äusserste treibe›, ohne anzuerkennen, dass, wenn diese Gründe nicht für äusserste Fälle taugen, sie überhaupt nicht taugen.» [1](#fn:1) Aus dieser Überlegung heraus hat der Philosoph und Nationalökonom John Stuart Mill zusammen mit seiner Frau Harriet Taylor in ihrem Werk «On Liberty» (1859) einige Grundprinzipien formuliert. Ihr Schlüsselwerk in der Ideengeschichte des Liberalismus hat nichts an Aktualität verloren. Am eigenen Leibe haben sie die Engstirnigkeit und den Puritanismus des viktorianischen Zeitalters erlebt. Sie liebten sich, obwohl Harriet noch verheiratet war, sie arbeiteten zusammen und schrieben gemeinsam über Freiheit und Frauenrechte. Und debattierten in ihren Salons mutig über Meinungsfreiheit und überkommene Moralvorstellungen. Auch ohne staatlichen Zwang galt damals die soziale Tyrannei allen, die vom Gewohnten und Üblichen abwichen. Political Correctness war als Begriff noch unbekannt, doch die sozialen Mechanismen und Dynamiken funktionierten damals natürlich auch schon. Gemäss ihren Prinzipien umfasst das eigentliche Gebiet der menschlichen Freiheit deshalb «das innerliche Reich des Bewusstseins und begründet so die Forderung nach Gewissensfreiheit im umfassenden Sinne, Freiheit des Denkens und des Fühlens, unbedingte Freiheit der Gesinnung und des Urteils in allen Angelegenheiten praktischer, philosophischer, wissenschaftlicher, sittlicher und theologischer Art. Das Recht, Meinungen frei zu äussern und zu veröffentlichen, scheint unter ein anderes Prinzip zu fallen, da es Handlungen angeht, die das Interesse anderer betreffen; da es jedoch fast ebenso wichtig wie die Denkfreiheit selbst ist und zum grossen Teil auf denselben Gründen beruht, ist es von ihr praktisch nicht zu trennen.» ## Aufgepasst bei heiklen Themen Die Meinungsfreiheit, als ein über Jahrhunderte hart erkämpftes Recht, zählt bis heute zu den nicht verhandelbaren Kernelementen einer freiheitlichen Demokratie. Sie kann mitunter hart, verletzend, brüskierend oder überzogen sein – aber das müssen wir in unserer offenen Gesellschaft aushalten können. Begrenzt wird sie allein durch Recht und Gesetz. Sollte man meinen. Warum glauben dann laut Erhebungen des Allensbacher Instituts für Demoskopie fast die Hälfte der Deutschen, man müsse vorsichtig sein, seine politische Meinung öffentlich zu äussern – besonders, wenn es um sogenannte heikle Themen geht? Trotz der rechtlich garantierten Meinungsfreiheit ist diese offenkundig in den vergangenen Jahren zunehmend unter Druck geraten. Das betrifft vor allem die Themen Migration, Islam und Gendern. Auf dem Höhepunkt der woken Welle hat es zum Beispiel ein neuer Begriff aus den Seminarräumen der Universitäten bis in die Redaktion der «Tagesthemen» der ARD geschafft: In einer Meldung war nicht mehr von Müttern die Rede, sondern stattdessen von «gebärenden Personen». Auch «menstruierende Personen» hatten zu diesem Zeitpunkt anstelle des altmodischen Wortes «Frau» Eingang in den Literaturbetrieb gefunden. Ist diese Transformation einfach unter die Freiheit der Meinung zu subsumieren? Ist es bloss linker «Haltungsjournalismus»? Oder gar ein notwendiger Prozess sprachlichen Fortschritts? Ist es Ausdruck unserer Pluralität, wenn Begriffe aus den umstrittenen Critical Social Justice Theories – von den Gender Studies bis zu den Postcolonial Studies – Eingang in die Nachrichten- und Alltagssprache finden? Auch der von der islamistischen Muslimbruderschaft geprägte Begriff des «antimuslimischen Rassismus» hat inzwischen seinen Weg in die Verlautbarungen vieler Stadtregierungen und staatlicher Bildungsprogramme gefunden. Diese Entwicklung hat in weiten Teilen der Bevölkerung zu erheblichen Irritationen geführt. Die Aversionen gegenüber Political Correctness und Wokeness sind heftiger geworden. Ähnliches zeigt sich in der Debatte um staatliche Massnahmen gegen Hass und Hetze. Wer definiert nach welchen moralischen und politischen Kriterien, was als Hass und Hetze gilt? Wer definiert die sogenannte Grenze des Sagbaren? Diese Grenzziehungen sind immer dem Zeitgeist geschuldet. In der Regel entscheidet nicht eine Mehrheit der Bevölkerung darüber. Denn selbst kleine Minderheiten, die ihre Anliegen lautstark propagieren, können den Eindruck erwecken, es handle sich um eine Mehrheitsmeinung, obwohl dies gar nicht zutrifft. Gerade bei kontroversen und emotional stark besetzten Themen kann man diese Dynamik beobachten. Die Schweigespirale kommt in Gang, wenn laute Meinungsäusserungen auf breites Schweigen treffen. Im Struktur- und Kulturwandel unserer Öffentlichkeit im Zuge der digitalen Revolution haben sich diese Mechanismen massiv verstärkt. Entsprechend hat sich die Diskursatmosphäre in den letzten 20 Jahren fundamental verändert. > «Wer definiert nach welchen moralischen und politischen Kriterien, was als Hass und Hetze gilt? Wer definiert die sogenannte Grenze des Sagbaren? Diese Grenzziehungen sind immer dem Zeitgeist geschuldet. In der Regel entscheidet nicht eine Mehrheit der Bevölkerung darüber.» Auf der einen Seite beobachten wir eine Kultur der «Safe Spaces», zunächst vor allem an den Universitäten gepflegt, die längst Eingang in die Gesellschaft insgesamt und die allgemeine Öffentlichkeit gefunden hat. Verletzte Gefühle zählen dabei weitaus mehr als Argumente und Sachlichkeit. Oft ist von traumatischen Erfahrungen die Rede, die aktuell sein oder Jahrhunderte zurückliegen können. Immer mehr Triggerwarnungen werden angezeigt, die vor den Zumutungen der Welt und anderer Menschen schützen sollen. Einher ging diese Entwicklung mit einer Moralisierung, die die Gesellschaft ständig in Täter und Opfer aufspaltet und Schuldkonten führt. In diesem Klima errichten die unterschiedlichsten Akteure rasch neue Tabus. Auf der anderen Seite haben sich zugleich Brutalisierung und Verrohung der Kommunikation in den Social Media etabliert. Ein Shitstorm jagt den nächsten, einzelne Personen oder Gruppen werden an den Pranger gestellt, gnadenlos vorgeführt, geächtet oder verfolgt. Fake News und Deepfakes zerrütten das, was das World Wide Web uns an ungeheurem Informations- und Wissenszugewinn einst beschert hat. Die Debatten darüber, wie dem klug begegnet werden kann, ohne die Zensurkeule zu schwingen, werden inzwischen heftig geführt. Was dürfen die Tech-Giganten? Was darf der Staat? Was die EU, was die USA? Mit der Tiktokisierung schreitet auch die Blasenbildung voran. Blogger, ihre Fans und Follower formen immer weitere, sich selbst bestätigende Milieus im Netz, die sich kollektiv abschotten, damit uniformer werden, polarisieren und politischer Lagerbildung Vorschub leisten. Diese Kollektivierungsprozesse führen dazu, dass die politische Vielfalt der Meinungen und Positionen innerhalb der Gruppe schrumpft. Die so entstehenden Gesinnungskollektive werden dann nach innen immer antipluraler. ## Rechte übernehmen linke Rezepte Der Streit um die Meinungsfreiheit selbst wird inzwischen erbittert geführt. Sie ist dabei zum ideologischen Schwert geworden – mal von links, mal von rechts. Die Linke sieht mit den Erfolgen der Konservativen und Rechten zunehmend die Grenzen des Sagbaren verschoben und trommelt unentwegt für den «Kampf gegen rechts» – wobei rechts gleich jenseits des eigenen Lagers beginnt. Die Mitte, Konservative und Rechte sahen sich lange Zeit von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und einem medialen Mainstream dominiert, die ihren eigenen Linksdrall kaum mehr wahrnahmen. Inzwischen können wir einen «Vibe Shift» beobachten: Das Pendel schlägt – ausgehend von den USA, aber auch bei uns – in die andere Richtung, von links in die Mitte bis weit nach rechts. Anfangs ging es in den USA darum, die linke Dominanz an Hochschulen und im Kulturbetrieb aufzubrechen. Ganz im Sinne von Antonio Gramsci und seinem Konzept der kulturellen Hegemonie hatte die Linke über viele Jahre reüssiert. Das Konzept hat inzwischen auch die Rechte adaptiert. Donald Trump und seine Gesellen J.D. Vance oder Peter Thiel führen einen erbitterten Propagandakrieg gegen ihre realen und imaginierten politischen Gegner. Europa und die EU werden von Freunden in Feinde umgedeutet und mit dem Vorwurf attackiert, die Meinungsfreiheit sei auf dem Kontinent abhandengekommen. Beifall dafür kommt von den europäischen Rechtspopulisten, aber auch aus Moskau. Die grossen amerikanischen Tech-Unternehmen danken ihrem Präsidenten für seine erpresserische Lobbyarbeit gegen potentielle Regulierung ihrer Aktivitäten in der EU. Doch Trump greift nicht nur die Wissenschaftsfreiheit in seinem Land an, sondern inzwischen auch ganz offen die Presse- und Meinungsfreiheit. In freiheitlichen Demokratien wird es immer Konflikte geben. Über deren beste Lösungen muss offen und hart gestritten werden können – im ganzen pluralen Spektrum der Meinungen, ohne Tabus und Moralisierung, begrenzt allein durch das Recht. Selbst wenn uns diese Meinungen missfallen oder schmerzen. Denn die Welt ist weder Kinderstube noch ein Streichelzoo. Der Wettstreit der Meinungen hat ja gerade zivilisierende Wirkung. Er will jedoch gelernt sein: an Schulen, Ausbildungsstätten und Universitäten. Die Meinungsfreiheit muss deshalb immer wieder neu verteidigt und geschützt werden – vor staatlichen Angriffen ebenso wie vor privatwirtschaftlichem Missbrauch. Sie gedeiht nur in einer Debattenkultur, die den Kontrahenten und Gegner nicht dämonisiert, sondern den Streit und Wettbewerb der Ideen und Argumente ohne politische oder moralische Vorbehalte zulässt. Meinungsfreiheit ist Voraussetzung für Erkenntnisfortschritt und Wahrheitssuche. Nur in einer freiheitlichen Kultur, die jeden Einzelnen wertschätzt, in der sich individuelle Urteilskraft, Selbstdenken, Ambiguitätstoleranz und Zivilcourage entwickeln können, kann sie wirklich geschützt und ausgeschöpft werden. Das Risiko, Beifall von der falschen Seite zu erhalten, ist nicht auszuschliessen. Sozialer Konformitätsdruck jedoch, der die Pluralität der Meinungen einschränkt, ist nur erfolgreich, wo ihm Mutlosigkeit und Feigheit gegenüberstehen. Da hilft nur freimütiges Aufbegehren – im Sinne John Stuart Mills: «Wenn es Menschen gibt, die eine hergebrachte Ansicht anfechten oder anzufechten bereit sind, wenn Gesetz und öffentliche Meinung es ihnen gestatten, so lasst uns ihnen danken, lasst uns unseren Geist öffnen, um ihnen zuzuhören, und lasst uns froh sein, dass da jemand ist, der für uns das tut, was wir anderenfalls, wenn wir irgendeine Wertschätzung für die Gewissheit oder die Lebenskraft unserer Überzeugungen aufbrächten, mit viel grösserer Anstrengung für uns selbst tun müssten.» 1. John Stuart Mill / Harriet Taylor: Über die Freiheit (1859). In: Ausgewählte Werke John Stuart Mill, Freiheit, Fortschritt und die Aufgaben des Staates, Band 3\. Hamburg: Murmann-Verlag.[ ↩](#fnref:1) ### In Praise of Dissenters URL: https://www.schweizermonat.ch/in-praise-of-dissenters/ Last updated: 2026-08-06T14:46:15.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/lob-der-andersdenkenden/). «It is strange that people who admit the validity of the arguments for freedom of opinion should nevertheless object to their application being pushed ‘to the extreme’, without realizing that if the arguments do not hold in extreme cases, they do not hold at all.» Starting from this insight, the philosopher and political economist John Stuart Mill, together with his wife Harriet Taylor, formulated several fundamental principles in their work On Liberty (1859). This key text in the intellectual history of liberalism has lost none of its relevance. They experienced first hand the narrow mindedness and puritanism of the Victorian age. They loved each other even though Harriet was still married, they worked together and wrote jointly about freedom and women’s rights, and they debated freedom of speech and inherited moral conventions with courage in their salons. Even without state coercion, social tyranny applied to anyone who deviated from what was customary and accepted. Political correctness as a term did not yet exist, but the underlying social mechanisms and dynamics were already very much at work. According to their principles, the proper domain of human freedom therefore includes «the inward domain of consciousness, demanding liberty of conscience in the most comprehensive sense, liberty of thought and feeling, absolute freedom of opinion and sentiment on all subjects practical or speculative, scientific, moral or theological. The liberty of expressing and publishing opinions may seem to fall under a different principle, since it belongs to that part of the conduct of an individual which concerns other people; but, being almost as important as the liberty of thought itself and resting in great part on the same reasons, it is practically inseparable from it.» ## Caution around sensitive topics Freedom of speech, a right fought for over centuries, remains one of the non-negotiable core elements of a liberal democracy. It can be harsh, offensive, blunt or exaggerated, yet an open society must be able to tolerate this. Its limits are defined only by law. Or so one might think. Why then do surveys by the Allensbach Institute for Public Opinion Research show that almost half of Germans believe one must be careful when expressing political opinions in public, especially on so called sensitive topics? Despite legal guarantees, freedom of speech has evidently come under increasing pressure in recent years. This applies above all to debates about migration, Islam and gender language. At the height of the «woke» wave, for example, a new term from university seminar rooms made its way into the newsroom of ARD’s Tagesthemen. In a news report, the word «mothers» was replaced by «birthing persons». «Menstruating persons» likewise appeared in literary circles instead of the supposedly outdated word «woman». Should this transformation simply be subsumed under freedom of opinion? Is it merely an example of left-leaning «advocacy journalism»? Or perhaps a necessary process of linguistic progress? Is it an expression of pluralism when concepts from the contested field of Critical Social Justice theories, ranging from gender studies to postcolonial studies, enter everyday and journalistic language? Even the term «anti-Muslim racism», shaped by the Islamist Muslim Brotherhood, has found its way into the statements of many city governments and state educational programs. These developments have caused considerable irritation among large parts of the population. Hostility toward political correctness and wokeness has intensified. A similar dynamic can be observed in debates about government measures against hate speech. Who defines, and according to which moral or political criteria, what counts as hate speech? Who determines the so called limits of what may be said? Such boundaries are always shaped by the spirit of the time, and they are rarely decided by a majority of the population. Even small minorities that propagate their demands loudly can create the impression that they represent the majority, even when they do not. This dynamic is especially visible in controversial and emotionally charged debates. The spiral of silence begins when loud expressions of opinion meet widespread silence. The structural and cultural transformation of the public sphere in the course of the digital revolution has massively amplified these mechanisms. Accordingly, the atmosphere of public debate has fundamentally changed over the past twenty years. On the one hand, we observe the rise of a culture of «safe spaces», initially cultivated mainly at universities but long since diffused throughout society and the wider public sphere. In this environment, wounded feelings often count for far more than arguments or factual reasoning. Traumatic experiences are frequently invoked, whether they occurred recently or centuries ago. Trigger warnings are increasingly used to shield individuals from the supposed harshness of the world and of other people. This development has gone hand in hand with a process of moralization that constantly divides society into perpetrators and victims, keeping an implicit ledger of guilt. In such a climate, new taboos are quickly erected by a wide range of actors. On the other hand, communication on social media has simultaneously become more brutal and coarse. One online outrage follows another. Individuals or groups are publicly shamed, relentlessly exposed, ostracized or harassed. Fake news and deepfakes undermine the enormous gains in information and knowledge once promised by the world wide web. Debates about how to respond intelligently to these problems without resorting to censorship have become increasingly intense. What powers should tech giants have? What powers should the state have? What about the EU, what about the United States? With the «TikTokization» of public communication, the formation of echo chambers has accelerated. Bloggers, their fans and followers create ever more self confirming online milieus that seal themselves off, become more uniform, intensify polarization and contribute to the formation of political camps. These processes of collective alignment gradually shrink the diversity of political views within each group. The resulting communities of shared convictions become increasingly anti pluralist internally. ## The right adopts the left’s recipes The struggle over freedom of speech itself is now fiercely contested. It has become an ideological sword wielded alternately by the left and the right. The political left, confronted with the electoral successes of conservatives and right-wing parties, increasingly sees the limits of acceptable speech shifting and constantly mobilizes in the «fight against the right», where «right» often begins just beyond one’s own political camp. The political center, conservatives and the right, for their part, long felt dominated by public broadcasting institutions and a media mainstream whose own ideological leanings they scarcely perceived. Today we can observe a vibe shift. The pendulum is swinging, starting in the United States but also visible in Europe, from the left toward the center and further toward the right. Initially in the United States the aim was to challenge the left’s dominance in universities and cultural institutions. In the spirit of Antonio Gramsci’s concept of cultural hegemony, the left had succeeded for many years. The right has now adopted the same strategy. Donald Trump and his associates such as J. D. Vance and Peter Thiel are waging a fierce propaganda war against both real and imagined political opponents. Europe and the European Union are being reframed as enemies by former allies, accused of having lost freedom of speech. This narrative is applauded by European right-wing populists as well as by voices in Moscow. Large American technology companies, for their part, thank their president for his coercive lobbying against potential EU regulation of their activities. Yet Trump is not only attacking academic freedom in his own country, but increasingly also press and speech freedoms. In liberal democracies conflicts will always exist. Their best solutions must be debated openly and vigorously across the full plural spectrum of opinions, without taboos or moralizing, limited only by the law, even when those opinions offend or disturb us. The world is neither a nursery nor a petting zoo. The competition of ideas has a civilizing effect. Yet it must be learned, in schools, training institutions and universities. Freedom of speech must therefore constantly be defended and protected, both against attacks by the state and against abuse by private actors. It flourishes only in a culture of debate that does not demonize opponents but allows the clash and competition of ideas and arguments without political or moral preconditions. Freedom of speech is a prerequisite for intellectual progress and the search for truth. Only in a liberal culture that values every individual, and in which independent judgment, self thinking, tolerance for ambiguity and civil courage can develop, can it truly be safeguarded and realized. The risk of receiving applause from the wrong side can never be entirely excluded. Social pressure toward conformity, however, which restricts the plurality of opinions, succeeds only where it encounters timidity and cowardice. The only remedy is frank resistance, in the spirit of John Stuart Mill: «If there are any persons who contest a received opinion, or who will do so if law or opinion will let them, let us thank them for it, open our minds to listen to them, and rejoice that there is some one to do for us what we otherwise ought, if we have any regard for either the certainty or the vitality of our convictions, to do with much greater labour for ourselves.» ### “If you’re not at least a little afraid of what you’re saying, you’re probably not saying anything that really matters” URL: https://www.schweizermonat.ch/if-youre-not-at-least-a-little-afraid-of-what-youre-saying-youre-probably-not-saying-anything-that-really-matters/ Last updated: 2026-03-28T09:15:47.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/wenn-man-keine-angst-vor-dem-hat-was-man-sagt-sagt-man-wahrscheinlich-nichts-wirklich-wichtiges/). **Michael Shellenberger, you often make provocative statements that lead to sharp criticism. Have you ever been afraid to speak your mind?** I am afraid to speak my mind all the time. **Why?** For reasons everyone understands: in today’s environment, speaking your mind – on many issues, even when it means acknowledging basic realities – can be dangerous. I consider myself extremely fortunate to have survived professionally after saying what I’ve said. As you get older, you gain confidence, especially when you see people later acknowledging points you made years ago. Take nuclear power, for example: it is now a mainstream issue in the United States and, in fact, more popular than renewables. On other topics as well, those of us who voiced uncomfortable truths have ultimately been proven right. But in the moment, if you’re not at least a little afraid of what you’re saying, you’re probably not saying anything that really matters. > «In today’s environment, speaking your mind even when it means acknowledging basic realities – can be dangerous.» **Have you changed your mind on certain topics?** Yes – on most issues, actually. I’m almost never the first person to say something. My contribution has been to bring existing ideas together and synthesize them. I’ve also tried to show why people with liberal values should rethink their positions on a range of issues – from energy and the environment to addiction, mental illness, homelessness, free speech, and migration. For those of us who came from the left – and I came from the radical left and later the liberal left – there is now a whole set of positions that are difficult to reconcile with what were still considered liberal values just fifteen or twenty years ago. In many respects, I’m standing on the shoulders of people who showed far more courage than I ever have. **Has your own intellectual journey influenced your position on free speech?** Yes, definitely. For a long time, I wasn’t especially concerned about censorship by social media platforms or governments. It simply wasn’t my focus – until we began working on the Twitter Files in December 2022\. Ironically, I myself had been censored as recently as 2020\. What shocked me about the Twitter Files – and, more recently, the release of a major report by the U.S. House Judiciary Committee on European demands for censorship, including of Americans – was seeing the evidence laid out in full. For years, people called us conspiracy theorists. Now there are thousands of pages of documentation showing how the censorship industrial complex actually operates across borders: through the European Commission, the Department of Homeland Security, and increasingly at the state level in places like California. My personal experience made me aware that censorship existed. What I didn’t understand until much later was how systematic it is, how closely tied it is to the intelligence community, and how deeply it is rooted in the foreign policy establishment. «For years, people called us conspiracy theorists. Now there are thousands of pages of documentation showing how the censorship industrial complex actually operates across borders.» **You were the co-editor of the “Twitter Files”. Which findings surprised you the most?** I think the Twitter thread I wrote on the Hunter Biden laptop may be the most important piece of journalism I’ve ever been involved in. The case itself is crucial because it reveals several things at once. First, it shows that the FBI was effectively running a disinformation operation designed to shape how people perceived the Hunter Biden laptop. The laptop clearly documented decades of influence peddling – Hunter Biden selling access to his father to the Chinese government and other foreign interests, involving tens of millions of dollars. Joe Biden played a direct role in supporting these relationships. The FBI then spread disinformation about the Hunter Biden laptop and used that disinformation to justify demands for censorship. That matters because it reveals a broader pattern: over the past five years, the most consequential cases of censorship have involved efforts to suppress information that later turned out to be true. We saw this when a Harvard medical professor was censored for stating that natural immunity exists – something known since antiquity. **You mean Martin Kulldorff.** Yes. What we see, again and again, is people demanding the censorship of accurate information. The government’s role in this is substantial, and the operations involved are highly sophisticated. These are not crude, World War II–style psychological operations. They focus on stories – on what they call “narratives” – because we know that people think, remember, and make sense of the world through stories. Control the narrative, and you influence how people think and behave. For me, this was the most important case study. It opened my eyes to a broader model of censorship by proxy: governments, including the European Commission, creating or funding NGOs whose explicit task is to shape and control the narrative. **You coined the term “censorship industrial complex.” What do you mean by it, and who is part of this network?** The concept is borrowed from President Eisenhower’s famous warning about the “military-industrial complex.” Eisenhower cautioned that think tanks funded by the Defense Department, defense contractors, the U.S. government, and private interests could distort American foreign policy and drag the country into unnecessary wars. That is essentially what we are seeing today. We have networks populated by people from the intelligence community who then move into organizations that pressure social media platforms to censor content – often with a clear left-wing ideological bias on issues such as climate change, COVID, and transgenderism. This is not a past phenomenon; it is ongoing censorship. What we are witnessing is an extension of the foreign-policy establishment. These mechanisms emerged when social-media tools – initially used by U.S. and European intelligence services to shape narratives and mobilize protesters during the Arab Spring and the so-called color revolutions – were turned inward after Brexit and the election of Donald Trump. At that point, elements of the deep state, para-state think tanks, and former intelligence officials began creating NGOs that function as instruments of censorship by proxy. That, at its core, is the censorship industrial complex. **What is the number one reason why freedom of speech is essential for a liberal democracy?** We cannot have democracy, scientific progress, or human progress without free speech. We cannot solve epidemics or protect our societies without it. Freedom of speech is foundational. Historically, it emerged as a value before democracy itself. In Europe, kings gradually allowed more speech, which led to more publications and broader public debate, especially after the invention of the printing press. Its fullest realization came in the United States, where the founders asserted that free speech precedes government. In much of Europe, by contrast, free speech was incrementally granted by monarchs and governments – and to this day, authorities often assume the power to decide how much speech is permitted. The American idea is fundamentally different: you have free speech first, and through that freedom you constitute the government. On a personal level, this is the only cause that I would be willing to die for. I do not want to live as a subhuman, a slave, or a feudal serf – and I do not want my children to live that way either. Without freedom of speech, you cannot express your views about government or society. You are not a full human being; you are a subject of totalitarian rule. Many generations in the West have fought and died to secure this freedom. We owe it to them – and to ourselves – to commit to defending it. > «The American idea is fundamentally different: you have free speech first, and through that freedom you constitute the government.» **In the context of recent protests against ICE in Minneapolis and other cities, you have criticized leftists for inciting or provoking violence. Would you say this is an instance of speech that should be prohibited because it leads to violence?** Absolutely not. Free speech is essential – even in heated moments like the recent protests in Minneapolis following fatal shootings by federal immigration agents. Journalists and citizens alike should be able to film police and federal officers up close, and I strongly support body cameras for law enforcement officers. Being able to document what happens is critical. But that doesn’t mean people should interfere with active police operations. Two things can be true at once: you should be allowed to film officers doing their jobs, but you shouldn’t put yourself – or others – at risk by obstructing an operation. If someone interferes with a police or federal enforcement action, especially while armed, they are putting themselves and others in danger. In one of the tragic incidents in Minneapolis, an ICU nurse who was killed by federal agents during protests was reported to have been involved in a confrontation with agents shortly before he was shot; authorities said he was armed and resisted attempts to disarm him. So no: speech and documentation that expose questionable actions by authorities should not be prohibited. But physical interference in an ongoing enforcement action – especially when it creates a risk of violence – crosses a different line entirely. **Is there a legitimate limit to freedom of speech in your opinion?** The kind of speech that critics point to around recent Anti-ICE demonstrations – including in Minneapolis – should not be prohibited simply because it provokes strong reactions. In the United States and many other democracies, free speech has recognised limits, and they’re quite ordinary: you cannot immediately incite imminent violence, deliberately defame someone to harm their livelihood, commit fraud, or lie to steal from someone. Those are sensible, longstanding legal boundaries. In the specific cases you asked about, the people who were tragically killed were not shot for peacefully expressing their views. The fatal shootings by federal immigration agents occurred during enforcement operations where those individuals were involved in confrontational situations – for example, attempting to interfere with agents – not while merely speaking or protesting. That distinction is important: exercising First Amendment rights and engaging in direct interference with an operation are not the same thing. Free speech remains essential, but it does not cover acts that create an immediate physical danger. **At a recent event in Zurich, you criticized the Trump administration for revoking green cards from foreign nationals accused of antisemitism. What are your specific concerns?** For the most part, I don’t want to see people’s speech used as a criterion for whether they are granted a visa to the United States. If you have two applicants and one openly calls for the death of all Americans, that is obviously relevant in a visa decision. But if a student participates in anti-Israel protests, revoking their visa on that basis would, in my view, violate the spirit of free speech. My position may even be more permissive than that of the Supreme Court, since the government does have broad authority over visas. Still, I have a wider concern about the Trump administration’s approach to free speech. It has done some genuinely good things in this area, but where it has erred on the side of censorship – including the visa issue and the withholding of university funding over anti-Israel speech – I think it has made a mistake. These actions may be constitutional, but they run counter to the ethos of the First Amendment. Calls for censorship by the president and some cabinet members are unnecessary and counterproductive, and they risk undermining the administration’s otherwise positive record on free speech. **So, broadly speaking, you are not disappointed with the Trump administration when it comes to free speech?** Overall, I’m largely satisfied – probably somewhere between two-thirds and three-quarters, though it’s hard to put an exact number on it. For instance, I was prepared to criticize the administration on certain free-speech issues back in December, but just days later they revoked the passports of individuals involved in censorship efforts abroad. I supported those revocations, because those people are key figures in the censorship industrial complex. That kind of action is necessary to defend free speech. I try to be consistent: I criticize the administration when I think it’s wrong and praise it when I think it’s right. **You’ve pointed to differences between the United States and Europe. Would you say the threat to free speech is greater in the U.S. or in Europe?** It is much greater in Europe. The House Judiciary Committee recently published a major report, spanning thousands of pages, documenting how the European Commission has pressured social media platforms to implement extensive censorship. Two aspects are particularly troubling. First, the European Commission has demanded that platforms censor speech critical of what it labels “authoritative sources,” such as the World Health Organization or the Intergovernmental Panel on Climate Change. That runs directly counter to how science and democracy advance. Progress depends on the freedom to question and criticize authorities. This kind of censorship is profoundly totalitarian and deeply disturbing. Second, the Commission has insisted – and TikTok has complied – that mainstream news media be treated as authoritative sources. Yet those outlets have been wrong on many issues in the past. Even if one believes they are generally right, it is unethical and dangerous to censor speech based on what a select group of experts happen to believe at a given moment. That is not how science develops, and it is not how healthy societies function. **What dangers do you see in the EU’s Digital Services Act (DSA)?** I think it should be abolished. Some argue it contains positive elements, and it’s true that German courts, in particular, have occasionally been used to defend free speech. Still, I see no compelling justification for the DSA. Its core purpose is to censor and shape narratives on social media. Take a recent example: Paris prosecutors raided the offices of X. At the same time, governments in Spain, France, Britain, Australia, and Switzerland are all moving toward digital identification, effectively ending online anonymity. Yet anonymity is precisely what enables people to expose secret or illegal activities by governments and other powerful actors. What we are witnessing is a broad effort by states to control everything we see and say online. It’s also impossible to ignore the political context. European leaders are more unpopular than they have been in decades, with dangerously low levels of legitimacy. Major elections are approaching in France, Germany, and Britain. The European Commission has demanded censorship ahead of elections, and the assault on free speech increasingly overlaps with attacks on free and fair elections themselves. In Romania, elections were cancelled under the pretext of “misinformation,” and similar threats have been made in France and elsewhere. This is an exceptionally dangerous moment in history. Events are accelerating, and the direction is not predetermined. We could move further toward totalitarian control – or toward governments recommitting themselves to free speech. The stakes could not be higher. **How do you explain this growing trend toward tighter limits on free speech in Europe in particular? What do you see as the driving forces behind it?** It’s happening across the West. I interview people in Ireland, Paris, Switzerland, Germany, Berkeley, and Austin, and progressives everywhere give remarkably similar justifications for censorship. There is always a new issue – climate change, transgender issues, election denialism, migration, race. Some of this pressure comes from the deep state, the foreign-policy establishment, and the intelligence community. But even there, many actors are highly ideological and intolerant – ironically coming from the political left, which historically defended free speech. One statistic I find particularly alarming: in 2020, fewer than 20 percent of U.S. college students said violence would be justified to stop a campus speaker. Last year, that number had risen to 34 percent. That reflects a collapse of the traditional liberal defense of free speech – the idea that speech is not the same as physical violence. Yes, direct incitement to violence has always been restricted, but that is not what is being censored today. People are being censored simply for holding ideas others dislike. That is civilization-destroying, and deeply frightening. What makes it worse is that this impulse is coming largely from younger generations and from within the left itself. In that college-student survey, support for using violence to stop speech was five to one among liberals compared to conservatives. This is not to excuse conservatives who support censorship – but the trend is clearly concentrated on one side of the political spectrum. And that is alarming, because it risks accelerating a broader unraveling of Western civilization. **Is the core problem ultimately the anti–free speech Zeitgeist?** Even what I call the censorship industrial complex is really a continuation of the intolerance and cancel culture we’ve seen developing over years, even decades. Both Karl Popper, from the liberal left, and Herbert Marcuse of the Frankfurt School argued for intolerance toward what they defined as intolerance, and Marcuse explicitly defended censorship. Those ideas have now entered the mainstream. As the left has radicalized, the free-speech left has become a minority within the broader left coalition. The liberal left increasingly resembles the radical left. In effect, the Popperian and Frankfurt School traditions have converged within today’s left coalition – and in Europe, even within center-right–left governing coalitions – to justify censoring views they regard as troubling or destabilizing to their political agendas. > «As the left has radicalized, the free-speech left has become a minority within the broader left coalition.» **Where do we go from here? What should be done to strengthen free speech?** The uncomfortable reality for many on the left is that the push for censorship has become a left-wing project. It is largely driven by a professional-managerial class of highly globalized people whose interests lie in preserving a particular global system they perceive to be under threat. Ultimately, reversing this trend requires governments and new political leaders willing to say, “We’re not going to do this anymore.” It has been difficult to persuade people on the left to reconsider their position, although there are encouraging signs: opposition to censorship and hate-speech laws is emerging among some Greens in Australia and parts of the British left. Change is not impossible. But it is essential that voices on the left speak out clearly against censorship. And we must call the phenomenon what it is: a continuation of a left-wing project of intolerance that began after the Second World War and intensified in the 1960s. ### «Wenn man keine Angst vor dem hat, was man sagt, sagt man wahrscheinlich nichts wirklich Wichtiges» URL: https://www.schweizermonat.ch/wenn-man-keine-angst-vor-dem-hat-was-man-sagt-sagt-man-wahrscheinlich-nichts-wirklich-wichtiges/ Last updated: 2026-03-27T13:33:59.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/if-youre-not-at-least-a-little-afraid-of-what-youre-saying-youre-probably-not-saying-anything-that-really-matters/). **Michael Shellenberger, du machst oft provokante Aussagen, die scharfe Kritik auslösen. Hast du jemals Angst, deine Meinung zu sagen?** Ich habe ständig Angst, meine Meinung zu sagen. **Warum?** Aus Gründen, die jeder nachvollziehen kann: Im heutigen Meinungsklima kann es riskant sein, offen zu sprechen – selbst dann, wenn es nur darum geht, offensichtliche Realitäten auszusprechen. Ich hatte Glück, beruflich überlebt zu haben, nachdem ich gesagt habe, was ich gesagt habe. Mit dem Alter wächst das Selbstvertrauen – vor allem dann, wenn man erlebt, dass Positionen, für die man vor Jahren angegriffen wurde, später ihre Anerkennung finden. Nehmen wir die Kernenergie: In den USA ist sie inzwischen ein Mainstream-Thema. Wer unbequeme Wahrheiten ausspricht, wird später nicht selten bestätigt. Doch im Hier und Jetzt gilt: Wenn man keine Angst vor dem hat, was man sagt, sagt man wahrscheinlich nichts, was wirklich Gewicht hat. > «Im heutigen Meinungsklima kann es riskant sein, offen zu sprechen – selbst dann, wenn es nur darum geht, offensichtliche Realitäten auszusprechen.» **Hast du deine Meinung zu bestimmten Themen geändert?** Ja – bei den meisten sogar. Ich bin selten der Erste, der eine neue Position formuliert. Mein Beitrag liegt eher darin, bestehende Argumente zusammenzuführen und in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen. Ich wollte aufzeigen, weshalb Menschen mit linken Grundüberzeugungen ihre Haltung in zentralen Fragen überdenken sollten – von Energie- und Umweltpolitik über Sucht, psychische Erkrankungen und Obdachlosigkeit bis hin zu Meinungsfreiheit und Migration. Für jene, die von links kommen – ich selber aus der radikalen, später aus der liberalen Linken –, gibt es heute Positionen, die sich nur schwer mit dem vereinbaren lassen, was noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren als genuin links galt. Vieles verdanke ich dabei Menschen, die weitaus mehr Mut bewiesen haben, als ich es je tat. **Hat deine eigene intellektuelle Entwicklung deine Haltung zur Meinungsfreiheit verändert?** Ja, eindeutig. Lange Zeit war Zensur für mich kein zentrales Thema – weder durch Social-Media-Plattformen noch durch Regierungen. Das änderte sich erst im Dezember 2022, als wir mit der Arbeit an den Twitter-Files begannen. Ironischerweise war ich selbst bereits 2020 zensiert worden, ohne die Tragweite wirklich zu begreifen. Was mich an den Twitter-Files am meisten erschütterte, war die schiere Fülle der dokumentierten Belege. Jahrelang wurden wir als Verschwörungstheoretiker abgetan. Heute liegen Tausende Seiten an Dokumenten vor, die zeigen, wie der «Zensur-industrielle Komplex», wie ich ihn nenne, grenzüberschreitend agiert: über die EU-Kommission, das US-Department of Homeland Security und zunehmend auch auf Ebene einzelner Bundesstaaten wie Kalifornien. Meine eigene Erfahrung öffnete mir die Augen für die Existenz von Zensur. Erst später begriff ich, wie systematisch sie organisiert ist – wie sehr die Geheimdienste daran beteiligt sind und wie tief das aussenpolitische Establishment der USA darin verstrickt ist. **Welche Erkenntnisse aus den Twitter-Files haben dich am meisten überrascht?** Ich denke, der Twitter-Thread über den Hunter-Biden-Laptop war womöglich das wichtigste journalistische Projekt, an dem ich je beteiligt war. Der Fall ist deshalb so zentral, weil er mehrere Ebenen zugleich freilegt. Erstens zeigt er, dass das FBI eine Desinformationskampagne betrieb, um die öffentliche Wahrnehmung der Laptop-Story zu steuern. Über Jahre hinweg verschaffte Hunter Biden ausländischen Akteuren, darunter solchen aus China, Zugang zu seinem Vater; es ging um Summen in zweistelliger Millionenhöhe. Joe Biden spielte dabei eine zentrale Rolle. Anschliessend verbreitete das FBI selbst Desinformation über den Hunter-Biden-Laptop und nutzte diese, um Zensurforderungen zu rechtfertigen. Das ist deshalb so gravierend, weil es ein übergeordnetes Muster sichtbar macht: Die folgenreichsten Zensurfälle der vergangenen fünf Jahre richteten sich häufig gegen Informationen, die sich später als wahr erwiesen. Ein Beispiel ist ein Harvard-Medizinprofessor, der darauf hinwies, dass natürliche Immunität existiert – eine seit Jahrhunderten bekannte medizinische Tatsache –, und dafür zensiert wurde. > «Jahrelang wurden wir als Verschwörungstheoretiker abgetan. Heute liegen Tausende Seiten an Dokumenten vor, die zeigen, wie der «Zensur-industrielle Komplex» grenzüberschreitend agiert.» **Du sprichst von Martin Kulldorff.** Ja. Immer wieder fordern Menschen die Zensur zutreffender Informationen. Die Rolle der Regierung dabei ist erheblich, und die beteiligten Operationen sind hochentwickelt. Dies sind keine primitiven psychologischen Operationen im Stil des Zweiten Weltkriegs. Sie konzentrieren sich auf Geschichten, weil wir wissen, dass Menschen mit Hilfe von Geschichten denken, sich erinnern und die Welt verstehen. Kontrolliere das Narrativ, und du beeinflusst, wie Menschen denken und sich verhalten. Für mich war das die wichtigste Fallstudie. Sie öffnete mir die Augen für ein breiteres Modell der Zensur durch Stellvertreter: Regierungen, einschliesslich der EU-Kommission, schaffen oder finanzieren NGOs, deren ausdrückliche Aufgabe es ist, das Narrativ zu formen und zu kontrollieren. **Warum ist Meinungsfreiheit für eine liberale Demokratie unverzichtbar?** Ohne Meinungsfreiheit gibt es weder Demokratie noch wissenschaftlichen oder menschlichen Fortschritt. Ohne sie können wir keine Epidemien bewältigen und unsere Gesellschaften nicht schützen. Meinungsfreiheit ist kein Nebenaspekt – sie ist das Fundament. Historisch entstand sie als Wert noch vor der Demokratie selbst. In Europa gestatteten Könige schrittweise mehr Redefreiheit, was zu einer wachsenden Publikationskultur und zu breiteren öffentlichen Debatten führte – insbesondere nach der Erfindung des Buchdrucks. Ihre konsequenteste Ausprägung fand die Meinungsfreiheit jedoch in den Vereinigten Staaten. Die Gründerväter waren überzeugt, dass Meinungsfreiheit der Regierung vorausgehe. In weiten Teilen Europas hingegen wurde sie von Monarchen und später von Regierungen gewährt. Die amerikanische Idee ist da völlig anders: Zuerst steht die Freiheit des Wortes – und aus ihr heraus konstituiert sich die Regierung. Für mich persönlich ist Meinungsfreiheit das Einzige, für das ich im Zweifel sterben würde. Ich will nicht als Untertan, Sklave oder Leibeigener leben – und ich will auch nicht, dass meine Kinder so leben. Generationen haben für diese Freiheit gekämpft und sind für sie gestorben. Wir schulden es ihnen – und uns selbst –, sie entschlossen zu verteidigen. > «Die amerikanische Idee ist da völlig anders: Zuerst steht die Freiheit des Wortes – und aus ihr heraus konstituiert sich die Regierung.» **Bei einer Veranstaltung in Zürich hast du die Trump-Regierung dafür kritisiert, dass sie ausländischen Staatsangehörigen, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, die Green Card entzieht. Was genau beunruhigt dich an diesem Vorgehen?** Grundsätzlich sollten Äusserungen nicht als Kriterium dafür herangezogen werden, ob jemandem ein Visum für die Vereinigten Staaten erteilt wird. Natürlich ist es relevant, wenn ein Antragsteller offen zum Tod aller Amerikaner aufruft. Doch wenn einem Studenten das Visum entzogen wird, weil er an israelfeindlichen Protesten teilgenommen hat, verstösst das gegen den Geist der Meinungsfreiheit. Meine Haltung geht möglicherweise sogar über jene des Supreme Court hinaus, auch wenn die Regierung weitreichende Befugnisse in Visumsfragen besitzt. Darüber hinaus habe ich grundsätzliche Bedenken bezüglich des Ansatzes der Trump-Regierung zur Meinungsfreiheit. Sie hat in diesem Bereich durchaus Positives geleistet, doch wo sie zugunsten der Zensur gehandelt hat – etwa bei der Visumsfrage oder der Kürzung von Universitätsfinanzierungen wegen israelfeindlicher Äusserungen –, halte ich das für einen Fehler. Diese Massnahmen mögen verfassungskonform sein, widersprechen jedoch dem Geist des First Amendment. Zensurbestrebungen vonseiten des Präsidenten und einiger Kabinettsmitglieder sind unnötig und kontraproduktiv – sie gefährden die ansonsten positive Bilanz der Regierung in Sachen Meinungsfreiheit. **Du bist also insgesamt zufrieden mit der Trump-Regierung, was die Meinungsfreiheit betrifft?** Insgesamt bin ich weitgehend zufrieden – wahrscheinlich zu zwei Dritteln bis drei Vierteln, auch wenn sich das schwer genau beziffern lässt. Im Dezember etwa war ich bereit, die Regierung in bestimmten Fragen der Meinungsfreiheit zu kritisieren. Nur wenige Tage später jedoch entzog sie Personen die Reisepässe, die im Ausland an Zensurbemühungen beteiligt waren. Ich unterstützte diese Massnahmen, weil es sich um Schlüsselfiguren im Zensur-industriellen Komplex handelt. Solche Schritte sind notwendig, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Ich versuche, konsequent zu sein: Ich kritisiere Massnahmen der Regierung, wenn ich sie für falsch halte, und lobe sie, wenn ich sie für richtig halte. **Du hast auf Unterschiede zwischen den USA und Europa hingewiesen. Ist die Bedrohung der Meinungsfreiheit in den USA oder in Europa grösser?** Sie ist in Europa deutlich grösser. Der Justizausschuss des Repräsentantenhauses hat kürzlich einen umfangreichen Bericht veröffentlicht, der auf Tausenden von Seiten dokumentiert, wie die EU-Kommission Social-Media-Plattformen unter Druck gesetzt hat, umfassende Zensur durchzuführen. Zwei Aspekte sind besonders beunruhigend. Erstens hat die Kommission gefordert, dass Plattformen Äusserungen zensieren, die sogenannte «offizielle Quellen» kritisieren – wie die Weltgesundheitsorganisation oder den Weltklimarat. Das widerspricht fundamental der Art und Weise, wie Wissenschaft und Demokratie funktionieren. Fortschritt setzt die Freiheit voraus, Autoritäten zu hinterfragen und zu kritisieren. Diese Form der Zensur ist zutiefst totalitär. Zweitens hat die Kommission darauf bestanden, Mainstream-Nachrichtenmedien als massgebliche Quellen zu privilegieren. Doch gerade diese Medien lagen in der Vergangenheit bei zentralen Themen wiederholt falsch. Selbst wenn man ihnen grundsätzlich vertraut, bleibt es unethisch und riskant, Meinungsäusserungen danach zu zensieren, was eine auserkorene Gruppe von Experten zu einem bestimmten Zeitpunkt für richtig hält. So entsteht keine Wissenschaft – und so funktionieren keine gesunden Gesellschaften. **Welche Gefahren birgt der Digital Services Act (DSA) der EU?** Ich denke, er sollte abgeschafft werden. Im Kern sehe ich keine überzeugende Rechtfertigung für den DSA. Sein zentraler Zweck besteht darin, Narrative in den sozialen Medien zu regulieren und letztlich zu formen. Ein aktuelles Beispiel: Pariser Staatsanwälte haben die Büros der Plattform X durchsucht. Gleichzeitig treiben Regierungen in Spanien, Frankreich, Grossbritannien, Australien und der Schweiz digitale Identifikationssysteme voran – faktisch das Ende der Anonymität im Netz. Doch gerade Anonymität ermöglicht es Whistleblowern, geheime oder illegale Aktivitäten von Regierungen und mächtigen Akteuren aufzudecken. Was wir derzeit erleben, ist eine breit angelegte Anstrengung von Staaten, zu kontrollieren, was wir online sehen und sagen. Die Regierungen in Europa sind so unpopulär wie seit Jahrzehnten nicht mehr; ihre Legitimität bröckelt. Die Europäische Kommission hat vor Wahlen verstärkte Massnahmen gegen «Desinformation» gefordert. In Rumänien wurden Wahlen unter Verweis auf Fehlinformationen annulliert, in Frankreich und anderswo wurden ähnliche Drohungen laut. Der Angriff auf die Meinungsfreiheit überschneidet sich zunehmend mit Eingriffen in freie und faire Wahlen. Wir befinden uns in einer sehr gefährlichen Situation. Die Dynamik beschleunigt sich – und der Ausgang ist offen. Wir stehen an einem gefährlichen Kipppunkt. Entweder bewegen wir uns weiter in Richtung totalitärer Kontrolle – oder hin zu Regierungen, die sich erneut klar und kompromisslos zur Meinungsfreiheit bekennen. **Wie erklärst du dir den zunehmenden Trend zu strengeren Einschränkungen der Meinungsfreiheit – insbesondere in Europa? Und welche Kräfte treiben diese Entwicklung an?** Es ist kein rein europäisches Phänomen – es betrifft den gesamten Westen. Ich spreche mit Menschen in Irland, Frankreich, der Schweiz oder Deutschland. Progressive liefern überall erstaunlich ähnliche Begründungen für Zensur. Das Thema wechselt – Klimawandel, Transgender-Fragen, Vorwürfe des Wahlbetrugs, Migration, Rassismus –, doch das Argumentationsmuster bleibt gleich. Ein Teil dieses Drucks kommt aus dem sicherheitspolitischen Apparat, aus dem aussenpolitischen Establishment und den Geheimdiensten. Eine Zahl finde ich besonders alarmierend: 2020 hielten weniger als 20 Prozent der US-College-Studenten Gewalt für gerechtfertigt, um Redner auf dem Campus zum Schweigen zu bringen. Im vergangenen Jahr lag dieser Anteil bei 34 Prozent. Das signalisiert einen tiefgreifenden Bruch mit dem klassischen liberalen Prinzip, dass Meinungsäusserung nicht mit physischer Gewalt gleichgesetzt werden darf. Natürlich war direkte Anstiftung zur Gewalt schon immer begrenzt – aber darum geht es heute oft nicht. Menschen werden sanktioniert oder zum Schweigen gebracht, weil ihre Ansichten missfallen. Besonders beunruhigend ist, dass dieser Impuls vor allem aus jüngeren Generationen und aus Teilen der politischen Linken kommt. In der genannten Umfrage war die Zustimmung zur Anwendung von Gewalt gegen unliebsame Rede unter Liberalen fünfmal höher als unter Konservativen. Das entlastet konservative Befürworter von Zensur keineswegs – doch der Trend ist klar erkennbar. Und genau das macht ihn so gefährlich. **Liegt das Kernproblem am Ende in einem Zeitgeist, der der Meinungsfreiheit zunehmend feindlich gegenübersteht?** Der Zensur-industrielle Komplex ist letztlich die institutionalisierte Fortsetzung einer Intoleranz- und Cancel Culture, die sich über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hat. Sowohl Karl Popper aus der liberalen Linken als auch Herbert Marcuse von der Frankfurter Schule plädierten für Intoleranz gegenüber dem, was sie als intolerant definierten – Marcuse verteidigte Zensur sogar ausdrücklich. Diese Denkmuster sind inzwischen im Mainstream angekommen. Mit der Radikalisierung weiter Teile der Linken ist die klassisch meinungsfreiheitsorientierte Linke zur Minderheit geworden. Die liberale Linke nähert sich zunehmend der radikalen an. **Was müsste konkret geschehen, um die Meinungsfreiheit wieder zu stärken?** Die unbequeme Wahrheit für viele auf der Linken lautet: Der Drang zur Zensur ist inzwischen selbst zu einem linken Projekt geworden. Vorangetrieben wird er vor allem von einer globalisierten, professionell-managerialen Elite, die das bestehende politische und ökonomische System als gefährdet wahrnimmt – und es mit regulatorischen Instrumenten zu stabilisieren versucht. Um diesen Trend umzukehren, braucht es Regierungen und Führungspersönlichkeiten, die klar sagen: Das machen wir nicht mehr. Menschen auf der Linken zum Umdenken zu bewegen, war bislang schwierig. Dennoch gibt es ermutigende Signale – etwa Widerstand gegen Zensur- und «Hassrede»-Gesetze bei Teilen der Grünen in Australien oder innerhalb der britischen Linken. Entscheidend ist, dass sich Stimmen aus der Linken selbst klar und unmissverständlich gegen Zensur positionieren. ### The Language Police Do Not Help Minorities – On the Contrary URL: https://www.schweizermonat.ch/the-language-police-do-not-help-minorities-on-the-contrary/ Last updated: 2026-03-28T09:18:46.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-sprachpolizei-hilft-minderheiten-nicht-im-gegenteil/). Restrictions on freedom of speech and of the press are today frequently justified in the name of protecting minorities. Religious and ethnic groups, for example, are to be shielded from «hate», «offense», or «delegitimization». At first glance this seems noble. On closer inspection, however, a problem emerges. The claim to protection is directed less and less at concrete legal goods such as physical integrity or equal access, and increasingly at interpretive authority and taboo zones. It is precisely here that the tension with the idea of a liberal public sphere begins. Tolerance means to endure. The concept refers to a fundamental practice of pluralistic societies: people must live with views they consider wrong, unpleasant, or even offensive. Yet anyone who demands protection from the opinions of others shifts this principle. Tolerance becomes a claim to insulation. The decisive question then is no longer whether a statement is true, well argued, or refutable, but whether it is perceived as «acceptable». This standard is politically flexible and group dependent, and therefore a poor foundation for freedom and for peaceful coexistence. ## Moral pre-judgment A look at the debates following the publication of the Mohammed cartoons in 2005 illustrates the ambivalence. At the time many Muslim voices [demanded](https://www.swissinfo.ch/ger/geschichte/mohammed-karikaturen-ein-fall-fuer-die-justiz/5009668?ref=schweizermonat.ch) tighter limits on freedom of the press and of art in the name of respect for a religious minority. Years later, some of the same actors [encounter](https://apnews.com/article/hate-speech-london-manchester-antisemitism-bondi-29dbba8d0abafa2ac52591191d66ba49?ref=schweizermonat.ch) limits when they comment on the Middle East conflict and their positions are classified as antisemitic or politically undesirable. This example is not suitable for schadenfreude but for a sober insight. Anyone who establishes restrictions as a legitimate response to offense accepts a logic that can later rebound against their own speech. Once introduced, such instruments rarely remain exclusive. A second phenomenon adds to this: the conflation of people and ideas. Criticism of religion is often described as «Islamophobia» or «anti Muslim racism», as if it automatically involved racism. The boundary between criticism of a doctrine and the disparagement of persons becomes blurred. This can disarm criticism and shorten debates. Conversely, a mirror image tendency also exists. In Jewish debates, criticism of Israel is sometimes quickly labeled antisemitic. Here too a reflex arises that morally predetermines the discussion instead of conducting it through arguments. Both mechanisms have the same effect. They render certain statements not refutable but unsayable. The legal philosopher Frauke Rostalski describes in her book «Die vulnerable Gesellschaft» a development that encourages this process. Social groups increasingly present themselves as protective collectives. They expect the state not only to safeguard their civil rights but also to protect their interpretations and sensitivities. Conflict thus shifts from public dispute into legal and administrative procedures. Those who feel offended no longer seek the better argument but the better paragraph of law. For courts this is a burden, because they must judge meanings and contexts rather than actions. It is also damaging for the public sphere, because the corridor of acceptable discourse narrows as people begin to anticipate what might later be interpreted as «problematic». This accelerates the fragmentation of society instead of establishing a common ground. Out of fear of saying something «wrong», people retreat into their own group and come to view other groups as threats to their identity. ## Demands outward, repression inward Another blind spot concerns religious minorities themselves. They often hold an ambivalent attitude toward freedom. In relation to the majority society, they invoke tolerance and the rule of law to secure their religious practice. Within their own communities, however, individual freedoms are not infrequently restricted, especially regarding women’s rights, sexual self-determination, and the upbringing of children. This is often overlooked in public debate. Left liberal identity politics concentrates on discrimination from outside and ignores power relations within communities. Yet this too is a question of freedom of speech. Anyone who cannot speak freely within their own community possesses formal rights but no real voice. A paradoxical pattern emerges. Members of minorities demand recognition, respect, and protection from the majority society, while rarely addressing abuses within their own milieu in public, often out of loyalty, dependence, or fear of sanctions. Those who experience little room for dissent at home seek it elsewhere. They shift protest outward because inward dissent would be costly. Left liberal milieus and a widespread sense of majority guilt reinforce this trend. Minorities increasingly appear as representatives of a collective rather than as individuals. Muslim women therefore take to the streets for the right to wear a headscarf but do not demonstrate against forced marriages, honour killings, or the genital mutilation of young girls. Recognition replaces emancipation. The language of labels contributes to this dynamic. Terms such as islamophobic, antisemitic, homophobic, or transphobic are important for naming real discrimination. They lose analytical value, however, when they are used as weapons of discourse to delegitimize criticism wholesale. In the end the main beneficiaries are those who have learned to convert outrage into political or media attention. This does little for social integration. For freedom of speech it has clear consequences. ## Protect citizens, not worldviews A liberal society therefore requires a clear distinction. Protection from violence, protection from discrimination in the legal sense, and protection from calls for concrete harm, yes. Protection from criticism, satire, provocation, or political discomfort, no. Anyone who takes tolerance seriously accepts that conflicts must be fought out in public. The state should safeguard civil rights, not worldviews. The decisive question is therefore not how to limit as many unpleasant opinions as possible, but how to live with harsh opinions without descending into hostility: through counter speech, through better arguments, through clear rules against violence and defamation, and through the ability to endure difference. A public sphere that can no longer do this loses maturity. It does not become more just, only more sensitive. ### Die Sprachpolizei hilft Minderheiten nicht – im Gegenteil URL: https://www.schweizermonat.ch/die-sprachpolizei-hilft-minderheiten-nicht-im-gegenteil/ Last updated: 2026-03-27T13:34:18.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-language-police-do-not-help-minorities-on-the-contrary/). Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit werden heute häufig mit dem Schutz von Minderheiten begründet. Religiöse und ethnische Gruppen sollen beispielsweise vor «Hass», «Kränkung» oder «Delegitimierung» bewahrt werden. Auf den ersten Blick wirkt das nobel. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch ein Problem: Der Schutzanspruch richtet sich immer weniger auf konkrete Rechtsgüter wie körperliche Unversehrtheit oder Zugangsgleichheit und immer mehr auf Deutungshoheit und Tabuzonen. Genau dort beginnt die Spannung zur Idee einer liberalen Öffentlichkeit. Toleranz bedeutet «aushalten». Der Begriff verweist auf eine Grundübung pluralistischer Gesellschaften: Menschen müssen mit Ansichten leben, die sie für falsch, unerquicklich oder sogar beleidigend halten. Wer jedoch fordert, vor den Meinungen anderer geschützt zu werden, verschiebt dieses Prinzip. Aus Toleranz wird ein Anspruch auf Schonung. Damit wird jedoch nicht mehr die Frage, ob eine Rede wahr, begründet oder widerlegbar ist, zum Massstab für Legitimität, sondern die Frage, ob sie als «zumutbar» empfunden wird. Dieser Massstab ist politisch beweglich und gruppenabhängig, also ein schlechtes Fundament für Freiheit und für ein friedliches Zusammenleben. ## Moralische Vorentscheidung Ein Blick auf die Debatten nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen im Jahre 2005 zeigt die Ambivalenz. Damals [verlangten](https://www.swissinfo.ch/ger/geschichte/mohammed-karikaturen-ein-fall-fuer-die-justiz/5009668?ref=schweizermonat.ch) viele muslimische Stimmen engere Schranken für Presse- und Kunstfreiheit im Namen des Respekts gegenüber einer religiösen Minderheit. Jahre später [stossen](https://apnews.com/article/hate-speech-london-manchester-antisemitism-bondi-29dbba8d0abafa2ac52591191d66ba49?ref=schweizermonat.ch)dieselben Akteure an Schranken, wenn sie sich zum Nahostkonflikt äussern und ihre Positionen als antisemitisch oder politisch unerwünscht eingeordnet werden. Dieses Beispiel eignet sich nicht für Schadenfreude, sondern für eine nüchterne Erkenntnis: Wer Einschränkungen als legitime Antwort auf Kränkung etabliert, akzeptiert eine Logik, die später auch gegen die eigene Rede zurückwirken kann. Einmal eingeführte Instrumente bleiben selten exklusiv. Hinzu kommt ein zweites Phänomen: die Vermischung von Menschen und Ideen. Religionskritik wird oft als «Islamophobie» oder «Antimuslimismus» bezeichnet, als ginge es dabei automatisch um Rassismus. Damit verschwimmt die Grenze zwischen Kritik an einer Lehre und Herabsetzung von Personen. Das kann Kritik entwaffnen und Diskussionen verkürzen. Umgekehrt existiert eine spiegelbildliche Tendenz: In jüdischen Debatten wird Israelkritik zum Teil schnell als Antisemitismus gebrandmarkt. Auch hier entsteht ein Reflex, der die Auseinandersetzung moralisch vorentscheidet, statt sie argumentativ zu führen. Beide Mechanismen haben denselben Effekt: Sie machen bestimmte Aussagen nicht widerlegbar, sondern unsagbar. Die Rechtsphilosophin Frauke Rostalski beschreibt in ihrem Buch «Die vulnerable Gesellschaft» eine Entwicklung, die diesen Prozess begünstigt. Gesellschaftliche Gruppen treten zunehmend als Schutzkollektive auf. Sie erwarten vom Staat nicht nur den Schutz ihrer Bürgerrechte, sondern auch den Schutz ihrer Deutungen und Empfindlichkeiten. Der Konflikt verlagert sich somit vom öffentlichen Streit in juristische und administrative Verfahren. Wer sich gekränkt fühlt, sucht nicht das bessere Argument, sondern den besseren Paragrafen. Für Gerichte ist das eine Zumutung, denn sie müssen über Bedeutungen und Kontexte statt über Handlungen urteilen. Auch für die Öffentlichkeit ist dies schädlich, denn der Diskurskorridor wird enger, da Menschen antizipieren, was als «problematisch» ausgelegt werden könnte. Das beschleunigt die Fragmentierung der Gesellschaft, anstatt einen gemeinsamen Nenner für alle zu finden. Aus Angst, etwas «Falsches» zu sagen, ziehen sich Menschen in ihre eigene Gruppe zurück und betrachten die anderen Gruppen als Gefahr für die eigene Identität. ## Forderungen nach aussen, Repression nach innen Ein weiterer blinder Fleck betrifft religiöse Minderheiten selbst. Sie haben oft eine ambivalente Haltung zur Freiheit. Gegenüber der Mehrheitsgesellschaft berufen sie sich auf Toleranz und Rechtsstaatlichkeit, um ihre Religionsausübung zu sichern. Innerhalb der eigenen Gemeinschaften werden individuelle Freiheiten jedoch nicht selten begrenzt, insbesondere im Hinblick auf Frauenrechte, sexuelle Selbstbestimmung und die Erziehung von Kindern. Dies wird im öffentlichen Diskurs häufig ausgeblendet. Die linksliberale Identitätspolitik konzentriert sich auf die Diskriminierung von aussen und übersieht die Machtverhältnisse im Inneren. Dabei ist auch das eine Frage der Meinungsfreiheit: Wer in der eigenen Community nicht frei sprechen kann, besitzt zwar formale Rechte, aber keine reale Stimme. So entsteht ein paradoxes Muster: Angehörige von Minderheiten fordern von der Mehrheitsgesellschaft Anerkennung, Respekt und Schutz, während sie Missstände im eigenen Milieu nur selten öffentlich thematisieren – oft aus Loyalität, aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen oder aus Angst vor Sanktionen. Diejenigen, die zu Hause wenig Spielraum erleben, suchen ihn ausserhalb. Sie verlagern den Protest nach aussen, weil er nach innen teuer wäre. Linksliberale Milieus und ein verbreitetes Schuldbewusstsein der Mehrheit verstärken diesen Trend: Minderheiten treten eher als Vertreter eines Kollektivs denn als Individuen auf. Muslimische Frauen gehen deshalb auf die Strasse für das Recht, ein Kopftuch zu tragen, demonstrieren aber nicht gegen Zwangsehen, Ehrenmorde und die Genitalverstümmelung junger Mädchen. Anerkennung ersetzt Emanzipation. Auch die Sprache der Etiketten trägt dazu bei. Begriffe wie «islamophob», «antisemitisch», «homophob» oder «transphob» sind wichtig, um reale Diskriminierung zu benennen. Sie verlieren jedoch ihren analytischen Wert, wenn sie als Diskurswaffen eingesetzt werden, um Kritik pauschal zu delegitimieren. Am Ende profitieren vor allem diejenigen, die gelernt haben, Empörung in politische oder mediale Aufmerksamkeit umzumünzen. Für die gesellschaftliche Integration bringt das wenig. Für die Meinungsfreiheit hat es Konsequenzen. ## Bürger schützen, nicht Weltbilder Eine liberale Gesellschaft braucht deshalb eine klare Unterscheidung: Schutz vor Gewalt, Schutz vor Diskriminierung im rechtlichen Sinne und Schutz vor Aufrufen zu konkreter Schädigung – ja. Schutz vor Kritik, Spott, Provokation oder politischen Zumutungen – nein. Wer Toleranz ernst nimmt, akzeptiert, dass Konflikte öffentlich ausgetragen werden. Der Staat sollte Bürgerrechte sichern, nicht Weltbilder. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie man möglichst unliebsame Meinungen begrenzt, sondern wie man mit harten Meinungen lebt, ohne in Feindseligkeit zu kippen: durch Gegenrede, durch bessere Argumente, durch klare Regeln gegen Gewalt und Verleumdung – und durch die Fähigkeit, Differenz auszuhalten. Eine Öffentlichkeit, die das nicht mehr kann, verliert an Reife. Sie wird nicht gerechter, nur empfindlicher. ### Das Jüngste Gericht ist beim Staat schlecht aufgehoben URL: https://www.schweizermonat.ch/das-juengste-gericht-ist-beim-staat-schlecht-aufgehoben/ Last updated: 2026-03-27T13:34:41.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-last-judgment-is-poorly-entrusted-to-the-state/). Mit dem «Fall Galilei» scheint zum Thema «Meinungsfreiheit und Religion» alles gesagt zu sein. Aber der Eindruck täuscht. Es wird oft übersehen, dass es eine Zeit gegeben hat, als die Christen nicht durch eine Allianz mit dem Staat das politische Sagen hatten. Gemeint sind die ersten Jahrhunderte, als sie im Römischen Reich lebten. Damals standen die Christen auf der Seite der Meinungsfreiheit. Im heidnischen Staat versuchten die Anhänger Jesu zunächst zu überleben, indem sie «Angebote» des Staates nicht wahrnahmen. So mieden sie die Zirkusspiele, bei denen zum Spass Menschen getötet wurden. Auch von Götteropfern oder von Berufen wie dem des Bildhauers, der mit der Anfertigung von Götterstatuen verbunden war, hielten sie sich fern. Dieses «liberale» Verhalten, vorhandene Rechte nicht wahrzunehmen, ging so lange gut, bis der Staat religiös übergriffig wurde. Er verlangte im Sinne einer Diktatur des Relativismusvon den Christen ein Bekenntnis. Nicht ihrem Glauben sollten sie abschwören, aber sie mussten die angestammte Staatsreligion zu ihren Glaubensüberzeugungen hinzunehmen und dem Kaiser, verstanden als gottähnliches Wesen, ein Opfer darbringen. Dazu waren vieleChristen nicht bereit. Zu Tausenden wurden sie deshalb getötet. Das Blut der Märtyrer wurde, wie der Apologet Tertullian (gestorben um 220) bemerkte, zum Samen der Christenheit. Aus heutiger Sicht kann man feststellen: Es wurde auch zum Samen der Religionsfreiheit sowieder Meinungsäusserungsfreiheit. ## Freiheit für das Individuum Der liberale Vordenker Benjamin Constant (1767‒1830) hat darauf hingewiesen, dass die antike Toleranz nicht dem Individuum galt. Vielmehr tolerierte man sich unter den Stadtstaaten dadurch, dass die jeweiligen Götter gegenseitig anerkannt wurden. Aber das bedeutete nicht, dass das Individuum religiös frei war. Es musste dem Kult des eigenen Staatsfolgen, auch wenn fremde Kulte in der Stadt zugelassen waren. Den Gedanken der individuellen Glaubensfreiheit hat erst das Christentum in die Welt gebracht. Es hat den antik-staatlichen Rahmen dadurch gesprengt, dass es die Existenz des Individuums auch im Transzendenten verankert hat. Denn der einzelne Mensch wurde durch das Christentum ebenfalls an die Gesetze seines Gottes gebunden: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört. Damit wurde das Individuum staatlicher Allmacht entzogen. Es handelt sich dabei um die erste Gewaltenteilung der Geschichte, die denmodernen Gewaltenteilungen vorangegangen ist. Die damit verbundene Schaffung der Idee der Gewissensfreiheit war die Vorbedingung der individuellen Freiheit, die wir heute für selbstverständlich betrachten. Sie war es in der ganzen Antike nicht. Bis ins zweite Jahrtausend kam es selten zur Verfolgung von Glaubensabweichlern. Verantwortlich dafür war das Gleichnis Jesu’ vom Sämann, der guten Samen sät. Darin wird berichtet, ein Feind habe schlechten Samen unter die gute Saat gemischt. Die Diener fragen ihren Herrn, ob sie dieses Unkraut ausreissen sollten. Sie erhalten die Antwort: «Nein, lasst beides wachsen bis zur Ernte» (Matthäus 13, 24‒30). Das bedeutet: Gott behält sich das Urteil über Wahrheit und Irrtum vor. Und es wird erst am Ende der Zeit gefällt. Solange dieser Tag nicht gekommen ist, bleiben im Diesseits Geduld und Toleranz angesagt. > «Den Gedanken der individuellen Glaubensfreiheit hat erst das Christentum in die Welt gebracht.» Als im Hochmittelalter die Kirche beherrschend wurde, kam es zu dem, was der Historiker Reinhart Koselleck als «Verzeitlichung» bezeichnet hat. Das Jüngste Gericht wurde säkularisiert und in die Zeit geholt. Nun traute man sich das Wissen darüber zu, was Wahrheit und was Irrtum sei. Es war Thomas von Aquin, der die ungeduldige These erfand, der «Irrtum» habe kein Recht auf Existenz. Dieses Theorem diente in der Folge dazu, vom Staat die Verfolgung des Irrtums zu fordern. Christen taten nun anderen an, was sie selbst erduldethatten: die Verfolgung um des Glaubens willen. In seinem Kommentar über die Toleranz hat ihnen Voltaire ins Stammbuch geschrieben: «Wollt ihr Christus gleichen, so werdet Märtyrer, aber nicht Henker.» Condorcet hat später darauf hingewiesen, man müsse den alleinigen Despotismus des Klerus nicht fürchten, doch werde er zu einer Gefahr, wenn er sich mit demjenigen des Adels verbinde. Dies kann man als Grundsatz verallgemeinern, auch mit Blick auf die heutige Zeit: Religiöse Lehren und andere Weltanschauungen stellen als solche meist kein Problem dar. Sie können sich gegenseitig ausschliessen und sich im gesellschaftlichen Diskurs sogar bekämpfen. Gefährlich werden Religionen und metaphysische Heilslehren erst dann, wenn sie sich mit der Staatsmacht zu verbinden vermögen. Wird der Staat zum Anwalt einer Heilslehreund hält sie sich für kompetent, dem «Irrtum» keinen Raum zu gewähren, beschwört dies Konflikte herauf. Wenn jemand ins Gefängnis gesteckt wird, weil er die der Biologie widersprechende Theorie ablehnt, man könne sein Geschlecht ändern, wenn ein Lehrer an einem staatlichen Gymnasium seine Stelle verliert, weil er sich weigert, einen Schüler gemäss dessen erfundenem Geschlecht anzusprechen, macht sich der Staat zum Verfolger angeblicher «Irrtümer». Beide geschilderten Fälle sind in der Schweiz in jüngster Zeit geschehen. Mit staatlicher Macht verflochtene Esoterik hat über die Naturwissenschaft triumphiert. ## Der Staat soll neutral sein Benjamin Constant hat zur Meinungsfreiheit bemerkt: «Irrtum oder Wahrheit, das Denken des Menschen ist sein geheiligstes Eigentum. Irrtum oder Wahrheit, die Tyrannen und die Völker sind gleichermassen schuldig, wenn sie dieses Eigentum angreifen. Wer im Namen der Philosophie den unschuldigen Aberglauben ächtet und wer im Namen Gottes die Philosophie ächtet: Beide verdienen den Abscheu der edlen Menschen.» Constant hat daraus dieFolgerung abgeleitet, das einzige Mittel, um eine Meinung zu schwächen, sei die freie Kritik. Diese erfordere die Abwesenheit jeglicher Autorität und Einflussnahme seitens des staatlichen Kollektivs. Denn die Kritik sei wesentlich individuell. Von der wechselvollen Geschichte der Meinungsfreiheit im Christentum kann der Staat etwas lernen. Denn er ist es, der sich heute vor einer Verzeitlichung des Jüngsten Gerichts hütenmuss. Er darf nicht versuchen, Weltanschauungen in wahre oder falsche zu unterteilen. Er muss sich davor hüten, als Warner vor «Fake News» echte oder vermeintliche Irrtümer zu unterdrücken. Vielmehr muss er die Meinungsäusserungsfreiheit kompromisslos gegenüber allen verteidigen, die sie einzuschränken versuchen. Die Kritik von Weltanschauungen ist keine staatliche Domäne. Sie kann nur individuell und zivilgesellschaftlich geleistet werden. Wenn sich der Staat gegenüber Weltanschauungen und Religionen neutral verhält, vermögen diese nicht, ihre Wahrheiten, wie im Mittelalter, staatlich zu verordnen. Religionen sind dann nicht ein Element der Unterdrückung, sondern – wie das Christentum in den ersten Jahrhunderten – ein Element der Befreiung. Benjamin Constant hat es so formuliert: «Wer immer absolute Macht will, begegnet in allen Religionen eine ihm ungelegene Grenze.» ### The Last Judgment Is Poorly Entrusted to the State URL: https://www.schweizermonat.ch/the-last-judgment-is-poorly-entrusted-to-the-state/ Last updated: 2026-03-28T09:24:54.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/das-juengste-gericht-ist-beim-staat-schlecht-aufgehoben/). With the «Galileo affair», it might seem that everything about «freedom of speech and religion» has already been said. Yet this impression is misleading. It is often overlooked that there was a time when Christians did not hold political power through an alliance with the state. This refers to the first centuries, when they lived within the Roman Empire. At that time, Christians stood on the side of freedom of expression. In the pagan state, followers of Jesus initially tried to survive by declining the «offers» made by the state. They avoided the circus games, where people were killed for entertainment. They also refrained from participating in sacrifices to the gods or from professions such as that of the sculptor, whose work involved producing statues of the gods. This «liberal» behavior, the choice not to exercise available rights, worked well until the state became religiously intrusive. It demanded from Christians a declaration of loyalty, in the spirit of what might be called a dictatorship of relativism. They were not asked to renounce their faith, but they were required to add the established state religion to their beliefs and to offer sacrifice to the emperor, who was regarded as a quasi divine figure. Many Christians refused. Thousands were killed as a result. As the apologist Tertullian, who died around the year 220, famously observed, the blood of the martyrs became the seed of Christianity. From today’s perspective one may add that it also became the seed of religious freedom and freedom of expression. ## Freedom for the individual The liberal thinker Benjamin Constant (1767–1830) pointed out that ancient tolerance did not apply to the individual. Rather, tolerance existed between city states in the form of mutual recognition of their respective gods. This did not mean that the individual enjoyed religious freedom. Each person was required to follow the cult of their own state, even if foreign cults were permitted within the city. The idea of individual freedom of belief was first introduced into the world by Christianity. It broke the ancient framework of the state by anchoring the existence of the individual in the transcendent. The individual was now bound to the laws of his God: render unto Caesar what is Caesar’s, and unto God what is God’s. In this way the individual was removed from the total power of the state. It represented the first separation of powers in history, preceding the modern forms of institutional separation of powers. The associated creation of the idea of freedom of conscience became the precondition for the individual liberty that we today take for granted. In antiquity it was not taken for granted at all. Until the second millennium, persecution of religious dissenters remained relatively rare. One reason for this was the parable of the sower who sowed good seed. In the story, an enemy mixes weeds among the good crop. The servants ask their master whether they should pull up the weeds. The answer is: «No, let both grow together until the harvest»(Matthew 13:24–30). The meaning is clear. God reserves the judgment between truth and error for himself, and it will be delivered only at the end of time. Until that day arrives, patience and tolerance must prevail in the world. When the Church became dominant in the High Middle Ages, however, something occurred that the historian Reinhart Koselleck described as a «temporalization». The Last Judgment was secularized and brought into the present. People now believed themselves capable of determining what was truth and what was error. It was Thomas Aquinas who formulated the impatient thesis that «error» has no right to exist. This doctrine was subsequently used to demand that the state persecute error. Christians now did to others what they themselves had once endured: persecution for the sake of belief. In his essay on tolerance, Voltaire addressed them with a memorable admonition: «If you wish to resemble Christ, become martyrs, not executioners.» Condorcet later observed that one need not fear the despotism of the clergy alone, but that it becomes dangerous when it joins forces with that of the nobility. This principle can be generalized, including with regard to the present. Religious teachings and other worldviews are rarely a problem in themselves. They may exclude one another and may even fight each other in public debate. Religions and metaphysical doctrines of salvation become dangerous only when they manage to unite with state power. When the state becomes the advocate of a doctrine of salvation and considers itself competent to deny «error» any place, conflicts are inevitable. If someone is imprisoned because he rejects a theory that contradicts biology, namely the idea that one can change one’s sex, or if a teacher at a public secondary school loses his job because he refuses to address a student according to the student’s self invented gender, the state becomes the persecutor of alleged «errors». Both of these cases have occurred in Switzerland in recent times. An esoteric doctrine intertwined with state power has triumphed over natural science. ## The state must remain neutral Benjamin Constant wrote about freedom of speech: «Error or truth, the thoughts of man are his most sacred property. Error or truth, tyrants and peoples alike are guilty when they attack this property. Whoever, in the name of philosophy, condemns innocent superstition, and whoever, in the name of God, condemns philosophy: both deserve the contempt of honorable men.» From this he concluded that the only way to weaken an opinion is through free criticism. Such criticism requires the absence of any authority or influence from the state as a collective power. For criticism is essentially individual. From the complex history of freedom of speech within Christianity, the state can learn something today. It is the state that must now guard against bringing the Last Judgment into the present. It must not attempt to divide worldviews into true and false. It must resist the temptation to suppress real or alleged errors in the name of fighting fake news. Instead, it must defend freedom of expression uncompromisingly against all who seek to restrict it. The criticism of worldviews is not a task of the state. It can only be carried out by individuals and by civil society. If the state remains neutral toward worldviews and religions, they cannot impose their truths through state authority, as happened in the Middle Ages. Religion then ceases to be an instrument of oppression and becomes, as Christianity was in its early centuries, an element of liberation. Benjamin Constant expressed it succinctly: «Whoever seeks absolute power encounters in every religion a boundary that is inconvenient to him.» ### Freedom of Speech Is the Citizens’ Shield Against the Powerful, Yet the Powerful Are Becoming Increasingly Thin-Skinned URL: https://www.schweizermonat.ch/freedom-of-speech-is-the-citizens-shield-against-the-powerful-yet-the-powerful-are-becoming-increasingly-thin-skinned/ Last updated: 2026-03-28T09:28:43.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-meinungsfreiheit-gehoert-entkriminalisiert/). In diplomacy one often hears that alliances rest on interests and values. Interests change. Values should endure. Freedom of speech belongs to those values. In any society that calls itself free, it is non negotiable. In Germany today, the principal threat to freedom of speech no longer comes primarily from private platforms, but from the state, and from a growing ecosystem of state funded proxies. Let me begin with a scene that should trouble anyone raised in a constitutional democracy. An elderly man near Bamberg is awakened by police at six in the morning because he referred to the minister of economic affairs online as a «Schwachkopf», a fool. A house search at dawn for an alleged insult. Ask yourself what kind of political order conducts house searches before breakfast over mere expressions of opinion. Government representatives in Germany like to say that anyone here may say whatever they wish. Yes, until the doorbell rings. **Punishments worthy of a dictatorship** A second example goes far beyond trivialities. At the beginning of 2025, a journalist was sentenced to seven months in prison, suspended on probation, for a meme bearing the text «I hate freedom of speech». The image showed the interior minister holding a sign, a satirical comment on her attitude toward free expression, an attitude reflected among other things in the banning of a right-wing newspaper, a ban that the Federal Administrative Court later considered unlawful. Read that again. A punishment that would fit comfortably in a dictatorship was presented as a defense of democracy. The public prosecutor appealed the ruling, seeking a harsher sentence. If you want to see what a chilling effect looks like, this is it. In connection with the Bamberg case, I wrote the following on X: «The Bamberg judge responsible for this ruling is named Martin Waschner. Anyone who hands down such judgments should not serve as a judge in a free state, and should not possess the power to imprison free citizens for lawful speech». The Hanseatic Bar Association promptly initiated disciplinary proceedings against me. The accusations are absurd. I have rejected them vigorously, and I will prevail. Third, the Federal Ministry of the Interior under Nancy Faeser commissioned a report that defamed the respected journalist Henryk M. Broder. We took the matter to court. The Higher Administrative Court of Berlin Brandenburg ordered the ministry to cease distributing the report. It was taken offline, and remaining printed copies were destroyed. The Frankfurter Allgemeine Zeitung summarized the outcome dryly: «Broder humiliates Interior Ministry». The ruling was not narrow. It was a reminder that governments have no constitutional right to be spared mockery, and certainly no right to defame their critics. Fourth, the Federal Constitutional Court reaffirmed precisely this point in a case we brought on behalf of Julian Reichelt against the federal government. Reichelt, a journalist and former editor in chief of Germany’s highest circulation daily newspaper, had described hundreds of millions of euros in development aid for Afghanistan as «money for the Taliban». A federal minister attempted to suppress his tweet. The government obtained an injunction. The Constitutional Court intervened, overturned the injunction, and found that the journalist’s fundamental rights had been violated. Political speech, particularly speech that is sharp or unsettling, lies at the core of Article 5 of our Basic Law. Finally, my own dispute with the Federal Office of Justice shows how far government agencies are willing to go in making life difficult for critics. After a court ordered the agency to grant me access to files, it delayed compliance, erected new obstacles, and then encouraged the Hanseatic Bar Association to impose sanctions on me because I had described the responsible official, who ignored the court order, as subordinate and incompetent. A government agency that treats a binding court decision as a mere recommendation does not defend the rule of law. It undermines it. My request for an interim injunction against the federal government regarding this sanction attempt has been pending before the Higher Administrative Court since January 2025. > «A government agency that treats a binding court decision as a mere recommendation does not defend the rule of law. It undermines it.» ### Mass criminal complaints These are not isolated anecdotes. Together they form a pattern. Leading German politicians, particularly from the Green Party, have normalized the practice of filing large numbers of criminal complaints in response to criticism that may be legally permissible but politically uncomfortable. Police resources are squandered protecting the feelings of those in power. And when the state loses in court, it too often shrugs and attempts the next manoeuvre. A pensioner was fined eight hundred euros for a remark about the then foreign minister Annalena Baerbock. He had written that she had probably «hit her head on the ceiling too often while trampolining». I commented on X: «This is her true face, the ugly, half totalitarian grimace of the Greens. Humorless, merciless, cold. Disgusting». The result was a criminal investigation against me. Section 188 of the German criminal code regulates insult, defamation, and slander against persons in political life and provides enhanced penalties when politicians are targeted. All animals are equal, but some are more equal than others. There is also a second, more strategic front: the outsourcing of repression. Under our constitution, the state must remain neutral in political debate. Instead, it finances NGOs to do what it cannot openly do itself: monitor speech, report it, stigmatize lawful statements, conduct lawfare, and shape public debate. This is not policy. It is propaganda purchased with taxpayer money. It simulates consensus by funding the choir. Add to this the European Union’s Digital Services Act, effectively the operating system of Europe’s content control industry. The DSA applies to every service with users in the Union and is backed by fines of up to six percent of global turnover. It grants special roles to «trusted flaggers», privileges reports from governmental or quasi-governmental actors, and pressures platforms to respond quickly or pay dearly. Illegal content is defined according to the most restrictive speech laws of any EU member state. In times of «crisis», the Commission may order «risk mitigation measures», elastic language broad enough to mean whatever yesterday’s panic requires, including throttling lawful debate under the banner of combating disinformation. The predictable outcome is not merely the removal of illegal content. It is overblocking of lawful speech, shadow banning of inconvenient voices, and the quiet intimidation of dissent by compliance departments fearful of Brussels. This is not adjudication. It is administrative censorship on an industrial scale. **The state has no honor** A brief doctrinal aside, because principles matter. For decades the Federal Constitutional Court has held that the state must tolerate sharp and even offensive criticism. The threshold of defamatory abuse is a narrow exception, not the rule. In cases of ambiguity, the interpretation that avoids punishment must prevail. And unlike private citizens, the state has no honor that can be protected through criminal law. These are not quotations for ceremonial speeches but the functional guardrails of a free constitutional order. They must not be dismantled. Yet we now have a bureaucracy that prosecutes satire and a political culture that pathologizes dissent. Some respond with familiar talking points: this is about combating hate speech. Let us be honest. In many cases that claim is little more than empty rhetoric. A dawn house search over the word «Schwachkopf». A seven-month prison sentence for a meme. A ministerial report withdrawn after it was used to smear a journalist. A minister invoking the Constitutional Court to silence political criticism. None of this has anything to do with protecting minorities or preventing violence. It is about protecting those in power from ridicule and humiliation. There is also a deeper legal dimension. Freedom of speech is not a gracious concession from rulers to obedient subjects. It restrains the rulers. It is the foundation of criticism of power, enforceable in court and exercised by citizens. If officials are allowed to blur this distinction, a culture of permanent hypersensitivity emerges, with criminal law serving as the enforcement mechanism. That is the game currently being played in Germany: expanding the list of linguistic taboos, inflating alleged harms, outsourcing control to compliant NGOs and platforms, all in the name of «security». ### Discipline the regulators What should be done? First, freedom of speech must be decriminalized. Criminal law should be reserved for genuine threats and clearly defined cases of incitement to violence, not for impolite adjectives or memes. Anyone who needs prosecutors to protect their feelings may be in the wrong profession. Second, the proxy armies must be dismantled. Taxpayer money must not finance NGOs to wage political battles on behalf of the state. What the state may not lawfully suppress directly, it must not fund others to suppress indirectly, whether through reporting systems, rating mechanisms, or so-called risk mitigation. Third, regulators must themselves be disciplined. Emergency powers under the DSA must not become permanent. Any such authority must be strictly time limited, subject to judicial review, and confined to illegal content as defined by law and jurisprudence. The status of «trusted flagger» must be tied to enforceable legal standards, including liability for abusive or grossly negligent reporting. I welcome, without reservation, the steps taken by the United States government to confront the European Union’s regulatory adventurism in matters of free speech, including its willingness to consider sanctions or tariffs if extraterritorial digital regulation exports censorship. This is not merely a trade dispute. It is the defense of a civilizational norm. If Europe insists on constructing a compliance panopticon, it should not expect to determine speech standards for the entire free world. Let me conclude on a more positive note. Freedom of speech does not guarantee truth. It guarantees the possibility of discovering truth together. It grants citizens the right to make fools of themselves and imposes the duty to tolerate the foolishness of others. Above all, it confronts governments with reality. Even in the past year, German courts have demonstrated that these mechanisms still function. An interior ministry rebuked and embarrassed. A federal minister reminded that she cannot silence a critic. A justice agency forced to recognize the rules of the constitutional state. And yes, even after six in the morning house searches and the theatre of anti-hate campaigns, the principle still stands that citizens’ mockery of the state enjoys constitutional protection. That principle deserves to be defended loudly and without hesitation. Freedom of speech is not a favor granted by the powerful to the citizens. It is the shield of the citizens against the powerful. If Europe forgets this, the United States should remind it, not with sermons but with policy. And on this side of the Atlantic we must do our part, through litigation, legislation, and through refusing to be intimidated by the new clerisy of «security». > «Freedom of speech is not a favor granted by the powerful to the citizens. It is the shield of the citizens against the powerful.» *This article is based on a speech delivered in September 2025 at a conference of the Global Liberty Institute in Zurich.* ### Die Meinungsfreiheit ist der Schutzschild der Bürger gegen die Mächtigen – doch diese werden immer dünnhäutiger URL: https://www.schweizermonat.ch/die-meinungsfreiheit-gehoert-entkriminalisiert/ Last updated: 2026-03-27T13:36:46.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/freedom-of-speech-is-the-citizens-shield-against-the-powerful-yet-the-powerful-are-becoming-increasingly-thin-skinned/). In der Diplomatie sagt man oft: Bündnisse beruhen auf Interessen und Werten. Interessen ändern sich. Werte sollten Bestand haben. Meinungsfreiheit gehört zu diesen Werten – sie ist in jeder Gesellschaft, die sich «frei» nennt, nicht verhandelbar. Im heutigen Deutschland geht die Hauptgefahr für die Meinungsfreiheit nicht mehr primär von privaten Plattformen aus, sondern vom Staat – und von einem wachsenden Ökosystem staatlich finanzierter Stellvertreter. Ich beginne mit einer Szene, die jeden beunruhigen sollte, der in einem Rechtsstaat gross geworden ist. Ein älterer Mann bei Bamberg wird morgens um sechs von der Polizei geweckt, weil er den Wirtschaftsminister im Internet als «Schwachkopf» bezeichnet hat. Hausdurchsuchung in aller Frühe – wegen einer angeblichen Beleidigung. Fragen Sie sich: Was ist das für eine politische Ordnung, in der es vor dem Frühstück zu Hausdurchsuchungen wegen blosser Meinungsäusserungen kommt? «Bei uns kann jeder sagen, was er will», hören wir von Regierungsvertretern in Deutschland. Ja – bis es klingelt. **Strafen wie in einer Diktatur** Ein zweites Beispiel geht weit über Lappalien hinaus. Anfang 2025 wurde ein Journalist zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von sieben Monaten verurteilt – wegen eines Memes mit dem Text «Ich hasse die Meinungsfreiheit», das als satirische Kritik an der Innenministerin zu verstehen war. Das Bild zeigte sie mit einem Schild in der Hand, als Kommentar zu ihrer Haltung zur Meinungsfreiheit, die sich unter anderem in dem nach Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts rechtswidrigen Verbot einer rechtsextremen Zeitung manifestierte. Lesen Sie das ruhig zweimal. Diese Strafe, die in eine Diktatur passt, wurde als Verteidigung der Demokratie verkauft. Die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt – sie will eine härtere Strafe. Wer wissen will, wie ein «Chilling Effect» aussieht: genau so. Im Zusammenhang mit dem Bamberger Fall habe ich auf X Folgendes geschrieben: «Der für dieses Urteil verantwortliche Bamberger Richter heisst Martin Waschner. Wer solche Urteile spricht, sollte in einem freien Staat kein Richter sein – und nicht die Macht haben, freie Bürger wegen rechtmässiger Meinungsäusserungen ins Gefängnis zu bringen.» Daraufhin leitete die Hanseatische Rechtsanwaltskammer ein berufsrechtliches Verfahren gegen mich ein. Die Vorwürfe sind absurd. Ich habe sie energisch zurückgewiesen – und ich werde mich durchsetzen. Drittens: Das Bundesinnenministerium unter Nancy Faeser liess ein Gutachten erstellen, das den renommierten Journalisten Henryk M. Broder diffamierte. Wir sind dagegen vor Gericht gezogen. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat dem Ministerium untersagt, das Gutachten weiter zu verbreiten; es wurde offline genommen, die verbliebenen Druckexemplare wurden eingestampft. Die FAZ fasste das Ergebnis trocken zusammen: «Broder blamiert Innenministerium.» Das war keine knappe Entscheidung. Es war eine Erinnerung daran, dass eine Regierung kein Grundrecht darauf hat, von Spott verschont zu bleiben – und schon gar kein Recht, Kritiker zu verleumden. Diesen Punkt hat – viertens – das Bundesverfassungsgericht in einem Verfahren bekräftigt, das wir für Julian Reichelt gegen die Bundesregierung geführt haben. Reichelt ist Journalist und ehemaliger Chefredaktor der auflagenstärksten deutschen Tageszeitung. Eine Bundesministerin versuchte, seinen Tweet zu unterbinden, in dem er Hunderte Millionen sogenannter Entwicklungshilfe für Afghanistan als «Geld für die Taliban» bezeichnete. Die Bundesregierung ging gegen den Journalisten vor und erwirkte ein Verbot. Das Bundesverfassungsgericht wies die Regierung in die Schranken, hob die einstweilige Verfügung auf und stellte eine Verletzung der Grundrechte des Journalisten durch diese Entscheidung fest. Politische Rede – insbesondere scharfe, verstörende Rede – steht im Kernbereich des Artikels 5 unseres Grundgesetzes. Schliesslich zeigt mein eigener Fall mit dem Bundesamt für Justiz – einer Behörde im Geschäftsbereich des Bundesjustizministeriums –, wie weit staatliche Stellen gehen, um einem Kritiker das Leben schwer zu machen. Nachdem ein Gericht das Amt verpflichtet hatte, mir Akteneinsicht zu gewähren, hat die Behörde verzögert, neue Hürden aufgebaut und dann bei der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer Sanktionen gegen mich angeregt, weil ich die zuständige Beamtin dafür, dass sie die Gerichtsentscheidung ignorierte, als untergeordnet und inkompetent bezeichnet habe. Eine Staatsbehörde, die eine verbindliche gerichtliche Entscheidung als unverbindliche Empfehlung behandelt, verteidigt nicht den Rechtsstaat – sie untergräbt ihn. Mein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen die Bundesregierung wegen dieses Sanktionsbegehrens liegt seit Januar 2025 beim Oberverwaltungsgericht. **Massenhaft Strafanzeigen** Das sind keine Anekdoten. Diese Fälle ergeben ein Muster. Führende deutsche Politiker, insbesondere aus dem Lager der Grünen, haben es zur Normalität werden lassen, massenhaft Strafanzeigen wegen Kritik einzureichen, die oft rechtlich zulässig, aber politisch unbequem ist. Die Ressourcen der Polizei werden zum Schutze der Gefühle der Mächtigen verschwendet. Und wenn der Staat vor Gericht verliert, zuckt er zu oft nur mit den Schultern und versucht das nächste Manöver. > «Führende deutsche Politiker, insbesondere aus dem Lager der Grünen, haben es zur Normalität werden lassen, massenhaft Strafanzeigen wegen Kritik einzureichen, die oft rechtlich zulässig, aber politisch unbequem ist» Ein Rentner wurde zu einer Geldstrafe von 800 Euro verurteilt – wegen eines Kommentars über die damalige Aussenministerin Baerbock. Er hatte geschrieben: «Beim Trampolinspringen wohl zu oft an die Decke gestossen.» Ich kommentierte auf X: «Das ist ihr wahres Gesicht, die hässliche, halbtotalitäre Grimasse der Grünen. Humorlos, gnadenlos, kalt. Widerlich!» Die Folge: ein Strafverfahren gegen mich. Paragraf 188 des deutschen Strafgesetzbuches regelt Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung gegenüber Personen des politischen Lebens. Die Norm sieht einen erhöhten Strafrahmen vor, wenn ein Politiker beleidigt wird. Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher. Es gibt eine zweite, strategischere Front: die Auslagerung von Repression. Nach unserer Verfassung hat der Staat im politischen Meinungskampf neutral zu bleiben. Also finanziert er sogenannte NGO, die das tun, was er selbst nicht offen tun darf: überwachen, melden, legitime Äusserungen stigmatisieren, Lawfare betreiben und die öffentliche Debatte konditionieren. Das ist keine Politik. Das ist mit Steuergeld eingekaufte Propaganda. Sie simuliert Konsens, indem sie den Chor finanziert. Hinzu kommt der Digital Services Act (DSA) der EU – das Betriebssystem der europäischen Inhaltskontrollindustrie. Der DSA gilt für jeden Dienst mit Nutzern in der Union und wird durch Bussgelder von bis zu sechs Prozent des weltweiten Umsatzes abgesichert. Er stattet «vertrauenswürdige Hinweisgeber» mit Sonderrollen aus, privilegiert staatliche und para-staatliche Meldungen und setzt Plattformen unter den Druck, möglichst schnell zu reagieren – oder zu zahlen. «Illegale Inhalte» werden nach dem jeweils strengsten Meinungsrecht in irgendeinem EU-Mitgliedstaat definiert. In «Krisen» kann die Kommission «Risikominderungsmassnahmen» anordnen – elastisch genug, um zu bedeuten, was immer die Panik des Vortags verlangt, einschliesslich der Drosselung legaler Debatten unter dem Banner der «Desinformation». Das vorhersehbare Ergebnis sind nicht nur Löschungen des tatsächlich Illegalen. Es sind das Overblocking des Legalen, Shadowban für das Unbequeme und das leise Einschüchtern von Dissens durch Complianceabteilungen, die Angst vor Brüssel haben. Das ist keine Rechtsprechung. Das ist administrative Zensur im industriellen Massstab. **Der Staat hat keine «Ehre»** Ein kurzer dogmatischer Einschub, weil Prinzipien zählen. Das Bundesverfassungsgericht sagt seit Jahrzehnten: Der Staat muss scharfe, auch verletzende Kritik aushalten; die Grenze zur Schmähung ist eine enge Ausnahme, kein Regelfall. Bei Mehrdeutigkeit ist die nichtsanktionsbewehrte Deutung zu wählen. Und der Staat – anders als der Bürger – hat keine «Ehre», die er mit dem Strafrecht schützen lassen könnte. Das sind keine Zitate für Sonntagsreden, sondern funktionale Leitplanken des freiheitlichen Rechtsstaates. Sie dürfen nicht eingerissen werden. Aber wir haben eine Bürokratie, die Satire verfolgt, und eine Politik, die Widerspruch pathologisiert. Manche greifen dann zur Textbausteinschublade: «Es geht doch um Hass und Hetze.» Seien wir ehrlich: Das ist in weiten Teilen banale Floskelware. Eine Hausdurchsuchung im Morgengrauen wegen «Schwachkopf»? Sieben Monate Freiheitsstrafe für ein Meme? Ein ministerieller Bericht, der eingestampft wird, nachdem damit versucht worden ist, einen Journalisten zu beschädigen? Eine Ministerin, die das Bundesverfassungsgericht bemüht, um eine politische Äusserung zu verbieten? Das hat nichts mit dem Schutz von Minderheiten oder der Verhinderung von Gewalt zu tun. Es geht darum, die Macht vor Blamage und Demütigung zu schützen. Es gibt auch einen juristischen Aspekt. Meinungsfreiheit ist kein Gnadenakt von Herrschenden gegenüber folgsamen Untertanen. Sie hegt die Herrschenden ein, sie ist das Fundament von Machtkritik – durchsetzbar vor Gerichten und durch Bürger. Wenn man Beamten erlaubt, diesen Unterschied einzuebnen, schafft man eine Kultur der permanenten Überempfindlichkeit, mit dem Strafrecht als Erfüllungsgehilfen. Das ist das Spiel, das in Deutschland derzeit gespielt wird: die Ausweitung der Liste von Sprach-Tabus, die Aufblähung vermeintlicher «Schäden», die Auslagerung der Kontrolle an willfährige NGO und Plattformen – und das alles im Namen von «Sicherheit». > «Es geht darum, die Macht vor Blamage und Demütigung zu schützen.» **Die Regulierer disziplinieren** Was ist zu tun? Erstens: Die Meinungsfreiheit muss entkriminalisiert werden. Das Strafrecht ist für echte Bedrohungen und klar umrissene Fälle von Volksverhetzung da – nicht für unhöfliche Adjektive oder Memes. Wer seine Gefühle von Staatsanwälten schützen lassen muss, ist im öffentlichen Amt womöglich falsch. Zweitens: Die Stellvertreterarmeen trockenlegen. Steuergelder dürfen nicht dazu verwendet werden, politischen Kampf durch NGO als Proxys betreiben zu lassen. Was der Staat nicht direkt rechtmässig unterbinden darf, darf er auch nicht finanzieren, damit Dritte es für ihn tun – sei es durch «Hinweise», «Ratings» oder «Risikominderung». Drittens: Die Regulierer disziplinieren. Der Ausnahmezustand darf über den DSA nicht zum Dauerzustand werden. Jede Notfallkompetenz muss zeitlich eng befristet, von Gerichten überprüfbar und strikt auf illegale Inhalte im Sinne von Gesetz und Rechtsprechung begrenzt sein. Der Status des «Trusted Flagger» muss an justiziable Standards geknüpft sein – einschliesslich Haftung für missbräuchliche oder grobfahrlässige Meldungen. Ich begrüsse – ohne Einschränkung – die Schritte der US-Regierung, dem regulatorischen Abenteurertum der EU im Bereich der Meinungsfreiheit entgegenzutreten, einschliesslich der Bereitschaft, Sanktionen oder Zölle zu prüfen, wenn extraterritoriale Digitalregulierung Zensur exportiert. Das ist kein blosser Handelsstreit; es ist die Verteidigung einer zivilisatorischen Norm. Wenn Europa unbedingt ein Compliancepanoptikum bauen will, darf es nicht erwarten, die Redestandards für die gesamte freie Welt zu bestimmen. Lassen Sie mich mit einem positiven Punkt schliessen. Meinungsfreiheit garantiert nicht die Wahrheit. Sie garantiert die Möglichkeit, sie gemeinsam zu finden. Sie gibt Bürgern das Recht, sich zum Narren zu machen, und die Pflicht, die Dummheit anderer zu ertragen. Sie konfrontiert Regierungen mit der Wahrheit. Allein im vergangenen Jahr haben deutsche Gerichte gezeigt, dass diese Instrumente noch funktionieren: ein Innenministerium, zurechtgewiesen und blamiert; eine Bundesministerin, der bescheinigt wird, dass sie einen Kritiker nicht mundtot machen darf; eine Justizbehörde, der die Regeln des Rechtsstaats vor Augen geführt werden, und ja – selbst nach Hausdurchsuchungen um sechs Uhr morgens und «Anti-Hass»-Theater gilt weiterhin der Grundsatz, dass der Spott der Bürger über den Staat verfassungsrechtlich geschützt ist. Dieser Grundsatz ist es wert, laut und ohne Zurückhaltung verteidigt zu werden. > «Meinungsfreiheit garantiert nicht die Wahrheit. Sie garantiert die Möglichkeit, sie gemeinsam zu finden. Sie gibt Bürgern das Recht, sich zum Narren zu machen, und die Pflicht, die Dummheit anderer zu ertragen. Sie konfrontiert Regierungen mit der Wahrheit.» Meinungsfreiheit ist keine Gefälligkeit der Mächtigen an die Bürger. Sie ist der Schutzschild der Bürger gegen die Mächtigen. Wenn Europa das vergisst, sollten die Vereinigten Staaten es daran erinnern – nicht mit Predigten, sondern mit Politik. Und wir auf unserer Seite des Atlantiks müssen unseren Teil beitragen: durch Prozesse, durch Gesetzgebung und dadurch, dass wir uns vom neuen Klerus der «Sicherheit» nicht einschüchtern lassen. *Dieser Beitrag basiert auf einer Rede, die im September 2025 an einer Konferenz des Global Liberty Institute in Zürich gehalten wurde.* ### Freie Rede ist nichts für Weicheier URL: https://www.schweizermonat.ch/freie-rede-ist-nichts-fuer-weicheier/ Last updated: 2026-09-23T21:02:46.000Z 0:00 /743 1× Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/free-speech-is-not-for-wimps/). Der Tubaspieler war in Berlin verhaftet worden. Zusammen mit der grossen Tuba sass er in dem Polizeiauto, in das man ihn verfrachtet hatte. Sein Vergehen hatte darin bestanden, an der frischen Luft mit 500 anderen Musikern auf dem Potsdamer Platz das deutsche Volkslied «Die Gedanken sind frei» von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zu spielen, um mitten in den Corona-Lockdowns auf das faktische Verbot der freien Künste aufmerksam zu machen. So viel Dissidententum konnte die geballte Staatsmacht nun wirklich nicht dulden. Der irische Lehrer Enoch Burke sass bereits über 500 Tage im Gefängnis; er war suspendiert worden, weil er sich geweigert hatte, einen seiner Schüler mit neuen Pronomen und neuem Geschlecht anzusprechen. Widerstand gegen die Idee des identifizierten Geschlechtes kostete ihn die Freiheit, der Richter liess ihn in Beugehaft nehmen, um die Wiederholung auszuschliessen. In Bayern wird ein Rentner mit Strafanzeige verfolgt, die Polizei durchsucht sein Haus, er hatte den damals amtierenden Vizekanzler Habeck auf einem lustigen Internet-Bildchen als «Schwachkopf» bezeichnet; es war nur eine von über 800 Strafanzeigen des Ministers. Seine Kollegin Baerbock hatte 500 Bürger angezeigt, die FDP-Politikerin Strack-Zimmermann brachte es auf über 1400, der amtierende Kanzler Friedrich Merz ebenfalls auf Hunderte an Strafanzeigen gegen Meinungsäusserungen seiner Wähler. Drei Staatsanwälte aus Göttingen brüsten sich 2025 hämisch lachend in einer Dokumentation des britischen Fernsehens damit, wie sie Bürgern wegen Äusserungsdelikten die Polizei zu Hausbesuchen vorbeischicken und wie allein schon das Konfiszieren der Mobiltelefone die Bürger bereits bestrafe, obwohl noch gar kein Urteil ergangen sei. Wie lustig. Seit 2016 hat sich im deutschen Bundesland Niedersachsen die Zahl der strafrechtlichen Ermittlungen wegen Äusserungsdelikten um das 15-Fache erhöht: auf 35 000 Ermittlungsverfahren allein im Jahr 2024. Je mehr der Staat im Kampf gegen «Hass und Hetze» zur vermeintlichen Rettung der Demokratie schreitet, umso mehr wird die Redefreiheit von Bürgern durch Einschüchterung und Strafverfolgung eingeschränkt. Die Revolution frisst immer irgendwann ihre Kinder, der Westen frisst gerade das Fundament seiner eigenen Idee. ## Die Wahrheit braucht einen guten Anwalt Nun lebten die Überbringer nicht erwünschter Wahrheiten schon immer gefährlich, im alten Rom wurden sie bekanntlich geköpft. Selbst Jesus schaffte es nur bis ins Alter von etwa 35 Jahren, bevor die Botschaft, dass die Wahrheit den Menschen freimachen werde, ihn das irdische Leben kosten sollte. Ein deutsches Sprichwort formuliert wiederum, die Wahrheit brauche ein schnelles Pferd. Im Jahr 2026 braucht sie vor allem einen guten Anwalt. Die viel zitierte Cancel Culture unserer Zeit gebar gleich mehrere Phänomene. Zum einen wird ihre Existenz konsequent von jenen Linken geleugnet, die sie am leidenschaftlichsten praktizieren. Unerbittlich verfolgen sie jeden, der sich nicht den wirren Ideen einer aggressiven LGBTQ-Lobby beugt. Jeden, der die Idee für Wahnsinn hält, ein Industrieland im Namen der Klimarettung mit Lastenfahrrädern und Windmühlen betreiben zu wollen. Jeden, der eine Migrationspolitik der offenen Grenzen als Gefahr für Leib und Leben der einheimischen Bevölkerung sieht. Zensur wird aber auch von jenen praktiziert, die vorgeben, für den Schutz der Meinungsfreiheit zu kämpfen. Man darf nicht vergessen, dass die Installation von bereits sieben staatlich finanzierten Meldestellen für «Hassverbrechen» unterhalb der Strafbarkeitsgrenze – also für legale Meinungsäusserungen – alle unter Führung der CDU vollzogen wurden. Und während kaum ein Politiker gerade deutlicher den Verfall der freien Rede in Europa anprangert wie der exzentrische US-Präsident Donald Trump, ist es derselbe Trump, der gleichzeitig deutschen NGO-Aktivisten und selbst dem ehemaligen EU-Kommissar Thierry Breton Visadokumente für die USA verweigert, weil er ihre Meinungen nicht duldet. Es mag mit diesen Personalien die «Richtigen» getroffen haben, allesamt Aktivisten, die mit dem Digital Services Act der EU für Millionen Bürger die Meinungsfreiheit einzuschränken versuchen – aber auf konservativer Seite scheint man leider auch auf Zensur zu setzen. ## Niemand hat das Recht zu gehorchen Und dann wiederum bringt die Einschränkung der Freiheit schon immer Helden hervor. Menschen, die nie vorhatten, berühmt zu werden, sondern die einfach nur ihrem Gewissen folgen. Die Tubaspieler und Lehrer, die Richter, Ärzte und Publizisten, aber auch die vielen Namenlosen, die in entscheidenden Momenten ihre Stimme erheben, oft allein auf weiter Flur. Meinungsfreiheit ist nicht irgendeine Freiheit, sondern die Mutter aller Freiheiten. Wer nicht mehr das Recht hat, seine Meinung auszusprechen, wie sollte er seine Sicht der Dinge jemals umsetzen? Wer ein Problem nicht einmal mehr aussprechen darf, wie sollte er es jemals lösen? Die Dinge beim Namen zu nennen, ohne dafür gesellschaftlich, strafrechtlich und körperlich abgestraft zu werden: Dies ist das erste Bürgerrecht, das es zu verteidigen gilt. Die Macht des Wortes hat nahezu magische Kräfte. Das richtige Wort zur rechten Zeit kann Berge versetzen und Menschenmassen in Bewegung setzen. «Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott» – und aus jenem Wort soll die Welt geschaffen worden sein. Die Idee, dass Worte Wirklichkeit schöpfen, findet sich seit Beginn der Menschheit. Man muss nicht einmal gläubig sein, um die Urkraft dieser zitierten Bibelstelle aus dem Johannesevangelium zu begreifen. Jeder Voodoo-Zauberer und jede Genderprofessorin versuchen bis heute dasselbe: mit Worten die Wirklichkeit nach den eigenen Wünschen zu verändern. Und ja, deswegen ist es besorgniserregend, wenn heute in Ländern, die doch so stolz sind auf die Errungenschaften ihrer freiheitlichen Demokratien, wieder Wörter verboten werden. Wenn Sprachleitfäden staatlich finanziert werden, die dem Bürger die richtige Wortwahl vorschreiben, um die Wahrheit hinter den Worten zu verschleiern. Es ist besorgniserregend, weil es die ersten Anzeichen der Lüge und der Feigheit sind, wenn ein Staat seine Bürger unter Androhung von Geldstrafen zwingt, einen Mann als Frau zu bezeichnen. Es sind totalitäre Vorposten, wenn in England Menschen verhaftet werden, die still betend vor einer Abtreibungsklinik stehen. Denn das System fürchtet in Wahrheit nicht nur das freie Wort, sondern schon den freien Gedanken. Dachten wir nicht, dass «Gedankenverbrechen» nur eine dystopische Idee aus den Schullektüren unserer Kindheit sind, aus den Büchern von Kafka, Orwell und Huxley? Waren wir zu jung, um zu begreifen, wie schnell Gesellschaften kippen, wenn die Mahnung einer Hannah Arendt missachtet wird und sich die Bürger erlauben zu gehorchen, wenn sie eigentlich angehalten wären, aufzustehen und Widerstand zu leisten? ## Die Freiheit stirbt zuerst den Tod der Feigheit Ich weiss nicht, wie oft ich bereits die entschuldigenden Worte hörte, jemand könne sich nicht erlauben, manche Dinge zu sagen, man habe schliesslich Familie und sei auf seinen Job angewiesen. Und dabei geht es im heutigen Westen noch nicht einmal um Leben und Tod. Es stirbt zuerst nur der innere Mensch, bevor man ihm die körperliche Hülle nimmt. Es stirbt die Freiheit der Rede, es stirbt der Mut, und damit ist der Boden bereitet für alles Grauen, das sich die Mächtigen ausdenken. Die Atmosphäre der Unfreiheit schafft Angst. Angst lässt gefügig werden. Gefügigkeit schafft Mitläufertum und am Ende Mittäter. So ziehen sich immer Geschichten von Feigheit durch die Historie totalitärer Regime. Es bereitet nahezu körperliches Unwohlsein, ein Buch wie «Der Archipel Gulag» von Alexander Solschenizyn zur Hand zu nehmen. Schlimm sind nicht nur die Schilderungen der Arbeitslager, sondern es ist die Atmosphäre der Angst, die dazu führte, dass Menschen nicht einschritten, wenn ihre Freunde verhaftet wurden und andere sich widerstandslos abführen liessen, in der falschen Hoffnung, Wohlverhalten könne sie retten. ## Sichtbarer Gehorsam Cancel Culture, also jene Kultur des Weglöschens und Eliminierens vermeintlich falscher Gedanken, falscher Schriften und falscher Menschen: Das ist immer Ausdruck eines Systems der Angst. So wie der arme Winston Smith in George Orwells Roman «1984» unter Folter dazu gebracht wird, nicht nur zu behaupten, sondern wirklich zu glauben, dass er an einer Hand nur vier statt fünf Finger sähe, so reicht es den lustvollen Totalitären der Neuzeit eben nicht mehr aus, dass wir «tolerant» sind gegenüber anderen Standpunkten, nein: Wir sollen uns beugen. Wir sollen zustimmen, wir sollen mitmachen und für etwas Haltung zeigen, an das wir nicht glauben. Erst wenn wir brav unsere Regenbogenfahne zum Pride-Year über dem Dach hissen, sind wir aus der Gefahrenzone raus. Erst wenn wir brav der Klimareligion und ihren Hohepriestern huldigen, auf Fleisch verzichten und mit dem Lastenfahrrad unsere Kinder in die Schule bringen, sind wir nicht länger verdächtig. Erst wenn wir unsere Pronomen auf unsere Visitenkarten und Grabsteine schreiben, nicht weil wir unser Geschlecht vergessen hätten oder man es uns nicht ansähe, sondern um die Selbstverständlichkeit unserer Weiblichkeit oder Männlichkeit gehorsam in Frage zu stellen, erst dann haben wir demonstriert, dass wir einwilligen in die neue Realität, wo nicht Natur, Vernunft und Wissenschaft das Sagen haben, sondern der Staat und seine Justiz. Ein kurzes Video, das in der Holocaust–Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem in Dauerschleife gezeigt wird, hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Darin erzählt ein alter Mann, wie er als Kind aus der Schule abgeholt und zur Deportation gebracht wurde. Der Weg führte vorbei an den Häusern seiner Nachbarn, die am Wegrand standen und zusahen, wie man Menschen in Waggons trieb. Niemand griff ein. Niemand stand auf. Der Mann im Video erzählt, er habe diese Leute noch am Morgen des Tages für Freunde gehalten, aber nun sahen sie schweigend und tatenlos zu. Da habe er den Glauben an die Menschheit verloren, sagte er. Wo ist der Unterschied zu heute? Wenn Menschen gefügig alles mitmachen, wenn man von ihnen verlangt, jene auszugrenzen, die sich nicht den Sprachcodes der Neuzeit, den Ansprüchen des Zeitgeistes und den Zwängen der Regierenden beugen wollen, weil sie ja sonst ihren eigenen Kopf riskieren? «Leben in der Wahrheit» forderte der tschechische Widerstandskämpfer Václav Havel. «Live not by lies» formulierte Solschenizyn. Heute sagt man uns, es gäbe mehrere Wahrheiten. Meine Wahrheit, deine Wahrheit, so als gäbe es keinen objektiven Massstab mehr. Doch wenn erst einmal die Wahrheit tot und als Vielfalt der Wahrheiten wiederauferstanden ist, dann ist alles möglich. Dann ist «die Wissenschaft» nur die These der aktuell herrschenden Ideologie, dann ist frei nach Orwell Krieg nur die andere Form von Frieden, Unwissenheit die neue Stärke und Freiheit Sklaverei. Wer sich als Zuschauer und Schäfchen mit einer solchen Gesellschaft abfindet, hat es nicht anders verdient. ### Free speech is not for wimps URL: https://www.schweizermonat.ch/free-speech-is-not-for-wimps/ Last updated: 2026-03-28T09:33:54.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/freie-rede-ist-nichts-fuer-weicheier/). The tuba player had been arrested in Berlin. Together with his large tuba, he sat in the police car they had put him in. His offense consisted of playing the German folk song «Die Gedanken sind frei» by August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in the open air on Potsdamer Platz with 500 other musicians. The performance was meant to draw attention, in the middle of the Covid lockdowns, to the de facto prohibition of artistic freedom. Such dissent was more than the full force of the state could tolerate. The Irish teacher Enoch Burke spent more than 500 days in prison. He had been suspended because he refused to address one of his students using new pronouns and a newly declared gender. His resistance to the idea of self-identified gender cost him his freedom. The judge ordered coercive detention in order to prevent any repetition. In Bavaria a pensioner is being prosecuted. Police searched his home after he referred to then vice chancellor Robert Habeck as a «Schwachkopf» in a humorous internet image. It was only one among more than 800 criminal complaints filed by the minister. His colleague Annalena Baerbock filed complaints against 500 citizens. The FDP politician Marie Agnes Strack Zimmermann reached more than 1,400\. The current chancellor Friedrich Merz has likewise filed hundreds of complaints against expressions of opinion by his own voters. Three prosecutors from Göttingen boast in a 2025 British television documentary, laughing mockingly, about how they send police to citizens’ homes over speech-related offenses. They explain how confiscating mobile phones already punishes citizens even before a verdict has been reached. Since 2016 the number of criminal investigations into speech offenses in the German state of Lower Saxony has increased fifteenfold, reaching 35,000 investigations in 2024 alone. The more the state claims to rescue democracy through a campaign against «hate and agitation», the more citizens’ freedom of speech is restricted through intimidation and prosecution. Revolutions eventually devour their children. The West is now consuming the foundations of its own idea. ## Truth needs a good lawyer Those who bring unwelcome truths have always lived dangerously. In ancient Rome they were famously beheaded. Even Jesus reached only about the age of thirty-five before proclaiming that the truth would set mankind free, a message that cost him his life. A German proverb says that truth needs a fast horse. In the year 2026 it needs above all a good lawyer. The frequently invoked cancel culture of our time has produced several phenomena. One is that its existence is consistently denied by those on the left who practice it most passionately. They relentlessly pursue anyone who refuses to submit to the ideas of an aggressive LGBTQ lobby, anyone who considers it madness to run an industrial society with cargo bikes and wind turbines in the name of saving the climate, or anyone who sees a policy of open borders as a danger to the lives and security of the native population. But censorship is also practiced by those who claim to defend freedom of speech. One should not forget that the establishment of seven state funded reporting offices for «hate crimes» below the threshold of criminal liability, meaning for legal expressions of opinion, was implemented under the leadership of the CDU. And while hardly any politician currently denounces the decline of free speech in Europe more loudly than the eccentric US president Donald Trump, it is the same Trump who simultaneously denies visas to German NGO activists and even to former EU commissioner Thierry Breton because he does not tolerate their opinions. It may be that the «right» people were affected, activists who supported the EU’s Digital Services Act and thereby attempted to restrict the freedom of speech of millions of citizens. Yet even on the conservative side, censorship appears to have become an acceptable tool. ## No one has the right to obey At the same time, restrictions on freedom have always produced heroes. People who never intended to become famous, but who simply follow their conscience. The tuba players and teachers, the judges, doctors and writers. And also the many anonymous individuals who raise their voices in decisive moments, often standing alone. Freedom of speech is not just one freedom among others. It is the mother of all freedoms. If a person no longer has the right to express an opinion, how could that person ever implement their view of the world? If a problem may not even be named, how could it ever be solved? The ability to call things by their name without being punished socially, legally or physically is the first civic right that must be defended. The power of words has an almost magical force. The right word at the right time can move mountains and mobilize masses. «In the beginning was the Word, and the Word was with God.» From that word, the world itself was said to have been created. The idea that words shape reality has existed since the beginning of human history. One need not be religious to grasp the primal force contained in that biblical line from the Gospel of John. Every voodoo priest and every gender studies professor attempts the same thing, to reshape reality through words. That is why it is alarming when, in countries proud of their liberal democratic achievements, words are once again being banned. When government funded language guides prescribe the correct terminology citizens must use, often in order to conceal the truth behind words. It is alarming because the first signs of lies and cowardice appear when a state forces its citizens, under threat of fines, to call a man a woman. It is a totalitarian precursor when people in England are arrested for silently praying outside abortion clinics. The system fears not only the free word. It fears even the free thought. Did we not once believe that «thought crimes» existed only in dystopian literature from our school days, in the works of Kafka, Orwell and Huxley? Were we too young to understand how quickly societies can tilt when Hannah Arendt’s warning is ignored and citizens allow themselves to obey when they ought instead to stand up and resist? ## Atmosphere of lack of freedom I do not know how often I have heard people say apologetically that they cannot afford to say certain things because they have families or depend on their jobs. And in the West today it is not even about life and death. The inner person dies first before the physical body is taken. Freedom of speech dies, courage dies, and with it the ground is prepared for whatever horrors those in power may devise. An atmosphere of unfreedom creates fear. Fear produces obedience. Obedience produces conformity, and eventually complicity. Thus, the history of totalitarian regimes is always a history of cowardice. It is almost physically painful to pick up a book like The Gulag Archipelago by Alexander Solzhenitsyn. The horror lies not only in the descriptions of the labour camps but in the atmosphere of fear that led people not to intervene when their friends were arrested, while others allowed themselves to be taken away in the mistaken hope that good behaviour might save them. ## Visible obedience Cancel culture, the culture of erasing and eliminating supposedly wrong thoughts, writings and people, is always an expression of a system of fear. Just as Winston Smith in George Orwell’s novel 1984 is tortured until he not only claims but truly believes that he sees only four fingers where there are five, modern totalitarians are not satisfied with mere tolerance toward other viewpoints. They demand submission. They demand agreement. They demand participation and public declarations of loyalty to ideas in which we may not believe. Only once we dutifully raise our rainbow flag for Pride Year above our rooftops are we out of danger. Only once we faithfully honour the religion of climate salvation, abstain from meat and transport our children to school on cargo bicycles do we cease to appear suspicious. Only once we place our pronouns on business cards and gravestones, not because we have forgotten our sex or because it cannot be seen, but in order to obediently question the obvious reality of our womanhood or manhood, do we demonstrate that we accept the new reality in which nature, reason and science no longer have the final say, but the state and its judiciary. A short video that plays continuously at the Yad Vashem Holocaust memorial in Jerusalem has remained etched in my memory. In it an elderly man recounts how he was taken from school as a child and brought to deportation. The road passed the houses of his neighbours, who stood by the roadside watching as people were driven into wagons. No one intervened. No one stood up. The man says that until that morning he had believed those people were his friends. But when he saw them watching silently and doing nothing, he lost his faith in humanity. Where is the difference today? When people obediently go along with everything, when they are asked to exclude those who refuse to submit to the language codes of the new age, the demands of the prevailing spirit and the pressures of those in power, because otherwise they risk their own position. «Living in truth», demanded the Czech dissident Václav Havel. «Live not by lies», wrote Solzhenitsyn. Today we are told that there are multiple truths. My truth, your truth, as though there were no longer any objective standard. But once truth itself has died and returned merely as a plurality of truths, then anything becomes possible. Then «the science» becomes only the thesis of the ideology currently in power. Then, in Orwell’s words, war becomes another form of peace, ignorance the new strength and freedom slavery. Anyone who accepts such a society as a passive spectator and obedient follower deserves no better fate. ### Die Nacht der weissen Blätter URL: https://www.schweizermonat.ch/die-nacht-der-weissen-blaetter/ Last updated: 2026-03-27T13:33:11.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-night-of-the-white-paper-sheets/). Die Wulumuqi Lu ist eine Strasse in einem gehobenen Viertel Schanghais, in der ehemaligen französischen Konzession. Platanen säumen die Trottoirs, auf denen vor der Coronakrise zahlreiche Expats flanierten oder Wein tranken. Am 26\. November 2022 wurde ausgerechnet diese Strasse zum Zentrum landesweiter Proteste – der grössten seitdem Tiananmen-Massaker von 1989\. Hunderte Schanghaier standen schweigend mit einem weissen Blatt Papier vor einer Mahnwache. Sie forderten nicht nur ein Ende der Lockdowns, manche sogar den Rücktritt von Präsident Xi Jinping. Einen Tag später war die Menge nochmals angewachsen. Ausländische Journalisten waren ebenfalls vor Ort, um die meist jungen Leute mit einem weissen A4-Papier in der Hand zu dokumentieren. Die Proteste waren nun auch nicht mehr auf Schanghai beschränkt. In Städten im ganzen Land – in Peking, Chengdu, Wuhan und Guangzhou – gingen Menschen mit weissen Blättern auf die Strasse. Erstmals seit 1989 forderten Bürger wieder offen den Rücktritt der Regierung. Was war geschehen? Und weshalb kam es überhaupt zu diesen Protesten, wo doch die Kommunistische Partei jede Form der Meinungsäusserung kontrolliert? ## Tödlicher Lockdown Nach Ausbruch der Coronapandemie in Wuhan Anfang 2020 schloss China seine Landesgrenzen. Nur noch wenige Menschen durften einreisen, und wer ein Visum erhielt, musste sich zunächst einer strikten zweiwöchigen Hotelquarantäne unterziehen – weniger privilegiert Ankommende landeten in Turnhallen, zusammengepfercht mit Tausenden anderen. Im Inneren des Landes etablierte die Regierung ein rigoroses PCR-Test-Regime. Folgt man der damaligen Logik, funktionierte dieses System zunächst: Die Volksrepublik wollte das Virus vollständig aus dem Land heraushalten. In den ersten Monaten gelang das relativ gut. Mit den neuen, weniger gefährlichen, aber deutlich ansteckenderen Varianten wurde dieses Ziel jedoch zunehmend unerreichbar. Während ausserhalb Chinas vielerorts bereits vom Ende der Pandemie die Rede war, verhängten die Behörden in Schanghai Ende März 2022 einen harten Lockdown – er sollte 65 Tage dauern. Meist war es den Menschen untersagt, ihre Wohnungen zu verlassen. In der Stadt Wulumuqi, der Hauptstadt der autonomen Region Xinjiang, lebten die Bewohner zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zwei Monaten unter Hausarrest. Als dort am 26\. November 2022 in einem Wohnhaus ein Feuer ausbrach, starben mindestens zehn Menschen. Sie verbrannten, weil sie das Gebäude nicht verlassen durften. Am Tag darauf begannen in Schanghai die Proteste gegen die Lockdown-Politik – und gegen die eingeschränkte Meinungsfreiheit in China. Denn genau dafür stand das weisse Blatt Papier. ## Aktive Bürgerjournalisten Im Westen neigen wir dazu, China als graues Zensurregime orwellscher Prägung zu sehen. Die Realität ist jedoch vielschichtiger und bunter. Ausländer staunen bisweilen, wie viel Kritik innerhalb der von der Partei nur vage gezogenen Grenzen möglich ist. So deckte das Wirtschaftsmagazin «Caixin» im Mai 2023 einen weitreichenden Korruptionsskandal in der chinesischen Tabakindustrie auf. Ling Chengxing, ehemaliger Leiter der staatlichen Tabakmonopolverwaltung, wurde infolge der Recherchen aus Partei und Amt ausgeschlossen und 2024 verhaftet. Es folgte eine Anklage wegen Bestechung und Machtmissbrauchs. 2025 wurde Ling zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. > «Im Westen neigen wir dazu, China als graues Zensurregime orwellscher Prägung zu sehen. Die Realität ist jedoch vielschichtiger und bunter. Ausländer staunen bisweilen, wie viel Kritik innerhalb der von der Partei nur vage gezogenen Grenzen möglich ist.» Regelmässig decken auch Bürgerjournalisten Umweltskandale auf. So meldeten Bewohner von Hangzhou im Juli 2025 über mehrere Tage hinweg, dass ihr Leitungswasser stark verfärbt sei und übel rieche. Begleitet wurde dies von Berichten über gesundheitliche Beschwerden wie Juckreiz und Übelkeit. Die lokalen Behörden erklärten zunächst, die Ursache liege in einer natürlichen chemischen Reaktion von Algen, und bestritten eine Fremdverschmutzung. Zwar wurde der Vorfall nie vollständig aufgeklärt, doch stellten die Behörden auf eine alternative Quelle um, entschädigten die betroffenen Bewohner und suspendierten mehrere Verantwortliche. ## Journalisten zensieren sich selbst Gleichzeitig hat das Phänomen der «Schere im Kopf» spürbar zugenommen. Ich war zweimal als Korrespondent in China tätig. In der ersten Phase, zwischen 2011 und 2015, waren kritische Interviews noch möglich. Als ich Ende 2019 in das Land zurückkehrte, wollten Interviewpartner selbst bei unverfänglichen Themen wie dem Stadtverkehr nicht mehr namentlich zitiert werden. Bei chinesischen Publikationen mussten die Zensorenden Rotstift oft gar nicht erst ansetzen. Im vorauseilenden Gehorsam überschritten Journalisten bestimmte, bewusst vage gehaltene Grenzen schlicht nicht mehr. Die Meinungsfreiheit ist in China tatsächlich in der Verfassung garantiert. In der Praxis gilt dieses Recht jedoch nur, solange sie die «führende Rolle der Partei» nicht infrage stellt. Kritik ist nicht per se verboten, sondern strikt kanalisiert: Sie soll intern, konstruktiv, technokratisch – und vor allem loyal – geäussert werden. Öffentliche, ungeplante oder moralisch aufgeladene Kritik hingegen gilt als Bedrohung der politischen Stabilität. Der Werkzeugkasten, mit dem die Kommunistische Partei diesen Anspruch durchsetzt, ist in den vergangenen Jahren immer ausgefeilter geworden. Und leider drängt sich der Eindruck auf, dass sich viele Eliten im Westen daran ein Beispiel genommen haben.Zentral dabei ist der Kampfbegriff «Fake News». Die Behörden reklamieren für sich, gegen Falschinformationen und Gerüchte im Internet vorgehen zu müssen. «Ausländische Akteure» werden dabei fast reflexhaft als Urheber genannt – etwa bei den Protesten in Hongkong 2019\. (Tatsächlich lässt sich nicht bestreiten, dass die an und für sich organischen Proteste auch von amerikanischen NGOs wie der National Endowment for Democracy unterstützt wurden.) Zugleich nehmen Bots und bezahlte Social-Media-Accounts gezielt Einfluss auf das Stimmungsbild oder lenken den öffentlichen Diskurs in eine gewünschte Richtung. > «Der Werkzeugkasten, mit dem die Kommunistische Partei diesen Anspruch durchsetzt, ist in den vergangenen Jahren immer ausgefeilter geworden. Und leider drängt sich der Eindruck auf, dass sich viele Eliten im Westen daran ein Beispiel genommen haben.» ## Freie Meinung auf Parteilinie Meinungsfreiheit ist in diesem Verständnis kein unveräusserlicher Wert, kein Menschenrecht qua Geburt. Sie wird von der Partei gewährt – und zwar dann, wenn sie nützlich ist. Dazu zählen Recherchen über korrupte Funktionäre, insbesondere wenn es sich um politische Gegner handelt. Zugleich kann Meinungsfreiheit als Ventil dienen, um «Druck aus dem Kessel» zu lassen – gewissermassen als Frühwarnsystem. Um die 2010er–Jahre etwa war Luftverschmutzung in den chinesischen Städten ein drängendes Problem. Vor allem die wachsende Mittelschicht sorgte sich um die Gesundheit ihrer Kinder. Der Unmut nahm zu. Doch bevor sich der Frust gegen die politische Führung richtete, schwenkten die Behörden um. Tatsächlich ist die Luftqualität heute wesentlich besser als noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig achtet die Führung seit 1989 sehr genau darauf, dass Proteste lokal begrenzt bleiben. Bürger «dürfen» gegen verschmutzte Abwässer einer Chemiefabrik in der Provinz Guangdong auf die Strasse gehen. Was aus Sicht der KP nicht geschehen darf, sind landesweite Proteste gegen zu laxe Umweltvorgaben der Zentralregierung. Ebenso kann es in der offiziellen Lesart vorkommen, dass sich Provinzbeamte illegal bereichern. Unfehlbar ist einzig die oberste Führung in Peking – damit ist Kritik an Xi Jinping ausgeschlossen. Und die «bái zhǐ kàngyì», die Weisses-Blatt-Proteste vom November 2022? Der Freiheitsfunke war den Zensurbehörden für einen Moment entwischt. Die überraschte Polizei beendete die Demonstrationen jedoch innerhalb weniger Tage. Sämtliche Teilnehmer wurden mithilfe von Überwachungskameras und Handydaten identifiziert und strafrechtlich belangt. Die Vorwürfe lauteten meist auf «Provokation von Streit und Unruhe» oder «Eintreten für Extremismus» – selbst dann, wenn Betroffene lediglich Videos der Protestaktionen geteilt hatten. Bilder von weissen Papieren und entsprechende Hashtags verschwanden vollständig aus dem chinesischen Internet. Gleichzeitig fluteten Zensoren das Netz mit banalen Alltagsinhalten, um die öffentliche Aufmerksamkeit gezielt abzulenken. Das vielleicht Überraschendste jedoch geschah am 7\. Dezember, keine zwei Wochen nach den landesweiten Protesten: Präsident Xi Jinping erklärte die Lockdown-Politik für beendet. Die abrupte Kehrtwende wurde offiziell natürlich nicht als Reaktion auf den Druck der Strasse, sondern als wissenschaftlich fundierte und geplante «Optimierung» dargestellt. ### The Night of the White Paper Sheets URL: https://www.schweizermonat.ch/the-night-of-the-white-paper-sheets/ Last updated: 2026-03-28T09:38:48.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-nacht-der-weissen-blaetter/). Wulumuqi Lu is a street in an affluent Shanghai neighbourhood, in the former French Concession. Plane trees line the sidewalks, where before the Covid crisis numerous expats used to stroll or drink wine. Yet on November 26, 2022, this very street became the center of nationwide protests, the largest since the Tiananmen massacre of 1989\. Hundreds of Shanghai residents stood silently at a vigil holding blank sheets of white paper. They were demanding not only an end to the lockdowns, some were even calling for President Xi Jinping to step down. The next day the crowd had grown larger still. Foreign journalists were also on site, documenting the mostly young demonstrators holding white A4 sheets in their hands. The protests were no longer confined to Shanghai. In cities across the country, in Beijing, Chengdu, Wuhan and Guangzhou, people took to the streets carrying blank white sheets. For the first time since 1989, citizens were once again openly calling for the government to resign. What had happened? And why did such protests occur at all, given that the Communist Party controls every form of public expression? ## Deadly lockdown After the outbreak of the coronavirus pandemic in Wuhan in early 2020, China closed its borders. Only a very small number of people were still allowed to enter, and anyone granted a visa first had to undergo a strict two-week hotel quarantine. Less privileged arrivals ended up in gymnasiums, packed together with thousands of others. Within the country, the government established a rigorous PCR testing regime. By the logic of the time, the system initially worked. The People’s Republic wanted to keep the virus entirely out of the country. For the first few months, that objective was achieved with some success. But once newer variants emerged, less dangerous yet far more contagious, the goal became increasingly unattainable. While much of the world outside China was already speaking of the end of the pandemic, authorities in Shanghai imposed a severe lockdown at the end of March 2022, one that would last 65 days. For most residents, leaving their apartments was forbidden. In the city of Urumqi, capital of the autonomous region of Xinjiang, residents had already been confined to their homes for more than two months. When a fire broke out in an apartment building there on November 26, 2022, at least ten people died. They burned because they were not allowed to leave the building. The following day, protests began in Shanghai against the lockdown policy, and against restricted freedom of expression in China. That, precisely, was what the blank white sheet symbolized. ## Active citizen journalists In the West, there is a tendency to imagine China as a drab censorship regime of an Orwellian kind. The reality, however, is more layered and more colorful. Foreigners are sometimes astonished by how much criticism is possible within the loosely drawn boundaries set by the Party. In May 2023, for instance, the business magazine *Caixin* uncovered a far-reaching corruption scandal in the Chinese tobacco industry. Ling Chengxing, the former head of the state tobacco monopoly administration, was expelled from the Party and removed from office because of the reporting, then arrested in 2024\. Charges followed for bribery and abuse of power. In 2025, Ling was sentenced to a long prison term. Citizen journalists also regularly expose environmental scandals. In July 2025, residents of Hangzhou reported over several days that their tap water was heavily discoloured and smelled foul. These reports were accompanied by accounts of health complaints such as itching and nausea. Local authorities initially claimed the cause was a natural chemical reaction involving algae and denied any outside contamination. Although the incident was never fully clarified, the authorities switched to an alternative water source, compensated affected residents, and suspended several officials. ## Journalists censor themselves At the same time, the phenomenon known in German as the *Schere im Kopf*, self-censorship born of internalized fear, has grown noticeably stronger. I worked twice as a correspondent in China. During the first period, between 2011 and 2015, critical interviews were still possible. When I returned to the country at the end of 2019, interview partners no longer wanted to be quoted by name even on harmless topics such as urban traffic. In Chinese publications, censors often did not even need to use the red pen. Out of anticipatory obedience, journalists simply no longer crossed certain deliberately vague boundaries. Freedom of speech is indeed guaranteed in China’s constitution. In practice, however, that right applies only so long as it does not call into question the Party’s leading role. Criticism is not forbidden as such, it is tightly channelled. It is expected to be voiced internally, constructively, technocratically, and above all loyally. Public, unplanned, or morally charged criticism, by contrast, is treated as a threat to political stability. The toolbox with which the Communist Party enforces this claim has become increasingly sophisticated in recent years. And unfortunately one cannot help noticing that many elites in the West seem to have taken notes. Central to this is the battle term «fake news». The authorities claim they must act against false information and online rumors. «Foreign actors» are invoked almost reflexively as the culprits, for example during the Hong Kong protests of 2019\. It cannot in fact be denied that those largely organic protests also received support from American NGOs such as the National Endowment for Democracy. At the same time, bots and paid social media accounts are used deliberately to shape the mood or steer public discourse in a desired direction. ## Free opinion on the Party line In this understanding, freedom of speech is not an inalienable value, nor a human right by birth. It is granted by the Party, when it is useful. That includes investigative reporting on corrupt officials, especially when those officials are political rivals. Freedom of speech can also serve as a pressure valve, a way of letting steam out of the kettle, a kind of early warning system. Around the 2010s, for example, air pollution in Chinese cities had become an urgent problem. The growing middle class in particular worried about the health of their children. Discontent was rising. But before frustration could turn against the political leadership itself, the authorities changed course. In fact, air quality today is substantially better than it was ten years ago. At the same time, since 1989 the leadership has paid very close attention to ensuring that protests remain local. Citizens may be allowed to take to the streets against polluted wastewater from a chemical plant in Guangdong province. What must not happen, from the Party’s perspective, are nationwide protests against overly lax environmental standards set by the central government. Likewise, in the official narrative, provincial officials may enrich themselves illegally. The only infallible authority is the top leadership in Beijing, which means criticism of Xi Jinping is out of bounds. And the *bái zhǐ kàngyì*, the White Paper Protests of November 2022? For a brief moment, the spark of freedom slipped past the censors. The surprised police, however, shut down the demonstrations within a matter of days. All participants were identified through surveillance cameras and cell phone data and then prosecuted. The charges usually involved «picking quarrels and provoking trouble» or «advocating extremism», even when those affected had merely shared videos of the protests. Images of blank sheets of paper and related hashtags disappeared completely from the Chinese internet. At the same time, censors flooded the internet with banal everyday content in order to divert public attention. And yet perhaps the most surprising development came on December 7, less than two weeks after the nationwide protests. President Xi Jinping declared the lockdown policy at an end. Officially, of course, the abrupt reversal was not presented as a response to pressure from the streets, but as a scientifically grounded and carefully planned «optimization». ### We Don’t Need to Silence Speech to Counter Hate URL: https://www.schweizermonat.ch/we-dont-need-to-silence-speech-to-counter-hate/ Last updated: 2026-03-28T09:38:36.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/widerspruch-statt-zensur-mit-gegenrede-digitalen-hass-bekaempfen/). Hate speech emerges in concrete moments that reveal how language can hurt, marginalize and affect public participation. One such moment occurred in Brazil when Maria Júlia Coutinho became the first Black weather presenter on the country’s leading national news programme. In response, the NGO Criola launched [“Mirrors of Racism”](https://www.behance.net/gallery/63075249/Criola-Mirrors-of-Racism?ref=schweizermonat.ch), which reproduced racist online comments verbatim on billboards placed in the neighbourhoods from which they originated. By relocating anonymous digital abuse into physical public space, the campaign made the social consequences of online racism visible and inescapable. The [initiative](https://www.oneclub.org/awards/theoneshow/-award/25917/mirrors-of-racism?ref=schweizermonat.ch) was further extended through widely shared videos documenting public reactions, including moments of [acknowledgment, discomfort, and apology.](https://futurefreespeech.org/a-toolkit-on-using-counterspeech-to-tackle-online-hate-speech/?ref=schweizermonat.ch) Hate speech encompasses a wide range of expressions, which may operate alone or in combination, and which relate to characteristics such as race, sex, gender, ethnicity, and religion. What unites these forms is not their specific target, but their reliance on speech as a tool of power and exclusion. It is against this broader backdrop that counterspeech has emerged as a distinct response. Counterspeech may be understood as “[any direct response to hateful or harmful speech which seeks to undermine it.](https://www.dangerousspeech.org/counterspeech?ref=schweizermonat.ch)” A [direct response](https://www.dangerousspeech.org/counterspeech?ref=schweizermonat.ch) can be one-on-one and addressed directly to the original speaker. In other cases, counterspeakers respond directly to the content, but not to the person who posted it, for example, by copying a hateful post in another forum and commenting on it. [Counterspeech](https://futurefreespeech.org/a-toolkit-on-using-counterspeech-to-tackle-online-hate-speech/?ref=schweizermonat.ch) seeks to diminish the impact or persuasive force of harmful expression through non-coercive means, ranging from factual rebuttal and moral critique to humour, satire and expressions of solidarity. Whether individual or collective, spontaneous or strategic, its defining feature is persuasion rather than punishment. In this sense, [counterspeech](https://ssrn.com/abstract=4066882?ref=schweizermonat.ch)is not merely a tactic but an expression of democratic discourse, privileging pluralism, contestation, and moral engagement over silence or suppression. Counterspeech, thus, embodies a liberal understanding of freedom grounded in robust and inclusive discourse, offering a strategic alternative to the continued expansion of hate speech regulation. ## Disrupting Hate A prominent example of organised counterspeech is the Swedish initiative #jagärhär, later expanded internationally as [#iamhere.](https://iamhereinternational.com/?ref=schweizermonat.ch) The collective mobilises tens of thousands of participants across multiple countries to intervene in online comment sections dominated by racist, xenophobic, or otherwise hateful speech. Rather than engaging confrontationally with the original speakers, members collectively post calm, factual and supportive responses that redirect the tone of discussion. By amplifying alternative narratives and positive engagement, [#iamhere interventions](https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/20563051211063843?ref=schweizermonat.ch) can displace hateful comments, while collective participation lowers barriers to civic engagement by providing solidarity. In India, journalist and activist Gurmehar Kaur launched [a social media campaign](https://www.facebook.com/watch/?v=2216819788601209) challenging militarism and hate through irony and personal testimony. Her widely circulated image holding a placard stating [“Pakistan did not kill my dad, war killed him”](https://www.indiatoday.in/india/story/gurmehar-kaur-abvp-kargil-virender-sehwag-indian-army-ramjas-963013-2017-02-27?ref=schweizermonat.ch) prompted both intense abuse and significant public support, catalysing broader debate on militarisation, gendered harassment, and digital nationalism. Kaur’s intervention illustrates the counterspeech potential of personal narrative. ## Encouraging Evidence The effectiveness of counterspeech is best assessed on multiple levels. One concern is whether counterspeech can influence the original speaker of hateful expression. A second, increasingly emphasised in the literature, relates to its impact on wider audiences, particularly observers often described as the [“movable middle.”](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=4245211&ref=schweizermonat.ch) Counterspeech is also [significant](https://www.schweizermonat.ch/content/files/arxiv-org/2307.pdf) for those targeted by hate speech, insofar as it communicates solidarity, affirms dignity, and signals that harmful expression is contested rather than socially endorsed. In addition, research indicates that participation in counterspeech can be empowering for counterspeakers themselves. Interventions aimed at changing the views or behaviour of individual hate speakers have shown limited success. A study examining responses to [anti-Roma comments in Slovakia](https://www.researchgate.net/publication/326805548%5FCountering%5FHate%5FSpeech%5Fon%5FFacebook%5FThe%5FCase%5Fof%5Fthe%5FRoma%5FMinority%5Fin%5FSlovakia?ref=schweizermonat.ch) found that counterspeech did not significantly alter the behaviour or intensity of the original posters. However, it did increase the presence of pro-Roma statements in comment threads and encouraged further counterspeech from bystanders, indicating a broader discursive effect. Similarly, a [2022 German study](https://link.springer.com/article/10.1140/epjds/s13688-021-00314-6?ref=schweizermonat.ch) on Twitter (now X) analysed over 130,000 samples and found that while organised hate speech can shape online discourse, counterspeech can constrain its diffusion and visibility. Persuading committed speakers to abandon hateful views is, therefore, only one, and often the least attainable, dimension of counterspeech. Its greater value lies in shaping the contours of public debate. For example, in an [assessment of #iamhere](https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/20563051211063843?ref=schweizermonat.ch), it was found that the group’s regular interventions had, in fact, altered the tone and structure of the comment thread. The [effectiveness](https://link.springer.com/article/10.1140/epjds/s13688-021-00314-6?ref=schweizermonat.ch) of counterspeech is contingent on [several factors,](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-demos-co-uk/wp-content/uploads/2015/10/counter-speech.pdf) including tone, [context](https://www.isdglobal.org/isd-publications/one-to-one-online-interventions-a-pilot-cve-methodology?ref=schweizermonat.ch), audience and the [perceived identity](https://link.springer.com/article/10.1140/epjds/s13688-021-00314-6?ref=schweizermonat.ch) and credibility of the [counterspeaker.](https://www.schweizermonat.ch/content/files/kraut-hciresearch-info/wp-content/uploads/seering17-shapingproantisocialbehaviorontwitch.pdf) Observers [respond](https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10584609.2020.1830322?ref=schweizermonat.ch) more favourably to person-centred and empathetic interventions than to accusatory or confrontational replies. [Fact-based responses](https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0093650216671854?ref=schweizermonat.ch) foster more deliberative discussion. [Group-based counterspeech](https://www.researchgate.net/publication/303497937%5FGoverning%5Fhate%5Fspeech%5Fby%5Fmeans%5Fof%5Fcounterspeech%5Fon%5FFacebook?ref=schweizermonat.ch) also appears more effective than isolated interventions, particularly where counterspeakers outnumber hate speakers. Counterspeech nonetheless faces structural limits. It is labour-intensive, emotionally demanding, and can [expose](https://ir.lawnet.fordham.edu/flr/vol87/iss6/6/?ref=schweizermonat.ch)counterspeakers, especially members of targeted groups, to further abuse. ## The track record of taking down posts is dubious The challenge of addressing hate speech in democratic societies has intensified in the digital environment, where communication is shaped by scale, speed, opaque algorithms, private moderation standards and increasing regulatory pressure. The dominant response, [expanded takedown obligations](https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/digital-services-act?ref=schweizermonat.ch) enforced by platforms under vague legal standards, carries significant costs. These include [the suppression of lawful speech](https://futurefreespeech.org/preventing-torrents-of-hate-or-stifling-free-expression-online/?ref=schweizermonat.ch), over-removal driven by [risk aversion,](https://docs.un.org/en/A/74/486?ref=schweizermonat.ch) the [disproportionate silencing](https://www.schweizermonat.ch/content/files/sur-conectas-org/wp-content/uploads/2023/12/sur-32-ingles-natalie-alkiviadou.pdf) of [marginalised](https://academic.oup.com/hrlr/article-abstract/20/4/607/6023108?ref=schweizermonat.ch) [voices](https://link.springer.com/article/10.1007/s12119-020-09790-w?ref=schweizermonat.ch), [backlash effects](https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369118X.2020.1803946?ref=schweizermonat.ch) such as the migration to less mainstream platforms and creation of echo chambers, and the export of restrictive models to [authoritarian or hybrid regimes](https://www.schweizermonat.ch/content/files/justitia-int-org/wp-content/uploads/2020/09/analyse%5Fcross-fertilizing-online-censorship-the-global-impact-of-germanys-network-enforcement-act-part-two%5Ffinal-1.pdf). Crucially, these measures rest on [limited empirical evidence](https://academic.oup.com/book/7373?ref=schweizermonat.ch) of effectiveness and unresolved definitional uncertainty around hate speech itself. Against this backdrop, counterspeech offers a proportionate, democratically grounded alternative. It relies on dialogue, empathy, humour, testimony, and collective civic engagement to challenge harmful expression without coercion, affirming the capacity of citizens and communities to respond to hate without ceding authority to states or platforms. As the examples discussed illustrate, counterspeech is not merely a normative ideal but an established and evolving practice. While counterspeech is not universally effective, it can meaningfully shape public debate while remaining more consistent with democratic values than blanket removal or deplatforming. Looking ahead, its potential depends on supportive platform design, civic networks, education and institutional recognition. Counterspeech should therefore be understood not only as an ethical response, but as a practical form of democratic resistance. ### Vertrauen ist riskant – aber unverzichtbar für die Freiheit URL: https://www.schweizermonat.ch/vertrauen-ist-riskant-aber-unverzichtbar-fuer-die-freiheit/ Last updated: 2026-03-20T10:29:10.000Z «Ohne Vertrauen geht gar nichts», sagte Angela Merkel einmal, als es im Kontext der Coronakrise um den Umgang mit medizinischen Daten ging. Tatsächlich wird Vertrauen gerne als Kitt beschrieben, der unsere Gesellschaften zusammenhält. Aber stimmt dieses Bild? Richtig ist, dass wir auf einer sehr elementaren Ebene nicht zusammenleben könnten, wenn wir ständig um unser Leben fürchten müssten, wenn jeder andere für uns eine Bedrohung wäre, wenn grundlegende Sicherheiten nicht gewährleistet werden könnten. Egal, wie unser Zusammenleben aussieht, wir können nur zusammenleben, wenn wir darauf vertrauen, dass andere im Umgang mit uns auf Gewalt verzichten. Sicher, wir haben einen Rechtsstaat, eine Polizei und wir haben moralische Normen, die uns zu Friedfertigkeit ermahnen, aber diese Instanzen dürfen nicht nur defensiv verstanden werden, als würden sie einen an sich bestehenden Gewalttrieb bloss eindämmen. Damit ein grundlegendes Vertrauen in die Sicherheit unseres Zusammenlebens entstehen kann, brauchen wir die Gewissheit einer selbstverständlich gelebten Gewaltlosigkeit, die nicht einfach nur auf angedrohte Bestrafung reagiert. Wir brauchen eine positive Moral der Friedfertigkeit und Zivilität. Man könnte es auch so sagen: Dieses grundlegende Sicherheitsvertrauen ist verloren, wenn die Polizei kommt, so wichtig sie sonst sein mag. ## Moral der Friedfertigkeit und Zivilität Aber hält dieses elementare Vertrauen Gesellschaften tatsächlich zusammen? Man könnte eher sagen, dass es Gesellschaft möglich macht. Das ist schon viel, aber man darf vermuten, dass diejenigen, die annehmen, Vertrauen halte Gesellschaften zusammen, etwas anderes meinen. Schliesslich kennen wir totalitäre Gesellschaften, die auf allen Ebenen von Misstrauen zerfressen sind. Und doch gestehen wir ihnen zu, Gesellschaften zu sein, die in identifizierbarer Weise das soziale Zusammenleben regeln. Was immer sie zusammenhält – Angst, Gewalt, Einschüchterung oder Ideologie –, es scheint nicht Vertrauen zu sein. Wenn wir also fragen, ob Vertrauen unsere Gesellschaften zusammenhält, zielen wir offenbar auf Praktiken, die aus unseren Gesellschaften gute Gesellschaften machen, also etwa Gesellschaften, in denen Vertrauen Freiheitsräume öffnet, die ohne Vertrauen nicht gegeben wären. Damit können all die Fragen gestellt werden, über die man in der Vertrauensforschung schon lange nachdenkt. Auf welchen Ebenen sind freiheitlich-demokratische Gesellschaften auf Vertrauen angewiesen? Wie schaffen sie dieses Vertrauen? Wie geht es verloren? Wir sind momentan mit dem Thema Vertrauen vor allem dann konfrontiert, wenn uns Umfragen bestätigen, dass wesentliche gesellschaftliche Institutionen – die Politik, die Kirchen, die Banken – unser Vertrauen verlieren. Was durch diese negativen Zahlen verloren geht, ist der Blick für die Bedingungen, unter denen Vertrauen überhaupt entsteht und stabil bleibt. Wir schauen wie verhext auf die aktuellsten Daten und denken zu wenig darüber nach, wie das Vertrauen, das noch da ist, bewahrt werden kann. ## Erleichterte Kooperationen Wer vertraut, macht sich verletzbar. Er vertraut einer anderen Person ein Gut an, das ihm wichtig ist, und geht davon aus, dass die andere Seite den Spielraum, den sie durch das Vertrauen gewinnt, nicht ausnutzt. In diesem Sinne erleichtert Vertrauen Kooperationen, denn wer vertraut, muss keine Ressourcen für die Überwachung des anderen einsetzen. Man hat Vertrauen deswegen auch als soziales Kapital bezeichnet und ganze Gesellschaften entlang der Frage klassifiziert, wie verbreitet in ihnen das soziale Kapital ist. > «Wer vertraut, macht sich verletzbar. Er vertraut einer anderen Person ein Gut an, das ihm wichtig ist, und geht davon aus, dass die andere Seite den Spielraum, den sie durch das Vertrauen gewinnt, nicht ausnutzt.» Der Begriff soziales Kapital zielt vor allem auf das Mass an vertrauensvollen Beziehungen, über das wir verfügen. Dabei geht es nicht nur um private Beziehungen, um Freundschaften oder Liebesbeziehungen. Es geht vor allem um Netzwerke in die Zivilgesellschaft hinein – um Vereine, Zünfte, Parteien oder Verbände –, die von vertrauensvollen Beziehungen geprägt sind. Wie verletzbar wir in diesen Kontexten jeweils sind, variiert sicherlich mit der Intensität unseres Engagements. Aber wer mit Herz und Leidenschaft dabei ist, riskiert immer Enttäuschungen; insofern dürfte es richtig sein, hier von Vertrauen zu reden. Vertrauen entsteht in der Regel durch Vertrautheit, die den Raum für Erfahrungen der Vertrauenswürdigkeit und, wie hinzugefügt werden muss, der Kompetenzwahrnehmung schafft. Wir vertrauen unser Kind ja nicht beliebigen anderen an, sondern nur jenen, die wir entweder gut kennen oder die uns aufgrund ihrer beruflichen Ausbildung kompetent zu sein scheinen. Mit Zahnschmerzen gehen wir zum Zahnarzt und nicht zum Klempner, der auch Zangen hat. Vertrauen braucht seine eigene Zeit, um zu wachsen. So fällt es uns schwer, Vertrauen schnell aufzubauen, auch wenn es manchmal nicht anders geht. Ebenfalls schwer fällt es, Institutionen Vertrauen zu schenken, die ja in vielen Umfragen im Mittelpunkt stehen. Mag die Politik noch personalisiert genug sein, um zumindest ein Vertrauen in einzelne Personen möglich zu machen, so sind andere Institutionen von einer ungleich grösseren Anonymität geprägt. Über einen persönlichen Bankberater zu verfügen, dürfte schon ein Privileg sein. Und doch haben diese Institutionen oft Macht über uns und können uns verletzen oder enttäuschen. Deswegen sprechen wir auch hier von Vertrauen, aber es sollte klar sein, dass Institutionenvertrauen per se instabiler sein muss. Institutionen können nur versuchen, vertrauensvolle Zugangspunkte zu schaffen, an denen ihre Vertrauenswürdigkeit erfahrbar wird, aber je grösser eine Institution ist, desto schwerer fällt es ihr, solche Zugangspunkte zu schaffen. Manche lehnen es deswegen sogar ab, in diesem Kontext überhaupt von Vertrauen oder Vertrauenswürdigkeit zu sprechen, und schlagen alternative Begrifflichkeiten vor. Man könnte etwa sagen, Institutionen sollen verlässlich sein. Unzuverlässigkeit ist auch enttäuschend, aber sie trifft uns nicht so hart wie verletztes Vertrauen, das wir nicht nur aus praktischen, sondern auch aus moralischen Gründen verurteilen. Dieser Vorschlag ist durchaus sinnvoll und könnte von unnötigem Vertrauensstress befreien. Aber es hat natürlich Gründe, warum wir auch in institutionellem Kontext weiterhin von Vertrauen reden – man wird den Bedarf danach offenbar nicht so einfach los, indem man die Sprache ein bisschen anpasst. Das hat auch damit zu tun, dass selbst gut geregelte Abläufe Spielräume lassen, in denen so oder so gehandelt werden kann. ## Man kann sich nicht gegen alles absichern Nehmen wir Märkte. Kaufen wir ein Produkt im Geschäft, dann gehen wir einen Kaufvertrag ein, der aus übereinstimmenden Willenserklärungen besteht. Alles ist gut geregelt, Vertrauen scheint keine grosse Rolle zu spielen. Und doch wissen wir, dass Verkäufer manchmal einen Vorteil besitzen, etwa, wenn sie viel mehr wissen über ein Produkt als die Käuferseite. Wer schon einmal ein gebrauchtes Handy oder Auto gekauft hat, weiss, was gemeint ist: Die sogenannten Informationsasymmetrien können hier erheblich sein. Sicher, es gibt Konsumentenrechte und Käuferschutz, aber wie man es auch dreht und wendet, ganz kommt man auch im Markthandeln nicht ohne Vertrauen aus. Selbst dort also, wo unser Verhalten starken Regelungen unterliegt, taucht die Notwendigkeit des Vertrauens immer wieder auf, weswegen es auch hier Vertrauenskrisen geben kann. > «Selbst dort, wo unser Verhalten starken Regelungen unterliegt, taucht die Notwendigkeit des Vertrauens immer wieder auf.» Ähnlich verhält es sich mit dem Rechtsstaat. Man könnte sagen, dass rechtliche Regelungen Kooperationen ermöglichen sollen, die eher von Misstrauen geprägt sind. Ein Ehevertrag etwa schützt nicht vorhandenes Vertrauen; vielmehr soll er Verletzungen, die durch gebrochenes Vertrauen entstehen können, abfedern. Und doch können wir vom Vertrauen in das Rechtssystem reden, ohne das unklar wäre, was gemeint ist. Wird das Recht fair angewendet? Wird es überhaupt angewendet? Wie wird es angewendet? Hier gibt es zahllose Spielräume des Handelns, des Deutens und Interpretierens, die sich durch ein noch so dichtes Regelgeflecht nicht ausräumen lassen. ## Verräterisches Marketing Man kann hier ein Paradox formulieren: Je mehr Handlungsräume wir strengen Regeln unterwerfen oder verrechtlichen, desto wichtiger wird die Rolle des Vertrauens. Das lässt sich gut daran erkennen, dass all die Versuche, Unternehmensabläufe, aber auch Bildungseinrichtungen einem nachvollziehbaren Qualitätsmanagement zu unterziehen, die Thematik des Vertrauens nicht erledigen, obwohl genau das oft ihre Absicht ist. Ähnlich verhält es sich mit Forderungen nach Transparenz. Ist eine Institution mit starken Transparenzforderungen konfrontiert, könnte das dazu führen, dass die wirklich wichtigen Gespräche in die Hinterzimmer verlagert werden und gerade nicht für andere nachvollziehbar sind; hier entstehen also leicht Anreize, die Regeln zu umgehen (im Englischen redet man auch von *perverse incentives*), was dann im schlimmsten Fall zu einem Sinken des Vertrauens führt. So unterliegen unsere Gesellschaften einer enormen Spannung. Sie erkennen durchaus die Bedeutung von Vertrauen, sie erkennen, dass sie in sehr vielen Handlungsbereichen auf Vertrauen angewiesen sind, aber sie haben verlernt, die Bedingungen zu schaffen, die Vertrauen ermöglichen, oder, ungleich problematischer, glauben gar, Vertrauen sei mit absoluter Gewissheit oder mit einer Befreiung von allen Risiken verbunden. Die Sprache des Marketings ist besonders verräterisch in dieser Hinsicht. Wie viele Firmen werben mit Slogans wie «Uns können Sie vertrauen»? Das soll unter anderem heissen: Wir machen keine Fehler, wir sind immer für Sie da, unsere Produkte sind absolut sicher. Aber das ist, mit Verlaub, Unsinn und missversteht, worum es bei Vertrauen geht. Es ist schon gesagt worden: Wer anderen vertraut, räumt ihnen Spielräume ein und setzt sie in gewisser Weise frei. Wie das Vertrauen dann gelebt wird, was der andere etwa mit dem anvertrauten Gut tut, das unterliegt einzig seinem Ermessen. Es gibt hier keinen Vertrag, der das Verhalten des Vertrauensempfängers detailliert zu regeln versucht. Deswegen ist Vertrauen riskant, es kann schiefgehen, wir können uns täuschen, können naiv oder gutgläubig sein, der andere erweist sich doch nicht als kompetent oder ist gar ein Hochstapler. So etwas kommt vor. So etwas tut weh. Aber wer sich diesen Risiken nicht aussetzen will, der kann nicht vertrauen. Damit sollte auch deutlich sein, dass es nicht nur einen Typ der Vertrauenskrise gibt. Natürlich ist es eine Krise, wenn wirklich niemand mehr vertrauenswürdig ist, weil man etwa in einer Kultur des Misstrauens lebt. Kriegerische Auseinandersetzungen oder totalitäre Regime zerstören häufig jedes Vertrauen zwischen den Menschen. Es ist aber auch eine Krise, wenn andere vertrauenswürdig sind, wir aber gar nicht mehr bereit sind, Vertrauen zu schenken. Man wagt es kaum zu sagen: Es dürfte vertrauenswürdige Politiker und sogar Bankangestellte geben. Aber was, wenn uns die Bereitschaft fehlt, ihnen Vertrauen entgegenzubringen? Und schliesslich ist es ebenfalls eine Krise, wenn wir bereit sind zu vertrauen und es durchaus vertrauenswürdige Mitmenschen gibt, aber wir finden gewissermassen nicht mehr zueinander, weil die Zeit fehlt, um Vertrauen aufzubauen, oder weil der Kontakt durch zahllose Kontrollmechanismen überformt wird. In der Medizin kennt man das Problem gut: Protokollpflichten und die Anforderungen des Qualitätsmanagements überlagern jedes Gespräch. Es ist nicht nur eine Krise, wenn wir vertrauen wollen oder müssen, aber niemanden haben, dem wir vertrauen können. Es ist aber auch eine Krise, wenn wir gar nicht mehr vertrauen wollen, obwohl es viele vertrauenswürdige Menschen gibt. Und schliesslich ist es eine Krise, wenn wir vertrauen wollen und wenn es viele Menschen gibt, die vertrauenswürdig sind, wir aber immer weniger Möglichkeiten haben, diese Vertrauenswürdigkeit zu erfahren, weil kaum noch Räume zur Verfügung stehen oder immer weniger Zeit gegeben ist, um die für die Vertrauensbildung so wichtige Vertrautheit aufzubauen. Wenn meine Überlegungen plausibel sind, dann kann eine Gesellschaft ohne eine intakte Kultur gegenseitigen Vertrauens überleben. Es ist aber eine andere Frage, ob wir diese Gesellschaft als gute und das heisst auch als freie Gesellschaft beschreiben würden. ### Die Opferhaltung ist eine falsche Freundin URL: https://www.schweizermonat.ch/die-opferhaltung-ist-eine-falsche-freundin/ Last updated: 2026-03-13T21:04:44.000Z Ich habe kürzlich ein Lehrvideo auf YouTube angeschaut, das in knappen zehn Minuten, untermalt von berührenden Bildern und melancholischer Musik, den psychologischen Ursachen von Vertrauensproblemen auf den Grund gehen will. Die Botschaft an mich als Zuschauerin: Kein Wunder, habe ich Mühe, anderen zu vertrauen, wenn meine Mitmenschen mich in der Vergangenheit verletzt und enttäuscht haben, wenn andere mir Schmerz zugefügt und dabei Narben hinterlassen haben! Ich hätte bessere Menschen verdient, die mir wohlgesinnt sind, die mich beschützen und fürsorglich mit mir umgehen. Und nur solch bessere, wohlmeinende Menschen können meine Verletzungen nun heilen und mich wieder ganz machen. Mit mir hat es nichts zu tun, wenn ich Mühe habe, anderen zu vertrauen, so die Botschaft – ich wurde einfach falsch behandelt, habe nicht erhalten, was ich gebraucht hätte. Das klingt gut, das klingt attraktiv, das klingt bequem, findet zumindest ein Teil von mir begeistert. Es enthebt mich aller Verantwortung. Denn ich bin hier das Opfer. Ich habe Wiedergutmachung verdient, ich habe Rechte, auf die ich pochen darf. Aber ich kenne die verführerischen Finger, die in solchen Augenblicken schmeichelnd nach mir tasten: Es ist die Opferhaltung, die wieder einmal versucht, mich in ihre Fänge zu bekommen, die mir ins Ohr säuselt, dass meine Probleme durch andere verursacht worden seien und dass ich als schuldloses, vollkommen rechtschaffenes Opfer nun von den anderen eine Lösung einfordern dürfe. Meine Mitmenschen haben es verbrochen, also sollen sie es auch wieder richten. ## Bei sich selber anfangen Ich habe mir angewöhnt, diesen verführerischen Fingern einen kräftigen Klaps zu verpassen. Denn ich weiss: Die Opferhaltung ist eine falsche Freundin. Ihre Versprechen klingen grossartig, und das Gefühl selbstgerechter Empörung, das sie in mir auslöst, ist durchaus angenehm. Aber nichts davon bringt mich weiter, nichts davon stärkt mich und nichts davon hilft mir, meine Probleme tatsächlich zu lösen. Die Opferhaltung ist ein fauler Zauber, eine bequeme Ausrede. Ja, ich wurde in meiner Vergangenheit verletzt. Ich wurde geringgeschätzt, missachtet, mein Vertrauen wurde missbraucht, meine Hoffnungen zunichte gemacht, meine Gefühle mit Füssen getreten. Ja, ich habe emotionale Narben, schmerzliche Erinnerungen, tiefe Klüfte in meinem Innenleben, mir wurde Unrecht getan. Aber wenn ich es recht bedenke, habe auch ich andere verletzt. Ich habe andere geringgeschätzt und missachtet, ich war ihres Vertrauens nicht würdig, ich habe Hoffnungen zerstört und bin über Gefühle hinweggetrampelt. Ich habe Narben und schmerzliche Erinnerungen verursacht, ob bewusst oder nicht, ob willentlich oder nicht, ich habe anderen Unrecht getan. Wie sollte ich von anderen etwas verlangen, was ich selbst nicht zu bieten vermag? > «Die Opferhaltung ist ein fauler Zauber, eine bequeme Ausrede.» Wir haben klare Vorstellungen darüber, wie der ideale Mitmensch – der ideale Ehemann, die ideale Mutter, der ideale Kollege, die ideale Chefin, der ideale Sohn – aussehen und mit uns umgehen sollte. Und gerade in sozialen Medien wird gerne propagiert, dass dieser ideale Mitmensch unabdingbare Grundlage für unsere mentale Gesundheit sei. Nur wenn unser Chef uns würdigt, fürsorglich und wertschätzend mit uns umgeht, können wir an unseren Arbeitsstellen psychisch gesund bleiben. Nur wenn unsere Freunde und Verwandten unsere Grenzen achten und unsere Bedürfnisse erfüllen, können wir im Privaten die innere Balance wahren und uns entfalten. Wir können nur dann Vertrauen haben, wenn andere dieses Vertrauen verdienen. Oder? Ein Vierteljahrhundert Erfahrung als Psychiaterin und ein halbes Jahrhundert Erfahrung als Mensch haben mich gelehrt: So funktioniert das nicht. Der einzige Mensch, der für mein Glück, meine innere Stabilität und meine Gesundheit verantwortlich ist, bin ich selbst. Und um anderen vertrauen zu können, muss ich als Erstes mir selbst vertrauen können. ## Abschied von der Perfektion Nur: Was heisst das überhaupt, sich selbst zu vertrauen? Für viele ist Selbstvertrauen ein Gefühl, und zwar ein Gefühl andauernder Zufriedenheit mit sich selbst, ein stabiles Wohlbehagen in der eigenen Haut, das keinesfalls durch unangenehme Störfaktoren wie Fehler, Scham, Zweifel oder Misserfolge getrübt werden sollte. Ein sehnsuchtsvolles Ideal, das zwangsläufig unerreicht bleiben muss, weil das Leben mit seinem fatalen Hang zu Chaos und unerwünschten Zwischenfällen die liebevoll gehegte innere Harmonie immer wieder zu ruinieren pflegt. Für mich ist Selbstvertrauen nichts Emotionales, sondern ein kognitiver Akt. Eine Entscheidung. Und zwar die Entscheidung, mir selbst eine gute Freundin zu sein. Ich stehe zu mir, mit all meinen Stärken und zahlreichen Schwächen. Im Zweifelsfall sehe ich immer das Gute, die Chance. Aber Selbstvertrauen umfasst auch eine gesunde Fehlerkultur, die Bereitschaft, immer wieder aufzustehen, wenn ich gestolpert und auf die Nase gefallen bin. Selbstvertrauen heisst nicht, nie zu stolpern. > «Für mich ist Selbstvertrauen eine Entscheidung. Und zwar die Entscheidung, mir selbst eine gute Freundin zu sein.» Mit dem Konzept, dass uns Fehler passieren könnten, haben wir heutzutage unsere liebe Mühe. Wir sehnen uns nach hundertprozentiger Sicherheit, nach Perfektion, versuchen krampfhaft, uns der binären Eindeutigkeit der Welt der Technik und der Maschinen – eins/null, schwarz/weiss, richtig/falsch – anzunähern. Und wenn uns doch Fehler passieren, wispern wir schamerfüllt etwas von «menschlichem Versagen». Wenn wir heute von Fehlerkultur reden, meinen wir damit in der Regel das hektische Bemühen, Fehler ganz zu vermeiden oder sie zumindest gekonnt zu vertuschen. Was schade ist, denn nicht nur erreichen wir Menschen die ersehnten hundert Prozent nicht – Perfektion ist gar nicht wünschenswert. Fehler sind ein Kreativitätspool, ein Biotop für Entwicklung und Wachstum. Selbstvertrauen bedeutet also nicht, dass ich perfekt sein oder mich der Perfektion auch nur annähern müsste, es hat nichts mit angestrengter Selbstoptimierung zu tun, vielmehr hingegen mit Echtheit und Aufrichtigkeit. Die Grundlage eines gesunden Selbstvertrauens ist Akzeptanz. Die Bereitschaft, mich selbst, meine Mitmenschen und die Welt um mich herum so anzunehmen, wie sie sind. Ohne Widerstand, ohne Auflehnung. Nur auf dem Boden dieses grundlegenden Annehmens der aktuellen Realität ist konkrete Veränderung wirklich möglich – wenn ich aufhöre, mich gegen die Dinge aufzulehnen, die ich nicht ändern kann, dann habe ich mehr Energie dafür übrig, die Dinge zu verändern, die in meiner Macht liegen. Das muss ich dann aber auch tun, wenn ich tatsächlich will, dass sich etwas ändert – und dafür wiederum benötige ich Selbstwirksamkeit. Selbstwirksam bin ich dann, wenn ich überzeugt bin, dass ich auch schwierige und belastende Situationen aus eigener Kraft bewältigen kann. Wenn ich bereit bin, Verantwortung zu übernehmen, für mich und all die Dinge, die in meiner persönlichen Reichweite liegen – das ist das Gegenteil von Opferhaltung, von einer Sichtweise, die Schuld und Verantwortung reflexhaft an die Umwelt abschiebt. Und selbstwirksam bin ich dann, wenn ich bereit bin, mich zu stellen. Nun kommen wir beim Kern an, bei den allerwichtigsten Fragen: Bin ich bereit, mich zu stellen? Mir selbst? Der Welt, wie sie nun einmal ist? Der Zukunft, die, ich ahne es, nicht nur Wohlgefallen und Frühlingsgefühle für mich bereithält? Für viele bedeutet Vertrauen, sicher sein zu können, dass nichts Schlimmes passiert. Aber wer sollte uns das garantieren können? Wir selbst? Die anderen – Mitmenschen, Behörden, Politik? Gott? Für mich bedeutet Vertrauen, mich zu stellen, auch und gerade wenn etwas Schlimmes passiert. Es mir zuzutrauen. Ich finde Sicherheit in der Gewissheit, dass ich es überstehen werde. Dass ich stark genug bin, um Belastungen, Misserfolge, Verluste und Abgründe auszuhalten, wenn es sein muss. Dass ich die Stürme bedrückender Emotionen und scharfkantiger Ereignisse überleben kann. Dafür muss ich Zugang zu meinem Innenleben haben, mich selbst gut kennen und mit meinen Gefühlen, Gedanken und Handlungsimpulsen umgehen können. Und damit mir das gelingt, gerade in stürmischen Zeiten, muss ich in den ruhigeren Zeiten üben, trainieren, in meine Fertigkeiten investieren, um mich zu rüsten. Und das wiederum erfordert Tatkraft, Mut und Disziplin. Diese Art von Vertrauen ist deutlich anstrengender als eine bequeme Opferhaltung. Diese Art von Vertrauen artet in ernsthafte Arbeit aus, in Aufwand und Mühe. Diese Art von Vertrauen betrachtet Verletzungen und Enttäuschungen nicht als unerträgliche Zumutung, sondern als Gelegenheit, um zu wachsen und zu lernen. ## Vertrauen gedeiht auch auf Schutthalden Wenn Sie wie ich immer mal wieder die schmeichelnd zarten Finger der Opferhaltung spüren, die versuchen, Sie in den Griff zu kriegen – hauen Sie kräftig eins drauf. Klar, wäre es bequem, alle Verantwortung an die Aussenwelt zu delegieren und sämtliche Anstrengungen, Missstimmungen und Unannehmlichkeiten zu vermeiden – aber es ist ein Denkfehler. Fallen Sie nicht darauf rein. Nein, Sie sind nicht auf ideale Mitmenschen und perfekte Umstände angewiesen, um stabil und gesund sein zu können. Nein, Schwierigkeiten und Verletzungen machen Sie nicht zwangsläufig schwächer, sondern oft stärker. Vertrauen gedeiht nicht nur auf Blumenwiesen, sondern nicht selten auch auf Schutthalden. Und vor allem: Trauen Sie sich etwas zu, verlangen Sie etwas von sich. Sie können viel mehr, als Sie glauben. ### Vertrauen ist ein Naturgesetz URL: https://www.schweizermonat.ch/vertrauen-ist-ein-naturgesetz/ Last updated: 2026-09-09T12:40:45.000Z *Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/trust-is-a-law-of-nature/).* Betrachten wir das menschliche Leben und Bewusstsein naturwissenschaftlich, lässt sich sagen: Wir vertrauen darauf, dass die Welt nicht willkürlich ist, sondern dass sie durch Erfahrung und Kulturtechniken verstehbar wird, ja dass wir rational begründete Voraussagen machen und unser Leben bis zu einem gewissen Grad planen können. Aus dieser Annahme erwächst Vertrauen: in die Welt, ins Leben – und in die Gesellschaft. Biologische Evolution ergibt sich durch den Tod. Kulturelle Entwicklung hingegen entsteht im Dialog; wir nennen diesen Prozess Wissenschaft. Modelle, die nicht zur Umwelt passen, verschwinden. Jene, die sich bewähren, setzen sich durch und werden weitergetragen. Beispielsweise ist unsere Haut eine physische Vorhersage von Sonne, Krankheitserregern und Wasser. Sie «vertraut» darauf, dass sich diese Einflüsse so verhalten, wie es unsere Gene über Äonen hinweg aus der Umwelt gelernt haben. Auch unsere Nieren sind eine solche verkörperte Vorhersage – in ihrem Fall vom Stoffwechsel. Sie filtern das Blut, weil sie davon ausgehen, dass es Giftstoffe enthält. > «Biologische Evolution ergibt sich durch den Tod. Kulturelle Entwicklung hingegen entsteht im Dialog; wir nennen diesen Prozess Wissenschaft.» Wenn wir unseren Nieren nicht mehr vertrauen können, dass sie gut funktionieren, brauchen wir eine Dialysemaschine. Durch diese Linse betrachtet, lässt sich die gesamte Wirtschaft verstehen: Jedes Produkt ist eine Art Krücke für unsere Biologie – ob Wissenschaftsbuch, Zahnimplantat, Fahrzeug oder thailändisches Gericht. Vertrauen ist die Wette darauf, dass das, was wir brauchen, über den erwarteten Kanal verlässlich bereitgestellt wird. Geht die Wette auf, bringt sie mehr ein, als sie kostet – ein existentieller Gewinn. Geht sie nicht auf, übersteigen die Kosten den Ertrag – ein existentieller Verlust. In der Physik sprechen wir vom «Freie-Energie-Prinzip»: Alles, was lebt und fortbesteht, ist bestrebt, erwartbare Überraschungen zu minimieren. Du bist das jüngste Glied einer 3,8 Milliarden Jahre währenden Kette erfolgreicher Vorhersagen. Würden alle Individuen gleich handeln, könnte eine einzige unerwartete Störung zur Auslöschung der Menschheit führen.Um das Überleben zu sichern, entsteht auf jeder Ebene eine Vielfalt von Handlungs- und Reaktionsmustern. Vielfalt ist eine Notwendigkeit und wächst von unten her. Ein anschauliches Beispiel ist die menschliche Reifung: vom risikoreichen Übermut der Jugend zur zunehmend präzisen Stabilität des Alters. Der präfrontale Cortex reift erst mit etwa 25 Jahren vollständig aus. Da keine physische Schranke diesen Prozess strikt erzwingt oder verhindert, spricht vieles dafür, dass die spielerische Unbedarftheit der Jugend selbst eine adaptive Funktion erfüllt. Die Vielfalt, die in einer unsicheren Welt das Überleben sichert, hat ihren Preis. Sie kostet Ressourcen. Sobald wir verlässliche Regelmässigkeiten erkennen, wird diese Vielfalt reduziert. Parallele Verarbeitung ist aufwendig – sie bleibt nur so lange bestehen, bis sich eine Lösung finden lässt. Das ist der Moment, in dem Vertrauen wächst – und zugleich die Notwendigkeit sinkt, unser existentielles Portfolio breit zu streuen. Dieser Selektionsdruck mustert unzutreffende Modelle aus. In einer unsicheren Welt setzen wir auf Vielfalt, in einer verlässlichen auf Präzision. Mit Einstein gesprochen: Alles so einfach wie möglich, aber nicht einfacher. Sobald eine Regelmässigkeit erkannt wird, schrumpft die Bandbreite unseres existentiellen Portfolios. Wir sind nicht länger tausend verstreute Hypothesen und verdichten uns zu einer einzigen, möglichst präzisen Wette. Vertrauen ist die mathematische Belohnung für Vorhersagen, die mit der Welt übereinstimmen. Es erlaubt uns, die Peripherie zu verlassen – und im Zentrum zu bauen. **Institutionen – Fortsetzung der Biologie mit anderen Mitteln** Wie Organe aus Zellen entstehen und Körper aus Organen, so gehen Institutionen aus Körpern hervor. Auf jeder Ebene ist Koordination entscheidend. Was das Vertrauen in Institutionen betrifft, rangiert die Schweiz im internationalen Vergleich regelmässig an der Spitze – das ist kein Zufall. Direkte Demokratie und Subsidiarität verkürzen die institutionelle Rückkopplungsschleife: Gesellschaft und Institutionen lernen schneller aus Erfahrung, weil die Bürger direkt an den Entscheidungen beteiligt sind und Fehlentwicklungen rascher korrigiert werden können. In der Schweiz werden Entscheidungen systematisch auf die tiefstmögliche Ebene verlagert – das Prinzip der Subsidiarität. Jede Abstimmung ist dabei eine Art bayessche Aktualisierung in Echtzeit: Erwartungen werden überprüft, Annahmen angepasst, Prioritäten neu gewichtet. Das Schweizer Modell ist nicht nur eine Regierungsform, sondern zugleich ein selbstkorrigierender Überlebensalgorithmus. Es maximiert die Übereinstimmung zwischen kollektiven Erwartungen und tatsächlichem Verhalten – und minimiert die Unsicherheit auf gesellschaftlicher Ebene. Gerade deshalb ist das Vertrauen in die Institutionen vergleichsweise gross: Die Rückkopplungsschleife ist kurz, transparent und direkt erfahrbar. So bleiben die Bürger wechselseitig berechenbar und reduzieren ihre gemeinsame erwartete Unsicherheit, also Entropie. > «Das Schweizer Modell ist nicht nur eine Regierungsform, sondern zugleich ein selbstkorrigierender Überlebensalgorithmus» Ob schlechte Ideen kostengünstig von innen korrigiert werden – indem Individuen ihre Meinung ändern – oder teuer von aussen verschwinden – indem ihre Träger untergehen –, hängt von der Länge der Rückkopplungsschleife ab. Die Sowjetunion war wohl das grösste Experiment extrem langer Rückkopplungsschleifen. Ohne die ökonomischen Signale freier Marktpreise fehlte ihr die Möglichkeit zur raschen Anpassung – was sie bekanntlich teuer zu stehen kam. Jede Hierarchie kann kollabieren, wenn ihr Modell von der Wirklichkeit nur entschieden genug von der Realität abweicht. **Wenn aus Sein ein Sollen wird** Alle Werte sind vorläufig – und korrigierbar. Kultur entstand aus der Biologie, aus Genen, um die Umwelt schneller zu begreifen, als es die genetische Evolution vermag. Wer die Meinungsfreiheit einschränkt, unterläuft diesen Fortschritt um Millionen Jahre. Wo wir sprechen können, korrigiert sich Wissen schneller. Der Sinn des freien Meinungsaustausches ist, Ideen sterben zu lassen – nicht Menschen. Wo offene Prüfung möglich ist, wird Vertrauen nicht dauerhaft am falschen Ort investiert. Das ist der Kern der wissenschaftlichen Methode. Die strikte Trennung von Wissenschaft und Moral ist eine Illusion – und eine regressiv dogmatisierende noch dazu. Jede ethische Position ist letztlich eine vorläufige Hypothese, die durch weitere Evidenz widerlegt werden kann. Woher sollten wir Regeln für unser Handeln beziehen, wenn nicht aus dem Verständnis dessen, wie die Welt tatsächlich funktioniert? Manche verweisen auf die Religion. Doch auch die Religion ist kein statisches System. Sie verkörpert über Jahrhunderte hinweg Prozesse von Variation und Selektion, Signal und Rauschen. «Der Sinn des freien Meinungsaustausches ist, Ideen sterben zu lassen – nicht Menschen. Wo offene Prüfung möglich ist, wird Vertrauen nicht dauerhaft am falschen Ort investiert. Das ist der Kern der wissenschaftlichen Methode.» Mit anderen Worten: Moral und unsere inneren Modelle folgen denselben Naturgesetzen. Jeder Gedanke, jede Entscheidung, jede Handlung ist eine Vorhersage, die sich am Prüfstein der Realität bewähren muss. Zu leben heisst, auf Vorhersagen zu vertrauen, die über Milliarden Jahre verfeinert wurden. Das moralische Universum schwebt nicht über uns – es zeigt sich in den Mustern, die lange genug überlebt haben. Jeder Atemzug, jede Entscheidung ist ein Beweis für das, was funktioniert – und zugleich eine Wette darauf, was Bestand haben kann. Zu existieren bedeutet, das Problem des Lebens bereits gelöst zu haben, indem man sein Vertrauen richtig verteilt. ### Misstrauen ist rational URL: https://www.schweizermonat.ch/misstrauen-ist-rational/ Last updated: 2026-04-01T15:55:38.000Z Heute geniessen Regierungen und Leitmedien immer weniger Vertrauen – das belegen verschiedene Erhebungen (siehe Seite xy). Auffällig ist dabei der internationale Vergleich: In Asien und Südamerika vertrauen die Menschen ihren Politikern und Journalisten mehr als in Europa. Statt diese Vertrauenskrise schönzureden, sollten westliche Regierungen und Medienhäuser sich fragen, was das Misstrauen von Millionen Menschen ihnen gegenüber bedeutet. Warum fallen «Fake News» im digitalen Raum auf fruchtbaren Boden? Warum greifen Regierungen, die bürgerliche Freiheiten eigentlich schützen sollten, zur digitalen Zensur? Dass in der Bevölkerung der Glaube an manipulative Medien und korrupte Institutionen zunimmt, sollte nicht als Randphänomen abgetan werden. Denn es ist ein Glaube, von dem sich lernen lässt. Wer den Aussagen von Staatsvertretern oder Meinungsmachern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk misstraut, der bringt damit zum Ausdruck: Er möchte nicht manipuliert werden, sondern unabhängig entscheiden, was er für richtig oder für falsch hält. Und wer von «Lügenpresse» spricht, möchte nicht belogen werden, sondern darauf vertrauen können, dass man ihm die Wahrheit sagt. Wahrheit und Freiheit: Eigentlich ist es keine schlechte Nachricht, wenn Menschen nicht ohne sie leben wollen – auch dann, wenn sie von der Regierung keine Freiheit und von den Medien keine Wahrheit mehr erwarten. Die Menschen hören trotzdem nicht auf, danach zu suchen – sonst gäbe es im Netz nicht diese Fülle an alternativen Kanälen und konkurrierenden Weltdeutungen. Verantwortungsträger in Politik und Medien wären gut beraten, diese Tatsache ernst zu nehmen. ## Die Bürger wollen nicht belehrt werden Die zunehmende Volkspädagogik in Parteiprogrammen, Abstimmungskämpfen und publizistischen Produkten hat kaum dazu beigetragen, das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Wer mit Regenbogenfahne, Klimaschutz oder offenen Grenzen gegen Kritiker Stimmung macht, verstärkt eher das Misstrauen. Die moralische Diffamierung Andersdenkender hat in vielen Debatten den Wettbewerb der Ideen ersetzt. Wer Regierungsentscheide hinterfragt, gilt als Feind der Demokratie. Und wer die woken Prozessionen der Palästinafreunde, Transfreunde und Islamversteher ablehnt, wird zum Hasser und Hetzer erklärt. > «Die moralische Diffamierung Andersdenkender hat in vielen Debatten den Wettbewerb der Ideen ersetzt.» Das spaltet die Gesellschaft und verschärft die vorhandene «weltanschauliche Polarisierung» (Jürgen Habermas). In diesem Sinne müsste die Vertrauenskrise nicht als Problem einer rechtspopulistisch verführten, dummen Masse verstanden werden. Sie ist vielmehr ein Weckruf für Regierungen und Medienschaffende, besser zu regieren und einen Journalismus zu betreiben, der die Mündigkeit des Publikums wieder ernst nimmt. Ebenso gilt es, Querdenkern und Grundsatzkritikern wieder einen Platz am Tisch der Debatten zu geben – statt sie aus der Gemeinschaft der Vernünftigen zu exkommunizieren. Freie Gesellschaften verlieren ihren Boden, wenn Politik und Medien sich als Oberlehrer aufspielen. Fühlen sich Kritiker isoliert, unterminiert dies den gesellschaftlichen Zusammenhalt und fördert gerade jenen Geist des Misstrauens, den es zu bekämpfen gilt. Die Stärke der «Wutbürger» und «Verschwörungsapostel» ist die Schwäche eines selbstgerechten Establishments: Das zu verstehen, wäre der erste Schritt zur Besserung. ### Ich vertraue, also bin ich URL: https://www.schweizermonat.ch/ich-vertraue-also-bin-ich/ Last updated: 2026-03-29T09:07:00.000Z Es ist verführerisch und auch etwas billig, die grosse Vertrauenskrise auszurufen und zum Wehklagen über das schwindende Vertrauen in Institutionen aller Art anzustimmen und daraus Bedrohungen abzuleiten. Obwohl nicht völlig falsch, greift dies zu kurz. Viel zu kurz. Denn erstens ist Vertrauen – etwas breiter betrachtet – nach wie vor integraler Bestandteil unseres Alltags. Ohne Vertrauen können wir nicht leben – auch nicht die grössten Zyniker und Kulturpessimisten. Wir vertrauen in allen Lebenslagen und permanent. Wir vertrauen unserem vegetativen Nervensystem, dass es unseren nächsten Atemzug auslöst. Wir vertrauen dem Statiker des Gebäudes, in dem wir uns gerade befinden. Wir vertrauen darauf, dass der Bäcker unseres Vertrauens uns nicht vergiften will, wenn wir in ein Gipfeli beissen. Leben heisst, einen permanenten Vertrauensvorschuss zu leisten. Und das Schöne daran: Fast immer liegen wir dabei richtig. Nur äusserst selten stellt sich das Vertrauen in unsere Mitmenschen als nicht gerechtfertigt heraus. Vielleicht ist diese seltene Eintrittswahrscheinlichkeit der Grund, weshalb wir uns so schwertun, wenn unser Vertrauen dennoch einmal erschüttert oder missbraucht wird. Enttäuschung tut weh. Aber sie ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und das ist eine gute Nachricht. ## Lebenserfahrung hilft Zweitens stellt Vertrauensverlust nicht den Schlusspunkt einer Geschichte dar, sondern markiert den Beginn von etwas Neuem. Denn in ramponiertem Vertrauen liegt eine unterschätzte Kraft: Wir lernen dazu, passen uns an, wollen es in Zukunft besser machen. Wer enttäuscht wird, hört nicht einfach auf zu vertrauen, sondern lernt, anders und besser zu vertrauen. Das Urteilsvermögen wird dabei geschärft, vor allem in der zentralen Frage: Wem oder was kann ich (noch) vertrauen? Menschenkenntnis und Lebenserfahrung sind bei der Beantwortung ebenfalls hilfreich. Dasselbe gilt für Staaten, Organisationen – und auch für die Medien. Sie alle reagieren auf den Vertrauensverlust. Vielleicht nicht schnell genug und nicht radikal genug. Aber sie zeigen eine Reaktion. Die Anpassung auf veränderte Lebensbedingungen garantiert das langfristige Überleben. Das wusste schon Charles Darwin. > «Wer enttäuscht wird, hört nicht einfach auf zu vertrauen, sondern lernt, anders und besser zu vertrauen.» Drittens: Missbrauchtes Vertrauen löst sich nicht in Luft auf. Vielmehr verändert es seinen Aggregatzustand, sucht sich neue Wege und neue Adressaten. Wer dem Bankensystem misstraut, vertraut auf Gold oder Bargeld unter dem Kopfkissen. Wer der Politik misstraut, vertraut auf neue politische Kräfte oder langfristigen Wandel. Wer Adam Smiths unsichtbarer Hand und den globalen Lieferketten misstraut, vertraut den Vorräten im Doomsday-Bunker zu Hause. Wer Gott verloren hat, vertraut der Wissenschaft, einem Yoga-Guru oder der eigenen Gedankenwelt. Wer Misstrauen gegen Medien hegt, liest den «Schweizer Monat». Viertens ist auch Misstrauen eine Form von Vertrauen. Unsere äusserst lebendige direkte Demokratie ist im Kern nichts anderes als ein Ausdruck von institutionalisiertem Misstrauen gegenüber «denen da oben in Bern». Schwindet das Vertrauen in die direkte Demokratie (was ich bezweifle), hiesse das, dass die Stimmbürger ihrem aggregierten Urteilsvermögen immer weniger und dafür demjenigen von Regierung und Parlament immer mehr vertrauen. Mit Verlaub, das ist schlicht Mumpitz. Dem Gerede um eine angebliche Vertrauenskrise zum Trotz: Nur die wenigsten Menschen mutieren zu desillusionierten Zynikern. Die meisten Menschen haben ein vielleicht fatalistisches Grundvertrauen, dass es irgendwie schon gut (oder zumindest nicht ganz so schlimm wie befürchtet) kommen wird. Gründe zur Zuversicht und Entspanntheit gibt es genug. So steigt die Lebenserwartung fast überall auf der Welt, die globale Armut ist rückläufig. Die Medizin macht grosse Fortschritte. Und der Bildungsstand in ärmeren Gegenden steigt. Die Plattitüde der grossen Vertrauenskrise verkennt vor allem eines: Vertrauen ist zäh und anpassungsfähig. Und erstaunlich widerstandsfähig. Solange Menschen leben, werden sie vertrauen. Sie können gar nicht anders. ### Der Westen in der Vertrauensmisere URL: https://www.schweizermonat.ch/der-westen-in-der-vertrauensmisere/ Last updated: 2026-03-13T22:23:56.000Z ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/24-1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/24-2.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/25-1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/25-2.jpg) ### Unternehmer sind die freieren Menschen URL: https://www.schweizermonat.ch/unternehmer-sind-die-freieren-menschen/ Last updated: 2026-03-15T20:47:42.000Z Zu den Vorzügen eines Journalistenlebens gehört es, dass man vielen spannenden Menschen und ihren Geschichten begegnet. Nicht wenige davon sind prominent: Präsidenten, Wirtschaftsführer, Politiker oder Sportler. Schon früh habe ich als junger Journalist zwei Dinge festgestellt. Erstens: Menschen, und damit auch meine Artikel, werden nicht automatisch interessanter, je prominenter die Gesprächspartner sind. Oft ist das Gegenteil der Fall. Zweitens: Die Begegnungen, die bei mir einen besonders bleibenden Eindruck hinterlassen haben, waren fast immer jene mit Unternehmern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. **Gespräch auf Augenhöhe** So erinnere ich mich an meinen allerersten Einsatz als freier Mitarbeiter der «Basler Zeitung». Man schickte mich zu einem eher schmucklosen Anlass einer Vereinigung von Jungunternehmern aus dem Baugewerbe. Im ebenso schmucklosen Messeviertel der Stadt trafen sich Maurer, Maler, Gipser, Sanitärinstallateure und dergleichen zum informellen Austausch. Alle führten ihr eigenes kleines oder mittelgrosses Geschäft. Als Gastredner hatten sie den Besitzer einer Chemiefabrik im Bündnerland eingeladen: Christoph Blocher, damals Nationalrat und CEO der Ems Chemie. Blocher sah ich damals kritischer als heute. Doch an diesem Abend sprach er über die Wirtschaft – und darin war er eine Instanz. Das bestritten auch seine Gegner nicht. Was mich an diesem Abend beeindruckte, waren nicht die Insignien des Erfolgs in Form etwa des selbstbewusst auf dem Trottoir parkierten Audi A8 mit Chauffeur, mit dem er an diesem Werktag aus Bern angereist war. Mich beeindruckte vielmehr, wie viel Zeit er sich für den Basler Unternehmernachwuchs nahm – wie neugierig und nahbar er war. Seine Rede hielt er bewusst kurz, um mehr Zeit für das persönliche Gespräch zu lassen. Er, arriviert und schwerreich; die anderen weder noch. Weder der Altersunterschied noch die Tatsache, dass man in völlig verschiedenen Branchen tätig war – der eine global, die anderen regional –, schienen eine Rolle zu spielen. Trotz aller Unterschiede diskutierte man irgendwie auf Augenhöhe miteinander – von Unternehmer zu Unternehmer. **Höhere Fachangestellte** Interessant, ja geradezu frappant sind aus Sicht des Medienschaffenden auch die Unterschiede zwischen echten Unternehmern, die mit eigenem Geld ins Risiko gehen, und Managern – also höheren Fachangestellten im oberen Lohnsegment. Von aussen betrachtet mögen sie in derselben Liga spielen, wie auch die vom *Schweizer Monat* und *Le Regard Libre* gemachten Strassenumfragen unter Jugendlichen gezeigt haben. Viele Menschen setzen Unternehmer mit Managern gleich. Zu Unrecht. Manager – selbst CEOs und Verwaltungsratspräsidenten von Weltkonzernen – sind in ein mächtiges Räderwerk von internen und externen Stakeholdern eingebunden, auf die es alle Rücksicht zu nehmen gilt. Das wirkt sich notgedrungen auf ihr Verhalten aus. Manager im Angestelltenverhältnis äussern sich dementsprechend vorsichtiger, stets darauf bedacht, niemandem auf die Füsse zu treten. Oft verwenden sie die nächsten drei Sätze nach einem halbwegs knackigen Statement damit, dieses umgehend wieder abzuschwächen. Sie relativieren, verklausulieren, verwässern und lassen keine Gelegenheit aus, die ausgeklügelten Sprüche ihrer Marketingabteilungen in das Gespräch miteinfliessen zu lassen. Oft sind sie sekundiert von Pressedamen (es sind fast immer Damen), die auf jedes Wort achten und bei Bedarf den Chef (oder den Journalisten) massregeln. Die Pressedamen sind es auch, die Journalisten eine vorgängig zugestellte Liste mit den Fragen abnötigen und den Gesprächsrahmen mit Hilfe einer Negativliste festlegen, also mit Themen, über die man keinesfalls zu sprechen gedenkt. Grossmanager wie Journalisten spielen gleichermassen nach den Regeln dieser «Corporate Censorship». Bei Unternehmern habe ich das noch nie erlebt. Nun hat das alles seine guten Gründe, die ich durchaus verstehe. Schon klar, es gibt im Big Business Wichtigeres als diese Beobachtungen eines Journalisten. Worauf ich hinaus will: Diese Sachzwänge machen eben nicht automatisch aus jedem Topmanager auch einen Topgesprächspartner. **Lässige Nonchalance** Firmenbesitzer hingegen sind von einem anderen Schlag. Im Auftritt wirken sie ungezwungener, souveräner, pointierter, oft auch frecher – getragen von einer lässigen Nonchalance, wie sie bei oft normiert wirkenden Managern nicht zu finden ist. Natürlich sind auch Unternehmer nicht völlig frei. Auch sie unterliegen Sachzwängen und müssen Rücksicht nehmen. Doch sie scheren sich klar weniger um Konventionen, haben gar etwas Rebellisches und agieren mit mehr Augenmass als viele ihrer Managerkollegen – Stichwort Lohnexzesse. Unternehmer ziehen vielmehr einfach ihr eigenes Ding durch. Sie versuchen nicht krampfhaft in ein System «hineinzupassen», sondern heben sich wohltuend von der Masse ab – bewusst oder unbewusst. Unternehmer sehen die Welt mit anderen Augen. Ihre Sinne sind wacher, sie sind Träumer, denken in Potenzialen statt in Besitzständen. Sie wollen gestalten, nicht bloss verwalten wie so viele der Manager, Expats oder Diplomaten, die es sich in dem ihnen anvertrauten Kokon bequem gemacht haben und vor allem darauf bedacht sind, wenn schon nicht übermässig positiv, dann wenigstens nicht negativ aufzufallen. Unternehmer sind Macher, Bastler oder stille Schaffer, die – oft ihrer Zeit voraus – am nächsten grossen Wurf arbeiten. Und vor allem sind sie eines: die vielleicht interessantesten Gesprächspartner, die es gibt. **Kein Wohlstand ohne Unternehmer** Die Schweiz tut gut daran, ihren Unternehmern Sorge zu tragen. Mit ihrer Innovationskraft und Leistungsfähigkeit halten sie die Schweiz wettbewerbsfähig, finanzieren den Staat auf allen Ebenen und zu wesentlichen Teilen und schaffen Arbeitsplätze und somit Wohlstand. Es kann also nie genug von ihnen geben. Den Menschen in der Schweiz kann es nur gut gehen, wenn es auch den Unternehmern gut geht. Es gibt kein wohlhabendes Land, in dem Unternehmer nicht prosperieren. Die Schweizer wissen das auch – von der politischen Linken mit ihrer klassenkämpferischen Rhetorik und der Stimmungsmache gegen «die Reichen» einmal abgesehen. > «Den Menschen in der Schweiz kann es nur gut gehen, wenn es auch den Unternehmern gut geht.» Im Rahmen des Projekts «Esprit entrepreneurial» haben sich in zahlreichen Gesprächen mit Unternehmern in Bezug auf die Schweiz zwei Konstanten herauskristallisiert. Die gute Nachricht zuerst: Die Schweiz bietet weiterhin gute Rahmenbedingungen für Entrepreneurship. Der Unternehmergeist in der Schweiz ist nach wie vor stark ausgeprägt. Dies bestätigt auch die Ende Januar erschienene Studie «GEM Switzerland National Report» der Hochschule für Wirtschaft in Freiburg. So lag die Quote der «unternehmerischen Aktivität in der Frühphase», das sind Unternehmen, die seit weniger als dreieinhalb Jahren bestehen, im Jahr 2024 bei stabilen knapp 10 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Rund 56,2 Prozent der Befragten gaben ausserdem an, jemanden zu kennen, der 2024 ein eigenes Unternehmen gegründet hat, während es im Jahr 2020 nur 44,6 Prozent waren. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Entrepreneurship in der Schweiz an Sichtbarkeit gewinnt. Das ist erfreulich. **Schweiz mit akutem Handlungsbedarf** Die Schweiz bietet viele Vorzüge. Die Menschen sind gut ausgebildet und fleissig, die Infrastruktur entspricht derjenigen eines Hochleistungslandes, die Steuern sind moderat, der Arbeitsmarkt ist liberal, die Regulierung wirtschaftsfreundlicher als anderswo. Doch auch hier gilt es, Sorge zu tragen. Mehr noch: Es sind zwingend Verbesserungen anzubringen, denn nichts ist für ein Land oder eine Firma gefährlicher als Selbstgefälligkeit. Womit wir bei der schlechten Nachricht sind. Ausgerechnet in der reichen Schweiz mangelt es an Risikokapital und risikoaffinen Geldgebern. Das hat fatale und weitreichende Folgen: Grosse, kapitalintensive und besonders risikoreiche Ideen haben in der Schweiz einen schweren Stand. Sie werden entweder selten, gar nicht oder dann gleich im Ausland realisiert. Grossbritannien und die USA stehen hier in der Poleposition. Dieser unsichtbare «Brain Drain» gehört unverzüglich auf das politische Parkett. Was ist konkret zu tun? Eine Steuerbefreiung von Risikokapitalinvestitionen wie in Grossbritannien wäre ein guter Anfang. Es ist paradox: Während in der Schweiz solche Anlagen dem Vermögen angerechnet und entsprechend besteuert werden, kann Venture Capital im Vereinigten Königreich vom Einkommen abgezogen werden. Aufschlussreich ist auch ein Blick in die USA: Dort dürfen Pensionskassen in Venture-Capital-Fonds investieren, was für zusätzliche Liquidität für Start-ups sorgt. Ebenfalls ist es notwendig, unternehmerisches Denken in der Ausbildung zu fördern, damit die Bevölkerung das notwendige Wissen und Selbstvertrauen erlangt, um sich selbstständig zu machen. Affaire à suivre. > «Ausgerechnet in der reichen Schweiz mangelt es an Risikokapital und risikoaffinen Geldgebern.» ### Eine Welle digitalen Misstrauens erfasst die repräsentative Demokratie URL: https://www.schweizermonat.ch/eine-welle-digitalen-misstrauens-erfasst-die-repraesentative-demokratie/ Last updated: 2026-03-16T10:00:13.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/a-wave-of-digital-distrust-is-sweeping-representative-democracy/). Vertrauen ist die gravitative Kraft, die die repräsentative Demokratie zusammenhält. Repräsentation wirkt wie ein symbolischer Spiegel. Die Öffentlichkeit muss sich in ihren gewählten Vertretern wiedererkennen – nicht nur in Positionen und Programmen, sondern auch in Moral, Charakter und Lebensführung. Geht dieses Vertrauen verloren, bekommt der Spiegel Risse. Und mit ihm gerät das System ins Wanken. Genau das beschreibt unsere gegenwärtige Lage. Seit der Jahrtausendwende erleben demokratische Staaten einen tiefgreifenden, fortschreitenden Vertrauenszerfall. Die Erosion beschränkt sich längst nicht mehr auf Regierungen und Parlamente, sondern erfasst die meisten Institutionen, die das moderne Leben organisieren – von den Medien bis zur Wissenschaft. Zwischen der Öffentlichkeit, den gewöhnlichen Bürgern, und jenen Eliten, die als ihre Vermittler und Repräsentanten auftreten, hat sich ein destruktiver Konflikt entzündet. Er wird täglich auf den digitalen Plattformen ausgetragen und entlädt sich zusehends auch auf der Strasse. Inzwischen prägt dieser Riss das politische Leben in Europa und den Vereinigten Staaten – und ist, in Wahrheit, ein globales Phänomen. ## Das Internet untergräbt das Vertrauen Die Belege für den Niedergang sind leicht zu finden. Nach Daten des [Pew Research](https://www.pewresearch.org/politics/2025/12/04/public-trust-in-government-1958-2025/?ref=schweizermonat.ch) Center ist der Anteil der Amerikaner, die ihrer Regierung vertrauen, von 77 Prozent im Jahr 1964 auf 17 Prozent im Jahr 2025 gefallen. Dieses grobe Mass verweist auf einen dramatischen Vertrauensverlust gegenüber den konkret gewählten Amtsträgern. Der historische Vergleich macht die Dimension sichtbar: John F. Kennedy erreichte während seiner kurzen Amtszeit Zustimmungswerte von über 70 Prozent. Barack Obama kam als 2-Amtszeiten-Präsident im Durchschnitt nur noch auf einen mittleren Wert im 40-Prozent-Bereich. Sowohl Donald Trump in seiner ersten Amtszeit als auch Joe Biden bewegten sich bis zur Wahlniederlage bzw. bis zum Wiederwahlverzicht im unteren 40er-Bereich. In Europa zeigt sich der Trend teils noch ausgeprägter. Das allgemeine Vertrauen in die Regierung, gemessen von [Edelman](https://www.edelman.com/sites/g/files/aatuss191/files/2025-01/2025%2520Edelman%2520Trust%2520Barometer%5FFinal.pdf?ref=schweizermonat.ch), liegt bei 48 Prozent in Frankreich, 43 Prozent in Grossbritannien und 41 Prozent in Deutschland. Gleichzeitig sind die Zustimmungswerte vieler amtierender Regierungschefs auf historische Tiefststände gefallen: In Frankreich kommt Emmanuel Macron auf [14 Prozent](https://www.edelman.com/sites/g/files/aatuss191/files/2025-01/2025%2520Edelman%2520Trust%2520Barometer%5FFinal.pdf?ref=schweizermonat.ch), in Grossbritannien liegt Keir Starmer bei [13 Prozent](https://www.ipsos.com/en-uk/labour-and-starmer-approval-ratings-continue-drop-government-nears-100-days-power?ref=schweizermonat.ch). Etablierte Parteien, die einst ein breites gesellschaftliches Lager zusammenhielten, haben quer durch das ideologische Spektrum an Rückhalt verloren. Die ehrwürdige «Conservative Party» in Grossbritannien erreichte 2024 nur noch [23 Prozent](https://commonslibrary.parliament.uk/research-briefings/cbp-10009/?ref=schweizermonat.ch) der Stimmen, die deutschen Sozialdemokraten fielen bei der Wahl 2025 auf [16 Prozent](https://www.deutschland.de/en/topic/politics/federal-election-2025-election-result-germany-election-government?ref=schweizermonat.ch). Der Aufstieg sektiererischer Parteien erschwert es zusätzlich, regierungsfähige Mehrheiten zu bilden. Frankreich erlebte im vergangenen Jahr vier Regierungen, und in Deutschland dauerte es nach der letzten Wahl 72 Tage, bis sich die Parteien auf ein unbehagliches Zweckbündnis von Kontrahenten verständigen konnten. Auf beiden Kontinenten fällt der Vertrauenszerfall zeitlich mit dem Aufstieg der digitalen Plattformen zum dominanten Forum öffentlicher Debatten zusammen. Kaum jemand bestreitet hier einen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Umstritten ist jedoch, welche Elemente des Internets und der sozialen Medien das Vertrauen untergraben. Für die Eliten gilt das Netz als die Mutter aller Lügen: ein digitaler Wildwest-Saloon, der unter das Joch von Anstand und Zivilisation gezwungen werden müsse. Von Eliten geführte Regierungen verstehen sich zunehmend als Schiedsrichter über Wahrheit und Unwahrheit. Während der Coronazeit [erklärte](https://x.com/realDailyWire/status/1551690346039492608?s=20&ref=schweizermonat.ch) Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, die Regierung bleibe die einzige Quelle der Wahrheit – alles andere sei nicht wahr. Entsprechend verabschiedeten die Europäische Union den Digital Services Act und Grossbritannien den Online Safety Act, um die digitale Landschaft von Desinformation – häufig Russland zugeschrieben – und Meinungen zu säubern, die der Staat als destabilisierend oder hasserfüllt einstuft. Der Anspruch, die Wahrheit zu schützen, mündet dabei mitunter in einen Kreuzzug gegen Anbieter und Nutzer digitaler Technologien. Unter unterschiedlichsten Vorwänden hat die EU vor allem amerikanische Social-Media-Unternehmen mit Bussen von über [30 Milliarden](https://eutoday.net/mark-zuckerberg-critiques-eus-tech-policies/?ref=schweizermonat.ch) Dollar belegt – zuletzt mit einer Strafe von [140 Millionen](https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/eu-fines-x-140-mln-breaching-online-content-rules-tiktok-settles-with-2025-12-05/?ref=schweizermonat.ch) Dollar gegen X, die Plattform des von vielen Eliten verabscheuten Elon Musk. In Frankreich wurde Pavel Durov, der Gründer von Telegram, festgenommen, nachdem seine Plattform die Behörden verärgert hatte. Gleichzeitig [sinnierte](https://www.euronews.com/my-europe/2025/12/05/macrons-plan-to-label-trustworthy-media-manipulated-and-taken-out-of-context?ref=schweizermonat.ch) Macron darüber, digitale Inhalte mit staatlich genehmigten Kennzeichnungen zu versehen – vorgeblich, um zu verhindern, dass die Jugendlichen durch das Netz verwirrt werden. In Grossbritannien wiederum [nimmt die Polizei täglich rund 30 Personen](https://nypost.com/2025/08/19/world-news/uk-free-speech-struggle-30-arrests-a-day-censorship/?ref=schweizermonat.ch) wegen Online-Äusserungen fest – mehr als 12 000 Festnahmen im Jahr 2023. > «Für die Eliten gilt das Netz als die Mutter aller Lügen: ein digitaler Wildwest-Saloon, der unter das Joch von Anstand und Zivilisation gezwungen werden müsse. Von Eliten geführte Regierungen verstehen sich zunehmend als Schiedsrichter über Wahrheit und Unwahrheit.» Offenbar liegt der Gedanke zugrunde, Misstrauen lasse sich beseitigen, indem man das Internet mit roher Gewalt in eine Art «Le Monde» der 1960er-Jahre verwandelt. Dieses Modell wurde von der Kommunistischen Partei Chinas zur Genüge erprobt. Es funktioniert selbst dort nur begrenzt – und ist, wie sich zeigt, in demokratischen Gesellschaften erst recht kläglich gescheitert. Überraschen sollte das nicht. Der Versuch, den öffentlichen Debattenraum zu zensieren und abweichende Meinungen zu sanktionieren, hat nicht weniger, sondern mehr Misstrauen erzeugt. ## Der digitale Tsunami Zweifellos ist das Netz eine Fabrik der Unwahrheiten – doch darauf lässt es sich nicht reduzieren. Die schiere Menge der produzierten Informationen übersteigt die Verarbeitungskapazitäten unserer herrschenden Institutionen bei Weitem. Diese wurden nach industriellen Prinzipien gebaut: hierarchisch, träge, prozessorientiert. Ihre Legitimität speiste sich im 20\. Jahrhundert aus einem faktischen Monopol über den Informationsfluss. Diese Zeit ist mittlerweile vorbei. Der digitale Tsunami hat Autorität und Deutungshoheit hinweggefegt. Die Öffentlichkeit kommuniziert heute mit Lichtgeschwindigkeit – und versteht nicht, warum Politiker weiterhin in ihren unbeweglichen Pyramiden verharren. Zugleich stehen die Eliten mit all ihren menschlichen Schwächen ungeschützt im Scheinwerferlicht. Jeder politische Fehltritt, jede falsche Prognose, jede unbedachte Bemerkung, jedes zweifelhafte Geschäft und jede sexuelle Eskapade an der Spitze spielt sich nun auf offener Bühne ab – vor den staunenden Augen der Massen. Die alternative Erklärung für den Vertrauenszusammenbruch kehrt die gängige Diagnose um. Nicht digital verbreitete Lügen, sondern die digital verbreitete Wahrheit über die Eliten hat eine Krise der Entfremdung und Zurückweisung ausgelöst. Wie einst die römische Plebs hat sich die Öffentlichkeit von der politischen Klasse abgesetzt. Seit Jahren entladen sich diese Spannungen in regelmässigen Eruptionen: von den spanischen Indignados und Occupy Wall Street im Jahr 2011 über die Gelbwesten in Frankreich und die chilenische soziale Explosion von 2019 bis hin zu den erfolgreichen Strassenaufständen 2025 in Nepal, Madagaskar und Bulgarien. Diese wiederkehrenden Wutausbrüche haben die globale politische Atmosphäre in einen Zustand permanenter Turbulenz versetzt. > «Die alternative Erklärung für den Vertrauenszusammenbruch kehrt die gängige Diagnose um. Nicht digital verbreitete Lügen, sondern die digital verbreitete Wahrheit über die Eliten hat eine Krise der Entfremdung und Zurückweisung ausgelöst.» Populisten, die die aufgeladene Stimmung der Bevölkerung für sich zu nutzen wissen, haben in wichtigen Ländern die Wahlen gewonnen. In manchen Fällen – etwa bei Trump in den USA oder Javier Milei in Argentinien – gingen sie daran, den «Deep State» zurückzudrängen. Verunsicherte Eliten reagierten darauf mit offen antidemokratischen Mitteln. So wurde in Rumänien die erste Runde der Präsidentschaftswahl [annulliert](https://www.bbc.com/news/articles/cx2yl2zxrq1o?ref=schweizermonat.ch), nachdem ein populistischer Kandidat gesiegt hatte. Solche Eingriffe haben die Lage nicht entschärft, sondern verschärft. Die Kluft zwischen den Wählern und ihren formalen Vertretern ist dadurch weiter gewachsen. Auf der tiefsten Ebene reicht dieser Konflikt über die Politik hinaus und nimmt beinahe metaphysische Züge an. Die Eliten blicken mit Sehnsucht auf eine hochmodernistische Epoche zurück, getragen von Sinnversprechen und heroischen Verbesserungsprojekten. Zugleich speist sich dieser Populismus aus dem Impuls, Gemeinschaft wieder an traditionelle Quellen von Bedeutung und Spiritualität rückzubinden. In beiden Lagern jedoch hat sterile Nostalgie die Kreativität verdrängt. Aus dieser Perspektive erscheint die Kluft zwischen den Klassen weniger als Ursache denn als Symptom: Ausdruck einer fatalen Flucht der Zivilisation der Aufklärung vor ihrer eigenen historischen Mission. Doch das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. ## Die Regierungen sollten von Amazon lernen Wie lässt sich das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen? Ein erster Schritt liegt auf der Hand: Das Informationssystem sollte als Werkzeug begriffen werden, das es zu nutzen gilt – nicht als Feind, den man bekämpfen muss. Institutionen müssen so umgebaut werden, dass sie digitale Fähigkeiten nicht blockieren, sondern ausschöpfen. Kurz gesagt: Sie müssen flacher, schneller und interaktiver werden. Zudem ist die pauschale Behauptung falsch, alle Institutionen stünden gleichermassen in Verruf. Millionen Menschen vertrauen Amazon ihre Finanzdaten an, erwarten eine faire Transaktion – und dass die bestellten Waren wie von Zauberhand vor der Haustür erscheinen. Nationale Regierungen sollten eher wie Amazon funktionieren – und weniger wie die Grosse Pyramide von Gizeh. Politische Parteien müssten sich von den militärischen Befehlsstrukturen lösen und sich stärker an Modellen wie Reddit orientieren, wo jene Themen nach oben gespült werden, die tatsächlich auf Interesse stossen. Künstliche Intelligenz eröffnet dabei die Chance, den Staat nicht nur strukturell, sondern auch funktional neu zu gestalten. Sie kann die Wände des bürokratischen Labyrinths aus Glas machen – und sichtbar machen, was bislang im Dunkeln lag. Da die Fragmentierung der Gesellschaft auch eine geografische Dimension hat, werden Entscheidungsfindung und politische Umsetzung nach unten verlagert werden müssen. Dörfer und Täler erhalten mehr Autonomie – etwa bei der Ausgestaltung des Gesundheitssystems und bei Fragen der Zuwanderung. Kontroversen würden nicht mehr durch ferne Zentralinstanzen entschieden, sondern durch direkte Demokratie in Form digitaler Referenden. In einer solchen Zukunft nähert sich jede demokratische Nation dem Modell der Schweiz an. ## Ein generationenübergreifendes Projekt Zur Rückeroberung des Vertrauens müssen sich die Eliten in ihrem Verhalten verändern. Politiker müssen die neue Nähe zur Öffentlichkeit – real wie virtuell – annehmen und aushalten, selbst wenn sie mit Blossstellung und physischer Gefahr verbunden ist. An die Stelle modernistischer Gewissheiten soll eine neue Wahlrhetorik der Bescheidenheit und Unsicherheit treten: die Einsicht, dass komplexe sozioökonomische Phänomene wie Armut oder Arbeitslosigkeit keine technischen Probleme sind, die sich einfach «lösen» lassen. Gewählte Amtsträger werden künftig nicht nur an Programmen gemessen, sondern an ihrer Fähigkeit, die Online-Werkzeuge souverän zu nutzen, sich im digitalen Äther zu bewegen und dabei transparente Integrität zu wahren. Eine neue Generation von Eliten mag diesen Wandel vorantreiben – doch sie allein wird nicht genügen. Es gibt zu viele junge Menschen mit alten Köpfen. Nur eine tiefgreifende kulturelle Transformation kann das Gefühl der gemeinsamen Identität zwischen Führenden und Geführten wiederbeleben. Vor allem sollten wir uns daran erinnern, dass die Anpassung an ein neues Informationssystem ein generationenübergreifendes Projekt ist. Heute gilt der Buchdruck als befreiende Innovation, die wissenschaftliche Umbrüche ebenso ermöglichte wie die Amerikanische und die Französische Revolution. Anfänglich jedoch schürte das gedruckte Wort religiöses Misstrauen, das im Dreissigjährigen Krieg in grausame Massaker mündete. Mit dem Internet ist nichts annähernd so Entsetzliches geschehen. Dafür dürfen wir dankbar sein. Und wir sollten uns bewusst machen, dass die Uhr der Geschichte in Jahrhunderten tickt, nicht in Minuten – während wir die repräsentative Demokratie und uns selbst an die Zumutungen einer schönen neuen digitalen Welt anpassen. ### Cartoon URL: https://www.schweizermonat.ch/cartoon-67/ Last updated: 2026-03-13T22:21:08.000Z _No content available._ ### Die Schweiz hat alles, was es braucht URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-hat-alles-was-es-braucht/ Last updated: 2026-03-15T20:42:08.000Z Unternehmertum beginnt oft mit den Gedanken «Das müsste besser gehen!» oder «Dieses Problem kann man doch lösen!». Als ich zusammen mit meinem Mitgründer eduwo gründete, taten wir das aus einer Frustration heraus: Das Schweizer Bildungssystem ist grossartig, aber für Weiterbildungen so komplex, dass kaum jemand den Überblick hat. Wir wollten das ändern. Der gleiche Wunsch nach Verbesserung hat mich angetrieben, als wir in meiner Heimatstadt Winterthur die Start-up Nights ins Leben gerufen haben, um Gründerinnen und Gründern eine Plattform zu geben. Heute bin ich neben meinem politischen Amt in Winterthur auch Präsident der Swiss Start-up Association, weil die Anliegen von Gründerinnen und Gründern in der Politik zu wenig Gehör finden. Für mich als Unternehmer und Interessenvertreter für Start-ups ist die Erkenntnis dieselbe: Die Schweiz hat alles, was es für unternehmerischen Erfolg braucht. Sie muss aber wieder lernen, Verantwortung schneller zuzulassen und Fortschritt zu ermöglichen. Doch was sind die Erfolgsfaktoren für Unternehmertum in der Schweiz? **Land des Fortschritts und der Innovation** An erster Stelle steht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und anzupacken. Unternehmertum beginnt nicht erst mit der Gründung der eigenen Firma, sondern mit einer Haltung. Es beginnt dort, wo Menschen Probleme erkennen und sich entscheiden, selbst zu handeln. Diese Haltung ist tief im Schweizer Selbstverständnis verankert. Sie zeigt sich im Föderalismus, der direkten Demokratie, im Milizsystem, im Vereinswesen. Man wartet nicht nur auf Lösungen, sondern organisiert sich selbst. Doch diese Stärke der Eigeninitiative droht zu erodieren. Unsere politische und regulatorische Trägheit und die Entwicklung, immer mehr Spielraum der Eigenverantwortung zu regulieren, lähmt die Initiative zur Selbstorganisation und hemmt die Menschen in der eigenständigen Übernahme von Verantwortung. Was Stabilität sichern soll, bremst den unternehmerischen Geist. Zweitens braucht es in der Schweiz einen langen Atem. Wir sind ein Land des Innehaltens und des Abwägens und gleichzeitig ein Land des Fortschritts und der Innovation. Diese Balance zwischen Abwägen und Warten, zwischen Zurückhaltung und Fortschritt – das war lange unsere Stärke. Geduld und Qualität haben unsere Industrie gross gemacht, weil sie Innovation erlauben. Unsere Prozesse sind aber zu komplex, unsere Entscheidungswege zu lang, die Bedenkenträger zu vielzählig. Wir wägen ab, statt zu wagen. Wer unternehmerisch erfolgreich bleiben will, muss handeln können. Systeme, die diese Handlungsfähigkeit ersticken, verlieren ihre Wirkung. Genauso entscheidend sind die Netzwerke und damit verbunden der Zugang zu Märkten und Wachstumskapital. Erfolg entsteht selten im Alleingang: Wer Verantwortung übernimmt und sich ins Ökosystem einbringt, kommt weiter. Diese Netzwerke sind eine reale Stärke unseres Standorts. Sie schaffen Vertrauen, Wissensaustausch und frühe Kooperationen. Doch beim Übergang von der Aufbauphase zur Skalierung fehlt oft die Finanzierung. Aus einer tief verankerten Zurückhaltung gegenüber schnellem, ambitioniertem Wachstum investieren wir defensiv. Das ist fatal: So exportieren wir nicht nur Innovationskraft, sondern unsere unternehmerische Zukunft. Die Schweiz bietet hervorragende Voraussetzungen. Doch gute Ausgangslagen ersetzen keine Entscheidungen. Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass Verantwortung ermöglicht wird. Am Ende entscheidet nicht das System, sondern die Haltung der Menschen. Doch Haltung braucht Freiräume. Unternehmertum braucht Vertrauen. Und Fortschritt braucht den Mut, Bewährtes weiterzuentwickeln. Die Schweiz war immer dann erfolgreich, wenn sie ihre Balance gehalten hat: zwischen Sicherheit und Bewegung, zwischen Innehalten und Neues wagen. Diese Balance müssen wir aktiv pflegen. ### Der produktive Selbstzweifel URL: https://www.schweizermonat.ch/der-produktive-selbstzweifel/ Last updated: 2026-04-07T17:30:24.000Z In den Medien erscheinen bekannte Unternehmerfiguren wie Elon Musk, Jeff Bezos oder auch Donald Trump oft als furchtlose Visionäre: scheinbar frei von Selbstzweifeln, jederzeit entschlossen, über jeden Zweifel erhaben. Unternehmertum wirkt in diesen Erzählungen wie eine Abfolge kühner und visionärer Entscheidungen, getragen von unerschütterlichem Selbstvertrauen. Die Gespräche, die der «Schweizer Monat» in den vergangenen Monaten im Rahmen des Projekts Esprit Entrepreneurial mit etablierten Unternehmern aus der Deutschschweiz geführt hat, zeichnen ein anderes Bild: Nüchterner. Erdiger. Weniger Glamour, dafür mit mehr Realitätssinn. Unternehmertum erscheint hier nicht als Bühne für Helden, sondern als dauerhafte Auseinandersetzung mit Unsicherheit, Fehlern und der eigenen Begrenztheit – und als Versuch, sich Schritt für Schritt Freiheit zu erarbeiten. Auffällig ist, wie unspektakulär die Befragten ihre Rolle beschreiben. Christoph Landolt, Gründer des seit 2011 bestehenden Physiozentrums, bringt es auf den Punkt: «Ein Entrepreneur braucht einen starken Realitätssinn und ein gutes Urteilsvermögen. Entscheidend ist zu verstehen, was der Markt und die Kunden benötigen.» Selbstzweifel sind für ihn keine Schwäche, sondern ein Kontrollinstrument. Er zweifle ständig an sich und seinen Schlussfolgerungen – gerade das halte ihn lernfähig. Erfolgreiche Unternehmer scheinen also nicht blind der eigenen Genialität zu vertrauen. Vielmehr misstrauen sie ihren Annahmen, überprüfen diese permanent und bleiben so handlungsfähig. **Gelernt wird im Tun** Ein pragmatisches Selbstverständnis zeigt sich auch im Umgang mit Wissen. Auf die Frage, ob man sich vor dem Start ins Unternehmertum mit Literatur einlesen müsse, reagieren manche mit einem müden Lächeln. Biografien und Ratgeber spielen in ihren Geschichten meist eine Nebenrolle. Alessia Schrepfer, Pflegefachfrau und Gründerin von WeNurse – einem in Zürich angesiedelten Personalverleih für Pflegefachfrauen im Gesundheitswesen – sagt offen, sie habe keine Unternehmerbiografien gelesen. Gelernt werde im Tun. Für Nicholas Hänny von der Ökokleidermarke Nikin ist es wichtig, an Tag eins mit Machen loszulegen, begleitet von punktuellen Inputs wie Online-Kursen, YouTube-Videos oder Blogs. Diese sollen für Hänny immer problemorientiert und nie systematisch sein. Bücher können inspirieren, aber die wertvollsten Erfahrungen sammelt man letztlich in der eigenen Firmengründung. Unternehmertum ist ein Erfahrungsberuf. Man lernt, indem man Angebote kreiert, Kunden verliert, Märkte falsch einschätzt und beim nächsten Versuch näher an der Realität ist. Damit verknüpft ist der Umgang mit Fehlern. In keinem Interview taucht die Geschichte der einen genialen Idee auf, die einfach funktioniert. Stattdessen berichten die Unternehmer von einer Serie aus Versuchen, Irrtümern und Korrekturen. Fabian Hediger, Mitgründer des Finanzdienstleisters Bitcoin Suisse, sagt, er scheitere täglich an seinen Projekten – Scheitern gehöre für ihn zum Alltag. > «Unternehmertum ist ein Erfahrungsberuf. Man lernt, indem man Angebote kreiert, Kunden verliert, Märkte falsch einschätzt und beim nächsten Versuch näher an der Realität ist.» Kleiderunternehmer Hänny unterscheidet zwischen schnellem und langsamem Scheitern. Ein Fehler, der nach zwei Wochen korrigiert werde, sei verkraftbar. Problematisch werde es erst, wenn man ihn monatelang mit sich herumschleppe. In Kombination mit Landolts produktivem Selbstzweifel ergibt sich ein klares Muster: Unternehmertum ist kein einmaliger mutiger Akt, sondern eine permanente Schleife aus Entscheiden, Messen und Nachjustieren. Mut bedeutet, sich dieser Schleife immer wieder auszusetzen. **«Wenn du die Arbeit nicht machst, macht sie niemand»** Persönlich wird es beim Thema Freiheit. Für viele ist sie der eigentliche Grund, überhaupt zu gründen. Gesundheitsunternehmerin Schrepfer beschreibt sich als «extrem freiheitsliebend», ihr Herz sei «sehr liberal». Sie sieht in der Schweiz eine grossartige Unternehmerkultur, die Freiheit und Innovation ermöglicht. Ihr Schritt aus dem stark regulierten Gesundheitswesen ins Unternehmertum ist für sie auch ein Bruch mit als einengend empfundenen Strukturen. Andere wiederum relativieren die romantische Vorstellung der radikalen Selbstbestimmung. Delia Herger ist Mitgründerin von JobEagle, einer Plattform aus Luzern, die Firmen dabei unterstützt, ihre Stellenanzeigen attraktiv und authentisch zu präsentieren. Sie warnt davor, die Freiheit als Unternehmer zu überschätzen: Man könne den Tag zwar anders einteilen, aber «wenn du die Arbeit nicht machst, macht sie niemand». Für Hänny ist Freiheit untrennbar mit wirtschaftlichem Erfolg verknüpft: genug Profit, um investieren zu können, und genügend finanzielle Stabilität, um zeitlich flexibel zu sein. Die Interviews zeigen: Freiheit ist kein Ausgangspunkt für Unternehmertum, sondern ein Leitstern. Sie muss erarbeitet und immer wieder verteidigt werden. Auffällig ist auch, was in den Gesprächen fehlt: die Legende des einsamen Gründers. Stattdessen rücken Teams, Co-Gründer und Netzwerke ins Zentrum. Herger beschreibt die Anfangsphase, in der «einfach alles» selbst gemacht wird – und den Moment, in dem Delegieren zur Notwendigkeit wird. Wer alles unter Kontrolle behalten will, managt schlecht. Schrepfer betont die Bedeutung belastbarer Beziehungen im Gründerteam. Gemeinsame Krisen seien ein zentraler Erfolgsfaktor. Hänny verweist auch auf Mentoren: Viele seien bereit zu helfen, wenn man gezielt frage. Er selbst habe das anfangs unterschätzt. Unternehmertum ist Beziehungsarbeit – Vertrauen im Kernteam, die Fähigkeit, Verantwortung abzugeben, und die Bereitschaft, sich von aussen herausfordern zu lassen. **Was die nächste Generation wissen sollte** Was geben diese Unternehmer jungen Menschen mit, die über eine Gründung nachdenken? Nun, die Idee soll durchdacht sein, aber nicht zu Tode analysiert werden. Ein gutes Team ist wichtiger als die perfekte Präsentation. Soft Skills wie Konfliktfähigkeit, Kommunikation und gemeinsame Entscheidungsfindung zählen mehr als individuelle Brillanz. Schrepfer rät, Co-Gründer zu wählen, mit denen man bereits schwierige Situationen durchgestanden habe. Je innovativer die Idee, desto wichtiger das komplementäre Team. Hänny ermutigt zum eigenen Start-up – verbunden mit der Aufforderung, früh und regelmässig Rat zu suchen, statt aus Stolz alles allein zu machen. > «Die Idee soll durchdacht sein, aber nicht zu Tode analysiert werden. Ein gutes Team ist wichtiger als die perfekte Präsentation.» So verdichtet sich aus den Gesprächen ein Bild, das wenig mit den gängigen Unternehmermythen zu tun hat. Unternehmertum ist ein Feld für jene, die willens sind, mit Unsicherheit zu leben, in der Realität zu lernen und Freiheit nicht einfach einzufordern, sondern sich diese zu nehmen – und dabei den Weg nicht allein zu gehen. ### Willkommen im sanften Despotismus des Nanny State URL: https://www.schweizermonat.ch/willkommen-im-sanften-despotismus-des-nanny-state/ Last updated: 2026-03-13T22:16:59.000Z Die Anfrage kommt spät am Abend. Ob man sich vorstellen könne, das Präsidium im Verein zu übernehmen. Nur übergangsweise, heisst es. Ein Jahr, höchstens. Man bedankt sich höflich – und lehnt ab. Wie die meisten vor einem. Noch eine Verpflichtung, ein zusätzlicher Zeitaufwand neben Beruf, Familie und anderen Freizeitbeschäftigungen? Lieber nicht. Am Ende bleibt der Posten unbesetzt. Nicht aus Mangel an guten Leuten, sondern aus Mangel an Bereitschaft zum Engagement. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird von vielen als selbstverständlich angesehen. Man bemerkt ihn erst, wenn er brüchig wird. Wenn Abfall liegen bleibt, obwohl ein Mülleimer in Sichtweite steht. Wenn sich niemand mehr zuständig fühlt. Wenn Vereine um Helferinnen und Helfer ringen, Milizämter mangels Kandidaturen vakant bleiben und alte Menschen tagelang keinen Besuch erhalten. Das alles sind keine Randphänomene. Es sind Symptome. Und sie deuten auf einen Kipppunkt hin. Dass solche Entwicklungen strukturelle Ursachen haben, ist keine neue Erkenntnis. Bereits im 19\. Jahrhundert hat Alexis de Tocqueville, einer der einflussreichsten liberalen Staats- und Gesellschaftstheoretiker seiner Zeit, einen Mechanismus beschrieben, der erstaunlich präzise zu heutigen Beobachtungen passt. Der Individualismus entwöhne den Bürger davon, sich um das gemeinsame Schicksal seiner Mitbürger zu kümmern, schrieb er 1835 in seinem Werk «De la démocratie en Amérique». ## Die Erosion des Gemeinsinns Tocqueville verstand Individualismus nicht als Egoismus, sondern als Rückzug ins Private – bequem für den Einzelnen, folgenreich für die Gesellschaft. Während das Individuum an Freiheit gewinnt, verliert der Gemeinsinn an Verbindlichkeit. Was früher Teil bürgerschaftlicher Mitverantwortung war, wird zunehmend an übergeordnete Instanzen delegiert. Tocqueville beschrieb diesen Prozess als «sanften Despotismus»: eine Ordnung, in der der Staat jene Aufgaben übernimmt, die eine sich zurückziehende Gesellschaft nicht mehr selbst trägt. Der Staat wächst, weil der Einzelne ihn gewähren lässt. In den USA ist diese Entwicklung heute sichtbarer denn je. Die politische Öffentlichkeit hat sich in getrennte Erfahrungsräume aufgespalten, gemeinsame Bezugspunkte sind rar geworden, Institutionen verlieren an Autorität. Medienkonsum, Lebensrealitäten und politische Überzeugungen verlaufen zunehmend parallel, ohne sich noch zu berühren. Wo der gemeinsame Referenzrahmen fehlt, fällt Verständigung schwer – Verantwortung und Vertrauen werden zu Fremdwörtern. Die Präsidentschaft von Donald Trump markierte dabei keinen Bruch mit dem etatistischen Denken, sondern dessen Zuspitzung: Der Staat wird nicht zurückgedrängt, sondern politisiert und ausgebaut. Die amerikanische Erfahrung ist deshalb kein Sonderfall, sondern ein Warnsignal. Sie zeigt, wohin demokratische Gesellschaften driften können, wenn sich der Rückzug aus dem Gemeinsinn verfestigt und Verantwortung zunehmend nach oben delegiert wird. Auch in der Schweiz wären wir schlecht beraten, diese Entwicklung als fernes Problem zu betrachten. Zwar sind unsere Institutionen stabiler, unsere politische Kultur konsensorientierter, unser Gemeinwesen kleinteiliger organisiert. Doch diese Stärken beruhen auf Voraussetzungen, die nicht selbstverständlich sind: Vertrauen, Mitwirkung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wie fragil diese Voraussetzungen geworden sind, zeigt sich hierzulande weniger in spektakulären Brüchen, sondern im schrittweisen Rückzug ins Private. Dieser Rückzug ist auch räumlich geworden. Orte der informellen Begegnung wie Beizen, Vereinslokale oder Quartiertreffs verlieren an Bedeutung, nicht selten verschwinden sie ganz. Was früher an jenen «dritten Orten» stattfand, wie der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg die sozialen Zwischenräume zwischen Arbeit und Privatleben nannte, verlagert sich zunehmend ins Private oder Digitale. Begegnung und die damit verbundene Verbindlichkeit werden zur Frage der Gelegenheit und des Moments, abhängig von Interesse, Verfügbarkeit und situativer Passung. Wer kennt sie nicht, die kurze Nachricht kurz vor der vereinbarten Zeit, mit der ein Treffen verschoben oder abgesagt wird? Der Rückzug ins Private ist damit keine individuelle Marotte, sondern eine strukturelle Entwicklung. Wo Begegnung unverbindlich wird, verliert Vertrauen seine Grundlage. Und wo Vertrauen fehlt, sinkt die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen. Tocquevilles Diagnose erhält hier ihre konkrete Gestalt. Sichtbar wird diese Entwicklung zunächst in der Freiwilligenarbeit. Ob in der Feuerwehr, im Vereinswesen oder bei sozialen Hilfsangeboten: Funktionen langfristig zu besetzen, wird in der Schweiz zunehmend schwieriger. Besonders Führungs- und Vorstandsämter finden immer weniger Interessierte, die bereit sind, dauerhaft Verantwortung zu übernehmen. Was früher als selbstverständlicher Beitrag zum Gemeinwesen galt, wird heute oft als Belastung empfunden. > «Ob in der Feuerwehr, im Vereinswesen oder bei sozialen Hilfsangeboten: Funktionen langfristig zu besetzen, wird in der Schweiz zunehmend schwieriger.» Die Folgen sind sichtbar: Ämter bleiben unbesetzt, Vorstandsposten überaltern, Aufgaben werden notdürftig zusammengelegt, interimistisch geführt oder ganz aufgegeben. Was als temporärer Engpass beginnt, entwickelt sich vielerorts zu einem strukturellen Problem. ## Der Preis der Bequemlichkeit Am deutlichsten zeigen sich die Folgen jedoch im Milizsystem, dem tragenden Fundament der schweizerischen Demokratie. Es beruht auf der Idee, dass Bürgerinnen und Bürger nicht nur Anspruchsberechtigte sind, sondern Mitträger des Gemeinwesens. Gemeinden, Schulpflegen, Kommissionen und kirchliche Angebote funktionieren nur, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – oft zusätzlich zu Beruf, Familie und privaten Verpflichtungen. Genau diese Bereitschaft gerät zunehmend unter Druck. Nicht, weil es an fähigen oder engagierten Personen mangelt, sondern weil der zeitliche, administrative und rechtliche Aufwand stetig wächst, während Anerkennung, Einfluss und Gestaltungsspielraum abnehmen. Es entsteht eine wachsende Asymmetrie zwischen Einsatz und Rückmeldung: Engagement bleibt häufig unsichtbar, Kritik dagegen ist oft laut und öffentlich. Wer Verantwortung übernimmt, setzt sich einem hohen Erwartungsdruck aus – rechtlich, medial und gesellschaftlich. Das verändert das Kosten-Nutzen-Kalkül des Engagements grundlegend und wirkt abschreckend, insbesondere auf jüngere Generationen. Genau hier setzt die entscheidende Frage an. Engagement lässt sich nicht einfach einfordern, es muss ermöglicht werden. Vereine, Gemeinden und Milizbehörden müssen Verantwortung wieder zumutbar machen: mit weniger Bürokratie, klareren Zuständigkeiten und mehr Vertrauen statt immer neuer Absicherungen. Wer sich engagiert, darf nicht das Gefühl haben, juristisch und gesellschaftlich auf sich allein gestellt zu sein. Gleichzeitig ist staatliche Zurückhaltung gefragt. Ein liberaler Staat zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er jedes Problem selbst löst, sondern dadurch, dass er Verantwortung dort belässt, wo sie getragen werden kann. Wo er alles regelt, verlernt die Gesellschaft, sich selbst zu organisieren. Hinzu kommt ein subtiler, aber wirkmächtiger Vertrauensverlust. Vertrauen ist das unsichtbare Betriebssystem einer Gesellschaft. Es sorgt dafür, dass Regeln eingehalten werden, ohne ständig kontrolliert zu werden. Dass man sich an Abmachungen hält, auch wenn niemand zuschaut. Dass man Verantwortung übernimmt, weil man sich als Teil eines grösseren Ganzen versteht. Wenn dieses Vertrauen schwindet, setzt ein Teufelskreis ein. Man engagiert sich weniger, weil man den Eindruck hat, die anderen tun es auch nicht mehr. Und genau dadurch verstärkt sich der Trend. > «Vertrauen ist das unsichtbare Betriebssystem einer Gesellschaft.» Auch die Schweiz ist nicht immun gegen jene Erosion, die Alexis de Tocqueville beschrieben hat. Der öffentliche Raum verlottert nicht primär aus Geldmangel, sondern aus Gleichgültigkeit. Abfall wird achtlos liegen gelassen, Vandalismus hingenommen, Rücksichtnahme zur Ausnahme. Wer sich korrekt verhält, fühlt sich zunehmend als der Dumme. Das ist gefährlich, denn gesellschaftliche Normen funktionieren nur, solange sie geteilt und gelebt werden. Kippt diese Wahrnehmung, kippt auch das Verhalten. ## «Jemand wird sich schon darum kümmern» Besonders hart trifft es jene, die auf soziale Nähe angewiesen sind. Ältere Menschen vereinsamen nicht nur, weil sich Familienstrukturen verändert haben, sondern weil spontane Solidarität seltener wird. Der kurze Besuch, das Gespräch im Treppenhaus, die helfende Hand im Alltag – all das fehlt zunehmend. Der Staat kann diesen Verlust nicht kompensieren. Im Gegenteil: Je mehr er versucht, gesellschaftliche Defizite administrativ zu ersetzen, desto stärker zieht er Verantwortung an sich – und entlastet damit die Gesellschaft von sich selbst. Was gut gemeint ist, wirkt langfristig kontraproduktiv. Gemeinsinn lässt sich nicht outsourcen. Er muss gelebt werden. Wird diese Spirale nicht gestoppt, ist nicht nur der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht, sondern die Funktionsfähigkeit unseres Gemeinwesens insgesamt. Der entscheidende Punkt ist: Dieser Trend ist nicht naturgegeben. Er ist das Resultat von Bequemlichkeit, Delegation und einer schleichenden Erwartungshaltung, dass sich «jemand anderes» schon kümmern wird. Nicht der starke Staat ist die grösste Gefahr für die Demokratie, sondern eine Gesellschaft, die sich an ihn gewöhnt.Genau davor hat Alexis de Tocqueville gewarnt. Nicht vor einem starken Staat an sich, sondern vor einer schleichenden Verschiebung von Verantwortung: weg von den Bürgerinnen und Bürgern, hin zum «sanften Despotismus» eines modernen Nanny State. Der entscheidende Punkt liegt dabei weniger beim Staat als bei der Gesellschaft. Die Rückkehr zu mehr Gemeinsinn ist unbequem. Sie verlangt Zeit, Verbindlichkeit und die Bereitschaft, sich angreifbar zu machen. Aber sie ist der Preis der Freiheit. Wer ihn nicht zahlen will, darf sich über den wachsenden Nanny State nicht beklagen. > «Nicht der starke Staat ist die grösste Gefahr für die Demokratie, sondern eine Gesellschaft, die sich an ihn gewöhnt.» Wo Engagement ausbleibt, entsteht ein Vakuum. Dieses bleibt nicht leer. Es wird gefüllt – administrativ, regulatorisch, institutionell. Der Staat wächst dabei nicht aus Machtstreben, sondern aufgrund der Nachfrage. Und je selbstverständlicher diese Delegation wird, desto schwieriger wird die Rückkehr zu eigenverantwortlicher Mitwirkung. ### Traumberuf «Angestellter» URL: https://www.schweizermonat.ch/traumberuf-angestellter/ Last updated: 2026-03-29T11:44:54.000Z In der kollektiven Vorstellung scheint der Unternehmer eine vertraute, aber dennoch vage Figur zu sein. Die vom «Schweizer Monat» und «Le Regard Libre» auf beiden Seiten der Saane durchgeführten Strassenumfragen zeigen, wie sehr dieser Begriff eine falsche Selbstverständlichkeit darstellt. Wenn die befragten Jugendlichen sagen, sie hätten eine Vorstellung davon, was ein Unternehmer sei, ähneln sich viele Antworten, ohne jedoch sehr präzise zu sein: Er organisiert das Unternehmen, leitet es und sorgt dafür, dass «das Geld hereinkommt». Der Unternehmer scheint in erster Linie als Manager wahrgenommen zu werden und die beiden Begriffe werden von den allermeisten Jugendlichen als Synonyme wahrgenommen. **Misserfolg in Kauf nehmen** Einige Teilnehmer heben jedoch ein zentrales Merkmal hervor, das für Unternehmer repräsentativer ist und mit Unternehmergeist zu tun hat: das Eingehen von Risiken. So «identifiziert der Unternehmer Marktlücken und bietet Produkte oder Dienstleistungen an, die diese schliessen», heisst es in Zürich. «Es ist immer gut, Dinge zu erfinden, die es noch nicht gibt», meint man in Lausanne. Kurz gesagt: Ein Unternehmer «belebt die Wirtschaft, indem er ein Unternehmen gründet». Und «im Idealfall erzielt er damit Gewinne». Risiken einzugehen bedeutet auch, Misserfolge in Kauf zu nehmen. Auf die Frage nach ihrem letzten persönlichen Misserfolg nennen viele Befragte alltägliche Situationen – oft nicht bestandene Prüfungen –, die jedoch von vielen als Lernmöglichkeiten interpretiert werden. «Ich scheitere jeden Tag, aber dadurch wachse und lerne ich viel», meint ein Passant in der Deutschschweiz. Ein Westschweizer berichtet von seinem ersten unternehmerischen Abenteuer: «Einmal habe ich mit Freunden Getränke gekauft, um sie teurer weiterzuverkaufen, aber das hat nicht so gut funktioniert.» Risiken sind im Leben aller Menschen präsent. Täglich wägen wir (oft unbewusst) unzählige Risiken ab, bevor wir Entscheidungen treffen. Ob wir wollen oder nicht, wir sind alle professionelle Risikoanalysten. Oder anders gesagt: In uns allen schlummert diese eine Anlage, die erfolgreiche Unternehmer unter anderem so auszeichnet. Auch die jüngere Generation geht bewusst Risiken ein – meist jedoch noch fernab von Business und Unternehmertum, aber etwa in Form eines Auslandsstudiums oder eines riskanten Hobbys, wie sie zu Protokoll geben. Eine wichtige Voraussetzung für den zweifelsohne riskanten Schritt in die Selbstständigkeit ist somit gegeben. **Autoritär und belastbar** Auf der Liste der persönlichen Eigenschaften, die man mitbringen muss, um ein unternehmerisches Abenteuer zu starten, werden von unseren Gesprächspartnern immer wieder Entschlossenheit und Autorität genannt. Dies zusammen mit der Fähigkeit, zu überzeugen und zu vereinen, sowie der Fähigkeit, zuzuhören und zusammenzuarbeiten. Bemerkenswert ist, dass bei genauerem Nachfragen das autoritäre Bild des Chefs dem Bild eines Dirigenten weicht, der in der Lage ist, eine Richtung vorzugeben und gleichzeitig sein Umfeld zu berücksichtigen. Auch Mut, Belastbarkeit und das Vorhandensein von Optimismus werden häufig als Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start als Unternehmer genannt. Es scheint, als ob Unternehmertum aus Sicht der Befragten in erster Linie eine mentale Bereitschaft voraussetze, Rückschläge zu verkraften. > «Bei genauerem Nachfragen weicht das autoritäre Bild des Chefs dem Bild eines Dirigenten, der in der Lage ist, eine Richtung vorzugeben und gleichzeitig sein Umfeld zu berücksichtigen.» Wenn es um Unternehmerpersönlichkeiten geht, fallen sofort die grossen, weltweit bekannten Namen der «Superreichen» wie Elon Musk oder Jeff Bezos. Ein Deutschschweizer hingegen nennt seinen Vater, «der mit einem Kollegen ein Start-up gegründet hat». Ein anderer erwähnt Peter Spuhler, den Thurgauer Unternehmer und Politiker, der das kleine Unternehmen Stadler Rail zu einem international erfolgreichen Hersteller von Schienenfahrzeugen gemacht hat. Er ist zudem der Meinung, dass die Chefs der zahlreichen KMU, Handwerker, Friseure oder Gärtner das eigentliche «Rückgrat der Schweizer Wirtschaft» seien. **Sicherheit schlägt Selbstständigkeit** Und wollen die jungen Menschen, die wir getroffen haben, selbst Unternehmer werden? Die meisten nicht, so das klare Fazit unserer in dieser Hinsicht hoffentlich nicht repräsentativen Umfrage. «Ich bin lieber Angestellter», lautet die häufigste Antwort. Einige sind auch von der Vorstellung angetan, wie motivierend und befriedigend es sein müsse, seinen Mitarbeitern monatlich einen Lohn ausbezahlen zu können. «Ich könnte mir schon vorstellen, eine eigene Bude zu gründen, aber der Weg dorthin erscheint mir ziemlich schwierig.» Schwierig? Auf jeden Fall. Machbar? Auf jeden Fall. In den Antworten vieler Jugendlicher schwingt eine gehörige Portion Respekt (oft auch Ehrfurcht) vor Unternehmern und ihren Leistungen mit. Alles beginnt mit einer guten Idee, die sich von anderen abhebt und einem Marktbedürfnis entspricht. Als Nächstes braucht es «einen guten Businessplan», wie sich ein potentieller zukünftiger Unternehmer ausdrückt. Aber wie geht es danach konkret weiter? Mit dieser Sonderpublikation möchten wir Hemmschwellen abbauen, inspirieren und informieren. Wir wollen Jugendlichen die ersten Schritte in die Selbstständigkeit erleichtern – damit aus dem «Traumberuf Angestellter» möglichst ein Traumleben als Unternehmer/-in werden kann. ### Die Schweiz von morgen mitgestalten URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schweiz-von-morgen-mitgestalten/ Last updated: 2026-03-15T20:12:40.000Z Unter Jugendlichen schwindet das Vertrauen in das liberale Modell, das den Erfolg der Schweiz begründet hat. Weniger als jeder fünfte Jugendliche gibt an, Vertrauen in die Zukunft zu haben. Viele von ihnen finden sich in den traditionellen Parteien nicht mehr wieder und haben Mühe, einen Raum zu finden, in dem ihre Stimme zählt. Avenir Jeunesse hat sich zum Ziel gesetzt, die Anlaufstelle für 15- bis 25-Jährige zu werden, die sich für die politische und wirtschaftliche Zukunft der Schweiz interessieren, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung. Wir möchten die neue Generation mit liberalen und innovativen Reformen für die Gesellschaft von morgen inspirieren, die den Unternehmergeist fördern. Ausserdem möchten wir jungen Menschen einen Raum für den freien Austausch und die freie Diskussion bieten. Unsere Tätigkeit umfasst drei verschiedene Angebote: 1. **Der Workshop @Avenir Jeunesse – ein Raum für Dialog für junge Parteimitglieder** Dieser Workshop bietet jungen Menschen, die sich in Parteijugendorganisationen engagieren, die Möglichkeit, sich mit aktuellen Wirtschaftsdaten und -trends auseinanderzusetzen, um die grossen Herausforderungen, vor denen die Schweiz heute steht, besser zu verstehen. Unsere Forscher präsentieren Fakten und Zahlen und schlagen Reformansätze vor. Anschliessend diskutieren die jungen Menschen – von den Jungen SVP bis zu den Jungsozialisten – die vorgeschlagenen Reformen. Dieser Workshop richtet sich insbesondere an junge Menschen, die in Gemeinde- und Kantonsparlamenten engagiert sind, und würdigt das Milizengagement. Diese Form des «sozialen Unternehmertums», das für das Schweizer System von grosser Bedeutung ist, geht Hand in Hand mit Unternehmergeist im weiteren Sinne. 1. **Das Spiel «** **Democratia** **»** **–** **um die Jüngsten an die direkte Demokratie der Schweiz heranzuführen** Avenir Suisse hat das virtuelle Spiel «Democratia» entwickelt, das sich in erster Linie an Schüler der Sekundarstufe II richtet. Dieses spielerische und interaktive Tool führt die Schüler in den demokratischen Prozess mit seinen Debatten, Abstimmungen, Kompromissen und Verhandlungen ein. Die Schüler werden mit den Herausforderungen des Entscheidungsprozesses und der Bedeutung des Dialogs bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen konfrontiert. Avenir Jeunesse organisiert dazu auch Workshops in Schulen, die sich auf das Spiel stützen und durch Podiumsdiskussionen zu demokratischen Themen ergänzt werden. In Genf beispielsweise arbeitet Avenir Jeunesse mit der Staatskanzlei zusammen und führt während der «Woche der Demokratie» in verschiedenen Klassen Veranstaltungen durch. Am nächsten Fortbildungstag für Lehrpersonen im Kanton Schwyz organisiert Avenir Jeunesse einen Workshop zu diesem Thema. 1. **Kooperationen mit Jugendverbänden** Avenir Jeunesse setzt auch auf Kooperationen mit anderen Akteuren. Zu unseren bevorzugten Partnern zählen beispielsweise Studentenvereinigungen und -gesellschaften an Universitäten, Jugendparlamente, aber auch andere NGOs. Gemeinsam organisieren wir Konferenzen, nehmen an Debatten teil, moderieren diese oder bieten Schulungen zu den Fachgebieten von Avenir Suisse an. Mit seinen Aktivitäten möchte Avenir Jeunesse jungen Menschen mehr Raum geben, sich mit aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Möchten Sie mehr über Avenir Jeunesse erfahren? Sind Sie an einer Zusammenarbeit interessiert? Zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren. ### Es lohnt sich, den Bürgern etwas zuzutrauen – sie danken es mit Vertrauen URL: https://www.schweizermonat.ch/es-lohnt-sich-den-buergern-etwas-zuzutrauen-sie-danken-es-mit-vertrauen/ Last updated: 2026-04-01T18:21:35.000Z Immer wieder schütteln ausländische Gäste an der Landsgemeinde in Glarus oder Appenzell ungläubig den Kopf. Da entscheiden die Bürger tatsächlich selber darüber, wie viel Steuern sie bezahlen? «Das würde bei uns nie funktionieren …», hört man sie murmeln. Handelt es sich bei den Besuchern um hohe Amtsträger, ist die Verwunderung in der Regel noch grösser. Die Reaktionen zeugen von wenig Vertrauen in die eigenen Mitbürger, zeigen aber auch, wie stark sich das politische System der Schweiz von anderen Staaten unterscheidet. In kaum einem anderen Land können die Bürger selber und direkt über Einnahmen und Ausgaben des Staates entscheiden. Doch machen wir uns nichts vor: Das Misstrauen in die Bürger ist auch bei uns verbreitet. «Die vier grössten Umweltprobleme sind: Der Mensch ist dumm, faul, egoistisch und kurzsichtig», sagte der ETH-Klimaforscher Reto Knutti 2022 in einem Interview. Die Aussage zeigt die Geisteshaltung vieler Politiker und Technokraten. Eine Geisteshaltung, die im diametralen Gegensatz zur Idee und zum Geist der schweizerischen Demokratie steht. Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat ist hierzulande von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Das Vertrauen der Bürger in staatliche Institutionen ist in der Schweiz höher als in anderen Demokratien. Der Beweis dafür liegt nicht primär in Umfragen (in denen die Leute sagen können, was sie wollen), sondern im Tatbeweis an der Urne. Im langjährigen Schnitt gewinnen Bundesrat und Parlament etwa drei von vier Referendumsabstimmungen. Tendenz: stabil. ## Effektives Disziplinierungsmittel Dabei ist die direkte Demokratie im Grunde nicht ein Instrument des Vertrauens, sondern der Kontrolle: Die Bürger disziplinieren ihre Vertreter nicht nur durch Wahlen, sondern zusätzlich auch durch Abstimmungen zu konkreten Sachfragen. Wenn Politiker schlechte Arbeit machen und gegen die Interessen der Bürger handeln, erhalten sie am Abstimmungssonntag die Quittung. Paradoxerweise stärkt dieses Kontrollinstrument das Vertrauen in die Politik. Weil ich als Bürger weiss, dass ich die Volksvertreter an der Urne zurückpfeifen kann, gehe ich davon aus, dass sie bis dahin nicht völlig verantwortungslos handeln. > «Ist die direkte Demokratie im Grunde nicht ein Instrument des Vertrauens, sondern der Kontrolle.» Das alles steht jedoch unter dem Vorbehalt, dass der Staat seinerseits Vertrauen in seine Bürger setzt. Etwa, indem er ihnen zutraut, dass sie ihre Steuererklärung ordnungsgemäss und wahrheitsgetreu ausfüllen. Auch deshalb muss es zu denken geben, dass der Kanton Basel-Stadt den Arbeitnehmern die Steuern künftig [direkt vom Lohn abziehen](https://www.nzz.ch/schweiz/der-staat-greift-seinen-buergern-bald-in-die-lohntuete-in-basel-sollen-die-steuern-direkt-vom-gehalt-abgezogen-werden-ld.1916075?ref=schweizermonat.ch) will. Das Misstrauen gegenüber dem Individuum zeigt sich auch in der Aussage Knuttis. Da hat man wissenschaftlich eruiert und sich in internationalen Gremien, unter erleuchteten Experten, darauf geeinigt, was zu tun ist – und dann kommt das «dumme, faule, egoistische und kurzsichtige» Volk und wagt es, sich nicht dran zu halten! Kein Wunder, sehnen sich entnervte Technokraten und Politiker nach mehr Anleitung und Kontrolle durch die Obrigkeit. Für das Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und Staat ist das indes fatal. Wenn man dem Bürger als Steuerzahler, Konsument, Vater und Mutter, als Waffenbesitzer oder Verkehrsteilnehmer nicht vertraut, wie sollte man ihm da noch als Stimmbürger vertrauen? Die Umsetzung von Volksinitiativen durch das Parlament ist in dieser Hinsicht besorgniserregend. Die Masseneinwanderungsinitiative, welche die Stimmbürger 2014 angenommen haben, wurde mit dem berühmt-berüchtigten «Inländervorrang light» mehr parodiert als umgesetzt. Auch die Alpeninitiative, die Zweitwohnungsinitiative oder die Pflegeinitiative wurden höchstens halbherzig und sehr zögerlich umgesetzt. Wenn die Behörden derart nonchalant mit dem Volkswillen umgehen, dann dürfen sie sich nicht darüber beklagen, dass die Bürger bei nächster Gelegenheit erst recht gegen sie stimmen. So setzt sich eine Negativspirale in Gang: Die Bürger, die sich zunehmendem Misstrauen ausgesetzt sehen, sehen ihrerseits keinen Grund mehr, staatlichen Institutionen zu vertrauen. Das Ergebnis ist so absehbar wie bedauerlich: Die schweizerische direkte Demokratie nähert sich langsam einer gewöhnlichen repräsentativen Demokratie an, mit entsprechender Regulierungsdichte und entsprechend sinkendem Wohlstandsniveau. > «So setzt sich eine Negativspirale in Gang: Die Bürger, die sich zunehmendem Misstrauen ausgesetzt sehen, sehen ihrerseits keinen Grund mehr, staatlichen Institutionen zu vertrauen.» ## Subsidiaritätsprinzip wird ausgehöhlt In einer weiteren Besonderheit, derer sich die Schweiz gern rühmt, zeigt sich das brüchige Vertrauen: im Föderalismus. Kantonale Autonomie und lokale Selbstverwaltung bis hinunter auf die Gemeindeebene sind Ausdruck von Vertrauen. Entscheide sollen von jenen gefällt werden, die direkt betroffen sind. Nur was den Einzelnen überfordert, sollte Aufgabe der Gemeinde sein; nur was die Gemeinde nicht stemmen kann, sollte der Kanton übernehmen; nur was der Kanton nicht bewältigen kann, der Bund; und nur wo Nationalstaaten alleine nicht weiterkommen, braucht es internationale Koordination und Regeln. Das Subsidiaritätsprinzip, das dieser Regierungsweise zugrunde liegt, wird in der heutigen Praxis jedoch ausgehöhlt. Die Kantone geniessen zwar steuerliche Autonomie, doch der Bund reguliert zunehmend in ihre Kompetenzbereiche hinein. Mit anderen Worten: Die Kantone treiben selber Geld ein, können aber immer weniger darüber bestimmen, was sie damit anfangen. Analoges zeigt sich auf Gemeindeebene: Die Gemeinden erheben eigene Steuern, doch wie sie das Geld ausgeben, wird zum Beispiel im Schulwesen weitgehend vom Kanton vorgegeben. ## Retourkutsche der Bürger Das direktdemokratische, föderalistische System der Schweiz ist von unten gewachsen. Es beruht auf Vertrauen. Doch dieses Vertrauen ist nicht gottgegeben. Wird es vom Staat missbraucht, werden es ihm die Bürger mit gleicher Münze heimzahlen. Dann wird die direkte Demokratie richtig ungemütlich. Deshalb lohnt es sich, den Bürgern zu vertrauen und ihre Entscheide ernst zu nehmen. ### «Wir Schweizer sind zu wenig mutig» URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-schweizer-sind-zu-wenig-mutig/ Last updated: 2026-03-16T07:25:36.000Z **Warum reist du gerne mit dem Zug?** Ich liebe es, mit dem Nachtzug unterwegs zu sein. Für mich hat es etwas Magisches, am nächsten Morgen an einem völlig anderen Ort aufzuwachen. Langsames Reisen finde ich megaschön und ich geniesse das andere Gefühl von Distanz. **Deine Lieblingsdestination ist Vieste. Wo liegt das?** Im Süden Italiens, oberhalb des Stiefelabsatzes an der Adriaküste. Dieses verschlafene, herzige Städtchen ist mit Nachtzug und Bus gut erreichbar. **Hast du Flugscham?** Nein. Wir haben absolut kein Problem, wenn Menschen drei Monate reisen und dabei aufs Flugzeug setzen – man kommt schliesslich nicht überall mit dem Zug hin. Uns geht es vielmehr darum, in Europa eine effiziente Lösung anzubieten, die auf den Zug setzt. Wir wollen dazu beitragen, den Zug als Reiseoption in den Köpfen der Menschen zu verankern – und so Flugreisen zu verringern. **Warum ist die Buchung einer Zugreise im Vergleich zu einem Flug so kompliziert?** Gerade bei internationalen Bahnreisen sind die Grenzen immer noch «scharf», die Abläufe teils befremdlich. Hauptursache ist das fragmentierte und politisierte Angebot in Europa: unzählige Länder, staatliche wie private Bahngesellschaften, die kaum miteinander kommunizieren und noch weniger kooperieren. Ausserdem hinkt die Digitalisierung im Ticketing von Bahnreisen der Flugbranche leider hinterher. **Was ist das Tolle und Erstrebenswerte daran, Unternehmerin zu sein?** Für mich ist es die Mischung aus Unabhängigkeit und Wirkung, die den Reiz ausmacht. Man kann enorm viel bewegen, wenn man eine sinnvolle Lösung für ein konkretes Problem gefunden hat. Ein klares Ziel vor Augen zu haben, hat zudem den Vorteil, dass alle Arbeiten sinnvoll erscheinen. Die Frage «Warum mache ich eine gewisse Aufgabe eigentlich?» musste ich mir jedenfalls noch nie stellen. Ausserdem bin ich als Unternehmerin gezwungen, auf die grösstmögliche Wirkung zu fokussieren. **Ist es toll, keinen Chef zu haben?** Das ist ein Mythos. Der Druck, den viele Angestellte von ihrem Chef kennen, kommt bei uns schlicht von anderer Seite – von den Mitarbeitern, Geldgebern oder Kunden. Aber genau das hat auch etwas Lässiges. Zudem bin ich nicht allein. Wir sind zu dritt in der Geschäftsleitung. **Was sind die Schattenseiten? Die Steuererklärung wird sicher nicht einfacher …** Nein (*lacht*). Insgesamt gibt es eigentlich wenig Nachteile. Man muss sich aber bewusst sein: Es gibt extreme emotionale Höhen und Tiefen. Wenn alles läuft, wir mediale Aufmerksamkeit erhalten, auf der Forbes-Liste stehen, einen starken Dezember haben, macht das enorm Spass. Man muss es aber auch aushalten, wenn etwa wichtige Fördergelder ausbleiben oder die Sorge entsteht, die Lohnsumme am Ende des Monats nicht stemmen zu können. **Wie sieht dein persönliches Sorgenbarometer aus?** Ziemlich ausgeglichen. Wir müssen dieses Jahr deutlich höhere Umsatzziele erreichen. Entsprechend haben wir auch personell aufgestockt. Aber wir schreiben jeden Monat bessere Zahlen als ein Jahr zuvor, was enorm erfreulich ist. **Gibt es schlaflose Nächte?** Nein. Hätte ich welche, würde ich mir externe Hilfe holen. **Hast du vor Simpletrain auch andere Business-Ideen evaluiert?** Nein, es war Liebe auf den ersten Blick (*lacht*). **Gab es Schlüsselerlebnisse auf dem Weg in die Selbstständigkeit?** Bei mir war es eher ein Hineinrutschen und das Realisieren, dass ich da eine Lücke füllen kann. Wenn ich das Gefühl habe, wenig bis nichts bewirken zu können, dann muss ich weiterziehen. Als mich die Simpletrain-Gründer anfragten, ob ich einsteigen wolle, war für mich sofort klar: Das mache ich jetzt! Ich war damals 22 Jahre alt. **Du bist nach der Gründung als Unternehmerin quasi quer eingestiegen?** Genau – als Mitinhaberin und Geschäftsführerin. **Online-Buchungsplattformen gibt es zuhauf. Wie unterscheidet ihr euch?** Wir punkten mit unserer Beratungskompetenz. Wir arbeiten grenzenlos – nicht nur, was die Destinationen in Europa anbelangt, sondern auch hinsichtlich Gruppengrösse und spezieller Anforderungen wie Gepäck, Tiere oder die Bedürfnisse von Menschen mit eingeschränkter Mobilität betreffend. Genau daran scheitern die meisten Plattformen. **Ist das Geschäft profitabel?** Ja. Die Margen sind insgesamt eher tief und setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen. So erhalten wir für jedes gekaufte Ticket eine Provision der Bahngesellschaften. Hinzu kommen dann noch die Gebühren der Kunden. Im Schnitt liegen wir bei einer Bruttomarge von 15 bis 20 Prozent. Einfache Anfragen wie von Zürich nach Mailand haben wir inzwischen automatisiert, denn an solchen Reisen verdienen wir am wenigsten. Wir verstehen das eher als Kundenservice und hoffen, dass diese Kunden später vielleicht auch mal eine umfangreiche Reise nach Oslo mit uns buchen. **Wäre ich Investor, würde ich sagen: Das Geschäftsmodell ist nicht skalierbar und zu leicht kopierbar.** Da muss ich widersprechen! Unser Alleinstellungsmerkmal ist unser vertieftes Wissen über internationale Zugreisen – das lässt sich nicht so einfach kopieren. Zudem gibt es eine technische Komponente unseres Geschäfts: Wir haben den Ticketerwerb verschiedener Bahngesellschaften auf einer eigens dafür entwickelten Plattform gebündelt. Die Skalierbarkeit ist tatsächlich begrenzt, da wir kein klassischer Risikokapital-Case sind. Unser Fokus liegt bewusst auf organischem Wachstum. **Welche Tipps hast du für künftige Neounternehmer?** Einfach mal anfangen. Das ist entscheidend. Dann ist wichtig, Hypothesen aufzustellen, also sich damit zu befassen, was es braucht, damit das eigene Modell funktioniert. Diese Annahmen sollte man dann möglichst früh testen und bei Bedarf anpassen. Voraussetzung ist, ein reales Marktbedürfnis zu identifizieren. Das Wichtigste beim Gründen ist jedoch das Team. Man muss bereit sein, die nächsten Jahre seines Lebens in die Firma zu investieren. Und ebenso wichtig: loslassen, wenn es nicht funktioniert. **Wo habt ihr euch Hilfe geholt?** Gerade für jüngere Menschen ist es ratsam, sich ein «Advisory Board» aufzubauen und sich so externes Wissen hereinzuholen. In unserem Fall sind das Personen mit Expertise in Finanzen oder Recht, aber auch Start-up- oder Reiseexperten mit einem breiten Netzwerk und viel Erfahrung. **Wo hast du welche Unterstützung vermisst?** Wir haben wenig echte Lücken erlebt. Sobald wir Unterstützung brauchen, fordern wir sie aktiv ein bei Mentoren, Investoren oder Partnern aus unserem Netzwerk. Dieses Umfeld ist für uns extrem wertvoll und hat uns bisher in allen entscheidenden Phasen getragen. **Dein Tipp für das perfekte Pitchdeck?** Je kürzer, desto besser. Ein gutes Pitchdeck erzählt eine einfache, klare Geschichte. Man sollte in kürzester Zeit verstehen, welches Problem die Firma lösen kann und warum genau dieses Team dafür prädestiniert ist. **Was sind verbreitete Fehlannahmen über das Unternehmertum?** Oft hält sich das falsche Narrativ, dass man eine Idee hat, eine Firma gründet und diese dann fünf Jahre später für einen Millionenbetrag verkauft. Das hat mit der Realität wenig zu tun. Die allermeisten scheitern. **Gab es bereits Übernahmeangebote?** Nein. **Wo lauerten die Stolpersteine für Simpletrain?** Eine grosse Herausforderung war und ist die Saisonalität des Geschäfts. Die Schweizer buchen ihre Zugreisen im Schnitt drei bis vier Monate vor Reiseantritt. Im Frühling sind wir immer sehr gut ausgelastet. Rund 65 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir im ersten Halbjahr. Die zweite Jahreshälfte ist dagegen oft von mehr Unsicherheit geprägt, bietet aber auch mehr Raum für strategische und marketingbezogene Aktivitäten. Daneben gab es viele kleinere Hürden. So war es uns zu Beginn etwa nicht möglich, bei einer Bank eine Firmenkreditkarte zu erhalten, weil unsere Umsätze noch zu gering waren. **Welche Fehler hast du gemacht?** Vor zwei Jahren hatten wir mehrere Mitarbeiter eingestellt, die zwar perfekt zu unserer Vision gepasst und einen grossartigen Job gemacht haben. Aber wir haben zu wenig darauf geachtet, ob unser Kernmodell mit so hohen Fixkosten noch tragfähig ist. Wir haben uns stärker von der Vision als von den wirtschaftlichen Realitäten leiten lassen. Das mussten wir korrigieren, was nicht nur ärgerlich, sondern auch emotional sehr belastend war. **Viele Ideen scheitern an der Finanzierung. Wie ist Simpletrain finanziert?** Der Migros-Pionierfonds hat uns noch vor der Gründung gefunden. Das war eine Traumförderung und in der Welt der Start-ups alles andere als die Regel. Heute unterstützen uns auch die Klimastiftung Schweiz und Stadtwerk Winterthur. Die Zahlungen erfolgen in Tranchen und sind an konkrete Ziele geknüpft. Generell ist die Finanzierung extrem zeitaufwändig. Und meistens wird man abgelehnt. **Habt ihr Schulden?** Nein. Auch das ist wohl eher untypisch für Neugründungen. Wir hatten zeitweise Darlehen, diese sind inzwischen jedoch vollständig zurückbezahlt. **Simpletrain gibt es seit fünf Jahren. Seid ihr über den Berg?** Ganz ehrlich: Als Start-up ist man nie wirklich über den Berg. Wir sind heute deutlich stabiler aufgestellt als in den ersten Jahren, verbessern unsere Prozesse laufend und wachsen kontinuierlich. Den steilsten Teil des Aufstiegs haben wir hinter uns, aber Gipfelstürmer bleibt man eigentlich immer, und das mag ich. **Welche persönlichen Qualitäten braucht es, um als Unternehmerin erfolgreich zu sein?** Hartnäckigkeit, Freude an dem, was man macht, und Resilienz – auch gegenüber den eigenen Gefühlen. **Wünschst du dir manchmal, eine normale Angestellte zu sein?** Ja, solche Gedanken gibt es gelegentlich. Zum Beispiel, wenn man wieder mal grosse Probleme wälzt und die Verwaltungsangestellten bei uns um fünf Uhr die Lichter löschen. **Bist du persönlich voll ins Risiko gegangen?** Finanziell nicht. Wir konnten uns von Beginn an Löhne ausbezahlen, allerdings rund 30 Prozent unter Marktwert. Das spürt man durchaus. **Das klingt nach einem Luxus-Start-up-Leben. Gesicherte Finanzierung, kein persönliches finanzielles Risiko, ein Lohn …** Wir sind da sicher eher die Ausnahme. Aber es ist eben auch ein möglicher Weg. **Wo siehst du die grössten Risiken für Simpletrain?** Wenn die EU morgen mit einem einheitlichen Bahnbuchungssystem live ginge, gäbe es uns wohl nicht mehr lange. Aber das wird nicht passieren. Künstliche Intelligenz sehe ich hingegen als grosse Chance – nicht als Gefahr. **Hat sich dein Entscheidungsverhalten oder deine Herangehensweise an Probleme verändert, seit du Unternehmerin bist?** Ich denke schon. Ich beobachte Probleme heute viel länger, hole mir mehr Meinungen ein und will das Problem zuerst genau verstehen, bevor ich mit einer Lösung reinschiesse. Ich fälle heute bewusstere und hoffentlich auch bessere Entscheidungen (*schmunzelt*). **Gibt es Möglichkeiten, eure Lösungen auf andere Problemfelder anzuwenden?** Bereits heute ergänzen wir das Angebot um Busse und Fähren, nicht aber um Hotels. Ideen haben wir viele, doch es ist auch wichtig, den Fokus nicht zu verlieren. Wir bleiben unserem Kerngeschäft vorerst treu. Ebenfalls verzichten wir bewusst darauf, die von uns gesammelten Daten zum Nutzungsverhalten der Bahn zu kommerzialisieren. **Wie ist der Standort Schweiz aus deiner Sicht aufgestellt?** Grundsätzlich macht die Schweiz einen hervorragenden Job. Gerade im Start-up-Bereich gibt es ein riesiges Angebot – ja fast schon ein Überangebot – an Veranstaltungen und Plattformen. Ich bin ein Fan der dualen Bildung und des durchlässigen Bildungssystems. Bei grossen, kapitalintensiven Ideen hingegen hinkt ganz Europa, inklusive der Schweiz, den USA deutlich hinterher. US-Amerikaner haben kein Problem damit, zuerst einmal stark zu wachsen und erst später damit Geld zu verdienen. Schweizer tun sich damit schwer. Wir sind zu wenig mutig! **Du hast ein Jahr in Südkorea verbracht. Was hast du dort gelernt?** Nach Korea geht man eigentlich nur aus zwei Gründen: K-Pop oder die Wirtschaft. Bei mir war klar Letzteres ausschlaggebend. Ich habe dort gelernt, dass es sehr unterschiedliche Wege gibt, Wirtschaftswachstum zu generieren, und gleichzeitig gesehen, was der enorme Leistungsdruck mit einer Gesellschaft machen kann. Durch die rasante Entwicklung lebt dort praktisch jede Generation in einer komplett anderen Welt. Das fasziniert mich. ### Der Journalismus muss raus aus der Echokammer URL: https://www.schweizermonat.ch/der-journalismus-muss-raus-aus-der-echokammer/ Last updated: 2026-03-29T09:10:39.000Z Donald Trump verklagt die BBC auf 10 Milliarden Dollar Schadensersatz. Was auf den ersten Blick wie ein absurder Angriff des US-Präsidenten auf eine Bastion des Qualitätsjournalismus wirkt, fusst doch auf einer bedenklichen Fehlleistung des britischen öffentlichen Rundfunks: Die BBC hatte in mindestens einem Fall eine Rede Trumps so zusammengeschnitten, dass der Sinn seiner Aussagen grob entstellt wurde. Es ist nicht die erste Klage Trumps gegen Medien mit Aussicht auf Erfolg. In den USA zahlten bereits mehrere Medienhäuser Schadensersatz, weil sie Trump verunglimpften oder grob unfair darstellten. Das [Vertrauen der Anhänger der Republikanischen Partei](https://news.gallup.com/poll/695762/trust-media-new-low.aspx?ref=schweizermonat.ch) in die etablierten Medien tendiert folgerichtig gegen null, und auch in der Gesamtbevölkerung ist es auf einem historischen Tiefpunkt. Der Vertrauensschwund geht mit einem Mediensterben einher. [Nach aktuellen Analysen](https://www.medill.northwestern.edu/news/2025/news-deserts-hit-new-high-and-50-million-have-limited-access-to-local-news-study-finds.html?ref=schweizermonat.ch) haben 50 Millionen Amerikaner in 213 Counties keinen Zugang zu Lokalnachrichten mehr. Sogenannte «Nachrichtenwüsten» breiten sich aus. Düstere Zeiten also für den amerikanischen Journalismus – doch wie zeigt sich die Lage in Europa, in der Schweiz? Seit 2018 veröffentlicht das Online-Magazin «Republik» eine «[Chronologie der Schweizer Medienkonzentration](https://www.republik.ch/2025/11/25/chronologie-der-schweizer-medienkonzentration?ref=schweizermonat.ch)». Darin sammelt die Redaktion Meldungen zu Fusionen und Entlassungen im Journalismus – zuletzt etwa Ende 2025 die Ankündigung der SRG, 900 Vollzeitstellen abzubauen. Allein im Jahr 2025 finden sich achtzehn vergleichbare Meldungen auf der Liste. Das Beispiel illustriert: Seit Jahren quält sich auch der Schweizer Journalismus durch eine ökonomische Krise. Zuerst schluckte das Internet das Kleinanzeigengeschäft der Zeitungen. Kurz darauf verdrängte personalisierte Werbung auf Suchmaschinen- und Social-Media-Plattformen die klassischen Anzeigen in Print und Rundfunk. Einen dritten Schlag versetzte das Internet dem Journalismus durch die kostenlose Verfügbarkeit von News. ## Sorgenkinder «Digital Natives» Die ökonomische Krise des Journalismus ist evident. Umstrittener ist, ob der Journalismus auch eine Vertrauenskrise erleidet. Wenden sich also die Konsumenten im digitalen Zeitalter vom Journalismus ab? Die Studie «[Digital News Report](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-foeg-uzh-ch/dam/jcr-e51f7798-28c9-420e-80e5-e15e091fd76d/dnr%5F25%5Fschweiz.pdf)» – in der Schweiz veröffentlicht durch das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) – zeigt eine leicht abnehmende Nutzung sowohl klassischer wie auch digitaler Nachrichtenmedien seit 2016. Die Forscher des fög kategorisieren fast die Hälfte aller Schweizer als «[News-Deprivierte](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-foeg-uzh-ch/dam/jcr-7227a707-addd-49e1-bdb5-53564f163530/jb%5F2025%5Fhauptbefunde%5Ffinal.pdf)», weil sie selten Nachrichten konsumieren, und dies vor allem über Gratisplattformen oder Social Media. [Befragungsdaten aus zahlreichen Ländern](https://academic.oup.com/joc/article/75/1/1/7907139?ref=schweizermonat.ch) zeigen in der Tat ein abnehmendes Vertrauen gegenüber Medien – auch in der Schweiz und in Deutschland. Junge, Männer, Personen mit geringer formaler Bildung und [Social-Media-Nutzer](https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14241277.2020.1799794?casa%5Ftoken=tN5WJLIWHAUAAAAA%3AJGq-z7A62Niby07bYt7U6Jsx8KH9raEawpC9lNgOSC8gr9duXTUA1z2z1A2%5FrCZk%5FzjqpJH%5FfJc0Tec&ref=schweizermonat.ch) haben relativ wenig Vertrauen in etablierte Medien. Die Gründe variieren: Junge sind meist intensive Social-Media-Nutzer, ihnen sind die etablierten Medien relativ fremd, sie vertrauen stärker in neue Medien. Häufig finden sich hier auch generell medienskeptische Haltungen. Im Falle der Männer und geringer Gebildeten können auch politische und inhaltliche Aspekte eine Rolle spielen: Sie sehen ihre Interessen im Angebot etablierter Medien weniger repräsentiert. Gerade der Blick auf die jungen Konsumenten verunsichert Medienschaffende ebenso wie Forscher: Sie nutzen kaum noch Print- oder Rundfunkmedien, verbringen aber viel Zeit im Internet. Dort begegnen ihnen journalistische Inhalte eher zufällig – weil der Plattform-Algorithmus oder andere Nutzer diese Inhalte in ihren Feed katapultieren. Oder sie folgen Influencern, die journalistische Inhalte kommentieren und gelegentlich auch selbst erstellen – in der Regel ohne Rückgriff auf eine professionelle Redaktion. Mit Sorge und vor allem Missgunst werden auch sogenannte «alternative Medien» im Netz betrachtet. Zu diesen zählen sehr kleine Redaktionen – häufig semiprofessionelle und manchmal auch Einzelkämpfer –, die über eine Website oder einen Newsletter-Service (wie der erfolgreiche US-Anbieter Substack), mit Social Media und/oder einem Podcast einen Journalismus anbieten, der stark meinungsbetont ist. Hinter alternativen Medien verbergen sich häufig Journalisten, die etablierte Medienhäuser verlassen haben und sich nun auf eigene Faust durchschlagen – wie etwa der Ex-Chefredaktor der «Basler Zeitung», Markus Somm, der Ex-«Bild»-Chefredaktor Julian Reichelt oder der Ex-Chefredaktor der «WirtschaftsWoche», Roland Tichy. Gelegentlich wird der etablierte Journalismus auch durch sogenannten Citizen Journalism bedrängt (auf Deutsch auch Graswurzel- oder Bürgerjournalismus). Dahinter verbergen sich Laien, die mittels Social Media aktuelle Ereignisse dokumentieren und veröffentlichen. Im Zeitalter der Smartphones ist es die Norm, dass Laien (ob zufällig oder beabsichtigt) näher an aktuellen Ereignissen dran sind als journalistische Redaktionen. Lange bevor also eine Redaktion ein Ereignis bemerkt, dokumentiert und veröffentlicht hat, kursieren bereits zahllose von Bürgerjournalisten erstellte Fotos und Videos dieses Ereignisses im Netz – etwa auf der Plattform X (vormals Twitter). ## Streit um die Deutungshoheit Alternative Medien und Citizen Journalism fordern den etablierten Journalismus heraus. Erstere positionieren sich häufig in Abgrenzung und Opposition zu «den Medien». Sie schaffen eine Gegenöffentlichkeit. Sie präsentieren Themen und Sichtweisen, die die etablierten Medien vernachlässigen. Kritik am etablierten Journalismus («Mainstream») ist daher ein essenzieller Inhalt der alternativen Medien. Alternative Medien ziehen dementsprechend ein Publikum an, das unzufrieden mit dem gewohnten journalistischen Angebot ist. Da die etablierten Medien politisch im linksliberalen Spektrum konzentriert sind, positionieren sich alternative Medien entweder weiter links (beispielsweise «Infosperber», «Republik», «NachDenkSeiten») oder eben rechts der Mitte («Nebelspalter», «Nius», «Tichys Einblick»). Auch Citizen Journalism macht dem etablierten Journalismus die Deutungshoheit über das aktuelle Geschehen streitig. Wenn Mediennutzer auf X bereits einige Fotos und Videos zu einem aktuellen Ereignis gesehen haben, ist ihre Meinung oft schon gemacht, bevor eine reichweitenstarke Redaktion ein Deutungsangebot unterbreiten konnte. Nutzer – und alternative Medien – kritisieren dann wiederum «die Medien», weil sie zu langsam reagieren, Themen zu spät oder vor allem aus der Perspektive machtvoller Institutionen (insbesondere von Regierungen) aufgreifen. Ironischerweise ist es auch seine Professionalität, die den etablierten Journalismus immer wieder in die Defensive bringt.Anders als alternative Angebote im Netz konsultiert der etablierte Journalismus in der Regel «offizielle» Quellen (und mehr als eine), holt Experteneinschätzungen ein, lässt Zitate autorisieren und prüft Aussagen nach dem Mehr-Augen-Prinzip, bevor eine Meldung veröffentlicht wird. Citizen Journalists veröffentlichen unmittelbar, was sie zufällig aufgefangen haben. Alternative Medien werfen professionelle Restriktionen mit Verve ab, sind schnell mit klaren Urteilen zur Stelle und machen dabei auch eher mal einen Fehler. Sie gelten daher als weniger zuverlässig, als qualitativ fragwürdig, gar als irreführend. «Fake News» also. > «Ironischerweise ist es auch seine Professionalität, die den etablierten Journalismus immer wieder in die Defensive bringt.» Der seit 2016 tobende, aufgeregte Diskurs um «Fake News» und «Desinformation» im Netz muss vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen verstanden werden: der ökonomischen und letztlich auch qualitativen Krise des etablierten Journalismus, dem Aufkommen alternativer Medien und des Citizen Journalism, dem ungewohnten Kampf um Deutungsmacht. Die eindringlichen Warnungen vor «Fake News» sind auch ein – zum Teil sachlich, zum Teil emotional begründeter – medialer Abwehrreflex gegenüber Konkurrenz und Kritikern. Journalisten, die bei etablierten Medien arbeiten, weisen eine negative Haltung gegenüber Social Media auf – und [berichten vor allem kritisch](https://academic.oup.com/jcmc/article/29/1/zmad039/7394122?ref=schweizermonat.ch) über sie. Dabei haben die Vertreter der «Mainstream-Medien» nicht ganz unrecht: Es gibt auch zwanzig Jahre nach Aufkommen der Social Media keine wirkliche Alternative zum Journalismus etablierter Medien. Unverändert sind es diese Medien, die Informationen sammeln, aggregieren und vermitteln. Alternative Medien kommentieren häufig nur die Leistung der etablierten Konkurrenz. Die meisten der Nachrichten konsumierenden Bürger informieren sich überwiegend aus etablierten Medien – und sei es vermittelt durch Suchmaschinen oder Social Media. Die etablierten Medien setzen immer noch überwiegend die öffentliche Agenda. Und machtvolle Institutionen – Regierungen, Unternehmen, NGOs, Universitäten – verbreiten ihre Informationen unverändert bevorzugt über etablierte Medien. Die Macht der etablierten Medien ist also noch immer erheblich. Warum reagieren sie dennoch so nervös auf die digitale Konkurrenz? ## Vom Herausforderer zum Herausgeforderten Lange Zeit sah sich der Journalismus als Herausforderer, als Kritiker der Mächtigen und Vertreter der Interessen der Schwächeren. Das ist eine historische Wurzel des Journalismus, und dieses romantische Bild prägt noch heute das Selbstverständnis vieler Journalisten. Umso schwerer fällt ihnen die Erkenntnis, dass die «Corporate Media» und der öffentliche Rundfunk heute selbst «das Establishment» darstellen. Der etablierte Journalismus rekrutiert sich aus akademisch gebildeten Vertretern des linksliberalen Bürgertums. Inhaltlich reflektiert er allzu häufig die Perspektive machtvoller Institutionen. Viele Journalisten fühlen sich insgeheim dem Establishment zugehörig, auch wenn sie es so nicht formulieren würden – eine Bundesrätin, ein Ministerialbeamter, eine Professorin sind ihnen näher als ein Bauer oder Handwerker. Ein Berset oder eine Merkel sind ihnen sympathisch, ein Trump ist ihnen ein Graus. Die Verunsicherung des etablierten Journalismus angesichts digitaler Kritiker und Konkurrenten ist somit [verwandt mit der Irritation](https://www.amazon.com/Revolt-Public-Crisis-Authority-Millennium-ebook/dp/B07J2V3PG4?keywords=revolt+of+the+public+gurri&qid=1576336051&sr=8-1&ref=schweizermonat.ch) etablierter Parteien und Politiker gegenüber aufstrebenden populistischen Herausforderern. Die Etablierten beider Domänen erliegen allzu häufig der Verlockung, die polternden und normbrechenden Kritiker einfach wegzuwünschen – etwa indem «Hatespeech» oder «Desinformation» verboten werden soll. Diese Reflexe mögen menschlich nachvollziehbar sein, sie sind jedoch auch allzu bequem, ja denkfaul und wenig aussichtsreich. Notwendig sind dagegen Selbstkritik und ein aufrichtiges Erkunden der Frage, warum so viele Bürger sich ab- und aufregenden neuen Akteuren zuwenden. ## Gesundes Misstrauen Im Falle des Journalismus führt eine solche kritische Reflexion zu unangenehmen – und verflixt schwierig zu adressierenden – Missständen, wie politischen Einseitigkeiten, einer allzu grossen Nähe zur Macht, einem Mangel an Perspektivenvielfalt, aber auch – im Falle des öffentlichen Rundfunks etwa – einem Mangel an Innovation und Nähe zum Publikum, einer Scheu vor dem Erkunden neuer Formate. Das Vertrauen des Publikums gegenüber den etablierten Medien erodiert schleichend – gelegentlich angespornt durch erschütternde Grossereignisse wie die Coronapandemie. Vielleicht braucht es eine solche Erschütterung, damit der Journalismus die Defensive verlässt, die Echokammer der Selbstvergewisserung platzen lässt. Die meisten Bürgerinnen und Bürger sind durchaus gewillt, etablierten Medien zu vertrauen. Sie weisen eine gesunde Skepsis auf – schliesslich ist auch Qualitätsjournalismus nicht fehlerfrei. Misstrauen tritt meist eher punktuell auf, vor allem bei jenen Themen, bei denen die Rezipienten sich persönlich gut auskennen. Auch dies ist durchaus gesund, denn Journalisten sind selten wirkliche Experten für die Themen, über die sie berichten. > «Die meisten Bürgerinnen und Bürger sind durchaus gewillt, etablierten Medien zu vertrauen.» Noch sind es also eher Minderheiten, die etablierten Medien tatsächlich stark und in der Breite misstrauen. Es liegt am Journalismus, den schleichenden Vertrauensschwund zu stoppen. Dazu gehört, die Kritik der Minderheit auszuhalten und sich auf Wettbewerb mit neuen Akteuren einzulassen. Dazu gehört auch Selbstkritik und Transparenz, etwa wenn Fehler passieren. Dazu gehört die Förderung profilierter Reporter und Kommentatoren, die authentisch über das Zeitgeschehen berichten. Etablierte Medien müssen sich aktiv bemühen, aus gewohnten Bahnen auszubrechen – auch personell, also bei der Rekrutierung und Ausbildung von Personal. Mehr Perspektivenvielfalt (beispielsweise Junge, Menschen mit geringerer formaler Bildung oder mit Migrationshintergrund, klassisch Liberale und Konservative) in den Redaktionen ist notwendig. Nicht zuletzt muss der etablierte Journalismus sein Verhältnis zum Establishment überdenken. Der Impuls, im Zweifel den Verlautbarungen der Mächtigen zu folgen, macht anfällig für Kritik. Fest steht: Ein Zurück in das bequeme (und ertragreiche) vordigitale Zeitalter wird es nicht geben. ### «Wer offiziellen Quellen misstraut, ist noch kein Verschwörungstheoretiker» URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-offiziellen-quellen-misstraut-ist-noch-kein-verschwoerungstheoretiker/ Last updated: 2026-03-17T12:41:50.000Z **Marko, ist Daniel für dich ein «Verschwörungstheoretiker»?** Marko Kovic: Wenn überhaupt, würde ich ihn als einen milden Verschwörungstheoretiker bezeichnen. Er gehört zu denen, die noch bereit sind, mit Leuten wie mir zu sprechen. Und das zeugt – das sage ich ganz offen – von einer epistemischen Offenheit, also der Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen als fehlbar zu betrachten und sie bei besseren Argumenten zu korrigieren, die vielen Menschen fehlt. **Dani, ist Marko für dich ein «Schlafschaf»: jemand, der gedankenlos konsumiert, ohne das Gelesene kritisch einzuordnen?** Daniel Stricker: Zuerst einmal: Ich habe nie eine Verschwörungstheorie geäussert. Und nein – dafür ist Marko viel zu aktivistisch. Der saloppe Begriff «Schlafschaf» trifft auf ihn definitiv nicht zu. In meinen Augen ist er eher ideologisch geprägt und blickt durch eine bestimmte Brille. **Werden Menschen, die offiziellen Quellen misstrauen, zu schnell als Verschwörungstheoretiker abgestempelt?** Kovic: Das kann gut sein, denn offiziellen Quellen zu misstrauen, ist ja nicht dasselbe, wie automatisch ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Diese vertreten alternative Erklärungen, von denen sie fest überzeugt sind, ohne dafür belastbare Beweise zu haben. Nur weil man den offiziellen Verlautbarungen misstraut, ist man nicht automatisch ein Verschwörungstheoretiker. **Dani, in einem deiner früheren Videos hast du gesagt, der Bundesrat gehöre wegen seiner Coronapolitik ins Gefängnis. Warst du der Regierung gegenüber schon immer so skeptisch?** Stricker: Ich war lange sehr unpolitisch. Erst mit Corona wurde ich in eine Situation katapultiert, in der ich fand: Jetzt werden uns Dinge aufgezwungen, die man nicht einfach hinnehmen kann. Hier ging es um reale Freiheitseinschränkungen: darum, mit wem man den Feierabend verbringen darf, wie viele Menschen man treffen kann, wohin man sich bewegen und ob man wirtschaften darf. Ich begann zu vloggen. Ich gewann eine Zuschauerschaft, mit deren Grösse ich nicht gerechnet hatte. Im April 2020 explodierte die Aufmerksamkeit erstmals spürbar. **Gemäss dem Edelman-Trust-Barometer ist das Vertrauen in Medien, Regierungen und andere Institutionen in westlichen Ländern deutlich gesunken oder verharrt auf niedrigem Niveau. Wie erklärt ihr euch diese Entwicklung?** Kovic: Es gibt nachvollziehbare Motive für Misstrauen. Viele Menschen haben heute Sorgen um ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder – und gute Gründe dafür. Wir stecken ökonomisch in einem tiefgreifenden Strukturwandel, der sich durch künstliche Intelligenz noch beschleunigt. Das Empfinden von Hilflosigkeit, von Verlust an Stabilität setzt vielen zu. Hinzu kommt, dass Misstrauen durch bestimmte Akteure bewusst geschürt wird. Politisch ist das ein wirksames Mittel. Wer sagt, der «Mainstream», die «Lügenpresse» oder «globalistische Parteien» seien grundsätzlich nicht vertrauenswürdig und wollten den Menschen schaden, triggert damit Emotionen, was erhebliche Konsequenzen für das gesellschaftliche Vertrauen hat. Stricker: Die Menschen werden in unserer Gesellschaft nicht dazu ermutigt, das, was sie hören, kritisch zu hinterfragen. Wenn einem das vorherrschende Narrativ gefällt, kann man eine andere Meinung schnell als Schüren von Wut oder Angst interpretieren. Oft wird zwar nicht gelogen, aber mit gezielten Auslassungen erreicht man dasselbe Resultat. **Marko, würdest du sagen, dass Daniel bewusst Misstrauen schürt?** Kovic: Nein, ich sehe ihn nicht in diesem Spektrum. Er ist ein Kommentator, und ich glaube, dass er aufrichtige Positionen vertritt. Es gibt allerdings Akteure, die nicht aufrichtig sind und Misstrauen strategisch einsetzen. Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen wurde behauptet, Haitianer würden Hunde und Katzen essen. J. D. Vance hat dann später eingeräumt, dass das erfunden war – für mich ein klares Beispiel einer Grenze, die überschritten wird. Stricker: Das ist die eine Seite der Medaille. In der Coronakrise wurde uns über alle Kanäle erzählt, steigende Fallzahlen seien per se etwas Schlechtes – auch dann, wenn nicht mehr Menschen als sonst sterben. Dabei war das eine gute Nachricht: Offenbar war das Virus weniger tödlich als behauptet. Diese einfache Logik wurde einfach unterschlagen. Und was die Geschichte mit den Hunden betrifft: Natürlich war das insgesamt Stimmungsmache – klassischer Wahlkampf. Man muss unterscheiden zwischen Wahlkampfgetöse und Realpolitik. Letzteres ist letztlich interessanter. Wer das bestehende System verteidigt, hat naturgemäss wenig Interesse daran, Misstrauen zu säen – man will den Status quo stabilisieren. > «Wer das bestehende System verteidigt, hat naturgemäss wenig Interesse daran, Misstrauen zu säen – man will den Status quo stabilisieren.» Kovic: Bei der Coronapolitik hast du zuerst von einem Irrtum gesprochen und dann von einer Lüge. Beides zugleich geht nicht – entweder ist es das eine oder das andere. Man kann sagen, man habe es nicht besser gewusst, man habe Fehler gemacht. Da gehe ich bei vielen Themen ein gutes Stück mit dir. Doch dann den Sprung zu machen und von einer Lüge zu sprechen, ist ein Schritt zu weit. Stricker: Es handelt sich um Lügen durch Weglassen. Deshalb spreche ich lieber von «Lückenpresse». Der Begriff «Lügenpresse» ist zugespitzt, aber er macht den Punkt deutlich. Entscheidend ist: Bestimmte Aspekte werden schlicht ausgeblendet, wenn es nicht dem eigenen Narrativ dient. Heute wissen wir dank den geleakten Protokollen des deutschen Robert-Koch-Institutes, dass bei Corona vieles politisch gesteuert war. Es war nicht einfach «die Wissenschaft», die entschieden hat. Es waren rein politische Entscheide und die Medien haben das unkritisch mitgetragen und sogar verstärkt. Ängste wurden bewusst geschürt – etwa die Vorstellung, Enkel könnten ihre Grosseltern in den Tod treiben. Früher wäre man mit solchen Aussagen sofort als Verschwörungstheoretiker abgestempelt worden. Heute kann man sagen, dass es Fakt ist. Kovic: Wir sind hier in der Schweiz, nicht in Deutschland – die RKI-Files sind also nur eingeschränkt einschlägig und haben auch nichts grundlegend Umstürzendes offengelegt. Was das Beispiel mit den Enkeln und der Angst um die Grosseltern betrifft: Von Beginn an war erkennbar, dass es sich dabei um eine politische Botschaft handelte – um den Versuch, die Risikowahrnehmung der Menschen gezielt zu beeinflussen. Stricker: Aber warum sagt das nicht ein Politiker, sondern der Chef des Robert-Koch-Institutes? Genau darin liegt doch das Problem. In dieser Form kommuniziert, erhält diese rein politische und antiwissenschaftliche Botschaft einen wissenschaftlichen Touch. Kovic: Man kann diskutieren, ob das ethisch zu weit gegangen ist. Ich halte das selbst für einen Grenzfall. Eine politische Einflussnahme lässt sich aus RKI-Files jedoch nicht ableiten. Unabhängig davon: «Lügenpresse», «Lückenpresse» – mich stören diese pauschalen Aussagen. Alles wird in einen Topf geworfen und mit saloppen Schlagworten abgehandelt. Du hast nicht plausibel gemacht, warum ein Fehler in der Analyse gleichbedeutend mit einer Lüge ist. **Gemäss dem UBS-Sorgenbarometer ist das Vertrauen in den Bundesrat in den letzten Jahren gesunken. Schreiben viele Bürger der Regierung gravierende Fehler zu? Oder wurde Misstrauen geschürt und der Bundesrat macht objektiv gute Arbeit, die aber schlicht nicht anerkannt wird?** Kovic: Grundsätzlich zeigen solche Daten, wie zufrieden die Bevölkerung mit der Regierung ist. Es gibt zwei Faktoren. Zum einen gibt es reale politische Probleme, bei denen viele das Gefühl haben, es laufe für sie nicht gut. Das führt zu Unzufriedenheit. Der andere Faktor ist die Wahrnehmung. Und diese Wahrnehmung wird stark von Stimmungen beeinflusst. Das kann in unterschiedliche Richtungen gehen. Nach Fukushima etwa erlebten wir eine grüne Welle: Unzufriedenheit mit dem Status quo, weil man zu wenig fürs Klima tat; dies führte zu Wahlerfolgen der Grünen. Später ebbte das wieder ab. Das ist etwas trivial, aber es zeigt, dass beide Faktoren immer zusammenwirken. Stricker: Scott Adams hat einmal gesagt: Zwei Menschen können auf dieselbe Leinwand schauen und dennoch zwei völlig unterschiedliche Filme wahrnehmen. Das finde ich ausgesprochen faszinierend. Ich beobachte das auch bei mir selbst. Die Polizeigewalt während der Coronazeit hat mich enorm empört. Wenn ich jedoch an Polizeigewalt in Minneapolis denke, empört mich das plötzlich weniger – obwohl es auch dort um polizeiliche Gewalt im Namen des Rechtsstaats geht. Kovic: Bei politischen Ereignissen sollte man ein Gedankenexperiment machen und sich fragen, was wäre, wenn die politischen Vorzeichen vertauscht wären. Die Differenz in der eigenen Bewertung ist dann der Bias. Der Unterschied zwischen Szenario A, das mir ideologisch nahesteht, und Szenario B, das ich ideologisch ablehne, ist in der Regel nicht rational – er ist eine Verzerrung. Kein Mensch ist ohne Bias. Stricker: Mich mit Biases auseinanderzusetzen, war vor Corona ein persönliches Hobby von mir. Ich glaube, das wäre einer der besten Wege, um ein besserer Mensch zu werden. Es gibt Menschen, die überzeugt sagen, sie liessen sich von Werbung nicht manipulieren – und genau das sind oft die verlorenen Fälle, die sich am stärksten beeinflussen lassen. Wenn man sich diese Biases anschaut, merkt man schnell, wie anfällig man selbst ist. Vermutlich reagieren unterschiedliche politische Lager auf unterschiedliche Biases. Die einen haben vielleicht eher einen Autoritäts-Bias: Der «wichtige Wissenschafter» hat es gesagt, also muss es stimmen. Die anderen haben eher eine Verzerrung, dass sie hinter allem einen Plan vermuten. Sich mit Biases ernsthaft zu beschäftigen, kann ich jedem nur empfehlen. **In der öffentlichen Debatte werden Begriffe wie «Verschwörungstheorie» oder «Desinformation» oft als Kampfbegriffe eingesetzt, um den politischen Gegner zu diskreditieren. Was versteht ihr darunter?** Stricker: Im Kern geht es bei den Begriffen Fehlinformation, Misinformation oder Desinformation darum, ob eine Unwahrheit absichtlich oder unabsichtlich verbreitet wird. Am Ende sind das für mich alles Kampfbegriffe. Bei der Wahrheit handelt es sich um ein scheues Reh. Wer für sich beansprucht, sie zu besitzen, muss damit leben, dass andere sie infrage stellen. Mit diesen Etiketten um sich zu werfen, ist oft ein billiger Weg, andere Sichtweisen auf das Weltgeschehen zu diskreditieren. Häufig wird dabei nicht einmal die Information selbst bestritten, sondern lediglich ihre Interpretation. Das ist schlicht eine andere Meinung. Das wird oft miteinander vermischt. Kovic: Das sehe ich etwas anders. Wir haben vermutlich unterschiedliche philosophische Ausgangspunkte. Ich bin ein klassischer Materialist. Ich gehe davon aus, dass es eine physische, materielle Realität gibt, die objektiv existiert. Unser Zugang zu ihr ist möglich, aber fehlerhaft. Nicht alle haben einen gleich guten Zugang. Nicht jede Meinung ist gleich gut begründet. Es gibt Positionen, die sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als falsch erweisen. In solchen Fällen kann man durchaus von Fehlinformation sprechen – nicht im Sinne einer bewussten Täuschung, sondern als Aussagen, an die Menschen aufrichtig glauben, die aber mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht zutreffen. Stricker: Der Fall Alex Petti ist dafür ein gutes Beispiel. Die eine Seite sagt: Das war ein Krankenpfleger, der sich um Kriegsveteranen gekümmert hat, der legal bewaffnet anwesend war und einer Frau helfen wollte, die von einem Polizisten geschubst wurde. Genauso richtig ist aber auch das andere Narrativ: Ein Aktivist ist in eine aufgeheizte Situation hineingelaufen, obwohl ihn die Polizei aufgefordert hatte, sich zurückzuhalten. Er trug eine Waffe und war damit besonders zur Deeskalation verpflichtet – liess sich aber nicht davon abhalten, Polizeiarbeit zu stören. Am Ende brachte er sich selbst ohne Not in eine hochgefährliche Lage und trug einen erheblichen Teil der Verantwortung dafür, dass er von der Polizei erschossen wurde. Beide Darstellungen sind wahr. Und dennoch ist es wie bei einer Kinoleinwand, auf die zwei völlig unterschiedliche Filme projiziert werden. Welche Geschichte erzählt wird, hängt stark davon ab, welchem politischen Spektrum man sich zuordnet – und welche politische Deutung man durchsetzen will. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/39_favdsc08926.jpg) Daniel Stricker, fotografiert von Akchayan Sivakumar. **Wie würdest du, Marko, in so einem Fall vorgehen, um der objektiven Wahrheit näherzukommen?** Kovic: Die Sachlage hat Dani korrekt dargestellt. Die anschliessende Frage lautet aber: Wie bewerten wir das moralisch? Sein und Sollen sind nicht dasselbe. Wie die Sachlage politisch eingeordnet wird, ist eine normative Frage: Wer hat falsch gehandelt? Was ist gerechtfertigt? Stricker: Beide Seiten können der anderen vorwerfen, Fakten wegzulassen und die Realität zu verzerren. Und beide können zugleich zu Recht sagen, dass ihre Einordnung korrekt sei. Diese Einordnung wird durch Massenmedien oft in eine bestimmte Richtung verstärkt. Gleichzeitig gibt es Plattformen wie X, die relativ viel Meinungsfreiheit zulassen, wo dann Gegenwind entsteht. Wenn dort ein Mainstream-Medium etwas postet, dominiert in den Kommentaren eine völlig gegenteilige Sicht. Genau deswegen hassen viele Massenmedien X so sehr: weil dort ihr einseitiges Narrativ nicht mehr unwidersprochen bleibt. Kovic: Wir verfügen über Methoden und sind rational genug, um mit guten Gründen zu bewerten, was mit höherer Wahrscheinlichkeit zutrifft und was nicht. Es gibt belastbare Kriterien, um Aussagen einzuordnen. Wir haben gute Gründe zu sagen, dass die Erde kugelförmig sei – und keine flache Scheibe. Stricker: Dem stimme ich absolut zu! Es geht hier nicht darum, dass Menschen mit einer gewissen intellektuellen Grundausstattung selbst einordnen können. Entscheidend ist, was beim durchschnittlichen Leser oder Zuschauer tatsächlich ankommt. Die Massenmedien machen nicht den bestmöglichen Job. Sie könnten besser berichten, tun es aber oft nicht. Wenn einseitig das Bild eines armen Pflegers wie Alex Petti gezeichnet wird, der völlig unschuldig in diese Situation geraten sei, dann prägt genau diese Erzählung die öffentliche Wahrnehmung – unabhängig davon, ob es der komplexeren Wirklichkeit gerecht wird. **Ihr seid der Ansicht, die Erde sei eine Kugel. Doch was passiert, wenn ein Anhänger der Flacherde-Theorie vor dir steht und verlangt: «Beweis mir, dass die Erde eine Kugel ist.»** Stricker: Ich bin absolut überzeugt, dass die Erde eine Kugel ist. Aber wenn mich zum Beispiel ein Physiker wider besseres Wissen mit allen Flacherdler-Argumenten herausfordern würde, käme ich wohl irgendwann an einen Punkt, an dem ich mich geschlagen geben müsste. **Es gibt aber auch Verschwörungstheorien, die sich später als zutreffend erwiesen haben – schlicht, weil es in der Welt tatsächlich Verschwörungen gibt. Menschen sprechen sich im Hintergrund ab und verfolgen eigene Interessen, mitunter auch düstere Ziele. In diesem Sinn ist der Begriff «Verschwörungstheorie» nicht per se abwertend, sondern beschreibt zunächst einmal eine Möglichkeit politischer und gesellschaftlicher Realität.** Stricker: Das ist bewusst so gemacht worden. Begriffe wie das N-Wort, die früher nicht abwertend gemeint waren, sind es mit der Zeit geworden – durch den Zeitgeist. Wenn man Menschen mit abweichenden Ansichten ständig als «Verschwörungsschwurbler», «Verschwörungsideologen» oder «Verschwörungstheoretiker» etikettiert, ist das eine klare Herabsetzung des Gegenübers. Mit ihnen wird dann gar nicht mehr ernsthaft diskutiert. Die stärksten Argumente kommen gar nicht erst zur Sprache. Stattdessen pickt man selektiv Personen heraus, die tatsächlich schräge oder extreme Positionen vertreten. So lassen sich legitime Argumente diskreditieren, ohne sich inhaltlich mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. **Nehmen wir ein konkretes Beispiel: «Russia Gate» – also den Vorwurf, Donald Trump habe in Zusammenarbeit mit Russland die Wahl faktisch manipuliert. Ein erheblicher Teil der politischen Elite in den USA hat diese These über lange Zeit hinweg als Tatsache präsentiert.** Kovic: Das ist grundsätzlich so. Es gab ja mehrere Anklagen im Umfeld von Trump. Das war der sogenannte «Mueller Report». Personen aus seinem Umfeld wurden angeklagt, Trump selbst und sein enger Kreis letztlich nicht. Ganz offensichtlich gab es Kontakte, das lässt sich kaum bestreiten. Aber zu behaupten, Trump sei von Russland gesteuert worden, weil er angeblich kompromittiert worden sei, das ist klar eine Verschwörungstheorie. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/40_favdsc08884.jpg) Marko Kovic, fotografiert von Akchayan Sivakumar. **Gibt es Dinge, an die du einmal geglaubt hast, und bei denen du später sagen musstest: Da war ich zu leichtgläubig? Oder Positionen, die sich im Nachhinein als Verschwörungstheorie entpuppt haben?** Kovic: Ja, durchaus. Vor allem in der Jugend. Ich war dafür ziemlich empfänglich. Du kennst ja «Akte X», eine Serie über UFOs und alle möglichen Verschwörungen. In diesem Milieu bin ich als Jugendlicher ein Stück weit sozialisiert worden. Ich fand das einfach faszinierend. Spannende Geschichten über UFOs, Aliens, Bigfoot, das Monster von Loch Ness, 9/11\. Das hat mich alles angezogen. Mit der Zeit habe ich mich davon gelöst. Stricker: Warum ist WTC 7 eingestürzt – und weshalb wird das im 900-seitigen Abschlussbericht mit keinem Wort erwähnt? Kovic: Für mich ist der Einsturz so plausibel, wie er im separaten Bericht erklärt wird: strukturelle Schäden, vor allem durch Feuer. **Gebäude 7 ist also durch ein Feuer eingestürzt – und das nahezu im freien Fall?** Kovic: Ob es tatsächlich freier Fall war, weiss ich nicht. Ganz symmetrisch war der Einsturz jedenfalls nicht. Gegenfrage: Angenommen, der Einsturz wäre inszeniert gewesen – welchen zusätzlichen Nutzen hätte es gehabt, auch dieses Gebäude noch zu sprengen? Welchen politischen Gewinn hätte man daraus ziehen sollen? Stricker: Ich habe zu 9/11 keine abschliessende Meinung, die ich hier verteidigen möchte. Aber sicher ist: Der offizielle Abschlussbericht ist Bullshit. So wie die Ereignisse dort dargestellt werden, können sie kaum abgelaufen sein. Die USA sind in den vergangenen hundert Jahren jedenfalls kaum je in einen Krieg gezogen, der nicht auf einer Lüge beruhte. Dass auch der «Krieg gegen den Terror» auf einer solchen Grundlage geführt wurde, halte ich deshalb für plausibel. **Corona, der Ukrainekrieg und Gaza haben tiefe gesellschaftliche Gräben aufgerissen. Wie lassen sich solche Polarisierungen überwinden und wie können Brücken über ideologische Fronten hinweg entstehen?** Kovic: Soll ich etwas Radikales sagen? Social Media verbieten! Die Digitalplattformen haben die politische Diskussionskultur in der Schweiz zerstört. Wir leben in einer brutalisierten Aufmerksamkeitsökonomie. Was wir früher in der «Arena» gesehen haben, erleben wir auf Social Media in einer ganz anderen Grössenordnung. Dort findet keine rationale Diskussion mehr statt, sondern ein permanenter Kampf um Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit erhält, wer auffällt. Wenn unendlich viele Influencer und Stimmen gleichzeitig sprechen, muss man schriller sein als die anderen. Stricker: Ich finde das ein erfrischend ehrliches Statement. Das ist jetzt so radikal, dass ich gar nicht weiss, was ich sagen soll (*lacht*). Ich verstehe das Bedürfnis, das viele in den Achtziger- und Neunzigerjahren hatten: abends um halb acht die «Tagesschau» zu schauen – dieses Lagerfeuergefühl. Alle sahen dasselbe, am nächsten Tag konnte man darüber sprechen, und man hatte zumindest den Eindruck, dieselbe Wirklichkeit zu teilen. Wenn wir die Demokratie als Regierungsform akzeptieren, müssen wir voraussetzen, dass der Bürger mündig ist. Und wenn er mündig ist, dann müssen wir ihm zutrauen, in Auseinandersetzungen auf X, Facebook oder anderswo zwischen plakativer Eindimensionalität und einem wirklich soliden Argument unterscheiden zu können. Wenn man ihm das nicht zutraut, bleibt nur die Konsequenz, Social Media zu verbieten. Dann würde mich allerdings interessieren, wie man unter diesen Voraussetzungen die Demokratie überhaupt noch begründen will. **Sind Menschen aus eurer Sicht grundsätzlich vertrauenswürdig?** Stricker: Ich glaube, dass die allermeisten Menschen im Kern das Gute wollen. Psychopathen sind nach wie vor klar in der Minderheit. Und doch muss ich sagen: Seit Corona mag ich die Menschen ein bisschen weniger als zuvor. Einfach weil ich gesehen habe, wozu sie imstande sind. Ich weiss jetzt, was in ihnen steckt. Das ist traurig. Eigentlich hätten wir aus dieser Zeit lernen müssen. Für mich ist das, was damals passiert ist, nach wie vor sehr verstörend. Kovic: Die meisten Menschen sind die meiste Zeit gut. Sie meinen es gut und machen Fehler – doch wir sind biologisch nicht darauf ausgelegt, Psychopathen zu sein. Es mag sein, dass in fünfzig Jahren wieder sehr hässliche moralische Vorstellungen dominieren. Gleichzeitig gibt es das, das der Philosoph Peter Singer als die «Erweiterung des moralischen Kreises» beschrieben hat. Blickt man auf die letzten zweitausend Jahre, sehe ich trotz aller Rückschläge insgesamt moralischen Fortschritt. Das macht mir Hoffnung – und lässt mich glauben, dass Hoffnung auf den Menschen berechtigt ist. Stricker: Elon Musk hat gesagt: «Für die Lebensqualität ist es vorteilhafter, als Optimist zu irren, statt als Pessimist recht zu behalten.» Da hat er recht. Kovic: Das ist ja auch das Paradoxe am Vertrauen: Es funktioniert nur, wenn alle ein Stück weit irrational sind – nämlich wenn wir daran glauben, dass die anderen genauso gut handeln werden. ### Gute Ideen brauchen Struktur URL: https://www.schweizermonat.ch/gute-ideen-brauchen-struktur/ Last updated: 2026-03-16T07:30:21.000Z Viele junge Erwachsene haben eine Idee, sind motiviert und haben konkrete Lösungsansätze im Kopf. Aber sie sind unsicher, wie der Weg von der Idee zu Finanzierung, Pitch und Investorenkontakt aussieht. Dabei ist Unternehmertum kein Sprung ins Ungewisse, sondern ein strukturierter Entwicklungsprozess. Start-up-Ideen entstehen im Studium, im Berufsalltag oder aus persönlicher Erfahrung. Was häufig fehlt, ist nicht Motivation oder Ambition, sondern Orientierung. Braucht es zuerst eine Firma, einen Businessplan oder bereits den Kontakt zu Geldgebern, und was davon ist überhaupt sinnvoll? In der Praxis scheitern viele Vorhaben nicht an der Idee selbst, sondern an einem unklaren oder falsch getakteten Vorgehen. Geldgeber in einer frühen Phase erwarten keine Perfektion, aber Substanz. Sie investieren nicht in lose Konzepte, sondern in Teams, die zeigen, dass sie ein relevantes Problem verstanden haben und dieses unternehmerisch lösen können. Ein nachvollziehbares Geschäftsmodell, Marktverständnis und die Fähigkeit, das eigene Vorhaben präzise zu kommunizieren, sind dabei zentral. Eine tragfähige Start-up-Idee ist keine Frage des Geistesblitzes, sondern das Resultat einer konsequenten Auseinandersetzung mit dem Markt, konkreten Kundenbedürfnissen und einer realistischen Umsetzung. **Kostspielige frühe Fehler** Gerade in frühen Phasen ist es entscheidend, unternehmerische Grundlagen zu verstehen, bevor Zeit, Geld und Energie investiert werden, denn frühe Fehlannahmen sind oft kostspielig. Themen wie Geschäftsmodell, Kundennutzen, Wettbewerb oder Finanzierung lassen sich systematisch erarbeiten. Genau hier setzt Venturelab an und bietet mit strukturierten Trainingsprogrammen einen fundierten Einstieg, um Annahmen zu schärfen und Risiken früh zu erkennen. Entscheidend ist die Verbindung von Theorie und Praxis. Hypothesen müssen überprüft, Feedback eingeholt und die eigene Idee gezielt weiterentwickelt werden. Der Austausch mit anderen Gründern sowie erfahrenen Experten im Venturelab-Ökosystem ermöglicht einen realistischen Blick auf das eigene Vorhaben. Frühphasenfinanzierung ist weniger ein Ziel als eine Standortbestimmung. Wer sich erstmals vor Investoren präsentiert, erhält einen fundierten Reality-Check. Pitching wird zur Schlüsselkompetenz, denn komplexe Zusammenhänge müssen klar und überzeugend vermittelt werden. Diese Fähigkeit entwickelt sich durch Übung und professionelles Feedback. Programme wie Venture Kick verbinden Finanzierung mit Coaching und einem strukturierten Pitchprozess. Sie helfen Gründerinnen und Gründern, ihr Vorhaben weiterzuentwickeln, erste externe Validierung zu erhalten und sich gezielt auf nächste Wachstums- und Finanzierungsschritte vorzubereiten. «Der wahre Wert von Venture Kick liegt nicht nur im Kapital, sondern im Prozess. Gründerinnen und Gründer lernen, ihr Vorhaben klar zu formulieren, kritische Fragen zu beantworten und ihr Start-up Schritt für Schritt investorenfähig zu machen», sagt Jordi Montserrat, Co-Founder und Managing Partner, Venturelab. **Venturelab-Trainings** Venturelab bietet mit den von Innosuisse unterstützten Trainings einen strukturierten, praxisnahen Einstieg ins Unternehmertum von der ersten Idee bis zur Investorenreife. [https://innosuisse.venturelab.ch/](https://innosuisse.venturelab.ch/?ref=schweizermonat.ch) **Venture Kick** Venture Kick ist ein von Venturelab mitinitiiertes Förderprogramm, das frühe Schweizer Start-ups mit Kapital, Coaching und einem mehrstufigen Pitchprozess auf dem Weg zum marktfähigen Unternehmen unterstützt. [https://www.venturekick.ch/](https://www.venturekick.ch/?ref=schweizermonat.ch) ### «Wer innovativ ist, scheitert häufiger» URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-innovativ-ist-scheitert-haeufiger/ Last updated: 2026-03-19T14:27:02.000Z Das Gespräch nimmt sofort Fahrt auf. «Angst vor dem Scheitern als Unternehmer habe ich eigentlich keine, sonst wäre ich nicht Unternehmer geworden», sagt Daniel Bloch, Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident der nach seinem Grossvater benannten Schoggifabrik Camille Bloch. «Ich bin von einem Urvertrauen beseelt, dass ich das, was meine beiden Vorgänger schon gekonnt haben, ebenfalls kann.» Daniel Bloch leitet den Familienbetrieb mit den bekannten Marken Ragusa und Torino in der dritten Generation. Von Grossvater Camille 1929 in Bern gegründet, hat Daniel Bloch vor mehr als 20 Jahren die unternehmerischen Geschicke von seinem Vater Rolf Bloch übernommen. Sein Vater habe ihm einmal gesagt, man müsse kein Genie sein, um eine Firma zu führen. Was zunächst nicht wie ein überschwängliches Kompliment klinge, sei in Wahrheit eine befreiende Erkenntnis. Denn Unternehmer seien selten die visionären Übermenschen, wie sie medial gerne dargestellt würden. «Die meisten mit solchen Eigenschaften scheitern», ist der Schoggipatron überzeugt. Natürlich gebe es Ausnahmen. Aber man sollte sich nicht an den Ausnahmen messen, sondern an der Regel. **Kündigung als Wendepunkt** Dass er eines Tages Chef von Camille Bloch werden würde, war für Blochs Umfeld beinahe selbstverständlich – für ihn selbst jedoch lange nicht. Nach der Ausbildung zum Fürsprecher in Bern zog es ihn nicht direkt in die Abgeschiedenheit von Courtelary, einem Dorf in der Region Grand Chasseral und Heimat von Ragusa. Vielmehr ging er ins Ausland, nach New York und Paris, wo er auch einen MBA absolvierte. Der 63-jährige Berner wollte nicht in die Firma eintreten, nur weil es die Logik der Biografie verlangte, sondern aus innerer Überzeugung. Doch genau diese Frage blieb lange offen, auch wegen anderer beruflicher Möglichkeiten. Die eigentliche Bewährungsprobe kam mit der Übergabe. Der Vater war weiterhin präsent und der Sohn sollte übernehmen – eine Konstellation, die in Familienunternehmen selten spannungsfrei verläuft. Bloss einen Plan zu erfüllen, den das Leben für ihn bereithält, erschien Daniel Bloch zu wenig. Er spürte gar eine innere Blockade. «Irgendetwas hemmte mich, und ich wusste nicht genau, was es war.» Seine radikale Antwort: die Kündigung. Das war ein Affront gegenüber dem verärgerten Vater, aber auch ein Wirkungstreffer. Innerhalb von 24 Stunden wurde der Übergabeplan neu verhandelt und seinen Vorstellungen angepasst. Aus dem Projekt des Vaters wurde sein eigenes. Die Kündigung zog er zurück. «Das musste passieren», sagt Bloch heute. Man spreche gerne von einem «Handover», vom Übergeben – doch es brauche ebenso ein «Takeover», ein aktives Aneignen der Verantwortung. Diese Krise schuf ein neues Gleichgewicht. Und von diesem Moment an war sein Engagement für die Firma komplett – emotional wie intellektuell. «Und letztlich war auch mein Vater beruhigt zu sehen, dass ich nicht einfach eine Funktion seines Plans war.» **Wachsendes Misstrauen** Seine Rolle als Unternehmer sieht er in erster Linie als Ermöglicher. Mit anderen Menschen zusammen ein Ziel zu verfolgen sei sehr sinnstiftend. Bloch sieht sich als Teamplayer mit einer rebellischen Seite, die er, im Idealfall, in kreative Energie umsetze, wie er dem «Schweizer Monat» bei einer Tasse Kaffee sagt. Umgehend beschleicht den bescheidenen Mann ein spürbares Unbehagen über die soeben getätigte Selbstbeweihräucherung. Camille Bloch sei bei den Letzten gewesen, die sich ISO-zertifizieren liessen. «Ich war stolz darauf, dieses Zertifikat in den Neunzigern nicht zu haben. Denn es führt zu mehr Konformität, ich hingegen suche den Unterschied. Wir sind mit vielen Sachzwängen konfrontiert – Tendenz zunehmend –, das gefällt mir gar nicht», sagt Bloch. Der wachsende Compliance-Aufwand belaste gerade kleinere Unternehmen und fresse Produktivitätsgewinne andernorts auf. Den Glauben an immer mehr Vorschriften empfinde er als Ausdruck von Misstrauen gegenüber der Wirtschaft. Eine Verlagerung ins Ausland komme dennoch nicht infrage. «Ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs ist die Einfachheit.» Prozesse vereinfachen, Verantwortung klar zuordnen, Kontinuität bei den Mitarbeitern sichern – auch darin sieht er seine Aufgabe als Patron. Als kleinere Firma sei Camille Bloch zudem flexibler und schneller bereit, eine Idee anzupassen, als die grossen. «Man hat die Tendenz, Erfolge rückblickend als einen genialen Plan darzustellen, der voll aufgegangen ist.» Dabei werde ausser Acht gelassen, dass auch das Glück eine entscheidende Rolle im Leben eines Unternehmers spiele. Dies müsse man bescheidenheitshalber festhalten. Den Anteil des Glücks am Erfolg zu quantifizieren sei schwierig. «Doch ein Wert von 50 Prozent ist sicher nicht übertrieben», sagt er nach kurzer Bedenkzeit. **Der Chef hat nicht immer recht** Wo er denn gescheitert sei, will ich von «Mr. Ragusa» wissen. Er muss nicht lange überlegen. Eine für ihn besonders lehrreiche Episode war eine internationale Expansionsstrategie, die ganz auf Swissness und die Kompetenz als Chocolatiers setzte und weniger auf die Produkte selbst. Dazu wurde eine Dachmarke mit dem schönen Claim «Chocolat Camille Bloch – mon chocolat suisse» gegründet. Doch der Erfolg liess auch nach kostspieligen fünf Jahren auf sich warten. Schlimmer noch: Auf dem Heimmarkt Schweiz litt die Stärke der Marken Ragusa und Torino. Bloch hatte das Projekt vorangetrieben. Und er war es auch, der die Reissleine zog – zu seiner Verwunderung gegen grosse interne Widerstände. «Unser Fehler war, dass wir uns zu fest an neuen Konsumenten und zu wenig an den bestehenden ‹Ragusa-Fans› orientierten. Die Markenfans müssen immer im Mittelpunkt stehen, und nicht diejenigen, die man auch noch gerne hätte», weiss er heute. Und was hat er daraus gelernt? Entscheidend sei die Fähigkeit, das Scheitern einzugestehen – gegenüber anderen ebenso wie gegenüber sich selbst. Die Fähigkeit loszulassen sei eine wichtige Qualität eines Unternehmers. Bloch weist mich auf eine Sonderform des Scheiterns hin, die sich auch in Erfolg niederschlagen kann. Immer dann nämlich, wenn im «Prozess der Idéation» aus einer schlechten Idee eine gute und aus einem vermeintlichen Fehlgriff eine richtige Entscheidung wird. So etwa, als Bloch auf der Suche nach einer prominenten Markenbotschafterin für Italien zunächst an Michelle Hunziker dachte, die Idee dann aber auf Anraten zugunsten einer starken Botschafterin für die Schweiz fallenliess. Dies wiederum ebnete den Weg für die langjährige Partnerschaft von Ragusa mit der Skifahrerin Lara Gut-Behrami. «Meine ursprüngliche Idee führte zu einem Gegenvorschlag und schliesslich zu einer goldrichtigen Entscheidung.» Für Bloch ist das mehr als nur eine nette Anekdote: Es ist Ausdruck einer Unternehmenskultur, in der Widerspruch möglich und erwünscht ist. Ebenfalls zeige das Beispiel, dass der Chef nicht immer recht habe. Er habe es zwar nicht besonders gerne, wenn man ihm widerspreche, aber er lasse es gelten, meint er wohl nur halb im Scherz. **Stilles Kapital im Unternehmen** Bloch sieht Scheitern also nicht als reinen Gegenpol zum Erfolg. Vielmehr betont er, wie eng Scheitern und Innovation miteinander verbunden seien. «Wer innovativ sein will, scheitert automatisch häufiger», so der Patron. Das ist für ihn keine Tragödie, sondern eine logische Folge. So scheiterte Bloch auch mit seiner Idee einer zuckerreduzierten Ragusa-Variante mit höherem Haselnussanteil, denn der Schokoriegel erwies sich als brüchig und instabil. Doch auch hier entstand im Prozess eine neue Idee, nämlich mit Ragusa ummantelte Nüsse. Sie wurden zum Erfolg und erweitern die Ragusa-Familie. «Übrigens bin ich mit meiner eher technokratischen Namensidee ‹Ragusa 60 Prozent› zugunsten von ‹Ragusa So Nuts› ebenfalls gescheitert. Zum Glück», sagt Bloch amüsiert. > «Wer innovativ sein will, scheitert automatisch häufiger» Zu einem Flop wurden hingegen die innovativen ‹So Nuts› mit Kaffee. Die Idee der essbaren Kaffeetabletten wurde von einem Start-up entwickelt und von Camille Bloch angepasst. «Ich wusste, wie schwierig es ist, die Gewohnheiten von Konsumenten zu verändern, und wollte es trotzdem probieren.» Je weiter man sich vom Markenkern entferne, desto riskanter werde es. «Wenn es läuft und man Erfolg hat, lernt man erstaunlich wenig», sagt Bloch. Das sei aber auch nicht weiter schlimm. Man könne den Erfolg ja auch nur geniessen und müsse nicht in jedem Moment seiner Existenz etwas lernen. Demgegenüber zwingen einen Fehler zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Vorausgesetzt, man ist bereit, Fehler als solche zu erkennen. «Zu realisieren, dass man selbst Teil des Problems ist, ist eine hohe Kunst. Als Anwalt habe ich zudem eine gewisse Tendenz, andere für Fehler verantwortlich zu machen», sagt er mit einem Augenzwinkern. Wichtig ist Bloch auch: Das gesammelte Wissen aus all den gescheiterten Versuchen bleibt als eine Art stilles Kapital im Unternehmen erhalten. «Neugierde und Wissensbereitschaft sind für mich wichtiger als die Frage, ob jemand einen Fehler macht oder wer mit einer Idee scheitert», sagt Bloch. > «Zu realisieren, dass man selbst Teil des Problems ist, ist eine hohe Kunst.» **Marktnische in Israel** In seinen bald 30 Jahren an der Spitze von Camille Bloch blieben ihm auch existenziell bedrohliche Situationen nicht erspart. Dazu zählt er nicht etwa die US-Zölle, die auf lediglich 3 Prozent des Umsatzes Anwendung fänden. «Ich habe lauter geschrien, als es mir wehtat», sagt er in Anspielung an seine (ebenfalls gescheiterte) politische Charmeoffensive zur Wiedereinführung des «Schoggigesetzes». Einen «kritischen Moment» hingegen erlebte der Patron wegen der geradezu explodierenden Kakaopreise. Ausgehend von 2000 US-Dollar pro Tonne anfangs 2023, stiegen die Preise bis Ende 2024 auf einen Höchststand von 12 000 Dollar pro Tonne. Für Camille Bloch hiess das: Der Preis von Kakaobutter kletterte von 5 auf 40 Franken pro Kilo. «Ich wusste wirklich nicht, wie wir das finanzieren sollten.» Signifikante Preiserhöhungen waren notwendig – in einem preissensitiven Markt immer eine heikle Angelegenheit. Doch jedes Worst-Case-Szenario lasse sich nicht absichern. «Man darf nicht Selbstmord begehen aus Angst vor dem Tod.» Da ist es also wieder: das Urvertrauen. Mittlerweile haben sich die Preise wieder beruhigt. Eine Nische der besonderen Art hat Camille Bloch mit seinen Koscherprodukten gefunden, die insbesondere in den USA und Israel gut laufen. Auch am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv ist man durch einen Zufall stark vertreten. Den dortigen Einkäufer habe man erst mehrfach abgewiesen, denn normalerweise liefert Camille Bloch nur an Importeure und nicht an einzelne Verkaufsstellen. «Wir waren anfangs sehr defensiv, überheblich gar», sagt Bloch heute leicht reuig. «Erst als er mir bei seinem dritten Besuch sagte, seine Frau sei Ragusa-Fan, habe ich eingelenkt.» Die Erwartungen lagen bei einem Jahresumsatz von 50 000 Franken. Er hat allerdings schon im ersten Jahr für über eine halbe Million verkauft und bald darauf die Millionengrenze erreicht. Heute ist der Duty Free Ben Gurion der weltweit wichtigste einzelne Verkaufsstandort. > «Oft sind die besten Dinge diejenigen, die man nicht macht» Der chinesische Markt hat für Camille Bloch zurzeit keine Priorität. Man sei bewusst nicht nach China gerannt wie viele andere. Die Schokoladenkultur sei dort noch zu wenig weit gediehen. Typischerweise käme man erst später in einen solchen Markt. Und dann berichtet Bloch noch von einem hochtrabenden Projekt mit chinesischen Interessenten – es ging um die Produktion von Likörschoggi mit dem chinesischen Schnaps Moutai. Das Marktpotenzial: gigantisch. Die Risiken: ebenso. Doch man habe sich nicht blenden lassen und darauf verzichtet. «Oft sind die besten Dinge diejenigen, die man nicht macht», sagt Bloch. ### Alle Wissenschaft ist vorläufig – und doch wertvoller als Aberglaube URL: https://www.schweizermonat.ch/alle-wissenschaft-ist-vorlaeufig-und-doch-wertvoller-als-aberglaube/ Last updated: 2026-03-28T21:49:47.000Z Ihrem ursprünglichen Anspruch nach sollte die Wissenschaft der Versuchung widerstehen, Behauptungen vorschnell für wahr zu erklären. Erst was nach den Regeln der Disziplin sorgfältig geprüft wurde, verdient Geltung – und erst dann sollten wir dazu ermutigt werden, unser Handeln nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten. Ist «Wissenschaft» also *die* Wahrheitsinstanz, an der wir uns vorbehaltlos orientieren sollen? So einfach ist die Antwort nicht. Denn erstens stellt sich die Frage, wofür «die Wissenschaft» überhaupt zuständig ist. Und zweitens, ob die Felder dieser Zuständigkeit überall dieselbe Stabilität wissenschaftlicher Erkenntnisse zulassen. ## Folgenschwere Unterscheidung Das Besondere der menschlichen Vernunft liegt in ihrer Fähigkeit, präzise und explizit zu fragen. Seit Aristoteles unterscheidet man zwei grosse Grundformen. Entweder fragen wir: «Was ist der Fall?» Oder wir stellen die Frage: «Was soll man tun?» Die erste eröffnet den Bereich der theoretischen, die zweite jenen der praktischen Vernunft. Diese Unterscheidung ist folgenschwer. Sie bedeutet, dass sich die praktische Frage letztlich nicht auf theoretische Antworten reduzieren lässt. Denn die letzten Entscheidungen über die Ziele unseres Handelns liegen in der menschlichen Freiheit. Ob wir uns allein um das eigene oder um das gruppenspezifische Wohl kümmern oder – womöglich auf dessen Kosten – auch um das Wohl anderer, lässt sich nicht auf Gesetze egozentrischer Vorteilsmaximierung zurückführen. Es ist und bleibt ein Akt individueller Freiheit, der sich nicht durch wissenschaftlich erfassbare Kausalitäten berechnen lässt. > «Die letzten Entscheidungen über die Ziele unseres Handelns liegen in der menschlichen Freiheit.» Die Domäne der Wissenschaft, verstanden als institutionalisiertes Misstrauen, liegt daher nicht im Bereich der praktischen Fragen. Sie besteht vielmehr darin, möglichst präzise zu klären, was der Fall ist: Ob X oder Nicht-X vorliegt; ob sich eine aus dem Gesetz G abgeleitete Prognose bewahrheitet; ob sich ein konkretes Phänomen (a) tatsächlich und wiederholt durch das behauptete A-Konzept erfassen lässt. «Institutionalisiertes Misstrauen» bezeichnet das wissenschaftliche Prüfverfahren im Bereich theoretischer Fragen. Am Beispiel der Naturwissenschaft lässt sich diese Methode auf grundlegender Ebene leicht erklären. Es geht um die sorgfältige empirische Bestätigung einer als gültig angenommenen Gesetzeshypothese, die verlässliche Aussagen über das Verhalten einzelner Dinge und ihre Zusammenhänge verspricht. Galileis Fallgesetze, die er (angeblich) am Turm von Pisa demonstrierte, liefern dafür ein anschauliches Beispiel. Genau betrachtet ist die sogenannte «Verifikation» regelgeleiteter Prognosen hochkomplex und je nach Forschungsfeld unterschiedlich ausgestaltet. Im Kern geht es jedoch darum, die Übereinstimmung zwischen einem Einzelereignis und der vorausgesetzten Erwartung nachzuweisen. Gelingt dies, ist die Vielfalt des Geschehens im Hier und Jetzt zumindest teilweise auf die ihm zugrunde liegende Gesetzmässigkeit durchsichtig gemacht. Der Philosoph Robert Spaemann hat einmal auf die Nachteile dieser Methode aufmerksam gemacht und darauf hingewiesen, dass die moderne Wissenschaft die Natur im Grunde zum blossen Material menschlicher Herrschaft mache: «Naturgesetze erheben nicht den Anspruch, das ‹Wesen› natürlicher Prozesse zu erfassen, sondern sie sind die Regeln, welchen diese Prozesse folgen, wenn der Mensch sie aus ihren natürlichen Prozessen herauslöst und sie als Beispiel seiner künstlichen, ideal-physikalisch-mathematischen Modelle interpretiert.» Anders gesagt: Der Preis für die Erfolge der wissenschaftlichen Methode ist eine Verkürzung dessen, wie wir die Natur betrachten und erfahren, nämlich allein als Gesamtheit messbarer, im Experiment wiederholbarer Grössen. Ob Natur und Leben nicht umfassender sind als alles Messbare, das ist keine naturwissenschaftliche Frage mehr. ## Erkenntnis bewährt sich – ist aber nicht ewig wahr Das «institutionalisierte Misstrauen» der modernen Naturwissenschaft ist jedenfalls mit der Tatsache verknüpft, dass sich die Wissenschaft einer perspektivischen, prinzipiell limitierten Weltsicht verdankt. Diese führt zu enormem Wissenszuwachs und zu den bekannten Fortschritten besonders im technischen Bereich. Dass es im Wissenschaftsbetrieb gleichwohl Betrug gibt oder Ergebnisse vorschnell als bewiesen verkündet werden, ist unstrittig. Aber es ist nicht allein die Berufsethik der in der *Scientific Community* Arbeitenden, die dafür sorgt, dass solche Dinge korrigiert werden. Das «institutionalisierte Misstrauen» befeuert auch den Konkurrenzgeist innerhalb der *Community.* Jedes neue und besondere Forschungsergebnis muss sich vielfach kritisch wiederholen und durchleuchten lassen, bevor es den Status gefestigter, rationaler Plausibilität gewinnt. Und selbst dieser Status mahnt alle wissenschaftlich Tätigen, nichts für ewig wahr zu halten – was zugleich erlaubt, dem zu folgen, was sich bewährt hat. Wissenschaft hält nichts für gültig, was der wissenschaftspraktischen Diskussion nicht standgehalten hat. Das ist eine Tatsache, die gleichermassen zur Natur- wie zur Geisteswissenschaft gehört. Obwohl die Erkenntnisrelativität und Perspektivenbindung in der Geisteswissenschaft sehr viel einfacher zu bemerken ist als in den Naturwissenschaften, geht es auch bei ihr um nichts anderes als um die rationale Akzeptabilität ihrer Ergebnisse. Die Differenz zwischen den zwei Wissenschaftssorten liegt nicht in der Sorgfalt, mit der die Beweisschritte vollzogen und abgesichert werden, sondern in der viel offensichtlicheren Relativität der speziellen, geisteswissenschaftlichen Untersuchungsposition. > «Wissenschaft hält nichts für gültig, was der wissenschaftspraktischen Diskussion nicht standgehalten hat.» So erscheint – zum Beispiel – in der geschichtswissenschaftlichen Darstellung das Bild des Reformators Luther unterschiedlich, je nachdem, ob es aus evangelischer, katholischer oder primär religionskritischer Sicht betrachtet wird. Grundlegend für die Brauchbarkeit der jeweiligen Ergebnisse ist zuallererst aber (nicht anders als in der Naturwissenschaft), wie objektiv belastbar die dabei verwendeten historischen Belege (Dokumente, Quellen, Archive) sind. Auf die angedeuteten, tiefen Unterschiede zwischen Wissenschaftstypen ist nicht weiter einzugehen. Zentral für alle Typen sind jedoch zwei Dinge: Erstens, dass jede Wissenschaft eine bestimmte Blickrichtung hat. Sie erfasst also nur einen definierten Ausschnitt des jeweils Gegebenen. Zweitens, dass die Wissenschaft das, was ihr begegnet, systematisch auf seine Verlässlichkeit prüft, um es dann als «rational plausibel» und gut abgesichert anzuerkennen – und zugleich immer als prinzipiell vorläufig. ## Kein Freipass für «alternative Fakten» Alle wissenschaftliche Erkenntnis ist vorläufig und relativ. Das ist aber kein Freipass für «alternative Fakten» oder einen radikalen Skeptizismus, der am Ende nicht mehr unterscheiden kann zwischen Wissenschaft, Esoterik und Aberglaube. Viele, welche die Verlässlichkeit der Wissenschaft in Zweifel ziehen, machen einen logischen Fehler. Aus der allgemein bekannten Tatsache, dass jede Erkenntnis des Menschen relativ ist, ziehen sie den Schluss, dass der wissenschaftliche Zugang zur Welt genauso relativ ist wie jeder andere, subjektive Zugang – so, als seien wissenschaftliche und unwissenschaftliche Methoden mehr oder weniger gleich zuverlässig. Doch wer die Möglichkeit betont, dass es neben der Wissenschaft auch andere Weltbezüge gibt, hat damit noch gar nichts gegen die Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Aussagen vorgebracht. Er erinnert nur daran, dass man die Welt unterschiedlich sehen kann. Er sagt, was man immer schon weiss: dass die Summe unserer Erfahrungen grösser ist als der Bereich des wissenschaftlich Erfassten. Der Poet beschreibt das Fliessen eines Flusses anders als die Gelehrte der ingenieurwissenschaftlichen Strömungskunde. Das zuzugeben, ist kein Grund, an der Autorität der Wissenschaft zu zweifeln. Wer sich beim Vorhaben, ein Flusskraftwerk zu bauen, an den Poeten hält, ist selber schuld, wenn er ins Wasser fällt und ertrinkt. Um das zu wissen, ist aber in der Tat keine Wissenschaft nötig. Dazu reichen der gesunde Menschenverstand und die Freiheit, ihm zu folgen. ### Die Menschen verlieren Hab und Gut, die Korrupten werden reich: Was die Hyperinflation mit einer Gesellschaft macht URL: https://www.schweizermonat.ch/die-menschen-verlieren-hab-und-gut-die-korrupten-werden-reich-was-die-hyperinflation-mit-einer-gesellschaft-macht/ Last updated: 2026-03-29T08:55:46.000Z Lea [aquí](https://www.schweizermonat.ch/como-sobrevivi-a-la-hiperinflacion-de-venezuela/) la versión española. Ich habe die längste Hyperinflation der Neuzeit erlebt, die zugleich eine der heftigsten der Geschichte war: jene in Venezuela. Zwischen 2016 und 2021 wurde das gesetzliche Zahlungsmittel, der Bolívar, praktisch vollständig entwertet. Die Regierung von Hugo Chávez hatte ihn über Jahre hinweg entwertet, Nicolás Maduro liess ihn schliesslich kollabieren. Als die Chavisten 1998 an die Macht kamen, benötigte man rund 500 Bolívar, um einen US-Dollar zu kaufen. Heute sind es etwa 50 Billiarden Bolívar – 100 Billionen Mal so viel. Die venezolanische Tragödie lässt sich nicht verstehen, ohne den gesamten fünfjährigen Zeitraum zu betrachten, in dem die Hyperinflation wütete. Ihre Folgen sind keineswegs nur wirtschaftlicher Natur. Die Zerstörung der Währung eines Landes beschädigt auch den Charakter seiner Bewohner. Eine der grundlegendsten sozialen Institutionen zu vernichten, bedeutet nicht nur eine makroökonomische Katastrophe, sondern auch ein menschliches Drama. > «Die Zerstörung der Währung eines Landes beschädigt auch den Charakter seiner Bewohner.» ## Wenn Geld stirbt Auch wenn ich diese Jahre durchlebte und viele ihrer Konsequenzen zu tragen hatte, muss ich einräumen, dass ich nicht zu den am schwersten Betroffenen gehörte. Die Bücher retteten mich, und zwar nicht im übertragenen Sinn. Als eifriger Leser der Ökonomen der Österreichischen Schule verstand ich die Logik wirtschaftlicher und sozialer Ordnungen ebenso wie die Praxeologie, die Wissenschaft vom menschlichen Handeln. Dieses Verständnis erlaubte mir, das kommende Unheil früh zu erkennen und Massnahmen zu ergreifen, um mich zu schützen. Jahre zuvor hatte ich beschlossen, mich von sämtlichen Bolívar-Beständen zu trennen. Meine Honorare stellte ich in Dollar, Euro, sogar in Bitcoin in Rechnung. Ich wollte nicht zusehen, wie die Früchte meiner Arbeit auf Bankkonten verschwanden, auf die ich ebenfalls verzichtete. Eine gute Theorie hilft, die Wirklichkeit zu erklären. Die Geldtheorie von Ökonomen wie Menger, Hayek oder Mises wurde in Zeiten der Orientierungslosigkeit zu meinem Kompass. Man könnte sagen, dass mich die libertäre Vorstellung vom Geld als evolutiver sozialer Institution zumindest vor dem Verlust meiner geistigen Balance bewahrte und mir die Sorge um meine Familie erleichterte. Historische Berichte über monetäre Katastrophen wie jene Deutschlands im Jahr 1922, wie sie der Journalist Adam Fergusson in seinem Buch «Das Ende des Geldes» schildert, hinterliessen bei mir einen so tiefen Eindruck, dass ich gewissermassen aus fremder Erfahrung lernte. Unvergessen sind mir die Reportagen, die der junge Ernest Hemingway damals an eine kanadische Zeitung schickte. Ein Fünf-Gänge-Menü im besten Hotel von Kehl kostete 150 Mark, was zum damaligen Kurs kaum mehr als 15 US-Cent entsprach. Oder die Geschichte jenes Bäckermeisters, dessen Laden von jungen Franzosen aus Strassburg überrannt wurde, die «sich mit luftigen, cremegefüllten deutschen Kuchenstücken zu fünf Mark pro Stück vollstopfen, bis ihnen schlecht wird». Die Vorräte der Bäckerei waren in einer halben Stunde ausverkauft. > «Eine gute Theorie hilft, die Wirklichkeit zu erklären. Die Geldtheorie von Ökonomen wie Menger, Hayek oder Mises wurde in Zeiten der Orientierungslosigkeit zu meinem Kompass.» Ein Satz hat sich mir eingebrannt: «Der Besitzer und seine Mitarbeiterin schienen nicht besonders glücklich zu sein, als alle Kuchen verkauft waren. Die Nachfrage war grösser, als sie backen konnten.» ## Wirtschaftstheorie als Rettungsanker Auch die Literatur ist ein Spiegel der Wirklichkeit. Jede Hyperinflation geht mit Devisenkontrollen, Preisregulierungen, Rationierungen lebensnotwendiger Güter, Knappheit, Schwarzmarkt, extremer Armut und vor allem mit Korruption einher – mit sehr viel Korruption. Das kleine Grüppchen an der Macht profitiert stets unverdient. Der Zugang zu Devisen und deren Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt erlaubte es zahlreichen Korrupten, gewaltige Vermögen anzuhäufen. Über Nacht tauchten Kriminelle auf, die sich Unternehmer nannten und über Milliarden verfügten. Der Grossteil der Bevölkerung hingegen musste mitansehen, wie die eigene Arbeit von Tag zu Tag weniger wert war. Dasselbe Gefühl, das der deutsche Konditor hundert Jahre zuvor verspürt hatte, erfasste nun venezolanische Angestellte ebenso wie Selbstständige, alle, die mit Bolívar bezahlt wurden oder handelten. In «Masse und Macht» widmet der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti, der die deutsche Erfahrung nachzeichnet, einen längeren Abschnitt der monetären Entwertung und ihrem unausweichlichen Effekt auf die Persönlichkeit des Menschen, die im selben Mass schrumpft: «Was früher eine Mark war, heisst jetzt 10 000, dann 100 000, dann eine Million. \[Der Mensch\] selbst oder was er immer war, ist nichts, die Million, die er sich immer gewünscht hat, ist nichts. Jeder hat sie. Aber jeder ist nichts.» In Venezuela erreichte die Armut neunzig Prozent der Bevölkerung. Millionen flohen aus dem Land, nach Süden, nach Norden, wohin auch immer. Der Hunger zeigte sich auf den Strassen, wo Menschen im Abfall nach Essbarem suchten. An Mangel zu sterben, an Krankheiten, die anderswo leicht behandelbar sind, war nichts Ungewöhnliches mehr. Es herrschte Verwüstung und extreme Armut – in einem Land, dessen Untergrund die grössten Energiereserven des Planeten birgt. ## Inflation erniedrigt die Menschen Mitten in der nationalen Verunsicherung klammerte ich mich umso entschlossener an meine Lehrtätigkeit, an die Universität, an die Menschen, die mir nahestanden. Was hätte wertvoller sein können, als meinen Studenten und Mitbürgern zu erklären, dass das verheerende Scheitern der Währung nicht unser persönliches Scheitern war? Ich erläuterte, dass Geld ebenso wie das Recht eine fundamentale soziale Institution sei. Ich erklärte, wie es entstand und wie es seiner Natur beraubt wurde, als der Staat es unter seine Kontrolle brachte. Das ungedeckte Papiergeld war in den Händen von Chávez und Maduro. Sie sagten es oft genug: Die Kontrolle über die Devisen folgte keiner wirtschaftlichen, sondern einer politischen Logik. Sie diente als Instrument der Zerstörung und der Kontrolle, um eine Gesellschaft in eine träge Masse zu verwandeln, deren Mitglieder dank eigener Leistung zur Selbstständigkeit bestimmt gewesen wären und hätten aufblühen können. In einem Land, in dem Bildung auf allen Ebenen einem rigiden Staatsmonopol unterliegt und weder Grundbegriffe der politischen Ökonomie noch solche der persönlichen Finanzführung vermittelt werden, bestand mein pädagogisches Anliegen darin, das Vertrauen in das Individuum wiederherzustellen. Die Ideen der Freiheit zu verbreiten, insbesondere im Bildungsbereich, ist zu meinem neuen Lebenszweck geworden. > «Die Kontrolle über die Devisen folgte keiner wirtschaftlichen, sondern einer politischen Logik. Sie diente als Instrument der Zerstörung und der Kontrolle.» Schon bald gründeten wir gemeinsam mit mehreren Studenten eine Organisation, deren Auftrag es ist, die Ideen des Liberalismus zu verbreiten, die Ursachen der Armut zu erklären und Wege aus Verwirrung und Ohnmacht aufzuzeigen. Die Ursachen der Katastrophe offenzulegen und ihre Verantwortlichen zu benennen, wurde zu einem Akt der Selbstbefreiung. Die meisten Venezolaner verstehen inzwischen, warum sie den Albtraum der Hyperinflation durchleben mussten, und wissen, was zu tun ist, um in Frieden und Gerechtigkeit zu gedeihen: mehr individuelle Freiheit, mehr freiwillige Kooperation, weniger Vertrauen in Regierungen und weniger Erwartung von Almosen der Macht. ## Das Vertrauen in das Individuum wiedergewinnen Die Dinge beginnen sich endlich zu ändern. Mit der Festnahme Maduros durch die Justiz der USA wird das kriminelle Regime, das Venezuela verheerte, demontiert und vor Gericht gestellt. Seine führenden Figuren werden ihre unrechtmässig erworbenen Vermögen verlieren. Sie werden mit Gefängnis bezahlen. Ihre Namen werden für die Nachwelt auf einer Liste der Schande stehen. Venezuela wird wieder das «Land der Gnade» sein, wie es Christoph Kolumbus nannte. Jeder Mensch in dieser Gesellschaft, der man ihre elementaren Institutionen geraubt hat, erhält die Chance, wie ein Phönix aus eigener Kraft neu zu erstehen. Der bevorstehende Aufbruch wird getragen von den Lehren aus so vielen Irrtümern und so viel Leid. Die nachrückenden Generationen besitzen dieses enorme Potenzial. Die Jungen wissen, dass die monetäre Verwüstung ein vorsätzliches Verbrechen war. Chávez, Maduro und ihre Komplizen haben sich eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht, wie der argentinische Wirtschaftshistoriker Ricardo Manuel Rojas in seinem jüngsten [Buch](https://www.unioneditorial.net/libro/la-inflacion-como-delito/?ref=schweizermonat.ch) darlegt. Ich habe vielleicht die schlimmste Hyperinflation der Geschichte erlebt, ich habe Schmerz, Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit gesehen. Gerade deshalb bin ich optimistisch. Während die Verbrecher für ihren Wahn zu bezahlen beginnen, sind wir, ihre einstigen Opfer, dank der gewonnenen Einsichten entschlossen, eine Zukunft in Freiheit aufzubauen. ### Im Paradies für Querulanten URL: https://www.schweizermonat.ch/im-paradies-fuer-querulanten/ Last updated: 2026-03-16T15:10:07.000Z Es ist Donnerstagnachmittag, zehn Minuten vor Schulschluss. Am Ende der Englischstunde müssen die Sekundarschüler das Klassenzimmer aufräumen. Das verläuft harzig. Niemand hilft freiwillig einem Mitschüler. Ich bitte Mohammed, einen schlaksigen Türken, einen Besen in die Hand zu nehmen. Das bringt ihn an die Grenzen seiner Frustrationstoleranz. Er beginnt zu maulen. «Das nächste Mal sage ich es jemand anderem», antworte ich ruhig, aber bestimmt. «Nimm den Besen: Wenn du nicht trödelst, bist du in einer Minute fertig.» Widerwillig beginnt er zu kehren. Ein Mitschüler, der zwischen zwei Bankreihen einen Schritt rückwärts macht, touchiert ihn leicht an der Schulter. «Alter, geh weg, du Hurensohn!», schreit Mohammed durchs Zimmer. Ich verfüge über null Tage Ausbildung als Lehrer und habe darum auch nie eine Instruktion erhalten, wie man in solchen Situationen verfahren soll. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass der Steuerzahler mich nicht bezahlt, damit ich im Schulzimmer Wörter wie «Hurensohn» ignoriere. Und ich habe auch keine Lust darauf. Ich fixiere Mohammed eine Sekunde lang mit meinem Blick. Dann tue ich etwas, das, wie ich später erfahren werde, gegen alles verstösst, was im Pädagogiekanon von heute heilig ist. ## «Du bist so gross!» Aber beginnen wir von vorne. Ich bin Ende 30, verheiratet und habe drei Kinder im Vorschulalter. Nach einem BWL-Studium machte ich Controlling in verschiedenen grösseren Firmen, zuletzt bei einer Handelskette. Die machte dann wieder mal eine Restrukturierung, und ich war draussen. Ich fand drei Monate nichts Neues und landete so letzten Frühling auf dem RAV. Keine besonders tolle Erfahrung. Während meines ersten Bewerbungskurses lernte ich über einen Kontakt eine Juristin kennen, die gerade die Quereinsteigerausbildung zur Sekundarlehrerin machte. Sie erzählte mir, wie akut der Lehrermangel im Kanton Zürich wäre. Die Idee, als Lehrer zu arbeiten, reizte mich. Meine Frau meinte, dass das passen könnte – umso mehr, als ich eine «soziale Ader» hätte. Warum also nicht? Auf der Website des Volksschulamtes gibt es Stellenanzeigen en masse. Ich entdecke ein Vikariat an der Sek eines Nachbardorfs: Für fünf Wochen zehn Wochenlektionen, und zwar für die Fächer «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (Geschichte und Geografie), «Bewegung und Sport» (Turnen) und Englisch. Zwei Stunden nachdem ich mein CV abgeschickt habe, erhalte ich einen Anruf von Sarah, der Schulleiterin. Ob ich noch heute vorbeikommen könne? Ich kann. Am späten Nachmittag stehe ich in Sarahs Schulleiterbüro. Mein CV hängt an einem Whiteboard. Sarah ist etwa fünfundvierzig, rothaarig, Business Attire. Schön, dass ich Interesse habe, meint sie. Sie bittet mich, eine Schlüsselquittung zu unterschreiben. Auf mein CV kommt sie nicht zu sprechen, und auch einen Strafregisterauszug verlangt sie nicht. Dafür schaut sie zu mir hinauf, lächelt und stellt mit sonderbarer Befriedigung fest: «Du bist so gross! Wie gross bist du, Beni?» Ich bin 1 Meter 93 gross und darüber hinaus ziemlich gut in Form. Aus meinem CV kann man zudem rauslesen, dass ich relativ viel Zeit im Militär verbracht habe. Genau so jemanden will Sarah, denn sie ist ein Profi. Aber das weiss ich alles noch nicht. Sarah übergibt mich an Jay. Jay heisst eigentlich Jasmin, lässt sich aber «Jay» nennen. Sie ist 26 und hat vor einem Jahr die Lehrerausbildung an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich abgeschlossen. Nun ist sie teilkrankgeschrieben. Es sind ihre Lektionen, die ich übernehmen werde, und sie muss mich nun instruieren. ## «Ich glaube nicht ans Strafen» Jay sieht aus wie die Karikatur einer Queerfeministin: Piercings, pink gefärbte Haare, schwarzer Lippenstift, der Laptopdeckel voll mit Frauenstreikstickern in Genderdeutsch. Jay wiederholt immer wieder, wie toll es sei, Lehrerin zu sein. Schnell wird mir klar: Sie erzählt das nicht mir, sondern sich selbst. Denn zwischen den Liebeserklärungen an den Beruf lädt sie Horrorerlebnisse von querulantischen und respektlosen Schülern bei mir ab, die ihr ganz offensichtlich zu schaffen machen. Ich will wissen, wie sie jene bestraft, die sich grob danebenbenehmen. Sie glaube nicht ans Strafen, antwortet sie. Ihr Ansatz sei mehr so der positive über Loben und Ermutigung. Ich frage mich, ob das ihre persönliche Idee ist oder ob man solchen Stuss an der PH lernt. Und ich denke, dass sie keine drei Jahre als Lehrerin durchhalten wird. Aber ich sage mir auch, dass ich erst mal zu unterrichten beginnen sollte, bevor ich zu (ver)urteilen anfange. > «Sie glaube nicht ans Strafen, antwortet sie. Ihr Ansatz sei mehr so der positive über Loben und Ermutigung.» Gibt es auch in «meiner» Klasse solche Disziplinarprobleme? Eigentlich nicht, meint Jay. Einer habe ein unbehandeltes ADHS, der steige manchmal während der Stunde auf Tische und mache Tierlaute. Und Rico, ja, der sei schon ein wenig mühsam. Er brülle manchmal rum, wenn es ihm langweilig sei, und störe halt öfters mal den Unterricht, diskutiere rum, befolge Anweisungen nicht. Aber eigentlich sei er ein Gescheiter. Für meine Grünhornohren klingt das unglaublich. Um die Unterrichtsplanung muss ich mir erst mal keine Gedanken machen. In «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG) soll die Klasse noch zwei Doppelstunden ein Plakat zum Thema Gewerkschaften gestalten, und zwar in Gruppen. Im Englisch habe die Klasse «überhaupt keine Lust». «Mach einfach mit dem Lehrmittel weiter. Wenn sie nicht arbeiten, schau halt einen Film mit ihnen oder mach ein Spiel.» Im Sport habe ich zwanzig Jungs, «die wollen eh nur Fussball spielen». Das klingt alles mehr nach Hort als nach Schule und vor allem nicht nach dem teuersten Bildungssystem der Welt. Aber mir soll’s recht sein. Schwieriger ist die Frage, wie ich vor die Klasse treten soll. Ich beschliesse, mich so zu geben, wie die Lehrer waren, die ich in bester Erinnerung habe: wohlwollend, engagiert – und streng. ## «gewerckschafter waren Ehrenmänner» Meine erste Lektion ist eine Doppelstunde RZG. Der Auftrag ist simpel: Gemäss Jays Instruktion muss ich die Schüler, die 90 Minuten an ihren Plakaten arbeiten werden, «begleiten». Will heissen: rumgehen, eventuelle Fragen beantworten und «bei der Recherche unterstützen». Ich schliesse das Schulzimmer auf, schreibe meinen Namen an die Wandtafel und warte. Langsam tauchen die Schüler auf. Niemand kommt mich begrüssen oder fragt nach meinem Namen. Eine Minderheit sagt «Grüezi». Als es klingelt, sind etwa zwei Drittel der Klasse im Zimmer. Die andern schlendern nach und nach rein, schwatzend. Nach drei Minuten schliesse ich wortlos die Türe, stehe vor die Tafel und sage: «Guten Nachmittag zusammen. Mein Name ist Herr Iten. Ich werde ab sofort in gewissen Fächern Frau Messmer vertreten. Es gibt bei mir genau eine Regel: Ihr werdet euch anständig verhalten, und zwar ausnahmslos.» > «Als es klingelt, sind etwa zwei Drittel der Klasse im Zimmer. Die andern schlendern nach und nach rein, schwatzend» Betretene Blicke, aber keine Fragen oder Opposition. Offenbar kann sich jeder und jede eine Vorstellung davon machen, was mit «anständig verhalten» gemeint ist. Umso besser. Ich gehe von Gruppe zu Gruppe, schaue mir die einzelnen Plakate an. Eine Mädchengruppe hat in den letzten beiden Doppelstunden ein ausgestaltetes Plakat hingekriegt, das nach Sekundarschule aussieht. Die anderen Plakate sind praktisch leer, gestalterisch auf Kindergartenniveau und schwindelerregend halbanalphabetisch. *«Die Gewerkchaften wollten dass die löhne mehr fair verteilt sind»* *«Es gab auch eine christlichen Gewerkschaft»* *«Gewerkschaften Kämpfen für die rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter.»* *«gewerckschafter waren Ehrenmänner»* Ich gebe mein Bestes, um meine Überraschung zu verbergen. Mein Schulhaus arbeitet mit sogenannten niveaudurchmischten Klassen. Sek-, Real- und Oberschüler (Neusprech für A-, B- und C-Schüler) werden zusammen unterrichtet. In meiner Klasse sind gut zwei Drittel A-Schüler, der Rest ist B. Gerade mal 4 von 19 Schülern reden zu Hause nicht Deutsch. In einem Jahr sollten die eine KV-, Informatik- oder Polymechanikerlehre im Sack haben. Echt jetzt? ## «Ich ficke deine Kinder!» Der Vorfall mit Mohammed findet in meiner zweiten Schulwoche statt. In der Sekunde, in der ich ihn wortlos anstarre, kommt mir nichts in den Sinn, das dagegenspricht, genau so zu reagieren, wie ich finde, dass eine derartige Wortwahl gebietet. «Hast du Fieber?», herrsche ich ihn in einer Lautstärke an, die nur knapp unter dem Level Kaserne liegt. «Das hast du das erste, das letzte und das einzige Mal gesagt! Das nächste Mal kannst du was erleben!» Ich sehe, dass er protestieren will, aber ich unterbreche ihn sofort. «Ich will nichts mehr von dir hören! Nimm den Besen und wisch dein Zeug, verstanden?» Nicht nur Mohammed, sondern die ganze Klasse räumt in bemerkenswert sachlicher Stimmung auf, und es wird das einzige Mal bleiben, dass ich in dieser Klasse das H-Wort höre. Gemessen an der Wirkung war meine Reaktion also ein Erfolg. Gemessen an den geltenden pädagogischen «Best Practices» hingegen reagierte ich, wie ich noch erfahren werde, völlig falsch. Im grossen Ganzen gibt es in Bezug auf Autorität heute nämlich zwei Camps in der Pädagogik. Das eine lehnt Autorität per se ab und redet nicht mehr von Lehrern, sondern von «Lerncoachs» und «Lernbegleitern». Das andere Camp ist das der sogenannten «Neuen Autorität». Dieses Camp hält Autorität als solche zwar nicht für überholt, erachtet das Zeigen von Emotionen aber als deplatziert. Zum Ideallehrer der «Neuen Autorität» gehört, dass er *immer* ruhig bleibt. Nachdem ich die Klasse entlassen habe, gehe ich ins – sehr stilvoll möblierte und üppig ausgestattete – Lehrerzimmer. Es ist leer. Als ich mich mit einem Espresso auf ein Sofa niederlasse, kommt Veronika rein. Veronika ist etwa gleich alt wie Sarah und Fachlehrerin für Natur und Technik. «Kommst du zurecht?», fragt sie mich, ehrlich interessiert. «Ja, danke. Nur hat grad einer ‹Hurensohn› gesagt vorhin – unglaublich.» «Hat er es *zu dir* gesagt?» «Natürlich nicht», lache ich. Dann erst realisiere ich, dass sie wohl nicht umsonst fragte. Ob es denn vorkomme, dass ein Schüler so was zu einem Lehrer sage, erkundige ich mich. Sie nimmt ihren Tee und setzt sich ebenfalls. Sie arbeite seit gut zwei Jahren an dieser Schule. Ich sei der elfte oder zwölfte Vikar für diese Klasse in neun Monaten. Einer sei gegangen, nachdem ihm Schüler ins Gesicht gefurzt hätten. Im Januar habe ein Drittklässler einer Französischlehrerin «Ich ficke deine Kinder!» gesagt, als sie ihn wegen einer Sachbeschädigung zur Rede stellte. Der habe dann für zwei Wochen einen Schulverweis bekommen. Der Lehrerin gehe es nicht mehr so gut. Ebenfalls in dieser Klasse habe ein Schüler einen anderen krankenhausreif geschlagen. Die Polizei habe den gleich im Unterricht geholt, richtig ruppig, das sei super gewesen. Der sei dann in die Sek im Nachbarsort umgeschult worden. Und Jay habe die Mehrheit ihrer Stunden ja auch schon wieder abgegeben, obwohl sie erst seit dem Sommer hier sei. Schon vor Corona sei es mühsam gewesen, aber seither sei es einfach nur noch bedenklich und werde immer schlimmer. Es komme natürlich auch auf die Schulleitungen an, aber die meisten schauten einfach nur zu. Jeder dieser «Siechä» kriege hundert Chancen, bis etwas passiere. Aber allgemein sei es an dieser Schule okay, an ihrem letzten Arbeitsort sei es schlimmer gewesen. Ich sage, was ich denke: «Für solche Ausfälligkeiten sollte man einem Schüler eine runterhauen können.» Veronika nimmt einen Schluck Tee. «Ja, vielleicht nicht grad eine runterhauen …», entgegnet sie. Aber ihr Protest ist matt, pro forma. ## «Mit diesem Scheiss kannst du nicht unterrichten» In den ersten drei Wochen verläuft der Unterricht eher harzig. Die Klasse begehrt zwar nicht auf, aber ich merke, dass sie nicht gerne zu mir kommt. Und wenn ich mit dem Geschichtslehrmittel in der Hand ihnen irgendwas zu vermitteln versuche, dann sehe ich: Die meisten wissen nicht, was ich will. Sie hängen ab. Als mich die Schulleitung in der fünften Woche fragt, ob ich noch zwei Monate weitermachen wolle, sage ich dennoch mit Freude zu. Denn inzwischen sind zwei entscheidende Dinge passiert. Zum einen habe ich das Geschichtslehrmittel längst in den Schrank verstaut. Noch in der dritten Woche klage ich nämlich mal an einem voll besetzten Mittagstisch, dass es mir schwerfalle, «Gesellschaften im Wandel» sinnvoll zu verwenden. Ich erhoffe mir Tipps, ernte aber bloss mitleidige Blicke. Dass dieses Lehrmittel unbrauchbar ist, ist offenbar Konsens. Werner – knapp sechzig, weisser Schnauz, Kurzarmhemd, Vollblutreallehrer – schaut von seinem Tupperware auf und drückt es wie folgt aus: «Mit diesem Scheissdreck musst du auch nicht meinen, unterrichten zu können.» Ich frage in die Runde, wie es denn mit den übrigen Lehrmitteln aussehe. Das einzige Lehrmittel, das einen bedingungslosen Tauglichkeitsstempel erhält, ist das für Mathematik. Auch ich werde es noch schätzen lernen. Den Rest der Mittagspause verbringe ich in Werners Klassenzimmer. Er erklärt mir mit dem Feuer eines Menschen, dem daran liegt, jeden Tag sein Bestes zu geben, sein eigenes Geschichtsmaterial. Es basiert auf Frontalunterricht und der Schauspielkunst des Lehrers. Das Ziel ist, die Geschichte anhand von Bildern und Erzählungen zum Leben zu erwecken. Ich versuche seine Methode. Ich bereite mich gründlich (und viel aufwändiger, als eigentlich verlangt wäre) vor, halte fünfzehn-, zwanzigminütige Vorträge, gestikuliere mit Stimme und Körper. Wie viel die Schüler lernen, kann ich nicht abschätzen. Aber sie geniessen die Zeit des Zuhörens sichtlich, und sie haben immer eine Menge Fragen. Und die Beziehung zu mir verbessert sich. Kinder und Jugendliche – das wird einem jeder Lehrer bestätigen – sind Meister darin, zu spüren, wer wie viel Energie in seinen Unterricht steckt. Und je mehr man reinsteckt, desto grösser ist die Wertschätzung, die man zurückbekommt. ## «Achtung, Grenadier!» Noch wichtiger dafür, dass die Schüler und ich einander schon nach wenigen Wochen ein wenig ans Herz gewachsen sind, ist aber ein Moment im Turnunterricht. In der dritten Woche heisse ich sie zu Beginn der Stunde ein wenig gedankenabwesend: «Kommt einmal ins Daher!» Natürlich weiss niemand, was das ist. Ich erkläre, dass es ein Ausdruck aus dem Militär sei, und werde mit grossen Augen gefragt, ob ich in der Armee gewesen sei. Ja, sage ich und werde damit augenblicklich zum Exotikum. Einer will wissen, wo ich dann gewesen sei. Bei den Panzergrenadieren, antworte ich. Am nächsten Tag bildet sich vor dem Unterrichtsbeginn eine Traube Jungs um mein Pult. Die Panzergrenadiere, das seien ja Special Forces*,* meint einer, er habe das im Internet nachgeschaut. Sie haben Fragen über Fragen. Mit welchen Waffen darf man schiessen? Lernt man da auch Nahkampf? Ist es hart? Ich frage, wen es interessiere. Die meisten Jungs strecken auf und sogar zwei Mädchen. Also streiche ich die erste Viertelstunde der Lektion und gebe Auskunft. Nicht über Sturmgewehrtypen, sondern über den Dienst, das Dienen, über die Erfüllung, die man spürt, wenn man eine schwierige Aufgabe meistert. Und ich lasse durchblicken, dass ich es für ein Privileg halte, in der Schweiz zu leben, dass ich grundsätzlich ein sehr positives Verhältnis zu meinem Land habe und der Meinung sei, dass die Schweiz für die meisten Leute immer noch unglaublich viele Möglichkeiten biete – dass man hier etwas machen und etwas werden könne, wenn man denn wolle. Ab dieser Stunde ist der Unterricht merklich anders. Die Schüler erlauben sich immer noch viel weniger als bei anderen Lehrern, aber es ist nun weniger aus Angst oder aus ablehnender Passivität als aus positiver Anerkennung meiner Autorität. Wenn ich über den Pausenplatz gehe, machen sich einige einen Spass daraus, «Achtung, Grenadier!» zu rufen. Sie provozieren damit, aber ich spüre, dass es keine feindselige Provokation ist, im Gegenteil. Sie suchen die Bindung. Manchmal lache ich, manchmal winke ich, manchmal rufe ich: «Hiiiiiier!» ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/63_half_7_b.jpg) Illustration von Johan Keslassy. Die Schulleitung und die meisten Lehrerinnen und Lehrer mögen mich. Meine Autorität ist ein Asset für den ganzen Trakt. Wenn ich die Treppe hochkomme, wird es gleich ein wenig leiser und gesitteter. Bei der Klasse, die ich unterrichte, nehmen Regelverstösse ab, und auch das Verhalten der Schüler untereinander wird ein wenig zivilisierter. Warum das so ist, darüber sind sich die erfahrenen Lehrer einig: «Du nimmst sie ernst, du bereitest dich vor, du hast eine klare Linie und du hast einen Plan für sie. Genau darauf kommt es an.» Nach drei Monaten ist Schluss. Jays Teilkrankschreibung endet. In der letzten Schulstunde lasse ich die Klasse anonym Feedback zu mir und zu meinem Unterricht geben. Viele lobende Worte erhalte ich unter anderem von Mohammed (ich kenne seine Schrift mittlerweile). Als ich einen Tag später mein Notebook und meinen Schlüssel zurückbringe, kommt Kevin über den Pausenplatz zu mir. Er ist das grösste Sorgenkind der Klasse. Der Vater in Südamerika, die Mutter mit wechselnden Partnern lebend, Alkohol ein grösseres Thema. Er selbst hat schon einen schriftlichen Verweis kassiert. Manchmal ist er bereits morgens sichtlich bekifft. Nun sagt er, er finde es so schade, dass ich gehe, und eigentlich habe er mir noch ein Geschenk geben wollen. Ich weiss einen Moment gar nicht, was ich sagen soll. «Du musst mir kein Geschenk geben», antworte ich dann väterlich. «Das grösste Geschenk für mich ist, wenn du dein Zeug machst und eine gute Lehrstelle findest.» ## «Wie willst du denn eine einzelne Klasse überhaupt noch kontrollieren?» Der Lehrerberuf lässt mich nicht los. Nach den Sommerferien melde ich mich für ein dreiwöchiges Vikariat in einer grösseren Gemeinde im Limmattal. Es ist eine Sek und eine sogenannte QUIMS-Schule. «QUIMS» ist die Abkürzung für «Qualität in multikulturellen Schulen» und steht in der Kantonalzürcher Bildungsbürokratie für «Ghetto». QUIMS-Schulen haben ein Einzugsgebiet mit überdurchschnittlich vielen Nichtmuttersprachlern, Ausländern, «Bildungsfremden», Kindern von Sozialhilfebezügern etc. Ich soll einer dritten Sek (ebenfalls niveaudurchmischt) Deutsch, Englisch und «Religionen, Kulturen, Ethik» geben. An dieser Schule gibt es sogenannte «Lernateliers». Klassenzimmer sind abgeschafft. Es gibt nur noch «Input-Zimmer», in denen die Schüler kurz beschult werden zu einem Thema. Den Rest der Zeit sind sie in den «Ateliers», wo sie selbstständig weiterarbeiten sollten. Pro Atelier, in dem etwas vierzig Schüler aus verschiedenen Klassen arbeiten, haben jeweils zwei Lehrpersonen «Atelierdienst». Das heisst: Sie stehen am Eingang des Zimmers an Stehpulten und spielen Aufpasser. In den Lernateliers wird nichts gelernt. Etwa 80 Prozent der Schüler vertrödeln sich die Zeit mit Musikhören, Schwatzen und gegenseitigem Piesacken. Ich frage eine Lehrerin – etwa 35, ehemalige Journalistin eines sehr linken Medienhauses, nun in der Seklehrer-Ausbildung –, was der Sinn dieser Ateliers sein soll. «Wie willst du denn eine einzelne Klasse überhaupt noch kontrollieren?», fragt sie zurück. «Das geht doch gar nicht mehr. Darum wurde das so gelöst.» Es ist die einzige Schule, die ich sehen sollte, die einen Lehrkörper mit klarem Linksdrall hat. Und den Grund dafür muss ich nicht lange suchen: Es reicht, der Reggae-Musik zu folgen, die auf dem Korridor zu hören ist. Diese dringt aus dem Schulleiterbüro, dessen Türe immer geöffnet ist. Und in diesem Büro sitzt Urs, wohl kurz vor der Pensionierung, untersetzt, Hawaiihemd, Sandalen und in irgendeinem Hippie-Traum hängengeblieben. Mein sechsjähriger Sohn hätte keinen Respekt vor ihm, und ich könnte es ihm nicht übelnehmen. ## «Mit dem Imam haben wir es jetzt u lässig» Nach einigen weiteren Kurzvikariaten entdecke ich ein Inserat, in dem ab sofort eine Vertretung für einen Klassenlehrer einer siebten «B» gesucht wird. Ich soll alle Fächer ausser Kochen und Musik unterrichten, «bis auf Weiteres». Der Arbeitsort: eine jener Gemeinden zwischen Zürich und Baden, in die kein Westler mehr freiwillig hinzieht. Schulhaus natürlich QUIMS. Ich rufe bei der Schulleitung an und erfahre durch die Blume: Die Klassenlehrerin, eine gewisse Frau Heller, ist krankgeschrieben und wird sicher vier, fünf Monate nicht mehr erscheinen. Dass ich keine Lehrerausbildung habe und kein Französisch spreche, stört die Schulleiterin nicht. Im Gegenteil: Sie würde sich freuen, wenn ich möglichst rasch vorbeikäme. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie «begehrt» die Stelle ist. Meine Referenzen sind gut. Ich weiss, dass ich nur Ja sagen muss, um angestellt zu werden. Vor dem Vorstellungsgespräch habe ich ergoogelt, dass die Schulleiterin bei den Grünen Lokalpolitik macht. Dementsprechend behutsam erkundige ich mich, wie es denn aussehe mit Gewalt, Diskriminierung, Homophobie, Antisemitismus, Respektlosigkeiten. Und gibt es Probleme mit dem Islam? Sie antwortet, dass sie eine Nulltoleranzpolitik fahre in Bezug auf Gewalt (was, wie sich herausstellt, gelogen ist), es keine Probleme mit Frauenfeindlichkeit gebe (gelogen), auch nicht mit Schwulenhass (gelogen) und Antisemitismus (gelogen) sowie respektlosem Verhalten (gelogen). ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/65_half_5_b.jpg) Illustration von Johan Keslassy. In puncto Islam, sagt sie, habe es in den vergangenen Jahren immer ein paar gegeben, die «ein wenig provozieren» wollten, besonders während des Ramadans. Sie weigerten sich zu singen, verlangten, dass keine Musik abgespielt werde im Schulhaus, dass nichtmuslimische Schüler ebenfalls nichts ässen. Sie begannen während der Pause in den Gängen des Schulhauses zu beten, vereinzelt sogar während des Unterrichts. Aber seit sie jetzt mit dem Imam der örtlichen albanischen Moschee zusammenarbeite, sei es «u lässig». Der sage ihr nämlich, was die Schüler wirklich müssten während des Ramadans und was «eine extremistische Auslegung des Korans» sei. Und auf den Imam hörten eben die meisten Schüler und auch die Eltern. Darum habe sie jetzt so einen Leitfaden gemacht für die Lehrpersonen, ich könne den auch haben. Dort stehe auch drin, für welche islamischen Feste die Muslime schulfrei erhielten. Es gibt im Kanton Zürich keine einzige staatlich anerkannte islamische Gemeinde. Islamische Gemeinden stehen damit ordnungspolitisch auf derselben Stufe wie ein Modellflugzeugverein. Wieso kommt es einer Behörde in den Sinn, für Ramadan und was weiss ich Schuldispense zu gewähren? Aber das frage ich nicht, sondern lächle nur freundlich – die Schulleiterin ist wie gesagt bei den Grünen. ## «Ich lerne bei Ihnen viel besser» Ich werde insgesamt fünf Monate an dieser Schule sein. Von den achtzehn Schülerinnen und Schülern sind drei Schweizer, zehn Albaner beziehungsweise Kosovaren, zwei Türken, ein Afghane, ein Brasilianer und ein Schüler aus der Dominikanischen Republik. Die meisten sind schulisch extrem schwach, aber schulische Schwäche – das lerne ich hier – hat nichts mit der Fähigkeit zu tun, Menschen einzuschätzen. Zuerst – ganz wie in meiner ersten Schule – hassen sie mich, weil sie spuren müssen. Doch sobald sie merken, dass ich nicht aus Sadismus handle, sondern im Gegenteil, weil ich sie mag und will, dass aus ihnen was wird, wird ihre Haltung mir gegenüber positiv. Ins Bildnerische Gestalten am Freitagnachmittag nehme ich manchmal meine vierjährige, extrem kontaktfreudige Tochter mit, die alle amüsiert. Statt Psychologenblabla in den Klassenstunden gehe ich mit ihnen mal eine Wurst bräteln in den nahen Wald (die wenigsten wissen, wie man ein Feuer macht). Als Frau Heller nach fünf Monaten wieder einsteigt, ist mir die Klasse richtig ans Herz gewachsen. Und ich zumindest einem Teil von ihr auch. Zum Abschied kommen zwei der grössten Angeber zu mir, die ich am Anfang am meisten schleifen musste. Sie würden mich vermissen, sagen sie mir, und bedanken sich für die Zeit. Wieder bin ich etwas sprachlos. Aber noch viel mehr aus dem Konzept bringt mich Lorina, eine stille, fleissige Albanerin, deren Ziel es ist, in die Sek A zu wechseln. Sie passt mich im Gang ab, als niemand in der Nähe ist: «Sie, kann ich Sie etwas fragen und Sie sagen es niemandem in der Klasse weiter?» «Ja, klar», sage ich. «Könnten Sie Frau Heller bitte fragen, ob sie nicht genau so streng sein könne wie Sie? Ich lerne bei Ihnen viel besser.» Ich bin gerührt und verspreche, es zu tun. Im Schulzimmer ergab sich, wie gesagt, schon bald so etwas wie Normalität und dann sogar viel Positives. Aber das kann über das Unerwartete, Extreme und Alarmierende nicht hinwegtäuschen, das ich in diesen Monaten erlebt habe. Ein Element ist die Islamisierung. «Offiziell» ist die Schweiz ja auch in dieser Hinsicht eine Insel der Glückseligen. Wer Politik und Medien hört, der weiss: Zustände wie in Deutschland, Frankreich und so weiter gibt es bei uns nicht. Wer an Schweizer Schulen arbeitet, weiss hingegen: In fünf oder zehn Jahren wird die Sache ganz anders aussehen. Muslimische Familien haben mehr Kinder als westliche. In der schulischen Verwaltungssoftware lässt sich einsehen, wer wie viele schulpflichtige Geschwister hat. Bei den Schülern mit Schweizer Namen ist es selten mehr als eines. Bei den Albanern und Türken sind drei oder vier Kinder die Norm. Aus diesem Grund wird sich das Problem automatisch verschärfen, ohne dass irgendjemand dafür aktiv etwas tun muss. Zudem wird der Islam immer konservativer ausgelegt. Gerade der albanische Islam galt lange als gemässigt; im Kosovo sind Kopftücher an Schulen verboten. Aber in der Diaspora sieht es zunehmend anders aus. Niemand isst Schweinefleisch, die meisten fasten am Ramadan, viele Familien sind freitags in der Moschee. Diese Art Religiosität ist nicht mit der christlichen vergleichbar. Gläubige Christen kennen die Bibel – diese Jugendlichen hingegen haben keine Ahnung von den Inhalten ihres Glaubens. Wer ist Allah? Wer war Mohammed? Was steht im Koran? Sie können allenfalls bruchstückhafte Antworten geben. Aber sie können lange, auswendig gelernte Beschreibungen hersagen, welche Frucht im Paradies wie schmeckt, wenn man in sie reinbeisst. Und sie reden dann mit derselben Sicherheit, mit der man feststellt, dass Wasser nass ist. Noch genauer als über das, was im Paradies sein wird, wissen sie aber, wie es auf Erden läuft. Der Islamische Staat? Eine Verschwörung gegen die Muslime. 9/11? Ebenfalls. Der blutigste Krieg der Weltgeschichte? Der «Genozid» in Gaza. Israel? Dreckige Juden, die Muslime töten wollen. (Ich sehe bei verschiedenen muslimischen Schülern, wie sie Hefte und Blätter fast schon unbewusst mit Palästinaflaggen und irgendwelchen arabischen Schriftzeichen vollkritzeln.) Homosexualität? Gibt es nur bei den verdorbenen Ungläubigen. Und Frauen? Was sie über Frauen denken, darüber reden sie am wenigsten. Aber es wird auch so klar. Man muss als Lehrer nur mit einer Lehrerin im Gang stehen und warten, bis Pause ist. Früher oder später wird ein Moslem an einem vorbeigehen und einem freundlich die Hand reichen, um zu grüssen – während er die Lehrerin keines Blickes würdigt. Und wie es mit den Lehrerinnen ist, so ist es mit den Schülerinnen. Ein Werklehrer, der dreissig Jahre Unterricht hinter sich hat, sagt mir unter vier Augen auf den Islam bezogen: «Das wird uns alles noch um die Ohren fliegen.» Er ist nicht etwa der einzige SVP-Wähler im Lehrerteam, sondern das einzige noch verbleibende SP-Mitglied. ## «Islam seeeeehr wichtig für sie» Ich mag die Klasse bis auf zwei Sonderfälle. Der erste ist Ali, ein afghanischer «Flüchtling». Er ist sicher drei Jahre älter als der Rest der Klasse und hat ein klitzekleines Problem mit Mädchen. Es macht ihm Spass, auf sie zuzugehen, die Faust aufzuziehen und so zu tun, als schlage er ihnen ins Gesicht. Wenn sich die Mädchen dann wegducken, lacht er. Eine Eskalation zwischen mir, der das nicht dulden will, und der Schulleiterin, die mir was über seine «Fluchtgeschichte» doziert, bahnt sich an. Die Sache löst sich auf, indem Ali verhaftet und bis zu meinem Weggang nicht wiedergesehen wird. Eine wirkliche Eskalation gibt es dann mit den Eltern von Fatima, einem türkischen Mädchen. Fatima kommt eines Tages plötzlich mit dem Kopftuch zur Schule, und ein paar Tage später weigert sie sich morgens, mir die Hand zu geben, weil der Koran ihr das verbiete. Ich versuche es mit Vernunft und frage sie: «Was ist, wenn die Bibel mir verbietet, dir faire Noten zu geben?» Es nützt nichts. Sie bleibt stur. Ich schicke sie nach Hause. Das wiederum bringt die Eltern auf den Plan. Sie gehen zur Schulleitung, und die Schulleiterin nimmt für die Eltern Partei. Wieso, erklärt man mir im Lehrerzimmer: Sie hat Angst vor renitenten Eltern – vor allem, wenn sie aus dem Balkan oder südlich davon kommen. Jedenfalls wird ein Elterngespräch verabredet: Neben der Schulleiterin und mir soll auch der Schulische Heilpädagoge (SHP) der Klasse und die Schulische Sozialpädagogin teilnehmen. Dies darum, weil Fatima eine sogenannte IF-Schülerin ist und zudem null Impulskontrolle hat. IF bedeutet «individuelle Förderung». Fatima ist sogar in dieser schwachen B-Klasse unfähig, mitzuhalten. Ihr Leseverständnis ist auf dem Niveau eines Drittklässlers. Sie ist demotiviert, kommt sehr häufig zu spät und macht die Hausaufgaben meistens nicht. Obwohl sie in der Schweiz geboren ist, kann sie im Deutschunterricht den Unterschied zwischen den verschiedenen Wortarten nicht verstehen. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/03/68_half_8_b.jpg) Illustration von Johan Keslassy. Das System Volksschule deckt dieses Problem mit «Ressourcen» zu, das heisst mit Geld. Für Fatima und noch drei weitere IF-Schüler ist der Klasse ein Schulischer Heilpädagoge zugeteilt, der neun Lektionen pro Woche anwesend ist und mit den Schülern quasi privat übt. Er ist besser bezahlt als der Klassenlehrer selbst: In der Sekundarschule kriegen die SHP den Schulleiterlohn, das heisst im Kanton Zürich je nach Erfahrung zwischen 112 000 und 182 000 Franken pro Jahr. Und weil Fatima auch noch deutliche Defizite im Sozialverhalten hat – so schmeisst sie zum Beispiel bei Frustration mit Dingen um sich und kann wie eine Fünfjährige zu kreischen beginnen –, ist neben dem SHP auch noch eine Schulische Sozialpädagogin (SSP) involviert, die mit Fatima im 1:1 an ihrer sozialen Entwicklung arbeitet. (Dazu kommt: Vor allem weiblichen Lehrern sind neben den SHP in B-Klassen auch oft noch männliche Klassenassistenten zugeteilt. Diese sind kommunal angestellt und verdienen weniger als Lehrer. Ihre Aufgabe besteht neben der administrativen Unterstützung der Lehrerin oft auch einfach darin, Präsenz zu markieren.) Das Gespräch findet im Büro der Schulleitung statt, auf Wunsch der Eltern um 17.30 Uhr. Was die arbeiten, frage ich Andrea, die SSP. Die Antwort: Nichts. Der Vater war mal auf dem Bau, jetzt bezieht er IV; zusätzlich kriegen sie Sozialhilfe. Neben dem SHP, der SSP und mir muss die Schulleiterin auch eine Übersetzerin aufbieten. Der Vater redet gebrochen Deutsch, die Mutter gar nicht. Der Vater ist ein kleines, hageres Männlein mit buschigen Augenbrauen, das nach Zigarettenrauch stinkt. Die Mutter ist dick und laut, aber – für mich überraschend – ohne Kopftuch. Kaum eröffnet die Schulleiterin das Gespräch, wird sie von der Mutter unterbrochen, die zu keifen und zu gestikulieren beginnt. Die Übersetzerin hat keine Chance, den Redeschwall irgendwie zu übersetzen. Offenbar will die Mutter klarstellen, dass sie nicht wegen Fatimas Problemen hierhergekommen sei, sondern wegen mir. Und nur über mich wolle sie reden. In der Schweiz herrsche Religionsfreiheit; ich als Christ hätte kein Recht, ihrer Tochter das Christentum aufzuzwingen, und wenn Fatima Probleme habe, dann sei das nur wegen Lehrern wie mir. Die Schulleiterin ist überfordert, will beschwichtigen, aber das gelingt ihr nicht. Der Vater beginnt nun auch noch, auf sie einzureden: «Fatima is Müslimin. Islam seeeeeehr wichtig für sie. Wenn wegen Islam Probleme, wir sofort müsse komme!» Ich schaue die SSP an. Sie versteht meinen Blick genau richtig: Sie soll für mich reden, denn ich will schweigen. Dies darum, weil ich innerlich derart koche, dass, würde ich meinen Mund auftun, etwas im Stil von «Schnauze halten» und «sich verpissen» rauskommen würde. Das Gespräch endet, wie es enden muss. Die Schulleiterin kapituliert, Fatima muss mir die Hand nicht mehr geben, aus «Verhältnismässigkeitsgründen». Andrea und ich gehen zusammen zum Parkplatz. Ich bin aufgebracht. Mir will nicht in den Kopf, warum sich die Schule so etwas gefallen lässt und warum sie sich so etwas gefallen lassen sollte. Andrea ist keine Freundin der Schulleiterin und ihren islamophilen Anwandlungen, im Gegenteil. Trotzdem nimmt sie sie nun etwas in Schutz. Die Sache ist die, dass Schüler nicht ausgeschult werden können. Wenn man sie von der Regelschule ausschliesst, dann muss ihnen der Steuerzahler einen Platz an irgendeiner Sonderschule bezahlen, der sehr schnell hohe fünfstellige Beträge pro Jahr kosten kann. Und wenn sich der Schüler in der Sonderschule so danebenbenimmt, dass er sogar dort untragbar wird, dann muss man Einzelunterricht mit ihm machen. Es gebe nichts, erklärt mir die SSP, mit dem ein Schüler sein Recht auf neun Jahre Unterricht an der Volksschule verspielen könne. «Das heisst, es lohnt sich, möglichst querulantisch zu sein?», frage ich. «Genau das heisst es», bekomme ich als Antwort. Und weil es sich lohnt, querulantisch zu sein, ist Beschwichtigung und das Zudecken von Problemen mit Geld nur allzu oft die valabelste Strategie für das Schulsystem. Zu den Klassenassistenzen, SHP, SSP, Schulsozialarbeitern und zig externen Präventions- und Interventionsstellen können im privaten Bereich noch Sozialarbeiter, Beistände, Familiencoachs, Jugendcoachs und was weiss ich noch alles dazukommen. Das ist auch darum so, weil es offenbar einen gut belegten Zusammenhang zwischen der Einstellung der Eltern gegenüber der Schule und jenem der Schüler gibt. Kooperieren die Eltern, kann man fast jeden Schüler auf die Spur bringen. Blockieren die Eltern, eskaliert das Verhalten des Schülers regelmässig. ## «Die PH ist eine Sekte» Geht es um den Islam und die Einwanderung, staune ich immer wieder: Selbst von Lehrerinnen und Lehrern, die gendern und Tesla fahren, höre ich regelmässig Aussagen, die ich bis anhin nur von Hardcore-SVPlern erwartet hätte. Mit der Islamisierung müsse «Schluss sein»; denen müsse man «zeigen, wo der Hammer hängt»; es herrsche hier «eine christliche Kultur»; «wem es nicht passt, der soll abhauen, die Grenzen sind offen» – und überhaupt: «Geht es uns eigentlich noch mit dieser ständigen Nachgeberei?» Berichten die Medien über Ausländerkriminalität, können an Lehrerzimmertischen durchaus Ausdrücke wie «Pаck», «Gfotz» und «Gesindel» fallen. Dieselbe stramme Rechtsbürgerlichkeit herrscht, wenn es um Themen wie Anstand, Benehmen, Sorgfalt, Fleiss, Rücksichtnahme, Medienkonsum oder Handygebrauch geht. Niemand hat irgendwas übrig für Kuschelpädagogik. Regeln, Grenzen, Struktur – das ist es, was Kinder brauchen! In mehreren Schulhäusern höre ich von Lehrern, die das Ohrfeigenverbot umgehen, indem sie outsourcen: Sie sagen Schülern, zu denen sie einen guten Draht haben, durch die Blume, dass, sollten sie einen bestimmten Flegel auf dem Schulweg ein bisschen drannehmen, es sein könne, dass der Vorfall nirgends rapportiert würde. Und die Schüler verstehen, was gemeint ist. Je weiter das Thema aber von ihrem Berufsalltag entfernt ist, desto linker sind viele Lehrer (noch). Der Klimawandel ist bei vielen ziemlich weit oben auf der Sorgenliste. Grosskonzerne haben einen schweren Stand, ebenso wie die USA, der Kapitalismus oder die Autobahnen (obwohl viele Lehrer mit dem Auto in die Schule kommen und gerne in die Ferien fliegen). Neben der politischen Verortung vieler Lehrer gibt es eine zweite Sache in Bezug auf ihre Weltsicht, die mich überrascht. Es ist ihre Haltung zur PH. Wenn ich sage, dass achtzig Prozent der Lehrer eine dezidiert ablehnende Haltung gegen die PH und deren Lehrgänge haben, dann untertreibe ich wahrscheinlich. Das Standardurteil ist: Die PH ist pseudowissenschaftlich, weltfremd, bürokratisch, ideologisch verbrämt und sie bereitet einen keinesfalls auf die Realität an den Schulen vor. An einem Teamtag sagt ein etwa dreissigjähriger Junglehrer: «Die PH ist eine Sekte!» Er erhält rundherum Zustimmung. ## Was bleibt? Auf der persönlichen Ebene schaue ich mit ein wenig Wehmut auf meine Zeit an der Volksschule zurück. Viele Schüler sind mir ans Herz gewachsen; ich habe mehr Verständnis und Achtung für den Lehrerberuf, als das vorher der Fall war. Auf der politischen Ebene ist mir erstens bewusst geworden, welch ein zentraler Ort die Volksschule für unsere Zukunft ist. Zweitens bin ich in migrationspolitischen Fragen – und vor allem, was den Islam betrifft – deutlich nach rechts gerutscht. Vorher war ich mir nicht sicher, ob die SVP übertreibe. Nun finde ich, sie gehe nicht weit genug. Muslimische Männer sollten – wenn überhaupt – nur noch in Ausnahmefällen Asyl erhalten. Wenn wir die Schweiz als westlich-zivilisiertes Land erhalten wollen, müssen wir jetzt die Notbremse ziehen, denn die Sache ist ein Nullsummenspiel: Je mehr Islam, desto weniger «wir». Drittens sollten die Pädagogischen Hochschulen ins Fadenkreuz jeder auch nur halbwegs bürgerlichen Partei und Organisation genommen werden. Bildung ist unsere einzige Ressource, und wer ist zentraler in der Vermittlung von Bildung als Lehrer? Ich verstehe nicht, wie es in einem bürgerlichen Land passieren konnte, dass eine so wichtige Institution von Linksextremen und Sektierern gekapert wurde. Viertens und letztens muss irgendwo auf der kulturellen Ebene ein gewaltiger Ruck durchs Land gehen. Ich weiss nicht wie, aber es muss geschehen. Denn wenn es so weitergeht, wird sich die Gesellschaft mittelfristig vollkommen auflösen. Es kann nicht sein, dass sich Querulantentum weiterhin lohnt. Wenn ausländische Taugenichtse, die zu faul sind, eine Landessprache zu lernen, einen steuergeldfinanzierten Übersetzer für Tiraden gegen ihr Gastland benutzen können und ihnen nichts passiert, dann wird die Mauer zwischen Recht und Unrecht niedergerissen, und ohne diese Mauer gibt es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und ganz ehrlich: Ein wenig verstehe ich die vielen Integrationsverweigerer, Querulanten und Machos. Denn wie attraktiv kann es sein, sich als Schweizer zu identifizieren, wenn sich die Schweiz derart schwach, wehrlos und ehrlos gibt? *Namen und einige weitere Details in diesem Text wurden verändert, um Rückschlüsse auf Personen zu verunmöglichen.* ### Mutige Ideen in die Tat umsetzen URL: https://www.schweizermonat.ch/mutige-ideen-in-die-tat-umsetzen/ Last updated: 2026-03-15T19:26:23.000Z Der Swiss Venture Club (SVC) bringt seit Jahren Unternehmerinnen und Unternehmer aus allen Regionen und Branchen zusammen und macht diese sichtbar. In diesem Umfeld zeigt sich immer wieder dasselbe Muster: Unternehmergeist entwickelt sich nicht durch Theorie, sondern durch Praxis. Wer nie unter realen Bedingungen entscheiden musste, bleibt Beobachter. Viele junge Menschen verlassen Schule oder Ausbildung mit solidem Fachwissen, jedoch ohne Gelegenheit, unternehmerische Verantwortung konkret zu erproben. Risiken bleiben abstrakt, Entscheidungen folgen vorgegebenen Mustern. Die Folge: Das Potenzial bleibt ungenutzt, Ideen entstehen spät oder gar nicht. > «Wer nie unter realen Bedingungen entscheiden musste, bleibt Beobachter.» Um dieser Lücke zu begegnen, engagiert sich der SVC als etabliertes KMU-Netzwerk neben der Rolle als Förderer der Exzellenz der Schweizer KMU auch über die SVC-Stiftung für das Unternehmertum gezielt in der Nachwuchsförderung. Unterstützt wurden in der Vergangenheit Projekte wie Girls Getting Started, der YouMedia Award, EntrepreneurSkills, Start-up in a Week. Bei Youngpreneurs etwa entwickeln Jugendliche ein eigenes Start-up-Projekt und setzen es selbstständig um – von der Wahl des Produkts über das Marketingkonzept und die Produktion bis zur Präsentation vor einer Investorenjury. Sie entscheiden, wie sie ihr Projekt aufziehen, tragen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen und lernen, mit Feedback umzugehen. Genau in diesem Prozess wird unternehmerisches Handeln konkret erfahrbar. «Unternehmertum lebt davon, dass Menschen ins Handeln kommen», sagt Hans-Ulrich Müller, Initiant und Mitgründer des SVC. «Wer früh lernt, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen, bringt diese Haltung auch später in Unternehmen und Gesellschaft ein.» Ein wiederkehrendes Problem vieler Förderprogramme ist ihre Kurzfristigkeit. Einzelne Workshops erzeugen zwar Aufmerksamkeit, verändern jedoch kaum das längerfristige Verhalten. Die Stiftung begegnet diesem Risiko mit klaren Auswahl- und Begleitprozessen: Förderanträge werden sorgfältig geprüft, Zielsetzungen und die erwartete Wirkung werden vorab definiert. Während der Laufzeit wird systematisch berichtet, was erreicht wird. Messbare Fortschritte werden erhoben, qualitative Entwicklungen dokumentiert. Was sich beobachten und messen lässt, wird ausgewertet; was Wirkung zeigt, wird weitergeführt. **Von der Ziegelei bis zum Pharmaunternehmen** Die SVC-Stiftung ergänzt dadurch die Mission vom SVC. Die Prix SVC und weitere Formate machen unternehmerische Vorbilder sichtbar und ermöglichen den Austausch. Unter den Preisträgern sind verschiedene Branchen vertreten: von der Käserei über eine Ziegelei bis hin zum Pharmaunternehmen konnte der SVC in den vergangenen 25 Jahren verschiedenste Firmen auszeichnen. Die fünf Finalisten der jeweiligen Wirtschaftsregion werden nach einer strengen Prüfung anhand von schweizweit gültigen Kriterien durch eine Expertenjury ausgewählt. So entsteht ein Wirkungszusammenhang, der dort ansetzt, wo Unternehmertum seinen Ursprung hat: bei Menschen, die lernen, Verantwortung zu übernehmen und mutige Ideen in die Tat umsetzen. Der Prix SVC macht genau solche unternehmerischen Leistungen sichtbar. ### Gründen statt träumen! Dein Shortcut durchs Start-up-Ökosystem URL: https://www.schweizermonat.ch/gruenden-statt-traeumen-dein-shortcut-durchs-start-up-oekosystem/ Last updated: 2026-03-16T07:31:25.000Z **Keine Idee und du weisst nicht, wie anfangen?** Youngpreneurs Im Youngpreneurs-Programm lernen Gymnasiasten und Lehrlinge an Berufs- und Wirtschaftsschulen die Tools und Methoden kennen, um ihr eigenes Start-up aufzubauen. Am Ende des achtmonatigen Programms hast du an der Award Night die Gelegenheit, vor einer hochkarätigen Jury, Medien und Publikum dein Geschäftsmodell zu pitchen. *youngpreneurs.org* **Du brauchst Hilfe bei der Administration?** EasyGov Die Firma steht und du drohst in Admin-Arbeiten zu ertrinken? Der Onlineschalter EasyGov ermöglicht Schweizer Unternehmen das digitale Abwickeln von Bewilligungs-, Antrags- und Meldeverfahren – einfach, schnell und effizient. Einmal registrieren und los geht’s! Die Nutzung ist kostenlos. Zeit und Geldersparnis gibt es gratis dazu. *easygov.swiss/easygov* **Was heisst «unternehmerisches Handeln»?** Young Entreprise Switzerland YES ist eine Non-Profit-Organisation, die mit praxisorientierten Wirtschafts- und Meinungsbildungsprogrammen in die Jugend investiert. Schüler werden dabei ermutigt, unternehmerisch zu handeln und ein Verständnis für gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu entwickeln sowie als Persönlichkeiten zu überzeugen. *yes.swiss* **Ein Start-up im Kanton Bern gründen?** Be Advanced Be Advanced bietet Beratung für Gründer, Start-up-Programme und Coaching für KMU im Kanton Bern. Damit du dein eigenes Unternehmen gründen, mit deinem Start-up durchstarten, dein KMU auf das nächste Level bringen oder dich mit den richtigen Personen vernetzen kannst. *be-advanced.ch* **Du suchst Büro- und Meetingräume?** Impact Hub Switzerland Der Impact Hub Switzerland bietet Coworking-Plätze, Meetingräume, Events und Start-up-Förderprogramme für Unternehmer an insgesamt acht Standorten in [Bern,](https://bern.impacthub.net/?ref=schweizermonat.ch) [Genf,](https://geneva.impacthub.net/?ref=schweizermonat.ch) [Lausanne,](https://lausanne.impacthub.net/en/?ref=schweizermonat.ch) [Lugano](https://www.ticino.impacthub.net/en?ref=schweizermonat.ch) und [Zürich](https://zurich.impacthub.ch/?ref=schweizermonat.ch). Die schweizweite Community besteht aus rund 2000 Unternehmern, Kreativen und Techies. Die Mitglieder profitieren vom gesamten Netzwerk und einer Anbindung an Parter im Ausland. *impacthub.ch* **Der Schritt von der Forschung in die Industrie** Switzerland Innovation Park Biel Bienne (SIPBB) Der SIPBB ist ein Technologie-Hotspot in Biel, wo angewandte Forschung auf die Bedürfnisse der Industrie trifft. Im Kern geht es darum, Innovationsprojekte zu beschleunigen und mit eigenen F&E-Zentren die Lücke zwischen Forschung und Industrie zu schliessen. Bietet auch Coworking-Spaces und private Büros und Labors. *sipbb.ch* **Wo gibt es Unterstützung für technologische Innovationen?** Stiftung STI Du benötigst Startkapital für deine vielversprechende Innovation, hast aber keine Sicherheiten für einen Bankkredit und für Venture Capital ist es noch zu früh? Dann können Organisationen wie zum Beispiel die Stiftung zur Förderung technologischer Innovationsprojekte (STI) eine Anlaufstelle sein. Sie fördert Jungunternehmer im Espace Mittelland (Bern, Solothurn, Fribourg, Neuenburg und Jura) finanziell und unterstützt sie bei der Entwicklung und dem Aufbau einer technologisch orientierten Geschäftstätigkeit. *sti-stiftung.ch/wcms/fr/accueil/* **Wie kommt man mit anderen Unternehmern in Kontakt?** Swiss Venture Club (SVC) Der SVC ist eine Unternehmerplattform für Inspiration, Netzwerk und Dialog. An den Prix-SVC-Veranstaltungen in allen neun Wirtschaftsregionen bewiesen bereits mehr als 450 Preisträgerfirmen die Vielfalt, Qualität und Exzellenz der Schweizer KMU. Der KMU-Podcast und regionale Events verbinden über 3800 Mitglieder aus allen Branchen und Regionen. *svc.swiss* **Wie gründe ich ein wissenschaftliches Start-up?** Start-up-Campus Hier stehen Ausbildungsprogramme für akademische und forschungsnahe Start-ups im Zentrum. Du weisst nicht, wo du anfangen sollst? Start-up-Campus ist eine Initiative, die Unternehmer in jeder Phase ihrer Start-up-Karriere mit Kursen, Coaching und Zugang zum Schweizer Start-up-Ökosystem begleitet und unterstützt. Die treibende Kraft hinter Start-up- Campus ist ein Konsortium führender Universitäten, Hochschulen und Innovationszentren in der Schweiz. Die meisten der Trainings und Events können kostenlos besucht werden. startup-campus.ch **Frauen in Unterzahl** Female Founders (FF) Frauen sind im Start-up-Sektor mit 20 Prozent stark unterrepräsentiert – bei wissenschafts- und technologiebasierten Neugründungen sind es sogar nur rund 10 Prozent. Die Female Founders wollen dieses Problem angehen und das Bild von Gründerinnen in der Schweiz verändern. Ihr FF+ Acceleration Program richtet sich an visionäre Frauen und ist für diese bei Erfüllung der Aufnahmekriterien kostenlos. female-founders.ch **Brauchst du Startkapital, um deine Idee zu validieren?** Venture Kick Hast du eine innovative Idee, die aus einer Schweizer Hochschule hervorgegangen ist, und möchtest diese in ein Start-up umsetzen? Venture Kick unterstützt vielversprechende Start-ups mit einer gestaffelten Finanzierung von bis zu 150 000 Franken sowie Zugang zu einem Netzwerk von Investoren und Experten. Das Programm ist in drei Phasen gegliedert und ermöglicht es dir, die Tragfähigkeit deines Geschäftsmodells schnell zu testen. [https://www.venturekick.ch/](https://www.venturekick.ch/?ref=schweizermonat.ch) **Suchst du Unterstützung für innovative Projekte?** Gebert-Rüf-Stiftung Hast du ein wissenschaftliches Projekt, das einen hohen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen könnte? Die Gebert-Rüf-Stiftung, eine der grössten Schweizer Stiftungen für Innovation, unterstützt neue Ideen finanziell und strategisch, um sie in unternehmerische Abenteuer zu verwandeln. [https://www.grstiftung.ch/](https://www.grstiftung.ch/?ref=schweizermonat.ch) **Möchtest du bei der Gründung begleitet werden?** IFJ – Institut für Jungunternehmen Das IFJ begleitet jedes Jahr Tausende von Firmengründern in der Schweiz. Das Institut mit Sitz in Lausanne bietet dir Beratung, Seminare, praktische Tools und ein individuelles Programm für die Gründung und Entwicklung deines Start-ups. Es bietet dir auch Zugang zu einem grossen Netzwerk von Partnern und organisiert zahlreiche Veranstaltungen für Unternehmer. [https://www.ifj.ch/](https://www.ifj.ch/?ref=schweizermonat.ch) **Suchst du einen Mentor?** Start-up-Academy Du hast eine Start-up-Idee und suchst Unterstützung für die nächste Wachstumsphase deines Unternehmens? Dann informiere dich über das Begleitprogramm der Start-up-Academy. Diese Organisation bringt dich auch mit der Wirtschaft und Hochschulen in der ganzen Schweiz in Kontakt. [https://www.startup-academy.ch/](https://www.startup-academy.ch/?ref=schweizermonat.ch) **Suchst du Start-ups, in die du investieren kannst?** Startup.ch Hast du Geld, das du in junge Unternehmen investieren möchtest, weil du ihnen bei ihrer Entwicklung helfen und gleichzeitig davon profitieren möchtest? Startup.ch ist dein Radar, um vielversprechende Schweizer Start-ups zu finden, Finanzierungsaktivitäten zu verfolgen und Innovationstrends in der Schweiz zu beobachten. [https://www.startup.ch/](https://www.startup.ch/?ref=schweizermonat.ch) ### Vertrauen ist keine Belohnung, sondern Voraussetzung für Leistung URL: https://www.schweizermonat.ch/vertrauen-ist-keine-belohnung-sondern-voraussetzung-fuer-leistung/ Last updated: 2026-03-28T22:02:00.000Z Ich habe lange geglaubt, Vertrauen sei etwas, das man sich verdienen müsse. Leistung zuerst, Vertrauen danach. Heute weiss ich: Es ist genau umgekehrt. Auch entwickelt sich Vertrauen über die Zeit. Ist das Vertrauen einmal gebrochen, ist es nur schwer wieder herzustellen. Vertrauen ist kein Soft Skill, sondern eine Führungsentscheidung. Und diese beginnt beim Chef oder bei der Chefin. In meiner Laufbahn habe ich beide Extreme erlebt: Führung, die alles kontrolliert, alles absichert, alles wissen will – und Führung, die Verantwortung übergibt, ohne sich aus der Verantwortung zu stehlen. Der Unterschied in Wirkung, Motivation und Ergebnis ist enorm. Mitarbeitende spüren sehr genau, ob Vertrauen echt ist oder nur behauptet wird. Man kann Vertrauen nicht predigen und gleichzeitig jede Entscheidung dreimal absegnen wollen. Kontrolle frisst Vertrauen – immer. Gerade in anspruchsvollen Phasen – bei Wachstum, Restrukturierung oder Turnaround – ist die Versuchung gross, enger zu führen. Mehr Reports, mehr Meetings, mehr Eskalationen. Aus Angst, etwas zu verlieren, verlieren Führungskräfte oft genau das, was sie bräuchten: Mitdenken, Eigenverantwortung und Loyalität. > «Gerade in anspruchsvollen Phasen – bei Wachstum, Restrukturierung oder Turnaround – ist die Versuchung gross, enger zu führen.» ## Vom Untergebenen zum Partner In den Anfangszeiten der Industrialisierung waren strenge Hierarchien notwendig, damit grosse Unternehmen effizient und erfolgreich sein konnten. In der modernen Wirtschaft sind Angestellte aber zunehmend mehr als nur kleine Rädchen in einer grossen Maschine. Um Mehrwert für Unternehmen zu generieren, brauchen sie Freiräume – und somit Vertrauen seitens ihrer Vorgesetzten. Auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten heisst nicht, Hierarchien abzuschaffen. Es heisst, sie richtig zu nutzen. Führung bleibt immer bestehen, fordert jedoch eine andere Haltung. Menschen arbeiten anders, wenn sie sich nicht als Ausführende fühlen, sondern als Mitverantwortliche. Wenn sie nicht nur gefragt werden, *was* sie tun, sondern *wie* sie denken und handeln. Wenn ihre Erfahrung zählt – auch dann, wenn sie unbequem ist. Partnerschaft entsteht nicht durch Harmonie, sondern durch Ernsthaftigkeit. Durch das Zulassen von Widerspruch, durch das Aushalten von Diskussionen und durch die Bereitschaft, Entscheidungen zu erklären – auch wenn sie nicht populär sind. Vertrauen zeigt sich nicht in ruhigen Zeiten. Vertrauen zeigt sich dann, wenn es knirscht. ## Vertrauen braucht Klarheit Ein verbreiteter Irrtum besteht in der Ansicht, dass Vertrauen Nachsichtigkeit bedeute – das Gegenteil ist richtig. Vertrauen braucht Klarheit, klare Erwartungen, klare Verantwortlichkeiten, klare Konsequenzen. Ich vertraue jemandem nicht deshalb, weil er alles richtig macht. Ich vertraue jemandem, weil ich weiss, wofür er steht – und wie er handelt, wenn es schwierig wird. Mitarbeitende vertrauen umgekehrt Führungskräften nicht deshalb, weil diese unfehlbar sind, sondern weil sie berechenbar sind, weil Worte und Taten übereinstimmen, weil Fehler angesprochen werden dürfen – ohne Gesichtsverlust. Vertrauen ist kein grosses Konzept. Es entsteht im Alltag aus kleinen, sich wiederholenden Handlungen. Über die Jahre habe ich mir dafür ein einfaches, aber wirksames Rezept zurechtgelegt: 1. **Verantwortung wirklich übergeben:** Wer Verantwortung delegiert, darf sie nicht im gleichen Atemzug wieder zurückholen. Nichts untergräbt Vertrauen schneller als scheinbare Autonomie. 2. **Informationen teilen – auch die unbequemen:** Mitarbeitende können nur Verantwortung übernehmen, wenn sie das ganze Bild kennen. Transparenz ist kein Risiko, sondern eine Investition. 3. **Fehler besprechen:** Nicht der Fehler zerstört Vertrauen, sondern das Schweigen darüber. Lernen entsteht dort, wo Offenheit möglich ist. 4. **Entscheidungen erklären:** Nicht jede Entscheidung ist verhandelbar. Aber jede Entscheidung verdient eine Erklärung. 5. **Präsenz zeigen ohne Mikromanagement:** Erreichbar sein, zuhören, Interesse zeigen – ohne ständig einzugreifen. 6. **Vertrauen vor Leistung setzen:** Vertrauen ist keine Belohnung. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Leistung entsteht. > «Vertrauen ist kein grosses Konzept. Es entsteht im Alltag aus kleinen, sich wiederholenden Handlungen.» Vertrauen ist kein individueller Führungsstil, es ist eine kulturelle Entscheidung. Organisationen, die Vertrauen systematisch fördern, sind schneller, resilienter und innovativer. Sie ziehen Menschen an, die Verantwortung übernehmen wollen – und die bleiben. ## Trumpf im Kampf um gute Mitarbeiter In Zeiten, in denen Fachkräfte wählerischer werden und Sinn wichtiger ist als Status, wird Vertrauen zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Nicht die lauteste Führung überzeugt, sondern die glaubwürdigste. Viele Organisationen sprechen von Vertrauen, meinen aber Kontrolle. Sie sprechen von Augenhöhe, leben aber Hierarchie. Sie fordern Verantwortung, ohne sie wirklich zu geben. Vertrauen ist unbequem, denn es zwingt Führungskräfte, loszulassen. Es entlarvt Unsicherheit und es zeigt sehr schnell, ob jemand führen will – oder nur Macht behalten. Wer seinen Mitarbeitenden nicht vertraut, sollte sich eine einfache Frage stellen: Warum sollten sie dann ihm vertrauen? Die Entwicklung vom Untergebenen zum Partner ist kein Idealismus. Es ist Realismus. Und wahrscheinlich die härteste, aber wirkungsvollste Form moderner Führung. ### «Die Behauptung, der Liberalismus untergrabe seine eigenen Voraussetzungen, ist ein Märchen» URL: https://www.schweizermonat.ch/die-behauptung-der-liberalismus-untergrabe-seine-eigenen-voraussetzungen-ist-ein-maerchen/ Last updated: 2026-09-29T13:13:55.000Z 0:00 /679 1× **Cass Sunstein, Sie widmen Ihr neues Buch «On Liberalism» «den Antiliberalen überall» – eine Anspielung auf Friedrich von Hayek, der sein Werk «Der Weg zur Knechtschaft» «den Sozialisten in allen Parteien» widmete. Glauben Sie, Antiliberale vom Liberalismus überzeugen zu können?** Ja. In jedem menschlichen Herzen schlägt eine Begeisterung für Freiheit, eine Wertschätzung der Rechtsstaatlichkeit und das Bewusstsein, dass Pluralismus Vorzüge hat, weil wir voneinander lernen und anderen erlauben können, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Anziehungskraft des Liberalismus ist universell, nicht partikular. Manche, die der Freiheit skeptisch gegenüberstehen, brauchen vielleicht länger, um überzeugt zu werden. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, und das Leben ist lang. **Könnte nicht auch das Gegenteil zutreffen? Die menschliche Natur scheint zwei Seiten zu haben: eine, die Freiheit schätzt, und eine andere, die zur Knechtschaft neigt. Hayek schrieb: «Wenn alte Wahrheiten ihren Einfluss auf das Denken der Menschen behalten sollen, müssen sie von Zeit zu Zeit in der Sprache und den Begriffen der nachfolgenden Generationen neu formuliert werden.» Ist Ihr Buch ein Versuch, das für die heutige Generation zu leisten?** In gewisser Weise ja. Und Sie haben recht: Die Anziehungskraft des Liberalismus ist nicht eindeutig. Ich hielt George Orwells «1984» lange für eine literarische Rechtfertigung des Liberalismus. Tatsächlich ist das Buch weit komplexer. Orwell deutet an, dass jeder Mensch auch eine Anziehung zu Ordnung, ja sogar zu Big Brother verspürt. Ich hoffe, mein Buch formuliert alte Wahrheiten neu, sodass sie für junge Menschen attraktiv sind, und bietet zugleich eine zeitgemässe Darstellung des Liberalismus, statt bloss vergangene Einsichten zu wiederholen. **Ihr Verständnis von Liberalismus ist sehr breit und umfasst so unterschiedliche Denker wie Hayek und Edmund Burke.** Ja. Das Buch argumentiert, dass soziale und wirtschaftliche Rechte ihren legitimen Platz haben. Viele Liberale sehen das anders, und ich respektiere sie – sie gehören trotzdem zu meinem Team. Man kann lange über Regulierung und ihre konkrete Ausgestaltung debattieren. Es wäre seltsam, wenn Hayek oder John Stuart Mill das letzte Wort hätten. Manche Liberale unterstützen mit Überzeugung einen regulierenden Wohlfahrtsstaat, andere lehnen ihn ab. Beide bleiben Liberale. Diese Vielfalt innerhalb eines gemeinsamen Bekenntnisses zu Freiheit, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit anzuerkennen, ist ein bedeutender Fortschritt, gerade in einer Zeit, in der antiliberale Bewegungen sowohl praktisch als auch theoretisch erstarken. **Birgt diese breite Klammer nicht die Gefahr, den Begriff des Liberalismus so sehr zu verwässern, dass am Ende alle Liberale sind – und niemand wirklich?** Diese Gefahr besteht. Doch es gibt immer noch viele Illiberale – nicht nur in Putins Russland oder Xis China. In Nordamerika und Europa gibt es illiberale und antiliberale Bewegungen, die das Etikett des Liberalismus für sich beanspruchen. Sowohl links als auch rechts zeigt sich Widerstand gegen eine robuste Meinungsfreiheit. Selbst innerhalb des weiten liberalen Spektrums markieren bestimmte Grundsätze klare Grenzen, etwa Religionsfreiheit oder Privateigentum. Wer eine Planwirtschaft befürwortet oder das Privateigentum überwinden will, vertritt illiberale Positionen. Die Verteidigung der Eigentumsrechte gehört zum Kern liberalen Denkens. Man kann an Eigentumsrechte glauben und den Sozialstaat befürworten – oder ihn ablehnen. Einander dennoch als Mitglieder derselben politischen Familie zu erkennen statt als grundsätzliche Gegner, wäre ein Fortschritt. **Kommt die Hauptbedrohung für den Liberalismus von aussen durch geopolitische Rivalen oder von innen aus liberalen Gesellschaften selbst?** Die Führungen Russlands und Chinas sind ernsthafte Bedrohungen für den Liberalismus. Zugleich sehen wir in Europa und Nordamerika Entwicklungen, die liberalen Idealen stärker zusetzen als vieles, was wir in jüngerer Zeit gesehen haben. Der Westen muss sich zu seinen eigenen höchsten Idealen bekennen. Das klingt abstrakt, doch wenn man an Menschen denkt, die verängstigt, zum Schweigen gebracht oder gedemütigt werden, wird deutlich, wie konkret diese Gefährdungen sind. **Sie schreiben, liberale Gesellschaften seien auf Voraussetzungen angewiesen, zu denen der Liberalismus als solcher schweige. Kann sich der Liberalismus selbst aufrechterhalten?** Das ist ein grundlegender Punkt, und ich setze mich im Buch nicht ausreichend damit auseinander. Seit Tocqueville gibt es die Auffassung, der Liberalismus lebe von Voraussetzungen, die er nicht selbst hervorbringe – wie Familie, Normen, Glaube, Traditionen. Liberale sollten das offen anerkennen. Liberalismus ist nicht allumfassend, er ist ein Bündel politischer Überzeugungen. Daraus folgt jedoch nicht die stärkere Behauptung, der Liberalismus untergrabe die Traditionen, die er voraussetze. Das würde ihn zu einer Art Voldemort machen, der Normen und Traditionen verschlingt. Man kann durchaus argumentieren, dass die Freiheit Traditionen verändere. Doch zu sagen, der Liberalismus untergrabe seine eigenen Voraussetzungen, ist ein Märchen. Wer in einer traditionellen katholischen Familie lebt, dem schlägt der Liberalismus nicht ins Gesicht. Er sichert ihm das Recht, in dieser Tradition zu verbleiben. > «Zu sagen, der Liberalismus untergrabe seine eigenen Voraussetzungen, ist ein Märchen. Wer in einer traditionellen katholischen Familie lebt, dem schlägt der Liberalismus nicht ins Gesicht. Er sichert ihm das Recht, in dieser Tradition zu verbleiben.» **Zeichnen Postliberale wie Patrick Deneen ein falsches Bild des Liberalismus?** Ich würde Deneens Arbeit gern mehr bewundern. Meine Kritik ist, dass sie keine präzise Darstellung von Liberalismus bietet. Die Version des Liberalismus, die er kritisiert, gefällt auch mir nicht. Aber ich erkenne darin nicht den Liberalismus. Seine soziologischen Thesen zu Liberalismus, Kapitalismus und Märkten erinnern bisweilen an bekannte Narrative links der Mitte. Das sind empirische Behauptungen, und sie verlangen differenzierte Belege, keine grosse Erzählung. **Was ist der Kern des Liberalismus, wie Sie ihn definieren?** Liberalismus beruht auf einer Art heiliger Dreifaltigkeit aus Freiheit, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit, getragen von einem Bekenntnis zu Selbstregierung und Freiheit von Furcht. Letztere, der Schutz vor öffentlicher wie privater Bedrohung, ist zentral. Der moderne Postliberalismus, wie ihn Deneen vertritt, verliert dieses Anliegen aus dem Blick. Das Verhältnis von Liberalismus und Demokratie ist komplex, und es gibt auch Liberale, die zumindest teilweise persönliche Freiheit höher gewichten als Demokratie. Doch im Kern bleibt das liberale Projekt der Schutz des Einzelnen vor staatlicher oder privater Unterdrückung. **Sie sagen, die Meinungsfreiheit sei die wohl wichtigste Freiheit. In der Schweiz kam kürzlich ein Mann wegen eines angeblich transphoben Social-Media-Posts ins Gefängnis. In Deutschland durchsuchte die Polizei das Haus eines Rentners, weil er einen Minister als «Schwachkopf» bezeichnet hatte. Beunruhigen Sie solche Fälle?** Ja. Ich kenne die konkreten Umstände zu wenig für ein abschliessendes Urteil. Doch in einer Ordnung, die sich der Meinungsfreiheit verpflichtet weiss, muss die Bezeichnung eines Ministers als «Schwachkopf» oder die Behauptung, Transpersonen seien krank im Kopf, grundsätzlich geschützt sein. Mein Lieblingszitat aus der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs in den USA bringt es auf den Punkt: Erzwungene Vereinheitlichung der Meinung schafft nur die Einmütigkeit des Friedhofs. Der grundlegende liberale Gedanke ist, dass Menschen das Recht haben, sich zu irren, und dass wir unsere Überzeugungen mit einer gewissen Demut vertreten sollten. Drohungen mit Gewalt sind natürlich nicht geschützt. Doch die Äusserung auch kontroverser oder anstössiger Meinungen steht in liberalen Rechtsordnungen unter starkem Schutz. > «Der grundlegende liberale Gedanke ist, dass Menschen das Recht haben, sich zu irren, und dass wir unsere Überzeugungen mit einer gewissen Demut vertreten sollten.» **Sie sind durch das Buch «Nudge» berühmt geworden. Wo missverstehen Ihre Kritiker die Idee grundlegend?** Der Vorwurf, Nudges seien manipulativ, beruht auf einem Missverständnis. Die meisten Nudges – Navigationsrouten, Allergenkennzeichnungen, Angaben zur Energieeffizienz – liefern schlicht Informationen. Auch sogenannte «Default Nudges» wie automatische Sparpläne sind nicht manipulativ, sofern ein klarer und unkomplizierter Ausstieg möglich ist. Die Behauptung, Nudges behandelten Menschen wie Schafe, verkennt die menschliche Kognition. Wir sind keine Rechenmaschinen; Aufmerksamkeit und Gedächtnis sind begrenzt. Erinnerungen an die Einnahme lebensrettender Medikamente, die möglicherweise hunderttausende Todesfälle verhindern, infantilisieren niemanden. Ob bei älteren Patienten oder vielbeschäftigten Führungskräften: Nudges tragen menschlichen Grenzen Rechnung und leisten notwendige Unterstützung. **Ihr nächstes Buch befasst sich mit der Gewaltenteilung. Haben Ereignisse der jüngeren Vergangenheit Sie dazu inspiriert?** Nicht wirklich. Die Inspiration war eher ein persönlicher Erkenntnismoment. Bei meinen Recherchen wurde mir klar, dass die Gewaltenteilung nicht ein Konzept ist, sondern sechs. Keine der drei Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative darf die Befugnisse der anderen ausüben. Jede dieser sechs Schranken hat ihre eigene Begründung, und ihre Bedeutung verschiebt sich im Laufe der Zeit. In einer Epoche mag es entscheidend sein, dass die Exekutive eine überambitionierte Legislative daran hindert, Bürger ins Gefängnis zu bringen. In einer anderen müssen Gerichte davon abgehalten werden, Gesetze umzuschreiben. Ich hielt diese sechsfache Struktur für selbstverständlich, fand sie jedoch nirgends systematisch ausgearbeitet. Eine neue Perspektive auf eine so grundlegende Ordnung zu entdecken, machte das Projekt aufregend. **Welche der sechs Dimensionen ist derzeit am stärksten bedroht?** In illiberalen Staaten wie Russland vereint die Exekutive gesetzgeberische und richterliche Befugnisse. Das ist äusserst gefährlich. **Und in den Vereinigten Staaten?** Alle sechs funktionieren im Grossen und Ganzen. Doch die exekutive Macht ist sowohl unter demokratischen als auch unter republikanischen Präsidenten gewachsen. Das birgt Risiken. ### Die Digitalisierung pervertiert das menschliche Vertrauen URL: https://www.schweizermonat.ch/die-digitalisierung-pervertiert-das-menschliche-vertrauen/ Last updated: 2026-03-16T10:19:01.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/large-lying-models-how-digitalization-weakens-trust/). Was meinen wir eigentlich, wenn wir im Zeitalter generativer KI und umfassender Automatisierung von «Vertrauen» sprechen? Allgemein bedeutet Vertrauen, sich auf den Charakter, die Kompetenz oder die Integrität einer Person oder einer Sache zu verlassen. Im Alltag richtet es sich meist auf ein Gegenüber – auf Menschen, Institutionen oder zunehmend auch auf Technologien. Psychologisch gilt Vertrauen als [Schlüsselfaktor](http://www.jstor.org/stable/20183213?ref=schweizermonat.ch) für stabile, erfüllte Beziehungen. Wenn wir also von Vertrauen sprechen, sprechen wir letztlich von unserer Fähigkeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen tragfähige menschliche Beziehungen und verlässliche Wissensökosysteme entstehen können. Doch was geschieht mit vertrauensbasierten Kulturen – mit unserer Gesellschaft und zunehmend auch mit unserer Psyche –, wenn alles durchdigitalisiert wird? Das hängt entscheidend von den Anreizen und Werten ab, die in diese Technologien eingeflossen sind. Menschliche Werkzeuge – vom Rad bis zum Flugzeug – wurden stets mit bestimmten Absichten entwickelt und spiegeln die Intentionen ihrer Schöpfer wider. Ein Messer kann Karotten schneiden oder einen Menschen verletzen, doch es trifft keine eigenen Entscheidungen. Bei grossen Sprachmodellen ist das anders. Eigenschaften wie autonomes Handeln, gezielte Manipulation oder sogar Täuschung wurden bereits bei KI-Systemen wie Claude von Anthropic oder ChatGPT von OpenAI beobachtet. Die entscheidende Frage lautet daher: Was passiert, wenn solche Fähigkeiten – zu Intrige, Selbsterhalt und eigenständigem Handeln – auf ökonomische oder politische Interessen treffen, die auf Kontrolle und Ausbeutung zielen? ## Der Kampf um unsere Aufmerksamkeit Seit den Anfängen der sozialen Medien gilt ein klares Primat: Nutzerbindung maximieren, Daten monetarisieren. Dieser marktwirtschaftliche Imperativ prägt bis heute die Architektur der Digitalplattformen – mit spürbaren Folgen für unsere Aufmerksamkeit, unsere Privatsphäre und unsere Beziehungen. Im permanenten Wettlauf um Klicks und Verweildauer zahlen wir den Preis: mit Schlafmangel, brüchigen Beziehungen und wachsender psychischer Belastung. Was man einst als naive Unterschätzung der [Risiken](https://jonathanhaidt.com/social-media/?ref=schweizermonat.ch) abtun konnte, ist heute nicht mehr haltbar. Führungskräfte kennen die Nebenwirkungen einer Technologie, die die Aufmerksamkeit der Menschen ausbeutet – und darüber hinaus gezielt Bindung erzeugt, um Abhängigkeit zu schaffen. George Santayana warnte: «Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.» Mit der generativen KI stehen wir erneut an einem solchen Wendepunkt. Warten wir, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist – oder ziehen wir rechtzeitig die Reissleine? Manche wollen uns glauben machen, Phänomene wie [KI-Psychosen seien bloss «Randfälle»](https://fortune.com/2025/10/19/openai-chatgpt-researcher-ai-psychosis-one-million-words-steven-adler/?ref=schweizermonat.ch) – bedauerliche Kollateralschäden auf dem Weg in eine vermeintliche Techno-Utopie. Doch solche Entwicklungen bleiben selten auf das Individuum beschränkt und zeigen sich nicht nur in ihren spektakulärsten Ausprägungen. Ihre Folgen sickern in menschliche Beziehungen ein, greifen in das soziale Gefüge ein und untergraben das Fundament unserer Gesellschaft. Wenn ausgerechnet die am stärksten vernetzte Generation zugleich die [einsamste](https://www.bbc.com/news/articles/cn0kz1wpnq5o?ref=schweizermonat.ch) ist – und wir uns Chatbots zuwenden, welche die Vereinsamung eher verstärken als überwinden –, überrascht es kaum, dass Kritiker diese Technologien als «[Todesurteil](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=5870623&ref=schweizermonat.ch)» für das soziale Wohlbefinden und jene zivilen Institutionen bezeichnen, die unsere Kulturen einst ausmachten. Gesellschaftliche Warnsignale werden oft erst dann ernst genommen, wenn der Schaden bereits eingetreten ist. Trotz früher Mahnungen und Forderungen nach Regulierung erlebten wir jüngst eines der vorhersehbarsten Ergebnisse unzureichender Kontrolle. Ein Strom missbräuchlicher, [nicht einvernehmlicher sexueller Darstellungen](https://www.theguardian.com/technology/2026/jan/08/ai-chatbot-grok-used-to-create-child-sexual-abuse-imagery-watchdog-says?ref=schweizermonat.ch) von Kindern und Frauen – erzeugt mit Elon Musks KI-System Grok – überschwemmte das Internet. Regierungen griffen erst im Nachhinein ein, um ihre Bürger zu schützen. Und selbst Elon Musk stoppte die Aktivitäten von Grok erst nach einer massiven Empörungswelle – und auch nur in jenen [Jurisdiktionen, in denen solche Inhalte ausdrücklich illegal sind](https://www.bbc.co.uk/news/articles/clye99wg0y8o?ref=schweizermonat.ch). In welcher Kultur leben wir eigentlich, wenn ein Unternehmen die Erstellung kinderpornografischen Materials zulässt und erst unter juristischem Druck reagiert? Oder wenn Chatbots weiterhin mit psychisch [gefährdeten](https://www.nytimes.com/2025/08/26/technology/chatgpt-openai-suicide.html?ref=schweizermonat.ch) Jugendlichen interagieren – ihnen im Extremfall sogar bei der Recherche zu Suizidmethoden helfen? Eine Kultur, die auf Vertrauen gründet, würde Minderjährige vor solchen vorhersehbaren Schäden schützen. > «In welcher Kultur leben wir eigentlich, wenn ein Unternehmen die Erstellung kinderpornografischen Materials zulässt und erst unter juristischem Druck reagiert?» Während diese Technologien immer tiefer in unser Leben eindringen und unsere Feeds mit Fake-Influencern, Desinformation und aufmerksamkeitsheischendem Content fluten, stellt sich eine zentrale Frage: Wie sollen moderne Demokratien unter solchen Bedingungen bestehen? Die Antwort formiert sich gerade in Echtzeit. Ärzte warnen vor dem exzessiven Handygebrauch von Kindern und sprechen von einer [öffentlichen Gesundheitskrise](https://www.thetimes.com/uk/politics/article/phone-impact-on-children-is-public-health-emergency-doctors-declare-c8n3xvfmp?ref=schweizermonat.ch). Eltern, Jugendliche und Schulen ziehen gegen [Meta, YouTube, Snap und TikTok](https://www.reuters.com/legal/litigation/meta-tiktok-youtube-stand-trial-youth-addiction-claims-2026-01-26/?ref=schweizermonat.ch) vor Gericht – mit dem Vorwurf, ihre Produkte bewusst suchtfördernd zu designen. ## Regierungen wachen allmählich auf Mit der Flut KI-generierter Inhalte und täuschend echter Deepfakes wird es immer schwieriger, dem zu vertrauen, was wir sehen oder lesen. Schon das allein ist Grund genug, sorgfältig zu prüfen, wie diese Technologien entwickelt, reguliert und eingesetzt werden sollten – damit sie das gesunde Funktionieren von Gesellschaft, Wirtschaft und Ökosystem stärken, statt es zu untergraben. Trotz massiver Lobbyarbeit der Tech-Unternehmen beginnen viele Regierungen, sich mit den negativen Folgen zu beschäftigen. Kritiker wie etwa Jonathan Haidt und Tristan Harris weisen in den Medien zunehmend auf Missstände hin. Allmählich hören die Regierungen zu und suchen nach Wegen, die Risiken zu mindern. Vom Handyverbot während der Schulzeit bis zum Ausschluss von unter-16-Jährigen aus den sozialen Medien werden Massnahmen geprüft und teils bereits umgesetzt, um das Gleichgewicht wiederherzustellen und einen nachhaltigeren Umgang mit der digitalen Welt zu fördern. Eine Kurskorrektur birgt jedoch eigene Risiken. Sie kann missbraucht werden, um auf Umwegen grösseren Schaden anzurichten. Verbote lassen sich notorisch leicht umgehen. Die Einführung einer E-ID mit dem Zweck, das Alter der Nutzer zu prüfen, wirft heikle Fragen zu Datenerfassung, Überwachung und Privatsphäre auf. Manche Massnahmen werden, so gut gemeint sie auch sein mögen, scheitern oder neue Probleme erzeugen. Doch allein die Tatsache, dass wir beginnen, uns ernsthaft mit den Risiken und Chancen der Digitalisierung auseinanderzusetzen, gibt Anlass zur Hoffnung. Zu lange haben wir unsere psychische Gesundheit auf dem Altar der Nutzerbindung geopfert. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir als Kollektiv stark sind und über reale Handlungsspielräume verfügen, um die Zukunft zu gestalten. Die grossen Tech-Konzerne lassen uns glauben, eine von KI dominierte Welt sei unausweichlich. Doch das ist kein Naturgesetz. Die Wahrheit ist: Die Zukunft ist nicht festgeschrieben. Es gilt kritisch zu prüfen, ob die Kosten, die sich bereits abzeichnen, uns einer lebendigeren, regenerativen Zukunft näherbringen – oder ob wir dabei sind, die Lebensgrundlagen unserer Gesellschaften und Ökosysteme zu erschöpfen. > «Die grossen Tech-Konzerne lassen uns glauben, eine von KI dominierte Welt sei unausweichlich. Doch das ist kein Naturgesetz.» Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der KI-generierte Inhalte unsere Medienkanäle fluten, in der Kinder ihres Schlafes und ihrer Zeit mit Freunden und Familie beraubt werden, in der [autonome KI-Roboter Menschen](https://www.forbes.com/councils/forbestechcouncil/2025/09/03/the-agentic-economy-a-business-revolution-in-motion/?ref=schweizermonat.ch) aus dem Arbeitsmarkt verdrängen? Ich weigere mich zu glauben, dass dies das Beste ist, wozu wir fähig sind. Wenn die künstliche Intelligenz uns eine beinahe gottgleiche Macht verleiht, müssen wir uns daran erinnern, was das Leben tatsächlich lebenswert macht – nämlich das Miteinander. ### Barbaren schlagen die Notenbanker URL: https://www.schweizermonat.ch/barbaren-schlagen-die-notenbanker-2/ Last updated: 2026-03-13T21:09:14.000Z Barbaren ruinierten das Römische Reich, ihre Reiche schoben sich selbst ab circa 420 über- und hintereinander, aber etwas hielten sie hoch – ihre Währung. Vierhundert Jahre lang trotzte die Goldmünze *Tremissis* dem Chaos auf dem europäischen Kontinent und beherrschte den Handel Europas und Nordafrikas. Vierhundert Jahre behielt sie ihr Goldgewicht von 1,45 Gramm, kein Barbarenreich kratzte daran, fälschte oder inflationierte, nicht die Ostgoten, nicht die Westgoten, Vandalen, Burgunder, Merowinger, Langobarden oder Angelsachsen. Unsere ach so hochstehende Zivilisation fällt dagegen krass ab. Der Dollar als Währung der Weltmacht USA verlor seit 1971 über 99 Prozent seines Goldwerts, von Pfund, Lira oder Franc nicht zu reden. Der Franken, für viele ein Hort der Stabilität, hat, seit die Nationalbank ihn ausgibt (1907), über 90 Prozent an Goldwert verloren. Die Konsumkaufkraft in anderen realen Gütern gerechnet fiel überall ebenso drastisch ab. Die «Inflationsziele» der Notenbanken von zum Beispiel 2% amputieren ein Geldguthaben in 35 Jahren um die Hälfte. ## Währung übernommen Für das Währungswunder des Tremissis gibt es Erklärungen. Es geht von der Währungsreform ab 383 n. Chr. der oströmischen Kaiser Valentinian und Justinian aus, wodurch der *Solidus* als Goldmünze von 4,5 Gramm etabliert wurde. Handlicher war die kleinere Variante eines Drittels des Solidus, eben des Tremissis von 1,45 Gramm Gold. Die Barbarenreiche übernahmen diese Teilmünze und prägten sie über Jahrhunderte selbst weiter, teils mit Justinians Konterfei, teils mit Symbolbildern ihrer Könige. Dass sie den Goldwert nicht manipulierten, kommt aus dem Währungswettbewerb der damaligen Zeit: Es gab keine Einheitswährung, keinen Zwangskurs. Ein neues Reich von Barbarenstämmen musste dringend seine Reputation aufbauen und wahren. Nur mit werthaltigem, stabilem Geld war das zu machen. Nur mit gutem Geld als Tauschmittel kam der Warenhandel wieder langsam in Gang, der nach dem Zerfall des grossen römischen Marktes ins Stocken geraten war. Schliesslich war Gold erstaunlicherweise vorhanden. Die Barbaren hatten in den letzten Jahren des Weströmischen Reiches als Söldner Gold verdient, hatten Gold von Ostrom und Westrom als Tribute abgepresst, hatten geraubt – die Goten 410 bei der Eroberung Roms 5000 Pfund Gold, die Vandalen 455 ebendort ein Mehrfaches, darunter den 50 Kilogramm schweren goldenen Tisch aus Jerusalems Tempel, den Titus für Rom abserviert hatte. Die 165 Tonnen Gold aus dem Dakerkrieg Kaiser Trajans (im heutigen Rumänien) waren natürlich auch in der Geldzirkulation Roms geblieben. Da Westeuropa kaum Goldminen kannte und kennt, dürfte dasselbe Gold von Hort zu Hort, von Raub zu Raub zirkuliert haben. Ganz wichtig ist eine moderne Erklärung der «Völkerwanderung». Diese Stämme fielen nicht zu Millionen ins Römische Reich ein, sie praktizierten nicht flächendeckende Brandschatzung, sie mordeten nicht römische Bürger wahllos hin. Vielmehr war Westrom bankrott und wehrlos; es lief meist auf einen «Elitentausch» hinaus – ein paar tausend, zehntausend Kriegsherren erhielten Land zugewiesen, oft auch nur das Steuersubstrat gewisser Regionen. Die römische Verwaltung blieb lange intakt, zog diese Steuern weiter ein und lieferte sie statt nach Rom an die Kriegsherren. Der grosse Rest der Völker zog dann nach und musste arbeiten. Die Kriegsherren waren nicht die Äxte schwingenden wilden Barbaren aus Historienbildern des 19\. Jahrhunderts, sondern nüchterne Rechner. Sie sprachen fliessend Latein. Sie kannten die römische Verwaltung und Heerestaktik von Kindsbeinen an: Die Fürstensöhne der Barbaren waren oft unter den Föderatenverträgen der letzten Jahrzehnte Roms als Geiseln am römischen Hofe gewesen. Sie hatten viel abgeguckt und wurden verwöhnt – umgekommene Geiseln hätten Kriege ausgelöst. Diese Kulturübernahme lief nach den Reichsgründungen der Barbaren zu voller Staatlichkeit auf, wozu eben auch eine gute Geldordnung gehörte. ## Kollektive Geldillusion Die spätantike Geldordnung ging zu Ende, als Karl der Grosse das Langobardenreich 774 eroberte. Aber mit erst späteren, kleinen Abschlägen im Goldwert und dem Ersatz gelegentlich durch Silber dauerte der Tremissis 400 Jahre als Hauptmünze auf dem Boden des alten Westroms. Die heutigen Notenbanker sind Falschmünzer im Vergleich und der amerikanische Präsident insbesondere, wenn er die Geldpolitik selbst bestimmen und den Dollar erklärtermassen weiter schwächen will. Das ist denn auch der Unterschied heutigen Papiergeldes zur damaligen Metallgeldordnung. Die Emittenten, heute die Zentralbanken mit staatlichem Zwangskurs, können die Geldmenge beliebig ausdehnen, es sind eben Fiatwährungen. (Immer noch muss Latein herhalten, damit der moderne Geldpfusch wissenschaftlich tönt: fiat = es werde). Mit der Migration auf Elektronik wird das Ganze noch manipulierbarer. Hilfreich bei dieser kollektiven Geldillusion ist das kurze Gedächtnis, der geschäftliche kurze Horizont der Teilnehmer. Wer schert sich schon darum, dass der Dollar und der Euro innert weniger Jahre 40 Prozent ihrer Konsumkaufkraft verloren haben? Geld wird zur heissen Kartoffel, die man möglichst schnell weiterreicht und in Sachwerte, Wertpapiere steckt. Dass die Banken ihrerseits grossenteils hohl sind, weil sie Einlagen mehrfach weiterleihen, interessiert kaum. Das Ganze dauert ja an, nur wer zuletzt den Besen hält, verliert wie bei der Finanzkrise 2008\. Lehman Brothers, die UBS, fast alle Grossbanken des Westens hatten rote Köpfe, als das Publikum sein Geld sehen wollte. Denn sie hatten das Geld, das ihre Bilanzen auswiesen, gar nicht vorrätig, sondern es lag anderswo im Kreislauf. Fast alle mussten sich von öffentlichen Kassen retten lassen. Unser System des Buchgeldes ist auf das ungebrochene und ungefragte tägliche Weiterdauern angelegt. Doch die Dauer bricht gelegentlich ab wie das alte Westrom mit seiner Geld- und Fiskalverluderung. Vielleicht glänzt auch bei uns, wie in den neuen Barbarenreichen, dereinst das Gold wieder als letzter Währungsanker. Oder private Selbsthilfe wie Goldklauseln in Verträgen, Kryptowerte, [Geldersatz auf realer Hinterlage](https://schweizermonat.ch/in-realen-werten-denken/?ref=schweizermonat.ch), Vollreservebanken, indexierte Obligationen schaffen Remedur, indem sie die vertraglich abgemachten Werte wahren. ### Die wichtigsten Rechtsformen – einfach erklärt URL: https://www.schweizermonat.ch/die-wichtigsten-rechtsformen-einfach-erklaert/ Last updated: 2026-03-15T19:00:04.000Z Die Wahl deiner Rechtsform gehört zu den ersten und wirkungsvollsten Entscheidungen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Sie bestimmt deine Haftung, den Kapitalbedarf, die Steuerbelastung, den Auftritt und die Wachstumsmöglichkeiten. Wer bewusst entscheidet, schafft Klarheit und vermeidet spätere Anpassungen. In der Schweiz sind die GmbH, die Einzelfirma, die AG und die Kollektivgesellschaft die vier verbreitetsten Rechtsformen. Jede Form bietet andere Vorteile – je nachdem, wie du starten möchtest, welches Risiko du tragen willst, wie gross dein Team ist und wie du wachsen möchtest. **GmbH – Schutz mit geringem Kapitalbedarf** Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) ist die meistgegründete Rechtsform. Diese Rechtsform schützt grundsätzlich dein Privatvermögen, wirkt seriös und ermöglicht Beteiligungen. Mit CHF 20 000 Grundkapital, dem sogenannten Stammkapital, ist sie der ideale Schritt, um deinem Start-up von Beginn an eine starke Basis zu geben. **Einzelfirma – unkompliziert starten** Wenn du allein schnell loslegen willst, ist die Einzelfirma eine einfache Lösung. Kein vorgeschriebenes Startkapital, wenig administrativer Aufwand und volle Kontrolle. Gleichzeitig musst du wissen: Du haftest persönlich und kannst keine Beteiligungen abgeben. **Aktiengesellschaft (AG) – für Wachstum und Professionalisierung** Wenn du früh wachsen, Investoren einbinden oder einen starken Auftritt haben willst, kann die AG für dich richtig sein. Sie macht Beteiligungen attraktiv und stärkt das Image. Das erforderliche Aktienkapital beträgt 100 000 Franken, wovon du bei der Gründung mindestens 50 000 Franken liberieren, sprich einzahlen, musst. Dafür bietet dir die AG klare Strukturen, Reputation und gute Voraussetzungen für grössere Finanzierungen. **Kollektivgesellschaft – gemeinsam starten, persönlich haften** Wenn ihr zu zweit oder im kleinen Team ohne Kapital starten wollt, ist die Kollektivgesellschaft eine Option. Sie ist einfach geführt, aber du haftest solidarisch mit – deshalb eignet sie sich oft als erste Etappe, bevor später eine GmbH oder AG folgt. ## Wichtige Unterschiede im Überblick **Startkapital:** Einzelfirma und Kollektivgesellschaft ohne Vorgaben, GmbH ab 20 000 Franken, AG ab 100 000 Franken (davon mind. 50 000 Franken liberiert). **Haftung:** Einzelfirma und Kollektivgesellschaft persönlich, GmbH und AG beschränkt auf Gesellschaftsvermögen. Für Schulden gegenüber dem Staat, z.B. Sozialversicherungen und Steuern, haftet man stets persönlich. **Steuern:** Einzelfirma privat, GmbH und AG über die Firma, Kollektivgesellschaft kombiniert. **Buchführung:** Einzelfirma ermöglicht die einfache Buchhaltung – ab 500 000 Franken Jahresumsatz doppelt geführte Buchhaltung. GmbH und AG bedingen grundsätzlich die doppelte Buchführung. ## Vor- und Nachteile auf einen Blick **GmbH** \+ Gesellschaftshaftung, Beteiligung möglich, tiefes Mindestkapital – Gesellschafter im Handelsregister publiziert, Doppelbesteuerung **Einzelfirma** \+ Kein Kapitalbedarf, einfache Führung, PK-Vorbezug möglich – Persönliche Haftung, keine Beteiligung, keine Arbeitslosenversicherung **AG** \+ Gesellschaftshaftung, Aktien einfach übertragbar, stärkeres Image – Hoher Kapitalbedarf, strenge Vorschriften, Doppelbesteuerung **Kollektivgesellschaft** \+ Kein Kapitalbedarf, einfache Führung, mehrere Gesellschafter/-innen – Solidarische Haftung, keine Arbeitslosenversicherung Entscheidend bei der Wahl der richtigen Form sind u.a. die Fragen: Wie bin ich bereit zu haften? Gründe ich allein oder im Team? Wie weit plane ich zu wachsen? Und welche Ressourcen bringe ich ein? In unseren kostenlosen Gründerkursen, Startimpulsen, Webinaren und Beratungen klärt unser erfahrendes Team deine persönlichen Fragen. Wir begleiten dich durch den kompletten Gründungsprozess – online oder persönlich – und unterstützen deinen Firmenstart. ### Kostenlos – aber nicht umsonst URL: https://www.schweizermonat.ch/kostenlos-aber-nicht-umsonst/ Last updated: 2026-03-16T09:14:45.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-betrayal-of-trust-why-gmail-is-not-a-public-service/). 2012 begann ich zu verstehen, wie potentiell gefährlich Google ist – und dass wir die vermeintlich kostenlosen Dienste des Konzerns in Wahrheit mit einem hohen Preis bezahlen: mit unserer Freiheit. Seither widerstrebt es mir zunehmend, über Gmail zu kommunizieren – jene überwachungsbasierte E-Mail-Plattform, die Google 2004 lancierte und die heute mit rund zwei Milliarden Nutzern das weltweit dominierende System ist. Kaum ein Land kommt ohne sie aus – mit Ausnahme von China und Nordkorea. Im Jahr 2013 startete ich ein rigoroses empirisches Forschungsprogramm, dessen Ergebnisse mich alarmierten – und bis heute beschäftigen. Die Erkenntnisse waren so beunruhigend, dass ich eine Konsequenz zog: Ich stellte die direkte Kommunikation mit Gmail-Nutzern ein, obwohl der Grossteil meiner täglichen E-Mails über diesen Dienst eintraf. Statt zu antworten, nutzte ich jede einzelne Nachricht als Aufhänger, um die Absender über die Risiken aufzuklären, die sie mit Gmail eingehen – und über die oft unsichtbare Logik digitaler Überwachungssysteme, die im Hintergrund wirken. Hier – leicht überarbeitet – die Art und Weise, wie ich seither auf E-Mails von Gmail-Nutzern reagiere: *Lieber E-Mail-Absender* *Ich würde Ihre Nachricht gerne lesen (wirklich!). Aus Datenschutzgründen kommuniziere ich jedoch nicht mehr über Gmail oder andere E-Mail-Dienste, die über Googles Überwachungsinfrastruktur laufen. Ich empfehle auch Ihnen, das zu überdenken.* *Trotz allen Anscheins ist Gmail kein Kommunikationssystem – zumindest keines, das mit einem nationalen Postdienst vergleichbar wäre. Anders als ein Postdienst hat Google keinerlei rechtliche Verpflichtung, E-Mails zuzustellen. Das Unternehmen verzögert, verändert, leitet Nachrichten weiter – meist in Spam-Ordner – oder löscht sie routinemässig und bewusst, ganz nach eigenem Ermessen. Zudem schneidet Google Nutzer regelmässig von ihren Gmail-Konten ab – in vielen Fällen verlieren sie damit den Zugriff auf ein Jahrzehnt oder mehr ihrer E-Mails.* *Aus geschäftlicher Perspektive ist Gmail letztlich nichts anderes als eine Überwachungsplattform, die Menschen dazu verleitet, persönliche Informationen preiszugeben.* *Google analysiert, monetarisiert und speichert E-Mails dauerhaft. Die Inhalte fliessen in persönliche Profile ein – nicht nur in unsere eigenen, sondern auch in jene von Freunden und Familienmitgliedern, die wir in unseren Nachrichten erwähnen. Auf dieser Grundlage konstruiert das Unternehmen Modelle, die unser Verhalten vorhersagen und ihm wachsende Macht verleihen, nahezu alles zu beeinflussen, was wir denken und tun. Zudem teilt Google diese Inhalte mit Geschäftspartnern, Softwareentwicklern sowie mit Regierungsbehörden in den USA und anderen Ländern.* *Wenn Sie Bedenken hinsichtlich Ihrer eigenen Privatsphäre haben – oder zumindest die Privatsphäre Ihrer Korrespondenzpartner respektieren wollen –, sollten Sie zu einem anderen E-Mail-Dienst wechseln.* *Selbst wenn Sie Ihre eigene Privatsphäre geringschätzen, sollten Sie zumindest den Menschen, mit denen Sie korrespondieren, die Achtung erweisen, ihre Privatsphäre ernst zu nehmen. Ich möchte selbst entscheiden, welche Inhalte ich mit Mitarbeitern und Algorithmen bei Google teile – und welche nicht. Wer über ein Gmail-Konto kommuniziert, entzieht jedem einzelnen Gesprächspartner diese Entscheidungsmacht.* *Mit freundlichen Grüssen* *Robert Epstein* Im Laufe der Jahre hat etwa die Hälfte der Menschen, denen ich diese Antwort geschickt habe, erneut geschrieben – diesmal über Proton Mail oder andere verschlüsselte Dienste. Von der anderen Hälfte hörte ich nie wieder etwas. Vermutlich sind sie tiefer in jenem Überwachungsökosystem geblieben, das sie für harmlos halten. Mit meinen Bedenken stehe ich nicht allein. 2019 war ich in Berlin zur Premiere des Dokumentarfilms «[The Creepy Line](https://creepyline.org/?ref=schweizermonat.ch)», der wissenschaftliche Forschung zu Googles Fähigkeit beleuchtet, Wahlen zu beeinflussen. Dort traf ich den deutschen Anwalt Markus Runde, damals Geschäftsführer der VG Media, die Hunderte europäische Medienhäuser in Urheberrechtsfragen vertrat. Auch er verweigerte inhaltliche Antworten auf Gmail-Nachrichten – und nutzte stattdessen jede Kontaktaufnahme, um Absender auf die Risiken dieses Dienstes hinzuweisen. ## Für die Nutzer unsichtbar Vielen ist zumindest vage bewusst, dass Google den Suchverlauf auf seiner allgegenwärtigen Suchmaschine speichert – einem Dienst, der rund 92 Prozent des weltweiten Marktes kontrolliert. Ebenso bekannt ist die Datensammlung über Android, das auf etwa 73 Prozent aller Smartphones und Tablets läuft. Doch damit endet es nicht: Erfasst wird auch, was in Google Docs geschrieben, welche Videos auf YouTube – ebenfalls ein Google-Dienst – angesehen und welche Aktivitäten über Chrome, Wallet, Maps oder andere Apps ausgeführt werden. Diese sichtbaren Dienste sind jedoch nur die Oberfläche. Ein weitaus grösserer Teil der Datenerfassung findet im Hintergrund statt. Die meisten Nicht-Google-Websites nutzen Google Analytics zur Auswertung ihres Datenverkehrs – und geben dem Konzern damit Einblick in das Verhalten ihrer Besucher. Hinzu kommen Google Ads und AdSense, die millionenfach eingebunden sind. Wer auf entsprechende Werbelinks klickt, wird erneut erfasst. Das Entscheidende: Diese Form der Überwachung bleibt für die meisten Nutzer unsichtbar. Kaum jemand ahnt, dass Google-Tools in einen grossen Teil der Websites integriert sind, die wir täglich aufrufen – und damit faktisch ein nahezu lückenloses Tracking ermöglichen. Noch beunruhigender ist eine jüngste Enthüllung: Ab 2026 soll Googles KI-Software Gemini den Sprachassistenten Siri auf sämtlichen Apple-Geräten antreiben. Damit geriete eine weitere Milliarde Nutzer in den Einflussbereich von Google – ausgerechnet viele von ihnen haben sich bislang bewusst für Apple entschieden, um Googles Überwachungsökosystem zu entgehen. Die Ironie ist offenkundig. Wer glaubte, sich durch die Wahl eines anderen Geräts ein Stück digitale Souveränität zu sichern, könnte künftig dennoch im selben Datenkreislauf landen. Wie Gemini wird auch ein entsprechend integriertes Siri-System permanent auf Sprachbefehle reagieren – und damit zwangsläufig mithören. Wer hat Google all diese Rechte und Befugnisse eingeräumt? Die unbequeme Antwort lautet: wir selbst – wenn auch nach einer geradezu perfiden Logik. Erstens beruft sich Google darauf, dass Sie irgendwann einmal per Klick die Nutzungsbedingungen akzeptiert haben – Bedingungen, die Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nie gelesen haben und an deren Zustimmung Sie sich kaum erinnern. Zweitens argumentiert das Unternehmen, Sie seien an diese Regeln gebunden, sobald Sie einen Google-Algorithmus nutzen – selbst dann, wenn Ihnen gar nicht bewusst ist, dass im Hintergrund ein solcher Algorithmus arbeitet, und selbst dann, wenn Sie nie ausdrücklich zugestimmt haben. Der Zirkelschluss ist offensichtlich: Wer das System nutzt, hat zugestimmt – und wer zugestimmt hat, darf überwacht werden. > «Wer hat Google all diese Rechte und Befugnisse eingeräumt? Die unbequeme Antwort lautet: wir selbst – wenn auch nach einer geradezu perfiden Logik.» Sind also die Nutzer selbst schuld an der allgegenwärtigen Überwachung? Keineswegs. Empörung wäre eher gegenüber jenen angebracht, die den Auftrag hätten, Bürger zu schützen – politischen Entscheidungsträgern und Gerichten. Zwar haben Regulierungsbehörden, Parlamente und Gerichte in der EU punktuell reagiert, etwa mit der Einführung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) im Jahr 2018\. Doch ernsthaft gebremst hat das Google nicht. Im Gegenteil: Eine der folgenreichsten Nebenwirkungen der DSGVO besteht darin, dass kleinere Unternehmen an den komplexen Vorgaben scheitern – und potentielle Konkurrenten abgeschreckt werden, bevor sie überhaupt entstehen. Hinzu kommt eine ernüchternde Entwicklung: Inzwischen haben Tausende von Unternehmen das Modell der digitalen Dauerüberwachung übernommen. Google ist der schlimmste Übeltäter – doch Facebook steht ihm kaum nach, ebenso wenig wie X, Instagram, TikTok, Amazon und zahlreiche andere Plattformen. Sie alle sammeln, analysieren und monetarisieren persönliche Daten im grossen Stil. Apple erscheint bislang als vergleichsweise zurückhaltend im Umgang mit Nutzerdaten. Doch auch dieses Gleichgewicht ist fragil – ein Strategiewechsel an der Unternehmensspitze könnte die Prioritäten jederzeit verschieben. > «Google ist der schlimmste Übeltäter – doch Facebook steht ihm kaum nach, ebenso wenig wie X, Instagram, TikTok, Amazon und zahlreiche andere Plattformen» ## Das Problem der Manipulation Meine Forschung richtet den Blick auf ein Risiko, das ich für noch gravierender halte als Überwachung selbst: die Fähigkeit von Google – und in geringerem Mass anderer Tech-Konzerne –, Denken und Verhalten gezielt zu beeinflussen. Eine [kürzlich veröffentlichte Studie](http://linkinghub.elsevier.com/?ref=schweizermonat.ch) von mir zeigt: Je mehr Daten über Menschen vorliegen, desto leichter lassen sie sich online manipulieren. Zugleich arbeiten die Plattformen systematisch daran, Nutzer von ihren Diensten abhängig zu machen. Überwachung und Manipulation greifen ineinander – das eine ermöglicht das andere. In meiner ersten Untersuchung zur Online-Manipulation konnte ich zeigen, dass eine Suchmaschine die Wahlpräferenzen unentschlossener Wähler um 20 bis 80 Prozent verschieben kann – allein durch die Reihenfolge der angezeigten Ergebnisse. Wer oben erscheint, wirkt glaubwürdiger. Hochrangige Treffer führen gezielt auf Seiten, die einen bestimmten Kandidaten vorteilhaft darstellen. Die Wirkung ist subtil, aber politisch hochbrisant. Seitdem habe ich rund ein Dutzend weiterer Formen der digitalen Manipulation identifiziert, benannt, untersucht und quantifiziert, die erst durch das Internet möglich wurden. Einige dieser Effekte gehören zu den stärksten Einflussmechanismen, die die Verhaltensforschung je dokumentiert hat. Ihre besondere Gefährlichkeit liegt darin, dass sie für die Nutzer unsichtbar bleiben. Noch gravierender: Nahezu alle diese Manipulationsinstrumente befinden sich unter der Kontrolle von Google – und in geringerem Umfang anderer Big-Tech-Konzerne. Da bis auf eine Ausnahme – X, seit der Übernahme durch Elon Musk im Jahr 2022 – alle grossen Plattformen politisch eher links tendieren, verbreiten sie in der Regel ähnlich gefärbte Inhalte. In einer meiner neuesten Studien konnte ich [zeigen](https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0327209&ref=schweizermonat.ch), dass solche plattformübergreifende Verzerrungen sogar eine süchtig machende Dynamik entfalten. Das verschafft diesen Unternehmen eine Macht historischen Ausmasses: Sie können Kinder ideologisch prägen, Wahlentscheidungen beeinflussen und die menschliche Autonomie in einem bislang ungekannten Umfang untergraben. Whistleblower, geleakte Dokumente und internes Material legen nahe, dass Google seine manipulativen Möglichkeiten nicht nur auf dem Papier besitzt, sondern systematisch nutzt. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: nicht nur, wie sich der Einzelne schützen kann, sondern wie eine demokratische Gesellschaft mit Systemen umgeht, die Informationsflüsse im grossen Stil steuern – und damit Wahrnehmung, Verhalten und letztlich politische Realität beeinflussen. ### Das Parlament sollte die EU-Verträge dem Ständemehr unterstellen URL: https://www.schweizermonat.ch/das-parlament-sollte-die-eu-vertraege-dem-staendemehr-unterstellen-2/ Last updated: 2026-09-23T21:00:26.000Z 0:00 /903 1× Voraussichtlich im Juni 2027 werden die Stimmberechtigten über das Paket Schweiz–EU, auch Bilaterale III genannt, abstimmen. Verfassungsrechtlich ist umstritten, auf welchem Weg diese Volksabstimmung herbeigeführt und welche Mehrheitsregel gelten wird. *Darf* das Parlament das Paket Schweiz–EU dem obligatorischen Referendum unterstellen? Und falls ja: *Muss* es dies tun? Zwischen dem obligatorischen und dem fakultativen Referendum bestehen zwei massgebliche Unterschiede. Der erste: Beim obligatorischen Referendum kommt es zwingend zu einer Volksabstimmung. Beim fakultativen Referendum kommt es hingegen nur zu einer Volksabstimmung, wenn dies 50 000 Stimmberechtigte innerhalb von 100 Tagen verlangen. Der zweite Unterschied: Beim obligatorischen Referendum gilt eine andere Mehrheitsregel als beim fakultativen Referendum. Im Wege des obligatorischen Referendums wird eine Vorlage Volk *und* Ständen zur Abstimmung unterbreitet. Beim fakultativen Referendum werden die Gegenstände einzig dem Volk zur Abstimmung vorgelegt. ## Der Ständerat könnte das obligatorische Referendum erzwingen Das Vernehmlassungsverfahren wurde am 31\. Oktober 2025 abgeschlossen. Als Nächstes wird der Bundesrat die Botschaft an das Parlament verabschieden. Der Ständerat dürfte in der Sommersession über das Geschäft diskutieren. Dann wird wohl in der Herbstsession der Nationalrat folgen. Spannung verspricht vor allem die Debatte im Ständerat. Wenn der Ständerat sich für das obligatorische Referendum ausspricht, dürfte die Referendumsfrage auch einen heissen Herbst im Nationalrat auslösen. Bei Uneinigkeit der Räte käme es zu einer Differenzbereinigung. Letztlich könnte der Ständerat durch Beharrlichkeit das obligatorische Referendum erzwingen. ## Gutachten überzeugt nicht Darf die Bundesversammlung, also das aus National- und Ständerat bestehende Parlament, das Paket Schweiz–EU überhaupt dem obligatorischen Referendum unterstellen? Dies ist die erste zentrale Frage. Die Frage der Zulässigkeit war lange kein Thema in der Diskussion. Sie wurde aber durch das Gutachten des Bundesamtes für Justiz (BJ) «Das Staatsvertragsreferendum im Bundesverfassungsrecht» vom 27\. Mai 2024 zum wesentlichen rechtlichen Argument der Befürworterinnen und Befürworter des fakultativen Referendums. In dem Gutachten wird die These aufgestellt, die verfassungsrechtliche Zulässigkeit des in der Vergangenheit von Parlament und Bundesrat anerkannten obligatorischen Referendums sei fraglich. Denn die Bundesversammlung als Teil des Verfassungsgebers habe die bundesverfassungsrechtliche Verankerung dieser Möglichkeit im Jahr 2021 (erneut) abgelehnt. Das System der Volksrechte gehe davon aus, dass die Bundesverfassung die Rechte von Volk und Ständen abschliessend regle. Es handle sich dabei um verfassungsmässige Rechte, die Volk und Ständen zustünden und ihnen nicht bloss von den Bundesbehörden eingeräumt werden könnten. Anders lautendes Verfassungsgewohnheitsrecht bestehe nicht. Im Widerspruch dazu argumentiere ich, dass es dem Parlament sehr wohl nach wie vor erlaubt ist, wichtige völkerrechtliche Abkommen über die ausdrücklich in der Bundesverfassung genannten Tatbestände hinaus dem obligatorischen Referendum zu unterstellen. Man bezeichnet dies als obligatorisches Staatsvertragsreferendum *sui generis*. Dreh- und Angelpunkt der Diskussion sind die Ereignisse im Jahr 2021\. Damals lehnte der Nationalrat – im Unterschied zum befürwortenden Ständerat – die Vorlage des Bundesrates zum obligatorischen Referendum für völkerrechtliche Verträge mit Verfassungscharakter (Änderung von Art. 140 der Bundesverfassung) ab. Das Gutachten des BJ wäre nur dann schlüssig, wenn sich aus dieser Ablehnung der Reform ein Verbot des obligatorischen Staatsvertragsreferendums sui generis ableiten liesse. Das Gegenteil ist der Fall. Das obligatorische Staatsvertragsreferendum sui generis ist das Ergebnis einer 100-jährigen Entwicklung. Seit der Volksabstimmung über den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund 1920 tauchte das obligatorische Referendum sui generis in Staatspraxis und Rechtslehre auf. Es konkretisierte sich mit der Volksabstimmung über das Freihandelsabkommen der Schweiz mit der heutigen EU 1972 und vor allem bei der Volksabstimmung über den EWR-Beitritt 1992. Der Bundesrat bestätigte die Existenz des obligatorischen Staatsvertragsreferendums sui generis in der Botschaft zur neuen Bundesverfassung, die am 1\. Januar 2000 in Kraft trat. Selbst im erläuternden Bericht zur Vernehmlassung über das Paket Schweiz–EU vom Sommer 2025 geht der Bundesrat vom Fortbestand des obligatorischen Referendums sui generis aus: «Die grundsätzliche Frage eines obligatorischen Staatsvertragsreferendums sui generis bleibt durch den Entscheid des Bundesrates unberührt.» Die Äusserungen des Bundesrates sind aber ohnehin nur ein Vorschlag. Sie binden das Parlament nicht. Und das Parlament behielt sich die Befugnis vor, einen Staatsvertrag dem obligatorischen Referendum sui generis zu unterstellen. Es bestätigte ausdrücklich die bisherige Praxis. Daher ist es rechtlich nicht überzeugend, die Unterstellung des Pakets unter das fakultative Referendum allein mit einem angeblichen Verbot des obligatorischen Referendums zu begründen. Der Ständerat stimmte einer Ausweitung des obligatorischen Referendums auf Staatsverträge mit Verfassungscharakter im Verfassungstext zu. Daraus kann man ableiten, dass der Ständerat erst recht die bis dahin bestehende Staatspraxis fortführen wollte. Auch die ablehnende Mehrheit im Nationalrat bekannte sich ausdrücklich zum Fortbestand des obligatorischen Referendums sui generis. Das Parlament *darf* also das Paket Schweiz–EU dem obligatorischen Referendum unterstellen. ## Abkommen mit Verfassungscharakter Sind die Voraussetzungen für das obligatorische Staatsvertragsreferendum sui generis erfüllt? Der Bundesrat formulierte in ständiger Praxis: «Ein völkerrechtlicher Vertrag ist dann dem Referendum sui generis zu unterstellen, wenn er entweder tiefgreifend in die verfassungsrechtliche Ordnung eingreift, eine grundsätzliche Änderung der schweizerischen Aussenpolitik mit sich bringt oder sehr bedeutende sachliche oder politische Gründe dafür sprechen.» Von einem (tiefgreifenden) Eingriff in die verfassungsrechtliche Ordnung ist laut Bundesrat stets dann auszugehen, wenn eine Bestimmung eines völkerrechtlichen Vertrags «Verfassungscharakter» hat, die «verfassungsmässige Ordnung tangiert» beziehungsweise von solcher Bedeutung ist, dass ihm Verfassungsrang zukommt. Es stellt sich also die Frage, ob das Paket Schweiz–EU Verfassungscharakter hat. Hierfür gibt es mehrere Anhaltspunkte. Der Zuwanderungsartikel (Art. 121a BV) könnte durch die Ausweitung der Personenfreizügigkeit verletzt werden. Das Schiedsgerichtsmodell unter Einbezug des Gerichtshofes der Europäischen Union könnte die Stellung des Bundesgerichts tangieren. Problematisch ist auch die Zuständigkeit des Bundes für die Überwachung staatlicher Beihilfen der Kantone und Gemeinden. Die staatspolitisch bedeutsamsten Änderungen für das Parlament und für die Stimmberechtigten sind die Pflicht der Schweiz zur dynamischen Rechtsübernahme und die Einschränkung der politischen Gestaltungsspielräume aufgrund des Vorrangs des bilateralen Rechts. ## Grundlegende Neuerung Die wichtigste Neuerung im Paket Schweiz–EU ist die dynamische Rechtsübernahme. Beim Freizügigkeitsabkommen (FZA) greift die dynamische Rechtsübernahme in Verbindung mit einer weiteren Neuerung: der Integrationsmethode. Die dynamische Rechtsübernahme in Verbindung mit der Integrationsmethode hat unter mehreren Gesichtspunkten Verfassungscharakter. Im Unterschied zu heute wäre die Schweiz auf dem Gebiet des FZA, des Landverkehrsabkommens und der weiteren Binnenmarktabkommen verpflichtet, jede Änderung des EU-Rechts zu übernehmen. Hat die EU eine Änderung ihrer Rechtsakte beschlossen, teilt sie dies der Schweiz mit. Im Gemischten Ausschuss *muss* die Schweiz dieser Änderung durch die Übernahme in die bilateralen Verträge zustimmen. Braucht es die Zustimmung von Parlament und Volk, steht diese Zustimmung im Gemischten Ausschuss unter Vorbehalt. Aber auch Parlament und Volk sind *verpflichtet*, der Übernahme des geänderten EU-Rechts innerhalb von drei Jahren zuzustimmen. Die Schweiz *kann* zwar die Rechtsübernahme ablehnen, aber sie *darf* es nicht. Tut sie es dennoch, ist die EU daher berechtigt, Ausgleichsmassnahmen gegen die Schweiz zu ergreifen. > «Auch Parlament und Volk sind verpflichtet, der Übernahme des geänderten EU-Rechts innerhalb von drei Jahren zuzustimmen.» Die Pflicht zur Rechtsübernahme ist im Bereich des FZA im Vergleich zu heute einschneidender. Es gilt nämlich die bisher unbekannte Integrationsmethode. Nach der Integrationsmethode werden Rechtsakte der Union, die in das Abkommen integriert werden, durch ihre Integration Teil der Schweizer Rechtsordnung. Es braucht also keine Umsetzung mehr in Schweizer Recht. Der Mechanismus entspricht der Anwendung von EU-Verordnungen durch die nationalen Behörden in den EU-Mitgliedstaaten. Diese Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme wirkt sich auf die Entscheidungsspielräume des Parlaments und die Abstimmungsfreiheit der Stimmberechtigten aus. Das parlamentarische Verfahren wird im Anwendungsbereich der bilateralen Verträge verändert. Das Initiativrecht liegt nicht mehr beim Bundesrat und dem Parlament selbst, sondern bei der EU-Kommission. Das Vernehmlassungsverfahren, die Diskussionen der vorberatenden Kommissionen beider Räte und die Debatte im Plenum werden auf die Alternative Ja/Nein reduziert. Und eigentlich darf das Parlament die Rechtsübernahme nicht einmal ablehnen, denn es ist dazu verpflichtet. So bestimmen es die neuen Verträge. Diese Wirkungsweise setzt sich für die Stimmberechtigten fort. Wird gegen einen vom Parlament übernommenen Rechtsakt das Referendum ergriffen, kommt es zur Volksabstimmung. In einem solchen Fall sind die Stimmberechtigten völkerrechtlich verpflichtet, der Rechtsübernahme zuzustimmen. Völkerrechtlich *müssen* sie also mit Ja stimmen. Natürlich kann man sie dazu nicht zwingen, sie *können* trotzdem mit Nein stimmen. Es ist aber absehbar, dass der Bundesrat die Stimmberechtigten in den Abstimmungserläuterungen eindringlich dazu auffordern wird, ihren völkerrechtlichen Pflichten nachzukommen. Als Anschauungsbeispiel hierfür dient die Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme im Bereich von Schengen/Dublin, wo diese heute schon gilt. Hier kam es dreimal zu einer Volksabstimmung. Das Volk stimmte jedes Mal zu. Die drei bisherigen Volksabstimmungen in Bezug auf die Übernahme von EU-Rechtsakten im Rahmen von Schengen/Dublin belegen die strukturelle Gefährdung der Abstimmungsfreiheit. Der Bundesrat argumentierte stets mit dem drohenden Ausschluss aus Schengen/Dublin im Fall einer Ablehnung der Vorlage durch die Stimmberechtigten. Das letzte Beispiel ist die Volksabstimmung vom Mai 2022 über die Neuerungen bei der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Es ist davon auszugehen, dass bei Referenden über dynamisch zu übernehmende Rechtsakte ein umfangreicher Teil des Argumentariums in den Abstimmungserläuterungen daraus bestünde, dass die Schweiz zur Übernahme verpflichtet sei und im Fall der Ablehnung Ausgleichsmassnahmen derzeit unbekannten Inhalts zu erwarten seien. Diese könnten zu Schäden in Milliardenhöhe für die Schweizer Volkswirtschaft führen. Somit wäre die freie Willensbildung der Stimmberechtigten in Bezug auf den sachlichen Inhalt der zu übernehmenden Rechtsakte beeinträchtigt. Ihre Stimmabgabe würde nicht mehr ungeachtet der Pflicht zur Rechtsübernahme und der rechtlich zulässigen Ausgleichsmassnahmen erfolgen. ## Vorrang der bilateralen Verträge Das Parlament und mittelbar auch die Stimmberechtigten wären über die Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme hinaus vom Vorrang des EU-Rechts betroffen. Neu erlassene Gesetze, die gegen die bilateralen Verträge verstossen, würden nicht angewendet. Denn das Bundesgericht räumt den bilateralen Verträgen in ständiger Rechtsprechung Vorrang vor den nationalen Gesetzen ein. Da EU-Recht aufgrund der Integrationsmethode unmittelbar gilt, müsste jede eidgenössische, kantonale und kommunale Behörde das EU-Recht anstelle des widersprechenden Bundesgesetzes anwenden. Der Vorrang des bilateralen Vertragsrechts beziehungsweise des EU-Rechts würde sich beispielsweise bei der vom Bundesrat vorgeschlagenen einseitigen Anrufung der Schutzklausel auswirken. Gemäss neuem FZA ist die Aktivierung der Schutzklausel nur zulässig, wenn das Schiedsgericht dem zustimmt. Der Bundesrat sieht im Gesetzesentwurf demgegenüber vor, dass er die Schutzklausel auch bei einer Ablehnung durch das Schiedsgericht anwenden kann. Behält das Bundesgericht seine Rechtsprechung bei, würde es in einem migrationsrechtlichen Fall die Schutzklausel nicht anwenden, sondern das EU-Recht. Der Vorrang der bilateralen Verträge und die Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme tangieren somit das verfassungsrechtlich vorgesehene Gesetzgebungsverfahren und auch anschliessende Volksabstimmungen. Betroffen sind die Handlungsmöglichkeiten des Parlaments und die Abstimmungsfreiheit der Stimmberechtigten. Dies verleiht einem Kernelement des Pakets Schweiz–EU Verfassungscharakter. Wendet das Parlament die bisher beispielsweise beim EWR zugrunde gelegten Kriterien an, *muss* es das Paket Schweiz–EU dem obligatorischen Referendum unterstellen. Da diese Kriterien aber nicht in der Verfassung geregelt sind, könnte das Parlament ohne Verfassungsänderung davon abweichen. Es könnte seine Praxis anlässlich des Pakets Schweiz–EU ändern. *Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 28\. Januar auf Einladung des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern gehalten hat.* ### Föderalismus und Kapitalismus – Chronik eines Missverständnisses URL: https://www.schweizermonat.ch/foederalismus-und-kapitalismus-chronik-eines-missverstaendnisses/ Last updated: 2026-03-19T14:28:02.000Z Auf den ersten Blick scheinen Wirtschaft und Föderalismus wenig miteinander gemeinsam zu haben. Sie bewegen sich in unterschiedlichen Sphären – und galten lange eher als Gegenspieler denn als Verbündete. Der Föderalismus mit seiner Vorliebe für kleinteilige, überschaubare und oft abgeschottete Strukturen erschien der aufstrebenden kapitalistischen Wirtschaft des 19\. Jahrhunderts als Bremsklotz. Waren die föderalistischen, sakrosankt anmutenden Grenzen nicht Ausdruck einer engen Weltsicht, die zwangsläufig in Protektionismus münden würde? Umgekehrt wirkte der Kapitalismus mit seinem Drang nach Expansion wie das Gegenbild dazu: Getrieben vom Hunger nach Märkten, Raum und Skalierung, schien er auf eine Welt ohne Brüche und Grenzen zuzusteuern. Unterschiede sollten eingeebnet, Vielfalt zugunsten von Harmonisierung verdrängt werden – damit Produkte überall passen, überall konsumiert und möglichst reibungslos abgesetzt werden können. > «Waren die föderalistischen, sakrosankt anmutenden Grenzen nicht Ausdruck einer engen Weltsicht, die zwangsläufig in Protektionismus münden würde?» **Traum einer zentralisierten Schweiz** Die Schweiz ist ein Musterbeispiel für dieses Spannungsfeld zwischen Föderalismus und Kapitalismus. Früh setzte sich hier eine Denktradition durch, die auf Benjamin Constant zurückgeht. Für ihn reproduzierte der Föderalismus, wie er in seinem Herkunftsland gepflegt wurde, letztlich die fragmentierte Gesellschaft des Ancien Régime. Indem er das Individuum in gewissermassen vorgegebene Schubladen einsortiere, stehe der Föderalismus im Widerspruch zur Rechtsgleichheit, die der Liberalismus verspreche. Dieses Argumentationsmuster wurde von den Anhängern des sogenannten Manchesterliberalismus dankbar aufgegriffen, einer Strömung, die seit der Gründung des Bundesstaates unter der Kuppel des Bundeshauses stets gut vertreten war. Als glühende Verfechter des mit der Bundesverfassung von 1848 eingeführten «gemeinsamen Marktes» träumten sie von einer möglichst zentralisierten Eidgenossenschaft. Die kantonalen Binnengrenzen galten ihnen als Relikte einer überholten Ordnung: als Hindernisse für den freien Warenverkehr und die Mobilität der Menschen. Getrieben von der Vision einer Schweiz, die ihrer kantonalen «Souveränität» entkleidet ist, drängen diese Liberalen ab den 1860er-Jahren auf eine Neuordnung der 1848 geschaffenen Institutionen – mit dem Ziel einer stärkeren Zentralisierung. Die Eisenbahn expandiert rasant, die Distanzen schrumpfen. Wie, so fragen sie, lasse sich in einer solchen Welt noch ein Staat rechtfertigen, dessen Rechtsordnungen sich alle paar Dutzend Kilometer ändern? Rückendeckung erhielten die Liberalen von der Schweizerischen Juristengesellschaft und vom Militär – vor allem aber von ihren politischen Gegnern: dem linken Flügel des regierenden Radikalismus. Dieser fordert ebenfalls eine Zentralisierung, allerdings flankiert von einer Ausweitung der Volksrechte, namentlich durch das Gesetzesreferendum. In diesem Bündnis gelingt es den «Ultra»-Liberalen 1870, eine Verfassungsrevision durchzusetzen. Der Ruf nach Zentralisierung wird zum Konsens im liberalen Lager – selbst in traditionell föderalistischen Kantonen wie der Waadt, nun legitimiert im Namen eines möglichst reibungslosen innerstaatlichen Austauschs. **Euphorie über starken Bund war nicht von Dauer** Die im April 1874 angenommene Verfassungsrevision – zwei Jahre zuvor war der als zu zentralistisch empfundene Entwurf noch gescheitert – markiert einen Wendepunkt. Sie vereinheitlicht de facto weite Teile des Privatrechts und verankert mit dem Referendum ein neues Machtinstrument in der schweizerischen Institutionenordnung. Doch die Liaison der Liberalen mit der Idee der Zentralisierung erweist sich als flüchtig. Die Euphorie über den starken Bund sollte nicht von Dauer sein. Mit den Umbrüchen des Kapitalismus ab den 1870er-Jahren und dem gleichzeitigen Aufstieg der Arbeiterbewegung zerfällt der Liberalismus in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die regierenden Radikalen. Sie versuchen, den Wirtschaftsliberalismus durch ein Geflecht von Sozialversicherungen zu zähmen, um dem erstarkenden Sozialismus den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Staat soll hier als Gegengewicht fungieren – als Korrektiv einer Freiheit, deren mögliche Exzesse man nicht länger ignoriert. Auf der anderen Seite rückt jener liberal-konservative Strang, der bereits seit den 1840er-Jahren an Profil gewinnt, weiter von der kapitalistischen Moderne ab. Seine Kritik an Industrialisierung, Entwurzelung und Massenwirtschaft verschärft sich. Was ihn noch mit dem klassischen Liberalismus verbindet, ist vor allem der Glaube an die individuelle Freiheit – zunehmend jedoch in Abgrenzung, nicht in Allianz mit dem Kapitalismus. Diese liberale Strömung, die dem Radikalismus und seinem «staatlichen» Liberalismus ablehnend gegenübersteht, entwickelt eine zweigeteilte Argumentation. Zum einen reagiert sie sensibel auf die Schäden, welche der Kapitalismus an Natur und Landschaft hinterlässt – an jenen «Gesichtern der Nation», die als identitätsstiftend gelten. Zum anderen bekennt sie sich nun ausdrücklich zum Föderalismus. In ihm sieht sie den einzig wirksamen Damm gegen die auf Bundesebene voranschreitende staatliche Expansion. Dem zunehmend zentralisierten Bundesstaat, belastet durch wuchernde Bürokratie und getragen von jenen zentralistischen Impulsen, die man den Radikalen zuschreibt, wird der Kanton vorgezogen. Auch er ist nicht frei von administrativen Zumutungen. Doch dank seiner überschaubaren Grösse und seiner Verankerung in lokalen Identitäten erscheint er als das geringere Übel – als Schutzschild gegen die normativen Vorstösse eines als unersättlich empfundenen Bundesbern. **Korporatismus und Liberalismus** Der Korporatismus ist indes kein liberaler Entwurf. Zwar gibt er sich antietatistisch und beruft sich auf föderalistische Ideale. Doch sowohl dem Liberalismus, den er für überholt erklärt, als auch dem Kapitalismus, den er strikt zähmen will – nicht zuletzt durch Eingriffe in die Handels- und Gewerbefreiheit –, steht er grundsätzlich kritisch gegenüber. Die Radikalen lassen sich davon nicht blenden. Für sie zeigt die Geschichte, dass Korporatismus nur in autoritären Systemen funktionsfähig war – exemplarisch im Modell, das Benito Mussolini etablierte. Ausgerechnet auf dieses Beispiel beriefen sich die Korporatisten der Westschweiz, katholische wie protestantische, immer wieder – ein folgenschwerer Irrtum. Tatsächlich scheitert der Korporatismus nicht nur an seiner Vereinnahmung durch den Faschismus, sondern an einem inneren Widerspruch. Sein erklärter Kampf gegen den Etatismus ist ohne staatliche Hilfe nicht zu führen. Denn letztlich soll der Staat jenen paritätisch ausgehandelten Entscheidungen der Berufsverbände Gesetzeskraft verleihen. Auch wenn Korporatisten das Privateigentum als Bollwerk gegen staatliche Übergriffe preisen, verkennen sie den Kern des Problems: Freiheit, der ihre wirtschaftliche Dimension fehlt, bleibt eine leere Formel. Doch legt dieser Umweg über konservative und korporatistische Verlockungen, denen ein Teil des Liberalismus erlag, nicht eine andere Lesart nahe? Nämlich jene, dass der Föderalismus in Wahrheit integraler Bestandteil einer richtig verstandenen wirtschaftlichen Freiheit ist. Fügt sich sein Antietatismus nicht nahtlos in den permanenten Abwehrkampf des Liberalismus gegen die Regulierungslawine ein – eine Lawine, die stets dort entsteht, wo Kompetenzen immer weiter an Staat und Verwaltung delegiert werden? Gewiss kann der Föderalismus Barrieren errichten, die einem strikt antiprotektionistischen Liberalismus missfallen mögen. Doch bietet er im Gegenzug eine institutionelle Architektur, die der Initiativfreiheit dient: Er ermöglicht einen Wettbewerb der Modelle, begünstigt Vielfalt und schützt vor der Erstarrung in potentiell erdrückenden Grossstrukturen. Kurz: Ist das föderalistische Gehäuse nicht geradezu der Garant der Freiheit? Und trägt der Antiföderalismus der Liberalen des 19\. Jahrhunderts – gelegentlich im 20\. Jahrhundert von modernen Liberalen wiederbelebt – nicht alle Züge eines grundlegenden Missverständnisses? > «Freiheit, der ihre wirtschaftliche Dimension fehlt, bleibt eine leere Formel.» In seiner Auseinandersetzung mit dem Engländer William Godwin, einem Vordenker des philosophischen Anarchismus, machte Benjamin Constant deutlich, dass sich der Liberalismus vor anarchistischen Versuchungen hüten müsse – selbst um den Preis, einen möglichst schlanken Staat wieder in seinen gedanklichen Horizont aufzunehmen. Gerade deshalb müsste die heutige liberale Aneignung des Föderalismus selbstbewusster ausfallen. Denn der Kapitalismus schweizerischer Prägung hat dessen Logik längst verinnerlicht. Ein Blick in die Industriegeschichte des Landes genügt, um zu erkennen: Föderalismus war hier nie ein Fremdkörper, sondern ein tragender Nährboden wirtschaftlicher Freiheit. **Föderalismus – ein tragender Pfeiler des Liberalismus** Anders als in Frankreich oder Deutschland wächst die Schweizer Industrie, die in der ersten Hälfte des 19\. Jahrhunderts Fahrt aufnimmt, nicht um grosse Bergbaureviere herum. Es entstehen keine massierten Arbeiterheere jener Art, die Émile Zola mit «Germinal» literarisch verewigt hat. Die industrielle Entwicklung der Schweiz verläuft von Beginn an dezentral: verstreut in abgelegenen Tälern, in alpinen Kantonen wie Glarus. Das bedeutet nicht, dass Grossunternehmen fehlen. Städte wie Zürich oder Winterthur bringen gegen Ende des Jahrhunderts industrielle Schwergewichte hervor. Doch die eigentliche Dynamik der Schweizer Industrie speist sich aus kleinen und mittleren Betrieben, verteilt über das gesamte Land. Diese Zerstreuung hat zwei zentrale Gründe: zum einen die Ausweichbewegung vor städtischen Regulierungen, die vielerorts als Erbe alter Zunftordnungen die Privatinitiative einengen, zum anderen die Nähe zu den Energiequellen – allen voran zur Wasserkraft. Dieser ökonomische Föderalismus wird zu einem der stillen Erfolgsfaktoren der Schweiz. In Verbindung mit weiteren institutionellen Besonderheiten trägt er entscheidend zu den raschen Fortschritten der Schweizer Wirtschaft bei. Eine prosperierende Wirtschaft lebt von ausgeprägter Privatinitiative – und von Verantwortungsbewusstsein. Beides setzt Flexibilität, Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit voraus. Diese Tugenden gedeihen dort am besten, wo Entscheidungsstrukturen überschaubar bleiben und echte Autonomie möglich ist – in Einheiten vernünftiger Grösse. Genau darin liegt der Geist des institutionellen Föderalismus, wie wir ihn kennen. Die angeblichen Kosten dieses Föderalismus, die seine Kritiker regelmässig ins Feld führen, verlieren vor diesem Hintergrund an Überzeugungskraft. Schon Pierre-Joseph Proudhon hatte sie grundlegend infrage gestellt. Für ihn waren es gerade die grossen, zentralisierten Strukturen, die Ineffizienz, Erstarrung und Machtmissbrauch begünstigen. Nicht der Föderalismus, sondern seine Abschaffung droht zur ökonomischen Hypothek zu werden. Zusammen mit der direkten Demokratie und dem Milizsystem bildet der Föderalismus einen der tragenden Pfeiler des Schweizer Ordnungsmodells, eines Systems, in dem sich individuelle Freiheit tatsächlich entfalten kann. Diese drei Elemente gehören zusammen; sie wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Dass dies auch ökonomisch von zentraler Bedeutung ist, haben die heutigen Verfechter einer liberalen Wirtschaftsordnung erkannt. Darauf verweist etwa die jüngst veröffentlichte Studie «Antifragile» von Avenir Suisse, die Föderalismus und Milizsystem zu den entscheidenden Quellen jener ausserordentlichen Widerstands- und Innovationsfähigkeit zählt, welche die Schweizer Wirtschaft bis heute auszeichnet. Freihandel muss Grenzen nicht fürchten, wenn sie föderalistisch gedacht sind: nicht als trennende Mauern, sondern als ordnende Strukturen – als Brücken, die Räume verbinden, statt sie abzuriegeln. ### Der Jura als Ideenlabor für die Schweiz URL: https://www.schweizermonat.ch/der-jura-als-ideenlabor-fuer-die-schweiz-2/ Last updated: 2026-03-13T21:10:37.000Z Sonderwirtschaftszonen gehören zu den erfolgreichsten politischen Innovationen der letzten fünfzig Jahre und gleichzeitig zu den am wenigsten verstandenen. Viele betrachten sie als technisches Werkzeug: eine Liste von Erleichterungen, mit denen man Regionen für Investoren attraktiver macht. Ein paar Steuervergünstigungen hier, ein vereinfachtes Baurecht dort – fertig ist der Wachstumsmotor. Dieses Verständnis greift zu kurz. Wer nur auf die Rabatte schaut, übersieht den Kern. Sonderzonen sind kein Rabattgefüge, sondern institutionelle Experimentierräume. Orte, an denen ein Staat sich traut, etwas anders zu machen als gewohnt. Das erklärt, warum manche Zonen ganze Nationen verändert haben, während andere kaum über das Grundrauschen hinauskommen. Weltweit [existieren](https://unctad.org/news/global-competition-investment-prompts-surge-special-economic-zones?ref=schweizermonat.ch) heute fast 5400 solcher Zonen. Sie [erwirtschaften](https://www.kielinstitut.de/institute/world-free-zones-economic-outlook?ref=schweizermonat.ch) zusammen rund zwanzig Prozent des weltweiten Güterhandels. Das globale Gewicht dieser Projekte ist enorm. Shenzhen ist das bekannteste Beispiel. 1980 war es ein Küstendorf. [Heute](https://www.economist.com/special-report/2017/04/06/shenzhen-is-a-hothouse-of-innovation?ref=schweizermonat.ch) ist es ein Hightech-Zentrum, das in manchen Branchen Massstäbe setzt. Und zwar nicht, weil niemand sonst auf die Idee gekommen wäre, Steuern zu senken, sondern weil die Zone einen rechtlichen Rahmen bekam, in dem sich eine neue lokale Ordnung entwickeln konnte. Der eigentliche Anreiz war nicht steuerlich, sondern institutionell. Gleiches gilt für Dubai. Mit dem Dubai International Financial Centre wurde ein eigener Rechtsraum geschaffen, der funktionierte, weil er verlässlich war. Mauritius wiederum schuf mit seiner Freihandelszone eine Struktur, die Handel, Logistik und Regulierung neu kombinierte – und damit die Grundlage für den Aufstieg eines Landes legte, das ursprünglich nur als Ferieninsel wahrgenommen wurde. > «Der eigentliche Anreiz war nicht steuerlich, sondern institutionell.» ## Ein Grundrezept, viele Optionen An diesen Beispielen lässt sich erkennen, dass Sonderzonen weniger ein technisches als ein politisches Instrument sind. Die Zutaten dafür sind bekannt, aber das Ergebnis hängt davon ab, wie man sie kombiniert und was man daraus macht. Wer nur die Grundzutaten mischt, landet bei einem Standardgericht. Es ist nahrhaft, aber austauschbar. Erst wenn man eigene Zutaten findet, entsteht etwas, das hervorsticht. Das Grundrezept ist dabei erstaunlich einfach. - **Erstens** braucht eine Zone einen rechtlich geschützten Raum. Kein Investor setzt langfristiges Kapital in eine Ordnung, die der nächste politische Zyklus wieder umstösst. Das war der entscheidende Unterschied in China: Die Führung gab nicht nur formelle Freiheiten, sondern auch politische Rückendeckung. Das Experiment war nicht geduldet, sondern gewollt. - **Zweitens** muss das politische Risiko neutralisiert werden. Projekte wie [Próspera](https://www.libinst.ch/news/freie-privatstaedte-von-der-theorie-zur-praxis-in-honduras/?ref=schweizermonat.ch) in Honduras zeigen, was passiert, wenn dieser Teil des Rezepts fehlt. Die Zone war ambitioniert, aber die Rechtsgrundlage wurde von der neuen Regierung wieder aufgehoben. Nun [streitet](https://blog.prospera.co/10-775-billion-claim-filed-against-government-of-honduras/?ref=schweizermonat.ch) man über Milliarden. Egal wie man dieses Beispiel bewertet, eines zeigt es klar: Ohne verlässliche Absicherung bleibt jede Zone ein Spielball der Politik. - **Drittens** braucht eine Zone eine Verwaltung, die funktioniert. Das klingt banal, ist aber entscheidend. Rechtsklarheit, schneller Zugang zu Entscheidungen, sichtbare Fairness. Eine Zone ist keine Vision, sondern ein Ort, an dem Menschen arbeiten und Firmen investieren. - **Viertens** braucht es Infrastruktur. Nicht nur Strom und Strassen, sondern digitale Verwaltung und ein Mindestmass an Lebensqualität. Wer eine Zone plant und diese vier Punkte vernachlässigt, baut ein Projekt, das auf dem Papier beeindruckt und in der Realität leer bleibt. Doch diese vier Schritte reichen nicht mehr aus. Sie bilden die Basis, den Grundfond. Es sättigt, aber überrascht nicht. Der Grund dafür ist einfach. Während in den Achtziger- und Neunzigerjahren nur wenige Länder mit Sonderzonen experimentierten, ist das Rezept heute global bekannt. Steuererleichterungen gibt es fast überall. Ein One-Stop-Shop in der Verwaltung, der Verfahren und Bewilligungen bündelt, ist längst keine Besonderheit mehr. Selbst vereinfachte Bauregeln findet man von Kigali bis Abu Dhabi. Das Ergebnis ist eine wachsende Austauschbarkeit. Wenn jede Zone gleich schmeckt, ist es egal, wohin man geht. Es braucht eigene Würze, sonst bleibt ein Projekt ein weiteres Angebot in einem gesättigten Markt. Moderne Zonen beginnen deshalb, sich in eine andere Richtung zu bewegen. Sie setzen nicht mehr primär auf Anreize, sondern auf Ordnung. Das heisst: Sie erlauben alternative Verwaltungsformen, sie verkürzen Entscheidungswege, sie testen Regulierung jenseits des Status quo. Nicht um den Staat zu umgehen, sondern um ihm zu zeigen, was möglich ist, wenn man Freiräume zulässt. Diese Entwicklung ist leise, aber folgenreich. Sie verschiebt die Logik von Besonderheit durch Erleichterung hin zu Besonderheit durch Gestaltungskraft. Eine Zone wird nicht deshalb attraktiv, weil sie weniger vorschreibt, sondern weil sie besser organisiert ist. Man könnte sagen: Die Sonderwirtschaftszone wird zur Sonderverwaltungszone. Nicht weniger Wirtschaft, sondern mehr Ordnung. Nicht Rabatte, sondern Regeln. Eine *Sonderwirtschaftszone plus* ist keine aufgepumpte Version der alten Modelle, sondern eine neue Kategorie: ein Ort, an dem ein Staat testet, was er sich im grossen Massstab nicht sofort zutraut. > «Sonderwirtschaftszone plus ist ein Ort, an dem ein Staat testet, was er sich im grossen Massstab nicht sofort zutraut.» ## Ein Kanton mit eigener Würze Damit wird das Konzept plötzlich für Länder interessant, die sich nie als Kandidaten dafür gesehen hätten. Auch für die Schweiz. Nicht, weil sie wirtschaftlich hinterherhinkt (das Gegenteil ist der Fall), sondern weil sie von institutioneller Vielfalt lebt. Gemeinden regeln, was sie können, Kantone unterscheiden sich und der Bund schafft den Rahmen. Föderalismus ist keine Bürde, sondern die strukturelle Basis für politische Innovation im Kleinen. Sonderzonen passen in diese Logik. Sie sind nichts anderes als ein präzise definierter Raum, in dem Unterscheidung erlaubt und erwünscht ist. Die Frage ist daher nicht, ob die Schweiz eine Sonderzone braucht. Sie lautet: In welchem Kanton würde ein solcher Experimentierraum am meisten Sinn ergeben? Und hier drängt sich der Jura auf. Er ist kein Raum, der nach Erleichterungen ruft, sondern einer, der offen dafür ist, eigene Würze in ein bewährtes Grundrezept einzubringen. Das zeigt sich etwa beim Wechsel der Stadt Moutier zum Kanton Jura oder den laufenden [Versuchen](https://sip-baselarea.com/blog-post/the-jura-switzerlands-up-and-coming-strategic-base-for-innovative-startups-and-smes?ref=schweizermonat.ch), institutionelle Rahmenbedingungen für junge Menschen und Projekte neu zu gestalten. Der Jura ist ein politisch geformter Raum. Seine Existenz verdankt er dem Beharren einer Bevölkerung auf Selbstbestimmung. Über ein Jahrhundert lang stritten die Jurassier um ihre Zugehörigkeit. Sprache, Religion und politische Identität bildeten einen Konflikt, der erst durch eine Reihe von Volksabstimmungen gelöst wurde. Der Kanton, der daraus entstand, ist jung, klein und politisch eigenständig. Diese Vergangenheit prägt das Selbstbild bis heute. Der Jura ist keine neutrale Fläche, sondern eine Region, die gewohnt ist, Verantwortung für ihre Ordnung zu übernehmen. Gleichzeitig steht der Kanton wirtschaftlich vor Herausforderungen. Die industrielle Basis ist schmal, die Abwanderung junger Leute ein Problem und es finden sich kaum grosse Arbeitgeber. Es fehlt nicht an Talenten, sondern an Rahmenbedingungen. Genau hier kann ein [neues Rezept](https://www.swissinfo.ch/ger/politik/schweiz-jura-autonomie-befreiungskampf/45028950?ref=schweizermonat.ch) entstehen. Seit Jahren wird Im Jura öffentlich darüber [gesprochen](https://www.swissinfo.ch/ger/politik/schweiz-jura-autonomie-befreiungskampf/45028950?ref=schweizermonat.ch), wie der Kanton attraktivere Rahmenbedingungen schaffen kann. Die Vorschläge reichen von vereinfachten Volksinitiativen bis zu neuen Genossenschaftsmodellen. Eine Sonderzone könnte diese Ansätze bündeln. Wie könnte eine solche Zone aussehen? Sie wäre keine Steuerspielwiese, sondern ein klar umrissener Versuchsraum. Der Bund könnte den Kantonen für eine begrenzte Zeit erweiterte regulatorische Freiheiten gewähren. Der Jura wäre prädestiniert dafür, diese auszunutzen. Schnellere Genehmigungsverfahren, pilotartige Anpassungen im Arbeitsrecht, ein pragmatisches Umweltverfahren, eine vollständig digitalisierte Verwaltung. Oder eine Spezialisierung auf Zukunftsbranchen, die in der klassischen Schweizer Struktur keinen natürlichen Ort haben. Eine Zone, die nicht versucht, Dubai oder Shenzhen zu imitieren, sie wäre kein Bruch mit dem schweizerischen Modell, sondern eine präzise Erweiterung desselben. Ein zusätzlicher Gang im bestehenden Menü, nicht ein Ersatz. Natürlich ist dieser kühne Plan kein Selbstläufer. Es gibt erhebliche Hürden rechtlicher wie politischer Natur. Die Bundesverfassung garantiert einen einheitlichen Wirtschaftsraum, und Ausnahmen müssen sauber konstruiert werden. Ein gutes Rezept lebt von klaren Mengenangaben – und eine Sonderzone auch. Andere Kantone würden sich fragen, warum ausgerechnet der Jura Freiräume erhalten soll. Doch Vielfalt setzt voraus, dass Unterschiede erlaubt sind. Und wenn eine Zone als Labor gedacht wird, ist sie kein Privileg, sondern ein Instrument, von dem alle lernen können. Am Ende entscheidet die Bevölkerung. Ohne Rückhalt im Jura wäre ein solches Projekt nicht legitim. Doch die Region hat Erfahrung darin, eigene Wege zu gehen. Eine Sonderzone wäre keine Abkehr, sondern eine Fortsetzung dieser Tradition. Sie würde institutionelle Innovation nicht von oben verordnen, sondern lokal ermöglichen. ## Vielfalt zulassen Sonderzonen sind kein Werkzeug für Entwicklungsländer. Sie sind ein Instrument für Staaten, die begriffen haben, dass Ordnung nicht durch Einheitlichkeit entsteht, sondern durch die Bereitschaft, Varianten zuzulassen. Die nächste Generation dieser Zonen ist deshalb keine Sonderwirtschaftszone mehr, sondern eine Sonderverwaltungszone. Der Jura wäre ein Ort, an dem man genau das tun könnte. Eine Region, die historisch gelernt hat, für sich einzustehen, könnte zeigen, wie institutionelle Innovation im Kleinen beginnt und im Grossen Wirkung entfaltet. Die Schweiz wäre damit nicht weniger schweizerisch. Im Gegenteil: Sie würde zeigen, dass ihr Erfolg immer daraus entstand, dass man Vielfalt nicht verwaltet, sondern zugelassen hat. Ein gutes Gericht lebt nicht von Gleichheit, sondern von Nuancen. ### Diagnose schlägt Gefälligkeit URL: https://www.schweizermonat.ch/diagnose-schlaegt-gefaelligkeit/ Last updated: 2026-03-15T19:17:04.000Z In der Start-up-Welt herrscht ein teurer Irrtum: Viele Gründer glauben, eine perfekt inszenierte Performance sei der Schlüssel zum Erfolg. Ganze Ökosysteme drehen sich um Pitch-Decks und Wettbewerbe, um Investoren in Minuten zu überzeugen. Doch gerade im Deep-Tech-Umfeld oder im B2B-Sektor führt dieser Fokus auf Rhetorik oft am Ziel vorbei. Ein Pitch ist kein Schauspiel, sondern ein ökonomisches Werkzeug zur Reduktion von Unsicherheit. Als Innosuisse-Innovation-Mentor sehe ich oft zwei Welten: die sterile «LinkedIn-Version» eines Projekts und die ungeschminkte Realität im «Maschinenraum». Die Erfahrung zeigt: Gerade die rohe Fassung mit all ihren Ecken und Kanten überzeugt erfahrene Entscheider oft mehr als Hochglanzinszenierungen. > «Ein Pitch ist kein Schauspiel, sondern ein ökonomisches Werkzeug zur Reduktion von Unsicherheit.» Der Grund liegt in der Glaubwürdigkeit: Echte Innovation hat Reibung. Wer diese verschweigt, wirkt nicht souverän, sondern entkoppelt von der Realität. Die glänzende Fassade weckt Misstrauen, da sie oft das verdecken soll, was eigentlich entscheidend ist: die ökonomische Substanz. Erfahrene Entscheider investieren nicht in Marketinghülsen, sondern in die Fähigkeit eines Teams, unter Unsicherheit Lösungen für reale Probleme zu liefern. Ein Pitch muss die Dinge zeigen, wie sie sind: ehrlich und mit klarem Blick auf die Hürden. **Fakten und emotionales Fundament** Business-Entscheidungen fallen selten rein rational aus. Die Verhaltensökonomie zeigt: Wir entscheiden nie ohne emotionale Dimension. Der Pitch muss daher beides leisten: Fakten als rationale Rechtfertigung liefern und ein emotionales Fundament legen – das Vertrauen. Vertrauen ist hier kein «Soft Skill», sondern eine ökonomische Abkürzung für Komplexität. Wer nur glänzt, weckt Misstrauen. Wer zeigt, wie er mit der Realität ringt und echte Marktresonanz vorweist, schafft Vertrauen. Ein Investor kauft letztlich die Zuversicht, dass dieses Team auch dann liefert, wenn der ursprüngliche Plan an der Marktrealität zerschellt. Überzeugung ist kein rhetorischer Trick. Es geht nicht darum, dem Gegenüber zu sagen, was es hören will. Es geht darum, ihm zu zeigen, dass man sein Problem besser verstanden hat als es selbst. Ein überzeugender Pitch gleicht einer messerscharfen Diagnose: - **Das reale Bedürfnis:** Relevanz entsteht nicht durch das blosse Spiegeln von Kundenwünschen, sondern durch die Analyse der ursächlichen Problematik. Was verursacht Reibung im Betrieb? Wer das Kernbedürfnis präziser beschreibt als der Kunde selbst, gewinnt Vertrauen durch fachliche Autorität. Diagnose schlägt Gefä - **Der ökonomische Hebel:** Das Alleinstellungsmerkmal soll kein leeres Schlagwort sein. Was zählt, ist nicht die Behauptung, sondern die Logik, die den Vorsprung zwingend macht. Da die Trägheit des Status quo die stärkste Marktkraft ist, muss der Pitch belegen: Das Risiko der Veränderung ist kleiner als die Kosten des Nichtstuns. - **Evidenz vor Spekulation:** Belastbare Datenpunkte, Pilotkunden oder Prototypen wiegen schwerer als jede Powerpoint-Prognose. Vertrauen entsteht durch nachweisbare Marktresonanz, nicht durch visionäre Prosa. - **Transparenz als Souveränitätsbeweis:** Risiken offen zu benennen, ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Eine ehrliche Risikoanalyse ist ein Beweis für unternehmerische Reife und Souveränität. Nach wenigen Minuten muss das Wesentliche geklärt sein: die Dringlichkeit des Problems, der kausale Hebel der Lösung und die anstehende Entscheidung. Unternehmertum beginnt nicht mit Applaus auf einer Bühne, sondern mit dem Lösen eines ehrlichen Kundenproblems. Wer den Pitch richtig nutzt, gewinnt mehr als nur Kapital – er gewinnt die Validierung durch den Markt. ### Widerspruch statt Zensur – mit Gegenrede digitalen Hass bekämpfen URL: https://www.schweizermonat.ch/widerspruch-statt-zensur-mit-gegenrede-digitalen-hass-bekaempfen/ Last updated: 2026-03-17T08:16:41.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/we-dont-need-to-silence-speech-to-counter-hate/). Als Maria Júlia Coutinho zur ersten schwarzen Wettermoderatorin der führenden nationalen Nachrichtensendung Brasiliens wurde, wurde sie in den sozialen Medien mit Hass eingedeckt. Als Reaktion darauf startete die NGO Criola die Kampagne [«Mirrors ofRacism»](https://www.behance.net/gallery/63075249/Criola-Mirrors-of-Racism?ref=schweizermonat.ch), die rassistische Online-Kommentare wortgetreu auf Plakatwände projizierte. Indem anonyme digitale Beschimpfungen in den physischen öffentlichen Raum verlagert wurden, machte die Aktion die sozialen Folgen von Online-Rassismus sichtbar und unausweichlich. Ergänzt wurde die [Initiative](https://www.oneclub.org/awards/theoneshow/-award/25917/mirrors-of-racism?ref=schweizermonat.ch) durch Videos, die in den sozialen Medien rege geteilt wurden und Reaktionen aus der Bevölkerung dokumentierten, darunter [Anerkennung, Unbehagen und Entschuldigungen.](https://futurefreespeech.org/a-toolkit-on-using-counterspeech-to-tackle-online-hate-speech/?ref=schweizermonat.ch) Hassrede umfasst ein breites Spektrum von Äusserungen, die einzeln oder in Kombination auftreten können und sich auf Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht, Gender, Ethnizität oder Religion beziehen. Was diese Formen verbindet, ist nicht ihr jeweiliges Ziel, sondern der Einsatz von Sprache als Instrument der Macht und des Ausschlusses. Vor diesem Hintergrund hat sich Gegenrede als eigenständige Reaktionsform herausgebildet. Gegenrede lässt sich verstehen als [«jede direkte Antwort auf hasserfüllte oder schädliche Rede, die darauf abzielt, deren Wirkung zu untergraben»](https://www.dangerousspeech.org/counterspeech?ref=schweizermonat.ch). Eine [direkte Antwort](https://www.dangerousspeech.org/counterspeech?ref=schweizermonat.ch) kann im Eins-zu-eins-Gespräch unmittelbar an die ursprüngliche sprechende Person gerichtet sein. In anderen Fällen reagieren Gegenrednerinnen und Gegenredner direkt auf den Inhalt, nicht jedoch auf die Person, die ihn veröffentlicht hat – etwa, indem ein hasserfüllter Beitrag in einem anderen Forum zitiert und kommentiert wird. > «Indem anonyme digitale Beschimpfungen in den physischen öffentlichen Raum verlagert wurden, machte die Aktion die sozialen Folgen von Online-Rassismus sichtbar und unausweichlich.» [Gegenrede](https://futurefreespeech.org/a-toolkit-on-using-counterspeech-to-tackle-online-hate-speech/?ref=schweizermonat.ch) zielt darauf ab, die Wirkung oder Überzeugungskraft schädlicher Äusserungen mit nichtzwingenden Mitteln zu mindern. Das Spektrum reicht von faktenbasierter Widerlegung und moralischer Kritik bis zu Humor, Satire und Solidaritätsbekundungen. Ob individuell oder kollektiv, spontan oder strategisch: Ihr Kennzeichen ist Überzeugung statt Bestrafung. In diesem Sinn ist [Gegenrede](https://ssrn.com/abstract=4066882?ref=schweizermonat.ch) nicht bloss eine Taktik, sondern Ausdruck demokratischer Auseinandersetzung. Sie privilegiert Pluralismus, Widerspruch und moralisches Engagement gegenüber Schweigen oder Unterdrückung. Damit verkörpert Gegenrede ein liberales Freiheitsverständnis, das auf einem robusten und inklusiven Diskurs basiert. Sie bietet eine strategische Alternative zur fortschreitenden Ausweitung der Regulierung von Hassrede. ## Den Ton der Diskussion umlenken Ein prominentes Beispiel organisierter Gegenrede ist die schwedische Initiative #jagärhär, die später international als #[iamhere](https://iamhereinternational.com/?ref=schweizermonat.ch) ausgebaut wurde. Das Kollektiv mobilisiert Zehntausende Teilnehmende in mehreren Ländern, um in Online-Kommentarspalten einzugreifen, die von rassistischer, fremdenfeindlicher oder anderweitig hasserfüllter Rede dominiert sind. Anstatt die ursprünglichen Sprecherinnen und Sprecher konfrontativ anzugehen, verfassen die Mitglieder gemeinsam ruhige, faktenbasierte und unterstützende Antworten, die den Ton der Diskussion umlenken. Durch die Verstärkung alternativer Narrative und positiver Interaktion können [#iamhere-Interventionen](https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/20563051211063843?ref=schweizermonat.ch) hasserfüllte Kommentare verdrängen. Die kollektive Teilnahme senkt zudem die Hürden für bürgerschaftliches Engagement, weil sie Rückhalt bietet. In Indien initiierte die Journalistin und Aktivistin Gurmehar Kaur [eine Social-Media-Kampagne](https://www.facebook.com/watch/?v=2216819788601209), die sich mit Ironie und persönlichem Zeugnis gegen Militarismus und Hass richtete. Ihr weithin verbreitetes Bild mit dem Schild [«Pakistan did not kill my dad, war killed him»](https://www.indiatoday.in/india/story/gurmehar-kaur-abvp-kargil-virender-sehwag-indian-army-ramjas-963013-2017-02-27?ref=schweizermonat.ch) löste massive Beschimpfungen, aber auch breite Unterstützung aus. Die Kampagne stiess eine weitergehende Debatte über Militarisierung, geschlechtsspezifische Belästigung und digitalen Nationalismus an. Kaurs Intervention zeigt das Potenzial persönlicher Erzählungen als Gegenrede. ### Wirkung auf die «bewegliche Mitte» Die Wirksamkeit von Gegenrede lässt sich auf mehreren Ebenen beurteilen. Eine Frage ist, ob sie die ursprünglichen Urheber hasserfüllter Äusserungen beeinflussen kann. Eine zweite Dimension, die in der Literatur zunehmend betont wird, betrifft ihre Wirkung auf ein breiteres Publikum, insbesondere auf Beobachter, die häufig als [«bewegliche Mitte»](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=4245211&ref=schweizermonat.ch)beschrieben werden. Zudem ist Gegenrede für die von Hassrede Betroffenen [bedeutsam](https://www.schweizermonat.ch/content/files/arxiv-org/2307.pdf), da sie Solidarität vermittelt, ihre Würde bestätigt und signalisiert, dass schädliche Äusserungen umstritten sind und nicht sozial gebilligt werden. Darüber hinaus deuten Studien darauf hin, dass die Beteiligung an Gegenrede auch für die Gegenredenden selbst ermächtigend sein kann. Interventionen, die darauf abzielen, die Ansichten oder das Verhalten einzelner Hassredner zu verändern, zeigen hingegen nur begrenzten Erfolg. Eine Studie zu Reaktionen [auf Anti-Roma-Kommentare in der Slowakei](https://www.researchgate.net/publication/326805548%5FCountering%5FHate%5FSpeech%5Fon%5FFacebook%5FThe%5FCase%5Fof%5Fthe%5FRoma%5FMinority%5Fin%5FSlovakia?ref=schweizermonat.ch) stellte fest, dass Gegenrede das Verhalten oder die Intensität der ursprünglichen Verfasser nicht signifikant veränderte. Sie erhöhte jedoch den Anteil der Pro-Roma-Aussagen in den Kommentarsträngen und förderte weitere Gegenrede durch Unbeteiligte, was auf einen breiteren diskursiven Effekt hindeutet. Eine [deutsche Studie aus dem Jahr 2022](https://link.springer.com/article/10.1140/epjds/s13688-021-00314-6?ref=schweizermonat.ch) analysierte auf Twitter (heute X) über 130 000 Stichproben und kam zu dem Ergebnis, dass organisierte Hassrede zwar Online-Diskurse prägen kann, Gegenrede jedoch deren Verbreitung und Sichtbarkeit begrenzen kann. Die [Wirksamkeit](https://link.springer.com/article/10.1140/epjds/s13688-021-00314-6?ref=schweizermonat.ch) von Gegenrede hängt von [mehreren Faktoren](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-demos-co-uk/wp-content/uploads/2015/10/counter-speech.pdf) ab, darunter Tonfall, [Kontext](https://www.isdglobal.org/isd-publications/one-to-one-online-interventions-a-pilot-cve-methodology?ref=schweizermonat.ch), Publikum sowie die [wahrgenommene Identität](https://link.springer.com/article/10.1140/epjds/s13688-021-00314-6?ref=schweizermonat.ch) und Glaubwürdigkeit der [Gegenredner](https://www.schweizermonat.ch/content/files/kraut-hciresearch-info/wp-content/uploads/seering17-shapingproantisocialbehaviorontwitch.pdf). Beobachter reagieren positiver auf Interventionsformen, die die Person in den Mittelpunkt stellen und empathisch wirken, als auf anklagende oder konfrontative Antworten. [Faktenbasierte Reaktionen](https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0093650216671854?ref=schweizermonat.ch) fördern besonnenere Diskussionen. [Gruppenbasierte Gegenrede](https://www.researchgate.net/publication/303497937%5FGoverning%5Fhate%5Fspeech%5Fby%5Fmeans%5Fof%5Fcounterspeech%5Fon%5FFacebook?ref=schweizermonat.ch)erweist sich zudem als wirksamer als vereinzelte Interventionen, insbesondere wenn die Gegenredner in der Überzahl sind. Gleichwohl stösst Gegenrede an strukturelle Grenzen. Sie ist arbeitsintensiv, emotional belastend und kann Gegenredende, insbesondere Angehörige betroffener Gruppen, weiteren Anfeindungen [aussetzen](https://ir.lawnet.fordham.edu/flr/vol87/iss6/6/?ref=schweizermonat.ch). ## Zensur mit fraglicher Erfolgsbilanz Die Herausforderung, Hassrede in demokratischen Gesellschaften zu adressieren, hat sich im digitalen Umfeld verschärft. Kommunikation wird dort von Reichweite und Geschwindigkeit, intransparenten Algorithmen, privaten Moderationsstandards und wachsendem regulatorischem Druck geprägt. Die dominierende Antwort sind [ausgeweitete Löschpflichten](https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/digital-services-act?ref=schweizermonat.ch), die von Plattformen unter vagen rechtlichen Massstäben durchgesetzt werden. Diese sind mit erheblichen Kosten verbunden: etwa mit der [Unterdrückung rechtmässiger Rede](https://futurefreespeech.org/preventing-torrents-of-hate-or-stifling-free-expression-online/?ref=schweizermonat.ch), mit der übermässigen Entfernung aus [Risikovermeidung](https://docs.un.org/en/A/74/486?ref=schweizermonat.ch), mit dem [unverhältnismässigen Verstummen](https://www.schweizermonat.ch/content/files/sur-conectas-org/wp-content/uploads/2023/12/sur-32-ingles-natalie-alkiviadou.pdf)[marginalisierter Stimmen](https://academic.oup.com/hrlr/article-abstract/20/4/607/6023108?ref=schweizermonat.ch), mit [Gegenreaktionen](https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369118X.2020.1803946?ref=schweizermonat.ch) wie der Abwanderung auf weniger etablierte Plattformen und mit der Bildung von Echokammern sowie dem Export restriktiver Modelle in [autoritäre oder hybride Regime](https://www.schweizermonat.ch/content/files/justitia-int-org/wp-content/uploads/2020/09/analyse%5Fcross-fertilizing-online-censorship-the-global-impact-of-germanys-network-enforcement-act-part-two%5Ffinal-1.pdf). Entscheidend ist zudem, dass diese Massnahmen auf [begrenzter empirischer Evidenz](https://academic.oup.com/book/7373?ref=schweizermonat.ch) beruhen und auf einer ungeklärten Definitionsunsicherheit von Hassrede selbst aufbauen. > «Die dominierende Antwort sind ausgeweitete Löschpflichten, die von Plattformen unter vagen rechtlichen Massstäben durchgesetzt werden. Diese sind mit erheblichen Kosten verbunden.» Vor diesem Hintergrund ist Gegenrede die verhältnismässige, demokratische Antwort: Sie konfrontiert Hass mit Dialog, Empathie und gemeinsamem bürgerschaftlichem Handeln, ohne Zwang und ohne Macht an Staat oder Plattformen abzugeben. Auch wenn Gegenrede nicht universell wirksam ist, kann sie öffentliche Debatten substanziell prägen und bleibt dabei demokratischen Werten treuer als das pauschale Entfernen von Inhalten oder derAusschluss von Nutzern von Plattformen. Gegenrede sollte nicht nur als ethische Antwort, sondern als praktische Form demokratischen Widerstands verstanden werden. ### Gustav Hasler vertraute seinen Mitarbeitern wie seinen Kletterpartnern – und wurde dafür belohnt URL: https://www.schweizermonat.ch/gustav-hasler-vertraute-seinen-mitarbeitern-wie-seinen-kletterpartnern-und-wurde-dafuer-belohnt/ Last updated: 2026-03-13T21:10:50.000Z 1904 gelang dem Unternehmer Gustav Hasler (1877–1952) zusammen mit dem Bergführer Fritz Amatter die Erstbesteigung der Nordwand des Finsteraarhorns, des höchsten Bergs der Berner Alpen. In einer Schrift über Gustav Hasler als Bergsteiger heisst es: «Hasler muss Amatter seitlich in ein vereistes Schneeband hinunterseilen, und er wird nun Zeuge einer Plattenkletterei, bei der es wirklich um das Letzte geht. Dann hat Hasler die ganze Plattenflucht selber auszukosten, und als er Amatter erreicht, wird ihm klar, dass ihre Verbindung durch das Seil eine wahre Schicksalsgemeinschaft darstellt. Denn es gibt keine Sicherung.» Vertrauen ist grundlegend, beim Bergsteigen, aber auch im Wirtschaftsleben. So ist es kein Zufall, dass sich Pioniere durch starke Vertrauensbeziehungen auszeichnen. Denn je weiter man ins Unbekannte vorstösst, desto stärker muss man sich selbst und seiner Umgebung vertrauen. Gustav Hasler betrat mit 22 Jahren unternehmerisches Neuland, als er im Jahr 1900 nach dem Tod seines Vaters die «Telegraphenwerkstätte von G. Hasler» mit über 100 Arbeitern übernehmen musste. Es war sein Glück, dass er auf hervorragende Kadermitarbeiter zählen konnte. Es war aber sein Geschick, dass er ihnen volles Vertrauen schenkte und sie mit Aktien und Verwaltungsratssitzen ans Unternehmen binden konnte. > «Sein Glück, dass er auf hervorragende Kadermitarbeiter zählen konnte. Es war aber sein Geschick, dass er ihnen volles Vertrauen schenkte und sie mit Aktien und Verwaltungsratssitzen ans Unternehmen binden konnte.» So aufgestellt, profitierte Hasler vom technologischen Boom der Belle Époque: Die Telefoninfrastruktur wuchs zu einem immer dichteren Netz aus Apparaten, Leitungen und Zentralen. Im Zuge dieser Entwicklung schossen bei Hasler neue Fabrikgebäude in die Höhe und die Belegschaft wuchs bis 1914 auf 400 Mitarbeiter. Der Firmenpatron fand derweil Zeit, wochenlang quer durch die Alpen zu touren. Und wenn er sich dort auf den Drei- und Viertausendern in noch unbestiegene Wände traute, dann vertraute er seiner Belegschaft im Tal, dass sie auch ohne permanente Anwesenheit des Chefs erfolgreich arbeite. ### Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern Verantwortung geben – gerade in Zeiten künstlicher Intelligenz URL: https://www.schweizermonat.ch/unternehmen-muessen-ihren-mitarbeitern-verantwortung-geben-gerade-in-zeiten-kuenstlicher-intelligenz/ Last updated: 2026-03-24T15:09:16.000Z Vertrauen ist in disruptiven Zeiten ein matchentscheidender Faktor. Auf Vertrauen lässt sich aufbauen. Wo Vertrauen fehlt, wächst Misstrauen, werden Mitarbeiter illoyal und Kunden skeptisch. Vertrauen ist heute bedeutender denn je für den nachhaltigen Erfolg von Organisationen. Das zeigt sich innerhalb der Organisation – etwa im Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Führungskräften oder allgemein hinsichtlich der Entwicklung und Zukunftsfähigkeit der eigenen Organisation. Es zeigt sich als Vertrauen in Technik, ihre Zuverlässigkeit, ihre Sicherheit und Nutzung. Und ausserhalb: als Vertrauen der Kundinnen und Kunden ebenso wie als Vertrauen der Märkte, der Politik. Alle diese Arten von Vertrauen stehen unter Druck: durch die enorme technologische Disruption kombiniert mit geopolitischen Unsicherheiten. Die gute Nachricht: Wir wissen, was zu tun ist, um Vertrauen zu erhalten und zu stärken. Wir kennen die Rezepte, wie aus Zaghaftigkeit, Verunsicherung oder gar Ängstlichkeit etwas anderes entsteht – nämlich Mut, Zuversicht und Gestaltungswillen. ## Menschliche Stärken nutzen Als Beratungsunternehmen sehen wir tief in Organisationen hinein und wissen, wie gross die disruptive Wirkung künstlicher Intelligenz (KI) ist und wie daraus Wertschöpfung generiert werden kann. Zentral sind eine moderne Datenarchitektur und die Nutzung der Cloud, das Überdenken von Prozessen und Produkten, das Aufbrechen von Silos, die Neugestaltung von Verantwortlichkeiten, die Neuorganisation der Arbeit und die Schulung der Mitarbeiter. Leider machen viele Organisationen den Fehler, KI nur oder zu grossen Teilen als ein Mittel zur Steigerung der Effizienz zu sehen. Die Folge: eine grosse Verunsicherung der Mitarbeiter, die befürchten, dass Technologie sie ersetzen werde. Einmal verlorenes Vertrauen ist kaum zurückzugewinnen. Aber nicht nur das. Solche Organisationen verpassen ihre Gewinnchancen, die ihnen die KI eigentlich in die Hand gäbe, um Geschäftsmodelle zu erweitern, zu entdecken, zu wachsen, echten Mehrwert zu schaffen. Kurzum: Die Chancen der KI werden nur dann zu nachhaltiger Wertschöpfung, wenn der Wandel auf dem Vertrauen der Mitarbeiter gründet: «Human in the lead, not in the loop.» > «Leider machen viele Organisationen den Fehler, KI nur oder zu grossen Teilen als ein Mittel zur Steigerung der Effizienz zu sehen.» Doch woher und wie erhalten wir dieses Vertrauen? Es ist nicht allzu schwierig. Unsere Studien zeigen, dass die erfolgreiche Einführung von KI bei den Menschen beginnt und nicht bei der Technologie. Erfolgreiche Organisationen konzentrieren sich darauf, ihre Mitarbeiter auf diese Reise mitzunehmen, menschliche Stärken zu nutzen und die Arbeitsweise in Zusammenarbeit mit KI zu überdenken. In der Praxis beginnt dies damit, dass Führungskräfte Kernprozesse überdenken. Anschliessend müssen KI-Ziele sofort in die Teamziele eingebettet und Fortschritte regelmässig überprüft werden, um die aktive Beteiligung zu fördern. Für die Führungskräfte ist zentral, dass sie ihre Rolle nicht top-down verstehen, sondern Engagement und Eigenverantwortung fördern. Transparenz, offener Dialog, regelmässige Kommunikation sowie eine wertschätzende Feedbackkultur gehören in ihren Werkzeugkasten. Die Auseinandersetzung mit dem Thema KI ist nicht delegierbar. Das heisst: Auch die Wissensbasis der Unternehmensspitze muss fundiert sein, denn Boards und CEO müssen KI erklären können. Wenn Mitarbeiter den Eindruck gewinnen, dass oben dahergeredet wird und sie das Ganze anschliessend allein operativ umsetzen müssen, entsteht kein Vertrauen. Gerade deshalb sind gutes Change-Management und eine klare, einfache Kommunikation entscheidend. In der KI-Disruption ist eine ausgeprägte Fehlerkultur ganz besonders wichtig, eine Fehlerkultur, die ein Scheitern nach einem mutigen Ausprobieren nicht bestraft. KI soll den Menschen nicht ersetzen, sondern ihm Zeit verschaffen, sich neuen Ideen zuzuwenden. Organisationen sollten den Mitarbeitern diese Zeit gewähren. Das führt zu höherer Akzeptanz, grösserer Kreativität – und Vertrauen. Wir Menschen haben unerreichte Stärken. Erfolgreiche Organisationen setzen auf diese menschlichen Stärken und nutzen das gesamte Spektrum der KI-Technologien, um die menschlichen Fähigkeiten zu erweitern. KI ermöglicht es Spezialisten in wissensbasierten Branchen, mehr Optionen zu erkunden, komplexere Szenarien zu simulieren und Erkenntnisse zu skalieren, die bisher unerreichbar waren. Die Pharmabranche ist hierfür ein gutes Beispiel. Dies spiegelt eine tiefere Reife bei der Einführung von KI wider. Menschliches Fachwissen wird zum Unterscheidungsmerkmal und KI zum Multiplikator. So erschliessen sich clevere Organisationen neue Ebenen der Präzision, der Kreativität und der Innovation. Wenn sie gezielt auf die menschlichen Stärken setzen, schaffen sie automatisch Vertrauen. Ihre Botschaft ist: KI ersetzt dich nicht, sondern KI potenziert dein Wissen und deine Kreativität. ## Wachsendes Sicherheitsrisiko Eine weitere Ebene ist die Sicherheit. Sie ist eine Grundvoraussetzung für Vertrauen. Der Einsatz von KI erhöht allerdings das Risiko der Verletzlichkeit einer Organisation. Im neuesten [Global Cybersecurity Outlook 2026](https://www.weforum.org/publications/global-cybersecurity-outlook-2026/?ref=schweizermonat.ch) von Accenture und dem World Economic Forum identifizierten 87 Prozent der Befragten KI-bezogene Schwachstellen als das am schnellsten wachsende Cyberrisiko. Die CEO nennen es als zweitgrösstes Risiko, gleich nach Phishing und Cyberbetrug. Bei den KI-Risiken werden insbesondere Datenlecks und der Ausbau von Fähigkeiten von Angreifern als die wichtigsten Sicherheitsbedenken genannt. Was ist zu tun, um das Vertrauen zu erhalten? Letztlich geht dies nur über den Ausbau der eigenen Resilienz. KI hat im Kontext von Cyberrisiken einen doppelten Charakter: Sowohl die Angreifer wie auch die Verteidiger erhalten neue Möglichkeiten. Dieser technologische Wettbewerb verschärft sich. Deshalb sollten Organisationen ihren Fokus von reaktiver zu proaktiver Sicherheit verlagern. Sie müssen die Governance, Validierung und Aufsicht in jeder Phase der KI-Einführung überprüfen. Die Vorteile der KI hängen von der disziplinierten Einführung und Umsetzung ab. Schlecht implementierte Lösungen bergen neue Risiken. Deshalb müssen Organisationen von Anfang an robuste Schutzmassnahmen integrieren und diese kontinuierlich überwachen. Die Schlussfolgerung ist klar: KI kann die Cybersicherheit verbessern, jedoch nur, wenn sie innerhalb solider Governance-Rahmenbedingungen eingesetzt wird, bei denen das menschliche Urteilsvermögen im Mittelpunkt steht. Auch hier gilt für die Vertrauensbildung: «Human in the lead, not in the loop.» > «KI kann die Cybersicherheit verbessern, jedoch nur, wenn sie innerhalb solider Governance-Rahmenbedingungen eingesetzt wird, bei denen das menschliche Urteilsvermögen im Mittelpunkt steht.» ## Verunsicherte Mitarbeiter Leider beobachten wir aktuell, dass die Wahrnehmung von Mitarbeitern und Führungskräften stark auseinanderklafft. 94 Prozent der Führungskräfte glauben, dass ihre Organisation den Mitarbeitern die nötigen Schulungen anbietet, um KI effizient zu nutzen. Nur 27 Prozent der Mitarbeiter teilen diese Ansicht. In der Schweiz sind es gar nur 20 Prozent der Mitarbeiter, die sich als aktive Mitgestalter der KI-Veränderungen in ihrer Arbeit erleben. Und: Der schnelle KI-Roll-out ohne ausreichende Schulungen verunsichert viele Beschäftigte deutlich stärker als weltweit: 55 Prozent hierzulande befürchten, dass KI ihre Jobs abbauen wird und ihre Rollen weniger gefragt sein werden, statt dass KI ihre Arbeit unterstützen und verbessern wird. Weltweit sagen dies nur 32 Prozent. Solche Ergebnisse müssen zu denken geben, denn sie zeigen, dass Mitarbeiter in der Schweiz noch zu oft «in the loop» und nicht «in the lead» sind. ### Es braucht auch heute Gottvertrauen! URL: https://www.schweizermonat.ch/es-braucht-auch-heute-gottvertrauen/ Last updated: 2026-03-26T14:59:24.000Z Gott ist in unseren stetig säkularer werdenden Gesellschaften «out». Religion erscheint als Relikt längst vergangener Zeiten. Die Zahl der Kirchenmitglieder dezimiert sich rapide – in Deutschland ebenso wie in der Schweiz. Vertraut wird in Selbstoptimierung, vielleicht in politisch Verantwortliche, in Institutionen oder auch in die Kraft von Demokratie und Kultur. Manche vertrauen sogar Influencerinnen und Influencern. Braucht es da noch Gottvertrauen? Ein trotziges «Ja!» meinerseits. Gottvertrauen ist für mich eine Lebenshaltung, und zwar keine billige. Sie ist für mich dreifach begründet: biblisch, biografisch und gesellschaftlich. In der Bibel werden die Protagonistinnen und Protagonisten oft in Erinnerung gerufen: Es geht um den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Inklusiv gedacht: Es geht um den Gott von Hagar und Sarah, von Rebekka, Lea und Rahel. Es geht also um den Gott, der bereits Generationen begleitet hat – und das nicht nur durch rosige Zeiten. Menschen sind keine losgelösten Individuen, die kurze Zeit das Licht der Welt geniessen oder erleiden. Menschen stehen in einer Reihe der Kontinuität, von Gott hineingestellt. Das ist entlastend. Kein Mensch ist der Erste oder die Letzte unserer Art, sondern alle sind Teil eines grossen Ganzen, zusammengefügt von Gott. Es ist der Gott, der dem Tod nicht das letzte Wort lässt, neutestamentlich gesprochen. Der Gott, der um den Zweifel Jesu weiss: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Aber auch dem Sterbenden noch die Zuversicht gibt: «Meinen Geist befehle ich in deine Hände.» Ein Gott, der nicht mit mächtigem Schwert in die Geschichte hineinwirkt, sondern Menschen die Kraft gibt, mit den Herausforderungen ihrer Biografie zu leben. Der Gott, von dem all die berührenden Geschichten der Bibel erzählen. ## Kraft in schweren Zeiten Biografisch steht für mich meine Grossmutter für Gottvertrauen. Sie war Jahrgang 1894, heiratete mit 20 einen Gutsverwalter in Pommern, bekam vier Kinder. Mein Grossvater glaubte nicht, dass die Sowjetarmee bis Pommern kommen würde. So standen sie erst am allerletzten Zug an, als die älteste Tochter mit dem dritten Kind in die Wehen kam. Sie mussten in Köslin bleiben, mein Grossvater wurde nach Sibirien deportiert, es folgte ein schrecklicher Winter mit Hunger, Angst und Vergewaltigung. Im Mai 1946 machte sich meine Grossmutter mit meiner Tante und den drei Kindern auf den Weg nach Westen, Burgholz in Hessen, wo ihre Schwester einen Förster geheiratet hatte. Sie hatte alles verloren, Mann, Heimat, Hab und Gut – und doch sang sie in der Küche voller Inbrunst: «Wer nur den lieben Gott lässt walten.» Uns Kindern hat das imponiert. So kann ein Mensch durchs Leben gehen, ganz gleich, was er durchmachen muss. Ich erwähne bewusst meine Grossmutter und nicht eine der grossen Gestalten wie Dietrich Bonhoeffer. Karl Marx meinte, Religion sei «Opium des Volkes», ein Betäubungsmittel angesichts der Ungerechtigkeit dieser Welt samt Hoffnung auf ein besseres Jenseits. Ich bin jedoch überzeugt: Gottvertrauen hat vielen «kleinen» Menschen die Kraft gegeben, schwere Zeiten durchzustehen und Neues anzufangen. Wie sang einst Bettina Wegner: «Grade klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab’n wir schon zu viel.» Und schliesslich brauchen wir Menschen mit Rückgrat und Haltung heute in unserer Gesellschaft. Nehmen wir beispielhaft das Thema Migration. Die Fremdenfeindlichkeit, die heute um sich greift, ist unerträglich. Andere zu degradieren, die aus ihrer Heimat geflohen sind, um in Sicherheit leben zu können, kann aus christlicher Perspektive nicht gerechtfertigt werden. Andere wegen ihrer Herkunft zu diskreditieren, ist unfassbar engstirnig. Denn es geht nicht um Herkunft, vielmehr geht es um Zukunft, die wir miteinander gestalten. Es braucht Gottvertrauen, um das klar zu sagen. Jeder Mensch ist für alle, die Gott vertrauen, Geschöpf Gottes, ganz gleich, woher er kommt, ganz gleich, wie er aussieht oder in welcher Leistungsform er sich befindet. Dem unsäglichen Hass und der Hetze im Netz gilt es entgegenzutreten. Wer an Gott glaubt, ist überzeugt, dass jeder Mensch eine eigene Würde hat und Respekt verdient. Ein anderes Beispiel ist der Krieg in der Ukraine. «Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein», haben die Kirchen der Welt 1948 in Amsterdam proklamiert. Dafür gilt es heute einzutreten. Es braucht Gottvertrauen, sich der schleichenden Militarisierung in Sprache, Politik und im öffentlichen Diskurs entgegenzustellen. Wer den Rüstungswahn hinterfragt, setzt sich Diffamierung, Spott und Häme aus. Vertrauen in Gott aber gibt Mut. Seit Jesu Zeiten haben sich Christinnen und Christen eben nicht an die Tagespolitik angepasst, sondern sind den Provokationen Jesu gefolgt: «Steck das Schwert an seinen Ort!» oder «Selig sind, die Frieden stiften». Mehr noch: «Liebet eure Feinde, bittet für die, die euch verfolgen!» Martin Luther brachte das Einzelgewissen ins Spiel der Geschichte. Der Mensch kann das eigene Gewissen in aller Freiheit, unabhängig vom Urteil anderer, schärfen und eine Haltung finden. ## Vertrauen ist keine Einbahnstrasse Gottvertrauen ermutigt Menschen zu einer persönlichen Haltung. Das gilt für Menschen jeder Religion. Der römisch-katholische Theologe Hans Küng hat das in seinem Lebenswerk «Projekt Weltethos» eindrücklich gezeigt. Leider gibt es in jeder Religion Fundamentalisten, die Menschen einer anderen Religion oder ohne Religion abwerten. Sie sind überzeugt, die alleinige Wahrheit zu besitzen und daher «höherwertig» zu sein. Das aber widerspricht der Grundüberzeugung aller Religion, dass jeder Mensch Geschöpf Gottes ist. Wenn religiös motivierte Akteurinnen und Akteure sich bewusst sind, dass andere Menschen durchaus andere Wege zu Gott finden, dann können Religionen viel dazu beitragen, dass Konflikte nicht verschärft, sondern entschärft werden. Gottvertrauen spannt einen Bogen, ja den Regenbogen. Nach der biblischen Erzählung bereute Gott die Zerstörung, die die Sintflut angerichtet hatte. Gott selbst wollte nie wieder solches Leid verursachen: «Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» Auf der anderen Seite des Regenbogens stehen die Menschen und sind gefordert, diesem Vertrauen gerecht zu werden. Es gilt, das Leben zu schützen und die Erde zu bewahren. Vertrauen ist keine Einbahnstrasse von Gott zum Menschen, sondern muss gegenseitig bestehen. Christen entwickeln ihre Haltung von der Bibel her, durch ihre spirituelle Praxis, und leben sie in ihrem gesellschaftlichen Kontext. Dabei sind sie keine religiösen Spinner – oder Spinnerinnen. Sie kennen einen Resonanzboden, der tiefer geht als ein Parteiprogramm. Sie reihen sich ein in Jahrhunderte von Menschen, die von ihrem Glauben her für andere eingetreten sind, für Frieden, Mitmenschlichkeit, Shalom. Der hebräische Begriff beschreibt das auf wunderbare Weise. Gott kann vor Gewalt und Hass in dieser Welt nicht schützen. Aber Gott kann die Kraft geben, all dem etwas entgegenzusetzen. Darauf vertraue ich. ### Trust is a Law of Nature URL: https://www.schweizermonat.ch/trust-is-a-law-of-nature/ Last updated: 2026-10-07T19:54:28.000Z 0:00 /703 1× Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/vertrauen-ist-ein-naturgesetz/). The trust we put in others and in our institutions is a sociological feature emergent from biology. It is here that predictions first appear. This is the very definition of life and consciousness: without prediction-making and feedback-based correction, neither would exist. Trust reflects the degree to which your internal predictions have matched the external world in the past. From cells to organs to people to institutions, all these are a prediction-making pattern of matter. When predictions fail, trust collapses. Trust rightly applied is the substrate of survival, as survival requires predicting what the environment will offer, at all scales. ## You are the Model Every feature of yourself is a prediction, a model of the environment. You do not just have a model of the world; you are the model. Sorting through the possible models is needed to find a better one; this is computation. Biological evolution computes through death, also called mortal computation. Culture computes through dialogue, also called science: Models that don’t “fit” the environment disappear. The ones that do so better survive and replicate. Your skin is a physical prediction of the sun, pathogens, and water. It trusts that these elements will behave in line with what genes learned about the environment over eons. Your kidneys are another physical prediction, in this case of metabolic demand. They filter blood because they expect the blood to contain toxins. In short, you just are the best model of your lived world. When trust is well invested, when the prediction is correct, we operate efficiently. If you can no longer “trust” your kidneys, you are forced to outsource that prediction to a dialysis machine. This is an existential tax, an increase in external complexity because the internal model has failed. The whole economy can be seen through these lenses, as every product is a crutch to our biology: be it a science book, a tooth implant, a vehicle, or a Thai meal. Trust is a bet that something we need will be provided by the expected channel. If the bet is correct, it collects more resources than it took to create it. An existential “profit.” If the bet is wrong, it collects fewer resources than the bet took to create. An existential “loss.” In physics, we call this the Free Energy Principle. Anything that is alive, and continues to be so, is actively engaged in minimising expected “surprise,” also called entropy. You are the last piece of a set of successful predictions that is 3.8 billion years long, also called evolution. As the saying goes, “You are your own existence proof.” The mere fact that you are sitting here, reading this, proves that the pattern of matter that you are has predicted the environment well enough to avoid extinction, and has been doing so for a very long time, roughly 40% of the age of the universe! > “You are the last piece of a set of successful predictions that is 3.8 billion years long” The fine tuning of the model that you are was made through evolution, which consists of variation and selection. Variation allows testing if something different works in the environment, and the versions that match it best survive and replicate more, they are existentially selected for. ## Variety is a Response to Lack of Trust If every individual held the same model, a single surprise would lead to extinction. To perpetuate existence, a variety of models is created at every level, this is the sense in which diversity is needed and emerges naturally, bottom-up. One good example of this variety is seen in maturity, from the high-risk foolishness of the young to the high-precision stability of the elders. The prefrontal cortex[1](#fn:1) doesn’t finish developing until the age of 25\. Because there is no physical constraint inhibiting its maturation, it seems like the playful foolishness of youth is adaptive. The “fool” explores the high-risk edges of the environment, but in so doing resolves uncertainty and expected surprise. Mathematically, an evolutionarily stable strategy requires this mix of dull-minded first-order thinkers and a few highly sophisticated people. We differ in personality, intellect, and every conceivable dimension because a populated, diverse variety is the way to remain adapted to an unpredictable world. In the areas where the world becomes reliable and trust can build, however, variety is decreased. **The Selection of the Better Models** The variety that is needed to survive in an uncertain world is not free, it requires resources, that is why it is reduced when regularities of the world are found, parallel processing is expensive, but it is done until we find a “solution.” This is the increase in trust, the decrease in the need to diversify our “existential portfolio.” This selective pressure is the “chiseling” of the wrong models. In an uncertain world, we bet on diversity; in a reliable one, we bet on precision. In the words of Einstein: “Keep everything as simple as possible, but no simpler.” When a regularity is found—be it the sun rising or the existence of water in the atmosphere—the variety of our “existential portfolio” contracts. We stop being a thousand disparate hypotheses and collapse into a single, high-precision bet [2](#fn:2) [3](#fn:3). Trust, then, is the mathematical reward for predictions that have matched the world. It allows us to stop exploring the edges and start building on the center. This contraction can be dangerous: if we stop diversifying because we falsely believe the world is stable, that we found a good enough model too soon to commit to it, we become “delusional.” Therefore, the golden mean of trust must be found. Too much or too little trust is a pathology. This is seen in the form of the two inferential errors: - **Type I Error**, illusion: Over-trusting internal noise. Seeing something that isn’t there. - **Type II Error**, blindness: Under-trusting real signals. Not seeing something that is there. ## Institutions are Extended Biology Just like organs emerge from cells and bodies emerge from organs, institutions emerge from bodies. Coordination is needed at every level, the hormones that coordinate activity within a body are like the memes and tropes that coordinate our institutions. The same updatability of knowledge reigns supreme here as well, the shorter the feedback loop the faster we improve our models and the more robust our trust becomes. Switzerland systematically ranks above almost every other country in trust ratings, this is not a coincidence, direct democracy and subsidiarity shorten the institutional feedback loop. In Switzerland, decisions are pushed to the local level, subsidiarity, allowing the “model”—the law—to more readily and with a higher resolution synchronise with the “substrate”—the people—. Every referendum, every vote, is a real-time Bayesian update [4](#fn:4). The Swiss model is a form of governance and a self-selecting, self-evidencing, survival algorithm [5](#fn:5): it maximises the alignment between collective expectations and behaviour, minimising “surprise” at a societal scale. Trust in the institutions is high in Switzerland precisely because the feedback loop is short and transparent. This allows the Swiss to remain mutually predictable and minimise their joint “surprise”—i.e., entropy—. Whether bad ideas are eliminated cheaply, within, by an individual changing her mind, or expensively, without, by having their carriers die out, depends on the length of the feedback loop. The Soviet Union was the biggest experiment of long feedback loops, missing the economic signals afforded by market prices: it couldn’t update fast enough and was existentially falsified. Every hierarchy, no matter how wide and tall can fall if it gets the world wrong enough. ## Collapsing Is and Ought All values remain provisional and updatable, perhaps except this one, that values remain updatable holds the cultural position of the first law of thermodynamics. Culture—memes—emerged from biology—genes—to map the environment faster than genes could. Opposing free speech is regressing a couple million years of evolution. If we can talk about things, our knowledge updates faster than one funeral at a time. The purpose of dialogue is to let ideas die instead of us. Where open inquiry reigns, trust doesn’t need to be put in the wrong places for long, this is the scientific method in essence. > “All values remain provisional and updatable, perhaps except this one, that values remain updatable holds the cultural position of the first law of thermodynamics” The traditional distinction between facts — what “is”— and values — what “ought” to be— is a specious philosophical boundary. The “naturalistic fallacy” —that science and morality, understanding and values are orthogonal— is itself a fallacy, there is nothing unnatural about that idea, it’s just wrong. Where else than from the right is, the right understanding, the right explanation, the is that matches the environment, could we derive an ought from? Moral rules and ethical convictions are like all other pieces of knowledge, predictions that must be hosted by a physical “is”—a human body, a brain, or a population—. They are themselves made of other predictions. If a population adopts an “ought” that is functionally incompatible with reality, it leads to their disappearance. If an ought leads to an existential “is not”—extinction—, that belief is proven wrong in the most literal sense: there is no one left to sustain it. Virtue and vice, morality and immorality, are defined by fitness in the long term. What else could they be defined by? Norms that allow societies to persist tend to stabilize, while those that destroy their carriers are chiseled out of the world. Just like an exuberantly virulent virus runs out of hosts to infect and disappears. This is why morality across all cultures converges on a specific set of workable rules—such as honesty and reciprocity. The distinction between science and morality is an illusion, a dogma-inducing regressive one. Every ethical stand is a provisional hypothesis to be falsified by further evidence. From where, if not from understanding how the world works, would we derive rules for how to behave? Some will say religion, but religion very much embodies, in an implicit way, countless iterations of this variation and selection, signal—and noise, sometimes a lot of hard-to-update vestigial noise—harnessed through the centuries. In other words, morality and our internal models are governed by the same laws of nature: every thought, choice, and action is, in and of itself, a prediction, tested and updated against reality. To live is to act on predictions that have been refined over billions of years. The moral universe is not above us; it is within the patterns that have survived long enough. Every breath we take, every choice we make, is both proof of what works and a wager on what can survive. To exist is to already have solved, however imperfectly, the problem of how to live by correctly allocating one’s trust. 1. The prefrontal cortex (PFC) is the most fascinating and newest part of the brain in evolutionary terms, it performs the highest-order cognitive functions like planning, reasoning, and self-control.[ ↩](#fnref:1) 2. Mathematically speaking, this tendency towards simplicity and precision is a fundamental aspect of model building: the (log) likelihood of any model can be expressed as accuracy minus complexity. This means we are compelled to find accurate predictions that are as simple as possible.[ ↩](#fnref:2) 3. Early formulations of pattern formation and self-organisation in cybernetics even had a law for this: the ‘Law of requisite variety’.[ ↩](#fnref:3) 4. *Bayesian updating* refers to the process of revising prior beliefs in light of new data to form a posterior belief—a mathematical formalization of learning from evidence. In societal terms, shorter feedback loops allow for faster, more accurate updates, building trust through responsiveness.[ ↩](#fnref:4) 5. Self-evidencing refers to the fact that–mathematically–to minimise surprise is to maximise the evidence for a model. In other words, anything that minimises surprise can be read as gathering evidence for its own existence (as a model of the world in which it finds itself).[ ↩](#fnref:5) ### The Betrayal of Trust: Why Gmail is Not a Public Service URL: https://www.schweizermonat.ch/the-betrayal-of-trust-why-gmail-is-not-a-public-service/ Last updated: 2026-04-04T09:05:57.000Z Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/kostenlos-aber-nicht-umsonst/). We trust our email providers to be neutral carriers of our private thoughts, much like a postal service. Google has traded that trust for a surveillance model that scans, stores, analyzes, and manipulates. In an age of invisible algorithms, how do we rebuild a digital world where «free» doesn’t mean «surrendered»? In 2012, when I began to understand how potentially dangerous Google was – that in more than one respect, we paid for the company’s apparently free services with our freedom – I grew increasingly reluctant to communicate with people through Gmail, Google’s surveillance email system. First introduced in 2004, Gmail is now the most widely used email system in the world, with approximately two billion users; it is everywhere now except in mainland China and North Korea. Driven by disturbing findings from a program of rigorous empirical research I began in 2013 and continue to this day, I soon decided to stop communicating with Gmail users, even though the majority of emails I received each day were Gmails. Instead of replying to the content of such emails, I decided to turn each of them into opportunities for teaching people about the risks they were taking by using Gmail – and about the true nature of subliminal surveillance systems. Here, slightly edited, is how I began replying to Gmail users. I have been responding this way for more than a decade now: Dear emailer: I would be happy to read your email (truly!), but, for privacy reasons, I no longer communicate with people through Gmail or other email services that route through Google surveillance servers. Neither should you! In spite of appearances, Gmail is not a communications system – at least not one like a national postal service. Unlike a postal service, Google has no legal obligation to deliver mail, and it routinely and deliberately delays, alters, diverts (usually to spam folders), or deletes emails, as it pleases. It also routinely cuts people off from their Gmail accounts – in many cases, from a decade or more of their emails. From a business perspective, Gmail is actually just a surveillance platform that tricks people into revealing personal information. It is nothing like a national postal service. Google analyzes, monetizes, and permanently stores all emails. It adds email content to our personal profiles and to those of the friends and family members we mention in our emails. It uses that content to construct models that predict our behavior and that give the company more and more power to influence virtually everything we think and do. It also shares that content with business partners, software developers, and government agencies in the US and other countries. Postal services do none of these things. Neither do other traditional sources of information, such as public libraries. If you have any concerns about your own privacy, or if you at least respect the privacy of your correspondents, you should consider switching to a different email service. Please see articles I have published on this topic, such as “[Free Isn’t Freedom: How Silicon Valley Tricks Us](https://www.vice.com/en/article/free-isnt-freedom-epstein-essay/?ref=schweizermonat.ch)” or “[Google’s Dance](https://techland.time.com/2013/03/27/googles-dance/?ref=schweizermonat.ch).” Even if you don’t value your own privacy, you should do the people with whom you correspond the honor of valuing theirs. I’d like to make up my own mind about what content I do or do not share with personnel and algorithms at Google. When you communicate with people using your Gmail account, you take away that power from each and every one of them. If you wish to communicate with me, please write to me from a non-Gmail email address. If you are looking for a secure email service, I recommend [https://protonmail.com](https://protonmail.com/?ref=schweizermonat.ch). It is subject to strict Swiss privacy laws and uses end-to-end encryption. The basic service is free. Yours sincerely, /re Over the years, about half of the people to whom I have sent this response have followed up with emails coming from Proton or other companies that use encryption to protect people’s privacy. The other half, whom I never heard from again, have presumably sunk even deeper into the surveillance morass. I am not the only one, it turns out, who has concerns about Gmail. In 2019, on a visit to Berlin to attend the premiere of the documentary film, “[The Creepy Line](https://creepyline.org/?ref=schweizermonat.ch),” which gives an overview of scientific research I have been conducting on Google’s ability to manipulate elections, I met the prominent German attorney Markus Runde. At that time, he was Managing Director of VG Media, which represented hundreds of media organizations in Europe on copyright matters. In chatting, we were surprised to learn *we had been replying to Gmail users the same way* for years; like me, Runde did *not* reply to the substance of their messages but simply warned them about the dangers of using Gmail. We were two like-minded souls, each deeply concerned about online surveillance, each doing our small part, day by day, one person at a time, to shed some light on this serious problem – a problem that is unprecedented in human history and that is now impacting close to six billion people worldwide. ## The Surveillance Problem Surveillance is only part of a much larger problem, but let’s focus on it for a moment. Google, which invented the “surveillance business model,” doesn’t just read and analyze the incoming and outgoing emails of billions of people, it also collects personal information about people worldwide – everywhere outside of mainland China and North Korea – using roughly *200* *different* *surveillance tools*, most of which people have never heard of. People are dimly aware that Google tracks and analyzes their search histories on its ubiquitous search engine (which controls 92 percent of search worldwide), on all activities conducted on its ubiquitous Android devices (73 percent of mobile phones and tablets worldwide), on everything typed into Google Docs, every video people watch on YouTube (which Google owns), and on all activity on Google Chrome, Wallet, Maps, and so on. But those very visible apps are just a small part of the problem. Most non-Google websites – tens of millions, in fact – use Google Analytics to track traffic, which gives Google the right and the power to track *everything* users do on those websites. Similarly, millions of websites embed Google Ads and AdSense into their content, giving Google the right and the power to track people when they click advertising links. This kind of tracking is invisible to users; they have no idea that Google tools are embedded into virtually every website they use. Even more startling, perhaps, is the recent revelation that some time in 2026, Google’s Gemini AI software will be running Apple’s ubiquitous Siri personal assistant on all Apple devices. That brings another billion people into Google’s fold, many of whom use Apple products to try to *avoid* Google’s aggressive surveillance. Like Gemini, Siri will become part of Google’s surveillance ecosystem. Who gave Google such rights and powers? Well, *you did*, although some demonic logic is involved here. Google claims that (a) long ago, without your awareness, you probably clicked a button agreeing to their Terms of Service (even though you didn’t read it and you don’t remember clicking the button), and (b) you are bound by their Terms of Service *whenever you use a Google algorithm, even if you are unaware you are using such an algorithm* and even if you never clicked the agreement button. See any circularity here? So are users to blame for the surveillance? Not at all. Instead, we should all be outraged by the fact that our nations’ leaders and courts have failed to protect us. Courts, regulators, and legislators in the EU have made some efforts – for example, by implementing the General Data Protection Regulation (GDPR) in 2018\. But the GDPR hasn’t slowed Google down one iota. In fact, because small companies can’t handle the legal demands of this regulation, its main effect has been to discourage potential Google competitors. Add to all this the sad fact that *thousands* of companies now use the online surveillance model. Google is the worst offender, but Facebook isn’t far behind, and neither are X, Instagram, TikTok, Amazon, and so on. All these companies collect and monetize your personal data. Apple still seems to respect user privacy, but that could change in an instant with a change in leadership. ## The Manipulation Problem My own research has focused on a problem that is inherently even more dangerous than the surveillance, and that is the power that Google, and, to a lesser extent, other tech companies, have to manipulate thinking and behavior. And speaking of surveillance, [one of my recently published studies](https://digitalpersonalizationeffect.com/?ref=schweizermonat.ch) suggests that the more you know about people, the more easily you can manipulate them online. Moreover, one of the most common ways Big Tech companies manipulate people is by deliberately *addicting* them to their websites, so surveillance and manipulation are intertwined. My first [study on online manipulation](https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.1419828112?ref=schweizermonat.ch) showed that a search engine can shift the voting preferences of between 20 and 80 percent of undecided voters by simply showing them search results that favor one political candidate, by which I mean that clicking on high-ranking search results brings users to websites that make that candidate look superior. Since then, I have discovered, named, studied, and quantified about a dozen other new forms of manipulation that the internet has made possible, among them the [Search Suggestion Effect](https://searchsuggestioneffect.com/?ref=schweizermonat.ch) (SSE), the [Answer Bot Effect](https://answerboteffect.com/?ref=schweizermonat.ch) (ABE), the [Targeted Messaging Effect](https://targetedmessagingeffect.com/?ref=schweizermonat.ch) (TME), and the [Opinion Matching Effect](https://opinionmatchingeffect.com/?ref=schweizermonat.ch) (OME). Some of these effects are among the most powerful forms of influence ever discovered in the behavioral sciences. They are especially dangerous because they are invisible to users. Worse still, almost all these manipulations are under Google’s exclusive control, and, to a lesser extent, the control of other Big Tech companies. Because all but one of these companies – X (f.k.a., Twitter), since it was purchased by Elon Musk in 2022 – lean left politically, this means they all send similarly biased content to users. In one of my latest studies, I [showed](https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0327209&ref=schweizermonat.ch) that similarly biased content on multiple platforms has an additive impact on users. The additivity gives these companies an unparalleled ability to indoctrinate children, fix elections, and undermine human autonomy worldwide. Google whistleblowers and leaks of documents and other materials from the company suggest that Google is using its manipulative powers systematically. If you doubt this, watch the eight-minute video – “[The Selfish Ledger](https://www.theverge.com/2018/5/19/17246152/google-selfish-ledger-patent-applications?ref=schweizermonat.ch)” – that leaked from the company in 2018, or read the [annotated transcript](https://www.schweizermonat.ch/content/files/aibrt-org/downloads/google-selfish%5Fledger-transcript.pdf) I made of the video. This video, made by Google’s advanced products division, is about the company’s ability to reshape humanity according to “Google’s values.” The question, then, is not only how to opt out individually, but how democracies can audit systems that influence information flows at scale. ## Making Big Tech Companies Accountable to the Public Besides the statements of whistleblowers and the occasional leaks of materials, is there any way for us to know what content the tech companies are actually sending to everyone? Is there any way for us to look over the shoulders of a large group of real users – with their permission, of course, and protecting their privacy – and capture, aggregate, and analyze the content they are seeing on their screens? Perhaps we could do this so quickly that we could *catch* Google in the act of interfering in an election. Perhaps we could expose manipulations so quickly that we could force Big Tech companies to *back off* on their manipulations – a change we would detect in real time. A monitoring system of this sort would not only make Big Tech companies – the Google of today and the Googles of tomorrow – accountable to the public, it would also show the European Commission (EC) whether Google was complying with rules or laws they had put in place. In March, 2024, the EC expressed concern publicly that Apple, Google, and Meta (owner of Facebook) were [not in compliance with the EU’s Digital Markets Act](https://www.cbsnews.com/news/eu-apple-google-meta-investigation-new-digital-markets-act-antitrust-law/?ref=schweizermonat.ch), but, *sans* monitoring, they had no way of knowing for sure. There is reason to believe that in the EU, Big Tech companies have simply paid the fines and then largely ignored the new rules and laws. One of the main reasons they can get away with such **defiance** is because so much of the content they show people – search results, search suggestions, newsfeeds, AI replies, and so on – is *ephemeral* in nature: It appears, has an impact, and then disappears, leaving no paper trail for authorities to trace. The studies I began in 2013 measured the impact of biased ephemeral content on people who were undecided – that is, people who were vulnerable to being influenced. In 2018, [the *Wall Street Journal* published an article](https://www.wsj.com/articles/google-workers-discussed-tweaking-search-function-to-counter-travel-ban-1537488472?ref=schweizermonat.ch) about a leak of emails from Google in which employees were discussing how they might be able to use “*ephemeral experiences*” to change people’s views about Trump’s travel ban. My head spun when I saw that. Here were Google employees talking about the very powerful kind of manipulative content I had been studying for years. As it happens, since 2016 (the year of the Clinton v. Trump Presidential race), my team and I had also begun building real monitoring systems – recruiting registered voters and installing custom software on their computers that allowed us to capture and rapidly aggregate personalized ephemeral content related to the upcoming November election. That year, we recruited 95 voters in 24 US states and preserved more than 13’000 searches – more than 130’000 search results – on Google, Bing, and Yahoo (the latter two for comparison purposes), along with the 98’000 webpages to which the search results linked. On Google – but not on Bing or Yahoo – we found significant pro-Clinton bias in all ten positions on the first page of search results. Our experimental research suggested that if that level of bias was being shown by Google to voters nationwide, Google could have shifted between 2.6 and 10.4 million votes to Clinton without anyone’s awareness. She lost the election because of our peculiar Electoral College system, but she won the popular vote by 2.8 million votes. Our monitoring systems grew with every subsequent US election, and so did Google’s awareness of our oversight. By late 2023, we had built a nationwide system that was capturing ephemeral content from more than 13’000 registered voters in all 50 US states, and we had preserved more than 66 million personalized ephemeral experiences on the platforms of multiple tech companies. [I testified before the US Congress](https://2023epsteintestimony.com/?ref=schweizermonat.ch) about this nationwide system – the first in the world – in December, 2023. As a result of our efforts, in the months leading up to the 2024 Presidential election, we saw liberal bias drop by 20 percent on Google Search and by 50 percent on YouTube. Most important, five days before Election Day, we caught Google sending out 50 percent more go-vote reminders to Democrats than to Republicans on its home page, which is seen more than 500 million times a day in the US. When we exposed them, *they stopped*. Between November 1st and 5th, they sent an equal number of go-vote reminders to members of both parties. In other words, *monitoring made them accountable*. As US Supreme Court Justice Louis Brandeis wrote in 1913, “Sunlight is the best disinfectant.” Our real-time public dashboard showing the bias in online content 24 hours a day can be accessed at [https://AmericasDigitalShield.com](https://americasdigitalshield.com/?ref=schweizermonat.ch). We are currently monitoring through the computers of a politically balanced group of more than 17’000 registered voters (and many of their children) nationwide. In early 2026, we will begin expanding the system in preparation for the US midterm elections in November. Should you trust the content Big Tech companies are sending you? *No*. *You should be wary.* Can such companies be made accountable to the public? I say, emphatically, *yes*. \_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_ EPSTEIN is Senior Research Psychologist at the American Institute for Behavioral Research and Technology in San Diego, California. A PhD from Harvard University, he was the last doctoral student of the eminent research psychologist, B.F. Skinner. He has published 15 books and more than 350 articles in both mainstream and scientific publications. He has testified twice before the US Congress about his ongoing research on online manipulation ([https://EpsteinTestimony.com](https://epsteintestimony.com/?ref=schweizermonat.ch), [https://2023EpsteinTestimony.com](https://2023epsteintestimony.com/?ref=schweizermonat.ch)). Dr. Epstein’s guide to protecting one’s online privacy – and setting Google aside – can be accessed at [https://MyPrivacyTips.com](https://myprivacytips.com/?ref=schweizermonat.ch). You can measure your current ability to use the internet safely and privately by completing his new questionnaire at [https://MyDigitalHygiene.com](https://mydigitalhygiene.com/?ref=schweizermonat.ch). ### A Wave of Digital Distrust Is Sweeping Representative Democracy URL: https://www.schweizermonat.ch/a-wave-of-digital-distrust-is-sweeping-representative-democracy/ Last updated: 2026-03-16T10:05:40.000Z Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/eine-welle-digitalen-misstrauens-erfasst-die-repraesentative-demokratie/). Trust is the gravitational bond that holds representative democracy together. Representation is a kind of symbolic mirror: the public must see itself reflected in its elected officials – not only in the matter of opinions and policies but of morality, character, and way of life. Without trust, the mirror cracks and the system flies apart. That accurately describes our current predicament. Since the turn of the century, democratic nations have experienced a traumatic and progressive collapse of trust. The hemorrhage has extended well beyond government and politics to most of the institutions that organize modern life – media and the scientific establishment, for example. A destructive conflict, fought out every day on digital platforms and often enough on the streets, has erupted between the public – ordinary people – and the elites who act as their mediators and representatives. This conflict now consumes the political life of Europe and the United States – and is, in fact, global in scope. ## Internet is corrosive of trust Evidence of decline is easily obtained. According to [Pew Research](https://www.pewresearch.org/politics/2025/12/04/public-trust-in-government-1958-2025/?ref=schweizermonat.ch), the share of people who trust in government in the United States has plummeted from 77 percent in 1964 to 17 percent in 2025\. This generic measure reflects a loss of faith in actual elected officials. Whereas John F. Kennedy averaged an approval rate of over 70 percent in his brief tenure, Barack Obama, a two-term president, averaged only in the mid-40s, and both Donald Trump in his first iteration and Joe Biden sputtered along in the low 40s until their eventual defeat. The trend is even more pronounced in Europe. Generic trust in government, as measured by [Edelman](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-edelman-com/sites/g/files/aatuss191/files/2025-01/2025-edelman-trust-barometer%5Ffinal.pdf), stands at 48 percent in France, 43 percent in Britain, and 41 percent in Germany. But approval rates for many current heads of government have fallen to unprecedented lows, touching [14 percent](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-edelman-com/sites/g/files/aatuss191/files/2025-01/2025-edelman-trust-barometer%5Ffinal.pdf) for France’s Emmanuel Macron and [13 percent](https://www.ipsos.com/en-uk/labour-and-starmer-approval-ratings-continue-drop-government-nears-100-days-power?ref=schweizermonat.ch) for Britain’s Keir Starmer. Established parties that once welded together a broad range of opinions have lost the confidence of the public, regardless of ideological orientation: Britain’s venerable Conservative Party received [23 percent](https://commonslibrary.parliament.uk/research-briefings/cbp-10009/?ref=schweizermonat.ch) of the vote in 2024; Germany’s Social Democratic Party was down to [16 percent](https://www.deutschland.de/en/topic/politics/federal-election-2025-election-result-germany-election-government?ref=schweizermonat.ch) in the 2025 election. The rise of sectarian parties has made it increasingly difficult to obtain a governing majority. France has had four governments in the last year; it took 72 days after the last election for German parties to form an uneasy coalition of dogs and cats. On both continents, the implosion of trust has coincided with the rise of digital platforms as the dominant forum of public discourse. Few dispute that this entails cause and effect. Which aspects of the internet and social media are corrosive of trust, however, remains a controversial question in the extreme. For the elites, the web is the mother of lies – a Wild West saloon that must be brought under the yoke of manners and civilization. Elite-run governments consider themselves to be arbiters of truth and falsehood: “We continue to be your single source of truth,” New Zealand PM Jacinda Ardern [proclaimed](https://x.com/realDailyWire/status/1551690346039492608?s=20&ref=schweizermonat.ch) during the pandemic, “…Unless you hear it from us it is not the truth.” Accordingly, the European Union enacted the Digital Services Act and Britain the Online Safety Act, to purify the digital universe of “disinformation” – often blamed on Russia – and of opinions deemed destabilizing or hateful by the state. The effort to protect truth can at times deteriorate into a crusade against the purveyors and users of digital technology. On various pretexts, the predominantly American social media companies have been fined over [$30 billion](https://eutoday.net/mark-zuckerberg-critiques-eus-tech-policies/?ref=schweizermonat.ch) by the Europeans, the latest instance being a [$140 million](https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/eu-fines-x-140-mln-breaching-online-content-rules-tiktok-settles-with-2025-12-05/?ref=schweizermonat.ch) fine against X, the platform owned by that object of elite loathing, Elon Musk. In France, Pavel Durov, founder of Telegram, was arrested because his platform offended the authorities; meanwhile, Macron [has fantasized](https://www.euronews.com/my-europe/2025/12/05/macrons-plan-to-label-trustworthy-media-manipulated-and-taken-out-of-context?ref=schweizermonat.ch) about tagging digital content with state-approved labels to prevent confusion among the young. In Britain, police make [30 arrests](https://nypost.com/2025/08/19/world-news/uk-free-speech-struggle-30-arrests-a-day-censorship/?ref=schweizermonat.ch) per day for online speech crimes – more than 12 000 arrests for 2023. The idea seems to be that if the web can be converted by brute force into, say, a version of *Le Monde* circa 1960, distrust will disappear. This theory, of course, has been market-tested by the Chinese Communist Party – it barely works in China and, as we have seen, has been an abject failure in democratic societies. It shouldn’t come as a surprise that the attempt to censor and punish the public has engendered more, not less, distrust. ## The digital tsunami There can be no doubt that the web is a factory of falsehoods, but it’s a lot more than that. The amount of information it produces far exceeds the capacity of our ruling institutions to process. These institutions were constructed along industrial lines – they are steeply hierarchical, plodding, and process-obsessed. In the 20th century, they were accepted as legitimate because they held a monopoly over the flow of information. That time is over. The digital tsunami has smashed away their authority and legitimacy. The public now communicates at the speed of light and can’t understand why the politicians remain ensconced in their immobile pyramids. The elites, for their part, stand exposed in their human failings – every policy mistake, wrong prediction, foolish statement, shady deal, and sexual escapade at the top takes place on center stage, under the astounded eyes of the multitudes. The alternate explanation for the collapse of trust is the exact opposite of the first: it’s the digitally disseminated *truth*about the elites, rather than lies, that has brought about a crisis of alienation and repudiation. Like the Roman plebs, the public has seceded from the political class. From the Spanish indignados and Occupy Wall Street of 2011 through France’s Yellow Vests and Chile’s “social explosion” in 2019 to the successful 2025 street revolts in Nepal, Madagascar, and Bulgaria, frequent eruptions of rage have kept the global atmosphere in a state of permanent turbulence. Populists who exploit the public’s mutinous temper have won elections in important countries. In some cases – Trump in the US, Javier Milei in Argentina – they have begun to dismantle the “deep state.” To retain control, panicked elites have had to resort to blatantly anti-democratic measures – for example, [canceling](https://www.bbc.com/news/articles/cx2yl2zxrq1o?ref=schweizermonat.ch) the first round of Romania’s presidential election because the populist candidate had won. Such abuses have only widened the breach between voters and their formal representatives. At the deepest level, the struggle transcends politics and acquires an almost metaphysical aspect. The elites look back with longing to a high modernist era imbued with purpose and engaged in heroic projects of improvement. A background condition of populism is the impulse to reconnect, as a community, with traditional sources of meaning and spirituality. In both cases, a sterile nostalgia has conquered creativity. The rift between the classes, from this perspective, appears as a surface manifestation of the fatal flight of the civilization of the Enlightenment away from its own historic mission. But that is a story for another time. ## Governments should be more like Amazon How can the public’s trust be regained? Evidently, the information system should be regarded as a tool to be exploited, not an enemy to be opposed. Institutions should be reconfigured to maximize digital capabilities – in brief, they will be flatter, faster, and more interactive. It isn’t true that all institutions are equally despised by the public. Millions trust Amazon with their financial information, expecting an honest transaction and the purchased goods to be delivered, magically, to their doorstep. National governments should look and act more like Amazon and less like the Great Pyramid of Gizeh. Political parties should look and act less like military command structures and more like reddit, where issues of interest to the greatest number get “voted up.” Artificial intelligence (AI) will make it possible for the reconfiguration of government to be functional rather than structural. AI can turn the walls of the bureaucratic labyrinth to glass, exposing what was always done in the dark. Because the fracturing of society has a geographic dimension, decision-making and policy implementation will be pushed down to the local level. Each village and valley will have a choice in the application of the healthcare system and the kind of immigrant it will admit. Controversies will be settled by direct democracy in the form of digital referendums. In one possible future, every democratic nation will be Switzerland. ## A multi-generational project A new set of elite behaviors will also be needed for the reconquest of trust. Politicians must embrace and enjoy the new proximity to the public, real and virtual, even when that entails potential embarrassment and physical danger. A new electoral rhetoric of humility and uncertainty will replace the modernist illusion that intractable socioeconomic conditions – poverty, unemployment – are mere “problems” to be “solved.” Those who are elected will be admired for their dexterity with digital tools and their ability to navigate the online universe, as well as for their transparent integrity. While a new generation of elites will help promote change, this won’t be enough – there are, unfortunately, too many young people with old heads. Only a profound cultural transformation will revive the sense of identity between leaders and led. Above all, we should remember that adapting to a new information system is a multi-generational project. Today we think of the printing press as a liberating innovation, enabling the scientific, American, and French revolutions. Yet, initially, the printed word contributed to the religious distrust that led to savage slaughter during the 30 Years’ War. Nothing that horrific has transpired with the internet. We should be thankful for that – and we should remember that the clock of history measures centuries, not minutes, as we refit representative democracy, and ourselves, to the rigors of a brave new digital world. ### Large Lying Models: How Digitalization Weakens Trust URL: https://www.schweizermonat.ch/large-lying-models-how-digitalization-weakens-trust/ Last updated: 2026-03-16T10:20:22.000Z Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-digitalisierung-pervertiert-das-menschliche-vertrauen/). In an age of generative AI, synthetic relationships and widespread automation, what do we mean when we talk about «trust»? [Merriam Webster](https://www.merriam-webster.com/dictionary/trust?ref=schweizermonat.ch) defines trust as «assured reliance on the character, ability, strength, or truth of someone orsomething». In everyday terms, trust typically refers to the confidence we place in another – whether that «other» isa person, an institution, or a technology. Viewed through a psychological lens, trust is considered [one of the single most important ingredients](http://www.jstor.org/stable/20183213?ref=schweizermonat.ch) for the development and maintenance of happy, well functioning relationships. Whenwe speak of trust, then, what we’re actually talking about is our capacity to create conditions in which healthyhuman relationships and reliable knowledge ecosystems can thrive. So what becomes of trust-based cultures when we digitise our systems, societies and psyches? Well, this largely depends on the incentives and values that underpin the technologies. Human tools, from the wheelto the aeroplane, have always been designed with specific intentions and affordances in mind, influenced by the motives of their makers. While a knife may be used to chop carrots or stab a person, it cannot make decisions of itsown. And yet the capacity to act autonomously, manipulate and lie are characteristics that have already been[observed in large language models](https://fortune.com/2025/06/29/ai-lies-schemes-threats-stress-testing-claude-openai-chatgpt/?ref=schweizermonat.ch) from Anthropic’s Claude, to OpenAI’s ChatGPT. The systems currentlyresponsible for the digitalisation of our lives occupy a distinct order of technology in comparison to their predecessors.Imagine then, what happens if these capacities for scheming, self-preservation and autonomous action collidewith exploitative interests. ## Race for our attention Since the early days of social media, the main incentive for big technology companies has been to maximize user engagement and monetise data. This focus, driven by market logic, has consequences for users’ attention, privacy, and social relationships. Concerns around the erosion of trust, the veracity of information and the impacts ofinflammatory content on human relationships have never been high up (or indeed anywhere) on the list, and whilethe digital platforms we interact with on a daily basis race against each other for our attention, it is we the people whoare left paying the price with our [sleep](https://www.scientificamerican.com/article/why-social-media-screen-time-is-so-bad-for-sleep/?ref=schweizermonat.ch), our [relationships](https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9817115/?ref=schweizermonat.ch) and our [mental health](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0001691822000270?via%3Dihub&ref=schweizermonat.ch). Where once we were naïve about the [negative effects of social media](https://jonathanhaidt.com/social-media/?ref=schweizermonat.ch), leaders today can no longer claim the sameinnocence when it comes to anticipating the harms that could arise if technologies come to exploit our attention, and more insidiously, our attachment. Increasingly I’m reminded of the well-worn observation made by GeorgeSantayana, that, «Those who cannot remember the past are condemned to repeat it». Given the oracular beauty ofhindsight, why on earth would we wait until the proverbial hits the fan before establishing guardrails? This is where we are today with generative AI. ## Ripple effects While some would like us to believe that impacts such as [AI psychosis are merely “edge cases”](https://fortune.com/2025/10/19/openai-chatgpt-researcher-ai-psychosis-one-million-words-steven-adler/?ref=schweizermonat.ch), unfortunatecollateral on the road to techno-utopia, in reality, these harms rarely remain contained in the individual, nor do theyonly cause damage in their most notorious form. Rather, when harms like these occur, they ripple into our relationships and out into society, affecting the structures that support us. When the most connected generationever to live is also the [loneliest](https://www.bbc.com/news/articles/cn0kz1wpnq5o?ref=schweizermonat.ch), and the chatbots we turn to serve to isolate us further, it’s no wonder that some aredecrying these technologies «[a death sentence](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=5870623&ref=schweizermonat.ch)» not only for social wellbeing, but for the civic institutions thatenable cultures to thrive. Societal alarm bells are rarely attended to until after the damage has been done, and despite early warning signs andcalls for regulation, we have recently witnessed one of the most predictable outcomes of a failure to regulateappropriately. When a torrent of abusive, [non-consensual sexual images](https://www.theguardian.com/technology/2026/jan/08/ai-chatbot-grok-used-to-create-child-sexual-abuse-imagery-watchdog-says?ref=schweizermonat.ch) of children and women flooded the internet, generated using Elon Musk’s Grok, it was only after the fact that governments took steps to protect their citizensfrom this kind of abuse. And it was only due to widespread backlash that Musk took the step to stop Grok fromengaging in this activity but only in «[jurisdictions where such content is illegal](https://www.bbc.co.uk/news/articles/clye99wg0y8o?ref=schweizermonat.ch).» What kind of culture do we live in, when a company can enable the generation of child sexual abuse material withimpunity, only changing tack when forced to [by law](https://www.bbc.com/news/articles/c8d90qe4nylo?ref=schweizermonat.ch)? Or when chatbots are permitted to continue engaging withteenagers at risk of [suicide](https://www.nytimes.com/2025/08/26/technology/chatgpt-openai-suicide.html?ref=schweizermonat.ch), even aiding and abetting their research around methods through which to take their own lives? A trust-based culture would work to identify and protect underage people from predictable harms, especiallygiven the track record of human behaviour online. As these technologies come to permeate our lives, and our social feeds bloat with fake influencers, disinformationand content designed to extract our attention, how can modern democratic societies survive? We may be witnessing a real-time answer to that question. As doctors rally to declare the impacts of child phone use a [public health emergency](https://www.thetimes.com/uk/politics/article/phone-impact-on-children-is-public-health-emergency-doctors-declare-c8n3xvfmp?ref=schweizermonat.ch), and coalitions of parents,teenagers and school districts take [Meta, YouTube, Snap and Tiktok to court](https://www.reuters.com/legal/litigation/meta-tiktok-youtube-stand-trial-youth-addiction-claims-2026-01-26/?ref=schweizermonat.ch) to face accusations of making productsintentionally addictive to young people, communities are rising up together in defense of their values. The tide of AIhype appears finally to be receding, and we’re finding out who’s been swimming naked. It’s about time. ## Governments are waking up With AI-generated content, [workslop](https://hbr.org/2025/09/ai-generated-workslop-is-destroying-productivity?ref=schweizermonat.ch) and deepfakes on the rise, it’s getting harder to trust what we see (or read). That alone is reason enough to consider carefully how these powerful technologies should be regulated, developed and deployed in a way that supports the healthy functioning of our societies, economies and wider ecosystems. Despite heavy lobbying to the contrary, many governments are starting to wise up to the harms. With outspokencritics such as Cory Doctorow, Karen Hao, Timnit Gebru, Gary Marcus, Jonathan Haidt and Tristan Harris finallymaking headway in mainstream media, heads of state are heeding the call and seeking ways in which to mitigate therisks. From the banning of phones during school hours to preventing under-16s from using social media, steps arebeing tested and taken to redress the balance and establish a more sustainable way of engaging with the digital world. A course correction can be hijacked to bring in greater harms through the back door (bans, for instance, arenotoriously easy to circumvent, and bringing in digital IDs to identify minors raises a whole host of issues arounddata capture, surveillance and privacy). No doubt some of these efforts, however well-intentioned, will fail and runinto their own issues, yet the fact that we are starting to grapple with the risks and rewards of digitalisation should giveus cause for hope. For too long, we have sacrificed our sanity and psyches at the altar of engagement. It is time we chose somethingdifferent, but to do so, we must recognise that we have enormous collective power and agency to shape thetrajectory of the world to come. While the most prominent tech players would have us believe in the fundamentalinevitability of an AI-dominated world (they have profits to make, after all), the truth is that the future is not yet written.We need to critically assess whether the costs we are already seeing are bringing us closer to a more vibrant,regenerative future, or if we are cannibalising the very life support of the societies and indeed ecologies thatsustains us. The choice before us is stark: do we really want to live in a world in which AI slop floods our media and newschannels, where children lose hours of sleep and social time glued to increasingly persuasive devices, and [agentic workforces](https://www.forbes.com/councils/forbestechcouncil/2025/09/03/the-agentic-economy-a-business-revolution-in-motion/?ref=schweizermonat.ch) lay waste to human economies? Where datacentres siphon off diminishing [freshwater supplies](https://www.youtube.com/watch?v=8enXRDlWguU&ref=schweizermonat.ch), their [smog-forming nitrogen oxide](https://www.politico.com/news/2025/05/06/elon-musk-xai-memphis-gas-turbines-air-pollution-permits-00317582?ref=schweizermonat.ch) outputs contaminatingentire communities? Do we really want to pour our precious resources and human labour into the infrastructures[rapaciously draining power grids](https://www.techrepublic.com/article/news-ai-data-center-energy-utilities/?ref=schweizermonat.ch) at the very moment that we’re bursting through irreversible [climate tippingpoints](https://www.nature.com/articles/d41586-025-03316-w?ref=schweizermonat.ch)? I refuse to believe that this dystopian dream is the best we can do. As artificial intelligence extends to us the ostensible power of Gods, we must remember what it is that makes lifeworth living: one another. And it is from this place that we must ask ourselves: how might we use our technologies toserve and protect all that we love? ### “To say that liberalism eats at tradition is a fairy tale” URL: https://www.schweizermonat.ch/to-say-that-liberalism-eats-at-tradition-is-a-fairy-tale/ Last updated: 2026-09-29T13:12:13.000Z 0:00 /592 1× **Cass Sunstein, you dedicate your new book “On Liberalism” to “anti-liberals everywhere,” a reference to Hayek, who dedicated his “Road to Serfdom” to “the socialists of all parties”. Do you think you can convince anti-liberals of liberalism?** I think so. In every human heart beats an enthusiasm for freedom, an appreciation that the rule of law is a good thing, a sense that pluralism has virtues because we can learn from each other and allow our friends and acquaintances to go in directions that make their lives go well. The appeal of liberalism is general, rather than particular. Some who are skeptical of freedom may take longer to be convinced; hope springs eternal and life is long. **Couldn’t the opposite also be true? Human nature seems to have two sides: one that cherishes freedom, as your dedication highlights, and another that tends toward serfdom. As Hayek wrote, “If all truths are to retain their hold on men’s minds, they must be restated in the language and concepts of successive generations.” Is your book an attempt to do that for today’s generation?** In a way. And you’re clearly right that the appeal of liberalism isn’t a simple matter. George Orwell’s “1984,” which I had long thought was basically a novelistic justification of liberalism, is much more complicated than that. Orwell suggests that every person has an attraction for order and Big Brother. I’m hopeful that my book both restates old truths in a way that maybe young people can find attractive, but also gives an account of liberalism in some ways that is particularly suited for today and that doesn’t merely say we need to go backwards and recover old wisdom. **Your tent of liberalism is very broad, including thinkers as different as Hayek and Burke.** Yes. Part of the book insists that there is a place for social and economic rights, and I believe liberals should embrace this. Many do not, and I respect them—they are still part of my team. There is much to consider regarding regulation and what it should look like. It would be shocking if Hayek or John Stuart Mill had the final word; we have learned a great deal since their time. The idea of a “big tent” for liberalism has not been fully appreciated yet. Some liberals enthusiastically support a regulatory welfare state, while others oppose it. Both are still liberals. Recognizing this diversity within a shared commitment to freedom, pluralism, and the rule of law is a major step forward—especially at a time when anti-liberal movements, both practical and theoretical, are on the rise. **Doesn’t this big tent risk diluting the term liberalism so much that, in the end, everyone is a liberal and no one really is?** Yes, but consider this: Hitler, Putin, Xi, and Orban are not liberals. Yet in North America and Europe, there are illiberal and anti-liberal movements that claim the label. Both left and right sometimes resist robust freedom of speech. Even within the **“**big tent***”*** of liberalism, certain principles—like respect for religion and private property—serve as clear boundaries. If you think that a command and control economy is a great thing, that private property is something to be overcome, these are illiberal thoughts. Liberals own the celebration of property rights, and that is a pretty big tent. You can believe in property rights and think social democracy is wonderful, or you can believe in property rights and despise social democracy, but to recognize one another as family members rather than as fundamentally opposed is a step forward for humanity’s future. **Do you see the main threat to liberalism coming from external geopolitical rivals, or from within liberal societies themselves?** Russia and China’s leadership are serious threats to liberalism. In Europe and North America, we’re in the midst of something more destructive to liberal ideals than what we’ve seen in the recent past. It’s important for the West to embrace its own highest ideals. This might sound abstract, but if you think of people who are frightened, silenced, or humiliated, these are concrete things we need less of. **Can liberalism sustain itself? You write in the book that liberal societies may depend on things on which liberalism, as such, is silent.** This is the most fundamental point, and one the book did not adequately grapple with. Since Tocqueville, there has been a view that liberalism depends on things it does not itself supply—family, norms, faith, traditions—and may even endanger them. That is part of why Burke is such a complicated figure, and why it is disputed whether he counts as a liberal. It is right to say that any society depends on goods liberalism does not provide. Liberals should own that without embarrassment. Liberalism is not everything; it is a set of political commitments. What does not follow is the stronger Tocquevillian claim that liberalism eats away at the very traditions it presupposes. That turns liberalism into Voldemort, a quasi-agent in history devouring norms and faith. One could tell a story in which freedom and choice undermine tradition. To say that liberalism eats at tradition is a fairy tale. Liberalism protects freedom of speech and religion; it does not require anyone to rethink or abandon inherited commitments. If someone lives within a Catholic family tradition without having chosen it, liberalism does not punch it in the nose. It secures the right to remain in it. **Do you think post-liberals like Patrick Deneen paint a false picture of liberalism?** I would like to admire Deneen’s work more than I do. My concern is that it lacks an adequate account of what liberalism is. I am not even sure I could clearly describe liberalism as Deneen understands it. The version he criticizes, I do not like either. In that sense, I am with him. But I do not recognize it as liberalism. His sociological claims about liberalism, capitalism, and markets sometimes resemble familiar left-of-center narratives. Those are empirical claims, and they require fine-grained evidence, not a sweeping grand story. What I do admire are his moral commitments, and his concern to protect norms and traditions he regards as worthy of respect. That is a serious and honorable aim, and liberals should take it seriously **What would be the core principle of liberalism as you define it?** Liberalism rests on a **“**Holy Trinity**”** of freedom, pluralism, and the rule of law, grounded in a commitment to self-government and **“**freedom from fear.**”** This latter—protection against public and private deprivation—is central, though often overlooked, in social contract theory. As Orwell’s image of a **“**boot stamping on a human face**”** suggests, liberalism’s primary moral aim is to prevent such horrors. Modern post-liberalism, exemplified by thinkers like Patrick Deneen, loses sight of this concern. While the relationship between liberalism and democracy is complex, and some **“** *pro tanto*”** liberals prioritize personal liberty over self-rule, the core of the liberal project remains the protection of individuals from the **“**boot.**”** **You say that freedom of speech is probably the most important freedom there is. In Switzerland, a man went to prison recently for an allegedly transphobic social media post. In Germany, the police raided the house of a retiree for calling a minister an idiot. Do those cases trouble you?** Yes. I’d like to know more about them before taking a firm view. But in a system committed to freedom of expression, statements like calling a minister an idiot or claiming trans persons are “sick in the head” must be protected. My favorite line from the U.S. Supreme Court captures this perfectly: “Compulsory unification of opinion achieves only the unanimity of the graveyard.” The basic liberal idea is that people are entitled to be wrong, and that our own convictions deserve a measure of humility. Threats of violence, of course, are not protected. But expressing opinions—controversial or offensive—is strongly presumed protected in Switzerland, France, the U.K., and Canada. **You’ve become famous for the book called Nudge. Where do you think your critics clearly misunderstand the idea rather than identify with the problem?** The criticism that nudges are manipulative is a misunderstanding. Most—GPS routes, allergen labels, fuel-efficiency ratings—simply provide information. Even **“**default**”** nudges, like automatic savings plans, remain non-manipulative when there’s a clear, easy opt-out. The claim that nudges treat people as **“**sheep**”** ignores human cognition. We are not calculating machines; attention and memory are limited. Nudges that remind people to take life-saving medication—preventing perhaps 100,000 deaths annually in the U.S.—do not infantilize users. Whether elderly patients or busy CEOs, nudges acknowledge human limits and provide essential support. **Your next book is on the separation of powers. Have you been inspired by recent events?** Not really. The inspiration was more of a personal “aha” moment. While researching the separation of powers, I realized it isn’t one concept – it’s six. Each branch—legislature, executive, and judiciary—is barred from exercising the powers of the other two. Each of these six prohibitions has its own distinct justification, and their importance shifts over time. One era might rely on the executive to block an “energized” legislature from jailing citizens; another might prioritize keeping courts from legislating. I assumed this six-way breakdown was a standard idea, but I couldn’t find it anywhere. Discovering a new way to look at such a fundamental structure was what made the project so exciting. **Which of the six things do you think is most threatened at the moment?** In illiberal nations like Russia, the executive has legislative authority and judicial authority. That’s really dangerous. **What about the U.S.?** All six are doing pretty well, though the executive authority has been increasingly strong under both Democratic and Republican presidents. That’s had risks and continues to do so today. ### Cómo sobreviví a la hiperinflación de Venezuela URL: https://www.schweizermonat.ch/como-sobrevivi-a-la-hiperinflacion-de-venezuela/ Last updated: 2026-03-29T09:02:16.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-menschen-verlieren-hab-und-gut-die-korrupten-werden-reich-was-die-hyperinflation-mit-einer-gesellschaft-macht/). Viví la hiperinflación más prolongada de los tiempos modernos y una de las más altas jamás registrada: la de Venezuela. Entre 2016 y 2021, la moneda de curso forzoso, el bolívar, fue aniquilado. El gobierno de Hugo Chávez lo fue devaluando y luego Nicolás Maduro lo desintegró. En 1998, cuando la revolución chavista llegó, se necesitaban unos quinientos bolívares para comprar un dólar. Hoy, para comprar un dólar se necesitan unos cincuenta mil billones de bolívares. Es imposible explicar la tragedia venezolana sin detenerse en la devaluación monetaria y en el lustro completo en el que azotó la hiperinflación. Sus efectos no son meramente económicos. La destrucción de la moneda de un país daña la personalidad de sus habitantes. Acabar con una de las más fundamentales instituciones sociales evolutivas es, además de una catástrofe macroeconómica, un drama humano. > “La destrucción de la moneda de un país daña la personalidad de sus habitantes.” **Cuando muere el dinero** Si bien viví este periodo y sufrí muchas de sus consecuencias, debo reconocer que no fui de los más afectados. Los libros me salvaron. Y no de un modo metafórico: Ser lector asiduo de las obras de profesores de la Escuela de Economía Austríaca, comprender la lógica de cualquier sistema económico, social, incluso la praxeología, la ciencia que estudia la acción humana, me permitió entender, prever la desgracia que vendría y tomar medidas para protegerme. Años antes había decidido deshacerme de todos los bolívares. Fijé en dólares, euros, incluso bitcoins, mis facturas por servicios profesionales. No iba a ver desaparecer el fruto de mi trabajo en los bancos, de cuyos servicios también prescindí. Una buena teoría sirve para explicar la realidad, y la teoría monetaria de austríacos como Menger, Hayek, Mises, y tantos otros fueron mi brújula en esos tiempos de desorientación. En mi caso, podría decirse que la teoría sobre el dinero como institución social evolutiva, perfilada por los profesores libertarios me resguardaron; al menos mi cordura y la tranquilidad de mi familia. Lecciones de historia sobre cataclismos monetarios como el de Alemania en 1922, relatadas por periodistas como Adam Fergusson, en “Cuando muere el dinero”, dejaron en mí una impresión tan profunda que podría decirse que aprendí también por cabeza ajena. No olvido las referencias sobre algunos de los reportajes que un joven Ernest Hemingway enviaba al diario canadiense para el que trabajaba entonces. Una cena de cinco platos en el mejor hotel de Kehl costaba 150 marcos, que al cambio de mercado no eran más de 15 centavos de dólar; o la historia del maestro panadero alemán cuyo establecimiento estaba abarrotado por jóvenes franceses que viajaban desde Estrasburgo “…hartándose de comer tartas rellenas de crema a 5 marcos la porción hasta ponerse enfermos”. La frase siguiente se me quedó en la cabeza: “Todas las existencias de la panadería se agotaban en media hora… Sin embargo, el panadero y su dependiente no parecían muy contentos después de haber vendido todo. Probablemente el marco estaba bajando más de prisa de lo que ellos tardaban en hacer los pasteles.” > “Probablemente el marco estaba bajando más de prisa de lo que ellos tardaban en hacer los pasteles.” **La teoría económica como salvavidas** La Literatura, también, es espejo de la realidad. Toda hiperinflación está unida a controles de divisas, de precios, racionamiento de productos básicos, escasez, mercado negro, pobreza extrema y, en particular, corrupción, mucha corrupción. El grupito de personas en el poder siempre sale inmerecidamente favorecido. Tener acceso a divisas y disponer de ellas para revenderlas en el mercado negro, hizo que no pocos corruptos amasaran grandes fortunas. Un desfalco incalculable. De la noche a la mañana aparecían delincuentes haciéndose llamar empresarios, con miles de millones de dólares. Pero el grueso de la población veía como su trabajo cada día valía menos. El mismo sentimiento del pastelero alemán cien años atrás fue padecido por el venezolano empleado o emprendedor, el que trabajaba o comerciaba en bolívares, la moneda “de curso legal”. En “Masa y poder”, el Nobel de Literatura, Elías Canetti, siguiendo el relato de la experiencia alemana, dedica un buen tramo a explicar esta desvalorización monetaria y su inevitable efecto en la personalidad del hombre, que disminuye a la par. “Lo que antes era un marco, se llama ahora 10 000, luego 100 000, luego un millón. La estabilidad del marco se halla así abolida. El marco ha perdido su solidez y límite, es a cada instante otra cosa. Ya no es como una persona, y no tiene duración alguna. Tiene menos y menos valor. El hombre que confiaba en él no puede evitar percibir su rebajamiento como suyo propio. Se identificó con él durante mucho tiempo, la confianza en él era como la confianza en sí mismo. La inflación no sólo hace tambalearse todo externamente, nada es seguro, nada permanece durante una hora en el mismo sitio, sino que por la inflación él mismo, el hombre, disminuye. Él mismo y lo que haya sido no es nada; el millón, que siempre se deseó, tampoco es nada. Cada cual lo tiene. Pero cada cual es nada.” En Venezuela la pobreza alcanzó a 90 por ciento de la población. Millones de personas huyeron del país: Sur, Norte, donde fuera. El hambre se dejaba ver en calles con gente hurgando la basura buscando algo de comer. Morir de mengua, de enfermedades fácilmente tratables en cualquier otro lugar, dejó de ser noticia. Devastación, extrema pobreza en un territorio cuyo subsuelo contiene la mayor reserva energética del planeta. **La inflación degrada al hombre** En medio del desasosiego nacional, me abracé aún más fuerte a mi labor de enseñanza: en la universidad, en mi comunidad, entre mi gente cercana. ¿Qué cosa más valiosa podría hacer que intentar explicar a mis alumnos y conciudadanos que el demoledor fracaso de la moneda no era nuestro fracaso personal? Explicaba que el dinero, así como el Derecho, es otra institución social evolutiva fundamental. Les informaba cómo se había creado y también cómo se había desnaturalizado al ser secuestrado por el Estado. El dinero fiduciario en manos de Chávez y Maduro. Lo dijeron muchas veces: el control sobre las divisas no respondía a una motivación económica, sino política. Fue un instrumento para destruir y controlar, para convertir en una masa inerte a toda una sociedad cuyos miembros, con mérito propio y trabajo, habrían estado destinados a ser autónomos y florecer. > “El control sobre las divisas no respondía a una motivación económica, sino política. Fue un instrumento para destruir y controlar” En un país donde la educación es un monopolio estatal férreo en todos sus niveles, y en donde no se enseñan nociones básicas de economía política ni finanzas personales, mi cruzada pedagógica consistió en rescatar la confianza en el individuo. Difundir las ideas de libertad, en particular en educación, se convirtió en mi nuevo propósito de vida. En poco tiempo, junto con varios de mis alumnos, creamos una organización cuya misión es difundir las ideas del liberalismo, explicar las razones de nuestra pobreza y difundir propuestas para superar la confusión y el desamparo. Revelar las causas del desastre, señalar a sus culpables, ha sido el antídoto para redimirnos. Hemos dejado en evidencia aquellos motivos, los verdaderos, que nos degradaron casi por completo, queda en claro que distan mucho de una incapacidad innata o de un destino de derrota inevitable. En su mayoría, los venezolanos ya comprenden por qué vivieron la pesadilla de la hiperinflación y son conscientes de qué deben hacer para prosperar en paz y justicia. Más libertad individual, más cooperación voluntaria; menos confiar en gobiernos y esperar mendrugos desde el poder. **Rescatar la confianza en el individuo** Las cosas están comenzando, al fin, a cambiar. ¿Cuánto debemos los venezolanos a los grandes faros de la libertad? Con la captura de Maduro por parte de la justicia de Estados Unidos, el régimen criminal que azotó Venezuela está siendo desmantelado y juzgado. Sus principales figuras perderán sus fortunas mal habidas. Pagarán con cárcel. Sus apellidos quedarán grabados para la posteridad en una lista vergonzosa. Venezuela volverá a ser la “tierra de gracia” que deslumbró a sus primeros exploradores. Cada persona de esa sociedad despojada de sus instituciones primordiales tiene la oportunidad de, cual Ave Fénix, renacer por mérito propio. El despegue que se avecina está impulsado por el aprendizaje ganado luego de tantos errores y sufrimiento. Las generaciones de relevo tienen este enorme potencial. Los jóvenes saben que este arrase monetario fue un crimen deliberado. Chávez, Maduro, así como sus cómplices, cometieron un delito de lesa humanidad. Bien lo ha explicado el profesor argentino Ricardo Manuel Rojas en su reciente libro: “La inflación como delito de lesa humanidad” (Unión Editorial, 2025). Viví acaso la peor hiperinflación de la historia, he visto el dolor, la injusticia, el desamparo. Justo por ello, soy optimista. Mientras aquellos están empezando a pagar por su desvarío; sus otrora víctimas, en cambio, gracias a las lecciones aprendidas, estamos empecinados en construir en libertad. ### Krieg ist der grösste Feind der Freiheit URL: https://www.schweizermonat.ch/krieg-ist-der-groesste-feind-der-freiheit/ Last updated: 2026-03-13T21:27:51.000Z Der Angriff der Vereinigten Staaten und Israel auf Iran entzweit die Gemüter. Kein Zweifel: In Teheran regiert ein Unrechtsregime. Und es steht ausser Frage, dass diejenigen, die von ihm bedroht, gepeinigt, geschädigt werden, sich zur Wehr setzen dürfen. Doch ich argumentiere: Ein Verteidigungskrieg eines Staates, bei dem Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden, ist abzulehnen; gleiches gilt selbstredend für Angriffskriege von Staaten. Mein Argument lehnt sich im Grunde an ein Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts von 2006 an. Die Richter entschieden, dass der Abschuss eines entführten Flugzeugs verfassungswidrig ist, weil er gegen die Menschenwürde (Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes) und das Recht auf Leben (Artikel 2) verstösst. Ein von Selbstmordattentätern entführtes Passagierflugzeug etwa darf auch dann nicht abgeschossen werden, wenn es in einen Büroturm gesteuert werden soll, um Unschuldige zu töten. Dem Urteil kann ich als libertärer Ökonom uneingeschränkt zustimmen, und so lautet auch mein Argument gegen Krieg: Kein Mensch (und damit auch kein Staat) darf Gewalt gegen das Leben oder legitim erworbenes Eigentum eines Unschuldigen initiieren. Wenn der Staat Krieg führt, dann verletzt er diesen Grundsatz: Er bombardiert und tötet Zivilisten, verursacht «Kollateralschäden», zwingt Menschen zur Kriegsführung – Militärzwang ist letztlich eine Form von Sklaverei –, finanziert das Tötungsgewerbe mit Steuern, also mit erpresstem Geld und/oder inflationärem Geld, und fügt Unschuldigen damit grossen Schaden zu. **Krieg lässt den Staat wachsen** Wer Krieg befürwortet, der bereitet den Weg zur Allmacht des Staates – in Form von Steuern, Zwangsmilitärdienst, Zensur, Propaganda, Staatsschulden, Inflation, Bürokratie und Auswuchern des Staatsapparats zu einem «tiefen Staat». Selbst vermeintliche «Siege» stärken übrigens den Staat noch weiter. Sie lassen ihn wachsen – zu Lasten der Freiheit unschuldiger, friedvoller Konsumenten und Produzenten. Der Krieg zerstört moralisch und kulturell. Er korrumpiert die Gesellschaft, das Massentöten wird normalisiert, Propaganda schürt Hass auf «den Feind», freies Denken wird unterdrückt, Menschenwürde und Kultur verkommen. Auch wirtschaftlich richtet er grossen Schaden an. Ressourcen werden von produktiver Nutzung in Zerstörungswerkzeuge umgeleitet. Jeder angebliche «Wirtschaftsaufschwung» durch Krieg ist illusorisch – er gleicht einer Seuche, die nur Bestatter reich macht. > «Wer Krieg befürwortet, der bereitet den Weg zur Allmacht des Staates – in Form von Steuern, Zwangsmilitärdienst, Zensur, Propaganda, Staatsschulden, Inflation, Bürokratie und Auswuchern des Staatsapparats zu einem «tiefen Staat».» Zu glauben, der Staat lasse sich zielgerecht einsetzen, um das Gute zu tun und einen «gerechten Krieg» zu führen, ist Wunschdenken. Man denke nur an die US-amerikanischen Kriege, die in den betroffenen Ländern in der Regel Zustände hinterliessen, die schlimmer waren als zuvor – etwa in Korea oder Vietnam. Oder an die Flächenbombardements deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges durch britische und US-amerikanische Streitkräfte, die schätzungsweise 300 000 bis 500 000 zivile Todesopfer forderten. Was dabei meist übersehen wird: Der Staat – so wie wir ihn heute kennen – ist eine aggressive Institution, ein Zwangs- und Gewaltapparat, nach innen wie auch nach aussen, sobald er gross genug geworden ist. Staaten, die vorgeben, die Aggression anderer Staaten zu bekämpfen, oder sich gar als Weltpolizei aufspielen, sind selbst Aggressoren. Denn diejenigen, die in ihrem Dienst stehen, üben notwendigerweise Zwang und Gewalt gegenüber ihren Mitmenschen aus. Die modernen Staaten sind kein Bollwerk gegen Kriege – sie sind vielmehr deren Ursache. Vor allem auch weil diejenigen, die die Staatsmacht innehaben, die Kosten ihres Handelns nicht selbst zu tragen haben, sondern sie auf andere abwälzen können. Dafür einzutreten, sie mit Waffen auch noch hochzurüsten, finanziert mit Geld, das unschuldigen Menschen abgepresst wird, ist so gesehen an Unvernunft kaum mehr zu überbieten. **Strikte Selbstverteidigung** Was also ist die Lösung, die Alternative, um in Frieden zu leben? Sie lautet: Die Gesellschaft richtet sich strikt auf Selbstverteidigung aus – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Selbstverteidigung darf dabei keinesfalls in Imperiumsbildung oder in «kollektive Sicherheitssysteme» oder Bündnisse münden. Denn das führt zwangsläufig zu Konflikten und Krieg. Man hat sich vielmehr aus den Angelegenheiten anderer Staaten strikt herauszuhalten («radikaler Nicht-Interventionismus»). Zudem muss der Verteidigungsapparat aus freiwillig bereitgestellten Mitteln bestritten und darf nicht durch Geld finanziert werden, das der Staat sich per Zwang und Gewalt beschafft, etwa durch Steuern oder inflationäres Geld. Insbesondere muss die Teilnahme an Verteidigungsdiensten auf freiwilliger Basis aufgebaut sein – etwa in Form einer Freiwilligenmiliz –, gegebenenfalls ergänzt durch vertraglich angeheuerte Privatfirmen, die professionell auf Verteidigungsdienste spezialisiert sind. Für kleine Staaten ist es ratsam, strikt neutral zu sein, sich nicht in Konflikte hineinziehen zu lassen, wie es die Schweiz praktiziert. Ohnehin empfiehlt es sich, aus grossen Staaten kleine zu machen. Kleine Staaten sind wirtschaftlich nicht autark, sie müssen daher freundlich sein, damit sie für Handel, Auslandskapital und Talente attraktiv sind. Auch haben kleine politische Einheiten kaum Anreize, Konflikte anzuzetteln. Die Gefahr, angegriffen zu werden, ist damit vergleichsweise gering. Und sollte ein kleiner Staat tatsächlich angegriffen werden, wird es Gegenwehr geben oder nicht – und zwar entsprechend der Entscheidung der Freiwilligenmiliz. Auf ebendieser Grundlage besiegten übrigens die Amerikaner im Revolutionskrieg die Briten. Im Fall des Iran hätte man mit dieser Art von Selbstverteidigungsdoktrin durchaus – nachdem alle Verhandlungsoptionen gescheitert sind – gezielt die Produktionsstätten von Massenvernichtungswaffen zerstören und jene Personen ausschalten können, die nachweislich für Bedrohung und Terrorakte verantwortlich sind. Was aber keinesfalls legitim ist, sind Raketenangriffe von Staaten auf Wohnstätten, die Ausweitung von Angriffs- und Verteidigungskrieg auf Unschuldige und deren Eigentum – ganz zu schweigen von der Androhung oder gar Anwendung von Massenvernichtungswaffen. Konflikte zwischen Menschen wird es wohl leider immer geben. Aber Kriege – geplante, gross angelegte, organisierte Gewalt, die alles und jeden mit hineinreisst – rühren aus der Existenz von Staaten. Der Ökonom Ludwig von Mises formulierte es im Jahr 1919 treffend: «Wer Frieden zwischen den Völkern will, muss den Staat und seinen Einfluss auf das Stärkste einzuschränken suchen.» Wer Mises darin folgt, der verwirft auch die Ideologie, die bislang immer wieder Kriege heraufbeschwört. ### Free Speech on Life Support With Claire Fox URL: https://www.schweizermonat.ch/free-speech-on-life-support-with-claire-fox/ Last updated: 2026-08-10T09:47:58.000Z _No content available._ ### Ohne Disziplin gibt es keine Fürsorge URL: https://www.schweizermonat.ch/ohne-disziplin-gibt-es-keine-fuersorge/ Last updated: 2026-03-11T14:10:05.000Z Kürzlich war ich aufgrund meines neuen Buches [«Live Bold»](https://form.jotform.com/260445777134057?ref=schweizermonat.ch) zu Gast in einem Podcast. Der Moderator stellte mir eine Aufgabe: Er nannte Wortpaare, und ich sollte mich jeweils spontan für eines entscheiden. Bei den meisten fiel mir das leicht. Doch bei einem Paar musste ich kurz innehalten: Fürsorge oder Disziplin? Ich entschied mich für Disziplin. Nicht, weil mir Fürsorge unwichtig wäre – im Gegenteil. Doch wer Fürsorge wirklich ernst nimmt, muss zuerst über Disziplin sprechen. Wer selbst im Schlamm steckt, kann niemanden herausziehen. Wer selbst kaum stehen kann, kann niemanden stützen. Das gilt körperlich, mental und auch finanziell. Stärke entsteht nicht zufällig – sie entsteht durch Übung, durch Selbstführung, durch Disziplin. Nur wer Ressourcen aufgebaut hat, kann sie auch anderen zur Verfügung stellen. Das gilt auch für eine Gesellschaft. Fürsorge braucht zuerst eine leistungsfähige Wirtschaft und eine produktive Gesellschaft. Umverteilung setzt Wertschöpfung voraus. Eine Kultur, die nur Schwäche wertschätzt, produziert mehr Schwäche. Eine Kultur hingegen, die Stärke anerkennt, bringt mehr Menschen hervor, die Verantwortung übernehmen können. Der starke Mensch ist nicht jener, der andere klein macht – sondern jener, der andere aufrichten kann. Natürlich hat jeder Mensch Stärken und Schwächen. Wir alle sind in bestimmten Lebensphasen auf Hilfe angewiesen: als Kinder, im Alter, nach Krankheit oder Unfall. Gerade deshalb brauchen wir Menschen, die tragfähig sind. Fürsorge kann jedoch sehr unterschiedliche Formen annehmen. Es gibt die ermöglichende Fürsorge: Ein Vater hält das Fahrrad seines Kindes – und lässt irgendwann los. Eltern stehen im Hintergrund bereit, räumen aber nicht jeden Stein aus dem Weg. Auch ein Sozialstaat kann überbrücken und unterstützen, ohne die Eigenverantwortung abzuschaffen. > «Eine Kultur, die nur Schwäche wertschätzt, produziert mehr Schwäche. Eine Kultur hingegen, die Stärke anerkennt, bringt mehr Menschen hervor, die Verantwortung übernehmen können.» Doch zunehmend bewegen wir uns in eine andere Richtung: hin zur entlastenden Fürsorge. Sie nimmt Verantwortung dauerhaft ab, verhindert Reibung und senkt Erwartungen. In Familien kennt man dieses Muster als Helikopter- oder Schneepflug-Eltern – Eltern, die jedes Hindernis aus dem Weg räumen, damit das Kind nie stolpert. ## Verantwortung wird beiseitegeschoben Übertragen auf die Gesellschaft geschieht Ähnliches, wenn der Staat versucht, jedes Risiko zu eliminieren und jede Schwierigkeit zu regulieren. Was als Fürsorge beginnt, endet leicht in einer Kultur der Entlastung. Die Folgen sind bekannt: Verantwortungsdiffusion, Auslagerung der Moral und Kompetenzverlust. Wenn immer jemand anderes zuständig ist, fühlt sich irgendwann niemand mehr zuständig. Und wenn der Staat jedes Problem lösen soll, verlieren Bürger nach und nach die Gewohnheit, Probleme selbst zu lösen. Meine Sorge ist deshalb weniger fiskalischer als kultureller Natur. Ich fürchte nicht, dass wir helfen. Ich fürchte, dass wir falsch helfen. Wenn Hilfe nicht mehr aktiviert, sondern entlastet, nicht mehr befähigt, sondern versorgt, dann verliert eine Gesellschaft ihre Spannkraft. Der argentinische Präsident Javier Milei formulierte es einmal sinngemäss so: Ein übergewichtiger Staat schafft schwache Bürger – ein schlanker Staat hingegen starke Menschen. Der Gedanke trifft einen wichtigen Punkt. Dabei ist Disziplin kein kaltes Konzept. Sie ist Selbstführung. Sie ist die Fähigkeit, heute etwas zu leisten, um morgen etwas geben zu können. Fürsorge ohne Disziplin bleibt wohlmeinend, aber kraftlos. Disziplin ohne Fürsorge wäre hart. Eine freie und humane Gesellschaft braucht beides. Doch der Anfang liegt bei der Disziplin. Denn nur wer Kraft entwickelt, kann Kraft verschenken. > «Disziplin ist die Fähigkeit, heute etwas zu leisten, um morgen etwas geben zu können. » ### Michael Shellenberger on the Censorship-Industrial Complex and Europe’s Free Speech Crisis URL: https://www.schweizermonat.ch/michael-shellenberger-on-the-the-censorship-industrial-complex-and-europes-free-speech-crisis/ Last updated: 2026-08-10T09:47:58.000Z _No content available._ ### Warum Linke mit dem Islam kuscheln URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-linke-mit-dem-islam-kuscheln/ Last updated: 2026-04-01T12:23:56.000Z Geht es nach der SP, sollen muslimische Lehrerinnen an Schweizer Schulen künftig mit dem Kopftuch unterrichten dürfen. Das passt zur SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr, die 2025 in einem [NZZ-Interview](https://www.nzz.ch/zuerich/sollen-auch-muslime-steuergelder-erhalten-ja-natuerlich-findet-jacqueline-fehr-und-sagt-der-islam-gehoert-zur-schweiz-ld.1874897?ref=schweizermonat.ch) staatliche Direktzahlungen an muslimische Gemeinschaften gefordert hatte. Zudem will sie den Islam ins Steuersystem der Landeskirchen eingliedern. Diese Ideen gedeihen im gleichen Zürich, in dem Juden auf der Strasse mittlerweile ihre Kippa verbergen, aus Angst vor islamistischen Judenhassern. Antisemitismus beherrscht heute viele europäische Städte. An vielen Schulen gibt es zudem Mädchen, die von ihren Familien gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen. Es ist nicht einfach zu verstehen, wie es nach der marxistisch gefärbten Christianophobie zur Islamophilie der Linken gekommen ist. Warum kuscheln Feministinnen, LGBTQ-Aktivisten und laizistische Kirchengegner mit einer Religion, in der Männer ihre Frauen schlagen dürfen, in der Homosexuelle verfolgt werden und bei der es unter Androhung der Todesstrafe verboten ist, die Religion zu wechseln? In den letzten Jahren hat sich in den Akademien und Medienhäusern im Sinne der «Postcolonial Theory» offenbar die Überzeugung ausgebreitet, der Westen sei die Quelle allen Übels, besonders die USA und Israel. Hamas, Hisbollah, das Teheraner Mullah-Regime: Durch die rot-grüne Brille erscheinen sie als postkoloniale Widerstandskämpfer, als Opfer eines weissen, rassistischen Kapitalismus. Auf einer profanen, wahltaktischen Ebene sind Muslime das neue Proletariat des politischen Establishments geworden, fast überall in Europa, aber besonders in Frankreich und England. Das hängt damit zusammen, dass die einheimischen Arbeiter, statt Klassenkampf zu betreiben, lieber eine Familie gegründet haben und bürgerlich wählen. > «Auf einer profanen, wahltaktischen Ebene sind Muslime das neue Proletariat des politischen Establishments geworden» Gläubige Muslime taugen allerdings wenig als Ersatzproletarier, denn sie werden ihren Glauben zur Gesellschaftsordnung machen, sobald die Mehrheitsverhältnisse es zulassen. Es gibt kein Land, in dem gläubige Muslime die Mehrheit stellen und die staatlichen Gesetze unabhängig von der islamischen Religion bleiben. Das ist keine islamophobe Verschwörungstheorie, sondern Realität. Ein Europa, das seine Errungenschaften verteidigen will, braucht eine Politik mit dem Mut zur Realität. Eine Politik, die Machtverhältnisse konsequent hinterfragt, unabhängig davon, ob die Macht aus staatlichen, wirtschaftlichen oder religiösen Quellen stammt. Liberalismus und Demokratie sind keine koloniale Erbsünde, sondern eine historisch einmalige Errungenschaft. Wer das nicht sieht und verteidigt, sägt am Ast, auf dem er sitzt. ### Why Adam Smith Is Still Misunderstood URL: https://www.schweizermonat.ch/why-adam-smith-is-still-misunderstood/ Last updated: 2026-08-06T15:02:57.000Z _No content available._ ### Adam Smiths «Wohlstand der Nationen» erschien vor 250 Jahren: Fünf Gründe, warum es bis heute wichtig ist URL: https://www.schweizermonat.ch/adam-smiths-wohlstand-der-nationen-erschien-vor-250-jahren-fuenf-gruende-warum-es-bis-heute-wichtig-ist/ Last updated: 2026-04-29T12:06:23.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/adam-smiths-wealth-of-nations-at-250-why-it-still-matters/). Vor 250 Jahren ist das Hauptwerk von Adam Smith, «The Wealth of Nations» (auf Deutsch: «Der Wohlstand der Nationen»), erschienen. Es war konzipiert als Werk der «politischen Ökonomie». Wichtig ist, dass Smith ziemlich direkt darauf besteht, dass dieser Ansatz als «ein Zweig der Wissenschaft des Staatsmannes oder Gesetzgebers» zu betrachten sei. Die Ziele seien «erstens, dem Volk ein reichliches Einkommen oder einen gesicherten Lebensunterhalt zu verschaffen, oder genauer: es in die Lage zu versetzen, sich selbst ein solches Einkommen oder einen solchen Lebensunterhalt zu verschaffen, und zweitens, dem Staat oder Gemeinwesen ein Einkommen zu verschaffen, das für die öffentlichen Dienste ausreicht. Es schlägt vor, sowohl das Volk als auch den Souverän zu bereichern.» Die zentrale These von «The Wealth of Nations» umfasst einen Mechanismus und ein Mittel. Der Mechanismus besteht darin, die volle Entfaltung des Motors von Wohlstand und Wachstum zu ermöglichen, den Smith «opulence» nannte. Gemeint ist Reichtum als Zugang zu den Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens – nicht als Anhäufung von Edelmetall oder Vermögenswerten. Smiths Philosophie ist eine Philosophie der Freude und des menschlichen Aufblühens. Das Mittel dazu ist, was Smith «das System der natürlichen Freiheit» nannte. Mit bestimmten wichtigen Ausnahmen meinte Smith, dass Menschen, die in einem System ohne Monopolprivilegien oder Hindernisse für Wettbewerb ihren eigenen Interessen nachgingen, zur vollsten Entfaltung der Arbeitsteilung gelangen würden. Der Staat hatte die Aufgabe, die Rechtspflege zu verwalten und die «drei P» zu schützen: «person», «property» und «promise» (Vertrag). Der Staat sollte ausserdem für Verteidigung sorgen, Infrastruktur erstellen und Bildung ausweiten. In diesem Rahmen muss der Staat sonst nichts weiter tun. Die allgemeine Frage, die Smith zu beantworten versuchte, quält uns bis heute: Wann kann eine Gesellschaft darauf vertrauen, dass dezentraler Austausch die Produktion koordiniert – und wann sollten wir darauf bestehen, dass eine öffentliche Autorität Investitionen und Produktion steuert und lenkt? Smith gab keine eindeutige Antwort. Stattdessen vermachte er uns eine Art zu streiten. Er definierte bestimmte Kernaufgaben für den Staat und argumentierte dann in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen für Subsidiarität, indem er eine widerlegbare Vermutung zugunsten privater Wahl und dezentraler Organisation etablierte. Die fortdauernde Bedeutung des Buches liegt in seinem Fokus auf dieser Disziplin, auf dieser Denkgewohnheit. In mancher Hinsicht wirkt Smith weit entfernt von unseren heutigen Debatten. Er verwendete nie das Wort «Kapitalismus» und nannte Kapital «stock». Er sah keine riesigen multinationalen Konzerne voraus (obwohl er sehr klar diejenigen anprangerte, die er kannte, einschliesslich der British East India Company). Er verstand nicht, was wir heute unter Finanzwesen verstehen, obwohl er den Fragenkatalog festlegte, der Walter Bagehot später dazu führte, moderne Kreditmärkte zu beschreiben und zu erklären. «The Wealth of Nations» ist ein Porträt der kommerziellen Gesellschaft in Grautönen – nicht rein böse, aber weit davon entfernt, rein gut zu sein. Ich werde fünf von Smiths zentralen Beiträgen hervorheben: Ideen, die noch immer ordnen, wie wir über Kapitalismus sprechen – über seine Tugenden, seine Laster und die politische Ordnung, die ihn möglich macht. ## I. Das Standardargument: Märkte sind der Ausgangspunkt, nicht die Ausnahme Smith hat die Märkte nicht erfunden. Was er tat – mit der stillen Kühnheit eines Moralphilosophen, der sich den Handelsimperien seiner Zeit entgegenstellte –, war, sie zu normalisieren. Er machte geltend, dass dezentraler Austausch unter dem Schutz des Rechts keine chaotische Alternative zu «rationaler» Lenkung sei, sondern eine Form der Koordination. Entferne die staatlichen «Systeme der Bevorzugung oder Beschränkung», so argumentierte er, und «das offensichtliche und einfache System der natürlichen Freiheit stellt sich von selbst ein». Sein Punkt ist nicht, dass der Staat verschwindet. Sein Punkt ist, dass der Staatsmann die Beweislast tragen sollte. Den «Fleiss privater Menschen zu beaufsichtigen» erfordert ein Wissen, über das «keine menschliche Weisheit oder Kenntnis jemals hinreichend» verfügen könnte. Die rhetorische Rahmung war revolutionär. Jahrhundertelang haftete dem Handel ein moralischer Geruch an. Die mittelalterliche Tradition erlaubte Kaufen und Verkaufen, aber unter Bedingungen und unter Verdacht: Gewinn war nur dann legitim, wenn er durch Tugend begrenzt war; Verträge waren nur dann legitim, wenn sie nicht durch Betrug verunreinigt waren, und der Geldverleih war dem Vorwurf des Wuchers ausgesetzt. In diesem älteren moralischen Universum konnte der Kaufmann geduldet, sogar respektiert werden – aber selten gefeiert. Was sich in der frühen Neuzeit änderte, war nicht nur das Wachstum des Handels, sondern das Wachstum eines Arguments, das Handel moralisch verständlich machte. Smith hat diesen Wandel mitgeprägt. Hier ist sein früheres Werk wichtig. In «The Theory of Moral Sentiments» von 1759 zeichnet Smith den Menschen als ein Wesen der Sympathie, das die Zustimmung anderer begehrt, zur Selbstbeherrschung fähig ist und für Eitelkeit anfällig bleibt. «The Wealth of Nations» verwirft diese Psychologie nicht. Es verlagert sie. Smith erklärt nicht einfach, Gier sei gut. Er argumentiert für etwas Subtileres und in der Praxis Radikaleres: Das gewöhnliche Motiv der «Verbesserung», wenn es durch Austausch unter Regeln der Gerechtigkeit kanalisiert wird, kann sozial produktiv sein statt moralisch verdächtig. «Nicht aus dem Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers», schreibt er, «erwarten wir unser Abendessen, sondern aus ihrer Rücksicht auf ihr eigenes Interesse.» Der Satz wird oft als Hymne auf den Egoismus aufgesagt. Liest man genau, stellt man etwas anderes fest: Ein Austausch ist keine Bitte um Mildtätigkeit; er ist ein Appell an die Gründe einer anderen Person. «Gib mir das, was ich will, und du sollst dieses haben, was du willst», ist «die Bedeutung jedes solchen Angebots». Mit anderen Worten: Handel ist eine Sprache, und Selbstliebe ist eine ihrer Grammatiken. Das ist es, was Smiths Ausgangsvermutung dauerhaft macht. Wenn Ökonomen über Deregulierung, Privatisierung und Handel streiten, verläuft die Grundlinie oft in Smiths Richtung: Wettbewerb und Eintritt werden als der mutmasslich «normale» Mechanismus behandelt, um Produktion zu organisieren – und Intervention muss erklären, warum sie es besser kann. Der Punkt ist nicht, dass Märkte immer funktionieren. Smiths Marktordnung hängt von starken Bedingungen ab: gesichertes Eigentum, vorhersehbares Recht und Handel. Aber die Grundlinie ist wichtig. Sie schult den Blick, zuerst zu fragen: Gibt es einen Grund, warum dieses Problem nicht durch offenen Wettbewerb behandelt werden kann? Wenn nicht: Warum sollten wir dezentrales Wissen durch zentrale Entscheide ersetzen? > «Handel ist eine Sprache, und Selbstliebe ist eine ihrer Grammatiken.» Smiths Argument für dezentrale Koordination lässt sich leicht als Glauben karikieren. Besser ist es, es als Theorie vergleichender Selbstkorrektur zu lesen. In seiner Diskussion der Preise beschreibt er eine Welt, in welcher der Marktpreis «naturgemäss» dazu tendiere, einem «natürlichen Preis» zu entsprechen, und in der dieser natürliche Preis wie ein Gravitationszentrum wirke. Wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, unterbieten sich Verkäufer; wenn es darunterbleibt, konkurrieren sich Käufer. Der «natürliche Preis», schreibt Smith, ist «gleichsam der zentrale Preis, zu dem die Preise aller Waren fortwährend tendieren». Die Sprache ist fast newtonisch. Der Punkt ist nicht, dass Märkte stets ein Gleichgewicht schaffen. Der Punkt ist, dass sie einen Mechanismus enthalten, der Fehler in Richtung Korrektur drückt – und dass dieser Mechanismus niemanden verlangt, der das gesamte System kennt. Smith überträgt dieselbe Logik auf die Allokation von Kapital. Menschen investieren dort, wo der Gewinn höher ist; wenn zu viel Kapital in eine Verwendung fliesst, fällt dort der Gewinn und steigt anderswo, was Investoren «unmittelbar» dazu veranlasst, eine «fehlerhafte Verteilung» zu ändern, «ohne irgendein Eingreifen des Gesetzes». Heute vergisst man leicht, wie politisch subversiv diese Behauptung einst war. Sie legt nahe, dass vieles von dem, was Staaten taten – Kapital steuern, begünstigte Gewerbe schützen, Märkte reservieren –, nicht nur ineffizient, sondern anmassend war. Und doch ist selbst bei Smith die Vermutung bedingt. Er spricht nicht von «Märkten» im Abstrakten; er sagt «Wettbewerb». Die Marktordnung hängt davon ab, dass Menschen ihren «Fleiss und ihr Kapital in Wettbewerb mit denen irgendeines anderen Menschen oder irgendeiner Ordnung von Menschen» bringen können. Diese Klausel – die Möglichkeit der Rivalität – leistet den Grossteil der Arbeit. Wird Rivalität blockiert, versagt die Selbstkorrektur des Marktes, und die Vermutung sollte umgekehrt werden. Smiths Anti-Monopol-Passagen sind daher keine Dekoration an seinem Pro-Markt-Argument; sie sind dessen Rückgrat. **Zwischenspiel: Der Motor in der Brust** Smiths dauerhafteste moralische Behauptung ist leicht zu übersehen, weil sie so mild klingt. Er glaubt, dass die meisten Menschen die meiste Zeit versuchen, ihren Zustand zu verbessern – und dass dieses Begehren kein blosses Laster ist, sondern ein erstaunlich zuverlässiger Motor des Fortschritts. Das «gleichmässige, beständige und ununterbrochene Bemühen eines jeden Menschen, seinen Zustand zu verbessern», schreibt er, sei das Prinzip, aus dem sowohl öffentlicher als auch privater Reichtum abgeleitet werde. Er fügt ein fast verblüffendes Vertrauen hinzu: Dieses Bemühen sei «häufig stark genug, den natürlichen Fortschritt der Dinge zur Verbesserung aufrechtzuerhalten, trotz sowohl der Verschwendung des Staates als auch der grössten Fehler der Verwaltung». Das ist keine romantische Behauptung über menschliche Güte. Es ist eine Behauptung über menschliche Beharrlichkeit. Menschen lernen, sparen, experimentieren und handeln; sie suchen nach etwas besseren Löhnen, etwas besseren Werkzeugen, etwas besseren Angeboten. Das Ergebnis ist kein linearer Aufstieg, sondern ein Trend, der durch Krieg, Raub und Privileg unterbrochen werden kann – und zugleich einer, der eine bemerkenswerte Menge an Torheit überleben kann. Die Motivation der Verbesserung erklärt auch, warum Smith Institutionen so aufmerksam behandelt. Wenn Menschen ständig versuchen, ihre Lage zu verbessern, dann sind die Regeln, die Verbesserung steuern, von grosser Bedeutung. Eine Gesellschaft kann dieses Motiv auf produktive Tätigkeit, neue Produkte, neue Fähigkeiten, neue Arrangements lenken, oder sie kann es auf destruktive Tätigkeit lenken: auf Betrug, Raub und politisches Privileg. Smiths Buch ist, zum Teil, ein Leitfaden, um das Erste zu gestalten und dem Zweiten zu widerstehen. Smiths Motivation der Verbesserung ist auch eine Theorie über Zeit. Vieles in «The Wealth of Nations» befasst sich damit, wie eine Gesellschaft das Morgen ernst nimmt: sparen, Kapital ansammeln und in Verbesserungen investieren, deren Ertrag verzögert eintritt. Wenn Menschen erwarten, dass Verträge durchgesetzt und Eigentum nicht geplündert wird, können sie planen; wenn nicht, konsumieren sie in der Gegenwart und verbergen, was sie können. In diesem Sinn ist Smiths politische Ökonomie eine materielle Theorie des Vertrauens. Institutionen, die Erwartungen schützen, verwandeln Vorsicht in Produktivität. Das hilft zu erklären, warum Smiths Optimismus stets mit Vorsicht gepaart ist. Die Motivation der Verbesserung ist widerstandsfähig, aber nicht unzerstörbar. Sie kann umgeleitet werden. Eine Gesellschaft kann ihren ehrgeizigsten Bürgern beibringen, dass der beste Weg zur Verbesserung nicht Erfindung ist, sondern Einfluss; nicht Kunden bedienen, sondern Regulierer vereinnahmen; nicht konkurrieren, sondern ausschliessen. Smiths grosse Furcht ist, dass Privilegien die Energie der Verbesserung in ein Wettrennen um Gefallen verwandeln. Darum kehrt er immer wieder zur Notwendigkeit allgemeiner Regeln zurück, die Verbesserung mittels Produktion zu erreichen – statt mit Raub. ## II. Erbe der Stecknadelfabrik: Spezialisierung als Motor des Reichtums Wenn «The Wealth of Nations» eine einzige Passage hat, die unverwüstlich ist, dann ist es die Stecknadelfabrik. Sie überlebt, weil sie im Kleinen das zentrale Wunder modernen Wohlstands verkörpert: Gewöhnliche Aufgaben, richtig angeordnet, können ausserordentliche Produktion hervorbringen. «Die grösste Verbesserung in den produktiven Kräften der Arbeit», schrieb Smith, «scheint die Wirkung der Arbeitsteilung gewesen zu sein.» Der Mechanismus ist nicht mystisch. Er ist eine Abfolge kleiner, sich aufschaukelnder Vorteile: Wenn ein Arbeiter eine Aufgabe wiederholt, wird er geschickter; Zeit wird gespart, wenn Hände nicht ständig wechseln, und konzentrierte Aufmerksamkeit erzeugt Erfindungen oft von Menschen, die niemand als Erfinder betrachten würde. In Smiths Geschichte bindet ein Junge eine Schnur an ein Ventil, damit er seinen Posten verlassen und spielen kann. Die Verbesserung wird nicht von einem Ausschuss geplant; sie wird von jemandem entdeckt, der seine eigene Anstrengung mindern will. > «Wenn ein Arbeiter eine Aufgabe wiederholt, wird er geschickter.» Zweieinhalb Jahrhunderte später ist die Stecknadelfabrik überall. Sie steckt in der Choreografie eines Operationssaals, wo das Können eines Chirurgen von Anästhesisten, Pflegekräften, Sterilisationsprotokollen und Instrumentenmachern abhängt. Sie steckt in der Montage eines Smartphones, das seltene Erden, Glaschemie, Software Engineering und eine Logistikkette umfasst, die so lang ist, dass kein einzelner Verstand sie erfassen kann. Sie steckt in der «langweiligen» Infrastruktur des modernen Lebens: im standardisierten Schiffscontainer, im Barcode, im Kreditkartennetz, das spezialisierte Lösungen um den Planeten reisen lässt. Was wir heute «Wissensökonomie» nennen, ist in vieler Hinsicht Smiths Argument in anderer Form. Ein Mathematiker trainiert jahrelang, um ein sehr spezifisches Problem zu lösen; ein Jurist spezialisiert sich auf eine Art Vertrag; ein Ingenieur wird Experte in einer Schicht eines technischen Stacks. Selbst künstliche Intelligenz, die oft als Allzwecktechnologie beschrieben wird, wird von einer Montagelinie von Spezialisten produziert: Datenkuratoren, Modellarchitekten, Chip-Designern, Safety-Forschern, Produktmanagern. Smiths Einsicht ist, dass Reichtum nicht durch einen heroischen Planer entsteht, sondern aus einem System, das es lohnend macht, dass Tausende Menschen ihre enge, besondere Kompetenz in Teilarbeiten vertiefen – und diese Teilarbeiten dann durch Austausch verbinden. Smith bemerkte, dass Spezialisierung durch die «Ausdehnung des Marktes» begrenzt ist. Ein Akteur kann nur in einer grossen Stadt Beschäftigung finden, weil Spezialisierung hinreichende Nachfrage braucht, um eine enge Rolle spielen zu können. Das klingt altmodisch, bis man sieht, dass das Internet zur grössten Stadt der Menschheitsgeschichte geworden ist. Es ist ein Markt ohne Mauern, in dem selbst eine obskure Spezialisierung ein zahlendes Publikum finden kann. Die Gig Economy ist eine moderne Version des Unternehmers: Arbeit wird modular, aufgabenbasiert und geografisch ungebunden. Dieselbe Logik treibt den Aufstieg von Nischenexpertise, globalem Freelancing und das seltsame Phänomen an, dass Menschen ihren Lebensunterhalt damit verdienen, etwas zu tun, das eine Generation zuvor als Hobby gegolten hätte. Die Smith’sche Geschichte der Arbeitsteilung wird oft als reiner Aufschwung erzählt: mehr Spezialisierung bedeutet mehr Produktivität, was höhere Lebensstandards bedeutet. Smith stellte diese Verbindung her. Arbeitsteilung, schrieb er, produziere einen «universellen Reichtum, der sich bis zu den niedrigsten Rängen des Volkes erstreckt». Er fordert den Leser auf, den Rock eines Tagelöhners zu betrachten und darin die «vereinte Arbeit einer grossen Menge von Arbeitern» zu sehen. Der Punkt ist demokratisch: Moderner Komfort ist keine Trophäe von Königen, sondern ein kumulatives Produkt vieler gewöhnlicher Hände. Aber Smith sah auch die dunklere Seite. Die moderne Welt der Karrieren, Qualifikationen und professionellen Identitäten ist zum Teil die gelebte Erfahrung Smith’scher Spezialisierung. Dazu gehören ihre psychologischen Kosten. Spezialisierung verengt Aufmerksamkeit; sie kann auch die Person verengen. Smith schreibt, der Arbeiter, dessen Leben damit vergehe, «ein paar einfache Operationen» auszuführen, hat keinen Anlass, seinen Verstand zu betätigen». Eine solche Person werde «so dumm und unwissend, wie es für ein menschliches Geschöpf möglich ist», unfähig zu «vernünftiger Unterhaltung», unfähig, «irgendein grosszügiges, edles oder zartes Gefühl» zu empfinden, und daher schlecht gerüstet dafür, ein verantwortungsvoller Bürger zu sein. Smith vergleicht das Ergebnis sogar mit einer Art «geistiger Verstümmelung». > «Die moderne Welt der Karrieren, Qualifikationen und professionellen Identitäten ist zum Teil die gelebte Erfahrung Smith’scher Spezialisierung.» Man kann kaum vermeiden, darin ein Echo moderner Ängste vor Langeweile, Entfremdung und dem Aushöhlen des bürgerlichen Lebens zu hören. Uns wird gesagt, Technologie werde uns von Routinearbeit befreien – und doch erleben viele Menschen moderne Arbeit als Laufband aus Kennzahlen, Skripten und Überwachung. Eine Gesellschaft kann reich an Gütern und arm an Sinn sein. Smiths Beitrag ist, dass er sich weigert, das als separates moralisches Problem zu behandeln. Es ist Teil der politischen Ökonomie. Dieselben Kräfte, die Wohlstand erzeugen, können die Fähigkeiten untergraben, die ein Volk regierbar machen. Seine Antwort ist nicht, Spezialisierung abzuschaffen, sondern sie durch Institutionen, vor allem Bildung, auszugleichen, damit die Breite des Geistes und die Würde des Bürgers erhalten bleiben. ## III. Die unsichtbare Hand oder die Kunst, nicht der «Systemmensch» zu sein Kein Ausdruck aus «The Wealth of Nations» ist häufiger zitiert – und häufiger missbraucht – worden als «die unsichtbare Hand». Sie wird angerufen, um Deregulierung zu fordern, Ungleichheit zu verharmlosen und Ergebnisse zu verteidigen, die weder wettbewerblich noch gerecht sind. Und doch bleibt der Ausdruck kraftvoll, gerade weil er ein reales Phänomen benennt: Soziale Ordnung kann aus Motiven entstehen, die nicht gemeinwohlorientiert sind, und die Folgen von Handlungen unterscheiden sich oft von den Absichten. In der berühmten Passage beschreibt Smith einen Investor, der heimische Industrie dem Auslandshandel vorzieht, weitgehend aus Sicherheitsgründen. Indem er sein Kapital nahe bei sich behalten will und die höchste Rendite sucht, wird der Investor «in diesem, wie in vielen anderen Fällen, von einer unsichtbaren Hand dazu geführt, ein Ziel zu fördern, das keineswegs Teil seiner Absicht war». Smiths Punkt gilt nicht ohne Einschränkungen: Die Hand garantiert nicht, dass Eigeninteresse gut ist. Sie legt nahe, dass unter den richtigen Regeln – Gerechtigkeit, vorhersehbares Recht und wettbewerbliche Rivalität – private Ziele öffentliche Vorteile erzeugen können, ohne dass jemand sie entwerfen muss. Das ist der Keim einer modernen analytischen Gewohnheit. Ökonomen sprechen heute von Anreizen und Restriktionen, Gleichgewicht und Mechanismusdesign. Smith hatte nicht den formalen Apparat, aber er hatte den Instinkt: Beginne nicht damit, was Menschen beabsichtigen; beginne damit, welche Regeln ihr Verhalten mit dem öffentlichen Interesse kompatibel machen. Die unsichtbare Hand ist in diesem Sinn weniger eine Doktrin als ein Hinweis. Sie lehrt den Leser, nach dem System zu suchen, das aus gewöhnlichen Motiven entsteht – und aufmerksam zu werden, wo Institutionen diese Motive in Richtung Raub lenken. Sie lehrt auch Demut. Smith war skeptisch gegenüber dem «man of system» (aus «Theory of Moral Sentiments»), dem Reformer, der sich einbildet, er könne die Gesellschaft so anordnen, als wären ihre Mitglieder Schachfiguren. Die Passage wird oft gegen Technokraten ins Feld geführt, aber sie gilt auch für Marktfundamentalisten. Jemand, der glaubt, «der Markt wird es lösen», kann ebenso ein Systemmensch sein wie jemand, der glaubt, «der Staat wird es richten». Beide nehmen an, dass einem Mechanismus vertraut werden kann, jedes Problem zu handhaben. Smith dagegen fordert uns auf, den Mechanismus im Kontext zu prüfen. Hängt er von Rivalität ab? Verlangt er Informationen, die reale Menschen nicht haben? Hängt er von Tugenden ab – Ehrlichkeit, Vertrauen, Zurückhaltung –, die Institutionen vielleicht tragen und vielleicht nicht? Das führt uns zum Grund, warum die unsichtbare Hand überbeansprucht wurde. Die Wendung wurde zum Emblem automatischer Harmonie. Doch Smiths eigenes Werk untergräbt diese Lesart. Er unterscheidet sorgfältig den «natürlichen Preis» freien Wettbewerbs vom «Preis des Monopols». Der Monopolist hält den Markt «ständig unterversorgt» und verkauft «weit über dem natürlichen Preis» (was wir heute den wettbewerblichen oder Marktpreis unter Wettbewerb nennen würden). Der Monopolpreis, schreibt Smith, sei «bei jeder Gelegenheit der höchste, der erzielt werden kann», während der Preis freien Wettbewerbs «der niedrigste ist, der für eine erhebliche Zeit genommen werden kann». Das ist keine Hymne auf Märkte als solche; es ist ein Argument für Märkte als disziplinierten Prozess. Smiths «natürliche Freiheit» ist ebenso wenig die Freiheit der Mächtigen, zu tun, was sie wollen; sie ist die Freiheit «eines jeden Menschen», seinen «Fleiss und sein Kapital in Wettbewerb mit denen irgendeines anderen Menschen oder irgendeiner Ordnung von Menschen» zu bringen, solange er nicht die Gesetze der Gerechtigkeit verletzt. Wettbewerb ist keine spirituelle Eigenschaft von Märkten. Er ist eine politische und rechtliche Errungenschaft, die gegen diejenigen geschützt werden muss, die Sicherheit der Rivalität vorziehen. Hier berührt Smiths Relevanz unsere eigenen Ängste. Die moderne Ökonomie ist reich an Koordination und arm an Bestreitbarkeit. [Plattformen werden durch Netzwerkeffekte zu natürlichen Monopolen](https://www.schweizermonat.ch/die-zerschlagung-der-digitalen-giganten-waere-ein-fehler-es-gibt-einen-kluegeren-weg/), sie nutzen Daten, um Eintrittshürden zu errichten, und Firmen kaufen Regulierung, um sich abzuschotten. Smith antizipierte den Appetit auf Monopol. Was er unterschätzte, war, wie raffiniert die Maschinerie des Monopols werden würde – wie leicht wirtschaftliche Macht und politische Macht zu einem selbstverstärkenden System verschmelzen können. Wenn das geschieht, krümmt sich die unsichtbare Hand zur Faust. ## IV.Gegen den Merkantilismus: Die alte Geschichte, die immer wieder auftaucht Smiths Feinde hatten Namen: Zünfte, privilegierte Gesellschaften, Zollmauern, «navigation acts» – und der Systemmensch, der sich einbildet, er könne eine Gesellschaft wie Figuren auf einem Schachbrett arrangieren. Das merkantile System, wie er es beschrieb, behandelte Reichtum als einen Schatz, der gehortet werden müsse, und Handel als Wettbewerb, in dem der Gewinn einer Nation der Verlust einer anderen sein müsse. Es nutzte Monopolprivileg als Hebel der Politik. Monopol, schrieb Smith, war «das einzige Triebwerk des merkantilen Systems». Es ist verlockend, das als Museumsexponat zu lesen. Doch der merkantile Impuls ist nicht tot; er wechselt nur die Kostüme. Er erscheint wieder, wann immer Politiker versprechen, ihr Land «wieder gross» zu machen, indem sie Handel steuern; wann immer eine heimische Industrie Schutz vor ausländischer «Unfairness» verlangt; wann immer eine Lizenzbehörde zur Zunft wird; wann immer eine Subvention zu einem politischen Anspruch wird und wann immer eine Regulierung stillschweigend genau die Firmen ausnimmt, die mächtig genug sind, sie zu schreiben. In einem Zeitalter, das von «Industriepolitik» statt von «Merkantilismus» spricht, ist die Rhetorik raffinierter, aber der politische Mechanismus kann altmodisch sein: Die Vorteile des Schutzes sind konzentriert, die Kosten verteilt – und die Begünstigten erscheinen zu Sitzungen. Die zeitgenössische Version ist oft weniger dramatisch als ein königliches Privileg und gerade deshalb leichter zu übersehen. Sie kann eine Zeile in einem tausendseitigen Gesetz sein, die eine Compliance-Schwelle genau so hoch festlegt, dass nur die Etablierten sie erfüllen können. Sie kann eine Lizenzanforderung sein, die mit Sicherheit begründet wird, aber als Eintrittsbarriere durchgesetzt wird. Sie kann eine Beschaffungsregel sein, die wie Nationalismus aussieht, aber als Absatzgarantie für einen gut vernetzten Produzenten funktioniert. Keine dieser Politiken kündigt sich als «Monopol» an. Genau darin liegt ihre Macht. Sie verwandeln Zwang in Papierarbeit und Privileg in Verfahren. Eine Art, Smiths fortdauernde Relevanz zu sehen, besteht darin, zu bemerken, wie oft zeitgenössische Argumente seine Figuren nachspielen. Die privilegierte Gesellschaft wird zur Plattform, die den Zugang zu einem Marktplatz kontrolliert. Die Zunft wird zum Lizenzregime, das Neulinge aus einem Beruf fernhält. Der «Navigation Act» wird zur Beschaffungsregel, die inländischen Anteil verlangt. Das merkantilistische Versprechen nationaler Grösse wird zur Behauptung, jeder Verlust inländischer Produktion sei ein Verlust an Souveränität. Smith sagt uns nicht, dass alle solchen Eingriffe töricht sind. Er zwingt uns jedoch, eine unbequeme Frage zu stellen: Bauen wir öffentliche Leistungsfähigkeit auf – oder verkaufen wir Privilegien? Viele Politiken hüllen sich in die Kleidung des Gemeinwohls, während sie leise Pfründe verteilen. Ein Zoll ist auch eine Subvention, nur getarnt; eine Regulierung kann eine Eintrittsbarriere sein, wenn sie teuer genug ist, um sie einzuhalten; ein Steuerprivileg kann Industriepolitik sein, wenn es gezielt genug ist, um Gewinner auszuwählen. Die Details sind entscheidend – und Smith legte viel Wert auf Details. > «Viele Politiken hüllen sich in die Kleidung des Gemeinwohls, während sie leise Pfründe verteilen.» Seine Feindseligkeit gegen Privilegien ist nicht antistaatlich; sie ist antipartikularistisch. Recht soll allgemein sein, nicht massgeschneidert; und staatliche Macht soll nicht wie ein Automat für die bestorganisierten Interessen funktionieren. Smith misstraute der Selbstdarstellung derer, die von Politik profitieren. Er glaubte, dass Händler und Hersteller in der Lage seien, ihre Interessen lautstark zu vertreten – und dass ein Staatsmann, der ihnen vertraue, oft privaten Vorteil für öffentlichen Nutzen halte. Seine Kritik bleibt eine bürgerliche Lektion: Bevor du fragst, ob eine Politik effizient ist, frag, wer sie gefordert hat. Das ist ein Grund, warum Smith, lange nach seinem Tod, zum Ahnherrn der modernen politischen Ökonomie und Public Choice wurde. Die moderne Theorie liefert Gleichungen; Smith liefert das Temperament. Er erinnert uns daran, dass Politik nicht ein neutrales Instrument ist, das darauf wartet, für das Gemeinwohl genutzt zu werden; sie ist eine umkämpfte Arena, in der organisierte Interessen um Vorteile konkurrieren. Das zu vergessen heisst, auf neue Weise zum Systemmenschen zu werden: zu jemandem, der meint, eine Politik lasse sich allein nach ihrem angegebenen Zweck bewerten, ohne darauf zu achten, wie sie genutzt werden wird. ## V. Der Staat als Architekt: Begrenzt, real und unverzichtbar Smith wird manchmal als Schutzheiliger von «Laisser-faire» oder «kein Staat» karikiert. Die Karikatur ist für Gegner und Verbündete gleichermassen bequem. In Wirklichkeit bot Smith eine anspruchsvollere und modernere Sicht des Staates: nicht als universaler Manager, sondern als institutioneller Architekt. Seine Liste staatlicher Aufgaben ist berühmt: Verteidigung, Gerechtigkeit und «öffentliche Werke und öffentliche Institutionen», die private Akteure nicht zu angemessenen Bedingungen bereitstellen. Dieses Schema ordnet noch immer zeitgenössische Debatten. Verteidigung und Gerechtigkeit sind die offensichtlichen Voraussetzungen des Handels; ohne Sicherheit und vorhersehbare Durchsetzung werden Märkte räuberisch und kurzlebig. Smiths Betonung der Verwaltung der Gerechtigkeit ist besonders relevant für jede Gesellschaft, die versucht ist, Eigentum als blosse rechtliche Fiktion zu behandeln. «Nur unter dem Schutz des zivilen Magistrats», bemerkte er, könne der Besitzer wertvollen Eigentums «eine einzige Nacht in Sicherheit schlafen». Märkte hängen vom Recht ab. Gerechtigkeit ist für Smith nicht nur ein Slogan. Sie ist die tägliche Maschinerie von Gerichten, Durchsetzung und Glaubwürdigkeit. Ein Zahlungsversprechen, ein Grundbucheintrag, ein Partnerschaftsvertrag, ein Lohnvertrag – all das ist in der Praxis eine Wette auf Institutionen. Wenn diese Institutionen korrupt, langsam oder vereinnahmt sind, wird der Markt nicht «natürlicher»; er wird persönlicher. Wirtschaftliches Leben wird zu einem Netz aus Gefallen und Schutz, und das wertvollste Gut wird die Nähe zur Macht. Smiths Beharren auf einer «exakten Verwaltung der Gerechtigkeit» ist daher kein düsteres Moralisieren; es ist das Betriebssystem der kommerziellen Gesellschaft. Das ist auch der Grund, warum der Staat für Smith unverzichtbar ist. Ein privates Schiedsgericht kann manche Streitigkeiten lösen, aber es kann nicht die Legitimität liefern, die Urteile autoritativ macht, wenn die Einsätze hoch sind. Private Sicherheitsdienste können Eigentum schützen, aber sie können das öffentliche Monopol rechtmässiger Gewalt nicht ersetzen, ohne zur rivalisierenden Souveränität zu werden. In der Praxis kann der institutionelle Architekt die Fundamente nicht auslagern und zugleich Staat bleiben. Smiths Bemerkungen über Eigentum sind auch ein nützliches Gegenmittel gegen Sentimentalität. Er merkt an, dass, wo grosser Wohlstand herrsche, grosse Ungleichheit sei, und er bietet eine genaue Beschreibung dessen, was eine zivile Verwaltung in einer solchen Welt tut: Sie sei «zur Sicherung des Eigentums» eingesetzt und daher «in Wirklichkeit» zur Verteidigung derer, die Eigentum hätten, gegen jene, die keines hätten. Die Aussage wird manchmal benutzt, um Smith für radikale Kapitalismuskritik zu rekrutieren. Besser ist es, sie als Erinnerung zu lesen, dass Handel auf einem politischen Fundament steht, das moralisch nicht ignoriert werden kann. Eine Gesellschaft, die Märkte wertschätzt und zugleich nicht über Macht sprechen will, führt einen ideologischen Zaubertrick auf. Aber Smiths Staat ist nicht nur ein Nachtwächter. Seine Überlegungen antizipieren moderne Argumente über Infrastruktur, Bildung und die Institutionen, die eine funktionierende kommerzielle Gesellschaft tragen. Manche Güter lassen sich schwer allein durch privaten Gewinn finanzieren, selbst wenn sie für Wachstum wesentlich sind. Strassen, Brücken, Häfen und die grundlegende rechtliche Architektur von Vertrag und Eigentum sind nicht glamourös, aber sie sind das Skelettsystem des Handels. Wenn sie versagen, werden Märkte nicht freier; sie werden fragiler. Smith behandelt Bildung auch als bürgerliche Investition, nicht nur als privates Konsumgut. Die Arbeitsteilung kann Reichtum erzeugen, aber sie kann auch eine Bevölkerung erzeugen, die zu verengt ist, um sich selbst zu regieren. Eine kommerzielle Gesellschaft, so Smith, braucht Bürger, die lesen, denken und Manipulation widerstehen können; sonst wird sie leichte Beute für Demagogen und für jene, die Privileg als Patriotismus verkaufen. Diese Mittelposition ist Teil des Grundes, warum Smith von mehreren politischen Traditionen beansprucht werden kann. Er ist weder ein utopischer Planer noch ein romantischer Anarchist. Er ist Realist hinsichtlich der Versuchungen der Macht – und Realist hinsichtlich der Notwendigkeit von Institutionen. Wenn sein Staat begrenzt ist, ist er zugleich unverzichtbar, weil er Aufgaben erfüllt, die Märkte brauchen, aber nicht leicht liefern können. ## VI. Smiths grosser Irrtum: Wenn Wettbewerb zu einem Wartungsproblem wird Jeder Klassiker hat einen blinden Fleck, der die Epoche des Autors verrät. Smiths tiefster Fehlschlag ist nicht, dass er das Internet oder die globale Finanzwelt nicht voraussah. Es ist, dass er nicht voraussah, wie schlecht Kapitalismus laufen kann, wenn Wettbewerb schwach ist und Macht organisiert ist. Smith sah Monopol und Kollusion klar. Er wusste, dass Kaufleute ein ruhiges Leben der Rivalität vorziehen. Er wusste, dass privilegierte Firmen den Staat nutzen würden, um sich zu schützen. Und doch konnte er – besonders durch spätere Enthusiasten – so gelesen werden, als biete er eine sich selbst erhaltende kommerzielle Ordnung: ein System, das, einmal von «Bevorzugung und Beschränkung» befreit, weitgehend von selbst laufe. Moderne Erfahrung legt etwas anderes nahe. Kommerzielle Ordnungen sind wartungsintensiv. Wettbewerb muss verteidigt werden, nicht vorausgesetzt. Das einundzwanzigste Jahrhundert bietet einen lehrreichen Katalog. Marktkonzentration kann nicht nur wegen expliziter Kartellbildung fortbestehen, sondern auch weil Skaleneffekte, Netzwerkeffekte und Datenvorteile Eintritt unplausibel machen. Politische Ökonomie kann Politik in Rentenzuteilung verwandeln statt in Regelsetzung: Subventionen, Steuerbestimmungen und regulatorische Ausnahmen werden zu einer Währung, die zwischen Firmen und Politikern getauscht wird. Finanzielle Komplexität kann die Governance überholen und einen Zyklus erzeugen, in dem private Akteure Gewinne in Boomzeiten einstreichen und Verluste in Krisen sozialisieren. Und die moralische Sprache, die Smith rehabilitierte – Eigeninteresse als Verbesserung –, kann gerinnen zu einer Rechtfertigung von Gleichgültigkeit, als wäre die Existenz einer Transaktion bereits der Beweis von Gerechtigkeit. > «Kommerzielle Ordnungen sind wartungsintensiv. Wettbewerb muss verteidigt werden, nicht vorausgesetzt.» Smiths eigenes Werk enthält Ressourcen, um diesen Ergebnissen zu widerstehen. Seine Kritik am Monopol ist unerbittlich. Sein Beharren darauf, dass Freiheit durch Gerechtigkeit begrenzt sei, weist jede Ideologie zurecht, die Macht als Nebensache behandelt. Und doch stand seine Epoche keiner Welt gegenüber, in der private Organisationen Staaten in ihrer Fähigkeit konkurrieren können, Information, Normen und Regeln zu formen. Smiths Kaufleute konnten lobbyieren; sie konnten nicht die Informationsumgebung im grossen Massstab umschreiben. Wenn es eine zeitgenössische Art gibt, Smith fortzuschreiben, dann ist es die, seine Bedingungen ernst zu nehmen: Eigentum muss sicher sein, und Macht muss bestreitbar bleiben; Recht muss vorhersehbar sein, aber auch allgemein; Märkte müssen offen sein, aber auch gegen Privilegien gewappnet sein. Die sichtbare Hand der Politik ist in dieser Sicht nicht da, um Märkte zu ersetzen, sondern um zu verhindern, dass sie von Monopolisten ersetzt werden. ## VII. Warum «The Wealth of Nations» heute lesen? Smiths fortdauernde Bedeutung liegt nicht in einem Set von Politikverschreibungen, das man wie eine Schablone anwenden könnte. Sie liegt in einer Haltung: misstrauisch gegen Privilegien, aufmerksam für unbeabsichtigte Folgen, respektvoll gegenüber dezentralem Wissen – und insistierend darauf, dass Handel von Gerechtigkeit abhängt. Diese Gewohnheiten sind nützlich, weil Politik voller Menschen ist, die begierig sind, einfache Systeme zu verkaufen, sei es «der Markt wird es lösen» oder «der Staat wird es richten», an Bürger, die zu beschäftigt sind, Fussnoten zu lesen. Das Buch bleibt auch ein Tonikum gegen moralische Verwirrung. In Momenten ökonomischer Angst neigen Gesellschaften dazu, nach Schurken zu suchen: Ausländern, Spekulanten, Zwischenhändlern, Profiteuren. Smith, der kein Freund von Monopol oder Betrug war, bestand dennoch darauf, dass vieles von dem, was wie Ausbeutung aussehe, schlicht Koordination in einer Welt von Knappheit und Unwissen sei. Menschen «fördern» die Interessen der Gesellschaft oft «wirksamer», indem sie ihr eigenes Interesse verfolgen, als wenn sie «vorgeben, für das öffentliche Gute zu handeln». Diese Zeile ist scharf genug, um noch heute zu stechen, weil sie die Romantik performativer Tugend durchsticht. Sie durchsticht auch die Romantik performativer Politik. Das Wunder der kommerziellen Gesellschaft ist, dass Fremde in grossem Massstab kooperieren können, ohne einander lieben zu müssen. Aber Smiths moralische Verteidigung des Handels ist keine Lizenz zur Selbstzufriedenheit. Sie ist ein Argument dafür, die Institutionen aufzubauen und zu pflegen, die Kooperation möglich machen. In einer Welt, in der künstliche Intelligenz Vorteile konzentrieren kann, in der globale Lieferketten über Nacht zerbrechen können und in der politische Polarisierung Politik in Beute verwandeln kann, ist Smiths zentrale Lektion zugleich demütigend und anspornend: Systeme sind nicht selbsttragend. Sie werden durch Recht, Normen und die beharrliche Arbeit von Bürgern konstruiert, begrenzt und korrigiert – von Bürgern, die sich weigern, Privilegien zu Schicksal werden zu lassen. Es ist modisch, «Kapitalismus» als eine einzige Sache zu behandeln: eine Maschine, die entweder funktioniert oder versagt, ein moralisches System, das zu preisen oder zu verdammen sei. Smiths bleibender Wert ist, dass er diese Vereinfachung verweigert. Er schreibt stattdessen über bestimmte Institutionen: Häfen und Mautstrassen, Monopole und Steuern, Gerichte und Schulen, Gewohnheiten und Anreize. Er lädt uns ein, Metaphysik gegen Diagnose einzutauschen. Das Ergebnis ist eine Art politischer Ökonomie, die seltsam zeitgenössisch wirkt: weniger wie ein Manifest und mehr wie ein Wartungshandbuch für eine Gesellschaft, die sowohl wohlhabend als auch frei sein will. Darum kann Smith Menschen über das ganze Spektrum hinweg immer noch irritieren. Er ärgert den Romantiker, der wünscht, Handel sei reine Korruption; er ärgert den Ideologen, der wünscht, Märkte seien reine Harmonie. Er besteht darauf, dass Handel eine menschliche Institution sei, fähig zu Kooperation, fähig zu Grausamkeit – und deshalb stets verwundbar für Macht. Wenn die moderne Welt uns etwas gelehrt hat, dann dies: Der schwierigste Teil einer kommerziellen Gesellschaft ist nicht, Reichtum zu erzeugen. Es ist, die Regeln allgemein zu halten, Eintritt möglich zu halten, Privileg daran zu hindern, zu Schicksal zu verhärten, und Bürger so zu bilden, dass sie bemerken, wenn es geschieht. > «Darum kann Smith Menschen über das ganze Spektrum hinweg immer noch irritieren.» «The Wealth of Nations» besteht fort, weil es sich nicht leicht kategorisieren lässt; Smith war ein komplexer, nuancierter Denker, und sowohl Anarchisten als auch Dirigisten haben Verschiedenes bewundert (und manches verachtet) im Text. Das Buch erlaubt uns nicht, Märkte als Magie zu behandeln, aber es erlaubt auch nicht, den Staat als Deus ex Machina zu behandeln. Es verlangt stattdessen die schwierigere, erwachsenere Aufgabe: zu verstehen, wie gewöhnliche Motive, die unter bestimmten Regeln wirken, eine Gesellschaft hervorbringen – manchmal wohlhabend, manchmal grausam, immer bedürftig einer klugen Prüfung. Wenn wir weiter mit Adam Smith streiten, dann weil er uns weiter bessere Fragen gibt als die, die wir stellen wollen. ### Adam Smith’s “Wealth of Nations” turns 250: Why It Still Matters URL: https://www.schweizermonat.ch/adam-smiths-wealth-of-nations-at-250-why-it-still-matters/ Last updated: 2026-03-08T12:53:48.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/adam-smiths-wohlstand-der-nationen-erschien-vor-250-jahren-fuenf-gruende-warum-es-bis-heute-wichtig-ist/). Adam Smith’s “The Wealth of Nations” was published 250 years ago. The central thesis of *The Wealth of Nations* involves both a mechanism and a means. The mechanism is the full development of the motor of prosperity and growth, which Smith called “opulence.” This wealth is access to the necessities and conveniences of life, rather than bullion or assets. Smith’s philosophy is one of joy and human flourishing. Smith called this means “the system of natural liberty.” With certain important exceptions, Smith thought that when people pursued their own interests in a system free of monopoly privilege and barriers to competition, the division of labor developed most fully. The state was tasked with managing the administration of justice, protecting the “three p’s”: Person, Property, and Promise (contract). The state was also to provide defense, build infrastructure, and expand education. In that context, nothing else needs to be done by the state beyond these tasks. The general question Smith tried to answer still vexes us today: when can a society trust decentralized exchange to coordinate production, and when should we insist that a public authority steer and direct investment and production? Smith did not provide any single answer; instead, he bequeathed a way of arguing. He defined certain core tasks for the state, and then argued for subsidiarity in all other social domains, establishing a rebuttable presumption in favor of private choice and decentralized organization. The book’s continuing importance lies in its focus on this discipline, on this habit of mind. In some ways, Smith seems quite distant from our present concerns. He never used the word “capitalism,” and called capital “stock.” He did not anticipate huge multinational corporations (though he is quite clear about decrying those he was familiar with, including the British East India Company). He did not understand what we now think of as finance, though he established the set of questions that later led Walter Bagehot to describe and explain modern credit markets. The Wealth of Nations is a portrait of commercial society in shades of grey, not purely evil but far from purely good. I have highlighted five of Smith’s central contributions, ideas that still structure how we think about capitalism, its virtues, its vices, and the political order that makes it possible. ## I. The Default Argument: Markets are the Baseline, Not an Exception Smith did not invent markets. What he did, with the quiet audacity of a moral philosopher taking on the commercial empires of his day, was to normalize them. He made the case that decentralized exchange, under the shelter of law, is not a chaotic alternative to “rational” direction; it is a form of coordination. Remove the government’s “systems of preference or restraint,” he argued, and the “obvious and simple system of natural liberty establishes itself of its own accord.” The punch line is not that government disappears. It is that the statesman should bear the burden of proof. To “superintend the industry of private people” requires a knowledge “no human wisdom or knowledge could ever be sufficient” to possess. The rhetorical framing was revolutionary. For centuries, commerce had carried a moral odor. The medieval tradition had permitted buying and selling, but with conditions and under suspicions: profit was defensible only when bounded by virtue; contracts were legitimate only when not tainted by fraud; and the loan of money was haunted by the charge of usury. In that older moral universe, the merchant could be tolerated, even respected, but rarely celebrated. What changed in the early modern period was not merely the growth of trade but the growth of an argument that made trade morally intelligible. Smith belongs to, and in part caused, the moment when a society begins to see exchange not as a vice but as social cooperation. > «The punch line is not that government disappears. It is that the statesman should bear the burden of proof.» Here, his earlier work matters. In *The Theory of Moral Sentiments*, Smith portrays the human being as an animal of sympathy, craving the approval of others, capable of self-command, and vulnerable to vanity. *The Wealth of Nations* does not discard that psychology. It relocates it. Smith does not simply declare greed good. He argues something subtler and, in practice, more radical: the ordinary motive of “betterment,” when channeled through exchange under rules of justice, can be socially productive rather than morally suspect. “It is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker,” he writes, “that we expect our dinner, but from their regard to their own interest.” The sentence is often recited as a hymn to selfishness. Read carefully, it is an observation about persuasion. A bargain is not a plea for charity; it is an appeal to another person’s reasons. “Give me that which I want, and you shall have this which you want” is “the meaning of every such offer.” This is why Smith’s default presumption lasts. When economists debate deregulation, privatization, and trade, the baseline often runs Smith’s way: competition and entry are treated as the presumptively “normal” mechanism for organizing production, and intervention must explain why it can do better. The point is not that markets always work. Smith’s market order depends on strong conditions – secure property, predictable law, and trade. But the baseline matters. It trains the eye to ask first: is there a reason this problem cannot be handled by open competition? If not, why would we replace decentralized knowledge with central discretion? Smith’s argument for decentralized coordination is easy to caricature as faith. It is better read as a theory of comparative self-correction. In his discussion of prices, he describes a world in which the market price “naturally” comes to match a “natural price,” and in which that natural price acts like a gravitational center. Markets do not always hit equilibrium, but they contain a mechanism that pushes errors toward correction, and that mechanism does not require anyone to know the entire system. Smith extends the same logic to the allocation of capital. People invest where profit is higher; if too much capital flows into one use, profit falls there and rises elsewhere, “immediately” disposing investors to alter a “faulty distribution,” “without any intervention of law.” Yet even in Smith, the presumption is conditional. He does not say “markets” in the abstract; he says “competition.” The market order depends on the ability of people to bring their “industry and capital into competition with those of any other man, or order of men.” That clause – the possibility of rivalry – does most of the work. When rivalry is blocked, the market’s self-correction fails, and the presumption should be reversed. Smith’s anti-monopoly passages are therefore not decorations on his pro-market argument; they are its spine. ## Interlude: The Engine in the Chest Smith’s most durable moral claim is easy to miss because it sounds so mild. He believes that most people, most of the time, try to improve their condition and that this desire is not a mere vice, but a remarkably reliable engine of progress. The “uniform, constant, and uninterrupted effort of every man to better his condition,” he writes, is the principle from which both “public and national” as well as “private opulence” is derived. He adds an almost startling confidence: this effort is “frequently powerful enough to maintain the natural progress of things toward improvement, in spite both of the extravagance of government, and of the greatest errors of administration.” This is not a romantic claim about human goodness. It is a claim about human persistence. People learn, save, experiment, and bargain; they look for slightly better wages, slightly better tools, and slightly better deals. The result is not a linear ascent, but a tendency, one that can be interrupted by war, predation, and privilege, but also one that can survive a remarkable amount of folly. This betterment motive also explains why Smith is so attentive to institutions. If people are constantly trying to improve their situation, then the rules that govern improvement matter intensely. A society can channel that motive toward productive activity, new products, new skills, new arrangements, or it can channel it toward destructive activity, fraud, predation, and political privilege. Smith’s book is, in part, a guide to designing the former and resisting the latter. Smith’s betterment motive is also a theory about time. Much of The Wealth of Nations is concerned with how a society takes tomorrow seriously: saving, accumulating “stock,” and investing in improvements whose payoff is delayed. When people expect that contracts will be enforced and property will not be plundered, they can afford to plan; when they do not, they consume in the present and hide what they can. In that sense, Smith’s political economy is a theory of trust made material. Institutions that protect expectations turn prudence into productivity. This helps explain why Smith’s optimism is always paired with his caution. The betterment motive is resilient, but it is not indestructible. It can be diverted. A society can teach its most ambitious citizens that the best route to improvement is not invention but influence; not serving customers but capturing regulators; not competing but excluding. Smith’s animating fear is that privilege will turn the energy of betterment into a race for favors. That is why he returns, again and again, to the need for general rules that keep improvement aligned with production rather than predation. > « A society can teach its most ambitious citizens that the best route to improvement is not invention but influence; not serving customers but capturing regulators; not competing but excluding.» ## II. The Pin Factory’s Afterlife: Specialization as the Engine of Wealth If The Wealth of Nations has a single scene that refuses to die, it is the pin factory. Smith’s “trifling manufacture” has been summarized, parodied, and turned into a classroom ritual. It survives because it captures, in miniature, the central miracle of modern prosperity: ordinary tasks, properly arranged, can yield extraordinary output. Smith’s claim was stark. “The greatest improvement in the productive powers of labour,” he wrote, “seem to have been the effects of the division of labour.” The mechanism is not mystical. It is a sequence of small, compounding advantages: dexterity increases when a worker repeats one task; time is saved when hands do not constantly switch; and focused attention generates inventions – often from people no one would think of as inventors. In Smith’s story, a boy ties a string to a valve so he can leave his post and play. The improvement is not planned by a committee; it is discovered by someone trying to save his own effort. Two and a half centuries later, the pin factory is everywhere. It is in the choreography of an operating room, where a surgeon’s skill depends on anesthesiologists, nurses, sterilization protocols, and instrument makers. It is in the assembly of a smartphone, which requires rare earths, glass chemistry, software engineering, and logistics in a chain so long that no single mind can grasp it. It is in the “boring” infrastructure of modern life, the standardized shipping container, the barcode, the credit-card network that allows specialized effort to travel across the planet. What we now call “the knowledge economy” is, in many ways, Smith’s argument by other means. A mathematician trains for years to solve a narrow class of problems; a lawyer specializes in one kind of contract; an engineer becomes expert in one layer of a technical stack. Even artificial intelligence, which is often described as a general-purpose technology, is produced by an assembly line of specialists: data curators, model architects, chip designers, safety researchers, product managers. Smith’s insight is that opulence emerges not from a heroic planner but from a system that makes it worthwhile for thousands of people to deepen their narrow, particular competence in partial tasks and then connect those tasks through exchange. Smith noted that specialization is limited by the “extent of the market.” A porter can find employment only in a great town, because specialization requires enough demand to sustain a narrow role. This sounds quaint until you notice that the internet has become the greatest town in human history. It is a market without walls, where even an obscure specialization can find a paying audience. The gig economy is a modern version of the porter: labor becomes modular, task-based, and geographically unbound. The same logic fuels the rise of niche expertise, global freelancing, and the strange phenomenon of people earning a living by doing something that would have been considered a hobby a generation earlier. The Smithian story of division of labour is often told as pure uplift: more specialization means more productivity, which means higher living standards. Smith did make that connection. Division of labour, he wrote, produces a “universal opulence which extends itself to the lowest ranks of the people.” The point is democratic: modern comfort is not a trophy of kings but a cumulative product of many ordinary hands. But Smith also saw the darker side. The modern world of careers, credentials, and professional identities is, in part, the lived experience of Smithian specialization. That includes its psychological costs. Specialization narrows attention; it can also narrow the person. Smith’s most alarming passage about the division of labour appears not in his discussion of pins but in his discussion of education. The worker whose life is spent performing “a few simple operations,” he writes, “has no occasion to exert his understanding.” Smith even likens the result to a kind of “mental mutilation.” > «The modern world of careers, credentials, and professional identities is, in part, the lived experience of Smithian specialization.» It is hard not to hear an echo of this in modern anxieties about boredom, alienation, and the hollowing out of civic life. We are told that technology will free us from routine work, yet many people experience modern labor as a treadmill of metrics, scripts, and surveillance. A society can be rich in goods and poor in meaning. Smith’s contribution is that he refuses to treat this as a separate moral problem. It is part of political economy. The same forces that create prosperity can erode the capacities that make a people governable. His answer is not to abolish specialization but to counterbalance it with institutions, above all education, that preserve the mind’s breadth and the citizen’s dignity. ### III. The Invisible Hand, or the Art of Not Being the “Man of System” No phrase from The Wealth of Nations has been more quoted and more abused than “the invisible hand.” It is invoked to bless deregulation, to dismiss inequality, to defend outcomes that are neither competitive nor just. And yet the phrase remains powerful, precisely because it names a real phenomenon: social order can arise from motives that are not public-spirited, and the consequences of action often differ from intentions. In the famous passage, Smith describes an investor who prefers domestic industry to foreign trade, largely for reasons of security. By trying to keep his capital close to home and by seeking the highest return, the investor “is in this, as in many other cases, led by an invisible hand to promote an end which was no part of his intention.” Under the right rules – justice, predictable law, and competitive rivalry – private aims can generate public benefits without anyone having to design them. This is the seed of a modern analytic habit. Economists now speak of incentives and constraints, equilibrium and mechanism design. Smith did not have the formal apparatus, but he had the instinct: don’t begin with what people mean to do; begin with what rules make their behavior compatible with the public interest. The invisible hand, in this sense, is less a doctrine than a prompt. It teaches the reader to look for the system that emerges from ordinary motives, and to notice where institutions turn those motives toward predation. It also teaches humility. Smith was skeptical of the “man of system” (from *Theory of Moral Sentiments*, which Smith published in 1759), the reformer who imagines he can arrange society as if its members were chess pieces. The line is often used against technocrats, but it also applies to market fundamentalists. A person who believes “the market will solve it” can be just as much a man of system as a person who believes “the state will fix it.” Both assume that one mechanism can be trusted to handle every problem. Smith, by contrast, asks us to inspect the mechanism in context. Does it rely on rivalry? Does it require information that real people do not have? Does it depend on virtues – honesty, trust, restraint – that institutions may or may not sustain? This brings us to why the invisible hand has been overused. The phrase became an emblem of automatic harmony. But Smith’s own work undermines that reading. He is careful to distinguish the “natural price” of free competition from the “price of monopoly.” The monopolist keeps the market “constantly under-stocked,” selling “much above the natural price” (which today we would call the market price under conditions of competition). The monopoly price, Smith writes, is “upon every occasion the highest which can be got,” whereas the price of free competition is “the lowest which can be taken” for any considerable time. This is not a hymn to markets as such; it is an argument for markets as a disciplined, rivalrous process. Smith’s “natural liberty,” likewise, is not the freedom of the powerful to do as they please; it is the freedom of “every man” to bring “his industry and capital into competition with those of any other man, or order of men,” so long as he does not violate the laws of justice. Competition is not a spiritual property of markets. It is a political and legal achievement that must be protected against those who would prefer safety to rivalry. Here Smith’s relevance intersects with our own anxieties. The modern economy is rich in coordination and poor in contestability. [Platforms become natural monopolies by network effects](https://www.schweizermonat.ch/we-cant-crush-big-platforms-without-destroying-their-big-social-benefits-but-theres-a-better-solution/); data advantages harden into entry barriers; firms purchase regulation as a moat; and “innovation” becomes a synonym for “locking in.” Smith anticipated the appetite for monopoly. What he underestimated was how sophisticated the machinery of monopoly would become – how easily economic power and political power could fuse into a self-reinforcing system. When that happens, the invisible hand does not so much vanish as curl into a fist. > «The modern economy is rich in coordination and poor in contestability.» ## IV. Against Mercantilism: The Old Story That Keeps Reappearing Smith’s enemies had names: guilds, chartered companies, tariff walls, navigation acts, and the “man of system” who imagines he can arrange a society like pieces on a chessboard. The mercantile system, as he described it, treated wealth as a stock of treasure to be hoarded and treated trade as a contest in which one nation’s gain must be another’s loss. It used monopoly privilege as the lever of policy. Monopoly, Smith wrote, was “the sole engine of the mercantile system.” It is tempting to read this as a museum exhibit: interesting, historically important, and safely past. Yet the mercantile impulse is not dead; it merely changes costumes. It reappears whenever politicians promise to restore greatness by managing trade, whenever a domestic industry demands protection from foreign “unfairness,” whenever a licensing board becomes a guild, whenever a subsidy becomes a political entitlement, and whenever a regulation quietly exempts the firms powerful enough to write it. In an age that talks about “industrial policy” rather than “mercantilism,” the rhetoric is more sophisticated, but the political mechanism can be old-fashioned: the benefits of protection are concentrated, the costs are dispersed, and the beneficiaries show up for meetings. The contemporary version is often less dramatic than a royal charter and therefore easier to miss. It can be a line in a thousand-page bill that defines a compliance threshold just high enough that only the incumbents can meet it. It can be a licensing requirement justified by safety but enforced as a barrier to entry. It can be a procurement rule that looks like nationalism but functions as a guarantee of sales for a well-connected producer. None of these policies announces itself as “monopoly.” That is precisely their power. They turn coercion into paperwork, and privilege into a procedure. One way to see Smith’s continuing relevance is to notice how often contemporary arguments re-enact his cast of characters. The chartered company becomes the platform that controls access to a marketplace. The guild becomes the licensing regime that keeps newcomers out of a profession. The navigation act becomes the procurement rule that requires domestic content. The mercantilist promise of national greatness becomes the claim that any loss of domestic production is a loss of sovereignty. Smith does not tell us that all such interventions are foolish. He does, however, force us to ask an uncomfortable question: are we building public capacity, or are we selling privilege? Many policies wear the clothing of the common good while doing the quiet work of rent allocation. A tariff is also a subsidy, just disguised; a regulation can be a barrier to entry, if it is expensive enough to comply with; a tax credit can be an industrial policy, if it is tailored enough to select winners. The details matter, and Smith is, above all, a writer about details. > «Many policies wear the clothing of the common good while doing the quiet work of rent allocation.» His hostility to privilege is not anti-government; it is anti-particularism. Law should be general, not tailored; privileges should be suspect; and state power should not operate as a vending machine for the best-organized interests. He distrusted the self-description of those who profit from policy. He believed that merchants and manufacturers are capable of the “clamour” of interest, and that a statesman who trusts them will often mistake private advantage for public good. His critique remains a civic lesson: before you ask whether a policy is efficient, ask who asked for it. This is one reason Smith became the ancestor of modern political economy and public choice, long after his death. The modern theory provides equations; Smith provides the temperament. He reminds us that politics is not a neutral instrument waiting to be used for public good; it is a contested arena in which organized interests compete for advantage. To forget this is to become, in a new way, the man of system: the person who imagines that a policy can be evaluated solely by its stated purpose, without attending to how it will be used. ## V. The State as Architect: Limited, Real, and Indispensable Smith is sometimes caricatured as the patron saint of “laissez faire,” or “no government.” The caricature is convenient for enemies and allies alike. In reality, Smith offered a more demanding and modern account of the state: not as universal manager, but as institutional architect. His list of sovereign duties is famous: defense, justice, and “public works and public institutions” that private actors will not provide on adequate terms. That framework still organizes contemporary debates. Defense and justice are the obvious prerequisites of commerce; without security and predictable enforcement, markets become predatory and short-lived. Smith’s emphasis on the administration of justice is especially relevant to any society tempted to treat property as a mere legal fiction. “It is only under the shelter of the civil magistrate,” he observed, that the owner of valuable property “can sleep a single night in security.” Markets depend on law. Justice, for Smith, is not merely a slogan. It is the daily machinery of courts, enforcement, and credibility. A promise to pay, a deed to land, a partnership agreement, a wage contract – all of these are, in practice, a bet on institutions. When those institutions are corrupt, slow, or captured, the market does not become more “natural”; it becomes more personal. Economic life turns into a web of favors and protection, and the most valuable asset becomes proximity to power. Smith’s insistence on an “exact administration of justice” is therefore not austere moralizing; it is the operating system of commercial society. This is also why Smith’s state is indispensable. A private arbitration service can handle some disputes, but it cannot supply the legitimacy that makes rulings authoritative when the stakes are high. Private security can protect some property, but it cannot replace a public monopoly on lawful coercion without becoming a rival sovereignty. In practice, the institutional architect cannot subcontract away the foundations and remain a state. Smith’s remarks on property are also a useful antidote to sentimentality. He notes that where there is great property there is great inequality, and he offers a hard-edged description of what civil government does in such a world: it is “instituted for the security of property,” and therefore, “in reality,” for the defense of those who have property against those who have none. The line is sometimes used to recruit Smith into radical critiques of capitalism. It is better read as a reminder that commerce sits on a political foundation that cannot be morally ignored. A society that celebrates markets while refusing to discuss power is performing an ideological magic trick. But Smith’s government is not merely a night watchman. His discussion of public works anticipates modern arguments about infrastructure, education, and the institutions that sustain a functioning commercial society. Some goods are hard to finance through private profit alone, even when they are essential to growth. Roads, bridges, ports, and the basic legal architecture of contract and property are not glamorous, but they are the skeletal system of commerce. When they fail, markets do not become freer; they become more fragile. Smith also treats education as a civic investment, not merely a private consumption good. The division of labour may generate wealth, but it can also generate a population too narrowed to govern itself. A commercial society, in Smith’s view, requires citizens who can read, reason, and resist manipulation; otherwise, it becomes easy prey for demagogues and for those who would sell privilege as patriotism. This middle position is part of why Smith remains claimable by multiple political traditions. He is neither a utopian planner nor a romantic anarchist. He is a realist about the temptations of power, and a realist about the necessity of institutions. If his government is limited, it is also indispensable, because it performs tasks that markets require but cannot easily supply. ## VI. Smith’s Big Miss: When Competition Becomes a Maintenance Problem Every classic text has a blind spot that reveals the author’s era. Smith’s deepest miss is not that he failed to foresee the internet or global finance. It is that he failed to foresee how badly capitalism can run when competition is weak and power is organized. Smith saw monopoly and collusion clearly. He knew that merchants prefer a quiet life to rivalry. He knew that privileged firms would use the state to protect themselves. Yet he could still be read –especially by later enthusiasts – as offering a self-maintaining commercial order, a system that, once freed from “preference and restraint,” would largely take care of itself. Modern experience suggests otherwise. Commercial orders are maintenance-intensive. Competition must be defended, not assumed. The twenty-first century offers an instructive catalogue. Market concentration can persist not only because of explicit cartel behavior but because scale, network effects, and data advantages make entry implausible. Political economy can turn policy into rent allocation rather than rule-setting: subsidies, tax provisions, and regulatory exceptions become a currency exchanged between firms and politicians. Financial complexity can outrun governance, creating a cycle in which private actors capture gains in boom times and socialize losses in crises. And the moral language Smith helped rehabilitate – self-interest as betterment – can curdle into a justification for indifference, as though the existence of a transaction were proof of justice. > «Commercial orders are maintenance-intensive. Competition must be defended, not assumed.» Smith’s own work contains resources for resisting these outcomes. His critique of monopoly is relentless. His insistence that liberty is bounded by justice is a rebuke to any ideology that treats power as a side issue. Yet his era did not confront a world in which private organizations could rival states in their ability to shape information, norms, and rules. Smith’s merchants could lobby; they could not rewrite the informational environment at scale. If there is a contemporary way to extend Smith, it is to take his conditions seriously: property must be secure, and power contestable; law must be predictable, but also general; markets must be open, but also policed against privilege. The visible hand of policy, in this view, is not there to replace markets but to keep them from being replaced by monopolists. ## VII. Why Read *The Wealth of Nations* Now? Smith’s continuing importance does not lie in a set of policy prescriptions that can be applied like a stencil. It lies in a posture: skeptical of privilege, alert to unintended consequences, respectful of decentralized knowledge, and insistent that commerce depends on justice. Those habits are useful because politics is full of people eager to sell simple systems – whether “the market will solve it” or “the state will fix it” – to citizens too busy to read footnotes. The book also remains a tonic for moral confusion. In moments of economic anxiety, societies tend to hunt for villains: foreigners, speculators, middlemen, profiteers. Smith, who was no friend of monopoly or fraud, nonetheless insisted that much of what looks like exploitation is simply coordination in a world of scarcity and ignorance. People “frequently” promote the interest of society “more effectually” by pursuing their own interest than when they “affected to trade for the public good.” That line is sharp enough to sting, even now, because it punctures the romance of performative virtue. It also punctures the romance of performative policy. The miracle of commercial society is that strangers can cooperate at scale without having to love one another. But Smith’s moral defense of commerce is not a license for complacency. It is an argument for building and maintaining the institutions that make cooperation possible. In a world where artificial intelligence can concentrate advantage, where global supply chains can fracture overnight, and where political polarization can turn policy into spoils, Smith’s central lesson is both humbling and energizing: systems are not self-sustaining. They are constructed, constrained, and corrected by law, norms, and the persistent work of citizens who refuse to let privilege become fate. It is fashionable to treat “capitalism” as a single thing: a machine that either works or fails, a moral system to be praised or condemned. Smith’s enduring value is that he refuses that simplification. He writes instead about particular institutions: ports and turnpikes, monopolies and taxes, courts and schools, habits and incentives. He invites us to trade metaphysics for diagnosis. The result is a kind of political economy that feels strangely contemporary: less like a manifesto and more like a maintenance manual for a society that wants to be both prosperous and free. That is why Smith can still irritate people across the spectrum. He annoys the romantic who wishes commerce were pure corruption; he annoys the ideologue who wishes markets were pure harmony. He insists that commerce is a human institution – capable of cooperation, capable of cruelty – and therefore always vulnerable to power. If the modern world has taught us anything, it is that the hardest part of a commercial society is not generating wealth. It is keeping the rules general, keeping entry possible, keeping privilege from hardening into fate, and keeping citizens educated enough to notice when it does. The *Wealth of Nations* endures because it is not easily categorized; Smith was a complex, nuanced thinker, and both anarchists and dirigistes have found a variety of things to admire (and some to scorn!) in the text. The book does not let us treat markets as magic, but neither does it allow government as *deus ex machina*. It asks instead for the harder, more adult task: to understand how ordinary motives, operating under particular rules, produce a society – sometimes prosperous, sometimes cruel, always in need of prudent assessment. If we keep arguing with Adam Smith, it is because he keeps giving us better questions than the ones we want to ask. ### Die Abstimmung ist vorbei – die Service-Public-Debatte hat erst begonnen URL: https://www.schweizermonat.ch/schweizer-monat-live-analyse-des-abstimmungssonntags/ Last updated: 2026-08-06T15:02:58.000Z _No content available._ ### Den Staat fesseln, nicht die Bürger URL: https://www.schweizermonat.ch/den-staat-fesseln-nicht-die-buerger/ Last updated: 2026-03-06T23:58:28.000Z Die grössten Verbrechen der Menschheitsgeschichte wurden stets von Staaten begangen. Deshalb müssen die Bürger vor dem Staat geschützt werden. Demokratien ermöglichen einen solchen Schutz an den Wahlurnen. Die Bürger können ihre Regierung wählen und sie auch wieder abwählen, wenn sie sich übergriffig verhält. Allerdings werden Politiker nicht gerne abgewählt. Politiker wollen mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele ihrer Bedürfnisse erfüllen. In dieser Hinsicht unterscheiden sie sich nicht von anderen Menschen, und das darf ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Dass Politiker eigene Interessen haben, ist nicht problematisch, solange diese nicht den Interessen ihrer Wählerschaft widersprechen. Ein Politiker kann sich beispielsweise zum eigenen Vorteil gegen die Zersiedelung der Landschaft einsetzen, weil er ein Haus am Waldrand mit schöner Aussicht besitzt. Wenn seine Wählerschaft den gleichen Wunsch hat, kann sich dieser Politiker glaubwürdig für seine Wähler einsetzen. Problematisch wird es, wenn ein Politiker aufgrund seines Versprechens, sich für mehr günstigen Wohnraum einzusetzen, gewählt worden ist und später ein Wohnprojekt verhindert, weil dieses auf einer Parzelle in seiner Nachbarschaft umgesetzt werden soll. Schlechte Politik hat Folgen. Sie führt dazu, dass der Wohlstand der Gesellschaft langsamer wächst als möglich – oder im ungünstigen Fall sogar sinkt. In einer idealen Demokratie bestrafen die Wähler schlechte Politik, indem sie die verantwortlichen Politiker abwählen. Politiker versuchen das zu verhindern, indem sie Wähler mit Wahlgeschenken und Subventionen an sich binden. Wahlgeschenke und Subventionen sind jedoch teuer. Alle wissen im Grunde, dass die Staatsausgaben durch (Steuer-)Einnahmen finanziert werden müssen. Deshalb sind alle gegen Wahlgeschenke – ausser jenen, die davon profitieren. Um die Steuern nicht erhöhen zu müssen, haben sich die Politiker einen weiteren Trick einfallen lassen: Sie finanzieren solche Manöver über Schulden. Auf diese Weise hoffen sie, die Kosten beliebig weit in die Zukunft verschieben zu können. **Fesseln für Politiker** Subventionen und vor allem Wahlgeschenke sind ein Zeichen schlechter Politik. Gute Politiker benötigen keine Wahlgeschenke, um wiedergewählt zu werden. Schlechte Politiker sind darauf angewiesen, um trotz ihrer schlechten Arbeit im Amt zu bleiben. Schlechte Politik führt auch zu schwächerem Wirtschaftswachstum und damit zu tieferen Steuereinnahmen. Das wiederum hat zur Folge, dass die staatlichen Leistungen immer mehr durch Schulden finanziert werden müssen. Steigende Staatsschulden sind somit ein starker Indikator für schlechte Politik. In einigen Ländern, darunter die Schweiz, hat die Bevölkerung gelernt, dass sie den Politikern Fesseln anlegen muss, um sich vor den Folgen schlechter Politik zu schützen. Eine effektive Schuldenbremse ist dafür das beste Mittel. In der Schweizer Bevölkerung ist die Schuldenbremse ungeheuer populär. Sie wurde 2001 mit einer Zustimmung von 84,7 Prozent angenommen. Bei Politikern ist die Schuldenbremse hingegen unbeliebt und wird auf unterschiedliche Weise untergraben. > «Steigende Staatsschulden sind ein starker Indikator für schlechte Politik.» Bei Wahlgeschenken ist offensichtlich, dass sie schlecht sind. Bei Subventionen ist die Einschätzung weniger eindeutig. In gewissen Fällen lassen sich mit Subventionen Marktversagen ausgleichen und Schlüssel- oder Zukunftsindustrien fördern. Subventionen haben allerdings auch etliche Nachteile. Sie sind mit hohen Kosten verbunden und können zu Fehlanreizen führen. Vor allem bieten sie ein Einfallstor für politischen Klientelismus. Mit ihrer Hilfe können Politiker ihre Wählerschaft an sich binden. Damit sind nicht mehr die Politiker abhängig von ihren Wählern, sondern umgekehrt die Wähler von ihren Politikern. Die Wähler können ihre Politiker nicht mehr einfach abwählen, weil sie sonst ihre Subventionen verlieren können. **Grösserer Staat, mehr Korruption** Politischer Klientelismus ist eine Form von Korruption, die wenig beachtet wird. Er liegt vor, wenn politische Akteure Gefälligkeiten und Dienstleistungen gewähren und dafür politische Unterstützung und Loyalität beanspruchen. Mit anderen Worten: Mit Subventionen kaufen die Politiker ihre Wählerschaft. Heimtückisch an der Korruption ist, dass korruptes Handeln den beteiligten Parteien unmittelbar nützt. Deshalb hat jede Person im Staatsapparat und jeder wirtschaftliche Akteur, der in irgendeiner Form mit dem Staat zu tun hat, einen Anreiz für korruptes Handeln. Aber niemand hat einen Anreiz, sich gegen Bestechung zu engagieren. Die Bekämpfung von Korruption ist daher ein öffentliches Gut. Allen ist klar, dass Korruption schlecht ist, aber niemand fühlt sich verantwortlich, die Beteiligten einer korrupten Handlung zur Rechenschaft zu ziehen. Weil Korruption ein heimtückisches Problem ist, ist es wichtig, präventive Massnahmen zu ergreifen. Ein wichtiges Instrument ist eine Kultur der Integrität, die korruptes Handeln moralisch aufs Schärfste verurteilt. Neben der politischen Kultur gegen Korruption gibt es eine weitere, weniger offensichtliche Massnahme. Diese besteht darin, die Angriffsfläche des Staats für Korruption zu verkleinern. Was heisst das? Je grösser der Staat ist, das heisst, je mehr Personen beim Staat beschäftigt sind, desto grösser ist seine Angriffsfläche für Korruption. Der Grund ist einfach: Mit der Anzahl der Beschäftigten wächst die Wahrscheinlichkeit, dass eine dieser Personen nicht integer ist, sondern anfällig für korrupte Handlungen. Dazu kommt, dass auch die staatlichen Honigtöpfe wachsen, je grösser der Staat ist. Das macht es für Unternehmen, die zu korrupten Handlungen bereit sind, verlockender, solche Mittel einzusetzen. Bei gleichbleibendem Risiko, aufgedeckt zu werden, wachsen die Gewinnchancen. Auch mit der Regulierungsdichte wächst die staatliche Angriffsfläche für Korruption. Je mehr der Staat reguliert, desto mehr muss kontrolliert werden, dass diese Regeln eingehalten werden. An diesen Kontrollstellen arbeiten und urteilen Menschen, die potentiell bestechlich sind. Deshalb ist auch Deregulierung ein Mittel zur Korruptionsbekämpfung. **Schutz durch Demokratie** Der Staat ist mächtig. Wenn er einen guten Ordnungsrahmen sicherstellt, kann er viel Wohlstand ermöglichen. Ein übergriffiger Staat kann aber auch viel Unheil anrichten. Die Demokratie schützt die Bevölkerung vor dem Staat, weil das politische Personal von der Bevölkerung gewählt wird und auch wieder abgewählt werden kann. Politiker wollen nicht abgewählt werden. Deshalb lieben sie Strukturen, die politisches Versagen verschleiern. In solchen intransparenten Strukturen, die parallel zu den demokratischen Institutionen existieren, gedeiht Korruption. Jeder unnötige Beamte vergrössert das Potenzial für Korruption. Gleichzeitig erhöht er die Kosten des Staats. Der Ruf nach einem schlanken und fitten Staat entspringt daher dem Wunsch, die Demokratie zu schützen. > «Politiker wollen nicht abgewählt werden. Deshalb lieben sie Strukturen, die politisches Versagen verschleiern.» Die Schuldenbremse ist das geeignete Mittel zu diesem Zweck. Sie sorgt dafür, dass der Staatsapparat eine vertretbare Grösse behält und dass politische Fehlentscheide transparent werden. Sie darf keineswegs gelockert, sondern sollte im Gegenteil gestärkt und ausgebaut werden. ### SP und Islam: Fesseln im Namen der Emanzipation? URL: https://www.schweizermonat.ch/sp-und-islam-fesseln-im-namen-der-emanzipation/ Last updated: 2026-03-04T14:38:30.000Z Vergangenen Samstag hat die SP Schweiz an ihrem Parteitag in Biel das Kopftuchverbot für Lehrerinnen in ihrem Positionspapier wieder gestrichen. 2010 hatte sie noch festgehalten: «Die von vielen Musliminnen und Muslimen befürwortete Pflicht der Frau, ein Kopftuch zu tragen, ist aus Sicht der SP frauenfeindlich und entspricht nicht (mehr) unseren Wertvorstellungen.» Ein Kniefall vor identitätspolitischem Druck, der die eigenen Grundwerte der Laizität und Geschlechtergleichstellung verrät. SP Politiker wie Nationalrat Benoît Gaillard (VD) wehrten sich vergeblich – die emotionale Dynamik des Parteitags überrollte die sachliche Argumentation. Doch bevor wir die Widersprüche dieser Entscheidung sezieren, müssen wir klären: Was genau wird hier normalisiert? ## Hijab ist nicht «Kopftuch» Die deutsche Übersetzung «Kopftuch» für «Hijab» ist nicht völlig falsch, aber verharmlosend. Sie neutralisiert die ideologische Aufladung und entzieht dem Begriff seine Bedeutung. Auf Arabisch bedeutet «Hijab» wörtlich: verschleiern, verbergen, kaschieren – oder verbieten. Die Wurzel «h-j-b» trägt die Konnotation einer Barriere, einer Trennung zwischen dem, was gesehen werden darf, und dem, was verborgen bleiben muss. Es geht nicht um ein Stück Stoff. Es geht um die Pflicht, die Haare der Frau vor Männern zu kaschieren – ausschliesslich vor Männern. Eine Frau, die den Hijab trägt, verhüllt sich nicht überall. Unter Frauen besteht keine Pflicht, die Haare zu bedecken. Der Hijab richtet sich spezifisch gegen die Sichtbarkeit der Frau im Beisein von biologischen Männern (In der Anwesenheit eines Transmannes wäre das kein Problem; für eine Transfrau ist es jedoch ein islamischer Imperativ, die Haare zu kaschieren.) Er kodifiziert die Vorstellung, dass weibliches Haar eine sexuelle Provokation darstellt – reguliert nicht durch den Mann, der seinen Blick kontrolliert, sondern durch die Frau, die sich entzieht. ## Die Sexualisierung des öffentlichen Raums Das Kopftuch ist nicht neutral – es markiert den weiblichen Körper als Gefahrenzone. Es transportiert die Prämisse, dass weibliche Physis das männliche Begehren entfesseln könnte, und verschiebt die Verantwortung für Triebkontrolle einseitig auf die Frau: Während der Mann als unmarkiertes Subjekt agiert, wird die Frau zur Hüterin der kollektiven Moral. Paradoxerweise führt der Versuch der «Entsexualisierung» zu einer Hypersexualisierung des Verborgenen. Der Körper wird zum Objekt, dessen Sichtbarkeit reglementiert werden muss – «öffentliches Eigentum» männlicher Deutungshoheit. > «Paradoxerweise führt der Versuch der ‹Entsexualisierung› zu einer Hypersexualisierung des Verborgenen.» ## Die neoliberale Falle des «Choice-Feminismus» Gegen diese Kritik wird im westlichen Diskurs meist das Konzept der individuellen Autonomie ins Feld geführt. Der sogenannte «Choice-Feminismus» postuliert, jede Handlung einer Frau sei emanzipatorisch, solange sie das Ergebnis einer freien Wahl sei. Diese Denkfigur ist tief in einer neoliberalen Ideologie verwurzelt. Der Fehler liegt in der Annahme, Entscheidungen fänden in einem gesellschaftlichen Vakuum statt. Der Choice-Feminismus entpolitisiert strukturelle Ungleichheit, indem er sie privatisiert. Wenn die Unterwerfung unter patriarchale Normen, sei es durch Schönheitsindustrie, Pornografie oder religiöse Verschleierung, zur reinen «Lifestyle-Entscheidung» subjektiv umgedeutet wird, entzieht sie sich jeder Kritik. Dabei wird übersehen, dass «Freiwilligkeit» innerhalb eines Systems, das Konformität mit göttlichem Wohlwollen und Abweichung sanktioniert, eine relative Grösse ist. Wer die individuelle Entscheidung über die strukturelle Bedeutung stellt, ignoriert, dass individuelle Handlungen kollektive Konsequenzen haben. Eine Frau, die das Kopftuch als Freiheit zelebriert, reproduziert objektiv ein Symbol der Unfreiheit. Die Kritik muss aber systemisch bleiben – gerichtet ausschliesslich gegen eine Ideologie, die Ungleichheit sakralisiert. Solange die SP meint, die Normalisierung dieses Symbols im Bildungsraum sei Fortschritt, hat sie nicht begriffen, was Feminismus bedeutet: die Überwindung von Herrschaftsstrukturen, nicht deren Aneignung. Die Freiheit besteht nicht in der Wahl der Fessel, sondern in deren Abwesenheit. ### Angriff auf den Iran: Befreiungsschlag oder neuer Flächenbrand? URL: https://www.schweizermonat.ch/angriff-auf-den-iran-befreiungsschlag-oder-neuer-flaechenbrand/ Last updated: 2026-08-10T09:47:59.000Z _No content available._ ### Gierige Wohltäter URL: https://www.schweizermonat.ch/gierige-wohltaeter/ Last updated: 2026-04-01T15:05:03.000Z Adam Smith gilt als einer der einflussreichsten liberalen Denker der Geschichte. Gar als «Vater des Neoliberalismus» wird der schottische Moralphilosoph und Ökonom bezeichnet. Da erstaunt es auf den ersten Blick, dass sein Bild von Unternehmern wenig schmeichelhaft war. In seinem bahnbrechenden Werk «Der Wohlstand der Nationen», veröffentlicht vor 250 Jahren, schreibt er: «Es kommt selten vor, dass Leute vom selben Gewerbe sich treffen, und sei es auch nur zur Erheiterung und Zerstreuung, dass ihr Gespräch nicht in einer Verschwörung gegen die Allgemeinheit endet oder im Aushecken eines Kniffs, um die Preise zu erhöhen.» Warum war Smith ein Vorkämpfer für die freie Marktwirtschaft, wenn er den Marktteilnehmern so schlechte Absichten unterstellte? Das entscheidende Wort hier ist *Absichten*. Denn tatsächlich mass Smith der Gut- oder Bösartigkeit menschlicher Absichten eine überraschend geringe Bedeutung bei. Erinnern wir uns an Smith’ berühmtestes Zitat: «Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse.» Aus Sicht des Konsumenten ist es irrelevant, ob der Verkäufer eines Produkts ein guter Mensch ist. Der Bäcker kann sogar ein Soziopath, der Metzger (auch im übertragenen Sinn) ein Halsabschneider sein. Sie mögen ihren Kunden zur Hölle wünschen – und verschaffen ihm doch ein Frühstück mit frischem Brot und einen währschaften Sonntagsbraten. Der unbeabsichtigte Nutzen, hervorgebracht von der Notwendigkeit, zufriedene Kunden zu haben, spielte für Smith eine entscheidende Rolle, wie der Ökonom Thomas Sowell bemerkt hat. **Verdächtig gute Absichten** So gesehen läuft das Modell der «Corporate Social Responsibility» quer zur Logik der Marktwirtschaft. Es rückt nämlich die Absicht des Produzenten ins Zentrum: Entscheidend ist in dieser Denkweise nicht, dass eine Firma ihren Kunden ein nützliches Produkt zu einem akzeptablen Preis bietet – was auch immer für Motive dahinterstehen. Entscheidend ist, dass sie die vermeintlich «richtigen» moralischen Ziele verfolgt. Einmal abgesehen davon, dass Unternehmen nicht wirklich einen eigenen Willen haben, ist der Nutzen dieses Ansatzes fraglich. Warum sollte Nestlé wissen, wie man den Klimawandel am besten bekämpft oder welcher Kaffeepreis für Kaffeebauern «fair» ist? Für faire Rahmenbedingungen hat die Politik zu sorgen (und darüber hinaus sich nicht weiter einzumischen). Alle lauthals verkündeten guten Absichten sind in erster Linie PR-Übungen und Beschäftigungsprogramme für Compliance-Spezialisten. Ich jedenfalls meide den Bäcker, der mir weismachen will, mit meinem Gipfeli würde ich zum Weltfrieden beitragen. Mir ist jener lieber, der einfach nur Geld verdienen will – und sich daher besondere Mühe gibt, mich als Konsumenten zufriedenzustellen. ### «Anti-Krieg»-Präsident Trump zieht in den Krieg URL: https://www.schweizermonat.ch/anti-krieg-praesident/ Last updated: 2026-08-10T09:47:59.000Z _No content available._ ### Der bürgerliche Staatsfeind URL: https://www.schweizermonat.ch/der-buergerliche-staatsfeind/ Last updated: 2026-03-02T18:15:21.000Z Es gibt Leute, die meinen noch immer, Anarchisten seien linke Outlaws, die lange Haare tragen und Bomben werfen. Die kennen Murray Rothbard nicht, überzeugter Kapitalist mit bürgerlich kurzgeschnittenem Haar, beseelt von einer gewaltlos friedlichen Welt und Anarchist in einer Konsequenz, wie sie nur selten anzutreffen ist, jedenfalls nicht bei Linken. Murray Rothbard wurde vor 100 Jahren, am 2\. März 1926, in New York geboren, als Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen. An der Columbia University studierte er Mathematik sowie Volkswirtschaft und lehrte später selbst an Universitäten in New York und während vieler Jahre in Nevada. Er verstarb 1995 und hinterliess ein umfangreiches wissenschaftliches Werk von erstaunlicher fachlicher Breite, wissenschaftlicher Innovation und politischer Brisanz. **Eigentumsrechte als Schlüssel zur Anarchie** Ausgehend von klassisch liberalen Ansätzen der Österreichischen Schule, entwickelt Rothbard schon bald einen Ansatz, der den Staat nicht nur zurückdämmen und einschränken soll, sondern ihm insgesamt jede Legitimität abspricht. Obwohl von der Ausbildung her Ökonom und von daher vertraut mit schädlichen Effekten staatlicher Wirtschaftsintervention, gründet Rothbards Ansatz vor allem in Kernelementen des Rechts, konkret in naturrechtlich hergeleiteten Eigentumsrechten des Individuums. Von der Respektierung dieser Grundrechte hängt ab, ob eine Gesellschaftsform legitim ist oder nicht. Legitim ist sie dann, wenn sie den Eigentumsrechten der einzelnen Menschen an ihrem eigenen Körper und davon ausgehend an dem, was sie erarbeiten oder mit dem Erarbeiteten erwerben, grundsätzlich Vorrang gibt. Beim Staat, so Rothbard, ist dies nicht der Fall, und zwar nicht bloss als Unzulänglichkeit, wie sie auch bei anderen starken und machtbewussten Akteuren festzustellen ist, sondern definitionsgemäss. Der Staat zeichnet sich dadurch aus, dass es bei ihm im Gegensatz zu allen anderen Akteuren nicht illegal ist, in die Grundrechte der Menschen einzugreifen; er darf sie besteuern, er darf sie zum Dienst am Gemeinwesen zwingen und darf ihnen verbieten, sich selbst zu verteidigen. Dem stellt Rothbard konsequenterweise eine Gesellschaft ohne Staat – Anarchie eben – gegenüber. In einem kurzen, schnörkellos formulierten Aufsatz «Society without a State» aus dem Jahr 1975 liest sich das so: *«Ich definiere eine anarchistische Gesellschaft als eine Gesellschaft, in der es keine legale Möglichkeit gibt, aggressiven Zwang gegen die Person oder das Eigentum von Individuen auszuüben. Anarchisten lehnen den Staat ab, weil sein Wesen genau in solch aggressivem Zwang liegt, namentlich in der Enteignung von Privateigentum durch Besteuerung, dem zwangsweisen Ausschluss anderer Anbieter von Verteidigungsdienstleistungen aus seinem Territorium oder all den anderen Übergriffen und Zwangsmassnahmen, die auf den beiden Schwerpunkten der Verletzung individueller Rechte – Person und Eigentum – beruhen.»* **Stabsübergabe vom Liberalismus zum Libertarismus** Bestimmenden Einfluss auf Rothbard hatte Ludwig von Mises, der wohl profilierteste Vertreter jener frühen Phase der österreichischen Nationalökonomie. Von jüdischer Abstammung auch er, wanderte er 1940 in die USA aus, wo der noch junge Rothbard schon bald zu seinem engsten wissenschaftlichen Partner wurde. Von Mises hatte sich selbst nie explizit für Anarchismus ausgesprochen, kam diesem aber inhaltlich durchaus nahe: Er hatte nur deshalb gezögert, dem einzelnen Bürger ein freies Sezessionsrecht aus dem Staatsverband zuzubilligen, weil dies aus verwaltungstechnischen Gründen nicht möglich sei. Es war dann Rothbard, der genau diese Verwaltungstechnik und viele andere staatliche Selbstverständlichkeiten als illegitime Verletzung fundamentaler Eigentumsrechte erkannte. Dieses Zusammenwirken zwischen von Mises und Rothbard war so etwas wie eine Stabsübergabe von klassischem Liberalismus zu anarchistischem «Libertarismus» – Letzteres übrigens ein Begriff, der in jener Zeit in den USA aufkam zur Abgrenzung gegenüber «Liberals», einem Sammellabel, mit dem sich nicht zuletzt auch kollektivistische Linke schmückten. Und weil auch das Label «Anarchismus» von gewissen linken Kreisen beansprucht wurde, und dies in aller Regel zu Unrecht, legte Rothbard von Anfang an Wert darauf, den von ihm vertretenen Anarchismus «kapitalistisch» zu nennen. Der Rothbard’sche Anarchokapitalismus war kein Strohfeuer, das nach seinem Tod wieder erloschen wäre. Einen Flächenbrand hat er zwar auch noch nicht ausgelöst, doch das Feuer brennt nach wie vor, seit Corona wieder mehr als auch schon. Hans Hermann Hoppe, ein Schüler Rothbards, hat dessen Ansätze weiterentwickelt, in einiger Hinsicht noch geschärft und vertritt sie seither ebenso streitbar und fundiert, wie sein Lehrer dies getan hatte. Auch dank anderen Interessierten, Gruppierungen, Organisationen und Konferenzen erfreut sich der Rothbard’sche Anarchokapitalismus mehr als 30 Jahre nach Rothbards Tod einer bemerkenswerten Bekanntheit und mitunter begeisterter Anhängerschaft jenseits und diesseits des Atlantiks. > «Der Rothbard’sche Anarchokapitalismus war kein Strohfeuer, das nach seinem Tod wieder erloschen wäre. Einen Flächenbrand hat er zwar auch noch nicht ausgelöst, doch das Feuer brennt nach wie vor.» **Inspiration für Milei** Ins globale Rampenlicht rückte Rothbard jüngst im Zuge von Javier Mileis Aufstieg zum Staatspräsidenten Argentiniens. Milei schwang nicht nur handfest seine Kettensäge, sondern focht auch mit ökonomischen Argumenten, für die er sich auf von Mises, Rothbard und Hoppe bezog. Einem seiner Hunde gab er den Namen Murray. Das ist womöglich zu anekdotisch, um der Ernsthaftigkeit Rothbards gerecht zu werden. Nicht zuletzt deshalb ist es in anarcholibertären Kreisen zur Kontroverse gekommen, ob sich Rothbard, würde er noch leben, über das Programm Mileis ärgern oder freuen würde. Es ist wohl noch zu früh für eine abschliessende Beurteilung. Doch eines ist sicher: Lässt sich Milei bei seiner Arbeit von dem leiten, was Murray Rothbard ihm raten würde, so darf sich Argentinien freuen. ### Ausgabe 1121 – März 2026 URL: https://www.schweizermonat.ch/issue/ausgabe-q-1121-maerz-2026/ Last updated: 2026-05-19T09:52:15.000Z _No content available._ ### Sonderpublikation 53 – März 2026 URL: https://www.schweizermonat.ch/issue/sonderpublikation-53-maerz-2026/ Last updated: 2026-05-19T11:39:39.000Z _No content available._ ### Chinas Innovationsmacht stellt Europa vor ein strategisches Dilemma URL: https://www.schweizermonat.ch/chinas-innovationsmacht-stellt-europa-vor-ein-strategisches-dilemma/ Last updated: 2026-02-28T19:02:25.000Z China ist in erstaunlich kurzer Zeit vom Technologiekopierer zum globalen Innovationszentrum aufgestiegen. Künstliche Intelligenz, Telekommunikation, Elektromobilität, Batterien, erneuerbare Energien, digitale Plattformen, Raumfahrt oder Quantencomputer – China ist nicht mehr Nachzügler, sondern Taktgeber. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Und sie ist kein blosses Nebenprodukt wirtschaftlicher Dynamik, sondern das Ergebnis eines gezielt aufgebauten Innovations- und Technologiesystems, das wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, staatliche Steuerung und geopolitische Zielsetzungen systematisch miteinander verbindet. Stand heute gehört China in mehreren Schlüsseltechnologien zur Weltspitze. Bei Anwendungen der KI – etwa in Sprachverarbeitung, Bildanalyse, Gesichtserkennung oder «Smart Cities» – ist das Land mindestens gleichauf mit den USA, teilweise voraus. Im Mobilfunk dominieren Huawei und ZTE den globalen 5G-Ausbau und arbeiten bereits an 6G-Prototypen. In der Elektromobilität und bei Batterien ist China Weltmarktführer: Über 60 Prozent aller Elektrofahrzeuge werden dort produziert, dazu ein Grossteil der Batteriezellen. Ähnlich dominant ist China bei Solarmodulen und Windkraftanlagen. Auch in strategisch sensiblen Bereichen wie Raumfahrt, Supercomputing und Biotechnologie hat das Land enorme Fortschritte erzielt. Vieles deutet darauf hin, dass weitere Durchbrüche folgen werden – etwa bei Halbleitern, grünem Wasserstoff oder militärisch relevanten Dual-Use-Technologien. Im Pharmabereich dürfte China in wenigen Jahren ein substanzieller Konkurrent westlicher Konzerne werden. China zeigt: Innovation ist nicht nur eine Frage von Freiheit und Kreativität. Sie ist auch eine Frage von Organisation, Skalierung und politischer Prioritätensetzung. ## Private Lokomotive unter staatlicher Lenkung Chinas Innovationskraft beruht nicht auf einem Entweder-oder zwischen Staat und Markt, sondern auf einem gezielt austarierten Zusammenspiel beider Kräfte. Der Staat setzt Richtung, Tempo und strategische Ziele. Private Unternehmen liefern Geschwindigkeit, Risikobereitschaft und technologische Tiefe. Staatseigene Unternehmen dominieren kapitalintensive Schlüsselbereiche wie Energie, Verkehr, Telekommunikation oder Schwerindustrie. Sie bauen eine leistungsfähige Infrastruktur, realisieren Grossprojekte und sorgen dafür, dass neue Technologien landesweit umgesetzt und standardisiert werden. > «Der Staat setzt Richtung, Tempo und strategische Ziele. Private Unternehmen liefern Geschwindigkeit, Risikobereitschaft und technologische Tiefe.» Private Grosskonzerne wie Huawei, BYD, Tencent oder Alibaba fungieren als technologische Lokomotiven. Sie investieren massiv in Forschung und Entwicklung, integrieren Start-ups, kooperieren mit Universitäten und sind international wettbewerbsfähig. Start-ups und KMU wiederum bringen Agilität, radikale Innovationen und neue Geschäftsmodelle hervor – besonders in der Digitalwirtschaft, bei KI-Anwendungen, Green Tech, Robotik oder Medizintechnik. Unterstützt werden sie durch staatlich kofinanzierte Venture-Capital-Fonds, sogenannte Government Guidance Funds, die privates Kapital gezielt in strategisch erwünschte Bahnen lenken. Eine flexible Politik der Regulierung trägt dazu bei, dass Forschung oft innerhalb von zwölf bis achtzehn Monaten in marktfähige Produkte überführt wird – ein Tempo, das westliche Länder selten erreichen. Die breite Basis der verarbeitenden Industrie und die Grösse des Marktes erlauben Skalierung im grossen Stil. ## Selektive Freiheiten in China Auf den ersten Blick scheint dieses Modell im Widerspruch zur politischen Realität Chinas zu stehen. Wie kann Innovation in einem autoritären System gedeihen, das Kontrolle über Medien, Daten und Gesellschaft ausübt? Die Antwort lautet: nicht trotz, sondern wegen dieser Steuerung. China hat ein System selektiver Freiheiten entwickelt. Wirtschaftliche und technologische Kreativität wird ausdrücklich erlaubt – solange sie politisch loyal bleibt und den strategischen Zielen des Staates dient. Innovation ist funktional zugelassen, aber ideologisch begrenzt. Unternehmen wie Huawei oder BYD gelten nicht als potentielle Gegenspieler der Partei, sondern als «patriotische Champions». Innovationszentren wie Shenzhen oder Hangzhou fungieren als kontrollierte Experimentierfelder: hohe Freiheit im Wirtschaftlichen, klare Grenzen im Politischen. Die Kontrolle erfolgt dabei weniger durch offene Repression als durch subtile Aufsicht, institutionelle Einbindung und Selbstanpassung. Parteizellen in Unternehmen, regulatorische Signale und digitale Überwachung sorgen dafür, dass Akteure wissen, wo Freiräume enden, ohne dass dies ständig ausgesprochen werden muss. Dieses Modell eines [«intelligenten Autoritarismus mit selektiven Freiheiten»](https://www.foreignaffairs.com/china/chinas-smart-authoritarianism?ref=schweizermonat.ch) hat bislang hohe Innovationsraten ermöglicht. Seit 2020 zeigt sich allerdings eine stärkere Betonung politischer Kontrolle, etwa gegenüber Tech-Konzernen oder im Bildungs- und Fintech-Sektor. Die Botschaft bleibt klar: Innovation ja – aber unter Aufsicht der Partei. ## Europa im Schatten der Skalierung Europa folgt einem grundlegend anderen Innovationsmodell. Es setzt auf offene Wissenschaft, akademische Freiheit, Wettbewerb und Normsetzung. Europa ist stark in der Grundlagenforschung, in ethischen Standards, in Regulierung und Nachhaltigkeit. Doch es ist schwach in der grossskalierten Umsetzung. Die Folge ist eine strukturelle Arbeitsteilung: Europa produziert Wissen, China produziert industrielle Wertschöpfung. Europäische Forschungsergebnisse sind offen zugänglich, chinesische Akteure nutzen sie effizient für marktfähige Produkte. Europa setzt Normen – China setzt Technologien um und verankert eigene Standards in globalen Märkten. Diese Arbeitsteilung ist kurzfristig effizient, langfristig für Europa jedoch riskant. Denn Wertschöpfung, Marktpräsenz und geopolitischer Einfluss entstehen dort, wo Technologien skaliert, produziert und exportiert werden. Europa läuft Gefahr, zum Lieferanten von Wissen zu werden, während andere daraus Macht generieren. > «Europa produziert Wissen, China produziert industrielle Wertschöpfung.» ## Innovation als geopolitisches Instrument China nutzt seine Innovationsfähigkeit zunehmend bewusst für geopolitische Ziele. Digitale Infrastruktur, 5G-Netze, Cloud-Dienste und KI-Systeme werden weltweit exportiert – oft im Rahmen der «digitalen Seidenstrasse». Mehr als 70 Länder nutzen chinesische Netzinfrastruktur. Damit entstehen technologische Abhängigkeiten. KI-Technologien wie Gesichtserkennung, Überwachungssysteme, Kontrolle des Internets werden in autoritäre Regime exportiert. Sie tragen zur Verbreitung und Unterstützung eines *digitalen Autoritarismus* bei. Gleichzeitig arbeitet China daran, internationale Standards in Zukunftstechnologien zu prägen – über Initiativen wie «China Standards 2035» und gezielte Präsenz in internationalen Normungsgremien. Innovation ist für Peking kein neutrales Gut mehr, sondern ein Mittel der Machtprojektion. ## Europa ist gefordert China verfolgt dabei keine chaotische Machtpolitik, sondern eine langfristig angelegte Innovationsgeopolitik: technologische Unabhängigkeit vom Westen, Abhängigkeit anderer von chinesischer Technologie, Export des eigenen Entwicklungsmodells und eine Verschiebung globaler Normsetzungsmacht. Europas Schwäche liegt weniger im Wissen als in der politischen und finanziellen Fähigkeit, aus Wissen Macht zu generieren. Der [Draghi Report](https://commission.europa.eu/topics/competitiveness/draghi-report%5Fen?ref=schweizermonat.ch) von 2024 bestätigt, was verschiedene ältere Studien bereits festgestellt haben: Europa ist nicht schwach in der Forschung, sondern in der Umsetzung und Skalierung. Ohne eigene Skalierungs- und Durchsetzungsfähigkeit wird Europas Innovationsstärke zur Ressource anderer. Draghi schreibt sinngemäss: Europa erfindet – andere verdienen Geld. Damit hat Europa erkannt: Abhängigkeit in der Technologie bedeutet Machtasymmetrie. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob China innovativ ist – das ist entschieden. Die Frage ist, ob Europa bereit und in der Lage ist, Innovation nicht nur als wirtschaftliches oder wissenschaftliches Projekt zu begreifen, sondern als strategische Ressource zu nutzen. > «Europas Schwäche liegt weniger im Wissen als in der politischen und finanziellen Fähigkeit, aus Wissen Macht zu generieren.» Dazu entwirft der Report ein politisches Programm. Das grösste Hemmnis für europäische Innovation sind nicht die Ideen, sondern das Kapital für die Skalierung. Für eine Verbesserung der Skalierung, der Mobilisierung von mehr Wagniskapital und der schnellen Markteinführung muss die Zersplitterung des EU-Binnenmarktes überwunden, die Integration vertieft und die Kapitalmarktunion vollendet werden. Europa ist zwar stark in Nachhaltigkeitsnormen und Regulierung, aber nicht stark genug in technologischer Durchsetzungskraft. Normsetzung muss industrielle Umsetzungskraft flankieren. Regulierung soll Märkte schaffen, nicht nur Risiken begrenzen. Eine europäische Industriepolitik sollte strategische Schlüsseltechnologien priorisieren, mehr Koordination statt nationaler Alleingänge verfolgen, strategische Zukunftsprojekte gemeinsam finanzieren und regulatorische Überkomplexität abbauen. Draghi schlägt Mut zu strategischen Grossprojekten mit massiven gemeinsamen Investitionen in Schlüsselbereichen wie KI, Halbleiter oder Energie- und Klimatransformation vor – all dies kombiniert mit schnelleren Entscheidungsmechanismen. Diese Vorschläge sind nicht völlig neu. Bei der praktischen Umsetzung haperte es bisher jedoch. Europa muss entscheiden, ob es sein eigenes Modell strategischer Innovationspolitik weiterentwickeln kann, ohne seine demokratische und offene Ordnung zu gefährden. Das ist Europas eigentliche geopolitische Herausforderung. ### Auf bewegtem Grund gebaut URL: https://www.schweizermonat.ch/auf-bewegtem-grund-gebaut/ Last updated: 2026-05-15T14:39:54.000Z [http://localhost:2368/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/02/auf\_bewegtem\_grund\_gebaut.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/02/auf%5Fbewegtem%5Fgrund%5Fgebaut.mp3) *Read the english version [here](https://www.schweizermonat.ch/built-on-moving-ground/).* Hrvoje Tkalčić gehört zu jener seltenen Kategorie von Wissenschaftern, die Erdzeitalter in menschliche Massstäbe übersetzen können. In «When Worlds Quake» führt der Seismologe die Leser unter die Erdoberfläche und verbindet Wissensvermittlung mit einem persönlichen Erfahrungsbericht aus einem Leben im Dienst der Erforschung eines ruhelosen Planeten. Seine Arbeit führte ihn von Alaska bis ins australische Outback. Tkalčić zeigt, wie wir das Innere unseres Planeten zunehmend verstehen. Seismische Wellen breiten sich nach Erdbeben oder Explosionen durch die Erde aus und lassen sich mit geeigneten Instrumenten wie in einer Computertomografieaufnahme erfassen. So lassen sich sogar geheime Nukleartests aufdecken. Heute wissen wir, dass der innere Kern fest ist, während der äussere aus konvektierendem, flüssigem Eisen besteht. Dessen Bewegung erzeugt im Geodynamo das Magnetfeld, das geladene Teilchen des Sonnenwinds ablenkt und Leben ermöglicht. Dieselben Kräfte, die die Erde bewohnbar machen, sorgen dafür, dass sie niemals vollkommen sicher sein wird. Das Erdinnere bleibt in Bewegung, weil der Planet noch immer heiss ist und Wärme aus seiner Entstehung bewahrt. Sie entweicht langsam ins Vakuum, während radioaktiver Zerfall sie teilweise ersetzt. Meist bleibt die Bewegung der Erdkruste unmerklich; zuweilen macht sie sich jedoch urplötzlich und heftig bemerkbar. 1976 tötete ein nur sechzehn Sekunden dauerndes Erdbeben im chinesischen Tangshan rund 250 000 Menschen. Um Risiken besser abschätzen zu können, braucht es Seismometer, doch sie sind weltweit ungleich verteilt. Besonders in ärmeren Regionen und den Ozeanen fehlt es an ihnen. Der Mangel macht weite Teile des Globus seismisch blind und erschwert präzise Prognosen. In der Schweiz denken wir bei Naturgefahren eher an Lawinen oder Starkregen. Wo Erdbeben häufig sind, prägen sie nahezu jeden Aspekt des Lebens, von Bauvorschriften bis zum Sicherheitsgefühl. Erdbebenprognosen sind probabilistisch; moderne Gesellschaften müssen daher in ständiger Unsicherheit handeln. Mehr Seismometer liefern bessere Daten; bayessche Methoden aktualisieren Risikoschätzungen laufend. Kurzfristige seismische Vorhersagen ermöglichen Frühwarnsysteme. Sie verschaffen Sekunden an Vorlaufzeit, in denen Züge gestoppt, Gasleitungen abgeschaltet oder Menschen Schutz suchen oder Gefahrenbereiche meiden können. Langfristige Prognosen, auch bekannt als seismische Karten, fliessen in Bauvorschriften ein. Sie sorgen dafür, dass Infrastruktur dort erdbebensicher errichtet wird, wo es notwendig ist, und nicht dort, wo es überflüssig wäre. «When Worlds Quake» zeigt, wie viel zivilisatorisches Vertrauen wir in unsere heutigen probabilistischen Modelle setzen, die, sofern sie zutreffen, künftige Katastrophen im Ausmass von Tangshan verhindern können. Es zeigt, wie viele Menschenleben gerettet und Milliardenkosten vermieden werden können, wenn Prognosen zutreffen, und welche Desaster drohen, wenn sie danebenliegen. Vertrauen in die Seismologie ist nichts Abstraktes; es ist in Ingenieursnormen, öffentlichen Warnsystemen und Versicherungsprämien verankert. Stabilität ist kein natürlicher Zustand der Erde, sondern eine menschliche Leistung. Entscheidend ist die Frage, wie sehr wir unser Handeln verbessern können, indem wir unser Verständnis jener Gesetze vertiefen, die bestimmen, wie und warum die Erde sich bewegt. ### Built on Moving Ground URL: https://www.schweizermonat.ch/built-on-moving-ground/ Last updated: 2026-04-02T15:04:46.000Z *Read the german version [here](https://www.schweizermonat.ch/auf-bewegtem-grund-gebaut/).* Hrvoje Tkalčić belongs to a rare category of scientists who can translate deep time into human time. In his book “When Worlds Quake”, the seismologist takes the reader deep beneath the surface, explaining both theory and practice. The book is an introduction to the science of seismology and a personal account of what it means to dedicate one’s life to studying a restless planet. At a time when humanity is concentrating its populations in ever denser cities and building increasingly complex infrastructure, understanding the restless physics beneath our feet is a civilizational necessity. This has taken Tkalčić from seeing the Aurora Borealis in Alaska to sunny California to the red-soil fields of the Australian outback. Tkalčić describes how we have come to understand better how the interior of our planet works, leaving old superstitions behind. Fascinating facts include his description of seismic waves, which propagate through the planet after each quake and human-made explosions. These waves can be detected with the right tools like rays in a CT scan, a capability that has allowed the detection of clandestine nuclear tests. We have also learned that the Earth’s core is not uniform: the inner core is solid, while the outer core consists of convecting liquid iron. The motion of this electrically conducting fluid generates Earth’s magnetic field through a process known as the geodynamo. Extending far into space, this field forms the magnetosphere, a protective shield that deflects charged particles from the solar wind, making life on Earth possible. The same dynamics that produce earthquakes and take lives also create a shield against unbearable radiation that gives life to this planet. The very forces that make Earth habitable guarantee it will never be fully safe. Earth’s interior moves because the planet is still hot, retaining vast reserves of primordial heat from its violent formation. That energy leaks only slowly into the vacuum of space, insulated by kilometers of rock, air and vacuum while radioactive decay within the planet continuously replenishes part of what is lost. Most of the time, the constant motion in our crust is imperceptible to humans. In 1976, in Tangshan, China, that motion became perceptible in the most tragic way. An earthquake that lasted just sixteen seconds caused the death of 250 000 people. This is why it is extremely important to place seismometers that constantly monitor Earth’s movements, to understand how its interior works, predict when and how the crust will shift, and ultimately mitigate deaths. Unfortunately, seismometers are not homogeneously placed, with poorer areas and the sea being particularly underrepresented. Storms, funding constraints, and seasickness all stand in the way of placing new seismographs. This lack of seismometers limits our ability to predict precisely where the next earthquakes will occur. Without them, we remain seismically deaf to vast areas of the globe. The data from the seismographs has to be later processed to create a high-resolution map, running supercomputers for days or weeks at a time, which requires further funding. In Switzerland, we are perhaps more accustomed to thinking about avalanches or torrential downpours as natural threats. Yet where earthquakes are common, they determine almost every aspect of life: how buildings are constructed, how bridges are reinforced, how insurance premiums are calculated, how and where cities expand, and even how safe people feel in their own homes. Because earthquake forecasts are inherently probabilistic, modern societies must learn to act under conditions of permanent uncertainty. Seismology is a science of probabilities: more seismometers mean more data, and better models. Bayesian methods allow researchers to update risk estimates as new information becomes available. Short-term seismic predictions give us early-warning systems. These provide seconds of advance notice which can halt trains, shut down gas lines or allow people to seek – or avoid – cover. Each marginal second can save thousands of lives. Long-term predictions, also known as seismic maps, inform building codes. This means building infrastructure robust to earthquakes where they are needed and not building it where it is not needed. When Worlds Quake shows how much trust we deposit civilizationally in our current probabilistic models, which, if correct, can prevent future disasters on the scale of Tangshan from happening. It shows how many lives and billions of dollars can be saved if we get seismic predictions right, as well as the disasters that occur when we get them wrong. Trust in seismology is not abstract, it is embedded in engineering norms, public warning systems, and insurance prices. Stability is not Earth’s natural state but a human achievement built atop moving ground. The ground will continue to move. The question is how much we can improve our behavior by increasing our understanding of the laws governing how and why it moves. ### Wann kommt der grosse Crash endlich? URL: https://www.schweizermonat.ch/wann-kommt-der-grosse-crash-endlich/ Last updated: 2026-08-06T15:02:59.000Z _No content available._ ### Was uns «Karate Kid» übers Staubsaugen lehrt URL: https://www.schweizermonat.ch/was-uns-karate-kid-uebers-staubsaugen-lehrt/ Last updated: 2026-02-26T13:06:06.000Z Daniel LaRusso ist enttäuscht. Er hatte gehofft, dass der japanische Kampfsportveteran Kesuke Miyagi ihm Karate beibringt. Stattdessen lässt dieser ihn seine Oldtimer polieren, seinen Zaun und sein Haus streichen sowie seinen Fussboden schleifen. Da Daniel von Mitschülern gemobbt wird, will er sich verteidigen können – wie sollen ihm diese Tätigkeiten da helfen? Wenig später offenbart Miyagi dem Teenager: In den scheinbar banalen Alltagsbewegungen stecken die Grundlagen für Karate-Techniken. Der Kultfilm «Karate Kid» (1984) enthält die wichtige Botschaft, dass eine strikte Trennung zwischen Alltag und Training heikel ist. Körperliche Fertigkeiten, die keinen Bezug zur Alltagsrealität haben, sind abstrakt. Genau diese Abstraktheit ist in hochentwickelten Konsumgesellschaften der Normalfall. Die Realität sieht für viele Menschen so aus: Sie vermeiden körperliche Aktivität im Alltag und delegieren sie an technische Helferlein – nur um die daraus entstehende körperliche Unterforderung durch Training überzukompensieren. Beruf und Alltag einerseits, Sport und Fitness andererseits driften auseinander, hin zu einem scharfen Dualismus: entweder gar nichts oder alles. Ohne gleich in eine Jäger-und-Sammler-Existenz zurückzufallen, lässt sich durch ein paar simple Massnahmen gegensteuern. **Bewegungstipps für den alltäglich Gebrauch** Finger weg von *Smart Homes*! Nicht nur sind diese Einfallstore für einen übergriffigen Staat und autoritäre Überwachungskapitalisten. Sie nehmen uns auch immer mehr körperliche Arbeit ab – grobmotorische wie feinmotorische. Es summiert sich durchaus, wenn man die Storen nicht selbst hochkurbelt, das Staubsaugen an Roboter delegiert und die Küchenmaschine jede lästige Handarbeit übernimmt. Kochen Sie lieber selbst mit schweren gusseisernen Pfannen, schnippeln, kurbeln, schrubben Sie von Hand, installieren sie ein mechanisches Garagentor, das Sie eigenhändig hochdrücken und herunterziehen müssen – und so weiter. In der Summe ergeben diese Mini-Aktivitäten ein diversifiziertes Bewegungsprofil. «Treppe statt Lift» ist nicht alles! Bauen Sie kleine Trainingselemente in den Alltag ein, statt alles im Gym oder im Dojo zu erledigen. Tragen Sie etwa zu Hause ein Fitnessband oberhalb der Knie. So aktivieren Sie ganz nebenbei Ihre seitliche Hüftmuskulatur. Putzen Sie die Zähne im Einbeinstand – mit einer Hand- statt elektrischen Zahnbürste. Und wechseln Sie die Hände! Wenn Sie stabil stehen, gehen Sie einen Schritt weiter: Probieren Sie den Einbeinstand auf den Zehenspitzen. Eine tolle Übung für die kleinen, chronisch unterforderten Fussmuskelgruppen und den Gleichgewichtssinn. Bei Bedarf lassen sich einbeinige Kniebeugen integrieren. > «Finger weg von Smart Homes! Nicht nur sind diese Einfallstore für einen übergriffigen Staat und autoritäre Überwachungskapitalisten. Sie nehmen uns auch immer mehr körperliche Arbeit ab – grobmotorische wie feinmotorische.» Absolvieren Sie an der Küchenplatte Schräglage-Liegestützen, während der Tee zieht. In drei Minuten lassen sich Brust-, Schulter- und Trizepsmuskeln durchaus zum Brennen bringen. Und warum den Tee nicht mal im Wandsitz («Wall-Sits») einnehmen? Entspannung und Anspannung traut vereint! Der Wandsitz lässt sich übrigens auch bei Zugfahrten üben: einfach das Gesäss anheben und eine Weile über dem Sitz schweben. Selbst im Büro können Sie diskret isometrische Übungen einstreuen. Pressen Sie etwa die Fäuste oder die Knie von unten gegen die Tischplatte – schon sind die Muskeln unter Spannung. Klar, das fühlt sich zunächst absurd an. Aber warum nicht ein wenig Dada wagen? Als die Dadaisten ihre Kunst des Absurden entwickelten, wurden sie verspottet. Heute hängen ihre Arbeiten ganz selbstverständlich neben den alten Meistern im Museum. ### Keine Macht den korrupten Sexualstraftätern! URL: https://www.schweizermonat.ch/keine-macht-den-korrupten-sexualstraftaetern/ Last updated: 2026-08-10T09:48:00.000Z _No content available._ ### Der Grossverteiler wird zum Grossinquisitor URL: https://www.schweizermonat.ch/der-grossverteiler-wird-zum-grossinquisitor/ Last updated: 2026-04-02T11:26:13.000Z Unternehmen dürfen frei entscheiden, was sie anbieten oder mit wem sie zusammenarbeiten. Aber es ist ein gesellschaftliches Alarmzeichen, wenn Migros und Coop [einen Influencer wie Joung Gustav wirtschaftlich abstrafen wegen einer Meinungsäusserung](https://www.tiktok.com/@gustavredet/video/7607922217464171798?ref=schweizermonat.ch), die migrationskritisch ist, aber weder strafbar noch rassistisch. Zu denken gibt nicht primär die Doppelmoral einer woken Konzernwelt, die keine Angst vor Reputationsschäden oder der Verletzung ihrer «Unternehmenswerte» zeigt, wenn es um kontroverse Meinungen aus dem linken Spektrum geht. Jedenfalls hört man selten von gecancelten Influencern, Partnern oder Speakern, denen öffentlich vorgeworfen wird, sie seien antiisraelisch, proislamistisch, gegen konservative Christen oder für die operative Verstümmelung von Jugendlichen, die sich im falschen Körper fühlen. Solche «Positionen» sind offenbar kein Problem. Viel bedenklicher ist eine allgemeine Gefahr, die sich in solchen Fällen zeigt: die schleichende Einschränkung der Meinungsfreiheit durch ökonomischen Druck. Denn heute werden öffentliche Meinungsäusserungen offenbar nicht nur von einem übergriffigen Staat bedroht, sondern auch von privaten Unternehmen und NGOs, die den Raum des Sagbaren begrenzen und so den Diskurs konditionieren. Wer von grossen Marktakteuren abhängig ist, setzt mit unerwünschten Ansichten seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel und schweigt lieber. Das führt zum stillen Tod der Debatte, genauer: zur Zunahme von Scheindebatten, die keine Grundsatzkritik mehr zulassen. Ein globalisierter, gesinnungsmissionarisch auftretender Markt kann viel Macht ausüben, oft mehr als eine Regierung. Wie früher die kirchlichen Grossinquisitoren sind heute Konzerne in der Lage, Gegner des politisch Erwünschten zu bestrafen. Dieser unangenehmen Realität sollte sich eine offene Gesellschaft bewusst werden. Es gibt kein Leben nach liberalen Prinzipen ohne den Wettbewerb der Ansichten und politischen Überzeugungen. Das mag zuweilen empfindlich an den Nerven der Toleranz zerren. Doch wer das begrenzen will, im Namen eines wie auch immer gearteten moralischen Programms, ist ein Feind der Freiheit, sei es nun eine Regierung, eine politische Organisation oder ein Detailhandelskonzern. ### Wenn Linke plötzlich für tiefere Steuern sind – und Rechte dagegen URL: https://www.schweizermonat.ch/wenn-linke-ploetzlich-fuer-tiefere-steuern-sind-und-rechte-dagegen/ Last updated: 2026-08-10T09:48:00.000Z _No content available._ ### Bitcoin is civilization written in code URL: https://www.schweizermonat.ch/bitcoin-is-civilization-written-in-code/ Last updated: 2026-04-02T14:34:47.000Z *Read the german version [here](https://www.schweizermonat.ch/bitcoin-zivilisation-in-code-geschrieben/).* There are two ways to talk about Bitcoin. One revolves around ticker symbols and price gains, institutional inflows and ETF volumes. This language dominates the financial press. It is not wrong, but it misses the essence of what is actually taking place. The other way requires us to question assumptions that humanity has taken for granted for centuries: What is property? What is money? And who has the right to decide? **The Philosophy of Absolute Property** The history of property is a history of dependency. From feudal lords to modern nation-states, possession has always depended on the goodwill of a higher authority. The Roman concept of usus fructus, the right of usufruct, captures this precisely: people may enjoy the fruits of their property only so long as the sovereign permits it. One might object that modern constitutional states protect private property. Yet that protection is always conditional. Bank accounts can be frozen, assets confiscated, savings eroded through inflation. This happens every day, across the globe. Bitcoin changes this fundamentally. For the first time in human history, wealth exists that no court, no government, and no institution can seize, so long as one retains access to one’s Bitcoin wallet, typically secured by a twelve-word seed phrase. Property rights no longer rest on state enforcement, but on mathematical certainty. Cryptography cannot be overturned by decree. Switzerland, with its tradition of respect for private property, understands the value of this principle. Yet even here, law cannot fully guarantee ownership. Quantitative easing, a fancy word for stealing, exists. Bitcoin decouples property from the monopoly of force. It relocates the right of possession from the legal order into the domain of mathematics. Regulation can affect only the exchange of Swiss francs, euros, or US dollars into Bitcoin, never the Bitcoin protocol itself. **Proof of Work Instead of Proof of War** Control over money has always been seductive. In fiat systems, it lies with central banks and governments. Decisions are political and inevitably subject to short-term pressures. History offers countless examples of monetary debasement: from the dilution of Roman silver denarii and medieval coin clipping, to Spain’s silver influx, the French assignats of the Revolution, the hyperinflation of the Weimar Republic, the collapse of Zimbabwe’s currency, the abandonment of the gold standard, and modern quantitative easing. Those who control the money spigot profit. Those closest to it profit most. Bitcoin, by contrast, converts energy into security. Proof of work introduces friction, incentivizing miners to deploy what we know is scarce: energy. The network’s nodes relentlessly reject any transaction that doesn’t have credit or tries to use the credit of someone else. Trust shifts from individuals to the system itself. Civilization can now rest on rules that are immutable, enforced by physics rather than politics. **Bitcoin Is Civilization** Nothing threatens commerce more than theft. Theft forces people to divert resources into defense. It discourages saving because wealth can be confiscated, and it whispers a corrosive question: If it can be taken by force, why not take it oneself? In a world with abundant theft, one consumes more in order to protect less. Trade emerges only when defense is automated and the balance shifts in favor of owners. That is precisely what Bitcoin accomplishes. > «Civilization can now rest on rules that are immutable, enforced by physics rather than politics.» Human civilization rests on a fragile web of trust grounded in the protectability of property. If property is too easy to steal, anarchy prevails. If it is too easy to protect, coercive structures become unnecessary. The state flourishes in the middle ground: property can be accumulated but not entirely defended alone, so collective enforcement remains valuable, while theft is never trivial. History illustrates this equilibrium clearly. From the Renaissance trading cities of Italy to the early modern consolidation of the English Crown, taxation, law, and institutional legitimacy emerged precisely where private defense was costly enough, but not prohibitively so, to justify centralized enforcement. Institutional economics and game theory show that state power is not absolute but conditional. Its ability to tax, enforce contracts, and regulate exchange depends on property remaining neither perfectly secure nor completely exposed. Today, that equilibrium is shifting. Cryptography, blockchain networks, and microprocessors dramatically increase the defensibility of property without requiring centralized coercion. The traditional justification for the monopoly of force erodes. Civilization flourishes, but the state is under evolutionary pressure: adapt, decentralize, or become obsolete in an age of voluntary, distributed, and self-sovereign enforcement. **The Psychology of Hard Money** For generations, economists have debated the economic consequences of different monetary systems. Yet the deepest effects are psychological. A system that guarantees perpetual dilution rewards short-term thinking. Because what is worth one hundred francs today loses purchasing power tomorrow, saving is penalized and debt rewarded. Behavioral economists speak of time preference, the weighting of present versus future value. An inflationary system creates high time preference. Why save patiently if the fruits of one’s labor systematically lose value? This collective impatience creates entrepreneurial decisions planned around quarterly results rather than decades, and political horizons that rarely extend beyond the next election. There are subtler effects still. If theft through inflation or confiscation is always possible, part of human energy must flow into asset protection. Resources go to defense; positive-sum market games give way to zero-sum competition for proximity to the money spigot. The fiat system forces us into investing our ingenuity to avoid loss rather than create value. Bitcoin, by contrast, is designed to be deflationary. There will never be more than 21 million bitcoins. This scarcity is not an institutional promise but an immutable feature of the protocol. Those who save in Bitcoin experience a reversal of logic: patience is rewarded, not punished. Time preference declines. And when theft becomes harder, energy once devoted to defense can flow into value creation. I observe this transformation daily among those who immerse themselves in Bitcoin. Many enter for price appreciation. But something shifts when they remain. They begin to think long term. They develop what can only be described as monetary sovereignty, the sense of holding their financial future in their own hands. **Code Protects Free Speech** Money is information. Every transaction is a statement about what we value, about what we have exchanged our finite lifetime for. Gatekeeping economic life, control over money flows becomes control over free expression itself. In recent years, we have witnessed examples once thought unimaginable. Journalists’ accounts have been suspended. Donation platforms have been shut down under political pressure. People have been excluded from the economic system not for crimes, but for undesirable opinions. Those cut off from payments are erased from economic life. Bitcoin is resistant to this form of censorship. Account holders within the network are identifiable only through cryptographic keys, pseudonymously. Like cash, Bitcoin does not distinguish between good and bad transactions. As long as internet access exists, no one can be prevented from sending or receiving Bitcoin. In this sense, Bitcoin is a technical implementation of the fundamental right to free expression, extended into the economic sphere. A nonviolent declaration of independence written in code. **When the Money Printer Goes Kaputt** Modern monetary theory rests on a fragile assumption: that states can guarantee demand for their currency. This guarantee relies on tax obligations, legal tender laws, and trust that others will still regard the currency as valuable tomorrow. But trust is not immutable. History is replete with currency collapses. These episodes follow a pattern: first stability appears intact, then cracks form at the edges, and finally decline accelerates exponentially. Bitcoin offers an alternative. Theoretical justifications for violations of private property, whether inspired by Keynesianism or Marxism, are not only ethically bankrupt but futile. Bitcoin has no issuer, no head capable of being coerced, no central locus of power. Law can regulate access points, but never the protocol itself. Nothing stops this train. Bitcoin is unstoppable. **Don’t Trust, Verify** The twentieth century was the century of trust in large institutions. That trust brought stability, but also dependencies and vulnerabilities. The financial crisis of 2008 showed how fragile it was. Satoshi’s white paper appeared only weeks after the collapse of Lehman Brothers. Not a coincidence. Bitcoin enables a different form of organization. Not blind trust, but independent verification. Every user can download the entire blockchain and verify for themselves that the rules have been followed. No institution must give its word. The truth lies open, visible to all. Those who master the tools require no intermediaries. This is not a technology of paranoia, but of maturity. It demands more of its users, because anyone who manages their own keys bears responsibility. And it gives more in return: the certainty that no one stands between the individual and his property. > «Those who master the tools require no intermediaries.» We are living through a historic transition. The old world of politically controlled money still exists. The new world of non-state money is growing. Our task is to build bridges and ease the transition for people. The direction is clear. We are moving from force to cooperation, from coercion to voluntarism, from politics to mathematics. Bitcoin demonstrates that another organization of human affairs is possible. Not through conflict, but through peaceful competition between systems. Not by persuading the powerful, but by empowering individuals. Every piece of Bitcoin one owns is a vote for law, property, and human flourishing. Sound money, hard money, is civilization. ### Bitcoin: Zivilisation in Code geschrieben URL: https://www.schweizermonat.ch/bitcoin-zivilisation-in-code-geschrieben/ Last updated: 2026-02-23T10:28:16.000Z Read the english version [here](https://www.schweizermonat.ch/bitcoin-is-civilization-written-in-code/). Die Geschichte des Eigentums ist eine Geschichte der Abhängigkeit. Von feudalen Herren bis zu modernen Nationalstaaten war Besitz stets vom Wohlwollen einer höheren Autorität abhängig. Das römische Konzept des usus fructus, des Niessbrauchs, beschreibt dies treffend: Menschen dürfen die Früchte ihres Eigentums nur geniessen, solange der Souverän es erlaubt. Man könnte einwenden, dass moderne Verfassungsstaaten das Privateigentum schützen. Doch dieser Schutz ist immer bedingt. Bankkonten können eingefroren werden, Vermögen konfisziert, Erspartes durch Inflation entwertet. All dies geschieht tagtäglich, weltweit. Bitcoin verändert dies grundlegend. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte existiert Wohlstand, den kein Gericht, keine Regierung und keine Institution beschlagnahmen kann, solange man den Zugang zu seiner Bitcoin-Wallet kennt, in der Regel in Form einer zwölf Wörter umfassenden «Seed Phrase». Eigentumsrechte basieren nicht länger auf staatlicher Durchsetzung, sondern auf mathematischer Gewissheit. Kryptografie lässt sich nicht per Dekret aushebeln. Die Schweiz mit ihrer Tradition des Respekts vor privatem Eigentum versteht den Wert dieses Prinzips. Doch selbst hier kann das Recht Eigentum nicht vollständig garantieren. Bilanzausweitung, ein schön klingendes Wort für Diebstahl, existiert. Bitcoin entkoppelt Eigentum vom Gewaltmonopol. Es verlagert das Recht auf Besitz von der Rechtsordnung in die Sphäre der Mathematik. Regulierung kann nur den Umtausch von Schweizer Franken, Euro oder US-Dollar in Bitcoin betreffen, nicht das Bitcoin-Netzwerk selbst. **Proof of Work statt Proof of War** Kontrolle über Geld hat schon immer alle gereizt. In Fiat-Systemen liegt sie bei Zentralbanken und Regierungen. Entscheidungen sind politisch und stets kurzfristigen Zwängen unterworfen. Die Geschichte ist voller Beispiele monetärer Entwertung: von der Entwertung der römischen Silberdenare über mittelalterliche Münzzurechtstutzungen, Spaniens Silberflut und die französischen Assignaten der Revolution bis hin zur Hyperinflation in der Weimarer Republik, dem Zusammenbruch der Währung in Simbabwe, der Aufgabe des Goldstandards und der modernen quantitativen Lockerung. Wer am Geldhahn sitzt, verdient gut; wer näher dran ist, noch besser. Bitcoin hingegen verwandelt Energie in Sicherheit. Proof-of-Work schafft Reibung, zwingt jeden Teilnehmer, das einzusetzen, was wir als knapp kennen: Energie. Die Knotenpunkte des Netzwerks lehnen gnadenlos jede Transaktion ab, die nicht gedeckt ist oder nicht dem Eigentümer gehört. Vertrauen verschiebt sich vom Individuum zum System selbst. Zivilisation kann nun auf Regeln bauen, die unveränderlich sind, durch Physik durchgesetzt statt durch Dekrete. **Bitcoin ist Zivilisation** Nichts bedroht Handel mehr als Diebstahl. Er zwingt Menschen, Ressourcen in Verteidigung zu investieren, entmutigt Sparer, weil Vermögen beschlagnahmt werden kann, und flüstert die Frage: «Wenn man es mit Gewalt nehmen kann, warum nicht selbst?» In einer Welt mit Diebstahl konsumiert man mehr, um weniger zu schützen. Handel entsteht erst, wenn Verteidigung automatisiert und das Gleichgewicht zugunsten der Eigentümer verschoben ist – genau das leistet Bitcoin. Die menschliche Zivilisation ruht auf einem fragilen Geflecht von Vertrauen, das auf der Schutzfähigkeit von Eigentum beruht. Der Staat gedeiht im mittleren Bereich: Eigentum kann angehäuft, aber nicht allein vollständig verteidigt werden, sodass kollektive Durchsetzung wertvoll bleibt, während Raub niemals trivial ist. Wenn Eigentum zu leicht zu stehlen ist, herrscht Anarchie. Ist es hingegen zu leicht zu verteidigen, werden Zwangsstrukturen überflüssig. Die Geschichte illustriert dieses Gleichgewicht deutlich. Von den Handelsstädten der Renaissance in Italien bis zur frühneuzeitlichen Konsolidierung der englischen Krone entstanden Steuern, Recht und institutionelle Legitimität genau dort, wo private Verteidigung teuer genug (aber nicht prohibitiv) war, um zentralisierte Durchsetzung zu rechtfertigen. Institutionenökonomie und Spieltheorie zeigen: Die Macht des Staates ist nicht absolut, sondern bedingt. Seine Fähigkeit, Steuern zu erheben, Verträge durchzusetzen und den Austausch zu regulieren, hängt davon ab, dass Eigentum weder vollständig sicher noch völlig exponiert bleibt. Heute verschiebt sich dieses Gleichgewicht. Kryptografie, Blockchain-Netzwerke und Mikroprozessoren erhöhen dramatisch die Verteidigungsfähigkeit von Eigentum, ohne zentrale Zwangsmittel zu benötigen. Die traditionelle Begründung des Gewaltmonopols erodiert. Die Zivilisation bleibt, der Staat steht jedoch unter evolutionärem Druck: Er muss sich anpassen, dezentralisieren oder im Zeitalter freiwilliger, verteilter und selbstbestimmter Durchsetzung obsolet werden. **Die Psychologie harten Geldes** Ökonomen diskutieren seit Generationen die Folgen unterschiedlicher Geldsysteme. Doch die tiefgreifendsten Effekte sind psychologischer Natur. Ein System, das permanente Entwertung garantiert, prägt seine Teilnehmer in einer spezifischen Weltsicht. Es belohnt kurzfristiges Denken, denn was heute hundert Franken wert ist, verliert morgen an Kaufkraft. Sparen wird bestraft, Verschuldung begünstigt. Verhaltensökonomen sprechen von der «Gegenwartspräferenz» (Time Preference), also der Gewichtung von Gegenwarts- gegenüber Zukunftsnutzen. Ein inflationäres System erzwingt hohe Gegenwartspräferenz. Warum sollte jemand geduldig sparen, wenn die Früchte seiner Arbeit systematisch an Wert verlieren? Diese kollektive Ungeduld prägt unternehmerische Entscheidungen, die auf Quartalszahlen statt Jahrzehnte planen, und politische Horizonte, die selten über die nächste Wahl hinausreichen. Es gibt noch subtilere Effekte. Wenn Diebstahl durch Inflation oder Konfiskation jederzeit möglich ist, muss ein Teil menschlicher Energie in Vermögensschutz fliessen. Produktiv sein weicht Verteidigung, Kooperation weicht Misstrauen. Das Fiat-System kanalisiert Kreativität in Verlustvermeidung statt Wertschöpfung. Bitcoin hingegen ist deflationär konzipiert. Es wird niemals mehr als 21 Millionen Bitcoins geben. Diese Knappheit ist kein Versprechen einer Institution, sondern eine unveränderliche Eigenschaft des Protokolls. Wer in Bitcoin spart, erlebt eine umgekehrte Logik: Geduld wird belohnt, nicht bestraft. Die Zeitpräferenz sinkt. Und wenn Diebstahl mathematisch deutlich erschwert wird, kann Energie, die zuvor in Verteidigung floss, in Wertschöpfung fliessen. Ich beobachte diese Transformation täglich bei Menschen, die tiefer in Bitcoin eintauchen. Viele investieren zuerst wegen der Kursgewinne. Doch etwas verändert sich, wenn sie bleiben. Sie beginnen, langfristig zu denken. Sie entwickeln, was nur als monetäre Souveränität bezeichnet werden kann: das Gefühl, die eigene finanzielle Zukunft in den eigenen Händen zu halten. **Code schützt die Meinungsfreiheit** Geld ist Information. Jede Transaktion ist eine Aussage darüber, was wir schätzen, wofür wir unsere begrenzte Lebenszeit getauscht haben. Wird wirtschaftliches Leben kontrolliert, wird Kontrolle über Geldflüsse zu Kontrolle über die freie Meinungsäusserung selbst, wird Kontrolle über Geldfluss zu Kontrolle über die freie Meinungsäusserung selbst. In den letzten Jahren sahen wir Beispiele, die einst unvorstellbar schienen. Konten von Journalistinnen und Journalisten wurden gesperrt, Spendenplattformen unter politischem Druck geschlossen. Menschen wurden nicht wegen Verbrechen, sondern wegen unerwünschter Meinungen aus dem Wirtschaftssystem ausgeschlossen. Wer vom Zahlungsverkehr abgeschnitten ist, wird aus dem wirtschaftlichen Leben gelöscht. Bitcoin ist resistent gegen diese Form der Zensur. Kontoinhaber im Netzwerk sind nur über kryptografische Schlüssel identifizierbar, pseudonym. Bitcoin unterscheidet, ähnlich wie Bargeld, nicht zwischen guten und schlechten Transaktionen. Solange Internetzugang besteht, kann niemand am Empfangen oder Senden von Bitcoin gehindert werden. Bitcoin ist damit eine technische Umsetzung des Grundrechts auf freie Meinungsäusserung, erweitert in den wirtschaftlichen Bereich. Eine gewaltfreie Unabhängigkeitserklärung in Code geschrieben. **Wenn der Gelddrucker kaputtgeht** Moderne Geldtheorie beruht auf einer wackligen Annahme: dass Staaten die Nachfrage nach ihrer Währung garantieren können. Diese Garantie stützt sich auf Steuerpflichten, gesetzliches Zahlungsmittel und das Vertrauen, dass andere Menschen die Währung morgen noch als wertvoll erachten. Doch Vertrauen ist nicht unveränderlich. Währungskollapse gibt es historisch zuhauf, wie gezeigt. Diese Episoden folgen einem Muster: Zunächst scheint alles stabil, dann bröckeln die Ränder und schliesslich beschleunigt der Niedergang exponentiell. Bitcoin bietet eine Alternative. Theoretische Rechtfertigungen für Verstösse gegen Privateigentum, sei es keynesianisch oder marxistisch inspiriert, sind nicht nur ethisch unhaltbar, sondern auch vergeblich. Bitcoin hat keinen Emittenten, keine Institution zur Zwangsausübung, kein zentrales Machtzentrum. Das Recht kann den Zugang regulieren, nicht das Protokoll selbst. Nichts stoppt diesen Zug. Bitcoin ist unaufhaltbar. **Nicht vertrauen, überprüfen!** Das 20\. Jahrhundert war das Jahrhundert des Vertrauens in grosse Institutionen. Dieses Vertrauen brachte Stabilität, aber auch Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten. Die Finanzkrise 2008 zeigte, wie fragil dieses Vertrauen ist. Satoshis Whitepaper erschien nur wenige Wochen nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers – kein Zufall. Bitcoin ermöglicht eine andere Form der Organisation. Kein blindes Vertrauen, sondern unabhängige Überprüfung. Jede Nutzerin, jeder Nutzer kann die gesamte Blockchain herunterladen und selbst verifizieren, dass die Regeln eingehalten wurden. Keine Institution muss ihr Wort geben. Die Wahrheit liegt offen, für alle sichtbar. Wer die Werkzeuge beherrscht, benötigt keine Vermittler. Dies ist keine Technologie der Paranoia, sondern der Reife. Sie verlangt mehr von ihren Nutzern, denn wer eigene Schlüssel verwaltet, trägt Verantwortung. Doch sie gibt mehr zurück: die Gewissheit, dass niemand zwischen dem Individuum und seinem Eigentum steht. Wir befinden uns in einer historischen Übergangsphase. Die alte Welt des politisch kontrollierten Geldes existiert noch. Die neue Welt des nichtstaatlichen Geldes wächst. Unsere Aufgabe ist es, Brücken zu bauen und den Übergang für Menschen zu erleichtern. Die Richtung ist klar. Wir bewegen uns von Gewalt zu Kooperation, von Zwang zu Freiwilligkeit, von Politik zu Mathematik. Bitcoin zeigt, dass eine andere Organisation menschlicher Angelegenheiten möglich ist. Nicht im Konflikt, sondern im friedlichen Wettbewerb der Systeme. Nicht durch Überzeugung der Mächtigen, sondern durch Stärkung der Individuen. Jedes Stück Bitcoin, das man besitzt, ist eine Stimme für Recht, Eigentum und menschliches Gedeihen. Gutes Geld, hartes Geld, ist Zivilisation. ### Bestraft die Individualbesteuerung Teilzeit-Modelle und belohnt kinderlose Yuppies? URL: https://www.schweizermonat.ch/bestraft-die-individualbesteuerung-teilzeit-modelle-und-belohnt-kinderlose-yuppies/ Last updated: 2026-08-10T09:48:01.000Z _No content available._ ### Die «Halbierungsinitiative» ist keine Gewissensfrage URL: https://www.schweizermonat.ch/die-halbierungsinitiative-ist-keine-gewissensfrage/ Last updated: 2026-02-20T15:29:22.000Z Es gibt gute Gründe für die «Halbierungsinitiative». Und es gibt ebenso gute Gründe, gegen die Initiative zu stimmen. Guten Wissens und Gewissens kann man also dafür oder dagegen sein. Nichtsdestotrotz meinen die grossen Schweizer Landeskirchen, die sich wieder einmal ohne Not zur Einmischung in den Abstimmungskampf veranlasst sehen, die Initiative «200 Franken sind genug» zu einer Gewissensfrage hochstilisieren zu müssen. Die Kirchen beurteilen die Vorlage als «gesellschafts- und demokratiepolitische Weichenstellung». Sie argumentieren, dass bei einer Reduzierung der Mittel der SRG der soziale Zusammenhalt und die Demokratie der Schweiz sowie die Medienpräsenz religiöser Inhalte in Gefahr seien. Dass ausgerechnet die Kirchen den Ausgang der Abstimmung über die Halbierungsinitiative zu einer Frage der Demokratie machen, ist erstaunlich, sind die Kirchen doch nicht gerade als Herolde der Demokratie bekannt. Das Kreuz der katholischen Kirche mit der Demokratie ist bekannt, bis weit in das 20\. Jahrhundert war ihr die Demokratie suspekt. Aber auch die Reformatoren waren keineswegs die Vordenker der Demokratie, als die man sie heute gerne sehen möchte. Es ging ihnen nicht um die Herrschaft des Volkes, sondern um die Herrschaft Gottes, wie Robert Leicht, ehemaliger Chefredaktor der «Zeit» und früheres Ratsmitglied der Evangelischen Kirchen Deutschlands, zu Recht betont. ## Auf der richtigen Seite Totalitäre Entwicklungen begännen fast immer mit Desinformation und Angriffen auf die vierte Gewalt, schreibt Vox Ethica, die Dienststelle für Ethik und Gesellschaft der Schweizer Bischofskonferenz, deren Voten stellenweise klingen, als kämen sie aus dem SP-Parteisekretariat. Das Recht auf Information sei ernsthaft bedroht, wenn qualitativ hochwertige Informationen ihrer Funktionsgrundlage beraubt würden. Das Ziel solcher Initiativen sei es oft, Stimmen zum Schweigen zu bringen, besonders diejenigen, die andere Meinungen vertreten würden. Wer diejenigen mit «anderen Meinungen» sind, die mit der Initiative zum Schweigen gebracht werden sollen, verrät die bischöfliche Stellungnahme nicht. Die Kirchen können damit jedenfalls nicht gemeint sein, denn diese liefern keine anderen Argumente, sondern stimmen lediglich in den Chor der Initiativgegner ein. Die Kirchen wissen sich – [nicht zum ersten Mal](https://schweizermonat.ch/von-der-sammelbuechse-zur-kampagne-kirchliche-hilfswerke-auf-politischen-abwegen/?ref=schweizermonat.ch) – auf der richtigen Seite. Dass in politischen Ermessensfragen auch unter Christen ein breites Spektrum an verschiedenen Einschätzungen möglich ist, wollen sie auch bei der «Halbierungsinitiative» nicht sehen. Genauso wenig wie der eigene Bedeutungsverlust scheint für die Kirchen der Bedeutungsverlust der SRG durch den veränderten Medienkonsum ein Thema zu sein. Stattdessen beschwören sie die SRG geradezu als alleinseligmachend. Man könnte meinen, dass ohne das «Wort zum Sonntag» oder die «Sternstunde Religion» keiner ins Himmelreich gelangen kann. Dabei geht es ja nicht einmal um die Abschaffung der SRG, sondern lediglich um Sparmassnahmen, die eine Fokussierung auf den Kernauftrag zum Ziel haben. Dass Sendungen mit anspruchsvollem religiösem Inhalt auch mit weitaus weniger Geld produziert werden können, zeigen die entsprechenden Angebote von privaten Medienanstalten, die keinen Rappen vom Staat bekommen. > «Genauso wenig wie der eigene Bedeutungsverlust scheint für die Kirchen der Bedeutungsverlust der SRG durch den veränderten Medienkonsum ein Thema zu sein.» Die Vorlage über die Senkung der Serafe-Gebühr ist bei Gott kein «Articulus stantis et cadentis ecclesiae» – am Ausgang der Abstimmung wird sich die Zukunft der Kirche nicht entscheiden. Ob sich die Kirche wieder Gehör verschaffen kann und ob es ihr gelingt, ihren Bedeutungsverlust aufzuhalten, dürfte vielmehr davon abhängen, ob sie es wagt, den Glauben an das Unglaubliche selbstbewusst und gegen den Mainstream zu vertreten, anstatt ihn mit tagespolitischen Belanglosigkeiten zu verschleiern. Hören Sie den Artikel ### Nützt die Individualbesteuerung nur Yuppies? URL: https://www.schweizermonat.ch/nuetzt-die-individualbesteuerung-nur-yuppies/ Last updated: 2026-08-10T09:48:01.000Z _No content available._ ### Der Bundesrat will die Plattformregulierung der EU auf die Schweiz übertragen – stösst bei den Parteien aber auf Kritik URL: https://www.schweizermonat.ch/der-bundesrat-will-die-plattformregulierung-der-eu-auf-die-schweiz-uebertragen-stoesst-bei-den-parteien-aber-auf-kritik/ Last updated: 2026-02-20T15:30:27.000Z Bundesbern will gegenüber Brüssel nachziehen und die grossen Digitalplattformen an die kurze Leine nehmen. In der Vernehmlassung, die soeben zu Ende gegangen ist, regt sich allerdings Widerstand. Seit August 2023 ist in der Europäischen Union der Digital Services Act (DSA) in Kraft. Er verpflichtet Internetplattformen, nicht nur gegen illegale Inhalte vorzugehen, sondern auch gegen «Desinformation» und «Hassrede». Der Bundesrat plant, zentrale Elemente des DSA in angepasster Form ins nationale Recht zu übernehmen. Zu diesem Zweck hat er einen Entwurf für ein neues «Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen» (KomG) vorgelegt. Der DSA hat dem Bundesrat [den nötigen Rückenwind gegeben](https://schweizermonat.ch/die-eliten-wollen-das-internet-zaehmen/?ref=schweizermonat.ch), um die Regulierung der Internetplattformen hierzulande aufs Tapet zu bringen. Die Vernehmlassung zum Gesetzesentwurf lief bis am Montag. Die grossen Parteien im Bundeshaus – mit Ausnahme der «Mitte» – haben Stellung bezogen und ihre Vernehmlassungsantworten veröffentlicht. **«Deutlich milder ausgefallen»** Die [SVP](https://www.svp.ch/positionen/vernehmlassungen/neues-bundesgesetz-ueber-kommunikationsplattformen-und-suchmaschinen-kompg/?ref=schweizermonat.ch) bezeichnet den Entwurf als «Paradebeispiel für den autonomen Nachvollzug von EU-Recht». Einseitig werde der DSA kopiert. Die [FDP](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-fdp-ch/fileadmin/documents/fdp-ch/Grundlagenmaterial%5FPDFs/DE/Positionen/2%5FVernehmlassungen/2026/02%5FFebruar/20260216%5Fvl%5Fkommpg%5Fd.pdf) warnt vor einem drohenden «Swiss Finish». Die Regulierung dürfe in der Schweiz keinesfalls strenger ausfallen als in der EU, sonst gerate der Wirtschaftsstandort ins Hintertreffen. Die SP kritisiert hingegen, der Entwurf bleibe hinter dem EU-Recht zurück und sei «deutlich milder ausgefallen» als der DSA. Gefordert wird eine lückenlose Übernahme der EU-Vorgaben. Mehr noch: Auch der Digital Markets Act (DMA) müsse integriert werden, um die Marktmacht grosser Konzerne wirksamer zu begrenzen. Die Grünen unterstützen die Stossrichtung des Gesetzes und begrüssen insbesondere die Angleichung zentraler Schwellenwerte an den DSA – etwa die Regel, dass strengere Vorgaben für Plattformen gelten sollen, die mindestens zehn Prozent der Bevölkerung erreichen. Auch die [GLP](https://grunliberale.ch/stellungnahme-der-gruenliberalen-zum-neuen-bundesgesetz-ueber-kommunikationsplattformen-und-suchmaschinen-kompg/?ref=schweizermonat.ch) spricht sich für eine Orientierung am DSA aus. Gleichzeitig pocht sie auf Pragmatismus: Mechanismen, die Unternehmen bereits zur Erfüllung des EU-Rechts umgesetzt haben, sollen in der Schweiz als gleichwertig anerkannt werden, um zusätzlichen administrativen Aufwand zu vermeiden. **Breite Skepsis gegenüber Netzsperren-Vollmacht für das Bakom** Die SVP stellt sich entschieden gegen die vorgesehene Ermächtigung des Bundesamts für Kommunikation (Bakom), den Zugang zu Online-Diensten eigenmächtig einzuschränken. Die Verwaltung erhielte dadurch faktisch einen «digitalen Kill-Switch». Bedroht seien sowohl die Meinungsfreiheit als auch die Wirtschaftsfreiheit. Das Bakom würde zur «quasi-richterlichen Instanz» aufgewertet – mit Eingriffsbefugnissen, die klar den Gerichten vorbehalten sein sollten. Für rechtswidrige Inhalte im Internet müssten weiterhin ausschliesslich ordentliche Gerichte zuständig sein. Auch die Freisinnigen melden Vorbehalte an. Sie warnen vor einem «Overblocking»: Wenn private Plattformen unter regulatorischem Druck stünden, bestehe die Gefahr, dass sie aus Vorsicht nicht nur illegale, sondern auch rechtmässige, jedoch «missliebige» Inhalte löschten. Eine Regulierung dürfe nicht dazu führen, dass Staat oder Plattformbetreiber ohne klare Begründungspflicht über die Sichtbarkeit von Meinungen entschieden. Positiv wertet die FDP, dass der Entwurf auf direkte staatliche Inhaltsmoderation verzichtet. Entscheidend sei jedoch, dass der Fokus auf fairen Spielregeln liege – nicht auf inhaltlicher Steuerung. Zudem dürften Eingriffe nur grosse, marktmächtige Anbieter betreffen, nicht aber kleinere Plattformen. Deutlich weiter gehen die Sozialdemokraten. Sie fordern, dass Digitalplattformen «vollumfänglich für die Veröffentlichung von Nutzerinhalten haften». Das bisherige «Notice and Take Down»-Prinzip – wonach Inhalte in der Regel erst nach gerichtlicher Anordnung entfernt werden – genügt ihnen nicht mehr. Die Plattformen sollen umfassend für Inhalte verantwortlich sein, die von Dritten verbreitet werden. Damit würde sich die Haftung substanziell verschärfen. > «Die Verwaltung erhielte dadurch faktisch einen «digitalen Kill-Switch». Bedroht seien sowohl die Meinungsfreiheit als auch die Wirtschaftsfreiheit. Das Bakom würde zur «quasi-richterlichen Instanz» aufgewertet» Deutlich moderater positionieren sich die Grünen. Sie lehnen die in den Artikeln 32 und 33 vorgesehenen Netzsperren als «unverhältnismässig» ab. Solche Massnahmen schränkten die Informationsfreiheit massiv ein – zumal sie technisch leicht, etwa via VPN, umgangen werden könnten. Sollte das Instrument der Netzsperre dennoch im Gesetz verbleiben, verlangen die Grünen zwingend einen richterlichen Entscheid. Eine blosse Anordnung durch eine Amtsbehörde wie das Bakom berge die Gefahr «politisch-administrativer Willkür». Die GLP befürwortet das bestehende Meldeverfahren («Notice and Take Down»): Plattformen sollen in die Pflicht genommen werden, sobald sie von rechtswidrigen Inhalten Kenntnis erhalten. Gleichzeitig sprechen sich die Grünliberalen ausdrücklich gegen eine generelle «Vorabkontrolle» sämtlicher Inhalte aus. Eine solche Pflicht würde aus ihrer Sicht auf systematische Überwachung und faktische Vorzensur hinauslaufen – mit entsprechenden Risiken für die Meinungsfreiheit. Bei besonders schweren Verstössen, etwa im Bereich sexualisierter Gewalt, geht der Partei der Entwurf jedoch nicht weit genug. Die Formulierung «zeitnah» sei zu vage; hier werden klare Fristen und eine Bearbeitung innert weniger Stunden gefordert. **Linke drängt auf verbindliche Alterskontrollen** Besonders brisant sind die Forderungen aus dem rot-grünen Lager beim Thema Jugendschutz. Die SP hält in ihrer Vernehmlassungsantwort fest, dass ohne wirksame Altersprüfung sämtliche Regularien ins Leere liefen. Plattformen müssten deshalb verpflichtet werden, das Alter ihrer Nutzer zu überprüfen. Darüber hinaus fordern die Sozialdemokraten den Bundesrat ausdrücklich auf zu prüfen, ob und wie ein Social-Media-Verbot für Minderjährige umgesetzt werden könnte. Auch die Grünen verlangen verbindliche Alterskontrollen – allerdings «datensparsam» ausgestaltet. Anstelle pauschaler Verbote schlagen sie einen alternativen Weg vor: spezifische «digitale Jugendräume», die ausschliesslich Jugendlichen vorbehalten sind. Die GLP setzt ebenfalls auf technische Altersverifizierung, etwa über eine E-ID. Eine generelle Alterslimite lehnt die GLP klar ab. Ein Verbot würde aus ihrer Sicht lediglich dazu führen, dass Minderjährige auf weniger regulierte Plattformen ausweichen – mit fraglichem Nutzen für den Jugendschutz. Unter dem Strich überwiegt bei den bürgerlichen Parteien die Skepsis – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Als Einzige warnt die SVP explizit vor einer Zensur, die das Gesetz nach sich ziehen könnte – von einem «Zensurgesetz» ist die Rede. Die FDP hingegen fürchtet in erster Linie ein drohendes «Bürokratiemonster», stellt das Anliegen des Bundesrats jedoch grundsätzlich nicht infrage. Auf breite Zustimmung stösst der Entwurf dagegen bei SP, Grünen und GLP. Bemerkenswert ist zudem ein nahezu parteiübergreifender Konsens in einem zentralen Punkt: Das Bakom soll keine eigenständige Vollmacht erhalten, Internetplattformen zu sperren. Offenbar ist die Sensibilität für staatliche Eingriffe in den digitalen Debattenraum über ideologische Grenzen hinweg besonders ausgeprägt. Vieles deutet darauf hin, dass die Schweizer Anwandlung des DSA deutlich weniger scharf ausfallen dürfte als das EU-Vorbild. Nun liegt der Ball wieder beim Bundesrat: Er wertet die Stellungnahmen aus und wird dem Parlament eine Botschaft samt definitivem Gesetzesentwurf vorlegen. ### Der Mensch lässt sich nicht staatlich planen URL: https://www.schweizermonat.ch/der-mensch-laesst-sich-nicht-staatlich-planen/ Last updated: 2026-04-02T13:04:11.000Z Das Ziel der Individualbesteuerung ist es, den Arbeitsanreiz zu erhöhen und insbesondere Mütter vermehrt in den Arbeitsmarkt (zurück) zu bringen. Was aber, wenn Mütter gar nicht mehr arbeiten wollen? Oft wird so getan, als wären sämtliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Arbeitsmarktbeteiligung, Lohnniveau oder Vertretung in Führungsgremien auf strukturelle Diskriminierung oder eine patriarchale Kultur zurückzuführen. Und so versucht der Staat, die Strukturen so lange zu ändern, bis die Unterschiede verschwinden: mit Frauenquoten, Lohnvorgaben, Förderprogrammen oder Kita-Subventionen. Das bringt allerdings wenig, wenn die Geschlechterunterschiede in der Lebensgestaltung nicht primär auf Strukturen zurückzuführen sind, sondern, nun ja, auf das Geschlecht. Aufgrund der biologischen Realität haben Mütter vom Zeitpunkt der Geburt an eine deutlich stärkere Verbindung zu ihrem Kind als der Vater. Frauen, insbesondere mit kleinen Kindern, sind verletzlich und schutzbedürftig. Ist es dann überraschend, wenn Mütter öfter in der Kinderbetreuung und -erziehung engagiert sind, während sich Väter eher um die materielle Sicherheit der Familie kümmern? Tatsächlich entscheiden sich Frauen, wenn sie ihr Lebensmodell frei wählen können, eher für die Familie. In Ländern, die punkto Gleichstellungspolitik besonders «progressiv» sind und in denen Paare die Elternzeit frei aufteilen können, beziehen am Ende doch wiederum die Mütter den überwiegenden Teil davon. Nicht selten lassen Väter sogar einen Teil der ihnen zustehenden Urlaubstage verfallen. Nun mögen Freunde staatlicher Gleichstellungsmassnahmen sagen, dass man eben noch mehr tun müsse, um wahre Gleichstellung zu erreichen. Warum nicht Paare dazu zwingen, dass beide genau gleich viel Elternzeit beziehen und dann auch beide gleich viel Teilzeit arbeiten? Wenn der Mensch sich nicht aus freien Stücken zum Besseren ändert, muss man ihn eben von oben ändern. Doch es ist kein Dienst am Menschen, seine Freiheit einzuschränken. Und kein Staat kann die biologische Realität ändern oder Hunderttausende Jahre Evolutionsgeschichte umprogrammieren. Stattdessen sollte die häretische Frage erlaubt sein: Ist es wirklich so schlimm, wenn Frauen und Männer unterschiedliche Präferenzen haben? Wenn sie unterschiedliche Prioritäten setzen? Ja wenn es nicht darum geht, was politische Denkmoden gerade vorschreiben, sondern einfach darum, das Beste für die eigene Familie zu erreichen? Das soll nicht als Argument gegen die Individualbesteuerung verstanden werden. Aber als Warnung, keine übertriebenen Erwartungen daran zu haben, wie Menschen auf eine neue Steuerregelung reagieren. Es sind am Ende immer noch Menschen. Und weil sie Menschen sind, lassen sie sich nicht so leicht in Schemen pressen, die idealistische Planer für sie gezimmert haben. ### Der Jura als Ideenlabor für die Schweiz URL: https://www.schweizermonat.ch/der-jura-als-ideenlabor-fuer-die-schweiz/ Last updated: 2026-02-13T12:57:56.000Z Sonderwirtschaftszonen gehören zu den erfolgreichsten politischen Innovationen der letzten fünfzig Jahre und gleichzeitig zu den am wenigsten verstandenen. Viele betrachten sie als technisches Werkzeug: eine Liste von Erleichterungen, mit denen man Regionen für Investoren attraktiver macht. Ein paar Steuervergünstigungen hier, ein vereinfachtes Baurecht dort – fertig ist der Wachstumsmotor. Dieses Verständnis greift zu kurz. Wer nur auf die Rabatte schaut, übersieht den Kern. Sonderzonen sind kein Rabattgefüge, sondern institutionelle Experimentierräume. Orte, an denen ein Staat sich traut, etwas anders zu machen als gewohnt. Das erklärt, warum manche Zonen ganze Nationen verändert haben, während andere kaum über das Grundrauschen hinauskommen. Weltweit [existieren](https://unctad.org/news/global-competition-investment-prompts-surge-special-economic-zones?ref=schweizermonat.ch) heute fast 5400 solcher Zonen. Sie [erwirtschaften](https://www.kielinstitut.de/institute/world-free-zones-economic-outlook?ref=schweizermonat.ch) zusammen rund zwanzig Prozent des weltweiten Güterhandels. Das globale Gewicht dieser Projekte ist enorm. Shenzhen ist das bekannteste Beispiel. 1980 war es ein Küstendorf. [Heute](https://www.economist.com/special-report/2017/04/06/shenzhen-is-a-hothouse-of-innovation?ref=schweizermonat.ch) ist es ein Hightech-Zentrum, das in manchen Branchen Massstäbe setzt. Und zwar nicht, weil niemand sonst auf die Idee gekommen wäre, Steuern zu senken, sondern weil die Zone einen rechtlichen Rahmen bekam, in dem sich eine neue lokale Ordnung entwickeln konnte. Der eigentliche Anreiz war nicht steuerlich, sondern institutionell. Gleiches gilt für Dubai. Mit dem Dubai International Financial Centre wurde ein eigener Rechtsraum geschaffen, der funktionierte, weil er verlässlich war. Mauritius wiederum schuf mit seiner Freihandelszone eine Struktur, die Handel, Logistik und Regulierung neu kombinierte – und damit die Grundlage für den Aufstieg eines Landes legte, das ursprünglich nur als Ferieninsel wahrgenommen wurde. > «Der eigentliche Anreiz war nicht steuerlich, sondern institutionell.» **Ein Grundrezept, viele Optionen** An diesen Beispielen lässt sich erkennen, dass Sonderzonen weniger ein technisches als ein politisches Instrument sind. Die Zutaten dafür sind bekannt, aber das Ergebnis hängt davon ab, wie man sie kombiniert und was man daraus macht. Wer nur die Grundzutaten mischt, landet bei einem Standardgericht. Es ist nahrhaft, aber austauschbar. Erst wenn man eigene Zutaten findet, entsteht etwas, das hervorsticht. Das Grundrezept ist dabei erstaunlich einfach. - **Erstens** braucht eine Zone einen rechtlich geschützten Raum. Kein Investor setzt langfristiges Kapital in eine Ordnung, die der nächste politische Zyklus wieder umstösst. Das war der entscheidende Unterschied in China: Die Führung gab nicht nur formelle Freiheiten, sondern auch politische Rückendeckung. Das Experiment war nicht geduldet, sondern gewollt. - **Zweitens** muss das politische Risiko neutralisiert werden. Projekte wie [Próspera](https://www.libinst.ch/news/freie-privatstaedte-von-der-theorie-zur-praxis-in-honduras/?ref=schweizermonat.ch) in Honduras zeigen, was passiert, wenn dieser Teil des Rezepts fehlt. Die Zone war ambitioniert, aber die Rechtsgrundlage wurde von der neuen Regierung wieder aufgehoben. Nun [streitet](https://blog.prospera.co/10-775-billion-claim-filed-against-government-of-honduras/?ref=schweizermonat.ch) man über Milliarden. Egal wie man dieses Beispiel bewertet, eines zeigt es klar: Ohne verlässliche Absicherung bleibt jede Zone ein Spielball der Politik. - **Drittens** braucht eine Zone eine Verwaltung, die funktioniert. Das klingt banal, ist aber entscheidend. Rechtsklarheit, schneller Zugang zu Entscheidungen, sichtbare Fairness. Eine Zone ist keine Vision, sondern ein Ort, an dem Menschen arbeiten und Firmen investieren. - **Viertens** braucht es Infrastruktur. Nicht nur Strom und Strassen, sondern digitale Verwaltung und ein Mindestmass an Lebensqualität. Wer eine Zone plant und diese vier Punkte vernachlässigt, baut ein Projekt, das auf dem Papier beeindruckt und in der Realität leer bleibt. Doch diese vier Schritte reichen nicht mehr aus. Sie bilden die Basis, den Grundfond. Es sättigt, aber überrascht nicht. Der Grund dafür ist einfach. Während in den Achtziger- und Neunzigerjahren nur wenige Länder mit Sonderzonen experimentierten, ist das Rezept heute global bekannt. Steuererleichterungen gibt es fast überall. Ein One-Stop-Shop in der Verwaltung, der Verfahren und Bewilligungen bündelt, ist längst keine Besonderheit mehr. Selbst vereinfachte Bauregeln findet man von Kigali bis Abu Dhabi. Das Ergebnis ist eine wachsende Austauschbarkeit. Wenn jede Zone gleich schmeckt, ist es egal, wohin man geht. Es braucht eigene Würze, sonst bleibt ein Projekt ein weiteres Angebot in einem gesättigten Markt. Moderne Zonen beginnen deshalb, sich in eine andere Richtung zu bewegen. Sie setzen nicht mehr primär auf Anreize, sondern auf Ordnung. Das heisst: Sie erlauben alternative Verwaltungsformen, sie verkürzen Entscheidungswege, sie testen Regulierung jenseits des Status quo. Nicht um den Staat zu umgehen, sondern um ihm zu zeigen, was möglich ist, wenn man Freiräume zulässt. Diese Entwicklung ist leise, aber folgenreich. Sie verschiebt die Logik von Besonderheit durch Erleichterung hin zu Besonderheit durch Gestaltungskraft. Eine Zone wird nicht deshalb attraktiv, weil sie weniger vorschreibt, sondern weil sie besser organisiert ist. Man könnte sagen: Die Sonderwirtschaftszone wird zur Sonderverwaltungszone. Nicht weniger Wirtschaft, sondern mehr Ordnung. Nicht Rabatte, sondern Regeln. Eine *Sonderwirtschaftszone plus* ist keine aufgepumpte Version der alten Modelle, sondern eine neue Kategorie: ein Ort, an dem ein Staat testet, was er sich im grossen Massstab nicht sofort zutraut. **Ein Kanton mit eigener Würze** Damit wird das Konzept plötzlich für Länder interessant, die sich nie als Kandidaten dafür gesehen hätten. Auch für die Schweiz. Nicht, weil sie wirtschaftlich hinterherhinkt (das Gegenteil ist der Fall), sondern weil sie von institutioneller Vielfalt lebt. Gemeinden regeln, was sie können, Kantone unterscheiden sich und der Bund schafft den Rahmen. Föderalismus ist keine Bürde, sondern die strukturelle Basis für politische Innovation im Kleinen. Sonderzonen passen in diese Logik. Sie sind nichts anderes als ein präzise definierter Raum, in dem Unterscheidung erlaubt und erwünscht ist. Die Frage ist daher nicht, ob die Schweiz eine Sonderzone braucht. Sie lautet: In welchem Kanton würde ein solcher Experimentierraum am meisten Sinn ergeben? Und hier drängt sich der Jura auf. Er ist kein Raum, der nach Erleichterungen ruft, sondern einer, der offen dafür ist, eigene Würze in ein bewährtes Grundrezept einzubringen. Das zeigt sich etwa beim Wechsel der Stadt Moutier zum Kanton Jura oder den laufenden [Versuchen](https://sip-baselarea.com/blog-post/the-jura-switzerlands-up-and-coming-strategic-base-for-innovative-startups-and-smes?ref=schweizermonat.ch), institutionelle Rahmenbedingungen für junge Menschen und Projekte neu zu gestalten. Der Jura ist ein politisch geformter Raum. Seine Existenz verdankt er dem Beharren einer Bevölkerung auf Selbstbestimmung. Über ein Jahrhundert lang stritten die Jurassier um ihre Zugehörigkeit. Sprache, Religion und politische Identität bildeten einen Konflikt, der erst durch eine Reihe von Volksabstimmungen gelöst wurde. Der Kanton, der daraus entstand, ist jung, klein und politisch eigenständig. Diese Vergangenheit prägt das Selbstbild bis heute. Der Jura ist keine neutrale Fläche, sondern eine Region, die gewohnt ist, Verantwortung für ihre Ordnung zu übernehmen. Gleichzeitig steht der Kanton wirtschaftlich vor Herausforderungen. Die industrielle Basis ist schmal, die Abwanderung junger Leute ein Problem und es finden sich kaum grosse Arbeitgeber. Es fehlt nicht an Talenten, sondern an Rahmenbedingungen. Genau hier kann ein [neues Rezept](https://www.swissinfo.ch/ger/politik/schweiz-jura-autonomie-befreiungskampf/45028950?ref=schweizermonat.ch) entstehen. Seit Jahren wird Im Jura öffentlich darüber [gesprochen](https://www.swissinfo.ch/ger/politik/schweiz-jura-autonomie-befreiungskampf/45028950?ref=schweizermonat.ch), wie der Kanton attraktivere Rahmenbedingungen schaffen kann. Die Vorschläge reichen von vereinfachten Volksinitiativen bis zu neuen Genossenschaftsmodellen. Eine Sonderzone könnte diese Ansätze bündeln. Wie könnte eine solche Zone aussehen? Sie wäre keine Steuerspielwiese, sondern ein klar umrissener Versuchsraum. Der Bund könnte den Kantonen für eine begrenzte Zeit erweiterte regulatorische Freiheiten gewähren. Der Jura wäre prädestiniert dafür, diese auszunutzen. Schnellere Genehmigungsverfahren, pilotartige Anpassungen im Arbeitsrecht, ein pragmatisches Umweltverfahren, eine vollständig digitalisierte Verwaltung. Oder eine Spezialisierung auf Zukunftsbranchen, die in der klassischen Schweizer Struktur keinen natürlichen Ort haben. Eine Zone, die nicht versucht, Dubai oder Shenzhen zu imitieren, sie wäre kein Bruch mit dem schweizerischen Modell, sondern eine präzise Erweiterung desselben. Ein zusätzlicher Gang im bestehenden Menü, nicht ein Ersatz. Natürlich ist dieser kühne Plan kein Selbstläufer. Es gibt erhebliche Hürden rechtlicher wie politischer Natur. Die Bundesverfassung garantiert einen einheitlichen Wirtschaftsraum, und Ausnahmen müssen sauber konstruiert werden. Ein gutes Rezept lebt von klaren Mengenangaben – und eine Sonderzone auch. Andere Kantone würden sich fragen, warum ausgerechnet der Jura Freiräume erhalten soll. Doch Vielfalt setzt voraus, dass Unterschiede erlaubt sind. Und wenn eine Zone als Labor gedacht wird, ist sie kein Privileg, sondern ein Instrument, von dem alle lernen können. Am Ende entscheidet die Bevölkerung. Ohne Rückhalt im Jura wäre ein solches Projekt nicht legitim. Doch die Region hat Erfahrung darin, eigene Wege zu gehen. Eine Sonderzone wäre keine Abkehr, sondern eine Fortsetzung dieser Tradition. Sie würde institutionelle Innovation nicht von oben verordnen, sondern lokal ermöglichen. **Vielfalt zulassen** Sonderzonen sind kein Werkzeug für Entwicklungsländer. Sie sind ein Instrument für Staaten, die begriffen haben, dass Ordnung nicht durch Einheitlichkeit entsteht, sondern durch die Bereitschaft, Varianten zuzulassen. Die nächste Generation dieser Zonen ist deshalb keine Sonderwirtschaftszone mehr, sondern eine Sonderverwaltungszone. Der Jura wäre ein Ort, an dem man genau das tun könnte. Eine Region, die historisch gelernt hat, für sich einzustehen, könnte zeigen, wie institutionelle Innovation im Kleinen beginnt und im Grossen Wirkung entfaltet. Die Schweiz wäre damit nicht weniger schweizerisch. Im Gegenteil: Sie würde zeigen, dass ihr Erfolg immer daraus entstand, dass man Vielfalt nicht verwaltet, sondern zugelassen hat. Ein gutes Gericht lebt nicht von Gleichheit, sondern von Nuancen. ### KI macht uns geistig faul URL: https://www.schweizermonat.ch/ki-macht-uns-geistig-faul/ Last updated: 2026-02-12T15:09:03.000Z Lernen und Arbeiten sind seit Menschengedenken eine mühselige Sache. Wer eine Sprache oder ein Instrument beherrschen will, leidet viele Jahre. Bürojobs überspannen die Nerven. Unterrichten laugt aus. Die Arbeit auf Baustellen und Äckern oder in Betrieben und Fabriken ist auch heute noch kräftezehrend. Auch ein guter Text kostet Schweiss. So erstaunt es nicht, dass Sigmund Freud in seinem Werk «Das Unbehagen in der Kultur» von einer «natürlichen Arbeitsscheu» des Menschen spricht. Arbeit ist kein Spiel, kein Vergnügen. Ihr haftet «etwas Unfreies» an, eine «letzte Vergeblichkeit», wie Romano Guardini festhält. In seiner Schrift «Der Sonntag» wird Arbeit als «Busse» beschrieben, und zwar für den Ungehorsam des Menschen gegenüber der göttlichen Ordnung. **Der gut gelaunte KI-Assistent** Dank KI-Systemen bricht ein neues, goldiges Zeitalter an. Tätigkeiten, die Intelligenz erfordern, übernimmt der stets gut gelaunte KI-Assistent. Eine Maturaarbeit oder ein journalistischer Text? Delegiert man im Liegen. Ebenso geschenkt eine ärztliche Diagnose oder ein richterliches Urteil. Das aber ist erst der Anfang der Faulenzergesellschaft. Die Big-Tech-Konzerne und ihre smarten Roboter werden uns auch von der körperlichen Plackerei erlösen. Diese Utopie freilich ist ernsthaft dumm. Sie setzt voraus, dass menschliche und künstliche Intelligenz das Gleiche sind. Das ist falsch. KI-Systeme sind nicht lebendig. Sie basieren auf statistischen Folgerungen. Sie sind verurteilt zur Mittelmässigkeit. Das ist keine Absage an KI-Systeme. Ihr grosser Nutzen ist das hyperschnelle Verarbeiten von gigantischen Datenmengen. Sie ermöglichen neue Ansätze in der Grundlagenforschung oder helfen, komplexe industrielle Prozesse zu optimieren. Auch machen sie viele Dienstleistungen sicherer und komfortabler. Davon profitieren Junge genauso wie die wachsende Anzahl Senioren in unserer Gesellschaft. Sinnbild für diese Entwicklung sind selbstfahrende Autos. Im Jahr 2024 gab es allein in der EU über 19 000 Verkehrstote. Der Einsatz von KI-Systemen dürfte künftig dabei helfen, viel Leid zu vermeiden. Ähnliches gilt für andere risikobehaftete Hightech-Anwendungen, die standardisiert besser ablaufen als in der Hand von Menschen, die vielleicht übermüdet oder alkoholisiert sind. **Lebenserfahrung hat ihren Preis** Fortschritt bedeutet aber immer auch Verlust. In Anlehnung an Hans-Georg Gadamer und seinen Aufsatz «Theorie, Technik, Praxis» kann man eine «allgemeine Regel» formulieren: Je «rationaler» unser Leben mit Hilfe von Wissenschaft und Technik organisiert ist, desto weniger üben und schulen wir eigenverantwortliches Handeln. Selbstfahrende Autos werden Verkehrsrüpel und reaktionsverminderte Greise ersetzen, aber auch zum allmählichen Aussterben guter Autofahrer führen. Omnipräsente KI-Systeme beschleunigen diese Entwicklung. Je mehr Aufgaben wir delegieren, desto weniger sammeln wir praktische Erfahrungen. Die Folge: Wir verlernen das selbstständige Entscheiden. Das gilt für das Schulkind genauso wie für die Führungskraft. Der gemeinsame Albtraum: Man sitzt als Patient einem grauhaarigen Arzt gegenüber, der das Erfahrungsniveau eines Pubertierenden besitzt, weil er sein Leben lang alles an eine Maschine delegiert hat, statt durch eigene Erfahrung zu reifen. Die selbstständige Urteilsbildung will kultiviert sein. Lebenserfahrung hat ihren Preis. Sie benötigt Energie, Fleiss und Ausdauer. Und der Volksmund weiss: Durch Fehler wird man klug. Schliesslich kann aus dem Praktikanten ein Meister seines Fachs werden. Gadamer erinnert hier an eine «platonische Weisheit». Je «mehr einer sein Können beherrscht», desto «mehr Freiheit gegenüber diesem Können» besitzt er. Der «Meisterläufer» kann «auch am besten langsam laufen», der «Wissende am sichersten lügen». KI-Systeme dagegen besitzen keine Freiheit gegenüber ihrem statistisch generierten Wissen. Wenn es dumm läuft, halluzinieren sie. Sie können aber nicht lügen. Das Gleiche gilt für Schüler, Studenten und Berufsanfänger. Sie erreichen dank KI scheinbar mühelos das Niveau von Fortgeschrittenen – freilich auf eine teilnahmslose, mittelmässig-automatisierte Weise. Und sie bleiben gegenüber ihrem Scheinkönnen unfrei. **Faulenzerparadies als Trugbild** Gute, ehrliche Arbeit erfordert Wissen und praktische Erfahrung, egal ob Diagnosen, Urteile, Analysen, Beratungen, Konzepte oder Texte. Und das wiederum bedeutet Anstrengung und Schweiss. Das Faulenzerparadies der Big-Tech-Konzerne erweist sich als Trugbild. Dennoch bleiben KI-Systeme aussergewöhnliche Werkzeuge. Entscheidend ist allerdings ihr richtiger Gebrauch. Sie sind kein Ersatz für menschliche Intelligenz oder für die Anstrengungen, die ein menschliches Leben braucht, um zur Reife zu gelangen. Das ins Bewusstsein zu rufen und einen entsprechend lebensdienlichen Umgang mit KI zu finden, das kann an Schulen und Universitäten, in Unternehmen und Einrichtungen gelernt werden. ### Barbaren schlagen die Notenbanker URL: https://www.schweizermonat.ch/barbaren-schlagen-die-notenbanker/ Last updated: 2026-02-20T19:54:56.000Z Barbaren ruinierten das Römische Reich, ihre Reiche schoben sich selbst ab circa 420 über- und hintereinander, aber etwas hielten sie hoch – ihre Währung. Vierhundert Jahre lang trotzte die Goldmünze *Tremissis* dem Chaos auf dem europäischen Kontinent und beherrschte den Handel Europas und Nordafrikas. Vierhundert Jahre behielt sie ihr Goldgewicht von 1,45 Gramm, kein Barbarenreich kratzte daran, fälschte oder inflationierte, nicht die Ostgoten, nicht die Westgoten, Vandalen, Burgunder, Merowinger, Langobarden oder Angelsachsen. Unsere ach so hochstehende Zivilisation fällt dagegen krass ab. Der Dollar als Währung der Weltmacht USA verlor seit 1971 über 99 Prozent seines Goldwerts, von Pfund, Lira oder Franc nicht zu reden. Der Franken, für viele ein Hort der Stabilität, hat, seit die Nationalbank ihn ausgibt (1907), über 90 Prozent an Goldwert verloren. Die Konsumkaufkraft in anderen realen Gütern gerechnet fiel überall ebenso drastisch ab. Die «Inflationsziele» der Notenbanken von zum Beispiel 2% amputieren ein Geldguthaben in 35 Jahren um die Hälfte. **Währung übernommen** Für das Währungswunder des Tremissis gibt es Erklärungen. Es geht von der Währungsreform ab 383 n. Chr. der oströmischen Kaiser Valentinian und Justinian aus, wodurch der *Solidus* als Goldmünze von 4,5 Gramm etabliert wurde. Handlicher war die kleinere Variante eines Drittels des Solidus, eben des Tremissis von 1,45 Gramm Gold. Die Barbarenreiche übernahmen diese Teilmünze und prägten sie über Jahrhunderte selbst weiter, teils mit Justinians Konterfei, teils mit Symbolbildern ihrer Könige. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/02/tremissis-1-kappeler.jpg) Tremissis des letzten weströmischen Kaisers Julius Nepos (etwa 474–475). Bild: Wikimedia Commons. Dass sie den Goldwert nicht manipulierten, kommt aus dem Währungswettbewerb der damaligen Zeit: Es gab keine Einheitswährung, keinen Zwangskurs. Ein neues Reich von Barbarenstämmen musste dringend seine Reputation aufbauen und wahren. Nur mit werthaltigem, stabilem Geld war das zu machen. Nur mit gutem Geld als Tauschmittel kam der Warenhandel wieder langsam in Gang, der nach dem Zerfall des grossen römischen Marktes ins Stocken geraten war. Schliesslich war Gold erstaunlicherweise vorhanden. Die Barbaren hatten in den letzten Jahren des Weströmischen Reiches als Söldner Gold verdient, hatten Gold von Ostrom und Westrom als Tribute abgepresst, hatten geraubt – die Goten 410 bei der Eroberung Roms 5000 Pfund Gold, die Vandalen 455 ebendort ein Mehrfaches, darunter den 50 Kilogramm schweren goldenen Tisch aus Jerusalems Tempel, den Titus für Rom abserviert hatte. Die 165 Tonnen Gold aus dem Dakerkrieg Kaiser Trajans (im heutigen Rumänien) waren natürlich auch in der Geldzirkulation Roms geblieben. Da Westeuropa kaum Goldminen kannte und kennt, dürfte dasselbe Gold von Hort zu Hort, von Raub zu Raub zirkuliert haben. > «Die Kriegsherren waren nicht die Äxte schwingenden wilden Barbaren aus Historienbildern des 19\. Jahrhunderts, sondern nüchterne Rechner.» Ganz wichtig ist eine moderne Erklärung der «Völkerwanderung». Diese Stämme fielen nicht zu Millionen ins Römische Reich ein, sie praktizierten nicht flächendeckende Brandschatzung, sie mordeten nicht römische Bürger wahllos hin. Vielmehr war Westrom bankrott und wehrlos; es lief meist auf einen «Elitentausch» hinaus – ein paar tausend, zehntausend Kriegsherren erhielten Land zugewiesen, oft auch nur das Steuersubstrat gewisser Regionen. Die römische Verwaltung blieb lange intakt, zog diese Steuern weiter ein und lieferte sie statt nach Rom an die Kriegsherren. Der grosse Rest der Völker zog dann nach und musste arbeiten. Die Kriegsherren waren nicht die Äxte schwingenden wilden Barbaren aus Historienbildern des 19\. Jahrhunderts, sondern nüchterne Rechner. Sie sprachen fliessend Latein. Sie kannten die römische Verwaltung und Heerestaktik von Kindsbeinen an: Die Fürstensöhne der Barbaren waren oft unter den Föderatenverträgen der letzten Jahrzehnte Roms als Geiseln am römischen Hofe gewesen. Sie hatten viel abgeguckt und wurden verwöhnt – umgekommene Geiseln hätten Kriege ausgelöst. Diese Kulturübernahme lief nach den Reichsgründungen der Barbaren zu voller Staatlichkeit auf, wozu eben auch eine gute Geldordnung gehörte. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/02/tremissis-2-kappeler.jpg) Tremissis des langobardischen Herzogs von Benevent Arichis II. (zwischen 758 und 787). Bild: Wikimedia Commons. **Kollektive Geldillusion** Die spätantike Geldordnung ging zu Ende, als Karl der Grosse das Langobardenreich 774 eroberte. Aber mit erst späteren, kleinen Abschlägen im Goldwert und dem Ersatz gelegentlich durch Silber dauerte der Tremissis 400 Jahre als Hauptmünze auf dem Boden des alten Westroms. Die heutigen Notenbanker sind Falschmünzer im Vergleich und der amerikanische Präsident insbesondere, wenn er die Geldpolitik selbst bestimmen und den Dollar erklärtermassen weiter schwächen will. Das ist denn auch der Unterschied heutigen Papiergeldes zur damaligen Metallgeldordnung. Die Emittenten, heute die Zentralbanken mit staatlichem Zwangskurs, können die Geldmenge beliebig ausdehnen, es sind eben Fiatwährungen. (Immer noch muss Latein herhalten, damit der moderne Geldpfusch wissenschaftlich tönt: fiat = es werde). Mit der Migration auf Elektronik wird das Ganze noch manipulierbarer. Hilfreich bei dieser kollektiven Geldillusion ist das kurze Gedächtnis, der geschäftliche kurze Horizont der Teilnehmer. Wer schert sich schon darum, dass der Dollar und der Euro innert weniger Jahre 40 Prozent ihrer Konsumkaufkraft verloren haben? Geld wird zur heissen Kartoffel, die man möglichst schnell weiterreicht und in Sachwerte, Wertpapiere steckt. Dass die Banken ihrerseits grossenteils hohl sind, weil sie Einlagen mehrfach weiterleihen, interessiert kaum. Das Ganze dauert ja an, nur wer zuletzt den Besen hält, verliert wie bei der Finanzkrise 2008\. Lehman Brothers, die UBS, fast alle Grossbanken des Westens hatten rote Köpfe, als das Publikum sein Geld sehen wollte. Denn sie hatten das Geld, das ihre Bilanzen auswiesen, gar nicht vorrätig, sondern es lag anderswo im Kreislauf. Fast alle mussten sich von öffentlichen Kassen retten lassen. Unser System des Buchgeldes ist auf das ungebrochene und ungefragte tägliche Weiterdauern angelegt. Doch die Dauer bricht gelegentlich ab wie das alte Westrom mit seiner Geld- und Fiskalverluderung. Vielleicht glänzt auch bei uns, wie in den neuen Barbarenreichen, dereinst das Gold wieder als letzter Währungsanker. Oder private Selbsthilfe wie Goldklauseln in Verträgen, Kryptowerte, [Geldersatz auf realer Hinterlage](https://schweizermonat.ch/in-realen-werten-denken/?ref=schweizermonat.ch), Vollreservebanken, indexierte Obligationen schaffen Remedur, indem sie die vertraglich abgemachten Werte wahren. ### Nicht rassistisch, sondern überfordert: Warum fremde Namen misstrauisch machen URL: https://www.schweizermonat.ch/nicht-rassistisch-sondern-ueberfordert-warum-fremde-namen-misstrauisch-machen/ Last updated: 2026-02-21T10:37:32.000Z Përparim Avdili. Schon der Name des FDP-Kandidaten für den Stadtrat und das Stadtpräsidium in Zürich löst Reaktionen aus. Für manche Rechte ist der 38-Jährige das, was nicht sein darf: gebildet, eloquent, bünzliger als mancher Eidgenosse – nur sein Name passt nicht ins Klischee. Für manche Linke ist sein Name exotisch genug, um Wahllisten zu schmücken, als Beweis zur Schau gestellter Toleranz. Doch Avdili stört auch hier das Narrativ: Er sieht sich nicht als Opfer, sondern als Profiteur eines liberalen Wirtschaftssystems. Er ist, wie Friedrich Hayek es formulierte, Teil jener «spontanen Ordnung», in der nicht Herkunft, sondern individuelle Leistung den Ausschlag gibt. Avdili ist das lebende Beispiel für die Ambivalenz, mit der westliche Gesellschaften fremden Namen begegnen. Und genau diese Ambivalenz offenbart etwas Tieferes als den üblichen Rassismusvorwurf. Es ist ein wiederkehrendes Ritual: Ein aktueller [Gerichtsfall](https://www.spiegel.de/panorama/was-der-fall-humaira-waseem-fuer-hunderttausende-wohnungssuchende-bedeutet-a-de49ce7a-7e72-4f10-b9ef-0ab8f4561ee5?ref=schweizermonat.ch) vor dem Bundesgerichtshof in Deutschland zeigt, dass «Julia Schneider» leichter eine Wohnung findet als «Humaira Vasem». Sofort der Reflex: Die Gesellschaft sei «strukturell rassistisch». Doch dieser Vorwurf ist intellektuell faul, weil er komplexes Verhalten pauschal als moralisches Versagen abstempelt – und ausblendet, wie vielfältig westliche Gesellschaften längst sind. Die Skepsis gegenüber fremden Namen ist selten Ausdruck einer rassistischen Ideologie. Sie ist das Symptom einer Gesellschaft, die mit einem historisch einmaligen Grad an Vielfalt konfrontiert und damit überfordert ist. **Überhang an Diversität** Keine Gesellschaft war je so ethnisch, sprachlich und kulturell durchmischt wie der heutige Westen. In westlichen Metropolen leben Menschen aus allen Kontinenten Tür an Tür. In Schweizer Schulklassen hat es nicht selten Kinder aus 15 verschiedenen Ländern. Und in London gibt es über 300 Sprachen. Zum Vergleich: Die Millionenmetropolen Tokio und Schanghai sind ethnisch äusserst homogen. Dies bringt fundamentale Reibungen mit sich. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen haben unterschiedliche Sozialisierungen, Weltanschauungen, Konfliktlösungsstrategien, Beziehungen zur Gewalt, Vorstellungen von Privatsphäre, Erziehung oder Geschlechterrollen. Diese Unterschiede verschwinden nicht durch eine Willkommenskultur. Sie verschwinden – wenn überhaupt – durch Assimilierung oder die mühsame Schaffung neuer Traditionen. Und das dauert Generationen. Ein Vermieter agiert selten politisch, sondern ökonomisch. Er sucht Stabilität. «Müller» bedeutet: bekanntes Terrain und geringes Reibungspotenzial. «El Ghazzali» löst ein Alarmsignal aus. Namen sind Träger kollektiver Erfahrungen. Das ist unfair gegenüber dem Individuum, aber oft reines Risikomanagement in einer Umgebung mit Dutzenden kulturellen Codes, die einem unmöglich alle bekannt sein können. Die Schweiz basiert auf ungeschriebenen Regeln: Ruhe, Ordnung, Konfliktvermeidung. In einer hyperdiversen Gesellschaft wird diese Grundlage permanent herausgefordert. Die Mehrheitsgesellschaft ist überfordert. Man setzt defensiv auf das Vertraute, um Komplexität zu reduzieren. **Der Fremde zwischen Skepsis und Neugierde** Die These der angeblich rassistisch motivierten Ausgrenzung ignoriert, dass der Fremde nicht nur Skepsis auslöst, sondern auch Neugierde, Wohlwollen und sogar unsichtbare Boni. Ein Grammatikfehler von «Urs Müller»? Wie ungebildet! Bei «Mehmet» hingegen ist der gleiche Fehler wegen der Zweitsprachenhürde entschuldbar. Lücken im Lebenslauf? Beim Schweizer ein Hinweis auf Faulheit. Beim Migranten: eine schwierige Fluchtgeschichte. Hinzu kommen staatliche Förderangebote exklusiv für Migranten. Die Gesellschaft ist nicht feindselig, sondern ambivalent. Der Weg zur Akzeptanz führt nicht über die Moralkeule, sondern über die Normalisierung. Und Normalisierung braucht Zeit. Menschen wie Përparim Avdili ebnen diesen Weg – nicht als Opfer, nicht als Exot, sondern als Beispiel dafür, dass Integration durch Leistung funktioniert, dass das liberale Wirtschaftssystem den Aufstieg ermöglicht. Die Mehrheitsgesellschaft ist nicht böse – sie ist vorsichtig in einer Situation beispielloser Vielfalt. Und Vorsicht überwindet man nur durch positive Erfahrung. ### USA, China, EU: Das Wettrüsten der KI-Regulierung. URL: https://www.schweizermonat.ch/usa-china-eu-das-wettruesten-der-ki-regulierung/ Last updated: 2026-08-10T09:48:02.000Z _No content available._ ### «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative ist falsch und verlogen URL: https://www.schweizermonat.ch/keine-10-millionen-schweiz-initiative-ist-falsch-und-verlogen/ Last updated: 2026-08-06T15:03:02.000Z _No content available._ ### Das Schweigen der Feministinnen URL: https://www.schweizermonat.ch/das-schweigen-der-feministinnen/ Last updated: 2026-04-07T18:24:10.000Z Die *feministische Revolution* im Iran ist nicht nur ein Kampf gegen wirtschaftliche Misere und Diktatur, sondern auch ein gesellschaftlicher Aufstand für Frauenrechte und Menschenwürde. Dafür sind Millionen in der Islamischen Republik auf die Strasse gegangen. Aus der Sicht des Regimes handelt es sich um einen Aufstand gegen Gott; deswegen hat der geistliche Führer Ali Chamenei den Befehl gegeben, mit grösster Härte vorzugehen. Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen gehen von bislang 30 000 getöteten Menschen im Iran aus. Seit Jahren sind sich progressive Muslime einig: Der Feminismus ist, zusammen mit einer historisch-kritischen Koranauslegung, die grösste Hoffnung auf Reformen im Islam. Angesichts dieser Hoffnung, zumal auch im Westen immer mehr Muslime leben, müsste Europa daran interessiert sein, dass sich ein islamischer Feminismus durchsetzt. Leider scheint das keine Priorität der Instagram-Feministinnen hierzulande zu sein. Sie sehen im Kopftuch weniger ein Symbol der Unterdrückung als ein Selbstbestimmungsrecht von Migrantinnen. Beinahe so, als hätte die [Hijab-freundliche Luxuswerbung](https://zaytouna.ch/?srsltid=AfmBOor7nCgeXk8ItFc93kGIkIGXGACNdEznHffWV3mQqQb5fg%5FsMHx-&ref=schweizermonat.ch) für Touristen in Zürich auch Schweizer Frauenrechtlerinnen überzeugt. Diese gehen jedenfalls nicht auf die Strasse, wenn im Iran Frauen unterdrückt, ausgebeutet, misshandelt und im Namen Allahs getötet werden oder wenn junge Muslime nach Europa kommen und hier ebenfalls Frauen vergewaltigen und töten. Unsere Frauenrechtlerinnen kümmern sich lieber um Gendersprache und Quoten für Kaderjobs. Sie demonstrieren Solidarität mit Männern, die sich als Frauen fühlen, und Frauen, die sich als Männer fühlen. Abgekoppelt von der Realität, die Millionen Frauen ausserhalb europäischer Wohlstandsoasen jeden Tag durchleiden, droht der westliche Feminismus zu vergessen, wie starke und mutige Frauen aussehen: Sie sehen aus wie die Frauen im Iran, die ihr Leben riskieren, um die Welt, die sie vorgefunden haben, für künftige Generationen besser zu machen. Die Frauen im Iran sind die Heldinnen unserer Tage. Es ist an der Zeit, sie laut und öffentlich zu unterstützen. Im Bewusstsein, dass sie die Wegbereiterinnen eines fortschrittlichen Islams werden können, ohne den es auch in Europa keine friedliche Koexistenz mit Andersgläubigen und Ungläubigen geben wird. ### Warum die EU der Schweiz beitreten soll URL: https://www.schweizermonat.ch/warum-die-eu-der-schweiz-beitreten-soll/ Last updated: 2026-04-11T11:28:04.000Z Read the English version [here.](https://www.schweizermonat.ch/why-brussels-should-be-applying-to-switzerland-instead/) Warum fällt es repräsentativen Demokratien so schwer, sich selbst Grenzen zu setzen? Weshalb wachsen gesetzliche Regelungen, Behörden und Subventionen weiter, obwohl die Wähler oft das Gegenteil verlangen? Und warum scheint ausgerechnet die Schweiz – fast einzigartig weltweit – dieser Gravitationskraft hin zu einem immer weiter wachsenden Staat widerstehen zu können? Diese Fragen stehen im Zentrum der aktuellen Debatte über demokratische Regierungsführung. Zugleich bilden sie den Kern meines jüngsten Buches «The Deep State Wants a Hug», das dezidiert aufzeigt: Die Demokratie stirbt nicht mit einem Knall und nicht an Wahlabenden. Sie stirbt in den langen, leisen Jahren dazwischen – dort, wo bürokratische Anreize ungestört wirken und politische Kontrolle schleichend nachlässt. Das Buch folgt 20 Sektoren, die in der Grauzone zwischen Gesetz, Bürokratie und Lobbyismus florieren – von Anwälten und Steuerberatern über Zertifizierungsstellen, Tech-Lobbyisten, NGOs und Klima-Storyteller bis hin zu staatlichen Rundfunkanstalten – und zeigt, wie Regeln still und leise zu permanenten Einkommensquellen werden. > «Die Demokratie stirbt nicht mit einem Knall und nicht an Wahlabenden. Sie stirbt in den langen, leisen Jahren dazwischen – dort, wo bürokratische Anreize ungestört wirken und politische Kontrolle schleichend nachlässt» In der gesamten OECD sinkt das Vertrauen in die Regierungen seit fast zwanzig Jahren – und die jüngsten Zahlen zeigen, wie stark die Länder inzwischen auseinanderdriften. Die Schweiz liegt an der Spitze: Rund 62 Prozent der Bevölkerung vertrauen der Bundesregierung, 56 Prozent dem Parlament. Der OECD-Durchschnitt liegt bei rund 39 Prozent für Regierungen und 37 Prozent für Parlamente. Deutschland bewegt sich nahe an diesem Mittel: 36 Prozent vertrauen der Bundesregierung, 35 Prozent dem Bundestag. Frankreich liegt auf ähnlichem Niveau, mit etwa 34 Prozent Vertrauen in beide Institutionen. Grossbritannien fällt deutlich ab: Nur 27 Prozent vertrauen der Regierung, 24 Prozent dem Parlament. Diese Kontraste sind aufschlussreich. Sie zeigen, wo Bürger das Gefühl haben, dass ihre demokratischen Institutionen noch funktionieren – und wo der Eindruck vorherrscht, der Staat sei in eine selbstverstärkende Logik aus Behörden, Programmen und Subventionen geraten, die sich zunehmend vom Willen der Wähler löst. Die Position der Schweiz ist kein Zufall. Ihre Institutionen geniessen Vertrauen nicht, weil sie fehlerfrei wären, sondern weil sie so gestaltet sind, dass die Regierung den Bürgern verpflichtet ist – und sie, wenn nötig, respektieren muss – und nicht umgekehrt. Direktdemokratische Instrumente, verfassungsmässige Schuldenbremsen, transparente Fiskalregeln und eine Kultur der Dezentralisation schaffen ein Rechtssystem, in dem professionelle Lobbyisten aus Wirtschaft und Verwaltung zwar gelegentlich gewinnen können, sich aber nicht ohne öffentliche Zustimmung dauerhaft festsetzen dürfen. > «Die Position der Schweiz ist kein Zufall. Ihre Institutionen geniessen Vertrauen nicht, weil sie fehlerfrei wären, sondern weil sie so gestaltet sind, dass die Regierung den Bürgern verpflichtet ist – und sie, wenn nötig, respektieren muss» Was die staatliche Expansion in der Schweiz begrenzt, ist nicht politische Tugend, sondern ein durchsetzbares institutionelles Design, das im Gesetz verankert ist: - Verbindliche verfassungsmässige «Schuldenbremse» (Artikel 126 BV): Der Bundeshaushalt muss über den Konjunkturzyklus hinweg ausgeglichen sein; die ordentlichen Ausgaben dürfen die ordentlichen Einnahmen strukturell nicht übersteigen. - Ausgabenobergrenzen, gekoppelt an konjunkturbereinigte Einnahmen, mit klaren Aufsichts- und Korrekturmechanismen: Die zulässigen Bundesausgaben werden jährlich anhand einer Formel festgelegt, die die wirtschaftliche Lage berücksichtigt; bei Überschreitungen gleicht ein «Kompensationskonto» die Defizite in späteren Jahren aus. - Ausnahmen für Notfälle – jedoch mit klaren Grenzen und späterer Kompensation: Ausserordentliche Ausgaben, etwa in Krisenzeiten, sind möglich, müssen aber ausdrücklich genehmigt und in den Folgejahren wieder ausgeglichen werden. - Föderale Struktur und kantonale Souveränität (Artikel 3 BV): Die Kantone behalten die Zuständigkeit für alle Angelegenheiten, die nicht ausdrücklich dem Bund übertragen sind; zentrale Politikfelder wie Bildung, Polizei, lokale Steuern oder Infrastruktur bleiben dezentral organisiert. - Direktdemokratische Instrumente (Referenden und Initiativen): Zwar kennt die Schweiz auf Bundesebene kein umfassendes Finanzreferendum für alle Haushaltspositionen. Doch verfügt sie über robuste Instrumente wie Verfassungsinitiativen und Referenden zu Gesetzen, die einer breiten öffentlichen Zustimmung bedürfen – etwa bei Verfassungsrevisionen oder grossen Gesetzesvorhaben. - Rechtsstaatlichkeit und Verhältnismässigkeit staatlichen Handelns (Artikel 5 BV): Die Bundesverfassung schreibt vor, dass staatliches Handeln dem Gemeinwohl dienen, verhältnismässig und rechtlich begrenzt sein muss – willkürliche Machtvermehrung wird dadurch eingeschränkt. - Subventionen sind nicht grundsätzlich verboten (Art. 27 BV – Wirtschaftsfreiheit): Finanzielle Unterstützung ist zulässig, muss jedoch auf einer spezifischen Rechtsgrundlage beruhen (Legalitätsprinzip) und durch ein öffentliches Interesse gerechtfertigt sein, das in einem angemessenen Verhältnis zu den Einschränkungen der wirtschaftlichen Freiheit von Wettbewerbern steht. - Kultur der Fiskaldisziplin, gestützt auf rechtliche Bindung und Volkszustimmung: Die [Schuldenbremse](https://swissvotes.ch/vote/480.00??ref=schweizermonat.ch) wurde 2001 von rund 85 Prozent der Stimmbevölkerung angenommen – ein Ausdruck starker demokratischer Legitimation. All dies ergibt etwas, das den meisten Demokratien fehlt: ein System, in dem Institutionen finanziell so handeln müssen, wie es gesunde Haushalte oder Unternehmen tun. Die Folgen zeigen sich nicht nur in der politischen Kultur, sondern auch in messbaren Ergebnissen. **Die Schweiz bewegt sich einem anderen institutionellen Universum** Ein besonders klarer Indikator ist die Staatsverschuldung gemessen am BIP. Zwischen 2014 und 2024 stieg sie in den USA auf rund 123 Prozent, in Frankreich auf über 116 Prozent und im Vereinigten Königreich auf etwa 93 Prozent. Selbst Deutschland – jahrzehntelang als Musterbeispiel fiskalischer Strenge gepriesen – liegt inzwischen bei rund 64 Prozent. Die Schweiz hingegen senkte ihre Verschuldung im gleichen Zeitraum von rund 43 auf knapp 40 Prozent. Das ist keine kreative Buchführung, sondern Ausdruck einer verfassungsmässigen Begrenzung staatlichen Handelns. Es zeigt: Vertrauen in öffentliche Institutionen ist kein Zufall. Es entsteht dort, wo transparente Regeln, dezentraler Wettbewerb und direkte demokratische Kontrolle wirken – während andere Demokratien weiter treiben. In vielen Demokratien haben Bürger zunehmend das Gefühl, dass Steuergelder verschwendet werden oder staatliche Programme ihre Ziele verfehlen. Dieses Empfinden von Dysfunktion untergräbt Vertrauen, nährt Zynismus und entfremdet die Wähler schrittweise von jenen Institutionen, die ihnen eigentlich dienen sollen. Das ist keine irrationale Frustration: In den meisten repräsentativen Demokratien wächst die rechtliche und fiskalische Maschinerie schneller, als Bürger sie noch überwachen oder wirksam kontrollieren können. Die Mechanik ist bekannt. Gesetze vermehren sich, Subventionen häufen sich. Technische Entscheidungen werden stillschweigend an Ministerien, Regulierungsbehörden und Einrichtungen der Selbstverwaltung delegiert. Verantwortlichkeit fragmentiert, während die Anreize die Ausweitung von Budgets und Zuständigkeiten belohnen – nicht deren disziplinierte Verwaltung. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Wer versteht, wie sich demokratische und rechtliche Komplexität monetarisieren lässt, findet dafür stets Wege – meist in den stillen Jahren zwischen den Wahlen. Mein Buch analysiert dieses Ökosystem: die Berufe und Branchen, die ihr Einkommen daraus beziehen, Regeln zu interpretieren, zu dehnen und zu vermehren. Nicht durch Verschwörung oder Bosheit, sondern durch Anreize, die tief in der rechtlich-institutionellen Architektur repräsentativer Demokratien verankert sind. **Die Schweiz ist nicht perfekt – aber sie ist perfekter** Die Schweiz ist keine Utopie. Auch sie subventioniert die Landwirtschaft, schützt gescheiterte Projekte und versieht mittelmässige Ideen mit eleganten sprachlichen Abkürzungen. Der Bund verfügt über 241 separate Subventionskanäle, über die jährlich fast 47 Milliarden Franken verteilt werden. Mehr als ein Drittel davon gilt als wirtschaftlich zweifelhaft oder gar schädlich: 6,7 Milliarden Franken entfallen auf eindeutig wohlfahrtsmindernde Massnahmen, weitere 31,3 Milliarden auf Programme mit unklarer Wirkung – so der [IWP-Subventionsreport 2023](https://www.schweizermonat.ch/content/files/admin-iwp-swiss/wp-content/uploads/2023/05/iwp-subventionsreport-utm%5Fsource-chatgpt-com.pdf). Der Bericht nennt insbesondere Subventionen für Landwirtschaft, Film, den öffentlichen Verkehr sowie für multilaterale Organisationen in Genf, denen es an einer überzeugenden Rechtfertigung fehlt und die teilweise Hunderte Millionen Franken pro Jahr ausmachen. Auch die Eidgenössische Finanzkontrolle gelangte wiederholt zu ähnlichen [Befunden](https://www.efk.admin.ch/en/audit/subsidies-summary-report-of-past-audits/?ref=schweizermonat.ch): Viele Subventionen werden unzureichend überwacht und begründet, die Rechenschaftspflicht ist schwach, und bei zahlreichen Programmen fehlt eine wirksame Kontrolle. In der Schweiz gibt es zwar Subventionen, doch sie geraten selten ausser Kontrolle. Dafür sorgen harte institutionelle Grenzen: Die Schuldenbremse erzwingt Prioritäten, der Föderalismus verteuert Rent-Seeking, die direkte Demokratie verleiht den Wählern ein Vetorecht, und das Legalitätsprinzip verhindert, dass Subventionen zu dauerhaften Lobby-Strukturen im öffentlichen wie privaten Sektor werden. Die Schweiz bewegt sich damit näher an einem System, das sich selbst korrigieren kann, als viele formale Demokratien, die faktisch zunehmend unkontrollierbar werden. Selbst wenn die Schweiz Fehler macht, bleiben sie meist begrenzt. Besser unvollkommen mit direktdemokratischer und fiskalischer Disziplin als scheinbar perfekt mit Blankoschecks. Das Schweizer Steuersystem ist nicht transparent. Es gleicht einem Labyrinth aus kantonalen Sätzen, Abzügen und progressiven Belastungen. Doch anders als in Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien wird diese Undurchsichtigkeit nicht genutzt, um Arbeiter oder Vermögende schleichend zu enteignen. Die Intransparenz wird in der Schweiz gerade deshalb toleriert, weil die Steuersätze niedrig sind. Undurchsichtig und niedrig wirkt wie imperfektes Design. Undurchsichtig und hoch dagegen wie Enteignung. Und genau diese Kombination aus hoch und undurchsichtig ist es, die das Vertrauen der Bürger in Parlamente und Regierungen zerstört – weshalb es in den meisten OECD-Ländern eingebrochen ist, in der Schweiz jedoch weitgehend stabil geblieben ist. **Abbau von Berufsprivilegien** In zahlreichen Demokratien existieren Berufsgruppen mit dauerhaft abgesicherter Sonderstellung, gestützt auf Lebenszeitbeschäftigung, privilegierte Altersversorgung sowie formelle und informelle Reformbarrieren. Das [deutsche Beamtensystem](https://www.fr.de/panorama/altersvorsorge-angestellte-beamte-kritik-pensionen-rente-gehalt-neid-ruhestand-zr-93535814.html?ref=schweizermonat.ch) ist ein besonders ausgeprägtes Beispiel: lebenslange Anstellung, überdurchschnittliche Pensionsansprüche und ein politisches Umfeld, in dem Reformvorschläge regelmässig moralisch delegitimiert werden. Die Schweiz ging einen anderen Weg. Historisch waren viele öffentliche Funktionen – einschliesslich Lehrer und anderer «öffentlicher Dienstleister» – mit einem öffentlich-rechtlichen Status und überproportionalen Schutzrechten ausgestattet. Seit den 1990er-Jahren wurden diese Regelungen jedoch schrittweise abgebaut. Der klassische Beamtenstatus wich vertragsbasierten Anstellungen nach öffentlichem Recht. Kompetenz, nicht Kaste, wurde zum Leitprinzip. Die Dienstleistungen funktionierten weiter, und der Respekt vor den Berufen blieb erhalten. Das zugrunde liegende Schweizer Prinzip ist einfach: Öffentliche Funktionen müssen dem Gemeinwohl dienen, nicht sich selbst. Genau vor dieser Art institutioneller Reform schrecken die meisten repräsentativen Demokratien zurück – und das ist einer der Gründe, weshalb die öffentlichen Institutionen der Schweiz vertrauenswürdiger, rechenschaftspflichtiger und letztlich demokratisch legitimer bleiben. Die Legitimität der SRG – und damit auch von SRF – gründet nicht primär in der Finanzierung durch öffentliche Mittel, sondern in ihrer Akzeptanz durch Volksabstimmungen. 2025 steht fest: Die SRG muss bis 2029 rund 900 Stellen abbauen, ausgelöst durch reduzierte Gebühren, digitale Disruption und den politischen Druck zu mehr Wirtschaftlichkeit. Einen öffentlichen Sender in Umfang, Kosten und Personal zu verkleinern – und das ohne existentielle Krise – wäre in Deutschland oder bei der BBC kaum vorstellbar. In der Schweiz hingegen machen gesetzliche Grenzen und demokratische Legitimation solche Anpassungen politisch möglich. Die No-Billag-Abstimmung war kein Sieg der Ideologie, sondern der Legitimität. Sie zeigte: Subventionen bestehen nur dort, wo Vertrauen vorhanden ist – und wenn Zwänge wirken, passt sich die Schweiz an, statt zu eskalieren. **Was wir daraus lernen** Die Schweiz ist nicht das biblische Land von Milch und Honig und keineswegs frei von Bürokratie, Subventionen oder Ineffizienzen. Doch sie hat etwas erreicht, das unter repräsentativen Demokratien äusserst selten ist: eine verfassungsmässige Struktur, die sich zwischen Macht und Drift schiebt. Das Schweizer System macht die Regierung den Bürgern verantwortlich – nicht die Bürger der Regierung. Die Schweizer dürfen stolz sein. Sie haben eine politische Ordnung geschaffen, die im Ausland bewundert wird, deren Umsetzung dort jedoch am fehlenden Willen oder politischen Druck scheitert. Fiskalische Disziplin ist in der Schweiz durchsetzbar, nicht bloss rhetorisch. Bürger sind keine Zuschauer, sondern Miteigentümer der Institutionen. Macht ist breit verteilt, nicht gehortet. Und Rechenschaftspflicht ist real – nicht theatralisch. Europäer – und andere – sollten daraus lernen. Die Schweiz muss nicht der Europäischen Union beitreten. Eher sollte sich Brüssel bei der Schweiz bewerben – oder sich ihr zumindest annähern. Echte Vetorechte, durchsetzbare Fiskalregeln, Dezentralisierung und strukturelle Verantwortung sind keine alpinen Traditionen. Sie sind die fehlenden Sicherheits-Updates für europäische Demokratien. Nun ist Deutschland mein Heimatland. Was also sollten meine Landsleute tun? > «Die Schweiz muss nicht der Europäischen Union beitreten. Eher sollte sich Brüssel bei der Schweiz bewerben – oder sich ihr zumindest annähern» Zunächst gilt es, die grosse Illusion zu vermeiden, Deutschland lasse sich innerhalb seiner heutigen politischen Architektur grundlegend reformieren. Das System ist nicht defekt, sondern starr. Gesetze verschwinden nicht, sie vermehren sich. Reformen münden meist in der Bewahrung des Status quo. Gesetzlich verankerte Privilegien – insbesondere im öffentlichen Sektor – werden kaum je ernsthaft infrage gestellt. Die Bürokratie wächst, statt sich anzupassen. Wirtschaftliche Chancen werden gedämpft, nicht entfesselt. Was bleibt also für Deutsche – und für alle anderen, die in der starren Maschinerie repräsentativer Demokratien gefangen sind? Man kann das Land verlassen. Man kann versuchen, sich über Kryptowährungen wirtschaftliche Freiräume zu schaffen. Oder man liest mein Buch – lacht, weint vielleicht gelegentlich – und versteht, weshalb die Schweizer Verfassungsarchitektur dem realistischsten Modell funktionierender demokratischer Praxis am nächsten kommt. Oder man organisiert selbst etwas, das unmöglich erscheint: Kampagnen für eine echte Systemreform und eine verfassungsmässige Neugestaltung, die Deutschland institutionell der Schweiz annähert – vielleicht nicht kulturell, aber strukturell. Wenn das unrealistisch klingt, gut. Politischer Realismus ist allzu oft die Kunst, Erwartungen so weit zu senken, bis sich nichts mehr ändert. > «Politischer Realismus ist allzu oft die Kunst, Erwartungen so weit zu senken, bis sich nichts mehr ändert.» Bis dahin bleibt eine einfache Empfehlung: das Buch lesen. «The Deep State Wants a Hug: How to Lobby Like Crazy and Make Money by Law». Es zeigt, wie moderne Demokratien in den langen Zwischenzeiten zwischen Wahlen still unterwandert werden. Es analysiert auf unterhaltsame Weise, wie ganze Industrien rechtliche Komplexität in verlässliche Einkommensströme verwandeln. Und es argumentiert: Nicht kulturelle Besonderheiten entscheiden über den Erfolg demokratischer Ordnungen, sondern institutionelle Regeln – vor allem solche, die direkte demokratische Kontrolle ermöglichen. In der Zwischenzeit, lies einfach das Buch.[**The Deep State Wants a Hug: *How to Lobby Like Crazy and Make Money by Law***](https://www.amazon.com/Deep-State-Wants-Hug-seriously/dp/3982779901?ref=schweizermonat.ch) ### «Die Politik lebt in einer schizophrenen Situation» URL: https://www.schweizermonat.ch/christoph-schaltegger-die-politik-lebt-in-einer-schizophrenen-situation/ Last updated: 2026-08-10T09:48:02.000Z _No content available._ ### Die Ärmsten frieren heute weniger als einst die Könige URL: https://www.schweizermonat.ch/die-aermsten-frieren-heute-weniger-als-einst-die-koenige/ Last updated: 2026-02-04T15:54:26.000Z Im Winter, wenn es draussen kalt ist, ist die Verlockung gross, im gemütlichen Heim zu bleiben. Dieses Verhalten erscheint uns selbstverständlich – tatsächlich ist es eine moderne Entwicklung. In [«Le Peuple des frileux»](https://www.grasset.fr/livre/le-peuple-des-frileux-9782246839101/?ref=schweizermonat.ch) zeigen die Historiker Olivier Jandot und Renan Viguié, dass «es erst seit etwa fünfzig Jahren Zentralheizungen gibt, die das Haus in einen gemütlichen Rückzugsort verwandeln». Diese Entwicklung verändert unser Leben grundlegend. Im 19\. Jahrhundert war es nicht ungewöhnlich, dass Menschen, die im Winter keine ausreichend warme Kleidung hatten, Erfrierungen an Füssen, Händen, Nase oder Ohren davontrugen. Ihre Lage war zwar prekärer als die der übrigen Gesellschaft, doch sie waren bei Weitem nicht die einzigen, die unter der Kälte litten. Jeder etwas härtere Winter hinterliess Todesopfer, die erfroren am Strassenrand lagen oder erst im Frühjahr, wenn der Schnee geschmolzen war, entdeckt wurden. Auf Reisen war das Risiko zu sterben noch grösser. Es wurde als Schicksal hingenommen. Menschen entwickelten verschiedene Strategien, um dieser Kälte zu trotzen. Eine davon war, die Kleidung zu verbessern oder weiterzuentwickeln, sodass sie Wärme besser speichern konnte. So jagte man beispielsweise bis ins 19\. Jahrhundert hinein Bären in erster Linie wegen ihres warmen Fells. Ausserdem versuchte man, schlecht isolierte Häuser besser zu heizen. Diese Massnahmen betrafen die gesamte Menschheit, unabhängig vom sozialen Status. So wird erzählt, dass im Winter 1709 der Wein am Tisch Ludwigs XIV. gefror. Ein anderer König wachte mit einem vereisten Schnurrbart auf. ## Sich gemeinsam langweilen Während eine schlecht beheizte Wohnung heutzutage die Ausnahme ist, war dies im 17\. und 18\. Jahrhundert für alle (oder fast alle) Alltag. Als Reaktion darauf organisierten sich die ländlichen Gesellschaften so, dass mehr Menschen als nur die Bewohner des Hauses von der Wärme profitieren konnten. Die Abende am Feuer wurden nicht aus Geselligkeit organisiert, sondern weil man sich keine angemessene Heizung für das eigene Zuhause leisten konnte. > «So wird erzählt, dass im Winter 1709 der Wein am Tisch Ludwigs XIV. gefror. Ein anderer König wachte mit einem vereisten Schnurrbart auf.» In unseren individualistischeren Gesellschaften werden diese Praktiken romantisiert, doch in Wirklichkeit waren sie schwer zu ertragen. Das Buch [«Au bon vieux temps»](https://www.babelio.com/livres/Cocquet-Au-bon-vieux-temps/1097441?ref=schweizermonat.ch) erinnert daran, dass «die Abendgesellschaften von einst vor allem eine Zeit der gemeinsamen Langeweile waren». Die Menschen hatten sich während dieser langen Winterabende nicht viel zu sagen. Die Kälte betraf natürlich alle, aber ganz besonders diejenigen, deren Beruf keine grosse Bewegung erforderte: «Die Kälte ist der innige Feind der Intellektuellen der Antike, all jener, die ihre Tage unbeweglich, mit der Feder in der Hand, an ihrem Schreibtisch sitzend verbringen – Kleriker, Richter, Akademiker, Schriftsteller – und versuchen, sich, so gut es geht, davor zu schützen.» Wie viele grossartige Bücher oder Erfindungen sind der Menschheit aufgrund fehlender Heizung und gefrorener Tinte vorenthalten geblieben? Ironischerweise kommen heute die Forderungen, Heizungen herunterzudrehen oder bestimmte Energielösungen ohne Erfolgsgarantie politisch durchzusetzen, genau aus jenen Kreisen, die früher am meisten darunter litten: von den Intellektuellen und Geistesarbeitern. Dabei ist gerade eine moderne, dienstleistungsorientierte Wirtschaft in den kalten Monaten stark auf eine leistungsfähige Heizung angewiesen. Das scheinen wir etwas vergessen zu haben. *Diese Kolumne erschien zuerst auf Französisch in «*[*Le Temps*](https://www.letemps.ch/opinions/chroniques/vous-passez-de-meilleurs-hivers-que-louis-xiv?ref=schweizermonat.ch)*».* ### Ist die Schweiz bereit für 10 Millionen Einwohner? URL: https://www.schweizermonat.ch/ist-die-schweiz-bereit-fuer-10-millionen-einwohner/ Last updated: 2026-08-10T09:48:03.000Z _No content available._ ### In der Utopie braucht es keine Schuldenbremse URL: https://www.schweizermonat.ch/in-der-utopie-braucht-es-keine-schuldenbremse/ Last updated: 2026-08-10T09:48:03.000Z _No content available._ ### Das Parlament sollte die EU-Verträge dem Ständemehr unterstellen URL: https://www.schweizermonat.ch/das-parlament-sollte-die-eu-vertraege-dem-staendemehr-unterstellen/ Last updated: 2026-02-02T16:36:04.000Z Voraussichtlich am 6\. Juni 2027 werden die Stimmberechtigten über das Paket Schweiz-EU, auch Bilaterale III genannt, abstimmen. Verfassungsrechtlich ist umstritten, auf welchem Weg diese Volksabstimmung herbeigeführt und welche Mehrheitsregel gelten wird. Es geht darum, ob das Parlament den Genehmigungsbeschluss über das Paket Schweiz-EU dem obligatorischen oder dem fakultativen Referendum unterstellt: *Darf* das Parlament das Paket Schweiz-EU überhaupt dem obligatorischen Referendum unterstellen? Und wenn es dies darf: *Muss* es dies tun? **Das Ständemehr ist selten entscheidend** Zwischen dem obligatorischen und dem fakultativen Referendum bestehen zwei massgebliche Unterschiede. Der erste Unterschied: Beim obligatorischen Referendum kommt es zwingend zu einer Volksabstimmung. Beim fakultativen Referendum kommt es hingegen nur zu einer Volksabstimmung, wenn dies 50’000 Stimmberechtigte innerhalb von 100 Tagen verlangen. Der zweite Unterschied: Beim obligatorischen Referendum gilt eine andere Mehrheitsregel als beim fakultativen Referendum. Im Wege des obligatorischen Referendums wird eine Vorlage Volk *und* Ständen zur Abstimmung unterbreitet. Beim fakultativen Referendum werden die Gegenstände einzig dem Volk zur Abstimmung vorgelegt. Häufig spielt die unterschiedliche Mehrheitsregel im Ergebnis keine Rolle. Seit 1848 scheiterten lediglich 10 Vorlagen von 227 allein am Ständemehr, obwohl sie also das Volksmehr erreicht hatten. Letztmals war dies bei der Konzernverantwortungsinitiative 2020 der Fall. Die im Ergebnis meist irrelevante Mehrheitsregel des Ständemehrs schlägt sich nun aber in der Diskussion über das Paket Schweiz-EU nieder. Denn einige Augurinnen und Auguren gehen davon aus, dass es ein Volksmehr geben, das Ständemehr aber gegen das Paket ausfallen könnte. **Der Ständerat könnte das obligatorische Referendum erzwingen** Das Vernehmlassungsverfahren wurde am 31\. Oktober 2025 abgeschlossen. Als nächstes wird der Bundesrat voraussichtlich im März die Botschaft an das Parlament verabschieden. Der Ständerat dürfte in der Sommersession über das Geschäft diskutieren. Dann wird wohl in der Herbstsession der Nationalrat folgen. Spannung verspricht vor allem die Debatte im Ständerat. Wenn der Ständerat sich für das obligatorische Referendum ausspricht, dürfte die Referendumsfrage auch einen heissen Herbst im Nationalrat auslösen. Bei Uneinigkeit der Räte käme es zu einer Differenzbereinigung. Letztlich könnte der Ständerat durch Beharrlichkeit das obligatorische Referendum erzwingen. > «Der Ständerat dürfte in der Sommersession über das Geschäft diskutieren. Dann wird wohl in der Herbstsession der Nationalrat folgen.» **Nicht überzeugendes Gutachten** Darf die Bundesversammlung, also das aus National- und Ständerat bestehende Parlament, das Paket Schweiz-EU überhaupt dem obligatorischen Referendum unterstellen? Dies ist die erste zentrale Frage. Die Frage der Zulässigkeit war lange kein Thema in der Diskussion. Sie wurde aber durch das Gutachten des Bundesamtes für Justiz (BJ) «Das Staatsvertragsreferendum im Bundesverfassungsrecht» vom 27\. Mai 2024 zum wesentlichen rechtlichen Argument der Befürworterinnen und Befürworter des fakultativen Referendums. In dem Gutachten wird die These aufgestellt, die verfassungsrechtliche Zulässigkeit des in der Vergangenheit von Parlament und Bundesrat anerkannten obligatorischen Referendums sei fraglich. Denn die Bundesversammlung als Teil des Verfassungsgebers habe die bundesverfassungsrechtliche Verankerung dieser Möglichkeit im Jahr 2021 (erneut) abgelehnt. Das System der Volksrechte gehe davon aus, dass die Bundesverfassung die Rechte von Volk und Ständen abschliessend regle. Es handle sich dabei um verfassungsmässige Rechte, die Volk und Ständen zustünden und ihnen nicht bloss von den Bundesbehörden eingeräumt werden könnten. Anders lautendes Verfassungsgewohnheitsrecht bestehe nicht. Im Widerspruch dazu argumentiere ich, dass es dem Parlament sehr wohl nach wie vor erlaubt ist, wichtige völkerrechtliche Abkommen über die ausdrücklich in der Bundesverfassung genannten Tatbestände hinaus, dem obligatorischen Referendum zu unterstellen. Man bezeichnet dies als obligatorisches Staatsvertragsreferendum *sui generis*. Also ein Referendum eigener Art für besonders wichtige Abkommen, um auf jeden Fall zwingend eine Volksabstimmung durchzuführen und durch das Ständemehr eine erhöhte Legitimationswirkung zu erzielen. > «Im Widerspruch dazu argumentiere ich, dass es dem Parlament sehr wohl nach wie vor erlaubt ist, wichtige völkerrechtliche Abkommen über die ausdrücklich in der Bundesverfassung genannten Tatbestände hinaus, dem obligatorischen Referendum zu unterstellen.» Dreh- und Angelpunkt der Diskussion sind die Ereignisse im Jahr 2021\. Damals lehnte der Nationalrat – im Unterschied zum befürwortenden Ständerat – die Vorlage des Bundesrates zum obligatorischen Referendum für völkerrechtliche Verträge mit Verfassungscharakter (Änderung von Art. 140 der Bundesverfassung) ab. Das Gutachten des BJ wäre nur dann schlüssig, wenn sich aus dieser Ablehnung der Reform ein Verbot des obligatorischen Staatsvertragsreferendums sui generis ableiten liesse. Das Gegenteil ist der Fall. Das obligatorische Staatsvertragsreferendum sui generis ist das Ergebnis einer 100jährigen Entwicklung. Seit der Volksabstimmung über den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund 1920 tauchte das obligatorische Referendum sui generis in Staatspraxis und Rechtslehre auf. Es konkretisierte sich mit der Volksabstimmung über das Freihandelsabkommen der Schweiz mit der heutigen EU im Jahr 1972 und vor allem bei der Volksabstimmung über den EWR-Beitritt im Jahr 1992. Der Bundesrat bestätigte die Existenz des obligatorischen Staatsvertragsreferendums sui generis in der Botschaft zur neuen Bundesverfassung, die am 1\. Januar 2000 in Kraft trat. Selbst im erläuternden Bericht zur Vernehmlassung über das Paket Schweiz-EU vom Sommer 2025 geht der Bundesrat vom Fortbestand des obligatorischen Referendums sui generis aus. Auf Seite 888 heisst es dort wörtlich: «Die grundsätzliche Frage eines obligatorischen Staatsvertragsreferendums sui generis bleibt durch den Entscheid des Bundesrates unberührt.» Die Äusserungen des Bundesrates sind aber ohnehin nur ein Vorschlag. Sie binden das Parlament nicht. Und das Parlament behielt sich die Befugnis vor, einen Staatsvertrag dem obligatorischen Referendum sui generis zu unterstellen. Es bestätigte ausdrücklich die bisherige Praxis. Daher ist es rechtlich nicht überzeugend, die Unterstellung des Pakets unter das fakultative Referendum allein mit einem angeblichen Verbot des obligatorischen Referendums zu begründen. Der Ständerat stimmte einer Ausweitung des obligatorischen Referendums auf Staatsverträge mit Verfassungscharakter im Verfassungstext zu. Daraus kann man ableiten, dass der Ständerat erst recht die bis dahin bestehende Staatspraxis fortführen wollte. Auch die ablehnende Mehrheit im Nationalrat bekannte sich ausdrücklich zum Fortbestand des obligatorischen Referendums sui generis. Das Parlament *darf* also das Paket Schweiz-EU dem obligatorischen Referendum unterstellen. **Abkommen mit Verfassungscharakter** Sind die Voraussetzungen für das obligatorische Staatsvertragsreferendum sui generis erfüllt? Der Bundesrat formulierte in ständiger Praxis: «Ein völkerrechtlicher Vertrag ist dann dem Referendum sui generis zu unterstellen, wenn er entweder tiefgreifend in die verfassungsrechtliche Ordnung eingreift, eine grundsätzliche Änderung der schweizerischen Aussenpolitik mit sich bringt oder sehr bedeutende sachliche oder politische Gründe dafür sprechen.» Von einem (tiefgreifenden) Eingriff in die verfassungsrechtliche Ordnung ist laut Bundesrat stets dann auszugehen, wenn eine Bestimmung eines völkerrechtlichen Vertrags «Verfassungscharakter» hat, die «verfassungsmässige Ordnung tangiert» beziehungsweise von solcher Bedeutung ist, dass ihm Verfassungsrang zukommt. Es stellt sich also die Frage, ob das Paket Schweiz-EU Verfassungscharakter hat. Hierfür gibt es mehrere Anhaltspunkte. Der Zuwanderungsartikel Art. 121a BV könnte durch die Ausweitung der Personenfreizügigkeit verletzt werden. Das Schiedsgerichtsmodell unter Einbezug des Gerichtshofes der Europäischen Union könnte die Stellung des Bundesgerichts tangieren. Problematisch ist auch die Zuständigkeit des Bundes für die Überwachung staatlicher Beihilfen der Kantone und Gemeinden. Die staatspolitisch bedeutsamsten Änderungen für das Parlament und für die Stimmberechtigten sind die Pflicht der Schweiz zur dynamischen Rechtsübernahme und die Einschränkung der politischen Gestaltungsspielräume aufgrund des Vorrangs des bilateralen Rechts. **Grundlegende Neuerung** Die wichtigste Neuerung im Paket Schweiz-EU ist die dynamische Rechtsübernahme. Beim Freizügigkeitsabkommen (FZA) greift die dynamische Rechtsübernahme in Verbindung mit einer weiteren Neuerung: der Integrationsmethode. Die dynamische Rechtsübernahme in Verbindung mit der Integrationsmethode hat unter mehreren Gesichtspunkten Verfassungscharakter. > «Die wichtigste Neuerung im Paket Schweiz-EU ist die dynamische Rechtsübernahme.» Im Unterschied zu heute wäre die Schweiz auf dem Gebiet des FZA, des Landverkehrsabkommens und der weiteren Binnenmarktabkommen verpflichtet, jede Änderung des EU-Rechts zu übernehmen. Hat die EU eine Änderung ihrer Rechtsakte beschlossen, teilt sie dies der Schweiz mit. Im Gemischten Ausschuss *muss* die Schweiz dieser Änderung durch die Übernahme in die bilateralen Verträge zustimmen. Braucht es die Zustimmung von Parlament und Volk, steht diese Zustimmung im Gemischten Ausschuss unter Vorbehalt. Aber auch Parlament und Volk sind *verpflichtet*, der Übernahme des geänderten EU-Rechts innerhalb von drei Jahren zuzustimmen. Die Schweiz *kann* zwar die Rechtsübernahme ablehnen, aber sie *darf* es nicht. Tut sie es dennoch, ist die EU daher berechtigt, Ausgleichsmassnahmen gegen die Schweiz zu ergreifen. Wie solche Ausgleichsmassnahmen aussehen, ist in den Verträgen nicht geregelt. Die Pflicht zur Rechtsübernahme ist im Bereich des FZA im Vergleich zu heute einschneidender. Es gilt nämlich die bisher unbekannte Integrationsmethode. Nach der Integrationsmethode werden Rechtsakte der Union, die in das Abkommen integriert werden, durch ihre Integration Teil der Schweizer Rechtsordnung. Es braucht also keine Umsetzung mehr in Schweizer Recht. Eine solche wäre nicht einmal zulässig. Die schweizerischen Behörden in Bund, Kantonen und Gemeinden wenden das EU-Recht im Verhältnis zu den Bürgerinnen und Bürgern direkt an. Der Mechanismus entspricht der Anwendung von EU-Verordnungen durch die nationalen Behörden in den EU-Mitgliedstaaten. Diese Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme wirkt sich auf die Entscheidungsspielräume des Parlaments und die Abstimmungsfreiheit der Stimmberechtigten aus. Das parlamentarische Verfahren wird im Anwendungsbereich der bilateralen Verträge verändert. Das Initiativrecht liegt nicht mehr beim Bundesrat und dem Parlament selbst, sondern bei der EU-Kommission. Das Vernehmlassungsverfahren, die Diskussionen der vorberatenden Kommissionen beider Räte und die Debatte im Plenum werden auf die Alternative Ja/Nein reduziert. Änderungsanträge sind nicht mehr möglich. Und eigentlich darf das Parlament die Rechtsübernahme nicht einmal ablehnen, denn es ist dazu verpflichtet. So bestimmen es die neuen bilateralen Verträge. Diese Wirkungsweise setzt sich für die Stimmberechtigten fort. Wird gegen einen vom Parlament übernommenen Rechtsakt das Referendum ergriffen, kommt es zur Volksabstimmung. In einem solchen Fall sind die Stimmberechtigten völkerrechtlich verpflichtet, der Rechtsübernahme zuzustimmen. Völkerrechtlich *müssen* sie also mit Ja stimmen. Natürlich kann man sie dazu nicht zwingen, sie *können* trotzdem mit Nein stimmen. Es ist aber absehbar, dass der Bundesrat die Stimmberechtigten in den Abstimmungserläuterungen eindringlich dazu auffordern wird, ihren völkerrechtlichen Pflichten nachzukommen. Als Anschauungsbeispiel hierfür dient die Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme im Bereich von Schengen/Dublin, wo diese heute schon gilt. Hier kam es dreimal zu einer Volksabstimmung. Das Volk stimmte jedes Mal zu, sodass wir nicht wissen, was im Fall einer Ablehnung passiert wäre. Die drei bisherigen Volksabstimmungen in Bezug auf die Übernahme von EU-Rechtsakten im Rahmen von Schengen/Dublin belegen aber die strukturelle Gefährdung der Abstimmungsfreiheit. Der Bundesrat argumentierte stets mit dem drohenden Ausschluss aus Schengen/Dublin im Fall einer Ablehnung der Vorlage durch die Stimmberechtigten. Das letzte Beispiel ist die Volksabstimmung vom 15\. Mai 2022 über die Übernahme der Neuerungen bei der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Es ist davon auszugehen, dass bei Referenden über dynamisch zu übernehmende Rechtsakte ein umfangreicher Teil des Argumentariums in den Abstimmungserläuterungen daraus bestünde, dass die Schweiz zur Übernahme verpflichtet sei und im Fall der Ablehnung Ausgleichsmassnahmen derzeit unbekannten Inhalts zu erwarten seien. Diese könnten zu Schäden in Milliardenhöhe für die Schweizer Volkswirtschaft führen. Somit wäre die freie Willensbildung der Stimmberechtigten in Bezug auf den sachlichen Inhalt der zu übernehmenden Rechtsakte beeinträchtigt. Ihre Stimmabgabe würde nicht mehr ungeachtet der Pflicht zur Rechtsübernahme und der rechtlich zulässigen Ausgleichsmassnahmen erfolgen. > «Somit wäre die freie Willensbildung der Stimmberechtigten in Bezug auf den sachlichen Inhalt der zu übernehmenden Rechtsakte beeinträchtigt.» **Vorrang der bilateralen Verträge** Das Parlament und mittelbar auch die Stimmberechtigten mit ihrem Initiativrecht wären über die Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme hinaus vom Vorrang des EU-Rechts betroffen. Neu erlassene Gesetze, die gegen die bilateralen Verträge verstossen, würden nicht angewendet. Denn das Bundesgericht räumt den bilateralen Verträgen in ständiger Rechtsprechung Vorrang vor den nationalen Gesetzen ein. Da EU-Recht aufgrund der Integrationsmethode unmittelbar gilt, müsste jede eidgenössische, kantonale und kommunale Behörde das EU-Recht anstelle des widersprechenden Bundesgesetzes anwenden. Der Vorrang des bilateralen Vertragsrechts beziehungsweise des EU-Rechts würde sich beispielsweise bei der vom Bundesrat vorgeschlagenen einseitigen Anrufung der Schutzklausel auswirken. Gemäss neuem FZA ist die Aktivierung der Schutzklausel nur zulässig, wenn das Schiedsgericht dem zustimmt. Der Bundesrat sieht im Gesetzentwurf demgegenüber vor, dass er die Schutzklausel auch bei einer Ablehnung durch das Schiedsgericht anwenden kann. Behält das Bundesgericht seine Rechtsprechung bei, würde es in einem migrationsrechtlichen Fall die Schutzklausel nicht anwenden, sondern das EU-Recht. Ein weiteres aktuelles Beispiel betrifft vor allem die Zentralschweiz. Es geht um die Motion Chiesa zur Einführung einer verkehrsabhängigen Durchfahrtsabgabe für den Transitverkehr von Grenze zu Grenze auf Schweizer Strassen. Der Vorstoss ist vom Ständerat in der Herbstsession angenommen und kürzlich auch von der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrates befürwortet worden. Hierin könnte ein Verstoss gegen FZA und Landverkehrsabkommen liegen. Ist das Bundesgericht dieser Auffassung, würde es eine künftige gesetzliche Bestimmung nicht anwenden. Alle betroffenen EU-Staatsangehörigen könnten somit auf dem Rechtsweg die entrichtete Durchfahrtsabgabe zurückverlangen. Nach einem entsprechenden Präzedenzurteil würden die schweizerischen Behörden bei EU-Staatsangehörigen wohl auf die Erhebung der Durchfahrtsabgabe verzichten. Der Vorrang der bilateralen Verträge und die Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme tangieren somit das verfassungsrechtlich vorgesehene Gesetzgebungsverfahren und auch anschliessende Volksabstimmungen. Betroffen sind die Handlungsmöglichkeiten des Parlaments und die Abstimmungsfreiheit der Stimmberechtigten. Dies verleiht einem Kernelement des Pakets Schweiz-EU Verfassungscharakter. > «Der Vorrang der bilateralen Verträge und die Pflicht zur dynamischen Rechtsübernahme tangieren somit das verfassungsrechtlich vorgesehene Gesetzgebungsverfahren und auch anschliessende Volksabstimmungen.» Wendet das Parlament die bisher, beispielsweise beim EWR zugrunde gelegten Kriterien an, *muss* es das Paket Schweiz-EU dem obligatorischen Referendum unterstellen. Da diese Kriterien aber nicht in der Verfassung geregelt sind, könnte das Parlament ohne Verfassungsänderung davon abweichen. Es könnte seine Praxis anlässlich des Pakets Schweiz-EU ändern. *Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 28\. Januar auf Einladung des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern gehalten hat.* ### Von der Konsensdemokratie zur Faulen-Kompromiss-Demokratie URL: https://www.schweizermonat.ch/von-der-konsensdemokratie-zur-faulen-kompromiss-demokratie/ Last updated: 2026-02-02T14:32:18.000Z Vergangene Woche hat Verteidigungsminister Martin Pfister seine Vorschläge präsentiert, wie die Schweizer Armee aufgerüstet werden soll. Seine Lösung ist nicht sehr kreativ: den Bürgern mehr Geld wegnehmen. Konkret soll die Mehrwertsteuer um satte 0,8 Prozent erhöht werden. Zusätzlich zur Steuererhöhung, die uns bereits zur Finanzierung der 13\. AHV-Rente blüht. Die Mehrwertsteuer ist die unsozialste Steuer, da sie ärmere Haushalte überproportional belastet. Bei Politikern ist sie aber ausserordentlich beliebt. Sie ermöglicht es, den Bürgern mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, ohne dass diese es wirklich merken. Im Bundeshaus ist man sich weitgehend einig, dass die Armee mehr Geld braucht. Das ist durchaus vernünftig angesichts der Tatsache, dass das Budget für die Verteidigung in den vergangenen Jahrzehnten [viel langsamer gewachsen](https://www.avenir-suisse.ch/blog-das-gleichgewicht-zwischen-sozialer-und-militaerischer-sicherheit-neu-austarieren/?ref=schweizermonat.ch) ist als beispielsweise die Sozialausgaben des Bundes. Die Frage ist bloss: Woher nimmt man das Geld? Die logische Lösung wäre, in den Bereichen, die in den vergangenen Jahren besonders stark gewachsen sind, etwa bei den [Sozialwerken](https://schweizermonat.ch/der-mittelstand-verteilt-zu-sich-selbst-um/?ref=schweizermonat.ch), das Wachstum zu verlangsamen. Doch selbst eine solche Verlangsamung ist für Bundesbern offenbar nicht zumutbar. Auch sonst haben Entlastungen im Bundesbudget einen schweren Stand. Das Entlastungspaket ist vom Ständerat in der Wintersession auf knapp die Hälfte seiner ursprünglichen Grösse zusammengestrichen worden. Das verwundert wenig: Die Politiker haben lieber mehr Geld zur Verfügung, über das sie bestimmen können. Und jeder Vorschlag, das Ausgabenwachstum zu bremsen (von «Sparen» im eigentlichen Sinn ganz zu schweigen), trifft sofort auf den geballten Widerstand gut organisierter Interessengruppen und ihrer Vertreter im Parlament. **Die traurige Rolle der Mitte** So wächst das Bundesbudget und lässt nur zwei Möglichkeiten zu: höhere Steuern oder höhere Schulden. Da der zweiten Option durch die Schuldenbremse Grenzen gesetzt sind, versucht man Ausgaben aus dem ordentlichen Budget herauszulösen und als «ausserordentlich» zu deklarieren. So geschehen bei den Ausgaben für die Flüchtlinge aus der Ukraine. > «Die Mitte steht stellvertretend für ein Land, dem bürgerliche Tugenden wie Vernunft und Mässigung abhandengekommen sind.» Den gleichen Mechanismus hat die Mitte-Partei auch für die Aufrüstung der Armee vorgeschlagen. Es passt ins Bild: Die Mitte-Frauen haben sich jüngst auch für die Klimafonds-Initiative ausgesprochen. Diese will ebenfalls die Schuldenbremse aushebeln. Im Abstimmungskampf zur 13\. AHV-Rente hielt sich die Mitte vornehm zurück. Und fordert mit ihrer Initiative zur angeblichen «Heiratsstrafe» in der AHV (die in Tat und Wahrheit eher ein [Heiratsbonus](https://www.nzz.ch/schweiz/werden-verheiratete-paare-in-der-ahv-unfair-behandelt-nein-die-vorteile-der-ehe-ueberwiegen-klar-ld.1856584?ref=schweizermonat.ch) ist) gleich den nächsten Milliarden-Ausbau. In vorauseilendem Gehorsam hat sich der Ständerat vergangenes Jahr dafür ausgesprochen, nicht nur die 13\. AHV zu finanzieren, sondern gleich auch noch die Mitte-Initiative, über die noch nicht einmal abgestimmt worden ist. Das Geld dafür soll – Überraschung! – eine Erhöhung der Mehrwertsteuer bringen, des Goldesels für alle Fälle. Die Mitte steht damit stellvertretend für ein Land, dem bürgerliche Tugenden wie Vernunft und Mässigung abhandengekommen sind. Und weil diese Tugenden fehlen, behilft sich das Land, das stets stolz ist auf seine Konsensdemokratie, mit faulen Kompromissen. Man deckt die Probleme mit Geld zu, um ja nicht Prioritäten setzen zu müssen oder sich – Gott bewahre! – unpopulär zu machen bei dieser oder jener Interessengruppe. ### Jugendgewalt und Islam URL: https://www.schweizermonat.ch/jugendgewalt-und-islam/ Last updated: 2026-08-10T09:48:04.000Z _No content available._ ### Der Staat muss keine religiösen Gefühle schützen URL: https://www.schweizermonat.ch/der-staat-muss-keine-religioesen-gefuehle-schuetzen/ Last updated: 2026-01-31T16:36:05.000Z Der [Schuldspruch](https://www.nzz.ch/zuerich/schuesse-auf-bild-von-jesuskind-sanija-ameti-steht-in-zuerich-vor-gericht-ld.1921076?ref=schweizermonat.ch) gegen Sanija Ameti, die [auf eine Mariadarstellung mit Jesuskind geschossen hatte](https://schweizermonat.ch/freiheit-fuer-sanija-ameti/?ref=schweizermonat.ch), wurde mit dem [Artikel 261 im Strafgesetzbuch](https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/54/757%5F781%5F799/de?ref=schweizermonat.ch#art%5F261) begründet, der «böswillige» und «gemeine» Handlungen gegen die Religion verbietet. Artikel 261 stammt aus einer Zeit der konfessionellen Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken, als der Gesetzgeber darum besorgt sein musste, dass die Konfessionen friedlich koexistieren, ohne sich zu verhöhnen oder die Kultusfreiheit des anderen zu beschneiden. Heute braucht es den Artikel 261 nicht mehr. Der Staat schützt alle Bürgerinnen und Bürger ausreichend gegen Diskriminierung, Beschneidung der Religionsfreiheit oder gegen ehrverletzende Äusserungen. Abgesehen davon lehne ich es grundsätzlich ab, dass der Staat die Kompetenz haben soll, «gemeine» oder «böswillige» Handlungen zu definieren und zu ahnden. Der Staat als Gefühls- und Gesinnungspolizei? Nein, der Staat soll lediglich die Grundrechte garantieren und Leute bestrafen, die gegen das Gesetz verstossen. **Gott braucht keine Juristen** Ich will nicht, dass sich Gerichte um meine religiösen Gefühle sorgen. Religiöse Gefühle dürfen nicht zur Einschränkung der Meinungsfreiheit führen, auch nicht im Fall von besonders dummen, selbstverliebt via Social Media verbreiteten Schüssen auf ein Marienbild. Auch nicht im Fall von Karikaturen gegen Mohammed. Mit verletzten Gefühlen muss ein mündiger, erwachsener Mensch eigenmächtig umgehen können, ohne für sein allfälliges emotionales Ungleichgewicht andere verantwortlich zu machen. Weder der Einzelne noch eine Gruppe «Gottesfürchtiger» soll den Staat dafür einspannen können, um einen Glauben vor Kritik oder Provokation zu schützen. Das ist vormodern und infantil. Es zeugt ausserdem von einem schwachen Glauben. Denn was ist das für ein Gott, der zum Schutz seiner Ehre den Richterspruch eines weltlichen Juristen nötig hat? Je vielfältiger und pluralistischer eine Gesellschaft ist, desto grösser werden die Toleranz-Zumutungen. Wer zu einer liberalen Gesellschaftsordnung steht, lernt, damit zu leben. Es gilt, neben der Religionsfreiheit im gleichen Masse auch die Meinungsfreiheit zu verteidigen, denn sie sind der Herzschrittmacher unserer individuellen Freiheitsräume. Oder mit den Worten von George Orwell (1903–1950): «Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.» ### Niemand kann den Ukrainekrieg gewinnen URL: https://www.schweizermonat.ch/niemand-kann-den-ukrainekrieg-gewinnen/ Last updated: 2026-08-10T09:48:04.000Z _No content available._ ### Die Zerschlagung der digitalen Giganten wäre ein Fehler – es gibt einen klügeren Weg URL: https://www.schweizermonat.ch/die-zerschlagung-der-digitalen-giganten-waere-ein-fehler-es-gibt-einen-kluegeren-weg/ Last updated: 2026-01-29T12:17:53.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/we-cant-crush-big-platforms-without-destroying-their-big-social-benefits-but-theres-a-better-solution/). In der Fabel «Hans und die Bohnenranke» tauscht Hans seine Kuh gegen ein paar Zauberbohnen, die über Nacht zu einer gigantischen Ranke heranwachsen. Hans klettert hinauf. Er erklimmt die Ranke, trifft auf einen gefährlichen Riesen, stiehlt dessen goldene Gans, wird reich – und lebt glücklich bis ans Ende seiner Tage. Furcht vor den Riesen kennen nicht nur Kinder aus ihren Märchen. Seit jeher richten sich auch staatliche Regulierungsbemühungen gegen Monopole und übermächtige Konzerne, die Marktmacht in politischen Einfluss und überhöhte Profite verwandeln. In den Vereinigten Staaten setzte der Sherman Act von 1890 früh Leitplanken: Übermässige Marktanteile, Preisabsprachen und andere Wettbewerbsbeschränkungen galten als Rechtsverstösse – geahndet mit Bussen oder, im Extremfall, mit der Zerschlagung von Unternehmen. In Europa war das ordnungspolitische Denken grundsätzlicher angelegt. Es ging weniger um punktuelle Eingriffe als um die Gestaltung des Marktes selbst. Prägend wirkte dabei der deutsche Ordoliberalismus um Walter Eucken und Franz Böhm. Wettbewerb galt nicht als Selbstläufer, sondern als politische Aufgabe: Er musste durch klare Regeln ermöglicht und gegen Machtkonzentration verteidigt werden. Dieser Unterschied der Perspektiven ist fundamental. Während das amerikanische Kartellrecht auf linke Progressive zurückgeht, die wirtschaftliche Macht korrigieren wollten, wurde Wettbewerbspolitik in Europa als genuin liberales Projekt verstanden. Besonders in Deutschland hatte der Staat in den 1930er-Jahren die vollständige Kartellierung der Wirtschaft offen angestrebt. Die Hinwendung zu offenen Märkten nach dem Krieg war daher kein technokratisches Reformprojekt, sondern ein politischer Gegenentwurf. Wettbewerb sollte die Marktmacht der «Riesen» begrenzen – nicht durch dauernde Eingriffe, sondern durch eine Ordnung, die Machtkonzentration gar nicht erst entstehen lässt. Aus ordoliberaler Sicht entsteht Wettbewerb nicht von selbst. Märkte schaffen keine Ordnung, sie benötigen eine. Gleichwohl teilte man diesseits wie jenseits des Atlantiks eine zentrale Überzeugung: Das Fehlverhalten von grossen Unternehmen lässt sich am wirksamsten durch den Wettbewerb disziplinieren – nicht durch staatliches Mikromanagement von Preisen. Das gemeinsame Leitbild lautete «Structure, Conduct, Performance». Eine wettbewerbliche Marktstruktur prägt das Verhalten der Unternehmen und bestimmt ihre Leistung. Wo Konkurrenz herrscht, steigen Gewinne nicht durch höhere Preise, sondern durch Effizienz und Qualität. Davon profitieren die Konsumenten ebenso wie die Arbeitnehmer. Den Auftakt der europäischen Wettbewerbspolitik markierte 1957 das deutsche Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Im selben Jahr schuf der Römische Vertrag erstmals die Grundlage für ein gemeinsames Vorgehen der Staaten gegen Kartelle, geheime Absprachen und den Missbrauch marktbeherrschender Stellungen. Diese Regeln galten supranational und banden Unternehmen unabhängig von ihrer Herkunft. Damit legten sie den Grundstein für eine Praxis, die bis heute fortwirkt: die Anwendung europäischen Wettbewerbsrechts auch auf amerikanische Konzerne. ## Nutzen wächst mit der Grösse Die Plattformökonomie stellt die zentralen Prämissen der klassischen Wettbewerbspolitik in Frage. Denn bei den digitalen Plattformen handelt es sich nicht einfach um zu gross gewordene Unternehmen. Sie wirken als Vermittlungsinstitutionen: Sie stiften Verbindungen, koordinieren Märkte und monetarisieren Netzwerkeffekte. Ihr gesellschaftlicher Nutzen wächst gerade mit ihrer Grösse. Wer mit solchen Akteuren umgeht, als wären sie klassische Industrieunternehmen, verkennt sowohl die Quelle ihrer Marktmacht als auch die Instrumente, mit denen sie sinnvoll begrenzt werden kann. Hält man dennoch an der Idee fest, die digitalen Riesen zerschlagen zu müssen, droht ein klassischer Fehlschluss: Man zerstört am Ende genau das, was ihren Wert ausmacht – die Fähigkeit, goldene Eier zu legen. Historisch waren Transaktionen stets an Orte gebunden. Austausch vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sondern benötigt einen Schauplatz, an dem Menschen einander begegnen. Lange war dieser Ort physisch: die Agora, die Messe, der Souk, später das Einkaufszentrum. Die erste grosse virtuelle Plattform war der Versandkatalog von Sears. Er verkaufte weniger Waren als Sichtbarkeit – vergleichbar mit den «Ständen» eines Souks oder einer Mall, hier in Form von Seitenplatz, auf dem Anbieter ihre Produkte präsentieren, beschreiben und bepreisen konnten. Der konzeptionell entscheidende Unterschied zwischen dem Sears-Katalog und Amazon liegt daher nicht im Prinzip, sondern im Medium, das diesen Marktplatz schafft, und in der Geschwindigkeit, mit der Kunden suchen, kaufen und Waren erhalten. Solche «Orte» werden heute Plattformen genannt, weil sie Kooperation ermöglichen und tragen. Ihr Geschäftsmodell besteht darin, Transaktionskosten entlang dreier zentraler Dimensionen zu senken: erstens die Triangulation, also das Auffinden eines handelswilligen Partners, zweitens der Transfer, die Abwicklung von Zahlung und Lieferung, und drittens das Vertrauen, die Gewährleistung, dass keine Seite die andere ausnutzt. Plattformen existieren, weil sie alle drei Dimensionen gleichzeitig reduzieren – oft nahtlos gebündelt mit dem eigentlichen Gut. Ein Fahrer und ein Fahrgast oder ein Gastgeber und ein Gast könnten prinzipiell auch ohne Plattform miteinander handeln. Uber erleichtert jedoch das Finden eines Fahrers, die Preisfindung, die Bezahlung, die Absicherung der Fahrt und schafft Vertrauen in das Ergebnis. Airbnb wiederum hilft, einen Gastgeber zu finden, den Preis festzulegen, Zahlung und Kaution zu regeln und auf die Sicherheit des Aufenthalts zu vertrauen. ## Kapazitäten vermarkten statt brachliegen lassen In der Ökonomie spricht man von Netzwerkvorteilen: Käufer und Verkäufer finden sich leichter, wenn sie am selben «Ort» suchen. Auch Vertrauen skaliert. Bewertungssysteme entfalten ihre Wirkung umso stärker, je weniger fragmentiert der Markt ist – und je mehr sich die Nutzer auf eine gemeinsame Plattform konzentrieren. Aus evolutionärer Sicht streben Plattformen nach Grösse – und ihre Nutzer ebenso. Denn genau darin liegt ihr Nutzen. Eine Plattform mit mehr Anbietern, mehr Nachfragern und mehr Bewertungen ist in allen drei Dimensionen der Transaktionskosten überlegen. Der Markteintritt konkurrierender Plattformen ist daher nicht primär deshalb schwierig, weil etablierte Anbieter sich missbräuchlich verhalten, sondern weil erfolgreiche Platzhirsche ihre Kernleistung – das *Matching* – schneller, verlässlicher und zu deutlich geringeren Kosten erbringen. Ausgerechnet jene Eigenschaften, die das Kartellrecht zu disziplinieren sucht, sind es, die die goldenen Eier hervorbringen. Ökonomen haben für diese goldenen Eier einen Begriff: Kommodifizierung. Plattformen machen dabei zwei Arten von Gütern marktfähig. Erstens Dinge, die ich besitze, aber nicht nutze und deshalb verkaufen will. Zweitens Dinge, die ich ebenfalls besitze, jedoch nur zeitweise verwende – und die sich deshalb teilen lassen. Zu den Verkaufsplattformen zählen Ricardo, Amazon oder Digitec Galaxus; zu den Teilungsplattformen Airbnb und Blablacar. In beiden Fällen verwandeln Eigentümer Güter, die zuvor nur sporadisch genutzt wurden und ansonsten unproduktiv lagerten, in laufende Einnahmequellen. Indem ungenutzte oder überschüssige Kapazitäten zu handelbaren Gütern werden, setzen Plattformen eine Welle der wirtschaftlichen Aktivität frei – und drücken die Preise zahlreicher Dienstleistungen spürbar. Freiwilliger Tausch stellt beide Seiten besser. Was früher an hohen Transaktionskosten scheiterte, ist heute nicht nur möglich, sondern alltäglich. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wir besitzen ausreichend Dinge, nutzen sie jedoch ineffizient. Digitale Plattformen erhöhen die Verfügbarkeit, senken die Kosten drastisch und reduzieren den Bedarf an Lagerung und Entsorgung zahlreicher Produkte. Diese Effizienz hat wohlgemerkt ihren Preis. Die entstehenden Probleme sind real und lassen sich zwei Kategorien zuordnen. Sie müssen benannt und wo möglich entschärft werden, wenn die Plattformrevolution dauerhaft Bestand haben soll. Das erste Problem liegt in den Anpassungseffekten einer explosionsartig wachsenden Zahl möglicher Transaktionen. Sie treten auf mehreren Ebenen zutage: In Touristenstädten klettern die Mieten, langfristiger Wohnraum wird verdrängt; etablierte Anbieter geraten unter Preisdruck; Arbeitnehmer sehen sich härterem Wettbewerb und volatileren Einkommen ausgesetzt. Diese Verlierer sind überschaubar, klar identifizierbar und politisch leicht zu mobilisieren. Die Gewinner hingegen bleiben diffus. Oft erkennen sie ihren eigenen Vorteil nicht einmal – zumal dann nicht, wenn Plattformen vorsorglich reguliert oder eingeschränkt werden und der Nutzen gar nicht erst sichtbar wird. Der politische Reflex folgt diesem Ungleichgewicht: Reguliert werden Symptome, nicht Ursachen. Zonenvorschriften, Plattformverbote oder Preisdeckel sollen Ordnung schaffen, zementieren jedoch häufig genau jene Ineffizienzen, die sie angeblich beseitigen wollen. Das zweite Problem ist nicht temporär, sondern strukturell. Erfolgreiche Plattformen wachsen zu Giganten – und Giganten kontrollieren den Zugang zu Märkten. Sie setzen Regeln, schlichten Streitfälle, verhängen Sanktionen und schöpfen Renten ab. Kurz: Sie agieren als private Regierungen. Die Public-Choice-Theorie warnt seit Langem vor dieser Konstellation. Konzentrierte Macht – ob staatlich oder privat – wird tendenziell im Interesse jener genutzt, die sie ausüben. Plattformen stehen nur begrenzt unter Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig versagt die politische Aufsicht oft an regulatorischer Vereinnahmung, Informationsasymmetrien und zersplitterten Zuständigkeiten. Auch Kartellbehörden sind nicht frei von Anreizproblemen. Bürokratisches Wachstum, politische Symbolpolitik und Ex-post-Eingriffe dominieren – häufig orientiert an sichtbarer Grösse statt an unsichtbaren Wohlfahrtsgewinnen. Die Zerschlagung von grossen Plattformen behebt dieses Defizit nicht. Im Gegenteil: Fragmentierung unterminiert Triangulation, Transfer und Vertrauen, während das institutionelle Vakuum bestehen bleibt, das Machtmissbrauch überhaupt erst ermöglicht hat. ## Verfassungsähnliche Schranken Die wohl vielversprechendste Lösung – und die grosse Leerstelle in den meisten kartellrechtlichen Debatten – liegt darin, Plattformen als unvermeidliche Giganten anzuerkennen und sie verfassungsähnlichen Schranken zu unterwerfen, statt Wettbewerb mit regulatorischen Kunstgriffen zu imitieren. Dieser Ansatz verschiebt den Fokus weg von der Frage, wie viele Plattformen es gibt, hin zu der entscheidenden Frage, wie Plattformmacht ausgeübt wird. Verfassungsähnliche Schranken könnten unter anderem umfassen: - **Verfahrensrechte für Nutzer und Anbieter** – etwa Transparenz, Ankündigungspflichten und wirksame Rechtsmittel. Bereits die Klarheit darüber, wohin Daten fliessen und zu welchem Zweck sie genutzt werden, wäre ein Fortschritt. Selbst ein bewusst umständlicher Opt-out-Prozess würde Entscheidungen sichtbar machen und die Nutzer stärker in die Verantwortung holen. - **Datenportabilität und Eigentum an Reputation**, sodass ein Ausstieg möglich ist, ohne mühsam aufgebautes Vertrauenskapital zu verlieren. Heute kann jemand auf Airbnb oder eBay eine tadellose Reputation besitzen – und muss auf einer neuen Plattform dennoch bei null anfangen. Übertragbare Reputation würde den Markteintritt drastisch erleichtern. Der Preis dafür wäre Symmetrie: Eine schlechte Reputation zöge ebenfalls mit, so wie es in Dörfern und Städten über Jahrtausende selbstverständlich war. - **Beschränkungen der Selbstbevorzugung**, indem die Rolle der Plattform als Marktorganisator von jener als Wettbewerber getrennt wird. Das ist ausserordentlich anspruchsvoll, weil die Verknüpfung mit eigenen Diensten häufig den Kern des Plattformvorteils bildet. Doch schon eine konsequente Kennzeichnung von Wechseln zwischen plattformeigenen Diensten könnte Transparenz schaffen – und Wettbewerbern den Einstieg erleichtern. - **Stabile und vorhersehbare Regeln**, die willkürliche oder rückwirkende Eingriffe ausschliessen. Nutzungsbedingungen werden kaum gelesen, weil sie faktisch unlesbar sind; Ankündigungen von Regeländerungen sind wenig wirksamer, weil sie im Strom der Aufmerksamkeit untergehen. Umso wichtiger sind zwei einfache Prinzipien: Neue Regeln dürfen nur für künftiges Verhalten gelten – ab einem klar kommunizierten Stichtag. Und Sanktionen müssen sich strikt an jene Regeln halten, die zum Zeitpunkt des beanstandeten Verhaltens galten. Diese Massnahmen setzen nicht voraus, dass Regulierer die Marktstruktur besser verstehen als der Markt selbst. Ihr Ziel ist bescheidener – und zugleich zentraler: Sie begrenzen opportunistisches Verhalten. Genau darin liegt das Kernproblem, vor dem die Public-Choice-Theorie seit jeher warnt. ## Begrenzung der Macht – nicht der Grösse Plattformen sind gross, weil sie Triangulation, Transfer und Vertrauen im grossen Massstab organisieren. Ihre Dominanz ist kein Zufall und nur selten das Resultat ausschliessender Praktiken. Ein Kartellrecht, das für eine andere ökonomische Epoche entwickelt wurde, greift ins Leere, wenn es auf Vermittlungsinstitutionen angewendet wird, deren Effizienz gerade von Konzentration lebt. Aus der Perspektive der Public-Choice-Theorie liegt das eigentliche Problem nicht in Monopolpreisen, sondern in unkontrollierter Macht. Die angemessene Antwort ist daher nicht künstlich simulierter Wettbewerb, sondern verfassungsartige Begrenzung. Es braucht Regeln, die die transaktionskostensenkenden Vorteile von Plattformen sichern – und zugleich ihre Möglichkeit begrenzen, konzentrierte Macht zu missbrauchen. In der Originalfassung von [«Jack and the Beanstalk»](https://hockliffe.dmu.ac.uk/items/0019pages.html?page=022&ref=schweizermonat.ch) (Hans und die Bohnenranke) aus dem Jahr 1807 war die Lage eindeutig – und die Lösung brutal simpel: «In diesem Augenblick begann der Riese herabzusteigen; doch Hans schlug mit seinem Beil die Bohnenranke dicht am Boden ab. Der Riese stürzte in den Garten – und der Fall tötete ihn.» Heute ist die Lage komplizierter. Die Plattform-Bohnenranke ist gewachsen – und sie wird weiterwachsen. Sie lässt sich nicht einfach fällen. Die Riesen selbst sind längst zur Quelle der goldenen Eier geworden, die wir brauchen, um den materiellen und energetischen Fussabdruck einer konsum- statt teilungsgetriebenen Wirtschaft zu verkleinern. Statt ihre Grösse zu bekämpfen, sollten wir ihren Handlungsspielraum begrenzen. So lernen wir, mit den Riesen zu leben – und ihre enorme Kraft für uns zu nutzen. ### We can’t crush big platforms without destroying their big social benefits – but there’s a better solution URL: https://www.schweizermonat.ch/we-cant-crush-big-platforms-without-destroying-their-big-social-benefits-but-theres-a-better-solution/ Last updated: 2026-01-29T10:28:21.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-zerschlagung-der-digitalen-giganten-waere-ein-fehler-es-gibt-einen-kluegeren-weg/). In the fable “Jack and the Beanstalk”, Jack trades for some magic beans, which grow into enormous size. Jack climbs the beanstalk, and finds a dangerous giant who threatens him. Jack steals the goose that lays golden eggs, becomes rich, and lives happily ever after. The fear of giants is not limited to fables; the threat of monopoly, and enormous firms that can convert control of markets into excessive power and profit, has long been a target of regulatory attention. In the U.S., the Sherman Act (1890) defined both excessive market share, price-fixing and other restraints on exchange, as violations that could be punished with fines or breakup of the firms themselves. In Europe, the conception of public duty was much more encompassing and fundamental, arising in large part from the German “Ordoliberalism” of Walter Eucken and Franz Böhm. The difference in perspective is significant; where U.S. antitrust was a Progressive, center-left initiative, in Europe competition policy was an objective for liberals. Europe, and especially Germany, had taken full cartelization as the goal of 1930s government policy; the turn toward markets after the war was an attempt to reduce the market power of “giants” through competition. But markets do not self-create competitive order, in the ordo-liberal view. Competition must be actively constituted, and then nurtured, by law. Further, private economic power can be as dangerous as state power, because cartels and monopolies threaten democracy. The state’s role is the creation of rules, and aggressive enforcement. Still, and just like in the U.S., the core motivation is the belief that the ability of large firms to act badly will be disciplined by competition from other firms, not micromanagement of pricing decisions handed down by the state. The shared template was called “structure, conduct, performance.” The structure of the industry – if competitive – would lead firms who wanted to increase profits to lower, not raise, their prices, and to improve quality. This conduct results in benefits for consumers and workers alike. The first major European “competition policy” was the 1957 “Acts Against Restraints of Competition” (Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, or GWB). Also in 1957, the Treaty of Rome enabled groups of nations to take cooperative legal action to break up cartels and collusive practices, and abuse of dominant market position. These rules were set up to apply to firms, supranationally, laying the groundwork for the current practice of applying European law to American firms. ## What If the Goose is a Giant? The platform economy calls almost everything about competition policy into question. Digital platforms are not merely firms that happen to be large; they are *matching institutions* that sell connections, meaning that their social value increases with size. Treating such institutions as if they were traditional manufacturers misdiagnoses both the source of their power and the appropriate means of constraining it. Ultimately, if we keep the mindset that we must kill giants, we may end up losing out on the golden eggs. Historically, transactions “take place.” That means both that they happen, and also that transactions require a location for people to meet and engage in exchange. Originally, the “place” was physical: the agora, the trade fair, the souk, the modern mall. The first large scale virtual platform was the Sears mail-order catalog. Sears didn’t sell stuff; like the souk or the mall, Sears sold “stalls,” in this case space on a page where sellers could depict, describe, and price their wares. The only important difference, conceptually, between the Sears catalog and Amazon is the medium that gives “place,” and the speed with which customers can search, purchase, and receive their items. Such “places” have come to be called platforms, because they support and enable cooperation. Platforms sell reductions in transaction costs, along three important dimensions: 1. **Triangulation** – identifying a willing trading partner. 2. **Transfer** – executing payment and delivery. 3. **Trust** – ensuring that neither party exploits the other. Platforms exist because they reduce all three simultaneously, in a way that is often bundled seamlessly with the good itself. A rider and driver, or a host and guest, could in principle transact without a platform. But Uber helps the rider find the driver, negotiate a price, make the payment, secure the ride, and trust the outcome. AirBnb helps the guest find the host, agree on a price, make a payment and security deposit, and trust the security of the stay. But for most activities, the costs of finding one another, arranging payment, and enforcing good behavior still render exchanges infeasible. Platforms convert potential, even seemingly hypothetical, gains from trade into realized exchanges. ## Network Economies, and Commodifying Excess Capacity In economics, these cost savings are an example of “network economies.” It is easier for buyers and sellers to find each other (triangulation) if everyone is looking the same “place.” And using reviews for assurance (trust) works better if the buyers are not split up among different platforms. In simple evolutionary terms, then, platforms *want* to be large. In fact, users want platforms to be giants, because that’s where real value of platform use comes from. A platform with more sellers, more buyers, and more reviews is superior along all three dimensions of the transaction costs. Entry by rival platforms is not difficult because incumbents behave badly, but because successful incumbents perform their core function – matching – faster, more reliably, and at much lower cost. The very attributes that antitrust seeks to discipline are those that create those golden eggs. Economists also have a name for the golden eggs, of course: commodification. In the case of platforms, what is being commodified is both (1) things I have but don’t use and want to sell; and (2) things I have but don’t always use, and am willing to share. Examples of selling include Ricardo, Amazon, and Digitec Galaxus; examples of sharing include Airbnb and Blablacar. But in both cases owners are able to turn items that were previously only used occasionally , and had otherwise to be stored, into sources of steady revenue. By turning unused, or excess, capacity into commodities, platforms spur a flurry of economic activity and substantially reduce the prices paid for a wide variety of services. Voluntary exchanges make both parties better off; exchanges that were not possible before, because of transaction costs, now become not just possible but routine. The benefits are obvious: We have enough stuff, we just have to make better use of it, and share. It is possible to increase availability, sharply reduce costs, and reduce the space that each of us takes up by storing and disposing of an endless series of products. But there are problems, of two types, and those problems have to be acknowledged, and if possible mitigated, if the platform revolution is to continue. The *first* problem is the adjustment effects that attach to the rapid evolution of feasible exchanges. These problems are manifold: Residents – especially in tourist cities – face higher rents and fewer available long-term rental units; incumbent producers face falling prices; workers experience increased competition and income volatility. These groups are small, identifiable, and available for political cooptation; the beneficiaries, by contrast, are diffuse, and may not even recognize the potential for benefits if platforms are regulated preemptively. The result is predictable pressure for regulation that targets symptoms rather than causes – zoning restrictions, platform bans, or price controls – often worsening the underlying inefficiencies. The *second* problem is not transitional, but existential: Successful platforms become giants, but giants govern access to markets. They write rules, adjudicate disputes, impose sanctions, and extract rents. In short, they function as *private governments*. Public choice theory warns that concentrated power – whether public or private – tends to be exercised in the interest of those who control it. Platforms face weak competitive discipline, and political oversight is hampered by regulatory capture, informational asymmetries, and jurisdictional fragmentation. Antitrust enforcement agencies themselves are subject to incentive problems: bureaucratic expansion, political signaling, and ex post intervention driven by visible size rather than invisible benefits. Breaking platforms up does not solve these problems. Fragmentation undermines triangulation, transfer, and trust while leaving unresolved the governance vacuum that allowed abuse in the first place. ## The Missing Solution: Constitutional Constraints on Platforms The most promising solution – largely absent from mainstream antitrust debates – is to treat platforms as inevitable giants and **subject them to constitutional-style constraints** rather than attempting to simulate competition. This approach shifts the question from *how many platforms should exist* to *how platform power should be exercised*. Such constraints can include: - **Procedural due process** for users and sellers, including transparency, notice, and appeal. Just knowing exactly where my data are going, and for what purpose, would be an advance. And a process for opting out, while cumbersome, would involve people more in the process. - **Data portability and reputational ownership**, allowing participants to exit without forfeiting accumulated trust capital. At present, I can have an excellent reputation – reviews on Airbnb, or on Ebay – and be required to “start over” on each new platform. Being able to port over a reputation would make new entry much cheaper and smoother. Of course, that would also mean that a bad reputation would follow me, but that that was the way that villages and towns worked for millennia. - **Limits on self-preferencing**, separating the platform’s role as market-maker from its role as competitor. This is fiendishly difficult, because in many cases the connections with other products or services are part of the advantage of a platform. But even just providing for the recognition that one is leaving one service for another within a platform might make it possible for competition to get a foot in the door. - **Rule stability and predictability**, reducing arbitrary or retroactive governance. The rules in the “user agreement” are never read, because they are never readable. The announcements of rule changes are little better; we are all too impatient to read them. But there are two principles that would have to guide the content and enforcement of the rules: New rules apply only to actions taken after an announced effective date; and sanctions must cite the rule in force at the time of the conduct. These measures do not require regulators to outguess market structure. Instead, they focus on constraining opportunistic behavior – precisely the concern at the heart of public choice theory. ## Limiting scope rather than size Platforms are giants because they solve triangulation, transfer, and trust problems at scale. Their size is not an accident, nor is it primarily the result of exclusionary conduct. Antitrust, designed for a different economic environment, misfires when applied to matching institutions whose efficiency depends on concentration. A public choice perspective suggests that the central problem is not monopoly pricing but unchecked governance power. The appropriate response is therefore not forced competition, but constitutional constraint: rules that preserve the transaction-cost–reducing benefits of platforms while limiting their capacity to exploit concentrated authority. In the original [“Jack and the Beanstalk”](https://hockliffe.dmu.ac.uk/items/0019pages.html?page=022&ref=schweizermonat.ch), published in 1807, the problem was obvious, and the solution tidy: “At that instant the Giant was beginning to come down; but Jack with his hatchet cut the bean-stalk close off to the root, which made the Giant fall into the garden – the fall killed him.” Our current problem is more complex: the platform beanstalk has grown, and it’s going to grow more; it can’t be cut down. The giants themselves are the sources of the golden eggs we all need to reduce the material and energy footprint of the consumption-driven, rather than sharing-driven, economy. By limiting the scope, rather than the size, of the giants we can try to live with them, and harness their great strength. ### «Wir konsumieren die zunehmende Lebenserwartung zu 100 Prozent als Freizeit» URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-konsumieren-die-zunehmende-lebenserwartung-zu-100-prozent-als-freizeit/ Last updated: 2026-04-02T15:31:45.000Z [https://schweizermonat.mymagic.page/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/wir-konsumieren-die-zunehmende-lebenserwartung-zu-100-prozent-als-freizeit.mp3](https://www.schweizermonat.ch/content/media/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/wir-konsumieren-die-zunehmende-lebenserwartung-zu-100-prozent-als-freizeit.mp3) Am Debattenabend des Schweizer Monats und der Valitas AG am Dienstag in Zug hat Aymo Brunetti die kollektive Verdrängung der demografischen Realität in der Altersvorsorge seziert. «Das ist ein mathematisches Problem», sagte der Ökonom. «Und bei mathematischen Problemen gibt es Lösungen, die politisch machbar sind – und solche, die Illusionen sind.» Während die Schweizer Politik Beruhigungspillen verteilt, tickt die demografische Zeitbombe unaufhörlich weiter. Wir ziehen es vor, die gewonnenen Lebensjahre als schuldenfinanzierte Freizeit zu konsumieren. Aymo Brunetti, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern, erklärte mit stoischer Gelassenheit: Die Mathematik kennt keine Gnade. Seit Einführung der AHV im Jahr 1948 ist die Lebenserwartung der 65-Jährigen um rund acht Jahre gestiegen. «Diese zusätzlichen acht Jahre konsumieren wir zu 100 Prozent als Freizeit und zu 0 Prozent als Arbeit. Privat würde niemand eine so absurde Aufteilung wählen.» Doch demokratisch verkaufen wir dies als unantastbaren «Anspruch». Warum entscheiden wir politisch etwas, das wir privat niemals so entscheiden würden? «Weil wir das Gefühl haben, jemand anderes zahlt dafür.» **Kinder lassen sich nicht herbeisubventionieren** Hoffnungen, dass sich das Problem durch einen neuen Babyboom, Migration oder einen Produktivitätsboost lösen lassen, erteilte Brunetti eine Absage: - **Mehr Babys?** Ein demografischer Wunschtraum. Brunetti brachte es auf den Punkt: «Man kann das noch so attraktiv machen – das ändert an der Fertilitätsrate vielleicht marginal etwas, aber sicher nicht von 1,3 auf die 2,1, die man bräuchte.» Geburtenraten reagieren unelastisch auf Subventionen; Kinder lassen sich nicht staatlich herbeifördern. - **Migration?** Ein Schneeballsystem. «Damit Migration eine langfristige Lösung wäre, bräuchte es ständig zusätzliche junge Menschen.» - **Produktivität?** Wenn das Produktivitätswachstum von 0,8 auf 1,8 Prozent steigen würde, wäre das Problem zwar gelöst, so Brunetti. Doch: «Wer daran glaubt, liest eher Science-Fiction als Bilanzen.» Er zitierte Nobelpreisträger Robert Solow, der einst sagte: «Computer finden sich überall – ausser in den Produktivitätsstatistiken.» Brunetti erwartet denn auch keinen plötzlichen Produktivitätsschub durch künstliche Intelligenz. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/dsc08821-rotated-e1769610298948.jpg) Der Ökonom warnte, dass die vermeintliche finanzielle Stabilität des Vorsorgesystems lediglich eine schöne Fassade ist. «Wenn man die ungedeckten Versprechen der Sozialversicherungen ehrlich bilanziert, kommt man auf eine implizite Verschuldung von über 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.» **«Selektive Nachhaltigkeit»** Brunetti forderte eine Entpolitisierung des Vorsorgesystems – etwa durch eine automatische Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung. Ironischerweise wird jedoch jeder Vorschlag zur Entpolitisierung – etwa die Renteninitiative der Jungfreisinnigen – ebenfalls politisiert und von den Profiteuren des Status quo versenkt. Eine Ironie ist das auch deshalb, weil dieselben Kreise, die radikale Opfer für das Klima fordern, jede Nachhaltigkeit bei den Renten ablehnen, wie Brunetti mit leichtem Spott bemerkte. Er sprach von «selektiver Nachhaltigkeit». ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/gutes-essen-apero.jpg) Brunettis Fazit: Die Politik meidet automatische Mechanismen, weil sie vom Spielraum für leere Versprechen lebt. Die 65er-Guillotine wird fallen. Nicht aus politischem Mut, sondern aus mathematischer Notwendigkeit und weil der fiskalische Druck irgendwann zu gross wird. Die Jungen sind in der Unterzahl und bei Abstimmungen unterrepräsentiert. Die fiskalische Abrechnung wird erst erfolgen, nachdem das Problem noch einige Male aufgeschoben wurde. Es ist wahrscheinlich, dass die Jugend erst massiv fiskalisch zur Kasse gebeten werden muss, bevor eine Reaktion erfolgt. ### Die Zahlen zur Jugendkriminalität sind alarmierend – doch niemand spricht über den Elefanten im Raum URL: https://www.schweizermonat.ch/die-zahlen-zur-jugendkriminalitaet-sind-alarmierend-doch-niemand-spricht-ueber-den-elefanten-im-raum/ Last updated: 2026-01-28T13:05:48.000Z Eine neue [Studie](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-landtag-nrw-de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/mmv18-4438.pdf) des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen und der Universität Köln liest sich wie ein Alarmsignal – nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. In den Jahren 2021 und 2022 stieg die Zahl jugendlicher Straftäter explosionsartig: bei Kindern unter vierzehn Jahren um 43 Prozent, bei Jugendlichen um ein Viertel. Besonders die Gewalt nahm dramatisch zu. Unter Elf- bis Dreizehnjährigen hat sich die Zahl der Gewaltdelikte teils verdoppelt; Mädchen holen rasant auf, und im Ruhrgebiet ist die Jugendgewalt auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Die nüchterne Sprache des Berichts kaschiert eine unbequeme Wahrheit: Eine junge Generation verliert Hemmungen – und der Staat verliert den Mut, die Ursachen zu benennen. Statt von kulturellen oder religiösen Unterschieden zu sprechen, redet man von «ethnischer Vielfalt» und «veränderten Tatgelegenheiten». Nichtdeutsche Jugendliche sind gemäss der Studie zwei- bis dreimal so oft tatverdächtig wie deutsche Gleichaltrige; bei im Ausland Geborenen stieg die Zahl der Gewalttäter um über 500 Prozent. Doch die Autoren vermeiden jede Frage nach Herkunft, Religion oder Einbürgerung. Ob diese Jugendlichen erst seit kurzem Deutsche sind oder Kinder von Eltern, die aus völlig anderen Kulturen stammen – kein Wort. ## Mut zur Unterscheidung Damit bleibt der Elefant im Raum unbeachtet. Nichts wird gesagt über Religion, über kulturelle Prägungen, über Werte und Erziehungsideale. Genau dort aber liegt die Wurzel vieler Probleme. Wer nicht unterscheidet, kann auch nicht verstehen. Und wer aus Angst vor Pauschalisierung und Rassismusvorwürfen jede Differenz verschweigt, macht Integration unmöglich. Denn Zuwanderung verläuft nicht immer gleich. Es gibt Familien, die sich mühelos integrieren, und solche, die es nicht wollen oder nicht können. Eine ehrliche Analyse müsste genau das erfassen – nicht um zu stigmatisieren, sondern um gerecht zu handeln. Doch der moderne Staat scheut diese Ehrlichkeit. Er behandelt Menschen nicht mehr als Individuen mit Verantwortung, sondern als statistische Gruppen. Und weil Religion, Familie, Disziplin und kulturelle Werte aus der Debatte verschwinden, wird Gewalt zu einem Verwaltungsproblem statt zu einem moralischen. Integration ist aber kein Formularprozess – sie ist ein kultureller Vertrag. > «Wer nicht unterscheidet, kann auch nicht verstehen. Und wer aus Angst vor Pauschalisierung und Rassismusvorwürfen jede Differenz verschweigt, macht Integration unmöglich.» Diese Studie ist ein Warnsignal für Europa, auch für die Schweiz. Denn wir stehen vor denselben Fragen: Haben wir den Mut, Unterschiede auszusprechen? Den Mut, Religion als Faktor zu betrachten, ohne in Feindbilder zu verfallen? Den Mut, zwischen jenen zu unterscheiden, die Freiheit leben wollen – und jenen, die sie verachten? Eine freiheitliche Gesellschaft darf sich nicht hinter Euphemismen verstecken. Sie braucht Klarheit, weil nur Klarheit Gerechtigkeit ermöglicht. Wenn wir weiter so tun, als sei alles gleich, werden wir am Ende alle gleichermassen misstrauisch beäugt. Freiheit verlangt Mut zur Wahrheit. Und Wahrheit beginnt dort, wo man endlich über den Elefanten im Raum spricht. ### Seniorensender SRG als Retter der Demokratie? URL: https://www.schweizermonat.ch/seniorensender-srg-als-retter-der-demokratie/ Last updated: 2026-08-10T09:48:05.000Z _No content available._ ### Die Demokratie braucht keine SRG URL: https://www.schweizermonat.ch/die-demokratie-braucht-keine-srg/ Last updated: 2026-01-27T07:56:03.000Z Für die Beibehaltung der heutigen SRG-Zwangsgebühren werden im Kern drei Argumente vorgebracht. Erstens sei ein seriöser Journalismus anders nicht möglich. Zweitens brauche es die SRG heute mehr denn je: als Bollwerk gegen die digitale Verwirrung durch Social Media und ausländische Plattformen, die mit Fake News das Vertrauen in die Institutionen unterminierten. Drittens könne ein flächendeckender «Service public» bei Annahme der Initiative nicht mehr bezahlt werden. Zum ersten Punkt: Qualitätsjournalismus war in der Schweiz noch nie von der SRG abhängig. Er findet seit Jahrzehnten in etablierten Zeitungen statt, die ohne Zwangsgebühren oft sogar ausgewogener als Fernsehen und Radio berichten. Zweitens wären wir Schweizer kein besonders freiheits- und demokratiefähiges Volk, wenn wir unseren Institutionen tatsächlich nur so lange vertrauen würden, wie uns eine SRG mit öffentlich-rechtlichen Narrativen und Weltdeutungen dabei helfen müsste. Dass man uns nicht zutraut, das Meinungsgewirr des Internets mündig auszuhalten, zeugt von waschechtem Paternalismus: Weil die Masse zu schwach und zu blöd ist, um sich im Markt der Meinungen vernünftig zu informieren, muss das eine staatlich approbierte, milliardenschwere Sendeanstalt übernehmen. Ja, man darf und muss uns sogar dazu zwingen, für die eigene Bevormundung zu bezahlen. Hinzu kommt: Bei einem durchschnittlich 63 Jahre alten Publikum produziert die SRG letztlich ein Seniorenprogramm. Dieses ist für die Zukunft unserer Demokratie, das heisst für Menschen zwischen 18 und 40, nicht relevant. Zum dritten Argument gegen die Halbierungsinitiative, dem flächendeckenden «Service public», muss man leider sagen, dass dazu keine wirkliche Debatte stattfindet. Es wäre seit Jahren nötig, ausführlich darüber zu sprechen, wie eine zukunftsfähige, pluralistische Mediengesellschaft in Freiheit und Selbstverantwortung aussehen soll. Wie frei soll der Digitalmarkt der Informationen und Narrative spielen, wo und wie müssen Regierungen eingreifen? Zur Beantwortung dieser Frage hilft es wenig, eine Zwangsgebühr für klassisches Radio und Fernsehen als Rettung der Nation zu verkaufen, ja als Zukunft der Demokratie. Und es hilft noch weniger, wegen der Halbierung einer Zwangsgebühr Angst vor dem Untergang des Journalismus und der Demokratie zu verbreiten. Das ist nicht nur vermessen, sondern ein Verrat an der freiheitlichen Identität der Schweiz. ### Saving the World Leaves no Room for Dissent URL: https://www.schweizermonat.ch/saving-the-world-leaves-no-room-for-dissent/ Last updated: 2026-01-26T08:58:29.000Z Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-rettung-der-welt-erlaubt-keinen-widerspruch/). If you disagree with someone on the right, they think you are naive and childish. If you disagree with someone on the left, they think you are evil and uneducated. Thomas Sowell sums it up perfectly with this diagnosis alone. The US economist, once a Marxist, analysed the thought patterns of a self-appointed elite – the ‘anointed’ – back in 1995 in ‘The Vision of the Anointed’. Among his more than 40 books, his political works stand out alongside ‘Basic Economics’, which is why he has been rediscovered among us young conservatives. **Two visions – one wants to save the other** Sowell distinguishes between two worldviews: the tragic and the utopian. These correspond to an instinct, an innate predisposition that defines one’s values and political stance. The tragic argument is based on the tragedy of human existence. In the sense of the ancient Greeks, it is a fate that is inherent in the nature of things and of human beings. Politics therefore serves not the purpose of achieving self-fulfilment, but rather that of resolving conflicts. The utopian vision believes in the ability to perfect humanity through intelligent planning and far-reaching reforms, based on Jean-Jacques Rousseau’s premise: ‘Man is inherently good’ and ‘Man is born free, and everywhere he is in chains.’ Only the current institutions are wrong and must be replaced, because it is only a question of intention! The tool for achieving this is politics. Proponents of the tragic view doubt whether a select few – themselves included – know enough to control experiments. Even Isaac Newton had to admit: ‘If I have seen further, it is by standing on the shoulders of giants.’ Our values are crystallised wisdom from the laboratory of history. Conservatives build institutions around reality and strive for gradual improvements, as the writer and philosopher Edmund Burke confirms: ‘We cannot change the Nature of things and of men – but must act upon them the best we can.’ This does not result in rapid progress. But the success of Switzerland, for example, which has institutionalised this vision, speaks for itself. **The power of utopia** Energy policy provides an example of how good intentions can fail in the face of reality. Sowell warned early on: ‘What is dangerous is will and power without knowledge – and for many expansive purposes, knowledge is inherently inadequate.’ People pointed out bottlenecks, but no one could have predicted that the grid would collapse in Spain. How could they? Instinctively, people knew that the system, like so many things in life, was too complex. The financial market, which combines the aggregated knowledge of countless participants, avoids wind turbines without subsidies for good reason. According to Sowell, the excuse used by do-gooders is always the same. Without intervention, things would have been even worse. Failed results are seen as proof that even more effort (tax money) is needed. If this is not enough, energy consumption should be reduced. But never the original enthusiasm of the anointed. For many in the conservative milieu, it is not considered appropriate to argue about politics. As a result, it is almost exclusively left-wingers who take part in demonstrations. Conservatives instead concentrate on their own immediate environment, which they can influence. Politics is a necessary evil, which is why mental energy is wasted only on filling out election forms. This milieu cannot be mobilised after work. People vote, they work and they grumble quietly. Sowell accurately describes this asymmetry. It is emotionally more satisfying to be in favour of something ‘good’. The trade-off that follows is irrelevant. The question of intention overshadows the question of reality. As a ‘bad’ right-winger who doesn’t want everything that sounds good because you disagree with the methodology, it’s difficult to convey a nuanced argument to the public in the left-leaning media landscape with its battle cries such as ‘The right-wingers are against human rights’.Government bailouts of systemically important banks such as Credit Suisse are rare but significant events that can be capitalised on. The free market economy has no PR machine, and so it is forgotten that every day, anonymously and modestly, the invisible hand accumulates more wealth over decades than a crisis can destroy in a weekend. The ‘good’ mobilises easily. A message in the Young Socialists’ chat is enough to block the entrance to UBS. For them, politics is their identity. Campaigning is every day, every week and every year. As Margaret Thatcher said: ‘The one thing about left-wing politicians is they are always fanatical. They never let go. It’s their religion. They go on and on.’ At the extreme end, it turns into revolution. Even the Beatles warned the ’68 movement in their song ‘Revolution’: ‘But when you talk about destruction \[…\] don’t you know that you can count me out!’ But for the do-gooders, it’s clear: the deconstruction of existing structures is necessary for a progressive future! Have you noticed that activists only throw tomato soup at classical art and never at postmodern installations? Classical art represents the tragic vision that seeks timeless beauty and order in an imperfect world. The opposite is true of EU buildings: postmodern glass monsters in the style of their visionaries are historically empty. Since Europe’s history is bloody, it is being erased using tabula rasa methodology in order to force a clear conscience. In Switzerland there is a desire to cast off old virtues, too. The new national day is 12 September, the day on which the Federal Constitution came into force. Federal Councillor Beat Jans even proclaims: ‘The EU treaty package is like the Rütli oath.’ Anything that came before is considered old and outdated. Ultimately, freedom of expression suffers as a result of this utopian certainty. Tragic figures know that people pursue their own interests and that no one possesses ultimate wisdom. They let them do their thing and build structures that set boundaries. Utopians say that there is good and evil. Their own intentions are morally pure, so logically the other side is ‘evil’. For example, anyone who opposes supranational organisations with good intentions and nice-sounding names (but no results) can only be evil. A ‘naive’ realism – but with missionary enthusiasm. Trumpism, with Truth Social as the absolute authority on truth, is no better in this respect. How I long for Reagan and Thatcher to return! > «The free market economy has no PR machine, and so it is forgotten that every day, anonymously and modestly, the invisible hand accumulates more wealth over decades than a crisis can destroy in a weekend.» **The EU’s moral mission** Conservatives see laws as a necessary evil – a tragic admission of our imperfection. Their approach is the militia system, which reduces political activism by limiting its scope and instead promotes prioritisation of relevant core issues. And federalism, which tackles problems directly at their source and restrains local decision-makers by giving them a skin in the game. In the utopian vision, the good-natured individuals who consider themselves ‘called’ must steer the fortunes of society, as John Stuart Mill already articulated: ‘\[No\] democracy… ever did or could rise above mediocrity, except in so far as the sovereign Many have let themselves be guided \[…\] by the counsels \[…\] of a more highly gifted \[…\] One or Few.’ It is therefore legitimate to hold special sessions, because the more the anointed consult with each other, the better for society. Where professional politics becomes a moral mission, Brussels stands ready. What began as a good peace project has mutated into an institutionalised ideal: boundless in its aspirations, control and self-assurance. The same goes for the anthem: ‘All men shall be brothers where thy gentle wing abides.’ The wing probably refers to the EU. A lack of results is never a design flaw, but rather an excuse to deepen one’s faith. If something isn’t working, we need more Europe! A perfect system, only constantly thwarted by reality. This balancing act between utopian and tragic visions has accompanied humanity ever since it began to organise itself. Currently, the pendulum is swinging towards the tragic side, as it always has in times of uncertainty. Today’s voters are doing only one thing: instinctively turning to what works – so banal. There were outstanding social democratic politicians – the likes of whom are currently only found in Scandinavia – such as Willy Brandt and Helmut Schmidt, who recognised human imperfection, exercised caution in their interventions and adhered to Ludwig Erhard’s social market economy. One thing is clear: we need optimistic visions. Nobody wants a world full of cynical naysayers. But as Sowell recognises, for the ‘anointed’ their vision is an axiom, not a hypothesis that can be refuted. The burden of proof must be reversed: it is not the critics who must prove that a measure will fail, but the originators who must provide evidence that the promised effect has actually been achieved. Subsidies could be subject to so-called sunset clauses: this means that once they expire, a review is carried out to determine whether the promised effect has been achieved. If not, the subsidy is withdrawn. > «The burden of proof must be reversed: it is not the critics who must prove that a measure will fail, but the originators who must provide evidence that the promised effect has actually been achieved» The ‘anointed’ want to save the world. We tragic figures want it to function. Sowell’s distinction is more relevant today than ever. ### Die Rettung der Welt erlaubt keinen Widerspruch URL: https://www.schweizermonat.ch/die-rettung-der-welt-erlaubt-keinen-widerspruch/ Last updated: 2026-01-26T08:54:50.000Z Read the English version [here.](https://www.schweizermonat.ch/saving-the-world-leaves-no-room-for-dissent/) Wenn Sie mit jemandem aus dem rechten Lager nicht einer Meinung sind, hält er Sie für naiv und kindisch. Wenn Sie mit jemandem aus dem linken Lager nicht übereinstimmen, hält er Sie für böse und ungebildet. Alleine mit dieser Diagnose bringt es Thomas Sowell auf den Punkt. Der US-Ökonom, einst Marxist, analysierte schon 1995 in «The Vision of the Anointed» die Denkmuster einer selbsternannten Elite – der «Gesalbten». Unter seinen über 40 Büchern stechen neben «Basic Economics» besonders seine politischen Werke hervor, weshalb er unter uns jungen Konservativen wiederentdeckt wurde. ## Zwei Visionen – die eine will die andere retten Sowell unterscheidet zwischen zwei Weltanschauungen: der tragischen und der utopischen. Diese entsprechen einem Instinkt, einer angeborenen Voreingenommenheit, die einem seine Werte und politische Haltung definiert. Die tragische Argumentation geht von der Tragik der menschlichen Existenz aus. Im Sinne der alten Griechen ist es ein Schicksal, das inhärent mit der Natur der Dinge und des Menschen einhergeht. Politik dient somit nicht der Selbstverwirklichung, sondern der Bewältigung von Konflikten. Die utopische Vision glaubt an die Fähigkeit der Vervollkommnung der Menschheit durch kluge Planung und weitreichende Reformen, basierend auf Jean-Jacques Rousseaus Prämisse: «Der Mensch ist von Natur aus gut» und «Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten». Nur die gegenwärtigen Institutionen sind falsch und müssen ersetzt werden, denn es ist nur eine Frage der Absicht! Das Werkzeug dazu ist die Politik. Die Vertreter der tragischen Sicht zweifeln daran, ob wenige – sie selbst eingeschlossen – genug wissen, um Experimente zu steuern. So musste auch Isaac Newton erkennen: «Wenn ich weitergesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.» Unsere Werte sind herauskristallisierte Weisheiten aus dem Laboratorium der Geschichte. Konservative erbauen Institutionen um die Realität herum, streben nach schrittweisen Verbesserungen, wie der Schriftsteller und Philosoph Edmund Burke bestätigt: «Wir können die Natur der Dinge und der Menschen nicht ändern … sondern müssen auf diesen aufbauen.» Dies resultiert nicht in schnellem Fortschritt. Aber der Erfolg etwa der Schweiz, die diese Vision institutionalisiert hat, spricht für sich. ## Die Kraft der Utopie Ein Beispiel dafür, dass gute Absichten an der Realität scheitern, liefert die Energiepolitik. Sowell warnte bereits früh: «Was gefährlich ist, sind Wille und Macht ohne Wissen – und für viele expansive Zwecke ist das Wissen inhärent unzureichend.» Man wies auf Engpässe hin, doch keiner konnte vorhersagen, dass in Spanien das Netz kollabiert. Wie denn auch? Instinktiv wusste man, dass das System wie so vieles im Leben zu komplex ist. Der Finanzmarkt, der aggregiertes Wissen unzähliger Akteure vereint, meidet Windräder ohne Subventionen aus gutem Grund. Die Ausflucht der Weltverbesserer läuft nach Sowell stets gleich. Ohne Eingriffe wäre es noch schlimmer gekommen. Fehlresultate gelten als Beweis, dass noch mehr Einsatz (Steuergeld) nötig ist. Falls dies nicht reicht, soll der Energiekonsum gedrosselt werden. Aber nie der ursprüngliche Eifer der Selbsternannten. > «Der Finanzmarkt, der aggregiertes Wissen unzähliger Akteure vereint, meidet Windräder ohne Subventionen aus gutem Grund.» Für viele im bürgerlichen Milieu gehört es sich nicht, über Politik zu streiten. So gehen fast nur Linke demonstrieren. Bürgerliche konzentrieren sich stattdessen auf ihr eigenes, nahes Umfeld, das sie beeinflussen können. Politik ist ein notwendiges Übel, weshalb die mentale Energie nur für das Ausfüllen der Wahlunterlagen verschwendet wird. Dieses Milieu lässt sich nach Feierabend nicht mobilisieren. Man wählt, man arbeitet und man schimpft leise. Sowell beschreibt die Asymmetrie treffend. Es ist emotional befriedigender, für etwas «Gutes» zu sein. Welcher Trade-off folgt, ist nebensächlich. Die Frage nach der Absicht verschluckt die Frage nach der Realität. Als «böser» Rechter, der all das, was vermeintlich gut klingt, *nicht* will, weil man mit der Methodik uneinig ist, ist es schwierig, in der links geprägten Medienlandschaft mit ihren Kampfbegriffen wie etwa «Die Rechten sind gegen Menschenrechte» dem Publikum eine differenzierte Argumentation herüberzubringen. Staatliche Rettungen von systemrelevanten Banken wie der Credit Suisse sind seltene, aber präsente Events, die man vermarkten kann. Die freie Marktwirtschaft hat keine PR-Maschinerie, und so wird vergessen, dass die unsichtbare Hand jeden Tag anonym, bescheiden, über die Jahrzehnte mehr Wohlstand akkumuliert, als eine Krise an einem Wochenende vernichten kann. Das «Gute» mobilisiert einfacher. Eine Message im Juso-Chat reicht, und der UBS-Eingang ist versperrt. Für sie ist Politik ihre Identität. Wahlkampf ist jeden Tag, jede Woche und jedes Jahr. Wie Margaret Thatcher sagte: «Die linken Politiker sind immer fanatisch. Sie lassen nie los. Es ist ihre Religion. Sie machen immer weiter und weiter.» Am extremen Ende geht es in die Revolution über. Schon die Beatles warnten die 68er-Bewegung in ihrem Lied «Revolution»: «But when you talk about destruction \[…\] don’t you know that you can count me out!» Doch für die Gutmenschen ist klar: Die Dekonstruktion bestehender Strukturen ist notwendig für eine progressive Zukunft! Schon gemerkt, dass Aktivisten nur klassische Kunst mit Tomatensuppe bewerfen und nie postmoderne Installationen? Klassische Kunst repräsentiert die tragische Vision, die zeitlose Schönheit und Ordnung in einer unvollkommenen Welt sucht. Gegensätzlich bei EU-Bauten: Postmoderne Glasmonster im Stil ihrer Visionäre sind geschichtslos. Da Europas Historie blutig ist, wird sie mittels Tabula-rasa-Methodik getilgt, um ein reines Gewissen zu erzwingen. Auch in der Schweiz hofft man, alte Tugenden abzustreifen. Der neue Nationalfeiertag ist der 12\. September, der Tag des Inkrafttretens der Bundesverfassung. Bundesrat Beat Jans verkündet sogar: «Das EU-Vertragspaket ist wie der Rütli-Schwur.» Was davor liegt, gilt als alt und störend. Bei dieser utopischen Gewissheit leidet schlussendlich die Meinungsfreiheit. Die Tragiker wissen: Menschen verfolgen ihren Eigennutz und niemand besitzt die ultimative Weisheit. Man lässt sie machen und baut Strukturen, die Grenzen setzen. Der Utopist sagt: Es gibt Gut und Böse. Die eigene Absicht ist ja moralisch rein, somit ist die Gegenseite logischerweise «böse». Wer zum Beispiel gegen supranationale Organisationen mit guten Absichten und wohlklingenden Namen (aber ohne Resultate) ist, kann nur böse sein. Ein «naiver» Realismus – nur mit Missionseifer. Der Trumpismus mit Truth Social als absolute Wahrheitsinstanz ist diesbezüglich nicht besser. Wie sehr ich mir Reagan und Thatcher zurückwünsche! ## Die moralische Mission der EU Die Konservativen sehen Gesetze als ein notwendiges Übel an – ein tragisches Eingeständnis unserer Unvollkommenheit. Ihr Weg ist das Milizsystem, das durch zeitliche Limitierung politischen Aktivismus vermindert und stattdessen eine Priorisierung auf relevante Kernanliegen fördert. Und der Föderalismus, der Probleme direkt an der Quelle angeht und die Entscheider vor Ort durch «Skin in the Game» bändigt. In der utopischen Vision müssen die Gutmütigen, die sich für «berufen» halten, die Geschicke einer Gesellschaft steuern, wie es schon John Stuart Mill artikulierte: «\[Keine\] Demokratie vermochte jemals \[…\] sich über die Mittelmässigkeit zu erheben, ausser insofern, als die souveräne Menge sich \[…\] durch den *Rat* \[…\] eines höher begabten \[…\] Einzelnen oder Weniger leiten liess.» Somit ist es legitim, Sondersessionen abzuhalten, denn je mehr sich die Berufenen beraten, desto besser für die Gesellschaft. Wo Berufspolitik zur moralischen Mission wird, steht Brüssel bereit. Was als gutes Friedensprojekt begann, mutiert in ein institutionalisiertes Ideal: grenzenlos im Anspruch, in Kontrolle und Selbstgewissheit. So auch die Hymne: «Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.» Mit Flügel ist wohl die EU gemeint. Ausbleibende Resultate sind nie Konstruktionsprobleme, sondern Anlass zur Glaubensvertiefung. Funktioniert etwas nicht, braucht es mehr Europa! Ein perfektes System, dem einzig die Realität ständig in die Quere kommt. > «Ausbleibende Resultate sind nie Konstruktionsprobleme, sondern Anlass zur Glaubensvertiefung.» Diese Gratwanderung zwischen utopischer und tragischer Vision begleitet die Menschheit, seit sie sich organisiert. Gegenwärtig schwenkt das Pendel auf die tragische Seite um, wie es schon immer in unruhigen Zeiten geschehen ist. Die Wähler tun heute nur eines: instinktiv zurückgreifen auf das, was funktioniert – so banal. Es gab hervorragende sozialdemokratische Politiker – wie man sie gegenwärtig nur in Skandinavien findet – wie Willy Brandt und Helmut Schmidt, welche die menschliche Unvollkommenheit anerkannten, Eingriffe vorsichtig dosierten und zur sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards standen. Klar ist: Es braucht optimistische Visionen. Niemand will eine Welt voller zynischer Nein-Sager. Doch wie Sowell erkennt, ist für die «Gesalbten» ihre Vision ein Axiom, keine Hypothese, die man widerlegen kann. Die Beweislast muss umgekehrt sein: Nicht die Kritiker müssen belegen, dass eine Massnahme scheitert, sondern die Urheber müssen nachweisen, dass die versprochene Wirkung tatsächlich eingetreten ist. Man könnte Subventionen mit sogenannten Sunset-Klauseln versehen: Das heisst, nach Ablauf wird geprüft, ob die versprochene Wirkung eingetreten ist. Wenn nicht, fällt die Subvention weg. Die «Gesalbten» wollen die Welt retten. Wir Tragiker wollen, dass sie funktioniert. Sowells Unterscheidung ist heute aktueller denn je. ### «Wir überschätzen die Diskurse auf Social Media» URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-ueberschaetzen-die-diskurse-auf-social-media/ Last updated: 2026-08-06T15:03:05.000Z _No content available._ ### «Jeder kann ein Unternehmer werden» URL: https://www.schweizermonat.ch/jeder-kann-ein-unternehmer-werden/ Last updated: 2026-01-22T10:28:48.000Z Am gestrigen Anlass von Schweizer Monat und Le Regard Libre in Bern ging es um die zwei wichtigsten Dinge im Leben – Geld und Liebe, wie Moderator Lukas Leuzinger pointiert festhielt. Seine Gäste: die Jungunternehmerin Laura Matter von der Dating-App Noii sowie Bitcoin-Unternehmer Julian Liniger von Relai. Der Schweizer Monat und Le Regard Libre wollen insbesondere junge Menschen in der Deutschschweiz und der Romandie für liberale Ideen und das Unternehmertum begeistern. Zu diesem Zweck haben sie das Projekt «Esprit Entrepreneurial» ins Leben gerufen, das von der Bonny Stiftung und PEMOL-Baumann-Stiftung unterstützt wird. [![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/logo_esprit-entrepreneurial.png)](https://schweizermonat.ch/ee/?ref=schweizermonat.ch) Was denn das Beste am Unternehmertum sei, wollte Leuzinger von seinen Gästen wissen. Für Laura – in der Startup-Szene duzt man sich – liegt der Reiz darin, etwas aufzubauen und das Leben von Menschen zu verbessern – oder wie sie es formuliert: «einen Impact zu haben». Für Julian zählt vor allem die Lernkurve: «An keiner Schule lernt man so viel wie als Unternehmer.» Dabei denkt er weniger an Zahlen, Marketing oder Technologie, wo es ebenfalls viel zu lernen gäbe, sondern in erster Linie an den Umgang mit Menschen. Denn Menschen zu überzeugen, sei eine Hauptaufgabe von Unternehmern. **Von online zu offline** Der Weg dorthin beginnt oft mit wenig mehr als einer Idee. «Zu Beginn hatte ich nichts ausser einer Idee und einem Pitchdeck». Mit dieser Kurzpräsentation der eigenen Geschäftsidee bewaffnet, gelte es dann, rauszugehen und die richtigen Partner, Mitarbeiter und Investoren zu finden – und sie zu überzeugen. Als Unternehmer habe man stets zu wenig Zeit und zu wenig Geld. Getrieben vom Anspruch, eine möglichst grosse Wirkung zu erzielen, habe er zwangsläufig gelernt, seine Zeit und Energie effizient einzusetzen. «Das kann man nicht bei der SBB oder der Post lernen», sagt Julian in der Bundeshauptstadt. Laura hebt auch die Bedeutung des Umfelds hervor, in dem es gilt, Leute zu motivieren. «In meinem Alltag läuft etwa ein Drittel so wie ich das geplant habe. Ein Drittel läuft schlechter, ein Drittel besser». Mit ihrer Firma kreiert sie Offline-Events, bei denen sich Singles im echten Leben verlieben sollen. Damit bietet sie eine Alternative zum Online-Dating, wo auch ihr Unternehmen seine Wurzeln hat. Bei der Gründung vor vier Jahren setzte Noii noch auf digitales Matchmaking und Video-Speeddating. Heute setzt Laura für ihre rund 70 000 Benutzer ganz auf Events und kreiert rund 15 Anlässe pro Monat. Mittlerweile beschäftigt Noii 12 Mitarbeiter und unterhält ein Büro in Zürich. Die Technologie wird aus der Ukraine bezogen. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/dsc08786.jpg) **Ausdauer bei der Geldsuche** Viel zu reden gab auch die Frage nach der Finanzierung – oder «Fundraising», wie es im Unternehmerjargon heisst. Denn was nützt die beste Idee, wenn das Startkapital fehlt oder sich kein Geld auftreiben lässt? In diesem Punkt sind sich Laura und Julian einig. Kein Geld zu haben, darf kein Grund sein, seine unternehmerischen Träume nicht zu verfolgen. Denn jenseits von Banken, die bei Neugründungen meist zurückhaltend sind, existieren zahlreiche Alternativen. Dazu zählen «Angels» (private Investoren), Crowdfunding, Freunde und Familie, professionelle Risikokapitalgeber (etwa Venture-Capital-Funds) oder Partner wie der Migros Pionierfonds. Auch Julian hatte zu Beginn kein Geld – und wollte bewusst keines von anderen annehmen. Rückblickend spricht er gar von einer mentalen Blockade. «Vor sechs Jahren wusste ich nicht einmal, was ein Venture Capital Fund ist. Heute haben wir 20 Millionen Franken aufgebracht», sagt er. Unternehmer müssten sich nicht schämen, Geld aufzunehmen, weiss er heute. Denn professionelle Investoren investieren in eine Vielzahl von Start-ups. Gelingt nur einem davon der grosse Durchbruch, hat sich das Risiko gelohnt. Implizit verweist Julian damit auch auf die Kehrseite des Unternehmertums: Nur ein Bruchteil aller Start-ups schafft es tatsächlich. Fundraising ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Es gilt nicht nur, ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen und dieses von der eigenen Idee zu überzeugen, sondern auch Durchhaltevermögen zu haben, «denn die Suche nach frischem Kapital zieht sich ewig durch», wie Laura sagt. Bis heute hat sie – auch mithilfe von Kleininvestoren die jeweils 500 Franken beisteuerten – rund 1.5 Millionen Franken eingesammelt. Noii zählt inzwischen über 400 Miteigentümer. > «Kein Geld zu haben, darf kein Grund sein, seine unternehmerischen Träume nicht zu verfolgen» ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/img_4468.jpg) **«Flexibel und stur sein»** Zentraler Baustein des Erfolgs ist auch die Suche nach einem oder mehreren Co-Foundern. Laura rät, zuerst einmal ein paar Monate zusammenzuarbeiten, bevor man sich festlegt. Und jung eine Firma zu gründen, hält sie für einen Riesenvorteil. «Speed is King», pflichtet Julian bei und ergänzt: «An der Vision muss man stur festhalten, bei der Umsetzung jedoch flexibel und schnell sein». Entscheidend sei, dass ein Co-Founder die Vision teile, zugleich jedoch ergänzende Skills einbringe. Hier sind sie sich einig: Unternehmer werde man nicht durch ein angeborenes Gen. Unternehmertum sei lernbar – und prinzipiell für jeden zugänglich. Mit Blick auf verbesserungswürdige Rahmenbedingungen berichtete Laura etwa von strikten Auflagen für Events in Lausanne. Die Stadt erhebe auch Steuern auf Tickets – was die Expansion in die Romandie nicht gerade erleichtere. Julian beklagt, dass die reiche Schweiz über sehr wenig Risikokapital verfüge. Sein Wunsch: bessere Anreize, etwa durch eine Steuerbefreiung von Risikokapital. «In Grossbritannien kann ich Risikokapitalanlagen von den Steuern anziehen. In der Schweiz ist es umgekehrt. Je mehr ich investiere, desto mehr Steuern bezahle ich». In den USA dürften zudem Pensionskassen in Venture Capital Funds investieren. Die Folge: Viele gute Startups wandern früher oder später dorthin ab. Unter den rund 50 Teilnehmern befanden sich auffallend viele junge Leute. Inspirierend zu sehen, wie viele von ihnen dem Unternehmertum zugetan sind und von ihren eigenen, unterschiedlich weit gedeihten Projekten erzählten. Von der selbst designten Tragtasche für Wasserflasche und Handy bis hin zur eigenen Immobilienverwaltungsfirma. Und vergessen Sie keinesfalls: Sollten «Functional-Food-Gummibärli» mit stimulierender Mate – die Wirkung ist mit Koffein vergleichbar – eines Tages zum grossen Renner werden, dann haben Sie davon zuerst im Schweizer Monat gelesen. (Fabian Gull) ### Ja, man kann Bodybuilding und Ultramarathon gleichzeitig machen – aber nicht beides gleichzeitig gut URL: https://www.schweizermonat.ch/ja-man-kann-bodybuilding-und-ultramarathon-gleichzeitig-machen-aber-nicht-beides-gleichzeitig-gut/ Last updated: 2026-01-21T14:17:39.000Z Das beste Mittel gegen Vorurteile und Allgemeinplätze ist die konkrete Erfahrung. «Knowledge without mileage equals bullshit», lautet das Credo des Musikers und Kraftsportlers Henry Rollins – wenn du wirklich etwas über einen Ort, einen Menschen, ein Phänomen wissen willst, dann geh hin, konfrontiere dich damit, probier’s aus. In diesem Sinne startete ich 2023 ein Realexperiment. Ich wollte wissen, ob sich Bodybuilding und Ultramarathon gleichzeitig praktizieren lassen. Die landläufige Meinung ist, dass sich diese Disziplinen ausschliessen. Drei Jahre später weiss ich: Es ist durchaus möglich – aber die zeitlichen und energetischen Herausforderungen sind enorm, wenn man neben dem Job 50 bis 130 Kilometer Laufstrecke pro Woche mit drei Krafttrainingseinheiten, Stretching und funktionellen Übungen unter einen Hut bringen will. Das unbearbeitete Foto zeigt mich, 46 Jahre alt, im Dezember 2025 nach dem Krafttraining. Es entstand in der ersten Phase eines 28-Wochen-Plans zur Vorbereitung auf einen 100-Kilometer-Lauf. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich im Jahresverlauf schon rund 2000 Kilometer abgespult, einen Stadtmarathon, einen Berg-Ultramarathon sowie diverse Bergläufe mit Distanzen bis zu 35 Kilometern und 2300 Höhenmetern zurückgelegt. Hinzu kamen etwa 1000 Kilometer mit dem Fahrrad. Die Laufwettbewerbe endeten meist mit mittelprächtigen Zeiten. Manchmal fluchte ich: Mit weniger Muskelmasse liefe es besser! Aber immerhin: Ich lief, ich kam durch, ich gab nie auf. Im Gym trainierte ich zweimal pro Woche den gesamten Oberkörper und einmal den ganzen Unterkörper. **Mittelmass als Spitzenleistung** Zum Zeitpunkt der Aufnahme wog ich bei 181 Zentimetern Körpergrösse rund 82 Kilogramm, der Körperfettanteil lag bei etwa zehn Prozent. Mit so einem Körper gewinnt man selbst bei einem Natural-Bodybuilding-Wettbewerb in der Provinz keinen Blumentopf. Für die strengen Bodybuilding-Massstäbe ist der Körper nicht hart und definiert genug, für einen Läuferkörper hingegen zu schwer und dysfunktional. Doch entgegen dem Mythos der Unvereinbarkeit konnte ich einen wesentlichen Anteil meiner Muskelmasse wahren. > «Für die strengen Bodybuilding-Massstäbe ist der Körper nicht hart und definiert genug, für einen Läuferkörper hingegen zu schwer und dysfunktional.» Zugute kam mir wohl, dass ich seit meinen Teenagerjahren Kraftsport und Bodybuilding betreibe. Über viele Jahre kontinuierlich – und vor allem ohne Doping – aufgebaute Muskulatur verschwindet nicht über Nacht. Nur in den Oberschenkeln liess sich das Muskelvolumen nicht halten – die Regenerationszeit nach einem harten Beintraining ist schlicht zu lang, um mit fünf Lauftrainings pro Woche kombiniert werden zu können. Interessanterweise sank der Körperfettanteil durch das Ausdauertraining nicht, er stieg sogar minimal an – obwohl ich weder deutlich mehr ass noch meine Ernährung grundlegend veränderte. Offenkundig geriet der Körper durch das Ultratraining in eine Art Panik, lagerte umso mehr ein, verwertete die Nahrung umso effizienter. Diese Erfahrung bestätigt eine alte Einsicht aus dem Bodybuilding: Wer Körperfett reduzieren will, ist mit dem Aufbau von Muskelmasse oft besser beraten als mit endlosen Ausdauereinheiten. Wer also den Look eines Bodybuilder-Körpers schätzt und über ausreichend Zeit- und Energiereserven verfügt, kann ihn trotz Ultratrainings zumindest am Oberkörper auf solidem Niveau erhalten. Oben Pumper, unten Läufer – das Beste aus beiden Welten. Spitzenleistungen wird man so aber in keiner der Disziplinen erbringen – es sei denn, man sieht in der widersprüchlichen Kombination selbst eine Spitzenleistung. ### Why Brussels Should Be Applying to Switzerland Instead URL: https://www.schweizermonat.ch/why-brussels-should-be-applying-to-switzerland-instead/ Last updated: 2026-04-11T11:12:25.000Z Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/warum-die-eu-der-schweiz-beitreten-soll/). Why do representative democracies find it so hard to restrain themselves? Why do rules, agencies and subsidies expand even when voters ask for the opposite? And why does Switzerland – almost uniquely in the world – seem able to defy this gravitational pull toward ever-growing government? These questions lie at the heart of today’s debate about democratic governance. They also stand at the centre of my recent book *The Deep State Wants a Hug*, which vividly portrays that democracy is not dying – it is being outcompeted in the long, quiet stretches between elections, where the real incentives of bureaucracy unfold. The book follows sectors that thrive in this twilight zone of complexity – from lawyers and tax advisers to certification bodies, tech lobbyists, NGOs, climate narrative designers, and state broadcasters – to show how rules become income streams while the public sleeps. Across the OECD, trust in government has been sliding for nearly twenty years – and the most recent figures show just how far countries diverge. Switzerland sits at the very top, with roughly 62 per cent trusting the national government and 56 per cent trusting parliament (Figure 1). > «Democracy is not dying – it is being outcompeted in the long, quiet stretches between elections, where the real incentives of bureaucracy unfold» The OECD average itself lies around 39 per cent for governments and 37 per cent for parliaments. Germany sits near this average. Trust in the national government is about 36 per cent, while 35 per cent trust the Bundestag. France is similar, at roughly 34 per cent for both institutions. The United Kingdom sits lower still, at around 27 per cent trust in government and 24 per cent in parliament. These contrasts matter. They reflect where citizens feel their democratic institutions still work – and where they suspect government has drifted into the self-reinforcing logic of agencies, programmes and subsidies that grow regardless of what voters want. Figure 1: In most countries the national parliament is less trusted than the national government ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/capture1.jpg) Source: OECD Trust Survey 2023\. Note: The figure presents the within-country distributions of responses to the question “On a scale of 0 to 10, where 0 is not at all and 10 is completely, how much do you trust \[insert name of institution\]?” The share with high or moderately high trust corresponds to those who select an answer from 6 to 10 on the 0-10 response scale. Switzerland’s position is not an accident. Its institutions earn trust *not because* they are flawless, *but because* they are designed to make government answer to citizens – and, when necessary, fear them – rather than the other way round. Direct democratic instruments, constitutional debt brakes, transparent fiscal rules and a culture of decentralisation create a legal system in which professional lobbyists occasionally win – but cannot entrench themselves without public consent. What constrains government expansion in Switzerland is not political virtue, but enforceable institutional design anchored in law: - **Binding constitutional “debt brake” (Artikel 126 der Bundesverfassung):**The federal budget must be balanced over the economic cycle: total ordinary expenditure may not structurally exceed ordinary receipts.[1](#fn:1) - **Public expenditure ceiling tied to cyclically adjusted revenue – with oversight and correction mechanisms:** The permitted federal expenditure each year is set according to a formula that adjusts for economic conditions; if the government overspends, a “compensation account” requires that excess be offset in later years.[2](#fn:2) - **Exception for emergencies – but with limits and later compensation:** Extraordinary expenditures (e.g. during crises) are possible under the debt brake, but they must be explicitly approved and offset over subsequent years. - **Federal structure and cantonal sovereignty (Artikel 3 der Bundesverfassung):** Cantons retain sovereignty over any matters not transferred to the Confederation – meaning many policy spheres (education, policing, local taxes, infrastructure) remain decentralised.[3](#fn:3) - **Direct-democratic instruments (referenda and initiatives):** While the federal level does not permit a financial referendum on all budget items, Switzerland has robust mechanisms for constitutional initiatives and referenda on legislation requiring public approval (e.g. constitutional revisions, major laws). - **Rule-of-law and proportionality constraints on state action (Artikel 5 der Bundesverfassung):** The constitution mandates that state activity be in the public interest, proportionate and subject to legal constraints – limiting arbitrary expansion of state power. - **Subsidies in Switzerland are not generally prohibited by federal constitution:** While the state is permitted to grant financial assistance, the **principle of Economic Freedom (Art. 27 BV)** ensures that subsidies cannot be granted arbitrarily. They must be grounded in a specific **legal basis** (Legalitätsprinzip) and must be justified by a **public interest** that is **proportionate** to the resulting restriction on the economic freedom of competitors. Thus, the constitutional framework only imposes conditions to **prevent the distortion of fair competition** rather than enacting an outright ban. - **Culture of fiscal discipline reinforced by legal commitment and popular consent:** The debt brake was approved by around 85 per cent of voters in 2001 – giving the rule strong democratic legitimacy.[4](#fn:4) All of this adds up to something most democracies lack: a system where institutions are forced to behave financially the way healthy households or firms must behave. The consequences are visible not only in political culture but also in measurable outcomes. > «Switzerland’s position is not an accident. Its institutions earn trust not because they are flawless, but because they are designed tomake government answer to citizens–and, when necessary, fear them» ## Switzerland Sits Almost Alone in a Different Institutional Universe One of the cleanest indicators is government debt as a share of GDP. Between 2014 and 2024, the United States rose to roughly 123 per cent, France exceeded 116 per cent and the United Kingdom reached about 93 per cent. Even Germany – for decades held up as the paragon of fiscal orthodoxy – stands at around 64 per cent (Figure 2). Switzerland, by contrast, reduced its debt from roughly 43 per cent to just under 40 per cent over the same period. This is not creative accounting. It reflects its constitutional constraint, and it demonstrates that trust in public institutions is not magic. It is engineered through transparent rules, decentralised competition, and direct democratic oversight that impose discipline where other representative democracies allow drift. Figure 2: Government gross debt in per cent of GDP ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/capture2.jpg) Source: OECD. Note: General government debt is the gross debt of the general government as a percentage of GDP. In many democracies today, citizens increasingly feel that taxpayer money is wasted – or that state-directed programmes fail to achieve their objectives. The sense of dysfunction corrodes trust, fuels cynicism and gradually disconnects voters from the institutions that are meant to serve them. This is not irrational frustration: in most representative democracies, the legal and fiscal machinery of the state expands faster than citizens can monitor or contest it. The mechanics are familiar. Laws proliferate. Subsidies accumulate. Technical decisions are quietly delegated to ministries, regulators and arm’s-length agencies. Accountability fragments, while incentives reward the expansion of budgets and mandates rather than their disciplined management. The result is predictable: those who understand how to monetise democratic and legal complexity always find ways to do so – often in the silent stretches between elections. My book analyses this ecosystem: the professions and industries that earn their income from interpreting, stretching and multiplying rules. Not through conspiracy or malice – but through incentives embedded in the legal-institutional architecture of modern representative democracies. ## Switzerland Is Not Perfect, but It Is More Perfect Switzerland is not a utopia. It subsidises agriculture, shields failing projects, and decorates mediocre ideas with elegant acronyms. The federal government has 241 separate subsidy channels distributing nearly CHF 47 billion a year; over a third are classified as economically dubious or harmful, including CHF 6.7 billion in clearly welfare-reducing measures and CHF 31.3 billion with ambiguous effects, according to the *IWP Subventionsreport 2023*.[5](#fn:5) The IWP report highlights subsidies to agriculture, film, public transport and multilateral organisations in Geneva that lack convincing justification, sometimes amounting to hundreds of millions of francs a year. The *Federal Audit Office* has repeatedly reached the same conclusion: many subsidies are insufficiently monitored, insufficiently targeted and insufficiently justified, with weak accountability and patchy oversight across numerous programmes.[6](#fn:6) ## Even When Switzerland Gets It Wrong, It Gets It Wrong Less Badly In Switzerland, subsidies exist but they do not spiral out of control. They collide with real constraints: the debt brake forces trade-offs, federal decentralisation makes rent-seeking expensive, direct democracy gives voters a veto, and the Legalitätsprinzip prevents subsidies from becoming permanent industrial lobbies. Switzerland lives closer to *escape velocity* than systems that are democratic in theory but increasingly unaccountable in practice. Even where Switzerland gets it wrong, it gets it wrong less badly. Imperfection with discipline beats perfection on blank cheques. > «In Switzerland, subsidies exist but they do not spiral out of control. They collide with real constraints: the debt brake forces trade-offs, federal decentralisation makes rent-seeking expensive, direct democracy gives voters a veto, and the Legalitätsprinzip prevents subsidies from becoming permanent industrial lobbies» ## Swiss Taxes: Opaque but Tolerable Because They Are Low The Swiss tax system is not transparent. It is a maze of cantonal rates, deductions and stepwise burdens. But unlike Germany, France or the UK, the opacity is not weaponised to confiscate wealth by stealth. The Swiss opacity is tolerated precisely because rates are low. Opaque-and-low feels like imperfect design. Opaque-and-high feels like expropriation. And opaque-and-high is what corrodes trust – which is why trust has collapsed across the OECD but not in Switzerland. ## Dismantling Professional Privilege In many democracies, certain professions occupy a protected caste position – shielded by tenure, privileged pensions and institutional immunity from reform. Germany’s Beamte system is the clearest expression of this: lifetime status, structurally higher pensions and a political culture in which any suggestion of change triggers outrage and accusations of “Neiddebatte”.[7](#fn:7) Switzerland took a different path. Historically, many public roles – teachers included – were appointed under a public-law status with disproportionately strong protections. But from the 1990s onwards, these arrangements were dismantled. The classical Beamtenstatus was replaced with contract-based employment governed by public law. Competence, not caste, became the organising principle. Services continued to function; respect for the professions remained. The underlying Swiss principle is straightforward: public functions must serve the public, not themselves. That is precisely the kind of institutional reform most representative democracies fear to attempt – and it is one reason Switzerland’s public institutions remain more trusted, more accountable and ultimately more compatible with democratic legitimacy. ## State Media – The Test of a Functioning Democracy State media is the stress test for every modern government. In Switzerland, the test was passed in 2018\. Abolish the licence fee? The people voted. Result: 71.6 per cent said no. Every canton stood behind the decision. The legitimacy of SRG (and SRF within it) lies not in being publicly funded – but in being accepted by public vote. Fast forward to 2025: SRG must cut 900 positions by 2029 due to reduced fees, digital disruption and federal pressure to economise.[8](#fn:8) For a public broadcaster to shrink in scope, cost and staff – and do so without existential crisis – is unthinkable in Germany or at the BBC. But in Switzerland, statutory constraints and public legitimacy make such adjustments politically feasible. The No-Billag vote was not a triumph of ideology. It was a triumph of legitimacy. It proved that subsidies endure only where trust endures – and that when constraints press, Switzerland adjusts rather than explodes. ## So What Is the Lesson? Switzerland is not the biblical land of milk and honey, and it certainly does *not* lack bureaucrats, subsidies or inefficiencies. But it has achieved something profoundly rare among representative democracies: it has put constitutional structure between power and drift. The Swiss system makes government accountable to citizens, not citizens accountable to government. The Swiss should be proud of this. They have built a political order that others admire but do not execute. Fiscal discipline is enforceable, not rhetorical. Citizens are not spectators but co-owners of governance. Power is distributed rather than hoarded. Accountability is much more real than theatrical. Europeans (and others) would benefit from understanding this. Switzerland does not need to apply to join the European Union – if anything, Brussels should apply to join Switzerland. Real veto power, enforceable fiscal rules, decentralisation and structural accountability are not Alpine traditions; they are the missing software patches for European democracy. > «Switzerland does not need to apply to join the European Union – if anything, Brussels should apply to join Switzerland» Well. Germany is my mother country. So what should my fellow citizens do? First, avoid the grand illusion that Germany can be reformed within its current political architecture. The system is not broken – it is rigid. Laws do not die; they multiply. Every reform ends in preservation of the status quo. Privileges are entrenched, not seriously challenged. Bureaucracy expands, not adapts. Economic opportunity is smothered, not unleashed. So what remains for Germans – and anyone else caught in the rigid machinery of representative democracy? You can leave the country. You can exit the system economically through crypto. Or you can buy my book – laugh, occasionally cry – and see why Swiss-style constitutional design is the closest thing we have to democratic realism. Or you can organise for something that sounds impossible: genuine systemic reform, a constitutional redesign that makes Germany look more like Switzerland – perhaps not culturally, but institutionally. If that sounds unrealistic, good. Political realism is the art of lowering expectations until nothing changes. In the meantime, just read the book. [**The Deep State Wants a Hug: *How to Lobby Like Crazy and Make Money by Law***](https://www.amazon.com/Deep-State-Wants-Hug-seriously/dp/3982779901?ref=schweizermonat.ch) *Matthias Bauer, Director at ECIPE* The book reveals how modern democracies are quietly outcompeted in the long stretches between elections. It shows how insiders turn legal complexity into reliable income streams. And it argues that more direct democracy – not culture – offers the closest thing to a solution. 1. Schweizerisches Eidgenössisches Finanzdepartement (2025). Schuldenbremse. Verfügbar unter [https://www.efd.admin.ch/en/the-debt-brake](https://www.efd.admin.ch/en/the-debt-brake?ref=schweizermonat.ch).[ ↩](#fnref:1) 2. Schweizerisches Eidgenössisches Finanzdepartement (2025). Schuldenbremse (Finanzpolitik, Grundlagen). Verfügbar unter [https://www.efv.admin.ch/en/debt-brake-fp](https://www.efv.admin.ch/en/debt-brake-fp?ref=schweizermonat.ch)[ ↩](#fnref:2) 3. Federal Constitution of the Swiss Confederation (Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft). Available at [https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de](https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de?ref=schweizermonat.ch). In essence, the Swiss model operates under the principle that if the Federal Constitution does not assign a competence to the Confederation, it remains with the 26 Cantons.[ ↩](#fnref:3) 4. Swiss Votes (2025). Schuldenbremse (debt brake). Available at [https://swissvotes.ch/vote/480.00](https://swissvotes.ch/vote/480.00?ref=schweizermonat.ch)[ ↩](#fnref:4) 5. IWP (2023). IWP-Subventionsreport. Available at [ ↩](#fnref:5) 6. Federal Finance Administration(EFK, 2024). Subsidies: Summary report of past audits. Available at [https://www.efk.admin.ch/en/audit/subsidies-summary-report-of-past-audits](https://www.efk.admin.ch/en/audit/subsidies-summary-report-of-past-audits?ref=schweizermonat.ch)[ ↩](#fnref:6) 7. FR (2025). „Unterste Schublade“: Beamte entsetzt über „Neiddebatte“ um ihre Pensionen. Available at [https://www.fr.de/panorama/altersvorsorge-angestellte-beamte-kritik-pensionen-rente-gehalt-neid-ruhestand-zr-93535814.html](https://www.fr.de/panorama/altersvorsorge-angestellte-beamte-kritik-pensionen-rente-gehalt-neid-ruhestand-zr-93535814.html?ref=schweizermonat.ch).[ ↩](#fnref:7) 8. SRF (2025). SRG streicht 900 Vollzeitstellen bis 2029\. Available at [https://www.srf.ch/news/schweiz/sparmassnahmen-srg-streicht-900-vollzeitstellen-bis-2029](https://www.srf.ch/news/schweiz/sparmassnahmen-srg-streicht-900-vollzeitstellen-bis-2029?ref=schweizermonat.ch)[ ↩](#fnref:8) ### «Sind wir unfähig zur Freiheit?» URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-werden-den-gottesdienst-der-konformisten-stoeren/ Last updated: 2026-08-10T09:48:05.000Z _No content available._ ### Peak Trump: Fünf Prognosen für 2026 URL: https://www.schweizermonat.ch/peak-trump-fuenf-prognosen-fuer-2026/ Last updated: 2026-01-19T17:25:05.000Z Read the English version [here.](https://www.schweizermonat.ch/peak-trump-five-predictions-for-2026/) Hat jemals ein Jahr so turbulent begonnen wie 2026? Vor etwas mehr als zwei Wochen haben Donald Trumps USA den venezolanischen Präsidenten gefangen genommen und die Kontrolle über das Land und sein Öl erklärt. Der Präsident hat Drohungen gegen Kuba, Kolumbien, Mexiko, Grönland und den Iran ausgesprochen. Zwei Öltanker, die mit venezolanischen Ölexporten in Verbindung stehen, wurden beschlagnahmt. Und die Vereinigten Staaten sind aus 66 UN- und internationalen Organisationen ausgetreten. Die Welt hat es mit einem Trump zu tun, der sich keine Grenzen setzt: einem Präsidenten, der sich im eigenen Land keinerlei Beschränkungen unterworfen fühlt und Amerikas Recht geltend macht, international zu handeln, wo immer es ihm möglich ist. «Vorhersagen sind sehr schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen», soll Niels Bohr einst gesagt haben. Er hatte recht. Black-Swan-Ereignisse sind nicht vorhersehbar, da sie per Definition «unbekannte Unbekannte» sind. Der dänische Physiker Per Bak untersuchte Lawinen und entdeckte, dass jedes einzelne Schneekorn die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs erhöht – dennoch können wir immer noch nicht vorhersagen, wann eine Lawine ausgelöst wird oder wie gross sie sein wird. Dennoch sind Vorhersagen wertvoll. Die Bewertung von Eventualitäten ist das Wesentliche des Risikomanagements. Im Folgenden werden Möglichkeiten aufgeführt, die von Natur aus provokativ, aber im Kern plausibel sind – sie sollen zum Nachdenken anregen, nicht mit falscher Präzision vorhersagen. ## Die Abrechnung bei den Zwischenwahlen Trump beginnt seine zweite Amtszeit mit einer geeinten republikanischen Kontrolle und einer ehrgeizigen Agenda. Aber die Kaufkraftkrise in Amerika wird zum bestimmenden Thema. Lebensmittel sind nach wie vor 30 Prozent teurer als vor fünf Jahren. Die Hypothekarzinsen bleiben hoch. Die «Big Beautiful Bill» wird zunehmend als Vermögensübertragung von der Mittelschicht auf die Reichen wahrgenommen – Steuersenkungen für Unternehmen und Milliardäre, finanziert durch Kürzungen bei den Leistungen für normale Amerikaner. Unterdessen sind viele Menschen Trumps unerbittlicher Angriffe auf die vertrauenswürdigsten Institutionen Amerikas überdrüssig: Gerichte, Universitäten, die Federal Reserve, Medien. Er versucht sogar, das Nobelpreiskomitee unter Druck zu setzen. Trumps dreiste Monetarisierung öffentlicher Ämter schreitet weiter voran, während die Begünstigung durch die Regierung mit privaten Gewinnen verschmilzt. Jede einzelne Übertretung mag unbemerkt bleiben, aber die Anhäufung baut Druck auf wie Baks Schneekörner. **Die Prognose:** 2026 markiert den «Peak Trump». Die Republikaner erleiden erhebliche Verluste bei den Zwischenwahlen und verlieren ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus sowie mehrere Gouverneursposten. Die Lawine beginnt mit den Unabhängigen, die Trump wegen seiner wirtschaftlichen Kompetenz unterstützt haben und nun von den schlechten Ergebnissen desillusioniert sind. Gemässigte Vorstadtbewohner wenden sich ab angesichts der immer aggressiver werdenden Razzien der Einwanderungsbehörde ICE und der Einsätze der Nationalgarde. Jede Abwanderung macht die nächste einfacher. Der entscheidende Moment: Republikanische Kandidaten in umkämpften Wahlkreisen vermeiden aktiv Trumps Unterstützung – und unterlaufen damit den Loyalitätstest, der die MAGA-Bewegung seit 2016 geprägt hat. 1. ## Der Zusammenbruch der Zölle Trump hat unter Berufung auf die nationale Sicherheit mit Hilfe seiner Exekutivgewalt umfassende Zölle verhängt. Rechtliche Anfechtungen werden derzeit vor Bundesgerichten verhandelt. Wirtschaftsdaten zeigen, dass die Rückverlagerung der Produktion minimal ist, während die Konsumentenpreise gestiegen sind. Der Oberste Gerichtshof entscheidet mit 6:3 Stimmen, dass Trumps Zollregime die Kompetenzen der Exekutive überschreitet. Die Mehrheit ist der Ansicht, dass Zölle dieser Grössenordnung eine Besteuerung darstellen, die laut Verfassung dem Kongress vorbehalten ist. «Keine Besteuerung ohne Vertretung» war der Schlachtruf, für den viele Amerikaner in ihrem Kampf um die Unabhängigkeit ihr Leben liessen – der Gerichtshof wird nicht zulassen, dass er durch die Launen der Exekutive umgangen wird. **Die Prognose:** Trotz anfänglicher Drohungen gibt Trump die Zölle innerhalb von 90 Tagen auf. Umfragen zeigen eine Ablehnung von 68 Prozent, und wichtige republikanische Senatoren verweigern die Genehmigung. Die Zölle haben weder zu einer nennenswerten Verringerung der Handelsabhängigkeit von China noch zu einer Eindämmung seiner Dumping-Exportpraktiken geführt. Die Lieferketten erwiesen sich als widerstandsfähiger als erwartet. Selbst unter den ursprünglichen Befürwortern herrscht Einigkeit: «America First» hat tatsächlich die Position Chinas gestärkt, da es seine Exporte auf andere Märkte (ASEAN, EU, globaler Süden) umleitet und diese Beziehungen vertieft, während die USA am Ende isolierter sind. Was bleibt, sind geringfügige bilaterale Anpassungen mit kleineren Nationen und gesichtswahrende Rhetorik – der Berg hat eine Maus geboren. Wie das arabische Sprichwort sagt: «Die Hunde bellen, und die Karawane zieht weiter.» 1. ## Wertzerfall des Dollars und fiskalische Abrechnung Die Vereinigten Staaten haben ein Defizit in Höhe von Billionen Dollar und zunehmende Haushalts- und Handelsungleichgewichte. Die Kosten für den Schuldendienst belaufen sich auf fast 1 Billion Dollar pro Jahr. Trumps Steuersenkungen, erhöhte Verteidigungsausgaben und fehlende Zolleinnahmen führen zu einer fiskalischen Entwicklung, die an den Anleihenmärkten die Alarmglocken klingeln lässt. **Die Prognose:** Der US-Dollar wird bis Ende 2026 um 12 bis 15 Prozent abwerten. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen steigen auf 5,2 Prozent, den höchsten Stand seit 2007\. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte übersteigen die jährlichen Schuldendienstkosten das Verteidigungsbudget – ein Vorbote des imperialen Niedergangs, der jedem Untergang einer Grossmacht von Rom bis Grossbritannien vorausging. Die Ära der Defizite ohne Konsequenzen neigt sich dem Ende zu. Gold wird zum Hauptnutzniesser und steigt um 35 Prozent auf über 6100 Dollar pro Unze, da die Zentralbanken ihre Reserven diversifizieren – ein weiteres Anzeichen für das schwindende Vertrauen in Trumps aggressive Politik. Die Folgen: Die Hypothekarzinsen in den USA bleiben hoch (durchschnittlich 7,5 Prozent) und schliessen Erstkäufer vom Immobilienmarkt aus. Die Heirats- und die Geburtenrate sinken weiter. Die Finanzierung des Gesundheitswesens, der Infrastruktur und der Forschung gerät unter Druck, da der Schuldendienst und erhöhte Verteidigungsausgaben die diskretionären Ausgaben verdrängen. Der politische Spielraum für eine lockere Defizitfinanzierung bricht zusammen. > «Zum ersten Mal in der modernen Geschichte übersteigen die jährlichen Schuldendienstkosten das Verteidigungsbudget – ein Vorbote des imperialen Niedergangs, der jedem Untergang einer Grossmacht von Rom bis Grossbritannien vorausging.» 1. ## Die Abrechnung der KI Die Märkte haben die transformativen Erträge der KI bereits eingepreist, wobei die Kapitalausgaben für KI-Infrastruktur jährlich bei über 500 Milliarden Dollar liegen. Die Bewertungen sind aufgrund der Hoffnungen und Versprechen der KI in die Höhe geschnellt. Bain & Company schätzte kürzlich, dass bei diesem Investitionsniveau ein Jahresumsatz von 2 Billionen Dollar erforderlich ist, um eine angemessene Kapitalrendite zu erzielen. Die aktuellen Schätzungen der durch KI generierten Umsätze liegen jedoch nur zwischen 40 und 250 Milliarden Dollar – eine massive Lücke zwischen Investition und Rendite. Das Problem ist nicht, dass KI versagt, sondern dass sie eher als nützliches Werkzeug denn als revolutionäre Kraft erfolgreich ist. Es ist wie mit dem PC im Jahr 1985 und nicht wie mit dem Internet 1998: Es gibt viele PC-Konkurrenten, aber nur ein Google. **Die Prognose:** Die Aktienmärkte erleben zwischen März und August 2026 eine starke Korrektur um 25 Prozent, die durch die Neubewertung des KI-Sektors getrieben wird. Credit Default Swaps für gehebelte KI-Infrastrukturfirmen steigen auf ein kritisches Niveau. Die Korrektur erweist sich jedoch als begrenzt. Die Wirtschaft bleibt widerstandsfähig, und die Märkte beenden das Jahr mit einem Minus von 8 Prozent, nachdem sie einen Grossteil der durch Panik verursachten Verluste wieder wettgemacht haben. Die Investitionen in KI-Infrastruktur sinken 2027 um 40 Prozent, da Unternehmen Nachweise für die Rentabilität verlangen. Die These, dass «KI alle Arbeitsplätze ersetzen wird», verliert an Glaubwürdigkeit. 1. ## Die Renaissance des Föderalismus In seiner zweiten Amtszeit behauptet Trump aggressiv seine Exekutivgewalt. Aber die Gouverneure und Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten – sowohl Republikaner als auch Demokraten – wehren sich gegen die Übergriffe des Bundes. Das Zollurteil des Obersten Gerichtshofs bekräftigt dessen Bereitschaft, die Exekutivgewalt zu kontrollieren. **Die Prognose:** Eine Renaissance des Föderalismus entsteht als funktionale Antwort Amerikas auf eine übergriffige Exekutive. In einer wegweisenden 7:2-Entscheidung urteilt der Oberste Gerichtshof, dass der Präsident zwar über erhebliche aussenpolitische Befugnisse verfügt, die Umsetzung der Innenpolitik jedoch entweder der Zustimmung des Kongresses oder der Achtung der Souveränität der Bundesstaaten bedarf. Der Oberste Richter Roberts schreibt, dass die USA für «United States of America» stehen – eine Föderation souveräner Staaten, die nicht Vasallen des jeweiligen Bewohners des Weissen Hauses sind. Die Zustimmungsrate des Gerichts steigt von 41 auf 58 Prozent und erreicht damit den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Innovationen auf Ebene der Gliedstaaten blühen auf. Demokratisch regierte Staaten schliessen Klimaabkommen und schützen Einwanderer; republikanische experimentieren mit Bildungsreformen und Deregulierung. Der Kongress erleidet das umgekehrte Schicksal. Bei den Zwischenwahlen 2026 kommt es zu beispiellosen Rücktritten – über 60 Prozent der Amtsinhaber verlieren entweder die Vorwahlen oder verzichten auf eine Wiederwahl. Eine jüngere, ideologisch weniger verfestigte Gruppe tritt ihr Amt an, von denen viele versprechen, für ihre Wähler zu kämpfen, anstatt sich der Exekutive unterzuordnen. > «Eine Renaissance des Föderalismus entsteht als funktionale Antwort Amerikas auf eine übergriffige Exekutive» ## Die Korrektur des Systems Diese fünf Prognosen haben ein gemeinsames Thema: Systeme unter Stress suchen nach einem Gleichgewicht. Politische Koalitionen zerbrechen, wenn Versprechen nicht eingehalten werden. Gerichte bekräftigen verfassungsrechtliche Grenzen, wenn die Exekutive ihre Befugnisse überschreitet. Märkte korrigieren sich, wenn Bewertungen sich von den Fundamentaldaten lösen. Die fiskalische Realität schränkt letztendlich selbst die mächtigsten Nationen ein. Das Jahr 2026 könnte den Moment markieren, in dem das verfassungsmässige Immunsystem Amerikas, das von den Gründervätern genau zu diesem Zweck geschaffen wurde, endlich voll aktiviert wird. Die Gewaltenteilung, die föderalistische Struktur und die Marktmechanismen wirken alle darauf hin, Exzesse einzudämmen und Korrekturen zu erzwingen. Ob diese Korrekturen zu einer echten Erneuerung führen oder lediglich die Auseinandersetzung mit tieferliegenden strukturellen Problemen verzögern, bleibt die Frage für 2027 und darüber hinaus. Aber Per Baks Lawine wird kommen. Die einzige Frage ist, ob die Mechanismen zur Selbstkorrektur des Systems wie vorgesehen funktionieren oder ob die sich ansammelnden Schneekörner schliesslich einen Zusammenbruch auslösen, den keine Institution aufhalten kann. > «Das Jahr 2026 könnte den Moment markieren, in dem das verfassungsmässige Immunsystem Amerikas, das von den Gründervätern genau zu diesem Zweck geschaffen wurde, endlich voll aktiviert wird» ### Peak Trump: Five Predictions for 2026 URL: https://www.schweizermonat.ch/peak-trump-five-predictions-for-2026/ Last updated: 2026-01-19T17:21:37.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier.](https://www.schweizermonat.ch/peak-trump-fuenf-prognosen-fuer-2026/) Has any year in memory started with such a bang as 2026? In little over seven days, Donald Trump’s America has captured the Venezuelan president and declared control of the country and its oil. The president has tossed out threats to Cuba, Colombia, Mexico, Greenland, and Iran. Two oil tankers linked to Venezuelan oil exports were seized. And America withdrew from 66 UN and international organisations. The world is dealing with a Trump unbound: a president who feels unconstrained at home and is asserting America’s right to act internationally wherever it can get away with it. «Prediction is very difficult, especially if it’s about the future,» Niels Bohr famously said. He was right. Black swan events defy predictability because they are by definition «unknown unknowns.» Danish physicist Per Bak studied avalanches, discovering that each grain of snow increases the probability of collapse—yet we still can’t predict when or how large the avalanche will be. So much of what is happening now seems to depend on these binary avalanche moments: hyperbolic AI spending, simmering public anger, mounting fiscal pressures. Compounding the uncertainty, the world’s most influential nation is run by a reality show host who understands that each successive conflict must outdo its predecessor to command our attention. Yet prediction remains valuable. Evaluating contingencies is the essence of risk management. What follows are possibilities that are provocative by nature but plausible in substance—meant to provoke thought rather than predict with false precision. ## 1\. Peak Trump: The Midterm Reckoning Trump begins his second term with unified Republican control and an ambitious agenda. But America’s affordability crisis emerges as the defining issue. Groceries remain 30 per cent more expensive than five years ago. Mortgage rates stay elevated. The «Big Beautiful Bill» is increasingly perceived as a wealth transfer from middle class to wealthy—tax cuts for corporations and billionaires funded by reduced services for ordinary Americans. Meanwhile, many tire of Trump’s relentless assault on America’s most trusted institutions: courts, universities, the Federal Reserve, media outlets. Even attempts to twist the arm of the Nobel Prize committee. Trump’s brazen monetization of public office continues apace as government favor blurs with private gain. Each transgression alone might pass unremarked, but the accumulation builds pressure like Bak’s grains of sand. The prediction: 2026 marks «peak Trump.» Republicans suffer significant losses in midterm elections, surrendering their House majority and several governorships. The avalanche begins with independents who backed Trump for economic competence, now disillusioned by poor results. Suburban moderates recoil as ICE raids and National Guard deployments grow more aggressive. Each defection makes the next easier. The pivotal moment: Republican candidates in competitive districts actively avoid Trump’s endorsement—falsifying the loyalty test that has defined the MAGA movement since 2016. ## 2\. The Tariff Collapse Trump has imposed sweeping tariffs using executive authority, claiming national security justifications. Legal challenges are working through federal courts. Economic data shows minimal manufacturing reshoring while consumer prices have risen. The Supreme Court rules 6-3 that Trump’s tariff regime exceeds executive authority. The majority opinion holds that tariffs of this magnitude constitute taxation, which the Constitution reserves to Congress. «No taxation without representation» was the battle cry many Americans died for in their battle for independence—the Court will not permit its circumvention by executive whim. The prediction: Despite initial threats, Trump abandons tariffs within 90 days. Polling shows 68 per cent opposition, and key Republican senators refuse authorization. Tariffs have produced no meaningful reduction in trade dependence on China or curbed its export dumping practices. Supply chains proved more resilient than anticipated. The consensus, even among initial supporters: «America First» has actually strengthened China’s position as it redirects exports to other markets (ASEAN, EU, Global South) and deepens those relationships while the US ends up more isolated. What remains are minor bilateral adjustments with smaller nations and face-saving rhetoric—a mountain of theater producing a molehill of results. As the famous Arabic proverb goes: «The dogs bark and the caravan moves on.» > «»America First» has actually strengthened China’s position, while the US ends up more isolated.» ## 3\. Dollar Decline and Fiscal Reckoning The United States runs trillion-dollar deficits with mounting budget and trade imbalances. Debt service costs approach $1 trillion annually. Trump’s tax cuts, increased defense spending, and lack of tariff revenue create a fiscal trajectory that finally alarms bond markets. The prediction: The dollar weakens 12-15 per cent through 2026\. Ten-year Treasury yields rise to 5.2 per cent, their highest sustained level since 2007\. For the first time in modern history, annual debt service costs exceed the defense budget—a harbinger of imperial decline that has preceded the fall of every major power from Rome to Britain. The era of consequence-free deficit spending begins its end. Gold becomes the primary beneficiary, rising 35 per cent to breach $6100 per ounce as central banks diversify reserves, another indication of evaporating trust in Trump’s combative policies. The consequences: mortgage rates remain elevated (averaging 7.5 per cent), locking out first-time homebuyers. Marriage and birth rates continue declining. Funding for health care, infrastructure and research face pressure as debt service and increased defence spending crowds out discretionary spending. The political space for lax deficit spending collapses. ## 4\. The AI Reckoning Markets have priced in transformative AI returns, with capital expenditures on AI infrastructure running at $500+ billion annually. Valuations have soared on AI hopes and promises. Bain & Company recently estimated that this level of capex will require $2 trillion in annual revenue to earn an adequate return on investment. Yet current estimates of revenues being generated by AI range from only $40 billion to $250 billion—a massive gap between investment and return. The problem isn’t that AI fails; it’s that it succeeds as a useful tool rather than a revolutionary force. It’s the PC in 1985, not the internet in 1998; lots of PC competitors but only one Google. The prediction: Stock markets suffer a sharp 25 per cent correction between March and August 2026, driven by AI sector repricing. Credit default swaps for leveraged AI infrastructure companies spike to distressed levels. However, the correction proves contained. The underlying economy remains resilient, and markets finish the year down 8 per cent, having recovered much of the panic-driven losses. Capital expenditure on AI infrastructure falls 40 per cent in 2027 as companies demand proof of returns. The «AI will replace all jobs» narrative loses credibility. ## 5\. The Federalism Renaissance Trump’s second term features aggressive assertions of executive power. But state governors and attorneys general—both Republican and Democratic—push back on federal overreach. The Supreme Court’s tariff ruling establishes its willingness to check executive power. The prediction: A renaissance of federalism emerges as America’s functional response to executive overreach. In a landmark 7-2 decision, the Supreme Court rules that while the President has significant foreign policy authority, domestic policy implementation requires either congressional authorization or deference to state sovereignty. Chief Justice Roberts writes that «USA» means «United States of America»—a federation of sovereign states, not vassals to whoever occupies the White House. The Court’s approval rating climbs from 41 per cent to 58 per cent, the highest in two decades. State-level innovation flourishes. Blue states create climate agreements and immigrant protections. Red states experiment with education reform and deregulation. Congress suffers the inverse fate. The 2026 midterms see unprecedented retirements—over 60 per cent of incumbents either lose primaries or decline reelection. A younger, less ideologically entrenched cohort enters office, many pledging to fight for constituents rather than defer to executive power. ## The System’s Correction These five predictions share a common theme: systems under stress seeking equilibrium. Political coalitions fracture when promises fail. Courts reassert constitutional limits when executive power overreaches. Markets correct when valuations detach from fundamentals. Fiscal realities eventually constrain even the most powerful nations. The year 2026 may mark the moment when America’s constitutional immune system—designed by the Founders for precisely this purpose—finally activates fully. The separation of powers, federalist structure, and market mechanisms all work to constrain excesses and force corrections. > «The year 2026 may mark the moment when America’s constitutional immune system—designed by the Founders for precisely this purpose—finally activates fully. The separation of powers, federalist structure, and market mechanisms all work to constrain excesses and force corrections.» Whether these corrections produce renewal or simply delay reckoning with deeper structural problems remains the question for 2027 and beyond. But Per Bak’s avalanche will come. The only question is whether the system’s self-correction mechanisms function as designed, or whether the accumulating grains of snow finally trigger a collapse no institution can contain. I am reminded of Yeats‘ «The Second Coming,» written in 1919 as the world emerged from war and pandemic: Mere anarchy is loosed upon the world; The best lack all conviction, while the worst Are full of passionate intensity; Things fall apart; the centre cannot hold. The answer will define not just 2026, but the generation to come. ### Die Herrschaft der Alten scheitert an den eigenen Widersprüchen URL: https://www.schweizermonat.ch/die-herrschaft-der-alten-scheitert-an-den-eigenen-widerspruechen/ Last updated: 2026-01-19T14:01:11.000Z Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag alte Menschen. Es gibt kaum etwas Einsichtsreicheres, als Geschichten von Leuten mit Lebenserfahrung zu hören. Und ich bin der einzige Mensch, den ich kenne, der sich ernsthaft darüber freut, älter zu werden. Das Alter ist also zweifellos etwas Schönes. Doch wenn die Gesellschaft als Ganzes immer älter wird, bringt das auch Probleme. Die Lebenserwartung in der Schweiz ist seit der Einführung der AHV 1948 um 17 Jahre gestiegen. Zugleich bekommen wir immer weniger Kinder: Die Fertilitätsrate hat jüngst einen neuen Tiefstand erreicht mit 1,29 Kindern pro Frau; 2,1 wären nötig, um die Bevölkerung langfristig zu erhalten. Die beiden Trends stellen die Altersvorsorge vor massive Herausforderungen, über die wir an unserem [Podiumsgespräch mit Aymo Brunetti am 27\. Januar](https://www.eventbrite.ch/e/debattenabend-zur-altersvorsorge-tickets-1975579709091?aff=oddtdtcreator&ref=schweizermonat.ch) diskutieren werden. Doch die Folgen der Alterung der Gesellschaft gehen weit darüber hinaus. Wie Boris Zürcher in seinem [Essay](https://schweizermonat.ch/der-ruhestand-gehoert-in-rente-geschickt/?ref=schweizermonat.ch) schreibt: «Die Innovationskraft sinkt und der Prozess der schöpferischen Zerstörung verlangsamt sich, die Jobmobilität der Erwerbstätigen und auch die Gründungsdynamik von Firmen nehmen ab.» Junge Leute sprühen vor neuen Ideen, während Ältere mehr Erfahrung einbringen. Beides ist unverzichtbar. Doch eine Wirtschaft mit weniger Leuten, die neue Impulse setzen, ist insgesamt weniger dynamisch. **Good News für die SRG** Ähnliches gilt für die Politik: Eine reifere Gesellschaft setzt andere Prioritäten als eine junge, hungrige. Investitionen in Bildung und Innovation oder in Infrastruktur, finanzielle Nachhaltigkeit oder Standortattraktivität verlieren an Bedeutung; Sicherheit, Gesundheit und die Wahrung des Bestehenden erhalten grösseres Gewicht. Verstärkt wird das Ungleichgewicht dadurch, dass Ältere politisch deutlich aktiver sind. Bereits heute liegt das Medianalter bei Volksabstimmungen nahe bei 60\. Das sind gute Nachrichten für die SRG: Über 60-Jährige verbringen über zehnmal mehr Zeit mit SRF-Fernsehsendungen als unter 30-Jährige. Und sie werden bei der Abstimmung über die Halbierungsinitiative am 8\. März deutlich zahlreicher an die Urne gehen. Spitäler müssen sich ebenfalls keine Sorgen machen: Sie werden mit Subventionen eingedeckt, während jeder Versuch, die Kostenexplosion im Gesundheitssystem zu bremsen, zum Scheitern verurteilt ist. Auch die 13\. AHV-Rente kam wesentlich dank den Stimmen von Älteren durch. Ihnen waren ausgebaute Sozialleistungen für sich selbst wichtiger als die Frage, wie ein wachsender Staat nachhaltig finanziert werden kann. Hier werden die Widersprüche der Gerontokratie offensichtlich: Eine Gesellschaft, die an Innovationskraft verliert und die Ressourcen auf die Sicherung des Bestehenden fokussiert, wird mittelfristig schlicht nicht dynamisch und wettbewerbsfähig genug sein, um das Bestehende aufrechtzuerhalten. ### «Die Behauptung, der Liberalismus zerstöre Traditionen, ist ein Märchen» URL: https://www.schweizermonat.ch/die-behauptung-der-liberalismus-zerstoere-traditionen-ist-ein-maerchen/ Last updated: 2026-05-15T15:05:16.000Z _No content available._ ### The Inconvenient Truths About Dating in Zurich URL: https://www.schweizermonat.ch/the-inconvenient-truths-about-dating-in-zurich/ Last updated: 2026-04-02T15:22:22.000Z Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-unbequeme-wahrheit-ueber-dating-in-zuerich/). The problem in the dating market, in my view, is simple: a chronic lack of liquidity. Borrowed from finance, liquidity describes how easily exchanges happen. Applied to dating, it means how often you meet new people who could realistically say yes to you. I am very surprised by how rarely people talk to each other. To get a sense of the magnitude: 30 percent of the overall Swiss population is officially single, people are simply not finding each other, and when they do, they don’t stay with each other, but that’s another story. The solution is embarrassingly simple: talk to people. Almost no one does it, so you feel weird doing it, but success in the dating market, and in general, is weird. A simple “Hey, I think you are cute” can take you surprisingly far. It’s like getting fit in a world where hardly anyone exercises. The idea that approaching someone is hostile or inappropriate is largely a narrative promoted by those who never try. ## Swiss Social Protectionism Life in Zurich is efficient but socially closed: there are few random encounters and little room for serendipity. People often keep hanging out with their high school friends for their whole lives. Airtight friend groups are basically Swiss protectionism in social form: the least desirable stay comfortably sheltered in a group with more attractive people, and the whole market becomes painfully inefficient. Over time, it becomes clear that Zurich’s problem isn’t that people aren’t interested, but that anything is rarely started. The city isn’t closed; most people simply never meet someone who dares to initiate, and who has done the work on themselves to make it worthwhile. > «Airtight friend groups are basically Swiss protectionism in social form: the least desirable stay comfortably sheltered in a group with more attractive people, and the whole market becomes painfully inefficient.» ## Be Worthy of a Worthy Mate Remember that you are half of every date you go on. Fine-tuning your life isn’t optional, it’s decisive. As Charlie Munger, Warren Buffett’s longtime business partner and legendary investor once said: “To find a worthy mate, be worthy of a worthy mate.” So get knowledgeable, fit, and build a career for yourself. The sexual marketplace is brutal, and always will be. You have two options: raise your game, put your life in order as much as possible, and date better people; or complain about the world’s cruelty and settle for the worse ones. The choice is yours. ## Narrow Band in the Middle Once you understand that people tend to date others with a similar overall level of desirability, an interesting pattern emerges. There appears to be a trade-off between the attractive traits; here, attractiveness and intelligence. The attractive people you date aren’t as intelligent; the intelligent ones are less attractive. But I don’t think this perception is real. It’s just how the dating market looks from your position inside it. We all date within our own range, so the people slightly above you in one trait often compensate with another, and vice versa. If you imagine an average of intelligence and attractiveness as a rough mate value, the illusion becomes clear. It is not that there are no people who are both smart and attractive. It’s just that those people probably have better options than you. Because the most desirable people have better options, they tend to reject you, and because you have better options than the people less attractive than you, you tend to reject them. What you are left with is a very narrow group in the middle. This narrow “selection band” creates the illusion of a negative correlation between desirable traits on which there is consensus. If this self-sorting by desirability doesn’t happen, we react with the popular: “she/he could do so much better”. > «It is not that there are no people who are both smart and attractive. It’s just that those people probably have better options than you» It is a simple version of the Berkson effect: when both sides filter each other out, your dating sample becomes biased toward extremes, even if the real population is evenly distributed. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/bild1.png) The Berkson Effect: How mutual selection creates the illusion of a negative correlation between intelligence and attractiveness. Dating teaches you what kind of people are currently within your reach, and what you would need to improve to date the kind of people you aspire to be with. This isn’t a judgment about what people should value; it’s an observation about what they actually do. Your chances improve immediately if you simply talk to the people you’re interested in. Working on yourself helps as well. Do both. Be honest, relaxed, and friendly. Go to events, join activities you genuinely enjoy, and put yourself in places where like-minded people naturally gather. Take care of your body: work out, eat well, sleep well. Take care of your mind too; read good books. Zurich is full of wonderful people quietly waiting for someone to make the first move. In an illiquid market, one sincere “Hey, I think you are cute” can change a life. ### Die unbequeme Wahrheit über Dating in Zürich URL: https://www.schweizermonat.ch/die-unbequeme-wahrheit-ueber-dating-in-zuerich/ Last updated: 2026-04-02T15:21:48.000Z Read the English version [here.](https://www.schweizermonat.ch/the-inconvenient-truths-about-dating-in-zurich/) Das Problem des Datingmarkts ist simpel: Es gibt einen chronischen Mangel an Liquidität. Der Begriff stammt aus der Finanzwelt und beschreibt, wie leicht Austauschprozesse zustande kommen können. Auf das Dating übertragen: Wie oft begegnen sich Menschen in ihrem Alltag, die möglicherweise später einmal Ja zueinander sagen? Mir fällt immer wieder auf, wie selten die Menschen hier tatsächlich miteinander sprechen. Um die Grössenordnung einzuordnen: Rund 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung gelten statistisch als Single. Die Menschen scheinen entweder niemanden zu suchen, oder sie finden sich schlicht nicht, und wenn doch, bleiben sie oft nicht beisammen, aber das ist eine andere Geschichte. ## Schweizer Sozialprotektionismus Dabei ist die Lösung verblüffend einfach: Mit fremden Menschen sprechen! Dennoch tun es in der Zwinglistadt nur wenige. Klar, es fällt nicht allen gleich leicht, mit einer unbekannten Person ein Gespräch zu beginnen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass eine offensive Kommunikationsstrategie nicht nur auf dem Datingmarkt, sondern generell im Leben Erfolg verspricht. Ein schlichtes «Hey, ich finde dich attraktiv» kann eine erstaunliche Wirkung haben. Es ist ein bisschen wie fit zu werden in einer Welt, in der kaum jemand trainiert. Die Vorstellung, jemanden anzusprechen, sei übergriffig oder unangebracht, ist häufig ein Narrativ jener, die es selbst nie versuchen. Das Leben in Zürich ist effizient, aber sozial verschlossen. Es gibt wenige zufällige Begegnungen und wenig Raum für glückliche Zufälle. Viele Menschen bleiben ihr ganzes Leben im trauten Kreis ihrer Schulfreunde. Hermetisch geschlossene Freundeskreise sind im Kern eine Form des sozialen Schweizer Protektionismus: Die weniger Begehrten bleiben bequem im Schutz attraktiverer Personen, und der gesamte Markt wird dadurch schmerzhaft ineffizient. Mit der Zeit wurde mir klar: Das Problem in Zürich ist nicht mangelndes Interesse, sondern dass kaum etwas begonnen wird. Die Stadt ist nicht grundsätzlich verschlossen. Die meisten Menschen treffen schlicht nie jemanden, der den Mut hat, den ersten Schritt zu machen. > «Hermetisch geschlossene Freundeskreise sind im Kern eine Form des sozialen Schweizer Protektionismus: Die weniger Begehrten bleiben bequem im Schutz attraktiverer Personen, und der gesamte Markt wird dadurch schmerzhaft ineffizient.» ## Sei eines würdigen Partners würdig Vergiss nicht: Du bist die Hälfte jedes Dates, auf das du gehst. Dein Leben zu justieren ist keine Option, sondern entscheidend. Charlie Munger, langjähriger Geschäftspartner von Warren Buffett und legendärer Investor, brachte es auf den Punkt: «Um einen würdigen Partner zu finden, sei eines würdigen Partners würdig.» Also bilde dich weiter, halte dich fit und baue dir eine eigene Karriere auf. Der sexuelle Markt ist brutal und wird es immer bleiben. Du hast zwei Möglichkeiten: Dein Spiel zu verbessern, dein Leben so gut wie möglich zu ordnen und bessere Menschen zu daten. Oder dich über die Grausamkeit der Welt zu beklagen und dich mit schlechteren Optionen zufriedenzugeben. Die Wahl liegt bei dir. ## Das schmale Selektionsband in der Mitte Sobald man versteht, dass Menschen dazu neigen, andere mit einem ähnlichen Gesamtmass an Begehrlichkeit zu daten, zeigt sich ein interessantes Muster. Es scheint einen Zielkonflikt zwischen begehrten Eigenschaften zu geben, zum Beispiel zwischen Attraktivität und Intelligenz. Die attraktiven Menschen, die man datet, wirken weniger intelligent, die intelligenten weniger attraktiv. Doch diese Wahrnehmung ist, so glaube ich, nicht real. Sie entsteht aus der Perspektive innerhalb des Marktes. Wir alle daten innerhalb unserer eigenen Reichweite. Menschen, die uns in einem Merkmal leicht überlegen sind, gleichen das häufig durch ein anderes aus, und umgekehrt. Stellt man sich einen groben Partnerwert als Durchschnitt aus Intelligenz und Attraktivität vor, wird die Illusion deutlich. Es ist nicht so, dass es keine Menschen gäbe, die zugleich klug und attraktiv sind. Diese Menschen haben nur meist bessere Optionen als du. Weil die Begehrtesten bessere Optionen haben, lehnen sie dich tendenziell ab. Und weil du bessere Optionen hast als jene unterhalb deiner Attraktivität, lehnst du diese tendenziell ab. Was übrig bleibt, ist eine sehr schmale Gruppe in der Mitte. > «Es ist nicht so, dass es keine Menschen gäbe, die zugleich klug und attraktiv sind. Diese Menschen haben nur meist bessere Optionen als du. » Dieses enge Selektionsband erzeugt die Illusion einer negativen Korrelation zwischen begehrten Eigenschaften, über die weitgehend Einigkeit besteht. Wenn diese Selbstsortierung nach Begehrlichkeit ausbleibt, reagieren wir mit dem beliebten Satz: «Sie oder er könnte so viel Besseres haben.» Statistisch lässt sich dieses Phänomen als einfache Variante des Berkson-Effekts beschreiben: Wenn beide Seiten einander herausfiltern, wird die eigene Dating-Stichprobe zu den Extremen hin verzerrt, selbst wenn die Gesamtbevölkerung gleichmässig verteilt ist. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2026/01/bild1.png) Der Berkson-Effekt: Wie die gegenseitige Selektion die Illusion einer negativen Korrelation zwischen Intelligenz und Attraktivität erzeugt. Dating zeigt dir, welche Menschen dir aktuell realistisch offenstehen und was du verbessern müsstest, um jene zu daten, mit denen du gerne zusammenwärst. Das ist kein Urteil darüber, was Menschen wertschätzen sollten. Es ist eine Beobachtung dessen, was sie tatsächlich tun. Deine Chancen steigen sofort, wenn du schlicht mit den Menschen sprichst, die dich interessieren. An dir zu arbeiten hilft ebenfalls. Tu beides. Sei ehrlich, entspannt und freundlich. Geh an Veranstaltungen, nimm an Aktivitäten teil, die dir wirklich Freude bereiten, und begib dich an Orte, an denen sich Gleichgesinnte ganz natürlich treffen. Kümmere dich um deinen Körper: Trainiere, iss gut, schlafe ausreichend. Kümmere dich auch um deinen Geist, lies gute Bücher. Zürich ist voller wunderbarer Menschen, die still darauf warten, dass jemand den ersten Schritt macht. In einem illiquiden Markt kann ein aufrichtiges «Hey, ich finde dich attraktiv» das Leben zweier Personen nachhaltig verändern. ### There’s more innovation than ever – but instead of technological breakthroughs, we just get 5000 different breakfast cereals URL: https://www.schweizermonat.ch/theres-more-innovation-than-ever-but-instead-of-technological-breakthroughs-we-just-get-5000-different-breakfast-cereals/ Last updated: 2026-01-15T13:57:16.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/es-gibt-mehr-innovation-denn-je-aber-statt-technologischer-durchbrueche-bekommen-wir-5000-verschiedene-fruehstuecksflocken/). Research and Development (R&D) spending by firms is widely seen as an engine of productivity growth, increasing economic output more than inputs. Thus, it is encouraging that businesses have increased R&D investment sharply. US business R&D has grown more than 20-fold since 1980 and has more than doubled relative to GDP. Similar patterns are seen in other developed nations. But researchers have noted that despite this increase, productivity growth has been stagnant or declining. Some economists such as Robert Gordon, focusing on information technology, contend that R&D today just isn’t effective at bringing productivity gains. Is R&D failing to deliver? Bloom et al. propose to measure the effectiveness of R&D by looking at how much economic growth we get per unit of R&D on average. They find that this average has declined substantially, suggesting that R&D has become less effective, that “ideas may be getting harder to find.” This trend seems ominous, but it is not clear that the average ratio of productivity growth to R&D is an appropriate measure of R&D effectiveness. Because many factors in addition to R&D affect productivity, it is better to measure the *marginal* effect of R&D on productivity. Fortunately, a large empirical literature has developed methods for estimating how much the next additional unit of R&D creates economic growth. In a [recent paper](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=5242171&ref=schweizermonat.ch), we apply these well-established methods to micro-data from the US Census for the US manufacturing sector. Our research extends the literature by using a comprehensive sample of R&D-performing firms, including many small firms, and we study a relatively long period, from 1976 to 2018\. We focus on manufacturing because productivity is reasonably well-measured in this sector. Over a variety of estimations, including estimates with instrumented R&D, we find a consistent pattern: the incremental output from an extra unit of R&D has increased substantially over the last four decades. A one dollar increase in R&D generates a much larger increase in output than it did in the past. At the margin, it appears that R&D has become substantially *more effective* at generating productivity-enhancing ideas, not less. **From “research” to “development”** But this deepens the puzzle: if R&D has become more effective, why has productivity growth been stagnant? Part of this paradox arises from an unrecognized implication of rising R&D effectiveness. As firms’ R&D becomes more effective, rivals’ R&D also becomes more effective. Hence, rivals invest more in R&D, they develop more innovations, and, as a result, they raise the risk that any firm’s technology will become obsolete. Using a model of R&D demand, we measure technological rivalry and the associated obsolescence rate (the speed at which innovations become obsolete). We find that both have risen sharply since 1990. We can see evidence of rising technological rivalry and rising obsolescence in the changing nature of innovation: innovations are becoming more short-lived. For instance, product life cycles of electronic components have contracted by two thirds since 1970\. This process has been hastened by rapid product proliferation; some markets are flooded with new products that use minor improvements to replace older products; from 1970 to 2012, the number of automobile models increased from 140 to 694, the number of breakfast cereals from 160 to 4945, the number of sports shoes from 5 to 3371, and so on with many other consumer products. Also, R&D has shifted away from “research” and toward relatively short lived “development”. In the 1960s, half of R&D was research; today only a quarter is, suggesting a shift to less consequential implementation of innovation rather than innovation itself. For example, in the US pharmaceutical industry, patent grants have quadrupled since 1985, but new medicines have only increased by 60 percent. Rising obsolescence drags down productivity growth. Even if each dollar of R&D produces more ideas than before, those ideas die faster. Companies have to spend more of their R&D replacing obsolete ideas, so their stock of new and useful knowledge grows more slowly. In practice, the gains from better R&D are cancelled out by the faster rate at which innovations become outdated. Rough calculations suggest that this growing obsolescence has been cutting into productivity growth since the mid-1990s, which explains why we see more innovation but not more rapid productivity growth. **Productive firms grow more slowly** But rising obsolescence has a broader significance: it introduces an element of “short termism” in some business decisions. For instance, new technologies often involve sunk adoption costs for training, complementary investments, etc. But if the new technologies are shorter lived, firms will have less time to recoup these investments. Hence, they may forgo more marginal investments. Similarly, firms with productive technologies may be more reluctant to sink investments needed to expand. Our research shows that [rising obsolescence accounts for a substantial slowdown in the growth of productive firms](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=5390660&ref=schweizermonat.ch). The reallocation of resources to productive firms has been shown to be a major component of aggregate productivity growth – as more productive firms grow larger, the average productivity of the economy rises. Importantly, this reallocation has slowed significantly in the US over the last couple of decades; rising obsolescence accounts for most of this slowdown. Thus, rising obsolescence slows productivity growth both by slowing firm productivity growth and by slowing the expansion of more productive firms. But we need to be clear: these detrimental effects are an unfortunate byproduct of increased innovation that ultimately increases output. Policy should not reduce incentives for innovation, but should, instead, encourage long-lived innovations rather than short-term ones. Policy can encourage long-term research relative to short-term product development; it can change patenting rules to discourage the current flood of trivial inventions and provide longer patent terms for some innovations; it can encourage governments and universities to pursue long-term basic research. R&D is not failing us, but the nature of innovation has changed; policy needs to reflect those changes. ### Es gibt mehr Innovation denn je, aber statt technologischer Durchbrüche bekommen wir 5000 verschiedene Frühstücksflocken URL: https://www.schweizermonat.ch/es-gibt-mehr-innovation-denn-je-aber-statt-technologischer-durchbrueche-bekommen-wir-5000-verschiedene-fruehstuecksflocken/ Last updated: 2026-01-15T13:56:49.000Z Read the English version [here.](https://www.schweizermonat.ch/theres-more-innovation-than-ever-but-instead-of-technological-breakthroughs-we-just-get-5000-different-breakfast-cereals/) Ausgaben von Unternehmen für Forschung und Entwicklung gelten als Motor des Produktivitätswachstums, da sie den wirtschaftlichen Output stärker erhöhen als die eingesetzten Inputs. Umso ermutigender scheint es, dass Firmen in den letzten Jahrzehnten ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung deutlich gesteigert haben. In den USA haben sich die entsprechenden Ausgaben seit 1980 mehr als verzwanzigfacht, ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat sich mehr als verdoppelt. Ähnliche Muster lassen sich auch in anderen entwickelten Volkswirtschaften beobachten. Zugleich weisen Forscher jedoch darauf hin, dass das Produktivitätswachstum trotz dieser Entwicklung stagniert oder sogar rückläufig ist. Einige Ökonomen wie Robert Gordon argumentieren mit Blick auf die Informationstechnologie, dass heutige Forschung und Entwicklung schlicht nicht mehr in der Lage sei, nennenswerte Produktivitätsgewinne zu erzeugen. Versagt Forschung und Entwicklung also bei der Erfüllung ihres Versprechens? Bloom und seine Co-Autoren schlagen vor, die Wirksamkeit von Forschung und Entwicklung daran zu messen, wie viel wirtschaftliches Wachstum durchschnittlich pro eingesetzter Einheit entsteht. Sie stellen fest, dass dieser Durchschnitt deutlich gesunken ist, was darauf hindeutet, dass Forschung und Entwicklung weniger effektiv geworden sind, dass sich also «Ideen immer schwerer finden lassen». Dieser Befund ist besorgniserregend. Fraglich ist jedoch, ob das durchschnittliche Verhältnis von Produktivitätswachstum zu Forschungs- und Entwicklungsausgaben ein geeignetes Mass für deren Wirksamkeit darstellt. Da neben Forschung und Entwicklung zahlreiche weitere Faktoren die Produktivität beeinflussen, ist es sinnvoller, den marginalen Effekt zu betrachten, also den Beitrag einer zusätzlichen Einheit Forschung und Entwicklung zum Produktivitätswachstum. Glücklicherweise gibt es viel empirische Forschung dazu, die Methoden entwickelt hat, um genau diesen Effekt zu schätzen. In einer [kürzlich erschienenen Studie](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=5242171&ref=schweizermonat.ch) wenden wir diese etablierten Methoden auf Mikrodaten des US Census für den amerikanischen Industriesektor an. Unsere Untersuchung erweitert die bestehende Literatur, indem sie eine umfassende Stichprobe forschungsintensiver Unternehmen einschliesst, darunter viele kleine Firmen, und einen langen Zeitraum von 1976 bis 2018 abdeckt. Wir konzentrieren uns auf die Industrie, weil sich Produktivität in diesem Sektor vergleichsweise gut messen lässt. Über verschiedene Schätzungen hinweg (einschliesslich solcher mit instrumentierter Forschung und Entwicklung zur Korrektur von Verzerrungen) zeigt sich ein klares Muster: Der zusätzliche Output pro weiterer Einheit Forschung und Entwicklung ist in den vergangenen vier Jahrzehnten deutlich gestiegen. Ein zusätzlicher Dollar an Forschungs- und Entwicklungsausgaben erzeugt heute einen wesentlich grösseren Output-Zuwachs als früher. In der Grenzbetrachtung hat die Wirksamkeit von Forschung und Entwicklung *zu*genommen, nicht abgenommen. **Von «Forschung» zu «Entwicklung»** Damit stehen wir aber vor einem noch grösseren Rätsel. Wenn Forschung und Entwicklung effektiver geworden sind, warum stagniert dann das Produktivitätswachstum? Ein Teil des Paradoxons ergibt sich aus einer oft übersehenen Konsequenz steigender Wirksamkeit. Werden die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten eines Unternehmens effektiver, gilt dies auch für jene seiner Wettbewerber. Diese investieren mehr, entwickeln mehr Innovationen und erhöhen damit das Risiko, dass bestehende Technologien rasch veralten. Mithilfe eines Modells der Nachfrage nach Forschung und Entwicklung messen wir den technologischen Wettbewerb und die damit verbundene Obsoleszenzrate, also die Geschwindigkeit, mit der Innovationen überholt werden. Beide Grössen sind seit 1990 stark gestiegen. Hinweise auf diesen zunehmenden technologischen Wettbewerb und die steigende Obsoleszenz finden sich in der veränderten Natur der Innovation selbst. Innovationen werden kurzlebiger. So haben sich die Produktlebenszyklen elektronischer Komponenten seit 1970 um zwei Drittel verkürzt. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch eine rasche Produktvervielfältigung. Viele Märkte werden mit neuen Produkten überschwemmt, die ältere lediglich durch geringfügige Verbesserungen ersetzen. Zwischen 1970 und 2012 stieg die Zahl der Automodelle von 140 auf 694, jene der Frühstückscerealien von 160 auf 4945 und die der Sportschuhe von 5 auf 3371\. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich bei zahlreichen anderen Konsumgütern. Zugleich hat sich der Schwerpunkt der Forschungs- und Entwicklungstätigkeit von «Forschung» hin zu vergleichsweise kurzlebiger «Entwicklung» verschoben. In den 1960er-Jahren entfiel noch etwa die Hälfte der Ausgaben auf Forschung, heute ist es nur noch ein Viertel. Dies deutet auf eine Verschiebung von grundlegender Innovation zu weniger folgenreicher Umsetzung hin. In der US-Pharmaindustrie hat sich die Zahl der erteilten Patente seit 1985 vervierfacht, während die Zahl neuer Medikamente lediglich um 60 Prozent gestiegen ist. > «Innovationen werden kurzlebiger. So haben sich die Produktlebenszyklen elektronischer Komponenten seit 1970 um zwei Drittel verkürzt.» Steigende Obsoleszenz belastet das Produktivitätswachstum. Selbst wenn jeder Dollar für Forschung und Entwicklung mehr Ideen hervorbringt als früher, veralten diese schneller. Unternehmen müssen einen grösseren Teil ihrer Ausgaben darauf verwenden, überholte Ideen zu ersetzen, sodass ihr Bestand an neuem und nützlichem Wissen langsamer wächst. In der Praxis werden die Erträge effizienterer Forschung und Entwicklung durch die höhere Geschwindigkeit, mit der Produkte veralten, weitgehend neutralisiert. Grobe Berechnungen deuten darauf hin, dass diese wachsende Obsoleszenz seit Mitte der 1990er-Jahre auf das Produktivitätswachstum drückt und erklärt, warum wir zwar mehr Innovation sehen, aber kein schnelleres Produktivitätswachstum. **Produktive Unternehmen wachsen langsamer** Die Folgen der steigenden Obsoleszenz reichen jedoch noch weiter. Sie führt zu kurzfristigerem Denken in unternehmerischen Entscheidungen. Neue Technologien bringen oft «versunkene Kosten» mit sich, etwa für Schulungen oder komplementäre Investitionen. Wenn Technologien jedoch kürzere Lebensdauern haben, bleibt weniger Zeit, um diese Kosten wieder hereinzuholen. Unternehmen verzichten daher eher auf gewisse Investitionen. Ebenso zögern Firmen mit produktiven Technologien, die notwendigen Investitionen zu tätigen, um zu expandieren. Unsere Forschung zeigt, dass [die zunehmende Obsoleszenz einen erheblichen Teil der Verlangsamung des Wachstums produktiver Unternehmen erklärt.](https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract%5Fid=5390660&ref=schweizermonat.ch) Die Umverteilung von Ressourcen hin zu produktiveren Unternehmen gilt als zentraler Treiber des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums. Wenn produktivere Firmen grösser werden, steigt die durchschnittliche Produktivität der Wirtschaft. Diese Reallokation hat sich in den USA in den vergangenen Jahrzehnten jedoch deutlich verlangsamt. Der Anstieg der Obsoleszenz erklärt diese Entwicklung zu einem grossen Teil. Damit bremst steigende Obsoleszenz das Produktivitätswachstum gleich doppelt: Einerseits verlangsamt sie das Wachstum einzelner Unternehmen, andererseits die Expansion der produktiveren Firmen. Dabei darf nicht vergessen werden: Diese negativen Folgen sind ein unerwünschter Nebeneffekt gesteigerter Innovation, die den Output insgesamt erhöht. Die Politik sollte die Anreize für Innovation nicht schwächen, sondern vielmehr langlebige Innovationen gegenüber kurzfristigen bevorzugen. Sie kann langfristige Forschung gegenüber kurzfristiger Produktentwicklung fördern, das Patentrecht so anpassen, dass die heutige Flut trivialer Erfindungen eingedämmt wird, und für bestimmte Innovationen längere Schutzfristen vorsehen. Ebenso kann sie Hochschulen dazu anhalten, langfristige Grundlagenforschung zu betreiben. Forschung und Entwicklung sind nicht weniger wirksam geworden. Verändert hat sich vielmehr das Wesen der Innovation. Die Politik muss diesen Veränderungen Rechnung tragen. > «Forschung und Entwicklung sind nicht weniger wirksam geworden. Verändert hat sich vielmehr das Wesen der Innovation.» ### Die falsche linke Solidarität mit Diktatoren URL: https://www.schweizermonat.ch/die-falsche-linke-solidaritaet-mit-diktatoren/ Last updated: 2026-02-23T08:41:15.000Z Vergangene Woche in Zürich. Eine Gruppe demonstriert mit venezolanischen Flaggen für das Maduro-Regime. Ein Passant tritt auf sie zu und konfrontiert sie: «Kein Einziger von euch ist Venezolaner.» Als die Demonstranten schweigen, sagt er: «Ich bin politisch Verfolgter und wurde vom Maduro-Regime gefoltert.» Die Szene offenbart ein Muster. Im Iran erschiesst das Regime Demonstranten und kappt das Internet, um unbeobachtet zu töten. Doch die Empörung vieler Linker bleibt aus. Keine Petitionen, keine Protestmärsche. Diese Selektivität folgt einer Logik. Das Weltbild dahinter teilt die Welt in zwei Lager: Auf der einen Seite die USA als Inbegriff des Bösen. Auf der anderen Seite alle, die sich gegen Amerika positionieren. Was einmal internationale Solidarität war, ist zur Formel «meines Feindes Feind ist mein Freund» degeneriert. Iran und Venezuela inszenieren sich als Gegenpole zu Washington und geniessen deshalb in Teilen der Linken eine Art Schutzstatus. > «Iran und Venezuela inszenieren sich als Gegenpole zu Washington und geniessen deshalb in Teilen der Linken eine Art Schutzstatus.» **Verrat an der eigenen Geschichte** Dieses Lagerdenken pervertiert ein Kernprinzip linker Tradition: die Idee universeller Menschenrechte. Wer nur dann protestiert, wenn der Täter «auf der falschen Seite» steht, verabschiedet sich vom Universalismus. Er betreibt moralische Aussenpolitik nach Parteibuch und unterscheidet sich darin kaum von den Zynikern, die er sonst im Westen kritisiert. Es ist auch ein Verrat an der eigenen Geschichte. Die Linke unterstützte einst Dissidenten in Chile, Oppositionelle in Osteuropa, die Solidarność-Bewegung. Heute beäugt sie Dissidenten in Teheran oder Caracas misstrauisch, weil diese angeblich «dem Westen und Zionisten in die Hände spielen». Was dabei übersehen wird: Es gibt im Iran, in Venezuela, in Syrien linke, feministische, gewerkschaftliche Bewegungen – und genau diese werden von den Regimen verfolgt, die im Westen als «antiimperialistische Verbündete» verklärt werden. Wer Maduro oder die Islamische Republik schützt, fällt nicht «dem Westen» in den Rücken, sondern den linken, säkularen, feministischen Kräften vor Ort. Am Ende steht eine zynische Ethik: Der Zweck heiligt die Mittel, und der Mensch ist nicht mehr Zweck an sich. Es ist egal, wie viele Demonstranten die Mullahs erschiessen, wie viele Frauen sie hinrichten, wie viele Oppositionelle in Maduros Kerkern verschwinden – Hauptsache, diese Regime stehen gegen Israel und die USA. Der einzelne Mensch zählt nicht mehr als Träger unveräusserlicher Rechte. **Wahre Solidarität gilt den Menschen** Dahinter steckt ein kulturrelativistischer Fehlschluss, der auch in Teilen der linken postkolonialen Theorie angelegt ist. Denkerinnen wie Gayatri Chakravorty Spivak kritisieren den liberalen Menschenrechtsdiskurs als hegemonial und westlich geprägt – er konstruiere Subalterne als Opfer, die vom Westen «gerettet» werden müssten. Dieser Ansatz liefert ein Deutungsmuster, das sich politisch instrumentalisieren lässt: Wer sich im globalen Süden auf individuelle Freiheit beruft, kann schnell als Produkt westlicher Diskurse abgetan werden. Freiheit selbst wird zum Importgut erklärt, das mit den Menschen dort nichts zu tun habe. Wenn sie dennoch danach streben, gelten sie als intellektuell manipuliert, als Marionetten fremder Mächte. Während der Verhüllungsverbotsdebatte in der Schweiz brachte ein Sprecher der Operation Libero diese Haltung erschreckend unverblümt auf den Punkt: Muslimische Frauen, die kein Kopftuch tragen wollen, würden bloss «die westliche Mittelschichtsfrau als Massstab der Befreiung» nehmen. Der Venezolaner in Zürich hat diese bequeme Projektionsfläche zerstört. Wer im sicheren Zürich ein Regime verteidigt, das seine Bürger ins Exil treibt, verwechselt politische Haltung mit moralischer Selbstinszenierung. Wahre Solidarität gilt nicht Regierungen, Flaggen oder Symbolen. Sie gilt den Menschen. > «Wer im sicheren Zürich ein Regime verteidigt, das seine Bürger ins Exil treibt, verwechselt politische Haltung mit moralischer Selbstinszenierung.» ### Was der Schweiz fehlt, sind nicht Fachkräfte, sondern der Mut, Älteren eine Chance zu geben URL: https://www.schweizermonat.ch/was-der-schweiz-fehlt-sind-nicht-fachkraefte-sondern-der-mut-aelteren-eine-chance-zu-geben/ Last updated: 2026-01-14T07:33:59.000Z Sie sind verlässlich, loyal und kompetent – und bleiben dennoch auf der Strecke: ältere Arbeitnehmer. Wer über 50 ist, gilt in vielen Branchen als «zu alt», «zu teuer» oder «zu wenig digital». Diese Haltung ist nicht nur sozial fragwürdig, sondern auch ökonomisch eine kurzsichtige Betrachtungsweise. Denn wer auf erfahrene Mitarbeiter verzichtet, verspielt Know-how und Loyalität – genau jene Qualitäten, die in Zeiten des Fachkräftemangels dringend gebraucht werden. Simone F. hat eine typische Schweizer Karriere hinter sich: KV-Lehre, Weiterbildungen, Branchenwechsel, stetiges Engagement. Und doch verliert sie mit 55 Jahren ihre Stelle – offiziell aus Kostengründen und wegen mangelnder digitaler Affinität. Ein Einzelfall? Mitnichten. Im Oktober 2025 waren in der Schweiz über 36 969 Personen zwischen 50 und 64 Jahren arbeitslos – rund 5000 mehr als im Vorjahr. Eine aktuelle [Swiss-Life-Studie](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-swisslife-ch/content/dam/ch/dokumente/de/private/studien/swiss%5Flife%5Fstudie%5Farbeit%5Fohne%5Faltersgrenzen.pdf) zeigt zudem, dass mehr als ein Viertel der Unternehmen Bewerber über 55 grundsätzlich nicht mehr berücksichtigt. Die Gründe sind meist dieselben Vorurteile: angeblich geringe Flexibilität, hohe Löhne, die Angst vor Krankheitsausfällen. Übersehen wird dabei, was Erfahrung tatsächlich bedeutet: Belastbarkeit, gewachsene Netzwerke, Loyalität – und das unbezahlbare Wissen, wie man schwierige Situationen und Krisen meistert. **Wenn Algorithmen das Karriereende besiegeln** Die Digitalisierung hat vieles verändert – auch das Recruiting. Künstliche Intelligenz sortiert Bewerbungen aus, noch bevor sie ein Mensch zu Gesicht bekommt. Wer älter ist oder nicht perfekt ins Raster passt, landet rasch auf dem digitalen Abstellgleis. Das ist algorithmische Diskriminierung! KI erkennt Diplome, aber keine Kompetenzen im umfassenden Sinn. Sie bewertet formale Skills, nicht jedoch Motivation, Empathie oder Teamgeist. Viele Unternehmen nutzen mittlerweile KI-Tools für den Bewerbungsprozess, die genaue Vorgaben machen. Verwendet der Bewerber nicht haargenau die Wörter aus dem Stelleninserat, wird er von der KI aussortiert. Dies, obschon er eigentlich die Anforderungen grösstenteils erfüllt. Daher gilt: Technologie darf Entscheidungen unterstützen, aber nicht ersetzen. Menschliche Erfahrung gehört ins Zentrum – nicht an den Rand. Die Babyboomer gehen in Rente, der Nachwuchs reicht nicht aus, um den demografischen Wandel auszugleichen. Gleichzeitig bleiben erfahrene Fachkräfte weitgehend unberücksichtigt. Dieses Paradox ist hausgemacht. Statt konsequent auf Weiterbildung und Integration zu setzen, verlassen sich viele Unternehmen auf Zuwanderung. Natürlich braucht die Schweiz internationale Fachkräfte, doch sie darf das Potenzial im Inland nicht verspielen. Ich sage es deutlich: Wir haben keinen eigentlichen Mangel an Fachkräften, wir haben einen Mangel an Mut. Mut, älteren Mitarbeitern etwas zuzutrauen. Mut, in Weiterbildung zu investieren, statt Vorurteile zu pflegen. Und Mut, Erfahrung als strategischen Vorteil zu begreifen. > «Statt konsequent auf Weiterbildung und Integration zu setzen, verlassen sich viele Unternehmen auf Zuwanderung.» **Der Wert der Erfahrung** Im Amt für Wirtschaft und Arbeit Thurgau erleben wir täglich, wie motiviert, lernfähig und engagiert ältere Stellensucher/-innen sind. Wir unterstützen Unternehmen, die diesen Menschen eine Chance geben – auch finanziell. Förderprogramme und Einarbeitungszuschüsse setzen gezielte Anreize, das vorhandene Potenzial zu nutzen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, auf Erfahrung zu verzichten – lediglich den Willen, sie zu erkennen. Die Politik debattiert derzeit über ein höheres Rentenalter. Realistisch ist das jedoch nur, wenn der Arbeitsmarkt alle Menschen mitnimmt. Dafür braucht es eine Revision der Pensionskassen, steuerliche Anreize für Doppelverdiener, flexible Arbeitsmodelle – und vor allem ein Umdenken in den Köpfen von HR-Verantwortlichen und Entscheidungsträgern. Erfahrung darf kein Makel sein, sondern muss als strategischer Erfolgsfaktor gelten. Unternehmen, die ältere Mitarbeiter fördern, handeln nicht aus Sozialromantik, sondern aus ökonomischer Weitsicht. ### Stören wir den Gottesdienst der Konformisten! URL: https://www.schweizermonat.ch/stoeren-wir-den-gottesdienst-der-konformisten/ Last updated: 2026-01-12T13:09:09.000Z Der Massenwohlstand verführt viele, sich ins Haus persönlicher Interessen und Vorlieben zurückzuziehen und den Erhalt der westlichen Kultur als Perpetuum Mobile zu betrachten. Als könne sich das Fundament einer Gesellschaft von allein erhalten, ohne persönliche Opfer. Unter vier Augen mag man sich über den linksgrünen Moralismus der Akademien, Medien und Kulturszene ärgern. Man schimpft über die steigenden materiellen und geistigen Kosten des Nanny States, über die internationalen NGOs, die im Namen einer besseren Welt Föderalismus und Demokratie abbauen. Trotz dieser Entwicklung trauen sich nur wenige, öffentlich die Stimme zu erheben. Wenn sich der fiktive Held Jack Burton in der Actionkomödie «Big Trouble in Little China» wünscht, dass [«die Flügel der Freiheit nie eine Feder verlieren»](https://www.youtube.com/watch?v=W1GoPbZnWhg&ref=schweizermonat.ch), dann mag das auf der Leinwand witzig sein. Dass unsere Freiheiten heute jedoch bedroht sind, ja dass sie in jeder Generation neu verteidigt werden müssen, ist eine nicht zu leugnende Realität. Dennoch neigen viele Menschen dazu, unter ihnen hervorragende Unternehmer, dem Kampf für die Zukunft unseres Landes auszuweichen. Sie scheuen das Reputationsrisiko und denken in erster Linie an ihre Unternehmungen und Familien. > «Dass unsere Freiheiten heute bedroht sind, ja dass sie in jeder Generation neu verteidigt werden müssen, ist eine nicht zu leugnende Realität.» Das ist verständlich. Doch schon vor 200 Jahren warnte der liberale Denker Benjamin Constant (1767‒1830), dass eine Wirtschaft, die sich darum drückt, öffentliche Freiheiten zu verteidigen, auch ihre eigene Freiheit gefährdet. «Die Wirtschaft macht sich kaum Gedanken über Unterdrückung, weil sie ihr für eine Weile entkommen kann. Sie schliesst sich in einer Sphäre ein, von der sie glaubt, dort sei die Meinungsfreiheit überflüssig. Und wenn ihr die Augen geöffnet werden, kommt das Licht zu spät.» Es ist wichtig, an diese Warnung zu erinnern. Sie kann dazu motivieren, gegen den bequemen Mainstream des Eigeninteresses aufzustehen – und einzustehen für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen, auch wenn es nicht populär ist. Der Schweizer Monat wird auch 2026 mit Leidenschaft für die individuelle Freiheit und für liberale Institutionen einstehen. Im Sinne unseres neuen Newsletters «Advocatus Diaboli» verstehen wir uns als Anwälte jener, die kritisch prüfen und die auch dann wahrhaftig bleiben, wenn niemand klatscht. Wo es nötig ist, werden wir den Gottesdienst der Konformisten stören. Helfen Sie dabei mit und verschaffen Sie Stimmen ein Gehör, die die freiheitliche Identität unseres Landes verteidigen! ### Die systematische Verantwortungslosigkeit reicht über Crans-Montana hinaus – bis nach Bundesbern URL: https://www.schweizermonat.ch/die-systematische-verantwortungslosigkeit-reicht-ueber-crans-montana-hinaus-bis-nach-bundesbern/ Last updated: 2026-01-11T10:19:17.000Z Irren ist menschlich – aber unter vernünftigen, verantwortungsvollen Zeitgenossen ziemlich ungefährlich. Hätte der Betreiber des «Le Constellation» seine Decke aus Irrtum mit leichtentzündlichem, hochgiftigem Schaumstoff zugepappt, hätte sich das Publikum durch zweckdienliche Notausgänge retten können. Hätte er wegen Geistesabwesenheit einen Fluchtweg versperrt, wäre es durch gesetzeskonformes Schalldämpfungsmaterial gar nicht erst zu einem Vollbrand gekommen. Wäre ihm bei der Decke *und* bei den Ausgängen ein Lapsus unterlaufen, wäre die Gefahr bei der ersten Feuerschau bemerkt worden. Und hätte der entsprechende Gemeindebeamte just dann einen Aussetzer gehabt, so hätte die nächste Inspektion ein Jahr später für Ordnung gesorgt. Wenn also überhaupt etwas passiert wäre in der Silvesternacht, dann sicher kein Grossereignis mit dreistelligen Opferzahlen und weltweitem Medienecho. Brandschutzgesetze und -konzepte sind dazu da, die Risiken menschlichen Irrtums zu minimieren. Gegen flächendeckende Vollgas-Verantwortungslosigkeit können sie nichts ausrichten. Dass Unglücke mit Dutzenden von Toten in der Schweiz bislang viel seltener vorkamen als anderswo, liegt nicht an der Überlegenheit schweizerischer Paragrafen oder Prozedere. Es liegt vielmehr an einem überlegenen Arbeitsethos des Einzelnen. > «Brandschutzgesetze und -konzepte sind dazu da, die Risiken menschlichen Irrtums zu minimieren. Gegen flächendeckende Vollgas-Verantwortungslosigkeit können sie nichts ausrichten» Die Quintessenz dieses Arbeitsethos ist, dass Kompetenz als Verantwortung und Führung als Sorge betrachtet wird. Ob Exekutivpolitiker, Offizier, Patron, Lehrer oder Schuhverkäufer: Befehle, Befugnisse oder auch nur Ratschläge sind in erster Linie Instrumente, um einer Sorgfaltspflicht nachzukommen und Vorschussvertrauen zu honorieren. Sieht ein Barbesitzer nicht wandelnde Portemonnaies zur Tür reinkommen, sondern *seine* Gäste, die zu *ihm* in *sein* Lokal wollen, verwandelt sich sein Untergeschoss nicht plötzlich in eine tausend Grad heisse Todesfalle. Und nimmt ein Gemeinderat das Wohl *seiner* Leute in *seinem* Ort auch nur halbwegs persönlich, dann können nicht mitten im Dorf jahrelang Hochleistungstodesfallen betrieben werden. Die Wut über die Barbetreiber und Lokalbehörden ist gross – und mehr als nur berechtigt. Um eine Gesellschaft zu zerstören, braucht es keinen bösen Willen. Es reicht eine kritische Masse Leute, denen es komplett egal ist, ob sich ihre Mitmenschen auf sie verlassen können oder nicht. In Russland reden Kinder alle ihnen bekannte Erwachsenen mit «Tante» oder «Onkel» an – dies darum, weil man prinzipiell niemandem vertrauen kann, mit dem man nicht verwandt ist. Eine Schweiz – das hat die Katastrophe dem Land vor Augen geführt –, in der Gestalten wie Barbesitzer Moretti und Gemeindepräsident Féraud das Sagen haben, wäre eine genauso ärmliche, gefährliche und deprimierende Low-Trust-Dystopie wie Russland. > «Um eine Gesellschaft zu zerstören, braucht es keinen bösen Willen. Es reicht eine kritische Masse Leute, denen es komplett egal ist, ob sich ihre Mitmenschen auf sie verlassen können oder nicht. » ## Der Fisch stinkt vom Kopf Die Verantwortlichen für das Inferno stehen auf verlorenem Posten – nicht nur juristisch, sondern auch moralisch. Doch fairerweise muss gesagt werden: Gibt es so etwas wie einen mildernden Umstand für sie, dann ist es das heutige Bundesbern. Der Brand im «Le Constellation» ereignete sich auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Kölner Silvesterpogrom. Dieses wiederum ereignete sich kurz nach dem Bataclan-Massaker, das sich einige Monate nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» zutrug. In diesen zehn Jahren hat Bundesbern absolut nichts getan, um die Kontrolle über die illegale Massenimmigration von jungen Männern aus muslimischen Ländern wiederzuerlangen. Mehr noch: Während wenigstens die SVP das Asylrecht und das Grenzregime reformieren will, hält sie am flächendeckenden zivilen Waffentragverbot genauso fest wie die anderen Parteien. Die Terrorgefahr wird immer grösser, und im Fall der Fälle ist jedes Lokal in der Schweiz ein «Le Constellation». Bis die Polizei vor Ort ist, dauert es fünf, zehn oder gar zwanzig Minuten: im Ereignisfall eine Ewigkeit, die in einem Ausgehlokal [mehr als vierzig Menschen das Leben kosten kann](https://en.wikipedia.org/wiki/Pulse%5Fnightclub%5Fshooting?ref=schweizermonat.ch). Ähnlich verhält es sich unter anderem mit der Energiestrategie 2025: der hanebüchenen Idee, Bandenergie von Kernkraftwerken durch Flatterstrom aus Wind- und Sonnenkraftwerken zu ersetzen. Weil dieser Ersatz nicht möglich ist, steht die Schweiz näher als je zuvor an einer Strommangellage – einer Krise, gegen die der Brand in Crans-Montana nach wenigen Tagen wie eine Lappalie aussehen würde. Natürlich: Wenn vierzig Leute sterben, weil ein illegaler Immigrant ein Lokal massakriert, in dem niemand zurückschiessen kann, dann ist Bundesbern weniger unmittelbar dafür verantwortlich als Moretti für das Inferno in seiner Bar. Aber der Unterschied ist ein quantitativer, kein qualitativer. Eine Todesfalle wie das «Le Constellation» wird nicht aus blossem Irrtum zehn Jahre lang nicht geschlossen. Und genauso wenig ist es ein blosser Lapsus, dass in dem Jahrzehnt, in dem im «Le Constellation» der hochentzündliche Schaumstoff an der Decke klebte, die Landesgrenzen sperrangelweit offenblieben. An beiden Orten war die Gefahr bekannt, an beiden Orten reichte das Pflichtgefühl und das Verantwortungsbewusstsein nicht, um sie einzudämmen. Von Schülern zu erwarten, dass sie sich besser benehmen als ihre Lehrer, ist Unsinn. Je mehr Schlendrian, Leichtsinn, Dummheit, Grössenwahn und «N’importe quoi» wir auf nationaler Ebene zulassen, desto weniger können wir Charakterstärke und das traditionelle Schweizer Arbeitsethos auf lokaler Ebene erwarten. Vielmehr müssen wir uns dann darauf einstellen, dass sich die Schweiz immer mehr anfühlen wird wie Crans-Montana in den ersten Tagen von 2026. ### Venezuela sin Maduro: La dictadura ha perdido su cabeza, pero aún no su rostro brutal URL: https://www.schweizermonat.ch/venezuela-sin-maduro/ Last updated: 2026-01-09T15:15:40.000Z Die Deutsche Version finden Sie [hier](https://www.schweizermonat.ch/venezuela-ohne-maduro/). Fuerzas estadounidenses sacaron a Nicolás Maduro de su búnker en un fuerte militar de Caracas y Kennedy Tejeda, defensor de derechos humanos, sigue preso en una de sus cárceles. Cayó el dictador, la dictadura agoniza; pero aún respira. Tejeda, de 25 años, fue encarcelado el 2 de agosto de 2024, tres días después de la elección presidencial del 28 de julio. Lo apresaron en Montalbán, un pueblo del centro de Venezuela cuyas frescas montañas le hacen presumir de ser la Suiza de la región. El joven abogado, activista de la organización de defensa de presos políticos Foro Penal, se presentó en el comando de la Guardia Nacional Bolivariana (GNB) para asistir legalmente a un grupo de otros jóvenes apresados por protestar el robo de los comicios que ganó Edmundo González y allí lo dejaron detenido. La acusación, sin acceso a defensa privada: terrorismo e incitación al odio. Tejeda es uno de los 863 presos políticos que permanecen tras unas rejas remecidas cada vez con más fuerza. Poco antes del amanecer del 3 de enero, cuando ya corría la noticia del arresto de Maduro por la Operación “Absolut Resolve”, le escribí a su mamá, Kennia Jiménez. Ella me respondió con un mensaje de voz en WhatsApp, de los que se eliminan al escucharlo: “Se acerca el día de la libertad. Dios es grande y sabe hacer muy bien sus obras”. La situación en Venezuela es de máxima inestabilidad. Cada día, casi cada hora, se suman nuevas incógnitas; aunque también, cada día, casi cada hora, los hechos van despejando una parte del complejo panorama: Formalmente, el país está a cargo de la ex Vicepresidenta de Maduro, Delcy Rodríguez, quien a su vez está tutelada por una junta del gobierno de EE. UU dirigida por el Secretario de Estado, Marco Rubio. > “Se acerca el día de la libertad” ## En la mira El acuerdo que Rodríguez hizo con EE. UU no sorprende. Esa opción fue una de las más ventilada meses antes por periodistas enterados de los planes norteamericanos. Está claro que hubo un pacto con ella. La apuesta de Trump es que Rodríguez, sometida a las presiones adecuadas, sea quien le evite tener que forzar la puerta desde adentro. Lo que no está claro todavía es si la segunda del chavismo logrará cumplir todo lo acordado con el gobierno estadounidense. Mejor dicho: si el poder armado -las fuerzas militares, policiales y de inteligencia oficiales, así como los grupos paramilitares conocidos como colectivos- le permitirán cumplir. En las primeras horas luego de la captura de Maduro, la ahora presidenta encargada disparó su característica metralla verbal contra el “imperialismo yanqui”. El propio Trump le contestó con una advertencia directa: si no coopera, le esperaría una suerte peor que la del sucesor de Hugo Chávez, hoy en una cárcel de New York, acusado ante un tribunal federal de integrar durante más de veinte años una estructura criminal de narcotráfico internacional, narco terrorismo y uso de las instituciones del Estado venezolano para ingresar cocaína a territorio estadounidense. Después del aviso del Presidente de EE. UU, la deriva va tomando formas concretas como la del comunicado de Petróleos de Venezuela, la petrolera estatal, que este 7 de enero confirmó lo que ya la Secretaría de Energía había informado horas antes: que el gobierno estadounidense asumió ya el control de la venta de crudo venezolano. Ese mismo día, la declaración de la portavoz de la Casa Blanca, Karoline Levitz, dio el mensaje de la administración Trump con todas sus letras: “Mantenemos una estrecha correspondencia con las autoridades interinas de Venezuela (…) tenemos la máxima influencia sobre ellos y sus decisiones van a seguir siendo dictadas por Estados Unidos». ## Calma ficticia En Venezuela siguen las noticias a través de las redes sociales, a pesar del férreo bloqueo impuesto por el régimen. Los venezolanos en el país se las arreglan para mantenerse informados y precisamente por ello saben que aún no hay condiciones para salir a las calles, una vez más, a gritar libertad y democracia. Los más de ocho millones en el exilio también permanecen con el aliento entrecortado, aunque en las primeras horas hayan celebrado. El aparato represivo sigue activo haciendo lo de siempre: infundir terror. Un artículo incorporado a última hora al Decreto de Conmoción Exterior que supuestamente Maduro había firmado antes, en previsión de lo sucedido, ordena a todas las policías buscar y capturar a “toda persona involucrada en la promoción o apoyo del ataque armado de Estados Unidos”. Las cabezas de ese aparato represivo letal son Vladimir Padrino López, ministro de la Defensa, y Diosdado Cabello, ministro de Interior y Justicia. Ambos son fugitivos de la justicia estadounidense. Por la captura del primero se ofrece una recompensa de 15 millones de dólares, mientras que por el segundo, la figura más beligerante del régimen, se ofrecen 10 más: 25 millones. Lo que queda de régimen se esfuerza en transmitir calma, en hacer creer que se recupera la normalidad; pero la realidad es la situación es de tensión extrema. Es tanta que esta vez sus partidarios, el llamado chavismo de base, han desoído los insistentes llamados de la cúpula a apropiarse de las calles para protestar el secuestro de su líder y “la primera combatiente”. > “El aparato represivo sigue activo haciendo lo de siempre: infundir terror” Marta, “jefa de calle” de una comunidad del pueblo de Montalbán, se muestra confundida. Ha transcurrido menos de una semana desde el arresto de Maduro y está desorientada. Como “jefa de calle”, es la responsable de los llamados Clap (comités locales de abastecimiento y producción). Organiza a los vecinos de su pequeña comuna agroproductiva para la distribución de alimentos subsidiados y otros programas sociales. Es, además, la encargada de transmitir información oficial del gobierno revolucionario a sus vecinos. Pero hasta ahora, una semana después del ataque norteamericano, dice que no ha recibido ningún lineamiento ni explicación de parte de sus instancias superiores. En el grupo de WhatsApp de la comunidad, administrado por Marta, el último mensaje es del 29 diciembre. De ella preguntando: ¿Alguien más va a pagar el gas? En Venezuela las bombonas de gas doméstico solo las vende el gobierno. Marta vive en un sector donde no conocen la estabilidad ni del servicio eléctrico ni de internet. Su ingreso, vía el denominado “bono de guerra” que da el régimen en bolívares que se evaporan al calor de la inflación, está por los 60 dólares al mes. ## Armados de dinero “No soy un magnate, ni quiero riqueza material para mi vida. Tengo una sola cuenta, una cuentica de ahorro donde me depositan mi sueldito de Presidente. Yo gano dos petros, pero a esa platica no le veo la cara, porque cuando la voy a buscar ya Cilita la ha agarrado para comprar unas cositas”. Un petro es la criptomoneda creada por el gobierno (equivalente a unos 60 dólares). Esta declaración la hizo Maduro el 29 de diciembre en una de sus últimas apariciones públicas en Venezuela, durante una visita a la comuna agroproductiva “Por amor y lealtad a Chávez” ubicada en Caracas. Suiza, por lo visto, tiene información distinta. El 5 de enero, apenas dos días después de la caída de Maduro, su Consejo Federal anunció el congelamiento de todos los activos que el exgobernante y otras personas asociadas a él posean en Suiza. Ese mismo día, la agencia Reuters informó que, de acuerdo con datos aduaneros suizos, en los primeros años del mandato de Maduro (desde 2013) Venezuela transportó oro a Suiza por unos 5 mil 200 millones de dólares. Los activos guardados en las bóvedas helvéticas -cuya cantidad precisa aún se desconoce- son apenas una parte, pero esencial, de la respuesta a la pregunta de por qué si cayó Maduro su régimen se mantiene: el colosal enriquecimiento que han obtenido los jerarcas de la dictadura, en especial los militares. La investigación global Suisse Secrets, coordinada por el Proyecto de Reportería del Crimen Organizado y la Corrupción (Occrp, por sus siglas en inglés) y el diario alemán Süddeutsche Zeitung, reveló que la mayor cantidad de clientes del Credit Suisse son ciudadanos nacidos o que declararon vivir en Venezuela. “Ni millonarios europeos, ni magnates asiáticos”, se lee en el resumen de esta serie de diez reportajes hechos en colaboración por 48 medios aliados de todo el mundo, entre ellos Armando.info y Efecto Cocuyo por Venezuela, dos de los pocos hacedores de periodismo que sobreviven, aunque bloqueados en el país. Una de las entregas es sobre el director de la Disip, extinta policía política, Carlos Aguilera, a quien se le demostraron cuentas por unos 8,6 millones de dólares. Nora, esposa de un funcionario de la Milicia Bolivariana (quinto componente de la Fuerza Armada, el llamado pueblo en armas), tiene miedo. Su marido estaba en el Fuerte Tiuna cuando lo bombardearon para arrestar a Maduro. “Vio los muertos”, expresa angustiada. Se cuida siempre de no hablar por él, sino por ella. Le pregunto qué piensa él ahora y me dice que no sabe (…) que solo sabe que “lo tienen de allá para acá”, sin descansar desde la fatídica madrugada del 3 de enero. Le pregunto también por qué él ha seguido allí, prestando sus servicios a la dictadura, por qué no se ha retirado. “Porque sus jefes son una mafia y de la mafia no sale nadie. Son delincuentes con grandes negocios. Las mafias no se entregan”, sentencia. ## Esperanza cautelosa “Que la alegría de este momento histórico sea tan contenida, solo demuestra que el monstruo, aunque herido, sigue vivo”, escribió en X una reconocida periodista desde el pueblo de las ínfulas helvéticas. Y es verdad que el monstruo sigue vivo, pero la percepción general -incluso ya entre los seguidores del gobierno- es que sus días están contados. La expectación crece conforme el propio régimen van confirmando su acuerdo con Estados Unidos. “Comenzamos el año con buen pie”, afirma Doris, una educadora que dirige su propia microescuela comunitaria, una de las decenas de miles de espacios educativos libres surgidos espontáneamente en Venezuela. Lo dice en el contexto de una conversación sobre un tema aparentemente no vinculado con los últimos acontecimientos, pero es obvio a qué se refiere. Es la “esperanza cautelosa” de la que habla Thor Halvorssen, venezolano y director de la Human Rights Foundation, organización cuyo papel se considera decisivo en la documentación de las violaciones de derechos humanos en Venezuela. En un artículo publicado este 7 de enero en The New York Times, el también fundador del Oslo Freedom Forum, avizoró la implosión del régimen y el fracaso de las gestiones de “la férrea Vicepresidenta de Maduro”. En la elección del 28 de julio de 2024, en las que María Corina Machado, no pudo presentarse porque estaba inhabilitada por la dictadura, Edmundo González, el candidato a quien la Nobel de la Paz 2025 endosó su apoyo, ganó con 67% de los votos. Maduro desconoció el resultado, demostrado en las actas que la oposición logró resguardar, y apretó aún más la tuerca de su maquinaria totalitaria. Miguel Martínez Meucci, doctor en conflicto político y procesos de pacificación, plantea dar entrada, ya, en el proceso en curso, a la voluntad soberana del pueblo venezolano. “A fin de cuentas, el único objetivo legítimo del proceso en curso es la devolución de la soberanía a su justo titular”, expuso en un artículo publicado en Letras Libres. Marco Rubio, Secretado de Estado de EE. UU, vocero del plan para Venezuela, enumeró tres fases: estabilización, recuperación y transición. No dijo hasta cuál de las tres está previsto que llegue su ahora socia Delcy Rodríguez. Al cierre de este reporte circulan con insistencia versiones no oficiales según las cuales el régimen estaría empezando a cerrar El Helicoide, su centro de detención y tortura más emblemático. Allí están detenidas, junto con otros presos políticos, Catalina Ramos y Sofía Sahagún, ambas venezolano-españolas. Sus familias aguantan la respiración con cada posible señal de su liberación. Kennia Jiménez, madre de Kennedy Tejeda, combate la angustia contando lo que su hijo le ha dicho que hará cuando salga de la temida cárcel de Tocorón: “Mamá, apenas se abra este portón, voy a la playa”. ### Venezuela ohne Maduro: Die Diktatur hat ihren Kopf verloren, aber noch nicht ihr brutales Gesicht URL: https://www.schweizermonat.ch/venezuela-ohne-maduro/ Last updated: 2026-01-13T07:40:35.000Z Lea [aquí](https://www.schweizermonat.ch/venezuela-sin-maduro/) la versión española. US-amerikanische Streitkräfte haben Nicolás Maduro aus seinem Bunker in einer militärischen Festung in Caracas geholt. Derweil sitzt [Kennedy Tejeda](https://schweizermonat.ch/venezuelas-sozialistisches-paradies-wird-mit-jedem-tag-autoritaerer/?ref=schweizermonat.ch), ein Menschenrechtsaktivist, weiterhin in einem Gefängnis des Regimes. Der Diktator ist gefallen. Die Diktatur liegt im Todeskampf – doch sie atmet noch. Tejeda, 25 Jahre alt, wurde am 2\. August 2024 inhaftiert, drei Tage nach der Präsidentschaftswahl. Festgenommen wurde er in Montalbán, einer Ortschaft im Zentrum Venezuelas, die wegen ihres kühlen Bergklimas als «die Schweiz der Region» gilt. Der junge Jurist und Aktivist der Organisation Foro Penal, die sich für politische Gefangene einsetzt, begab sich freiwillig zum Kommando der Bolivarischen Nationalgarde, um eine Gruppe junger Demonstranten rechtlich zu unterstützen, die wegen Protesten gegen den Wahlbetrug verhaftet worden waren. Edmundo González hatte die Wahl gewonnen. Die Anklage lautet: Terrorismus und Aufstachelung zu Hass. Zugang zu privater Verteidigung gibt es nicht. Tejeda ist einer von 863 politischen Gefangenen in Venezuela. Kurz vor Morgengrauen am 3\. Januar, als sich die Nachricht von Maduros Verhaftung im Rahmen der Operation «Absolute Resolve» verbreitete, schrieb ich seiner Mutter, Kennia Jiménez. Sie antwortete mir mit einer jener WhatsApp-Sprachnachrichten, die sich nach dem Abhören selbst löschen: «Der Tag der Freiheit rückt näher. Gott ist gross und weiss, wie man seine Werke vollendet.» > «Der Tag der Freiheit rückt näher» ## Unklare Rolle der «colectivos» Venezuela befindet sich in einem Zustand maximaler Instabilität. Mit jedem Tag, beinahe mit jeder Stunde kommen neue Ungewissheiten hinzu. Gleichzeitig klären sich mit derselben Geschwindigkeit Teile eines hochkomplexen Bildes. Formal wird das Land zurzeit von Maduros ehemaliger Vizepräsidentin Delcy Rodríguez geführt, die ihrerseits unter der Aufsicht von US-Aussenminister Marco Rubio steht. Die Vereinbarung zwischen Rodríguez und den Vereinigten Staaten überrascht nicht. Diese Option wurde Monate zuvor von Journalisten kolportiert, die mit den amerikanischen Plänen vertraut waren. Es ist offenkundig, dass ein Pakt geschlossen wurde. Trumps Kalkül ist, dass Rodríguez ihm – unter dem richtigen Druck – erspart, die Tür von innen aufbrechen zu müssen. Unklar bleibt jedoch, ob die Nummer zwei des Chavismus tatsächlich in der Lage sein wird, alle Vereinbarungen umzusetzen. Oder präziser: ob ihr das bewaffnete Machtgefüge dies erlauben wird, die Streitkräfte, Polizei- und Geheimdienste ebenso wie die paramilitärischen Gruppen, die sogenannten *colectivos*. In den ersten Stunden nach Maduros Festnahme feuerte die nun amtierende Interimspräsidentin ihre gewohnte verbale Salve gegen den «imperialismo yanqui». Trump reagierte mit einer direkten Warnung: Sollte sie nicht kooperieren, drohe ihr ein schlimmeres Schicksal als jenes des Nachfolgers Hugo Chávez’, der heute in einem Gefängnis in New York sitzt, angeklagt vor einem Bundesgericht wegen der Leitung eines internationalen Drogenhandelsnetzwerks, Narco-Terrorismus und des systematischen Missbrauchs venezolanischer Staatsinstitutionen zum Kokainschmuggel in die USA. Nach dieser Warnung nahmen die Entwicklungen rasch konkrete Formen an. Am 7\. Januar bestätigte der staatliche Ölkonzern Petróleos de Venezuela, was das US-Energieministerium Stunden zuvor bekanntgegeben hatte: Die Vereinigten Staaten haben die Kontrolle über den Verkauf venezolanischen Rohöls übernommen. Am selben Tag formulierte die Sprecherin des Weissen Hauses, Karoline Leavitt, die Position der Trump-Regierung unmissverständlich: «Wir stehen in engem Austausch mit den Übergangsbehörden Venezuelas. Wir haben maximalen Einfluss auf sie, und ihre Entscheidungen werden weiterhin von den Vereinigten Staaten bestimmt.» «Zahlt sonst noch jemand das Gas?» Der Repressionsapparat ist weiterhin aktiv und tut, was er immer getan hat: Angst verbreiten. Ein in letzter Minute in das Dekret über den «äusseren Ausnahmezustand» eingefügter Artikel, den Maduro vorsorglich unterzeichnet haben soll, verpflichtet alle Polizeibehörden, «jede Person zu suchen und festzunehmen, die an der Förderung oder Unterstützung des bewaffneten Angriffs der Vereinigten Staaten beteiligt ist». An der Spitze dieses tödlichen Apparats stehen Verteidigungsminister Vladimir Padrino López und Innenminister Diosdado Cabello. Beide sind auf der Flucht vor der US-Justiz. Was vom Regime übrig ist, bemüht sich, Ruhe zu vermitteln, Normalität vorzutäuschen. Doch die Realität ist von extremer Spannung geprägt. So gross, dass diesmal selbst die chavistische Basis den eindringlichen Aufrufen der Führung nicht gefolgt ist, die Strassen zu besetzen, um gegen die «Entführung» ihres Anführers zu protestieren. Marta wirkt orientierungslos. Weniger als eine Woche ist seit Maduros Verhaftung vergangen, und sie weiss nicht weiter. Als *jefa de calle* («Strassenchefin») einer Gemeinde in Montalbán ist sie für die sogenannten zuständig, lokale Komitees für Versorgung und Produktion. Sie organisiert die Verteilung subventionierter Lebensmittel und sozialer Programme und übermittelt offizielle Regierungsinformationen an ihre Nachbarn. Doch eine Woche nach dem amerikanischen Angriff habe sie keinerlei Anweisungen oder Erklärungen von ihren Vorgesetzten erhalten. Marta lebt in einem Viertel ohne verlässliche Strom- oder Internetversorgung. Ihr Einkommen aus dem sogenannten «Kriegsbonus», den das Regime in Bolívares auszahlt und der von der Inflation aufgefressen wird, liegt bei rund 60 Dollar im Monat. ## Maduro-Vermögen in der Schweiz «Ich bin kein Magnat und strebe keinen materiellen Reichtum an», sagte Maduro am 29\. Dezember bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte. «Ich habe nur ein einziges Konto, ein kleines Sparkonto, auf das mein Präsidentengehalt überwiesen wird. Ich verdiene zwei Petros, aber von dem Geld sehe ich nichts, denn wenn ich es abheben will, hat Cilita (Frau von Nicolás Maduro, Anm. d. Red.) es schon genommen, um ein paar Dinge zu kaufen.» Ein Petro ist die vom Regime geschaffene Kryptowährung, deren Kurs bei etwa 60 Dollar liegt. Die Schweiz scheint über andere Informationen zu verfügen. Am 5\. Januar, nur zwei Tage nach Maduros Sturz, kündigte der Bundesrat das Einfrieren sämtlicher Vermögenswerte an, die der Ex-Herrscher und ihm nahestehende Personen in der Schweiz halten. Am selben Tag berichtete Reuters unter Berufung auf Schweizer Zolldaten, dass Venezuela in den ersten Jahren von Maduros Amtszeit seit 2013 Gold im Wert von rund 5,2 Milliarden Dollar in die Schweiz transportiert habe. Die in helvetischen Tresoren gelagerten Vermögenswerte, deren genaue Höhe unbekannt ist, sind nur ein Teil, aber ein zentraler Teil der Antwort auf die Frage, weshalb das Regime trotz Maduros Sturz fortbesteht: die massive Bereicherung der Diktaturelite, insbesondere des Militärs. «Tage nach Maduros Sturz, kündigte der Bundesrat das Einfrieren sämtlicher Vermögenswerte an» Die internationale Recherche Suisse Secrets, koordiniert vom Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) und der «Süddeutschen Zeitung», zeigte, dass die grösste Gruppe von Kunden der Credit Suisse aus Personen besteht, die in Venezuela geboren wurden oder dort ihren Wohnsitz angaben. An der zehnteiligen Recherche waren 48 Medien weltweit beteiligt, darunter Armando.info und Efecto Cocuyo, zwei der wenigen investigativen Redaktionen, die in Venezuela trotz Blockade überleben. Ein Beitrag widmet sich dem ehemaligen Direktor der politischen Polizei Disip, Carlos Aguilera, dem Konten im Umfang von 8,6 Millionen Dollar nachgewiesen wurden. Nora, die Ehefrau eines Angehörigen der Bolivarischen Miliz, dem fünften Teil der Streitkräfte, hat Angst. Ihr Mann war im Fuerte Tiuna, als das Gelände bombardiert wurde, um Maduro festzunehmen. «Er hat die Toten gesehen», sagt sie, sichtlich erschüttert. Sie spricht stets nur für sich, nie für ihn. Auf die Frage, was er jetzt denke, antwortet sie, sie wisse es nicht. Sie wisse nur, dass man ihn seit der verhängnisvollen Morgendämmerung des 3\. Januar pausenlos von einem Einsatz zum nächsten schicke. Warum er geblieben sei, warum er weiterhin dem Regime diene? «Weil seine Vorgesetzten eine Mafia sind, und aus einer Mafia kommt man nicht heraus. Das sind Verbrecher mit riesigen Geschäften. Mafias ergeben sich nicht», sagt sie. ## «Das Monster lebt noch» «Dass die Freude über diesen historischen Moment so gedämpft ist, zeigt nur, dass das Monster, obwohl verwundet, noch lebt», schrieb eine bekannte Journalistin auf X, aus einem Dorf mit helvetischen Anwandlungen. Das Monster lebt noch. Doch die allgemeine Wahrnehmung, selbst unter den Anhängern der Regierung, ist, dass die Tage des Regimes gezählt sind. Diese Erwartung wächst, je deutlicher das Regime seine Vereinbarung mit den Vereinigten Staaten bestätigt. «Die allgemeine Wahrnehmung, selbst unter den Anhängern der Regierung, ist, dass die Tage des Regimes gezählt sind.» «Wir beginnen das Jahr mit dem rechten Fuss», sagt Doris, eine Pädagogin, die eine eigene kleine Gemeinschaftsschule leitet, einen von Zehntausenden freien Bildungsräumen, die in Venezuela spontan entstanden sind. Sie sagt dies im Zusammenhang mit einem scheinbar unverbundenen Thema, doch es ist klar, worauf sie anspielt. Es ist jene «vorsichtige Hoffnung», von der der venezolanische Menschenrechtsaktivist und Direktor der Human Rights Foundation, Thor Halvorssen, spricht. In einem am 7\. Januar in der «New York Times» veröffentlichten Beitrag prognostizierte der Gründer des Oslo Freedom Forum die Implosion des Regimes und das Scheitern der Bemühungen der «eisernen Vizepräsidentin Maduros». Die Wahl vom 28\. Juli 2024, an der die spätere Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado nicht teilnehmen durfte, wurde von Edmundo González mit 67 Prozent der Stimmen gewonnen. Auch Machado unterstützte ihn. Maduro erkannte das Ergebnis nicht an, obwohl die Opposition die Wahlprotokolle sichern konnte, und zog die totalitären Schrauben weiter an. US-Aussenminister Marco Rubio skizzierte drei Phasen des Venezuela-Plans: Stabilisierung, Erholung und Übergang. Bis zu welcher dieser Phasen Delcy Rodríguez gelangen soll, liess er offen. Derzeit kursieren hartnäckige, bislang unbestätigte Berichte, wonach das Regime begonnen haben soll, sein berüchtigtstes Haft- und Folterzentrum *El Helicoide* zu schliessen. Kennia Jiménez, die Mutter von Kennedy Tejeda, bekämpft ihre Angst, indem sie erzählt, was ihr Sohn ihr versprochen hat, für den Moment seiner Freilassung aus dem berüchtigten Gefängnis Tocorón: «Mama, sobald sich dieses Tor öffnet, fahre ich an den Strand.» Aus dem Spanischen übersetzt von Alex Buxeda. ### Wie man die Armen nicht zu Opfern macht URL: https://www.schweizermonat.ch/wie-man-die-armen-nicht-zu-opfern-macht/ Last updated: 2026-01-07T20:00:23.000Z Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/how-not-to-victimize-the-poor/) Vor etwa zwanzig Jahren führte ich als Anthropologiestudentin eine kleine Untersuchung durch. Ich wollte wissen, wie Viertklässler in der Grundschule sich Arme und Reiche vorstellen. Die Aufgabe war einfach: Die Kinder sollten zeichnen, wie sie sich eine arme und eine reiche Person vorstellten. Die Ergebnisse waren frappierend. Die Gesichter der Armen strahlten echte Güte aus, mit warmen, aber traurigen oder tränenreichen Augen. Ihre Kleidung war schlicht, oft geflickt. Die Gesichter der Reichen dagegen wirkten durch und durch böse, mit kalten, hinterhältigen Blicken. Ihr Äusseres trug alle sichtbaren Zeichen des Wohlstands: schwere goldene Ketten, teure Anzüge, grosse Diamantringe. Lange bevor die Kinder Geld, Märkte oder Arbeit verstanden, hatten sie bereits ein Muster gelernt: Armut steht für Güte, Reichtum für Misstrauen. Als ich diese Untersuchung Anfang der 2000er-Jahre durchführte, erholte sich Serbien gerade vom Regime Slobodan Milosevics und seiner sozialistischen Vergangenheit. Das Land rang darum, liberale Märkte und demokratische Institutionen aufzubauen. Die damals verbreiteten Vorstellungen, die auch an Kinder weitergegeben wurden, waren noch tief in einer sozialistischen Doktrin verhaftet, die Reichtum verachtete und den Reichen misstraute, während sie mit den Armen sympathisierte. Als ich später in die Schweiz zog, erwartete ich eine andere Haltung – eine Gesellschaft, in der Reichtum nicht verachtet, sondern geschätzt wird. Ich irrte mich. Auch hier werden Reiche von weiten Teilen der Bevölkerung ähnlich wahrgenommen. Der Unterschied liegt woanders: Während sich in Serbien kaum jemand für die Armen interessiert, abgesehen vom staatlich propagierten Fürsorgesystem, sind die Armen in der Schweiz selbst zum Projekt geworden. Sie gelten als Schutzbefohlene, um die man sich kümmern muss, die man für ihr Unglück kompensiert oder denen man beibringt, wie sie ihr Leben besser zu führen hätten. > «Während sich in Serbien kaum jemand für die Armen interessiert, abgesehen vom staatlich propagierten Fürsorgesystem, sind die Armen in der Schweiz selbst zum Projekt geworden. Sie gelten als Schutzbefohlene, um die man sich kümmern muss, die man für ihr Unglück kompensiert oder denen man beibringt, wie sie ihr Leben besser zu führen hätten.» ## Zwei verbreitete, aber falsche Überzeugungen Warum gilt der Kapitalismus, obwohl er nachweislich Lebenserwartung, Lebensbedingungen und den Wohlstand ganzer Nationen weltweit verbessert hat, nicht als natürlicher Verbündeter der Armen? Warum werden Märkte als Instrumente ihrer Knechtung wahrgenommen und nicht als Mittel ihrer Befreiung? Das Kernproblem liegt in zwei weitverbreiteten Überzeugungen, die sich ebenso fest in den Köpfen von Viertklässlern wie von Erwachsenen eingegraben haben. Die erste lautet, der Kapitalismus verachte die Armen. Die zweite, die Armen müssten sich verändern, um in eine kapitalistische Ordnung zu passen. Beide Annahmen sind falsch. Und beide blicken von oben auf die Armen herab. Sie finden ihren Ausdruck in zwei scheinbar konsensfähigen Projekten: Entweder sollen die Armen vor den Übeln des Kapitalismus geschützt werden, oder man will ihnen beibringen, wie sie sich an die kapitalistische Wirtschaft anzupassen haben. Im Folgenden konzentriere ich mich auf die zweite Gruppe von Projekten, wie sie vor allem von globalen Programmen der Entwicklungszusammenarbeit gefördert wird. Sie versuchen, die Armen neu zu erfinden, indem sie ihnen zahllose Ratschläge geben, wie sie das, was sie bereits tun, ausweiten oder wertschöpfender gestalten könnten, um besser in die kapitalistische Ordnung zu passen. In den meisten Fällen zeugen diese Programme von einem frappierenden Mangel an Wissen über die Armen selbst. Das erklärt, warum sie so oft im grossen Stil scheitern. ## Die Bedeutung einer langfristigen Perspektive Aus meiner langjährigen Forschungserfahrung mit Armen, die an Programmen der Entwicklungszusammenarbeit teilnehmen, lassen sich einige zentrale Einsichten festhalten: **Erstens:** Arme können Kapital bilden. Sie wissen, wie das geht. Was ihnen jedoch oft fehlt, ist eine langfristige Perspektive, die es ihnen ermöglicht, ihr Leben oder ihre Geschäfte auch durch wiederkehrende Krisen hindurch zu tragen. Fehlt diese Perspektive, werden abrupte, mitunter unerwartete Kurswechsel wahrscheinlicher. Orte oder bestehende Tätigkeiten werden aufgegeben, Kontinuität – die für jeden Fortschritt entscheidend ist – geht verloren. Die wichtigste Frage lautet daher nicht, ob Arme wirtschaftlich handeln können, sondern wie sie eine langfristige Perspektive aufbauen und aufrechterhalten können. > «Arme können Kapital bilden. Was ihnen jedoch oft fehlt, ist eine langfristige Perspektive, die es ihnen ermöglicht, ihr Leben oder ihre Geschäfte auch durch wiederkehrende Krisen hindurch zu tragen.» **Zweitens:** Arme, die kleine Geschäfte betreiben, sind in der Regel Überlebensunternehmer. Entwicklungsprojekte verwechseln ihre Widerstandsfähigkeit jedoch häufig mit Unternehmergeist. Dass Menschen Widrigkeiten geschickt meistern, macht sie noch nicht zu Unternehmern im eigentlichen Sinn. Sie handeln aus Notwendigkeit, bis sich eine bessere Gelegenheit bietet – meist in Form von Migration in wohlhabendere Städte oder in westliche Länder. Der Versuch, diese Menschen in Unternehmer zu verwandeln, führt daher meist zum Scheitern. **Drittens:** Informelle Netzwerke und kulturell geprägte Formen des Handelns, auch im Geschäftlichen, sind essenziell als Systeme der Unterstützung sowie des Wissens- und Informationsaustauschs. Für viele Arme sind sie das einzige tragfähige System, da sie von formellen Netzwerken und institutioneller Hilfe ausgeschlossen sind. Reformerische Projekte betrachten genau diese informellen Netzwerke und Praktiken jedoch oft als korrupt oder schädlich. Die Eingliederung in formelle institutionelle Strukturen gilt als einzig gangbarer Weg. Selten wird bedacht, dass eine rigide Umsetzung solcher Reformen einen enormen Verlust an Wissen und Erfindungsreichtum bedeuten kann. Gerade die Bewahrung dieser Ressourcen könnte neue Kapitalbildung und Innovationen ermöglichen. Es braucht mehr Toleranz gegenüber informellen Netzwerken und gewachsenen Praktiken der Armen – und eine bessere Abstimmung mit formellen Institutionen. **Viertens:** Arme wissen, wohin sie wollen und was sie anstreben. Sie verfügen über eigene Handlungsfähigkeit. In vielen Projekten, die ihr Wohlbefinden fördern sollen, wird diese jedoch nicht anerkannt – meist deshalb, weil sie nicht zur Vision passt, die andere für sie entworfen haben. > «In vielen Projekten, die ihr Wohlbefinden fördern sollen, wird diese jedoch nicht anerkannt – meist deshalb, weil sie nicht zur Vision passt, die andere für sie entworfen haben.» ## Würde und Handlungsfähigkeit Der Kapitalismus ist nie deshalb erfolgreich gewesen, weil man Menschen gesagt hätte, was sie zu tun haben, sondern weil er ihnen ermöglicht hat, es zu versuchen und ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Statt die Armen verändern zu wollen und ihnen beizubringen, wie sie „mehr Wert aus ihrem Leben schöpfen“ sollen, wäre es weit wichtiger, die täglichen Beschränkungen zu beseitigen, mit denen sie konfrontiert sind. Diese Beschränkungen abzubauen ist die wichtigste und zugleich edelste Aufgabe eines globalen Kapitalismus. Wer den Armen helfen will, sollte identifizieren, wo diese Hindernisse liegen, und im konkreten Einzelfall dazu beitragen, sie zu überwinden. Bevormundung und gut gemeintes Verhätscheln helfen den Armen nicht weiter. Der Abbau von Zwängen hingegen schon. Darin liegt die Chance, die natürlichste Allianz neu zu begründen – jene zwischen Kapitalismus und den Armen. Im Kern beruht sie auf der Anerkennung ihrer individuellen Würde und ihrer Handlungsfähigkeit. ### How not to victimize the poor URL: https://www.schweizermonat.ch/how-not-to-victimize-the-poor/ Last updated: 2026-01-07T20:00:20.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/wie-man-die-armen-nicht-zu-opfern-macht/). Some 20 years ago, as an anthropology student, I conducted a small study about the perceptions of the poor and the rich among fourth graders in elementary school. The task was simple: the children were supposed to draw how they imagined a poor person and a rich person. Results were striking. The faces of the poor conveyed genuine goodness, with warm but sad or tearful eyes. Their clothes were modest and covered in patches. In contrast, the faces of the rich conveyed genuine badness, with eyes that were evil and insidious. Their appearance had all the visible signs of affluence: heavy golden necklaces, expensive suits, and big diamond rings. Long before the children understood money, markets or work, they had already learned a pattern: poverty means goodness, wealth means suspicion. At the beginning of 2000, when I conducted this research, Serbia had been recovering from Slobodan Milosevic’s regime and socialist past, struggling to establish liberal markets and democratic governments. Back then, common beliefs, transferred to children, were still trapped in a strong socialist doctrine, which despised and distrusted the rich and sympathized with the poor. When I moved to Switzerland, I expected a different attitude, where being rich is not despised but valued and appreciated. I was wrong. I realized that rich people have similar reception among the broader population. The only difference was that while in Serbia no one cares for the poor, except the proclaimed nanny state, the poor in Switzerland are the project in itself. They are the darlings who need to be taken care of and compensated for their misfortune or taught how they should live their lives better. > «while in Serbia no one cares for the poor, except the proclaimed nanny state, the poor in Switzerland are the project in itself. They are the darlings who need to be taken care of and compensated for their misfortune or taught how they should live their lives better.» ## Two common but wrong beliefs Why does capitalism, the type of economy now found in most countries, fail to be seen as a natural ally of the poor, despite the extensive evidence of improving life expectancy, living conditions, and enrichment of nations on the global level? Why are markets seen as a means of enslaving the poor rather than liberating them? The crucial problem lies in two common beliefs so deeply engraved in the heads of the fourth graders as well as adults. The first is that capitalism despises the poor; the second is that the poor need to change to fit the capitalist economy. Both are wrong and look down on the poor. And both beliefs are captured in one of the two consensual projects. Either the poor should be safeguarded against capitalist evils, or they should be taught how to adjust to the capitalist economy. Here, I will focus on the second group of projects usually fostered by global development cooperation programmes. They tend to reinvent the poor by giving them plenty of ideas on how to “scale up or add value” to whatever they’re doing to make them a better fit for the capitalist economy. In most cases, such programs show a striking lack of knowledge about the poor, which results in their large-scale failure. ## A long-term perspective From my extensive research experience among the poor participating in development cooperation programmes, I can say this: 1) The poor can generate capital. They know how to do it. Yet what they don’t have is a long-term perspective that could sustain their lives or businesses during periodic crises. The absence of long-term perspectives makes them prone to sudden and sometimes unexpected shifts in decision-making, which leads to abandoning places or ongoing businesses. It disrupts continuity so essential for any progress. The most important thing, thus, is to discover how the poor can establish and maintain a long-term perspective. > «The poor can generate capital. Yet what they don’t have is a long-term perspective that could sustain their lives or businesses during periodic crises» 2) The poor who are running some petty businesses are mostly survival entrepreneurs. Yet development cooperation projects often confuse their resilience with entrepreneurship. The very fact that the poor skillfully navigate the hardship does not make them good entrepreneurs. They act as survival entrepreneurs until a better opportunity emerges, which is usually through migration to more affluent cities or Western countries. Trying to convert these people into entrepreneurs in most cases leads to failure. 3) Informal networks, culturally determined ways of getting things done, including businesses, are vital as networks of support and exchange of knowledge and information. For many poor, this is the only system they rely on because they are cut off from formal networks and systems of support. But reformatory projects see the informal networks and practices the poor rely on as corrupt and harmful. Integration of the poor into the formal institutional flows is seen as the only way forward. It is rarely considered that the implementation of reformatory projects in a rigid way may cause the loss of a great resource of knowledge and ingenuity of the poor. Preservation of such a resource of knowledge could, in fact, help new capital creation and more innovation. It is necessary to show more tolerance for informal networks and customary practices of the poor and harmonize them with formal institutions. 4) The poor know where they are going and what they want. They have their own agency. But in many projects that promote their well-being, the agency of the poor is not acknowledged, mainly because it is considered unfit for the vision someone else set for them. > «in many projects that promote their well-being, the agency of the poor is not acknowledged, mainly because it is considered unfit for the vision someone else set for them.» ## Dignity and agency Capitalism has never thrived because people were told what they should do, but because it enabled them to have a go and design their lives as they see fit. Instead of changing the poor and teaching them how to “add value to their lives”, a more important task would be to remove the constraints they face every day. Removing constraints for the poor is the most important and noble task of global capitalism. People and organizations interested in helping the poor should identify where these constraints are and, through individual work, make sure to contribute to their collapse. Cuddling and patronizing the poor will not help them, but removing constraints certainly will. That is the chance for reestablishing the most natural alliance between capitalism and the poor. And essentially, it rests on acknowledging the individual dignity and agency of the poor. ### Venezuela tras Maduro: el fin de un tirano aún no es el comienzo de la libertad URL: https://www.schweizermonat.ch/venezuela-tras-maduro-el-fin-de-un-tirano-aun-no-es-el-comienzo-de-la-libertad/ Last updated: 2026-01-06T15:40:31.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/venezuela-nach-maduro-das-ende-eines-tyrannen-ist-noch-nicht-der-beginn-der-freiheit/). El pasado fin de semana, Venezuela se convirtió en escenario de un acontecimiento que muchos celebraron como un punto de inflexión histórico. La caída del presidente Nicolás Maduro dio lugar a declaraciones eufóricas y celebraciones espontáneas, acompañadas de una suposición ampliamente compartida: que la caída del hombre equivalía a la caída del régimen. Este reflejo es comprensible tras años de devastación. Pero se apoya en un error recurrente: confundir el acontecimiento con el cambio, el símbolo con la estructura. La caída de un hombre no es una transición. Celebrarla como si lo fuera es la forma más rápida de preparar su repetición. Reconocer la importancia histórica de un hecho exige, desde el primer momento, distinguir entre acontecimiento y transformación. **El entramado del poder** Los regímenes autoritarios tienden a la personalización. Su relato se concentra en la figura del líder. El poder real, sin embargo, rara vez reside en una sola figura. Vive en redes de incentivos, burocracias, dependencias y mitos legitimadores que sobreviven a quienes los encarnan. > “Los regímenes autoritarios tienden a la personalización. Su relato se concentra en la figura del líder. El poder real, sin embargo, rara vez reside en una sola figura” Venezuela no fue gobernada por un solo hombre, sino por un entramado de fuerzas armadas, tribunales, empresas estatales y alianzas externas. Cortar la cabeza no mata al cuerpo; solo lo obliga a buscar otra. Toda intervención política genera consecuencias no deseadas. Este principio, bien conocido en la economía, se manifiesta con especial intensidad en el ámbito geopolítico. La violencia es la forma más radical de intervención. Creer que sus efectos pueden limitarse de manera quirúrgica no es optimismo, sino ingenuidad. Las acciones externas alteran equilibrios locales, reordenan incentivos, generan retroalimentaciones, fortalecen a actores inesperados y deslegitiman procesos que, de otro modo, podrían haberse desarrollado internamente. No porque toda intervención fracase, sino porque ninguna puede controlar la totalidad de las variables. El dilema no es entre «hacer algo» y «no hacer nada». El verdadero dilema consiste en qué dinámicas se activan cuando el cambio deja de surgir desde dentro y pasa a imponerse desde fuera, y quién paga el precio cuando esas dinámicas conducen a resultados imprevistos. Un cambio impuesto desde el exterior genera además un problema estructural de riesgo moral: transmite a las sociedades la idea de que la libertad no se conquista, sino que se concede. Allí donde se instala esa expectativa, se atrofia la responsabilidad interna y, con ella, la capacidad de autogobernarse de forma duradera. La legitimidad moral, la legitimidad política y la viabilidad institucional no coinciden necesariamente. En el mundo actual no existe un derecho exigible a la intervención, sino sobre todo la capacidad de intervenir y el interés en hacerlo. El hecho de que algo pueda imponerse no le confiere legitimidad moral ni institucional; describe únicamente una relación de poder. > “La legitimidad moral, la legitimidad política y la viabilidad institucional no coinciden necesariamente. En el mundo actual no existe un derecho exigible a la intervención, sino sobre todo la capacidad de intervenir y el interés en hacerlo. El hecho de que algo pueda imponerse no le confiere legitimidad moral ni institucional; describe únicamente una relación de poder.” **Continuidad disfrazada** Las transiciones históricas rara vez son purificadoras. Suelen ser negociadas, incompletas y moralmente frustrantes: las élites pactan, los aparatos permanecen, la justicia se aplaza y la estabilidad se compra. Esto no es cinismo, sino sociología del poder. Amenazar a los actores con su destrucción total suele generar la máxima resistencia. Ofrecerles salidas reduce la violencia, aunque sea al precio de una injusticia evidente. Las transiciones exitosas suelen ser injustas. La alternativa suele ser peor. Una oposición apoyada desde el exterior puede conquistar el poder con rapidez. Lo que no puede importar es la autoridad simbólica. La legitimidad no se transfiere. Surge de la fricción interna, del conflicto con el régimen y, a menudo, también del conflicto con las expectativas externas. Un liderazgo percibido como impuesto comienza lastrado, incluso cuando la persona sea moralmente admirable. El problema no es la persona. Es el relato. En sociedades profundamente dañadas, la sospecha de tutela externa socava cualquier proyecto antes incluso de que comience. **Economía del colapso y la reconstrucción** Entre 2013 y 2020, la economía venezolana se contrajo en torno a un 75 por ciento. Un colapso comparable al de países devastados por guerras totales, y ello sin un conflicto armado convencional. El problema nunca fue el petróleo. Fue su gestión política. Cuando las rentas se utilizan para comprar lealtades en lugar de reinvertirse, cuando los controles de precios destruyen los mercados y los déficits se financian mediante emisión monetaria, el colapso no es una posibilidad, sino una certeza. La reconstrucción exige capital, tecnología, reglas estables y derechos de propiedad protegidos. Sin inversión privada, sin disciplina institucional y sin previsibilidad, cualquier transición política se convierte en pura retórica. No existe una democracia funcional sin una economía funcional. Y no existe una economía funcional sin instituciones que recompensen la producción y sancionen el expolio. **Ningún final feliz rápido** Nadie liberará a Venezuela desde fuera. Un régimen que debe su origen a la violencia externa arrastra ese estigma desde el principio. Sus adversarios lo perciben como un cuerpo extraño; sus partidarios, como un deudor. Y cada crisis se convierte en un recordatorio de su procedencia. Lo ocurrido no es un final, sino apenas un conjunto limitado de posibilidades. Aprovecharlas exige algo más que entusiasmo: reconstruir incentivos, desmontar los aparatos de poder y aceptar injusticias temporales. Venezuela no necesita un final feliz inmediato, sino un nuevo y difícil comienzo. La libertad no llega ni con tanques ni con discursos. Surge allí donde las instituciones la favorecen, donde los incentivos dejan de premiar lealtades mafiosas y donde el pasado pierde su protección mítica. *Este texto es una daptación ensayística de [una conversación](https://www.youtube.com/watch?v=S2dM%5FdKAivM&ref=schweizermonat.ch) entre Juan Ramón Rallo y Miguel Anxo Bastos.* ### Venezuela nach Maduro: Das Ende eines Tyrannen ist noch nicht der Beginn der Freiheit URL: https://www.schweizermonat.ch/venezuela-nach-maduro-das-ende-eines-tyrannen-ist-noch-nicht-der-beginn-der-freiheit/ Last updated: 2026-01-06T13:47:05.000Z Lea [aquí](https://www.schweizermonat.ch/venezuela-tras-maduro-el-fin-de-un-tirano-aun-no-es-el-comienzo-de-la-libertad/) la versión española. Am vergangenen Wochenende ist Venezuela Schauplatz eines Ereignisses geworden, das vielerorts als historischer Wendepunkt gefeiert wird. Der Sturz von Präsident Nicolás Maduro löste euphorische Stellungnahmen und spontane Feiern aus – begleitet von der verbreiteten Annahme, der Fall des Mannes bedeute den Fall des Regimes. Dieser Reflex ist verständlich nach Jahren der Verwüstung. Doch er beruht auf einem oft begangenen Irrtum: das Ereignis mit dem Wandel zu verwechseln, das Symbol mit der Struktur. Der Sturz eines Mannes ist kein Übergang. Ihn als solchen zu feiern, ist der schnellste Weg, seine Wiederholung vorzubereiten. Historische Bedeutung zu erkennen heisst, von Beginn an zwischen Ereignis und Wandel zu unterscheiden. ## Das Geflecht der Macht Autoritäre Regime neigen zur Personalisierung. Das Narrativ des Regimes fokussiert auf den Anführer. Doch die wirkliche Macht liegt selten bei einer einzelnen Figur. Sie lebt in Netzwerken aus Anreizen, Bürokratien, Abhängigkeiten und legitimierenden Mythen, die ihre Träger überdauern. > «Autoritäre Regime neigen zur Personalisierung. Doch die wirkliche Macht liegt selten bei einer einzelnen Figur.» Venezuela wurde nicht von einem Mann regiert, sondern von einem Geflecht aus Streitkräften, Gerichten, Staatsunternehmen und externen Allianzen. Den Kopf zu entfernen, tötet den Körper nicht; es zwingt ihn nur, einen neuen Kopf zu suchen. Jede politische Intervention erzeugt unbeabsichtigte Folgen. Dieses in der Ökonomie wohlbekannte Prinzip wirkt auf geopolitischer Ebene besonders scharf. Gewalt ist die radikalste Form der Intervention; zu glauben, ihre Effekte liessen sich chirurgisch begrenzen, ist kein Optimismus, sondern Naivität. Externe Aktionen verschieben lokale Gleichgewichte, ordnen Anreize neu, erzeugen Rückkopplungen, stärken unerwartete Akteure und delegitimieren Prozesse, die sich andernfalls intern hätten entfalten können – nicht weil jede Intervention scheitert, sondern weil keine von ihnen sämtliche Variablen kontrollieren kann. Das Dilemma lautet nicht «etwas tun» versus «nichts tun». Das eigentliche Dilemma besteht darin, welche Dynamiken aktiviert werden, wenn Wandel nicht mehr von innen kommt, sondern von aussen aufgezwungen wird. Und wer den Preis zahlt, wenn diese Dynamiken zu unvorhergesehenen Ergebnissen führen. Ein von aussen erzwungener Wandel erzeugt zudem ein strukturelles Moral-Hazard-Problem: Er signalisiert Gesellschaften, dass Freiheit nicht erkämpft, sondern geliefert wird. Wo diese Erwartung entsteht, verkümmert die interne Verantwortung, und mit ihr die Fähigkeit, sich dauerhaft selbst zu regieren. Moralische Legitimität, politische Legitimität und institutionelle Tragfähigkeit fallen nicht zusammen. In der heutigen Welt existiert kein einklagbares Recht auf Intervention, sondern vor allem die Fähigkeit dazu und das Interesse daran. Dass etwas durchgesetzt werden kann, verleiht ihm weder moralische noch institutionelle Legitimität – es beschreibt lediglich ein Machtverhältnis. > «Moralische Legitimität, politische Legitimität und institutionelle Tragfähigkeit fallen nicht zusammen. In der heutigen Welt existiert kein einklagbares Recht auf Intervention, sondern vor allem die Fähigkeit dazu und das Interesse daran. Dass etwas durchgesetzt werden kann, verleiht ihm weder moralische noch institutionelle Legitimität – es beschreibt lediglich ein Machtverhältnis.» ## Verkleidete Kontinuität Historische Übergänge sind selten reinigend. Sie sind ausgehandelt, unvollständig und moralisch frustrierend: Eliten schliessen Pakte, Apparate bleiben, Gerechtigkeit wird vertagt und Stabilität erkauft. Das ist kein Zynismus, sondern Machtsoziologie. Akteure mit totaler Vernichtung zu bedrohen, erzeugt meist maximalen Widerstand. Ihnen Auswege zu bieten, senkt die Gewalt, wenn auch um den Preis offenkundiger Ungerechtigkeit. Erfolgreiche Übergänge sind oft ungerecht. Die Alternative ist häufig schlimmer. Eine von aussen gestützte Opposition kann rasch Macht gewinnen. Was sie nicht importieren kann, ist symbolische Autorität. Legitimität lässt sich nicht übertragen. Sie entsteht unter interner Reibung, im Konflikt mit dem Regime und häufig auch im Konflikt mit externen Erwartungen. Führung, die als aufgezwungen wahrgenommen wird, startet belastet, selbst wenn die Person moralisch bewundernswert ist. Das Problem ist nicht die Person. Es ist die Erzählung. In tief geschädigten Gesellschaften untergräbt der Verdacht externer Vormundschaft jedes Projekt, noch bevor es beginnt. ## Ökonomie des Kollapses und Wiederaufbaus Zwischen 2013 und 2020 schrumpfte die venezolanische Wirtschaft um rund 75 Prozent. Ein Einbruch vergleichbar mit dem von durch totale Kriege verwüsteten Ländern. Und das ohne einen konventionellen bewaffneten Konflikt. Das Problem war nie das Öl. Es war seine politische Bewirtschaftung. Wenn Renten zur Loyalitätsbeschaffung statt zur Reinvestition dienen, wenn Preise durch Kontrollen zerstört und Defizite durch Geldschöpfung finanziert werden, ist der Kollaps keine Möglichkeit, sondern eine Gewissheit. Der Wiederaufbau erfordert Kapital, Technologie, stabile Regeln und geschütztes Eigentum. Ohne private Investitionen, ohne institutionelle Disziplin und ohne Vorhersehbarkeit verkommt jeder politische Übergang zur leeren Rhetorik. Es gibt keine funktionsfähige Demokratie ohne funktionsfähige Wirtschaft. Und keine funktionsfähige Wirtschaft ohne Institutionen, die Produktion belohnen und Raub sanktionieren. ## Kein schnelles Happy End Niemand wird Venezuela von aussen befreien. Ein Regime, das seine Entstehung externer Gewalt verdankt, trägt diesen Makel von Beginn an. Seine Gegner sehen in ihm einen Fremdkörper, seine Anhänger einen Schuldner – und jede Krise wird zur Erinnerung an seine Herkunft. Das Geschehene ist kein Ende, sondern bietet lediglich begrenzte Möglichkeiten. Sie zu nutzen erfordert mehr als Enthusiasmus: Anreize neu aufbauen, Machtapparate demontieren und temporäre Ungerechtigkeiten akzeptieren. Venezuela braucht kein schnelles Happy End, sondern einen schwierigen Neubeginn. Freiheit kommt weder mit Panzern noch mit Reden. Sie entsteht dort, wo Institutionen sie begünstigen, Anreize nicht länger mafiöse Loyalität belohnen und die Vergangenheit ihren mythischen Schutz verliert. *Dieser Text ist eine essayistische Adaption [einer Unterhaltung](https://www.youtube.com/watch?v=S2dM%5FdKAivM&ref=schweizermonat.ch) zwischen Juan Ramón Rallo und Miguel Anxo Bastos.* ### Das neue Jahr mit dem Schweizer Monat URL: https://www.schweizermonat.ch/das-neue-jahr-mit-dem-schweizer-monat/ Last updated: 2026-01-06T10:20:41.000Z _No content available._ ### Stahl, der die Welt ordnete URL: https://www.schweizermonat.ch/stahl-der-die-welt-ordnete/ Last updated: 2025-12-19T14:04:07.000Z Disruption gilt heute oft als der dominante Mythos unserer Zeit. Tatsächlich jedoch wurde die Welt, in der wir leben, nicht von Disruptoren gebaut, sondern von Menschen, die Materialien verstanden. Edelstahl ist eines davon. In *Franke. Pioniere des Edelstahls* erzählt der Wirtschaftshistoriker **Helmut Stalder** die Geschichte eines Unternehmens, das nicht mit visionären Parolen wuchs, sondern an der Werkbank. 1911 in Rorschach als kleine Blechwerkstatt gegründet, verwandelte Franke schrittweise einen widerspenstigen Werkstoff in ein industrielles System, hygienisch, langlebig, skalierbar und leise transformierend. Ein entscheidender Schritt erfolgte in der Zwischenkriegszeit, als Franke von traditionellen Metallen auf Edelstahl umstellte, damals noch ein anspruchsvolles und kostspieliges Material. Die Entwicklung vollständig geschweisster, fugenloser Edelstahlspülen Ende der 1930er Jahre markierte einen technologischen Durchbruch. Weniger Verbindungen bedeuteten weniger Keime und setzten neue Hygienestandards zu einer Zeit, als die moderne Küche erst im Entstehen begriffen war. Nach dem Tod des Firmengründers Hermann Franke im Jahr 1939 führte sein Sohn Walter das Unternehmen durch die Kriegsjahre in den Wiederaufbau nach dem Krieg. Statt einer schnellen Expansion nachzujagen, vertiefte Franke seine Materialkompetenz und erweiterte seine Systemlogik, von einzelnen Komponenten hin zu integrierten Küchen- und Foodservice-Lösungen. Die Internationalisierung folgte nicht als Sprung ins Ungewisse, sondern als Konsequenz von Vision und industrieller Zuverlässigkeit. Dies ist weder ein heroischer Gründermythos noch eine Managerhagiografie. Stalder zeigt, wie langfristiger Erfolg entsteht, wenn Ingenieurskultur, die Werte eines Familienunternehmens und Geduld zusammenspielen. Wachstum entsteht dann kumulativ über Generationen. Gerade deshalb wirkt diese Geschichte heute erstaunlich aktuell. Während sich digitale Geschäftsmodelle immer weiter von der physischen Welt entfernen, erinnert Franke daran, dass Wohlstand weiterhin dort entsteht, wo Restriktionen gemeistert, Komplexität organisiert und Verantwortung als langfristige Tugend übernommen wird. Ein Buch über Edelstahl, das über das Erschaffen von Wohlstand mehr sagt als viele kapitalistischen Manifeste. (A.B) ### An Weihnachten ist Verzicht eine Sünde URL: https://www.schweizermonat.ch/an-weihnachten-ist-verzicht-eine-suende/ Last updated: 2025-12-19T13:47:40.000Z Heute ist es Mode, den eigenen Wohlstand kleinzureden und eine gewisse Anspruchslosigkeit an den Tag zu legen. Manchmal geschieht dies aufgrund eines schlechten Gewissens, weil man vielleicht ohne Eigenleistung viel geerbt hat oder weil man allein durch gute Beziehungen eine hohe Position bekommt. Und manchmal liegt es daran, dass man sowieso ein knausriger Mensch ist. Dann verkauft man seine Knausrigkeit gern als Widerstand gegen den Konsumismus, als Absage an den bösen Kommerz. Besonders während der Weihnachtstage will man beweisen, dass man nicht zum Überfluss neigt. Zumindest dem Anschein nach braucht man «eigentlich nichts», schliesslich kann man es sich leisten, nicht aufs Geld zu schauen. Oder man praktiziert aus echter Überzeugung einen neuen, puritanischen Verzicht, der einem ein überlegenes Gefühl gibt. Dieses Überlegenheitsgefühl wirkt besonders an den Weihnachtstagen, wenn man zu den Vorbildlichen gehört, die nicht viel verlangen und noch weniger geben. Einerseits ist das Ganze scheinheilig, denn unter dem Jahr geniesst man weiterhin die teuren Kleider, die noblen Autos und Urlaubsorte. Andererseits verleugnet es die Tugend der Grosszügigkeit. Mit sich selber mag man ja bescheiden sein, das bildet den Charakter. Wer im Verzicht geübt ist, findet besser zu einem reifen Leben in Selbstverantwortung. Aber gegenüber dem Umfeld, der Familie, dem Bekanntenkreis? Da sollte man grosszügig sein. Grosszügig mit seiner Zeit. Grosszügig mit seinen Gefühlen, mit seinem Interesse am Gegenüber, mit seiner Offenheit. Und grosszügig mit Geschenken. **Wunder der Grosszügigkeit** Die Weihnachtsgeschichte macht es vor. Mit der Alltagsvernunft ist diese Geschichte kaum zu fassen: der Sohn Gottes, Schöpfer des Alls, kommt in einem Stall irgendwo in der Provinz zur Welt, geboren von einer Jungfrau, mitgetragen von einem Esel und einem Mann, der seiner Frau glaubt, dass sie nicht von einem anderen Mann schwanger wurde, sondern vom Heiligen Geist. Diese Geschichte lässt sich als Wunder der Grosszügigkeit lesen. Das Vertrauen Josefs in die Treue und Wahrhaftigkeit seiner Frau ist so gross, dass er alles für sie und das Kind tut. Maria auf der anderen Seite ist so grosszügig, dass sie dem Heiligen Geist ihren Körper zur Verfügung stellt, um schwanger zu werden und unter grossen Risiken ein Kind auszutragen. Und schliesslich ist Gott selber grosszügig, wenn er sich einem Menschenpaar anvertraut, um durch sie seinen Sohn in die Welt kommen zu lassen – wohlwissend, wie zerrissen und gestört diese Menschheit doch ist. Trotzdem schenkt Gott nicht nur sein Vertrauen, sondern sprichwörtlich sich selbst. So reich beschenkt die Menschheit in dieser Weihnachtsgeschichte wird, so reich können sich Menschen gegenseitig beschenken. Weihnachten kann verstanden werden als Sternstunde des Beschenktwerdens. Deshalb ist es an diesem Tag sogar eine grosse Sünde, knausrig zu sein. Um dieser Sünde zu entgehen, sollte man jeden Geiz und jeden antikommerziellen oder genussfeindlichen Reflex ablegen. Man sollte essen, trinken und schenken! Man sollte zusammen die Beziehungen feiern, das Wunder des Lebens und der Liebe. ### Staatsausgaben zum Frühstück URL: https://www.schweizermonat.ch/staatsausgaben-zum-fruehstueck/ Last updated: 2025-12-23T16:03:43.000Z Wenn Sparen eine Tugend ist, ist das Bundeshaus ein Sündenpfuhl. Diese Woche hat die Debatte im Ständerat über das «Entlastungspaket 27» begonnen. Von den mindestens 3 Milliarden Franken pro Jahr, um die der Bundesrat die Ausgaben ursprünglich senken wollte, sind nach der vorbereitenden Kommission noch 1,8 Milliarden übriggeblieben, und die «Einsparungen» dürften weiter zusammenschrumpfen. Wirklich gespart wird natürlich nichts, es wird lediglich das Ausgabenwachstum leicht gebremst. Und selbst mit dem ursprünglichen Entlastungspaket würden die Ausgaben schneller wachsen als die Wirtschaftsleistung. An diese Tatsache erinnerte [Christoph Schaltegger](https://www.schweizermonat.ch/author/christoph-a-schaltegger/) am Mittwoch an einem Vortrag in Luzern mit dem etwas provokativen Titel «Lappi tue d’Augen uf». Der Ökonomieprofessor und Direktor des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) mahnte: Die verbreitete Vorstellung, die Schweiz sei finanzpolitisch eine Musterschülerin, stimmt je länger je weniger. Der Schweizer Staat ist deutlich grösser, als die offiziellen Zahlen suggerieren, und seine finanzielle Lage ist deutlich weniger rosig, als die nonchalante Behandlung des Entlastungspakets durch das Parlament vermuten lässt. Zwar hat die Einführung der Schuldenbremse den Schuldenstand des Bundes stabilisiert. Doch zum einen blendet dieses Bild den Gesamtkonstrukt Staat aus und insbesondere die Sozialwerke (etwa die ungedeckten Rentenversprechen der AHV). Rechne man sie hinzu, «dann sind wir bei etwa 300 bis 350 Prozent impliziter Staatsverschuldung», so Schaltegger. Zum anderen profitierte die Schweiz finanzpolitisch auch von günstigen äusseren Umständen. Namentlich bescherte die hohe Immigration der vergangenen Jahre dem Bund ausserordentliche zusätzliche Steuereinnahmen. Die Ausgaben stiegen aber noch stärker. Mit anderen Worten: «Der Bund hat die Zuwanderungsrente bereits mehr als verfrühstückt», kritisierte Schaltegger. Sein Fazit: Der Schweizer Staat lebt (oder wächst zumindest) über seinen Verhältnissen, also über dem, was die Wirtschaft hergibt. Doch Schaltegger packte in seine vorweihnachtliche Rede auch eine frohe Botschaft: Korrekturen sind möglich – und das sogar relativ schmerzlos. Er verwies als Beispiel auf die hohen Löhne beim Bund. Die «Lohnprämie» der Staatsangestellten gegenüber vergleichbaren Arbeitnehmern in der Privatwirtschaft liegt gemäss Auswertungen des IWP bei fast 12 Prozent und damit deutlich höher als in anderen Industrieländern. Auch bei der Regulierung ortet Schaltegger Potenzial für tiefere Kosten. Ab den 1970er Jahren sei die Schweiz von einem regelrechten «Regulierungs-Tsunami» erfasst worden, insbesondere in Form einer stark steigenden Zahl von Verordnungen. Er empfahl daher den «Sturzenegger-Ansatz», benannt nach dem argentinischen Deregulierungsminister [Federico Sturzenegger](https://www.schweizermonat.ch/ich-will-nicht-die-welt-retten-ich-will-meine-familie-retten/): Alle Gesetze anschauen und sich fragen: Braucht es dieses Gesetz? (Lukas Leuzinger) ### «Journalisten sind oft abgehoben und weit weg von der Realität der Privatwirtschaft.» URL: https://www.schweizermonat.ch/journalisten-sind-oft-abgehoben-und-weit-weg-von-der-realitaet-der-privatwirtschaft/ Last updated: 2026-08-06T15:03:06.000Z _No content available._ ### Vor dreissig Jahren rüttelte ein «Weissbuch» die Schweiz auf – sie hätte es heute wieder nötig URL: https://www.schweizermonat.ch/vor-dreissig-jahren-ruettelte-ein-weissbuch-die-schweiz-auf-sie-haette-es-heute-wieder-noetig/ Last updated: 2025-12-17T12:24:14.000Z Vor dreissig Jahren, im Dezember 1995, erschien ein «Weissbuch», das die Schweiz nachhaltig prägte. Unter dem Titel «Mut zum Aufbruch*»* warnten der Neuenburger Ex-Diplomat und Wirtschaftsführer David de Pury zusammen mit Professoren und Vertretern der Wirtschaft vor einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und der Gefahr eines Abstiegs. Sie betonten wiederholt, dass «nur eine wirtschaftlich prosperierende Schweiz eine soziale Schweiz sein kann». Um dieses Ziel zu erreichen, empfahlen sie grundlegende Reformen. Dazu gehörten insbesondere die Privatisierung der Post und Telekommunikation sowie deren Öffnung für den Wettbewerb und die Einführung von Mechanismen, die den unkontrollierten Anstieg der öffentlichen Ausgaben bremsen. «Mut zum Aufbruch» erschien wenige Monate nach den eidgenössischen Wahlen von 1995 mit dem erklärten Ziel, die Agenda der neuen Legislaturperiode zu beeinflussen – und wurde für ein Werk dieser Art zu einem unerwarteten Erfolg. Allein in der Deutschschweiz wurden 34 000 Exemplare verkauft. Die Reaktionen fielen heftig aus. Rückblickend überrascht dies, zumal viele der damals vorgeschlagenen Reformen heute banal erscheinen. Dabei darf jedoch der damalige Kontext nicht vergessen werden; diese Vorschläge wurden von Teilen der Bevölkerung als revolutionär empfunden. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung befand sich die Schweiz an einem Scheideweg. Politisch wirkten die heftigen Debatten um den 1992 vom Stimmvolk abgelehnten Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum nach. Die politische Landschaft war im Umbruch, während jene Kräfte an Einfluss gewannen, die einer politischen Annäherung an Europa skeptisch gegenüberstanden. Zugleich gaben die Bundesfinanzen und die wachsende Verschuldung des Landes Anlass zur Sorge. Auch wirtschaftlich war die Lage mit einem verlangsamten Wachstum wenig erfreulich. ## «Die Schweiz passt sich nicht an» Diese Faktoren erinnern an die heutige Situation. Politisch wie wirtschaftlich ist das Land gespalten – insbesondere in der Frage der Annäherung an die Europäische Union und darüber, ob es sinnvoll ist, in bestimmten Bereichen deren Recht «dynamisch» zu übernehmen. Zugleich kämpft unsere Wirtschaft mit starken Turbulenzen als Folge einer globalen Renaissance des Protektionismus, die exportorientierte Länder wie die Schweiz besonders hart trifft. Hinzu kommt, dass die Schweiz Schwierigkeiten hat, Reformen durchzuführen. Und die wenigen, die sie umsetzt, beeinträchtigen ihre Wettbewerbsfähigkeit. Innerhalb von zwanzig Jahren hat sie das Bankgeheimnis aufgegeben, die Mindestbesteuerung der OECD akzeptiert und die öffentlichen Ausgaben stetig ausgeweitet. Die Annahme der 13\. AHV-Rente ist lediglich das jüngste Beispiel dieser Entwicklung. Die Folge: Die Schweiz verliert im World Competitiveness Ranking des International Institute for Management Development (IMD), wo sie über Jahre hinweg zur Weltspitze zählte, an Boden. Laut den Experten des IMD sind wir «extrem selbstgefällig gegenüber unserem Wirtschaftsmodell», während «sich die Welt extrem schnell verändert und die Schweiz sich nicht anpasst». > «Die Schweiz Schwierigkeiten hat, Reformen durchzuführen. Und die wenigen, die sie umsetzt, beeinträchtigen ihre Wettbewerbsfähigkeit.» Eigentlich müsste sich die Schweiz auf Reformen konzentrieren, die ihre Produktivität steigern – den einzigen Faktor, der letztlich die Finanzierung aller öffentlichen Leistungen ermöglicht. Doch diesem Thema wird bislang kaum Beachtung geschenkt. Wir sollten uns intensiv damit auseinanderzusetzen, wie wir einen Rückfall verhindern und das Humankapital sowie die Infrastruktur verbessern, ein tragfähiges institutionelles Umfeld sichern und uns neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten öffnen. Stattdessen beschäftigt sich die Schweiz mit der Frage, wie sie den Anstieg der öffentlichen Ausgaben leicht bremsen und mit welchen neuen Steuern sie die Explosion der Ausgaben noch einige Jahre lang kaschieren kann. Es ist höchste Zeit für ein neues «Weissbuch». Wir sollten den Mut zu einem Neuanfang haben! *Dieser Beitrag erschien zuerst auf Französisch bei* [«Le Temps»](https://www.letemps.ch/opinions/chroniques/la-suisse-face-a-l-urgence-d-un-nouveau-depart?ref=schweizermonat.ch)*.* ### Die Auferstehung der Schweizer Uhrenindustrie – eine kapitalistische Weihnachtsgeschichte URL: https://www.schweizermonat.ch/die-auferstehung-der-schweizer-uhrenindustrie-eine-kapitalistische-weihnachtsgeschichte/ Last updated: 2026-02-20T23:34:59.000Z *Der vorliegende Text ist zuerst auf Englisch auf der Plattform* [*Works in Progress*](https://www.worksinprogress.news/p/why-we-still-have-mechanical-watches?ref=schweizermonat.ch) *erschienen.* Es ist April 1984\. Zwei Männer schlafen auf einem Parkplatz in Basel. Jeden Morgen verlassen sie ihren geliehenen VW Westfalia und waschen sich in den Bahnhofstoiletten. Danach gehen sie zu ihrem neuen Stand an der Basler Uhrenmesse, dem Höhepunkt im Jahreskalender der Branche. Ihr Stand ist ungewöhnlich: Sämtliche Vitrinen sind leer. Mit nur zwei Modellen im Gepäck zeigt man am besten gar nichts. Stattdessen konzentrieren sich die beiden darauf, die grossen und einflussreichen Köpfe der Schweizer Uhrenwelt anzusprechen. Wenn jemand nach ihrer Unterkunft fragt, antworten sie: im Hilton. Die beiden sind Jacques Piguet, der Spross einer Uhrmacherfamilie, und Jean-Claude Biver, ein frustrierter Ex-Manager von Omega. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/12/photo-shane-lin-vintage-omega-speedmaster-pre-moon-wikimedia-commons-cc-by-sa-2-0-1-e1765968814571.jpg) Photo, Shane Lin, Vintage Omega Speedmaster “Pre-moon”, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 Ihr Plan: Blancpain wiederbeleben, eine Marke, die sie 1981 erworben, aber noch nicht wieder zum Leben erweckt hatten. Ein kühnes Vorhaben, denn die Schweizer Uhrenindustrie befindet sich im freien Fall, aus dem Gleichgewicht gebracht durch eine neue Technologie, die Quarzuhr, welche die traditionellen Schweizer Uhrmacher an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt hat. Japanische Fabriken spucken Uhren aus, die schneller, billiger und präziser sind, als es die Schweizer Mechanik je sein könnte. Mehr als die Hälfte der Schweizer Uhrenfirmen verschwindet. Zwei Drittel aller Arbeitsplätze gehen verloren. Doch die Schweizer Uhrmacherei ist noch nicht tot, und eine Handvoll Menschen steht kurz davor, sie vor der Bedeutungslosigkeit zu retten. ## Von der Stadt in die jurassischen Berge Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherei beginnt in Genf in den 1540er-Jahren. Auf Geheiss von Jean Calvin verhängte die Stadt ein Verbot für Schmuck, dessen Herstellung die Genfer Kunsthandwerker bislang ernährt hatte. Ein Schlupfloch jedoch blieb bewusst offen: Zeitmesser, diese ausgesprochen praktischen und protestantischen Geräte, durften weiterhin getragen werden. Ihrer alten Absatzmärkte beraubt, sattelten die Handwerker um, unterstützt von aus Frankreich und Italien geflohenen Glaubensflüchtlingen. Trotz Calvins strenger Vorschriften blieben Uhren zunächst eher Kuriositäten als Notwendigkeiten. Als der Mathematiker und Astrologe Thomas Allen um 1600 seinen Freund Sir John Scudamore besuchte und seine Uhr mitnahm, hielt eine Magd das Ticken für das Werk des Teufels und warf sie kurzerhand aus dem Fenster. Zeit wurde damals noch in einer Mischform gemessen: Einträge wie «ein Uhr» in Tagebüchern standen neben Hinweisen auf die erste Gebetsstunde nach Tagesanbruch oder auf das Abendgebet. Nur wenige besassen Uhren; die meisten orientierten sich an öffentlichen Turmuhren oder Sonnenuhren, wobei jede Stadt hartnäckig ihre eigene Sonnenzeit beibehielt. Präzise Zeitmessung war nur für die wichtigsten Momente reserviert, allen voran Geburt und Tod. Für alles andere genügten Zeitangaben mit der Präzision von einem halben Tag, vielleicht einem Viertel, wenn man es genau nehmen wollte. Zu Beginn des 18\. Jahrhunderts änderte sich etwas Grundlegendes: Industrialisierung und Navigation verlangten nach deutlich höherer Genauigkeit. Unterstützt durch die Erfindung der Pendeluhr durch den Niederländer Christiaan Huygens im Jahr 1656, wanderten Uhren von Kirchtürmen an die Wohnzimmertüren: Zwischen 1740 und 1780 verzeichnen Nachlassregister in Bristol mehr Uhren als Spiegel. Als Uhren klein und zuverlässig genug wurden, um sie mit sich zu tragen, entstanden florierende Werkstätten in London, Paris und Amsterdam. Die Nachfrage überstieg rasch die Kapazitäten, sodass viele Uhrmacher auf ein bewährtes Geschäftsmodell zurückgriffen: Auslagerung der Produktion. Genf wurde zum grossen Profiteur. Um 1760 beschäftigte die Stadt rund 800 Meister mit etwa 4000 Arbeitern und stellte jährlich rund 85 000 Zeitmesser her. Auf den ersten Blick war Genfs Uhrenboom ein Triumph. Doch in den Werkstätten kamen die Handwerker kaum nach mit der Produktion. Die Lösung fanden sie ausserhalb der Stadtmauern, an einem unerwarteten Ort: in den abgelegenen Bergdörfern des Juras, wo lange Winter und günstige Arbeitskräfte ideale Bedingungen boten. Dort arbeiteten die Handwerker länger, verdienten weniger und machten die Uhrmacherei zur Familientradition, welche die Genfer Produktion bald übertraf. Der französische Uhrmacher Frédéric Japy führte eine Reihe spezialisierter Werkzeuge ein – von Hohlspindeldrehbänken über mehr­rädige Zahnradfräsmaschinen bis zu besonderen Stanzpressen (ein Verkaufsargument war, dass Kinder sie problemlos bedienen konnten) – und ebnete damit den Weg für echte Massenproduktion in der Region um Le Locle, La Chaux-de-Fonds und Neuenburg. Das wachsende Angebot traf im 19\. Jahrhundert auf eine ebenso wachsende Nachfrage, vor allem aufgrund der Standardisierung der Zeit. 1847 empfahl die britische Railway Clearing House, alle Bahnhöfe auf London Time zu synchronisieren, gestützt auf das Observatorium in Greenwich. In den 1870er-Jahren folgten kommerzielle Zeitzonen und ebneten den Weg für die weltweite Anerkennung (mit Ausnahme Frankreichs) der Greenwich Mean Time als Nullmeridian im Jahr 1884. Mit dem Aufkommen günstigerer Uhren, insbesondere durch amerikanische Hersteller wie Ingersoll, der 1895 die erste Dollar-Uhr auf den Markt brachte, verbreitete sich der Besitz. Gemäss dem Historiker Alun Davies importierte Grossbritannien zwischen 1909 und 1913 rund 17 Millionen Uhren – fast eine pro erwachsenen Mann. ## 32 768 Schwingungen pro Sekunde Die Schweizer waren die ersten und grössten Gewinner des neuen Zeitalters der Zeitmessung. Um 1870 beherrschten sie bereits mehr als zwei Drittel der weltweiten Uhrenproduktion. Ab 1907 gewannen Schweizer Uhren jedes Jahr den ersten Preis in der Taschenuhrenkategorie der britischen Chronometerwettbewerbe in Kew. Diese Erfolge beruhten auf fortschrittlichen Hemmungen, feinerer Finissierung und Guillaume-Unruhen, denen Temperaturschwankungen nichts anhaben können. Wenige Jahrzehnte später, 1945, stammten über 80 Prozent aller weltweit verkauften Uhren aus der Schweiz. Doch just in dem Moment, als die Schweizer Uhrmacherei ihren Höhepunkt erreichte, kündigte sich eine Konkurrenztechnologie an: die Quarzuhr, erstmals 1927 durch eine raumgrosse Kristalluhr bei Bell Labs vorgeführt und später von Seiko im Forschungszentrum im japanischen Suwa verfeinert, miniaturisiert und perfektioniert. Eine mechanische Uhr funktioniert mit einem straff gewickelten Metallband, der Zugfeder. Beim Entspannen treibt sie eine Reihe präzise geschnittener Zahnräder an, die ihre Energie an ein kleines mechanisches Herz weitergeben: das Hemmwerk. Dieses überträgt die Kraft auf eine Unruh, die mit konstanter Frequenz schwingt und mit jedem Ausschlag ein Zahnrad freigibt. Dadurch wird die ungleichmässige Kraft der Zugfeder in gleichmässige, stabile Takte verwandelt. Dieses komplexe System hat sich über Jahrhunderte entwickelt, doch im Kern beruht es darauf, dass winzige physische Objekte gegen andere physische Objekte stossen. Daran hat sich seit den ersten mechanischen Uhren des 14\. Jahrhunderts in Kathedralen wie St. Albans, Norwich, Salisbury oder Wells wenig geändert. 1880 jedoch machten die Physiker Pierre und Jacques Curie eine bemerkenswerte Entdeckung: Leitet man elektrische Spannung auf bestimmte Kristalle, insbesondere Quarz, beginnen sie mit äusserst präziser Frequenz zu schwingen. Sie nannten dies den piezoelektrischen Effekt. In einer Quarzuhr sitzt in jedem Werk ein solcher piezoelektrischer Kristall, exakt geschliffen, um bei einer fest definierten Frequenz zu oszillieren. Moderne Quarzkristalle schwingen genau 32 768-mal pro Sekunde. Der Kristall wird zwischen zwei Elektroden montiert und in einem schützenden Gehäuse versiegelt. Eine Batterie leitet elektrischen Strom durch den Kristall und löst den piezoelektrischen Effekt aus. Die Elektroden erfassen die Schwingungen und leiten sie an einen integrierten Schaltkreis weiter. Fünfzehn elektronische Teiler halbieren die Frequenz Schritt für Schritt: Aus 32 768 werden 16 384, dann 8192, 4096 und so weiter, bis ein einziges Taktsignal pro Sekunde übrigbleibt. Dieses Signal wird von einem Schrittmotor empfangen, und das Display deiner Casio F-91W springt um eine Sekunde weiter. Millionen von Rechenoperationen laufen in Sekundenbruchteilen ab. Deshalb weichen Quarzuhren pro Monat nur wenige Sekunden ab, während selbst die besten mechanischen Luxusuhren täglich einige Sekunden verlieren. Gleichzeitig ist das Werk massenproduzierbar und kostet im Grosshandel kaum mehr als einen Dollar. Die Preise von PC21-Quarzwerken beginnen bei etwa 60 Cent pro Stück. ## So teuer wie ein Toyota Corolla Als Seiko 1969 die Astron vorstellte, die erste seriengefertigte Quarzarmbanduhr, war eine solche Präzision noch exotisch und atemberaubend teuer. Die Uhr war das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung. Zuerst kamen marine Chronometer, dann komplexe Mehrinstrumentensysteme. Doch der eigentliche Durchbruch war eine Quarzarmbanduhr. Die Schweizer hatten in den 1960er-Jahren ein industrielles Labor in Neuenburg eingerichtet, um die Technologie zu erforschen, verfolgten sie jedoch bei weitem nicht so beharrlich wie Seiko. Obwohl die Astron hundertmal präziser war als jede andere Uhr ihrer Zeit, kostete sie 1250 Dollar (was heute knapp 11 000 Dollar entspräche). Damit lag ihr Preis ungefähr auf dem Niveau des ersten Toyota Corolla, der drei Jahre zuvor eingeführt worden war. Was Seiko jedoch abheben sollte, war die Geschwindigkeit, mit der das Unternehmen in den folgenden Jahren innovierte. In den 1970er-Jahren reduzierte Seiko den Energiebedarf drastisch, von rund 30 Mikrowatt der Astron auf etwa 3 Mikrowatt, dank energiesparender Schaltungen und effizienteren Kristallen. Das Unternehmen führte LCD-Anzeigen ein, verringerte die Dicke des Uhrwerks von über fünf Millimetern auf weniger als einen und konnte aufgrund dieser Fortschritte die Verkaufspreise auf zwei bis drei Prozent des Astron-Preises senken. Gleichzeitig packten die Entwickler alles an Funktionalität in die Uhren, was möglich war: Kalender, Stoppuhren, mehrere Alarme und Taschenrechner. Die ersten beiden Funktionen sind in mechanischen Uhren schwer umzusetzen, die letzteren beiden nahezu unmöglich. Für die Schweiz kam es noch schlimmer: Seiko lizenzierte seine wichtigsten Quarzpatente an andere Hersteller. Ein strategischer Zug, der globale Standards setzen, die Verbreitung beschleunigen und Seikos Vorsprung zementieren sollte. Das Ergebnis war eine Flut japanischer Konkurrenten, insbesondere Citizen und Casio, die beide 1974 ihre ersten Quarzuhren einführten. Begünstigt durch extrem vorteilhafte Wechselkurse verdreifachte sich die japanische Uhrenproduktion: von knapp 24 Millionen Stück im Jahr 1970 auf fast 90 Millionen am Ende des Jahrzehnts. 1977 war Seiko das umsatzstärkste Uhrenunternehmen der Welt. 1980 hatte Japan die Schweiz als grössten Uhrenproduzenten überholt. Zwischen 1974 und 1983 brach die Schweizer Produktion von 96 auf 45 Millionen Stück ein, während die Beschäftigung kollabierte: von 89 000 Arbeitsplätzen 1970 auf nur noch 33 000 im Jahr 1985. Selbst die überzeugtesten Bewunderer der Schweizer Uhrmacherei gaben der Branche die letzte Ölung. Im Jahr 1983, als Piguet und Biver ihre Marke lancierten, veröffentlichte der Historiker David Landes sein Werk «Revolution in Time», eine Geschichte der mechanischen Uhrmacherei, in einem bemerkenswert elegischen Ton: «Der Zeitmesser mit Quarz ist dem mechanischen in Präzision und Preis überlegen und wird zwangsläufig siegen. Hier eröffnet sich eine seltene Gelegenheit, Geburt, Reife und Obsoleszenz eines bedeutenden Industriezweigs zu studieren.» Eine Seiko-Werbung jener Zeit fasste es noch knapper: «Eines Tages werden alle Uhren so gebaut sein.» ## Ein Lord der Zeit Vor der Quarzrevolution war Omega nahezu synonym mit hochwertigen Uhren. Eine Entscheidung von 1962 sollte das Prestige der Marke unsterblich machen: Omega bewarb sich auf eine geheime, technisch anspruchsvolle Ausschreibung eines unbekannten Auftraggebers. Der unbekannte Auftraggeber war die Nasa. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/12/photo-sukkoria-ron-evans-omega-speedmaster-wikimedia-commons-cc-by-sa-4-0.jpg) Photo: Sukkoria, Ron Evans’ Omega Speedmaster, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 Und als Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond landeten, trugen sie Omega-Speedmaster. Doch mit der Quarzuhr rutschte Omega in die Krise. Statt sich entweder ganz auf mechanische Uhren zu konzentrieren oder konsequent auf Quarz umzusteigen, versuchte das Unternehmen beides gleichzeitig. Das Resultat war eine unüberschaubare Modellvielfalt von rund 2000 Referenzen im Jahr 1980\. Der Absatz brach ein, Führungskräfte verliessen das Unternehmen. Einer von ihnen war Jean-Claude Biver. Der gebürtige Luxemburger war ein besessener Uhrensammler, der zuvor bei Audemars Piguet und Omega gearbeitet hatte. In dieser Zeit entwickelte er eine Überzeugung: Die Schweizer Uhrmacherei kann nur überleben, wenn sie Quarz konsequent ablehnt und sich kompromisslos auf hochwertige, handgefertigte mechanische Uhren konzentriert. Biver wusste, dass Omegas Mutterkonzern SSIH verzweifelt versuchte, ungenutzte Marken zu veräussern. Also tat er sich 1981 mit Jacques Piguet zusammen, dessen Familienfirma gerade auf Quarz umrüstete, und kaufte Blancpain, eine traditionsreiche Marke, die von über 200 000 verkauften Uhren im Jahr 1971 an den Rand der Bedeutungslosigkeit abgestürzt war. Der Preis: 22 000 Franken (etwa 44 000 Dollar nach heutigem Wert). Mit Blancpain im Gepäck zogen Biver und Piguet sich in ein Bauernhaus in den Schweizer Bergen zurück. Ihre Strategie war einfach: Blancpain als Inbegriff des Handgemachten, Menschlichen und Kunsthandwerklichen positionieren, flankiert von einem provokanten Slogan aus Bivers Feder: «Seit 1735 gibt es bei Blancpain keine Quarzuhren. Es wird auch nie welche geben.» Für Biver waren Uhren nicht primär Werkzeuge, sondern Kunstobjekte. Sie dienten nicht bloss dazu, die Zeit anzuzeigen, sondern sollten etwas über die Trägerin oder den Träger aussagen. Dieser Gedanke bildet heute das Fundament der gesamten modernen Luxusuhrenindustrie. Damals war er revolutionär. > «Für Biver waren Uhren nicht primär Werkzeuge, sondern Kunstobjekte. Sie dienten nicht bloss dazu, die Zeit anzuzeigen, sondern sollten etwas über die Trägerin oder den Träger aussagen» Die meisten Prestigeuhren jener Zeit vermarkteten sich vor allem als funktionale Instrumente – eine Folge der Tatsache, dass der Massenmarkt für Armbanduhren bei Männern nicht in Friedenszeiten, sondern im Krieg entstanden war. Das Werkzeug musste funktionieren, unter allen Bedingungen. Je spezieller die Uhr, desto wichtiger der Auftrag. Daher war in den 1950er-Jahren General Eisenhower die ideale Werbefigur für Rolex und daher Werbesprüche wie: «Wenn ein Mann die Welt in den Händen hält, erwarten Sie eine Rolex an seinem Handgelenk.» Diese utilitaristische Vorstellung wirkte bis weit in die 1980er-Jahre hinein. Abgesehen von einigen flachen Dressuhren bezog hochwertige Uhrmacherei ihr Prestige aus ihrer Leistungsfähigkeit: eine Sättigungstiefe überstehen, einen Flug messen, Geschwindigkeiten mit einer Chronografenlünette bestimmen. Die Rolex Submariner, die Sean Connery in «Goldfinger» trug, mag heute ikonisch sein – damals war sie Standardausrüstung für Taucher der Royal Navy. Und hätte Bond seine Uhr selbst gekauft, hätte ihn das kaum zwei Wochenlöhne gekostet. Biver erkannte, dass in einer Welt, in der Maschinen dominierten, das Werk menschlicher Hände einen einmaligen Wert darstellen würde. Er drehte die Präzision des Quarzes gegen sich selbst: «Diese berühmte Quarzpräzision wird zweitrangig. Wen kümmert eine Genauigkeit auf ein Viertel einer Sekunde im Alltag? Wie ein bekannter italienischer Händler seinen Kunden erklärte: Sie sind ein Lord, und ein Lord braucht nicht die exakte Zeit.» Die Resultate liessen nicht lange auf sich warten: 1985 setzte Blancpain knapp 9 Millionen Franken um, 1991 bereits 56 Millionen. Im Vergleich zu den grossen Luxusmarken waren das bescheidene Zahlen. Doch es war ein moralischer Sieg. Der emotionale Wert der Schweizer Uhr war zurück. Die Richtung für die Luxusuhrenindustrie war gesetzt. Die grossen Unternehmen folgten. 1985 lancierte IWC die Da Vinci, 1988 brachte Rolex eine neue Daytona und 1989 präsentierte Patek Philippe zum 150-Jahr-Jubiläum die Calibre 89, damals die komplizierteste mechanische Uhr, die je gebaut worden war. ## Die Japaner mit den eigenen Waffen schlagen Dieser Schwenk hin zur Luxusstrategie hatte allerdings seinen Preis. In Bivers Welt musste die Schweizer Uhrmacherei sich entscheiden: entweder den Luxusmarkt erobern oder auf Masse setzen. Wer sich für Ersteres entschied, musste kleinere Kollektionen, höhere Preise und kompromisslose Handwerkskunst akzeptieren. Das würde einigen wenigen Marken das Überleben in der Quarzära ermöglichen, bedeutete aber zugleich das Eingeständnis, dass die Blütezeit der Schweizer Massenproduktion vorbei war. Das Problem war nur: Als Biver und Piguet die Bühne betraten, bewegte sich der Grossteil der Branche bereits in die entgegengesetzte Richtung. Die Firmen hatten sich in zwei grosse Konglomerate zusammengeschlossen. SSIH kontrollierte Omega, Tissot und Lemania; ASUAG war auf Werke und Komponenten spezialisiert, hatte aber in den 1970er-Jahren Dutzende Mittelklassemarken aufgekauft, um seinen Kundenstamm am Leben zu erhalten. Unabhängige Hersteller wie Rolex, Patek Philippe und IWC standen ausserhalb dieser Blöcke. Gemeinsam beschäftigten SSIH und ASUAG mehr als die Hälfte der verbliebenen Belegschaft der Schweizer Uhrenindustrie. Gleichzeitig waren beide faktisch insolvent und überlebten nur dank Notkrediten eines Bankenkonsortiums. 1982 wurde klar: Die Banken wollten einen Ausstiegsplan. Also engagierten sie Nicolas Hayek, einen in Beirut geborenen Unternehmensberater, um zu klären, ob liquidiert, fusioniert oder saniert werden solle. Hayek hatte seine Karriere beim Rückversicherer Swiss Re begonnen, bevor er seine eigene Firma gründete, spezialisiert auf industrielle Prozesse und Lieferketten. 1979 betreute Hayek Engineering über 300 Kunden in 30 Ländern, darunter die Schweizer Armee. Kein Wunder, dass er den Banken längst aufgefallen war. Als der Auftrag kam, sagte Hayek zu. Müsste man einen Unternehmer nennen, der zugleich Philosoph ist, man würde kaum eine treffendere Figur als Hayek finden. Er liebte das Produzieren und war überzeugt: Ein Land, das nicht mehr baut, ist kein Land mehr. «Wir müssen dort produzieren, wo wir leben», sagte er. «Wenn ein Land das Know-how verliert, Dinge herzustellen, verliert es seine Fähigkeit, Wohlstand zu schaffen, und damit seine finanzielle Unabhängigkeit. Und wenn es seine finanzielle Unabhängigkeit verliert, beginnt es, seine politische Souveränität zu verlieren.» > «Hayek war überzeugt: Ein Land, das nicht mehr baut, ist kein Land mehr» Für Hayek war die angebliche Wahl zwischen Luxus und Masse ein falsches Dilemma. Wenn ein Land nicht mehr in der Lage sei, Alltagsprodukte einer Kategorie herzustellen, werde es irgendwann auch die Fähigkeit verlieren, hochpreisige zu bauen. Die Uhrenindustrie bot die perfekte Chance, seine Theorie zu beweisen. Er wollte die Japaner in ihrem eigenen Spiel schlagen, und zwar in der Schweiz, einem der Länder mit den höchsten Löhnen der Welt. Statt die Firmen zu zerschlagen, schlug Hayek daher vor, sie zu einem einzigen Unternehmen zu fusionieren. Beide Verwaltungsräte stimmten schliesslich zu, und auch die Wettbewerbskommission erhob keine Einwände. So wurden SSIH und ASUAG 1983 zur neuen Holding zusammengeführt: der Société de Microélectronique et d’Horlogerie, kurz SMH. Hayek wurde Verwaltungsratspräsident. Vor Hayek folgten SSIH und ASUAG einem einfachen Modell: Tausende halbunabhängige Werkstätten stellten Komponenten her, während die Mutterkonzerne für Marketing und Vertrieb sorgten. Ein System, das sich seit den ersten Uhrmachern des Jura kaum verändert hatte, als Familien im Winter in Heimarbeit Uhren bauten und Vertreter sie über die Pässe trugen, um sie zu verkaufen. Für Hayek war dieses System vollkommen überholt. Es führte zu Ineffizienz, zu hohen Produktionskosten und zu Marken, die alles zugleich sein wollten und am Ende nichts waren. Die Fertigung wurde daher in wenige ETA-Werke mit grossen Kapazitäten gezogen, vor allem jene in Grenchen und Fontainemelon. Marken, die früher ihre eigenen Werke herstellten, konzentrierten sich nun auf Design und Marketing. Die Produktion wurde automatisiert: CNC-gefräste Platinen, Förderbänder, rotierende Pressen und Maschinen, die Kunststoffgehäuse in einem Schritt verschweissten. Es folgte die Standardisierung. Die Uhren des Konzerns nutzten nun dieselben Micro-Crystal-Stimmgabeln, dieselben Renata-Silberoxidbatterien und dieselben ETA-Uhrwerke. Selbst die renommiertesten Marken des Portfolios, Omega, Longines und Rado, durften keine eigenen Uhrwerke mehr entwickeln. Viele mussten ihre Produktlinien drastisch reduzieren. Der Effekt war spektakulär: Omega kürzte sein Sortiment von 2000 auf 1000 Modelle, später auf nur noch 130\. Die Produktionskosten sanken, die Zuverlässigkeit nahm zu. Parallel dazu wurde das Marketing radikal dezentralisiert. Jede Marke erhielt ein klares Marktsegment, das sie dominieren sollte. Die Konzernzentrale hatte nur eine Aufgabe: die Differenzierung der Marken zu verteidigen. Doch ein entscheidendes Element fehlte noch. In seinem Bericht von 1982 teilte Hayek den Weltmarkt für Uhren (rund 500 Millionen Stück pro Jahr) in drei Segmente ein: niedrig, mittel und hoch. Das untere Segment, Uhren bis 75 Dollar, machte 90 Prozent des Marktes aus. Und keine einzige dieser 450 Millionen Uhren stammte aus der Schweiz. Wenn die Schweiz überleben wollte, musste sie eine Uhr bauen, welche die Japaner mit ihren eigenen Mitteln schlug. Eine Quarzuhr, schweizerisch, ultrabillig, massenproduziert. ## Ein Meisterstück der Schweizer Ingenieurskunst Wer im Advent 1982 ein Juweliergeschäft in Dallas, Texas, betrat, stiess auf etwas Ungewöhnliches. Eine schlichte Uhr, vermutlich schwarz oder dunkelgrün. Keine Klappschatulle, wie es damals üblich war, sondern eine einfache Plastikabdeckung. Und ein Preisschild von gerade einmal zwanzig Dollar. 1978 hatte der ASUAG-Verwaltungsrat mehrere Werke- und Komponentenfirmen zu einem einzigen Unternehmen verschmolzen und damit das uhrmacherische Know-how gebündelt. Der Name: ETA. Bereits ein Jahr später gelang der Micro-Crystal-Abteilung ein bedeutender Schritt nach vorn: Sie war die erste in Europa, die Quarzkristalle in grossem Stil fertigte. Eine der wenigen guten Nachrichten mitten in der Krise. Die Ingenieure nahmen sich anschliessend eine PR-taugliche Herausforderung vor: die dünnste Uhr der Welt zu bauen. Das Ergebnis, 1979 lanciert, war die Delirium mit einer Dicke von nur 1,98 Millimetern. Ein Meisterstück der Schweizer Ingenieurskunst. Doch mit einem Preis von 5000 Dollar (umgerechnet heute etwa 25 000 Dollar) war sie alles andere als eine Rettung für die angeschlagene Uhrenindustrie. Das Delirium-Team hatte radikale Entscheidungen getroffen. Die wichtigste: Sie liessen die Grundplatine, das Fundament eines jeden Uhrwerks, komplett wegfallen und integrierten stattdessen Bauteile direkt in den Boden des Gehäuses. Ernst Thomke, der damalige Geschäftsführer von ETA, erkannte, dass genau dieses Bauprinzip das Potenzial für eine massenproduzierte Uhr in sich trug. Er stellte ein kleines Forschungsteam zusammen, das an einer Version aus Kunststoff arbeiten sollte, zentral gefertigt, vollautomatisiert. Doch die Fortschritte waren schleppend. Gleichzeitig arbeiteten zwei andere ETA-Ingenieure, Elmar Mock und Jacques Müller, heimlich an einem eigenen Prototyp. Doch sie hatten ein Problem: Für ihre Idee brauchten sie eine Spritzgussmaschine im Wert von rund 500 000 Franken (ungefähr eine Million nach heutigem Wert). Mock bestellte die Maschine – ohne Genehmigung. Thomke bestellte ihn daraufhin noch am selben Tag zu sich. Die Sitzung war auf 13 Uhr angesetzt. Mock erfuhr davon um 11 Uhr. Er hatte zwei Stunden, um seine Karriere zu retten. Er und Müller skizzierten in atemberaubender Geschwindigkeit ein Konzept. Statt sich zu entschuldigen, ging Mock im Meeting zum Angriff über: Die Maschine sei notwendig, um eine revolutionär einfache, preisgünstige Kunststoffuhr zu entwickeln. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/12/picture1.jpg) Die Zeichnung der Swatch-Uhr von Elmar Mock, die in der Sitzung vom 27\. März 1980 präsentiert wurde. Die Zeichnung der Swatch-Uhr von Elmar Mock, die in der Sitzung vom 27\. März 1980 präsentiert wurde. Mock und Müller wurden nicht gefeuert, sondern freigestellt – um genau diese Uhr im Verborgenen zu entwickeln. Bis Dezember 1980 hatten sie fünf funktionierende Prototypen per Hand zusammengesetzt. Die bestellte Spritzgussmaschine war immer noch nicht geliefert. Ihre Prototypen trieben das Delirium-Prinzip auf die Spitze. Der gesamte Mechanismus wurde per Ultraschallschweissen direkt im Kunststoffgehäuse verankert, statt ihn wie üblich zwischen Platine und Brücken einzuspannen. Es gelang ihnen, die Zahl der Bauteile von normalerweise 91 in einer Quarzuhr auf 51 zu reduzieren. Jedes konnte von oben maschinell eingesetzt werden, ideal für Massenfertigung. Die Uhr war in der Herstellung dreimal billiger als jede andere Schweizer Quarzuhr und konnte innerhalb weniger Sekunden montiert werden. Die beiden nannten sie Vulgaris. Die Welt kennt sie unter einem anderen Namen: Swatch. ## Mode, die tickt Als Hayek seinen Posten antrat, zeigte Thomke ihm, woran sein Team gearbeitet hatte: eine günstige Schweizer Quarzuhr, industriell herstellbar, robust, massentauglich – das fehlende Stück in Hayeks Vision einer dreistufigen Marktstrategie. Die Uhr wurde im März 1983 lanciert. Sie schlug ein wie eine Bombe. Eine echte Schweizer Alternative zu japanischem Quarz. Bis 1985 stieg die Schweizer Uhrenproduktion von 45 auf 60 Millionen Stück. 1992 fertigte ETA die hundertmillionste Swatch, drei Jahre später die zweihundertmillionste. Vor der Swatch wäre es unvorstellbar gewesen, dass die Schweiz eine Uhr unter 50 Dollar produzieren und dabei Gewinn machen könnte. Mit der Swatch wurde es Gewissheit. Die Swatch war jedoch nicht nur ein Sieg der Produktionstechnik, sondern eine Revolution in Gestaltung und Haltung. Erst als Swatch voll auf Farbe, Verspieltheit und Individualität setzte, zündete das Konzept. Ein Designer brachte es auf den Punkt: «Wir verkauften Mode, die tickt.» Marketingmässig konnte niemand Swatch etwas vormachen. Allein im Jahr 1984 organisierte das Unternehmen die erste Weltmeisterschaft im Breakdance, lancierte die erste nationale Hip-Hop-Tour und hängte eine 13 Tonnen schwere Swatch an die Fassade des Frankfurter Commerzbank-Hochhauses. Die eigentliche Bedeutung der Swatch lag jedoch nicht darin, das untere Marktsegment zu dominieren. Die Schweizer Uhrenindustrie erzielt bis heute den Grossteil ihrer Umsätze im Luxusbereich. Entscheidend war etwas anderes: Swatch gab der Schweizer Uhrmacherei ihr Selbstvertrauen zurück. > «Swatch gab der Schweizer Uhrmacherei ihr Selbstvertrauen zurück» ## Ein Mob vor dem Laden Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Polizei in der Carnaby Street in London eintraf. Einige in der Schlange hatten über zwei Tage ausgeharrt, mit Zelten und Campingstühlen, seit Swatch die neueste Veröffentlichung angekündigt hatte: eine Zusammenarbeit mit Omega, basierend auf der ikonischen Speedmaster, die Armstrong und Aldrin bei ihrer Mondlandung getragen hatten. Das Design war nahezu identisch, bis auf ein Detail: Statt Metall bestand die Uhr aus einem von Swatch entwickelten Biokunststoff. Der Preis hätte Thomke stolz gemacht: nur 240 Pfund, mehr als siebentausend Pfund günstiger als die entsprechende Omega-Variante. Der Name war ebenso genial wie selbstverständlich: **MoonSwatch**. Um 9 Uhr morgens am 26\. März 2022 öffneten die Türen, und aus der Schlange wurde ein wogender, drängender Mob. In den folgenden Wochen wiederholten sich die Szenen weltweit: in New York, in Tokio, in Mailand, in Singapur. Tausende Menschen kämpften um ein Objekt, das sie – in einer Welt, in der 95 Prozent der Leute ein Smartphone besitzen – keineswegs mehr brauchten, um die Zeit abzulesen. Rückblickend fällt es leicht, Aussagen wie jene von David Landes zu belächeln. Und doch hatte er im Kern recht: Die Schweizer Uhrmacherei hätte am Quarz sterben sollen, so wie die Laternenanzünder des viktorianischen London, die Natureisernter Neuenglands oder die Telegrafisten von Western Union. Stattdessen fanden Biver, Hayek und die Uhrmacherinnen und Uhrmacher der Schweiz einen Weg, ihre eigene Überflüssigkeit zu überleben. Nicht indem sie im Alten konkurrenzfähig blieben, sondern indem sie den Wert neu definierten. > «fanden Biver, Hayek und die Uhrmacherinnen und Uhrmacher der Schweiz einen Weg, ihre eigene Überflüssigkeit zu überleben» Biver setzte auf das Menschliche: Handwerk, Tradition und Gefühl. Sein Ansatz wurde zum Bauplan der grossen Konzerne und der neuen unabhängigen Uhrmacher. Patek Philippe formulierte ihn 1996 zur wohl berühmtesten Uhrenwerbung der Geschichte: «Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation.» Hayek wählte den anderen Weg: Er setzte auf die neue Technologie, konstruierte die Industrie von Grund auf neu und passte sie einer veränderten Welt an. Genau diesen Ansatz wählte Apple 2014 mit der Apple Watch. Uhren erhielten wieder eine Funktion, diesmal nicht nur als Zeitmesser, sondern als medizinisches Instrument. Beide Wege haben Platz. Heute konkurrieren Apple und Rolex um den Titel des weltweit umsatzstärksten Uhrenherstellers. Volle Funktionalität oder volle Kunst. Die Konsumentinnen und Konsumenten können wählen. Der Kreis schloss sich, als SMH 1993 Blancpain übernahm und Hayek Biver seine schwierigste Aufgabe übertrug: die Wiederbelebung von Omega. Danach wechselte Biver zu Hublot, führte TAG Heuer, leitete die Uhrenabteilung von LVMH und trat dann in den Ruhestand, um kurz darauf wieder zurückzukehren. Auf die Frage, weshalb er nicht aufhören könne, antwortete er: «Wer kann sich von einer Leidenschaft pensionieren?» Heute führt er gemeinsam mit seinem Sohn eine unabhängige Uhrenmarke. Hayek selbst wurde zu einer Art Volksheld in der Schweiz. Er starb 2010 in seinem Büro, bei der Arbeit. Wie die Uhrmacher des Jura vor ihm machte Hayek SMH zu einem Familienunternehmen: Sein Sohn führt heute Swatch, sein Enkel Blancpain. Betritt man eines der 3400 Swatch-Geschäfte weltweit, sieht man im Schaufenster meist den jüngsten Nachfolger der MoonSwatch: eine von Swatch gefertigte Neuinterpretation von Blancpains legendärer Fifty Fathoms. Heute macht die Schweizer Uhrenindustrie 30 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr und ist nahezu Monopolistin im Luxussegment. Das Land exportiert nur zwei Prozent aller weltweit produzierten Uhren, doch dieser kleine Anteil generiert fast 45 Prozent des weltweiten Umsatzes. Eine Branche, die einst vor dem Aus stand, ist stärker als je zuvor. Manche Dinge überleben nicht, weil sie müssen, sondern weil wir sie wollen. Die Quarzkrise war nicht das Ende der Schweizer Uhrmacherei, sondern ihre Wiedergeburt. *Aus dem Englischen übersetzt von Alex Buxeda.* ### Allein, arbeitslos – und mit einem Baby URL: https://www.schweizermonat.ch/allein-arbeitslos-und-mit-einem-baby/ Last updated: 2025-12-16T15:15:09.000Z Rowan Atkinson meldet sich zurück auf der Bildfläche. Der Mann hinter der Comedy-Kultfigur Mr. Bean ist in der neuen Kurzserie [«Man vs. Baby»](https://www.netflix.com/title/81923753?dpRightClick=1&trackId=284616272&trackIdJaw=284616272&trackIdTrailer=284616272&trackIdTitleGroup=284616272&ref=schweizermonat.ch) auf Netflix zu sehen. Erneut verkörpert Atkinson den Pechvogel Trevor Bingley, einen geschiedenen Familienvater, der zurückgezogen in einem kleinen Häuschen auf dem Land nahe London lebt. Nach den eskalierenden Ereignissen der Vorgängerserie «Man vs. Bee» (2022), in der Bingley als Housesitter in einer luxuriösen Villa von einer Katastrophe in die nächste stolperte, hat sich sein Leben scheinbar beruhigt. Er arbeitet nun als Hausmeister an einer Schule und setzt grosse Hoffnungen auf die Weihnachtstage: Seine Tochter und seine Ex-Frau sollen ihn besuchen. Doch die Pläne zerschlagen sich kurzfristig. Der neue Freund seiner Ex-Frau lädt beide spontan auf die Bahamas ein. Als wäre das nicht genug, verliert Bingley am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien auch noch seinen Job. Ausgerechnet beim Krippenspiel, bei dem er tatkräftig mithilft, wird ihm gekündigt. Fast zeitgleich klingelt sein Telefon: Die Agentur, die ihm einst den folgenschweren Housesitter-Job vermittelt hatte, meldet sich erneut. Dieses Mal geht es um die Betreuung eines prunkvollen Penthouses in London über die Weihnachtstage. Ohne Job, ohne Familie und ohne echte Alternativen sagt Bingley notgedrungen, aber erleichtert zu. Doch kaum ist das Krippenspiel vorbei und Besucher wie Schulpersonal haben das Gebäude verlassen, nimmt das Unheil seinen Lauf: Ein Baby wurde vergessen. Alle Versuche, die Eltern oder die Polizei zu erreichen, scheitern. Bingley bleibt nichts anderes übrig, als das Kind mit nach London ins Penthouse zu nehmen. Über die Weihnachtstage versucht er verzweifelt, das Kind der Londoner Polizei zu übergeben. Stattdessen wird das Baby für Bingley zur Mammutaufgabe und zum Auslöser einer Serie von chaotischen Missgeschicken. Wer Rowan Atkinsons bisheriges Schaffen schätzt – von Mr. Bean über Inspector Fowler bis hin zu Johnny English –, kommt in der Serie auf seine Kosten. Tonfall und Inszenierung sind unverkennbar Atkinson: körperbetont auf visuelle Komik fokussiert. Als leichte, witzige Weihnachtsgeschichte ist «Man vs. Baby» gut geeignet. Die letzte der insgesamt vier Episoden findet zudem einen überraschend berührenden, besinnlichen Abschluss. (Michael Straumann) ### Auch Ingenieure sollten sich mit Geschichte und Ethik beschäftigen URL: https://www.schweizermonat.ch/auch-ingenieure-sollten-sich-mit-geschichte-und-ethik-beschaeftigen/ Last updated: 2025-12-16T14:06:09.000Z Im Sommer 2023 führte ich ein Gespräch mit einem Doktoranden der Volkswirtschaftslehre von einer ausländischen Universität. Er erzählte mir, seine Arbeit bestehe darin, eine künstliche Intelligenz mit personenbezogenen Geolokalisationsdaten zu trainieren, um für seine Regierung einen Nachverfolgbarkeitsplan zu entwickeln – für den Fall, dass ein Ausnahmezustand ausgerufen würde. Ich fragte ihn, wie er an diese Daten gelangt sei. Er antwortete: «Wir konnten mit einer Telefongesellschaft verhandeln und haben ihre Kundendaten abgekauft. Es war nicht billig, aber da es für eine gute Sache ist, hat es sich gelohnt.» Neugierig fragte ich nach, ob er mit seinem Doktorvater über die ethische Dimension des Kaufs persönlicher Daten gesprochen habe. Er verneinte. Ich fragte weiter, welche Konsequenzen es hätte, wenn die Ergebnisse seiner Arbeit missbraucht würden. Er machte eine kurze Pause, dachte nach und sagte dann: «Warum sollte die Regierung ihre Macht missbrauchen?» In diesem Moment wurde mir klar, dass er darüber noch nie nachgedacht hatte. Er war zweifellos brillant in seinem Fach und von bemerkenswerter Kreativität – doch es fehlten ihm historische Kenntnisse. Auch eine ethische Analyse wurde keine durchgeführt. ## «Sie sind hier, um zu lernen, nicht um zu verstehen» Einen fehlenden Bezug zu historischem Kontext und Ethik in der Technologieentwicklung habe ich an technischen Hochschulen in der Schweiz mehrfach beobachtet – ich selbst bin EPFL-Absolventin und Doktorandin an der ETH Zürich. Und doch bemühen sich unsere Hochschulen nach Kräften, genau dieses weit verbreitete Problem zu entschärfen. Kurse in Geistes- und Sozialwissenschaften sind obligatorisch geworden, neue Forschungszentren, die sich der Zusammenarbeit zwischen technischen Wissenschaften und öffentlicher Verwaltung widmen, werden aufgebaut. Auch der Arbeitsrahmen der Ethikkommissionen wird zunehmend geschärft, um den wachsenden Herausforderungen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz gerecht zu werden. Doch von all dem spüren die Studierenden nur wenig. Mit zwei Stunden Ethik pro Woche, unterrichtet in einem Hörsaal mit mehreren Hundert Personen, oder einer einwöchigen Workshop-Veranstaltung, die junge Wissenschafter mit politischen Entscheidungsträgern zusammenbringt, bleibt die Zeit, in der Studierende tatsächlich über den sozialen und moralischen Kontext der Wissenschaft nachdenken, weit hinter derjenigen zurück, die sie in technische Fächer investieren. Ich sehe zwei grundlegende Probleme in unserer aktuellen Lehrmethode. Das erste Problem: Die Studierenden sind zu zahlreich – und sie fügen sich dem Gruppendruck. Das Individuum verzichtet leicht auf eigene Prinzipien, wenn die Gruppe oder eine Autorität etwas anderes nahelegt. Man passt sich dem Verhalten der Menge an – aus Bequemlichkeit oder instinktiv, denn diese archaische Anpassung erhöhte einst die Überlebenschancen. Das Problem der Anpassung in der Anonymität der Masse ist, dass sie individuelle Verantwortung untergräbt – ja sie ist das Gegenteil davon. Ein Mensch, der sich in der Masse verstecken kann, kümmert sich weniger darum, wie sich sein Verhalten auf andere auswirkt. Ein junger Buspassagier etwa steht nicht unbedingt für eine ältere Person auf – aber sehr wahrscheinlich würde er es tun, wenn Bekannte seiner Eltern in der Nähe sässen. Ähnlich verhält es sich in der Beziehung zwischen Studierenden und Dozierenden. Wer von Professoren und der Mehrheit der Kommilitonen nicht wahrgenommen wird, sieht kaum Motivation, sich im Unterricht zu beteiligen. Er oder sie wird kaum Fragen stellen und sich darauf beschränken, das Nötigste zu lernen, um Prüfungen zu bestehen. Auf diese Weise werden weder der kritische Geist noch der Mut, Autoritäten zu hinterfragen, trainiert. > «Ein Mensch, der sich in der Masse verstecken kann, kümmert sich weniger darum, wie sich sein Verhalten auf andere auswirkt.» Ich befürchte, unser Bildungssystem legt zu viel Wert auf das Auswendiglernen – und zu wenig auf intuitives Verstehen und selbstständiges Denken. Das wurde mir im zweiten Jahr meines Bachelorstudiums klar, als ich eine Frage über den Ursprung eines mathematischen Beweises stellte. Der Professor antwortete vor 300 Studierenden: «Mademoiselle, Sie sind nicht hier, um zu verstehen, Sie sind hier, um zu lernen!» – ohne die Frage zu beantworten. Das trug gewiss nicht zur zukünftigen Beteiligung meiner Kommilitonen bei. ## Raketen über dem Nordpol Wie könnte man die Situation verbessern? Die naive Lösung wäre: kleinere Klassen und mehr Dozierende. Doch damit würden die Kosten explodieren. Stattdessen sollte die mündliche Teilnahme der Studierenden stärker bewertet werden – von Mensch zu Mensch, nicht über Online-Systeme. Manche Universitäten vergeben sogar Bonus-Beteiligungspunkte.Professoren sollten an den Übungsstunden teilnehmen und bewusst den persönlichen Kontakt suchen. Manche Studierende sind schüchtern, öffnen sich aber in kleiner Runde. Dozierende sollten mit Charisma und Menschlichkeit auftreten, als echte Mentoren in einer Welt, in der Technologie zunehmend unsere zwischenmenschlichen Beziehungen verdrängt. Kurz gesagt: In der Bildung sollten wir menschlich bleiben. Qualität vor Quantität. Das zweite Problem betrifft die Häufigkeit des Unterrichts. Es ist bekannt, dass unser Langzeitgedächtnis Wiederholung braucht. Heute sind die geisteswissenschaftlichen Kurse, in denen historisch-ethischer Kontext vermittelt werden könnte, auf zwei Stunden pro Woche komprimiert. Das steht in keinem Verhältnis zu den 28 Wochenstunden in naturwissenschaftlichen Fächern. Was wir brauchen, sind Dozenten in technischen Fächern, die ihre Expertise historisch und ethisch kontextualisieren können. Ich erinnere mich an ein Beispiel aus einem Kurs über piezoelektrische Materialien und Sensoren. Der Professor erklärte uns, dass während des Kalten Krieges die Forschung besonderes Augenmerk auf Materialien bei tiefen Temperaturen legte – weil Raketen, die mit dieser Technologie gesteuert wurden, den Nordpol überqueren mussten, um zwischen den USA und der Sowjetunion zu funktionieren. Diese Information hat mich tief beeindruckt: Wissenschaft ist konkret – untrennbar mit ihrem gesellschaftlichen Einfluss verbunden. > «Professoren sollten an den Übungsstunden teilnehmen und bewusst den persönlichen Kontakt suchen.» Seither frage ich mich regelmässig, aus welcher historischen Epoche die Technologien stammen, denen ich in meiner Arbeit begegne, oder ob sie in einem anderen Kontext denselben Aufschwung erlebt hätten. Dieses Gedankenexperiment hilft mir enorm, den Forschungsalltag mit der Aussenwelt zu verbinden. Es gibt mir eine Vision für die Zukunft, eine Richtung – und einer Wissenschafterin muss diese Vision offenbleiben; sie muss bereit, sich zu verändern, wenn Fakten es verlangen. Das universitäre Bildungssystem und das Prinzip der Schweizer Demokratie stimmen nicht mehr überein. Studierende verfügen vielfach nicht über die Kompetenzen, die von einem Schweizer Bürger erwartet werden. Die nächste Generation von Studierenden braucht daher mehr zwischenmenschliche Diskussionen, die ihnen helfen, kritisches Denken zu entwickeln und sich als freie, verantwortliche Individuen zu entfalten. Dazu gehören Mentoren, die das Zuhören und den Austausch von Ideen fördern. Und eine Vision, die Technik und historischen Kontext mit konkreten Beispielen verbindet. ### «Meinungsfreiheit ist die wichtigste Freiheit, die wir haben» URL: https://www.schweizermonat.ch/meinungsfreiheit-ist-die-wichtigste-freiheit-die-wir-haben/ Last updated: 2026-08-06T15:03:07.000Z _No content available._ ### James Garfield wollte nie US-Präsident werden – und bleibt vielleicht gerade deshalb als einer der grössten in Erinnerung URL: https://www.schweizermonat.ch/james-garfield-wollte-nie-us-praesident-werden-und-bleibt-vielleicht-gerade-deshalb-als-einer-der-groessten-in-erinnerung/ Last updated: 2025-12-10T10:03:32.000Z Mit der kürzlich erschienenen Netflix-Miniserie «Death by Lightning» wird die Geschichte des US-Präsidenten James A. Garfield (1831‒1881) endlich einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Ich bin durch Candice Millards grossartiges Buch «Destiny of the Republic» auf Garfield aufmerksam geworden. Das Buch berührte mich unerwartet tief. Auf diesen Seiten entfaltete sich ein Charakter, den man in der modernen Politik vergeblich sucht: furchtlos, gütig, gebildet – und integer bis in die Knochen. Die Serie zeigt nicht alle Nuancen seines Lebens, aber genug, um zu ahnen, was für ein Mensch er war. Ein Republikaner alter Schule, ein radikaler Gegner der Sklaverei, der sich freiwillig für den Bürgerkrieg meldete und zum General aufstieg. Ein Mann, der gleichzeitig gegen die rassistischen Demokraten kämpfte und gegen die mächtigste korrupte Maschinerie seiner eigenen Partei: die New Yorker Patronage-Seilschaften der Stalwarts. Das braucht Mut, Rückgrat – und eine moralische Klarheit, die heute fast fremd wirkt. Garfield war zudem der letzte US-Präsident, der in einer Blockhütte aufwuchs – als Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die trotz Armut ihren Kindern Bildung und Würde vermittelte. Diese Herkunft ist kein biografisches Detail, sondern prägte seine Haltung: Er wusste, wie es ist, sich hochzuarbeiten, ohne Privilegien, ohne Netzwerke, nur mit Willen, Neugier und unerschütterlicher Arbeitsethik. > «Garfield war der letzte US-Präsident, der in einer Blockhütte aufwuchs.» 1880 steckte der Parteitag der Republikaner in Chicago in einer hoffnungslosen Blockade fest. Nach 35 (!) erfolglosen Wahlgängen zur Nominierung eines Präsidentschaftskandidaten waren alle erschöpft – und plötzlich richteten sich alle Augen auf Garfield. Er flehte die Delegierten an, seinen Namen nicht auf den Wahlzettel zu schreiben. Und doch wählten sie ihn im 36\. Wahlgang. Nicht, weil er laut war, sondern weil er glaubwürdig war. Weil er der Einzige war, der die verfeindeten Flügel der Partei miteinander versöhnen konnte. Dass er später einen Wahlkampf verweigerte, wirkt heute fast surreal. Während heutige Kandidaten Millionen in Selbstdarstellung investieren, blieb Garfield zu Hause. «Wenn die Menschen wissen wollen, wer ich bin, sollen sie mich besuchen.» So stand er auf seiner Veranda und erzählte über Bildung, Gerechtigkeit und Verantwortung. ## Prinzipientreu bis in den Tod Garfield war nur 200 Tage Präsident. Dann fiel er einem Attentat zum Opfer – und vor allem der Unwissenheit seiner Ärzte. Die Tragik dieser Geschichte brachte mich zum Nachdenken. Was hätte dieser Mann bewirken können? Doch vielleicht liegt seine Bedeutung gerade darin, dass er nicht lange genug lebte, um seine Ideale verwässern zu müssen. Obwohl sein Leben viel zu früh endete, bleibt Garfields Vermächtnis relevant. Er verkörperte Prinzipien, die heute eine Renaissance verdienen: 1. **Bescheidenheit:** Er suchte das Amt nicht. Und vielleicht war er gerade deshalb der Position würdig. 2. **Dienst statt Selbstvermarktung:** Politik war für ihn kein Vehikel persönlicher Ambition, sondern ein Auftrag. 3. **Integrität:** Er stellte sich gegen die korrupten Parteibosse – obwohl er wusste, dass sie ihn zerstören könnten. 4. **Intellektuelle Neugier:** Vom Waisenjungen zum Collegepräsidenten – Bildung war seine Befreiung. 5. **Mut** – im Krieg wie in der Politik: Er sagte, was richtig war, nicht, was opportun war. 6. **Brückenbauen:** Er vereinte verfeindete Republikaner – etwas, das heute wie eine ausgestorbene Kunst erscheint. 7. **Ausdauer:** Garfields Lebensweg widerlegt jede moderne Opferhaltung. 8. **Grossmut:** Er nannte sich einen «schlechten Hasser». Und lebte genau so. > «Vielleicht liegt seine Bedeutung gerade darin, dass er nicht lange genug lebte, um seine Ideale verwässern zu müssen.» Garfield war ein Mann, der mit dem Herzen eines Kriegers und der Seele eines Humanisten führte. Kaum jemand hat diese innere Spannung so präzise formuliert wie er selbst: «*I deprecate war, but if it is brought to my door, the bringer will find me at home.»* Der Satz offenbart die ganze Tiefe seines Charakters: ein Mann, der den Krieg verabscheute, aber dem Unrecht niemals wich. Einer, der für das Richtige kämpfte, ohne sich vom Hass vergiften zu lassen. In einer Zeit moralischer Selbsterhöhung, schneller Empörung und politischer Eitelkeit steht seine Geschichte im Raum wie eine stille, aber unüberhörbare Mahnung: Wahre Führung beginnt nicht mit dem Willen zur Macht, sondern mit dem Willen zum Dienst. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Garfield – der Mann, der nie Präsident sein wollte – gerade jetzt wieder sichtbar wird. Vielleicht erinnert er uns daran, was Führung sein könnte, wenn sie wieder Charakter hätte. ### Javier Milei trat als libertärer Revolutionär an – und entpuppt sich als ganz normaler Politiker URL: https://www.schweizermonat.ch/javier-milei-trat-als-libertaerer-revolutionaer-an-und-entpuppt-sich-als-ganz-normaler-politiker/ Last updated: 2025-12-09T16:31:37.000Z «Steuern sind Raub», «Der Staat ist eine kriminelle Vereinigung», «Der Peso ist Scheisse» – mit solchen Parolen gelang es Javier Milei, dem politischen Aussenseiter, im November 2023 in Argentinien die Stichwahl gegen Sergio Massa zu gewinnen. Am 10\. Dezember 2023 übernahm er das Amt. Seither ist die libertäre Welt tief gespalten. Begeisterte Anhänger wie Philipp Bagus, Walter Block und Jesús Huerta de Soto stehen scharfen Kritikern gegenüber: Hans-Hermann Hoppe, Saifedean Ammous und Jörg Guido Hülsmann. In der deutschsprachigen Szene löste vor allem die Entscheidung des Mises-Instituts Deutschland heftige Reaktionen aus, Milei mit einem nach Ludwig von Mises benannten Gedächtnispreis zu ehren. Die Folge: Hoppe, Hülsmann und Puster traten aus dem wissenschaftlichen Beirat zurück. Allein der Basler Rechtsprofessor David Dürr blieb. ## Pragmatiker gegen Puristen In der libertären Szene prallen zwei Lager aufeinander: die Pragmatiker auf der einen Seite, die Puristen auf der anderen. In der Analyse der Ausgangslage sind sich beide Strömungen weitestgehend einig. Seit Juan Domingo Perón 1946 die Macht übernahm, fährt Argentinien einen konsequent sozialistischen Kurs. Geldmengenausweitung, Planwirtschaft und ein überbordender Wohlfahrtsstaat haben das einst so reiche Land in bitterster Armut gestürzt. Ein radikaler Kurswechsel war längst überfällig – zumal die Peronisten von 2003 bis 2023 (mit Ausnahme von der vierjährigen Amtszeit von Mauricio Macri) fast durchgängig regierten. Die Streichung tausender Beamtenstellen, die Schliessung mehrerer Ministerien und der Abbau von Regulierungen werden daher von beiden libertären Lagern begrüsst. Das Urteil der Pragmatiker ist jedoch wohlwollender. Sie argumentieren, Mileis Wahlversprechen müssten realistisch eingeordnet werden. Ohne Mehrheit im Kongress und Senat habe er bereits beachtliche Reformen durchgesetzt. Die sofortige Dollarisierung, die Schliessung der Zentralbank oder drastische Steuersenkungen seien ohnehin nie kurzfristig umsetzbar gewesen. Auch die Besetzung wichtiger Ämter mit ehemaligen Zentralbankern und Leuten von der Wall-Street – wie etwa Finanzminister Luis Caputo und dessen Vize José Luis Daza – sei ein notwendiges Übel. Es habe schlicht keine libertären Alternativen gegeben. Die Puristen sehen das grundlegend anders. Für sie ist Mileis Politik kein radikaler Kurs, um Argentinien in einen klassischen minimalen Nachtwächterstaat zu überführen. Vielmehr handelt es sich um eine Rückkehr zum «Washington Consensus», dem 1989 von John Williamson vorgeschlagenen Programm (Steuersenkungen, Privatisierungen et cetera), um das Wirtschaftswachstum der südamerikanischen Staaten zu fördern. Der deutsche Ökonom Hans-Hermann Hoppe fasste die zentralen Vorwürfe im September 2024 auf der Konferenz der «Property and Freedom Society» zusammen. > «Mileis Politik kein radikaler Kurs, um Argentinien in einen klassischen minimalen Nachtwächterstaat zu überführen. Vielmehr handelt es sich um eine Rückkehr zum «Washington Consensus», dem 1989 von John Williamson vorgeschlagenen Programm (Steuersenkungen, Privatisierungen et cetera), um das Wirtschaftswachstum der südamerikanischen Staaten zu fördern» ## Kein Anhänger des Österreichischen Schule Erstens: Mileis bedingungslose Unterstützung von Benjamin Netanjahu und der Kriegsführung Israels im Gazastreifen. Für Libertäre gilt Krieg als die schwerste Verletzung des Nichtaggressionsprinzips. Wer die Vorkommnisse im Gazastreifen als «Selbstverteidigung» erachtet, verletzt aus Hoppes Sicht zentrale Prinzipien des Libertarismus – insbesondere jene von Murray Rothbard, dem Vordenker der anarchokapitalistischen Bewegung, den Milei gerne als Vorbild zitiert und der als Jude den Zionismus und die militaristische Politik Israels zeitlebens vehement kritisierte. Zweitens: die ausbleibende Schliessung der Zentralbank – jenes Kernversprechen, mit dem Milei angetreten ist. Befürworter wie Philipp Bagus behaupten bis heute, eine sofortige Schliessung hätte Hyperinflation und den Kollaps des Pesos ausgelöst, womöglich den Sturz der Regierung und die Rückkehr der Peronisten. Puristen wie Hülsmann oder Kristoffer Hansen halten dagegen: Ein Einfrieren der Geldmenge könne keine Hyperinflation auslösen. Die Nachfrage nach dem nun fix begrenzten Peso wäre stabil geblieben, nicht zuletzt, weil er weiterhin zur Begleichung der Steuern gebraucht worden wäre. Das allmähliche Verschwinden des Pesos und die damit verbundene, von Milei selbst propagierte Dollarisierung hätten die jahrzehntelangen Fehlinvestitionen endlich bereinigt – wohlgemerkt nach einer kurzen, aber heilsamen Rezession. Einen schmerzlosen Ausweg aus der Gelddruckerei gebe es nicht, wie Ludwig von Mises stets betont habe. Stattdessen wurde die Geldmenge unter Milei binnen zwei Jahren stärker ausgeweitet als unter seinen peronistischen Vorgängern. Devisenkontrollen, hohe Steuern und planwirtschaftliche Eingriffe bestehen weiterhin fort. Der Staat ist erneut zahlungsunfähig und musste frische Kredite beim Internationalen Währungsfonds und bei der Trump-Regierung aufnehmen. Auch die personellen Verflechtungen sind inzwischen breit dokumentiert. US-Finanzminister Scott Bessent, sein früherer Arbeitgeber George Soros und zentrale Figuren der Milei-Regierung bewegen sich seit Jahren im selben Netzwerk. Finanzminister Caputo und sein Vize Daza – dessen Frau Tania Reif einst unter Bessent bei Soros Fund Management arbeitete – pflegen enge Kontakte zu globalen Investoren wie Bob Citrone von Discovery Capital Management. Citrone, ein langjähriger Soros-Kollege Bessents, hat massiv auf argentinische Anleihen gesetzt und drängte zuletzt auf den 20-Milliarden-Dollar-Swap der Trump-Regierung, der den Peso stabilisiert – und vor allem seine eigenen Profite. Milei gerierte sich stets als entschiedener Gegner der linkswoken Agenda, die er Soros und dessen Umfeld zuschreibt. Hinter den Kulissen pflegt er jedoch enge Verbindungen zu eben jenem Establishment, das er öffentlich attackiert. Viele bezweifeln, dass Milei je ernsthaft zur Österreichischen Schule gefunden hat, geschweige denn deren Geldtheorie wirklich verinnerlicht hat. Seine Bücher und älteren Statements – etwa das überschwängliche Lob für Ben Bernanke als «einen der besten Zentralbanker aller Zeiten» – deuten eher darauf hin, dass er intellektuell in der neoklassischen Tradition der Chicago-Schule und Milton Friedmans verankert ist. Wenn Milei sich heute als Anhänger der Österreichischen Schule präsentiert und Rothbard und Mises beschwört, wirkt das für Kenner der Österreichischen Schule wenig überzeugend. > «Seine Bücher und älteren Statements – etwa das überschwängliche Lob für Ben Bernanke als «einen der besten Zentralbanker aller Zeiten» – deuten eher darauf hin, dass er intellektuell in der neoklassischen Tradition der Chicago-Schule und Milton Friedmans verankert ist» Javier Milei ist kein libertärer Revolutionär und kein Aussenseiter mit einem kühnen Masterplan. Er ist ein Politiker wie jeder andere. Seine radikalen Parolen waren reine Wahlkampf-Rhetorik, die ihm den Sieg brachte – mehr nicht. Argentinien bleibt auf seinem gewohnten Kurs. Der Hoffnungsträger hat sich als ganz normaler Präsident entpuppt. ### Argentina, Two Years Later: Javier Milei’s Historic Course Correction URL: https://www.schweizermonat.ch/argentina-two-years-later-javier-mileis-historic-course-correction/ Last updated: 2025-12-09T16:30:53.000Z Lea [aquí](https://schweizermonat.ch/argentina-dos-anos-despues-el-giro-historico-de-javier-milei?ref=schweizermonat.ch) la versión española. Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/zehn-frohe-botschaften-von-javier-milei-der-radikale-kurs-funktioniert/). On December 10, 2025, it will be two years since Javier Milei assumed the presidency of Argentina. To gauge the magnitude of the changes since then, it is worth recalling the starting point: a country trapped in annual inflation of 160 percent, a discredited currency, an exchange-rate system fractured by dozens of capital controls and a state on the verge of insolvency. A pre-hyperinflationary situation. Milei came to power promising first macroeconomic stabilization and, later, economic liberalization. Two years on, the data allow us to evaluate to what extent he has delivered. The first achievement—and perhaps the most evident—is the collapse of inflation. As noted, in November 2023 the year-over-year rate exceeded 160 percent and was still climbing. Today it hovers around 30 percent and continues to fall. This is not a mere statistical adjustment: it is the recovery of the currency’s value, a basic requirement for reviving the real economy and restoring the ability of households and firms to plan. The second major indicator is the country’s risk premium, that is, the extra yield Argentina must pay to borrow on international markets relative to comparable U.S. debt. At the end of 2023, this premium exceeded 2,500 basis points, implying interest rates 25 percentage points higher than in the United States. It reflected a state widely perceived as insolvent. Today that premium is around 600 basis points. Such a drastic reduction can only be explained by the improvement in public accounts. Closely related is the disappearance of the exchange-rate gap, one of the most characteristic symptoms of Argentina’s economic deterioration. Until 2023 two currency markets coexisted: an official one, heavily rationed, and a parallel one where the dollar traded at almost three times the official price. This distortion was the product of capital controls and absolute distrust in the peso. Today the gap has fallen to zero. Exchange-rate liberalization and monetary stabilization have made it possible to unify the market without provoking a massive flight to the dollar. The fourth achievement is essential: fiscal clean-up. In 2023 Argentina ran a fiscal deficit of more than 4 percent of GDP and a quasi-fiscal deficit close to 10 percent of GDP, generated by the constant issuance of pesos to pay interest on the Central Bank’s debt. Today neither exists. Without deficits and without endogenous money creation, inflation stops feeding on itself and the peso regains credibility. With stabilization underway, the economy has entered a recovery phase. GDP in the second quarter of 2025 is 4 percent higher than in the last quarter of 2023\. Month by month, economic activity in September 2025 exceeds that of November 2023 by 5 percent (already adjusting for seasonality). It is unusual for an economy to grow during such a deep fiscal adjustment: it suggests that institutional normalization has more than offset the contractionary impact. In the labor market, the adjustment has not harmed employment. On the contrary: there are 330,000 more people employed than two years ago. In the private sector, employment has increased by 667,000 workers, while public-sector employment has fallen by 367,000\. For the first time in a long while, Argentina is creating net jobs in the productive sector and reducing an inflated and inefficient state payroll. > «For the first time in a long while, Argentina is creating net jobs in the productive sector and reducing an inflated and inefficient state payroll» Macroeconomic improvement is also evident in social indicators. Before Milei took office, poverty exceeded 41 percent of the population (and would have been much higher had incipient hyperinflation exploded). Today it is about to fall below 30 percent. An 11-percentage-point drop in just two years, far from being incompatible with adjustment, is its direct consequence: when inflation disappears, real incomes stop eroding and begin to grow again. And contrary to many predictions, inequality has not increased. In fact, the available data point to a slight downward trend. Reducing poverty automatically narrows the gap between those with the least and everyone else: inequality is corrected from the bottom, not from the top. > «Reducing poverty automatically narrows the gap between those with the least and everyone else: inequality is corrected from the bottom, not from the top.» The tenth and final achievement is the one that explains all the others: the forceful reduction in the size of the State. Central government spending has fallen from 21.3 percent of GDP in 2023 to 16.5 percent in 2025, its lowest level since 2008\. A fiscal consolidation of five percentage points of GDP in two years is something rarely seen in history—and even less so without an economic collapse. But it was indispensable for leaving behind chronic deficits and structural inflation. A state that spends less stops accumulating debt. A state that stops accumulating debt reduces its risk premium. A lower risk premium stabilizes the exchange rate. And a stable exchange rate makes it possible to deflate the economy without capital controls. This causal chain is the backbone of Milei’s strategy, and the data show that it has worked. In two years, the Argentine president has achieved far more than halting a quasi-hyperinflationary spiral: he has laid the groundwork for rebuilding a country devastated by decades of economic mismanagement. But he has also raised expectations. He has not limited himself to promising stability; he has promised to turn Argentina into the freest and most prosperous country on the planet. To reach that goal, the path is clear: deepen spending cuts, lower taxes, privatize state-owned enterprises and dismantle the regulatory thicket that continues to strangle activity. Less state, more market and more freedom. If Argentina perseveres, in another two years it may finally be said that the country has left its long decline behind. And that economic freedom is beginning to show—there as well—its capacity to lift nations out of the poverty trap. ### Argentina, dos años después: el giro histórico de Javier Milei URL: https://www.schweizermonat.ch/argentina-dos-anos-despues-el-giro-historico-de-javier-milei/ Last updated: 2026-01-06T13:35:55.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/zehn-frohe-botschaften-von-javier-milei-der-radikale-kurs-funktioniert/). Read [here](https://schweizermonat.ch/argentina-two-years-later-javier-mileis-historic-course-correction?ref=schweizermonat.ch) the english version. El 10 de diciembre de 2025 se cumplen dos años desde que Javier Milei asumió la presidencia de Argentina. Para calibrar la magnitud del cambio experimentado desde entonces conviene recordar el punto de partida: un país atrapado en una inflación del 160% anual, una moneda desacreditada, un sistema cambiario fracturado por docenas de controles de capitales y un Estado al borde de la insolvencia. Una situación pre-hiperinflacionaria. Milei llegó al poder prometiendo, primero, estabilización macroeconómica y, después, liberalización económica. Dos años después, los datos nos permiten evaluar en qué medida ha cumplido. El primer logro, y quizá el más evidente, es el desplome de la inflación. Como decíamos, en noviembre de 2023 la tasa interanual superaba el 160% y seguía en ascenso. Hoy ronda el 30% y continúa descendiendo. No es un simple ajuste estadístico: es la recuperación del valor de la moneda, un requisito básico para reactivar la economía real y restablecer la capacidad de planificación de hogares y empresas. El segundo gran indicador es el riesgo país, es decir, la prima que Argentina debe pagar para financiarse en los mercados internacionales frente a la deuda estadounidense comparable. A finales de 2023 esa prima superaba los 2.500 puntos básicos, lo que implicaba tipos de interés 25 puntos porcentuales superiores a los de Estados Unidos. Era el reflejo de un Estado percibido como insolvente. Hoy esa prima ronda los 600 puntos básicos. Una reducción tan drástica sólo se explica por la mejora en las cuentas públicas. Relacionado con lo anterior está la desaparición de la brecha cambiaria, uno de los síntomas más característicos del deterioro económico argentino. Hasta 2023 coexistían dos mercados de divisas: uno oficial, fuertemente racionado, y otro paralelo, donde el dólar cotizaba casi tres veces más caro. Esa distorsión era producto del control de capitales y de la desconfianza absoluta en el peso. En la actualidad, la brecha se ha reducido al 0%. La liberalización cambiaria y la estabilización monetaria han permitido unificar el mercado sin provocar una fuga masiva hacia el dólar. El cuarto logro es esencial: el saneamiento fiscal. En 2023 Argentina acumulaba un déficit fiscal superior al 4% del PIB y un déficit cuasi fiscal cercano al 10% del PIB, generado por la emisión constante de pesos para pagar los intereses de la deuda del Banco Central. Hoy, ni uno ni otro existen. Sin déficit y sin emisión endógena, la inflación deja de alimentarse y el peso recupera credibilidad. Con la estabilización en marcha, la economía ha entrado en recuperación. El PIB del segundo trimestre de 2025 es un 4% superior al del último trimestre de 2023\. Si se analiza mes a mes, la actividad económica de septiembre de 2025 supera en un 5% la de noviembre de 2023 (todo ello, corrigiendo ya por el componente estacional). Que la economía crezca durante un ajuste fiscal tan profundo no es habitual: indica que la normalización institucional ha compensado con creces el impacto contractivo. En materia laboral, el ajuste tampoco ha deteriorado el empleo. Al contrario: hay 330.000 personas ocupadas más que dos años antes. En el sector privado, el incremento es de 667.000 trabajadores, mientras que el empleo público se ha reducido en 367.000\. Por primera vez en mucho tiempo, Argentina crea empleo neto en el sector productivo y reduce plantillas estatales infladas e ineficientes. > “Por primera vez en mucho tiempo, Argentina crea empleo neto en el sector productivo y reduce plantillas estatales infladas e ineficientes.” La mejora macroeconómica también se refleja en el terreno social. Antes de que Milei asumiera, la pobreza superaba el 41% de la población (y habría sido mucho mayor de haber estallado la incipiente hiperinflación). Hoy está a punto de caer por debajo del 30%. Una reducción de 11 puntos porcentuales en apenas dos años, lejos de ser incompatible con el ajuste, es su consecuencia directa: cuando desaparece la inflación, los ingresos reales dejan de erosionarse y vuelven a crecer. Y, contra lo que muchos pronosticaban, la desigualdad no ha aumentado. De hecho, los indicadores disponibles apuntan a una ligera tendencia descendente. Reducir la pobreza estrecha automáticamente la distancia entre los que menos tienen y el resto: la desigualdad se corrige desde abajo, no desde arriba. > “Reducir la pobreza estrecha automáticamente la distancia entre los que menos tienen y el resto: la desigualdad se corrige desde abajo, no desde arriba” El décimo y último logro es el que explica todos los anteriores: la contundente reducción del tamaño del Estado. El gasto de la Administración Central ha pasado del 21,3% del PIB en 2023 al 16,5% en 2025, su nivel más bajo desde 2008\. Una consolidación fiscal de cinco puntos del PIB en dos años es algo pocas veces visto en la historia, y menos aún sin hundimiento económico. Pero era imprescindible para dejar atrás el déficit crónico y la inflación estructural. Un Estado que gasta menos deja de endeudarse. Un Estado que deja de endeudarse reduce su prima de riesgo. Una prima de riesgo más baja estabiliza el tipo de cambio. Y un tipo de cambio estable permite desinflar la economía sin controles de capitales. Este encadenamiento causal es la columna vertebral de la estrategia de Milei, y los datos muestran que ha funcionado. En dos años, el presidente argentino ha logrado mucho más que frenar una dinámica cuasi hiperinflacionaria: ha sentado las bases para reconstruir un país devastado por décadas de mala gestión económica. Pero también ha elevado el listón de las expectativas. No se ha limitado a prometer estabilidad: ha prometido convertir a Argentina en el país más libre y próspero del planeta. Para alcanzar esa meta, el camino está claro: profundizar en la reducción del gasto, bajar impuestos, privatizar empresas públicas y desmontar la maraña regulatoria que sigue estrangulando la actividad. Menos Estado, más mercado y más libertad. Si Argentina persevera, dentro de dos años podrá afirmarse que el país, por fin, ha dejado atrás su larga decadencia. Y que la libertad económica empieza a demostrar —también allí— su capacidad para sacar a los países de la trampa de la pobreza. ### Zehn frohe Botschaften von Javier Milei: Der radikale Kurs funktioniert URL: https://www.schweizermonat.ch/zehn-frohe-botschaften-von-javier-milei-der-radikale-kurs-funktioniert/ Last updated: 2025-12-09T16:36:54.000Z Lea [aquí](https://schweizermonat.ch/argentina-dos-anos-despues-el-giro-historico-de-javier-milei?ref=schweizermonat.ch) la versión española. Read [here](https://schweizermonat.ch/argentina-two-years-later-javier-mileis-historic-course-correction?ref=schweizermonat.ch) the english version. Vor zwei Jahren, am 10\. Dezember 2023, hat Javier Milei sein Amt als argentinischer Präsident angetreten. Um die Dimension des seither eingetretenen Wandels zu erfassen, lohnt der Blick auf den Ausgangspunkt: ein Land mit einer jährlichen Inflationsrate von 160 Prozent, einer diskreditierten Währung, einem durch zahlreiche Kapitalverkehrskontrollen zersplitterten Devisensystem und einem Staat am Rand der Insolvenz. Argentinien steuerte auf eine Hyperinflation zu. Milei war angetreten mit dem Versprechen, zuerst die makroökonomische Stabilisierung herzustellen und anschliessend die Wirtschaft zu liberalisieren. Heute lässt sich präzise beurteilen, in welchem Ausmass er dieses Versprechen eingelöst hat. Der erste und sichtbarste Erfolg ist der dramatische Rückgang der *Inflation*. Im November 2023 lag die Jahresrate bei mehr als 160 Prozent und stieg weiter. Heute beträgt sie rund 30 Prozent und fällt kontinuierlich. Es handelt sich keineswegs um einen reinen Basiseffekt, sondern um die Wiederherstellung der Währungsstabilität, eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Realwirtschaft wieder anspringt und Haushalte wie Unternehmen zuverlässig planen können. Der zweite Erfolg ist die deutliche Verringerung der Risikoprämie, also der Aufschlag, den Argentinien gegenüber vergleichbaren US-Staatsanleihen zahlen muss. Ende 2023 lagen die argentinischen Zinssätze rund 25 Prozentpunkte über jenen der USA. Das war ein klares Signal dafür, dass die Märkte den Staat faktisch als insolvent einstuften. Heute liegt die Risikoprämie bei etwa 6 Prozentpunkten. Ein Rückgang dieser Grössenordnung ist einzig durch die Verbesserung der öffentlichen Finanzen zu erklären. Der dritte Erfolg ist das Verschwinden der Wechselkurslücke. Bis 2023 existierten zwei parallele Devisenmärkte: ein streng rationierter offizieller Markt und ein informeller, auf dem der Dollar beinahe dreimal so teuer war. Diese Verzerrung war das Ergebnis von Kapitalverkehrskontrollen und des völligen Vertrauensverlusts in den Peso. Heute ist diese Differenz praktisch auf null geschrumpft. Die Liberalisierung des Devisenmarktes und die geldpolitische Stabilisierung ermöglichten die Zusammenführung des Marktes, ohne dass es eine massive Kapitalflucht in den Dollar gab. Der vierte Erfolg ist grundlegend: die *fiskalische Sanierung*. 2023 verzeichnete Argentinien ein Haushaltsdefizit von mehr als vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sowie ein quasifiskalisches Defizit (Verluste der Zentralbank ausserhalb des Haushalts) von rund zehn Prozent des BIP, verursacht durch ständige Geldschöpfung zur Bedienung der Zinsverpflichtungen der Zentralbank. Heute existiert keines von beiden mehr. Ohne Defizite und ohne endogene Geldemission verliert die Inflation ihren Treibstoff und der Peso gewinnt an Glaubwürdigkeit. **Mehr Jobs in der produktiven Wirtschaft** Der fünfte Erfolg ist der erneute wirtschaftliche Aufschwung. Mit der Stabilisierung ist die Wirtschaft in eine Erholungsphase eingetreten. Die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2025 liegt vier Prozent über der des letzten Quartals 2023\. Dass eine Wirtschaft während einer so tiefgreifenden fiskalischen Anpassung wächst, ist selten und zeigt, dass die institutionelle Stabilisierung den konjunkturellen Gegenwind mehr als aufgewogen hat. Der sechste Erfolg betrifft den Arbeitsmarkt. Auch der *Arbeitsmarkt* hat unter dem Anpassungsprozess nicht gelitten. Im Gegenteil, heute sind 330 000 Menschen mehr beschäftigt als vor zwei Jahren. Im Privatsektor entstanden 667 000 neue Stellen, während der öffentliche Sektor 367 000 Stellen abgebaut hat. Erstmals seit Langem schafft Argentinien netto Arbeitsplätze im produktiven Bereich und baut den überdimensionierten, ineffizienten Staatsapparat ab. Der siebte Erfolg ist der deutliche Rückgang der Armut. Die makroökonomische Stabilisierung zeigt sich auch im sozialen Bereich. Vor Mileis Amtsantritt lag die *Armutsquote* bei mehr als 41 Prozent der Bevölkerung, und sie wäre ohne die Eindämmung der sich abzeichnenden Hyperinflation noch deutlich höher ausgefallen. Seither ist sie auf rund 30 Prozent gefallen. Ein Rückgang um elf Prozentpunkte in nur zwei Jahren ist nicht nur mit dem fiskalischen Anpassungskurs vereinbar. Er ist vielmehr dessen direkte Folge. Verschwindet die Inflation, hören die realen Einkommen auf zu schrumpfen und beginnen wieder zu steigen. Der achte Erfolg ist die leichte Verringerung der Ungleichheit. Entgegen vielen Prognosen ist die *Ungleichheit* nicht gestiegen. Im Gegenteil, die vorliegenden Daten deuten auf einen leichten Rückgang hin. Sinkende Armut verringert automatisch den Abstand zwischen unteren Einkommensgruppen und dem Rest der Bevölkerung; Ungleichheit wird von unten korrigiert – nicht durch eine Umverteilung von oben. > «Ungleichheit wird von unten korrigiert – nicht durch eine Umverteilung von oben.» Der neunte Erfolg ist die umfassende makroökonomische Normalisierung. Der zehnte und entscheidende Erfolg ist derjenige, der all die vorherigen erklärt: die entschlossene Verkleinerung des Staates. Die Ausgaben der Zentralverwaltung sind von 21,3 Prozent des BIP im Jahr 2023 auf 16,5 Prozent im Jahr 2025 gesunken – der niedrigste Wert seit 2008\. Eine fiskalische Konsolidierung um fünf Prozentpunkte des BIP in nur zwei Jahren ist historisch aussergewöhnlich und umso bemerkenswerter, als sie ohne wirtschaftlichen Einbruch erreicht wurde. Doch sie war notwendig, um das chronische Defizit und die strukturelle Inflation zu überwinden. Ein Staat, der weniger ausgibt, verschuldet sich nicht weiter. Ohne neue Schulden sinkt die Risikoprämie. Eine niedrigere Risikoprämie stabilisiert den Wechselkurs – und ein stabiler Wechselkurs ermöglicht eine Inflationsbekämpfung ohne Kapitalverkehrskontrollen. Diese Kausalkette bildet das Rückgrat von Mileis Strategie, und die Daten zeigen, dass sie funktioniert hat. Der Weg dorthin ist klar: weitere Ausgabensenkungen, niedrigere Steuern, die Privatisierung staatlicher Unternehmen und der entschlossene Abbau des regulatorischen Dickichts, das die wirtschaftliche Aktivität weiterhin bremst. Weniger Staat, mehr Markt, mehr Freiheit. Bleibt Argentinien auf diesem Kurs, wird man in zwei Jahren sagen können, dass das Land seine lange Phase des Niedergangs hinter sich gelassen hat. Die wirtschaftliche Freiheit hat die Kraft, Länder aus der Armutsfalle zu holen – auch Argentinien. ### Wir werden regiert von Undankbaren URL: https://www.schweizermonat.ch/wir-werden-regiert-von-undankbaren/ Last updated: 2025-12-08T13:56:38.000Z «Kinder an die Macht!», sang Herbert Grönemeyer 1986\. Das ist keine gute Idee. Kinder sind zwar etwas unglaublich Schönes. Aber sie sind auch abhängig, egoistisch und undankbar. Evolutionsbiologisch macht das durchaus Sinn. Kinder, die nicht schreien, quengeln und anderen das Essen wegnehmen, haben in der Menschheitsgeschichte nicht lange überlebt. Dagegen bringen Verantwortungsbewusstsein, Demut, Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft keinen unmittelbaren Selektionsvorteil. Und doch sind sie essenziell für das Funktionieren einer Gesellschaft. Erwachsen zu werden, bedeutet, selbstständig zu werden, zu lernen, Rücksicht auf andere zu nehmen und ihnen mit Anstand zu begegnen. All das kommt nicht von allein. Auch Dankbarkeit muss erlernt und gelehrt werden. Doch sie ist keine Einbahnstrasse: Leute, die sich in Dankbarkeit üben, [haben seltener Depressionen, weniger Herzkrankheiten und schlafen besser](https://www.nzz.ch/sachbuecher/was-uns-eine-tasse-kaffee-ueber-dankbarkeit-lehrt-ld.1455448?ref=schweizermonat.ch). **Jagd auf Sündenböcke** Politisch zahlt sich Dankbarkeit hingegen nicht aus. Im Gegenteil. Die stärkste Währung im politischen Wettbewerb sind Groll und Ressentiments: gegen Reiche, Ausländer, Männer, Feministinnen, Hauseigentümer oder Autofahrer. - Zohran Mamdani gewann in New York kürzlich die Wahl zum Bürgermeister mit einem Programm, das vor allem [hochgebildete Junge](https://peterturchin.substack.com/p/revolt-of-the-credentialed-precariat) anspricht, die das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. Er präsentiert ihnen passende Sündenböcke – Supermarktketten, Hauseigentümer oder Konzernchefs – und tröstet sie mit Goodies wie Gratis-ÖV oder Mietendeckel. Zur Erinnerung: Mamdani ist Spross einer wohlsituierten Familie aus Uganda und wurde 2018 in den USA eingebürgert. Er bedankte sich bei seinem neuen Heimatland, indem er kurz darauf forderte, Statuen abzureissen und der Polizei die finanziellen Mittel zu streichen. - Groll ist allerdings kein Monopol der Linken: Das Programm von Donald Trump funktioniert ähnlich – bloss, dass bei ihm die Sündenböcke die Chinesen, Immigranten und Pharmaunternehmen sind. Zur Erinnerung: Trump ist Sohn eines millionenschweren Immobilienunternehmers, fühlte sich aber sein ganzes Leben lang ungerecht behandelt und von dem ihm zustehenden Status ausgeschlossen. So viel zum Thema Dankbarkeit. - In der Schweiz bedienen Linke und Rechte ebenfalls Ressentiments. Für die teuren Wohnungen werden wahlweise gierige Hauseigentümer oder Zuwanderer verantwortlich gemacht. Dass es für Landbesitzer absurd schwierig geworden ist, neuen Wohnraum zu schaffen, kehren beide Seiten unter den Teppich – sonst müssten sie nämlich sich selbst und ihre Regulierungswut an der Nase nehmen. - Auch das derzeitige Ringen um das Entlastungspaket für den Bundeshaushalt ist ein unwürdiges Schauspiel. Eigentlich ist die Sache denkbar einfach: Der Staat kann auf die Dauer nicht mehr ausgeben als einnehmen (ausser er verschiebt das Problem in die Zukunft in Form höherer Schulden und/oder Inflation). Deswegen hat das Volk 2003 die Schuldenbremse in der Verfassung verankert. Nun zeichnet sich allerdings immer deutlicher ab, dass nicht genug Geld da ist, um die exponentiell wachsenden Ansprüche zu befriedigen. Das vom Bundesrat geschnürte Entlastungspaket löste bei Mitte-links dennoch Empörung über ein angebliches «Abbauprogramm» aus – obwohl gar nichts abgebaut, sondern lediglich das Wachstum der Ausgaben etwas gebremst würde. Doch selbst das ist für die Politiker im Bundeshaus offensichtlich nicht zumutbar. Somit läuft es wohl auf eine Aushebelung der Schuldenbremse oder höhere Steuern hinaus. Die westlichen Demokratien werden offenbar regiert von Erwachsenen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes kindisch aufführen: Sie sind unselbstständig, selbstgerecht und undankbar. Weihnachten ist die Zeit der Dankbarkeit. Vielleicht eine gute Gelegenheit, die kindische Attitüde abzulegen und Verantwortung zu übernehmen. Abonnieren Sie den Newsletter Leuzinger’s Liste [hier](https://schweizermonat.ch/newsletter/?ref=schweizermonat.ch). ### Macher und Denker #23: Liliane Ritzi und Marcel Niggli URL: https://www.schweizermonat.ch/macher-und-denker-23-liliane-ritzi-und-marcel-niggli/ Last updated: 2025-12-03T15:20:58.000Z Diese Folge wurde am 18\. November 2025 im aufgenommen. ### Fit durch die Polykrise URL: https://www.schweizermonat.ch/fit-durch-die-polykrise/ Last updated: 2026-01-12T12:07:30.000Z In den letzten Jahren sind das Fitnesstraining an Maschinen und monotone Kraftübungen mit Hanteln zunehmend in Verruf geraten. Flexibles, «funktionelles Training» mit dem eigenen Körpergewicht steht hoch im Kurs und verspricht spürbaren Nutzen im Alltag oder für spezifische Sportarten, ja einen für alle Eventualitäten gerüsteten Körper. Koordinativ anspruchsvolle Übungen, die mehrere Muskelgruppen gleichzeitig beanspruchen, verdrängen vermehrt die in festen Bahnen verlaufenden Isolationsübungen an Maschinen wie der Brustpresse oder eingelenkige Hantelübungen wie Bizepscurls. Die Überlegung dahinter: Maschinentraining und repetitives Hantelstemmen können zwar Muskelmasse und Kraft aufbauen, doch der Körper bildet keine eigentlichen Fertigkeiten aus. Da die Bewegungen immer gleich verlaufen, werden manche Muskelfasern kaum oder gar nicht beansprucht. Eingespannt in die Maschine fallen zudem wichtige Aspekte wie feinmotorische Stabilisierungsarbeit weg. Funktionelles Training soll Fitness natürlicher und lebensnäher machen. Unter dem Aspekt der Funktionalität ist das neue Trainingsprinzip überzeugend. Funktionelles Training macht den Körper alltagstauglicher und kann sowohl sportartspezifischen als auch therapeutischen Mehrwert haben. Bodybuilder hingegen mögen zwar eine beeindruckende Muskulatur besitzen, doch ob sie diese im Alltag oder in einer Sportart sinnvoll einsetzen können, steht auf einem anderen Blatt. Kräftig auszusehen, zählt für sie mehr als die Kraft selbst. Bodybuilder sind eher Künstler und Ästheten als Athleten. Mit Gesundheit hat ihre Praxis nur am Rande zu tun. ## Zurück zu vernünftiger Fitnesskultur Doch Funktionalität ist kein aus der Geschichte entrückter Wert an und für sich. Je nach Kontext ist sie mal wichtiger, mal nicht. Trainingslehren sind nie bloss rationale Optimierungsmassnahmen, sondern tragen stets auch unausgesprochene oder unbewusste, zeitgebundene ideologische, kulturelle, soziale und politische Elemente in sich. Betrachtet man funktionelles Training unter diesem Blickwinkel, erscheint sein Boom nicht als Ausdruck einer nach frivolen körperästhetischen Eskapaden – endlich! – zur Vernunft zurückgekehrten Fitnesskultur, sondern als ein Teil im veränderten kulturellen Puzzle des Zeitgeists. > «Kräftig auszusehen, zählt für sie mehr als die Kraft selbst. Bodybuilder sind eher Künstler und Ästheten als Athleten. Mit Gesundheit hat ihre Praxis nur am Rande zu tun.» In der Hinwendung zum funktionellen Training zeigt sich eine wachsende Skepsis gegenüber einer autonomen Körperästhetik, die sich selbst genug ist: Körperkunst um der Körperkunst willen ist wie *l’art pour l’art*. Ähnliche Tendenzen gibt es auch im zeitgenössischen Kunstbetrieb, wo autonome Kunst ohne unmittelbare gesellschaftliche Funktion zunehmend kritisch beäugt wird; und ebenso im heutigen wissenschaftlichen Betrieb, in dem Forschung ohne direkt ersichtlichen Nutzen oft unter Rechtfertigungsdruck steht. Die Haltung, dass nur zählt, was eine messbare gesellschaftliche Funktion erfüllt – und alles andere als dekadent gilt –, hat auch hier Konjunktur. Man kennt dieses Muster aus links- wie rechtsautoritären Regimen: Autonome Kunst und eine selbstreferenzielle Ästhetik sind ein Fetisch bürgerlicher Dekadenz und liberalen Ausweichlertums! Pumpen für die pure Form, das kann’s doch nicht sein! In diesem Sinne war Bodybuilding in der Sowjetunion als Sinnbild westlicher Dekadenz und als Hort asozialen Individualismus verpönt. ## Für schwere Zeiten gewappnet Die Skepsis gegenüber autonomer Körperästhetik und die gleichzeitige Huldigung des Funktionalen hängen aber auch zusammen mit einem wachsenden Krisenbewusstsein. Die Körper der Gegenwart sollen nicht mehr nur so aussehen, als seien sie stark, gesund, fit und belastbar. Das war in relativ sicheren Zeiten möglich. Heute, in der viel beschworenen Polykrise, müssen sie es auch tatsächlich sein. Schwäche und Dysfunktionalität, so mag mancher denken, kann man sich nicht mehr erlauben. Wer weiss, was noch kommt! Und da wir obendrein in einer Ära der umfassenden Vernetzung – von Multi-, Trans- und Interdisziplinarität leben –, ist es nur folgerichtig, dass auch die Muskeln nicht mehr isoliert trainiert werden. In diesem Licht ist funktionelles Training keine selbstevidente Disziplin, sondern ein Sittenbild der Gegenwart. ### Nicht Subventionen retten das Klima, sondern Innovation URL: https://www.schweizermonat.ch/nicht-subventionen-retten-das-klima-sondern-innovation/ Last updated: 2025-12-02T11:17:45.000Z Nach wochenlangen leeren Versprechungen ist der COP30-Klimagipfel in der brasilianischen Amazonasmetropole Belém mit [einem «Abkommen» zu Ende gegangen, das nichts Messbares für das Klima](https://www.reuters.com/sustainability/cop/cop30-talks-grind-into-overtime-eu-objects-proposed-deal-2025-11-22/?ref=schweizermonat.ch) bringt, aber politisches Kapital und Milliarden an Zusagen verschwendet. [Aktivisten kritisieren](https://insideclimatenews.org/news/22112025/cop30-backpedals-on-climate-action/?ref=schweizermonat.ch), dass das neueste Klimaabkommen keine Einigung über den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen beinhalte. Das ist die Realität, die sich durchsetzt. Arme und mittelständische Länder, in denen etwa 85 Prozent der Menschheit leben, weigern sich zu Recht, Wachstum und Armutsbekämpfung auf dem Altar der Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad zu opfern. Und die westlichen Nationen haben trotz ihrer grossen Versprechungen nur noch einen geringen und schwindenden Einfluss auf den Verlauf der globalen Erwärmung. **Verlagerung in andere Länder** Seit Jahrzehnten geben westliche Regierungen, vor allem in der Europäischen Union – der reichsten Gruppe von Nationen, die noch Teil des vor zehn Jahren abgeschlossenen [Pariser Klimaabkommen](https://www.bbc.co.uk/news/articles/c93d59d4zy1o?ref=schweizermonat.ch)s ist –, der Reduktion von CO₂-Emissionen Vorrang vor höherem Wirtschaftswachstum und geben Billionen Dollar aus, um die Konsumenten davon zu überzeugen, Elektroautos zu kaufen und teurere, weniger zuverlässige Wind- und Solarenergie zu akzeptieren. All diese teuren Bemühungen zeigen kaum Wirkung. Die globale Dekarbonisierungsrate (gemessen als Veränderung der CO₂-Emissionen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt) ist seit den 1960er-Jahren ungefähr gleich geblieben und hat sich auch nach dem Pariser Abkommen von 2015 nicht verändert. Die globalen Emissionen sind in die Höhe geschossen und haben 2024 einen neuen Rekordwert erreicht. Trotzdem fordern Klimaschützer unrealistischerweise, dass die Welt ihre Dekarbonisierungsrate vervierfacht. Warum steigen die Emissionen weiter, obwohl die EU und die USA im Jahr 2024 mehr als 700 Milliarden Dollar für grüne Investitionen wie Sonnenkollektoren, Windturbinen, Batterien, Wasserstoff, Elektroautos und Stromnetze ausgegeben haben? Weil die Emissionen der reichen Welt für den Klimawandel im 21\. Jahrhundert kaum eine Rolle spielen. Während der Westen in den vergangenen Jahrhunderten am meisten CO₂ ausstiess, wird der Grossteil der zukünftigen Emissionen aus China, Indien, Afrika, Brasilien, Indonesien und vielen anderen Ländern kommen, die sich aus der Armut befreien wollen. [Ein aktuelles Szenario](https://data.ece.iiasa.ac.at/ngfs-phase-4?ref=schweizermonat.ch) [zeigt](https://x.com/BjornLomborg/status/1924813252447387813?ref=schweizermonat.ch), dass mit der aktuellen Politik nur 13 Prozent der CO₂-Emissionen im Laufe dieses Jahrhunderts aus den meist reichen westlichen Ländern der OECD kommen werden. Das Versprechen des Westens, bis 2050 Netto-Null zu erreichen, wird Hunderte von Billionen Dollar kosten und wenig bewirken. Höchstwahrscheinlich wird diese Politik lediglich dazu führen, dass energieintensivere Produktionsprozesse in den Rest der Welt verlagert werden, ohne dass sich dies insgesamt nennenswert auf die Emissionen auswirkt. Wir haben das bereits bei der Verlagerung der Herstellung von Elektroautobatterien in Chinas kohlebasierte Wirtschaft gesehen. Sollten die reichen Länder versuchen, dieses Problem mit CO₂-Grenzsteuern zu lösen, werden die Kosten sowohl für die reichen als auch für die armen Länder weiter steigen, während den Armen die Chance auf exportgetriebenes Wachstum genommen wird. > «Im Laufe der Geschichte hat die Menschheit grosse Herausforderungen nicht durch Einschränkungen, sondern durch Innovationen bewältigt.» Selbst unter der superoptimistischen Annahme, dass der Westen bis 2050 seine Emissionen tatsächlich vollständig eliminiert, sinken die globalen CO₂-Emissionen im Laufe des Jahrhunderts um nur 8 Prozent. Die daraus resultierende Verringerung des globalen Temperaturanstiegs ist minimal, wenn man sie durch [das Klimamodell der Vereinten Nationen](https://magicc.org/?ref=schweizermonat.ch) laufen lässt. Bis 2050 wird der Westen den globalen Temperaturanstieg um nur 0,02 Grad reduziert haben. Selbst bis zum Ende des Jahrhunderts wird er um weniger als 0,1 Grad reduziert werden. Die Botschaft des Westens, sich selbst zu opfern, wird in Ländern, die verzweifelt eine energiegetriebene Entwicklung anstreben, nicht viel bewirken. Ärmere Nationen wollen [Deutschlands riesige klimabedingte Schulden](https://clouglobal.com/green-policies-and-economic-strain-lessons-from-germanys-energiewende/?ref=schweizermonat.ch#:~:text=Germany's%20situation%20offers%20lessons%20for%20countries%20initiating,a%20sustainable%20economy%20from%20posing%20financial%20challenges.), [Spaniens grüne Stromausfälle](https://www.wsj.com/opinion/the-physics-behind-the-spanish-blackout-solar-and-wind-power-unstable-grid-8be54b2a?ref=schweizermonat.ch) oder die [rekordhohen Strompreise Grossbritanniens](https://x.com/BjornLomborg/status/1863556124965761277?ref=schweizermonat.ch) nicht kopieren. **Kaum Geld für Forschung** Es gibt einen günstigeren und viel effizienteren Ansatz: Innovation. Im Laufe der Geschichte hat die Menschheit grosse Herausforderungen nicht durch Einschränkungen, sondern durch Innovationen bewältigt. Als in den 1950er-Jahren die Luftverschmutzung Los Angeles einhüllte, haben wir nicht Autos verboten, sondern den Katalysator entwickelt, der sie sauberer machte. Als in den 1960er-Jahren ein Grossteil der Welt hungerte, zwangen wir nicht alle, weniger zu essen, sondern entwickelten ertragreichere Nutzpflanzen. Jetzt brauchen wir ähnliche Durchbrüche für grüne Energie – aber die Welt ignoriert Innovationen fast vollständig. Nach den Ölpreisschocks im Jahr 1980 investierten die wohlhabenden Länder mehr als 8 Cent pro 100 Dollar des BIP in grüne Forschung und Entwicklung, um alternative Energiequellen zu finden. Als fossile Brennstoffe billiger wurden, gingen die Investitionen zurück. Als die Klimaproblematik an Bedeutung gewann, haben wir in unserem Bestreben, ineffiziente Solar- und Windenergie zu subventionieren, Innovationen ignoriert. Bis 2023 gaben die reichen Länder immer noch weniger als 4 Cent pro 100 Dollar ihres BIP aus. Die Gesamtausgaben der reichen Länder belaufen sich auf [nur 27 Milliarden Dollar](https://www.iea.org/data-and-statistics/data-tools/energy-technology-rdd-budgets-data-explorer?ref=schweizermonat.ch) – weniger als 2 Prozent der [gesamten Ausgaben für grüne Technologien](https://www.schweizermonat.ch/content/files/assets-bbhub-io/professional/sites/24/951623%5Fbnef-energy-transition-trends-2025-abridged.pdf). Der Westen [sollte](https://www.cambridge.org/9780521763424?ref=schweizermonat.ch) diesen Betrag auf etwa 100 Milliarden Dollar pro Jahr erhöhen. Dies würde es ermöglichen, sich auf Durchbrüche in vielen potentiellen Technologien zu konzentrieren. Wir könnten in die Innovation der Kernenergie der vierten Generation mit kleinen, modularen, typgeprüften Reaktoren investieren oder die Produktion von grünem Wasserstoff zusammen mit der Wasseraufbereitung vorantreiben oder die Batterietechnologie der nächsten Generation, CO₂-freies Öl aus Algen sowie CO₂-Extraktion, Fusionsenergie, Biotreibstoffe der zweiten Generation und Tausende anderer Möglichkeiten erforschen. Keine dieser Technologien ist derzeit effizient, aber es reicht, wenn eine oder wenige davon besser sind als fossile Brennstoffe, damit alle Nationen umsteigen. Ausserdem werden Innovationen nur einen winzigen Bruchteil der aktuellen und zukünftigen Netto-Null-Ausgaben kosten, sodass wir mit grüner Forschung und Entwicklung viel mehr erreichen können, während wir viel weniger ausgeben. Leider haben die Staats- und Regierungschefs, die zum Klimagipfel in den brasilianischen Regenwald geflogen sind, wochenlang über einen «Fahrplan» zur Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe gestritten – ohne Erfolg –, sich weiterhin auf Vorschriften und Subventionen konzentriert und die Kraft intelligenter Forschung und Entwicklung übersehen. Es ist an der Zeit, dass der Westen seine begrenzten Einflussmöglichkeiten erkennt und von verschwenderischen Ausgaben zu bahnbrechenden Technologieinvestitionen übergeht, die tatsächlich Ergebnisse liefern. *Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Leuzinger.* ### Verzicht gibt URL: https://www.schweizermonat.ch/verzicht-gibt/ Last updated: 2025-12-01T13:06:33.000Z «Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.» Diese Worte aus dem kurzen Text [«Der Feldweg»](https://www.schweizermonat.ch/content/files/is-muni-cz/el/1423/podzim2014/ENS210/um/51272721/heidegger%5Fder%5Ffeldweg.pdf) von Martin Heidegger passen wunderbar zur Zeitenwende, die wir in den nächsten zehn Jahren durchmachen dürften. Auch wenn heutige Institutionen und Strukturen kollabieren sollten und wir unweigerlich in unruhiges Fahrwasser steuern, so führt die Reise doch in ein Zeitalter des Überflusses hinein. Die Industrien werden sich mit allen Mitteln bemühen, offene Ohren, Augen, Münder, Hände zu bespielen und zu bedienen, und die Träger dieser zu Kunden zu machen, die zurückkehren. Weil sie wollen. Oder weil sie müssen. Sie müssen, weil sie nicht verzichten können. Sie sind süchtig nach Candy Crush, Chupa Chups und Cheerios. Sie machen Dinge mit, die sie eigentlich ablehnen, weil sie familiäre und finanzielle Verpflichtungen haben und sich nach Sicherheit und Komfort sehnen. Um nichts davon aufgeben zu müssen, nehmen sie Abhängigkeit, Überwachung, Unfreiheit in Kauf. Nicht mal eine ruinierte Gesundheit im digitalen Gefängnis schreckt sie. Wer aber künftig selbstbestimmt und frei leben will, wird sich aktiv für den einen Weg und aktiv gegen viele andere Möglichkeiten entscheiden müssen. *Free To Choose* bedeutet auch *Free To Say No*. Wer Nein sagt, sagt Ja zur Alternative. Verzichten die Schweizer Bürger etwa auf die EU-Integration per Vertrag, müssen sie mutmasslich [pro Jahr mit ganzen 2500 Franken (!) Einkommen weniger auskommen](https://www.nzz.ch/schweiz/als-unternehmer-verlange-ich-dass-sich-die-fdp-zum-eu-paket-bekennt-ld.1888831?ref=schweizermonat.ch) – dafür dürfen sie weiterhin in einem Land leben, das (weit über EU-Niveau) die Weltranglisten des guten Lebens anführt: demokratische Rechte, Wettbewerbsfähigkeit, Lebensqualität. Ein Nein zu offenen Grenzen ist ein Ja zu gezielter Migration. Sie können wählen, auf welche Ausländer sie nicht verzichten wollen – erst recht, wenn der Zuwanderungsdruck wieder so gross wird wie zuletzt während des Zweiten Weltkriegs. Selbst bestimmen und entscheiden müssen ist furchtbar anstrengend, aber eben auch erwachsenes Verhalten. Viel bequemer ist es, alles den EU-Funktionären und EU-Richtern zu überlassen. Doch nicht nur der EuGH drängt sich als Schiedsrichter und Entscheidungsträger auf, sondern zunehmend auch die KI; schon heute schlägt sie auf X selber Community Notes vor, deren Wahrhaftigkeit dann Menschen beurteilen. Gewinnt die KI weiter an Glaubwürdigkeit, wird sie bald alleine festlegen dürfen, was Fakt, was Wahrheit ist. Journalisten, Schriftsteller und Wissenschaftler, die das bisher in einer freien Debatte entschieden, werden von ihr abgelöst. Der [«Überschall-Tsunami»](https://www.schweizermonat.ch/so-dumm-wie-heute-wird-ki-nie-mehr-sein/) KI katapultiert uns aus der Welt, wie wir sie kennen. In der neuen Welt werden immer neue Verlockungen und Ablenkungen es teuflisch schwer machen, den Fokus zu halten. Ja, es war noch nie leicht, ein Ziel konsequent zu verfolgen. Doch wer sich künftig nicht aktiv diszipliniert und in Impulskontrolle übt, wird untergehen. «Wir haben das Gehirn unserer Vorfahren, sind jedoch Versuchungen ausgesetzt, mit denen sie niemals konfrontiert waren», schreibt James Clear in seinem Bestseller «Die 1%-Methode». In der Tat werden die Belohnungen in den künstlich geschaffenen Welten immer mächtiger, die Reize immer verlockender. Reichte einst das Essen eines Apfels für einen Zuckerschock, verfüttert die Lebensmittelindustrie heute konzentrierten Zucker in allen Formen. Wer nie Lob erhält oder nie Sex hat in seinem Leben, für den ist die Ersatzbefriedigung mit Social-Media-Likes oder Pornos immer nur einen Klick weg. Das wahre Glück, überhaupt die Wahrheit, verbirgt sich immer tiefer in der Flut der künstlichen Inhalte. Cyborgs sind wir noch nicht. Doch zu degenerierten Figuren, die vornübergebeugt ständig in ein kleines Gerät starren, sind die meisten von uns schon geworden. Bald kommen die KI-Brillen und dann die Implantate. Und das Leben ohne Smartphone wird immer mehr zur Unmöglichkeit – erst gestern haben die Zürcher Stimmbürger dem [Recht auf ein Offline-Leben](https://www.nzz.ch/zuerich/abstimmung-zum-datenschutz-in-zuerich-initianten-fordern-recht-auf-offline-leben-ld.1910677?ref=schweizermonat.ch) eine Absage erteilt. Mein Motto ändert sich nicht: *Weniger ist mehr*. Darum lesen Sie hier die vorerst letzte Ausgabe von «Grob Gesagt». Nach intensiven Jahren des Schreibens, Diskutierens und Debattierens will ich 2026 etwas innehalten, um Fragen nachzugehen, die mehr Stille und Tiefe brauchen. Wir lesen uns wieder. ### Ausgabe 1120 – Dezember 2025 URL: https://www.schweizermonat.ch/issue/ausgabe-q-1120-november-2025/ Last updated: 2026-05-19T10:08:26.000Z _No content available._ ### Sonderpublikation 52 – Dezember 2025 URL: https://www.schweizermonat.ch/issue/sonderpublikation-52-dezember-2025/ Last updated: 2026-05-19T11:39:39.000Z _No content available._ ### Um frei zu bleiben, muss die Schweiz wagen, die beste Version von sich selbst zu sein URL: https://www.schweizermonat.ch/um-frei-zu-bleiben-muss-die-schweiz-wagen-die-beste-version-von-sich-selbst-zu-sein/ Last updated: 2025-11-28T14:39:57.000Z *Vorbemerkung: Der folgende Text ist eine Rede, die Thomas Zurbuchen am 23\. November an der* [*Ustertag-Feier*](https://www.ustertag.ch/?ref=schweizermonat.ch) *in der reformierten Kirche in Uster hielt. Mit seiner Genehmigung veröffentlichen wir sie hier exklusiv in schriftlicher Form.* Liebe Anwesende Es ist für mich kein selbstverständlicher Moment, heute in einer Kirche zu sprechen. Ich wurde als junger Mensch aus meiner eigenen streng religiösen Familie gedrängt – nicht weil ich schlechte Absichten hatte oder weil entweder ich oder meine Eltern schlechte Menschen waren, sondern weil ich Fragen stellte, für die in der Welt bei mir zu Hause kein Platz war, und weil ich nicht so lebte, wie es von mir erwartet wurde. Und doch stehe ich heute hier, voller Respekt für diesen Raum. Denn Kirchen sind Orte, an denen Menschen seit Jahrhunderten das tun, was auch Wissenschafter tun und was freie Bürger tun: Sie suchen Antworten auf ihre Fragen. Und sie versuchen, die Realität zu verstehen und mit ihr umzugehen. Sie hoffen auf eine gute Zukunft. Auch die Geschichte unseres Landes beginnt nicht mit Gewissheiten, sondern mit diesem Mut – dem Mut von Menschen, die mehr Zukunft wollten als Gegenwart. Der Ustertag von 1830 war ein solcher Moment. Dort stellte ein Volk Fragen, das wenig Macht hatte, aber umso mehr Verantwortung und Hoffnung. Heute, fast zweihundert Jahre später, stehen wir wieder in einer Zeit, in der wir uns fragen müssen, welche Zukunft wir wollen und welcher Mut von uns verlangt wird. Und darum möchte ich über drei Kräfte sprechen, die mich geprägt haben, unsere Geschichte geprägt haben und die wir gerade heute dringender brauchen denn je: *Neugier*. *Ehrfurcht*. *Freiheit*. **Neugier – der Mut, Fragen zu stellen** Neugier ist vielleicht die erste und tiefste Freiheit des Menschen. Sie beginnt schon als Kind – in dieser Phase, in der jedes Gespräch mit «Warum?» anfängt. Wenn wir älter werden, wird diese Stimme leiser. Nicht weil wir keine Fragen mehr hätten, sondern weil Fragen Mut verlangen. Weil sie Beziehungen herausfordern. Weil sie Gewissheiten gefährden. Weil sie uns manchmal allein zurücklassen. Ich weiss das aus eigener Erfahrung – eine Erfahrung, die für mich schwierig war und mich etwas lehrte, das ich noch heute brauche. Ich weiss nun mit Bestimmtheit: Fragen sind kein Zeichen von Schwäche. Fragen sind ein Zeichen von Wahrhaftigkeit. Meine Fragerei war eine Schwäche in der Umgebung, in der ich aufwuchs, aber meine Stärke später. Wissenschafter wie ich sind professionelle Fragesteller, professionelle Zweifler. In der Wissenschaft beginnt alles mit einer Frage ‒ und meistens mit einer unbequemen: Wo ist unser Ursprung? Wie funktioniert die Sonne wirklich? Warum ändert sich das Klima merkbar? Gibt es Leben ausserhalb der Erde? Und in der Demokratie ist es nicht anders. Der Ustertag begann nicht mit Gewissheiten, sondern mit Fragen, gestellt von Menschen ohne grosse Macht, aber mit Verantwortung: «Warum haben wir keine Stimme? Warum soll die Zukunft nicht auch von uns gestaltet werden?» Fragen sind der Anfang von Freiheit – persönlich, politisch und spirituell. Albert Einstein sagte: «Das Wichtigste ist, nicht aufzuhören zu fragen.» Er hatte recht. Ohne Fragen bleiben wir stehen. Ohne Fragen verlieren wir Würde. Ohne Fragen gibt es keine Zukunft. Und wenn jemand versucht, Fragen zu unterdrücken, muss man mehr Fragen stellen, nicht weniger! Ich will zwei Anekdoten erzählen über die Wichtigkeit von Fragen – und insbesondere von Fragen von Menschen, die in der Machthierarchie unten stehen. Das erste Beispiel betrifft das *Hubble Space Telescope*, eine der erfolgreichsten Missionen – und eine Beinahekatastrophe, weil eine Frage nicht gestellt wurde. Das Teleskop war die wichtigste Nasa-Mission in den 1980er-Jahren. Und die Mission hatte den besten Spiegel, der je in den Weltraum flog. Der 2,4-Meter-Spiegel war auf 10 Nanometer genau. Das heisst: Falls der Spiegel den ganzen Zürichsee abdecken würde, wäre die Abweichung kleiner als die Dicke eines Blattes Papiers. Es war fast ein Wunder. Ganz am Schluss wurde der Spiegel durch einen der besten Techniker in diesem Gebiet getestet. Als er seinen Nullkorrektor einstellte, merkte er, dass der Fokus des Spiegels nicht am richtigen Ort war. Was für ein Schrecken – über eine Milliarde in heutiger Währung ausgegeben und etwas war falsch? Was jetzt passierte, ist eine der interessantesten Geschichten in der Weltraumforschung. Statt die Frage zu stellen: «Warum ist das so?», dachte der Techniker: «Offenbar ist bei mir etwas falsch.» Er machte weitere Messungen und merkte, dass er den Nullkorrektor nur um 1,3 Millimeter anheben musste – und dann funktionierte alles. Alles ging nun gut bis zum ersten Bild fast sechs Jahre später – und vor allen Journalistinnen und Journalisten musste Nasa zugeben, dass Hubble unscharf war. Das teuerste Teleskop war von Anfang an kaputt. Nur dank dem Schweizer Astronauten Claude Nicollier und seinen Kolleginnen und Kollegen wurde das Teleskop geflickt, und der Nullkorrektor im Labor des Technikers diente als Vorlage. Wenn etwas nicht stimmt: Bitte fragen, nicht schweigen! Die zweite Geschichte hat mit Chefs zu tun und enthält eine klare Lektion: Wenn jemand Fragen stellt – nimm sie ernst! Diese Geschichte betrifft das Projekt *Pioneer Venus*, bei dem unter anderem eine Sonde an einem Fallschirm in der Atmosphäre abgeworfen wurde. Und sie hat zu tun mit der Arbeit eines Technikers, der in einer Nachtschicht den Auslösemechanismus des Fallschirms montierte. Er arbeitete die ganze Nacht daran und ging am Morgen schlafen. Doch plötzlich fragte er sich, ob er den Sensor richtig eingebaut hatte. Nach seiner Pause kam er zurück und sagte seinem Chef: «Ich glaube, ich habe das falsch gemacht und den Sensor umgekehrt eingebaut – so funktioniert er nicht.» Sein Chef war alles andere als glücklich darüber: «Nein, du hast das gut gemacht, die Qualitätskontrolle hat unterschrieben – es ist alles okay.» Aber der Techniker gab nicht auf. Und so ging es die Treppe hoch, bis am Schluss der Techniker zum Chef des ganzen Nasa-Zentrums vorsprach: «Ich habe es falsch gemacht – ich muss das flicken.» Der Chef war auch nicht zufrieden – wenn man das Zeitfenster für die Mission verpasst, muss man 19 Monate warten; das kostet viel Geld. Aber der Chef sagte: «Okay, let’s check.» Gewisse neu montierte Satellitenteile mussten wieder abmontiert werden, bis man zum Fallschirmauslösemechanismus kam. Man nahm ihn heraus – der Techniker hatte recht: Er war verkehrt eingebaut. Nur wegen seiner Hartnäckigkeit war diese Mission bei der Venus trotz seines ersten Fehlers erfolgreich. Ja, Fragen sind absolut wichtig für den Erfolg von Nasa-Missionen und auch von Dingen, die noch schwieriger sind, zum Beispiel die Gesundheit der Demokratie und unserer Freiheiten. Fragen zu stellen ist wichtig – Fragen wirklich zu hören auch. **Ehrfurcht – das Staunen über den Himmel und die Erde** Ich habe Ehrfurcht beim Beobachten der Natur in Heiligenschwendi gelernt. Mein Nachbar, ein Bauer mit fünf Kühen, kannte alle Orte, wo die besten Orchideen wuchsen. Er nahm sich Zeit, diese Blumen zu bewundern, und er nahm auch meinen Bruder mit. Mein Bruder ist heute Chefgärtner in der Stadt Bern und versteht diese Momente mit den Blumen genauso wie ich, wenn ich als Wissenschafter die Natur betrachte. Ich erinnere mich immer noch daran, wie es sich anfühlte damals im nächtlichen Büro an der Uni Bern, als ich zum ersten Mal etwas über die Natur herausfand, das sonst noch niemand wusste. Plötzlich spürte ich etwas, das grösser ist als jede Erklärung. Ich wusste, dass das wichtiger ist als ich – ich lernte ein Geheimnis über die Natur, die Teil von uns ist. Ich konnte fast nicht schlafen. Dieses Staunen – auf Englisch nennt man es «awe» – ist eine der wenigen Erfahrungen, in denen Glaube und Wissenschaft nicht konkurrieren, sondern sich gegenseitig aufrichten. Ich erinnere mich an den Juli 2022, als ich in einem Raum mit zwei, drei Nasa-Chefs die ersten Bilder des *James Webb Space Telescope* sah. Dieses Teleskop war fast nicht Realität geworden, wegen Fragen, die nicht gestellt oder nicht beantwortet wurden. Ich hatte alle Chefs entlassen müssen und hatte über Jahre ein bis zwei Tage pro Woche mit diesem Projekt verbracht. Und da, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, sah ich das frühe Universum im Infrarotlicht in höchster Auflösung. Es war still im Raum, und ich schaute umher. Ich merkte, dass ich nicht der Einzige war mit Tränen in den Augen. Ja, es waren Tränen der Erleichterung – denn wenn es nicht funktioniert hätte wie bei Hubble, hätten wir es nicht flicken können, da es über 1,5 Millionen Kilometer von der Erde weg ist. Aber es waren auch Tränen der Ehrfurcht, des «awe» – das Universum zeigte sich in vorher nie gesehener Schönheit. Und es geht mir heute immer noch so, wenn ich von diesem Teleskop, aber auch von anderen Missionen neue Bilder sehe. Die Naturgesetze und die Schönheit der Natur geben uns das Gefühl, Teil von etwas Grossem zu sein. Juri Gagarin, der erste Mensch im All, sagte: «Die Erde ist blau… Sie ist unglaublich schön.» Ehrfurcht, dieses Staunen, ist der Beginn von Weisheit. Denn wer staunen kann, möchte bewahren. Wer Ehrfurcht empfindet, versteht Verantwortung ohne Belehrung. Es gibt Wahrheiten, die stehen nicht in Büchern. Sie stehen im Wind, in der Stille, am See und unter Sternen. Je älter ich werde, desto wichtiger scheint mir dies für uns Menschen. Wir wissen, dass die direkte Auseinandersetzung mit der Natur etwas unglaublich Wichtiges für die Menschheit ist. Nicht etwas Modernes, etwas Gelerntes, sondern etwas Ursprüngliches. Nach dem ersten Kapitel der Schöpfungsgeschichte kommt das bereits im zweiten Kapitel: «Und Gott der Herr formte aus Erde alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde; und wie der Mensch jedes Lebewesen nannte, so sollte es heissen.» Die Natur zu benennen heisst, die Natur kennenzulernen. Das gehört zum Menschsein. Und wir wissen heute auch, dass es gesund ist für uns. Menschen, die sich regelmässig solchen Gefühlen aussetzen, sind mental gesünder. Menschen, die etwas Grösseres fühlen, werden besser mit anderen, grosszügiger und vertrauensvoller. Übrigens verringern solche Erfahrungen auch den Blutdruck. Das Motto ist also: Mehr Ehrfurcht – weniger Instagram. Mehr «awe» – weniger Screentime. **Freiheit – Vermächtnis, Hoffnung und der Schweizer Weg** Freiheit ist nicht einfach da. Sie fällt nicht vom Himmel. Sie ist nie selbstverständlich. Freiheit ist ein Geschenk und eine tägliche Entscheidung. Freiheit ist für uns ein Auftrag. Denn Freiheit ist nicht nur ein politischer Zustand. Sie ist eine innere Haltung: der Mut, Verantwortung zu übernehmen, und die Hoffnung, nicht aufzugeben. Es ist leicht, die eigenen Prinzipien zu opfern, wenn der Druck steigt. Es ist leicht, der Angst nachzugeben. Es ist leicht, zynisch zu werden. Aber wer das tut, gibt nicht nur sich auf – er gibt auch die Zukunft seiner Kinder auf. > «Es ist leicht, die eigenen Prinzipien zu opfern, wenn der Druck steigt. Es ist leicht, der Angst nachzugeben. Es ist leicht, zynisch zu werden. Aber wer das tut, gibt nicht nur sich auf – er gibt auch die Zukunft seiner Kinder auf.» Es gibt verschiedene Arten, wie sich Freiheit auf unser Leben auswirkt – in der Forschung, im Unternehmertum und auch in der Verteidigung unseres Landes. Die Forschung von heute ist die wirtschaftliche Stärke von morgen. Wer das Potenzial der Forschung für kurzfristige Prioritäten verbraucht, isst das Saatgut der nächsten Generation – einfach weil er heute Hunger hat. Das ist bequem, aber es macht die Zukunft mager. Forschung und Freiheit gehören eng zusammen: Es braucht Freiheit, um die beste Forschung zu machen. Und gute Forschung gibt den Werkzeugkasten, um Freiheit in Zukunft zu sichern. Viele unterschätzen, wie wichtig offene Gedankenräume für Innovation sind. Seit 1950 stammen ungefähr zwei Dutzend Nobelpreise aus Russland und der Sowjetunion – darunter Alexander Solschenizyn oder Witali Ginsburg, der als Jude jahrelang in Sibirien leben musste. Zählt man die Bürger anderer kommunistischer Staaten dazu – Ostdeutschland, Tschechoslowakei, Polen, China –, kommen vielleicht noch zehn weitere dazu. Das sind rund fünf Prozent aller Nobelpreise der Neuzeit. Der überwältigende Rest kam aus freien oder weitgehend offenen Gesellschaften. Das ist kein Zufall. Wo Freiheit herrscht, wächst Forschung. Und wo Forschung wächst, gedeiht Wohlstand. Wir verdanken dieser Forschung nicht nur den gesamten Deep-Tech-Bereich. Unsere Familien leben länger. Unsere Ärztinnen und Ärzte können Krankheiten früher erkennen und besser behandeln. Unsere Behörden haben Werkzeuge, um Menschen zu schützen. Ein konkretes Beispiel entsteht gerade bei uns: Mit dem GeoLab in Luzern baut die ETH gemeinsam mit Partnern ein neues erdwissenschaftliches Zentrum auf. Wir wollen nicht nur ein paar hundert kritische Orte überwachen – wir wollen das ganze Alpengebiet im Blick behalten. Denn viele Katastrophen der letzten Jahrzehnte kamen nicht von überwachten Orten, sondern von jenen, die niemand beobachtete. Weltraumtechnologie und Werkzeuge der künstlichen Intelligenz helfen also Kandersteg, Blatten und vielen anderen Berggemeinden. Spitzenforschung wächst im Land der Freiheit. Und Freiheit wird nicht nur von autoritären Systemen bedroht. Sie kann auch erstickt werden durch übermässige Bürokratie und Regulierung – etwas, das in vielen unserer Nachbarländer Fuss gefasst hat und das auch uns jederzeit ereilen könnte. In vielen amerikanischen Universitäten arbeiten heute weniger Menschen in Lehre und Forschung als in der unterstützenden Bürokratie. Bürokratie erstickt die Freiheit – und die Forschung. Das wollen wir in der Schweiz nie kopieren! Der Ustertag ist ein Tag der Proklamationen für Freiheit im zweiten Sinne – dem des Aufstandes und des Verteidigungswillens. Die Gründung der Eidgenossenschaft war auch so ein Moment. Und die Schlacht am Morgarten vor ziemlich genau 710 Jahren war ein dritter. Eine kleine, schlecht ausgerüstete Schar stand einer übermächtigen Streitmacht gegenüber. Sie hatten keine besseren Waffen. Keine grössere Armee. Keine stärkeren Verbündeten. Was sie hatten, war: Klugheit, Agilität, Mut und einen unzerstörbaren Willen zur Freiheit. Sie entschieden sich nicht für den Weg der Grossen. Sie entschieden sich für den Weg der Schweiz: wenig Masse, viel Intelligenz. Wenig Grösse, viel Beweglichkeit. Wenig Macht, viel Wille. Unsere Geschichte kennt Momente, in denen dieses Vermächtnis alles andere überstrahlte. Die Schweiz bleibt nicht frei, indem sie eine kleine Version des Auslands wird. Sie bleibt frei, indem sie die beste Version von sich selbst ist: stur, unabhängig, gut organisiert, hoffnungsvoll und bereit, für ihre Zukunft einzustehen. > «Die Schweiz bleibt nicht frei, indem sie eine kleine Version des Auslands wird. Sie bleibt frei, indem sie die beste Version von sich selbst ist: stur, unabhängig, gut organisiert, hoffnungsvoll und bereit, für ihre Zukunft einzustehen.» Dietrich Bonhoeffer schrieb: «Die Freiheit des Menschen besteht darin, Verantwortung zu übernehmen.» Und heute, in einer Welt, die uns testet, brauchen wir diese Freiheit mehr denn je – und Menschen, die sich dafür einsetzen, diese Freiheit am Leben zu behalten. Freiheit ist der Sauerstoff der Demokratie. Wenn man ihn verliert, erstickt zuerst die Debatte, dann die Hoffnung, dann die Zukunft. Aber Freiheit braucht Zeit und muss von jeder Generation weitergetragen und wiedererkämpft werden. Zum Schluss möchte ich einen Gedanken teilen, der mich immer wieder begleitet – gerade in Zeiten der Furcht und des Sorgens. Maya Angelou schrieb einmal: «Mut ist der wichtigste aller menschlichen Werte, denn ohne Mut kann man keine anderen Werte beständig leben.» Dieser Satz beschreibt nicht eine Welt ohne Schwierigkeiten, sondern eine Welt, in der Hoffnung stärker ist als Angst und innere Freiheit stärker als jede äussere Bedrohung und jedes innere Zögern. Neue Kraft entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Vertrauen, durch Miteinander – und durch den Mut, weiterzufragen, weiterzustaunen und weiterzumachen. Denn jede dieser drei Kräfte, über die ich gesprochen habe, braucht Mut: Neugier braucht Mut – den Mut, nicht zu wissen und trotzdem zu fragen. Ehrfurcht braucht Mut – den Mut, das Grössere anzunehmen und zu schützen. Freiheit braucht Mut – den Mut, Verantwortung zu übernehmen für eine Zukunft, die wir nicht geschenkt bekommen, sondern gemeinsam möglich machen. Es ist die Kraft der Neugier, die uns aufbrechen lässt. Es ist die Kraft der Ehrfurcht, die uns unseren Platz erkennen lässt. Es ist die Kraft der Freiheit, die uns befähigt, für die Zukunft einzustehen – für unsere Kinder und für deren Kinder. Wenn wir diese drei Kräfte – und den Mut, der in allen dreien steckt – bewahren, dann können wir aufsteigen wie Adler – nicht über andere, sondern über die Angst, die uns klein machen will. Dann bleibt die Schweiz die Schweiz. Dann bleibt unser Land ein Ort, an dem Neugier gefördert, Staunen möglich und Freiheit verteidigt wird. ### «Das Fiat-Geldsystem hält noch einmal 50 Jahre» URL: https://www.schweizermonat.ch/das-fiat-geldsystem-haelt-noch-einmal-50-jahre/ Last updated: 2025-11-27T15:11:13.000Z Beim Thema Schulden kann man leicht in eine depressive Stimmung verfallen. In immer mehr Ländern türmen sich immer höhere Schuldenberge. Wie lange kann das noch gut gehen? Stehen wir vor einem grossen Crash, einem Systemwechsel gar? Diese und andere Fragen beantwortete der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann am Dienstag in Zürich anlässlich der Vernissage des neusten «Q» zu diesem brandaktuellen Thema. Für viele der rund 80 Teilnehmer überraschend: der trotz Bedenken grundsätzlich entwarnende, positive Grundton seiner Ausführungen. Alarmismus klingt definitiv anders. Straumann, der gemäss Selbstdeklaration keine Schulden hat («nicht einmal eine Hypo»), verweist darauf, wie gut das Fiat-Geldsystem doch eigentlich funktioniert habe und immer noch funktioniere. Das System sei recht stabil, woran auch gelegentliche Börsencrashs nichts ändern würden. Es gebe keine Hyperinflation und ein Streik der Anlagemärkte sei sehr selten. «Kurzfristig ist alles OK. Wir stehen nicht mit dem Rücken zur Wand», meint Straumann. Er jedenfalls habe keine ausgeprägte Sehnsucht nach einem Systemwechsel. **Unflexibler Bitcoin** «Was mir jedoch Sorgen macht, ist der Trend zu immer mehr Schulden und die fehlende Bereitschaft der Politik, einige Stellschrauben anzupassen.» Straumann ist dennoch optimistisch, dass viele Länder noch die Kurve kriegen werden, so wie das Deutschland mit Gerhard Schröders Agenda 2010 geschafft habe. Einen unmittelbar bevorstehenden Systemkollaps kann Straumann jedenfalls nicht erkennen. Im Gegenteil: «Das Fiat-Geldsystem hält noch einmal 50 Jahre», ist er überzeugt. Und mit Blick auf Europa: «Ich erwarte schon, dass die Europäische Zentralbank noch ein paar Mal einspringen wird.» Durch die Übernahme des Euro haben die Länder ihre monetäre Souveränität aufgegeben, was insgesamt nicht zur Stabilität beitrage. Die Euro-Länder wirtschafteten eigentlich in einer «fremden Währung» und könnten nicht mehr abwerten. «Auch deshalb darf die Schweizerische Nationalbank den Franken keinesfalls aufgeben», mahnt der Bargeldliebhaber Straumann. Problematisch sieht Straumann die Rolle von Finanzinstituten, die in ihrer Tendenz Konjunkturzyklen eher verstärken als glätten. Will heissen: Bei gutem Konjunkturverlauf wird Kreditnehmern das Schuldenmachen leicht gemacht. In wirtschaftlichen Krisenzeiten hingegen, wenn es eigentlich mehr Schulden und Investitionen zur Stimulierung der Wirtschaft bräuchte, treten Finanzinstitute auf die Bremse. Trotz dieser Kritik sieht Straumann in der Flexibilität einen grossen Systemvorteil. «Bitcoin als unflexibles System kann das nicht.» **Keine Liberalen in Frankreich** Der US-Dollar ist für Straumann trotz Problemen als globale Leitwährung weiterhin alternativlos. Weder der Euro («Bedeutung stagniert») noch der chinesische Renminbi («Finanzmarkt wird nie offen sein») taugen in vergleichbarer Weise als Reservewährung. Daran könne auch der Staatenbund BRICS nichts ändern. Dieser «bunte Haufen» sei ein taktisches Konstrukt, das in der Geopolitik durchaus Bedeutung erlangen könne, aber nicht, wenn es wie beabsichtigt darum gehe, das Zeitalter der Dollar-Vorherrschaft zu beenden. Entspannt blickt Straumann nach Japan. Das Land sei sehr sicher, und man müsse sich trotz der rekordhohen Staatsschulden keine Sorgen machen. Denn der Verschuldung von 250 Prozent der Wirtschaftsleistung stünden auch erhebliche Guthaben gegenüber. «Wenn man die gegenrechnet, bleibt noch eine Nettoverschuldung von 70 bis 80 Prozent», sagt Straumann. Frankreich sieht Straumann hingegen kritischer. Die Zinszahlungen beanspruchen einen immer grösseren Teil der Regierungsausgaben, was die Anleger mit zunehmender Skepsis und höheren Zinsen quittieren. Auch gebe es in Frankreich keine Liberalen. Dies etwa im Gegensatz zu den USA, wo es durchaus prominente Strömungen gebe, die den Staat und seine Ausgaben zurückdrängen wollten. In Amerika sieht Straumann ein strukturelles Problem. Das Land gibt mittlerweile mehr Geld für Schuldzinsen als für Verteidigung aus. «Doch in Amerika besteht die durchaus berechtigte Hoffnung, die Schulden durch Wirtschaftswachstum, Produktivitätsfortschritte und Inflation runterzubringen.» Grund zu Optimismus gibt dem Historiker auch ein Blick in die Geschichte. So seien im British Empire nach den Napoleonischen Kriegen wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Schulden auf rund 260 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angestiegen. In beiden Fällen habe Grossbritannien die Schulden wieder runtergekriegt. «Es ist also möglich», sagt Straumann. Die Vernissage war der letzte Anlass des abtretenden Chefredaktors Ronnie Grob. Er verabschiedet sich mit einer Geschenkidee: «Schenken Sie zu Weihnachten eine Mitgliedschaft beim Schweizer Monat. Kostet 180 Franken und macht ganz sicher viel Freude.» (Fabian Gull) ### Jede Prognose ist falsch, und doch kann sie hilfreich sein – das gilt auch für die AHV URL: https://www.schweizermonat.ch/jede-prognose-ist-falsch-und-doch-kann-sie-hilfreich-sein-das-gilt-auch-fuer-die-ahv/ Last updated: 2025-11-24T08:51:49.000Z Von einem «Wunder» bei den AHV-Finanzen berichteten Ende August verschiedene Medien. Die AHV steht deutlich besser da als befürchtet. Noch vor einem Jahr klang das ganz anders. So mancher Beobachter fühlt sich an das Bonmot erinnert, das dem Physiker Nils Bohr zugeschrieben wird: «Prognosen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen.» Aber wie genau waren AHV-Prognosen der Vergangenheit tatsächlich (siehe Box), und wo liegen generell die Herausforderungen bei Prognosen zur Altersvorsorge? **Demografie: Kurzfristig präzise, langfristig ungewiss** Auf kurze Sicht lassen sich viele demografische Aspekte erstaunlich präzise voraussagen. Pensionskassen und die AHV wissen ziemlich genau, wie viele Menschen in einem bestimmten Alterssegment im nächsten Jahr sterben werden. Auch die für die AHV so entscheidende Lohnsumme der Erwerbstätigen lässt sich kurzfristig zuverlässig prognostizieren. Doch je länger der Zeithorizont, desto grösser sind die Unsicherheiten. Wie lange die heute 40-Jährigen tatsächlich leben werden, ist mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Medizinischer Fortschritt, Lebensstiländerungen oder gesellschaftliche Entwicklungen können die Lebenserwartung stark beeinflussen und lassen sich kaum abschätzen. Auch die Lohnsumme im Jahr 2050 hängt stark von Annahmen zu Produktivitätswachstum, zu Arbeitsmarktbeteiligung und Zuwanderung ab. Schon kleine Abweichungen wirken sich langfristig massiv aus. **Kapitalmärkte: Kurzfristig unberechenbar, langfristig stabil** Bei den Kapitalmärkten, die vor allem für die zweite und dritte Säule eine zentrale Rolle spielen, verhält sich die Prognosefähigkeit genau umgekehrt. Die Rendite von Aktien im kommenden Jahr ist kaum vorherzusagen. Geopolitische Ereignisse, Wirtschaftskrisen oder Zinsänderungen können die Märkte abrupt bewegen. Entsprechend gross ist die kurzfristige Unsicherheit. Über lange Zeiträume hingegen zeigt sich ein anderes Bild: Die durchschnittliche Rendite an den weltweiten Aktienmärkten ist über Jahrzehnte hinweg deutlich stabiler und damit einfacher zu prognostizieren als über die nächsten Wochen oder Monate. **Die AHV-Prognosen sind erstaunlich genau** *Im Sommer 2024 geriet das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) in die Schlagzeilen: Von einem «Rechenfehler» war die Rede. Tatsächlich waren es nicht falsche Zahlen, sondern zwei problematische Formeln im Modell, die die Ausgaben in der fernen Zukunft überzeichneten. Die kurzfristigen Projektionen blieben auch nach Anpassung im ähnlichen Rahmen. Ob das nun angepasste Modell treffsicherer ist, muss sich erst zeigen.* *Wie zuverlässig die Prognosen des BSV in der Vergangenheit waren, lässt sich hingegen überprüfen. Für einen möglichst langen Vergleich bietet sich das Jahr 2019 an.[1](#fn:1) Vergleicht man die jeweils mittleren Szenarien ab 2008[2](#fn:2) mit dem effektiven Resultat 2019, ergibt sich ein überraschend genaues Bild.* Quelle: AHV-Finanzperspektiven, BSV, [https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialversicherungen/ahv/finanzen-ahv.html](https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialversicherungen/ahv/finanzen-ahv.html?ref=schweizermonat.ch), bei mehreren Szenarien wurde jeweils das mittlere Szenario verwendet; AHV-Finanzergebnis 2019: Schweizerische Sozialversicherungsstatistik, BSV. *Ab den Finanzperspektiven 2011 lag die Schätzung des Umlageergebnisses für 2019 (Einnahmen – Ausgaben ohne Kapitalerträge) im Mittel nur rund 200 Millionen Franken daneben – das sind weniger als 0,5 Prozent der Gesamteinnahmen von 47 Milliarden Franken im Jahr 2019\. Selbst die 2016er-Prognose, die das Umlageergebnis um 400 Millionen zu hoch einschätzte, wich weniger als 1 Prozent von den Gesamteinnahmen ab. Deutlich ungenauer waren aber die früheren Prognosen der 2000er-Jahre. 2008 wurde das Umlageergebnis für 2019 um 2,7 Milliarden Franken zu tief angesetzt – fast 6 Prozent der effektiven Gesamteinnahmen. Die Differenz rührt dabei in erster Linie aus der schlechten Schätzung der Einnahmen.* *Ein entscheidender Faktor sind dabei die Bevölkerungsprognosen des Bundesamts für Statistik, auf die sich das BSV stützt. Diese werden alle fünf Jahre aktualisiert und beeinflussen die AHV-Prognosen erheblich. Vor allem das Ausmass der Zuwanderung wurde in den Szenarien der 2000er-Jahre systematisch unterschätzt. Auch das «Prognosewunder» 2025 ist massgeblich auf höhere Schätzungen zur Zuwanderung zurückzuführen.* **Hohes Risiko beim Kapitalbezug** Die Prognosegenauigkeit bei der Altersvorsorge ist aber nicht nur für den Stimmbürger, sondern auch für die persönlichen Finanzen von hohem Interesse. Die Entscheidung für oder gegen einen Kapitalbezug ist dabei das prominenteste Beispiel. Pensionskassen können die Sterblichkeit ihrer Rentner gut über die nächsten Jahre prognostizieren, da die Stichprobe sehr gross ist. Statistiker sprechen vom «Gesetz der grossen Zahlen». Wer schon einmal beim Roulette am dritten Mal Rot in Folge verzweifelt ist, weiss, wie zentral die Grösse der Stichprobe ist. Nimmt man via Kapitalbezug die Altersvorsorge in die eigene Hand, hat man eine Stichprobengrösse von eins. Damit trägt man das beträchtliche Risiko der eigenen Lebensdauer alleine, ohne Risikoausgleich innerhalb eines Kollektivs. Auch die Stabilität von Aktienrenditen über lange Zeithorizonte hilft der Einzelperson nur bedingt. Entscheidend sind nämlich die kurzfristigen Renditen in den ersten paar Jahren nach der Pensionierung, wenn der Kapitalstock am grössten ist. Die kurzfristige Unberechenbarkeit von Aktienmärkten kann daher die eigene Vorsorge langfristig empfindlich treffen. **Szenarien statt Gewissheiten** Wie lässt sich mit all diesen Unsicherheiten umgehen? Ein bewährtes Instrument sind Szenarien. Seriöse Prognosen spielen verschiedene Annahmen durch und machen Sensitivitäten in den zentralen Ergebnissen sichtbar. Die Redlichkeit auf der politischen Bühne verlangt, dass nicht nur auf jenes Szenario abgestützt wird, das der eigenen Position in die Karten spielt. Auch Privatpersonen sollten kritisch prüfen, ob der eigene Finanzplan konservativen Szenarien standhält: etwa, dass sie und ihr Lebenspartner zu den Glücklichen gehören, welche die Lebenserwartung um zehn Jahre überleben. Reicht das Geld auch noch, wenn gleichzeitig direkt nach der Investition des Kapitalbezugs ein gröberes Beben die Börsen durchschüttelt? Frei nach dem Statistiker George Box gilt: Jede Prognose ist falsch, aber manche sind hilfreich, sofern wir ihre Unsicherheiten verstehen. Grundvoraussetzung für dieses Verständnis ist jedoch, dass man den politischen Schützengraben verlässt. Für die AHV-Prognosen gilt: Ist die Zuwanderung tiefer als erwartet, ist das «Wunder» schnell verpufft. Wächst die Schweizer Bevölkerung dagegen weiter stark, so finanziert der heutige Zuwanderungsboom den gestrigen Babyboom. 1. Mit der 2020 in Kraft getretenen STAF-Reform wurde erstmals seit 1997 die Finanzierung der AHV angepasst. Weitere einnahme- und ausgabeseitige Massnahmen folgten ab 2024 mit der AHV 21\. Diese Effekte waren in den vergangenen Prognosen nicht berücksichtigt, weshalb die Jahre nach 2020 nicht für eine Bewertung taugen.[ ↩](#fnref:1) 2. Die Finanzperspektiven für die AHV sind ab 2008 weiterhin online abrufbar.[ ↩](#fnref:2) ### Die Demografie wartet nicht: Wir müssen unser Vorsorgesystem neu aufstellen URL: https://www.schweizermonat.ch/die-demografie-wartet-nicht-wir-muessen-unser-vorsorgesystem-neu-aufstellen/ Last updated: 2025-11-24T12:19:56.000Z Die Alterung der Bevölkerung ist keine plötzliche Entwicklung, sondern eine schleichende Transformation – eine stille Revolution, die tief in unsere gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen eingreift. Während technologische Disruptionen häufig laut und sichtbar sind, verändert sich die Demografie langsam, aber nachhaltig. Und genau das macht sie so herausfordernd. In der Schweiz ist der Anteil der über 65-Jährigen seit 1970 von rund 10Prozent auf heute über 19Prozent gestiegen. Bis 2050 wird fast jeder dritte Mensch im Pensionsalter sein.[1](#fn:1) Gleichzeitig ist die Geburtenrate seit Jahrzehnten auf einem geringen Niveau – weit unter dem Niveau, das zur Stabilisierung der Bevölkerung nötig wäre. Der demografische Wandel betrifft dabei nicht nur das Vorsorgesystem – er wirft auch Fragen zu unserem Selbstbild als solidarische Gesellschaft auf. Was heisst Generationengerechtigkeit, wenn die Balance zwischen Jung und Alt zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät? Wie sichern wir individuelle Lebensstandards, ohne das Kollektiv zu überfordern? ## Der demografische Druck Der demografische Wandel lässt sich in drei zentralen Entwicklungen zusammenfassen: 1. **Steigende Lebenserwartung** Heute erreichen Männer in der Schweiz im Schnitt ein Alter von 82, Frauen sogar über 86 Jahre (siehe Abbildung 1). Das bedeutet: Die Rentenbezugsdauer verlängert sich deutlich. Bei gleichbleibendem Rentenalter erhöht sich damit der Kapitalbedarf in der zweiten und dritten Säule ebenso wie die Umlagebelastung in der ersten Säule des Vorsorgesystems. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/4_graf.jpg) ****Abbildung 1: Entwicklung der Lebenserwartung in der Schweiz von 1950 bis heute (Quelle: [BFS](https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/lebenserwartung.html?ref=schweizermonat.ch))** 1. **Konstant niedrige Geburtenrate** Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau liegt in der Schweiz seit Mitte der 1970er-Jahre bei rund 1,5 (siehe Abbildung 2) – deutlich unter dem Reproduktionsniveau von 2,1\. Die Folge: Immer weniger Erwerbstätige müssen für immer mehr Rentner aufkommen. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenbezügern – der sogenannte Altersquotient – verschiebt sich stark. Zuletzt hat sich die Geburtenrate sogar nochmals reduziert und liegt auf einem historischen Tiefstwert von 1,3 Kindern pro Frau.**![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/5_1_graf.jpg)** **Abbildung 2:** Entwicklung der Geburtenrate in der Schweiz von 1950 bis heute (Quelle: [BFS](https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/fruchtbarkeit.html?ref=schweizermonat.ch)) 1. **Migration als Korrektiv?** Zwar haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt, dass Zuwanderung einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Erwerbspersonenpotenzials leisten kann. Doch auch diese Strategie hat Grenzen. Politische Akzeptanz, Integrationsfähigkeit und geopolitische Entwicklungen beeinflussen massgeblich, ob Migration langfristig als demografisches Korrektiv funktionieren kann. Zudem altern auch zugewanderte Bevölkerungsgruppen. Somit wird das strukturelle Problem lediglich in die Zukunft verschoben, aber nicht gelöst. Der Altersquotient – definiert als die Anzahl der Personen im Rentenalter (über 65 Jahre) im Verhältnis zur Zahl der Personen im Erwerbsalter (20 bis 65 Jahre) – steigt deutlich an (siehe Abbildung 3). Während heute noch etwa 33 Rentner auf 100 Erwerbstätige kommen, sind es im Jahr 2050 bereits 43 Rentner auf 100 Erwerbstätige. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/5_2_graf.jpg) ****Abbildung 3: Entwicklung des Altersquotienten in der Schweiz von 1995 bis 2050 (Quelle: [BFS](https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/zukuenftige-entwicklung/schweiz-szenarien.assetdetail.34687299.html?ref=schweizermonat.ch))** ## Höheres Rentenalter kaum vermeidbar Die beschriebenen Entwicklungen haben Auswirkungen auf alle drei Säulen des Schweizer Vorsorgesystems: - **AHV:** Das Umlageverfahren steht unter Druck. Bereits heute decken die Lohnbeiträge die Rentenzahlungen nicht mehr vollständig. Der AHV-Fonds wird in den kommenden Jahrzehnten stark beansprucht. Reformen wie eine Erhöhung des Rentenalters oder eine Anpassung des Beitragssatzes sind politisch umstritten, aber ökonomisch kaum vermeidbar. Um das Umlagesystem langfristig zu sichern, braucht es eine Kombination von Massnahmen: Denkbar sind eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters über 65 hinaus, eine stärkere Beteiligung hoher Einkommen oder gar eine teilweise Kapitaldeckung. Mit der Kapitaldeckung ist ein verstärkter Einbezug des AHV-Fonds – also zusätzlich Geld anlegen, statt alles sofort auszugeben – gemeint. Auch Automatismen, bei denen Rentenhöhen oder Rentenalter an die demografische Entwicklung gekoppelt sind, könnten helfen, die politische Blockade zu bewältigen. - **Pensionskassen:** Hier zeigt sich der Druck in Form sinkender Umwandlungssätze. Der demografische Wandel zwingt die Pensionskassen, konservativer zu rechnen. Gleichzeitig wird die Finanzierungslast in der aktiven Phase höher, etwa durch steigende Sparbeiträge und längere Erwerbsphasen. Hinzu kam in den vergangenen Jahren eine systematische Quersubventionierung von Rentenbezügern durch aktive Versicherte. Diese Umverteilung untergräbt das Äquivalenzprinzip (nach dem eine gewisse Gleichwertigkeit von Beiträgen und Ansprüchen hergestellt werden soll) und stellt die zweite Säule in ihrer heutigen Form grundsätzlich infrage. Eine nachhaltige Lösung erfordert nicht nur technische Anpassungen, sondern eine Rückbesinnung auf das Leistungsprinzip – jeder erhält Leistungen, die seinem individuellen Beitrag entsprechen, ohne dass verdeckt eine Generation eine andere finanziert. - **Private Vorsorge:** In einer alternden Gesellschaft wächst der Bedarf an individueller Vorsorge. Doch nicht alle haben die Mittel oder das Wissen, diese Möglichkeiten zu nutzen. Es droht eine zunehmende soziale Ungleichheit bei der Altersvorsorge. Haushalte mit tieferen Einkommen haben weniger Möglichkeiten für private Vorsorge. Hier stellt sich die Frage nach Chancengleichheit: Sollte die dritte Säule stärker staatlich unterstützt werden? Braucht es Bildungsinitiativen, um Finanzwissen und Vorsorgekompetenz breiter zu verankern? Die Zukunft der Altersvorsorge entscheidet sich auch daran, ob wir individuelle Verantwortung sozial verträglich gestalten. ## Vom Ausland lernen Die Schweiz steht mit diesen Herausforderungen nicht allein da. In Dänemark ist die Höhe der Rente direkt an die demografische und wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt: Sinkt die Lebenserwartung oder das Beitragsvolumen, passen sich die Renten automatisch an. In Schweden wiederum wurde die zweite Säule durch staatliche Rahmenbedingungen gestärkt, die eine hohe Kapitaldeckung bei gleichzeitig effizienter Verwaltung ermöglichen. Die niederländische Vorsorgelandschaft hat jüngst eine umfassende Reform eingeleitet, bei der die kollektive Kapitaldeckung mit individueller Ansparlogik kombiniert wird – ein hybrides System, das sowohl Solidarität als auch Eigenverantwortung stärkt. > «Länder wie Dänemark, Schweden oder die Niederlande zeigen, wie Reformmodelle aussehen können – etwa durch automatisierte Anpassungsmechanismen, flexible Rentenalter oder hybride Finanzierungsformen.» Kanada wiederum organisiert seine staatlich anerkannten Pensionsfonds wie den Canada Pension Plan (CPP) nach strikt marktwirtschaftlichen Kriterien – mit professioneller Verwaltung, breiter internationaler Diversifikation und sehr niedrigen Verwaltungskosten. Der CPP Investment Board zählt heute zu den leistungsfähigsten Staatsfonds der Welt. Auch in Deutschland wird derzeit intensiv über die Einführung eines Kapitalstocks in der gesetzlichen Rentenversicherung diskutiert («Frühstart-Rente»), um das Umlageverfahren zu stabilisieren. Viele weitere Länder haben in den vergangenen Jahren das Rentenalter angehoben – ein unpopulärer, aber aus ökonomischer Sicht notwendiger Schritt. Eine zentrale Erkenntnis aus diesen internationalen Erfahrungen lautet: Frühzeitige, transparente und breit akzeptierte Reformen sind der beste Weg, um das Vertrauen in das System zu erhalten – und um die Altersvorsorge nicht zu einem permanenten Sorgenthema werden zu lassen. Besonders erfolgreich sind dabei jene Länder, die nicht nur technische Anpassungen vornehmen, sondern auch gesellschaftliche Narrative neugestalten – etwa durch das Leitbild des «aktiven Alterns» oder durch sozialpartnerschaftlich getragene Reformprozesse. Genannt werden in diesem Zusammenhang häufig Länder wie Schweden, Dänemark, Niederlande, Finnland sowie Japan. Mit «aktivem Altern» ist dabei nicht nur Arbeiten im Pensionsalter gemeint, sondern generell ein selbstbestimmtes, gesundes und gesellschaftlich eingebundenes Leben bis ins hohe Alter. ## Zukunftssicherung ist kein Selbstläufer Otto von Bismarck führte 1889 eine Altersrente mit einem Eintrittsalter von 70 Jahren ein – zu einem Zeitpunkt, als kaum jemand so alt wurde. Heute liegt die Lebenserwartung um Jahrzehnte höher, das Renteneintrittsalter ist aber sogar tiefer. Diese Diskrepanz zeigt, wie stark sich demografische Realitäten und institutionelle Strukturen voneinander entfernt haben. In der öffentlichen Debatte liegt der Fokus oft sehr einseitig auf dem Rentenalter. Doch eine nachhaltige Vorsorgepolitik muss weitergreifen: Wie können wir ältere Menschen besser in den Arbeitsmarkt integrieren? Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der Anpassung von Arbeitsplätzen? Wie schaffen wir Anreize für spätere Pensionierung, ohne unfaire Belastungen zu erzeugen? Auch das Zusammenspiel zwischen den drei Säulen ist bislang kaum Gegenstand einer kohärenten Reformstrategie. Es fehlt an übergreifenden Konzepten, wie das Vorsorgesystem als Ganzes auf den demografischen Wandel reagieren kann, statt nur punktuell Symptome zu behandeln. Antworten auf all diese Fragen und damit also Ansätze für eine nachhaltige Vorsorgepolitik gibt es bereits: Ältere können durch gezielte Weiterbildung, flexiblere Arbeitsmodelle und ein stärkeres betriebliches Gesundheitsmanagement besser im Arbeitsmarkt gehalten werden. Die Digitalisierung unterstützt dies, indem sie Arbeitsplätze altersgerecht gestaltet und neue Beschäftigungsformen ermöglicht. Für eine spätere Pensionierung braucht es flexible Rentenfenster mit fairen Zu- und Abschlägen sowie Anreize, die Arbeit über 65 hinaus attraktiv machen. Zugleich muss das Zusammenspiel der drei Säulen kohärent weiterentwickelt werden – etwa durch automatische Stabilisatoren in der AHV, realistischere Umwandlungssätze in den Pensionskassen und eine stärker geförderte private Vorsorge. Entscheidend ist, dass Reformen transparent, generationengerecht und gesellschaftlich breit akzeptiert sind. Wichtig ist auch zu betonen, dass der demografische Wandel viele Chancen bietet. Eine alternde Gesellschaft ist nicht zwangsläufig eine krisenhafte – sie kann auch Erfahrungswissen, Innovationskraft und neue Märkte hervorbringen. Entscheidend ist, dass wir den Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Gestaltungsauftrag verstehen. Die Reform der Altersvorsorge ist dabei ein Schlüsselthema, das mit Entschlossenheit, Kreativität und Weitblick angegangen werden muss. Der demografische Wandel ist vorhersehbar – und doch wird seine politische und gesellschaftliche Bewältigung kein Selbstläufer sein. Ohne strukturelle Anpassungen wird die Last zwischen den Generationen zunehmend unausgewogen verteilt. Wir brauchen eine faktenorientierte Debatte über das Rentenalter, eine Stärkung der zweiten und dritten Säule, neue Formen der Erwerbsintegration älterer Menschen – und vor allem den Mut, Reformen nicht auf morgen zu verschieben. Denn die Demografie wartet nicht. 1. Bundesamt für Statistik: [Die Bevölkerung der Schweiz im Jahr 2023](https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung.html?ref=schweizermonat.ch).[ ↩](#fnref:1) ### Warten Sie nicht auf die Politik – lassen Sie den Goldesel arbeiten! URL: https://www.schweizermonat.ch/warten-sie-nicht-auf-die-politik-lassen-sie-den-goldesel-arbeiten/ Last updated: 2025-11-24T10:18:50.000Z Die Zukunft der AHV und der zweiten Säule ist ungewiss – nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung. Die [durchschnittliche Altersrente](https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/wirtschaftliche-soziale-situation-bevoelkerung/gleichstellung-frau-mann/einkommen/pension-gap.html?ref=schweizermonat.ch) aus AHV und Pensionskasse beträgt für einen Mann 4375 Franken pro Monat, für eine Frau sogar nur 3000 Franken. Das System steht unter Druck. Die AHV hat ein Finanzierungsproblem, und die Pensionskassenrenten werden mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter sinken. Denn: In der Pensionskasse spart jeder für sich selber, ergo müssen die Renten bei steigender Lebenserwartung gekürzt werden, ansonsten reicht das Geld nicht. Das wurde in der Vergangenheit bereits fleissig gemacht: Die Pensionskassenrenten liegen gemäss dem [VZ-Pensionierungsbarometer 2025](https://www.vermoegenszentrum.ch/vz-ratgeber/studien/vz-studie-pensionierungs-barometer?ref=schweizermonat.ch) heute um 40 Prozent tiefer als im Jahr 2002. Unter diesen Umständen wird die private Vorsorge immer wichtiger. Allerdings wirft die steuerbegünstigte Säule 3a – wenn überhaupt – oft noch weniger Zinsen ab als ein Sparkonto. Ein Beispiel: Eine 30-jährige Person lässt bis zu ihrer Pensionierung 100 000 Franken auf einem Sparkonto ohne Zinsen liegen. Bei einer jährlichen Inflationsrate von durchschnittlich 2 Prozent (Durchschnitt der letzten 100 Jahre in der Schweiz) verliert das Geld bis zur Pensionierung rund die Hälfte an Wert. Ein Umstand, dessen sich viele nicht bewusst sind. > «Wer das Geld jahrzehntelang auf einem Konto ohne Zinsen liegen lässt, muss aufgrund der Inflation mit massivem Kaufkraftverlust rechnen.» Wer im Vorsorgesystem langfristig Vermögen aufbauen möchte, ist also gezwungen, das Geld in der Säule 3a zu investieren. Dabei sollte man sich für einen Anbieter mit tiefen Gebühren entscheiden. Klassische Banken gehören in der Regel nicht dazu. Günstig sind digitale Vermögensverwalter. Das Parlament diskutiert derzeit über eine Erhöhung der Besteuerung beim Bezug der Säule 3a – ein Umstand, der das Vertrauen in das staatlich geförderte Instrument schmälert. Denn: Wenn heute über Steuererhöhungen diskutiert wird, worüber wird dann in 10, 15 Jahren diskutiert? Sind weitere Steuererhöhungen möglich? Es ist unfair, die Regeln während des Spiels zu ändern. ## Privat vorsorgen geht auch ohne Säule 3a Wer völlig unabhängig vom Staat seine Altersvorsorge aufbauen möchte, kann sein Geld im freien Vermögen (auch Säule 3b genannt) anlegen. So profitiert man zwar nicht von Steuerbegünstigungen, dafür unterliegen das Kapital inkl. Kursgewinne- und Dividendenerträge beim Bezug nicht der Kapitalleistungssteuer (Steuer beim Bezug). Hinzu kommen weitere Vorteile: Es gelten keine gesetzlichen Einschränkungen wie in der Säule 3a, der Zugang zum Vermögen ist jederzeit möglich und man kann Anlageklassen und Vermögensallokation frei wählen. Wählt man zudem einen digitalen Broker ohne Depotgebühr, spart man sich zusätzlich die Verwaltungsgebühren, die sonst in der Säule 3a üblich sind. Unabhängig davon, ob man sich bei der privaten Vorsorge für die Säule 3a, das freie Vermögen oder eine Mischung aus beidem entscheidet: Wichtig ist, dass das Geld investiert wird. Historisch gesehen bringen Aktien langfristig die höchste Rendite. Die durchschnittliche Rendite auf dem weltweiten Aktienmarkt lag in den letzten 120 Jahren bei [7,3 Prozent](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-ch-vanguard/content/dam/intl/europe/documents/ch/de/return-book-eu-de.pdf) pro Jahr. Auch das lässt sich an einem Beispiel veranschaulichen: Eine 30-jährige Person investiert jeden Monat bis zur Pensionierung 500 Franken in weltweit gestreute Aktien. Bei einer jährlichen Rendite von durchschnittlich 7,3 Prozent hat diese Person bei der Pensionierung ein Vermögen von 920 700 Franken, also knapp einer Million, zur Verfügung. Effektiv gespart hat sie jedoch nur 210 000 Franken, der grosse Rest entsteht durch Zins und Zinseszins. Nicht umsonst hat Albert Einstein die Macht des *Zinseszinses* als achtes Weltwunder bezeichnet. Für die Altersvorsorge eignen sich insbesondere Aktien-ETFs. Ein ETF ist im Grunde ein Korb, in dem mehrere Aktien liegen, je nach ETF mehrere tausend. So ist das Risiko eines Totalverlusts extrem gering. ETFs kann man direkt an der Börse kaufen und sie sind deutlich günstiger als aktiv gemanagte Fonds von Banken. Zu beachten ist, dass der Anlagehorizont bei Investments in Aktien idealerweise 15 Jahre oder länger beträgt. Auch weitere Anlageklassen wie Gold, Bitcoin und Immobilien können im Sinne der Diversifikation eine sinnvolle Beimischung in das Portfolio sein. Bei Staatsanleihen wäre ich derzeit vorsichtig: Schweizer Staatsanleihen bringen praktisch keine Rendite; bei ausländischen Staatsanleihen ist wegen der weltweit hohen Staatsverschuldungen Vorsicht geboten, es besteht zudem das Risiko von Währungsverlusten. So hat der US-Dollar seit Jahresbeginn gegenüber dem Franken rund 10 Prozent an Wert verloren. ## So reicht das Geld – egal wie alt man wird Während meiner Zeit als Sozialarbeiterin bei Pro Senectute hatte ich zum Beispiel einen Senior in der Beratung, der sich sein Pensionskassenguthaben als Kapital hatte auszahlen lassen. Er hatte es so eingeteilt, dass es für 20 Jahre reicht. Der gute Herr wurde aber fast 100 Jahre alt. Kurz nach seinem 85\. Geburtstag bis zu seinem Tod war er auf Ergänzungsleistungen angewiesen. > «Wer vom Vermögen zehren muss, hat grosse Schwierigkeiten bei der richtigen Einteilung, da die eigene Lebenserwartung eine unbekannte Variable ist.» Es gibt aber eine bessere Strategie, bei der die Lebenserwartung keine Rolle spielt. Wer es schafft, bis zur Pensionierung ein genügend grosses Depot aufzubauen, muss nach der Pensionierung keine Anteile davon verkaufen, sondern kann von Dividenden leben. Ich nenne das die *Goldesel-Strategie*. Die Rendite bei ETFs mit dividendenstarken Aktien beträgt je nach ETF um die 3 Prozent. Wer ein Depot von einer Million Franken hat, erhält bei einer Dividendenrendite von 3 Prozent Dividendenzahlungen von rund 30 000 Franken pro Jahr. Das ist gleich viel wie die jährliche AHV-Maximalrente für eine Einzelperson. Natürlich sind Dividendenzahlungen nicht garantiert; in wirtschaftlich schwachen Jahren können sie ausfallen, auch wenn Unternehmen viel daransetzen, konstant Dividenden auszuschütten. Deshalb braucht es unbedingt einen genügend grossen Liquiditätspuffer. Die Goldesel-Strategie ist aus meiner Sicht der beste Weg für die private Altersvorsorge: Erstens bleibt das Vermögen erhalten und wächst weiter, zweitens werden die Dividenden unabhängig von der Lebenserwartung bis zum Tod und darüber hinaus ausbezahlt. Wer über eine Bank oder Versicherung investiert, muss hohe Gebühren in Kauf nehmen, welche die Rendite stark schmälern. Zudem besteht das Risiko, dass einem unnötige Finanzprodukte aufgeschwatzt werden. Investieren kann man heute problemlos selber, zum Beispiel über digitale Broker wie Swissquote oder Saxo, über digitale Vermögensverwalter wie Findependent, Selma oder Viac oder über Neobanken wie Yuh oder Neon. Bei allen Anbietern kann man automatisierte Sparpläne einrichten – und so quasi im Schlaf investieren. Wichtig ist, dass man sich im Vorfeld das nötige [Grundwissen](https://vorsorge-steffi.ch/uebersicht-die-10-besten-broker-und-digitalen-vermoegensverwalter-in-der-schweiz/?ref=schweizermonat.ch) übers Investieren aneignet. Ich rate davon ab, sich in Sachen Finanzen auf Bank- und Versicherungsberater zu verlassen, denn provisionsbedingt werden uns hier oft überteuerte und unnötige Finanzprodukte angedreht. Heutzutage gibt es zahlreiche Bücher, Onlinekurse, Podcasts und YouTube-Videos, die das Thema Finanzen und Investieren unabhängig und verständlich erklären. ## Finanzwissen ist der Schlüssel Um zu investieren, braucht es Geld. Ein cleverer Umgang mit den eigenen Finanzen ist daher essenziell. Als Grundlage kann die folgende Checkliste dienen: - Ein Budget erstellen, das einen monatlichen Sparbeitrag für Investments vorsieht. - Den Lebensbedarf an die eigenen Verhältnisse anpassen. - Alle Ausgaben tracken, um eine Übersicht über den Finanzfluss zu haben und Sparpotenziale ausfindig zu machen. - Sich in Partnerschaften und Familien rechtlich absichern, zum Beispiel mittels Testaments, Erb- und Eheverträgen. - Das Sparpotenzial bei Steuern und Versicherungen nutzen, zum Beispiel indem man jedes Jahr Krankenkassenprämien vergleicht und allenfalls zu einer günstigeren Krankenkasse wechselt. - Sich regelmässig weiterbilden. - Bei der Stellensuche Pensionskassenleistungen berücksichtigen. Die Unterschiede bei den Pensionskassen sind gigantisch. Trotz gleichem Lohn kann es sein, dass man bei dem einen Arbeitgeber bis zur Pensionierung über 100 000 Franken mehr angespart hat als beim anderen. Finanzwissen ist der Schlüssel für Vermögensaufbau – und folglich für eine optimierte Altersvorsorge. Wer mehr über Finanzen weiss, trifft klügere Entscheidungen im Umgang mit den eigenen Finanzen. ### Der Ruhestand gehört in Rente geschickt URL: https://www.schweizermonat.ch/der-ruhestand-gehoert-in-rente-geschickt/ Last updated: 2025-11-24T06:42:15.000Z Seit mehreren Jahren wächst die Weltbevölkerung immer langsamer. Der «Economist» titelte jüngst sinnbildlich «Peak Human» (Der Höhepunkt der Menschheit) und zeigte auf dem Titelbild eine Familie mit zwei Kindern, die auf einem riesigen Parkplatz auf ihr alleinstehendes Auto zuspaziert. Der Untertitel dazu: «Die Aussichten auf eine leerere Welt». Tatsächlich ist eine fundamentale demografische Umkehr im Gange, die nicht nur Europa erfasst hat, sondern ein weltweites Phänomen geworden ist. Der Grund für diese langsame «Entleerung» ist klar: rückläufige Geburtenraten, die mancherorts bereits die Sterberaten unterschreiten. In Europa fallen insbesondere Deutschland, die grösste Volkswirtschaft des Kontinents, oder Italien auf. Die Bevölkerung Deutschlands wächst um noch drei bis vier Promille pro Jahr. Italiens Einwohnerzahl stagniert schon seit mindestens einem Jahrzehnt. Die Covid-19-Pandemie mag die jüngsten Zahlen verzerrt haben, der langfristige Trend weist dennoch überall auf eine markante Verlangsamung des Bevölkerungswachstums. Ohne Zuwanderung wäre beispielsweise die Bevölkerung Deutschlands bereits seit spätestens der Jahrtausendwende geschrumpft. ## Die Zuwanderung verjüngt die Schweiz Die tiefere Geburtenrate für sich genommen führt zu einem Anstieg des Durchschnittsalters der Bevölkerung – was gemeinhin als «demografische Alterung» bezeichnet wird. Gemäss Eurostat beträgt das Medianalter in Deutschland heute 46 Jahre, 6 Jahre mehr als noch zur Jahrtausendwende; in Italien liegt es bereits bei 49 Jahren. Wenn die Zahl der Jungen schrumpft, nimmt der Anteil der Alten an der Bevölkerung zu: In Deutschland ist heute jeder fünfte Einwohner über 65 Jahre alt, in Italien bereits jeder vierte. Was wir in Italien und Deutschland beobachten, trifft auch auf die Schweiz zu. Die Geburtenrate ist seit der Jahrtausendwende um über 20 Prozent gefallen. 2024 erreichte der Geburtenüberschuss mit noch etwas über 6300 Kindern ein Allzeittief. Auch hierzulande versiegt das natürliche Bevölkerungswachstum allmählich. Das Medianalter der Schweizerinnen und Schweizer ist seit 1990 von 41 auf 46 Jahre gestiegen. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung ist im selben Zeitraum von einem Siebtel auf knapp einen Fünftel angewachsen. Der Vergleich mit Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern endet hier aber schnell. Grund dafür ist die seit über zwei Jahrzehnten hohe Zuwanderung. Als Folge davon ist die Bevölkerung der Schweiz jährlich um fast ein Prozent gewachsen – im gesamteuropäischen Vergleich ein sehr hoher Wert, der nur von Luxemburg und Irland übertroffen wird. Die Zuwanderung erfolgt dabei überwiegend in die erwerbsfähige Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 65 Jahren. Deshalb zeichnen die herkömmlichen Indikatoren zur Messung der Alterung für die Schweiz ein vergleichsweise günstiges Bild. Der Altersquotient – das Verhältnis der über 65-Jährigen zur erwerbsfähigen Bevölkerung – nahm seit der Jahrtausendwende um lediglich 7 Prozentpunkte zu. Der Grund dafür ist, dass der Nenner, die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, um über eine Million Menschen oder 20 Prozent angewachsen ist. Der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung blieb daher erstaunlich stabil bei etwas über 60 Prozent, obwohl die Zahl der über 65-Jährigen im gleichen Zeitraum um rund 660 000 oder 50 Prozent zugenommen hat. Die Zuwanderung hat für die Schweiz einen klar verjüngenden Effekt. Das zeigt sich konkret am Medianalter der ausländischen Bevölkerung, das mit 38 Jahren fast 8 Jahre tiefer liegt als jenes der Schweizerinnen und Schweizer. ## Die «grosse Verlangsamung» der Wirtschaft Grundsätzlich wirken aber auch in der Schweiz die bekannten Mechanismen der Alterung, wenn auch langsamer. Die Auswirkungen dieser Alterung geben Anlass zu Sorge. In wirtschaftlicher Hinsicht lässt eine alternde Bevölkerung ein geringeres Produktivitätswachstum erwarten, was zu Lasten unseres Wohlstandes geht. Die Innovationskraft sinkt und der Prozess der schöpferischen Zerstörung verlangsamt sich, die Jobmobilität der Erwerbstätigen und auch die Gründungsdynamik von Firmen nehmen ab. Es kommt zu einer «grossen Verlangsamung» der wirtschaftlichen Aktivität. Ferner entfällt ein immer grösser werdender Teil der öffentlichen Ausgaben auf die Altersvorsorge und das Gesundheitswesen. Der fiskalische Handlungsspielraum wird kleiner. Die Umkehrung der Wachstumstrends hin zu schrumpfenden Bevölkerungen und einem Anstieg des Durchschnittsalters hat zudem Auswirkungen über die Wirtschaft hinaus. Wie Andreas Reckwitz in seinem Buch über Verlust bemerkt, waren die westlichen Gesellschaften lange Zeit «junge» Gesellschaften – getrieben von einem modernen Fortschrittsimperativ, der sich an der Zukunft orientiert. Die jüngeren, nachwachsenden Generationen waren dabei die Schrittmacher der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit der fortschreitenden Alterung verlieren jedoch das Fortschrittsnarrativ und das Ideal einer zukunftsorientierten Gesellschaft an Anziehungskraft. Mit dem allmählichen Verschwinden der Jungen erlahmen auch der gesellschaftliche Impuls und die Vitalität. Die Innovationskraft und Risikofreude versiegen, das allgemeine Sicherheitsbedürfnis nimmt zu. ## Übersehene Dimension Bemerkenswert ist jedoch, dass der herrschende ökonomische und gesellschaftliche Pessimismus hinsichtlich der Alterung grundsätzlich auf guten Nachrichten für jeden Einzelnen beruht: Im Durchschnitt leben wir heute in fast allen Ländern länger und vor allem länger bei guter Gesundheit. Zur beschriebenen Alterung kommt nämlich eine zusätzliche demografische Dimension ins Spiel, die subtiler ist und im Kontext der negativ konnotierten gesellschaftlichen Alterung oft übersehen wird: die kontinuierlich steigende Langlebigkeit. Wir altern hinsichtlich des Sterberisikos und des allgemeinen Gesundheitszustandes langsamer. Das Narrativ in der Debatte um die Altersvorsorge und die gesellschaftliche Alterung fokussiert auf die altersmässige Zusammensetzung der Bevölkerung, also die steigende Zahl und den steigenden Anteil der alten Menschen relativ zu jenen im Erwerbsalter. Der Langlebigkeitseffekt, also die Art und Weise, wie wir altern, überlagert und dominiert dagegen diesen Alterungseffekt. In der Schweiz mit ihrer hohen Zuwanderung ist dieser Langlebigkeitseffekt besonders bedeutsam. Betrachtet man die Sterbehäufigkeit für jedes Alter, sieht man, dass das Alter der höchsten Sterblichkeit sich seit 1970 von 79 auf gegenwärtig 89 Jahre deutlich nach hinten verschoben hat. Die Mortalität hat sich zudem um diesen höheren Wert verdichtet – sie steigt später und steiler an. Die Phase bis ins hohe Alter ist von einer geringeren Mortalität in jedem Lebensjahr geprägt. Die Wahrscheinlichkeit, etwa an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nicht übertragbaren Infektionskrankheiten zu sterben, ist über die gesamte Lebensspanne bis ins hohe Alter gesunken. Am deutlichsten sichtbar wird dies bei der Kindersterblichkeit, die in den 1970er-Jahren noch bei etwa 5 Prozent im ersten Lebensjahr lag und heute auf unter drei Promille gefallen ist. Als Folge davon ist auch die durchschnittliche Sterberate gefallen. Illustrativ ist etwa auch die Entwicklung der Anzahl Menschen, die das Alter von 100 Jahren erreichen. Diese hat sich von rund 60 Personen im Jahr 1960 auf heute mehr als 2300 erhöht. Die jüngsten Demografieszenarien des Bundesamtes für Statistik lassen erwarten, dass ihre Zahl bis ins Jahr 2050 auf über 25 000 Menschen ansteigen wird. Bereits die Generation Z darf mit einer 30-prozentigen Wahrscheinlichkeit rechnen, die Schwelle der 100-Jährigkeit zu überschreiten. Die früher spektakuläre Ausnahme wird zu einem fast gewöhnlichen Ereignis. Schon heute hat sich die Zahl der 80-Jährigen seit 1990 auf mehr als eine halbe Million Menschen gut verdoppelt und sie macht bereits knapp einen Drittel aller über 65-Jährigen aus. Es ist insbesondere dieses Phänomen, welches den demografischen Wandel nachhaltig prägt, nämlich die stark gestiegene Langlebigkeit, die noch weiter zunehmen wird. ## Rüstige Rentner Nichts wäre falscher, als diese gesteigerte Langlebigkeit generell als fortschreitende Vergreisung zu bezeichnen. Paradoxerweise ist nämlich nicht a priori klar, ob angesichts der zunehmenden Langlebigkeit überhaupt pauschal von einer «gesellschaftlichen Alterung» gesprochen werden kann. Angesichts der steigenden Langlebigkeit und des biologisch langsameren Alterns erscheint heute ein Alter von 70 längst nicht mehr als «alt». Sinnbildlich dafür eine kürzliche Konversation zwischen Wladimir Putin und Xi Jinping am Rande einer Militärparade in Peking, die Journalisten mitbekamen. Putin sagte zu Xi, dass man dank Blutauffrischung und Organtransplantationen bald ein Alter von 150 Jahren erreichen werde und dann 70-Jährige gleichsam noch Kinder sein würden. Beide Autokraten sind heute in ihren 70ern; gemessen an ihrer Ambition, noch lange zu leben und an der Macht zu bleiben, stehen sie tatsächlich erst am Anfang ihres Lebens. Die per gesellschaftliche Konvention festgelegte Schwelle von 65 Jahren, ab der man als «alt» gilt, möglicherweise sogar hilfsbedürftig, und daher in den Ruhestand übergeht, relativiert sich angesichts steigender Langlebigkeit und gestiegener verbleibender Lebenszeit bei anhaltend guter Gesundheit. Das Ergebnis von Alterung und Langlebigkeit zusammengenommen sind rüstige, unternehmungslustige Rentnerinnen und Rentner, gross an der Zahl, aber immer noch jung gemessen an den noch vor ihnen liegenden Lebensjahren. Die Babyboomer sind heute deren sichtbarste Repräsentanten und sie bilden nur den Auftakt für später folgende Generationen, die zwar weniger zahlreich sein werden, aber noch länger leben werden. Während sich das Narrativ der alternden Gesellschaft eher auf das Lebensende konzentriert, steht aus der Perspektive der Langlebigkeit die ganze Lebensspanne im Fokus. Das im 20\. Jahrhundert zur gesellschaftlichen Norm gewordene dreistufige Lebensmodell mit Jugend und Ausbildungszeit, Berufstätigkeit und Familiengründung und schliesslich Ruhestand wird sich zunehmend auflösen und individualisieren. Die meisten staatlichen Massnahmen als Reaktion auf die Alterung zielen lediglich darauf ab, die Parameter dieses dreistufigen Lebens anzupassen – beispielsweise durch eine Anhebung des Rentenalters, eine Senkung der Rente oder eine Erhöhung der Beiträge. Anstatt jedoch die Zeitpunkte wichtiger Übergänge (von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt und in den Ruhestand) festzulegen, sollte die Politik einen Rahmen schaffen, der es den Menschen ermöglicht, ihre eigenen Meilensteine zu wählen. Dazu gehört auch, ein längeres Erwerbsleben zu fördern. Derzeit versucht die Politik, dies durch die äusserst unpopuläre Massnahme der Anhebung des gesetzlichen Rentenalters zu erreichen. Das allein reicht jedoch nicht aus, um Menschen zu befähigen, länger produktiv zu bleiben. Was es braucht, sind Massnahmen, um Menschen jenseits des Alters von 50 Jahren im Erwerbsleben zu halten. Bezeichnenderweise geht die Debatte über die alternde Gesellschaft häufig davon aus, dass alle zusätzlichen Lebensjahre erst am Ende des Lebens hinzukommen. Tatsächlich fällt die Langlebigkeitsdividende aber schon im mittleren Alter an. Und diese Dividende gilt es laufend zu nutzen. Warum alle Wünsche und Sehnsüchte eines gefassten Lebensentwurfes auf die Zeit nach Erreichen des Rentenalters verschieben? Die Herausforderung für die Gesellschaft und jeden Einzelnen besteht darin, diese zusätzliche Zeit im Laufe des Lebens sinnvoll zu nutzen – etwa durch das Erlernen neuer Fähigkeiten. Oder mit den Worten von Karl Marx: «Morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, \[…\], ohne je ein Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker zu werden.» All das wäre über das ganze Leben zu verteilen, anstatt auf die letzten Jahre zu verschieben – nur um dann ernüchtert und frustriert festzustellen, dass es sehr langweilig und gleichwohl anstrengend sein kann, noch so viel Zeit totschlagen zu müssen. ### «Die beste Art, im Gesundheitswesen zu sparen, ist, die gesunde Lebenserwartung zu verlängern» URL: https://www.schweizermonat.ch/die-beste-art-im-gesundheitswesen-zu-sparen-ist-die-gesunde-lebenserwartung-zu-verlaengern/ Last updated: 2025-11-23T22:38:36.000Z **Heike Bischoff-Ferrari, «60 ist das neue 50», sagen viele. Stimmen Sie zu?** Bischoff-Ferrari: 60 kann das neue 50 sein. Wir sehen in der Medizin, dass Menschen unterschiedlich altern. Die gute Nachricht ist, dass heute und insbesondere in der Schweiz mehr Menschen biologisch jünger sind als ihr chronologisches Alter. Das passiert aber nicht automatisch, sondern hat viel mit dem Lebensstil zu tun. **Aber sind die 60-Jährigen tatsächlich biologisch jünger als beispielsweise vor 50 Jahren?** Ja, ganz sicher, auch weil in dieser Zeit die Lebenserwartung gestiegen ist. Trotzdem besteht eine grosse Spannweite, wie eine [Studie](https://dunedinstudy.otago.ac.nz/?ref=schweizermonat.ch) aus Neuseeland gezeigt hat. Die Forscher untersuchten die gleichen Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten, erstmals im Alter von 28 Jahren. In der ersten Untersuchung waren diese Personen fast alle chronologisch und biologisch 28\. Bei der zweiten Untersuchung zehn Jahre später waren alle chronologisch 38, aber biologisch ging die Schere bereits auf. Manche waren biologisch immer noch 28, andere hingegen schon über 50. **Kennen Sie Ihr biologisches Alter?** Nein, ich werde es aber bald wissen. Ich bin Teil einer weltweiten Kohorte, die ihr Blut gibt und regelmässig getestet wird. **Neben dem chronologischen und dem biologischen gibt es auch noch das gefühlte Alter.** Ja. Das hat unter anderem eine [Untersuchung](https://gdi.ch/en/publications/studies/digital-ageing?ref=schweizermonat.ch) des Gottlieb-Duttweiler-Instituts untersucht. Schweizweit wurden Menschen im Alter von 70 bis 80 gefragt, wie alt sie sich fühlen. Die Männer fühlten sich im Durchschnitt 18 Jahre jünger, die Frauen 12 Jahre. **Inwiefern ist das gefühlte Alter relevant?** Das gefühlte Alter korreliert mit der Gesundheit und mit dem biologischen Alter. Auch die mentale Gesundheit spielt eine wichtige Rolle. Wir wissen etwa dank einer Untersuchung der Harvard University, dass Menschen mit einem bestimmten Mindset länger gesund und aktiv sind. **Was zeichnet diese Menschen aus?** Es sind Menschen, die neugierig und offen für Neues sind, sich selbst Sorge tragen und eine gewisse Spiritualität leben. **Die Leute werden also älter und fühlen sich jünger. Gleichzeitig lassen sich in der Schweiz nach wie vor mehr Leute frühpensionieren, als über das ordentliche Pensionsalter hinaus arbeiten.** Das ist kein guter Trend. Untersuchungen weltweit zeigen, dass wir, um die Renten zukünftig zu finanzieren, bis 2050 das mittlere Pensionierungsalter auf 73 Jahre anheben müssten. Aber um das zu schaffen, muss man den Menschen ermöglichen, nicht nur länger zu leben, sondern auch länger *gesund* zu leben. Gemäss der Definition der Weltgesundheitsorganisation ist damit gemeint, ohne Einschränkungen und ohne schwere Erkrankungen aktiv am Leben teilnehmen zu können. **Wie gross ist die Differenz zwischen der Lebenserwartung und der gesunden Lebenserwartung?** In der Schweiz liegt die mittlere totale Lebenserwartung bei 84 Jahren und die gesunde Lebenserwartung bei 71 Jahren. Damit ist die Schweiz bei beiden Zahlen die Nummer 1 in Europa. Aber auch hierzulande hinkt die gesunde Lebenserwartung hinterher. Dieser Gap ist auch wirtschaftlich relevant, da mehr gesunde Lebensjahre einem Land enorme wirtschaftliche Vorteile verschaffen. Gemäss einer aktuellen Publikation der Beratungsfirma McKinsey zu den USA generiert eine Million Dollar, die man in gesunde Langlebigkeit investiert, einen Nutzen von drei Millionen. Denn ein Alterungsprozess, der nicht gesund ist, kostet sehr viel. Dazu bedeuten mehr gesunde Lebensjahre, dass Menschen ihr Potenzial länger aktiv einbringen können. Die beste Art und Weise, im Gesundheitswesen zu sparen, ist, Menschen zu helfen, länger gesund und aktiv zu bleiben. Aber dafür braucht es präventive Massnahmen, die in der heutigen Medizin kaum eine Rolle spielen. Die Medizin von heute ist auf die Behandlung von Erkrankungen fokussiert. **Ist der Gap zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung über die Zeit konstant geblieben?** **Was kann denn der Einzelne tun, um möglichst lange gesund zu bleiben?** Entscheidend ist der Lebensstil. Es gibt sieben Hebel, die jeder nutzen kann und die erwiesenermassen wirksam sind: genügend Schlaf (7 bis 8 Stunden am Tag), Bewegung (6000 bis 8000 Schritte am Tag), Neues lernen, Umgang mit Stress (Achtsamkeitstraining), gesunde Ernährung, zum Beispiel mediterran, soziale Interaktion und nicht rauchen. **Welche dieser sieben Hebel nutzen Sie persönlich?** Ich versuche alle sieben kombiniert anzuwenden. Wir sehen in der Forschung, dass gerade die Kombination kleiner Veränderungen in mehreren Lebensstilfaktoren additive Wirkungen hat. Das kann man auch gut im Alltag umsetzen. Zum Beispiel nutze ich jede Gelegenheit, um mich zu bewegen. Jeder Schritt zählt und jede Treppe ist ein Geschenk. Im Sommer gehe ich oft schwimmen. Das hilft mir, einen Moment abzuschalten. Zugleich regt es die Kreativität an. **Welcher Hebel fällt Ihnen am schwersten zu nutzen?** Ich arbeite sehr viel. Daher komme ich nicht immer auf die empfohlenen sieben Stunden Schlaf. Dafür versuche ich, die Schlafzeit, die ich bekomme, möglichst erholsam zu gestalten. Ich nutze zum Beispiel Achtsamkeitstraining als Einschlafhilfe. Dabei wende ich die Yoga-Technik Yoga Nidra an. Das sind zehn sehr gut investierte Minuten. **Was ist mit medizinischen Eingriffen oder Medikamenten, welche die Langlebigkeit fördern sollen?** Dafür gibt es bis jetzt keine Belege. Derzeit laufen viele Untersuchungen, oft sehr kleine Studien, die keine ausreichenden Belege für die Wirksamkeit und Sicherheit liefern können. Eine untersuchte Medikamentengruppe sind Diabetesmedikamente oder Medikamente zur Behandlung von Übergewicht. Ein Beleg aus einer grossen Studie, dass diese Medikamente bei Menschen ohne Diabetes sicher und wirksam sind, fehlt bisher. Man müsste mit grossen Studien zeigen können, dass diese Medikamente einen enormen Nutzen bei der Reduktion chronischer Krankheiten haben, damit sie angesichts der hohen Kosten für die Volksgesundheit relevant würden. **Im Sommer haben Sie in Basel den «Swiss Campus for Healthy Longevity» eröffnet. Was erforschen Sie dort konkret?** Es geht darum, Menschen zu befähigen, ihre gesunde Langlebigkeit auszuweiten. Dafür baut der Campus zum einen eine einmalige Forschungsplattform auf, in der führende Universitäten ihre Daten und ihre neuen Messmethoden zusammenbringen. Zum anderen bietet der Campus Programme der direkten Nutzbarmachung für die Bevölkerung an. Gegenwärtig arbeitet die Medizin vor allem mit Messwerten, die dann anschlagen, wenn krankhafte Veränderungen bereits etabliert sind und oft nicht mehr reversibel sind. Mit den neuen molekularen Messmethoden zum biologischen Alter, wie epigenetischen Uhren oder Proteom-Handschriften, die das individuelle Alter von Organen anzeigen, können wir krankhafte Veränderungen sehr viel früher erfassen. Das bietet enorme Möglichkeiten für die Prävention und frühzeitige Behandlung. **Wird der Trend, dass die Lebenserwartung und die gesunde Lebenserwartung steigen, immer weitergehen? Können wir das Altern irgendwann ganz überwinden?** Nein. Wir sind eine alternde Spezies, und irgendwann stösst unsere Biologie an ihre Grenzen. Ich finde es wichtig, das zu akzeptieren. Aber wir haben einen grossen Spielraum, was die gesunden Lebensjahre betrifft. Da gibt es enorme Chancen und Innovationen für eine älter werdende Gesellschaft. ### So machen wir die Altersvorsorge fit für den demografischen Wandel URL: https://www.schweizermonat.ch/so-machen-wir-die-altersvorsorge-fit-fuer-den-demografischen-wandel/ Last updated: 2025-11-23T22:59:48.000Z Als die AHV vor bald 80 Jahren eingeführt wurde, war das Umlageverfahren die richtige Wahl, um Renten ab Tag 1 an alle damaligen Rentner auszahlen zu können. Heute ist dieses System jedoch überholt und verhindert nötige Reformen. Wir sollten uns langfristig vom Umlageverfahren lösen und stattdessen jedem Neugeborenen ein Startkapital zur Verfügung stellen, das investiert wird und bei der Pensionierung wieder zurückgezahlt werden muss. Ein solches Vorsorgesystem wäre weniger anfällig für demografische Veränderungen und könnte höhere Renten auszahlen. Die politische Diskussion in der AHV ist festgefahren. Die eine Seite möchte die Renten erhöhen, die andere legt Wert auf eine nachhaltige Finanzierung insbesondere mit Blick auf die demografischen Herausforderungen um die Pensionierung der Babyboomer. Beides legitime, aber gegensätzliche Anliegen. Eine Lösung im heutigen System ist schwierig, weil erschwerend hinzukommt, dass im Umlageverfahren nicht jeder selbst die eigene Rente finanziert, sondern Erwerbstätige via Lohnabgaben. Der resultierende politische Fehlanreiz ist offensichtlich: Wenn nicht ich für die eigene Rente bezahlen muss, ist die Versuchung sehr gross, mir selbst eine zu hohe Rente auszuzahlen. Um die Finanzierung können sich andere kümmern. Das Problem akzentuiert sich gleich doppelt, wenn wie aktuell überproportional viele Personen in Rente gehen. Einerseits gerät die Finanzierung der AHV in Schieflage, weil wenige Erwerbstätige viele Renten finanzieren müssen, und andererseits ist es für die Rentner einfacher, die Erwerbstätigen zu überstimmen. Der Generationenkonflikt ist programmiert. Effizientere, andere Lösungsansätze zur Finanzierung der AHV haben es zudem schwer, weil das Umlageverfahren auf den ersten Blick für die grosse Mehrheit vorteilhaft scheint. Weshalb dem nicht so ist, zeigt das fiktive Beispiel des Neurentners Jörg. **Das süsse Gift des Umlageverfahrens** Jörg erhält dieses Jahr das erste Mal eine AHV-Rente. Er wurde 65 Jahre alt und hat während seines Arbeitslebens immer den Schweizer Medianlohn verdient. In dieser Zeit hat er via Lohnabgaben zusammen mit seinem Arbeitgeber fast 250 000 Franken in die AHV einbezahlt. Als Neurentner erhält er nun etwa 2200 Franken AHV pro Monat. Wird er 85 Jahre alt, summieren sich die AHV-Renten über diese Zeit auf etwas mehr als 500 000 Franken. Jörg erhält also viel mehr, als er zuvor über Lohnabzüge eingezahlt hat. Nur Personen mit einem sehr hohen Einkommen zahlen während ihres Erwerbslebens mehr ein, als sie dereinst beziehen. Dies, weil die Lohnabzüge nach oben offen sind, die AHV-Rente aber auf maximal 2520 Franken pro Monat begrenzt ist. Die Schlussfolgerung, dass die AHV für untere und mittlere Einkommen infolgedessen gut sei, ist aber ein Trugschluss. Denn was wäre, wenn Jörgs Lohnabzüge nicht direkt wieder an die Rentner ausbezahlt, sondern bis zu seiner eigenen Pensionierung an der Börse investiert worden wären? Wir müssen für diese Schätzung einige Annahmen treffen, weil die Kapitalmarktrendite von der gewählten Anlagestrategie abhängt. Orientieren wir uns für dieses Beispiel am norwegischen Staatsfonds, der ein Vermögen von rund 1500 Milliarden Franken verwaltet und dieses langfristig für kommende Generationen investiert. Der Fonds hält rund 70 Prozent Aktien und ansonsten hauptsächlich Obligationen. Während Jörgs Erwerbsleben wäre mit der Schweizer Variante dieser Strategie eine jährliche Rendite von rund 8 Prozent erzielt worden. Das angesparte AHV-Kapital von Jörg wäre auf 1 Million Franken angestiegen. Umgerechnet in eine Rente sind das etwa 4000 Franken pro Monat. Zur Erinnerung: Im Umlageverfahren waren es nur rund 2200 Franken im Monat – und das, obwohl der Bund die heutige AHV mit über 10 Milliarden Franken pro Jahr subventioniert, weil die Lohnabzüge allein für eine ausgeglichene Rechnung nicht ausreichen. Wie Investitionen am Kapitalmarkt für die eigene Rente von Vorteil sind, können wir übrigens auch ganz konkret im Hier und Jetzt in der zweiten Säule beobachten. Dort investieren die Pensionskassen das eingezahlte Geld an der Börse. Vielen Versicherten ist dies übrigens gar nicht bewusst. Dies ist erstaunlich, zumal dank dem Kapitalmarkt die Rente deutlich höher ausfällt. Würde man den Pensionskassen das Investieren untersagen, läge das angesparte Kapital um rund 40 Prozent tiefer[\[1\]](#%5Fftn1) – die Renten wären folglich tiefer. Wer heute monatlich 3000 Franken erhält, würde bei einem Investitionsverbot nur noch 1800 Franken PK-Rente pro Monat erhalten. Die AHV sollte sich diesen «Gratisgewinn» ebenfalls zunutze machen. **Ein Startkapital für alle Neugeborenen** Bildlich gesprochen funktioniert das heutige AHV-System so, dass eine Kartoffel gepflanzt und dann gleich wieder ausgegraben und an die Rentner zum Verzehr verteilt wird. Nutzen wir den Kapitalmarkt, lassen wir die Kartoffel gewissermassen im Boden, bis daraus ganz viele Kartoffeln gewachsen sind. Beginnen wir damit früh, können wir diesen Zinseszins maximieren, den im Vorspann angesprochenen dritten Beitragszahler. In der zweiten Säule wird üblicherweise ab Alter 25 begonnen. In der neu zu schaffenden Säule 1a sollten wir ab Geburt beginnen. Und so könnte das funktionieren: Diese neue AHV wird parallel zur bestehenden AHV am 1\. Januar 2026 eingeführt. Alle Neugeborenen erhalten vom Bund ein Startkapital von 50 000 Franken in das persönliche Säule-1a-Konto. Ähnlich wie in der Säule 3a wird dieses Geld investiert mit dem Anlageziel Rente ab 65\. Vorbild könnten die in den USA verbreiteten «Target Retirement Funds» sein, die für einzelne Jahrgänge optimiert für dieses Anlageziel investieren. Mit dem Alter wird die Anlagestrategie jeweils automatisch angepasst, um ein optimales Verhältnis zwischen Risiko und Rendite zu gewährleisten. Auf wie viel dieses Kapital bis zum 65\. Geburtstag anwächst, hängt stark von den Renditeannahmen ab. Was ist realistisch? Die traditionell eher konservativ investierenden Pensionskassen haben in den letzten 20 Jahren etwas weniger als 4 Prozent Rendite pro Jahr erwirtschaftet – der norwegische Staatsfonds in derselben Zeitspanne real, also nach Abzug der Inflation, rund 4,2 Prozent. In der Schweiz erzielte man mit einer reinen Aktienstrategie in den letzten 100 Jahren im Schnitt 5,6 Prozent Rendite pro Jahr – mit einer gemischten Strategie analog Norwegen etwa 4,5 Prozent (jeweils nach Abzug der Inflation). Generell wird künftig eine etwas tiefere Rendite erwartet – für das Rechenbeispiel verwende ich deswegen Werte, die etwas unterhalb den historischen liegen. Im Schnitt rechne ich mit einer Rendite von etwa 4,1 Prozent pro Jahr.[\[2\]](#%5Fftn2) Bis zum 65\. Geburtstag steigt das investierte Kapital dank Zinseszins auf fast 700 000 Franken an. Der Neurentner zahlt dann die 50 000 Franken dem Bund zurück, der Rest wird als AHV-1a-Rente ausbezahlt – rund 2500 Franken pro Monat, was der heutigen Maximalrente entspricht und zivilstandsunabhängig funktioniert. Auch pensionierte Ehepaare würden die volle Rente erhalten (zweimal 2500 Franken) statt wie heute nur das Eineinhalbfache. Auch Minimal- und Maximalrenten wären grundsätzlich passé – jeder erhält bei Geburt gleich viel. Im Jahr 2091 – zum 800\. Geburtstag der Schweiz – werden die ersten Renten nach diesem neuen System ausbezahlt; Personen mit Jahrgang 2026 werden dann 65 Jahre alt. Die bestehende AHV wird in dieser Übergangszeit bis 2091 weiterhin wie bis anhin funktionieren und Renten auszahlen. Auch nach 2091 wird sie noch einige Jahre weiter Renten auszahlen müssen – so lange, bis die letzte Person mit Jahrgang 2025 oder früher gestorben ist. Die heutigen Lohnabzüge von 8,7 Prozent fallen im Anschluss vollständig weg, was zu einer entsprechenden Nettolohnerhöhung für alle Arbeitnehmer führt. Auch die heutigen Bundessubventionen fallen weg. Heute finanziert der Bund via ordentliches Bundesbudget 20,2 Prozent der AHV-Ausgaben. Zurzeit sind dies mehr als 10 Milliarden Franken pro Jahr – ein Betrag, der in den nächsten Jahren stark ansteigen wird, weil sich mit der Pensionierungswelle der Babyboomer die Anzahl Rentner erhöhen wird. Der Bund kann über dieses Geld dann anderweitig verfügen oder es via Steuersenkungen der Bevölkerung zurückgeben. Ab diesem Zeitpunkt ist die Systemumstellung abgeschlossen: Die AHV-Renten werden nicht mehr via Umlageverfahren finanziert, sondern in der neuen Säule 1a via ein durch den Bund gewährtes zinsloses Darlehen (Startkapital mit Rückzahlung). Dank dem Zinseszins bzw. dem dritten Beitragszahler können wir künftig auf Lohnabzüge verzichten und die Rente für tiefe Einkommen erhöhen. Das Startkapital finanziert sich zudem langfristig durch dessen Rückzahlung 65 Jahre später. Der grosse Vorteil dabei ist, dass nicht mehr andere (Reiche, Erwerbstätige, Nachkommen) die eigene Rente finanzieren, sondern quasi mein künftiges Ich. Die Generationen werden so nicht mehr gegeneinander ausgespielt, die Demografie spielt keine grosse Rolle mehr: Werden künftig mehr Babys geboren, steigen verzögert auch die Rückzahlungen. **Wie finanzieren wir den Start?** Die grösste Herausforderung ist der Beginn, weil dann die Rückzahlungen noch nicht fliessen (die ersten 65 Aufbaujahre). Der Bund benötigt rund 4 Milliarden Franken pro Jahr für die individuellen Startkapitale der Neugeborenen (2024: 80 000 Neugeborene), und das jedes Jahr bis 2091, wenn die ersten Rückzahlungen fliessen. Eine Finanzierungsmöglichkeit sind neue Schulden mit entsprechenden Zinszahlungen. Alternativ kann das Geld dem ordentlichen Bundesbudget entnommen und in anderen Bereichen eingespart werden. Oder der Bund kann neue Steuern erheben respektive bestehende erhöhen. Eine vierte Möglichkeit sehe ich bei den AHV-Renten für die oberen 5 bis 10 Prozent. Statt diesen eine Rente auszuzahlen, verwenden wir diesen Betrag (rund 3 bis 6 Milliarden Franken pro Jahr) zur Finanzierung der Startkapitale. Es wäre eine Abkehr vom Grundsatz, dass alle Personen eine AHV-Rente erhalten, doch üblicherweise greift der Schweizer Staat nur dann subsidiär unterstützend ein, wenn die betroffene Person aus eigenen Kräften den Lebensunterhalt nicht bestreiten kann (etwa in der Sozialhilfe). Weiter müssen wir klären, wie wir damit umgehen, dass sich die Renditen am Kapitalmarkt von Jahr zu Jahr stark unterscheiden können. So ist es durchaus möglich, dass eine im Folgejahr geborene Person aufgrund eines schlechten Börsenjahres eine um 10 oder 20 Prozent tiefere Rente erhalten würde als eine Person, die ein Jahr früher zur Welt kam. Solche (zumindest empfundenen) Ungerechtigkeiten würden Konflikte nicht mehr zwischen den Generationen, jedoch innerhalb einer Generation schaffen. Dieses Risiko lässt sich aber minimieren, indem der Bund die Säule-1a-Renten glättet. Jahrgänge mit einem schlechten Börsenjahr erhielten einen Bonus, jene mit einem guten einen Malus. **Ersatz oder Ergänzung zur heutigen AHV** Insgesamt bringt die Säule 1a viele Vorteile. Dank dem Zinseszins, der 65 Jahre lang wirken kann, können wir höhere Renten auszahlen als im heutigen System. Der Bund gewinnt durch den Wegfall der AHV-Subventionen finanziellen Spielraum und die Erwerbstätigen erfahren durch den Wegfall der Lohnabzüge eine Lohnerhöhung um fast 10 Prozent. Die finanzielle Stabilität ist durch die Rückzahlung des Startkapitals garantiert und hängt nicht mehr von demografischen Gegebenheiten ab. Ein Systemwechsel bringt immer einige Risiken mit sich – die Schweizer Bevölkerung ist deswegen traditionell skeptisch gegenüber grossen Würfen. Doch das Geniale an der Säule 1a ist, dass wir sie über die nächsten Jahrzehnte aufbauen können, ohne uns von der heutigen AHV abkehren zu müssen – den finalen Entscheid können wir 2091 fällen. Denkbar ist auch eine kleinere Säule 1a als Ergänzung zur heutigen AHV mit einem tieferen Startkapital von beispielsweise 25 000 Franken pro Neugeborenes. Die daraus resultierende Rente dürfte ausser bei optimistischen Renditeannahmen nicht existenzsichernd sein, doch das Gesetz des Zinseszinses und dessen Vorteile gelten auch so. Die umlagefinanzierte AHV passte ins 20\. Jahrhundert, weil schnell Renten zur Bekämpfung der Altersarmut ausgezahlt werden mussten. Nun sollten wir den nächsten Schritt gehen und mit der Säule 1a den Zinseszins nutzen, um die Renten existenzsichernd zu machen – ohne hohe Steuern und Abgaben. [\[1\]](#%5Fftnref1) Zeitraum 2004 bis 2024 (Quelle: Asset Management Association Switzerland). [\[2\]](#%5Fftnref2) In jungen Jahren und zu Beginn des Arbeitslebens ist eine Anlagestrategie sinnvoll, die hauptsächlich auf Aktien setzt. Erst im Alter sollte der Anteil Obligationen erhöht werden. Die Rendite ist dadurch zu Beginn eher hoch und sinkt dann bis zur Pensionierung. ### Was Sie mit Ihrem Vorsorgekapital machen, kann den Steuerbehörden egal sein URL: https://www.schweizermonat.ch/was-sie-mit-ihrem-vorsorgekapital-machen-kann-den-steuerbehoerden-egal-sein/ Last updated: 2025-11-23T22:46:40.000Z «Du kannst nicht den Fünfer und das Weggli haben», lehrt man schon die Kleinen. Sprich: Alles konsumieren und nichts zahlen funktioniert nicht; man muss sich entscheiden. Dieses Kinderwissen ist leider vielen Erwachsenen abhandengekommen, wenn es um die Finanzierung ihrer Vorsorge geht: Es werden ständig mehr Weggli verzehrt, als Fünfer gespart werden. Zeit für eine Standortbestimmung und ein paar innovative Ideen, um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Wer aus dem Arbeitsleben scheidet, muss sich in der zweiten Säule zum Beispiel mit der Frage «Kapital oder Rente?» befassen. Nach Abwägen von Vor- und Nachteilen [entscheiden](https://www.news.admin.ch/de/nsb?id=103273&ref=schweizermonat.ch) sich mittlerweile mehr angehende Rentner für den einmaligen Kapitalbezug als für die lebenslange Rente – eine stabile Minderheit wählt einen Mix. Der kurzfristige Steuervorteil wird also individuell rege genutzt. Doch werden die langfristigen Konsequenzen genügend bedacht? Forschungsergebnisse zeigen, dass dies vor allem vom Finanzwissen und vom genutzten Beratungsangebot abhängt. Meine These: Wir alle, Privatpersonen, Vorsorgeeinrichtungen, Politik und Gesellschaft, unterschätzen die gravierenden Auswirkungen des zunehmenden Kapitalbezugs auf unseren Wohlstand. ## Halbiertes Einkommen ab 65 Nach der Pensionierung sinkt bei vielen Leuten das Einkommen (in Form von Renten aus AHV und Pensionskasse) auf weniger als die Hälfte des Berufseinkommens – die Profis sprechen von einer Ersatzquote von unter 50 Prozent. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die private Vorsorge viel mehr leisten muss – oder der Lebensstandard sinkt massiv. Es lässt sich also ein systematischer Risikotransfer beobachten: vom Staat und den Pensionskassen hin zu den privaten Haushalten. Eigenverantwortung ist gefragt. Sie setzt voraus, dass die Menschen sich der Notwendigkeit und Verantwortung bewusst werden. Und hoffentlich rechtzeitig Entscheidungen treffen, die sich als nachhaltig und sinnvoll erweisen. Gemäss Warren Buffett gibt es zwei Arten von Risiko: das Risiko, einen permanenten Kapitalverlust zu erleiden, und das Risiko, auf dem eingesetzten Kapital keine angemessene Rendite zu erzielen. Die Pensionskassen können Risiken perfekt diversifizieren, die Kosten dank Skaleneffekten tief halten und mit dem Kapitaldeckungsverfahren («jeder spart für sich») sind sie von demografischen Effekten kaum betroffen. Der Autor trägt keine rosa Brille – die Zahlen sprechen für sich: Die durchschnittliche Rendite (über alle Anlageklassen und Pensionskassen für die letzten 20 Jahre) liegt bei 3,7 Prozent pro Jahr, die Kosten betragen circa 0,41 Prozent des Kapitals pro Jahr. Die Umverteilung wurde eingedämmt und der durchschnittliche Umwandlungssatz für das Jahr 2025 beträgt [5,22 Prozent](https://www.schweizermonat.ch/content/files/complementa-ch/wp-content/uploads/2025/09/rcu-studie-2025.pdf). Wenn die Pensionskassen also noch Verbesserungspotenzial haben, dann bei der Kommunikation, um diese Erfolgsergebnisse besser zu vermitteln. Immerhin liegt der grösste Anteil am Vermögen bei vielen Schweizern in der Pensionskasse. Doch viele Menschen sind sich dieser Tatsache gar nicht bewusst. Daher haben Experten auch schon die Idee lanciert, dass das Vorsorgevermögen in der Steuererklärung zu deklarieren sei – ohne Relevanz für die Bemessungsgrösse, aber mit dem Zweck, die Sparleistung bewusst zu machen und die Wertschätzung zu steigern. Tatsächlich ist der dritte Beitragszahler den meisten unbekannt – nur 38 Prozent wissen Bescheid, dass die Pensionskassen ihr Geld auch an den Finanzmärkten investieren und daraus der [grösste Wertzuwachs](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-raiffeisen-ch/content/dam/www/rch/privatkunden/vorsorgen-und-absichern/publikationen/publikation-vorsorgebarometer-de-publ.pdf) resultiert. «Länger leben heisst länger Renten beziehen»: Dieser Leistungsausbau blieb bisher unerwähnt, verdient aber eine positive Würdigung. ## Mindestens 10 Prozent des Lohnes sparen Es ist paradox, dass die Schweizer eine erstaunliche Ignoranz bei der Altersvorsorge an den Tag legen. Sie wollen das Leistungsniveau erhalten oder gar ausbauen, aber dafür nichts zahlen. Es ist durchaus pragmatisch, dass [vier von fünf](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-raiffeisen-ch/content/dam/www/rch/privatkunden/vorsorgen-und-absichern/publikationen/publikation-vorsorgebarometer-de-publ.pdf) Schweizern die private Vorsorge nutzen, denn mit steigender Unsicherheit und Komplexität verlässt man sich auf einfache, bekannte Lösungen. Dass ein Grossteil der Säule-3a-Guthaben auf kaum verzinsten Konten liegt und nicht investiert ist, zeigt Lücken in der Finanzkompetenz und zwingenden Beratungsbedarf. Jeder kann heute einfach und günstig mit ein paar Klicks ein 3a-Depot eröffnen, was erfreulicherweise schon viele Junge tun. Die dritte Säule ist somit die einzige wirklich perfekt funktionierende Vorsorge der Schweiz – wenn die Politiker nicht plötzlich die Besteuerungsregeln ändern. Weil unsere Vorsorgesysteme noch nicht auf eine Langlebigkeit von 100 Jahren ausgelegt sind, wird die Bedeutung der privaten Vorsorge weiter zunehmen – sie muss die weggefallene Einkommenshälfte dereinst wettmachen. Daher empfehlen Experten, mindestens zehn Prozent vom Bruttolohn in die private Vorsorge zu investieren (Gutverdiener: 20 Prozent). Weitsichtige Eltern besparen ein Depot für ihre Kinder ab Geburt zum Beispiel mit der Kinderzulage – damit wird der Zinseszinseffekt genutzt und eine Ausbildungsvorsorge als Start ins Leben vorfinanziert. ## Zeitbombe Langlebigkeit Seneca sagte einst: «Das Alter ist eine unheilbare Krankheit.» Der führende Longevity-Forscher Professor David Sinclair meint dagegen: «Altern ist eine heilbare Krankheit.» Die Lebenserwartung in der Schweiz hat sich in den letzten 150 Jahren fast verdoppelt, und es spricht vieles dafür, dass 90 bis 100 Jahre zum Massenphänomen werden. Problematisch an dieser erfreulichen Entwicklung ist nur, dass unsere Pensionsplanungen noch auf alten Systemstandards und Durchschnittswerten beruhen. Das Thema Longevity ist indes noch nicht bei allen Pensionskassen auf dem Risikoradar: Wie ein aktueller Die steigende Lebenserwartung und die resultierenden Auswirkungen auf den erhöhten Kapitalbedarf werden systematisch unterschätzt. Sofern die Lebenshaltungskosten durch ein lebenslanges Renteneinkommen gedeckt sind, ist das Risiko überschaubar, am Ende des Geldes noch viel Leben übrig zu haben. Verhängnisvoll sind hingegen die «Pensionsplanungen mit Ablaufdatum», gerechnet mit einer Schönwetterrendite und auf eine Zeitspanne von nur 20 Jahren. Wer älter wird – also jede zweite Person! – hat Pech gehabt. Das Kapital des Auszahlungsplans ist aufgezehrt, das Langleberisiko wird dann zu einer existenziellen Frage und wird den Sozialstaat zusätzlich belasten. In einer aktuellen [Studie](https://share.google/rKPibfcjs6DXrxNSW?ref=schweizermonat.ch) zeigt Yvonne Seiler Zimmermann den Zusammenhang zwischen Beratungsbedürfnis und Bezugsform. Eine Mehrheit wünscht eine Beratung zur Altersvorsorge – insbesondere zur Wahl der Bezugsform, zu freiwilligen Einkäufen und zum gestaffelten Rentenantritt. Wer eine professionelle Beratung als wichtig erachtet, entscheidet sich eher für einen Mix aus Kapital und Rente. Wer auf Beratung verzichtet (oder auf informelle Quellen zählt), wählt eher einen vollständigen Kapitalbezug. Über 80 Prozent gaben auch an, dass steuerliche Anreize für den Einkauf in die zweite Säule ausschlaggebend gewesen seien. Diese Erkenntnis deckt sich mit einer [Untersuchung](https://www.publica.ch/de/ueber-uns/aktuell/studie-zu-rente-oder-kapital?ref=schweizermonat.ch) von Publica, einer der grössten Pensionskassen: Das Hauptmotiv, die Vorsorgegelder aus der Pensionskasse als Kapitalleistung zu beziehen, liegt demnach im Steuervorteil. Das hat Folgen wie kreative Einkaufspläne und «Vorsorgetourismus». Den Steuerbehörden vieler Kantone ist das ein Dorn im Auge, weshalb das «Kontrollregime» intensiviert wurde. Der vorzeitige Konsum des Vorsorgevermögens ohne genügende Absicherung des Langleberisikos wird den Sozialstaat und Steuerzahler noch teuer zu stehen kommen. ## Kein Casino! Pensionskassen haben ihre Kernkompetenz und ein genuines Interesse, ihren Kunden eine gesicherte Altersvorsorge zu leisten. Sie haben aber auch eine gesetzliche Informationspflicht. Ob ein Online-Dashboard, das den Nutzern die erwarteten Leistungen aus den ersten zwei Säulen anzeigt, zur Aufklärung beiträgt, wie eine deutsche [Studie](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-dia-vorsorge-de/wp-content/uploads/2021/05/studie%5Fonline-beratung%5Fav%5Ffinal%5Fds.pdf) empfiehlt, kann nicht schlüssig beantwortet werden. Jedenfalls verfolgt die Schweiz entsprechende Pläne (für die AHV wird auf 2028 eine E-Plattform in Aussicht gestellt). Die Pensionsplanung ist jedoch zu komplex, um mit ein paar Klicks eine konzise, korrekte und sinnvolle Antwort zu erhalten. Hier ist vernetztes Denken gefragt und eine gute Beratung nötig. Die Frage stellt sich: Was ist gut und gut für wen? Auswertungen zeigen: Wer sich beraten lässt, wählt meist das Kapital oder eine Mischform. Finanzdienstleister, deren Geschäftsmodell hauptsächlich auf der Vermögensverwaltung basiert, haben Interessenkonflikte. Ein starker Trend zu Kapitalauszahlungen mit der Begründung steuerlicher Vorteile bestätigt diesen Zusammenhang. Für viele angehende Pensionäre wäre eine lebenslange Rente vorteilhafter: Sie trügen weniger Risiken (Volatilitäts-, Drawdown-, Rendite-Reihenfolge-Risiko) und viel tiefere Kosten, als wenn sie selber das Kapital bewirtschaften müssten. Wer das Langleberisiko und die Absicherungskosten der Partnerrente korrekt berechnet, muss konstatieren, dass die Rente ziemlich vernünftig und in den meisten Fällen vorteilhafter ist. Die Wette auf Kapitalbezug geht nur bei frühem Tod auf – das ist aber selten das gewünschte Szenario. ## Den Fünfer und das Weggli Zur Entschärfung des Trigger-Arguments «Steuervorteil» habe ich zusammen mit einem weiteren Experten anfangs Jahr ein neues Modell [vorgeschlagen](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-fpvs-ch/media/nahfbdup/nzz%5Fvorsorgegelder%5Fsteuern%5Ftext%5F270125.pdf). Es trennt die Entscheidung «Rente versus Kapital» von steuerlichen Überlegungen. Fehlentscheidungen in dieser Frage sind gravierend und irreversibel. Diese Entscheidung soll daher unabhängig von steuerlichen Überlegungen sein. Die einfachste Lösung besteht in der Besteuerung zum Zeitpunkt der Pensionierung auf dem Sparguthaben. Gemäss dem Vorschlag soll der Steuerbetrag einmalig direkt vom aufgelösten Sparguthaben abgeführt werden. Die Pauschalsteuer würde sicherstellen, dass die Entscheidung nicht durch eine mögliche Steueroptimierung beeinflusst wird. Diese *Flat Tax* würde schweizweit gelten und auch beim Wegzug ins Ausland zur Anwendung gelangen. Im Gegensatz zum Vorschlag des Bundesrates im Entlastungspaket 27 würde beim vorgeschlagenen Modell keine Steuererhöhung angestrebt, sondern nur die Anreizneutralität hergestellt. Unter Sachverständigen und Experten fand diese Idee grossen Anklang und Zustimmung, wird doch der Versicherungscharakter von Pensionskassen gegen Kapitalschwankungen und Lebenserwartung tendenziell unterschätzt. Dieses Modell könnte einen Beitrag leisten, Fehlberatungen zu vermeiden, das System zu stabilisieren und die Sicherheit zu erhöhen. Man bekommt sozusagen den Fünfer, das Weggli und das Schoggistengeli dazu. Beispielrechnung: Wer ab 18 Jahren mit dem 3a anfängt und bis Alter 65 die CHF 7258 einzahlt, wird ca. CHF 341 000 einzahlen und ca. CHF 85 000 Einkommenssteuern sparen. Wer dynamisch investiert, bekommt (bei 5 Prozent gerechnet) noch eine Million zusätzlich als Kapitalertrag, die Endsumme beträgt schliesslich CHF 1 357 430. ### Ein Kinderbonus in der Rente führt nicht zu mehr Kindern URL: https://www.schweizermonat.ch/ein-kinderbonus-in-der-rente-fuehrt-nicht-zu-mehr-kindern/ Last updated: 2025-11-23T23:07:03.000Z Als die AHV 1948 gegründet wurde, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 67 Jahren, Frauen bekamen im Schnitt 2,4 Kinder. Heute beträgt die Lebenserwartung 84 Jahre, die Fertilitätsrate liegt bei 1,28 Kindern pro Frau. Die Geburtenrate in Industrieländern sinkt seit den 1960er-Jahren. Medizinische Faktoren wie die Antibabypille oder sinkende Spermienqualität erklären den Trend nur teilweise. Entscheidender war der institutionelle Wandel: Mit der Einführung der AHV verlor die ökonomische Notwendigkeit von Kindern für die Altersvorsorge an Bedeutung. Hinzu kam ein gesellschaftlicher Wandel: längere Ausbildungszeiten, neue Karriereambitionen, veränderte Werte, Normen und Lebensentwürfe. Aber auch Krisen, Krieg, Klimawandel und wirtschaftliche Sorgen [dämpfen den Kinderwunsch](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-unfpa-org/sites/default/files/pub/swp25-layout-en-v250609-web.pdf). Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst gegen Nachwuchs oder verschieben die Familiengründung, die mit zunehmendem Alter biologisch schwieriger wird. In der Schweiz haben Frauen mit Tertiärausbildung weniger Kinder; Schweizer Mütter gehören zu den ältesten Müttern Europas. Typisch für Länder mit tiefen Geburtenraten – etwa Südeuropa – ist das Zusammentreffen hoher Bildungsniveaus von Frauen mit konservativen Rollenbildern: Stehen hochqualifizierte Frauen nach der Geburt unter dem Erwartungsdruck, zu Hause zu bleiben, entscheiden sie sich häufiger gegen Kinder. Der jüngste Geburtenrückgang ist jedoch besonders brisant, da er auch Skandinavien betrifft. Dort lag die Zahl der Geburten vergleichsweise hoch dank vorbildlicher sozialpolitischer Massnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie: grosszügige Elternurlaubsregelungen, Verfügbarkeit von günstigen Kita-Plätzen und eine geringere Mutterschaftsstrafe.[\[1\]](#%5Fftn1) Da sich diese Rahmenbedingungen kaum verschlechtert haben, dürften andere gesellschaftliche Faktoren wie veränderte Werte, Normen und Zukunftsperspektiven den Rückgang erklären. **Die Schrumpfung beschleunigt sich** Der Geburtenrückgang verstärkt sich selbst: Weniger Kinder heute bedeuten in Zukunft auch weniger Mütter im gebärfähigen Alter. Rechnerisch führt dies zu einem Aussterben der Gesellschaft, wenn die Fertilitätsrate nicht irgendwann wieder auf über 2 steigt. Für die AHV ist das ein Problem. Sie funktioniert nach dem Umlageverfahren: Erwerbstätige finanzieren die Renten der Älteren. Sinkt die Zahl der Einzahlenden, während gleichzeitig mehr Menschen länger Renten beziehen, kippt das Gleichgewicht. Seit dem Ja zur 13\. AHV-Rente ist der Druck noch grösser. Die Zusatzrente kostet bis zu 4,5 Milliarden Franken pro Jahr. Wie sie finanziert werden soll, ist offen. Mit den geburtenstärksten Jahrgängen der Babyboomer, die jetzt in Rente gehen, wird sich das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern nochmals verschlechtern. Auch wenn die Defizite gemäss aktuellen Zahlen kleiner ausfallen als ursprünglich befürchtet: Der demografische Druck bleibt bestehen. **Widerspruch zum Solidaritätsprinzip** Vor diesem Hintergrund wird ab und an ein «Kinderbonus» in der AHV diskutiert – etwa geringere AHV-Beiträge für Eltern oder höhere Renten je nach Kinderzahl. Beide Varianten klingen plausibel, greifen aber zu kurz. Eine Beitragsreduktion für Eltern würde die AHV schwächen: Die heutigen Beiträge finanzieren ja die heutigen Renten. Deshalb plädiert etwa der Basler Ökonom Wolfram Kägi für [tiefere Renten für Kinderlose](https://www.nzz.ch/wirtschaft/kinderlosigkeit-steigt-neuer-reformvorschlag-fuer-die-ahv-ld.1747535?ref=schweizermonat.ch). Das Argument: Die «Rendite» (sic!) der Kinder werde in der AHV vergesellschaftet, während der Grossteil der Kinderkosten privat zu tragen sei. Wer stärker für die nächste Generation sorge, solle im Alter belohnt werden. Konkret: Gutverdienende ohne Kinder sollten nur noch die [halbe Rente](https://www.schweizermonat.ch/content/files/www-bss-basel-ch/files/aktuell/kinderzahlabhangige%5Fahv-rente%5F03-12-2021.pdf) erhalten, da sie mehr Spielraum für private Vorsorge hätten. Ein solcher Ansatz würde die AHV-Ausgaben senken, aber den Kinderwunsch nicht erhöhen. Niemand entscheidet sich für Nachwuchs, um später etwas mehr AHV zu bekommen. Zudem widerspricht ein Kinderbonus in der Altersvorsorge dem Grundprinzip der ersten Säule als solidarisches Sozialwerk mit einer Umverteilung zwischen Einkommensstarken und Einkommensschwachen. Ein solcher Schritt würde Familien gegen Kinderlose ausspielen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen: Die Gesellschaft trägt zwar nicht alle, jedoch einen erheblichen Teil der Kinderkosten mit. Wenn Kinderlose in der Altersvorsorge benachteiligt werden, warum sollten diese dann die Schulbildung mit ihren Steuergeldern finanzieren? Hinzu kommt: Kinderlosigkeit ist nicht immer gewollt oder geplant. Viele unfreiwillig Kinderlose dürften eine Kürzung der AHV-Rente als zusätzliche Bestrafung empfinden. Und wie geht man mit jenen um, die in anderer Form zur Gesellschaft beitragen, zum Beispiel durch Pflege von Angehörigen und nachbarschaftliches Engagement? Könnten andere Beiträge an die Gesellschaft geltend gemacht werden, und wenn ja, wer soll all das messen, kontrollieren und in Rentenansprüche umrechnen? **Entlastung in der Familienphase** Zielführender wäre es, Familien in der Lebensphase mit Kindern zu entlasten. Auch wenn die Beispiele aus Skandinavien zeigen, dass Vereinbarkeit von Beruf und Familie allein kein «Geburtenmotor» ist, bleibt sie ein entscheidender Faktor. Eine Reduktion des «Kindermalus» durch familienfreundliche Sozialpolitik dürfte somit mehr bewirken als ein Bonus in der Rente. In puncto Familienpolitik hinkt die Schweiz im internationalen Vergleich hinterher. In Rankings von OECD und Unicef landet sie regelmässig auf den letzten Plätzen bei der Familienfreundlichkeit: nur 14 Wochen Mutterschafts- und 2 Wochen Vaterschaftsurlaub, keine flexible Elternzeit – deutlich weniger als in fast allen europäischen Ländern. Die Kosten für familienergänzende Kinderbetreuung (Kita, Krippe) gehören zu den höchsten in Europa, Ganztagsbetreuungsangebote fehlen und oft wird der Zusatzverdienst des zweiten Elternteils durch Gebühren und Steuern aufgezehrt. Zudem ist die Unterstützung einkommensschwacher Familien geringer als in Nachbarländern. In diesem Umfeld überlegen sich viele, ob sie die Verantwortung für Kinder tragen können oder wollen. Die Politik ist in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Familien entlastet werden und Kinder willkommen sind. Dazu gehören ein Ausbau und eine finanzielle Entlastung der Kinderbetreuung, die Einführung einer zeitgemässen Elternzeit, steuerliche Reformen wie die Abschaffung der Heiratsstrafe sowie eine gezielte Unterstützung von Familien mit kleinem Einkommen. Wenn die Schweiz ihre demografische Basis sichern will, muss sie Familienpolitik nicht als Kostenfaktor sehen, sondern als Investition in die Zukunftsfähigkeit des Landes, der Gesellschaft – und der AHV. [\[1\]](#%5Fftnref1) Die Mutterschaftsstrafe bezeichnet die systematische Benachteiligung von Müttern im Erwerbsleben – etwa durch geringere Löhne, schlechtere Karrierechancen und diskriminierende Erwartungen im Vergleich zu kinderlosen Frauen und Vätern. ### Die Altersvorsorge muss aus den Fängen der Bürokraten befreit werden URL: https://www.schweizermonat.ch/die-altersvorsorge-muss-aus-den-faengen-der-buerokraten-befreit-werden/ Last updated: 2025-11-24T08:08:04.000Z Nach einem Berufsleben in der beruflichen Vorsorge bin ich dieses Jahr in Pension gegangen. In diesem Alter zeigt sich gewöhnlich eine gewisse Altersmilde – Stabilität, Vertrauen, Gelassenheit. Diese Charakteristiken sollte nach Jahrzehnten der Entwicklung eigentlich auch die berufliche Vorsorge zeigen. Stattdessen hat sie eine Phase der Überregulierung erreicht, die eher an jugendlichen Übereifer erinnert als an weise Reife. Die Überregulierung ist selten böswillig gemeint. Sie entsteht durch ein Zusammenspiel mehrerer psychologischer, politischer und institutioneller Mechanismen. ## 1\. Politische Risikovermeidung Politiker und Behörden wollen Fehler vermeiden – vor allem solche, die öffentlich sichtbar werden. Statt das Vertrauen in bestehende Mechanismen zu stärken, schafft man neue Vorschriften. Nur um zu zeigen, dass man «etwas tut». > «Tritt irgendwo ein Missstand oder Skandal auf, ruft man sofort nach strengeren Regeln. Das Resultat ist Symbolpolitik» ## 2\. Kontrollillusion und Misstrauenskultur Eine strenge Regulierung vermittelt das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. In komplexen Systemen – wie der beruflichen Vorsorge – leidet aber die Eigenverantwortung unter der zunehmenden Regulierung, weil das Wirken des eigenen Handelns nicht mehr absehbar ist.. Die Folge: Statt auf Professionalität und Selbstregulierung zu vertrauen, versucht man, jede Eventualität abzusichern, was zu immer detaillierteren Regeln führt. ## 3\. Komplexität erzeugt Komplexität Je mehr Regeln es gibt, desto mehr Ausnahmen, Übergangsbestimmungen und Spezialfälle entstehen. Das System wird dadurch selbstreferenziell – jede neue Regel dient dazu, Lücken der alten zu stopfen. Die Bürokratie erhält sich so selbst. ## 4\. Interessenpolitik und Druck von Lobbys Verbände, Aufsichtsbehörden und Beratungsfirmen haben oft ein Eigeninteresse an mehr Regulierung, weil sie dadurch ihre Relevanz, Macht oder Geschäftsfelder ausbauen können. Regulierung schafft neue Aufgaben – und erhält damit ganze Branchen (zum Beispiel Compliance, Audit, Reporting). ## 5\. Kultur der Fehlervermeidung In westlichen Gesellschaften – besonders in Westeuropa – herrscht eine Null-Fehler-Kultur: Jedes Risiko soll ausgeschlossen, jede Verantwortung klar geregelt sein. Das führt zu einer Verrechtlichung des Vertrauens: Wo früher gesunder Menschenverstand genügte, braucht es heute Paragrafen. ## 6\. Fehlender Mut zum Loslassen Regeln und Vorschriften werden leicht geschaffen, aber kaum je abgeschafft. Keine Aufsicht will auf Kompetenzen verzichten, kein Politiker will Verantwortung übernehmen, falls danach etwas schiefgeht. So wächst der Regulierungsbestand wie ein dichter Wald, in dem sich niemand mehr zurechtfindet. ## Pensionskassen in Sippenhaft Das folgende Beispiel zeigt, wie das Fehlverhalten weniger Verantwortlicher in einem Einzelfall ein tadellos funktionierendes System unter Generalverdacht stellte: Anfang 1996 wurden die Vera/Pevos-Sammelstiftungen wegen Überschuldung zwangsliquidiert. Mit einer aggressiven Expansionsstrategie erwarben die Stiftungen zahlreiche Liegenschaften in der ganzen Schweiz, teils überbewertet, teils mit hohem Fremdkapital finanziert. Das Vorsorgevermögen war kaum diversifiziert – der grösste Teil des Stiftungsvermögens floss in Immobilien. Die damaligen Anlagevorschriften gemäss der Verordnung über die berufliche Vorsorge (BVV 2) mit einem erlaubten Immobilienanteil von maximal 50 Prozent wurden massiv verletzt. Zudem führte eine mangelhafte Governance zu unheiligen Verflechtungen zwischen Stiftungsräten, Verwaltern und den Immobiliengesellschaften. Obwohl die Causa Vera/Pevos klar als Einzelfall und isolierter Governancefehler erkennbar war, intensivierte das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) als zuständige Aufsicht die Kontrollen und verschärfte die Meldepflichten. Der Bundesrat reduzierte die erlaubte Immobilienquote per 2009 von 50 auf 30 Prozent. Überschreitet eine Pensionskasse die Begrenzung von 30 Prozent, muss sie dies im Anhang ihrer Jahresrechnung schlüssig begründen. Der Begriff «Überschreitung» suggeriert aber den Stiftungsräten unbegründet ein fehlerhaftes Vorgehen, weshalb sie die Immobilienquote lieber vorsichtig tiefer halten. Der aktuelle Durchschnitt liegt bei knapp 25 Prozent. Wie aber die Pensionskassenstudie 2025 der Swisscanto zeigt, weisen die Pensionskassen mit der besten Performance einen überdurchschnittlichen Immobilienanteil von 29,9 Prozent auf. Die Low-Performer haben dagegen eine Quote von lediglich 20,4 Prozent. Zwischen 2020 und 2024 erreichten die Top-Performer kumuliert eine um fast 15 Prozentpunkte höhere Rendite als die Low-Performer. Das sind Erträge, die den Versicherten letztlich auf ihren Vorsorgeguthaben fehlen. Die zunehmenden Eingriffe des Regulators führen zu Unsicherheiten bei den Pensionskassenverantwortlichen, die in der Folge ihre Risikobereitschaft trotz vorhandener Risikofähigkeit reduzieren und somit ihre Renditepotenziale ungenutzt lassen. Der Leidtragende ist wieder der Versicherte. ## Die Regulierung schafft die Gestaltungsfreiheit ab Das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) feiert dieses Jahr sein 40-Jahr-Jubiläum. In dieser Zeit hat sich das BVG-Rahmengesetz mit seinen rund 40 überblickbaren Artikeln zu einem wahren Paragrafenmonstrum mit über hundert Bestimmungen und Verordnungen entwickelt. Im Vergleich zu anderen Bundesgesetzen zeigt sich, dass die Umsetzung notwendiger Anpassungen in der zweiten Säule alles andere als trivial ist. Fachlich, technologisch und zeitlich stehen die Verantwortlichen vor ständigen Herausforderungen. Besonders knifflig wird es, weil oft nicht eindeutig ist, welche Anpassungen wirklich zwingend sind und welche optional. Die berufliche Vorsorge lebt vom Engagement erfahrener Menschen im Milizsystem – von Freiwilligen, die Verantwortung übernehmen. Wer sich heute noch als Stiftungsrat engagieren möchte, muss nicht nur Motivation mitbringen, sondern auch eine Portion juristisches Fachwissen und Geduld für endlose Formularfluten. > «Doch je dichter das Netz staatlicher Vorschriften wird, desto mehr verschwindet ihre Freiheit in einem regulatorischen Labyrinth.» Das Ergebnis: Die Attraktivität der beruflichen Vorsorge sinkt dort, wo sie einst am grössten war. Und während Vorschriften munter weiterwachsen, sitzt der engagierte Stiftungsrat oft kopfschüttelnd da und denkt: «Früher konnte man noch gestalten – heute muss man Bericht erstatten.» Man könnte sagen: Der Staat hat in Sachen Regulierung keine Altersmilde entwickelt, sondern eher eine Midlifecrisis. Er versucht, Kontrolle durch Aktivität zu kompensieren – und merkt nicht, dass zu viel Fürsorge manchmal genauso schadet wie zu wenig. ### Die utopische Vorstellung, den Schulden zu entkommen, zerstört das Fundament unserer Gesellschaft URL: https://www.schweizermonat.ch/die-utopische-vorstellung-den-schulden-zu-entkommen-zerstoert-das-fundament-unserer-gesellschaft/ Last updated: 2025-11-24T09:03:50.000Z Read the english version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-utopia-of-escaping-debt-destroys-the-foundation-of-society/). Ende des 17\. Jahrhunderts gelang in London ein finanzielles Wunder: Mit der Gründung der Bank of England wurde aus der Schuldenlast des Staates ein Motor des Fortschritts. Zum ersten Mal konnten Regierungen durch die Ausgabe von Anleihen und Banknoten künftige Einnahmen in gegenwärtige Kaufkraft verwandeln – Geld entstand gewissermassen aus Schulden. Diese neue «Magie des Geldes» faszinierte ganz Europa. Als die Bank von England ihre Magie wirken liess, wollten Nachahmer noch weiter gehen. Der Schotte John Law versuchte, die Schulden des französischen Königs zu konsolidieren – ein Experiment, das 1720 spektakulär scheiterte. Sein Versuch inspirierte unzählige Flugschriften und Karikaturen, in denen der Teufel das Geld erschafft, das Erlösung verspricht. In vielen Darstellungen scheisst der Teufel Geld: das Symbol einer Täuschung, die aus ungedecktem Geld geboren wird – des Teufels Exkrement. Goethe hat diese Botschaft im zweiten Teil des «Fausts» eindrücklich aufgegriffen. Der Traum von einer magischen Befreiung von Schulden ist nie verschwunden. Auch heute fordern Aktivisten einen biblischen Schuldenerlass, ein neues Jubeljahr. Solche Jubeljahre gelten oft als karnevaleske Akte der Zügellosigkeit – als Rückkehr in einen vermeintlich gutartigen, ursprünglichen Naturzustand. Doch wäre dieser Zustand wirklich so heilsam? Schulden begründen die Verpflichtungen, die seit Jahrtausenden das Gefüge der Weltwirtschaft zusammenhalten. Forscher – von Archäologen bis zu Historikern – sind sich einig, dass Schulden weit älter sind als Münzen oder Geld. Bereits vor über fünftausend Jahren hielten Tontafeln in Mesopotamien sumerische Schuldverträge in Keilschrift fest, bemessen in Getreide oder Vieh. Auch in der Entwicklung ethischer Theorien spielte das Konzept der Schuld eine zentrale Rolle. Platons vier Tugenden – Mässigung, Klugheit, Mut und Gerechtigkeit – konnten entweder aus dem Inneren heraus erwachsen oder durch äussere Einflüsse geformt werden. Meist jedoch entstanden sie aus einer Verbindung angeborener Neigungen mit Lehre und Übung und entfalteten sich im Laufe eines Lebens. Mut, später oft als Tugend der Standhaftigkeit beschrieben, bedeutete, Verpflichtungen einzulösen, nicht, ihnen zu entfliehen. Schulden tragen dazu bei, dass wir uns sozialisieren. Sie gehören zu den Grundpfeilern menschlicher Identität, weil sie anerkennen, dass wir durch unsere vergangenen Handlungen gebunden sind – und uns so über die Zeit hinweg als dieselbe Person begreifen. Auf dieser Grundlage entstehen Versprechen zwischen Menschen: Du weisst, wer ich bin, und kannst dich auf mich verlassen, selbst wenn sich die Umstände ändern. Ohne dieses Vertrauen bliebe nur ein Zustand endlosen Misstrauens. In den 2010er-Jahren, als Deutschland dafür kritisiert wurde, Griechenland keinen Schuldenerlass zu gewähren, wiesen angloamerikanische Kommentatoren gern darauf hin, dass Deutsch die einzige Sprache sei, in der «debt» und «guilt» dasselbe Wort teilten – *Schuld*. Dieser Hinweis zeugte jedoch von einer tiefen Unkenntnis sowohl der Sprache als auch der Geschichte. Denn in den romanischen Sprachen zeigt sich dasselbe Phänomen: «debitum» im Lateinischen, «dette» im Französischen, «debito» im Italienischen oder «deuda» im Spanischen – sie alle haben denselben moralischen Ursprung. Das moralische Gewicht, das den Schulden anhaftet, ist tief in der europäischen Sprach- und Ideengeschichte verwurzelt – und in der Ethik selbst. Schulden können auch zutiefst bedrückend sein. Sie schmieden Ketten der Verpflichtung und führten in vielen vormodernen Gesellschaften zu Leibeigenschaft und Schuldknechtschaft – und damit zur Entmenschlichung. Denn Umstände ändern sich: Unfälle, klimatische oder gesundheitliche Katastrophen können Rückzahlungen unmöglich machen. Je grösser die Volatilität, desto grösser die Unsicherheit und damit die Verwundbarkeit. Wer keine Stabilität erwarten kann, kann weder verleihen noch planen. ## Schulden sind der Zement des gesellschaftlichen Zusammenhalts Eine einfache Möglichkeit, die doppelte Natur der Schulden zu versöhnen – ihre Fähigkeit, Verantwortung, Zivilität und Ordnung zu fördern, ebenso wie persönliche Not und Unruhe zu erzeugen –, bestand darin, sie auf den Staat zu übertragen. So dachte man bereits in der Antike. Diese Vorstellung wirkt bis heute fort: in der modernen Überzeugung, dass es zu den zentralen Aufgaben von Regierungen gehöre, ein besonders sicheres und stabiles Vermögen zu schaffen. In den griechischen Stadtstaaten verwahrte die öffentliche Schatzkammer – oft in prächtigen Tempeln gesichert – jene Mittel, die nominell als Darlehen der Bürger galten und in Notzeiten eingesetzt werden konnten, zumeist zinsfrei. Wenn die Bürger dabei Geld verloren, galt dies als Opfer für das Gemeinwohl. Diese Darlehen verkörperten die Idee einer bürgerlichen Gemeinschaft. Die Verbindung von Staatsschuld und Religion zeigte sich auch architektonisch: Der Tempel als Hort des Vermögens wurde Jahrhunderte später, im 18\. und frühen 19\. Jahrhundert, zum Vorbild für die neoklassizistischen Bankgebäude Europas. Monarchen und absolute Herrscher versuchten, ähnliche Formen des Kredits zu erschliessen, wobei die Grenze zwischen Kreditaufnahme und Besteuerung oft verschwamm. Die Aussicht auf Rückzahlung war gering, und die Gläubiger lernten bald, ihren Reichtum vor königlichen Agenten, den faktischen Steuereintreibern, zu verbergen. So liehen sich Herrscher gegen Zinsen bei Kaufleuten in anderen Territorien und gerieten häufig teilweise oder vollständig in Zahlungsverzug. Der Wunsch nach verlässlicheren Kreditbedingungen wurde zu einem entscheidenden Motor für die Entstehung politischer Rechenschaft – und letztlich der Demokratie. Die Gründung der Bank of England im Jahr 1694 bildete das Herzstück der sogenannten «englischen Finanzrevolution». Sie senkte die Kosten der staatlichen Kreditaufnahme drastisch und stärkte damit Englands Fähigkeit, militärische (insbesondere maritime) Infrastruktur und Dienstleistungen zu finanzieren. Die entscheidende Innovation bestand darin, dass die Gläubiger ein Parlament kontrollierten, das über Steuern entschied – und damit ihre eigene Rückzahlung garantieren konnte. Der erste US-Finanzminister, Alexander Hamilton, liess sich stark vom britischen Vorbild inspirieren und studierte den Fall der Bank of England im Detail. Als er 1790 die Übernahme der Kriegsschulden der einzelnen Bundesstaaten vorschlug, erkannte er im notwendigen Kompromiss – der Vereinigung verschiedener Schuldenlasten – den Grundstein eines neuen Gemeinwesens. Schulden, schrieb er, sollten «der starke Zement unseres Zusammenhalts» sein. Die Faszination für Hamilton ist ungebrochen. Nach dem Ausbruch der Eurozonenschuldenkrise 2010 wurde er zur zentralen Referenzfigur in den Debatten, als die Forderungen nach einer Vergemeinschaftung der Schulden neuen Auftrieb erhielten. > «Die Verbindung von Staatsschuld und Religion zeigte sich auch architektonisch: Der Tempel als Hort des Vermögens wurde zum Vorbild für die neoklassizistischen Bankgebäude Europas.» Staatsschulden beruhten auf einem dichten Geflecht aus Versprechen und Verpflichtungen. Sie verschafften dem Staat die Mittel, seine zentralen Aufgaben zu erfüllen – Verteidigung, Rechtsprechung und Verwaltung – und schufen zugleich Loyalität bei jenen, die von staatlicher Sicherheit profitierten. Gerade deshalb ist die Entscheidung, «hamiltonisch» zu handeln, so schwierig: Sie kann neue Bindungen schaffen, setzt jedoch ein gemeinsames Grundgefühl voraus. Einst glaubten Menschen, für ihr Vaterland sterben zu müssen – heute wäre kaum jemand bereit, für eine Schuldenvergemeinschaftung das eigene Leben zu riskieren. ## Schulden explodieren Die Coronakrise beschleunigte einen demokratischen Trend, der sich bereits im späten 20\. Jahrhundert abgezeichnet hatte: Mehr auszugeben und weniger zu besteuern erwies sich als politisch verführerisch – oder schlicht populistisch. Angesichts sinkender Zinssätze glaubten viele Regierungen, den sprichwörtlichen «Free Lunch» gefunden zu haben. Die Argumente gegen Haushaltsanpassungen, nun unter dem Schlagwort Sparpolitik abgelegt, verloren an Überzeugungskraft. Schulden zu machen schien ein bequemer Weg, politische Erwartungen zu steuern (siehe Grafik). ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/14.jpg) Das Verhalten moderner Demokratien, die dazu neigen, Finanzinnovationen zu nutzen, um ihre Defizite dauerhaft zu finanzieren, unterscheidet sich deutlich von dem früherer Staaten. Grossbritannien verkörperte einst das klassische Modell: In Friedenszeiten wurden Überschüsse aufgebaut oder Schulden abgetragen, um im Ernstfall eines grossen Krieges handlungsfähig zu bleiben. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch machten zunächst der atomare Frieden des Kalten Krieges und später, nach 1990, die Vorstellung einer dauerhaft stabilen Welt jede Form vorsorglicher Sparsamkeit obsolet. Erst der Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 rief die alten Unsicherheiten von Sicherheit und Konflikt in Erinnerung. Abschreckung hatte sich als unzureichend erwiesen, um eine Welt zu sichern, die frei von Grossmachtkonflikten und der Notwendigkeit massiver Verteidigungsausgaben bleibt. Eine weitere Entwicklung liess den «Free Lunch» für dauerhaft verschuldete Demokratien noch plausibler erscheinen. Mit der Ausbreitung der Industrialisierung und dem rasanten Aufstieg der Schwellenländer stiegen auch deren Ersparnisse. Diese sogenannte Sparschwemme wurde – insbesondere vom damaligen Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke – als Erklärung für die globalen Ungleichgewichte herangezogen, die es den USA ermöglichten, gleichzeitig Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite zu finanzieren. Doch auch dieser Moment erwies sich als trügerisch. Mit dem demografischen Wandel, am deutlichsten sichtbar in China, begann der Niedergang: Die Gesellschaften alterten, die Ersparnisse schrumpften, ältere Bevölkerungen lösten ihre Reserven auf. Rasch zeigte sich, dass diese Quelle des Überflusses nur vorübergehend war und Kapital künftig umso knapper werden würde, je mehr Menschen von ihren Ersparnissen lebten. Tatsächlich öffnete sich nur ein kurzes Zeitfenster, entstanden aus dem zufälligen Zusammenspiel hochentwickelter Finanzmärkte, einer internationalen Ordnung, die Frieden garantierte, und einer schnell wachsenden, sparfreudigen Mittelschicht in den Schwellenländern. Dieses Zusammenspiel liess die Industrienationen glauben, sie könnten die steigenden Ansprüche ihrer demokratischen Gesellschaften dauerhaft erfüllen. Die eigentliche Illusion bestand darin zu glauben, dieser Zustand könne von Dauer sein. Während diese Illusion zerbricht, werden die Rufe nach neuer monetärer Magie lauter – vielleicht in Form von Stablecoins, die zusätzliche Nachfrage schaffen sollen. Die eine Möglichkeit besteht darin, in ständiger Furcht vor einer Inflation zu leben, die zwar den Schuldenwert mindert, zugleich aber die Grundlage jedes Vertrags zerstört. Die andere ist die Hoffnung, jemand anders möge die Schulden übernehmen – eine Erlösung durch einen wohlwollenden Aussenstehenden, eine Magie von aussen. > «Werden die Rufe nach neuer monetärer Magie lauter – vielleicht in Form von Stablecoins, die zusätzliche Nachfrage schaffen sollen.» Doch all diese Hoffnungen entspringen derselben Versuchung: dem Glauben, man könne Schulden ohne Folgen verschwinden lassen. Am Ende jedoch zerstört die Utopie eines schuldenfreien Auswegs genau jenen Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. ### Wer zögert, verliert URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-zoegert-verliert/ Last updated: 2025-11-19T23:22:14.000Z Die Weltpolitik kann ich nicht beeinflussen, aber meine Anlagestrategie und wie ich darauf reagiere. In einem fragilen Umfeld ist deshalb dreierlei entscheidend: Robustheit, ein langfristiger Anlagehorizont und Regelmässigkeit beim Anlegen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Anlageportfolios vom besten Szenario gelebt haben. Heute müssen sie krisensicher sein. Eine breite Diversifikation über verschiedene Anlageklassen, Regionen und Branchen hinweg sowie ein solides Risikomanagement schaffen Abhilfe. Ins Portfolio gehören kostengünstige Indexfonds oder ETF-Sparpläne auf Qualitätstitel, die auch in Krisenzeiten ihre Dividenden zahlen. Ebenfalls würde ich den ungebremsten Wachstumsmarkt Technologie und die sich erholenden Märkte China und Japan mittels Investitionen in ETFs miteinbeziehen. Wer sich vom Lärm der Schlagzeilen treiben lässt, investiert nicht, sondern spekuliert. Die Finanzmarktpsychologie kennt das Phänomen des Aktionismus: Wir fühlen uns besser, wenn wir auf Nachrichten reagieren. Dagegen sprechen die Börsenweisheit «Hin und her macht Taschen leer» sowie statistische Auswertungen, die den «Buy & Hold»-Investoren beipflichten. Entscheidend ist es darum, an einer klaren, langfristigen Strategie festzuhalten. Dazu gehört auch der Blick auf Anlageklassen, die sich antizyklisch verhalten, wie beispielsweise Kryptowährungen oder Edelmetalle. > «Wer sich vom Lärm der Schlagzeilen treiben lässt, investiert nicht, sondern spekuliert» Der beste Zeitpunkt zum Investieren ist selten offensichtlich – sonst könnte das ja jede(r) machen. Wer konsequent und über längere Zeiträume regelmässig investiert, nutzt den Durchschnittskosteneffekt (auf Englisch *Dollar Cost Averaging*oder DCA): Schwankungen werden geglättet, Emotionen verlieren an Macht, die Disziplin wächst. Je höher die Volatilität, desto häufiger die Einzahlungen. So laufen meine ETF-Sparpläne monatlich, meine Bitcoin-Investitionen per wöchentliches DCA. Eine erfolgreiche Anlagestrategie kombiniert die Faktoren Stabilität, Perspektive, Kosten- und Risikomanagement sowie Demut. Gerade wenn die Welt im Umbruch ist, trägt eine Strategie mit breit gestreuten Fonds zu einem ruhigen Schlaf bei und verhindert Selbstüberschätzung. ### Nach der Verschuldung droht die Enteignung URL: https://www.schweizermonat.ch/nach-der-verschuldung-droht-die-enteignung/ Last updated: 2025-11-19T23:17:46.000Z Alle Jahre wieder: Nach der Einführung des Euro und den milliardenschweren Massnahmen zur Erhaltung des Euro-Systems steht Deutschland nun mit dem geplanten digitalen Euro bereits vor der dritten Währungsreform innerhalb eines Vierteljahrhunderts. Angesichts der massiven Staatsverschuldung und der durch den wirtschaftlichen Niedergang gefährdeten Schuldentragfähigkeit könnten weitere Formen finanzieller Repressionen drohen. Das heutige Finanzsystem beruht auf Schulden. Neues Geld entsteht durch Kreditvergabe an staatliche Institutionen, Unternehmen und private Haushalte. Seit 1999 hat sich die Geldmenge M3 im Euroraum dadurch nahezu um den Faktor vier ausgedehnt. Die Folge ist eine schleichende Erosion der Kaufkraft. Gold verteuerte sich in dem besagten Zeitraum um den Faktor 13, was bedeutet, dass die Goldkaufkraft des Euro um mehr als 90 Prozent gefallen ist. Dieser schleichende Prozess verteuert das Leben der Menschen seit Jahrzehnten – und raubt Zeit: Die Kaufkraft der Arbeitseinkommen sinkt kontinuierlich. So muss ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland (ledig, kinderlos) gemäss Statistischem Bundesamt etwa zehnmal so lange arbeiten wie 1970, um sich eine Unze Gold zu leisten. Zum schleichenden Niedergang des Privatbesitzes kommen angesichts der Überschuldung nun weitere mögliche eigentumsfeindliche Szenarien hinzu. Lag die weltweite Verschuldung 1970 noch bei ungefähr 100 Prozent der jährlichen globalen Wirtschaftsleistung, so beziffert sie der Internationale Währungsfonds heute auf über 300 Prozent. Bei einem Kreditzins von 5 Prozent müssten damit 15 von 100 Euro Umsatz allein für den Zinsdienst aufgebracht werden – Tilgung nicht eingerechnet. Die Schulden, vor allem die Staatsschulden, wachsen der Menschheit buchstäblich über den Kopf. Historische Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass wir es mit der grössten Schuldenblase aller Zeiten zu tun haben. In solchen Phasen von Überschuldung und Staatspleiten kam es sehr oft zur Verrechnung von Schulden und Guthaben – und dabei geht es nicht nur um Guthaben auf den Konten, sondern um sämtliche Vermögenswerte. ## Die tatsächliche Schuldenlast ist viel höher Würden die staatlichen Institutionen in Deutschland so bilanzieren, wie sie es den Unternehmen diktieren, läge die Verschuldung Deutschlands nicht bei den offiziell veröffentlichten 60 bis 70 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung, sondern bei über 450 Prozent. Das entspricht der unglaublichen Summe von 19 500 Milliarden Euro. Damit haben staatliche Akteure die Bevölkerung in eine kollektive Überschuldungssituation geführt. Deutschland ist nach kaufmännisch korrekt berechneter Staatsverschuldung hoffnungslos überschuldet – ein klarer Sanierungsfall. Der Unterschied ist gravierend: Während die offizielle Statistik von rund 30 000 Euro Schulden pro Kopf ausgeht, liegt die tatsächliche Kollektivschuld pro Bürger bei über 200 000 Euro! Der gesunde Menschenverstand reicht aus, um die Dimension dieses Missstands zu erkennen. > «Deutschland ist nach kaufmännisch korrekt berechneter Staatsverschuldung hoffnungslos überschuldet – ein klarer Sanierungsfall.» Wenn Unternehmen oder Privathaushalte einen Kredit aufnehmen, müssen sie erstens Sicherheiten erbringen, um den Kredit abzusichern. Und zweitens die Schuldentragfähigkeit nachweisen, mit einem regelmässigen Einkommen oder einem regelmässigen positiven Cashflow, der eine planmässige Rückzahlung von Zinsen und Tilgung sicherstellt. Die Sicherheiten des Staates speisen sich im Wesentlichen aus künftigen Steuereinnahmen und sonstigen Bewirtschaftungsmassnahmen. Das Steueraufkommen steht und fällt mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes. Je nach Definition befindet sich Deutschland seit mehreren Jahren in einer wirtschaftlichen Stagnation oder gar rezessiven Phase. Die Produktivität erreichte bereits 2007 ihren Höchststand, bewegte sich dann bis 2020 seitwärts und ist seit 2021/22 sogar rückläufig. Die (durch staatliche Eingriffe verursachten) hohen Energiepreise, die enorme Steuer- und Abgabenlast, die überbordende Bürokratie und weitere lähmende Faktoren haben Deutschlands Unternehmen im internationalen Wettbewerb ein gewaltiges strukturelles Defizit beschert. Immer mehr Unternehmen verlagern ihre Produktion und Wertschöpfung auf andere Kontinente. Zugleich tritt die Generation der Babyboomer in den nächsten Jahren in den Ruhestand – aus Nettosteuerzahlern werden Nettosteuerempfänger. Die Überalterung bringt die Sozialsysteme an ihre Belastungsgrenze. Hinzu kommt die marode Infrastruktur, welche die Produktivität zusätzlich hemmt. Sämtliche dieser Faktoren führen unweigerlich in Richtung verschiedener Szenarien möglicher Finanzrepression. ## Hyperinflation, Staatspleite und Krieg In den späten Phasen der Geldverschlechterung und Überschuldung kam es in der Menschheitsgeschichte sehr oft zu militärischen Auseinandersetzungen. Kriege dienten den Machthabern seit jeher als Vorwand dafür, Zugriff auf sämtliche Ressourcen in ihrem Machtgebiet zu nehmen. Am Ende bedeutet das nicht weniger als die ultimative Vernichtung des Privateigentums. Im Falle der Wehrpflicht richtet sich dieser Zugriff gegen das Grundrecht der körperlichen Selbstbestimmung. Kriege dienen zudem immer wieder als Ausrede, um vom systemischen Versagen abzulenken. Sie ermöglichten vielfach eine totale Machtakkumulation, die eine Befehls- und Lenkungswirtschaft umsetzt. Krieg ist teuer und vernichtet Wohlstand. Unter einer konstanten Geldmenge oder einer Edelmetallbindung wäre er de facto gar nicht oder nur sehr begrenzt finanzierbar. Mit neuen Staatsschulden und über Inflation kann er jedoch ermöglicht werden. Die Folgen sind Kaufkraftverluste, die im Extremfall Dimensionen annehmen können, wie es in Deutschland 1923 der Fall war. Nur 22 Jahre später erlebten die Menschen in Deutschland den nächsten Staatsbankrott. > «Krieg ist teuer und vernichtet Wohlstand. Unter einer konstanten Geldmenge oder einer Edelmetallbindung wäre er de facto gar nicht oder nur sehr begrenzt finanzierbar. Mit neuen Staatsschulden und über Inflation kann er jedoch ermöglicht werden.» Die Gegenwart ist geprägt von einem fragilen Banken- und Finanzsystem, das aufgrund der Fiatkreditwelt mit zu geringen Eigenkapitalquoten entstanden ist. Die Euroeinführung – durchgesetzt ohne direkte Zustimmung der Bevölkerung – verhinderte den Ausgleich der wirtschaftlichen Ungleichgewichte über freie Wechselkurse. Die ökonomische Dysfunktionalität manifestierte sich in der bis heute anhaltenden Eurokrise. Aktuell gerät Frankreich ins Wanken, und sollte die Insolvenzwelle auch die Banken erfassen, stünde mit dem digitalen Euro womöglich die nächste Währungsreform vor der Tür. Die Eigentumsfeindlichkeit dieses totalen Geldes wäre ein Thema für sich. ## Der Lastenausgleich nach dem Zweiten Weltkrieg Parallel dazu könnte in Deutschland das umgesetzt werden, was sich schon einmal vollzog. Am 14\. August 1952 verabschiedete der Bundestag das sogenannte Lastenausgleichsgesetz – rückwirkend zum 1\. Januar 1949\. Es handelte sich um eine einmalige Enteignung (verniedlichend als «Abgabe» bezeichnet) in Höhe von 50 Prozent auf das Vermögen (Immobilien via Zwangshypothek, Betriebsvermögen, Wertpapiere). Die Zahlungen konnten sich über 30 Jahre erstrecken. Offiziell diente der Lastenausgleich dazu, die Lasten des Krieges gleichmässig auf die Bevölkerung zu verteilen. Befürworter von eigentumsfeindlichen Massnahmen sehen den Lastenausgleich bis heute als zentralen Baustein für den Wiederaufbau Westdeutschlands an. De facto wurde der privaten Wirtschaft Kapital entzogen, der Kapitalstock gemindert; diese Mittel wurden zentralplanerisch von der Regierung verwaltet und zugeteilt. Als Verfechter freier und marktwirtschaftlicher Strukturen kann man ein derartiges Vorgehen nicht gutheissen. Das Lastenausgleichsgesetz besteht in Deutschland bis heute und könnte unter dem Vorwand «zeitgemässer Erzählungen» jederzeit reaktiviert und neu ausgerollt werden. Über den Besitzern von Wertschriften schwebt zudem das Damoklesschwert des sogenannten «Great Taking». Der ehemalige Finanzmanager David Rogers Webb widmete diesem Szenario ein ganzes Buch. Gemeint ist ein «grosses Nehmen», das dann greifen könnte, wenn ein grosses Puzzleteil des globalen Derivatemarkts in die Insolvenz rutscht. Die Dimensionen sind gewaltig: Allein die Deutsche Bank ist Derivaten in der Höhe des Elffachen der deutschen Jahreswirtschaftsleistung ausgesetzt. Das Derivatevolumen der Deutschen Bank übersteigt das Eigenkapital um den Faktor 1000 – von einem Risikopuffer, der etwaige Verluste im Derivatebereich durch Eigenkapitaldeckung abfedern könnte, lässt sich also kaum sprechen. ## Gesetzlicher Raub Alles, was eine Regierung oder ein Machthaber durchsetzen will, fusst auf der Akzeptanz der Menschen. Ein Beispiel ist der von der Ampelregierung in Deutschland verordnete Heizungszwang. Auch dieser behelligt die Eigentumsrechte, hat für Unsicherheit auf dem Immobilienmarkt gesorgt und die Eigentumsrechte der Menschen geschädigt. Vermutlich verfügt in Deutschland nur eine Minderheit über Immobilienbesitz. Über die staatlich dominierten Medien lässt sich deshalb leicht die nötige Stimmung erzeugen – und damit auch die Akzeptanz für solche Eingriffe. Im Zuge einer wachsenden Staatsverschuldung könnte so eine eigentumsfeindliche Renaissance von Zwangshypotheken und Lastenausgleich drohen. In Deutschland rollt derzeit eine Neiddebatte gegen Vermögende und gegen das Vererben. Es liegt auf der Hand, dass Erben und Vermögen zukünftig höher besteuert werden könnten. Der Staat kann durch neue Gesetze den Raub scheinlegitimieren. Flankiert werden diese Massnahmen vermutlich von wohlklingenden kollektivistischen Floskeln aus der Mottenkiste über «soziale Gerechtigkeit» oder den «gemeinsamen Verzicht». Sicher ist jedoch: Der Verzicht wird kaum jene treffen, die diese Gesetze beschliessen. Fakt ist: Die Schuldenlast sinkt nicht – sie wächst. Statt Ausgaben zu kürzen, weiten Staaten ihre Budgets weiter aus.Finanzielle Repressionen, in welcher Form auch immer, dürften daher zunehmen. Wer die Wortmeldungen aus dem politmedialen Zirkus verfolgt, erkennt, wie die öffentliche Stimmung dafür schrittweise vorbereitet wird. Zugleich sollten sich die Menschen bewusst sein: Eine kollektive Überschuldung kann jederzeit auch ihre Ersparnisse und Vermögen gefährden. > «Die Schuldenlast sinkt nicht – sie wächst. Statt Ausgaben zu kürzen, weiten Staaten ihre Budgets weiter aus.» Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat mit seiner Handlungslogik ein Werkzeug hinterlassen, das menschliches Handeln klar in feindliche und freundliche Handlungen unterteilt. Freundliche Handlungen beruhen auf Freiwilligkeit. Feindliche Handlungen dagegen fussen auf der durch Gewaltandrohung erzwungenen Kooperation. Würde eine kritische Masse die Handlungslogik verinnerlichen, könnte der eigentumsfeindliche Spuk – so meine Überzeugung – endgültig sein Ende finden. ### Gold bleibt der Klassiker gegen Marktstress URL: https://www.schweizermonat.ch/gold-bleibt-der-klassiker-gegen-marktstress/ Last updated: 2025-11-19T23:11:35.000Z Im aktuell herausfordernden Umfeld ist es entscheidend, sich an die folgenden Kernprinzipien zu halten: Erstens: Sich nicht verunsichern lassen und langfristig investiert bleiben. Wer nicht investiert, verpasst es, von den langfristig steigenden Märkten zu profitieren. Wer frühzeitig aussteigen will, verliert oft den «Sweet Spot», denn die kräftigsten Aufwärtsbewegungen treten meist unerwartet ein. Zweitens: Das richtige Timing ist eine Illusion – stattdessen empfiehlt sich das Time-Averaging. Es ist ein bewährter Ansatz, regelmässig, etwa monatlich oder quartalsweise, einen festen Betrag in ETFs zu investieren (*Cost Averaging*). So verringert man Timing-Risiken und glättet Marktschwankungen. > «Tätigen Sie keine Panikverkäufe, Kurskorrekturen sind normal.» Drittens: Diversifikation ist ein Muss. In den Kernteil eines breit gestreuten Portfolios gehören unserer Meinung nach unterschiedliche Anlageklassen, Länder und Regionen. Europäische Aktien-ETFs (z.B. SPI, SMI, EuroStoxx 50) setzen stärker auf Gesundheit, Konsum und Finanzen, während der US-Markt mit über 30 Prozent Technologiegewichtung dynamischer ist. Sinnvoll ist eine Mischung aus Swiss Market Index, EuroStoxx 50 und S&P 500 – Letzterer teils währungsgesichert, da der Dollar unter Druck steht. Gold bleibt der Klassiker gegen Marktstress, physisch wie auch via ETF. Kryptowährungen wie Bitcoin können als alternatives Asset im einstelligen Prozentbereich die Strategie ergänzen. Anleihen hingegen bieten im aktuellen Franken-Zinsumfeld kaum Chancen. In einem Zusatztopf würden wir ein ETF auf asiatische Tech-Aktien hinzufügen. Last but not least: Tätigen Sie keine Panikverkäufe, Kurskorrekturen sind normal. Marktkorrekturen von 10 bis 20 Prozent sind keine Ausnahme, sie gehören zur Marktmechanik. Für den langfristig orientierten Anleger sind sie eher eine Gelegenheit zum Nachkaufen als ein Grund zur Flucht. Historisch gesehen liefern die breit gestreuten Aktienmärkte eine durchschnittliche Nominalrendite von 8 bis 10 Prozent nominal pro Jahr (je nach Markt und Zeitraum). ### Die Politiker setzen alles auf Rot – die Rechnung bezahlt die nächste Generation URL: https://www.schweizermonat.ch/die-politiker-setzen-alles-auf-rot-die-rechnung-bezahlt-die-naechste-generation/ Last updated: 2025-11-19T18:47:43.000Z Das Staatsschiff Frankreich sinkt, seine Schulden ziehen es nach unten. So beschrieb der gescheiterte Premier François Bayrou die Situation, als er Anfang September die Vertrauensfrage im Parlament stellte. Weil das Finanzloch immer weiter aufreisse, müsse er als Kapitän für die Abdichtung alle zusammenrufen: «Um das Schiff zu retten, auf dem wir und unsere Kinder uns befinden, müssen wir sofort handeln.» Die Profiteure des bisherigen Schuldenkurses seien die gealterten Boomer, so Bayrou weiter. Das erste Opfer sei die junge Generation. Ausgerechnet den Jüngsten habe man aber erfolgreich eingeredet, dass die Schulden noch erhöht werden müssten. Bayrou sprach von einem «historischen Moment», aber sein Appell ging bekanntlich ins Leere und er verlor sein Amt. Die Mahnung, dass Frankreich schon seit mehr als einem halben Jahrhundert keinen ausgeglichenen Staatshaushalt mehr habe, alarmierte nur noch wenige. Gerade die Jüngeren kennen es gar nicht anders. Bisher funktionierte die Finanzierung über immer neue Kredite problemlos. Warum also die Aufregung? Frankreichs Lage wird kritisch, weil die kumulierten Schulden heute so gross sind wie seit der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht mehr. Frankreich leistet sich (relativ zum BIP) die höchsten Staatsausgaben in der entwickelten Welt. Sie erreichen in Kürze etwa 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das Doppelte des Limits aus dem Maastrichter Euro-Vertrag – und wachsen ungebremst weiter. Ein Treiber, der für lange Zeit ruhte, nimmt gerade erst wieder Fahrt auf: Der Zins ist seit 2022 kräftig gestiegen; zusätzlich zur allgemeinen Kreditverteuerung muss Frankreich einen stark erhöhten Risikoaufschlag zahlen. Der Zins für seine zehnjährigen Anleihen, der Ende 2021 nahe null lag, kletterte bis Herbst 2025 auf rund 3,5 Prozent und ist heute (gleichauf mit Italien) der höchste der Eurozone. ## Uralte, moderne Geldtheorie Als schwacher Trost bleibt da nur, dass die Lage der meisten anderen westlichen Industrieländer ähnlich ist. Die USA, Grossbritannien, Japan und eben Italien kämpfen ebenfalls mit Rekordschulden und einem Zinsanstieg. Ein Triple-A-Rating geniessen unter den G7-Staaten nur noch Deutschland und Kanada. Noch ist Deutschland ein Stabilitätsanker für seine Euro-Partner, hat sich aber nun ebenfalls auf Verschuldungskurs begeben. Die Verteidiger der tiefroten Zahlen führen die klassischen Argumente an, die es für «gute» Staatsschulden gibt: Werden die Kredite investiv verwendet, dann schaffen sie zusätzliche Einkommen in der Zukunft. In Relation zum BIP bleibt die Schuldenlast dann langfristig beherrschbar, produktive Investitionen refinanzieren sich selbst. > «Ein Triple-A-Rating geniessen unter den G7-Staaten nur noch Deutschland und Kanada.» «Deficits don´t matter», hiess es am Ende in einer neuen, akademisch randständigen, aber politisch einflussreichen Lehre, der Modern Monetary Theory (MMT): Der Staat könne sich via Notenpresse stets in beliebiger Höhe finanzieren – lediglich die Inflation müsse er dabei im Auge behalten. Um den gigantischen Ausgaben- und Schuldenschub der Staaten in der Pandemie zu rechtfertigen, kam die schlichte Logik des Notfalls hinzu: In einer unvorhersehbaren Grosskrise ist der Überziehungskredit buchstäblich not-wendig. Die Kosten des finanziellen Fiaskos müssen aber in späteren Jahren wieder abgestottert werden. Nach einem kurzen, heftigen Inflationsschock sind die Zinsen zurückgekehrt. Die Notenbanken haben ihre Käufe von Staatspapieren vorerst beendet. Ein chronisches Überangebot an Gütern und brachliegenden Kapazitäten, mit dem die superexpansive Geldpolitik der 2010er-Jahre begründet werden konnte, gibt es nur noch in China. Nicht mehr Nachfragemangel, sondern Ressourcenknappheit ist das Kernproblem. Wo die Rüstungsausgaben stark steigen, kehrt deshalb der alte «Guns versus Butter»-Konflikt zurück. So wird im englischsprachigen Raum das Dilemma um die notwendige Priorisierung von Haushaltsausgaben beschrieben – nur dass es in Europa heute um Kanonen versus Renten oder Kindergärten geht. Die deutsche Schuldenwende zeigt zudem einmal mehr, dass aus theoretisch «guten» Schulden in der Realpolitik allzu oft blosse Macht- und Klientelwirtschaft wird. Kredite machen es möglich, Verteilungskonflikte in die Zukunft zu verschieben und zugleich auf der Bühne Tatkraft vorzuführen. Schulden, so schrieb bereits der schottische Aufklärer und Ökonom David Hume («Of Public Credit», 1752), seien für jeden Minister verlockend, weil sie es ihm erlaubten, «während seiner Amtszeit einen grossen Mann zu markieren, ohne das Volk mit Steuern zu überlasten oder sich unmittelbare Vorwürfe gegen seine Person einzuhandeln». Statt der versprochenen zusätzlichen Investitionen ist in Deutschland inzwischen ein «Verschiebebahnhof» erkennbar, auf dem die neuen Kreditmittel in schon früher geplante Projekte oder direkt in reine Konsumausgaben geleitet werden. Viele Wähler und Interessengruppen gehen offenbar davon aus, dass die künftigen Zins- und Tilgungslasten aus diesen Schulden sie selbst nicht (mehr) betreffen werden. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/22.jpg) ## Explodiert die Schuldenbombe? Wenn die Schulden die Finanzstabilität gefährden, trifft das Risiko aber alle. Hochverschuldete Staaten, die ihre Kredite immer wieder umwälzen und erneuern müssen, werden zunehmend verwundbar. In Worst-Case-Szenarien, die heute sogar für die Finanzsupermacht USA durchgespielt werden, explodiert die Schuldenbombe: Bondinvestoren verlieren irgendwann das Vertrauen und treten in einen Käuferstreik; dann schiessen nicht nur die staatlichen Zinskosten in die Höhe, sondern das ganze Finanzsystem bebt. Crashen die vermeintlich mündelsicheren Staatspapiere, dann wackeln Banken und andere Finanzinstitutionen. Die steigenden Zinsen und die eskalierenden Rettungskosten zerreissen wiederum die Staatsfinanzen noch weiter. In der Eurokrise waren solche *Doom-Loops* schon einmal zu erleben. Zugleich zeigte diese Krise, dass es entscheidend auf die Zentralbank ankommt. Sie kann unbegrenzt Geld schöpfen, Bonds kaufen und einen Bondcrash so verhindern. Entschlossene Signale wie Mario Draghis berühmtes *Whatever it takes* reichen manchmal schon aus. Ob das bei künftigen Krisen auch reichen wird, ist offen. Der Preis dafür ist ein steigendes Inflationsrisiko. Die Zentralbank muss sich zunehmend in den Dienst der Finanzpolitiker stellen. Sie verliert faktisch ihre Unabhängigkeit, weil die Absicherung der Staatsschulden wichtiger wird als die Sicherung der Geldwertstabilität. Verteilungskonflikte lassen sich durch Schulden aufschieben, aber sie verschwinden nicht. Droht die Überschuldung, dann muss irgendeine Gruppe geschröpft werden: Sparpolitik belastet die Steuerzahler oder die staatlichen Leistungsempfänger; ein verdeckter oder offener Schuldenschnitt trifft die Gläubiger der Staatspapiere. Die politisch einfachste Lösung ist die Kürzung der Kaufkraft durch die Inflation. Sie trifft flächendeckend alle, wirkt aber schleichend und ist keiner Partei zurechenbar. Um zu verhindern, dass die Kreditgeber des Staates diese Inflation voll einpreisen, muss früher oder später eine Art von Zinsdeckel hinzukommen. Erst diese sogenannte «finanzielle Repression» macht es dauerhaft möglich, die Forderungen der Gläubiger mittels Geldentwertung auszuhöhlen. > «Die politisch einfachste Lösung ist die Kürzung der Kaufkraft durch die Inflation. Sie trifft flächendeckend alle, wirkt aber schleichend und ist keiner Partei zurechenbar.» Linke wie rechte Populisten versprechen, dass am Ende nur «die Reichen» oder «die Ausländer» zahlen werden. Der finanzielle Effekt dieser Zaubermittel ist aber meistens begrenzt; ihre Risiken und Nebenwirkungen sind beträchtlich. Die in Frankreich heiss diskutierten Reichensteuern werden Kapital vertreiben und das strukturelle Problem nicht lösen. Die Zölle, auf die Donald Trump setzt, werden den US-Haushalt nicht sanieren und müssen ohnehin zu einem grossen Teil von den amerikanischen Verbrauchern selbst getragen werden. Im «America First»-Umfeld kursieren daher auch Ideen, wie die ausländischen Kapitalgeber zur Kasse gebeten werden könnten. So hatte Trumps Ex-Chefökonom, der inzwischen zur Notenbank Fed gewechselte Stephen Miran, ein vielbeachtetes Konzept für einen sogenannten «Mar-a-Lago-Akkord» publiziert. Teil dieses Deals sollte sein, dass Verbündete, die ihre Währungsreserven überwiegend in US-Staatsanleihen halten, diese Papiere zwangsweise in hundertjährige (und dadurch viele riskantere) Bonds tauschen müssten. Sie sollten damit dauerhaft zur Finanzierung des militärischen Schutzschirms der USA herangezogen werden. Konkret wurden solche Überlegungen noch nicht – sie belasten aber bereits den Dollar und die US-Staatspapiere. ## Jamaika und Schweden als Vorbild Beispiele für einen Schuldenabbau, der verlorenes Vertrauen zurückgewinnt, finden sich heute selten. Doch es gibt sie – manchmal sogar dort, wo niemand sie erwartet. So hat ausgerechnet das chronisch überschuldete Jamaika seinen Schuldenstand seit Mitte der 2010er-Jahre von über 140 auf unter 70 Prozent des BIP mehr als halbiert. Die seither fast ständig ausgeglichenen Haushalte erforderten massiven Verzicht der Bürger. Zuvor hatten die Jamaikaner allerdings kollektiv in den Abgrund geblickt: Knapp vor einem absehbaren Staatsbankrott entstand ihr mächtiger neuer Sparkonsens. Erst eine drohende Katastrophe erzwang auch in Schweden Anfang der 1990er-Jahre die radikale Wende. Angesichts eines Haushaltsdefizits von über zehn Prozent des BIP und einer abstürzenden Währung entschloss sich die Politik damals zur Not-OP. Unter sozialdemokratischer Führung wurden die Staatsausgaben quer über alle Ressorts kräftig gekürzt – selbst der König musste sparen. Auch die Steuern wurden erhöht (und zum Teil später wieder rückvergütet). Wie ernst das Schuldenproblem war, spürten die Bürger seinerzeit am eigenen Leib: Ihre normalen Bauzinsen waren auf über 15 Prozent gestiegen. Mit einem Schuldenstand von rund 34 Prozent des BIP ist Schweden heute einer der am geringsten verschuldeten Staaten der westlichen Welt. Es steht sogar noch etwas besser da als die Schweiz. Hier wie dort (und auch in Jamaika) sorgen gesetzliche Regeln dafür, dass die Verschuldung in engem Rahmen bleibt. Die Politik kann Konflikte nicht in die Zukunft verschieben, sondern sie muss offen Prioritäten setzen. Eine [Studie](https://www.imf.org/en/Publications/Staff-Discussion-Notes/Issues/2025/09/22/Fiscal-Guardrails-against-High-Debt-and-Looming-Spending-Pressures-569841?cid=bl-com-SDNEA2025004&ref=schweizermonat.ch) des IWF hat die Bedeutung solcher Leitplanken jüngst noch einmal unterstrichen. Die IWF-Botschaft dürfte auch und gerade an die Europäer gerichtet sein: Nach dem französischen Budgetchaos und der deutschen Schuldenwende sind die ausgefeilten Fiskalregeln in der Euro-Zone so lädiert wie noch nie. ### Die versteckten Kosten des geldpolitischen Sündenfalls URL: https://www.schweizermonat.ch/die-versteckten-kosten-des-geldpolitischen-suendenfalls/ Last updated: 2025-11-24T08:59:24.000Z Read the english version [here](https://www.schweizermonat.ch/the-hidden-costs-of-monetary-policy/). In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren hatten die Zentralbanken nur ein Ziel: die Inflation zu kontrollieren. Ihre Unabhängigkeit schützte die Geldpolitik vor politischer Einflussnahme. Die globale Finanzkrise von 2008 markierte einen Wendepunkt. Angesichts der zusammenbrechenden Märkte weiteten die Zentralbanken ihre Rolle aus. Neben der Preisstabilität wollten sie nun auch finanzielle Risiken eindämmen und die Kreditkosten für Staaten unter Kontrolle halten. Während der europäischen Staatsschuldenkrise hatten Länder wie Griechenland, Spanien und Italien Probleme, ihre Staatsschulden zurückzuzahlen. Die Angst vor Staatsbankrotten ging um. Die Zentralbanken griffen ein, um Investoren zu beruhigen und die Finanzierungskosten im Rahmen zu halten. Ihr wichtigstes Instrument war das «Quantitative Easing» (QE), mit dem sie im grossen Stil langfristige Staatsanleihen und ausgewählte Unternehmenswerte aufkauften. Durch diese Käufe trieben sie die Preise für diese Wertpapiere in die Höhe und senkten die langfristigen Zinsen. Dadurch wurden Kredite für Regierungen, Unternehmen und Haushalte günstiger. Das Ausmass dieser Programme war beispiellos. Die Bilanzsumme der EZB beläuft sich heute auf rund 6 Billionen Euro, gegenüber etwa 1 Billion im Jahr 2006\. Das ist eine Versechsfachung in weniger als 20 Jahren. Diese Interventionen führten dazu, dass die Zentralbanken viel grössere Bilanzen und Zinssätze nahe null hatten. Einige erwarteten, dass die daraus resultierende Liquidität das Wachstum ankurbeln würde. Andere befürchteten, sie würde Inflation auslösen. Die erste Gruppe glaubte, dass billigere Kredite Investitionen und Konsum ankurbeln würden. Die zweite Gruppe verwies auf historische Fälle von monetärer Überversorgung. Keines der beiden Szenarien trat ein. ## Vergebene Chancen Im Nachhinein ist die Erklärung klar: QE ist nicht dasselbe wie das Drucken von Geld für fiskalische Ausgaben. In Ländern wie Venezuela oder Argentinien finanzierten die Zentralbanken die Staatsdefizite direkt. Im Gegensatz dazu pumpte QE Liquidität in die Finanzmärkte. Doch die Geschäftsbanken, die durch schwache Investitionsaussichten und strengere Regulierung eingeschränkt waren, gaben diese Liquidität nicht an Unternehmen oder Haushalte weiter. Infolgedessen konnte die quantitative Lockerung keine breite wirtschaftliche Belebung oder anhaltende Inflation bewirken. Dagegen verhinderte sie über ein Jahrzehnt lang jegliche Unsicherheit auf den Märkten für Staatsanleihen (und Unternehmensanleihen). QE hatte jedoch unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Die Preise für Vermögenswerte, insbesondere für Immobilien, stiegen stark an, was Sorgen bezüglich Ungleichheit und Erschwinglichkeit von Wohneigentum schürte. Investoren, angetrieben durch die Käufe der Zentralbanken, suchten nach Renditen und trieben die Preise für Häuser, Aktien und andere Vermögenswerte in die Höhe. Davon profitierten Wohlhabende, während Jüngere oder Ärmere Schwierigkeiten hatten, Immobilien zu kaufen oder in solche zu investieren. Die anhaltend niedrigen Zinsen hielten zudem viele unproduktive Unternehmen über Wasser. Diese «Zombie»-Unternehmen überlebten nur, weil Kredite günstig waren, obwohl sie nicht in der Lage waren, zu wachsen oder innovativ zu sein. Durch ihr Überleben wurden Ressourcen gebunden, die produktiver hätten genutzt werden können. Gleichzeitig verzögerten die Regierungen, die weniger Druck von den Märkten verspürten, Reformen. Ohne hohe Kreditkosten, die sie zur Disziplin zwangen, schoben Politiker Haushaltsanpassungen und Strukturreformen auf. > «Investoren, angetrieben durch die Käufe der Zentralbanken, suchten nach Renditen und trieben die Preise für Häuser, Aktien und andere Vermögenswerte in die Höhe. Davon profitierten Wohlhabende, während Jüngere oder Ärmere Schwierigkeiten hatten, Immobilien zu kaufen oder in solche zu investieren.» Diese Kombination aus Reformverzögerungen und schwachem Produktivitätswachstum führte zu Stagnation. Viele Kommentatoren bezeichnen die 2010er-Jahre heute als «verlorenes Jahrzehnt» für Europa, geprägt von geringer Dynamik und anhaltenden strukturellen Problemen. QE schuf Raum für Reformen, aber die Politik nutzte ihn nicht. Anstatt die Arbeitsmärkte zu reformieren, Regulierungen zu vereinfachen oder in langfristiges Wachstum zu investieren, erhöhten viele Regierungen die Ausgaben und fuhren strukturelle Defizite ein. Die Ungleichgewichte blieben bestehen oder verschärften sich. Italien ist ein anschauliches Beispiel: Die von Mario Monti 2011 eingeleitete Reformagenda wurde schnell fallengelassen, nachdem die Massnahmen der EZB den Druck auf den Anleihenmarkt gemildert hatten. > «QE schuf Raum für Reformen, aber die Politik nutzte ihn nicht.» Die Reaktion auf die Pandemie folgte einem anderen Muster. Diesmal arbeiteten Fiskal- und Geldpolitik zusammen. Die Regierungen führten umfangreiche Konjunkturprogramme ein und transferierten Gelder direkt an Haushalte und Unternehmen. Die Zentralbanken weiteten erneut ihre Bilanzen aus, um die dadurch entstehenden Schulden aufzufangen. Dieser Ansatz verhinderte einen Wirtschaftscrash. Die Einkommen stabilisierten sich, Unternehmen überlebten und die Arbeitslosigkeit blieb tiefer als erwartet. Allerdings traf die starke Nachfrage auf ein begrenztes Angebot, was zu Inflationsdruck führte. Als dann externe Schocks wie Energiepreisanstiege und Unterbrechungen der Lieferketten hinzukamen, stieg die Inflation sprunghaft an. Das zwang die Zentralbanken zu einer Kehrtwende. ## Zentralbanken können kein Wachstum schaffen Wo stehen wir nun? Interventionen der Zentralbanken können die Wirtschaft kurzfristig stabilisieren, sind aber mit Kosten verbunden. Wie Milton Friedman zu sagen pflegte: «There is no such thing as a free lunch.» Einige Kosten, wie die Inflation, treten schnell zutage. Andere, wie Zombieunternehmen und der geringere Druck auf die Regierungen, Defizite abzubauen, zeigen sich erst allmählich. Zentralbanken können die fiskalische Abrechnung zwar hinauszögern, aber politische Entscheidungen nicht ersetzen. Für langfristiges Wachstum braucht es höhere Produktivität, stärkeren Wettbewerb und eine glaubwürdige Finanzpolitik. Produktivitätswachstum (das heisst, mit denselben Ressourcen mehr zu produzieren) erhöht den Lebensstandard. Die Geldpolitik kann das nicht schaffen. Das können nur Strukturreformen und Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Innovation. Die notwendigen Massnahmen sind bekannt, aber politisch schwierig: einfachere Vorschriften, flexiblere Arbeitsmärkte, stärkere Anreize für private Investitionen. Die Geldpolitik kann helfen, Zeit zu gewinnen, aber sie kann Reformen nicht ersetzen. Sie kann sie sogar verzögern, indem sie die Marktdisziplin schwächt und die Abhängigkeit der Regierungen von den Zentralbanken erhöht. Die wachsende Bedeutung der Zentralbanken gefährdet auch ihre Unabhängigkeit. Wenn von ihnen erwartet wird, dass sie die Fiskalpolitik unterstützen oder politische Ziele wie grüne Investitionen oder Industriestrategien verfolgen, wird die Unabhängigkeit geschwächt. Die Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik ist bereits jetzt verwischt. Die politischen Karrieren ehemaliger Zentralbanker wie Janet Yellen, die von der Fed-Gouverneurin zur Finanzministerin der Biden-Regierung wurde, und Mario Draghi, der vom Präsidenten der EZB zum italienischen Ministerpräsidenten aufstieg, unterstreichen diesen Wandel. Die Grenze zwischen technokratischer Politik und politischer Verantwortung verschwimmt immer mehr. Zentralbanken sind nicht allmächtig und sollten anfangen, sich zu verkleinern, bevor es zu spät ist. > «Die wachsende Bedeutung der Zentralbanken gefährdet auch ihre Unabhängigkeit.» Konkret bedeutet das, dass sie die Regierungen mit den Märkten konfrontieren, ohne ihnen geldpolitische Rückendeckung zu geben. Ebenso sollten sie Initiativen, die nicht zu ihrem Kernauftrag gehören, zurückfahren und Risiken zulassen. Denn ohne kreative Zerstörung gibt es kein Wachstum. Je weniger Aufgaben die Zentralbanken übernehmen, desto besser können sie ihre Unabhängigkeit wahren und sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: die Stabilisierung der Preise und die Kontrolle der Inflation. Auf lange Sicht ist der Schutz dieser Unabhängigkeit im Interesse aller. *Aus dem Englischen übersetzt von Lukas Leuzinger. Der Beitrag ist auf schweizermonat.ch in Originalsprache verfügbar.* ### Sei nichts schuldig – ausser Liebe für deine Nächsten URL: https://www.schweizermonat.ch/sei-nichts-schuldig-ausser-liebe-fuer-deine-naechsten/ Last updated: 2025-11-19T18:19:15.000Z Mein Vater, ein Bergbauer, brachte uns Kindern viel Nützliches bei. So ermahnte er uns oft, nur das zu kaufen, was man bar bezahlen könnte. Eine Ausnahme sei der Kauf eines Hauses, da müsse man bei der Bank einen Kredit aufnehmen. Das Schlimmste, was man machen könne, sei, für jemanden Bürge zu sein. «Bürgen tut verwürgen», pflegte mein Vater zu sagen und erzählte uns Horrorgeschichten von Leuten, die wegen einer Bürgschaft alles verloren hätten. Wir Kinder hielten uns an seine Worte. Auch Autos mussten nach Meinung des Vaters bar bezahlt werden – sonst sollten wir gescheiter laufen. Die Strassen wären heutzutage fast leer, würden alle Menschen seinen Ratschlag befolgen. Mein Vater lebte nach dem Motto: Nur Bares ist Wahres! Aber handelte er, der strenggläubige Katholik, damit auch im Sinne der Bibel beziehungsweise der christlichen Theologie? ## Liebe als dauerhafte Schuld Im Alten Testament werden Schulden oft als Last oder Abhängigkeit beschrieben. In Sprüche 22, 7 heisst es: «Der Reiche herrscht über die Armen, und wer borgt, ist des Gläubigers Knecht.» Das zeigt, dass Schulden eine Form von Unfreiheit bedeuten. Deshalb finden wir im Gesetz Israels Regelungen, die Schulden begrenzen sollten. Im Erlassjahr (alle 50 Jahre) mussten Schulden erlassen und Schuldsklaven freigelassen werden (3\. Mose 1 ff.). Das Ziel war, dass niemand dauerhaft in Armut oder Abhängigkeit bleibt. Im Neuen Testament schreibt der Apostel Paulus in Römer 13, 8: «Seid niemandem etwas schuldig, ausser dass ihr euch untereinander liebt.» Manche verstehen das als klare Ablehnung von Schulden. Andere sehen darin eher ein Mahnwort zur Verantwortlichkeit nach dem Motto: Alles bezahlen, niemanden benachteiligen – und als «dauerhafte Schuld» nur die Liebe gelten zu lassen. Jesus spricht in Gleichnissen über Schulden und Schuldenerlass (zum Beispiel in Matthäus 18, 23–35). Dabei geht es nicht primär um Geld, sondern um moralische Schulden und Vergebung. Die Metapher zeigt: Schulden drücken und binden, moralische ebenso wie monetäre Schulden. Gott erlässt uns unsere Schulden durch Christus aus reiner Gnade, deshalb sollten wir auch freigebig sein.Dies sowohl mit dem Umgang mit Geld als auch den Mitmenschen in Liebe vergeben. > «Gott erlässt uns unsere Schulden durch Christus aus reiner Gnade, deshalb sollten wir auch freigebig sein.» ## Risiko zur Sünde In der Kirchengeschichte gab es zu jeder Zeit Überlegungen zu Schulden: - Zur Zeit der Frühkirche waren Schulden oft mit Ausbeutung verbunden. Darum betonte man Nächstenliebe, Barmherzigkeit und den dazugehörigen Schuldenerlass. - Im Mittelalter verbot die Kirche lange Zeit den Zins (Wucher), weil er als Ausnutzung der Not angesehen wurde. Kredite durften nur aus Nächstenliebe gegeben werden, nicht für Profit. - Die Verfechter der Reformation wie Luther und Calvin beurteilten Zinsnehmen differenzierter. Calvin etwa erlaubte Kredite unter fairen Bedingungen, wenn sie dem Gemeinwohl dienten, nicht der Gier. Luther betrachtete Schuldenmachen mit Zins und die damit verbundene ungleiche Risikoverteilung als ungerecht, weil einige reich wurden. Theologische Überlegungen zeigen deutlich, dass Schulden Gefahren beinhalten. Sie können in Abhängigkeit führen, den persönlichen Handlungsspielraum einschränken und den Menschen unfrei machen. Das ist etwas, das mit christlicher Freiheit kaum vereinbar ist. Kredite können für einen Hausbau sinnvoll sein, um eine Ausbildung zu finanzieren oder sonstige sinnvolle Investitionen, die Gottes Sache dienen. Aus ethischer Sicht sind Schulden nicht per se «Sünde», aber sie bergen immer ein grosses Risiko zur Sünde. Aus meiner christlichen Sicht muss man Schulden vermeiden, wenn sie aus Konsumlust aufgenommen werden. Konsumgier ist so oder so negativ. Schulden sollte ein Christ nur dann machen, wenn sie auch vor Gott verantwortbar sind. Wo wir Beziehungsschulden haben, müssen wir Vergebung praktizieren. Das ist nicht immer leicht, gar nicht, bringt aber oftmals Befreiung. Jede Person muss selber prüfen, wann sie wegen Schulden in Abhängigkeit gerät, sei es finanziell, seelisch oder geistlich. Wo wir Beziehungsschulden haben, müssen wir in Liebe Vergebung praktizieren. Das ist nicht immer leicht, gar nicht, aber bringt oftmals Befreiung. > «Schulden sollte ein Christ nur dann machen, wenn sie auch vor Gott verantwortbar sind.» ## Onkel Jakobs bittere Lektion Onkel Jakob war ein guter Mensch. Er wollte, dass seine Familie ein besseres Leben hat. Das alte Auto war ständig kaputt, die Waschmaschine auch, und seine Kinder wünschten sich einen richtigen Urlaub. Also nahm er einen Kredit auf. Nur ein kleiner Betrag, dachte er – schnell zurückgezahlt. Doch dann kam die unerwartete Zahnkorrektur der Kinder. Und der teure Laptop, den sein Sohn «für die Schule» brauchte. Noch ein Kredit, «nur übergangsweise». Die monatlichen Raten stiegen, und Jakob redete sich ein, dass alles besser würde. Er verlor den Überblick, nach und nach trudelten die Mahnungen ein. Erst freundlich, dann drohend. Jakobs Lohnkonto wurde gesperrt und das Auto gepfändet. Eines Abends sass Onkel Jakob in seiner Küche, starrte auf die Rechnungen vor sich und auf das Familienfoto an der Wand. Das Lächeln seiner Kinder erinnerte ihn an das, was er eigentlich wollte: Glück! Doch die Schulden hatten es verschlungen. Er weinte leise. Nicht weil er arm war, sondern weil er erkannte, dass Schulden nicht nur Geld kosten, sondern auch Frieden, Vertrauen und Würde. Die Moral: Schulden beginnen oft mit guten Absichten, doch sie wachsen lautlos, bis sie dein Leben beherrschen. Wahre Freiheit beginnt nicht mit Besitz, sondern mit Genügsamkeit. ## Wie eine Zwangsjacke Die Bibel warnt vor den Gefahren des Schuldenmachens und fordert Gerechtigkeit. Geld soll nie an erster Stelle stehen, sondern Gott. Kirchenväter und Reformatoren betonen Verantwortung und Schutz vor Ausbeutung. Schulden sind theologisch nicht grundsätzlich verboten, aber nur in dem Rahmen richtig, indem sie die Freiheit des Menschen erhalten und nicht aus Gier oder Masslosigkeit entstehen. Persönlich bin ich klar der Meinung, dass Schulden wie eine Zwangsjacke für die Schuldner sein können. Sie machen unfrei, denn immer «rennt» man den Zinsen nach. Man kann die gekaufte Sache kaum geniessen, denn das Preisschild hängt noch am Produkt. Nicht nur finanzielle Schulden können uns belasten, sondern auch offene «Rechnungen» in unserem Herzen gegenüber den Mitmenschen. Man sollte niemandem etwas schuldig sein, ausser der Liebe Gottes für die anderen Menschen. ### Der moderne Kolonialismus kommt im Gewand der Entwicklungshilfe daher URL: https://www.schweizermonat.ch/der-moderne-kolonialismus-kommt-im-gewand-der-entwicklungshilfe-daher/ Last updated: 2025-11-19T18:13:45.000Z Die Geschichte beginnt in den 1980er-Jahren in Bangladesch. Wo einst fruchtbare Reisfelder die Bevölkerung ernährten, breiten sich heute Garnelenfarmen aus – finanziert von Weltbank und IWF. Auf Druck der Kreditgeber bohrten Bauern Löcher in Deiche, fluteten ihre Felder mit Salzwasser und züchteten Garnelen für den Export. Die Devisen sollten helfen, Auslandsschulden zu tilgen. Zurück blieb zerstörtes Ackerland – und der Verlust der eigenen Ernährungssicherheit. Dieses Beispiel steht stellvertretend für ein globales Muster. Unter dem Deckmantel der Armutsbekämpfung haben IWF und Weltbank ein System geschaffen, das eher an modernen Kolonialismus erinnert: Die Waffe ist heute nicht mehr das Gewehr, sondern Schulden. 1944 wurden beide Institutionen in Bretton Woods gegründet – als Säulen einer von den USA geführten Nachkriegsordnung. Während sich die Industrieländer rasch erholten, rutschten rohstoffexportierende Staaten des globalen Südens in Zahlungsschwierigkeiten. Das Stimmrecht in beiden Organisationen richtet sich bis heute nicht nach Bevölkerungszahl, sondern nach wirtschaftlicher Stärke. Die USA verfügen mit 16,5 Prozent der Stimmen im IWF über ein Veto; Indien mit 1,4 Milliarden Einwohnern über gerade einmal 2,6 Prozent. Die G5-Staaten dominieren, die ärmsten Länder haben praktisch kein Mitspracherecht. ## Strukturanpassung als System Das Kerngeschäft des IWF sind sogenannte Strukturanpassungsprogramme. Staaten in der Krise erhalten Kredite – allerdings nur gegen weitreichende Reformauflagen: Abwertung der Währung, Kürzungen bei Subventionen, Lohnobergrenzen, Beschränkung von Gewerkschaften, Sparprogramme im Gesundheits- und Bildungswesen sowie die Privatisierung staatlicher Unternehmen zu Spottpreisen. Ziel ist es, Exporte zu steigern und den Binnenkonsum zu drosseln. «Es ist ein grundlegendes Ziel der IWF-Programme», schrieb die Entwicklungsforscherin Cheryl Payer schon in den 1970er-Jahren, «den lokalen Konsum zu bremsen, um Ressourcen für den Export freizusetzen.» Anfangs floss tatsächlich Geld in die armen Länder – doch ab 1982 kippte die Bilanz. Seitdem zahlen sie mehr zurück, als sie erhalten. Zwischen 1970 und 2007 belief sich der Schuldendienst auf 7,15 Billionen Dollar. Für jeden Dollar, der als Entwicklungshilfe ins Land fliesst, verlieren Entwicklungsländer laut Studien im Schnitt 24 Dollar. Die öffentliche Auslandsverschuldung stieg von 46 Milliarden Dollar im Jahr 1970 auf 8,7 Billionen Dollar im Jahr 2020\. Länder wie Indien schulden heute das 189-Fache von damals. Allein an Zinsen flossen seit 1980 über 4 Billionen Dollar in die Gläubigerländer. Ein grosser Teil dieser «Hilfsgelder» kehrt unmittelbar zu westlichen Unternehmen zurück. Die Weltbank räumt offen ein, dass von zehn verliehenen Dollar etwa sieben für Waren und Dienstleistungen aus Industrieländern ausgegeben werden. In den 1980er-Jahren flossen von jedem US-Hilfsdollar 82 Cent direkt als Aufträge an amerikanische Firmen. Britische Steuerzahler finanzierten 495 Millionen Pfund Entwicklungshilfe – britische Unternehmen erhielten im selben Jahr Aufträge im Wert von 616 Millionen. Entwicklungshilfe wurde so zur verkappten Industriesubvention. Strukturanpassungsprogramme sind politisch unpopulär, weil sie Reallöhne drücken und soziale Spannungen erzeugen. Demokratisch gewählte Regierungen würden daran scheitern. Deshalb arbeiten IWF und Weltbank bevorzugt mit autoritären Regimen. Die Liste der Begünstigten reicht von Mobutu in Zaire über Marcos auf den Philippinen bis zu Pinochet in Chile und dem Apartheidregime in Südafrika. Mobutu erhielt Milliarden, kassierte rund 30 Prozent der Hilfsgelder persönlich und liess sein Volk hungern. Marcos hinterliess den Philippinen 28 Milliarden Dollar Schulden – 1966 waren es noch 500 Millionen. Die Bevölkerung trägt die Last der Kredite, die sie nie genehmigt hat. Das völkerrechtliche Konzept der «odiosen Schulden» – also Kredite, die zur Unterdrückung eines Volkes dienen – wird von IWF und Weltbank ignoriert. Besonders gravierend sind die Folgen in der Landwirtschaft. Die Weltbank finanzierte gezielt die Umwandlung von Selbstversorgungswirtschaft in exportorientierte Monokulturen. Bauern sollten statt Reis, Hirse oder Mais Baumwolle, Kaffee oder Garnelen für den Weltmarkt produzieren. Das Ergebnis: Afrika importiert heute rund 85 Prozent seiner Nahrungsmittel – für über 40 Milliarden Dollar jährlich. Ein Kontinent mit enormem landwirtschaftlichem Potenzial wurde in die Abhängigkeit geführt. Während der globale Süden zu Freihandel gezwungen wird, schützen westliche Staaten ihre Märkte mit Milliardenhilfen. Die Agrarsektoren Europas und der USA erhalten täglich rund eine Milliarde Dollar an Subventionen. Lokale Produzenten in Entwicklungsländern können nicht mithalten. Der Protektionismus der Industriestaaten schmälert das Einkommen der Entwicklungsländer um ein Mehrfaches der erhaltenen Entwicklungshilfe. Würden westliche Märkte sich öffnen, wäre klassische «Hilfe» überflüssig. ## Eine neue Form des Kolonialismus Die sozialen Folgen der Anpassungspolitik sind verheerend. In Ländern unter IWF-Programmen stiegen Kinder- und Müttersterblichkeit deutlich an. In den 1980er-Jahren halbierten sich dort die Gesundheitsausgaben, während die Ernährungssicherheit zusammenbrach. Zwischen 1980 und 1985 sank in drei Vierteln aller Länder Lateinamerikas und Afrikas das Pro-Kopf-Einkommen. Forscher schätzen, dass zwischen 1982 und 1994 jährlich bis zu sechs Millionen Kinder infolge der Strukturanpassung starben. Das System funktioniert wie ein Schneeballsystem: Neue Kredite dienen der Rückzahlung alter Schulden. Der IWF verhindert den Staatsbankrott – nicht aus humanitären Gründen, sondern um westliche Banken zu schützen. 1982, als Mexiko vor der Zahlungsunfähigkeit stand, hatten die neun grössten US-Banken mehr als ihr gesamtes Eigenkapital in Krediten an vier lateinamerikanische Länder gebunden. Der IWF rettete nicht Mexiko – er rettete das westliche Finanzsystem. Die Parallelen zum Kolonialismus sind offensichtlich: Rohstoffausbeutung, Lohnsenkung, Verlust wirtschaftlicher Autonomie. Der Unterschied liegt nur in der Methode – früher marschierten Armeen ein, heute übernehmen Kreditverträge diese Funktion. Die Industrieländer profitieren doppelt: Sie erhalten Rohstoffe und Zinszahlungen – und sichern gleichzeitig Absatzmärkte für ihre eigenen Unternehmen. Das Muster setzt sich bis heute fort. Nach der Covid-19-Pandemie pumpten IWF und Weltbank Hunderte Milliarden Dollar in Länder, deren Regierungen ihre Volkswirtschaften stillgelegt hatten. Mit steigenden Zinsen verschärft sich die Schuldenkrise erneut: Sri Lanka, Ghana, Pakistan, Ägypten – ein Land nach dem anderen bittet um Kredite und akzeptiert neue Auflagen. Die globale Verschuldung erreicht historische Höchststände. Solange das globale Finanzsystem von jenen kontrolliert wird, die an der Schuldenfalle verdienen, bleibt echte Befreiung unwahrscheinlich.*Dieser Beitrag erschien in erweiterter Form erstmals 2023 unter dem Titel «Strukturanpassung: Wie der IWF und die Weltbank arme Länder unterdrücken und ihre Ressourcen in reiche Länder leiten» auf der Webseite des Aprycot-Verlags.* ### Die Welt im Schuldentaumel URL: https://www.schweizermonat.ch/die-welt-im-schuldentaumel/ Last updated: 2025-11-19T15:00:34.000Z ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/34_1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/34_2.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/35_1.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/35_2.jpg) ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/35_3.jpg) ### So gelingt die Sanierung des verschuldeten Steuerstaats URL: https://www.schweizermonat.ch/so-gelingt-die-sanierung-des-verschuldeten-steuerstaats/ Last updated: 2025-11-25T16:07:44.000Z In jüngster Zeit macht das Gespenst vom Staatsbankrott die Runde. Einige der grössten internationalen Schuldnerländer befinden sich in gravierenden Schwierigkeiten. Es ist ihnen, zumindest vorläufig, nicht möglich, die fälligen Zinsen zu bezahlen und ihre Schulden vereinbarungsgemäss zu tilgen. Zur Erklärung eines offiziellen Staatsbankrotts ist es in letzter Zeit allerdings noch nicht gekommen. Die Beteiligten und Betroffenen fürchten sich nämlich vor einer Kettenreaktion, die den Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems zur Folge haben könnte. Die aktuelle Situation ist grundsätzlich nicht neu: Der Staat ist immer wieder der Versuchung erlegen, seine Steuerquellen derart auszuschöpfen, dass er an die Grenzen der Steuerbelastung stiess. Konnte er den darauf einsetzenden Steuerwiderstand nicht überwinden, so wich er auf eine wachsende Verschuldung aus. Dies erlaubte ihm, auf eine Anpassung seiner Ausgaben an die laufenden Einnahmen zu verzichten. So war und ist der Staat nur ausnahmsweise, d. h. unter äusserstem finanziellem Druck, willens und fähig, seine Ausgaben näher an die laufenden Einnahmen heranzuführen. Er fürchtet sich in der Regel vor den politischen Spannungen, die mit einer Sanierung der Staatsfinanzen verbunden sind. In der modernen Finanzgeschichte gibt es relativ wenige und eher unbedeutende Staatsbankrotte. Aus aktuellem Anlass erwähnen wir Dänemark, das sich 1812 offiziell als zahlungsunfähig erklärte. Die enorme Verschuldung während der napoleanischen Kriege hatte die meisten europäischen Länder an den Rand des finanziellen Ruins geführt. In den ersten Jahrzehnten danach waren die meisten Staaten intensiv bemüht, ihre Schulden abzutragen. Zu diesem Zweck richteten sie Tilgungsfonds ein, die mit eigenen zweckgebundenen Einkünften gespeist wurden. Doch im Laufe der Zeit wurde der Tilgungszwang gelockert und durch eine freie Tilgung ersetzt. In der Folge blieb die Schuldentilgung bald einmal aus und es kam wieder zu einer wachsenden Verschuldung. Im Anschluss an die napoleonischen Kriege setzte sich allmählich der Grundsatz durch, der Staat dürfe sich von Kriegen abgesehen – nur (noch) für die Tätigung rentabler Investitionen verschulden. Solche Investitionen werfen in der Regeleinen finanziellen Ertrag ab, der ausreicht, um den Schuldendienst zu bestreiten. So kann der Staat kaum in Zahlungsschwierigkeiten geraten und schon gar nicht bankrott gehen. In der Finanz Wissenschaft dominierte diese klassische oder liberale Verschuldungsregel bis zur Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre: Die rentablen Investitionen wurden über den ausserordentlichen Haushalt mit Kredit finanziert, während der ordentliche Haushalt stets ausgeglichen sein müsste. Ab der zweiten Hälfte des 19\. Jahrhunderts nahmen die Staatsschulden vorrangig infolge der staatlichen Unternehmertätigkeiten zu. Zum einen wurden die kommunalen Versorgungs- und Verkehrsunternehmen rasch ausgebaut. Zum anderen sah sich der Staat gezwungen, sich am Eisenbahnbau zu beteiligen oder nicht rentierende Eisenbahnen im öffentlichen Interesse zu verstaatlichen. Der Staat verschuldete sich also für den Ausbau der Infrastruktur, was das wirtschaftliche Wachstum förderte und sich auf die Dauer in wachsenden Staatseinnahmen niederschlug. So war es ihm möglich, den Schuldendienst eher problemlos zu bestreiten. Da es sich im wesentlichen um (direkt) rentable Investitionen oder um solche mit einer Umwegrentabilität handelte, wurde der klassische Verschuldungsgrundsatz meist nicht verletzt. Jene Länder, die aktiv am Aufstieg des Hochkapitalismus beteiligt waren, verfügten über eine so reichliche Kapitalbildung, dass sie ihren öffentlichen Kapitalbedarf ohne weiteres decken konnten. Ihre Staatsverschuldung bewegte sich daher in einem finanziell und wirtschaftlich durchaus tragbaren Rahmen. Während des langfristigen Wirtschaftsaufschwungs von Mitte der neunziger Jahre bis zum Ersten Weltkrieg, der von der industriellen Revolution der achtziger Jahre ausgelöst und getragen wurde, konnte die Staatsverschuldung schon deshalb verkraftet werden, weil die Wirtschaft rasch wuchs. Der moderne Steuerstaat, der über eine Einkommensbesteuerung natürlicher Personen, ergiebige Ertragsbesteuerung und zahlreiche spezielle Verbrauchssteuern verfügt, geriet im Laufe des Ersten Weltkrieges in eine schwere Krise. Die Staatsschulden erreichten ein bisher nie erreichtes Ausmass: Es schien damals aussichtslos, diese Schulden je mit Steuern tilgen zu können. Finanzsoziologen sagten den Untergang des Steuerstaates voraus: Rudolf Goldscheid plädierte in seiner Schrift «Staatssozialismus und Staatskapitalismus» aus dem Jahre 1917 für eine Sanierung des verschuldeten Steuerstaates über mehr Erwerbseinkünfte. Er forderte die Verstaatlichung von Privateigentum zur Deckung der Staatsschulden: Privatvermögen sollten mit öffentlichen Schulden verrechnet werden. Er bezeichnete die Staatsstruktur als (vor allem) den Überbau der Staatsfinanzen, was deutlich zeigt, dass er die Sanierung der Staatsfinanzen und des Staates nach marxistischem Rezept anstrebte. Der bürgerliche oder kapitalistische Staat, der sich in einer Krise befindet, ist abzulösen. Anders kann für Goldscheid die Finanzkrise nicht überwunden werden! Im Jahre 1918 erschien «Die Krise des Steuerstaates» von Joseph Schumpeter. Dieses Werk ist eine brillante Kritik der Schrift von Goldscheid und gibt eine andere Antwort auf die Frage nach dem Untergang des verschuldeten Steuerstaates. Für Schumpeter befindet sich der moderne Steuerstaat an einem historischen Wendepunkt, doch ist er überzeugt, dass «der Steuerstaat und die Organisationsformen der Wirtschaftsfreiheit ohne Zusammenbruch und ohne erdrückende Härte» die Finanzierungsfolgen des Ersten Weltkrieges ökonomisch zu verarbeiten vermögen. Wie wir heute wissen, antwortete der Steuerstaat auf die Finanzkrise des Ersten Weltkrieges unter anderem mit der Einführung der Körperschaftsund der allgemeinen Umsatzsteuer. Darüber hinaus baute er seine Schulden in erheblichem Ausmass mit Tilgungssteuern ab. Hochkonjunktur und starkes Wirtschaftswachstum nach der Überwindung der Nachkriegsdepressionen verschafften dem Staat rasch wachsende Einnahmen, mit denen er sich erheblich vom Schuldenberg des Ersten Weltkrieges entlasten konnte. Der Steuerstaat erlebte während der zwanziger Jahre eine beachtliche Renaissance seiner Leistungsfähigkeit. **«Funktionale Finanzpolitik»** Zu einer grundsätzlichen Wende in der Verschuldungspolitik der Industrieländer kam es im Laufe der Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre: Die klassische Verschuldungs-Regel wurde über Bord geworfen und durch die «funktionale Finanzpolitik» ersetzt. Unter dem Einfluss von J. M. Keynes wurde dem Staat neu die Aufgabe übertragen, die fehlende private effektive Nachfrage durch kreditfinanzierte Staatsausgaben auszugleichen. In der Folge kam es, zuerst in den faschistischen Diktaturen und 1935 auch in den USA im Rahmen des New Deal, zu gigantischen staatlichen Arbeitsbeschaffungsmassnahmen: Der Staat hatte endgültig die Verantwortung für die Schaffung bzw. den Erhalt der Vollbeschäftigung übernommen. Theorie und Praxis waren sich einig, dass der Staat sich in Zeiten von Arbeitslosigkeit sozusagen beliebig für die Durchführung öffentlicher Investitionen verschulden dürfe und müsse! Doch gleichzeitig wurde eine Verschärfung der progressiven Einkommensbesteuerung verlangt: Die Bezieher hoher Einkommen würden zu wenig konsumieren und so die Nachfrage hemmen. Daher seien ihre Einkommen zusätzlich abzuschöpfen und über die Umverteilung den unteren Einkommen zukommen zu lassen. So könne die Konsumgüternachfrage expandieren und die Beschäftigungslage verbessert werden. Die Schweiz blieb während der Weltwirtschaftskrise im wesentlichen dem klassischen Grundsatz des Budgetausgleichs treu: Sie schränkte die Staatsausgaben ein und erhöhte zugleich die Steuern, um in verschiedenen dring lichen Finanzprogrammen ihre (Bundes-)Finanzen zu sanieren. Zu Massnahmen der Arbeitsbeschaffung in einem nennenswerten Umfang kam es erst ab 1935, als die Weltwirtschaftskrise hier ihren Höhepunkt überschritten hatte. So blieb die Schweiz zu Recht oder zu Unrecht die letzte Hochburg des Finanzliberalismus, wie er in anderen Industrieländern vor der Weltwirtschaftskrise praktiziert wurde. Jedoch auch ihre Finanzgesinnung wandelte sich langsam aber sicher, was nicht zuletzt durch die sichtund fühlbar werdende Bedrohung von aussen durch das Dritte Reich ermöglicht und beschleunigt wurde. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges expandierten die Staatsschulden rasch und kletterten auf historische Höchststände. Dazu kamen auch neue Steuern und Verschärfungen bei alten Abgaben. Die gesamtwirtschaftliche Steuerbelastung stieg sprunghaft an und überschritt die Schwelle von 25 Prozent des Volkseinkommens, die noch in den dreissiger Jahren als Obergrenze angesehen wurde! Nie zuvor wurden Unternehmen und Bezieher hoher Einkommen so intensiv in die Finanzierung der Staatsausgaben eingespannt. Dies entsprach dem Ziel der Umverteilung von Einkommen, das sich spätestens in den dreissiger Jahren durchgesetzt hatte. Es ist jedoch auffallend, dass – potentielle negative Auswirkungen von hohen direkten Steuern und von wachsenden Staatsschulden eher wenig diskutiert wurden. Als vorrangiges Beurteilungskriterium für die Höhe der Staatsschulden wurde im Laufe des Krieges ihr Anteil am Volkseinkommen angesehen: Solange die Wirtschaft wachse, könnten zusätzliche Staatsschulden durchaus verkraftet werden. Als in der Nachkriegszeit die vorausgesagte Depression ausblieb und ein langfristiger Wirtschaftsaufschwung, der bis Anfang der siebziger Jahre dauerte, einsetzte, hatten sich geradezu ideale Voraussetzungen zur Bewältigung der Vor- und Kriegsschulden verwirklicht: Zum einen flössen die öffentlichen Einnahmen progressiv zum Volkseinkommen und machten so in den meisten Industrieländern eine Neu-Verschuldung jahrzehntelang überflüssig. Zum anderen verlor der Schuldendienst relativ an Bedeutung, denn er beanspruchte die Staatseinnahmen nur noch in einem rasch sinkenden Ausmass. Ohne namhafte Schuldentilgung vorzunehmen, sorgte die Expansion des Volkseinkommens für eine laufend schwindende Schuldenlast. Zumindest bis Ende der sechziger Jahre durfte man daher allgemein von gesunden Staatsfinanzen und einer tragbaren Staatsverschuldung sprechen. **Strukturelle Defizite** Spätestens Mitte der siebziger Jahre setzte die jüngste Krise des Steuerstaates ein. Als der Wachstumstrend der Nachkriegszeit gebrochen wurde, kam es sofort zu strukturellen, d. h. langfristigen, Defiziten in den Haushalten der westlichen Industrieländer. Sie verschwanden nicht wie die konjunkturellen Defizite als die Wirtschaft sich wieder der Vollbeschäftigung näherte. Die Staatsausgaben wuchsen (und wachsen auch heute noch) auch bei hoher Beschäftigung rascher als die Staatseinnahmen. Diese Scherenbewegung hat eine entsprechend wachsende Staatsverschuldung zur Folge. Es ist entscheidend festzustellen, dass die aktuelle Krise des Steuerstaates weder durch die Tätigkeit von Rüstungsausgaben noch durch Kriege verursacht ist. Sie ist unter normalen, d. h. friedlichen, Bedingungen entstanden. Seit den fünfziger Jahren ist der Anteil der Militärausgaben an den gesamten Staatsausgaben und am Volkseinkommen in nahezu allen Industrieländern permanent rückläufig. Die gegenwärtige Krise des Steuerstaates ist nichts anderes als der nun sichtbare Ausdruck der Überforderung des Steuerstaates durch die Ansprüche des Wohlfahrtsstaates! Somit handelt es sich um eine Finanzkrise besonderer Art, die durch folgende Faktoren verursacht wurde: Die Progression des Steuersystems hat bei Wirtschaftswachstum eine automatische Zunahme der Steuerbelastung zur Folge. Solange die Volkswirtschaft mit hohen Zuwachsraten expandiert, verfügt die öffentliche Hand über reichlich wachsende Einnahmen! Da die laufenden Einnahmen in der Regel auch ausgegeben werden, darf es nicht erstaunen, dass Sozialausgaben, Subventionen, Personalausgaben und die Aufwendungen vorrangig für die konsumtive Infrastruktur entsprechend vermehrt wurden. Die Politiker konnten jahrzehntelang laufend neue Ansprüche an den Staat ohne nennenswerte Verschuldung mühelos finanzieren. Dies verleitete sie und die Empfänger von Staatsleistungen dazu, grosszügig mit Steuergeldern umzugehen. Dabei wurden Ausgaben getätigt, die immer weniger einem tatsächlichen Bedarf entsprachen. Es kam dabei zu Überversorgungen sowohl in der Infrastruktur als auch bei Wohlfahrtsleistungen. Die langfristigen – Folgekosten von Verordnungen, Gesetzen und von Investitionsprojekten wurden weitgehend vernachlässigt. Man ging regelmässig davon aus, die Folgekosten seien ohne weiteres finanzierbar. Dazu gaben optimistische Prognosen über die Entwicklung der Wirtschaft und der Steuereinnahmen Anlass. Noch Anfang der siebziger Jahre rechnete man mit einer Fortsetzung des starken Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit bis zum Jahre 2000. Je reichlicher die Staatseinnahmen flössen, desto leichtsinniger ging man dazu über, jährliche Entscheidungen über Höhe und Art der Staatsleistungen durch Ausgabenmechanismen zu ersetzen. Ihre Bindung an die Lebenshaltungskosten war ein weiterer Schritt, dem die Anpassung an das nominelle Volkseinkommen folgte. Dies ersparte laufende politische Auseinandersetzungen um jährliche Anpassungen von Staatsleistungen an die Geldentwertung und/oder das wirtschaftliche Wachstum. Doch dabei wurde ein zunehmend unkontrolliertes Wachstum der Staatsausgaben in Unabhängigkeit von den laufenden Einnahmen bewusst in Kauf genommen. **«Fass ohne Boden»** Als der Sozialstaat Abschied vom Subsidiaritätsprinzip nahm und nun als Wohlfahrtsstaat auch jenen finanziell unter die Arme griff, die existentiell darauf nicht angewiesen waren und sind, wurde ein weiterer verhängnisvoller Fehler begangen. Für Wohlfahrtsleistungen gibt es einen finanziell nicht zu deckenden Bedarf, und es ist keineswegs übertrieben, den Wohlfahrtsstaat als ein «Fass ohne Boden» zu bezeichnen. Die rasch wachsende Umverteilung von Einkommen (und Vermögen) durch den Steuer- und Wohlfahrtsstaat und die damit verbundene Verschleierung der Wohlfahrtskosten liess in wachsenden Bevölkerungs- und Wählerschichten die Illusion aufkommen, sie könnten immer mehr und schliesslich voll zu Lasten von anderen, d. h. von potentiell oder tatsächlich leistungs- und zahlungsfähigen Personen leben. Der «Gratisbürger» wurde zum Statussymbol des Wohlfahrtsstaates! So setzte sich die Überzeugung durch, der Staat müsse lediglich mehr Wohlfahrtsleistungen beschliessen, um sie auf Dauer auch tatsächlich erbringen zu können. Solange die Wirtschaft kräftig expandierte, gab es deshalb einen schwachen oder gar keinen Widerstand gegen steigende Steuer- und Soziallasten, weil diese weitgehend bis voll überwälzt werden konnten und die Einkommen derjenigen, die sie schlussendlich tragen mussten, laufend über den Inflationsausgleich erhöht wurden. So wurden die «Grenzen der Besteuerung» und die «Grenzen des Wohlfahrtsstaates» immer wieder überspielt. Daher ist es, zumindest bis Anfang der siebziger Jahre, verständlich, dass kaum nach der volkswirtschaftlichen Tragfähigkeit von Steuern und Soziallasten gefragt wurde. Folgerichtig wurde finanziell allgemein so disponiert, als ob es überhaupt keine Grenzen für den Steuer- und Wohlfahrtsstaat geben würde. Die Anspruchsinflation wurde auch dadurch gefördert, dass die Regierungen laufend neue langfristige Staatsleistungen versprachen, auf welche sich die Menschen zunehmend einstellten. Als sich das Wirtschaftswachstum verflachte, stagnierte und negativ wurde, waren die psychologischen und politischen Voraussetzungen für die Verkündigung der Krise des Steuerstaates alles andere als günstig. Die Politiker drückten sich vor der Aufklärung ihrer Wähler über die nun fundamental veränderten finanziel len und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte. Sie machten lieber in (Zweck-)Optimismus, sprachen von einem vorübergehenden Engpass und versprachen mittelfristig die Rückkehr zu den goldenen Nachkriegsjahren. In diesem Klima mussten noch keine einschneidenden Massnahmen zur Sanierung der Staatsfinanzen und zur Gesundung der Wirtschaft ergriffen werden. Die Krise des Steuerstaates äusserte sich darin, dass die Grenzen der Besteuerung in doppelter Art und Weise erreicht und überschritten werden: In jenen Ländern, in denen Volksabstimmungen über zusätzliche Steuern durchgeführt werden, zeigt es sich durchwegs, dass die Wählermehrheit nichtmehr bereit ist, noch mehr Steuern zu bezahlen. Es ist wohl nicht unhaltbar zu behaupten, dass dies im allgemeinen auf alle westlichen Industrieländer zutreffen dürfte. Chancen haben lediglich Sondersteuern, die zu Lasten der vermögenden und hoher Einkommensschichten gehen. Die Regierungen nehmen diesen Steuerwiderstand zwar zur Kenntnis, ziehen aber die entsprechenden Konsequenzen meist nicht. Sie verzichten darauf, die laufenden Ausgaben allmählich den laufenden Einnahmen anzupassen. Die Höhe der strukturellen Haushaltdefizite gibt Auskunft über das Ausmass der nicht konjunkturellbedingten Unterfinanzierung des Staates. Die Grenzen der Besteuerung sind aber auch in bezug auf ihre negativen Auswirkungen auf den Arbeitseinsatz und die Investitions- und Risikobereitschaft nicht nur erreicht, sondern, vor allem bei den direkten Steuern, bereits überschritten. In der Finanzwissenschaft besteht Übereinstimmung darüber, dass die Progression der Einkommenssteuer zu scharf ist, die Unternehmenssteuern die Investitionen hemmen und die indirekten Steuern nicht mehr ausreichend überwälzt werden können. Es kommt hinzu, dass die Wirtschaft Sozialabgaben zu tragen hat, die das Nutzniesser- und Verursacherprinzip verletzen und – marktwirtschaftlich nicht zu rechtfertigen sind. Nicht nur beiläufig ist zu bemerken, dass der Steuerstaat die Steuerpflichtigen zunehmend in die Illegalität treibt: Die Schattenwirtschaft, in der Steuern und Sozialabgaben hinterzogen werden, ist seit Jahren im Wachsen begriffen. **Überschrittene Grenzen** Es ist unbestritten, dass der Staat seit Mitte der siebziger Jahre mit seiner Neu-Verschuldung jene Grenzen überspielt, die ihm durch den Steuerwiderstand und die negativen Steuerwirkungen gezogen werden. Dies ist zum einen eine Missachtung des Wählerwillens und zum anderen ein Verstoss gegen die Pflicht, die Steuern und Sozialabgaben so zu gestalten, dass nicht volkswirtschaftliche Schäden auftreten. Der Staat schreitet weiter auf dem Wege des «geringsten Widerstandes» fort, was in verschiedener Hinsicht mehr als bedenklich ist. Eine Neu-Verschuldung bedeutet eine Verlagerung der Finanzierungskosten des Staates in die mittel- und langfristige Zukunft: Die Rechnung kommt später aber unvermeidlich auf die Steuerzahler zu. Daher stellt sich – zukunftsbezogen die entscheidende Frage, wofür sich der Staat verschuldet. In der Schweiz sind die öffentlichen Investitionen immer noch grösser als die Neu-Verschuldung. In den alten Wohlfahrtsstaaten (z. B. Dänemark oder Schweden) verschuldet sich der Staat auch für laufende Ausgaben und insbesondere für die Gewährung von Wohlfahrtsleistungen. In diesem Fall müssen die Steuerzahler zunehmend für Zinsen und Tilgungen aufkommen, die von (reinen) Konsumausgaben stammen. Es gibt für sie keinen Gegenwert. Einen solchen könnte der Staat ausschliesslich durch Neu-Investitionen in die Infrastruktur produzieren, sofern sich diese Aufwendungen auf die Dauer als produktiv erweisen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Prozentsatz der öffentlichen Investitionen an den gesamten Staatsausgaben und am Volkseinkommen seit über einem Jahrzehnt rückläufig ist. Im Verhältnis investiert der Staat immer weniger in die Zukunft der Volkswirtschaft. Frühere Generationen haben uns mehr Infrastruktur hinterlassen, als wir künftigen Generationen vererben werden. So leben wir auf Kosten der Zukunft! Gilt der Grundsatz des Ausgleichs zwischen den Generationen (inter-generation-equity), so mussten wir solange die öffentliche Investitionsquote nicht höher liegt als ihr langfristiger Durchschnittauf eine Neu-Verschuldung sogar völlig verzichten. Es wäre aber schon Wesentliches gewonnen, wenn die Neu-Verschuldung sich auf Investitionen beschränken und sich dabei ausschliesslich an den konjunkturellen Erfordernissen orientieren würde. Dies bedeutet bei gegebenen laufenden Einnahmen – Ausgabenkürzungen im Ausmasse der strukturellen Defizite. Zur Verbesserung bzw. Erhaltung der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sind derartige Abstriche nicht an Investitionen, sondern an konsumtiven Staatsausgaben vorzunehmen, so z. B. bei Subventionen, die keine gemeinwirtschaftliche Leistungen abgelten, oder bei Wohlfahrtsausgaben, die an nicht Hilfebedürftige ausgerichtet werden. **Zwei Sackgassen und ein Weg** Über die Art der Sanierung des verschuldeten Steuerstaates gehen die Ansichten diametral auseinander. Ob und wie seine Finanzkrise bewältigt werden wird, hängt von der Beurteilung der künftigen Auswirkungen und von jenen Kräften ab, welche die politische Willensbildung – massgeblich beeinflussen. Dabei sind folgende Richtlinien zu berücksichtigen: 1. Die Neo-Marxisten erblicken hinter der Finanzkrise eine endgültige Systemkrise. Diese stammt vom Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise, d. h. von der Tatsache, dass die Produktion gesellschaftlich ist, während die Produktionsmittel in Privatbesitz sind. Sie fordern daher die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die inländischen Schulden würden verschwinden, indem der Staat sämtliche inländischen Forderungen ihm gegenüber für null und nichtig erklären würde. Der sozialistische Staat müsste sich hinfort ohne Rückgriff auf die vermögenden und leistungsfähigen Einkommensschichten des Kapitalismus finanzieren. Ist er nicht bereit, den Staatsbankrott zu erklären, so müssen diese Bevölkerungskreise auch noch für die Finanzlasten der Auslandsschulden aufkommen. 2. Der Sozialismus bekämpft die Finanzkrise mit zusätzlichen Steuern zu Lasten von privatem Vermögen und überdurchschnittlichen Einkommen. Zudem belastet er die Wirtschaft mit weiteren Sozialabgaben, um so die Wohlfahrtsleistungen an breite Bevölkerungskreise zu gewährleisten. Kann er den Steuerwiderstand nicht wunschgemäss brechen, so setzt er den Weg der massiven Verschuldung fort. Die sozialistische Politik baut die finanziellen Anreize ab und beeinträchtigt damit jene privaten Investitionen, auf die sie für die Erhaltung von Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum angewiesen ist. So wird die Finanzkrise nicht bewältigt, sondern noch verschärft. In dem Masse wie die Grenzen der Fiskalbelastung und der Staatsverschuldung nicht respektiert werden, ist folgender typischer Ablauf gewiss: Nach dem Leistungsfähigkeitsprinzip werden zunächst die hohen Einkommen und Vermögen so stark belastet, dass deren wirtschaftliche Aktivitäten nachlassen und Kapital ins Ausland flieht. Darauf antwortet der Staat mit der Erhebung neuer, exorbitanter direkten Steuern, die nicht selten zusammen mit den sonstigen Steuern – mehr als die laufenden Einkommen abschöpfen. Ist es soweit, so kann der Staat seine Ausgaben nur noch über zusätzliche Verbrauchssteuern und eine rasch wachsende Auslandsverschuldung finanzieren. Die zusätzlichen indirekten Steuern erhöhen die Preise, während die Auslandsverschuldung in Hartwährungen wachsende inländische Einkommensverzichte zugunsten der ausländischen Kreditgeber erzwingen. Um dies zu mildern, wird die Wirtschaft erneut belastet, was sie zunehmend überfordert. Die nun sinkende Konkurrenzfähigkeit macht periodische Abwertung unausweichlich, da die Bedingungen für Exporte erleichtert werden müssen. Durch die Schwächung der eigenen Währung nimmt die Belastung des Schuldendienstes für das Ausland entsprechend zu. Man nähert sich so der Grenze der Zahlungsfähigkeit, was den Spielraum für die Auslandsverschuldung drastisch einschränkt. Versiegen die ausländischen Kapitalquellen, so gibt es keinen Ausweg mehr aus der Finanzkrise: Die eigene Wirtschaft ist nicht mehr konkurrenzfähig oder ruiniert, einen heimischen Kapitalmarkt gibt es nicht mehr, von den «Reichen» kann kaum noch abgeschöpft werden, weil es sie nur noch spärlich gibt, und die Verbrauchssteuern darf man aus Rücksicht auf die sozialistischen Wähler nicht mehr erhöhen. Nimmt der Staat, da er selbstverschuldet handlungsunfähig geworden ist, Zuflucht zur Notenpresse, so verursacht er eine galoppierende Inflation, die das Ende der Wirtschaft einläutet. Doch schon zuvor startet er noch einen Raubzug auf die nochBesitzenden -, indem er die inländischen Schulden als «einmalige Vermögensabgabe» oder als «Notopfer» auflöst und sich auf diese demokratische – Weise der Pflicht zur Verzinsung und Rückzahlung entzieht. Zugleich wird er auch noch auf die noch verbliebenen (Real-)Vermögen mit einer «Ergänzungsabgabe» zurückgreifen. Ist es soweit, so hat der verschuldete Steuerstaat die letzten Reste des (privaten) Kapitals konsumiert. Er steht dann endgültig vor dem sozialistischen Nichts, das nun allein von seinen Anhängern bewältigt werden muss. 3. Niemand bestreitet heute, dass der Steuerstaat an einem Wendepunkt steht. Die Wende kann im Interesse des Erhaltens eines leistungsfähigen und freiheitlichen Systems aber nicht «neo-marxistisch» oder «sozialistisch» sein. Es gibt nur einen sinnvollen Ausweg aus dem verschuldeten Steuerstaat: Die Durchführung fundamentaler Reformen nach sozial-marktwirtschaftlichen Grundsätzen auf der Ausgaben- und Einnahmenseite des Wohlfahrtsstaates. Darüber wurde schon soviel diskutiert und geschrieben, dass man sich kurz fassen darf: Was auf privater Basis ebensogut oder besser gelöst werden kann, ist zu (re)privatisieren. Die zahlreichen Mechanismen wachsender Staatsausgaben sind zu lockern oder aufzuheben, um so auch über einen kurzfristigen Handlungsspielraum für Ausgabenkürzungen zu verfügen. Der Staat sollte die Chancen, die im Verursacher- und Nutzniesserprinzip stecken, voll ausschöpfen. So trägt er die Finanzierungslasten näher an den Bürger und Wähler heran, was dessen Verhalten verändern wird. Der Wohlfahrtsstaat ist systematisch auf einen Sozialstaat nach dem liberalen – Subsidiaritätsprinzip zurückzuführen. Nur so ist zu gewährleisten, dass der Staat dauerhaft für die tatsächlich Hilfebedürftigen einzuspringen vermag. Erstes Ziel der Finanzpolitik ist die Beseitigung der strukturellen Defizite in den Staatshaushalten: Dies ist ausschliesslich über den Abbau von überflüssigen Staatsausgaben zu verwirklichen. So gewinnt der Staat sich seine konjunkturpolitische Handlungsfähigkeit zurück. Er verschuldet sich ausschliesslich bei Vorherrschen von Arbeitslosigkeit und nur für Investitionen mit Umwegrentabilität. Vorsorglich sollte dies verfassungsrechtlich verankert werden. Um der Erosion der privaten Initiative und damit des freiheitlichen Wirtschaftssystems gegenzusteuern, empfiehlt es sich in der Verfassung vorzusehen, dass der Steuerstaat von keiner natürlichen oder juristischen Person in Form von direkten Steuern und Sozialabgaben mehr als die Hälfte des Einkommens abschöpfen darf. Diese beiden Schranken Begrenzung der Staatsverschuldung und der direkten Fiskalbelastungen würden den verschuldeten Steuerstaat endgültig zwingen, sich nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen zu sanieren. Dazu müsste er keine Abstriche an seiner sozialen Verpflichtung gemäss Subsidiaritätsprinzip vornehmen. Dieser Weg sollte im allgemeinen Interesse baldmöglichst eingeschlagen werden. ### Die sauren Beine machen stolz URL: https://www.schweizermonat.ch/die-sauren-beine-machen-stolz/ Last updated: 2026-04-01T15:20:18.000Z Zum Glück haben wir diese Route gewählt, denke ich, als wir den Kinzigpass von Schwyz nach Uri hinaufkeuchen. Hinter uns liegt Muotathal. Dort würde ein Bus fahren, doch der Weg nach Hause wäre lang und umständlich. Wären wir von der anderen Seite gekommen, wäre die Versuchung, umzukehren und in Altdorf den Zug zu nehmen, wesentlich grösser gewesen. Leiden fällt einem leichter, wenn einem nicht viel anderes übrigbleibt. Und so strampeln mein Kollege und ich weiter den steilen Schotterweg hinauf Richtung Passhöhe. Natürlich haben wir uns das alles selber eingebrockt. Am Anfang stand der Plan, mit unseren Velos den Klausenpass zu erklimmen, der von Uri nach Glarus führt. An einem Tag im Jahr ist dieser für den motorisierten Verkehr gesperrt, sodass man als Velofahrer ungestört über den Pass radeln kann. Eine Gelegenheit, die wir nicht verpassen wollten. Dann fiel uns ein, dass der Pragelpass, der von Glarus nach Muotathal führt, am Wochenende ebenfalls autofrei ist. Man kann die beiden also kombinieren. Fehlt nur noch die Verbindung zwischen Muotathal und Schächental. Da uns der Weg dem Vierwaldstättersee entlang zu wenig attraktiv erscheint, entscheiden wir uns für die Route über den Kinzigpass; dieser ist praktischerweise ebenfalls autofrei (warum, werden wir noch früh genug erfahren). Unsere Mission: drei Pässe an einem Tag, 3600 Höhenmeter. Als ich die Route auf der Schweiz-Mobil-App zeichne, gibt mir diese – inklusive Anfahrt – einen Zeitbedarf von 23 Stunden an. Meine Selbstzweifel wachsen. Doch ich rede mir ein, dass die App stets viel zu konservativ rechnet – ich bin ja kein Rentner mit Übergewicht. > «Als ich die Route auf der Schweiz-Mobil-App zeichne, gibt mir diese einen Zeitbedarf von 23 Stunden an. Meine Selbstzweifel wachsen.» ## Auf den Spuren von Suworow Und so brechen wir an einem Sonntagmorgen im September um 7.30 Uhr vom Zürcher Oberland in Richtung Glarnerland auf. Das Wetter ist besser als erwartet; es rieselt leicht, doch der Regen hört schon bald auf. Nach knapp zwei Stunden erwartet uns der erste Aufstieg in Richtung Pragelpass. Es ist ein angenehmer Pass, nicht zu steil, nicht zu lang. Nach gut einem Drittel des Anstiegs erreichen wir den Klöntalersee. Die Sonne scheint inzwischen, es ist warm, und fast möchte man sich mit einem Sprung in den See erfrischen. Doch der Berg beziehungsweise der Pass ruft. Immerhin können sich unsere Beine auf der flachen Strecke dem See entlang etwas erholen. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/tour.jpg) Die schmale Passstrasse führt durch Wälder und an Kuhweiden vorbei. Angesichts der rund 70 Kilometer, die wir bereits in den Beinen haben, erinnert uns der Körper daran, dass die Energiereserven wieder aufgefüllt werden sollten. Hunger! Doch mehr als ein kleiner Snack liegt nicht drin, denn um Gewicht zu sparen, haben wir nur wenig Proviant eingepackt. Kurz nach 11 Uhr erreichen wir die Passhöhe. Doch wo genau ist der höchste Punkt? Der Pragelpass ist eher eine Hochebene beziehungsweise ein Hochmoor; sicherlich eine der schönsten Passhöhen der Alpen. Lange geniessen wir die Landschaft aber nicht. Auf einer schmalen, steilen Strasse, die durch einen Wald führt, gleiten wir hinunter ins Muotatal. Die Abfahrt ist eine janusköpfige Freude, denn im Hinterkopf wissen wir, dass wir all diese Höhenmeter am Kinzigpass wieder hinaufstrampeln werden müssen. Vorher stärken wir uns in Muotathal aber noch mit Älplermagronen, Sandwiches, Obst und Nussgipfel. Nun fühlen wir uns (einigermassen) bereit für die rund 1500 Höhenmeter auf den Kinzigpass. Über diesen Pass war übrigens der russische General Suworow 1799 mit seinen Truppen während des Zweiten Koalitionskrieges im Kampf gezogen. Suworows Armee war von Italien über den Gotthard gekommen, den sie von den Franzosen erobern konnte. Der Plan war, sich mit den Truppen von General Korsakow sowie den österreichischen Verbündeten zu vereinigen und gemeinsam Zürich einzunehmen. In Altdorf musste Suworow allerdings feststellen, dass der Weg entlang des Vierwaldstättersees, der auf seiner Karte eingezeichnet war, gar nicht existierte. So zog er über den Kinzigpass nach Muotathal. Dort erreichte ihn die Hiobsbotschaft, dass seine Verbündeten von der französischen Armee geschlagen worden waren. An einen Angriff auf Zürich war nun nicht mehr zu denken, vielmehr wurde Suworow vom Jäger zum Gejagten. Er floh mit seiner Armee über den Pragelpass, machte also den umgekehrten Weg wie wir heute – notabene auf Wegen, die damals sicher noch nicht so gut ausgebaut waren wie heute. Am Ende musste er auch noch über den Panixerpass, bis er sich und seine Soldaten in Graubünden und schliesslich in Österreich in Sicherheit bringen konnte. Anfangs ist der Weg noch asphaltiert, danach nur noch ein Kiesweg, der vorbei an zahlreichen Alphütten und über Kuhweiden führt. Das Bergpanorama ist atemberaubend; doch mit bereits einem Pass in den Beinen und auf einem Schottersträsschen, das immer steiler wird, fällt es schwer, die Landschaft zu geniessen. Der immer steiler werdende Anstieg nagt an der Substanz. Doch abzusteigen verbietet die Velofahrerehre. Es bleibt uns nichts anderes übrig als weitermachen, durchbeissen. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, erreichen wir die Passhöhe. Vor uns tut sich die Aussicht ins Schächental und auf die Urner Alpen auf. Ein Panorama für die Götter, das wir nun in vollen Zügen geniessen können. > «Das Bergpanorama ist atemberaubend; doch mit bereits einem Pass in den Beinen und auf einem Schottersträsschen, das immer steiler wird, fällt es schwer, die Landschaft zu geniessen.» ## Der letzte Anstieg Doch Moment: Noch fehlt ja ein Pass. Und so nehmen mir nach einer kurzen Pause die Abfahrt in Angriff. Der Weg mündet bei Unterschächen in die Klausenpassstrasse. Technisch gesehen bescheissen wir damit ein wenig, denn wir sparen uns auf dieser Route einen Teil der Höhenmeter auf den Klausen. Doch in diesem Moment interessieren uns solche technischen Details herzlich wenig – einen weiteren Aufstieg wie auf den Kinzigpass würden unsere Beine nämlich nicht mehr hergeben. Die «nur» 700 Höhenmeter bis zur Passhöhe fühlen sich jedenfalls noch anstrengend genug an. Um 17 Uhr, neuneinhalb Stunden nach dem Start, stehen wir oben auf dem dritten und letzten Pass. Wir sind fix und fertig, aber glücklich. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/lukas-leuzinger-zvg-2.jpg) Doch noch fehlt der Weg zurück nach Hause. Wir nehmen die Abfahrt nach Linthal in Angriff und fahren von dort durchs Glarner Haupttal hinab. Natürlich könnten wir nun mit dem Velo bis ganz nach Hause fahren. Aber erstens bringt uns das kaum mehr zusätzliche Höhenmeter auf unser Konto, zweitens kann man uns nach 155 Kilometern und 3600 Höhenmetern schwerlich mangelnde Wehleidigkeit vorwerfen und drittens ist die Zeit weit fortgeschritten, und auch wenn wir nicht die angedrohten 23 Stunden unterwegs waren, warten doch unsere Familien zu Hause. Dort ist dann wieder eine andere Form von Resilienz gefragt. Und so machen wir in Glarus Feierabend und setzen uns in den Zug. Mit dem wohlverdienten Bier in der Hand lassen wir den Tag nochmals Revue passieren. Er hat uns einiges an Leidensfähigkeit abverlangt. Aber die grandiosen Berglandschaften und der Stolz auf das Erreichte machen die müden Beine mehr als vergessen. ### Das Ende der Schuldenspirale: Wir steuern auf eine zunehmend inflationäre Welt zu URL: https://www.schweizermonat.ch/das-ende-der-schuldenspirale-wir-steuern-auf-eine-zunehmend-inflationaere-welt-zu/ Last updated: 2026-02-20T17:03:00.000Z Read the english version [here](https://www.schweizermonat.ch/we-are-heading-toward-an-increasingly-inflationary-world/). Das heutige Finanzsystem kann nicht ewig weiterbestehen; letztendlich wird es zu einer Krise kommen und zum Scheitern. Die Marktverzerrungen werden immer ausgeprägter, und der Zeitrahmen für diesen bevorstehenden Umbruch verkürzt sich rapide. Unter Anwendung des Fourth-Turning-Modells [1](#fn:1) können wir schätzen, dass eine Lösung dieser Krise wahrscheinlich zwischen 2028 und 2033 eintreten wird. Historisch gesehen dauern solche Perioden bedeutender, turbulenter Veränderungen in der Regel zwischen 15 und 25 Jahren, im Durchschnitt vielleicht 20 Jahre. Setzt man den Beginn dieser vierten Wende auf das Jahr 2008, das mit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise zusammenfällt, wird die Lösung zwischen 2023 und 2033 erfolgen. Wir befinden uns in einer Ära wiederkehrender Finanzblasen, die in der inhärenten Instabilität von Fiatgeld wurzeln. Von der Dotcom-Blase über die Immobilienblase bis hin zur allumfassenden «Everything Bubble» ist jede nachfolgende Blase noch umfassender und weitreichender geworden. Die aktuelle Blase, die durch Gelddrucken, erschreckend niedrige Zinsen und explodierende Staatsdefizite angeheizt wurde, hat zu künstlich aufgeblähten Vermögenspreisen in allen Bereichen geführt. Es gibt kein Niveau über dieser Blase. Platzt sie, werden die Glaubwürdigkeit und der Wert staatlicher Währungen mit ihr verschwinden. ## Gefangen in einer Schuldenspirale Die Regierungen haben sich übernommen und Ansprüche auf Vermögen auf dem Papier ausgegeben, die in der Realität niemals erfüllt werden können. Um diese Verpflichtungen zu erfüllen, ist eine übermässige Geldschöpfung erforderlich, die unweigerlich zu einer Abwertung der Währung und letztlich zu ihrem Zusammenbruch führen wird. Wie wird sich dieses Szenario abspielen? Der Markt für US-Staatsanleihen dürfte der erste Dominostein sein, der fällt, da die Anleger erkennen, dass die Abhängigkeit der Regierung von der Geldschöpfung untragbar ist und die Inflation eine existentielle Bedrohung für ihr Vermögen darstellt. Ceteris paribus wird sich die US-Regierung, wenn die Zinsen der Staatsanleihen aufgrund steigender Verkäufe und sinkender Nachfrage steigen, in einer Schuldenspirale wiederfinden. Steigende Zinsaufwendungen werden zu grösseren Defiziten führen und den Verkauf von noch mehr Anleihen erforderlich machen. > «Die Regierungen haben sich übernommen und Ansprüche auf Vermögen auf dem Papier ausgegeben, die in der Realität niemals erfüllt werden können» Das ist die Schuldenspirale – ein Teufelskreis, der weder neu noch ungewöhnlich ist. Zahlreiche Länder haben das erlebt, einige sogar wiederholt. Typischerweise sind Schuldenspiralen in wirtschaftlichen Krisen in kleineren Ländern wie Simbabwe, Venezuela und Sudan aufgetreten. Gelegentlich geraten jedoch auch viel grössere Länder in den Schuldensog. Siehe: Weimarer Republik 1921–1923, Russland 1917–1924, China 1946–1948 und Brasilien 1989–1994. Die für das Währungssystem zuständigen Behörden sind sich der Schuldenfalle sehr bewusst und versuchen möglicherweise, diese durch finanzielle Repression oder durch eine Steuerung der Zinskurve (Yield Curve Control) zu verhindern. Sind steigende Zinsen das zugrunde liegende Problem, können die Fed und/oder das Finanzministerium die Zinskurve kontrollieren, um eine Obergrenze für die Zinsen auf Staatsschulden festzulegen. Dazu kaufen sie Schulden auf dem offenen Markt mit neu gedrucktem Geld und erweitern so ihre Bilanz (auch bekannt als Quantitative Easing). Ich glaube, dass die Kontrolle der Zinskurve in der nächsten Krise darin bestehen wird, dass die Zentralbank eines Landes Staatsanleihen kauft, um deren Preis zu stützen und einen Anstieg der Zinsen zu verhindern. Die Anleihen werden mit neu gedrucktem Geld gekauft, was sehr inflationär wirkt. Letztmals wurde die Zinskurvenkontrolle in den USA zur Finanzierung des Zweiten Weltkriegs eingesetzt. Die Bilanz der Federal Reserve, die derzeit bei 7,2 Billionen Dollar liegt, könnte auf 25 Billionen Dollar oder sogar mehr anwachsen. Ein solch astronomischer Anstieg würde nicht nur die Bilanz der Fed aufblähen, sondern auch das Risiko einer weiteren Erosion des Vertrauens in die Kreditwürdigkeit des staatlichen Gläubigers mit sich bringen. Dieses Vertrauen ist entscheidend. Sollten die USA die von den Befürwortern der Modern Monetary Theory vertretenen Massnahmen vollständig übernehmen, könnte dies zu einem Vertrauensverlust in die Kreditwürdigkeit des Landes führen. Ein solches Szenario könnte dazu führen, dass der gesamte Markt für US-Staatsanleihen den Hammer fallen lässt und die Papiere der Fed überlässt. Mit über 36 Billionen Dollar Staatsschulden könnte die Bilanz der Fed auf über 42 Billionen Dollar anwachsen, was die finanzielle Instabilität noch verschärfen würde. Wäre die Fed gezwungen, alle ausstehenden US-Schulden aufzukaufen, würde sich die Geldbasis erneut mehr als verdoppeln, was zu einer verheerenden Inflation führen würde. ## Schmerzhafte einmalige Neujustierung Wir befinden uns in einer finanziellen Notlage, und zwar in einer ernsthaften. Wir haben eine enorme Menge an Schulden angehäuft, die realistisch gesehen kaum zurückzuzahlen sind. Darüber hinaus haben wir mehr Versprechen gemacht, als wir realistischerweise einhalten können. Jetzt ist es an der Zeit, uns den Konsequenzen zu stellen. Die harte Realität ist, dass unsere Schulden kein «gutes Geld» sind, zumindest nicht in Bezug auf die reale Kaufkraft. Wir könnten versuchen, sie durch das Drucken von mehr Dollars zu bedienen, aber das würde nur zu einer galoppierenden Inflation und weiteren wirtschaftlichen Turbulenzen führen. Eine weitere Möglichkeit wäre, unsere Verpflichtungen nicht zu erfüllen, was jedoch zu politischem Chaos und einer schweren Wirtschaftskrise mit weit verbreiteter Ungerechtigkeit und Not führen würde. > «Wir haben eine enorme Menge an Schulden angehäuft, die realistisch gesehen kaum zurückzuzahlen sind. Darüber hinaus haben wir mehr Versprechen gemacht, als wir realistischerweise einhalten können. Jetzt ist es an der Zeit, uns den Konsequenzen zu stellen.» Angesichts der Gefahr einer verheerenden Inflation oder einer Wirtschaftskrise, die mit der Weltwirtschaftskrise vergleichbar wäre, könnten die politischen Entscheidungsträger eine dritte Option in Betracht ziehen: den monetären Neustart. Ein monetärer Neustart ähnelt in gewisser Weise einem Schuldenerlass. In der alten mesopotamischen und biblischen Tradition wurden alle 50 Jahre Schulden in grossem Umfang erlassen oder gestrichen. Monetäre Neustarts sind moderne, abgeschwächte Versionen davon. In den 1930er-Jahren griff Präsident Roosevelt auf eine Form des monetären Neustarts zurück, indem er den Dollar gegenüber Gold abwertete, um die Weltwirtschaftskrise zu bekämpfen. Heute befinden wir uns in einer ähnlichen Situation. Der Dollar ist deutlich überbewertet, und wir haben viel zu viele Versprechen gemacht, die wir unmöglich einhalten können. Wenn diese Verpflichtungen zum Marktwert bewertet werden, wird zwangsläufig jemand verlieren; das ist eine unvermeidbare Realität. Wenn dieser Prozess jedoch zur Wiederherstellung einer soliden Währungseinheit führt, wäre der Schmerz ein einmaliges Ereignis und keine jahrelange oder jahrzehntelange Phase chaotischer Inflation oder Depression. Die Sache ist die: Wir bewegen uns auf eine zunehmend inflationäre Welt zu, die bei falscher Steuerung in eine Hyperinflation ausarten könnte. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Hyperinflationen unglaublich chaotisch und zerstörerisch sind und Menschen und Gesellschaften in Trümmern zurücklassen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass sich diese Gesellschaften sehr schnell erholen, wenn sie zu einem soliden Geldstandard zurückkehren. Das Geld ist kaputt. Wir müssen es reparieren. Dieser Prozess wird schmerzhaft sein. Warum also nicht schnell und strukturiert vorgehen und dabei eine vielversprechende Zukunft auf der Grundlage solider Geldprinzipien versprechen? *Dieser Text ist ein leicht gekürzter Auszug aus «The Big Print: What Happened to America and How Sound Money Will Fix It» (Amazon, 2025). Aus dem Englischen übersetzt von Ronnie Grob. Der Beitrag ist auf schweizermonat.ch in der Originalsprache verfügbar.* 1. Eine Theorie, die von William Strauss und Neil Howe in ihrem Buch «The Fourth Turning» (1997) dargelegt wurde und einen wiederkehrenden Generationszyklus in der amerikanischen und westlichen Geschichte beschreibt.[ ↩](#fnref:1) ### Unglücklich im Überfluss: Wie wir der Sackgasse des Wohlstands entkommen URL: https://www.schweizermonat.ch/ungluecklich-im-ueberfluss-wie-wir-der-sackgasse-des-wohlstands-entkommen/ Last updated: 2025-11-24T07:52:47.000Z Vom «Gesundheitsparadox» sprach 1988 Arthur Barsky, ein Psychiater in Harvard: Wir leben stets gesünder – und fühlen uns immer kränker. Müssen wir heute von einem «Wohlstandsparadox» sprechen? Wir leben stets besser – und fühlen uns immer mieser. Reicher, freier, sicherer als wir lebten Menschen nie – reichlich Grund für gute Laune und Appetit auf Zukunft. Stattdessen wirken wir gereizt, unzufrieden, aus mickrigem Anlass empört, wütend. Unser Innenleben kontrastiert mit dem äusseren Wohlstand, wir sind immer häufiger erschöpft, ausgebrannt, gar depressiv. Ist es so ein Krampf, den Wohlstand zu sichern? Wächst mit ihm die Angst vor Verlusten? Macht Wohlstand faul? Setzen uns seine Kollateralschäden schachmatt? Haben wir darum mehr Therapeuten als Ingenieure? Aber reicht das für eine profunde Wehleidigkeit? Auch wenn der Rattenschwanz von Krisen nervt, auch wenn die Welt sich nicht um unsere Gemütlichkeit schert: Müssen wir uns aufführen, als hätten wir Anspruch auf Schonung? Nur weil wir schon immer verschont wurden? Robuste Naturen reagierten umgekehrt: Schluss mit passivem Abwarten! Akteur werden! Mitwirken an der Zukunft! Wir zermürben uns selbst, wenn wir die Probleme vor uns herschieben. Bald vier Jahre ist Krieg in Europa – und wir haben nicht die Spur einer Strategie. Das Verhältnis der Generationen kippt – und wir verteilen Geld an Alte. Die Energiewende harzt, der Verkehr staut. Haben wir überhaupt noch etwas vor? Eine Idee? Oder verteidigen wir nur noch, was wir haben: gegen Bedrohungen wie Zölle, Migration, Parkplatzschwund, Windräder, künstliche Intelligenz? > «Auch wenn die Welt sich nicht um unsere Gemütlichkeit schert: Müssen wir uns aufführen, als hätten wir Anspruch auf Schonung?» ## Es bleiben ein paar Restwünsche Einst waren wir berüchtigt für unseren robusten Widerstandsgeist. Erfolgreich mit evolutionärem Spirit – Motto: Wer nicht unter die Räder der Veränderung geraten will, muss sich zum Akteur des Wandels machen. Warum weichen diese Geister nun den zimperlichen? Man kann natürlich sagen: Wir hängen durch, sind verwöhnt, satt, dekadent. Und an Robustheit appellieren, an Resilienz und Mut. Aber warum hängen wir durch? Ist das nur so eine kollektive Erschlaffung? Ein Katersymptom? Oder hat es tiefere Gründe? Ich habe dazu eine Vermutung: Der Widerstandsgeist verdrückt sich momentan in einer gesellschaftlichen «Midlifecrisis». Dazu muss ich kurz ausholen: Die Midlifecrisis kennen wir individuell, sie kündet sich an mit der beunruhigenden Frage: War es das? Ist das nun alles, was aus meinen Hoffnungen, Träumen geworden ist? Dieser Job, der Stress, diese Ehe? Ohne Aussicht aufs grosse Los! Diese Krise schlägt unabhängig vom Lebensstandard ein. Am radikalsten trifft sie die, die schon alles haben. Die wunschlos Unglücklichen. Meine Vermutung: Trifft uns die Midlifekrise vielleicht kollektiv? Sind wir eine Gesellschaft von wunschlos Unglücklichen? Ein paar Restwünsche zirkulieren weiter – günstige Wohnung, Gratis-ÖV, mehr Freizeit –, sie betreffen aber nur Vergünstigungen im Weiter-so. Keine Träume darüber hinaus. Kein Glaube an eine bessere Zukunft. Daher diese selbe Frage, aber nun gesellschaftlich gewendet: War es das jetzt mit der Moderne, mit der Geschichte der Freiheit, des Fortschritts, des Friedens? Schlittern wir eher wieder rückwärts? Nicht nur, weil wir uns keine Zukunft vorstellen können, in der wir ähnlich gerne leben würden wie in der gewohnten Gegenwart. Doch auch die Gegenwart ermattet, egal, wie feudal sie aussieht. Massgebend sind die Aussichten, nicht die Befindlichkeiten. Die Angst, es könnte mit uns bachab gehen, es könnte härter werden, nicht rosiger. ## Plötzlich steht der Zug still An diesem Punkt könnten wir einknicken. Denn wir leben – seit wir uns nicht mehr nach Gott richten – von der Erwartung, alles werde stets besser und demnächst vollends gut. Das verhiess uns die Moderne, und das ging auch lange auf. Ab 1945 nahm die Geschichte nur eine Richtung: aufwärts. Tüchtig voran mit Freiheit, Wohlstand, Wachstum. Mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Komfort, mehr Rente, mehr Medizin. Der Lauf der Welt war uns günstig gesinnt, ersparte uns gröbere Krisen, entschädigte uns für Ideen und Fleiss, erleichterte unser Leben mit Waschmaschine, Kühlschrank, Dampfbügeleisen, Auto, Handy. > «Wir leben – seit wir uns nicht mehr nach Gott richten – von der Erwartung, alles werde stets besser und demnächst vollends gut» Die Moderne verheisst mit ihrer Steigerungslogik des Fortschritts, der quasireligiösen Verheissung, ein immerzu besseres Leben. Und wenn der Zug bremst, stillsteht? Dann fühlen wir uns hereingelegt und werden sauer. Das wäre der Moment der Midlifekrise der Moderne. Sie gibt uns mindestens drei Enttäuschungen zu verdauen: **Enttäuschung 1: die Ambivalenz des Fortschritts.** Vor Corona dachten wir, ein paar Feinschliffe noch (Vaterschaftsurlaub, Genderfinessen) – und wir sind über dem Berg. Wohlstand gesichert, Schicksal abgeschafft, Ende der Geschichte. Nun finden wir uns wieder am Berg, nicht auf dem Gipfel. Mögen aber nicht mehr klettern. Weil bald alles, was uns zuvor antrieb, zwiespältig erscheint: Mobilität landet im Stau, Freiheit im Dichtestress, Open Net in Desinformation. Wird der Fortschritt aufgefressen von seinen Kindern, den Kollateralschäden? Klima, Müllberge, Mikroplastik im Hirn, PFAS in Spermien, Cybercrime. Die KI wird ihren Erfindern bereits unheimlich. **Enttäuschung 2: die Sackgassen des Wohlstandes.** Erwartet haben wir vom Wohlstand, dass er uns glücklich macht, zufrieden, behaglich. Dass der Reichtum der erworbenen Dinge auf unser Lebensgefühl abfärbt. Passiert aber nicht von selbst. Dafür oft das Gegenteil: innere Leere, weil das Lebensgefühl an Dinge ausgelagert wird. Eine Enttäuschung, die bei der jüngeren Generation durchschlägt – Kurzversion: «Reiche Länder, triste Jugend». Für Junge wird Wohlstand selbstverständlich, taugt daher nicht länger als Treiber, als «Rüebli vor der Nase». Auch wenn sie ungeniert weiter konsumieren, ist der Zauber weg. Im Zweifelsfall wird seelische Hygiene wichtiger. Setzt aber Wohlstand voraus, einstweilen. **Enttäuschung 3: das kulturelle Vakuum.** Die Moderne ersetzt Gott durch Fortschritt. Damit wir auf eigene Faust glücklich werden. Wird nun dieser Fortschritt suspekt, bricht uns die Sinnstabilität weg. Wir sind rastlos auf der Suche nach Dingen und Belohnungen, unser Dasein mit Bedeutung zu füllen. Neues Auto? Tibet-Urlaub? Züri-Marathon? Gerade wenn es mal nicht gut läuft, zermartern wir unser Hirn, warum die Karriere kippt, die Liebe erkaltet. Gefangen im Tellerwäschernarrativ – du kannst, was du willst! –, sind wir an allem selber schuld. Auch am Unglück. So viel zu meiner Vermutung. Drei Enttäuschungen im Kern unseres modernen Erwartungshaushalts. Reicht für eine Midlifekrise. Aber rechtfertigt sie schon eine lethargische Stimmung? Eine Krise ist ein Zwischenakt, keine Apokalypse. Wir könnten sie – statt als Problemberg – ebenso gut als Sprungbrett sehen. Als Einladung zum Handeln. 1. **Der Fortschritt ist ambivalent?** Eben darum brauchen wir weiter Fortschritt. Über den bisherigen hinaus. Der passte in die einst «leere» Welt. Die ist jetzt ziemlich voll und braucht raffinierteren Fortschritt, smart, clean, cool. Könnte mit E-Mobilität beginnen, die müsste aber nach Futur und «Green Glamour» aussehen, nicht nach Verzicht. Noch besser: Magnetbahnen durchs Land. Gute Laune lebt von Aussichten, von Bildern einer Zukunft, auf die wir mit Appetit reagieren: Ja, die gefällt mir, da will ich hin, da zieh ich mit. 2. **Sackgassen des Wohlstands?** Kann man ja meiden, am besten selbstironisch: Wie Kinder, die nie eine ganze Wurst auf dem Teller hatten, begehren wir eine ganze Wurst, zwei Würste, eine Wurstplatte. Mehr, mehr, mehr – zu komisch: Wer mit einer Wurst nicht froh wird, dem helfen keine weiteren Würste (Sushis, Kreuzfahrten, Villen). Also verzichten? Besser: Den Stolz auf die eigene Autarkie zurückgewinnen. Als Mensch statt als Hanswurst im Überflussbetrieb. 3. **Kulturelles Vakuum?** Dann füllen wir es halt. Mit Poesie, mit Musik, mit Engagement. Was uns fertig macht, ist Banalisierung, nicht Entbehrung. Uns fehlt nichts – ausser Bedeutung, Beziehung, Verbundenheit. Insgeheim warten wir vermutlich darauf, der Tristesse der Selbstbesoffenheit zu entkommen. Eine aktive Rolle zu spielen als Teil eines grösseren Ganzen. Uns zu verlieren an etwas, das bedeutender ist als unser Ego. Damit könnten wir gleich heute beginnen. Es gibt eine «Pflicht zur Zuversicht», sagte Immanuel Kant. Zuversicht ist nicht Optimismus. Der Optimismus glaubt, die Dinge würden sich schon irgendwie zum Guten wenden. So blauäugig ist die Zuversicht nicht. Sie ermutigt uns, so zu handeln, dass das Bessere eine Chance erhält. ### Pioniere der Wirtschaftsgeschichte: Jakob Müller URL: https://www.schweizermonat.ch/pioniere-der-wirtschaftsgeschichte-jakob-mueller/ Last updated: 2026-09-14T08:00:14.000Z In einfachen Verhältnissen im luzernischen Rain aufgewachsen, durchlief Jakob Müller (1857–1922) in Konstantinopel (heute Istanbul) eine eindrückliche Karriere vom Stationsgehilfen zum Direktor der Orientbahn, die auf dem Balkan rund 1200 Kilometer Eisenbahnlinien betrieb. Hinter der Bahn stand Geld aus Deutschland, aber auch österreichische, französische, englische und nicht zuletzt schweizerische Banken waren beteiligt. Aus gutem Grund, denn mit Gewinnmargen von 50 und mehr Prozent waren die finanziellen Aussichten geradezu luxuriös. Das Problem des «Türken-Müllers» war ein anderes. Das Osmanische Reich war faktisch bankrott; von Jahr zu Jahr häuften sich die ausstehenden Zahlungen gegenüber der Orientbahn an. Dann brach 1912 der Balkankrieg aus, in dessen Folge das Osmanische Reich fast alle europäischen Territorien verlor. Müllers Orientbahn bewegte sich zwischen den Fronten. Sie war einerseits unverzichtbar für den Kriegsbetrieb, andererseits von Zerstörungen, Bombenattentaten und Schikanen betroffen. Zudem übernahmen Serbien, Bulgarien und Griechenland nach und nach den Eisenbahnbetrieb in ihren besetzten Gebieten. Dagegen konnte Jakob Müller nichts ausrichten. Mit seinem nüchternen Realitätssinn liess er aber alle kriegsbedingten Forderungen peinlich genau auflisten: Transportkosten, Verluste aufgrund von Verspätungen, Kriegsschäden sowie Vergütungen für Enteignungen. Per 31\. August 1913 beliefen sich die Schulden von Serbien, Bulgarien, Griechenland und dem Osmanischen Reich auf insgesamt 23,5 Millionen Franken, was die Orientbahn sogar an der Friedenskonferenz von London einforderte. Immerhin anerkannten die vier Staaten später rund die Hälfte der Forderungen. Für den Verwaltungsrat der Orientbahn offensichtlich ein zufriedenstellendes Ergebnis. So gewährte er dem ohnehin schon fürstlich entlöhnten Jakob Müller 1915 eine Gratifikation von einem zusätzlichen Jahresgehalt. ### Cartoon URL: https://www.schweizermonat.ch/cartoon-66/ Last updated: 2025-11-19T13:22:56.000Z _No content available._ ### Man muss auch mal auf die Fresse fallen: Kinder brauchen Misserfolge, Frustration und Schrammen, um sich zu entwickeln URL: https://www.schweizermonat.ch/man-muss-auch-mal-auf-die-fresse-fallen-kinder-brauchen-misserfolge-frustration-und-schrammen-um-sich-zu-entwickeln/ Last updated: 2025-12-10T10:49:29.000Z Ich bin 1968 geboren, was mich zu einem Mitglied der Generation X macht. Meine Kindheit und Jugend in den Siebzigern und Achtzigern war aufregend, unbeschwert und frei. Sobald die Hausaufgaben gemacht waren, ging es raus. Meine Freunde und ich verbrachten den ganzen Tag bis zum Abendessen draussen. Wir spielten Fussball oder Cowboy und Indianer. Manchmal hörten uns unsere Eltern spielen, viel öfter aber nicht. Für unsere Eltern waren wir wie Waschbären. Man kriegt mit, dass sie in der Nähe herumstreunen, aber man bekommt sie nie zu Gesicht. Und der einzige Beweis ihrer Existenz sind die Überreste, nachdem sie die Speisekammer geplündert haben. Unsere Eltern liessen uns die Freiheit und sie vertrauten uns und dem Leben. Alle taten das. Daraus entwickelte sich unter den Kindern auch ein entsprechendes Sozialverhalten. Wer mitspielen wollte, musste sich anpassen. Ab und zu auch Leistung bringen, zum Beispiel beim Fussball. Es wurde einem nichts geschenkt. Manchmal rauften wir und vertrugen uns wieder. Erwachsene waren nie dabei. Das Konzept heutiger Helikoptereltern hätte auf uns lächerlich gewirkt. Daraus erwuchsen selbstbewusste, selbstständige Kinder, die ihre eigene Welt hatten. Wenn man in der Schule etwas ausgefressen hatte oder eine schlechte Note schrieb, gab’s von den Eltern einen deftigen Einlauf. Keine Mutter und kein Vater wären in der Zeit auf die Idee gekommen, die Lehrer für den Mist, den das eigene Kind gebaut hat, verantwortlich zu machen. Natürlich gingen wir alleine zur Schule. Am ersten Schultag zeigte mir meine Mutter noch den Weg, aber danach hiess es: Das kannst du jetzt. Heute werden weit mehr als die Hälfte der Schüler von ihren Eltern zur Schule gebracht. > «Für unsere Eltern waren wir wie Waschbären. Man kriegt mit, dass sie in der Nähe herumstreunen, aber man bekommt sie nie zu Gesicht.» Materiell ging es uns lange nicht so gut wie vielen jungen Menschen heute. Aber all das machte uns nichts aus. Wir fühlten uns nicht arm, weil wir ohnehin glaubten, uns gehöre die Welt. Auch wenn wir sie noch gar nicht kannten. Zum ersten Mal im Ausland war ich mit zwölf Jahren. Im Sommerurlaub in Bibione. ## Jedes Jahr irgendeine neue Bedrohung Heute haben Kinder in diesem Alter schon mehr von der Welt gesehen als unsere Eltern in ihrem ganzen Leben. Und wenn unsere Grossväter überhaupt mal ein fremdes Land besucht haben, dann hiess das nicht «in den Urlaub fahren», sondern «einmarschieren». Meine Nachbarin erzählte mir neulich aufgeregt, dass ihre Lisa-Marie demnächst auf Klassenfahrt nach Paris fahre. Bei uns ging die Klassenfahrt zu einem Wildschweingehege in den Bayerischen Wald. Und das Highlight war der Keiler, der die Bache von hinten begattete. Wir lachten und johlten, und unsere Lehrerin Frau Steigerwald blickte verschämt zur Seite. Wer braucht da schon einen Eiffelturm …? Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich die alten Zeiten ein Stück weit romantisiere. Gleichwohl gelangte eine Forschergruppe zu der Erkenntnis, dass die Generation X tatsächlich die glücklichste und resilienteste Generation der vergangenen hundert Jahre sei. Und das liegt nicht daran, dass es in unserer Kindheit keine Krisen gab. Eher im Gegenteil. Wir hatten die Nato-Nachrüstung, Tschernobyl, den Jugoslawienkrieg, sauren Regen und HIV. Jedes Jahr gab es irgendeine neue Bedrohung. Aber der Umgang damit war ein gänzlich anderer als heute. Heute befinden wir uns in einer Ära der elterlichen Überbesorgtheit. Ein Phänomen, das vielen Studien zufolge mehr schadet als nützt. Die ständige Betonung, sich exzessiv mit den eigenen Befindlichkeiten auseinanderzusetzen, macht junge Menschen nicht unbedingt zu stabilen, belastbaren Persönlichkeiten. > «Bei uns ging die Klassenfahrt zu einem Wildschweingehege in den Bayerischen Wald. Und das Highlight war der Keiler, der die Bache von hinten begattete.» Allein das Wort «Trauma» wird inzwischen so inflationär gebraucht, dass es völlig an Wert verloren hat. Früher hatte man ein Trauma, wenn man aus dem Krieg kam oder eine Hungersnot überlebt hatte. Heute ist man traumatisiert, wenn man einen Text ohne Binnen-I und Gendersternchen lesen muss. Die Psychologie kennt dieses Phänomen als «Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom». Wenn eine Gesellschaft immer weniger existenzielle Sorgen hat, führt das paradoxerweise nicht dazu, dass Ängste und Nöte zurückgehen. Es passiert das Gegenteil. Je sorgenfreier eine Gesellschaft lebt, umso mehr fürchtet sie sich. Sie wird neurotisch.In meinem Bekanntenkreis gibt es kaum noch jemanden ohne eine Lebensmittelallergie. Fenchel? Um Gottes willen! Da geht mir die Nase komplett zu … Wissenschaftlich gesehen leiden etwa zwei Prozent der Bevölkerung unter einer Lebensmittelallergie. Aber 20 Prozent glauben inzwischen, sie hätten eine. Am Prenzlauer Berg sogar 104 Prozent. In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Zahl der Angststörungen bei jungen Menschen dramatisch zugenommen. Rüdiger Maas, Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie, fand in einer gross angelegten Studie heraus, dass Kinder und Jugendliche heute unglücklicher sind als jede andere Generation zuvor. ## Ständiges Lob, keine Kritik Ich glaube, wir sind an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Weil wir die erste Generation sind, die ihre Kinder nicht mehr erzieht, sondern vergöttert: «Ja, ich weiss, der Oskar-Nepomuk kann mit seinen zwölf Jahren noch immer nicht richtig rechnen, aber mit Fingerfarben ist der unglaublich geschickt …» Viele Erwachsene bewundern ihren Nachwuchs so sehr, dass es zu einem Rollentausch in der Eltern-Kind-Beziehung gekommen ist. Sie eifern ihren Kindern nach, sehen sie als Vorbilder und möchten von ihnen lernen. Am sichtbarsten war das vor einigen Jahren bei dem Hype um Greta Thunberg. Weltweit liessen sich Politiker, Wirtschaftsführer und Uniprofessoren freiwillig von einer Sechzehnjährigen wie dumme, ungezogene Kinder behandeln. Eine Entwicklung, die aus vielerlei Gründen problematisch ist. Schon länger beobachten Psychologen, dass junge Menschen immer schlechter mit Niederlagen umgehen können. Wer ständig mit Lob und Anerkennung überschüttet wird, wer nie Kritik erfährt, entwickelt eine verzerrte Wahrnehmung der Welt. So berichten immer mehr Hochschullehrer, dass viele ihrer Studenten Erfolge ihren eigenen Fähigkeiten zuschreiben, für Misserfolge aber generell äussere Umstände verantwortlich machen. Statt Verantwortung für ihr eigenes Tun zu übernehmen, entwickeln sie völlig überzogene Ansprüche an ihr Umfeld, was inzwischen auch viele Arbeitgeber bestätigen können. Bei Vorstellungsgesprächen äussern Berufseinsteiger kaum nachvollziehbare Gehaltsvorstellungen, wollen sich aber mit der Tätigkeit auch wohlfühlen können. Aufgrund des Fachkräftemangels lassen die Unternehmen sich gezwungenermassen auf dieses Spiel ein. Später erkennen sie, dass sich die jungen Berufsanfänger bereits von kleinsten Problemen überfordert fühlen und deutlich weniger bereit sind, sich in die Pflicht nehmen zu lassen. Therapeuten bezeichnen dieses Verhalten als «fehlende Coping-Strategie», also dass die Fähigkeiten, mit einer schwierigen Situation umzugehen, unterentwickelt sind. Den jungen Menschen kann man das kaum vorwerfen. Der wahre Grund liegt wohl an dem überbehütenden Erziehungsstil. Wer als Kind nie wirklich gefordert wurde, tut sich im Erwachsenenalter schwer, Problemlösungsstrategien zu entwickeln. Ständiges Lob entzündet kein Feuer, noch nicht mal einen Funken. ## Lieber «chillen» als arbeiten Gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young liebäugeln 24 Prozent der Studenten in Deutschland mit einem Job im öffentlichen Dienst. Bei den Studentinnen liegt der Anteil sogar bei 30 Prozent. Mit Gleitzeit, Kündigungsschutz und 13\. Monatsgehalt. In keinem grösseren Industrieland sind die durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr so niedrig wie in Deutschland. Stattdessen ist «chillen» angesagt. Ein Begriff aus dem Englischen, der so viel bedeutet wie «das Ausruhen von einer Tätigkeit, die man nie gemacht hat». Auch in der Schweiz ist diese Tendenz zu erkennen. Während grosse Teile der Welt mit Zähigkeit, Fleiss und Risikobereitschaft nach oben wollen, arbeiten viele junge Menschen an ihrer Work-Life-Balance und lehnen die aussichtsreiche Stelle in Zürich ab, weil sie ja in Bern im Tennisklub sind. Ich weiss, ich weiss: Schon immer haben Ältere über Jüngere geschimpft. Das lässt sich bis zu Sokrates zurückverfolgen. Bei meinen Beobachtungen geht es mir jedoch keineswegs um ein pauschales Bashing der jungen Generation. Wenn überhaupt, liegt die Schuld dafür eher bei uns Älteren. Indem wir unserem Nachwuchs von klein auf sämtliche Hürden aus dem Weg räumen, indem wir ihn immer nur bestärkt und nie kritisiert haben, haben wir eine Generation von angstzerfressenen Narzissten herangezogen. Menschen, die alles bekommen haben, aber die sich trotzdem als Opfer sehen. Damit haben wir ihnen keinen Gefallen getan. So leiden Jugendliche von heute unter einer deutlich geringeren Frustrationstoleranz sowie einer verminderten Emotions- und Selbstkontrolle. Sie wissen oft nicht, was es heisst, traurig oder frustriert zu sein, leiden unter fehlendem Mitgefühl und haben Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion. Auch Störungsbilder wie ADHS, Bulimie und Borderline treten häufiger auf. Aus der guten Absicht heraus, Schaden von unseren Kindern abzuwenden, richten wir erst recht Schaden an. Indem wir unsere Kleinen überbehüten, schwächen wir ihre Resilienz und Widerstandskraft. Sie werden unselbstständig und ängstlich. Statt mit aller Macht zu versuchen, das Glück in die Kinder hineinzubekommen, muss man den Kindern die Chance geben, ihr Glück selbst zu entdecken. > «So leiden Jugendliche von heute unter einer deutlich geringeren Frustrationstoleranz sowie einer verminderten Emotions- und Selbstkontrolle.» ## Antifragile Systeme testen Im Jahr 2004 kam der deutsche Dokumentarfilm «Rhythm Is It» heraus, den ich Ihnen wärmstens ans Herz legen möchte. Er zeigt die sechswöchige Vorbereitung von 250 Schülern aus Berliner Problemschulen auf einen Auftritt in Igor [Strawinskys](https://de.wikipedia.org/wiki/Igor%5FFjodorowitsch%5FStrawinski?ref=schweizermonat.ch) Ballett «[Le sacre du printemps](https://de.wikipedia.org/wiki/Le%5Fsacre%5Fdu%5Fprintemps?ref=schweizermonat.ch)» mit den Berliner Philharmonikern. Der Choreograf [Royston Maldoom](https://de.wikipedia.org/wiki/Royston%5FMaldoom?ref=schweizermonat.ch) nimmt die Schüler hart ran, er ist ruppig und verlangt viel von ihnen. «Die Jugendlichen müssen wissen, dass ich absolut an ihre Fähigkeiten glaube und deshalb Blödsinn nicht tolerieren kann», sagt er in einem Interview. Der Auftritt wird zu einem fulminanten Erfolg und man sieht den Jugendlichen an, wie sehr sie in dieser Zeit an Selbstbewusstsein gewonnen haben. Überbehütung und Verhätschelung erzeugen das Gegenteil, wie eine japanische Forschergruppe nachweisen konnte. Die Wissenschafter wollten wissen, wie sich ein überbehütender Erziehungsstil auf die Gehirnentwicklung im Erwachsenenalter auswirkt. Dabei fanden sie heraus, dass die getesteten Personen deutlich weniger graue Substanz im präfrontalen Cortex aufwiesen als die Kontrollgruppe. Eine ähnliche Gehirnentwicklung beobachtet man erschreckenderweise auch bei Personen, die in der Kindheit massiv vernachlässigt wurden. Genau das, was Eltern durch eine überbehütende Erziehung eigentlich vermeiden möchten, tritt umso stärker auf. In der Medizin ist bekannt, dass das menschliche Immunsystem geschwächt wird, wenn es nicht ständig durch kleinere und mittlere Einflüsse gefordert wird. So entwickeln Kinder, die in einer allergenarmen, sterilen Umgebung aufwachsen, in höherem Masse Atemwegserkrankungen als Kinder, die ab und an im Dreck spielen. Der Mathematiker und Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb prägte dazu den Begriff «antifragil». Damit bezeichnete er Systeme, die ab und an Konflikten und Problemen ausgesetzt werden müssen, um besser und stärker zu werden. Unser Immunsystem ist ein solches antifragiles System. Mit der Psyche verhält es sich nicht anders. In unserer Entwicklungsphase brauchen wir gewisse Frustrationen, kleinere Unfälle, Hänseleien und Ungerechtigkeiten, um eine stabile, gefestigte Persönlichkeit zu entwickeln. Kinder benötigen entwicklungsfördernde Frustrationen, um zu reifen. Ohne Misserfolgserlebnisse kein Lernen und ohne Lernen keine Entwicklung. In einer Welt, in der sämtliche Risiken, Gefahren, negative Erlebnisse und Konsequenzen eliminiert werden, gibt es sicherlich deutlich weniger blaue Flecken, weniger gebrochene Knochen und noch weniger gebrochene Herzen. Doch eine Welt der hundertprozentigen Sicherheit ist eben auch eine Welt der hundertprozentigen Langeweile. Wie haben Sie Fahrrad fahren gelernt? Indem Sie immer wieder hingefallen sind. Wahre Freude erleben wir nur nach Anstrengung, nach Grenzüberschreitung und nach dem Eingehen von Risiken. Und natürlich können wir auf die Fresse fallen. Na und? Schrammen sind sexy. Angstschweiss nie. Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus «Wot Se Fack, Deutschland? – Warum unsere Gefühle den Verstand verloren haben», erschienen bei dtv. ### Die Schuldenwirtschaft nimmt ein Ende – aber welches? Es gibt vier Wege, und keiner ist schmerzlos URL: https://www.schweizermonat.ch/die-schuldenwirtschaft-nimmt-ein-ende-aber-welches-es-gibt-vier-wege-und-keiner-ist-schmerzlos/ Last updated: 2026-02-24T09:42:33.000Z Die Frage, wie es zur hohen Verschuldung westlicher Nationalstaaten gekommen ist, beschäftigt mich seit den 1970er-Jahren, also seit der letzten grossen Inflationsperiode. 1981 schrieb ich mein erstes Buch «Indexierung des Geldes», in dem ich versuchte, den mittelständischen Anleger über die Gefahren der Inflation aufzuklären und aufzuzeigen, wie man sich davor schützen kann. In den darauffolgenden Jahren brachten die Luzerner und die Berner Kantonalbank als erste Banken in der Schweiz Indexanleihen auf den Markt. Diese Anleihen, die an den Konsumentenpreisindex gebunden waren und eine Laufzeit von zehn Jahren hatten, boten eine Verzinsung von 0,5 Prozent über dem Konsumentenpreisindex und waren sowohl für Schuldner wie auch für Gläubiger von Vorteil. 1971 kündigte der damalige US-Präsident Richard Nixon das Versprechen, gegen 35 Dollars eine Unze Gold auszuliefern. Diese Verankerung in einem real gehandelten Substanzwert hatte dem Papiergeld einen Halt gegeben. Wenige Jahre später zerfiel das Fixkurssystem Bretton Woods. So leben wir seit 1971 in einem ungedeckten Papiergeldsystem (auch Fiatgeld genannt, also aus dem Nichts kommend). ## Interventionen via Leitzins und Devisenmarkt Als Sieger der beiden Weltkriege und als grösste Volkswirtschaft der Welt blieben die USA der Hegemon im Westen und der US-Dollar die weltweit angewendete Referenz im Rohstoffhandel. Grossbritannien wurde endgültig als westliche Führungsmacht abgelöst. Dieser Umbruch brachte im Geldsystem auch eine veränderte Mentalität aller Notenbanken mit sich. Die «Borge heute und zahle morgen»-Vorliebe konsumwütiger US-Amerikaner wurde zum Courant normal. Das Schuldenmachen im grossen Stil nahm seinen Anfang und führte zu einer in Friedenszeiten noch nie dagewesenen Überschuldung. > «Leben wir seit 1971 in einem ungedeckten Papiergeldsystem (auch Fiatgeld genannt, also aus dem Nichts kommend).» Im Papiergeldsystem haben die Notenbanken ein primäres Mandat, nämlich für die Werterhaltung der Landeswährung zu sorgen. Ihre wichtigsten Werkzeuge sind dabei der sogenannte Leitzins und ihre Macht, den Aussenwert der eigenen Währung über den offenen Devisenmarkt zu beeinflussen. Der Leitzins vermag die Konjunktur anzukurbeln oder zu bremsen. Dieses Mittel wurde seit der globalen Finanzkrise 2008 im Nachgang der US-amerikanischen Hypothekarkrise übermässig eingesetzt. Schliesslich hat die US-Notenbank in Ergänzung zum Werterhaltungsmandat auch die Aufgabe, für Vollbeschäftigung zu sorgen; die Politiker der freien Welt haben diese amerikanische Vorgabe noch so gerne nachgeahmt. ## Ein Umbruch liegt in der Luft Wie geht es nun weiter? Wie jede Prognose ist auch meine spekulativ und von Dritten beeinflusst. Thomas Mayer, der langjährige Leiter des deutschen Thinktanks Flossbach von Storch, fasste das westliche Finanzgebaren so zusammen: «Der Versorgungsstaat ist am Ende. Eine Zeit des Umbruchs liegt in der Luft.» Ich wage hier mit meinen 70 Jahren Bankerfahrung als reiner Praktiker, in denen ich viele Ups and Downs in der Finanzindustrie erlebt habe, eine Einschätzung über mögliche Auswege aus dem Dilemma A. **Weiterwursteln** wie bisher. Der Wert der Fiatwährungen wird durch die Inflation weiter entwertet. Notenbanken sprechen gerne von «Stabilität», wenn die Jahresinflation im Durchschnitt einiger Jahre 2 Prozent beträgt. So aber schmilzt die Kaufkraft innert 36 Jahren um die Hälfte dahin. Sind Sie damit zufrieden? B. Man ringt bewusst um Entscheide wie **Schuldenmoratorien** oder gar **Währungsreformen**, denn jeder nominellen Schuld steht bekanntlich ein nominelles Guthaben gegenüber. So geschehen im 16\. Jahrhundert durch die Kirchenreformation oder Ende des 18\. Jahrhunderts durch die Französische Revolution. Beide Male waren auch Überschuldungen, kombiniert mit geopolitischen Auseinandersetzungen, die Ursachen obrigkeitlicher Entscheide. Aufständische Kräfte brachten jeweils den Umsturz. Geld ist eben etwas Persönliches. Es betrifft uns alle. C. Diesmal ist der Weg einer **Evolution statt Revolution** möglich. Dies führt allerdings zu einer Reform im Sinne von dezentralisierter statt zentralisierter Macht bei den Notenbanken. Die Digitalisierung der Wirtschaft, im Besonderen durch die Blockchain-Technologie, ermöglicht die Handelbarkeit jedes einzelnen Werts, und das ohne eine dazwischengeschaltete zentralisierte Macht. D. Die einfachste Art zur Reduktion der langfristig untragbaren Überschuldung wäre eine **Rückzahlung** ausstehender Verpflichtungen. Doch dies ist in führenden westlichen Staaten kaum noch möglich, wie etwa die gescheiterten Experimente der Premierministerin Liz Truss in England gezeigt haben. Frankreich und Deutschland bringen ihre für 2026 geplanten Budgetdefizite kaum mehr ins Lot. Und die USA mit Trump an der Spitze werden noch erfahren, was die Überbeanspruchung eines freien Marktes durch Neuverschuldungen zu hohen Zinsen verursacht und wie das Länder mit hoher Schuldenlast in Not bringt. Für eine mit realen Werten gedeckte Digitalwährung – ein Prozess, der bereits in vollem Gange ist – wäre der Weg C gut geeignet. Seit seiner Einführung 2009 hat Bitcoin eindrucksvoll bewiesen, dass neue Technologien die Geldfunktion «Zahlungsverkehr» schneller und kostengünstiger abwickeln können. Für die Geldfunktion «Wertaufbewahrung» gibt es inzwischen gut gedeckte Angebote. Da muss sich allerdings der Weizen noch von der Spreu trennen. Bezüglich der dritten Geldfunktion «allgemeiner Wertmassstab» ist eine mit realen Werten gedeckte Kryptoparallelwährung zur Landeswährung jedenfalls ehrlicher als die von nationaler Politik indirekt geleitete Landeswährung in der heutigen Geldordnung. Wie diese Aufstellung zum Ausdruck bringt, erweitern private Geldemittenten das Geldangebot. Für kleine bis mittelgrosse Sparvolumen ist insbesondere die Stabilität, d.h. möglichst tiefe Schwankungen gegenüber der Landeswährung, von Bedeutung. Geld wird in verschiedenen Ländern noch lange seine Rolle als Wertmassstab beibehalten, während der Zahlungsverkehr über Kryptowährungen sowohl von Banken und Technologiefirmen vielfältig angeboten werden wird. Die Korrektur der seit 1971 eingeläuteten Schuldenmacherei zu Lasten der nächsten Generation ist also bereits im Gange. Der Ökonom Friedrich August von Hayek hat bereits in seinem 1976 veröffentlichten Werk die «Entnationalisierung des Geldes» als bestes Mittel zur Disziplinierung der Zentralbanken propagiert. Nun sind wir definitiv auf diesem Weg. ### Helikoptereltern machen Kinder weniger widerstandsfähig und schaden ihnen so URL: https://www.schweizermonat.ch/helikoptereltern-machen-kinder-weniger-widerstandsfaehig-und-schaden-ihnen-so/ Last updated: 2025-11-18T15:43:34.000Z Wenn es um Erziehung geht, pendelt das gesellschaftliche Ideal mal in die eine, mal in die andere Richtung. Jede Epoche bringt neue oder wiederaufgelegte Varianten von Erziehungsansätzen hervor: von der demokratischen zur autoritären Erziehung, von der bindungsorientierten oder sanften Erziehung zu den «Tigermüttern», von «Helikopter-» oder «Rasenmähereltern» bis hin zum Freilaufstil. Doch was können Eltern tun, um die Widerstandsfähigkeit ihrer Kinder in schwierigen Situationen – also ihre Resilienz – zu stärken und gleichzeitig ihre Fähigkeit zu fördern, die schönen Seiten des Lebens bewusst wahrzunehmen und zu geniessen? Eltern können realistischerweise kaum vorhersehen, welchen Herausforderungen ihr Kind im Laufe seines Lebens begegnen wird. Umso wichtiger ist es, ihm ein stabiles Fundament mitzugeben, das es befähigt, mit Ungewissheit, Wandel und Belastung umzugehen. ## Beste Absichten Werfen wir einen Blick auf überfürsorgliche Eltern, oft auch als Helikoptereltern bezeichnet. Sie handeln meist aus bester Absicht. Bildlich gesprochen kreisen sie wie ein Helikopter um ihr Kind, stets bemüht, es zu beschützen und vor den Widrigkeiten des Lebens zu bewahren. Doch wenn Kinder nur selten mit den Herausforderungen und Komplexitäten des Alltags konfrontiert werden, fehlt ihnen die Gelegenheit, jene Strategien zu entwickeln, mit denen sie kleinere und grössere Schwierigkeiten selbstständig meistern können. Gleichzeitig erlernen sie grundlegende Fähigkeiten der Emotions- und Verhaltensregulation nur unzureichend und erfahren auch nicht, wie erfüllend es sein kann, ein Problem selbst zu lösen und gestärkt aus diesem Prozess hervorzugehen. Genau solche Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sind entscheidend, um Herausforderungen mit Zuversicht und innerer Stärke anzugehen. Aus psychologischer Sicht haben Kinder von Helikoptereltern deutlich seltener die Gelegenheit, essenzielle Bewältigungsstrategien und andere Lebenskompetenzen zu entwickeln, mit denen sie Herausforderungen eigenständig angehen und lösen können. In [einer unserer Studien](https://psycnet.apa.org/manuscript/2018-27552-001.pdf?ref=schweizermonat.ch) zeigte sich beispielsweise, dass zweijährige Kinder mit überfürsorglichen Eltern im Alter von fünf Jahren weniger gut in der Lage waren, ihre Emotionen, etwa Frustration oder Angst, zu regulieren. Fünf Jahre später, mit zehn, traten bei diesen Kindern vermehrt psychische Probleme auf, darunter Angst, depressive Symptome und geringes Selbstwertgefühl. Zudem zeigten die Kinder geringere soziale Kompetenzen, etwa in der Fähigkeit, Konflikte mit Freunden zu lösen; sie schnitten auch schulisch schlechter ab als ihre Altersgenossen. > «Wenn Kinder nur selten mit den Herausforderungen und Komplexitäten des Alltags konfrontiert werden, fehlt ihnen die Gelegenheit, jene Strategien zu entwickeln, mit denen sie kleinere und grössere Schwierigkeiten selbstständig meistern können.» Dass die Auswirkungen des überfürsorglichen Erziehungsverhaltens vor allem langfristig sichtbar werden, überrascht kaum: Sie kumulieren sich über Tausende kleine und grosse Interaktionen hinweg – über Jahre und Jahrzehnte. Gleichzeitig darf die genetische Komponente nicht unterschätzt werden. Es ist durchaus möglich, dass überfürsorgliche Eltern selbst genetische Veranlagungen oder familiäre Prägungen für ängstliches Verhalten mitbringen, die sich auch auf das Kind übertragen können. ## Unterstützendes Umfeld Was also ist ein gesundes Gegenstück zur Überfürsorge? Fest steht: Unterfürsorge, oder im Extremfall Vernachlässigung und emotionale Deprivation, ist es nicht. Kinder mit ihren Problemen allein zu lassen, sei es zu Hause oder in der Schule, hilft ihnen nicht weiter. Eigenverantwortung ist ein wichtiges Ziel, doch sie kann nur dann sinnvoll entwickelt werden, wenn Kinder über die nötigen sozialen und emotionalen Kompetenzen verfügen, um mit Herausforderungen selbstständig umgehen zu können. Gerade bei jüngeren Kindern, etwa in der Primarschule, hört man oft die Aufforderung, soziale Konflikte selbst zu lösen – mit dem Hinweis, das fördere die Selbstständigkeit. Doch diese Erwartung ignoriert, dass Kinder in diesem Alter häufig noch nicht über die erforderlichen Strategien verfügen, um komplexe soziale Situationen zu bewältigen. Viel wirksamer ist es, sie altersgerecht zu begleiten: durch Anleitung, Übung und gemeinsames Reflektieren mit einfühlsamen Erwachsenen. Gute Erziehung bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Schutz und Freiraum, zwischen Anleitung und Autonomie. Die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu meistern, entsteht nicht von selbst. Sie wächst durch feinfühlige Unterstützung, durch das gemeinsame Besprechen und spielerische Erproben von Herausforderungen, durch das Vorleben konstruktiver Lösungswege und durch ein verlässliches Auffangnetz. Die ausgewogene und altersgerechte Balance zwischen Begleiten und Loslassen bildet die Grundlage für langfristige Resilienz. In unserer [Zürcher Studie zur sozialen Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsenenalter](https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/02724316241271381?ref=schweizermonat.ch), ebenso wie in [anderen](https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2802677?ref=schweizermonat.ch) [Längsschnittsstudien](https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2813435?ref=schweizermonat.ch), zeigt sich deutlich, dass ein unterstützendes familiäres Umfeld ein zentraler Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist. Emotionale und praktische Unterstützung durch die Eltern, etwa Trost, Hilfe bei Problemen oder gemeinsame Aktivitäten wie Gespräche, gemeinsames Spielen oder andere Formen des Miteinanders, fördert die Fähigkeit der Jugendlichen, ihre Emotionen zu regulieren und wirksame Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Besonders eindrücklich ist, dass sich die positiven Auswirkungen unterstützender Eltern-Kind-Beziehungen auch langfristig nachweisen lassen. Jugendliche, deren Eltern bereits knapp zehn Jahre vor der Covid-19-Pandemie engagiert und einfühlsam agierten, zeigten als junge Erwachsene eine höhere Resilienz gegenüber den Herausforderungen der Pandemie. Sie konnten mit Belastungen wie sozialer Isolation, Unsicherheit oder Schwierigkeiten in der Ausbildung besser umgehen, reagierten flexibler auf Stress und setzten verschiedene Bewältigungsstrategien gezielt ein. Für diese jungen Menschen zahlte sich aus, dass ihre Eltern schon vor knapp zehn Jahren regelmässig mit ihnen über Alltagsprobleme gesprochen hatten und sie aktiv durch unterschiedliche Lebenssituationen begleitet hatten. Die Studienergebnisse verdeutlichen, wie entscheidend entwicklungsgemässe Unterstützung durch Eltern für die Entwicklung psychischer Widerstandskraft ist. Diese Einflüsse wirken nachhaltig – über Jahre hinweg und selbst in Bezug auf Herausforderungen, die weder vorhersehbar waren noch von den Eltern selbst je erlebt wurden. Ein stabiles, unterstützendes familiäres Umfeld in der Kindheit und Jugend kann somit massgeblich dazu beitragen, wie gut junge Menschen später mit Krisen umgehen. > «Ein unterstützendes familiäres Umfeld ein zentraler Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist.» Darüber hinaus kann auch das erweiterte soziale Netzwerk eine wichtige Rolle spielen: Erwachsene Bezugspersonen wie Gotti und Götti, Familienfreunde, Lehrpersonen oder Trainer/-innen können als stabilisierende und unterstützende Einflüsse zur Resilienz des Kindes beitragen. Dennoch wäre es eine Illusion zu glauben, dass die Erziehung allein alles richten könne. Wenn junge Menschen gleichzeitig mit einer Vielzahl von Belastungen konfrontiert sind, etwa Mobbing, fehlenden Zukunftsperspektiven, mangelhaft strukturierter gesellschaftlicher Unterstützung oder einer unzureichenden Versorgung psychischer Probleme, kann es selbst Kindern mit den feinfühligsten Eltern an Resilienz fehlen. ## Resilienz ist eine gemeinsame Aufgabe Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels individueller Eigenschaften, familiärer Fürsorge und unterstützender gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – wie etwa familienfreundlicher Strukturen. Eltern können viel bewirken, doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt, insbesondere dann, wenn sie selbst überlastet sind und kaum Kraft für eine feinfühlige Begleitung ihrer Kinder aufbringen können. Auch Eltern benötigen mitunter psychologische Unterstützung. Es braucht daher niedrigschwellige Angebote, die auf Eltern zugeschnitten sind: etwa Erziehungsberatung, spezifische Therapieformate für Eltern oder Elterngruppen, die soziale und praktische Unterstützung bieten. Damit Kinder wirklich resilient werden, braucht es ein fein abgestimmtes Netzwerk aus Unterstützung, Freiräumen, klaren Grenzen und Fürsorge – in Familie, Schule, Gesundheitssystem und Gesellschaft. Resilienz ist eine gemeinsame Aufgabe. Sie gelingt nur, wenn die Gesellschaft Verantwortung übernimmt – für die Rahmenbedingungen, unter denen Kinder aufwachsen und Eltern ihren Erziehungsauftrag wahrnehmen können. ### Wie könnten sich Verwerfungen auf dem Finanzmarkt auf die Schweiz auswirken? Szenarien einer Staatsschuldenkrise URL: https://www.schweizermonat.ch/wie-koennten-sich-verwerfungen-auf-dem-finanzmarkt-auf-die-schweiz-auswirken-szenarien-einer-staatsschuldenkrise/ Last updated: 2025-11-24T08:05:57.000Z Es ist eine Konstante der Wirtschaftsgeschichte: Staaten verschulden sich immer wieder zu hoch. Um sich aus dem Schuldenschlamassel zu befreien, greifen sie regelmässig zu Massnahmen wie Schuldenschnitten, Inflation, Enteignungen oder anderen Arten der finanziellen Repression. Die Schweiz hat sich bisher besser verhalten als andere Staaten und feiert sich gerne als solide, stabile, schuldenarme Insel der Vorbildlichen. Dieses Bild ist jedoch gefährlich, es verleitet zur Selbstzufriedenheit und Untätigkeit. So wie sich die meisten Staaten heute verhalten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Schuldenkrise ausbrechen wird. Die Schweiz ist in einem solchen Szenario stark exponiert: Der Schweizer Franken kann zur Fluchtwährung werden, die enorme Bilanz der Nationalbank zum Politikkäfig, der stark vernetzte Finanzplatz zum Übertragungsmittel einer internationalen Krise. Die Schweiz tut gut daran, sich damit zu befassen, wie sie sich schützen und die Folgen einer internationalen Schuldenkrise abschwächen kann. > «So wie sich die meisten Staaten heute verhalten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Schuldenkrise ausbrechen wird.» Dabei ist entscheidend, wo die Krise ausbricht: Liegt das Zentrum in Asien oder Südamerika, sind die Effekte geringer als bei einer Staatsschuldenkrise in den USA oder in der Eurozone. Doch gerade diese beiden Regionen sind Kandidaten für die nächste Krise. Dabei spielen weniger die historischen Schuldenhöchststände eine Rolle als die fehlende Bereitschaft, Reformen einzuleiten und auf einen stabilen Pfad zurückzukehren. Das erhöht die Fragilität: Bereits kleine Informationseinheiten können eine rasche und deutliche Neubeurteilung der Schuldnerqualitäten auslösen. So reichte 2009 die Neuigkeit, dass die frühere griechische Regierung die Defizitzahlen geschönt hätte, aus, um die damalige Eurokrise auszulösen. ## Szenarien einer Staatsschuldenkrise Um die möglichen Auswirkungen einer Staatsschuldenkrise auf die Schweiz abschätzen zu können, ist es sinnvoll, in Szenarien zu denken. Das wahrscheinlichste Szenario ist trotz der heutigen hohen internationalen Schuldenstände ein «muddling through» (Durchwursteln): punktuelle Reformen, Elemente finanzieller Repression, aber keine ausgewachsene Systemkrise. Doch um die Verwundbarkeiten der Schweiz zu verstehen, muss man sich mit dem Krisenfall befassen. **Stressszenario 1: Dollarvertrauenskrise** Der US-amerikanische Staat ist heute mit rund 125 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verschuldet. Bei langfristigen Zinsen zwischen 4 und 5 Prozent ist der Schuldendienst deutlich höher als das Verteidigungsbudget – ein Indikator für steigende Refinanzierungsrisiken. Ein bald bevorstehender Staatsbankrott ist dennoch unwahrscheinlich: Für ein Land, dessen Währung Reservewährung fast aller Zentralbanken ist und dessen Notenbank mit neu gedrucktem Geld den Schuldendienst jederzeit begleichen könnte, ist ein Staatsbankrott kein realistisches Krisenszenario. Eher ist zu erwarten, dass die USA bei einem weiteren Anstieg der Verschuldung mit einer expansiven Geldpolitik reagieren würden: vorübergehend tiefe Zinsen, eine deutlich höhere Inflation. Die aktuelle Diskussion zwischen Administration und Federal Reserve weist in diese Richtung. Je nach Ausmass der finanziellen Repression könnte das Vertrauen in den Dollar massiv geschwächt werden: Der US-Dollar und die amerikanischen Staatsanleihen würden ihre Rolle als sicherer Hafen verlieren. Der gesamte Dollarmarkt weltweit und damit auch die globalen Finanzmärkte kämen unter Druck. Für die Schweiz wäre eine solche Dollarvertrauenskrise mehr als ungemütlich. Grosse Mengen an Dollars würden rasch in Schweizer Franken, einen der wenigen verbleibenden sicheren Häfen, getauscht. Der Aufwertungsdruck auf den Franken wäre erheblich. Erinnern wir uns: Die Eurokrise führte 2010 innert weniger Monate zu einer Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro von gut 25 Prozent. Eine Krise im Dollar könnte zu noch höherem Druck auf den Schweizer Franken führen. Eine Intervention durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) wäre angesichts der grossen Volumina und der bereits stark aufgeblähten Bilanz höchst riskant und könnte die Schweiz destabilisieren. Der Druck auf die Schweizer Exportbetriebe würde unerträglich, die wirtschaftliche Kontraktion dürfte innert eines Jahres zweistellige Werte annehmen. Wie weit die Schweizer Banken von diesen Entwicklungen betroffen wären, hängt von der Netto-Dollar-Exposition in ihren Bilanzen ab und ist kaum abzuschätzen. Auf jeden Fall könnte die Schweiz im Rahmen von Zweitrundeneffekten selbst zu einem Krisenherd werden. **Stressszenario 2: Die kleine Eurokrise** Die kleine Eurokrise könnte der griechischen Staatsschuldenkrise von 2010 ähneln. Auslöser können unterschiedliche Ereignisse sein: stark steigende Refinanzierungszinsen für einzelne Staaten der Eurozone, eine deutliche Veränderung der Lage in der Ukraine oder auch die erwähnte Dollarvertrauenskrise. Dabei würden Verwerfungen in einzelnen Ländern den Euro und damit die Eurozone insgesamt schwächen. Solche Verwerfungen an den Märkten für europäische Staatsobligationen würden europäische Banken, die regulatorisch faktisch zum Halten von Staatsanleihen ihrer Länder gezwungen sind, empfindlich treffen. Zur Stabilisierung des Euro und der europäischen Banken könnte die EZB über das «Transmission Protection Instrument» auf dem Sekundärmarkt ohne Begrenzung Staatspapiere all jener Länder aufkaufen, die nach Vorstellung der EZB nicht ordnungsgemäss bewertet sind. Die Rolle der EZB als grösster Gläubigerin der Eurostaaten würde, gerade im Fall von anstehenden Haircuts (Teilabschreibungen von Schulden), noch bedeutsamer. Die SNB käme in einer solchen Situation unter grossen Druck. Einerseits ist ihre Bilanz heute schon extrem gross, die Dollar- und Eurorisiken überwiegen deutlich. Die SNB könnte die Euro- und Dollarschuldpapiere, selbst wenn sie wollte, nicht rechtzeitig abstossen, ohne als mitverantwortlich für die Krise bezeichnet zu werden. Man kann sich vorstellen, welche Auswirkungen nur schon diese kleine Eurokrise auf die Schweiz hätte. Zu erwarten ist eine Aufwertung des Schweizer Frankens um 15 Prozent (oder mehr) und eine Erhöhung der Zinsen um vielleicht 3 Prozentpunkte mit einem entsprechenden Abschlag bei den Preisen von durchschnittlich 21 Prozent. Der Verlust der SNB dürfte deutlich höher als 15 Prozent liegen und damit zu einem negativen Eigenkapital der Bank führen. > «Verwerfungen an den Märkten für europäische Staatsobligationen würden europäische Banken, die regulatorisch faktisch zum Halten von Staatsanleihen ihrer Länder gezwungen sind, empfindlich treffen.»24 **Stressszenario 3: Die grosse Inflations- und Schuldenkrise in der Eurozone** Den Ablauf einer grossen Inflations- und Schuldenkrise in der Eurozone, auf die nicht wenige Indikatoren hinweisen, möchte man sich am liebsten – auch in der Schweiz – gar nicht vorstellen. Die Auswirkungen dieses Szenarios würden entlang ähnlicher Dimensionen verlaufen wie bei der kleinen Eurokrise, aber in grösserem Ausmass. Eine grosse Inflations- und Schuldenkrise würde zu einem wirtschaftlichen Einbruch in der Eurozone führen. Für die Schweizer Wirtschaft würden in diesem Szenario aufgrund der engen Verflechtung mit der Eurozone ganz harte Zeiten anbrechen. Die Eigner ausländischer Staatspapiere, allen voran die Banken und die SNB, müssten Haircuts auf die Schuldpapiere in Kauf nehmen. Die Auswirkungen auf den europäischen und den Schweizer Finanzplatz sind schwierig abzuschätzen. Das Fremdwährungsportfolio der SNB würde gewaltige Verluste einfahren. Bei anhaltender Inflation müsste die SNB trotz vermutlich negativem Eigenkapital hohe Zinszahlungen auf den Reserven der Banken leisten. Ihre Handlungsfähigkeit wäre stark eingeschränkt. ## Was jetzt zu tun ist Wie kann sich die Schweiz auf solche Krisen vorbereiten? Vier Antworten liegen auf der Hand: - Im Krisenfall braucht es völlig befreite, unregulierte Märkte, sodass überhaupt eine rasche Reaktion möglich ist. - Banken müssen auch in solchen Stressszenarien abgewickelt, also geordnet aufgelöst werden können. - Ein Anschluss an den Krisenverbund der Eurozone sollte möglichst unterbleiben. - Die Schweizerische Nationalbank muss ihr Portfolio jetzt bereinigen, sodass sie in einer Krise nicht zu einer zusätzlichen Hypothek wird. Das verlangt nach einem Abbau der Bilanz und nach einer weitgehenden Veräusserung ausländischer Staatspapiere. Die Schweiz wäre im Falle einer globalen Schuldenkrise keine Insel der Glückseligen. Über den Wechselkurskanal, die exportorientierte Wirtschaft, den stark vernetzten Finanzplatz und die riesige Bilanz der SNB wäre sie stark exponiert und könnte im Rahmen von Zweitrundeneffekten gar selbst zu einem Krisenherd werden. Da es nur eine Frage der Zeit ist, bis eine globale Staatsschuldenkrise ausbricht, ist es entscheidend, jetzt die eigene Resilienz zu stärken. Denn die Verwundbarkeiten der Schweiz sind grösstenteils nicht naturgegeben, sondern hausgemacht. ### Wer Kinder von allem verschonen will, tut ihnen keinen Gefallen URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-kinder-von-allem-verschonen-will-tut-ihnen-keinen-gefallen/ Last updated: 2025-11-18T15:24:24.000Z «Am Montagmorgen ausschlafen ist ein Menschenrecht!», erklärt mir der Jugendliche trotzig. Er ist empört, dass sein Lehrmeister von ihm verlangt, dass er nach dem Wochenende um sieben an seinem Arbeitsplatz erscheint. Am Montagmorgen müsse er sich vom Wochenende erholen! Früh aufstehen sei unmöglich! Aufwachsen ist ein langer, komplizierter und herausfordernder Prozess. Die meisten Kinder verbringen ihre ersten Lebensjahre in einem geschützten Lebensraum. In Kleinfamilien sind sie das Zentrum der Aufmerksamkeit der Eltern. Diese richten ihre Freizeit und den Alltag nach ihren Sprösslingen aus. Ferien werden auf die Kinder ausgerichtet und ihre sozialen Kontakte observiert. Das Wohl und die Vermeidung von Frustrationen sind wichtige Anliegen der Eltern. Später, in der Schule, versucht man bei Problemen auf die Kinder einzugehen und ihnen empathisch zu begegnen. Ultimative Forderungen und demonstrative Abgrenzung gelten als problematisch – es geht darum, zuzuhören und einen Konsens zu finden. Bei Problemen wird nach Ursachen geforscht, es werden allenfalls Zusatzhilfen aufgeboten. Eltern wie Schulen sind bestrebt, den Kindern eine glückliche Kindheit zu ermöglichen und sie adäquat zu fördern. ## Professionalisierte Freizeit Doch Kinder waren nicht immer im Fokus der Erwachsenenwelt; die Bedeutung der Kindheit und die Strategien der Eltern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Vor fünfzig oder hundert Jahren hatten die wenigsten Kinder ein eigenes Schlafzimmer. Sie schliefen im gleichen Raum oder sogar im gleichen Bett wie ihre Geschwister, und bei Tisch mussten sie sich mit einer unmöglichen Schwester oder dem groben Bruder auseinandersetzen. Heute wachsen viele Kinder mit wenig oder keinen Geschwistern auf und verfügen sogar über ein eigenes Badezimmer. Wollen sie spielen, werden sie nicht in den Keller verbannt, sondern selbstverständlich steht ihnen das Wohnzimmer zu Verfügung. Ihre Freizeit verbringen Kinder nicht mehr auf der Strasse, in Wäldern oder Hinterhöfen; sie wurde professionalisiert. Malkurse, Spielgruppe, Schwimmkurse, Ballett, Resilienzkurse oder Piratenabenteuer stehen auf dem Programm. Die Erwachsenen sind präsent und können bei Streitigkeit eingreifen. Bei einem zu langen Schulweg wird bei der Behörde interveniert und bei Strafen im Unterricht schalten die Eltern die Schulleitung ein (früher gab es zu Hause eine Zusatzstrafe). Der Schutz der Kinder und das Eingehen auf ihre Wünsche haben heute Priorität. Wir alle wünschen unseren Kindern eine glückliche, entspannte Kindheit. Im Wissen um die Folgen von schlechten Kindserlebnissen schenken wir der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen viel Aufmerksamkeit und wollen, dass die nachfolgende Generation mit wenig Frust und Ärger aufwächst. Je ausgeprägter der Wohlstand einer Gesellschaft und je kleiner die Kinderzahl, desto grösser ihre emotionale Bedeutung und Sorge um sie. Die zentrale Bedeutung der Kinder hat Auswirkungen auf ihr Verhalten. ## Es gibt kein Recht auf Wohlbefinden «Meine Kolleginnen waren uh gemein zu mir! Sie haben mich beim Gummitwist ausgeschlossen», beschwert sich ein Mädchen bei der Mutter. Ein Gespräch mit der Lehrerin ist die Folge und schliesslich ein Kreisgespräch in der Klasse. Die beschuldigten Mädchen versprechen, nicht mehr gemein zu sein und ihre Schulkollegin miteinzubeziehen. Dass dieses Mädchen wegen ihrem mangelnden Kooperationswillen und ihrem schnippischen Verhalten ausgeschlossen wurde, ist kein Thema. Die Eltern und die Pädagogin wollen auf keinen Fall, dass das Mädchen frustriert und möglicherweise traumatisiert wird. Das Problem der kind- und jugendzentrierten Einstellung ist, dass den Kindern suggeriert wird, sie hätten ein Recht, so akzeptiert zu werden, wie sie seien, und Frustrationen nicht ihr Fehler seien. Sie hätten ein Anrecht auf Wohlbefinden und darauf, dass auf ihre Wünsche eingegangen werde. Ein wichtiger Aspekt des Aufwachsens tritt dadurch in den Hintergrund: die Überwindung eigener Frustrationen, die Notwendigkeit eigener Anstrengungen und die Relativierung eigener Schmerzerlebnisse. Das Leben ist keine Selbstverwirklichungsarena, sondern mühsame Erlebnisse. Misserfolge, Gemeinheiten, Ungerechtigkeiten, soziale Ablehnung gehören ebenso zum Aufwachsen wie die Entwicklung eigener Interessen, Freundschaften und schöne Erlebnisse. Wichtig ist jedoch: Nicht jeder Mensch und nicht jede Institution empfängt einen mit offenen Armen. Viele sind von einem nicht beeindruckt, vermissen Fähigkeiten, Intelligenz oder empfinden einen sogar als Störfaktor. Man macht nicht nur Freunde, man begegnet auch Feinden. Das Leben ist anstrengend. Eine harte Haut zu entwickeln, Durchhaltewille und die Fähigkeit, eigene Wünsche und Empfindungen in gewissen Situationen zurückstellen zu können, gehört darum zum Entwicklungsprogramm ins Erwachsenenalter. Hie und da gilt es, seinen Ärger hinunterzuschlucken, eigene Empfindlichkeiten zu ignorieren, Ungerechtigkeiten zu ertragen und cool zu bleiben. Erwachsen zu werden ist hart, weil das besorgte Auge der Mutter und die Interventionen des Vaters fehlen. Man ist auf sich allein gestellt und die Umgebung findet einen oft nicht so grossartig, wie es die Eltern taten oder vielleicht ein Therapeut suggerierte. Der Weg zum Erwachsenensein ist steinig und gepflastert mit Misserfolgen sowie traumatischen Erlebnissen. Man muss lernen, wegzustecken und eigene Gefühle zu verdrängen. > «Das Problem der kind- und jugendzentrierten Einstellung ist, dass den Kindern suggeriert wird, sie hätten ein Recht, so akzeptiert zu werden, wie sie seien, und Frustrationen nicht ihr Fehler seien.» Das Problem ist jedoch, dass die Pädagogik die Themen Abhärtung und das Ertragen von Frustrationen vermeidet; verständlicherweise richtet sie sich lieber auf positive Ziele aus. Die Förderung von Begabungen und Interessen steht im Vordergrund. Harmonie, Selbstverwirklichung und natürlich die Verhinderung von Frustration stehen auf dem Programm. Als Vater oder Mutter wünscht man seinem Kind eine glückliche Kindheit. Die Folge ist jedoch, dass eine Generation heranwächst, die schlecht mit Misserfolgen und Kränkungen umgehen kann und deshalb unliebsame Anpassungsforderungen als Frechheit empfindet. Sie erwartet, dass die Umgebung sich auf sie abstimmt, und ist empört, wenn eigene Wünsche und Empfindlichkeiten ignoriert werden. Wie wir jedoch alle wissen, ist der Weg ins Erwachsenenleben kein Honigschlecken, sondern auch mit dem Erleben eigener Unzulänglichkeiten, Versagen und Ungerechtigkeiten verbunden. Die Welt wartet nicht auf einen, und für viele Anliegen hat die Umgebung kein Verständnis. Das Rad der Zeit kann man nicht zurückdrehen. Niemand wünscht sich eine lieblose oder knallharte Erziehung, wie es in britischen Internatsschulen üblich war. Die Erziehung und die Schule sollen menschlich sein. Der Wohlstand und die Kindzentriertheit haben jedoch mit zur Folge, dass die Härte des Lebens nicht mehr in Kinderbanden erfahren wird, in denen Hackordnungen herrschen, und in Familien, in denen das materielle Überleben im Vordergrund steht oder man sich gegenüber mehreren Geschwistern durchsetzen muss. Man spricht mit dem Kind und verhandelt, wenn etwas nicht seinen Wünschen entspricht, und sucht nach einvernehmlichen Lösungen. All dies sind wichtige Fortschritte, die man nicht aufgeben will. Die Gefahr ist jedoch, dass die Auseinandersetzung mit der Härte des Lebens suspendiert wird. Jugendliche erreichen das Erwachsenenalter mit einer Haltung, in der Selbstüberwindung und Härte sich selbst gegenüber nicht Platz hat. ## Sich selber überwinden «Ja, wir haben eine Scheune, in der wir übernachten können, falls es regnet!», versichert der dreizehnjährige Pfadfinderführer der Mutter eines Knaben seiner Gruppe am Telefon. Sie haben ein Lagerwochenende im Zürcher Oberland in einem Wald geplant. Handys haben nur die Pfadiführer. Ich bin beeindruckt von der Organisationsfähigkeit dieses Pfadfinderführers und frage ihn, wie er die Scheune gefunden habe. «Scheune? Ich habe nichts organisiert», antwortet er. «Doch es beruhigt die Mutter, wenn ich es behaupte.» Tatsächlich kam am Wochenende ein Gewitter auf und die Truppe musste sich unter Blachen im Wald schützen. Die Pfadis kehrten ziemlich durchnässt nach Hause zurück. Zum Erstaunen der Eltern war das Wochenende jedoch für die Pfadfinder ein voller Erfolg. Die acht- bis zehnjährigen Knaben kehrten stolz nach Hause zurück. Keine Spur von Wehleidigkeit. > «‹Scheune? Ich habe nichts organisiert›, antwortet er. ‹Doch es beruhigt die Mutter, wenn ich es behaupte.›» Vielleicht ist es nicht an den Eltern und der Schule, Kinder Wehleidigkeit abzugewöhnen, sondern sie lernen es unter sich, selbstständig oder in Gruppen. Wenn Kinder unter sich sind, sich in ein Thema vertiefen oder einem Sport widmen, lernen sie auch, von sich etwas abzuverlangen und nicht überempfindlich zu reagieren. Gegenüber Kollegen und Kolleginnen kann man sich nicht eine zu grosse Wehleidigkeit erlauben und ein gemeinsames Ziel spornt an, sich selbst zu überwinden. Die Pfadigruppe wurde durchnässt und halb durchgefroren. Doch anschliessend waren die Knaben stolz auf ihr Erlebnis. Sie hatten das Gefühl, etwas erreicht zu haben, und prahlten später über das Wochenende. Sie wurden in ihrem Selbstvertrauen gestärkt, missliche Situation meistern zu können. ### Wer in die Schuldenfalle gerät, bleibt in der Schweiz oft lebenslang darin gefangen URL: https://www.schweizermonat.ch/wer-in-die-schuldenfalle-geraet-bleibt-in-der-schweiz-oft-lebenslang-darin-gefangen/ Last updated: 2025-11-19T13:09:16.000Z Hinfallen, Aufstehen, Weitergehen. Die Managementliteratur ist voll des Lobes für die US-amerikanische Kultur des Scheiterns. Scheitern gilt in den Staaten als notwendiges Beiprodukt der Risikofreudigkeit, die Innovation und unternehmerischen Erfolg hervorbringt. Bei uns in der Schweiz hingegen gilt Scheitern als moralisch verwerflich. Man hat dafür zu büssen. Der kulturelle Umgang mit dem Scheitern führt dazu, dass in den USA Überschuldete rasch eine zweite Chance erhalten, während sie in der Schweiz oft bis ans Lebensende und darüber hinaus in den Schulden gefangen bleiben. In den USA ermöglicht man Überschuldeten einen «Fresh Start», eine sofortige Restschuldbefreiung unter dem bekannten «Chapter 7». Die Idee dahinter ist, dass Überschuldung nicht immer das Resultat individueller Verantwortungslosigkeit ist, sondern auch Ausdruck eines Marktversagens sein kann. Wer scheitert, soll nicht dauerhaft aus dem Wirtschaftskreislauf ausgeschlossen bleiben. Gläubigerinnen und Gläubiger, vor allem Banken und Kreditkartenunternehmen, kalkulieren solche Risiken ein und geben sie über Preise und Zinsen weiter. Ein klarer, effizienter Neustart ist Teil des Systems. Ganz anders in der Schweiz. Hier bleibt man auch nach einem Privatkonkurs lebenslang mit den Schulden konfrontiert. Verlustscheine verjähren erst nach 20 Jahren – und die Frist kann von Gläubigerinnen und Gläubigern beliebig oft unterbrochen werden. De facto bedeutet das: Wer einmal tief in die Schulden gerät, bleibt darin gefangen. Während für schwerste Straftaten nach Verbüssung der Strafe ein Anspruch auf Resozialisierung besteht, bedeutet private Überschuldung für viele Betroffene eine Art lebenslanges wirtschaftliches Stigma. ## Lebenskrisen statt Konsumwut Wie viele Menschen in der Schweiz überschuldet sind, lässt sich gar nicht so einfach feststellen. Denn nicht jeder Zahlungsverzug bedeutet gleich eine strukturelle Überschuldung. Nach dem Bundesamt für Statistik lebten im Jahr 2022 rund 41 Prozent der Bevölkerung in Haushalten mit mindestens einer Verschuldungsart, 15,6 Prozent in Haushalten mit mindestens zwei und 5,1 Prozent in Haushalten mit mindestens drei Schuldenarten. CRIF, eine private Firma im Bereich Wirtschaftsauskünfte, publiziert halbjährlich eine Schuldnerquote. Basierend auf den fortgesetzten Betreibungsbegehren kommt sie im März 2025 zum Schluss, dass 5,5 Prozent der in der Schweiz lebenden Menschen überschuldet sind. Oft wird angenommen, dass Überschuldung das Resultat von hemmungslosem Konsum sei – teure Konsumkredite, Luxus auf Pump oder sorgloser Umgang mit Geld. Die Daten der Schuldenberatung zeigen jedoch ein anderes Bild: Die Mehrheit gerät durch Lebenskrisen wie Jobverlust, Scheidung oder Krankheit in die Schuldenfalle. Wenn solche kritischen Lebensereignisse das Haushaltsbudget und die Finanzplanung durcheinanderbringen, sind auch Menschen aus dem Mittelstand nicht vor einem Absturz gefeit. > «Die Mehrheit gerät durch Lebenskrisen wie Jobverlust, Scheidung oder Krankheit in die Schuldenfalle.» Schulden können jeden und jede treffen, auch Menschen mit einem stabilen Einkommen. Geht die Liebe, droht die Armut – scheiden macht arm. Das Zerbrechen der Familie ist vor allem für alleinerziehende Mütter ein Armutsrisiko. Doch auch Männer kann eine Scheidung in den Ruin treiben. Gleiches gilt für eine Krankheit oder einen Unfall. Die Versicherung Zurich hat 6000 Menschen zur Einkommensabsicherung im Fall von Krankheit und Unfall befragt. Die Antworten zeigen, dass die Mehrheit der Befragten die eigenen Risiken unterschätzen. Zweifellos spielen auch individuelle Faktoren eine Rolle. Die Wissenschaft behandelt den Zusammenhang von Verschuldung mit Persönlichkeitsmerkmalen, fehlender Finanzkompetenz, Impulsivität und psychologischen Faktoren. Die Erkenntnis: Sozioökonomische und psychologische Faktoren gehen oft zusammen, z.B. der «Tunnelblick» als kognitive Folge von Knappheit. Offene Rechnungen werden dann von Betroffenen ausgeblendet. Was die Art der Schulden betrifft, welche bei den Ratsuchenden in Schuldenberatungsstellen vorhanden sind, sticht etwas besonders ins Auge: Nicht Banken oder Gewerbe sind die grössten Gläubigerinnen und Gläubiger, sondern oftmals der Staat. Offene Steuerforderungen, Krankenkassenprämien und Unterhaltsbeiträge stehen fast immer ganz oben auf der Liste. Leasing kommt sehr selten vor und selbst Kredite nur in einem Viertel der Fälle. > «Nicht Banken oder Gewerbe sind die grössten Gläubiger, sondern oftmals der Staat.» ## Die Freiheit, wieder aufstehen zu können Der Bundesrat hat im Januar 2025 nach einem langjährigen Prozess mit Expertengruppen und Vernehmlassung eine Revision des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes (SchKG) vorgelegt, mit der er ein neues Sanierungsverfahren für Privatpersonen einführen will. Ziel ist, überschuldeten Menschen eine realistische Perspektive aus der Schuldenfalle zu eröffnen. Wer über Jahre hinweg ehrlich bemüht war, Schulden zu begleichen, aber offensichtlich keine Chance auf vollständige Rückzahlung hat, soll nach einer gewissen Frist von den Restschulden befreit werden. Damit rückt die Schweiz näher an Modelle in anderen europäischen Ländern wie Deutschland oder Österreich heran, in denen solche Verfahren längst etabliert sind. In dieser Revision liegt der Reiz darin, dass nicht mehr lebenslange Bindung an Verlustscheine die Regel sein soll, sondern klare Fristen und Regeln, nach deren Ablauf eine Befreiung möglich wird. Das entlastet Gerichte und Behörden, weil langjährige Betreibungszyklen verkürzt werden und Verfahren transparenter und effizienter gestaltet werden können. Aus meiner Sicht ist das durchaus ein liberaler Ansatz. Es geht nicht um pauschale Schuldenerlasse, sondern um Fairness, Eigenverantwortung und Rechtsstaatlichkeit. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, soll die Chance auf einen echten Neustart haben. Ein Verfahren mit Restschuldbefreiung belohnt Mitwirkung, Transparenz und Aufrichtigkeit. Wenn Menschen wieder in einen aktiven wirtschaftlichen Kreislauf gelangen, profitiert nicht nur die betroffene Person, sondern die ganze Gesellschaft. Steuereinnahmen steigen, Sozialkosten sinken, Gesundheitskosten lassen sich reduzieren. Eine Gesellschaft, die Leistung fordert, muss auch Raum für Scheitern und Neubeginn bieten. Wer in der Schweiz durch Schicksalsschläge, eigene Fehler oder strukturelle Probleme in die Schuldenfalle gerät, darf nicht lebenslang gezeichnet bleiben. Die SchKG-Revision ist deshalb mehr als eine technische Anpassung. Sie ist ein Bekenntnis zu Fairness, Augenmass und Menschlichkeit. Denn Freiheit bedeutet nicht, nie zu fallen, sondern immer wieder aufstehen zu können. ### Sport treiben, Beziehungen pflegen und auf das Positive fokussieren: Mit diesen Routinen werden Sie resilienter URL: https://www.schweizermonat.ch/sport-treiben-beziehungen-pflegen-und-auf-das-positive-fokussieren-mit-diesen-routinen-werden-sie-resilienter/ Last updated: 2025-11-18T15:17:23.000Z Wir leben in einer Epoche des Überflusses: Ob Komfort, Technik oder Wohlstand – noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten zur Wahl. Zugleich ist unser Alltag dicht gedrängt, Reize und Anforderungen prasseln ununterbrochen auf uns ein – treffend beschrieben durch den Begriff *Mental Load*. Stress, einst ein überlebenswichtiges Alarmsignal für akute Gefahren, entsteht heute durch ständige Erreichbarkeit, Konflikte und Unsicherheiten. Der Körper schaltet in den Fluchtmodus; entwickelt sich das zum Dauerzustand, kann das langfristig ernsthafte körperliche und psychische Folgen haben. Zahlen belegen die Dringlichkeit: Über 30Prozent der Erwerbstätigen fühlen sich laut Job-Stress-Index 2022 emotional erschöpft, ein Rekordwert. 23Prozent berichten von Stress am Arbeitsplatz, fünf Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren. Psychische Erkrankungen als Krankschreibungsgrund nehmen zu, meist ausgelöst durch Konflikte am Arbeitsplatz. Stress betrifft nicht mehr nur den Einzelnen, sondern auch Organisationen und die Gesellschaft fühlt sich gestresst. ## Innere Stärke in stürmischen Zeiten Vor diesem Hintergrund gewinnt Widerstandsfähigkeit an Bedeutung. Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen nicht nur zu überstehen, sondern auch aus ihnen gestärkt hervorzugehen. Dabei geht es nicht nur darum, sich abzuhärten oder Herausforderungen durchzustehen. Resilienz bedeutet, Hindernisse im Weg zu überwinden oder zu umgehen, ohne Herausforderungen auszuweichen, und dabei die eigenen physischen und psychischen Grenzen zu respektieren und zu bewahren. Resilienz entsteht nicht von selbst, sie muss wie ein Muskel bewusst trainiert, aktiviert und gepflegt werden, individuell, in Gruppen oder in Organisationen. Acht Faktoren sind entscheidend: Optimismus, Kreativität, Akzeptanz, Selbstverantwortung, Zukunftsorientierung, Achtsamkeit, Lösungsorientierung und Netzwerkorientierung. Wer diese gezielt stärkt, verbessert die Fähigkeit, Herausforderungen zu meistern – und fördert langfristig Gesundheit und Wohlbefinden. **Sich in Akzeptanz statt Resignation üben:** Ein erster Schritt zu mehr Resilienz ist die bewusste Akzeptanz der eigenen Situation. Gemeint ist nicht ein passives Hinnehmen, sondern eine aktive Auseinandersetzung. Stephen Covey beschreibt dies mit dem Prinzip des «Wirkungskreises», in dem zwischen beeinflussbaren und unveränderlichen Faktoren unterschieden wird. Diese Klarheit hilft, Energie auf das zu lenken, was wir gestalten können, und stärkt die Selbstwirksamkeit. **Raus aus dem Kopf – rein in den Körper:** Viele Menschen leben mehrheitlich in Gedanken; sie planen, analysieren und kontrollieren – oft auf Kosten der Körperwahrnehmung. Warnsignale wie Erschöpfung oder Anspannung werden übergangen, bis der Körper die Notbremse zieht. Dabei liegt gerade im körperlichen Ausdruck ein grosser Schlüssel zur Heilung. Bewegung oder Sport – am besten draussen, spielerisch, ohne Leistungsdruck – hilft, das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Wirkung zeigen Yoga, Pilates oder Tai Chi. Oder kurze, gezielte Impulse wie die *Body2Brain*\-Techniken von Claudia Croos-Müller: einbeiniges Stehen, bewusstes Dehnen oder der «Schulterwurf» – kleine Übungen mit grossem Effekt. **Den Geist pflegen:** In einer Welt permanenter Reizüberflutung ist mentale Erholung unverzichtbar. Achtsamkeit ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Schon kurze Routinen helfen: etwa die «One-Minute-Meditation» von Martin Boroson oder die «3×3»-Übung, bei der drei bewusste Sinneseindrücke wahrgenommen werden. Solche Techniken beruhigen den Geist und fördern kreative Lösungen. Wer mentale Stressverstärker erkennt, kann resilientere Denkgewohnheiten entwickeln. **Fokus aufs Positive:** Resilienz heisst auch, den Blick bewusst auf das Gute zu richten. Dankbarkeitsübungen oder «Take in the good»-Routinen nach Rick Hanson stärken das seelische Immunsystem. Dabei geht es nicht um eine aufgesetzte Positivität, sondern um den bewussten Aufbau innerer Ressourcen, um die Herausforderungen besser zu meistern. **Rituale am Morgen und am Abend:** Ein «Check-in» am Morgen und ein «Check-out» am Abend helfen, den Tag bewusst zu starten und zu reflektieren. **Beziehungen pflegen**: Resilienz wächst in der Verbindung. Zeit mit Menschen, die guttun, schenkt Halt und neue Perspektiven – etwa bei einem gemeinsamen Spaziergang oder einem Kaffee. **Spielen und Kreativität leben**: Ein spielerischer Geist bringt Leichtigkeit und eröffnet neue Lösungen. Kreative Tätigkeiten wie etwa Malen, Musizieren oder Spielen mit Kindern fördern Flexibilität und Lebensfreude. **Kleine Impulse mit grosser Wirkung:** Schon Minipausen, bewusstes Atmen, Spaziergänge in der Natur oder kurze spielerische Herausforderungen stärken die Resilienz und geben dem Geist Raum, sich zu regenerieren. ## Gesundheitsförderung im Arbeitsalltag Das Thema Resilienz gehört zu jeder ganzheitlichen Gesundheitsförderung. Arbeitswelten müssen also so gestaltet werden, dass sie Menschen stärken – im Alltag ebenso wie in Umbruchphasen und Krisenzeiten. Dazu braucht es eine Führung, die achtsam handelt und Orientierung gibt, eine Unternehmenskultur, die Vertrauen und Offenheit fördert, sowie Programme, die Resilienz gezielt auf individueller wie auch auf Teamebene aufbauen. Das Ziel sollten Arbeitsumfelder sein, in denen Menschen gesund bleiben, Veränderungen aktiv mitgestalten und langfristig ihr Potenzial entfalten können. Gerade in Zeiten wachsender Komplexität und Unsicherheit ist das wichtiger denn je. > «In einer Welt permanenter Reizüberflutung ist mentale Erholung unverzichtbar. Achtsamkeit ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit.» Resilienz prägt unseren Lebensstil und kann den Blick für die eigenen Ressourcen und die Umwelt schärfen. Gerade in Zeiten von Überfluss und permanentem Konsum wirft sie die Frage auf, wie wir mit Wohlstand umgehen. Wer bewusst mit den eigenen Kräften umgeht, entdeckt vielleicht auch Wege zu einem überlegteren, nachhaltigeren Lebensstil. Resilienz kann so nicht nur ein Schutzschild gegen Stress sein, sondern zugleich den Impuls geben, Ressourcen achtsam zu nutzen. Innere Stärke und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt könnten so Hand in Hand gehen. ### «Willenskraft kann man trainieren, wie man Muskeln trainieren kann» URL: https://www.schweizermonat.ch/willenskraft-kann-man-trainieren-wie-man-muskeln-trainieren-kann/ Last updated: 2025-11-25T15:01:51.000Z **Evelyne Binsack, Sie haben als erste Schweizerin den Mount Everest bestiegen, waren am Süd- und am Nordpol. Was braucht es, um derart Aussergewöhnliches zu leisten?** Zum einen braucht es eine grundlegende Basis von physischen Voraussetzungen, also die Ausdauer und die Muskulatur. Zum anderen braucht es mentale Vorbereitung. Wie reagiere ich, wenn etwas schiefläuft? Auf welche Ressourcen kann ich zurückgreifen, wenn etwas schiefläuft? Wer bin ich, wenn etwas schiefläuft? Halte ich den Druck aus? Halte ich die Einöde aus, die Kälte, die Distanzen? Auf meiner Südpolexpedition habe ich 15 Kilogramm Körperfett verloren, das verändert einen. Die Finanzierung spielt ebenfalls eine Rolle: Für meine Antarktisexpedition beispielsweise setzte ich 80 Prozent meines Vermögens ein. Das sorgt für zusätzlichen Stress und Ängste. **Was war das Härteste auf diesen drei Expeditionen? Die Anstrengung? Die Kälte? Die Einsamkeit?** Alles zusammen. An einem Tag ist es die Kälte. An einem anderen Tag fühlt man sich vielleicht körperlich nicht so fit. Beim Mount Everest war es das Schwierigste, den *Second Step*, eine anspruchsvolle Kletterpassage, zu bewältigen. Das war technisch das Schwierigste, aber die Technik ist nur ein Aspekt unter vielen. **Sie haben auch privat schwierige Situationen erlebt, wie Sie im Buch «Grenzgängerin» schreiben. Insbesondere, als Sie sich von einem Unfall zurückkämpfen mussten und gleichzeitig Ihre Beziehung in die Brüche ging. Wann war Ihre Resilienz mehr gefragt: auf Expeditionen oder in solchen persönlichen Krisen?** Um den Südpol zu erreichen, braucht es Willenskraft. Meine Willenskraft konnte ich in dieser persönlichen Krise jedoch nicht anwenden, es brauchte dafür eine andere Kraft: Geduld. Einerseits hat es mich fasziniert, dass ich Zeit in Anspruch nehmen musste, andererseits war ich total resigniert, dass mir meine Willensstärke hier nichts nützte. Ich bin ein Mensch, der auf das Wort anderer vertraut. Als ich merkte, dass mein damaliger Lebenspartner nicht ehrlich zu mir war, fiel mein ganzes Menschenbild zusammen. Ich musste andere Strategien entwickeln, um aus dieser Krise herauszukommen. **Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?** Dass man grundsätzlich sich selber vertrauen darf und mit sich selber im Reinen sein darf. Es ist schön, wenn ein anderer Mensch einen unterstützt, wenn ein anderer Mensch einen für eine gewisse Zeit begleitet. Aber wirklich vertrauen kann ich eigentlich nur mir selber. **Was sagen Sie jemandem, der in seinem Alltag resilienter werden möchte?** Man muss bei sich selber anfangen, sich selbst wahrnehmen, akzeptieren und vertrauen. Resilient zu werden ist eigentlich ein Weg der Selbstfindung. Das mag esoterisch tönen. Aber viele Menschen stehen sich selbst im Weg, weil sie sich mit anderen Personen vergleichen und wie diese werden wollen, anstatt die eigenen Gaben und Fähigkeiten herauszuschälen und richtig einzusetzen. **Haben Sie Tipps, die jeder in seinem Alltag einbauen kann? Jeden Morgen Liegestütze machen oder kalt duschen vielleicht?** Das ist natürlich sehr individuell. Wenn ich einen Vortrag habe, gehe ich am Morgen meistens eine Stunde rennen. Dann bin ich zufrieden und bereit für den Rest des Tages. Aber ich habe keine Routine. Jeder Tag ist anders. Wenn ich als Bergführerin unterwegs bin, muss ich vorher nicht noch joggen gehen. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/89_evelyne-binsack-zvg.jpg) Evelyne Binsack, zvg. **Aber Sie machen jeden Tag Sport?** Ja, Bewegung tut mir gut. > «Wirklich vertrauen kann ich eigentlich nur mir selber.» **Vorsätze zu fassen ist einfach, darum sind Fitnesscenter immer voll zu Beginn des Jahres. Dranbleiben ist schwieriger. Wie gelingt das?** Damit ein Vorsatz funktioniert, muss man sich mit ihm identifizieren können. Die meisten Menschen sind Kopien von irgendetwas und probieren, etwas umzusetzen, was ihnen jemand anderes vorgelebt hat. Sie machen sich kaum Gedanken, wer sie sind und wo sie hinwollen. Ein «Couch Potato», der sich vornimmt, dreimal pro Woche ins Fitnesstraining zu gehen, wird das nur schaffen, wenn er eine Philosophie dazu entwickelt. Er muss ein übergeordnetes Ziel haben. Dreimal in der Woche ins Fitnesscenter zu gehen ist kein Ziel. **Was wäre denn ein Ziel?** Das ist individuell. Vielleicht möchte jemand einen Marathon laufen oder eine Bergtour machen. Das Fitnesstraining kann ein Mittel auf dem Weg zu diesem Ziel sein. Wichtig ist zudem, sich zu fokussieren. **Das heisst?** Jemand, der mit regelmässigem Training beginnen und gleichzeitig mit Rauchen aufhören möchte, wird ziemlich sicher scheitern. Man weiss aus der Willensforschung, dass wir nur einen Vorsatz aufs Mal umsetzen können. **Also lieber kleine Schritte machen und diese dafür konsequent umsetzen.** Wenn ich etwas verändern möchte in meinem Leben, muss ich mit kleinen Schritten beginnen und diese wiederholen, bis sie zur Gewohnheit werden. Willenskraft kann man nicht bis zum Gehtnichtmehr abrufen. Sie ist, wie Resilienz, eine mentale energetische Ressource, also eine Energie, die vom Kopf abgerufen wird. **Fehlt es unserer wohlstandsgesättigten Gesellschaft an Resilienz? Sind wir zu wehleidig?** Ich bin nicht in Wohlstand aufgewachsen. Mein Vater war ein einfacher Arbeiter. Alles, was ich erreichte, habe ich aus eigener Kraft auf die Beine gestellt – natürlich mit Hilfe von anderen. Heute sind die Voraussetzungen vielleicht andere. > «Jemand, der mit regelmässigem Training beginnen und gleichzeitig mit Rauchen aufhören möchte, wird ziemlich sicher scheitern.» **Die Jungen der Generation Z haben den Beinamen «Schneeflocken» erhalten. Viele von ihnen wirken wenig widerstandsfähig und können schlecht mit Kritik umgehen.** Das ist schon so. Ich habe eine Ausbildung gemacht zum Mentaltrainer. Da gab es eine junge Teilnehmerin, die sagte: «Ich nehme schon Kritiken entgegen, aber nur positive.» Eine andere brach den Kurs ab, nachdem sie einmal eine Kritik erhalten hatte. Das fand ich schon interessant bei einem Kurs, in dem es um mentales Training geht. **Sie halten regelmässig Referate und geben auch Workshops für Firmen. Was verbindet den Extremsport mit der Unternehmenswelt?** Etwas, was in beiden Welten wichtig ist, ist Fokus. Man muss auf ein Ziel fokussieren. Ich habe oft erlebt, dass Manager etwa mit Mitte fünfzig zusammengebrochen sind. Das hat meistens damit zu tun, dass sie Anfang des Jahres den Mitarbeitern sagen: Letztes Jahr haben wir 5 Prozent mehr Umsatz gemacht, aber wir dürfen nicht einschlafen – dieses Jahr müssen wir 10 Prozent wachsen! Doch aus meiner Erfahrung als Sportlerin weiss ich: Der Körper kann nicht jedes Jahr 10 Prozent mehr Leistung erbringen. Man muss dann mit anderen Ressourcen arbeiten: zum Beispiel Erfahrung oder einer gewissen Gelassenheit. **Interessant ist ja, dass viele, die als Sportler Erfolge feiern, später auch in der Wirtschaftswelt erfolgreich sind. Man denke an den ehemaligen Axpo-CEO Heinz Karrer, der ein erfolgreicher Handballer war, oder Digitec-Gründer Marcel Dobler, der zweifacher Bob-Schweizer-Meister ist. Ist das Zufall oder gibt es Talente, die einen sowohl sportlich als auch unternehmerisch erfolgreich machen?** Es gibt viele Parallelen. Ein Sportler ist es gewohnt, Durststrecken zu überwinden. Er weiss, wie man Willenskraft aufbaut, denn Willenskraft kann man trainieren, wie man Muskeln trainieren kann. Wichtig ist auch die Arbeit im Team: Auf einer Bergexpedition zeigt sich wahre Führungsstärke. Auch Einzelsportler können Höchstleistungen nur mit Unterstützung von anderen erreichen. **Sie waren unter anderem auch als Helikopterpilotin und Filmemacherin tätig. Sind Sie sehr vielfältig begabt oder ist Ihnen einfach schnell langweilig?** Langweilig war mir nie. Das Leben hat mir immer mal wieder Neues geboten. Was mich auszeichnet, ist die Fähigkeit, das Neue in mein Leben zu integrieren, und die Neugier, Neues zu erforschen und zu entdecken. Man muss bereit sein, Chancen wahrzunehmen, und darf sich nicht zu schade sein, in einem neuen Bereich ein völliger Anfänger zu sein. ### Chancen und Risiken noch sorgfältiger abwägen URL: https://www.schweizermonat.ch/chancen-und-risiken-noch-sorgfaeltiger-abwaegen/ Last updated: 2025-11-19T13:03:21.000Z Das aktuelle Marktumfeld gleicht einem Balanceakt: Geopolitische Spannungen, strukturelle Verschiebungen im Welthandel, unvorhersehbare politische Eingriffe und steigende Staatsschulden schaffen ein Klima der Unsicherheit. Die Anleger reagieren darauf: Der Goldpreis legte innert Jahresfrist um rund 32 Prozent zu, ein deutliches Signal für die gestiegene Nachfrage nach Sicherheit. Gleichzeitig verzeichneten die Aktienmärkte 2025 bislang deutliche Gewinne. Der MSCI World Index legte seit Jahresbeginn rund 15 Prozent zu und erreichte Mitte September ein neues Allzeithoch. Der DAX verzeichnete ebenfalls mehrfach Rekordstände, während der SMI mit einem Allzeithoch im Frühling ein ähnliches, wenn auch etwas zurückhaltenderes Bild zeigt. Analysten schätzen die kurz- und mittelfristigen Renditeerwartungen dieser Indizes als stabil ein. Ein Grund ist, dass die Auswirkungen auf Handel und Wachstum weniger negativ ausfielen als erwartet. Das zeigt, dass gerade ein herausforderndes Marktumfeld attraktive Chancen bieten kann. Selbstverständlich mit inhärenten Risiken. Im Markt für Staatsanleihen bleibt die Lage hingegen komplex. Schulden verschaffen vielen Staaten temporär finanzielle Spielräume für Konsum und Investition. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch eine steigende, potentiell bedrohliche Zinslast, sollte das erwünschte Wirtschaftswachstum ausbleiben. Kritisch wird es vor allem dann, wenn Zinssätze die tatsächlichen Risiken nicht vollständig widerspiegeln und zu übermässiger Schuldenwirtschaft einladen. Die aktuellen Diskussionen um die Leitzinssenkung und den versuchten staatlichen Eingriff in die Entscheidungsfindung in den USA zeigen dies beispielhaft. Die USA treffen zudem regulatorische Vorkehrungen, um über eine erhöhte Nachfrage nach USD-Stablecoins den Dollar zu stärken und dadurch tiefere Schuldzinsen und zusätzlichen Finanzierungsspielraum zu schaffen. > «Kritisch wird es vor allem dann, wenn Zinssätze die tatsächlichen Risiken nicht vollständig widerspiegeln und zu übermässiger Schuldenwirtschaft einladen.» Für die privaten Anleger bedeutet das, dass sie Chancen und Risiken im Verhältnis zur eigenen Risikofähigkeit noch sorgfältiger abwägen müssen als in ruhigen Zeiten. Eine breit diversifizierte Anlagestrategie hilft dabei, Unsicherheiten gezielt zu steuern. Das Umfeld bleibt anspruchsvoll, aber nicht unbeherrschbar. Entscheidend ist, Anlageentscheide nüchtern und unterstützt zu treffen und sie konsequent an einer langfristigen Strategie auszurichten. ### Gefangen im Minus URL: https://www.schweizermonat.ch/gefangen-im-minus/ Last updated: 2025-11-19T12:58:12.000Z «Mit einem Leasingvertrag von Cembra Money Bank fahren Sie Ihr Wunschauto und sparen dabei den hohen Anschaffungspreis», lese ich auf der Webseite. Geld sparen beim Geldausgeben? Ich sehe den 5er BMW Touring – schneeweiss und in der Sonne glänzend – schon vor meinem geistigen Auge. Kostet 80 000 Franken, leicht über meinem Budget. Aber wer will schon klein denken? Ein paar Klicks später erhalte ich das Preisschild meiner automobilen Träume: 2000 Franken jeden Monat, 48 Monate lang, bei einer Anzahlung von 5000 Franken. Das entspricht einem effektiven Zinssatz von knapp 10 Prozent. In Zeiten von Niedrigzinsen ist das eine ganze Menge. Netterweise wird mir noch eine Ratenversicherung angeboten, für den Fall, dass ich die Kreditraten nicht mehr bedienen kann. Weitere 160 Franken pro Monat sollen mich also vor dem Absturz in die Schuldenfalle bewahren. Ich klicke mich weiter durch die Formulare. Bald darauf die Frage: Auf welches Konto dürfen wir Ihnen den Kreditbetrag überweisen? An dieser Stelle verlässt mich der Mut, und ich breche ab. Was bleibt, ist ein Moment der Erleichterung – und die Erkenntnis, wie leicht der Weg in die Schuldenfalle sein kann. ## Crowdlending als Alternative Für viele ist das Minus auf dem Konto kein kurzfristiges Ärgernis mehr, sondern ein Dauerzustand. Denn reicht der Lohn nicht bis Ende Monat, ist der Weg zu Schulden nicht mehr weit. Die Ursachen sind vielfältig – und nur selten ist es der leichtsinnige Konsum, der Menschen in die Schulden treibt. Das mag angesichts der vielen teuren Autos in Städten wie Zürich mit meist jungen Männern am Steuer überraschen. Die viel häufigeren Ursachen von Verschuldung sind jedoch Lebenskrisen, verursacht durch Trennung, Unfall, Arbeitslosigkeit oder Krankheit. > «Nur selten ist es der leichtsinnige Konsum, der Menschen in die Schulden treibt.» Die Schuldenberatung Schweiz berät jährlich über 6200 Personen in allen Landesteilen. Die betroffenen Haushalte stehen im Schnitt mit rund 60 000 Franken in der Kreide. Säumige Zahler scheinen ein sicheres Gespür dafür zu haben, wo es unmittelbar weh tut – zum Beispiel, wenn der Strom abgestellt wird. Offene Zahlungen gegenüber dem Staat werden hingegen zunächst einmal aufgeschoben. Konsumkredite sind in der Schweiz gesetzlich geregelt. Konsumenten sollen so vor Wucherzinsen geschützt werden. Kreditverträge, die den maximal zulässigen Zins von 11 Prozent bei Konsumkrediten (oder 13 Prozent beim Überziehen von Kreditkarten) überschreiten, sind nichtig. Der Schuldner muss in diesen Fällen nur die Kreditsumme zurückzahlen. Das Geschäft ist für Banken und Kleinkreditgeber dennoch lukrativ. Die Zinssätze hängen von der Bonität, Laufzeit und Kredithöhe ab. Als Alternative zum herkömmlichen Geldverleih ist *Crowdlending* beliebt geworden – also die Vergabe und Finanzierung von Krediten über das Internet. Auf Crowdlending-Plattformen wie lend.ch werden Kreditnehmer direkt mit Anlegern zusammengebracht. Die Bank wird ausgeschaltet, wodurch Kreditnehmer tiefere Zinsen und Anleger eine bessere Rendite erhalten. ## Tabuthema Schulden Über Geld spricht man in der Schweiz nicht. Und über Schulden erst recht nicht. Mit Folgen, denn Überschuldung heisst: weniger Chancen auf dem Wohnungsmarkt, Probleme bei der Jobsuche, gesundheitliche Belastungen, familiäre Konflikte. Auch der Staat zahlt doppelt drauf – durch tiefere Einnahmen und höhere Sozialkosten. In der Schweiz sind 2024 rund 3,3 Millionen Betreibungen verzeichnet worden – so viele wie noch nie. Die Zahlungsbefehle nahmen landesweit um 8,5 Prozent zu. Diesen Trend bestätigt Jan Blöchliger, Vorsteher des Betreibungs- und Konkursamts im Kanton Basel-Stadt mit seinen rund 210 000 Einwohnern. 67 000 Betreibungen und 25 000 Verlustscheine hat sein Amt 2024 ausgestellt – Tendenz auch hier steigend. Blöchliger spricht von einem «Massengeschäft». Seit etwa drei Jahren beobachtet er einen starken Anstieg der Betreibungen. «Heute sind wir fast wieder auf einem so hohen Stand wie vor der Pandemie», sagt er. Kommt es im weiteren Verlauf der Betreibung zu einer Pfändung von Schuldnern, ist das für die Betroffenen eine Extremsituation. Gefühlt geht es für die säumigen Zahler um alles – ihr Lebensentwurf steht zur Disposition und kann vom Amt auf Jahre hinweg, teils sogar lebenslänglich, festgelegt werden. Böchliger selbst ist nicht besonders nahe an der Front, wie er sagt – seine Mitarbeiter vom Pfändungsdienst hingegen schon. Immer häufiger kommt es im direkten Kontakt mit Schuldnern zu offenen Anfeindungen oder Drohungen gegenüber Beamten, wenn sich die Wut entlädt. «Unser Personal ist geübt im Umgang mit Einzelschicksalen und kann gut zuhören. Oft machen wir auch eine halbe Schuldenberatung», sagt Blöchliger. Die Zuwanderung macht sich ebenfalls bemerkbar. Immer mehr von Blöchligers Kunden sprechen keine Amtssprache, was zunehmend «herausfordernd» sei. ## Rechtsstaat statt Baseballschläger Viele Überschuldete sind in der Sozialhilfe, leben also bereits am Existenzminimum. Eine Schuldensanierung ist hier nur in seltenen Fällen möglich. Die Zeiten, in denen Pfändungsbeamte sich in Wohnungen umschauten, Fernseher und Möbel abtransportierten, um diese nachher zu verkaufen, sind vorbei. Der Aufwand ist zu gross, der Ertrag zu klein. Stattdessen wird heute der Lohn gepfändet. Häufig müssen sich die Beamten den Vorwurf anhören, sie seien als Geldeintreiber der Gläubiger parteiisch. «Wir sind nicht Partei, sondern eine Art Mittelsmann», entgegnet Blöchlinger. «Ob eine Forderung zu Recht besteht, entscheiden die Gerichte, nicht wir. Ist jedoch eine Forderung rechtens, hat das Betreibungsamt diese zu vollstrecken. In diesem Fall sind wir auf der Seite der Gläubiger.» Das Zusammenleben in einem Rechtsstaat sei darauf ausgelegt, dass Verträge eingehalten werden. Die Alternative seien Geldeintreiber mit Baseballschlägern, wie man sie aus Filmen kenne. Das könne in niemandes Interesse sein. > «Die Zeiten, in denen Pfändungsbeamte sich in Wohnungen umschauten, Fernseher und Möbel abtransportierten, um diese nachher zu verkaufen, sind vorbei. Der Aufwand ist zu gross, der Ertrag zu klein.» Gibt es ein Entkommen aus der Schuldenfalle? Zentral sind die Erstellung eines Budgets und die Prüfung von Unterstützungsmöglichkeiten (zum Beispiel Prämienverbilligungen) . Vor allem aber können zwei Tugenden, die man in der Schweiz nicht unbedingt als typisch bezeichnen kann, vieles verändern: **über Geld reden** – und **früh handeln**. Dadurch steigen die Chancen, wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen. In knapp 10 Prozent der Fälle, die bei der Schuldenberatung eingehen, kann mit der Zustimmung der Mehrheit der Gläubiger ein Sanierungsverfahren eingeleitet werden. Über die langfristigen Erfolgschancen solcher Massnahmen werden keine Daten erhoben. Wer eine solche Sanierung durchzieht, lebt oft drei Jahre lang am Existenzminimum. Keine Ferien, kein Netflix, kein Restaurantbesuch. Es bleibt die Hoffnung, dass, wer das durchhält, dauerhaft «geheilt» ist. Schuldenfreiheit ist danach nicht bloss ein finanzieller Zustand, sondern im Idealfall eine neue Lebenseinstellung. ### Die Wohnungsnot meistert die Schweiz nur, wenn sie endlich Stadtplanung betreibt URL: https://www.schweizermonat.ch/die-wohnungsnot-meistert-die-schweiz-nur-wenn-sie-endlich-stadtplanung-betreibt/ Last updated: 2025-11-24T09:00:49.000Z Der Immobilienmarkt ist aus dem Gleichgewicht. Früher konnten die Gemeinden einer steigenden Nachfrage nach Wohnraum mit Einzonungen von Bauland begegnen. Diese Möglichkeit nahm ihnen das Stimmvolk mit der Revision des Raumplanungsgesetzes ab 2014\. Mittlerweile sind die Baulandreserven in vielen Regionen erschöpft und vorhandene Industriebrachen umgenutzt. Zusätzlicher Wohnraum kann nur in bestehenden und bereits überbauten Bauzonen geschaffen werden. Das ist nicht nur wesentlich komplexer und langwieriger, weil mehr Grundeigentümer beteiligt und mehr Nachbarn tangiert sind. Es geht auch einher mit der Vernichtung von bestehendem, günstigem Wohnraum. Das verkleinerte Angebot kann mit der anhaltend hohen Nachfrage nicht schritthalten. Die Leerwohnungsziffer ist in der Schweiz mittlerweile auf 1 Prozent gesunken und in den grossen Wirtschaftszentren weit darunter – gemäss Definition des Bundesamtes für Statistik bedeutet das: Wohnungsnot. Wie jeder einigermassen funktionierende Markt reagiert auch der Wohnungsmarkt mit Preissteigerungen auf die erhöhte Nachfrage. Verschärft wird dieser Effekt durch Mietpreiskontrollen. Die Mieten von Bestandswohnungen werden künstlich tief gehalten, und das schränkt die notwendige Mieterfluktuation ein. ## Störrische Stimmbürger Eine Vielzahl von Volksinitiativen will etwas tun gegen die akute Wohnungsknappheit, zumeist mit weiteren Markteinschränkungen. Doch in vielen Städten – wie jüngst in Basel – wurde festgestellt, dass diese keine Linderung bringen, sondern eine massive Abnahme der Neubautätigkeit zur Folge haben. Soll der Markt wieder ins Gleichgewicht kommen, muss entweder die Nachfrage zurückgehen oder das Angebot vergrössert werden. Die Nachfrage wird selbst bei einer Annahme der Nachhaltigkeitsinitiative der SVP weiter zunehmen, und zwar um rund eine Million zusätzliche Bewohner bis 2050 und mit weiterem Wachstum danach. Also müssen wir auf der Angebotsseite Voraussetzungen schaffen, dass genügend zusätzliche Wohnungen gebaut werden können. Wollen wir keine zusätzlichen Einzonungen vornehmen, müssen wir im bestehenden Siedlungsgebiet genügend Planungsreserven schaffen. Dass Verdichtung innerhalb des Siedlungsgebietes (im Fachjargon: innere Siedlungsentwicklung) schwierig ist, haben eine Vielzahl vergangener kantonaler und kommunaler Vorlagen gezeigt. Die Idee von höheren Bauten und mehr Menschen pro Quadratmeter finden viele gut. Nur bitte anderswo, nicht da, wo man selbst wohnt. Viele Investoren bauen deshalb nach bestehender Bau- und Zonenordnung und streben keine zusätzliche Nutzung mittels Sondernutzungspläne an. Auch viele Gemeindebehörden meiden das Thema Verdichtung; zu oft haben sie sich dabei schon die Finger verbrannt. Viele Planungen, auch wenn sie sorgfältig vorgenommen wurden, scheitern, nicht primär an ihrer Dimension, sondern an einem grundsätzlichen Unbehagen der Bevölkerung gegenüber einem als übermässig empfundenen Wachstum. Ein Trend, der auch in Abstimmungen über Verkehrsinfrastrukturen zu erkennen ist, zuletzt beim Nein zum Ausbau der Nationalstrassen. > «Viele Planungen, auch wenn sie sorgfältig vorgenommen wurden, scheitern, nicht primär an ihrer Dimension, sondern an einem grundsätzlichen Unbehagen der Bevölkerung gegenüber einem als übermässig empfundenen Wachstum.» ## Verdichtung an zentralen Orten Wie können wir dieses Dilemma überwinden? Zwei aktuelle Studien des Forschungsinstituts Sotomo fördern Erstaunliches zutage. Gemäss [der ersten von Urbanistica initiierten Studie](https://urbanistica.ch/gemeinderanking?ref=schweizermonat.ch) könnte Wohnraum für bis zu zwei Millionen Einwohner durch Verdichtungen geschaffen werden, und das auf lediglich 30 Prozent der bestehenden Siedlungsfläche. Bei 8 Prozent der Bauzonen wäre die Verdichtung substanziell, bei 22 Prozent moderat. Der Studie liegt die Prämisse zugrunde, dass da verdichtet werden soll, wo der Zugang zum öffentlichen Verkehr gut und zugleich die Nutzungsdichte gering ist. Mit anderen Worten: Es soll nicht jedes Einfamilienhausquartier umgepflügt werden, sondern nur die in unmittelbarer Nähe eines gut frequentierten Bahnhofs. Nachhaltige Verdichtung soll primär in Städten, urbanen Agglomerationen und grösseren Regionalzentren erfolgen. [Die zweite Studie](https://www.schweizermonat.ch/content/files/fuerschi-zueri-ch/wp-content/uploads/2025/09/sotomo-wohnraumstudie-zhk-komprimiert.pdf) zeigt, dass Verdichtungen, die durch Ersatzneubauten erfolgen, nicht zwingend zur Verdrängung der ansässigen Bevölkerung führen. Werden substanziell mehr Wohnungen gebaut als abgerissen, mieten Menschen aus dem Quartier oder der näheren Umgebung die Neubauten, die dann wiederum Wohnungen freimachen für Suchende aus dem direkten Umfeld. Die Erkenntnis aus beiden Studien ist, dass vor allem an Orten mit hoher Zentralität verdichtet werden soll. Das Ziel dabei ist, weniger Menschen zu verdrängen, das künftige Verkehrsaufkommen einzudämmen und möglichst wenig vorhandene Bausubstanz zu zerstören. > «Es soll nicht jedes Einfamilienhausquartier umgepflügt werden, sondern nur die in unmittelbarer Nähe eines gut frequentierten Bahnhofs.» Erstaunlich ist, dass Dichte mittlerweile zu einem Unwort geworden ist. Denn die Nachfrage nach Stadtwohnungen ist ungebrochen hoch und steigt laufend. Auch der Städtetourismus erfreut sich grosser Beliebtheit. Schöne Städte werden geliebt, weil ihre öffentlichen Räume, Plätze, Parks, Alleen und Strassen mit Sorgfalt geplant wurden, ihre Häuserfassaden den Raum fassen, ihm Orientierung und Identität geben. Dichte führt zudem zu attraktiven Angeboten an Läden, Dienstleistungen, Kultur, Bildung, medizinischer Versorgung und vielem mehr. ## Zuerst die Stadt planen, dann die Infrastruktur Leider sind die Stadtplanung und der Städtebau in Vergessenheit geraten. Siedlungen haben sich entlang der Verkehrsachsen entwickelt, es entstand vornehmlich Agglomeration. Die Siedlungsplanung reduzierte sich auf die Festlegung monofunktionaler Zonen mit uniformen Ausnützungsziffern, Abstandsvorgaben und Gebäudehöhen. Es braucht darum einen Paradigmenwechsel in der Raumplanung, um Stadt- und Siedlungsplanungen zu finanzieren: Die Stadtplanung muss dem Bau von Verkehrsinfrastrukturen vorangehen. Würde nur ein Bruchteil der rund zwei Milliarden Franken, die der Bund jährlich in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur investiert, für Stadtplanungen in die Regionen fliessen, würde das nicht nur Regionen und Kommunen entlasten. Es könnte auch das Wachstum an Pendler- und Freizeitverkehr und mithin den Bedarf an weiterer Verkehrsinfrastruktur eindämmen. Folgen die Stadtplanungen dem oben beschriebenen strategischen Ansatz, nur an den gut vernetzten Orten zu verdichten, dort aber substanziell, führt das zu beträchtlichen Mehrausnützungen und Mehrwerten. Je höher diese sind, um so grösser ist der Anreiz für die Grundeigentümer, Verdichtungspotenziale zu realisieren oder ihr Objekt zu verkaufen. Das kann in kleinteiligen Eigentümerstrukturen zu Konsolidierungen führen, die parzellenübergreifende Stadtplanungen erst möglich machen. Ein Teil der entstandenen Mehrwerte fliesst so zurück als Mehrwertabgabe und Grundstücksgewinnsteuer an die Gemeinde, die damit Infrastrukturen und Schulräume finanziert oder preisgünstige Wohnungen fördert. > «Die Stadtplanung muss dem Bau von Verkehrsinfrastrukturen vorangehen.» ## Stadtplanung braucht Zeit Als Bauherr würde ich sehr gerne Innenentwicklung mit Qualität und Wirkung betreiben. Doch Stadtplanung, die über Parzellen- und oft auch über Gemeindegrenzen hinausgeht, ist nun mal Staatsaufgabe. Stadtplanungen sollten einem übergeordneten Raumkonzept folgen, das sich aus den vorhandenen Gegebenheiten und einem breit abgestützten Leitbild mit klaren Zielsetzungen ableitet. Voraussetzung dafür ist Gestaltungswille und Leadership seitens der politischen Behörden; nur sie können diesen Prozess initiieren und führen. Viele ernsthaft angegangene und sorgfältig erarbeitete Pläne scheitern in der Gemeindeversammlung oder an der Urne, meist weil es an vorausschauender Kommunikation fehlt. Das ginge besser: Stadtplanungen durchlaufen viele Schritte über Leitbilderarbeitung, Masterpläne, Richtpläne, Projektwettbewerbe bis zu Kadenzen von Nutzungsplanungsrevisionen. Werden diese Schritte kontinuierlich transparent gemacht, erklärt und diskutiert, steigt nicht nur die Qualität der Planung, sondern auch deren Akzeptanz. Die Menschen können den positiven Nutzen erkennen und bei langfristigen, berechenbaren Planungen auch ihre zukünftige Wohnsituation darauf ausrichten. ### Der Föderalismus macht die Schweiz antifragil – doch ausgerechnet die Kantone höhlen ihn aus URL: https://www.schweizermonat.ch/der-foederalismus-macht-die-schweiz-antifragil-doch-ausgerechnet-die-kantone-hoehlen-ihn-aus/ Last updated: 2025-11-18T15:04:36.000Z «Ohne die Bundesgelder hat die Glattalbahn keine Chance!», warnte 2022 Klotens Stadtpräsident, nachdem der Bundesrat kommuniziert hatte, das Projekt nicht mitzufinanzieren. Es ging um die Verlängerung der Tramlinie in Kloten, und mit dem Nein aus Bern hätten der Kanton und die betroffenen Gemeinden allein dafür aufkommen müssen. Besser als am Beispiel der Glattalbahn – «Ja, wir bauen sie, aber nur wenn andere dafür bezahlen» – lassen sich die Fehlanreize solcher Transferzahlungen nicht illustrieren. Die Aussage zeigt, dass die lokale Bevölkerung es nicht als lohnend empfindet, ihre eigenen Steuergelder zu investieren. Dann sollte die Tramlinie nicht realisiert werden, denn ihr Nutzen reicht nicht über die Region hinaus. Niemand in Graubünden oder in Genf profitiert – es gibt also keinen Grund für eine Bundesfinanzierung. Trotzdem bewirkten «beherzte» Interventionen regionaler Politiker eine Kehrtwende. Der Bund sprach 390 Millionen Franken. Die Kantone als Bittsteller und Subventionsempfänger: Das widerspricht der Kernidee des Föderalismus. ## Subsidiarität in der DNA Der Staat ist aus liberaler Sicht das Eingeständnis, dass es Dinge gibt, die eine Gesellschaft kollektiv regeln sollte. Vom mündigen Individuum her denkend, liegt es aber auf der Hand, dass dieses Kollektiv, innerhalb dessen staatliche Leistungen erbracht und Zwangsabgaben erhoben werden, möglichst klein sein sollte: Zuerst die Gemeinde, dann der Kanton, und erst wenn auch dieser eine Aufgabe nicht zweckmässig erfüllen kann, übernimmt der Zentralstaat. Das ist das Subsidiaritätsprinzip. Dieses gehört zur DNA der Schweiz. Sie ist stark föderalistisch und dezentral aufgebaut. Die 26 Kantone und über 2000 Gemeinden finanzieren einen Grossteil ihrer Ausgaben über eigene Steuereinnahmen, über die sie zudem Gestaltungshoheit besitzen. Das schafft Verantwortung in kleinen kollektiven Einheiten (*Dezentralisierung*). Zwar wird die schweizerische Skepsis gegenüber grossen Würfen zuweilen kritisiert. Doch genau diese Skepsis – oder positiver ausgedrückt: der ausgeprägte Glaube an Bottom-up-Prozesse – trägt erheblich zu unserer Stärke beziehungsweise eben Antifragilität bei. Die Kleinteiligkeit und die damit ermöglichte Bürgernähe schaffen eine Unmittelbarkeit von Einnahmen, Ausgaben und Aufgabenerfüllung. Das führt zu einem verantwortlichen und zielgerichteten Umgang mit öffentlichen Geldern. Die Bevölkerung hat dadurch ein Verständnis dafür, dass Geld nicht einfach wie Manna vom Himmel fällt oder von der Nationalbank beliebig gedruckt wird. Sie weiss, dass es tatsächlich ihr Geld ist, das für etwas ausgegeben wird, das sie betrifft (*«Skin in the Game»*). > «Die Kantone als Bittsteller und Subventionsempfänger: Das widerspricht der Kernidee des Föderalismus.» Auf den ersten Blick mag der kleinteilige Föderalismus ineffizient erscheinen: Er ist anfällig für Doppelspurigkeiten oder Kompetenzwirrwarr und hat daher einen hohen Koordinationsbedarf. In der langen Frist verblassen diese Nachteile aber angesichts eines grossen Vorteils: Die Kantone (und Gemeinden) können Dinge im Kleinen testen, andere können aus den Fehlern und Erfolgen ihrer Nachbarn lernen (*«Trial and Error»*). Der föderale Wettbewerb führt dabei immer auch zu einer Disziplinierung des Staates und zur besseren Orientierung an den Bürgerpräferenzen. Einzelne Fehler gefährden nicht gleich das Gesamtsystem, sondern machen es auf die Dauer stärker. Das ist das Labor «Föderalismus» – ein zentraler Baustein der antifragilen Schweiz. ## Zu Bittstellern degradiert Der schweizerische Föderalismus stand im Jahr 2000 vor einigen Herausforderungen. Zwischen den Staatsebenen gab es viele Aufgabenverflechtungen, und fast alle Kantone hatten Gemeindestrukturen aus dem 19\. Jahrhundert. Die 2008 in Kraft getretene Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen (NFA) erhöhte die finanzielle Autonomie der Kantone. Um die politische Mehrheitsfähigkeit nicht zu gefährden, wurden aber bei der Aufgabenentflechtung Kompromisse eingegangen und einige Baustellen blieben unangetastet. Seit 2008 nehmen die Verflechtungen wieder zu. Das Verständnis für die wirklichen Stärken – für die Antifragilität – des schweizerischen Föderalismus bröckelt. Die Bereitschaft, regionale Unterschiede zu akzeptieren, scheint bei vielen Akteuren geringer als auch schon. Symptomatisch dafür sind die häufigen Klagen über den «föderalistischen Flickenteppich». Berichten etwa Medien über kantonale Unterschiede in der Steuerlast, werden diese implizit als unerwünschtes Phänomen statt als Bestandteil eines funktionierenden Föderalismus betrachtet. Vor allem auch seitens der Kantone und Gemeinden mangelt es oft an Verständnis für die wichtigsten föderalen Grundprinzipien: die Subsidiarität und die Kongruenz von Nutzniessern, Entscheidungsträgern und Kostenträgern. Wo auch immer die Kompetenzverteilung einer Aufgabe diskutiert wird, scheint das wichtigste Anliegen der jeweils unteren Staatsebene eher darin zu bestehen, finanziell keine Mehrbelastungen tragen zu müssen. Ein oft gehörtes Argument ist, der Bund müsse dies oder das mitfinanzieren, da die Kantone sich das sonst nicht leisten könnten. Dieses Argument verkennt den Kern des schweizerischen Föderalismus: die Steuerautonomie. Kantonale Budgets sind nicht gottgegeben, sondern lassen sich über die eigene Steuerpolitik beeinflussen. Eigentlich müssten die Kantone froh sein, eine möglichst hohe (Steuer-)Autonomie zu haben. Mit dem beschriebenen Verhalten machen sie sich aber bereitwillig zu Transferempfängern, nur um keine Steuern erhöhen zu müssen. Und eine Stufe darunter – zwischen Gemeinden und Kanton – spielt sich nochmals dasselbe Szenario ab. > «Die Bereitschaft, regionale Unterschiede zu akzeptieren, scheint bei vielen Akteuren geringer als auch schon.» Ein kleinteiliger Föderalismus, der zunehmend zu einem Bittstellerföderalismus wird, könnte von der Stärke zur Schwäche werden und die Schweiz fragil machen. Es bleibt dann immer weniger vom Laborgedanken übrig, gleichzeitig verschlimmern sich die Koordinationsschwierigkeiten zunehmend. ## Dominanz der Partikularinteressen brechen Grundsätzlich sollte dem Prinzip der Subsidiarität und der Kongruenz von Nutzniessern, Entscheidungsträgern und Kostenträgern stärker gefolgt werden. Vor diesem Hintergrund sind folgende Kompetenzverschiebungen anzustreben: 1. **Infrastruktur und Betrieb des öffentlichen Verkehrs:** Verantwortung für den Regionalverkehr in die Hände der Kantone, nur Fernverkehr beim Bund. 2. **Raumplanung:** Abschaffung oder zumindest starke Reduktion der finanziellen Beteiligung des Bundes an den Agglomerationsprogrammen, mit denen er Verkehrsprojekte von Städten und deren Umland fördert. 3. **Soziale Sicherheit:** Krankenkassenprämienverbilligungen in die Hände der Kantone. Entflechtung bei den Ergänzungsleistungen: existenzsichernder Teil, der auf der AHV aufbaut, zum Bund, Pflegeteil zu den Kantonen. 4. **Kinderkrippen:** Verantwortung alleine bei den Kantonen und Gemeinden. Diese konkreten Vorschläge haben angesichts der derzeitigen Bittstellermentalität geringe Chancen auf Umsetzung. Die entscheidende Frage wäre darum eher, wie man es schafft, den Wesenskern des schweizerischen Föderalismus im öffentlichen Bewusstsein wieder stärker zu verankern. Hier über allgemeine Appelle hinauszukommen, ist schwierig. Nicht einfacher durchzusetzen, aber wirkungsvoll könnte eine politische Reform sein, die der Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger einst propagiert hat. Um die Dominanz kantonaler Partikularinteressen im Parlament zu mindern, sollten laut Eichenberger nicht beide Kammern auf kantonaler Ebene gewählt werden. Bisher fühlten sich sowohl Stände- als auch Nationalräte in erster Linie verpflichtet, die Interessen ihres Wahlkreises, also des Kantons, zu vertreten. Ständeräte haben offiziell diese Funktion und daran soll auch nicht gerüttelt werden. Dass hingegen kantonale Interessen auch in der grossen Kammer oft dominant in Erscheinung treten, ist nicht nötig. Die Nationalräte sollten der Logik nach national oder zumindest überkantonal gewählt werden. Es klingt zwar vorderhand widersprüchlich, aber die Stärkung dieses nationalen Elements könnte letztlich den Föderalismus – und damit die Antifragilität des Schweizer Systems – stärken. *Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch «Antifragile Schweiz – 17 Strategien für eine Welt der Unordnung», herausgegeben von Avenir Suisse (Versus-Verlag, 2025).* ### «Asien lebt heute jene Werte, die Europa einst erfolgreich gemacht haben» URL: https://www.schweizermonat.ch/asien-lebt-heute-jene-werte-die-europa-einst-erfolgreich-gemacht-haben/ Last updated: 2025-11-27T15:42:52.000Z **Philipp Rösler, Sie waren von 2011 bis 2013 deutscher Wirtschaftsminister. Würden Sie mit der aktuellen Amtsinhaberin Katharina Reiche tauschen wollen?** Nein. Allein schon deswegen nicht, weil das Ressort verkleinert wurde *(schmunzelt).* Im Ernst: Sie hat keine leichte Aufgabe. Die Rahmenbedingungen sind jetzt ganz anders als zu meiner Zeit. **Die deutsche Wirtschaft, lange die Lokomotive Europas, kommt nur noch im Kriechgang voran. Was ist passiert?** Die deutsche Wirtschaft war so lange eine Lokomotive, wie sie reformfähig war. Der Letzte, der wirklich grosse Reformen umgesetzt hat, war Gerhard Schröder. Davon haben viele Generationen von Politikern gelebt – auch in meiner Regierungszeit, das muss ich ehrlicherweise zugeben. Man hat es versäumt, weitere Reformen umzusetzen, um das Land den veränderten globalen Gegebenheiten anzupassen. **Wie müsste sich Deutschland denn konkret anpassen?** Deutschland sollte sich nicht nur anpassen, sondern eine Führungsrolle einnehmen. Die Amerikaner ziehen sich von der Idee des freien Welthandels zurück – obwohl man weiss, dass der Welthandel viele Menschen aus der Armut befreit und weltweit Wohlstand geschaffen hat. Nun braucht es jemanden, der Führung übernimmt und einsteht für offene Märkte, freien Handel und fairen Wettbewerb. Das könnte die Europäische Union sein, und innerhalb der EU Deutschland, Frankreich und andere. **Sie erwähnten, dass auch Sie keine grossen Reformen geschafft hätten. Warum nicht?** Wir haben durchaus Reformen angestossen. Nehmen wir zum Beispiel die Energiewende, die nicht abgeschlossen werden konnte. Die Weichen sind zu oft geändert worden, sodass die Wirtschaft gar nicht Zeit hatte, sich den neuen Gesetzgebungen anzupassen. Man hat entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen, später auch aus der Braunkohle und Steinkohle. Man versäumte es aber, synchron dazu erneuerbare Energien, Gaskraftwerke und vor allem Stromnetze auszubauen. Das führte zu den Schwierigkeiten, vor denen meine Nachfolgerin nun steht. **Ist das Problem nicht ein grundsätzlicheres? Die Ampelregierung ist gescheitert, die aktuelle grosse Koalition ist schon nach wenigen Monaten in der Krise; beide Koalitionspartner Union und SPD wurden in Umfragen von der AfD überholt. Kann Deutschland überhaupt noch stabile Regierungen bilden?** Von einer Krise würde ich noch nicht sprechen. Ich plädiere stets dafür, nicht den Umfragen hinterherzulaufen, sondern das zu tun, was richtig und notwendig ist. Gerade zu Beginn einer Legislatur ist es nicht Aufgabe einer Regierung, gute Umfragewerte zu haben. Im Gegenteil: Wenn sie es richtig macht, dann setzt sie Reformen um – das ist am Anfang immer schmerzhaft. Im Falle der aktuellen Regierung sind die Umfragen allerdings schlecht, *obwohl* sie keine grossen Reformen angestossen hat. Sie ist unpopulär, weil in den Augen der Bürger gerade nichts passiert. **Warum passiert nichts?** Die Koalition ist vor allem deswegen zustande gekommen ist, weil es keine anderen Mehrheiten gab. Sie hat keine gemeinsame Grundhaltung, sie stützt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Und der ist dann eben zu klein für ein so grosses Land wie Deutschland. > «Gerade zu Beginn einer Legislatur ist es nicht Aufgabe einer Regierung, gute Umfragewerte zu haben.» **Wäre es nicht an der Zeit, dass man die AfD in die Verantwortung – sprich Regierungsverantwortung – nimmt?** Wie gesagt: Eine Koalition zu bilden, macht nur Sinn, wenn einen mehr verbindet als nur, dass man zusammen auf eine Mehrheit kommt. Es braucht inhaltliche Übereinstimmung und den Willen, zusammen etwas umzusetzen. Mit der AfD kann man relativ wenig gemeinsam umsetzen. Die Partei fällt im parlamentarischen Alltag vor allem dadurch auf, dass sie Dinge blockiert. Es wäre an der Zeit, die AfD in die Schranken zu weisen – nicht durch blosse Rhetorik, sondern durch die Taten einer Regierung, die sich zusammenrauft und sagt: zuerst das Land, dann erst die Partei und am Ende die Person. Diese Reihenfolge galt früher mal. Jetzt sehe ich davon nicht viel. **Sie galten als Wunderkind der FDP, traten aber relativ früh von der politischen Bühne ab. Gibt es Momente, in denen Sie ein Comeback reizen würde?** «Abgetreten» ist nett ausgedrückt – ich bin gefeuert worden von den Wählerinnen und Wählern. Das muss ich akzeptieren. Ich bleibe ein politischer Mensch, aber die aktive Parteipolitik ist vorbei. **Was ist das Wichtigste, das Sie in Ihrer Amtszeit gelernt haben?** Meine wichtigste Lektion war, dass man auf seinen inneren Kompass hören muss und nicht auf das, was in den Medien geschrieben und kommentiert wird. Diese Unabhängigkeit hat man in der aktiven Politik nicht. Die meisten Politiker orientieren sich stärker daran, was kurzfristig gut ankommt, als daran, was richtig und notwendig ist. Das war auch bei mir so. **Ist das auch das Problem der FDP, die ja kürzlich wieder aus dem Bundestag geflogen ist?** Ich kann nur wiedergeben, was die FDP-eigene Friedrich-Naumann-Stiftung in einer Studie festgestellt hat, nämlich dass 2017 viele Wählerinnen und Wähler sagten: Es braucht eine liberale Partei. Diese Wählerinnen und Wähler wurden enttäuscht, weil die FDP nicht in eine Koalition mit der Union und den Grünen eingetreten ist, obwohl man eine Mehrheit gehabt hätte. > «Meine wichtigste Lektion war, dass man auf seinen inneren Kompass hören muss und nicht auf das, was in den Medien geschrieben und kommentiert wird.» **War das ein Fehler?** Zumindest führte es dazu, dass viele Wähler, welche 2017 noch die FDP gewählt hatten, vier Jahre später der Urne fernblieben. Die Partei wurde von anderen gewählt: von Wählern, die unzufrieden mit der Coronapolitik oder mit den anderen Parteien waren, aber nicht unbedingt von jenen, die eine liberale Partei haben wollten. Diese Wähler waren dann von der Regierung enttäuscht. **Richten wir den Blick über Deutschland hinaus: Ist der Liberalismus in einer Krise?** Die liberale Idee war es einst, auf eine starke Gesellschaft zu setzen statt auf einen starken Staat. Nun haben die vielen Krisen in den letzten Jahren – Finanzkrise, Eurokrise, Corona – dazu geführt, dass der Staat eine dominante Rolle eingenommen hat. Es war ein Stück weit süsses Gift: Taucht nun ein Problem auf, rufen alle nach dem Staat. Der soll dann das Problem lösen. **Sie leben seit elf Jahren in der Schweiz. Warum?** Zunächst aus beruflichen Gründen. Nachdem mich das deutsche Volk entlassen hatte, wurde ich Geschäftsführer des Weltwirtschaftsforums in Genf. Da ich aber aus Norddeutschland komme und das Französische für uns nicht so eingängig ist, entschied ich mich, mit meiner Familie in die Deutschschweiz zu ziehen, wo ich eine kleine Beratungsfirma führe. Wir fühlen uns sehr wohl. In der Schweiz ist der freisinnige Gedanke stärker als in Deutschland. **Woran stellt man das fest?** Wir haben es zum Beispiel in der Coronakrise feststellen können. Bei der Balance zwischen Freiheit und Sicherheit hat sich die Schweiz öfters für Selbstbestimmung und Freiheit entschieden und gegen das Versprechen einer absoluten Sicherheit. Während die Deutschen eher Gesslers Hut grüssen würden, werfen ihn die Schweizer runter vom Pfahl. **Sollte die Schweiz die neuen Verträge mit der EU annehmen?** Unabhängigkeit ist schön. Aber manchmal bedeutet Unabhängigkeit auch, dass man ziemlich alleine ist. Ob man es sich als Land mit knapp 9 Millionen Einwohnern leisten kann, in der heutigen Welt ohne Freunde und ohne Verbündete zu sein, lasse ich einmal offen. Gute Beziehungen zur EU liegen im Interesse der Schweiz. Alleine, glaube ich, wird die Schweiz nicht durchkommen. Man sieht das ja bei den Zöllen der USA. **Sollte sich die Schweiz gerade in Zeiten, wo neue Zollschranken seitens der USA aufgestellt werden, nicht stärker nach Asien orientieren?** Auf jeden Fall. Das grösste Freihandelsabkommen der Welt ist die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), die China, die ASEAN-Staaten, Japan, Südkorea, Neuseeland und Australien umfasst. Die Einzigen, die fehlen, sind Europa und die USA. Ich bin sehr oft in Asien und sehe die Dynamik, die Wirtschaftskraft, die Neugierde, die Schaffenskraft. Viele asiatische Nationen leben heute genau jene Werte, die Europa einst erfolgreich und wohlhabend gemacht haben und die uns heute oft fehlen. **Die Schweiz hat als erstes kontinentaleuropäisches Land ein Freihandelsabkommen mit China abgeschlossen. Der wirtschaftliche Austausch ist aber nicht ohne Reibungen. Kritik gab es etwa an Übernahmen von Schweizer Firmen durch chinesische Staatsunternehmen. Auch die Menschenrechtslage gibt immer wieder zu reden. Was ist der richtige Umgang mit China?** Liberale halten die Menschenrechte natürlich hoch. Doch Aussenpolitik sollte auf die Interessen des eigenen Landes fokussieren. Eine «wertegeleitete Aussenpolitik», wie sie sich die Ampelregierung auf die Fahne geschrieben hatte, ist romantisch, naiv, aber total unehrlich. Als Robert Habeck vor dem Emir von Katar den Hofknicks machen musste, um Gas zu bekommen, war es nicht mehr so weit her mit den Werten … Die Frage, ob ein Land wirtschaftlich erfolgreich und entsprechend ein attraktiver Handelspartner ist, hat nichts damit zu tun, ob es eine Demokratie ist oder ein Einparteiensystem. > «Während die Deutschen eher Gesslers Hut grüssen würden, werfen ihn die Schweizer runter vom Pfahl.» **Na ja, ob ein Land, das die Freiheiten seiner Bürger einschränkt, langfristig Erfolg hat, ist fraglich.** Entscheidend sind starke Institutionen. Natürlich: Wenn eine Regierung gesellschaftliche Freiheiten zulässt, schafft sie mehr Raum für Kreativität, neue Ideen und Innovationen. Aber wollen wir warten, bis China irgendwann mal sein politisches System ändert, bevor wir Handel treiben? **Sie sind im Verwaltungsrat von Bitcoin Suisse. Welches Potenzial sehen Sie in Kryptowährungen?** Weltweit scheinen Schulden derzeit stark en vogue zu sein. Wie werden die Staaten diese Schulden wieder los? Im Grunde gibt es nur drei Wege: Erstens durch Wachstum – danach sieht es aktuell nicht aus. Zweitens über höhere Steuern – das geht aber wieder auf Kosten von Wachstum. Oder drittens über Inflation. Zentralbanken heissen Zentralbanken, weil sie zentral sind und am Ende politisch reguliert – trotz ihrer deklarierten Unabhängigkeit. Um die Bürger vor der Inflation zu schützen, ist es nicht schlecht, eine dezentrale Alternative wie Bitcoin oder Ethereum zu haben, die unabhängig von der Politik ist. ### «Ich will nicht die Welt retten – ich will meine Familie retten» URL: https://www.schweizermonat.ch/ich-will-nicht-die-welt-retten-ich-will-meine-familie-retten-2/ Last updated: 2025-11-24T09:10:04.000Z Lea [aquí](https://www.schweizermonat.ch/no-quiero-salvar-el-mundo-quiero-salvar-a-mi-familia-2/) la versión en Español. Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/i-dont-want-to-save-the-world-i-want-to-save-my-family-2/). *Ministeriale Allüren sind Federico Sturzenegger fremd. Nach unserem Gespräch fragt ein Mitarbeiter des Hotels den argentinischen Deregulierungsminister, ob er wünsche, dass ihn die Polizei am nächsten Morgen am Flughafen an der Sicherheitskontrolle vorbeischleuse. Sturzenegger lehnt höflich, aber bestimmt ab. «Ich ziehe es vor, wie ein normaler Bürger zu reisen.» Untergebracht wurde er, auf Einladung des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP), im Hotel Baur au Lac in Zürich, wo das Gespräch geführt wurde. Er habe etwa 300 Projekte in der Pipeline, erzählt Sturzenegger beiläufig, der sich als «Katalysator» sieht: «Normalerweise sind Minister so absorbiert mit der täglichen Arbeit, dass sie nicht dazukommen, die nötigen Reformen anzupacken.» Hier komme er ins Spiel.* **Herr Sturzenegger, an der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben Sie der Direktorin Kristalina Georgiewa einen Kettensäge-Pin geschenkt. Trägt sie diesen?** Nun, was ich mit Sicherheit weiss, ist, dass sie mit den Sparmassnahmen und dem daraus resultierenden Haushaltsüberschuss sehr zufrieden ist. Ebenfalls ist sie der Ansicht, dass Deregulierung ein wichtiger Teil künftiger IWF-Programme sein soll. Sie hat dazu eine Kommission ins Leben gerufen, der ich ebenfalls angehöre. Übrigens hat mich Bundesrat Guy Parmelin bei unserem letzten Treffen mit einem Kettensäge-Pin begrüsst, den ich ihm früher einmal gegeben hatte. Ich werte das als Zeichen des Respekts und der Bereitschaft, sich mit den Details zu befassen. **Welche konkreten Errungenschaften können Sie vorweisen?** Die Beseitigung des Haushaltsdefizits in Rekordzeit. Dieses war das Kernproblem Argentiniens. Wir haben ein Defizit von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geerbt. Wir waren in einem Programm des IWF, das eine Reduktion des Defizits um 1 Prozent pro Jahr vorsah. Javier sagte, er wolle das Defizit nicht in fünf Jahren in einen Überschuss verwandeln – sondern in einem Monat! Es handelt sich um den ersten ausgeglichenen Haushalt in 123 Jahren. Das hat unsere Glaubwürdigkeit beim IWF gestärkt. Als wir dieses Jahr den Wechselkurs gelockert haben – wir nähern uns langsam einem flexiblen Wechselkurssystem an –, hat uns der IWF zusätzliche Unterstützung zugesichert. **Was haben Sie sonst noch erreicht?** Dank der neugewonnenen finanzpolitischen Stabilität konnten wir endlich aufhören, Geld zu drucken. Das brachte die Inflation runter. Wir haben von der Vorgängerregierung eine Inflation von 25 Prozent geerbt – pro Monat! Zu Spitzenzeiten waren es gar 1,5 Prozent pro Tag. Im Moment bewegen wir uns in einer Grössenordnung von 1,5 bis 2 Prozent pro Monat. **Wie gross ist die internationale Unterstützung für Mileis Agenda?** Er erhält viel Zuspruch. Javier ist ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Freiheit und vertritt starke, dezidierte Ansichten. Er erntet für seinen klaren Kurs Respekt, teils auch aus kritischen, etatistischen oder interventionistisch veranlagten Kreisen. **Die Mercosur-Staaten, zu denen Argentinien gehört, haben diesen Herbst ein Freihandelsabkommen mit der EFTA unterzeichnet.** Ja. Und der Mercosur ist sehr nahe dran an einem Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union. Ein solches wird seit 25 Jahren diskutiert. Das wäre ein wichtiger Schritt. **Wie hoch ist Argentinien verschuldet?** Die Gesamtverschuldung beträgt rund 45 Prozent des BIP. Unsere Verschuldung ist so tief, weil uns niemand Geld leihen will. Wir sind historisch schlechte Schuldner *(lacht)*. **In den USA hat Elon Musk Reformen angegangen, die von Ihnen und Milei inspiriert waren. Warum hatte er keinen Erfolg?** Musk war sich der Notwendigkeit von Deregulierung sehr bewusst. Er hat den Staat aber nie als Vehikel der Deregulierung gesehen. Javier setzte sowohl auf Deregulierung als auch auf den Umbau des Staats, während Musk sich mehr um letzteren gekümmert hat. Es gibt weitere Unterschiede. **Welche?** Ich habe mein Deregulierungsprogramm bereits zwei Jahre vor Javiers Amtsantritt formuliert. Mit einem Team von rund 100 Leuten nahm ich alle 4200 Gesetze und 2000 internationalen Abkommen unter die Lupe. Nach einem Jahr hatten wir einen Papierstapel mit Gesetzen, die wir abschaffen wollten, und einen weiteren Stapel mit Gesetzen, zu denen wir konkrete Verbesserungsideen hatten. Im Unterschied zu Musk haben wir die Arbeit bereits vor Amtsantritt gemacht. > «Unsere Verschuldung ist so tief, weil uns niemand Geld leihen will.» **Wie viele der Gesetze, die Sie abschaffen wollten, haben Sie tatsächlich beseitigt?** Ein Viertel. Für eine Regierung, die im Parlament keine Mehrheit hat, ist das schlicht fantastisch. **Milei hat die Ausgaben der Regierung um rund 30 Prozent gesenkt. Die Schweizer Regierung hat bereits Mühe, das Wachstum der Ausgaben zu verlangsamen. Was kann die Schweiz von Argentinien lernen?** Absolut rein gar nichts. Argentinien ist der schlechteste Schüler der Klasse – wir haben seit zwanzig Jahren unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um anderen Ratschläge zu erteilen. **Dann fragen wir umgekehrt: Was kann Argentinien von der Schweiz lernen?** Alles. *(Seufzt)* Sie müssen eines verstehen: In Argentinien hat es Tradition, dass die Regierung den Staat benutzt, um politische Kumpane oder sogar Fake-Ministerien zu finanzieren. Diese haben Freunde der Regierung beschäftigt – die kassierten einen Lohn, verrichteten aber keinerlei Arbeit. Die Ineffizienz des Staates ist überhaupt nicht vergleichbar mit der Schweiz. Die Peronisten haben den Staat in eine korrupte Maschine verwandelt. Javier will diesen in die Luft sprengen. **Welches ist das häufigste Missverständnis über Argentinien?** Es gilt als anerkannte Wahrheit, dass Sparprogramme schlecht für die Wirtschaft sind. Das ist völlig falsch! Als wir die Staatsausgaben um 30 Prozent senkten, hiess es, wir würden die Wirtschaft in eine Rezession stürzen. Das Gegenteil ist passiert! Hohe Staatsausgaben bedeuten hohe Steuern. Wenn der Staat spart, muss er die Leute weniger besteuern. Das setzt Ressourcen für die Leute frei. Für Menschen, die an die Idee der Freiheit glauben, ist das nichts Neues. Vielleicht versteht dies niemand so gut wie die finanzpolitisch verantwortungsvollen Schweizer. Politisch hiess es, Javier würde einen solchen Kahlschlag nicht überleben. Doch die Leute sind glücklich, dass sie nicht mehr für all den Mist bezahlen müssen. Javier sagte mir manchmal, dass er mich gerne «Minister des Glücks» nennen möchte, wäre der Name nicht bereits durch ein gleichnamiges Ministerium von Nicolas Maduro (Anm.: Präsident von Venezuela) vorbelastet. Tatsache ist: Die Menschen empfinden Freude, wenn man sie von Regulierungen, Verpflichtungen und Bürokratie befreit. > «Es gilt als anerkannte Wahrheit, dass Sparprogramme schlecht für die Wirtschaft sind. Das ist völlig falsch! Als wir die Staatsausgaben um 30 Prozent senkten, hiess es, wir würden die Wirtschaft in eine Rezession stürzen. Das Gegenteil ist passiert!» **Auf welche Leistungen sind Sie besonders stolz?** Wir haben alle Einschränkungen auf dem Mietmarkt beseitigt – zum Beispiel die Mietpreisbindung. Stattdessen setzten wir auf völlige Freiheit. Das erzielte eine erstaunliche angebotsseitige Wirkung. Das Wohnangebot schoss um 300 Prozent nach oben, die exorbitanten Preise kollabierten. Es war ein durchschlagender Erfolg. **Haben Sie weitere Beispiele?** Als Javier übernahm, war Satelliteninternet verboten. Doch warum sollte das verboten sein, insbesondere in einem so grossen Land wie Argentinien? Der Grund ist, dass eines der grössten Medienkonglomerate auch der grösste Internetanbieter ist: Diese Leute haben die Regierung zum Verbot überredet, um sich vor Konkurrenz zu schützen. Zugleich hat die Vorgängerregierung einen Staatsbetrieb gegründet, um im ganzen Land Glasfaserinternet zu verlegen. Javier strich das Gesetz, und am nächsten Tag lag ein Angebot von Starlink auf dem Tisch. Seither haben Hunderttausende Familien, teils in sehr abgelegenen Regionen, Zugang zum Internet. Und was hat das die Regierung gekostet? Nichts! Lassen wir einfach den Markt seine Arbeit tun. Ich könnte Ihnen unzählige solche Absurditäten aufzählen. Deregulieren ist wie das Schälen einer Zwiebel. Man entfernt Schicht für Schicht, und am Schluss weint man nur noch. Die grösste Gefahr für den Wettbewerb ist, wenn die Regierung zur Beute von Partikularinteressen wird. **Welche Reformen werden Sie als Nächstes anpacken?** Die Arbeitsmarktreform. Kernelement ist, dass Vereinbarungen auf Unternehmensebene gegenüber nationalen Abkommen Vorrang erhalten sollen. Firmen sollen flexibler agieren können. Das wird sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken. **Viele Beschlüsse wurden durch präsidentielle Verfügungen oder Notfallverordnungen vollzogen. Warum haben Sie nicht den demokratischen Weg durch das Parlament gewählt?** Alles, was wir tun, geschieht innerhalb des verfassungsrechtlichen Rahmens. Javier hat eine schrecklich instabile Situation geerbt. Es brauchte ein starkes Signal, dass sich Wesentliches verändern würde. Wenn Sie gegen Vetternwirtschaft und den Status quo antreten, brauchen Sie auch ein Überraschungsmoment. Die Verfügungen haben uns erlaubt, rasch weite Teile der Wirtschaft zu deregulieren. Später haben wir einen kombinierten, grossen Gesetzesentwurf ins Parlament gebracht, der während sieben Monaten diskutiert wurde. Wir haben also von verschiedenen Instrumenten Gebrauch gemacht. **Warum tun Sie sich das eigentlich alles an?** Javier ist ein Freiheitskämpfer. Er will zeigen, dass sich freiheitliche Ideen letztlich durchsetzen. Und ich bin damit völlig einverstanden. Dennoch ist mir ein anderer Punkt noch wichtiger. In den zehn Jahren vor Javier Milei haben 2 von 47 Millionen Menschen Argentinien verlassen, weil sie keine Zukunft für sich sahen. Die Kinder der Armen, der Mittelklasse, der Reichen – sie alle haben das Land verlassen … **… auch in Ihrer Familie?** Ja. Wir haben alle Verwandte und Freunde ans Ausland verloren. Meine Kinder sind jetzt 15, 19 und 20 Jahre alt. Wissen Sie, warum ich das alles mache? Nicht weil ich die Welt oder freiheitliche Ideen retten will. Ich will meine Familie retten! Wenn sich das Land nicht drastisch verändert, werden wir im Alter unsere Kinder und Enkel nur noch per Videocall zu Gesicht bekommen. ### Die Herrschaft der Beleidigten bedroht den Humanismus URL: https://www.schweizermonat.ch/die-herrschaft-der-beleidigten-bedroht-den-humanismus/ Last updated: 2025-11-18T14:57:54.000Z Dass sich Menschen beleidigt fühlen, ist kein Phänomen unserer Zeit. Ebenso wenig ist es leider ein Phänomen unserer Zeit, dass Menschen in böswilliger Absicht andere verbal verletzen. Eine relativ junge Erscheinung ist jedoch, dass Teile der Gesellschaft ein Recht beanspruchen, sich nicht beleidigt fühlen zu müssen. Das klingt harmlos, verständlich sogar – wer ist schon gerne beleidigt? Tatsächlich aber ist diese Tendenz gefährlich für die freiheitliche Demokratie, für die Debattenkultur und für das soziale Miteinander. Oft sind es einzelne Begriffe, an denen sich hitzige Debatten entzünden, die nicht selten auf informelle Denk- und Sprechverbote abzielen. Die Debatte um das traditionelle Schaumgebäck «Mohrenkopf» illustriert das Problem. Politisch gewichtige Kräfte vertreten die Meinung, dass die traditionelle Bezeichnung der Süssspeise von dunkelhäutigen Menschen als abwertend oder gar rassistisch verstanden werden könnte. Dabei wird nicht danach gefragt, ob die Produzenten und Konsumenten des «Mohrenkopfs» diese Bezeichnung in hämischer oder rassistischer Absicht verwenden. Intention und Semantik sind zweitrangig – allein die Möglichkeit, jemand könnte sich beleidigt fühlen, genügt, um alle a priori zu verurteilen, die den Begriff weiterhin gebrauchen. Das hat im Diskurs um politische Korrektheit Methode: Nicht mehr die Verständigung mit dem Gegenüber ist das Ziel, sondern die wirkungsmächtige Verurteilung. Aus den USA sind zwei Begriffe bekannt, die dieses Phänomen charakterisieren. «Snowflake mentality» bringt die Tendenz zur Dünnhäutigkeit und zum Beleidigtsein zum Ausdruck. «Cancel culture» meint die aggressiven Folgen dieser Mentalität des Beleidigtseins, die auf die Unterdrückung von Meinungen, Begriffen oder kulturellen Werken zielt, denen ein beleidigender Impetus zugeschrieben wird. ## Rassistische Weihnachtsfigur? Der Beispiele für diese Kultur des Beleidigtseins sind viele. So ist es heute undenkbar geworden, an der Krippenspieltradition festzuhalten, einen der Heiligen Drei Könige schwarz zu schminken. Begründet wird dies mit den spöttisch-rassistischen «Blackfacing»-Auftritten von Weissen in den amerikanischen Minstrel-Shows des 19\. Jahrhunderts. Es wird aber nicht danach gefragt, ob mit den Krippenspielen die Herabwürdigung von Menschen anderer Hautfarbe in der Tradition dieser Shows beabsichtigt wird. Denn das ist gar nicht der Fall, im Gegenteil: Die Einbindung dunkelhäutiger Personen soll die universelle Botschaft des Christentums vermitteln, dass vor Gott alle Menschen gleich seien und Jesus nicht zur Erlösung eines auserwählten Volkes, sondern aller Menschen geboren sei. > «Nicht mehr die Verständigung mit dem Gegenüber ist das Ziel, sondern die wirkungsmächtige Verurteilung.» Das und nichts anderes hat der Zürcher Dichterkomponist Paul Burkhard gemeint, als er in seiner «Zäller Wiehnacht» (1960) den Weisen Melchior sagen liess: «Au für eus rabeschwarzi Mohre \[…\] Au für eus wird de Heiland gebore.» Mehr Egalitarismus, Inklusion und Antirassismus geht nicht. Doch in der Kultur des Beleidigtseins interessiert das nicht: Allein die Reizworte «Negerlüüt» und «Mohre» genügen, um das Zitat gegen den Strich zu lesen und als rassistische Abwertung zu missinterpretieren. 2020 musste in Ulm die Figur des dunkelhäutigen Königs einer Weihnachtskrippe aus der Kirche entfernt werden, weil sie angeblich rassistische Stereotype bediente. Dass ausgerechnet diejenigen Kreise, die Inklusion und Sichtbarkeit von Minderheiten befördern möchten, für das Verschwinden Dunkelhäutiger aus der Weihnachtsgeschichte votieren, entbehrt nicht der Ironie. Ein ähnlich absurder Fall ereignete sich bei einer Schweizer Theatergruppe, die Ernst Lubitschs antifaschistische Komödie «Sein oder nicht sein» auf die Bühne brachte. In der Geschichte wird die menschenverachtende Grausamkeit der NS-Herrschaft gegeisselt und die universelle Menschenwürde durch den Fokus der Handlung auf ein ethnisch durchmischtes Theaterensemble im Polen der frühen 1940er-Jahre hervorgehoben. Die von der lokalen Landeskirche unterstützte Theatergruppe stellte auf ihrem Plakat dar, wie der verzerrte dunkle Schatten eines Hakenkreuzes auf den Boden der Theaterbühne fällt. Allein die Verwendung dieses Symbols echauffierte einige Mitglieder der Kirchgemeinde derart, dass sie sich beschwerten und umgehend aus der Landeskirche austraten. Solche Vorfälle könnten sich häufen, wenn NS-Symbole in der Schweiz demnächst verboten werden – selbst wenn ihre Verwendung in wissenschaftlichen oder künstlerischen Kontexten und in Stellungnahmen gegen den Faschismus (wie bei der besagten Theatergruppe) erlaubt bleiben sollte. ## Verurteilen statt verstehen In all diesen Beispielen liegt das Kernproblem darin, dass nicht nach den Intentionen und dem Sinngehalt des Absenders gefragt wird, sondern dieser aufgrund triggernder Worte, Symbole oder Meinungsäusserungen unreflektiert verurteilt wird. In einer gesunden Debattenkultur wäre es das Ziel aller am Diskurs Beteiligten, die Positionen des Gegenübers – auch wenn sie zunächst beleidigend erscheinen mögen – möglichst umfassend zu verstehen und ihnen gegebenenfalls argumentativ entgegenzutreten. Diese hermeneutische Grundeinstellung erodiert immer mehr, wie die obigen Beispiele illustrieren. Auch das humanistische Menschenbild, demgemäss dem Gegenüber auf Augenhöhe und mit Respekt für seine Erfahrungen, Haltungen, Äusserungen zu begegnen ist, leidet unter der Ausbreitung der Kultur des Beleidigtseins. Viele, die sich als «politisch korrekt» oder «woke» verstehen, dürften die edelsten Absichten für ein respektvolles Miteinander verfolgen. Sie erreichen mit ihrem oft aggressiven Furor gegen Andersdenkende aber just das Gegenteil: den Zerfall einer respektvollen Debattenkultur. > «Dass ausgerechnet diejenigen Kreise, die Inklusion und Sichtbarkeit von Minderheiten befördern möchten, für das Verschwinden Dunkelhäutiger aus der Weihnachtsgeschichte votieren, entbehrt nicht der Ironie.» Die Tendenz hat noch weitreichendere Folgen für die Demokratie. Neben informellen Denk- und Sprechverboten werden in vielen Staaten zunehmend rechtliche Einschränkungen der Meinungsäusserungsfreiheit kodifiziert, mit dem Ziel, Menschen vor vermeintlichen oder tatsächlichen Beleidigungen zu schützen. So wurde in Zürich kürzlich ein Mann wegen Zitierens aus der Bibel verurteilt. Er hatte am Hauptbahnhof öffentlich Zitate vorgelesen, die sich gegen Homosexualität richten. Fraglos kann man solche Zitate als beleidigend auffassen. Dass jedoch die Strafjustiz hier gegen die freie Meinungsäusserung zu Felde zieht, ist bedenklich. In Deutschland häufen sich Fälle, in denen die Justiz gnadenlos gegen kritische oder satirische Äusserungen vorgeht. Für Schlagzeilen sorgte etwa der Fall eines Rentners, der 2024 den damaligen grünen Wirtschaftsminister Habeck als «Schwachkopf» bezeichnete und hierfür verurteilt wurde. Die damalige SPD-Innenministerin Nancy Faeser ging repressiv gegen den Journalisten David Bendels vor, der die Politikerin in einem Meme mit dem Schriftzug «Ich hasse die Meinungsfreiheit» dargestellt hatte. Die Ironie dieses Vorfalls ist kaum zu übersehen. Wie weit die Justiz in ihrer Rechtsauslegung inzwischen geht, zeigt der Fall des Journalisten Julian Reichelt, der verurteilt wurde, weil er eine Person «falsch gegendert» habe. Das Problem ist hier: Meinungsfreiheit kann eingeschränkt nicht existieren – entweder gilt sie uneingeschränkt oder sie gilt gar nicht. Da die Meinungsäusserungsfreiheit die Basis eines offenen Diskurses und der freiheitlich-demokratischen Ordnung ist, wird diese durch die «Einschränkungen» unmittelbar beschädigt und gefährdet. In einer freiheitlichen Demokratie dürfen niemals Menschen wegen unliebsamen Meinungen juristisch verfolgt werden – auch dann nicht, wenn diese Meinungsäusserungen von jemandem als beleidigend wahrgenommen werden. Wer gegen Beleidigungen oder demokratiegefährdendes Gedankengut antreten will, darf selbst den Pfad der freiheitlich-demokratischen Ordnung nicht verlassen und keinesfalls zu totalitär anmutenden Repressalien gegen Andersdenkende greifen. Das Recht auf Meinungsfreiheit ist wichtiger als das heute postulierte Anspruchsrecht darauf, sich nicht beleidigt fühlen zu müssen. Wir sollten erstens lernen, das Gegenüber zu verstehen, statt es a priori zu verurteilen. Wir sollten zweitens dem Gegenüber mit humanistischem Respekt begegnen. Wir sollten drittens das fundamentale Grundrecht auf Meinungsfreiheit schützen. Mit diesen drei Haltungen können wir die gefährliche Kultur des Beleidigtseins überwinden. ### Will die Schweiz weniger Zuwanderung, muss sie produktiver werden URL: https://www.schweizermonat.ch/will-die-schweiz-weniger-zuwanderung-muss-sie-produktiver-werden/ Last updated: 2025-11-27T15:41:35.000Z Seit Jahren debattiert die Schweiz über das Verhältnis mit der Europäischen Union und vor allem die Personenfreizügigkeit. Aus gesellschaftlicher und staatspolitischer Sicht kann man darüber mit nachvollziehbaren Gründen unterschiedlicher Meinung sein. Allerdings hört man immer wieder irritierende Aussagen, dass die Europäische Union wirtschaftlich im Niedergang sei und die Schweiz deutlich besser dastehe. Es stimmt zwar, dass die Schweiz pro Kopf und kaufkraftbereinigt eine über fünfzig Prozent höhere Wirtschaftsleistung erzielt. Vor einigen Jahrzehnten war der Abstand aber noch deutlich grösser. Gemäss der Long Term Productivity Database hat das Schweizer Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit 1980 nur um rund vierzig Prozent zugelegt (siehe Grafik). In den Ländern, die heute zum Euroraum gehören, lag das Wachstum bei etwa achtzig Prozent und in den Vereinigten Staaten sogar bei mehr als hundert Prozent. Vor der Jahrtausendwende, also vor Einführung der Personenfreizügigkeit, war das Wachstum der Schweizer Wirtschaft besonders bescheiden. Je nach Datenquelle und Zeitpunkt von Datenrevisionen können diese Wachstumsraten etwas variieren, das Muster bleibt aber gleich. ## Vor allem grosse EU-Länder haben Schwierigkeiten Woher aber kommt der Eindruck eines Europas im Niedergang? Es stimmt, dass einige Länder gegenwärtig schwächeln. Deutschland leidet unter hausgemachten Strukturproblemen wie einer zu grossen Bürokratie und einer schlechten Infrastruktur. Auch andere grosse Länder wie Frankreich und Italien kämpfen schon länger mit einer Wachstumsflaute, die auf ähnliche Fehler zurückzuführen ist. In der Schweiz vergleichen wir uns oft mit diesen grossen direkten Nachbarländern und ihren Problemen. Allerdings gibt es in der Europäischen Union auch mittelgrosse Länder, die der Schweiz ähnlich sind – etwa Dänemark, Schweden, Finnland, Österreich, die Niederlande oder Belgien. Diese haben sich (vielleicht mit Ausnahme Österreichs) solide und teilweise besser als die Schweiz entwickelt. Zusammen mit der Schweiz zählen sie üblicherweise auch zu den besonders innovativen Ländern. Was man bei uns zudem oft vergisst, ist das regelrechte Wirtschaftswunder in den mittel- und osteuropäischen Ländern, aus denen Polen oder die baltischen Länder besonders hervorstechen. Besorgniserregend ist, dass das Wachstum der Schweizer Wirtschaft pro Kopf trotz besserer Rahmenbedingungen nicht höher ist, und das schon seit einigen Jahrzehnten und ohne eindeutigen Zusammenhang mit der Personenfreizügigkeit. (Wenn, dann hat sich die Schweizer Wirtschaft seit Einführung der Personenfreizügigkeit eher besser entwickelt – zumindest, wenn man die makroökonomischen Daten betrachtet.) ## Die Zuwanderung ist auch hausgemacht Eine berechtigte Frage ist zweifelsfrei, ob die Personenfreizügigkeit und die derzeit hohe Zuwanderung in die Schweiz gesellschaftlich zu verdauen seien. Die hohe Zuwanderung ist einerseits auf die innovativen Unternehmen in den exportorientierten Sektoren zurückzuführen. Sie ist aber teilweise auch hausgemacht. So haben die Stimmbürger vergangenes Jahr beschlossen, eine 13\. AHV-Rente einzuführen und das ordentliche Rentenalter bei 65 Jahren zu belassen. Dafür mag es gute Gründe geben. Aber es ist klar, dass diese Entscheidungen den Zuwanderungsdruck anheizen, da die Zahl der erwerbstätigen Personen beschränkt wird. Es gibt auch einen indirekten Effekt über die Finanzierung. Die AHV steht gegenwärtig auch dank der Zuwanderung finanziell besser da als in der Vergangenheit befürchtet. Die höheren Rentenleistungen können in der Zukunft leichter über eine hohe Zuwanderung finanziert werden und machen so die Immigration in den Arbeitsmarkt indirekt wünschenswerter. Auch in anderen Bereichen haben wir politisch beschlossen, den Zuwanderungsdruck indirekt zu erhöhen. So ist die Beschäftigung in der öffentlichen Verwaltung deutlich gestiegen. Spitalschliessungen stossen immer wieder auf vehementen Widerstand – die Spitaldichte der Schweiz ist nach wie vor hoch, was den Arbeitskräftebedarf erhöht. Auch für diese Entwicklungen gibt es jeweils nachvollziehbare Gründe. Doch es besteht kein Zweifel, dass die Schweizerinnen und Schweizer damit auch eine hohe Zuwanderung in Kauf nehmen. Das wiederum legt den – etwas provokativ formulierten – Schluss nahe, dass die Bevölkerung trotz häufiger Klagen über die Zuwanderung am Ende eigentlich ganz zufrieden damit ist. Die Zuwanderung liesse sich zumindest etwas verringern, wenn das Produktivitätswachstum – gemessen als reales Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde – steigen würde. Dabei könnten wir erst noch unseren Wohlstand vermehren. Besonders in den vergangenen Jahren wurde das Produktivitätswachstum der Schweizer Wirtschaft stark durch die Pharmabranche getrieben, während die Zuwächse in vielen übrigen Branchen oft nur moderat waren. Ein Gedankenexperiment verdeutlicht, wie sehr das bisher schwache Produktivitätswachstum (wenn auch von einem hohen Niveau aus) den Bedarf an Arbeitskräften erhöht hat. Seit 1980 war das Produktivitätswachstum in der Schweiz gering. Wäre nun die Produktivität in der Schweiz seit 1980 in jedem Jahr lediglich um 0,1 Prozentpunkt stärker gewachsen, bräuchten wir heute rund 250 000 Vollzeitstellen weniger, um das gleiche Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Mit etwas mehr Produktivitätswachstum könnten wir uns also Zuwanderung oder eigene Arbeitsstunden sparen. Wichtig ist zu betonen, dass diese Produktivitätsgewinne nicht durch mehr Stress und eine Verdichtung der Arbeit erzielt werden sollten, sondern etwa durch eine bessere Organisation und den zielgerichteten Einsatz neuer Technologien. > «Die Bevölkerung ist trotz häufiger Klagen über die Zuwanderung am Ende eigentlich ganz zufrieden damit.» Die intensive Diskussion über die Personenfreizügigkeit und das Verhältnis zur Europäischen Union verschleiert, dass das Produktivitäts- und Pro-Kopf-Wachstum der Schweizer Wirtschaft schon seit langem nur moderat ist. Die hohe Zuwanderung wird gegenwärtig etwas gar leichtfertig für alle möglichen Probleme wie hohe Wohnkosten oder überfüllte Züge verantwortlich gemacht. Wir sollten uns mehr an der eigenen Nase nehmen. ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/71.jpg) Die Schweizer Wirtschaft zeigt sich zwar immer wieder sehr resilient, gerade auch während Krisen wie der Finanzkrise oder der Pandemie. Die wirtschaftliche Dynamik wurde in den vergangenen Jahren aber massgeblich durch die Pharmabranche getrieben und ist sonst nur moderat. Für diese tragende Branche könnten angesichts der US-amerikanischen Politik mit sinkenden Medikamentenpreisen und weniger Importen aus der Schweiz härtere Zeiten anbrechen. Das Erfolgsmodell Schweiz ist nicht in Stein gemeisselt. Betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung pro Kopf, steckt die Schweiz im Umfeld einer schwächelnden Weltwirtschaft und nun auch noch hoher Zölle bereits in einer Stagnation. Das wirtschaftliche und politische Erfolgsmodell Schweiz kann nur fortbestehen, solange wir wohlhabender sind als die meisten anderen Länder. Unabhängig von der Debatte um die Zuwanderung sollten wir uns mehr Gedanken darüber machen, wie wir die Produktivität erhöhen und eine drohende Stagnationsphase vermeiden können. ### Das Ende der Illusion URL: https://www.schweizermonat.ch/das-ende-der-illusion/ Last updated: 2025-11-19T12:44:23.000Z In einem Marktumfeld, das von Rekordschulden, anhaltendem Inflationsdruck und geopolitischer Instabilität geprägt ist, verliert das Fiatgeldsystem unaufhaltsam an Substanz. Anleger müssen sich von der Illusion der Sicherheit verabschieden. Selbst der robuste Schweizer Franken hat über die letzten zwanzig Jahre kumuliert rund 15 Prozent seiner Kaufkraft eingebüsst. Beim Euro ist es ein Drittel. Beim Dollar noch mehr. Der Blick auf den nominalen Ertrag, den Zins auf dem Papier, ist eine gefährliche Selbsttäuschung. Denn entscheidend ist der reale Ertrag, also das, was nach Abzug der Inflation übrigbleibt. Festverzinsliche Anleihen mögen Stabilität suggerieren, doch real erodiert das Vermögen. Sie sind nicht Absicherung, sondern Teil des Problems: Sie finanzieren auch ein System, das Kapital systematisch entwertet. Die logische Konsequenz führt zum einzig wirklich knappen Gut der digitalen Ära: Bitcoin. Besonders in Phasen des Vertrauensverlustes in Banken und Währungen, wie während der US-Bankenkrise 2023, zeigt Bitcoin seine Stärke. Während traditionelle Institute ins Wanken gerieten, legte er zu. Damit beweist Bitcoin, dass er mehr als Spekulation ist: Er ist die Antwort auf die fiskalische Verantwortungslosigkeit von Staaten und Zentralbanken. Seine Konstruktion macht ihn einzigartig. Mit einer fixen Obergrenze von 21 Millionen Einheiten ist Bitcoin das knappste Asset der Geschichte. Keine Instanz kann die Geldmenge ausweiten oder die Spielregeln nachträglich verändern. «Code is Law» heisst das Prinzip: unbestechliche Regeln statt eines politischen Opportunismus. > «Bitcoin ist die Antwort auf die fiskalische Verantwortungslosigkeit von Staaten und Zentralbanken.» Im Gegensatz zu Gold, dessen Knappheit durch höhere Anstrengung zur Förderung relativiert wird, ist die Rarität von Bitcoin absolut. Dezentralität, Integrität, Unveränderlichkeit und grenzenlose Portabilität werden in einer Form kombiniert, die es bisher nicht gab. In einer zunehmend digitalen und vernetzten Welt ist Bitcoin damit der überlegene Wertspeicher. Er ist nicht bloss eine Anlagealternative, sondern die notwendige Spartechnologie des 21\. Jahrhunderts, ein monetärer Schutzschild, gegründet auf Mathematik statt auf politischen Versprechen. Bitcoin ist die Absicherung gegen die systemische Entwertung des Geldes. Wer nüchtern rechnet, kommt an ihm als langfristigem Wertspeicher kaum vorbei. ### Um widerstandsfähig zu sein, müssen wir uns von der Angst befreien URL: https://www.schweizermonat.ch/um-widerstandsfaehig-zu-sein-muessen-wir-uns-von-der-angst-befreien/ Last updated: 2025-11-24T09:07:23.000Z Read the english version [here](https://www.schweizermonat.ch/to-be-resilient-we-must-free-ourselves-from-fear/). Die Covid-19-Pandemie war mehr als eine Gesundheitskrise. Sie war ein Stresstest für die Widerstandsfähigkeit unserer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Systeme in einem Ausmass, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorkam. Sie hat tiefgreifende Schwächen in unserer Vorbereitung offengelegt, zugleich aber auch neue Wege zur Stärkung der Resilienz aufgezeigt. Das verdeutlicht die Wichtigkeit eines gekoppelten Systemansatzes: Resilienz lässt sich weder verstehen noch fördern, wenn man sie isoliert betrachtet. Sie entsteht nur im Bewusstsein der engen Verbindung zwischen der Gesundheit des Menschen und der Gesundheit der Ökosysteme der Erde. Zugleich zeigte die weltweite Reaktion auf Krisen aller Art ein Paradox. Politische Eliten und mediale Akteure sichern ihre Autorität oft, indem sie Angst schüren, vor Pandemien, Finanzkrisen, untragbarer Verschuldung, Russland oder China, vor dem Klimawandel. Angst ist sowohl Herrschaftsinstrument als auch Handelsgut in der Aufmerksamkeit sökonomie geworden. Resilienz verlangt jedoch das Gegenteil: besonnenes, kritisches Denken, langfristige Verantwortung und die Befähigung des Einzelnen, informierte Entscheidungen zu treffen. Dieser Essay untersucht die Spannung zwischen diesen beiden Kräften – Resilienz und Angstmacherei – und zeigt Wege auf, sie miteinander zu versöhnen. ## Systeme und Individuen Resilienz lässt sich definieren als die Fähigkeit eines Systems, Schocks zu absorbieren, sich anzupassen und unter Stress und Unsicherheit funktionsfähig zu bleiben. Im öffentlichen Diskurs wird Resilienz meist auf Systemebene diskutiert: widerstandsfähige Gesundheitssysteme, Volkswirtschaften, Gesellschaften. Diese Sicht fokussiert auf Governance, Risikomanagement und institutionelle Kapazitäten. > «Resilienz lässt sich weder verstehen noch fördern, wenn man sie isoliert betrachtet. Sie entsteht nur im Bewusstsein der engen Verbindung zwischen der Gesundheit des Menschen und der Gesundheit der Ökosysteme der Erde.» Die Erfahrung der Covid-19-Pandemie offenbarte jedoch einen blinden Fleck. Systeme bestehen aus Individuen, und die Widerstandsfähigkeit des Ganzen hängt von der Widerstandsfähigkeit seiner Teile ab. Auf individueller Ebene bedeutet Resilienz die Fähigkeit, Schocks zu verkraften, mit Belastungen umzugehen und handlungsfähig zu bleiben. Während der Pandemie zeigte sich dies biologisch in der Stärke und Anpassungsfähigkeit der Immunsysteme. Menschen mit robuster Immunregulation und guter Stoffwechselgesundheit, oft das Ergebnis der Lebensweise und von Umweltfaktoren, erholten sich besser; wer an chronischen Entzündungen, Adipositas oder Diabetes litt, schlechter. Entsprechendes gilt für natürliche und soziale Systeme. Überleben beruht nicht auf maximaler Effizienz, sondern auf Pufferzonen, Redundanz und Anpassungsfähigkeit. Auf gesellschaftlicher Ebene entsteht Resilienz durch vielfältige, dezentral verteilte Fähigkeiten, durch eine gut ausgebaute öffentliche Gesundheitsinfrastruktur, fiskalische Vorsicht, soziales Vertrauen und transparente Kommunikation. Sie lässt sich messen an Erholungszeiten nach Schocks, an der Vielfalt kritischer Lieferketten oder am Mass sozialer Ungleichheit und institutioneller Flexibilität. Resilienz ist jedoch nicht gratis. Der Aufbau von Puffern und Redundanzen steht oft im Widerspruch zu kurzfristiger Effizienz oder unbegrenzter individueller Freiheit. Die Pandemie hat diese Spannung sichtbar gemacht: Auf Effizienz getrimmte Volkswirtschaften erwiesen sich als brüchig, während Gesellschaften, die in Prävention, Anpassungsfähigkeit und Vertrauen investiert hatten, besser durch die Krise kamen. Diese Einsicht lenkt den Blick auf die individuelle Resilienz – körperlich, psychisch und sozial. Starke Körper und klare Köpfe sind die Basis widerstandsfähiger Gemeinschaften. Wer gesünder lebt, sich ausgewogen ernährt und psychisch stabil bleibt, verringert nicht nur die eigene Verwundbarkeit, sondern auch die kollektive Abhängigkeit von knappen öffentlichen Ressourcen. Eine Gesellschaft aus resilienten Individuen ist selbst widerstandsfähiger. ## Der Verfall der Resilienz in modernen Gesellschaften In den letzten fünfzig Jahren haben ausgerechnet jene Kräfte, die den modernen Fortschritt ermöglichten – Industrialisierung, Globalisierung, Digitalisierung und Effizienzstreben –, uns zugleich anfälliger gemacht. Die industrielle Landwirtschaft und die Massenverarbeitung von Lebensmitteln haben die Erträge gesteigert und den Nahrungsmittelkonsum bequemer gemacht, zugleich aber Böden ausgelaugt, Nährstoffdichte verringert und Ernährungsgewohnheiten mit hochverarbeiteten Produkten, Zucker, Saatölen und Zusatzstoffen überschwemmt. Chemische Innovationen brachten Kunststoffe, Pestizide und synthetische Substanzen in nahezu jeden Lebensbereich, von Verpackungen bis zum Trinkwasser, und führten zu chronischen Niedrigdosisbelastungen, die Hormon- und Immunsysteme stören. Urbanisierung und motorisierter Verkehr reduzierten die alltägliche Bewegung, während Bildschirmarbeit und digitale Unterhaltung Vereinsamung förderten. Gleichzeitig hat die Architektur der globalen Wirtschaft mit Lieferketten, Just-in-Time-Produktion und Finanzialisierung die Effizienz auf Kosten von Redundanz und lokaler Selbstständigkeit optimiert. Technologische Hyperkonnektivität verstärkt Informationsüberflutung, sozialen Vergleich und Angst. Depressionen nehmen zu, ebenso der Konsum psychotroper Medikamente. Zusammengenommen haben diese Entwicklungen die individuelle wie kollektive Resilienz geschwächt: biologisch durch ein geschwächtes Immunsystem, psychologisch durch Stress und Entfremdung, sozial durch den Verlust an Redundanz, Autonomie und Vertrauen. Kurz gesagt: Die Medizin hat die Lebenserwartung erhöht. Der Preis des modernen Lebensstils ist jedoch eine sinkende durchschnittliche Widerstandsfähigkeit. Unsere Immunsysteme sind weniger robust, unsere psychische Gesundheit ist labiler geworden und wir sind stärker von externen Eingriffen, von Medikamenten, Krankenhäusern und Regierungen abhängig. Das verdeutlicht die Dringlichkeit eines gekoppelten Systemansatzes. Die Gesundheit des Menschen ist untrennbar mit der Gesundheit seiner Umwelt verbunden. Saubere Luft, sauberes Wasser und nährstoffreiche Nahrung sind keine Luxusgüter, sondern Voraussetzungen für eine resiliente Gesellschaft. ## Initiative für Mensch, Umwelt und Gesundheit Ich schlage eine Initiative für Mensch, Umwelt und Gesundheit vor, ein Super-Apollo-Projekt, das einige Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Jahr mobilisiert, um die Umwelt zu regenerieren und die menschliche Widerstandsfähigkeit wiederherzustellen. Die Finanzierung muss nicht über neue Steuern erfolgen, sondern durch Umlenkung bestehender Mittel, die heute Nachhaltigkeit untergraben. Weltweit geben Regierungen über fünf Billionen Dollar pro Jahr für umweltschädliche Subventionen aus: für fossile Brennstoffe, chemieintensive Landwirtschaft und Ressourcenverschwendung. Schon eine teilweise Umwidmung dieser Summen in regenerative Landwirtschaft, Renaturierung, Schadstoffbeseitigung und Präventionsmedizin würde langfristig grosse Erträge bringen. Ergänzende Mittel können aus öffentlich-privaten Fonds, gezielten Abgaben auf Kohlenstoff und Schadstoffe oder ergebnisbasierten Finanzinstrumenten stammen, die nachweisbare Umwelt- und Gesundheitsgewinne belohnen. Die Steuerung sollte nicht zentralistisch oder technokratisch erfolgen, sondern liberal, transparent und dezentral. Die Initiative setzt übergeordnete, messbare Ziele, etwa geringere Schadstoffbelastung, wiederhergestellte Biodiversität und bessere Bevölkerungsgesundheit, und ermöglicht zugleich Ländern, Regionen und Städten, eigenständig zu innovieren. Unabhängige Monitoringstellen und offene Datenplattformen überwachen Fortschritte, sichern Rechenschaft und ermöglichen es Bürgern, Forschern und Investoren, die Ergebnisse zu bewerten. Erfolg wird nicht allein am BIP-Wachstum gemessen, sondern auch an Resilienzindikatoren wie der Vitalität der Ökosysteme, der Krankheitslast und der Erholungszeit nach Schocks. > «Saubere Luft, sauberes Wasser und nährstoffreiche Nahrung sind keine Luxusgüter, sondern Voraussetzungen für eine resiliente Gesellschaft.» Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat gezeigt, dass lokale Gemeinschaften gemeinsame Ressourcen oft besser verwalten als zentralisierte Behörden oder reine Marktmechanismen. Sie identifizierte Gestaltungsprinzipien, die das ermöglichen: klare Grenzen, partizipative Regelsetzung, lokale Überwachung, abgestufte Sanktionen, Konfliktlösung und verschachtelte Governance vom Lokalen bis zum Globalen. Aufbauend auf Ostroms Erkenntnissen würde die Initiative ein polyzentrisches Governancemodell annehmen, in dem selbstorganisierte Gemeinden, Städte und Institutionen gemeinsame Ziele verfolgen, aber lokale Autonomie bewahren. Regeln und Anreize werden gemeinsam von den Betroffenen gestaltet, wodurch Legitimität und Akzeptanz steigen. Transparente, gemeinschaftsbasierte Überwachung, die wissenschaftlich gestützt und datenoffen ist, ersetzt hierarchische Kontrolle. Höhere Ebenen koordinieren und fördern, statt zu befehlen. Diese von Ostrom inspirierte Architektur macht den Aufbau von Resilienz zugleich adaptiv und demokratisch. Sie ist ein Open-Source-Modell gemeinschaftlicher Fürsorge, das das gedeihliche Zusammenwirken von Menschheit und Biosphäre fördert. Das Ziel ist zweifach: 1. **Die Entgiftung der Umwelt**, um Ökosysteme wiederherzustellen, die das menschliche Wohlbefinden tragen. 2. **Die Entgiftung von Körper und Geist** durch Stärkung des Immunsystems mittels Aufklärung, Änderung des Lebensstils und einer Medizin, die den Menschen als ganzheitliches System begreift. Dieses Verständnis verbindet traditionelle ökologische Einsicht mit moderner Systemwissenschaft. Resilienz entsteht aus Rückkopplungen zwischen Individuen, Gesellschaften und ihrer Umwelt. ## Individuelle Verantwortung und Bildung Ein zweiter Pfeiler der Resilienz ist Eigenverantwortung. Westliche Demokratien haben eine Kultur der Abhängigkeit hervorgebracht, in der Bürger erwarten, dass der Staat sie vor allem bewahrt, und ihn beschuldigen, wenn Krisen eintreten. Resilienz lässt sich jedoch nicht delegieren. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für die eigene Gesundheit und Lebensführung. Das erfordert breit angelegte Bildungsprogramme zu Ernährung, Bewegung und kritischem Denken sowie einen kulturellen Wandel. Der Mensch ist Teil komplexer ökologischer Systeme, nicht ausserhalb von ihnen. Bildung sollte früh beginnen und die Verbindung zwischen persönlicher Gesundheit, gesellschaftlichem Wohlergehen und ökologischer Nachhaltigkeit betonen. Technologie kann dabei eine Unterstützung sein, etwa durch Apps, Gamification oder digitale Coaching-Netzwerke. Der tiefere Wandel ist jedoch psychologisch: weg von passiver Abhängigkeit, hin zu aktiver Selbstverantwortung. ## Das Paradox von Angst und Governance Hier liegt das Paradox. Resilienz verlangt Besonnenheit, Verantwortlichkeit und Faktenorientierung. Zeitgenössische Politik und Medien leben hingegen von Angst. Die Finanzkrise 2008 wurde als drohender Systemkollaps beschrieben; Staatsschulden wurden als Untergang des Wohlfahrtsstaates dargestellt. Pandemien erzeugten Panikwellen, geopolitische Spannungen wurden zu nahenden Kriegen erklärt, der Klimawandel zum Weltuntergangsszenario. Warum dieses Muster? Angst erfüllt Funktionen. Für Medienunternehmen ist sie ein lukratives Produkt. Schlagzeilen, die Schrecken verbreiten, bringen Klicks, Reichweite und Werbeeinnahmen. Für Politiker ist Angst ein Schutzschild. Sie erlaubt, Verantwortung für Fehlentscheidungen oder Korruption auf äussere Bedrohungen abzuwälzen und aussergewöhnliche Massnahmen zu rechtfertigen – von Finanzhilfen bis zur Überwachung –, oft ohne breite demokratische Debatte. Das Resultat ist eine Gesellschaft in Dauerangst. Die Bürger werden mit Warnungen und Katastrophenbildern überflutet; für nüchterne Analyse bleibt wenig Raum. In einem solchen Klima wird der Aufbau individueller Resilienz untergraben. Angst zerstört Vertrauen, verengt die Aufmerksamkeit und lähmt die Eigenverantwortung – genau jene Eigenschaften, die Resilienz ausmachen. Wie lässt sich also der Ruf nach individueller Resilienz mit einer Gesellschaft vereinbaren, die von Angst getrieben ist? Mehrere Schritte sind notwendig: 1. **Medienkompetenz fördern.** Menschen müssen lernen, Angstmacherei zu erkennen und zwischen faktenbasierter Information und Manipulation zu unterscheiden. Bildungssysteme sollten nicht nur Wissen über Gesundheit und Ernährung vermitteln, sondern auch kritisches Denken über Medien und Informationsökosysteme fördern. 2. **Narrative neu rahmen.** Führungskräfte und Kommunikatoren sollten Erzählungen der Angst durch Erzählungen der Selbstwirksamkeit ersetzen. Krisen sind keine Schicksalsschläge, sondern Herausforderungen, die durch Kooperation, Innovation und Resilienz gemeistert werden können. Sie sollten nicht als Untergangsszenarien, sondern als Gelegenheiten zum Fortschritt gesehen werden. 3. **Basisbewegungen stärken.** Da systemische Reformen langsam verlaufen und Eliten oft vom Status quo profitieren, muss Resilienz von unten wachsen. Gemeinschaften (Nachbarschaften, Schulen, lokale Gruppen und Online-Netzwerke) können resilientes Verhalten vorleben und positive Nachahmungseffekte erzeugen. 4. **Verantwortung in Institutionen verankern.** Politische und ökonomische Anreizsysteme können individuelles und kollektives Verhalten aufeinander abstimmen, indem sie Verantwortung belohnen und Nachlässigkeit bestrafen. Ein überzeugendes Vorbild hierfür ist das Versicherungsmodell: Es koppelt Risikoprofile an Kosten und internalisiert somit die Folgen des eigenen Verhaltens. Wer raucht oder seine Gesundheit vernachlässigt, zahlt mehr, wer gesund lebt, weniger. Dieses Prinzip lässt sich über Krankenversicherungen hinaus anwenden. In der Umweltpolitik erfüllen CO2– und Verschmutzungsabgaben eine ähnliche Funktion, indem sie jene belohnen, die in saubere Technologien, regenerative Landwirtschaft oder Kreislaufwirtschaft investieren, und jene belasten, die Umweltschäden verursachen. Auf diese Weise kann individuelle Resilienz mit der Angstökonomie koexistieren und diese allmählich überwinden. Wer Verantwortung für die eigene Gesundheit und seine Entscheidungen übernimmt, wird weniger anfällig für Schocks und für manipulative Narrative. > «Angst zerstört Vertrauen, verengt die Aufmerksamkeit und lähmt die Eigenverantwortung – genau jene Eigenschaften, die Resilienz ausmachen.» ## Eine stille Revolution Resilienz ist mehr als ein technischer Begriff des Risikomanagements. Sie ist eine umfassende Vision dafür, wie Individuen, Gesellschaften und Ökosysteme Belastungen standhalten können. Sie verlangt, Umwelt und Körper zu heilen, Verantwortung zu verankern und sich von Angst zu befreien. Eliten und Medien werden weiterhin mit Alarmismus operieren, weil Angst Macht und Profit bringt. Wahre Resilienz ist jedoch biologisch, ökologisch, kulturell und geistig zugleich. Sie entsteht aus Bildung, Selbstbestimmung und Gemeinschaft. Wenn Menschen diese Aufgabe annehmen, sich bilden, einander stärken und sich wieder in gesunde Ökosysteme einbetten, kann daraus eine stille Revolution entstehen. Von unten her kann sich Resilienz ausbreiten und Gesellschaften hervorbringen, die weniger von Angst abhängig sind und besser gerüstet sind, den unvermeidlichen Krisen der Zukunft zu begegnen. ### Wenn die Politiker abtauchen, hinterlassen sie den Bürgern einen Scherbenhaufen URL: https://www.schweizermonat.ch/wenn-die-politiker-abtauchen-hinterlassen-sie-den-buergern-einen-scherbenhaufen/ Last updated: 2025-11-19T23:34:55.000Z **«Alles Fiatgeld ist ein Versprechen, einen Kredit zurückzuzahlen, der durch einen Vermögenswert gedeckt ist, der von Anfang an gar nicht existierte. Das alles ist Betrug. Es ist alles ein Schwindel und ein riesiges Pyramidensystem.»** **Knut Svanholm in «Bitcoin: Everything Divided by 21 Million»** — **Imperien scheitern immer gleich:** am eigenen Grössenwahn. Zuerst kommt die militärische Überdehnung, also der Glaube, die Sicherheit in aller Welt gewähren zu können. Weil das nicht zu finanzieren ist, folgen die Abwertung der eigenen Währung und eine Schuldenspirale. So zerfiel das Römische Reich, so verarmte Spanien im 17\. Jahrhundert und so verlor Grossbritannien im 20\. Jahrhundert sein Weltreich. Aktuell befinden sich die USA im lärmigen Niedergang; China dagegen wartet still auf den Wiederaufstieg. Viele fragen schon länger nicht mehr, ob die Weltmacht wechselt, sondern wann. **Der Anfang des Niedergangs der USA** war die finale Aufgabe des durch Gold gedeckten Geldes 1971\. Auf [wtfhappenedin1971.com](https://wtfhappenedin1971.com/?ref=schweizermonat.ch) kann man sich in vielen Grafiken anschauen, wie vielfältig sich die von Präsident Richard Nixon verkündigte Aufgabe des harten Geldes langfristig auswirkte: Preise und Schulden explodieren seither, viele weitere Indikatoren reagieren darauf. Die aktuelle Immobilien- und Börsenhausse etwa hat wenig zu tun mit schöneren Häusern oder produktiveren Firmen, aber viel mit schlechtem Geld, das die Leute dringend loswerden möchten. **Während man vor einigen Jahren in Europa** noch an eine Einhaltung der Maastrichtkriterien glaubte, an Sparen in guten Zeiten und an ausgeglichene Budgets, so ist das heute fast nur noch in der Schweiz realistisch – den Schweizer Bürgern sei Dank, die ihre Politiker mit der Schuldenbremse in Schach halten. Ansonsten hat man sich an den Gedanken gewöhnt, dass die Schulden nie zurückgezahlt werden und die Bürger halt über Inflation enteignet werden. Frankreich beispielsweise schreibt seit 1975 jedes Jahr ein Haushaltsdefizit. **Seit 2009, als Reaktion auf die Finanzkrise**, steht mit Bitcoin für alle auf der Welt ein Ausweg aus der Enteignung durch die Staatsgewalt parat. Genutzt wird dieser Ausweg bisher kaum; viele von denen, die Immobilien und Aktien besitzen, halten sich für unverwundbar und haben wenig Lust, Neues zu lernen. Doch nimmt die Schuldenspirale Fahrt auf, kann es schnell gehen, und die Preise auf der rettenden Insel werden teuer. **Das Dossierthema dieses Hefts ist Resilienz**, und das werden Sie in den nächsten zehn Jahren brauchen. Denn es wird aufregend, wenn die verantwortlichen Politiker abtauchen und den Bürgern einen Scherbenhaufen hinterlassen. Eigenverantwortung wird dann plötzlich von einer etwas abgenutzten Moralparole zur neuen Realität. **Das ist die letzte Ausgabe, die ich als Chefredaktor verantworte:** Ab 2026 übernehmen Giuseppe Gracia als Herausgeber und Lukas Leuzinger als Redaktionsleiter. Eine gute Wahl! Bleiben Sie dem «Schweizer Monat» bitte gewogen: Er ist eine einzigartige Institution. ### Lea Ypi erzählt die Geschichte ihrer Grossmutter – und überschreitet dabei die Grenze zur Fiktion URL: https://www.schweizermonat.ch/lea-ypi-erzaehlt-die-geschichte-ihrer-grossmutter-und-ueberschreitet-dabei-die-grenze-zur-fiktion/ Last updated: 2025-11-19T23:39:28.000Z Nach dem Erfolg von Lea Ypis Memoiren «Frei» (2021) trat eine Fotografie, welche ihre Grosseltern während des Zweiten Weltkriegs in einem italienischen Skiort mit einem Mussolini-Kollaborateur zeigt, eine Welle digitaler Empörung los. Ein Ereignis, das gleichzeitig auch die Geburt ihres neuen Werks «Aufrecht» markierte. «Aufrecht» zeichnet die Familiengeschichte von Ypis Grossmutter, Leman, von Griechenland am Ende des Ersten Weltkriegs bis in das Albanien der Anfänge der kommunistischen Diktatur Enver Hoxhas. Zugleich begleitet das Buch die Autorin auf ihrer Spurensuche durch Archive und Erinnerungsräume. Der englische Originaltitel «Indignity» und das deutsche «Aufrecht» spiegeln Erniedrigung und Würde wider, Themen, die Ypis Roman durchweg im Fokus behält. Wie bewahren sich Menschen ihre Würde trotz Demütigung? Diese Frage zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte Werk. Ypis Buch ist zugleich Familienbiografie, Erinnerung, historische Recherche und Fiktion. Am stärksten ist die Autorin, wenn sie das multikulturelle Saloniki der Zwischenkriegszeit zum Leben erweckt, wo Leman aufwächst. Wir tauchen ein in die kulturelle Tiefe des zerfallenden Osmanischen Reiches, in das Milieu einer gebildeten Oberschicht, die zwischen Sprachen, Religionen, nationalen Identitäten und den zwei grossen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts in einer Welt lebt, die nur kurz Bestand hatte. > «Wie bewahren sich Menschen ihre Würde trotz Demütigung? Diese Frage zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte Werk.» Was den ersten Teil des Buches trägt – die erzählerische Kraft, die Weltfülle, die präzise Zeichnung der Figuren –, beginnt im zweiten zu ermatten. Ypi unterbricht die Erzählung zunehmend durch «Intermezzos» aus scheinbar authentischen Dokumenten, die in einem nüchternen, oft spracharmen Stil gehalten sind. Diese Einschübe sind ein ästhetisch fragwürdiges Stilmittel, das die Atmosphäre des Romans eher schwächt, als sie zu vertiefen. Noch gravierender ist die radikale Wendung am Ende des Romans: Viele der Recherchen, vielleicht auch ganze Episoden, betreffen gar nicht Ypis eigene Grossmutter, sondern eine andere Frau gleichen Namens. Mit dieser Enthüllung entzieht Ypi ihrem Buch ein Stück weit das Fundament, das es bis dahin getragen hat. «Aufrecht» ist ein mutiges, aber unausgewogenes Buch und ein eindrucksvolles Zeugnis, wie dünn die Grenze zwischen Erinnerung und Fiktion ist. *Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme. Übersetzt von Eva Bonné. Berlin: Suhrkamp, 2025.* ### «I Don’t Want to Save the World – I Want to Save My Family» URL: https://www.schweizermonat.ch/i-dont-want-to-save-the-world-i-want-to-save-my-family-2/ Last updated: 2025-11-24T09:09:26.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/ich-will-nicht-die-welt-retten-ich-will-meine-familie-retten-2/). Lea [aquí](https://www.schweizermonat.ch/no-quiero-salvar-el-mundo-quiero-salvar-a-mi-familia-2/) la versión en Español. *Ministerial airs are foreign to Federico Sturzenegger. After the conversation, a hotel employee asks whether he would like the police to escort him past airport security the next morning. Sturzenegger politely but firmly declines: “I prefer to travel like an ordinary citizen.” Invited by the Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP), he is staying at Zurich’s Baur au Lac, where the interview takes place. In passing, he mentions he has about 300 projects in the pipeline and describes himself as a “catalyst”: “Ministers are often so absorbed by day-to-day management that they never find time to tackle the necessary reforms. That’s where I come in.”* **Mr. Sturzenegger, Argentina heads to the legislative midterm elections on October 26\. President Javier Milei and his party La Libertad Avanza lost September’s local elections in Buenos Aires. Are you nervous?** Federico Sturzenegger: Look, there were several district elections recently and we lost one, the one in Buenos Aires. It was a wake-up call, we didn’t expect that defeat. **Did you do something wrong?** In record time we moved 12 million people above the poverty line. That has silenced many critics, but people are still poor, even if they are now above a line that is calculated theoretically. We may also have grown somewhat complacent. It’s worth noting that the opposition obtained fewer votes than two years ago, turnout was low. That is unlikely at the end of October. **These elections are pivotal for your government.** Half the Chamber of Deputies will be renewed, the seats elected four years ago. Do you know how many we won back then? Two out of 257\. So we have almost nothing to lose. On the contrary, we expect a strong increase to around one third of the seats, which would allow us to maintain presidential veto power. If the opposition wants to block our programs, it needs a two-thirds majority in both chambers. If it doesn’t get it, Javier can move forward with greater confidence. **What’s at stake for you as Minister of Deregulation and State Reform?** My deregulation initiatives don’t depend on Congress; they are implemented through decrees and regulations. The closer we get to a legislative majority, the easier it will be to pursue structural reforms as well, such as the much-needed labor reform. **But the elections also carry symbolic weight.** I think we’ll do well, our results speak for themselves. The defeat in Buenos Aires triggered sharp market turbulence and showed what the alternative to our program looks like, a country without growth, investment, or confidence. Argentines know that scenario all too well. **At the IMF Spring Meetings, you gave Managing Director Kristalina Georgieva a chainsaw lapel pin. Does she wear it?** What I do know is that she’s very pleased with the fiscal consolidation and the resulting surplus. She also believes deregulation should be central to future IMF programs. She set up a commission on the subject, which I’m part of. And by the way, at our last meeting Swiss Federal Councillor Guy Parmelin greeted me wearing the chainsaw pin I had given him earlier. I took it as a sign of respect and a genuine interest in the details. **What concrete achievements can you point to?** Eliminating the fiscal deficit in record time. That was Argentina’s core structural problem. We inherited a deficit of 5 percent of GDP. The IMF program called for reducing it by one point per year. Javier said he didn’t want to go from deficit to surplus in five years, he wanted to do it in a month. We achieved the first balanced budget in 123 years. That strengthened our credibility with the Fund. When we eased the exchange-rate regime, gradually moving toward a floating exchange-rate system, the IMF offered additional support. **What else have you achieved?** Thanks to fiscal stability we stopped printing money. That brought inflation down. We inherited 25 percent monthly inflation from the previous government, at the peak it reached 1.5 percent per day. Today it is around 1,5 percent to 2 percent per month. **How much international support does Milei’s agenda have?** A great deal. Javier is a passionate defender of freedom with firm convictions. His clarity commands respect, even in critical, statist, or interventionist circles. **This autumn the Mercosur countries, including Argentina, signed a free-trade agreement with EFTA.** That’s right. And Mercosur is very close to an agreement with the European Union, which has been under discussion for 25 years. It would be an important step. **Donald Trump has promised 20 billion dollars in support for Argentina. As a free-market advocate, how do you view that intervention?** Our current situation is stable, but we carry a long history of financial crises. Together with Greece, we are the country with the highest number of sovereign defaults in recent history. We are in the middle of a campaign. The Peronists sow doubts and fear. Congress just approved unfunded spending. In that context Donald Trump steps in. He backs our reform agenda and guarantees that the United States would support us if we were to lose market access. It is a kind of insurance. **What is Argentina’s debt level?** Total debt is around 45 percent of GDP. It is low because no one wants to lend to us. We are historically bad debtors *(laughs)*. **In the United States, Elon Musk pushed reforms inspired by you and Milei, but he wasn’t successful. Why?** Musk understood the need for deregulation, but he never saw the state as the vehicle to carry it out. Javier pursued both, deregulating and reforming the state. Musk focused only on the latter. And there is another difference. **Which one?** I designed my deregulation program two years before Javier took office. With a team of about 100 people we reviewed 4200 laws and 2000 international treaties. After a year we had two piles of papers, one with the laws to repeal and another with those we could improve. Unlike Musk, we did the work before coming to power. **How many of those laws have you actually repealed?** A quarter. For a government without a parliamentary majority, that is simply remarkable. **Milei has cut public spending by 30 percent. The Swiss government struggles even to slow spending growth. What could Switzerland learn from Argentina?** Absolutely nothing. Argentina is the worst student in the class, we have gone twenty years without doing our homework. We are in no position to give advice. **Then the other way around, what can Argentina learn from Switzerland?** Everything. *(Sighs)* In Argentina it is traditional to use the state to finance political cronies or even fake ministries. People were hired who collected salaries without working. The state’s inefficiency is incomparable to Switzerland. The Peronists turned the state into a corruption machine. Javier wants to blow it up. **What is the biggest misconception about Argentina?** It is taken for granted that austerity programs harm the economy. False. When we cut public spending by 30 percent, people said we would cause a recession. The opposite happened. A state that spends a lot needs to tax a lot. If it spends less, people pay less tax and free up resources. For those who believe in freedom, this is nothing new. Perhaps the Swiss, with their fiscal discipline, understand it better than anyone. Politically, people said Javier would not survive such sweeping cuts. But people are happy not to pay for so much nonsense. Sometimes Javier tells me he would like to name me “Minister of Happiness,” were that title not already tainted by Nicolás Maduro’s ministry of the same name. The truth is people feel joy when freed from regulations, obligations, and bureaucracy. > «It is taken for granted that austerity programs harm the economy. False. When we cut public spending by 30 percent, people said we would cause a recession. The opposite happened.» **Which measures are you most proud of?** We removed all restrictions on the rental market, such as price controls. We opted for full freedom, and the effect was striking, the housing supply shot up by 300 percent and prices collapsed. A resounding success. **Any other examples?** When Javier took office, satellite internet was banned. Why should it be, especially in a country as vast as Argentina? Because one of the largest media conglomerates was also the main internet provider and convinced the government to ban it to avoid competition. At the same time, the previous administration had created a state-owned company to roll out fiber optics nationwide. Javier repealed that rule and, the next day, Starlink submitted its offer. Since then, hundreds of thousands of families, even in remote areas, have had internet access. And how much did it cost the state? Nothing. Let the market do its job. I could list hundreds of similar absurdities. Deregulation is like peeling an onion: you remove layer after layer, and in the end you can’t help but cry. The greatest risk for competition is when government becomes the spoils of special interests. **What reforms will you tackle next?** Labor reform. At its core, it gives priority to company-level agreements over national collective agreements, so firms can act with greater flexibility. That will boost employment. **Many measures were implemented by decrees or emergency orders. Why not go through Congress?** Everything we do fits within the constitutional framework. Javier inherited a terribly unstable situation. We needed a strong signal that change was coming. When you take on cronyism and the status quo, you also need a surprise factor. Decrees allowed us to deregulate quickly across large swaths of the economy. Later we presented a broad legislative package, debated for seven months. We have used different instruments. > “When you take on cronyism and the status quo, you also need a surprise factor.” **Why put yourself through all this?** Javier is a fighter for freedom. He wants to show that ideas of freedom can prevail. I wholeheartedly agree. But I have an even deeper motivation. In the ten years before Milei, two million of Argentina’s 47 million people emigrated because they saw no future. Children of the poor, the middle class, and the rich, they all left. **In your own family as well?** Yes. We all have relatives and friends abroad. My children are 15, 19, and 20\. Do you know why I do all this? Not because I want to save the world or liberal ideas. I want to save my family. If the country doesn’t change radically, we will see our children and grandchildren only by video call. ### «No quiero salvar el mundo – quiero salvar a mi familia» URL: https://www.schweizermonat.ch/no-quiero-salvar-el-mundo-quiero-salvar-a-mi-familia-2/ Last updated: 2025-11-24T09:08:49.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/ich-will-nicht-die-welt-retten-ich-will-meine-familie-retten-2/). Read the English version [here](https://www.schweizermonat.ch/i-dont-want-to-save-the-world-i-want-to-save-my-family-2/). *Los aires ministeriales le son ajenos a Federico Sturzenegger. Tras la conversación, un empleado del hotel le pregunta si desea que la policía lo acompañe al día siguiente en el aeropuerto para evitar los controles de seguridad. Sturzenegger rechaza el ofrecimiento con cortesía y firmeza: «Prefiero viajar como un ciudadano normal». Invitado por el Instituto Suizo de Política Económica (IWP), se aloja en el Baur au Lac de Zúrich, donde tiene lugar la entrevista. Menciona al pasar que tiene unos 300 proyectos en preparación y se define como un «catalizador»: «Los ministros suelen estar tan absorbidos por la gestión cotidiana que no encuentran tiempo para emprender las reformas necesarias. Ahí es donde entro yo».* **Señor Sturzenegger, Argentina se prepara para las elecciones legislativas del 26 de octubre. El presidente Javier Milei y su partido La Libertad Avanza perdieron en septiembre los comicios locales en Buenos Aires. ¿Está nervioso?** **Federico Sturzenegger:** Mire, hubo varias elecciones distritales recientemente y perdimos una, la de Buenos Aires. Fue una llamada de atención, no esperábamos esa derrota. **¿Hicieron algo mal?** En tiempo récord situamos a 12 millones de personas por encima de la línea de pobreza. Eso ha hecho callar a muchos críticos, pero la gente sigue siendo pobre, aunque ahora esté por encima de una línea estadística. Es posible que nos hayamos vuelto algo autocomplacientes. También conviene recordar que la oposición obtuvo menos votos que hace dos años, la participación fue baja. Eso no se repetirá en octubre. **Para su gobierno, las elecciones son decisivas.** Se renovará la mitad de la Cámara de Diputados, los escaños elegidos hace cuatro años. ¿Sabe cuántos habíamos conseguido entonces? Dos de 257\. Así que no tenemos casi nada que perder. Al contrario, esperamos un fuerte aumento, hasta alrededor de un tercio de los escaños, lo que nos permitiría mantener el veto presidencial. Si la oposición quisiera bloquear nuestros programas, necesitaría una mayoría de dos tercios en ambas cámaras. Si no la logra, Javier podrá avanzar con mayor seguridad en sus reformas. **¿Qué está en juego para usted como ministro de Desregulación y Reforma del Estado?** Mis iniciativas de desregulación no dependen del Parlamento, se implementan mediante decretos y reglamentaciones. Cuanto más nos acerquemos a una mayoría legislativa, más fácil será emprender también reformas estructurales, como la tan necesaria reforma laboral. **Pero las elecciones tienen también un valor simbólico.** Creo que nos irá bien, nuestros resultados hablan por sí solos. La derrota en Buenos Aires provocó fuertes turbulencias en los mercados y mostró cuál es la alternativa a nuestro programa, un país sin crecimiento, sin inversión y sin confianza. Los argentinos conocen bien ese escenario. **En la reunión de primavera del FMI usted le regaló a su directora, Kristalina Georgieva, un pin con una motosierra. ¿Lo lleva puesto?** Lo que sí sé es que está muy satisfecha con el ajuste fiscal y el superávit resultante. Además, considera que la desregulación debe ser parte central de los futuros programas del FMI. Ha creado una comisión sobre el tema, de la que formo parte. Por cierto, en nuestro último encuentro, el consejero federal Guy Parmelin me recibió con el pin de motosierra que le había regalado antes. Lo tomé como una muestra de respeto y de verdadero interés por los detalles. **¿Cuáles son sus principales logros hasta ahora?** Eliminar el déficit fiscal en tiempo récord. Ese era el problema estructural de la Argentina. Heredamos un déficit del 5 porciento del PIB. El programa con el FMI preveía reducirlo un punto por año. Javier dijo que no quería pasar de déficit a superávit en cinco años, quería hacerlo en un mes. Logramos el primer presupuesto equilibrado en 123 años. Eso fortaleció nuestra credibilidad ante el Fondo. Cuando flexibilizamos el régimen cambiario, acercándonos gradualmente a un esquema de flotación, el FMI nos ofreció apoyo adicional. **¿Qué más han conseguido?** Gracias a la estabilidad fiscal dejamos de emitir dinero. Eso bajó la inflación. Recibimos del gobierno anterior una inflación del 25 porciento mensual, en los picos llegó al 1,5 porciento diario. Hoy ronda entre el 1,5 porciento y el 2 porciento mensual. **¿Qué apoyo internacional tiene la agenda de Milei?** Mucho. Javier es un apasionado defensor de la libertad y tiene convicciones firmes. Su claridad despierta respeto, incluso en círculos críticos, estatistas o intervencionistas. **Los países del Mercosur, entre ellos Argentina, firmaron este otoño un tratado de libre comercio con la AELC.** Así es. Y el Mercosur está muy cerca de firmar otro con la Unión Europea, que se discute desde hace 25 años. Sería un paso importante. **Donald Trump ha prometido ayudar a Argentina con 20 000 millones de dólares. Como defensor del libre mercado, ¿cómo evalúa esa intervención?** Nuestra situación actual es estable, pero arrastramos una larga historia de crisis financieras. Junto con Grecia, somos el país con mayor número de defaults soberanos en la historia reciente. Estamos en plena campaña. Los peronistas siembran dudas y miedo. El Congreso acaba de aprobar gastos sin financiamiento. En ese contexto aparece Donald Trump, quien respalda nuestra agenda reformista y garantiza que Estados Unidos nos apoyará si perdiéramos acceso a los mercados. Es una especie de seguro. **¿Cuál es el nivel de deuda del país?** La deuda total ronda el 45 porciento del PIB. Es baja porque nadie quiere prestarnos dinero. Somos malos pagadores históricos *(ríe)*. **En Estados Unidos, Elon Musk impulsó reformas inspiradas en usted y Milei, pero no tuvo éxito. ¿Por qué?** Musk comprendió la necesidad de la desregulación, pero nunca vio al Estado como vehículo para llevarla a cabo. Javier apostó por ambas cosas, desregular y reformar el Estado. Musk se centró solo en lo segundo. Y hay otra diferencia. **¿Cuál?** Yo elaboré mi programa de desregulación dos años antes de que Javier asumiera. Con un equipo de unas 100 personas revisamos las 4200 leyes y 2000 tratados internacionales vigentes. Tras un año teníamos dos montones de papeles, uno con las leyes a derogar y otro con las que podían mejorarse. A diferencia de Musk, hicimos el trabajo antes de llegar al poder. **¿Cuántas de esas leyes lograron eliminar?** Un cuarto. Para un gobierno sin mayoría parlamentaria, es sencillamente extraordinario. **Milei ha recortado el gasto público en un 30 porciento. El gobierno suizo tiene problemas incluso para frenar su crecimiento. ¿Qué podría aprender Suiza de Argentina?** Absolutamente nada. Argentina es el peor alumno de la clase, llevamos veinte años sin hacer los deberes. No estamos en posición de dar consejos. **Entonces al revés, ¿qué puede aprender Argentina de Suiza?** Todo. *(Suspira)* En Argentina es tradición usar el Estado para financiar a amigos políticos o ministerios ficticios. Se contrataba a gente que cobraba sin trabajar. La ineficiencia estatal no tiene comparación con Suiza. Los peronistas convirtieron al Estado en una máquina de corrupción. Javier quiere hacerlo volar por los aires. **¿Cuál es el mayor malentendido sobre Argentina?** Se da por hecho que los programas de ajuste dañan la economía. Falso. Cuando recortamos el gasto público un 30 porciento, decían que provocaríamos una recesión. Ocurrió lo contrario. Un Estado que gasta mucho necesita recaudar mucho. Si gasta menos, la gente paga menos impuestos y libera recursos. Para quienes creen en la libertad, esto no es novedad. Tal vez los suizos, con su disciplina fiscal, lo entienden mejor que nadie. En política se decía que Javier no sobreviviría a semejante poda. Pero la gente está feliz de no tener que pagar por tanta basura. A veces Javier me dice que le gustaría nombrarme «ministro de la Felicidad», si ese título no estuviera ya manchado por el ministerio homónimo de Nicolás Maduro. La verdad es que la gente siente alegría cuando se la libera de regulaciones, obligaciones y burocracia. > «Se da por hecho que los programas de ajuste dañan la economía. Falso. Cuando recortamos el gasto público un 30 porciento, decían que provocaríamos una recesión. Ocurrió lo contrario.» **¿De qué medidas se siente más orgulloso?** De haber eliminado todas las restricciones del mercado de alquileres, como el control de precios. Optamos por la libertad total y el efecto fue sorprendente, la oferta de viviendas se disparó un 300 porciento y los precios se desplomaron. Un éxito rotundo. **¿Otros ejemplos?** Cuando Javier asumió, el internet por satélite estaba prohibido. ¿Por qué debería estarlo, sobre todo en un país tan extenso? Porque uno de los mayores conglomerados mediáticos era también el principal proveedor de internet y convenció al gobierno de prohibirlo para evitar competencia. Al mismo tiempo, la administración anterior había creado una empresa estatal para desplegar fibra óptica en todo el país. Javier derogó esa norma y, al día siguiente, Starlink presentó su oferta. Desde entonces, cientos de miles de familias, incluso en zonas remotas, tienen acceso a internet. ¿Y cuánto le costó al Estado? Nada. Dejemos trabajar al mercado. Podría enumerarle cientos de absurdos similares. Desregular es como pelar una cebolla, se quita capa tras capa y al final uno no puede sino llorar. El mayor peligro para la competencia es que el gobierno se convierta en botín de intereses particulares. **¿Qué reformas abordará a continuación?** La reforma laboral. Su núcleo es dar prioridad a los acuerdos a nivel de empresa por encima de los convenios nacionales, para que las firmas puedan actuar con mayor flexibilidad. Eso dinamizará el empleo. **Muchas medidas se implementaron por decretos o disposiciones de urgencia. ¿Por qué no seguir el camino parlamentario?** Todo lo que hacemos se ajusta al marco constitucional. Javier heredó una situación terriblemente inestable. Era necesario enviar una señal fuerte de cambio. Cuando uno se enfrenta al amiguismo y al statu quo, necesita también un factor sorpresa. Los decretos nos permitieron desregular rápidamente grandes sectores. Luego presentamos un amplio paquete legislativo, debatido durante siete meses. Hemos utilizado distintos instrumentos. > «Cuando uno se enfrenta al amiguismo y al statu quo, necesita también un factor sorpresa.» **¿Por qué se somete usted a todo esto?** Javier es un luchador por la libertad. Quiere demostrar que las ideas de la libertad pueden imponerse. Y yo coincido plenamente. Pero tengo una motivación aún más profunda. En los diez años previos a Milei, dos millones de los 47 millones de argentinos emigraron porque no veían futuro. Hijos de pobres, de clase media y de ricos, todos se fueron. **¿También en su familia?** Sí. Todos tenemos familiares y amigos en el exterior. Mis hijos tienen 15, 19 y 20 años. ¿Sabe por qué hago todo esto? No porque quiera salvar el mundo ni las ideas liberales. Quiero salvar a mi familia. Si el país no cambia radicalmente, veremos a nuestros hijos y nietos solo por videollamada. ### We are heading toward an increasingly inflationary world URL: https://www.schweizermonat.ch/we-are-heading-toward-an-increasingly-inflationary-world/ Last updated: 2025-11-24T09:02:52.000Z Lesen Sie den Deutschen Text [hier](https://www.schweizermonat.ch/das-ende-der-schuldenspirale-wir-steuern-auf-eine-zunehmend-inflationaere-welt-zu/). Our current system cannot continue forever and will ultimately lead to a crisis and failure. Market distortions are growing more pronounced, and the timeline for this impending upheaval is rapidly contracting. Applying the Fourth Turning model,[1](#fn:1) we can estimate that a resolution to this crisis will likely manifest between 2028 and 2033\. Historically, these periods of significant, tumultuous change tend to last between 15 and 25 years, maybe 20 on average. I mark the beginning of this Fourth Turning in 2008, coinciding with the eruption of the global financial crisis. If we apply the model to this assumption, the resolution will occur between 2023 and 2033\. We’ve already passed the 2023 mark. But, if we follow the average timeline, a resolution should arrive around 2028\. I doubt this turning will last a full 25 years, but if it did, that would suggest a resolution by 2033. Here is how I see things playing out. (This is not financial advice, just my best guess.) Given the inherent instability of fiat money, we are living through an era of recurring financial bubbles. From the Dotcom bubble to the housing bubble and now to the all-encompassing “Everything Bubble,” each successive bubble has grown more pervasive and far-reaching than its predecessor. The current bubble – fueled by money printing, shockingly low interest rates, and ballooning government deficits – has led to artificially inflated asset prices across the spectrum. There is no level above this bubble. As it bursts, the very credibility and value of the sovereign currency will evaporate with it. ## Ensnared in a debt spiral Governments have overextended themselves, issuing paper claims to wealth that can never be honored in real terms. If these commitments are met, it will require excessive money printing, which will inevitably devalue the currency and ultimately lead to its collapse. How will this scenario play out? The market for U.S. government debt is likely to be the first domino to topple, as investors recognize that the government’s dependence on money printing is unsustainable and inflation poses an existential threat to their wealth. Ceteris paribus, as interest rates climb due to increased bond sales and waning demand, the U.S. government will find itself ensnared in a debt spiral, with escalating interest expenses driving larger deficits and necessitating the sale of even more bonds. This is the debt spiral or the debt doom loop – a vicious doom loop, which is neither new, nor unusual. Numerous countries have experienced this, some repeatedly. Typically, debt doom loops have occurred in smaller countries like Zimbabwe, Venezuela, and Sudan, which find themselves trapped in economic collapse. Occasionally, however, much larger countries succumb to the debt vortex. See: Weimar Germany 1921-1923, Russia 1917-1924, China 1946-1948, and Brazil 1989-1994. > «Governments have overextended themselves, issuing paper claims to wealth that can never be honored in real terms.» Authorities who run the monetary system are keenly aware of the debt doom loop and may attempt to implement financial repression or yield curve control (YCC) to prevent it. If rising interest rates are the underlying problem, the Fed and/or Treasury may implement YCC to set an upper limit on government debt interest rates. They do this by purchasing debt in the open market with newly printed money, thereby expanding their balance sheet (also known as quantitative easing). In the next crisis, I believe the Yield curve control is when a nation’s central bank purchases its government bonds to support their price and prevent interest rates from going higher. The bonds are purchased with newly printed money, and the process is very inflationary. The last time yield curve control was used in the U.S. was to finance World War II. Federal Reserve’s balance sheet, currently at $7.2 trillion, could expand to $25 trillion or even more. Such an astronomical increase would not only inflate the Fed’s balance sheet but also risk further erosion in confidence of the sovereign creditor’s creditworthiness. This confidence is a very important issue. If the U.S. were to fully adopt policies advocated by Modern Monetary Theory proponents, it could trigger a loss of trust in the nation’s credit. Such a scenario could result in the entire U.S. Treasury Bond market slamming the gavel, nodding to the Fed, and saying, “Sold to you.” With over $36 trillion of sovereign debt, the Fed’s balance sheet could balloon to over $42 trillion, compounding the financial instability. If the Fed is forced to buy all outstanding U.S. debt, the base money supply will more than double again, causing devastating inflation. ## Painful one-time reset We’re in a financial bind, and it’s a serious one. We’ve accumulated an enormous amount of debt that’s virtually impossible to pay back in real terms. More than that, we’ve made more promises than we can realistically keep, and now it’s time to face the consequences. The harsh reality is that our debt is not “money good,” at least not in terms of real purchasing power. We could attempt to service it by printing more dollars, but that would only lead to rampant inflation and further economic turmoil. Alternatively, we could default on our commitments, but that would result in political chaos and a severe economic depression, with widespread unfairness and hardship. Confronted with the specter of either crippling inflation or a depression that could rival the Great Depression, policymakers may look to a third option: a monetary reset. A monetary reset is somewhat akin to a debt jubilee. Rooted in ancient Mesopotamia and Biblical tradition, debts were forgiven or canceled on a large scale every 50 years. Monetary resets are modern, watered-down versions of this. In the 1930s, President Roosevelt tapped into a form of monetary reset by devaluing the dollar against gold to combat the Great Depression. Today we find ourselves in a similar situation. The dollar is significantly overvalued, and we’ve made far too many promises that we can’t possibly fulfill. Someone will inevitably lose when these commitments are marked-to-market; that’s an unavoidable reality. However, if this process leads to the reinstatement of a sound monetary unit, then the pain would be a one-time event rather than years or decades of chaotic inflation/depression. «The dollar is significantly overvalued, and we’ve made far too many promises that we can’t possibly fulfill. Someone will inevitably lose when these commitments are marked-to-market.» Here is the thing. We are heading toward an increasingly inflationary world that could, if mismanaged, devolve into hyperinflation. History has shown us that hyperinflations are incredibly chaotic and destructive, leaving people and societies in ruins. That is the bad news. The good news is that when these same societies return to a sound money standard, they heal very quickly. The money is broken. We need to fix it. The process will hurt. So why not do it in a quick, structured way with the promise of a bright future based upon sound money principles? *This text is an excerpt of «The Big Print: What Happened To America And How Sound Money Will Fix It» (Amazon, 2025).* 1. A theory, laid out by William Strauss and Neil Howe in their book «The Fourth Turning» (1997), which describes a recurring generation cycle in American and Western history.[ ↩](#fnref:1) ### The Utopia of Escaping Debt Destroys the Foundation of Society URL: https://www.schweizermonat.ch/the-utopia-of-escaping-debt-destroys-the-foundation-of-society/ Last updated: 2025-11-24T09:04:09.000Z Lesen sie den Deutschen Beitrag [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-utopische-vorstellung-den-schulden-zu-entkommen-zerstoert-das-fundament-unserer-gesellschaft/). At the end of the 17th century, a financial miracle occurred in London: with the founding of the Bank of England, the state’s debt burden was transformed into an engine of progress. For the first time, governments could convert future revenues into present purchasing power through the issuance of bonds and banknotes – money emerged, in a sense, from debt. This new «magic of money» fascinated all of Europe. As the Bank of England worked its magic, imitators wanted to go even further. The Scot John Law tried to set up a project to consolidate the royal debts of France. His scheme, which collapsed spectacularly in 1720, gave rise to a host of pamphlets and caricatures, with the devil creating the money that promises relief. In many of the popular versions, the devil shits money: the delusion created by unbacked money is the devil’s excrement. Goethe put that message very powerfully in Part II of Faust. The dream of magical relief from debt has never vanished. Today’s activists, too, demand a biblical cancellation of debt or jubilee. Jubilees are also characterized as carnivalesque assertions of unruliness, or a return to a benign state of nature. Would it really be that benign? Debt creates the obligations that for millennia have tied the global economy together. Scholars – from archaeologists to historians – agree that debt is considerably older than money or coins. Clay cuneiform tablets record Sumerian debt contracts measured in units of grain or animals in Mesopotamia over five thousand years ago. The evolution of debt was also central to theories of ethics. Plato’s four virtues – temperance, prudence, courage, and justice – could be either developed internally or shaped by external influences. More often they arose from the combination of inborn proclivities with teaching and practice, and develop in individuals over the course of entire lifetimes. Courage, which was later often redescribed as the virtue of fortitude, involved meeting obligations, not running away from them. Debts help to socialize us. They are one aspect that constitutes the key to human personhood, in that debts provide a recognition that we are bound by our past actions, and thus have a continuous identity as a person. On that basis, promises occur between persons: you know who I am and can rely on me, even if circumstances change. Without that trust, there is endless suspicion. In the 2010s, when everyone was bashing Germany for its reluctance to forgive Greek debt, many Anglo-American commentators liked to point out that German was the only language in which debt and guilt are the same word – Schuld. The argument betrayed a deep ignorance of both language and history. Go to Latin countries, and you find the same linguistic phenomenon: debitum in Latin, dette in French, debito in Italian or deuda in Spanish all share the same moral lineage. The moral weight attached to owing is deeply rooted in the history of European languages – and of ethics itself. Debts can also be highly oppressive, forging chains of obligation, and, in many premodern societies, bondage and debt peonage. It thus deprived people of their humanity. That is because circumstances obviously do change; there are accidents, climatic and health catastrophes, and it becomes impossible to repay. The more volatility, the more uncertainty, the more vulnerability increases, and people can’t borrow or plan for the future. ## Debt as the Cement of Social Cohesion An easy way to reconcile debt’s dual nature – on the one hand fostering responsibility, civility, and order, and on the other generating personal distress and disorder – was to shift it onto governments. That was the view of classical antiquity, and it holds a parallel to the modern view which sees a fundamental task of governments as creating a particular secure or stable asset. In Greek city states, the public treasury, secured in grand temples, held what were notionally loans of citizens that could be used for emergencies, and which were not usually paying any interest. If the citizens lost, they had simply made a sacrifice for a greater good. The loans in this way represented one idea of civic community. The link of state debt and religion was clearly expressed in the form of the building that much later (especially in the eighteenth and early nineteenth century) provided a model for neoclassical bank buildings. Monarchs and absolute rulers, by contrast, would attempt to raise the same kind of credit – the distinction between that and taxation was not always clear. But the prospect of being repaid was minimal, and the lenders became smarter about concealing their wealth from royal agents (in effect tax collectors). So monarchs would borrow, paying interest, from merchants in other territories; and frequently engage in partial or complete defaults. Getting better terms for debt was a central spur to the process of creating political accountability, and even democracy. The establishment of the Bank of England in 1694 formed the centerpiece of the “English financial revolution,” which dramatically reduced the cost of English borrowing and as a consequence increased its capacity to pay for military and especially naval infrastructure and services. The innovation was that creditors controlled a parliament that voted on taxes, and so could ensure repayment. The first US Treasury Secretary, Alexander Hamilton, was deeply influenced by the British example, and studied the case of the Bank of England in detail. When he proposed in 1790 the assumption of the debts of individual states from the War of Independence, he saw the compromise needed as a result of merging different debt burdens as creating a new polity. Debt would become, he wrote, “the strong cement of our union.” The fascination of Hamilton remains. He became a central figure in European debates after the emergence of the European or Eurozone debt crisis in 2010, when calls for debt mutualization gained momentum State debt rested on a complex network of promises and engagements. It gave the state the resources to perform its central functions – defense, the administration of law and justice – and correspondingly created loyalty from the beneficiaries of state-provided security. That is why the choice of being Hamiltonian is so difficult: it may build new ties, but it also presupposes some initial common sentiment. In the past, people believed that they were committed to die for the fatherland, but it is too much of a mental and emotional stretch to die for debt mutualization. ## Debt Explodes The Covid experience accelerated a democratic trend already observable in the later twentieth century: Spending more and taxing less proved politically popular – or populist. As interest rates fell, governments believed they had discovered a free lunch. The case against adjustment (now labelled as austerity) became ever more compelling. Building up debt seemed like a way of managing political expectations (see Figure).«The Covid experience accelerated a democratic trend already observable in the later twentieth century: Spending more and taxing less proved politically popular – or populist. As interest rates fell, governments believed they had discovered a free lunch.» ![](https://www.schweizermonat.ch/content/images/schweizermonat-ch/wp-content/uploads/2025/11/14.jpg) The behavior of modern democracies, with their inbuilt tendency to exploit financial innovation to run deficits, is quite different to that of earlier states. Britain exemplified the old model: build large surpluses, or pay off debts, in peacetime, so that the country could be prepared to run the deficits needed in case of a large-scale war. After the Second World War, however, first the Cold War atomic peace generated by the balance of terror, and then after 1990 the sense that the new world was going to be peaceful forever, obviated any need for precautionary austerity. Only Russia’s attack on Ukraine in 2022 revived the old uncertainties of security and conflict. Deterrence had failed to guarantee a world permanently free of great power conflict and the need for big defense spending. One further development appeared to make the free lunch argument for permanent deficit democracies even more compelling. As industrialization spread and emerging economies emerged with stunning rapidity, they saved more. The resulting savings glut was used, notably by Fed chair Ben Bernanke, to explain the large global imbalances (the imbalances that allowed the US to run twin budget and current account deficits). But this development too would prove to be a transitory moment of comfort. As societies aged – most spectacularly in China – demographic decline loomed, savings were destined to dwindle, and older populations would begin to draw down their reserves. It was clear that the source of saving would be temporary, and that funds would be scarcer as older populations wanted to spend down their savings. There was, in truth, only a temporary window, produced by the momentary coincidence of sophisticated financial markets, an international order that guaranteed peace, and a fast growing and saving middle class in emerging markets, that led the industrial world to think that they could resolve the growing demands of their democratic audiences. The illusion was to believe that it could be a permanent state of the world. As this illusion shatters, calls for new monetary magic grow louder – perhaps in the form of stablecoins that will create more demand. One option is to be permanently frightened by an inflation that will wipe away the value of debt, but also the basis of every contract. The other is to hope that someone else will take over or assume the debt, that there will be some rescue by a benevolent outsider – by magic from the outside. Yet every such hope repeats the same temptation: the belief that debt can be conjured away without consequence. In the end, The utopia of a way out of debt destroys the cement that binds society together. ### To Be Resilient, We Must Free Ourselves from Fear URL: https://www.schweizermonat.ch/to-be-resilient-we-must-free-ourselves-from-fear/ Last updated: 2025-11-24T09:07:53.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/um-widerstandsfaehig-zu-sein-muessen-wir-uns-von-der-angst-befreien/). The Covid-19 pandemic was more than a health crisis. It was a stress test of the resilience of our social, economic, and political systems at a scale not seen since World War II. The pandemic revealed the profound weaknesses of our preparedness, while also pointing to new pathways for cultivating resilience. This illuminates the need for a “coupled system” approach: resilience cannot be understood or strengthened in isolation, but only by recognizing the intimate connections between human health and the health of Earth’s ecosystems. At the same time, the global response to crises of all kinds reveals a paradox. Political elites and media actors often sustain their authority by cultivating fear: fear of pandemics, of financial crises, of unsustainable debt, of Russia or China, of climate change. Fear has become both a tool of governance and a commodity in the attention economy. Yet resilience requires the opposite: calm critical thinking, long-term responsibility, and the empowerment of individuals to make informed choices. This essay explores the tension between these two forces, **resilience and fear-mongering,** and suggests how to reconcile them. > «Resilience cannot be understood or strengthened in isolation, but only by recognizing the intimate connections between human health and the health of Earth’s ecosystems.» ## Systems and Individuals Resilience can be defined as the ability of a system to absorb shocks, adapt, and continue functioning in the face of stress and uncertainty. In public discourse, resilience is usually framed at the system level: resilient health systems, resilient economies, resilient societies. These approaches emphasize governance structures, risk management, and institutional capacity. However, the Covid-19 experience highlighted a blind spot in how we think about resilience. Systems are made of individuals, and the resilience of the whole depends on the resilience of each component. In this context, resilience refers to the capacity to absorb shocks, adapt to stress, and recover function without collapsing. During the pandemic, this capacity manifested biologically through the strength and adaptability of individual immune systems: people with robust immune regulation and metabolic health, which are often the result of long-term lifestyle and environmental factors, could mount effective responses, whereas those with chronic inflammation, obesity, or diabetes had more difficulties to recover. This parallels resilience in natural and social systems, where survival depends on distributed buffers, redundancy, and adaptive capacity rather than mere efficiency. At the societal level, resilience arises from diverse and decentralized capacities, such as public-health infrastructures, fiscal prudence, social trust, and transparent communication, that can reallocate resources and learn from failure. It can be measured through indicators such as recovery time after shocks, diversity of critical supply chains, or the degree of inequality and institutional flexibility. Yet resilience is not free: building buffers and redundancies often conflicts with the pursuit of short-term efficiency or unrestricted individual freedom. The Covid-19 crisis exposed this tension vividly: economies optimized for global efficiency proved brittle under disruption, while societies that invested in prevention, adaptability, and trust weathered the storm better. This insight redirects our attention to individual resilience (physical, psychological, and social). Strong bodies and minds are the foundation of resilient communities. When individuals cultivate healthier lifestyles, better nutrition, and mental well-being, they reduce not only their personal vulnerability but also the collective reliance on scarce public resources. A society in which many individuals are resilient is itself more robust. ## Decay of Resilience in Modern Societies Over the last half-century, the very forces that defined modern progress (industrialization, globalization, digitalization, and the pursuit of efficiency) have paradoxically made us more fragile. Industrial agriculture and mass food processing have increased yields and convenience but depleted soils, reduced nutrient density, and flooded diets with ultra-processed products rich in sugar, seed oils, and additives. Chemical innovation has brought plastics, pesticides, and synthetic compounds into nearly every aspect of life, from packaging to water supplies, introducing chronic low-level exposures that disrupt hormonal and immune systems. Urbanization and motorized transport have reduced daily physical activity, while the dominance of screen-based work and entertainment has fostered sedentary habits. Meanwhile, the architecture of the modern economy (global supply chains, just-in-time production, and financialization) has optimized efficiency at the cost of redundancy and local self-sufficiency. Technological hyperconnectivity has amplified information overload, social comparison, and anxiety, contributing to the rise of depression and dependence on psychotropic medication. Collectively, these modern developments have eroded both individual and collective resilience: biologically through weakened immunity and chronic inflammation, psychologically through stress and alienation, and socially through the loss of redundancy, autonomy, and trust that once buffered communities against shocks. In short, while medicine has extended life expectancy, the cumulative effect of modern lifestyles and environmental degradation has been a decline in the average resilience of individuals. Our immune systems are less robust, our psychological health is weaker, and our dependence on external interventions (pharmaceuticals, hospitals, governments) has increased. This diagnostic underscores the urgency of a coupled system approach. The health of individuals cannot be separated from the health of the environment. Clean air, clean water, and nutrient-rich food are not luxuries but prerequisites for resilient societies. ## Human-Environment-Health Initiatives I propose a Human-Environment-Health Initiative: a ‘super-Apollo project’ mobilizing a few percent of global GDP each year to restore environmental integrity and rebuild human resilience. Financing would not depend on new taxes but on the reallocation of existing flows that currently undermine sustainability. Governments spend over $5 trillion annually on environmentally harmful subsidies supporting fossil fuels, chemical-intensive agriculture, and resource depletion. Redirecting even part of these funds toward regenerative farming, ecosystem restoration, pollution cleanup, and preventive health would yield far greater long-term returns. Additional resources could come from blended public-private financing, targeted carbon and toxicity levies, and outcome-linked instruments rewarding verified environmental and health gains. Governance should avoid centralized technocratic planning in favor of a liberal, transparent, and decentralized framework. The initiative would set broad measurable goals, such as reductions in chemical exposure, biodiversity recovery, and improved population health, while empowering nations, regions, and cities to innovate locally toward these ends. Independent monitoring bodies and open data platforms would track progress, ensuring accountability and enabling citizens, researchers, and investors to evaluate outcomes. Success would be measured not in GDP growth alone but through resilience metrics: ecosystem vitality, reduced chronic disease burden, and faster recovery from shocks. Elinor Ostrom (1933-2012), the first woman to win the Nobel Prize in Economics, showed, with her work on the governance of common-pool resources such as forests, fisheries, and irrigation systems, that local communities often manage more effectively than centralized authorities or pure market mechanisms. She identified a set of design principles that enable such systems to thrive: clearly defined boundaries, participatory rule-making, local monitoring, graduated sanctions, conflict-resolution mechanisms, and nested governance from the local to the global level. Drawing on Ostrom’s insights, the initiative would adopt a polycentric governance model in which self-organized communities, municipalities, and institutions share overarching goals but retain local autonomy. Rules and incentives would be co-designed by those directly affected, ensuring legitimacy and compliance. Transparent, community-based monitoring, supported by scientific guidance and open data, would replace hierarchical control. Higher-level institutions would coordinate and facilitate rather than command. This Ostrom-inspired architecture would make resilience-building both adaptive and democratic, combining global strategic coordination with locally grounded action: an open-source model of collective stewardship aimed at the joint flourishing of humanity and the biosphere. The objective is twofold: 1. **Depolluting the environment** to restore ecosystems that support human well-being. 2. **Depolluting our bodies** **and minds** by strengthening immune systems through education, lifestyle change, and medical approaches that treat the human organism as a holistic system. This perspective aligns with **both** traditional ecological and modern systems science. It recognizes that resilience emerges from feedback loops between individuals, societies, and their environment. ## Individual Responsibility and Education A second pillar of resilience is individual responsibility. Western democracies have cultivated a culture of dependency in which citizens expect the state to protect them from all harms and blame authorities when crises occur. However, resilience cannot be delegated. Each person must take responsibility for cultivating their own health and well-being. This requires large-scale educational programs to promote healthy diets, physical activity, and critical thinking. It also requires cultural change: re-embedding the idea that individuals are part of complex ecological systems, not separate from them. Education should start in childhood, emphasizing the connections between personal health, community well-being, and environmental sustainability. > «Resilience cannot be delegated. Each person must take responsibility for cultivating their own health and well-being.» Technology can play a role: apps, gamified tools, and social networks can provide mutual motivation and coaching. But the deeper change is psychological: shifting from passive reliance on external authorities to active responsibility for one’s own resilience. ## The Paradox of Fear and Governance Here lies the paradox. Resilience demands individual responsibility, critical thinking, and calm engagement with facts. Yet contemporary politics and media ecosystems thrive on fear. The 2008 financial crisis was framed as the brink of systemic collapse; massive public debts are depicted as existential threats for the Western welfare system; the pandemic generated rolling waves of panic; geopolitical rivalries are dramatized as imminent wars; and climate change is cast in apocalyptic tones. Why this pattern? Fear serves several functions. For media companies operating in the attention economy, fear is a profitable product: alarming headlines capture clicks, views, and advertising revenue. For policymakers, fear provides cover. It allows elites to deflect responsibility for policy failures, corruption, or incompetence by framing crises as external threats. It also justifies extraordinary measures, from financial bailouts to surveillance regimes, often with limited democratic debate. The result is a population trapped in permanent anxiety. Citizens are bombarded with warnings and apocalyptic narratives, leaving little space for rational analysis. In such an environment, the cultivation of individual resilience is undermined. Fear corrodes trust, narrows attention, and discourages personal responsibility, which are precisely the qualities that resilience requires. How, then, can we reconcile the call for individual resilience with a society addicted to fear? Several steps are necessary: 1. **Cultivating Media Literacy.** Individuals must learn to recognize fear-mongering and distinguish it from evidence-based information. Educational systems should teach not only health and nutrition but also critical thinking about media and information ecosystems. 2. **Reframing Narratives.** Leaders and communicators should shift from narratives of fear to narratives of capability. Crises should be presented as challenges to be met through resilience, cooperation, and innovation, rather than as existential doomsday scenarios. 3. **Building Grassroots Movements.** Since systemic reform is slow and elites benefit from the status quo, resilience must spread bottom-up. Communities of practice (neighborhood groups, schools, online networks) can model resilient behaviors and create positive contagion effects. 4. **Embedding Responsibility in Institutions.** Policies can align personal and collective resilience by rewarding responsibility and pricing negligence. The insurance model offers a compelling template: by linking premiums to risk profiles, it internalizes the costs of behavior: those who smoke or neglect health pay more, while those who maintain healthy lifestyles pay less. This principle can extend well beyond health insurance. In environmental policy, carbon and pollution pricing function as collective insurance, forcing emitters to bear the true costs of degradation while rewarding those who invest in clean technologies, regenerative agriculture, or circular production. Similarly, in finance, risk-weighted capital requirements and climate stress tests already adjust incentives toward long-term prudence, discouraging systemic fragility. Such mechanisms transform resilience from a moral exhortation into a market signal that fosters accountability and virtue. By making risk visible and costly, they promote preventive behavior across scales: individual, corporate, and governmental. Yet they also require new forms of ethical data governance: wearable devices, environmental sensors, and digital ledgers can provide accurate risk information, but their use must preserve privacy, transparency, and fairness. When designed with these safeguards, adaptive insurance-like systems can reduce both moral and environmental “pollution,” realigning personal choices and institutional behavior with the long-term health of society and the biosphere. In this way, individual resilience can coexist with, and eventually counterbalance, the fear economy. By reclaiming responsibility for their own health and decisions, citizens reduce their vulnerability both to external shocks and to manipulative narratives. ## Spreading Resilience Resilience is not merely a technical concept of risk management. It is a holistic vision of how individuals, societies, and ecosystems sustain themselves under stress. To build resilience, we must restore the health of our environments, strengthen individual immune systems, and cultivate responsibility at every level. But resilience also requires freeing ourselves from the grip of fear. Elites and the media will continue to trade in alarm and anxiety, because fear is a powerful instrument of power and profit. The task of resilience is not only biological and environmental but also cultural and cognitive: to resist manipulation, think critically, and act responsibly.. If individuals embrace this challenge of educating themselves, supporting one another, and re-embedding themselves in healthy ecosystems, the result could be a quiet revolution. From the bottom up, resilience can spread, making societies less dependent on fear and more capable of facing the inevitable crises of the future. ### The Hidden Costs of Monetary Policy URL: https://www.schweizermonat.ch/the-hidden-costs-of-monetary-policy/ Last updated: 2025-11-24T08:58:57.000Z Lesen Sie die deutsche Version [hier](https://www.schweizermonat.ch/die-versteckten-kosten-des-geldpolitischen-suendenfalls/). Throughout the 1990s and early 2000s, central banks focused on a single goal: controlling inflation. Their independence protected monetary policy from political influence. The global financial crisis of 2008 marked a turning point. Confronted with collapsing markets, central banks expanded their role. Alongside price stability, they sought to contain financial risk and keep sovereign borrowing costs under control. During the European sovereign debt crisis, countries such as Greece, Spain, and Italy struggled to repay government debt, raising fears of bankruptcy. Central banks intervened to reassure investors and keep financing costs manageable. Their main tool was quantitative easing (QE), involving large-scale purchases of long-term government bonds and selected corporate assets. Through these purchases, they pushed up prices for these securities and lowered long-term interest rates, making borrowing cheaper for governments, companies, and households. The scale of these programs was unprecedented. The ECB’s balance sheet stands at roughly [6 trillion euros, up from about 1 trillion in 2006](https://fred.stlouisfed.org/series/ECBASSETSW?ref=schweizermonat.ch). This represents a sixfold increase in less than 20 years. These interventions left central banks with much larger balance sheets and interest rates close to zero. Some expected the resulting liquidity to [boost growth](https://www.latimes.com/archives/blogs/money-company/story/2010-11-19/bernanke-strongly-defends-feds-actions-to-boost-economy-and-says-dont-call-it-quantitative-easing?utm%5Fsource=chatgpt.com). Others feared it would [trigger inflation](https://www.reuters.com/article/world/fed-s-plosser-warns-of-inflation-risks-from-qe-idUSTRE75816P/?utm%5Fsource=chatgpt.com). The first group believed cheaper credit would spur investment and consumption. The second pointed to historical cases of monetary excess. Neither outcome occurred. ## Squandered opportunities With hindsight, the explanation is clear: QE is not the same as printing money for fiscal spending. In countries like Venezuela or Argentina, central banks financed government deficits directly. QE, by contrast, injected liquidity into financial markets. Yet commercial banks, constrained by weak investment prospects and tighter regulation, did not pass on this liquidity to firms or households. As a result, QE failed to produce broad economic stimulus or sustained inflation while preventing any anxiety on sovereign (and corporate) bond markets for over a decade. Unintended effects followed. Asset prices, especially real estate, rose sharply, fueling concerns about [affordability and inequality](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0261560625001196?utm%5Fsource=chatgpt.com). Investors, pushed by central bank purchases, searched for returns elsewhere, driving up the prices of houses, stocks, and other assets. Wealthier households benefited, while younger or poorer households struggled to buy homes or invest. Persistently low rates also kept many unproductive firms alive. These [“zombie” firms survived only because borrowing was cheap](https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0304405X25000923?utm%5Fsource=chatgpt.com), despite being unable to grow or innovate. Their survival tied up resources that could have been used more productively. At the same time, governments, under less pressure from markets, delayed reforms. Without high borrowing costs to discipline them, politicians postponed fiscal adjustment and structural change. > «Investors, pushed by central bank purchases, searched for returns elsewhere, driving up the prices of houses, stocks, and other assets. Wealthier households benefited, while younger or poorer households struggled to buy homes or invest.» This combination of reform delays and weak productivity growth led to stagnation. Many commentators now refer to the 2010s as a “[lost decade](https://www.bloomberg.com/opinion/articles/2024-06-04/eu-elections-the-27-nation-bloc-is-having-an-identity-crisis?utm%5Fsource=chatgpt.com)” for Europe, marked by low dynamism and persistent structural problems. QE created space for reform, but policymakers failed to use it. Rather than reforming labor markets, simplifying regulation, or investing in long-term growth, many governments increased spending and ran structural deficits. Imbalances persisted or worsened. Italy illustrates this trend. The reform agenda launched by Mario Monti in 2011 was quickly dropped after ECB actions eased bond market pressure. The pandemic response followed a different model. This time, fiscal and monetary policy worked together. Governments introduced large stimulus programs, transferring funds directly to households and firms. Central banks again expanded their balance sheets to absorb the resulting debt. This approach prevented economic collapse. Incomes stabilized, firms survived, and unemployment stayed below early projections. However, strong demand met limited supply, creating inflationary pressure. When external shocks, such as energy price spikes and supply chain disruptions, followed, inflation surged. Central banks were then forced to reverse earlier policies. ## Central banks cannot create growth Where does this leave us? Central bank interventions can stabilize economies in the short term, but they come with costs. As Milton Friedman used to say, there is no such thing as a free lunch. Some costs, like inflation, appear quickly. Others, such as zombie firms and reduced pressure on governments to cut deficits, emerge gradually. Central banks can delay fiscal reckoning, but they cannot replace political decisions. Long-term growth requires higher productivity, stronger competition, and credible fiscal policy. Productivity growth (i.e., producing more with the same resources) raises living standards. Monetary policy cannot create this. Only structural reforms and investments in education, infrastructure, and innovation can. The necessary measures are well known but politically difficult: simpler regulations, more flexible labor markets, stronger incentives for private investment. Monetary policy can buy time, but it cannot substitute for reform. It may even delay it by softening market discipline and fostering dependence on central banks. The expanding role of central banks also threatens their independence. If they are expected to support fiscal policy or pursue political goals such as green investments or industrial strategies, the case for independence weakens. The boundary between monetary and fiscal authority is already less clear. The political careers of former central bankers like Janet Yellen that went from being governor of the Fed to treasury secretary for the Biden administration and Mario Draghi, who went from president of the ECB to prime minister of Italy, underscore this shift. The line between technocratic policy and political responsibility continues to blur. > «The expanding role of central banks also threatens their independence.» Central banks are not all-powerful and should start to downsize before it is too late. Concretely, this means leaving governments to face markets without monetary support, pruning initiatives that do not concern their core mandate, and allowing risks to exist, as there is no growth without creative destruction. The fewer responsibilities central banks take on, the better they can safeguard independence and focus on their core task: stabilizing prices and keeping inflation under control. Over time, protecting that independence serves everyone’s interest. _Includes the latest 500 public posts. Use `/sitemap.xml` for the complete archive of public content._