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# Liechtenstein ist zu klein, um alles selbst zu machen – gerade das macht seinen Bildungs- und Forschungsstandort stark
- URL: https://www.schweizermonat.ch/liechtenstein-ist-zu-klein-um-alles-selbst-zu-machen-gerade-das-macht-seinen-bildungs-und-forschungsstandort-stark/
- Published: 2026-09-14T04:13:33.000Z
- Updated: 2026-09-14T04:13:33.000Z
- Description: Wissen ist Liechtensteins wichtigste Ressource. Doch ein Kleinstaat kann Bildung und Forschung nicht allein organisieren. Seine Stärke liegt in eigenen Institutionen – und in der engen Zusammenarbeit mit der Schweiz und Europa.
- Author: Christian Frommelt
- Tags: Ausgabe: Sonderpublikation 54 – September 2026

International ist Liechtenstein vor allem als Finanzplatz und Industriestandort bekannt. Das kleine Land ist aber trotz seiner begrenzten personellen Ressourcen auch ein interessanter Bildungs- und Forschungsstandort. Wie klein das Land ist und wie wichtig die Bildung für die wirtschaftliche Entwicklung war, zeigt eine Episode aus den frühen 1960er-Jahren. Damals ergab eine Erhebung der offiziellen Vereinigung der liechtensteinischen Industrieunternehmen, dass in deren Mitgliedsbetrieben lediglich 42 Akademiker beschäftigt waren, davon nur 2 Liechtensteiner. Von 91 Ingenieuren stammten nur 8 aus Liechtenstein. Dieser Mangel an technischen Fachkräften führte dazu, dass Regierung und Wirtschaft in einer gemeinsamen Initiative das Abendtechnikum Vaduz gründeten, um so den aufstrebenden heimischen Unternehmen mehr gut ausgebildete Fachkräfte zuzuführen.

Das Abendtechnikum entwickelte sich über mehrere Etappen zur heutigen Universität Liechtenstein: zunächst zur Ingenieurschule, dann zur Fachhochschule und seit 2011 zur Universität. Die Universität Liechtenstein ist die einzige Hochschule des Landes, die Bachelor-, Master- und Doktoratsstudiengänge anbietet. Als öffentlich-rechtliche Stiftung finanziert sie sich zu rund 75 Prozent aus öffentlichen Geldern. Mit knapp 700 Studenten ist sie deutlich kleiner als die Schweizer Universitäten. Das Studienangebot konzentriert sich auf die Themen Architektur und Raumentwicklung, Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsrecht. Letzteres ist vor allem in den Weiterbildungsprogrammen zentral.

> «Mehr als 80 Prozent der Studenten wollen nach ihrem Abschluss in Liechtenstein oder in der Region arbeiten.»

Für einen Staat mit knapp 41000 Einwohnern ist die Hochschullandschaft bemerkenswert: Neben der staatlichen Universität gibt es mit der auf Doktoratsstudiengänge fokussierten Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein (UFL) noch eine zweite Universität sowie mit dem Liechtenstein-Institut ein eigenes Forschungsinstitut. Allen drei Institutionen ist gemeinsam, dass sie sich mit gegenwärtigen und künftigen Problemen von Wirtschaft, Gesellschaft, Staat sowie der internationalen Zusammenarbeit befassen. Damit tragen sie nicht nur zur Ausbildung von Fachkräften bei, sondern leisten durch ihre Forschung einen wichtigen Beitrag zur Eigenstaatlichkeit Liechtensteins und zu dessen nachhaltiger Entwicklung.

## Regional verankert

Die liechtensteinische Wirtschaft ist stark international geprägt: 2025 hatten 72 Prozent der Beschäftigten keine liechtensteinische Staatsangehörigkeit. Diese Internationalität zeigt sich auch an der Universität Liechtenstein. Unter den knapp 700 Studenten sind derzeit über 50 Nationalitäten vertreten. Betrachtet man nur die konsekutiven Programme, also Bachelor-, Master- und PhD-Studiengänge, dann verfügen lediglich 10 Prozent der Studenten über die liechtensteinische Staatsangehörigkeit. Die Mehrheit stammt aus Österreich und Deutschland. Knapp über 10 Prozent kommen aus der Schweiz.

> «Wessen Ressourcen knapp sind und wer über keinen grossen Heimmarkt verfügt, kann sich Beliebigkeit nicht leisten.»

Mehr als 80 Prozent der Studenten wollen nach ihrem Abschluss in Liechtenstein oder in der Region arbeiten; viele tun dies bereits während ihres Studiums. Die Universität bildet also nicht nur aus, sondern bindet Talente auch an die Region. Für einen Standort mit chronischem Fachkräftebedarf ist das ein Schlüsselfaktor für den langfristigen Erfolg. Ähnliches gilt für die diversen Weiterbildungsangebote, welche gezielt auf die Bedürfnisse der regionalen Unternehmen ausgerichtet sind. Hier gilt der Grundsatz:Wessen Ressourcen knapp sind und wer über keinen grossen Heimmarkt verfügt, kann sich Beliebigkeit nicht leisten.

## Internationale Kooperation

Als Kleinststaat muss Liechtenstein Studenten, Lehrer und Partner auch ausserhalb des Landes überzeugen. Akkreditierungen nach Schweizer und internationalen Standards sind deshalb mehr als akademische Pflichtübungen: Sie fördern die Qualität in Lehre und Forschung und machen Abschlüsse international anschlussfähig. Die Gründung und Förderung einer staatlichen Hochschule mag staatspolitisch motiviert sein. Ihr Überleben kann eine Hochschule in Liechtenstein aber nur sichern, wenn sie sich dem internationalen Wettbewerb stellt.

Damit befinden sich die Bildungsinstitutionen in einer ähnlichen Ausgangslage wie die liechtensteinischen Unternehmen. Auch diese können sich nicht auf einen grossen Heimmarkt stützen, sondern müssen sich international bewähren. Die Mitgliedschaft Liechtensteins im EWR ist dabei auch für die Universität Liechtenstein von grosser Bedeutung – insbesondere durch die Teilnahme am Erasmus+-Programm. Kleinheit zwingt zur Offenheit – in der Wirtschaft ebenso wie in der Bildung.

## Enge Anbindung an die Schweiz

Für Liechtenstein ist die Schweiz im Bildungsbereich weit mehr als ein einfaches Nachbarland. Fast 60 Prozent der Studenten aus Liechtenstein besuchen eine Universität in der Schweiz. Für junge Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner ist die Schweiz damit das mit Abstand beliebteste Ausbildungsland. Das Fürstentum beteiligt sich deshalb auf Hochschulstufe an dem schweizweiten, interkantonalen Ausgleich für die Ausbildungskosten. Ebenso ist das Land Liechtenstein ein Mitträger der Fachhochschule OST und von RhySearch, einem Forschungs- und Innovationszentrum für das Rheintal. Damit fördert das Land gezielt Angebote und Leistungen, welche in Liechtenstein nicht oder zumindest nicht gleich effizient erbracht werden können.

> «Kleinheit zwingt zur Spezialisierung und zur Zusammenarbeit.»

Wie wichtig Innovationen für eine kleine Volkswirtschaft sind, zeigt ein internationaler Vergleich der Investitionen in Forschung und Entwicklung. Diese betrugen 2023 rund 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Liechtensteins, gegenüber 2,7 Prozent im OECD-Durchschnitt und 3,3 Prozent in der Schweiz. Bemerkenswert ist vor allem, wer diese Forschung finanziert: fast ausschliesslich die Privatwirtschaft, insbesondere die Industrie. Gemessen am BIP zählt das vermeintlich kleine Liechtenstein so zu den forschungsstärksten Ländern der OECD.

Auch in der Forschung gilt deshalb: Ein Kleinstaat kann nicht alles selbst leisten.Liechtenstein braucht eigene Hochschulen und öffentliche Investitionen, ebenso aber Unternehmen, die Forschung finanzieren, Fachkräfte aus dem Ausland und den Zugang zu grösseren Bildungs- und Forschungsräumen. Gerade darin liegt die Logik des Standorts:Kleinheit zwingt zur Spezialisierung und zur Zusammenarbeit.Sie wird dort als Chance genutzt, wo kurze Wege und persönliche Kontakte sowie eine klare Profilbildung Vorteile schaffen. Verringert die Kleinheit aber die Effizienz, ist Liechtenstein um eine enge regionale und internationale Zusammenarbeit bemüht. Für Liechtenstein sind die Schweiz und Europa deshalb keine Ergänzung zum eigenen Bildungs- und Forschungsraum, sondern ein Teil davon.