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# Liechtenstein hat aus seinen Nachteilen einen Trumpf gemacht
- URL: https://www.schweizermonat.ch/liechtenstein-hat-aus-seinen-nachteilen-einen-trumpf-gemacht-2/
- Published: 2026-09-14T04:06:43.000Z
- Updated: 2026-09-14T04:06:43.000Z
- Description: Liechtenstein meistert die Herausforderungen seiner Kleinheit, indem es sich ständig anpasst und an Widerständen wächst. An dieses Erfolgsrezept muss sich das Fürstentum heute mehr denn je halten – denn die Zeiten werden rauer.
- Author: Gerald Hosp
- Tags: Ausgabe: Sonderpublikation 54 – September 2026

Liechtenstein zählt nach den gängigsten Wohlstandsmassen zu den reichsten Ländern der Welt. Internationale Vergleiche sind zwar tückenreich oder verzwickt, weil die Hälfte der Beschäftigten im Ausland lebt und in Liechtenstein als Grenzgänger arbeitet. Es ist aber gleichgültig, ob das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung oder pro Beschäftigten, das Bruttonationaleinkommen pro Kopf oder ein Konzept wie das verfügbare Äquivalenzeinkommen verwendet wird; Liechtenstein nimmt stets einen der obersten Plätze in den Listen der reichsten Länder ein.

Bis in die Zwischenkriegszeit des 20\. Jahrhunderts war Liechtenstein ärmlich und kleinbäuerlich-handwerklich geprägt. In dieser Zeit wurde jedoch der Grundstein für den wirtschaftlichen Aufstieg gelegt. Bis 1919 bestand eine Zollunion zwischen Liechtenstein und Österreich-Ungarn. In dieser Phase prägten Schweizer Textilfabrikanten die erste Industrialisierungswelle Liechtensteins; mit der Produktion im Fürstentum wollten sie die Zölle der Doppelmonarchie vermeiden.

Nach dem Zerfall der Donaumonarchie machte Liechtenstein das Naheliegende und schloss 1923 einen Zollanschlussvertrag mit der Schweiz ab; 1924 folgte die Übernahme des Schweizer Frankens. Die Neuorientierung wurde zum Glücksfall; die vom Krieg unversehrte Schweiz erwies sich als politischer und wirtschaftlicher Stabilitätsanker für das Fürstentum.

In den 1920er-Jahren entstanden zudem ein neues Steuersystem und ein neues Personen- und Gesellschaftsrecht. Diese bildeten die Grundlage einer liberal ausgerichteten Wirtschafts- und Rechtsordnung und des Finanzplatzes. Eine zweite Industrialisierungswelle brachte den Aufbau der Maschinen- und Metallbauindustrie. Liechtenstein schaffte es, sich in dieser Zeit des Umbruchs neu zu erfinden. 

## **Das Dilemma der Kleinheit**

Nach dem Zweiten Weltkrieg startete im Fürstentum die Wirtschaftsentwicklung durch. Liechtenstein überholte, gemessen am Wohlstandsniveau, gar die Schweiz. Das Land hat niedrige Steuern, gute Sozialleistungen, eine hohe Lebensqualität, keine Staatsverschuldung, ein grosses Finanzpolster der öffentlichen Haushalte für schlechtere Zeiten und die Leute sind vergleichsweise zufrieden.

Ein Blick in die Liste der wohlhabendsten Länder zeigt, dass Liechtenstein per se keine Besonderheit ist. Vor allem Klein- und Kleinststaaten besetzen die obersten Ränge. Aber Kleinheit alleine ist noch nicht für jedes Land eine Erfolgsgarantie. Internationale Entwicklungen können sich vielmehr heftiger in kleineren Ländern als in grösseren niederschlagen. Die Vergangenheit zeigt, dass Liechtenstein in Zeiten geopolitischer Umbrüche langfristig richtig reagiert hat.

Im Buch «The Size of Nations» beschreiben die Ökonomen Alberto Alesina und Enrico Spolaore einen Zielkonflikt, der die (optimale) Grösse von Staaten betrifft: Einerseits produzieren und verwalten grössere Staaten öffentliche Güter wie Infrastruktur, Rechtssystem oder Verteidigung günstiger pro Kopf als kleinere; andererseits ist in grossen Staaten die Bevölkerung unterschiedlicher, politische Entscheidungen werden schwieriger.

## Widerstandskraft liegt in der Natur

Liechtenstein hebelt teilweise den Nachteil der Kleinheit aus, indem einige staatliche Aufgaben in Zusammenarbeit mit der Schweiz ausgeübt werden. Dadurch kann eine schlanke Verwaltung erhalten bleiben. Zudem profitieren kleine Staaten übermässig von einer Weltordnung, die auf offene Märkte und Regelgebundenheit ausgerichtet ist.

> «Liechtenstein hebelt teilweise den Nachteil der Kleinheit aus, indem einige staatliche Aufgaben in Zusammenarbeit mit der Schweiz ausgeübt werden.»

Neben der Zollunion und weiteren Abkommen mit der Schweiz sichert sich Liechtenstein den Zugang zu wichtigen Märkten mit der Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), in der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) und in der Welthandelsorganisation (WTO).

Die Homogenität der Bevölkerung sowie das Zusammenspiel zwischen direkter Demokratie und der auf Langfristigkeit ausgerichteten Monarchie sind ein Trumpf und schlagen sich in politisch stabilen Verhältnissen nieder, die förderlich für die wirtschaftliche Entwicklung sind.

Dies könnte aber auch zu einer Verkrustung und zu einer Nabelschau führen. Doch Liechtenstein steht gewissermassen in einem institutionellen Wettbewerb mit der Schweiz und den einzelnen Kantonen, was die Politik dynamischer als auf den ersten Blick macht. Liechtenstein hat hierbei den Vorteil der Eigenstaatlichkeit und der kurzen Reaktionswege.

«Wenn man aus einem kleinen Land stammt, ist man so gut wie überall auf der Welt im Ausland. Man ist gewissermassen … ein verschwindendes Ereignis», schrieb der Liechtensteiner Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger.

Das Zitat zeigt die Abhängigkeiten auf, aber auch die Einsicht, dass man sich im internationalen Wettbewerb behaupten muss. Der Liechtensteiner Markt ist zu klein, als dass man sich darin ausruhen könnte. Die exportorientierten Unternehmen und viele der Akteure am Finanzplatz sind ständig starker Konkurrenz ausgesetzt.

> «Der Liechtensteiner Markt ist zu klein, als dass man sich darin ausruhen könnte.»

Dadurch gehört Widerstandsfähigkeit zum Naturell der Liechtensteiner Unternehmen. Rund 40 Prozent der Bruttowertschöpfung stammen aus der Industrie. Damit ist das Fürstentum eines der höchstindustrialisierten Länder der Welt, was auch erklärt, warum Liechtenstein wie ein Fitnessstudio wirkt.

Dazu zählt auch, dass der Politik in vielen Dingen die Hände gebunden sind: Eine aktive Industriepolitik würde ebenso aufgrund der Kleinheit verpuffen wie eine ausgabenfreudige Fiskalpolitik. Die zusätzlichen Gelder würden ins Ausland fliessen. Die Geldpolitik ist ohnehin in den Händen der Schweizer Nationalbank. Wirtschaftspolitik bedeutet hierzulande eine Stärkung der Rahmenbedingungen.

> «Die Störungen vergangener Zeit haben das Land gestärkt und zukunftsfähiger aufgestellt.»

Liechtenstein muss sich trotz aller Resilienz auf eine veränderte Welt einstellen. Die Erfolgsfaktoren bleiben jedoch intakt. Die Störungen vergangener Zeit haben das Land gestärkt und zukunftsfähiger aufgestellt. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Zumwinkel-Affäre. Der Diebstahl von Daten einer Liechtensteiner Bank führte 2008 zu Ermittlungen gegen den damaligen Chef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung. Der Liechtensteiner Finanzplatz kam unter Druck. Liechtenstein setzte danach auf eine konsequente Weissgeldstrategie. Das Potenzial liegt in der Notwendigkeit, nach vielen Seiten offen zu sein, und in der Eigenstaatlichkeit, mit der Nischen im internationalen Gefüge besetzt werden können.

## Gefahr der Wohlstandsmüdigkeit

Das heisst aber nicht, dass es keinen Reformbedarf gebe. Der falsche Weg wäre es, auf geopolitische Veränderungen mit einem Sicherheits- und Stabilitätsdenken zu reagieren, das erst recht fragil macht, weil es nur konservieren will. Auch in Liechtenstein macht sich eine gewisse Vollkaskomentalität und Wohlstandsmüdigkeit breit. Um zukunftsfähig zu bleiben, ist es notwendig, weiterhin an gesunde Staatsfinanzen für die Zukunft zu denken.

> «Auch in Liechtenstein macht sich eine gewisse Vollkaskomentalität und Wohlstandsmüdigkeit breit.»

Eine grosse Herausforderung ist die demografische Entwicklung. So sind Probleme in der Finanzierung der Pflege vorprogrammiert. Zu diesem Zweck sollten Staatsreserven für die Teil- oder Anschubfinanzierung künftiger Pflege und Betreuung vorgemerkt werden. Zudem gilt es das inländische Potenzial für den Arbeitsmarkt zu heben. Arbeiten im Alter sollte attraktiver werden; auch gilt es den Frauenanteil in der Erwerbsbevölkerung zu erhöhen.

Eine der grössten Veränderungen derzeit ist die Neuordnung der Sicherheitsarchitektur in Europa. Davon ist auch Liechtenstein betroffen. Wie die jüngsten Ereignisse zeigen, nimmt die Bedeutung der Verteidigung auch unterhalb einer militärischen Schwelle wie Cybersicherheit zu. Liechtenstein sollte dabei vernetzt denken und seinen Beitrag für die europäische Sicherheit leisten.

> «Derzeit achtet man zu sehr auf Sicherheit und Stabilität. Stattdessen sollte sich Liechtenstein neu positionieren, um die geopolitischen Veränderungen zu meistern und die Chancen künstlicher Intelligenz zu nutzen.»

Es ist eine Floskel: Umbruchszeiten bringen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Dennoch: Derzeit achtet man zu sehr auf Sicherheit und Stabilität. Stattdessen sollte sich Liechtenstein neu positionieren, um die geopolitischen Veränderungen zu meistern und die Chancen künstlicher Intelligenz zu nutzen. Die Stabsstelle EWR koordiniert die Umsetzung und Übernahme von Rechtsakten des Europäischen Wirtschaftsraums. Um Möglichkeiten auszuleuchten, wie Liechtenstein beim Wettbewerb der Systeme eine weitere Rolle spielen könnte, wäre jedoch eine Stabsstelle für internationale Spielräume vonnöten.