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# Katie Taylor zeigt: Anerkennung lässt sich erkämpfen, aber nicht verordnen
- URL: https://www.schweizermonat.ch/katie-taylor-zeigt/
- Published: 2026-10-07T06:34:32.000Z
- Updated: 2026-10-07T06:38:26.000Z
- Description: Die irische Boxerin hat das Publikum mit Können und Mut für sich gewonnen. Wer Frauen den Weg in den Sport ebnen will, sollte den Zuschauern selbst überlassen, wen sie bewundern.
- Author: Mathias Müller
- Tags: Kolumne, Der stoische Pirat

Am 5\. September trat Katie Taylor im Croke Park in Dublin zu ihrem letzten Kampf an. Über 80 000 Menschen füllten das ausverkaufte Stadion. Beim Ringwalk Tausende Handys in der Höhe, Feuerwerk über dem Dach. Taylor ging langsam auf den Ring zu, die Arme ausgestreckt, während aus den Lautsprechern «All Hail King Jesus» lief. Männer und Frauen, Junge und Alte, Leute aus allen Schichten schrien ihren Namen. Ein ganzes Land verabschiedete eine seiner grössten Sportpersönlichkeiten.

In Irland sahen in der Spitze 1,6 Millionen Menschen den Kampf im Fernsehen – in einem Land mit gut fünf Millionen Einwohnern. Durchschnittlich sahen fast eine Million Menschen zu, der Marktanteil lag bei 74 Prozent. Das muss man sich einmal vorstellen.

Und ausgerechnet diese Frau wurde in einer Sportart zum Superstar, die weit oben auf der Liste der angeblich toxisch männlichen Tätigkeiten steht: Boxen. Zwei Menschen steigen in einen Ring und versuchen, einander zu schlagen. Keine Quote hilft ihnen dort. Kein Diversity-Beauftragter kann eingreifen, kein Kommunikationskonzept korrigiert das Resultat, keine Kampagne erklärt dem Publikum hinterher, weshalb es hätte hinschauen sollen. Nach drei Minuten läutet die Glocke. Am Ende steht fest, wer besser war.

Brutaler kann Meritokratie kaum sein. Und genau das ist ein Teil des Erfolgs.

Menschen wollen Leistung sehen. Sie wollen Mut sehen. Sie wollen jemanden sehen, der fällt und wieder aufsteht. Boxfans respektieren Sieger, erstaunlicherweise aber auch Verlierer. Wer zehn Runden lang alles gibt, Schmerzen aushält, Herz zeigt und nicht aufgibt, kann einen Kampf verlieren und trotzdem mit mehr Respekt aus dem Ring steigen.

> «Menschen wollen Leistung sehen. Sie wollen Mut sehen. Sie wollen jemanden sehen, der fällt und wieder aufsteht.»

Anerkennung wird hier nicht verteilt. Sie wird verdient.

## Erfolg ohne Sonderbehandlung

Katie Taylor hat genau das getan. In ihrer Kindheit war Frauenboxen in Irland kaum vorgesehen. Sie trainierte mit den Jungen und gab sich bei Wettkämpfen mitunter als Junge aus, um überhaupt kämpfen zu können. Ihr Vater Pete, selbst Boxer, führte sie an den Sport heran und trainierte sie in entscheidenden Jahren ihrer Karriere. 2016, im Jahr ihrer olympischen Enttäuschung, trennte sie sich von ihm. Danach wurde sie als Profi erst recht zur dominanten Figur. Aus dem Mädchen aus Bray wurde eine Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin. Geschenkt wurde ihr davon nichts.

Und noch etwas passt schlecht ins Bild der modernen Heldin: Katie Taylor ist eine tiefgläubige Christin. Ihr Glaube ist keine PR-Dekoration. Sie erzählt seit Jahren, dass Gott ihrem Leben einen Sinn gegeben und sie durch Niederlagen getragen habe. Für den letzten Ringwalk wählte sie ein christliches Lied.

Falscher Sport, falsches Milieu, falsche Religion. So sieht es aus, in den Augen der Progressiven und Woken. Und trotzdem wurde sie von einem ganzen Land geliebt.

Vielleicht erzählt uns das etwas. Häufig hört man, Männer interessierten sich schlicht nicht für Frauensport. Das Patriarchat verhindere Aufmerksamkeit, Frauen würden nicht ernst genommen, männliche Zuschauer wollten lieber Männer sehen. Die Antwort der Verbände, der Politik und Teile der Medien darauf lautet immer gleich: Quoten, Förderprogramme, Kampagnen, Awareness. Man soll die Leute dazu bringen, das Richtige gut zu finden. Notfalls erklärt man ihnen, weshalb sie falsch liegen, wenn sie es nicht tun.

Katie Taylor ist der Gegenbeweis. Boxfans mussten nicht erst darüber aufgeklärt werden, weshalb sie diese Frau bewundern sollten. Sie sahen es. Geschwindigkeit, Technik, Mut. Siege und Niederlagen. Einen Menschen, der sich entwickelte, litt, zurückkam und immer wieder die stärksten Gegnerinnen suchte.

Das Publikum kam nicht, weil ihm jemand erklärte, es müsse Frauensport unterstützen. Es kam wegen Katie Taylor.

> «Das Publikum kam nicht, weil ihm jemand erklärte, es müsse Frauensport unterstützen. Es kam wegen Katie Taylor.»

## Applaus lässt sich nicht verordnen

Das ist der Unterschied zwischen verordneter Aufmerksamkeit und echter Anerkennung. Und es ist genau das, was an der heutigen Gleichstellungspolitik mühsam ist: nicht die offene Tür, sondern der Versuch, den Applaus mitzuliefern. Diversity-Beauftragte können Zugang organisieren. Sie können keine Bewunderung erzeugen. Wer das trotzdem versucht, behandelt das Publikum wie ein unmündiges Kind und die Athletin wie ein Förderprojekt. Beides ist eine Beleidigung.

Eine liberale Gesellschaft kann Hindernisse beseitigen. Sie kann dafür sorgen, dass einem Mädchen der Zugang zum Boxgym oder zum Ring nicht aufgrund seines Geschlechts verweigert wird. Was sie nicht garantieren kann und niemals garantieren sollte, ist Applaus. Applaus muss freiwillig sein. Man kann jemanden auf eine Bühne stellen. Man kann niemanden zwingen, hinzusehen.

Die grösste Emanzipation findet nicht dann statt, wenn eine Frau aufgrund ihres Geschlechts bewundert werden soll, sondern dann, wenn niemand mehr daran erinnert werden muss, dass sie eine Frau ist.

Im Croke Park standen über 80 000 Menschen. Über dem Stadion explodierte Feuerwerk. Katie Taylor ging auf den Ring zu, während ein christliches Lied durch die Arena hallte. Es war kein politischer Sieg. Es war kein Sieg einer Quote. Es war der Triumph eines Menschen, der sich seine Anerkennung erkämpft hatte.

Der Liberalismus verspricht niemandem Applaus. Er verspricht nur die Freiheit, ihn sich zu verdienen.

> «Der Liberalismus verspricht niemandem Applaus. Er verspricht nur die Freiheit, ihn sich zu verdienen.»