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# In der neuen Weltordnung könnte Brasilien der grosse Gewinner sein
- URL: https://www.schweizermonat.ch/in-der-neuen-weltordnung-konnte-brasilien-der-grosse-gewinner-sein/
- Published: 2026-09-03T12:58:33.000Z
- Updated: 2026-09-03T13:59:42.000Z
- Description: Das südamerikanische Land haben viele nicht auf dem Radar. Meine jahrelange Erfahrung sagt mir: zu Unrecht.
- Author: Markus Willi Fischer
- Tags: Debatte

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Manchmal frage ich mich, ob wir erst im Rückblick erkennen, dass wir mitten in einem historischen Wendepunkt gelebt haben. Seit jeher haben mich Geschichte und Geopolitik fasziniert. Besonders interessierten mich jene Momente, in denen sich die Welt grundlegend veränderte – der Aufstieg und Niedergang grosser Reiche, wirtschaftliche Machtverschiebungen und die Frage, weshalb manche Nationen über Jahrhunderte erfolgreich waren, während andere an Bedeutung verloren.

Daneben hatte ich noch eine eher ungewöhnliche Leidenschaft. Schon als junger Mensch las ich über Nostradamus und andere historische Seher. Nicht weil ich glaubte, sie könnten die Zukunft vorhersagen, sondern weil mich faszinierte, wie Menschen seit Jahrhunderten versuchten, in rätselhaften Texten Hinweise auf kommende Entwicklungen zu erkennen. Besonders grosses Interesse weckten bei mir Interpretationen, die Brasilien als einen Ort beschrieben, der von den grossen Konflikten der Welt vergleichsweise verschont bleiben könnte.

Ob diese Deutungen zutreffen, weiss niemand. Für mich waren sie nie mehr als ein Denkanstoss.

Heute interessieren mich weniger Prophezeiungen als Daten, Entwicklungen und Zusammenhänge. Vielleicht war Nostradamus lediglich der Auslöser, mich intensiver mit einem Land zu beschäftigen, dessen Stärken sich heute weit überzeugender mit Geografie, Demografie und Wirtschaft erklären lassen als mit mystischen Versen.

Ich schreibe diesen Essay weder als Ökonom noch als Politikwissenschafter. Ich schreibe ihn als Schweizer, der in Europa gelebt hat und seit einigen Jahren in Brasilien zu Hause ist. Meine Überzeugungen beruhen auf Beobachtungen. Und auf der Erfahrung, dass langfristige Entwicklungen oft wichtiger sind als die Schlagzeilen eines einzelnen Tages.

## Eine Welt im Wandel

Wenn ich heute die internationale Lage betrachte, sehe ich zwar grosse Herausforderungen, jedoch keine Welt vor dem Zusammenbruch. Ich sehe vielmehr eine Welt im Wandel.

Nach dem Ende des Kalten Krieges schien vieles eindeutig. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren die dominierende Weltmacht, Europa wuchs wirtschaftlich zusammen und die Globalisierung schien unaufhaltsam. Viele glaubten, diese Ordnung werde dauerhaft bestehen.

Heute ist das Bild differenzierter. Die Vereinigten Staaten bleiben wirtschaftlich, technologisch und militärisch eine der stärksten Nationen der Welt. Gleichzeitig stehen sie vor Herausforderungen wie hoher Staatsverschuldung, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender Konkurrenz durch andere Wirtschaftsräume. Das bedeutet aus meiner Sicht nicht den Niedergang der USA. Es bedeutet vielmehr, dass die Welt nicht mehr ausschliesslich von einer einzigen Macht geprägt wird.

> «Ich habe die Schweiz nicht verlassen, weil ich das Vertrauen in Europa verloren hätte, sondern weil ich überzeugt bin, dass man die Zukunft besser versteht, wenn man bereit ist, die Welt auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten.»

Als Schweizer empfinde ich Europa nach wie vor als einen aussergewöhnlichen Kontinent. Rechtsstaatlichkeit, Bildung, Innovation und Lebensqualität gehören weltweit zur Spitze. Dennoch sind die strukturellen Herausforderungen nicht zu übersehen. Der demografische Wandel, Fragen der Migration, die Energieversorgung und die teilweise schwierige Entscheidungsfindung innerhalb der Europäischen Union werden die kommenden Jahrzehnte prägen.

Ich habe die Schweiz nicht verlassen, weil ich das Vertrauen in Europa verloren hätte, sondern weil ich überzeugt bin, dass man die Zukunft besser versteht, wenn man bereit ist, die Welt auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

## Die Rückkehr der Geografie

Lange glaubten wir, Digitalisierung und Globalisierung hätten die Bedeutung der Geografie überwunden.

Die vergangenen Jahre haben jedoch gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Pandemien, unterbrochene Lieferketten, geopolitische Konflikte und Energiekrisen haben deutlich gemacht, wie wichtig Wasser, Energie, Landwirtschaft und Rohstoffe sind. Tim Marshall hat dies in seinem Standardwerk «Prisoners of Geography» eindrücklich aufgezeigt.

Als ich vor einigen Jahren hierhin zog, begann ich, viele Dinge neu zu sehen. Plötzlich hatte ich täglich vor Augen, über welche natürlichen Voraussetzungen dieses Land verfügt.

Die grösste Volkswirtschaft Südamerikas wird im Ausland häufig durch politische Schlagzeilen wahrgenommen. Dabei geraten die langfristigen Stärken des Landes aus dem Blick.

> «Brasilien verfügt über enorme Süsswasserreserven, fruchtbare Böden, eine moderne Landwirtschaft, bedeutende Rohstoffvorkommen und einen hohen Anteil erneuerbarer Energien.»

Brasilien verfügt über enorme Süsswasserreserven, fruchtbare Böden, eine moderne Landwirtschaft, bedeutende Rohstoffvorkommen – gerade die seltenen Erden werden an geopolitischer Bedeutung gewinnen – und einen hohen Anteil erneuerbarer Energien. Hinzu kommen ein grosser Binnenmarkt und eine geografische Lage weit entfernt von vielen der heutigen geopolitischen Spannungsräume. Ohnehin ist Brasilien seit jeher eher friedfertig und auf Konsens aus.

Natürlich lösen diese Voraussetzungen nicht automatisch alle Probleme. Der südamerikanische Staat kennt Bürokratie, massive soziale Ungleichheit, politische Polarisierung und wirtschaftliche Schwankungen. Gerade deshalb bin ich optimistisch. Brasilien ist nicht perfekt, aber seine strukturellen Voraussetzungen werden häufig unterschätzt.

## Langfristiges Denken

Vielleicht liegt der grösste Unterschied zwischen kurzfristigem und langfristigem Denken darin, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Kurzfristig dominieren Wahlen, Börsenkurse oder Konjunkturdaten.

Langfristig sind andere Fragen entscheidend: Wie entwickelt sich die Demografie? Welche Länder verfügen über ausreichend Wasser (das Amazonasgebiet hat eines der grössten Süsswasservorkommen der Welt)? Wo entstehen neue Infrastrukturprojekte? Welche Regionen bleiben politisch stabil? Wo können auch kommende Generationen gut leben und wirtschaften?

## Immobilien als Ausdruck langfristiger Überzeugung

Immobilien haben mich nie deshalb interessiert, weil sie kurzfristige Gewinne versprechen. Mich interessiert ihr Charakter als Sachwert. Eine gute Immobilie erfüllt einen realen Zweck. Menschen wohnen darin, arbeiten darin oder verbringen dort ihre Freizeit.

Deshalb sehe ich ausgewählte Immobilieninvestitionen in Brasilien als Ausdruck eines langfristigen Vertrauens in die Entwicklung eines Standortes. Natürlich gilt auch hier: Nicht jede Region eignet sich gleichermassen. Qualität, Lage, Infrastruktur und sorgfältige Prüfung bleiben entscheidend. Als attraktiv beurteile ich in dieser Hinsicht etwa den Nordosten Brasiliens, im Speziellen die Küstenregion von Ceará. Diese Region bietet eine Kombination von Vorteilen, die selten zu finden ist (unter anderem ein strukturierter und wachsender Tourismus, internationale Luftverkehrsanbindung und ganzjährig angenehmes Klima).

## Übergang zu einer multipolaren Welt

Vielleicht entwickelt sich die Welt ganz anders. Doch wenn ich heute nochmals entscheiden müsste, in welchem Land ich langfristig leben, investieren und an die Zukunft glauben möchte, dann würde ich wieder Brasilien wählen. Natürlich gibt es auch Risiken, die höher sind als in entwickelten Ländern (etwa politische Instabilität). Meine persönliche Erfahrung als Investor ist aber, dass sich in den letzten dreissig Jahren einiges zum Besseren gewandelt hat. Die Rechtssicherheit hat zugenommen, die Währung ist stabiler geworden, die Wirtschaft hat sich diversifiziert – der Trend zeigt nach oben.

Möglicherweise erleben wir heute tatsächlich den Übergang in eine multipolare Welt. Und allenfalls gewinnen natürliche Ressourcen, Ernährungssicherheit und Energie stärker an Bedeutung als in den vergangenen Jahrzehnten. Das bevölkerungsreichste Land Südamerikas könnte dabei eine wichtigere Rolle spielen, als viele heute vermuten.

Optimismus ersetzt keine Analyse. Er sollte das Ergebnis einer Analyse sein.

Das mag typisch schweizerisch klingen. Wir neigen dazu, Chancen nicht euphorisch, sondern mit einer gewissen Zurückhaltung zu beurteilen. Wir wägen Risiken sorgfältig ab, vergleichen Alternativen und denken lieber in Jahrzehnten als in Quartalen. 

Und genau deshalb blicke ich auf dieses Land mit Zuversicht. Ich bin mir bewusst, dass ich als Wahlbrasilianer nicht der neutralste Beobachter bin. Dennoch glaube ich, dass mein Optimismus nicht unbegründet ist. Denn langfristige Entwicklungen beginnen oft dort, wo andere noch nicht hinschauen.