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# Hat Big Pharma einen zu grossen Einfluss auf die Politik?
- URL: https://www.schweizermonat.ch/hat-big-pharma-einen-zu-grossen-einfluss-auf-die-politik/
- Published: 2026-09-14T04:09:55.000Z
- Updated: 2026-09-14T04:09:55.000Z
- Description: Das Engagement der Pharmaindustrie in Bundesbern stösst immer wieder auf Kritik. Dieses ist allerdings die logische Folge der starken Regulierung.
- Author: Rolf Weder
- Tags: Ausgabe 1123 – September 2026, Dossier: «Pharma»

Die Pharmaindustrie lobbyiere in der Politik zu stark, um ihre Interessen einzubringen, hört man manchmal. Die grossen multinationalen Firmen seien in der Politik omnipräsent und es gehe ihren Vertreter/-innen vor allem darum, die hohen Gewinne und Gehälter sicherzustellen. Die NZZ zitierte kürzlich einen «hohen Beamten aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG)», der der Pharmaindustrie «Drohgebärden» und «Abzocke» vorwarf. Der Autor des [Artikels](https://www.nzz.ch/meinung/erpresser-ueberall-die-diskussion-um-medikamentenpreise-laeuft-aus-dem-ruder-zum-nachteil-der-schweiz-ld.10011874?ref=schweizermonat.ch), Dieter Bachmann, kam zum Schluss: «Allzu oft sind die Pharmakonzerne in Bundesbern aus ideologischen Gründen noch immer ein Feindbild.»

## **Die bösen Grossen?**

Grossen Firmen wird oft misstraut. Ihre Gewinne sind typischerweise hoch. Roche und Novartis erwirtschafteten 2025 je einen Gewinn von über 10 Milliarden Franken. Auch die Zahl ihrer Mitarbeiter mit jeweils über 100 000 weltweit ist beeindruckend. Ähnliches gilt für die Grossbank(en). Die UBS erzielte 2025 einen Reingewinn von rund 8 Milliarden Franken mit weltweit 100 000 Mitarbeitern. Ist die Kritik also eine Folge der Grösse einzelner Exponenten in der Pharmaindustrie, die ein Missbehagen auslöst – ähnlich wie in der Bankenwelt? Wohl eher nicht.

Wäre dem so, müsste dieselbe Kritik auch gegenüber der Maschinen- oder Nahrungsmittelindustrie ausgesprochen werden. Prominente Schweizer Vertreter in diesen Branchen sind ABB sowie Nestlé, die in ihren Dimensionen einer Roche, Novartis oder UBS in nichts nachstehen. Es ist aber relativ ruhig um diese Akteure, und man hat nicht den Eindruck, dass ABB und Nestlé in Bern sehr präsent sind. Umgekehrt gibt es eine Branche, die in der Berner Politik praktisch zu Hause ist: die Landwirtschaft. Ihr wird nachgesagt, dass sie im Parlament «übervertreten» sei. Sie hat aber keine vergleichbaren Grossbetriebe. Zudem macht die Wertschöpfung in dieser Branche nur einen Bruchteil der anderen aus: Sie beträgt weniger als 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Schweiz, während die anderen erwähnten Branchen jeweils 5 bis 10 Prozent des BIP erwirtschaften.

## **Hoher Regulierungsgrad**

Nicht die Grösse, sondern etwas anderes muss es sein, das für das Engagement auf politischer Ebene – und die Kritik daran – verantwortlich ist. Etwas, was die Pharmaindustrie, die Bankenbranche und die Landwirtschaft verbindet. Meine Antwort: Alle drei sind stark reguliert, viel stärker als andere Branchen. Die einzelnen Akteure sind von diesen Regulierungen entsprechend stark betroffen.

In der Landwirtschaft wird dem einzelnen Bauernbetrieb detailliert vorgeschrieben, was er tun und lassen soll. Zudem kann der Bauer seinen Hof und sein Land nicht für etwas anderes einsetzen, wenn zum Beispiel der Zollschutz abgebaut wird. Kein Wunder, dass die Landwirtschaft so präsent in der Politik ist! Vieles, was die Aussen- und Innenpolitik verändert, dürfte die Landwirtschaft wirtschaftlich stark tangieren. Deshalb will man in Bern dabei sein.

Auch die Banken sind stark von Regulierungen betroffen. Der Regulierungsbedarf ist eine Folge der Abhängigkeit aller anderen Sektoren vom Finanz- und Zahlungssystem; verursachen einzelne Banken eine Finanzkrise, hat dies grosse negative Effekte auf den Rest der Volkswirtschaft. Dazu kommt die in diesem Geschäft vorhandene Informationsasymmetrie. Der Staat muss entsprechend vorausschauend regulieren. Da die grossen Banken in einem intensiven internationalen Wettbewerb stehen, wollen sie am Standort Schweiz aber nicht überreguliert werden. Die aktuelle Diskussion um die Eigenkapitalvorschriften für die UBS widerspiegelt dieses Dilemma.

Die hohe Regulierungsintensität gilt noch mehr für die Pharmaindustrie. Ihre neu entwickelten Medikamente und Behandlungsmethoden müssen zuerst in einem aufwendigen Verfahren durch den Staat (Swissmedic) geprüft und genehmigt werden, bevor sie produziert und verkauft werden können. Zudem dürfen die Firmen den Preis auf der Basis ihrer Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskosten sowie der Wertschätzung der Patientinnen und Patienten nicht selber bestimmen. Der Preis wird durch den Staat (BAG) festgelegt.

Die Regulierungen werden vor allem mit zwei Gründen gerechtfertigt: Erstens soll die temporäre Monopolstellung der Firmen aufgrund des gewährten Patentschutzes für ein Produkt über die Preisregulierung durch den Staat beschränkt werden. Zweitens soll der fehlende Anreiz der versicherten Patienten, die Kosten der Behandlung in ihren Entscheidungen mitzuberücksichtigen, durch den Einbezug des Staates (BAG) korrigiert werden, der entscheidet, welches Produkt zu welchem Preis vergütet wird. Die Frage ist berechtigt, ob die Regulierungen in dieser Form notwendig sind: Patente gibt es auch in Branchen ohne Preisregulierung, und die Patienten könnte man wohl auf andere Weise in die Pflicht nehmen.

## **Grosse Bedeutung der Politik für die Akteure**

Die Politik hat somit eine gewichtige Bedeutung für das Schicksal der Pharmaindustrie und ihre Akteure, die sich in Bern entsprechend für ihre Interessen engagieren. Ist die Arzneimittelzulassung durch Swissmedic zu aufwendig und erfolgt sie zu langsam, hat dies erhebliche Konsequenzen für die Firmen, welche vorher über Jahre Milliarden von Franken in die Entwicklung eines Medikamentes investiert haben. Dasselbe gilt für den Entscheid des BAG betreffend Preis und Aufnahme in die Spezialitätenliste und damit die Vergütung durch die Grundversicherung. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss dieser Entscheide auf das Auslandgeschäft der (multinationalen) Pharmafirmen.

Kein Wunder, dass diese und die ganze Branche die Regulierungen, ihre Umsetzung und Anpassungen mit Argusaugen verfolgen und auch beeinflussen wollen! Würden wir dasselbe Engagement der Pharmafirmen erwarten, wenn die Akteure – wie ABB oder Nestlé – ihre Produkte relativ einfach und schnell genehmigt erhielten und die Preise im internationalen Wettbewerb eigenständig bestimmen könnten? Wohl kaum.

## **Zu grosser Einfluss?**

Hat die Pharmaindustrie in diesem planwirtschaftlichen Prozess, dessen Existenz in einer Marktwirtschaft eigentlich überrascht, einen *zu grossen Einfluss*? Meines Erachtens kann diese Frage mit «Nein» beantwortet werden. Erstens verstehen wir aufgrund der hier angestellten Überlegungen nun sehr gut, warum sich die Industrie in diesem engen Regulierungskorsett in Bern sehr stark engagiert. Zweitens gibt es Anliegen, welche die Industrie seit langem ohne Erfolg in die Politik eingebracht hat, was nicht für einen grossen Einfluss spricht.

Ein Beispiel ist die Schaffung einer professionellen Gesundheitsdatenbank, deren Nutzung nicht nur für die Spitäler ein Segen, sondern auch für die Forschung in der Pharmaindustrie am Standort Schweiz zentral wäre. Daten haben den Charakter eines öffentlichen Gutes, weshalb dem Staat hier eine zentrale Rolle zukommt. Ein aktuelles Anliegen, bei dem die Industrie auf Granit beissen dürfte, ist zudem die Erhöhung der vom BAG bestimmten Preise in der Schweiz. Diesen wird aufgrund der Vorstösse der amerikanischen Regierung neu eine Signalwirkung für die Preise in den USA zukommen. Aus gesamtschweizerischer Sicht könnte eine Preiserhöhung deshalb interessant sein.

## **Regulatorische Gesamtsicht**

In einem international stark regulierten und immer mehr politisierten Markt wie dem Pharmamarkt wird es nicht mehr reichen, dass einzelne kantonale und eidgenössische Behörden nur ihr eng definiertes Anliegen verfolgen. Vielmehr wird es in Zukunft darum gehen, dass in der Schweiz eine regulatorische Bestandsaufnahme und Gesamtsicht zusammen mit der Pharmaindustrie erarbeitet wird. Die Präsenz der Branche dürfte in der Politik in Zukunft deshalb zunehmen. Oder man dereguliert diese Industrie komplett (allenfalls verbunden mit einem Ausbau der Haftung) und gibt den Firmen damit eine viel grössere Kompetenz bei der Produkteinführung und der Preisgestaltung. Dann wird man Big Pharma in Bern wohl nur noch selten antreffen.