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# «‹Fremde Richter› waren für uns nie ein Problem»
- URL: https://www.schweizermonat.ch/fremde-richter-waren-fur-uns-nie-ein-problem/
- Published: 2026-09-14T04:00:45.000Z
- Updated: 2026-09-14T04:00:45.000Z
- Description: Das Fürstentum sei auf das Ausland angewiesen, um erfolgreich zu sein, sagt Alois von und zu Liechtenstein. Der Erbprinz sieht die Monarchie als Garantin der Kontinuität – künftig auch durch ein weibliches Staatsoberhaupt.
- Author: Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein
- Tags: Ausgabe: Sonderpublikation 54 – September 2026

**Durchlaucht, bei Ihrem Grossvater und Ihrem Vater soll es vorgekommen sein, dass die Leute einfach «Hoi Fürst» gerufen haben. Ist das bei Ihnen heute auch so?**

Alois von und zu Liechtenstein: In Liechtenstein ist man sehr informell. Es ist durchaus üblich, dass man «Hoi» als Begrüssungsformel verwendet, auch bei mir. Und bei Personen, mit denen ich zur Schule gegangen oder aufgewachsen bin, ist es privat immer «Hoi».

  
**Sie nehmen seit mehr als 20 Jahren die Aufgaben des Staatsoberhaupts wahr. Was hat sich in dieser Zeit am stärksten verändert?**

  
Vor allem die geopolitische Lage. Wenn man das Jahr 2004 betrachtet, lag der Fall des Eisernen Vorhangs schon 15 Jahre zurück. Man glaubte zwar nicht mehr an Fukuyamas «Ende der Geschichte», aber es herrschte noch die Vorstellung, dass sich eine regelbasierte Weltordnung mit liberalen Werten und Rechtsstaatlichkeit durchsetzen würde. Das ist heute anders. Veränderte Machtblöcke, Polarisierungen, hybride Kriegsführung, künstliche Intelligenz, Cybercrime: Auf vielen Ebenen gibt es Unsicherheiten. Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Uns beschäftigt heute stärker die Frage, wie wir die Sozialversicherungen, die Alters- und Gesundheitsvorsorge und Pflege langfristig sichern können.

**Was denken Sie, welche Seite Ihrer Arbeit wird von der Öffentlichkeit am häufigsten unterschätzt?**

Wahrscheinlich die Zeit, die nicht öffentlich sichtbar ist. Hintergrundgespräche im In- und Ausland mit Politikern, Wirtschaftsvertretern, anderen Interessengruppen und Experten, aber auch mit einfachen Menschen aus der Bevölkerung. Hinzu kommt die Zeit, die man investieren muss, um nachzudenken, sich wirklich in ein Thema zu vertiefen.

**Angeblich soll Zar Alexander II. Ihrem Vorfahren, Fürst Johann II., im Jahr 1867 Alaska zum Kauf angeboten haben. Ist das eine schöne Legende oder eine Wahrheit?**

Ja, das ist eine Geschichte, die in der Familie über Generationen hinweg erzählt wurde *(lacht).*

**Ihr Vater, Fürst Hans-Adam II., hat diese Geschichte nie bestätigt, aber auch nie dementiert.**

Schriftliche Dokumentationen haben wir dafür tatsächlich nicht. Aber zwischen dem Zarenhaus und unserer Familie bestand eine relativ enge Verbindung. Der damalige Zar hielt sich in seiner Jugend in Wien auf. In einem unserer Palais gibt es auch ein Geschenk des Zaren: besonders wertvolle Vorhänge. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass der Zar Alaska zuerst dem damaligen Fürsten angeboten hatte.

**Am Ende verkaufte Russland Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten, nach heutiger Kaufkraft rund 170 Millionen Dollar. Wäre ein Kauf für Ihre Familie damals überhaupt finanzierbar gewesen?**

Ja. Aber Alaska war doch sehr weit entfernt und wäre nur schwer zu kontrollieren gewesen. Ich nehme daher an, dass ein Verkauf an uns, wenn überhaupt, nicht besonders eingehend besprochen wurde.

**Zurück in die Gegenwart: Sie haben bei der Landtagseröffnung 2026 die Bedeutung von Institutionenvertrauen, Konsenskultur und gemeinsamen Werten hervorgehoben. Wo sehen Sie dieses Vertrauen heute am stärksten gefährdet?**

Glücklicherweise ist das Institutionenvertrauen in Liechtenstein weiterhin sehr hoch, wie Umfragen zeigen. Dennoch sehe ich in den sozialen Medien eine Gefahr für das Vertrauen.

**Meinen Sie YouTube, TikTok oder X?**

Ja, heute nutzen in Liechtenstein vermutlich mehr als 30 Prozent der Bevölkerung kaum noch klassische Nachrichtenmedien und informieren sich stattdessen vorwiegend über soziale Medien. Dadurch besteht die Gefahr, dass Menschen in Echokammern geraten, die ihnen nur noch das erzählen, was sie bereits glauben oder gerne hören wollen. Dort dominieren häufig Themen und Debatten aus dem Ausland, während Liechtenstein selbst kaum vorkommt oder falsch dargestellt wird.

**Was wäre denn eine gute Nachricht über Liechtenstein, die im Ausland viel zu wenig wahrgenommen wird?**

Früher hielt sich im Ausland hartnäckig das Klischee von Liechtenstein als einer Art Märchenmonarchie in den Alpen, die vom Verkauf von Briefmarken und von Briefkastenfirmen lebe. Die Philatelie war tatsächlich über Jahrzehnte eine bedeutende Einnahmequelle des Landes. Auch das Bild der Briefkastenfirmen hatte einen realen Kern: Liechtensteins günstige rechtliche und steuerliche Rahmenbedingungen zogen zahlreiche ausländische Sitzgesellschaften an. Mit rund 40 Prozent des Bruttosozialproduktes und Arbeitskräften ist aber der sekundäre Sektor mit seiner sehr breit diversifizierten und international orientierten Industrie der grösste Bereich. Inzwischen ist dieses Klischee wohl weniger verbreitet. Wir sind jedenfalls ein Land mit einer extrem hohen Lebensqualität, mit besonderer politischer und wirtschaftlicher Stabilität.

**Wie kann ein kleines Land mit 40 000 Einwohnern im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung autonom bleiben?**

Wenn man erfolgreich sein möchte, kann man keinen völlig autarken Weg gehen. Wir sind auf eine internationale Wirtschaft, offene Grenzen und Märkte angewiesen. Wir können auch nicht alles allein machen oder selbstständig anbieten: Liechtenstein hat zum Beispiel keine eigene Geburtenstation und keine vollwertige Intensivstation. Auch im Ausbildungsbereich sind wir auf Kooperationen angewiesen. Wir bezahlen mit, damit wir die Spitalinfrastruktur und Bildungsstrukturen der Nachbarstaaten nutzen können.

> «Wir bezahlen mit, damit wir die Spitalinfrastruktur und Bildungsstrukturen der Nachbarstaaten nutzen können.»

**Wie ist es mit der Sicherheitspolitik?**

Kleine und mittelgrosse Staaten können sich heute kaum mehr vollständig selbst verteidigen, weder militärisch noch technologisch. Ein Abfangjäger oder ein umfassendes System der Cybersicherheit ist für kleine Staaten weder zu finanzieren noch zu betreiben. An solche Bedingungen ist Liechtenstein aber gewöhnt. Wir waren immer auf eine enge Zusammenarbeit mit dem Ausland angewiesen.

**Zum Beispiel?**  
Bis Mitte der 1920er-Jahre lag die höchste Instanz der ordentlichen Gerichtsbarkeit in Innsbruck. Auch heute ist etwa die Hälfte unserer Richter ausländischer Herkunft. «Fremde Richter» waren für uns nie ein Problem.

**Monarchie und direkte Demokratie sind in Ihrem Land vereint. Wie funktioniert das eigentlich?**

Liechtenstein hat zwei Souveräne – Fürst und Volk. Das monarchische Element bringt Kontinuität, Langfristigkeit und Identität in die Politik. Da das Fürstenhaus über den Parteien steht, kann es ausserdem in festgefahrenen Situationen vermitteln. Die direkte Demokratie wiederum sorgt für Bürgernähe. Sie basiert auf dem Schweizer Modell, kennt aber zudem die Möglichkeit, das Parlament aufzulösen, ein Misstrauensvotum gegen den Fürsten einzubringen und die Monarchie abzuschaffen. Diese Kombination ist weltweit einzigartig und findet international zunehmend Beachtung.

**Könnte die Kombination aus Monarchie und Demokratie, wie sie Liechtenstein praktiziert, langfristig ein Modell für andere Länder sein?**

Staatsmodelle lassen sich meist nur schwer auf andere Länder übertragen, weil diese jeweils ihre ganz unterschiedlichen geschichtlichen und kulturellen Hintergründe haben. Eine Monarchie kann, wenn sie richtig in demokratische Strukturen eingebettet ist, durchaus ein Vorteil sein. Ich bin überzeugt, dass die direkte Demokratie hilft, wenn sie – wie in der Schweiz und in Liechtenstein – gut aufgebaut ist. Wir beobachten derzeit in einigen Ländern eine gewisse Krise der parlamentarischen Demokratie. Viele Menschen haben nicht mehr das Gefühl, repräsentiert zu werden. Die direkte Demokratie kann hier ein Ventil sein.

**Alexis de Tocqueville sagte, eine Diktatur könne ohne Religion existieren, eine freie Gesellschaft jedoch nicht. Sehen Sie das auch so?**

Wenn man mit Sicherheitsexperten über die gegenwärtige Sicherheitspolitik spricht, hört man häufig, dass die Resilienz der Gesellschaft in einer Demokratie wichtiger werde. Dafür müsse die Gesellschaft gemeinsame Werte teilen. Wenn diese Werte verloren gehen, wird es schwierig. Werte und Menschenrechte wurden in unserer Region vor allem auch durch die christlichen Religionsgemeinschaften entwickelt und vermittelt. Religionsgemeinschaften sind daher wichtig. Besonders die christlichen Kirchen durchlaufen derzeit zwar eine schwierige Phase, aber wir sollten ihnen gute Rahmenbedingungen bieten. Das liegt langfristig im Eigeninteresse des Staates.

**Kürzlich wurde bekannt, dass künftig auch eine Frau Ihre Nachfolgerin werden könnte. Sie selbst haben mit Ihrem Sohn Wenzel allerdings einen männlichen Thronfolger. Warum haben Sie die Regel trotzdem geändert?**

Ich bin die zweite Generation, die in Liechtenstein aufgewachsen ist. Mein Grossvater war der erste, der hierher ins Land gezogen ist. Mein Vater und ich hatten jeweils den grossen Vorteil, als Kind des regierenden Fürsten im selben Haushalt aufzuwachsen und in engem Austausch mit ihm zu stehen. Dasselbe mache ich nun mit meinem ältesten Kind, meinem Sohn Wenzel. Diese frühe Vorbereitung auf die spätere Aufgabe ist sehr wichtig. Nun kann es vorkommen, dass eine Familie nur Töchter hat. Meine Frau stammt etwa aus einer Familie mit ausschliesslich Töchtern. Wir haben daher die Regel geändert: Künftig ist in jedem Fall das älteste Kind zur Nachfolge vorgesehen – unabhängig davon, ob es ein Sohn oder eine Tochter ist.

> «Künftig ist in jedem Fall das älteste Kind zur Nachfolge vorgesehen – unabhängig davon, ob es ein Sohn oder eine Tochter ist.»

**Was würden Sie der nächsten Generation denn gerne hinterlassen?**

Ich weiss natürlich nicht, welche Wünsche die nächste Generation haben wird. Am liebsten würde ich ein Umfeld hinterlassen, das der nächsten Generation möglichst viele Möglichkeiten bietet, damit sie in einem lebenswerten Land ihr Leben nach ihren Wünschen gestalten kann.