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# Europas Trittbrettfahrer-Strategie bei der Finanzierung der Pharmaforschung stösst an ihre Grenzen
- URL: https://www.schweizermonat.ch/europas-trittbrettfahrer-strategie-bei-der-finanzierung-der-pharmaforschung-stosst-an-ihre-grenzen/
- Published: 2026-09-14T04:04:52.000Z
- Updated: 2026-09-14T04:04:51.000Z
- Description: Die Entwicklung von Arzneimitteln ist teuer. Damit sich Forschung für Pharmafirmen lohnt, braucht es eine kluge internationale Koordination bei den Preisen – sonst werden Wirkstoffe gar nicht hergestellt.
- Author: Stefan Felder
- Tags: Ausgabe 1123 – September 2026, Dossier: «Pharma»

Die Entwicklung neuer Medikamente ist teuer und wird immer teurer. Eine vielzitierte Studie kam zum Ergebnis, dass Forschung und Entwicklung (F&E) für ein neues marktfähiges Arzneimittel im Durchschnitt 2,56 Milliarden US-Dollar koste (Preisniveau von 2013). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Wirkstoff am Schluss als therapeutisch relevant erweist und zugelassen wird, beträgt knapp 12 Prozent. Auffällig ist die hohe Wachstumsrate der Kosten: Sie liegt jährlich um 8,5 Prozentpunkte über der Inflation. Damit dürften die realen F&E-Kosten eines Arzneimittels mittlerweile bei knapp 7,4 Milliarden Dollar liegen.

Das Wissen um einen neuen Wirkstoff hat die Eigenschaft eines öffentlichen Gutes. Daher sollten möglichst viele Menschen Zugang zu neuen Arzneimitteln erhalten, zumal deren Produktionskosten in vielen Fällen vergleichsweise niedrig sind. Würden sie zu Grenzkosten verkauft, was normalerweise unter Konkurrenzbedingungen passiert, wäre dies aus ökonomischer Sicht zunächst effizient. Da dann aber kein Gewinn für F&E übrigbliebe, würde das Wissen um neue wirksame Wirkstoffe gar nicht erst hergestellt werden.

Der Patentschutz löst dieses Problem, indem er dem Hersteller ein Monopol auf Zeit gewährt. Während dieser Zeit ist er in der Preissetzung frei. Der gewinnorientierte Hersteller wird sein patentiertes Arzneimittel weltweit anbieten und je nach Land den Preis der jeweiligen örtlichen Zahlungsbereitschaft anpassen. In Ländern wie der Schweiz mit hohem Volkseinkommen und wichtigem Pharmaproduktionsstandort kann er einen höheren Preis durchsetzen. Trifft er dagegen auf Länder mit einem nationalen Gesundheitsdienst, der seine Nachfragemacht gegenüber den Herstellern ausnutzt, wird der Preis niedriger ausfallen. Entscheidend ist, ob die Märkte separiert werden können. In der EU ist das nur beschränkt möglich, weil Parallelimporte zugelassen sind, sodass Dritte allfällige Preisunterschiede über Arbitrage ausnutzen können und so Druck zu einheitlichen Preisen entwickeln.

## **Europäische Trittbrettfahrer**

Das Vereinigte Königreich und viele EU-Länder regeln den Zugang zu neuen Arzneimitteln über eine gesetzlich verankerte Zahlungsbereitschaft für zusätzlichen Gesundheitsnutzen. Die Sicherstellung hinreichender Gewinnaussichten für die Pharmahersteller tritt dabei in den Hintergrund. Damit fahren diese Länder Trittbrett auf den Anstrengungen anderer Länder, die sich an den hohen F&E-Kosten der pharmazeutischen Industrie beteiligen. 

Die Preisdifferenzierung des Monopolisten ist aus ökonomischer Sicht sinnvoll. Sie kann im Idealfall zu einer effizienten Lösung führen und Konsumenten mit geringer Zahlungsfähigkeit bedienen. Klassisch ist der Fall von HIV-Medikamenten, die im Rahmen eines internationalen Abkommens Ländern des globalen Südens zu einem sehr günstigen Preis zur Verfügung gestellt werden. Eine differenzierte Preissetzung nach der individuellen Zahlungsbereitschaft der Länder erweitert nicht nur den Kreis der Konsumenten und erhöht die Gewinne der Hersteller, sondern ist auch in der Lage, die volkswirtschaftlichen Kosten der Finanzierung der F&E-Fixkosten zu minimieren. Tatsächlich würde ein internationales Abkommen, das die gemeinsame Wohlfahrt der beteiligten Länder im Blick hätte, so verfahren, nämlich die Preise in jenen Ländern hoch ansetzen, wo die Zahlungsbereitschaft hoch ist und die Nachfrage preisunelastisch reagiert. 

## **Für Trump sind die USA gleicher als gleich**

Die höchsten Preise erzielten die Pharmahersteller bis jetzt in den USA. Der Grund hierfür ist im Patentrecht zu sehen, das in den USA hochgehalten wird. Die Hersteller verhandeln mit privaten Krankenversicherern und staatlichen wie Medicare (für Rentner) und Medicaid (für Arme) individuell Preise für ihre Arzneimittel. Im Vergleich zur Schweiz dürften die in den USA erzielten Preise im Durchschnitt mindestens doppelt so hoch sein.

Präsident Trump und seine Administration wollen dies nun allerdings mit dem Most-Favored-Nation (MFN) -Ansatz ändern. Dabei handelt es sich um ein Referenzpreissystem für Arzneimittel, bei dem der für die USA massgebende Preis auf den zweitniedrigsten der Preise eines Länderkorbes gesetzt wird. Je nach Versicherungszweig variiert der Kreis der Vergleichsländer.

Interessant am Vorschlag der Trump-Administration ist, dass die ausländischen Preise mit dem jeweiligen Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität gewichtet werden. Es werden also nicht die tatsächlichen Preise zum Vergleich genommen, sondern sie werden mit dem jeweiligen Pro-Kopf-Einkommen diskontiert. Implizit herrscht hier die Vorstellung, die Pharmapreise sollten dort hoch sein, wo das Volkseinkommen hoch ist, also genauso, wie es ein internationales Abkommen im Interesse aller Länder festlegen würde.

Nun hält Präsident Trump sein Land für etwas gleicher als gleich und will den US-Preis auf das Niveau des zweitniedrigsten im Länderkorb setzen. Dabei sollte dieser ja, gemäss den Regeln des Preisvergleichs, bei hohem eigenem Volkseinkommen hoch ausfallen. Die amerikanischen Vorschläge sind also in sich widersprüchlich. Gleichwohl hat die Trump-Administration beim Vorwurf an die Adresse der Vergleichsländer recht, wonach deren Preise zu niedrig seien und sie im Schatten der amerikanischen Anstrengungen günstigen Zugang zu neuen Arzneimitteln erhielten.

Der MFN-Ansatz wird die Umsätze der Pharmahersteller in den USA deutlich reduzieren. Wenn nicht andere Länder in die Bresche springen und ihre Preise erhöhen, wird es zu hohen Gewinneinbussen kommen, was grosse Auswirkungen auf F&E der Hersteller haben wird. Erfolgreich gegenzusteuern dürfte nicht einfach sein, was auch dem MFN-Ansatz geschuldet ist. Da es viele Länder mit Preisen um den zweitniedrigsten gibt, erhöht sich der US-Referenzpreis kaum, wenn ein einzelnes Land seinen Preis erhöht. Es funktioniert nur, wenn sich die Länder darauf verständigen, gemeinsam die Preise zu erhöhen, um die Gewinne der Hersteller in ihren Märkten wie auch in den USA zu erhöhen. 

## **Differenz zur Klimapolitik**

Die Problematik des Trittbrettfahrens bei öffentlichen Gütern stellt sich nicht nur bei F&E im Arzneimittelbereich, sondern auch in der Klimapolitik. Von einer Reduktion des CO2\-Ausstosses profitieren alle Menschen, unabhängig davon, wo die Reduktion erfolgt. Der Schweizer Beitrag zum weltweiten CO2\-Ausstoss ist verschwindend klein, genauso wie es das Preisniveau der Arzneimittel in der Schweiz für die weltweiten Gewinnaussichten der Hersteller ist. Bevölkerung und Politik sehen interessanterweise einen relevanten Unterschied. Sie stimmen in der Tendenz CO2\-Steuern zu, bei höheren Preisen für Pillen rümpfen sie dagegen die Nasen. Dabei dürfte es eine Rolle spielen, dass höhere Arzneimittelpreise direkt die Gewinne der Pharmaindustrie erhöhen, während die CO2\-Steuern an den Staat fliessen.

Die Entwicklung immer neuer Arzneimittel hat in den letzten Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, die Sterblichkeit vor allem am Anfang und am Ende des Lebens stetig zu senken. Die Finanzierung der laufend teurer werdenden F&E überfordert allerdings die Zahlungsfähigkeit eines einzelnen Landes. Zudem macht das Trittbrettfahren einzelner Länder Schule und unterminiert das Zustandekommen einer internationalen Kooperation. Besonders augenfällig ist dies bei Antibiotika, wo ein drastischer Rückgang von F&E zu beobachten ist. Im Unterschied zum CO2, wo es bereits länderübergreifende Kooperation gibt, liegt die Etablierung eines Antibiotika-Clubs in weiter Ferne.