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# Die Gans, die goldene Eier legt
- URL: https://www.schweizermonat.ch/die-gans-die-goldene-eier-legt/
- Published: 2026-09-14T04:01:56.000Z
- Updated: 2026-09-14T04:01:56.000Z
- Description: Wenn es um Pharma geht, tönt der Hass überall gleich, von links bis rechts. Von Stolz über die bedeutendste Exportbranche des Landes ist jedenfalls wenig zu spüren. Warum eigentlich?
- Author: Markus Somm
- Tags: Ausgabe 1123 – September 2026, Dossier: «Pharma»

Ein führender Vertreter der Basler Pharmaindustrie erzählte mir einmal, wie er als Manager den Unterschied zwischen Amerika und der Schweiz erlebe. Wann immer er es in Washington mit Politikern zu tun habe, beginne das Gespräch etwa so: «Mein Schwager Jim hatte Krebs, letztes Stadium, dann erhielt er ein Medikament von Ihrer Firma – und er überlebte. Inzwischen läuft er wieder den New Yorker Marathon. Dafür möchte ich Ihnen herzlich danken!» Erst dann setzt man sich hin und redet über das Geschäftliche, das einen zusammengebracht hat; es darf sich auch um eine leidige Angelegenheit drehen. 

Trifft hingegen der gleiche Manager in Bern auf einen Politiker, dann tönt das so: «Warum müssen Sie mit Ihren Medikamenten auch so viel verdienen! Können Sie den Hals nicht voll genug kriegen?» Und dabei spiele kaum eine Rolle, ob man mit einem linken oder einem bürgerlichen Politiker rede. Der Hass töne überall gleich. Von Liebe oder allenfalls Stolz über die bedeutendste Exportbranche des Landes ist wenig zu spüren.

Warum? Gewiss, der Schweizer Pharmamanager mag Glück gehabt haben; Kritik an hohen Medikamentenpreisen kennt man überparteilich auch in Amerika. Und doch ist das leicht schizophrene Verhältnis der Schweizer (oder besser: der Schweizer Eliten) zur tüchtigen Pharmaindustrie bezeichnend. Elite betone ich, weil sich hier die Kritik besonders auffällig verbreitet hat: Journalisten, Politiker, Professoren äussern sich ­regelmässig und gerne auch despektierlich über den Wachstumsmotor der Schweiz, was früher einem Angehörigen der bürgerlichen Elite nie eingefallen wäre. 

## Nasenrümpfen ist chic

In den 1970er-Jahren arbeitete sich bloss die Linke an den «Multis» ab, während die Bürgerlichen die global tätigen Konzerne unseres Landes eisern, manchmal auch besinnungslos verteidigten, seien das die Banken oder die Industrie. Nie hätte man auch nur einen Hauch von Verständnis gezeigt, wenn eine NGO etwa Nestlé vorwarf, das Unternehmen «töte Babys», wie das 1974 eine berühmt-berüchtigte Kampagne tat. Es ging um angeblich schädliches Milchpulver; natürlich stimmte nichts davon.

Tempi passati. Heute gilt Nasenrümpfen über die Konzerne, allen voran über die Pharma (und die Banken), selbst am Zürichberg als chic. Man nimmt sich nur zurück, wenn man zufällig ­einen Pharmamann eingeladen hat, was selten genug geschieht. Wie ist es dazu gekommen?

Zum einen ist die Pharma selber schuld – darauf komme ich später zu sprechen –, zum andern sind unsere «Eliten» fast durchgehend konzernkritisch geworden: Man kann diese Haltung auch links oder antikapitalistisch nennen, insbesondere dann, wenn es sich um Politiker, Chefbeamte, Professoren und Journalisten handelt. Aber selbst in der Privatwirtschaft herrscht nicht mehr jene Art von Omertà, die es früher verbot, schmutzige Wäsche, die es ja gab, in der Öffentlichkeit zu waschen. Man mag hinter vorgehaltener Hand über den Chiasso-Skandal der Kreditanstalt gelästert oder über das Seveso-­Unglück der Roche den Kopf geschüttelt haben – einem Journalisten oder Politiker gegenüber hätte man dies nie wiederholt.

Womit wir bei Roche und Novartis wären, den beiden wichtigsten Exponenten der schweizerischen Pharmaindustrie. Ihr Ruf ist schillernd. Zum einen bewundert man sie, immerhin gehören sie zu den zehn grössten Unternehmen der globalen Pharmaindustrie, was für ein kleines Land wie die Schweiz unerhört ist. Zum andern verabscheut man sie – aus diversen Gründen, viele davon hausgemacht. 

## Verdächtige Konzerne

Roche und Novartis zählen zu den zentralen Unterstützern einer EU-Annäherung: So gut wie keine Kampagne der Economie­suisse für die Bilateralen und gegen die SVP findet ohne das Geld der Pharma statt. Damit sind die beiden Konzerne in den Kreisen der SVP verdächtig, wenn nicht unbeliebt. Zwar würden sich wichtige Vertreter der Partei nie negativ über Roche oder Novartis äussern, doch das Fussvolk hat längst verstanden, wer die SVP in jeder Kampagne wahlweise als «isolationistisch», «hinterwäldlerisch» oder «fremdenfeindlich» hinstellt. 

Das ist erstens fatal, denn die SVP kommt bei den Wählern auf 30 Prozent – und ist somit die mit Abstand bedeutendste bürgerliche, also wirtschaftsfreundliche Kraft des Landes. Ausgerechnet hier kann die Pharma nicht mehr auf viel Unterstützung rechnen, wenn es darum geht, die Medikamentenpreise zu verteidigen – ihr vorrangiges politisches Anliegen in der Schweiz.

Zweitens ist die Linke sowieso gegen die Pharma – und nicht aus jenen Gründen, die sie vorgibt. Natürlich sind ihr die hohen Löhne zu unverschämt, die Tierversuche ein Gräuel und die Medikamentenpreise bloss Ausdruck von Geldgier. Aber das ­alles wären «Probleme», die man lösen könnte. Wenn man ­allerdings die «Lösungen» betrachtet, welche die SP vorschlägt, dann zeigt sich, dass es ihr nach wie vor um die «Überwindung des Kapitalismus» geht – wie das im aktuellen Parteiprogramm auch deutsch und deutlich steht.

## Das Ziel heisst Sozialismus

Eigentlich hat sich die Linke nie damit abgefunden, dass der Kapitalismus bis heute sehr am Leben ist. Zwar redet keiner mehr von der Revolution, noch hört man Gutes über die ehemalige Sowjetunion (aber nicht einmal jetzt Kritisches über Kuba), doch wenn man die «Lösungen» der SP studiert, zeigt sich: Der Weg soll in den Sozialismus führen. 

Nehmen wir das Gesundheitswesen zum Beispiel, das die Pharma am meisten betrifft. Hier strebt die SP eine vollständige Verstaatlichung an. Dass ihr deshalb die privatwirtschaftlich organisierte Pharmaindustrie ein Dorn im Auge ist, versteht sich von selbst. Wenn es die SP schon nicht fertigbringt, Roche und Novartis zu verstaatlichen, was ihr am meisten zupasskäme, dann will sie ihnen immerhin das Leben schwer machen. Deshalb ist die Regulierung der Medikamentenpreise für die Linke so entscheidend: Man bändigt ein Monster, man zähmt die Ausbeuter, man reitet den Drachen. 

Wenn Pharmamanager in Bern verhandeln, begeben sie sich, so hat es mir ein Basler Manager geschildert, auf eine Art Zeitreise in die Sowjetunion. Dort wie heute in Bern massen sich Beamte an, den «richtigen» Preis zu kennen, und die gleichen Beamten sind der Überzeugung, «Gesundheit» sei ein Menschenrecht und ein öffentliches Gut, will heissen: Der Staat muss dafür sorgen, dass wir alle gesund sind, und der Staat muss das bezahlen. Zwar haben wir das in der Schweiz nie so beschlossen, doch tun die Beamten im zuständigen Bundesamt für Gesundheit so, als wäre das der Fall. Aktivisten im Staatsdienst.

> «Wenn Pharma­manager in Bern verhandeln, erleben sie Beamte, die sich anmassen, den ‹richtigen› Preis für alles zu ­kennen. Die gleichen Beamten betrachten ­‹Gesundheit› als öffentliches Gut.»

Wenn die Pharma also einen schillernden Ruf besitzt, dann liegt es an dieser Zangenbewegung: Für die Rechte ist sie zu ­europhil, für die Linke zu kapitalistisch. Leider gilt auch hier: Zu viele Jäger sind des Hasen Tod. Die Pharma muss sich entscheiden, mit wem sie überleben will: mit der SVP oder mit der SP?

Dass die Pharma eine solche Wahl zwischen Pest und Cholera nicht verdient hat, möchte ich hier betonen. Wenn es ein Wirtschaftswunder gibt in diesem Land, dann ist das die Pharma, die 40 Prozent unserer Warenexporte bestreitet, die für fast zehn Prozent der direkten und indirekten Wertschöpfung verantwortlich ist und die, last but not least, ein Drittel ­aller privaten Forschungsausgaben tätigt. Ohne Pharma wäre die Schweiz arm dran. Wir gingen unter.

Allerdings ist auch das leider eine Lehre aus der Wirtschaftsgeschichte: Politiker schlachten mit Vorliebe die Gans, die die goldenen Eier legt. Fragen Sie einen Manager der deutschen ­Automobilindustrie.