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# Der faulste Präsident der amerikanischen Geschichte: Calvin Coolidge tat nichts – und war gerade deshalb erfolgreich
- URL: https://www.schweizermonat.ch/der-faulste-prasident-der-amerikanischen-geschichte/
- Published: 2026-09-29T12:10:06.000Z
- Updated: 2026-09-29T12:32:39.000Z
- Description: Politiker wollen heute überall eingreifen. Vor 100 Jahren demonstrierte Calvin Coolidge in den USA, dass es auch anders geht, wenn man den Fleiss den Bürgern überlässt statt dem Staat.
- Author: Beat Kappeler
- Tags: Debatte

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Ein heisser Sommer – der Bundesrat soll handeln! Die Gesundheitskosten steigen – was tut die Regierung? Junge kleben am Handy – sofort muss ein Gesetz her! Liberal ist das nicht.

Vor hundert Jahren hatten die USA einen Präsidenten, der als Gegenbeispiel dienen kann. Er legte nicht die Bürger, sondern den Staat in Ketten.

> «Die ‹Roaring Twenties› machten Coolidges Präsidentschaft gross, und Coolidge machte sie gross.»

Präsident Calvin Coolidge tat in seinen knapp sechs Amtsjahren (1923–1929) nichts und blockierte nach Kräften auch die Gesetzesvorlagen des Kongresses. Doch er tat etwas: Er senkte den Höchststeuersatz von 58 auf 25 Prozent und zahlte dennoch ein Drittel der Kriegsschulden von 25 Milliarden Dollar ab. Das Bruttosozialprodukt der USA wuchs um insgesamt 42 Prozent. Sechzig Radiostationen sendeten, Millionen kauften Autos, buchten Flüge. Die «Roaring Twenties» machten Coolidges Präsidentschaft gross, und Coolidge machte sie gross. Er kann als Urbild eines liberalen Staatslenkers gelten, der den Staat nicht ausbaute, sondern ausbremste.

## Gemütlicher Lebensstil

Einer der Merksätze in seiner Autobiografie lautet: «Der Präsident soll nie etwas tun, was jemand anders tun kann.» Dieses klassisch-liberale Subsidiaritätsprinzip hielt er strikt durch. Viele Zeitgenossen und später die Historiker schlossen auf Faulheit. Vor allem im Rückblick aus den interventionistischen Roosevelt-Jahren galt er als der faulste aller Präsidenten. Sein Lebensstil im Weissen Haus konnte so interpretiert werden: ausgiebiges Frühstück mit seiner Frau, dann Besucher empfangen, zu Mittag essen, oft mehrere Stunden Ruhe im Zimmer oder im Garten, früh zu Bett. Doch das hatte seine Wurzeln in seiner Herkunft. Das ländliche Neuengland, die väterliche Farm, harte Arbeit und Sparsamkeit prägten ihn; diese Tugenden empfahl er auch in seinen Reden der Nation.

Damit allerdings fiel er völlig aus seiner Zeit. Die Zwanzigerjahre öffneten erstmals breiten Massen das Tor zum Konsum – zu Haushaltsgeräten, Autos, Medien und Kino – wenn auch oft auf Kredit, was ebenfalls neu war. Die Oberschicht hob ihrerseits ab und stellte neuen, glitzernden Luxus zur Schau. Die Börse fachte ihn an, gedieh ebenfalls mit üppigen Krediten und endete als Schneeballsystem. Ein frugaler Präsident nahm den Staat zurück, damit seine Bürger aufdrehen konnten.

## Nur regulieren, wo es nötig ist

Seine vielen Vetos frustrierten manchen umtriebigen Abgeordneten. Sogar gegen ein grosses Hilfsprogramm für verschuldete, einkommensschwache Farmer stemmte er sich, trotz seiner Herkunft. Hatte sich nicht die Konjunkturdelle von 1921 nach dem Ersten Weltkrieg von selbst aufgefangen? Genügten nicht die geltenden Zölle als Treibhaus neuer Konjunkturen? Wurde der Einsatzwille der Bürger nicht durch tiefe Steuern belohnt? Trieben nicht findige Unternehmer wie Henry Ford mit dem Fliessband die Leistungskraft der Nation zu ungeahnten Höhen?

> «Coolidge war technikaffin, wie man heute sagen würde: Gut ein Jahr nachdem er dem im Amt verstorbenen Präsidenten Harding nachgefolgt war, führte er den Wahlkampf 1924 mit Radiokampagnen und einem Wahlkampfsong.»

Das Weltbild Coolidges und vieler Politiker war in sich stimmig – und es stimmte mit der Wirklichkeit überein. Nur wo es nötig war, war Coolidge zu Regulierung bereit. So regelte er aus technischen Gründen das ungebremste Wachstum der Radiostationen per Gesetz. Coolidge war technikaffin, wie man heute sagen würde: Gut ein Jahr nachdem er dem im Amt verstorbenen Präsidenten Harding nachgefolgt war, führte er den Wahlkampf 1924 mit Radiokampagnen und einem Wahlkampfsong; auch danach hielt er regelmässig Radioansprachen.

Aussenpolitisch zeigte er Mass und sogar Weitsicht. Er überwand den nach dem Weltkrieg herrschenden Wunsch, sich von Europas trüben Geschäften fernzuhalten. Die USA stellten 1924 mit Charles G. Dawes den Chefunterhändler zur Lösung der deutschen Reparationsfrage und finanzierten das bankrotte Deutschland. Amerika trat nach dem Versailler Vertrag erneut als internationale Ordnungsmacht auf. Dawes, ein Financier, erhielt den Friedensnobelpreis und wurde Vizepräsident unter Coolidge. 1928 unterzeichneten die USA – nach längerem Zögern Coolidges – den Briand-Kellogg-Pakt. Er ächtete den Krieg grundsätzlich und bildete 1945 eine Rechtsgrundlage der Nürnberger Prozesse gegen die Nazi-Grössen. So schäbig wie Coolidges späterer Nachruhm sind diese Erfolge nicht.

## Zu nachlässig gegenüber Börsenexzessen

Umstritten bleibt aber seine allzu ruhige Hand, als die Börse jahrelang auf Exzesse zulief. Mit den damaligen rechtlichen Mitteln war allerdings nicht viel dagegen auszurichten. Die Notenbank Fed gewährte ihrerseits jahrelang zu günstige Kredite, auch an Spekulanten – und spekuliert hat ein grosser Teil der Ober- und Mittelschicht. Sein Handelsminister Herbert Hoover warnte ihn mehrmals, vergeblich: Coolidge war beim Volk wegen der Steuersenkungen beliebt, und die Wall Street rühmte den «Coolidge Market». Die Hausse muss ihn schliesslich aber selbst schwindlig gemacht haben, denn er entschied, 1928 nicht mehr anzutreten; gegenüber seiner Frau bemerkte er, er wolle die kommende Depression nicht ausbaden.[\[1\]](#%5Fftn1) War das noch ruhige Hand – oder schon Feigheit? Angst vor unbequemen Entscheiden? Liberale Politik heisst nicht «immer nur lächeln», sondern auch zu wissen, wann die starke Hand für Liberalität sorgen muss.

Coolidges eigene liberale Leitlinie hätte daher umgekehrt auch heissen müssen: Der Präsident muss tun, was andere nicht tun – die verheerende Spekulation abstellen. Die zügellosen Kredite, die Risiken zulasten anderer, der Lug und Trug der Aktienpyramiden hatten nichts mehr mit Marktwirtschaft zu tun.

Ebenso verhängnisvoll handelte wenig später Österreichs Bundespräsident, indem er, vermeintlich liberal, illiberale Machenschaften duldete. Wilhelm Miklas griff 1933 nicht ein, als nach dem Rücktritt der drei Nationalratspräsidenten das Parlament handlungsunfähig war. Der Kanzler Engelbert Dollfuss stiess ins Machtvakuum und errichtete seine Diktatur.

Tolerant zu sein gegenüber Feinden der Freiheit – das war damals wie heute nicht liberal. Bei jeder Unannehmlichkeit nach Regeln zu rufen, wie es kleinkarierte Medien und Politiker zweiter Garnitur heute tun, ist es aber sicher auch nicht.

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[\[1\]](#%5Fftnref1) Zitiert in Andrew R. Sorkin: «1929» (Viking Press, 2025).