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Von Hebammern und Füdlibürgerinnen

Sprachentwicklung Ja, hingegen Nein zur Misshandlung der Sprache
Von Pirmin Meier

Gerade weil bei biographischen Studien mein Schwerpunkt auf der Männerforschung lag, betrieb ich in Sachen Sprache stets auch Frauenforschung. Als Biograph von Paracelsus wies ich nach, dass der Schweizer Arzt Begriffe wie «Frauenhirn» und «Frauengeist» in die deutsche Sprache eingeführt hat; auch «fräuische Arznei» für unterschiedliche Medikamentendosis bei Mann u. Frau. In meiner Biographie «Ich Bruder Klaus von Flüe» zeige ich, dass das Wort «Bischöfin» erstmals 1474 in einem Text über Niklaus von Flüe in deutscher Sprache auftaucht. Es gibt in der deutschen Sprache eine Entwicklung zu «mehr Frau». Dazu brauchte es keine Gleichstellungsbeauftragten.

In Texten erstklassiger Schriftstellerinnen, wie Annette von Droste-Hülshoff, Christa Wolf und Erika Burkart spürt man auf jeder Seite, dass eine Frau am Werk war. Dank Begabung und Sensibilität mussten diese Genies (Wort gilt für beide Geschlechter) die Sprache zur Betonung der Weiblichkeit nicht extra misshandeln, etwa in Richtung «Gemeindeamtfrau» für Gemeindeammann und dergleichen.

Demgegenüber tritt die «Gender-Bewegung» wie eine totalitäre Sekte auf, erobert ohne öffentlichen Protest Hochschullehrstühle und diktiert in Amtsstuben auf Kosten des Steuerzahlers Sprachregelungen. Unter diesen Frauen, ev. auch Männern, hat es niemand auf das Niveau der 1000 besten «Schreibenden» in deutscher Sprache gebracht. Dann und wann wird der Wortsinn verfälscht, etwa wenn aus Lehrlingen «Lernende» gemacht werden; oder man kultiviert die Hässlichkeit, indem man eine Kindergärtnerin zur «Kindergartenlehrperson» umtauft usw.

Eigentlich müsste es auch den «Hebammer» geben, eine sprachliche Absurdität. Sokrates empfand sich im geistigen Sinn als Hebamme, allerdings ohne das Bedürfnis, das Wort gendergerecht abzuändern. Als Sohn, Bruder, Enkel und Urenkel eines Metzgers erlaube ich mir, einen Satz aus der eidgenössischen Verordnung über das Schlachten und die Fleischkontrolle zu zitieren:

«Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin oder der beziehungsweise die an seiner beziehungsweise ihrer Stelle eingesetzte Tierarzt beziehungsweise Tierärztin leitet in fachlicher Hinsicht die Tätigkeit der Fleischinspektoren beziehungsweise Fleischinspektorinnen und Fleischkontrolleure beziehungsweise Fleischkontrolleurinnen. Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin und der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tierärztin können auch die Funktion eines Fleischinspektors beziehungsweise einer Fleischinspektorin ausüben, der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin, der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tierärztin und der Fleischinspektor beziehungsweise die Fleischinspektorin die eines Fleischkontrolleurs beziehungsweise die einer Fleischkontrolleurin.»*

Der in Österreich publizierte offene Brief wurde von sprachbewussten Akademikerinnen mitunterschrieben, nicht zuletzt von Juristinnen, Medizinerinnen und Naturwissenschaftlerinnen; aus dem Lager der Philologen u.a. von Dagmar Lorenz aus Wiesbaden und Dieter E. Zimmer, einem der besten Übersetzer klassischer Romane der Weltliteratur.

Bei der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK) wie auch beim «Sprachkreis Deutsch» möchte ich beliebt machen, wie man sprachliche Sensibilität und geschlechtergerechte Ausdrucksweise jenseits von Gender-Misshandlung und bürokratischer Diktate angemessen ausdrücken kann. Da das grammatikalische Geschlecht in der deutschen Sprache nichts mit dem Sexus zu tun hat, sind Ausdrücke wie Zögling und Füdlibürger geschlechtsneutral. Als mal im Kanton Schaffhausen ein Rehabilitationszentrum für Drögeler (braucht keine feminine Form) abgelehnt wurde, titulierte die Schriftstellerin Ruth Blum die Neinstimmer ungeachtet von deren Geschlecht pauschal als «Füdlibürger», nicht etwa «Füdlibürgerinnen und Füdlibürger». Demgegenüber wurde in der St. Galler Fasnacht 2013 aus sprachkorrekten Gründen eine Frau zur «39. FüdlibürgerIn» gewählt. In der Ausdrucksweise wahrhaftig ein Akt des Füdlibürgertums.

Im Rhetorikunterricht klassischer Gymnasien lernte man vor 50 und 100 Jahren, beim Ansprechen der Zuhörerschaft den richtigen «Vokativ» zu wählen, d.h. acht darauf zu geben, ob etwa Frauen im Publikum sitzen. Dass Frauen anders angesprochen werden müssen als Männer, war Barockpredigern längst bekannt. Wenn andererseits im Mittelalter Meister Eckhart Nonnen als «Brüder» ansprach, war dies für die Adressatinnen eine hohe Ehre, nicht etwa eine Herabsetzung ihres Geschlechts. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Lyrikerin und Droste-Preisträgerin Erika Burkart, wohl nicht als einzige in der Geschichte der neueren deutschen Literatur, sich in ihren insgesamt gegen zwei Dutzend Gedichtbänden gelegentlich «er» nannte.

Ein Meister der Rhetorik, ein Titel, der auch Frauen zukommen kann, spricht das Publikum so an, dass die anwesenden «Geschlechter» sich als «Fraue und Manne» begrüsst fühlen. Einem Christoph Blocher oder einem Horst Seehofer käme bei Gebrauch eines gekünstelten Genderdeutsch (auch Merkel bedient sich dessen nicht) eine Menge Wähler beiderlei Geschlechts abhanden.

 

*Die Passage wurde, bei Beibehaltung der Doppelschreibungen, unterdessen leicht vereinfacht.




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